Reisetagebuch Motorradherbst (3): Keyless Go (oder: A Night to Remember)

Reisetagebuch Motorradherbst (3): Keyless Go (oder: A Night to Remember)

Dienstag, 07. Oktober 2025

Die V-Strom saust über die Straßen in den Bergen hinter Bari Sardo, immer bemüht am Hinterreifen von Suses Multistrada zu bleiben. Das gelingt auch einigermaßen, aber nur, weil Suse gerade gnädig ist. Wenn sie wollte, könnte sie mich jederzeit abhängen. Das mag daran liegen, dass die Multistrada V4 einfach mal doppelt so viele Zylinder und PS hat wie meine V-Strom, es KÖNNTE aber auch damit zu tun haben, dass Suse einfach eine sehr viel bessere Fahrerin ist als ich und zudem die Strecke kennt.

Wie auch immer, die rote Ducati und die schwarze Suzuki donnern durch das sardische Hinterland. Hier windet sich die Straße mit ihrem perfekten Asphalt in perfekten Kurven Hänge hinauf, an Bergrücken entlang und wieder hinab in enge Felstäler und dann wieder hinauf in kahle Höhen.

Immer wieder komme ich mir vor, als ob wir durch Canyons im wilden Westen fahren.

An einer unscheinbaren Abfahrt zieht Suse von der Landstraße. Der Weg ist immer noch asphaltiert, liegt allerdings voller Ziegenköttel. Dann sehe ich, wohin sie steuert: auf dem kleinen Berggipfel stehen Antennenanlagen.


Und warum stehen die da, auf dem Monte Codi? Weil man einen fantastischen Ausblick über die Landschaft hat!

Nice! Nach so viel Aussicht haben wir uns einen Caffé im nahegelegenen Dorf verdient. An der Hauptstraße liegt direkt eine Bar und hat Tische unter Bäumen, die Schatten spenden.

Das ist so lange nett und gemütlich, bis eine ganze Horde Motorradfahrerinnen einfällt. Bevor die die einzige Bedienung und die einzige Toilette komplett in Beschlag nehmen, gehe noch mal kurz austreten und bezahlen. Letzteres erweist sich schon als nicht ganz so einfach, weil eine Frau eine Schachtel Zigaretten am Tresen der Bar kaufen möchte, aber sich nicht entscheiden kann welche, und dass dann mit der Bedienung ausdiskutieren muss.

Als sie sich für eine entschieden hat, geht das Elend weiter – jetzt will sie die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Lotterielose wissen, die man dort auch kaufen kann. Ich tappe erst mit dem Fuß, dann hole ich mein Portemonnaie raus und klopfe damit auf den Tresen neben der Diskutiererin. Der Cafémann hat irgendwann ein einsehen und zieht schnell meine Bestellung ab, bevor er in die Untiefen des Gesprächs mit der Entscheidungsschwachen gezogen wird.

Dann geht es weiter. Keine Ahnung wo wir hier sind, ich fahre einfach nur Suse nach und genieße die Fahrt.

Immer weiter und immer länger geht es durch Dörfer und über die Landstraße, bis ich am späten Nachmittag einen Ort wiedererkenne: Wir sind in Seui, rund eineinhalb Stunden von Bari Sardo entfernt. Im “M Café”, einem beliebten Ausflugspunkt für Motorradfahrer, ist nicht viel los, also gönnen wir uns dort noch einen Caffé.

Hinkommen nach Seui war nun einfach, wieder da weg kommen nicht. Noch während wir im Café sitzen, ertönt draußen schleppende Blasmusik, und dann biegt ein Trauerzug mit gemessenen Schritte um die Ecke. Es müssen fast alle Einwohner des Dorfes sein. Viele Menschen tragen rot, und der Sarg ist in eine rote Fahne mit Hammer und Sichel gehüllt. Muss wohl ein Mitglied der kommunistischen Partei gewesen sein.

Die letzte Ehre wird sehr lange erwiesen, als wir aufbrechen, kleben wir nach zwei Kurven direkt schon wieder am Ende des Zugs. WIR wissen was sich gehört, also stellen wir die Motoren ab und warten in einiger Entfernung, bis der Zug der Menschen langsam und Stück für Stück in Richtung des Friedhofs tippelt, ein Stück den Berg hinunter und hinter dem Ortsschild liegt. NICHT wissen was sich gehört tut die Gruppe Moppedfahrer, die sich unbedingt am Trauerzug vorbei und hindurch quetschen müssen. Ich finde das unmöglich.

Die Schatten werden bereits länger, als die Multistrada und die V-Strom die Berge verlassen und zurück nach Bari Sardo steuern.

Als wir gegen 18:30 Uhr, und damit kurz vor Sonnenuntergang, dort ankommen, ist der Plan eigentlich, den Tag in der Bar am Strand ausklingen zu lassen.

Unerwartetes Hindernis bei der Umsetzung dieses guten Plans: Mein Schlüssel ist weg. Der Haustürschlüssel zum Bungalow, den ich normalerweise im Portemonnaie trage, ist verschwunden.

Ich wühle hektisch durch die Hosentasche, in der ich den Geldbeutel normalerweise trage, aber auch die ist leer. Kein Schlüssel!
Naja, nicht so schlimm – vermutlich passiert es ständig, dass jemand den Schlüssel zu seinem Bungalow verliert. Bestimmt hat die Vermietung ein halbes Dutzend Schlüssel in Reserve, für genau solche Fälle, denke ich noch, als ich zur Rezeption der Anlage gehe, die die Häuschen betreut.

An der Reaktion der Rezeptionistin sehe ich, dass das nicht der Fall ist – als ich ihr den Verlust schildere, macht sie erst dicke Backen und muss dann überlegen, was sie jetzt tut. Dann veschwindet Sie im hinteren Teil des Büros, wühlt in einem Schrank herum und kommt nach einiger Zeit mit einer großen Klarsichthülle zurück, in der Dutzende Schlüssel herumscheppern. Nach einigen Minuten des Suchens zieht sie dann einen heraus, der mit der Nummer meines Bungalows beschriftet ist. “Hier, bitte. Aber den brauchen wir wieder!”, sagt sie, als sie ihn mit aushändigt.

Ich bin dankbar – und beschämt. Ich habe NOCH NIE in meinem Leben einen Schlüssel verloren. Noch nie! Okay, einmal war ein Haustürschlüssel auf unerklärliche Weise verschwunden. Stellte sich raus: Der war beim Aussteigen aus dem Auto aus einer Tasche und in einen Gulli vor dem Haus von fremden Leuten gefallen. Aber nach einem Jahr des Rätselns tauchte der wieder auf, also die Leute ihren Gulli reinigten.

Mit dem Ersatzschlüssel betrete ich den Bungalow und überlege. Ich bin mir GANZ sicher, dass ich den Schlüssel im Portemonnaie hatte. In Seui hat mich Suse zum Caffé eingeladen. Der einzige Ort auf der ganzen Fahrt, wo ich das Portemonnaie in der Hand hatte, war in dieser ersten Bar. Dort, wo die Frau so viel rumdiskutiert hat. Aber wo was das?

Ich stecke den kleinen TripRecorder der Morrigan an das Asus-Notebook, und kann wenige Augenblicke später die ganze Fahrt sehen, die wir heute gemacht haben. 238 Kilometer, immerhin:

Ich folge der Route mit dem Finger. Da ist der Monte Codi…

…und das nächste Dorf ist… Perdasdefogi. Alter, diese Namen auf Sardinien.
Ah, da ist das Café, in dem wir waren, die Bar “L´Oasi”.

Streetview bestätigt das. Ja, das ist das Café. Links das Gebäude, und rechts, das sind die Stühle, auf denen wir gesessen haben.

Ich suche die Nummer des Cafés raus und rufe dort an, aber es ist besetzt. Nunja. Dann muss ich da im Extremfall morgen vorbeifahren, denke ich und spüre in dem Moment schon, dass ich so lange nicht werde warten wollen.

Mal sehen, Perdasdefogi ist 45 Minuten entfernt, hin- und zurück also eineinhalb Stunden. Wann ist Sonnenuntergang? Ach Mist. Der ist genau jetzt!

Nach zwei weiteren, erfolglosen Anrufversuchen schreibe ich Suse, dass ich erst einmal nicht zur Strandbar komme und mich noch einmal auf den Weg mache. Kurze Zeit später braust die V-Strom wieder hinauf in die Berge. Dieses Mal ohne Begleitung, aber noch schneller als zuvor. Wenn ich schnell fahren MUSS, dann kann ich das auch. Dooferweise schleichen ausgerechnet jetzt jede Menge Traktoren, altersschwache Lastwagen und Oppas-mit-Hut in Fiat Pandas über die Bergstraßen. MAN! Haben die sich alle gegen mich verschworen oder was?

Während das Motorrad über die Straße fliegt, geht hinter den Bergen die Sonne unter und taucht eine Wolkenfahne über dem Monte Codi in blutrotes Licht.

Für die Schönheit habe ich keinen Blick gerade. Ich überlege die ganze Zeit. Was mache ich, wenn ich da bin? Suche ich zuerst die Terrasse der Bar ab? Frage ich das Personal? Ob der Schlüssel wohl wirklich dort ist? Aber wo soll er sonst sein? Es wird kalt. Die Berge hier sind zwar nur 800 Meter hoch, aber hier merkt man, dass Oktober ist.

Mit jedem Kilometer wächst meine Überzeugung, dass der Schlüssel in der Bar sein muss, und als ich nach 40 Minuten in Perdasdefogi ankomme ist es dunkel, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, gleich meinen Schlüssel in der Hand zu halten.

Ich ziehe die starke Taschenlampe aus dem Topcase, aber bevor ich anfange alles abzusuchen, betrete ich die Bar, deren Gastraum jetzt gut gefüllt ist. Die Tische sind alle besetzt, die Leute sitzen beim Feierabendbier.

Ich steuere direkt zum Tresen und spreche die junge Frau an, die dort jetzt an der Kasse steht. Den Mann von heute Nachmittag sehe ich nicht mehr.

“Haben sie einen Schlüssel gefunden?”, rufe ich über die Geräuschkulisse. “Schlüssel? Weiß ich nichts von”, sagt die Frau, dreht sich um und geht weg. Hä? Was soll das denn jetzt? Der Schlüssel MUSS doch hier sein!

Ich blicke auf den Boden vor dem Tresen, aber dort liegt nichts außer einem Ziegenköttel.

Die Frau bringt eine Bestellung weg, dann spricht sie einen älteren Herrn mit Glatze an, der die Aura des Chefs versprüht. Er folgt ihr zurück an den Tresen und guckt mich an.

“Haben Sie…”, setze ich an und er grinst und sagt “Schlüssel? Der hier?” und greift neben die Kasse und hält… meinen Bungalowschlüssel in der Hand!

“DANKE!!” , rufe ich und nehme das ausflugslustige Schließeisen entgegen.
“Haben wir vor dem Tresen auf dem Boden gefunden”, sagt der Mann und lacht. Woah, bin ich erleichtert. Aber der konnte ja auch nur hier sein.

Ich stecke 5 Euro in die Kaffeekasse, dann verlasse ich die Bar und schwinge mich wieder in den Sattel.
Jetzt muss ich nur noch zurück, 50 Kilometer durch die Berge, und das in mittlerweile absoluter Dunkelheit.

Ich bin nur froh, dass die V-Strom seit vergangenem Herbst Zusatzscheinwerfer trägt. Der Kegel der LED-Leuchte ist nämlich viel zu klein und viel zu scharf begrenzt…

…aber mit den beiden Zusatzscheinwerfernd ist gleich alles viel erleuchteter.

Im Dunkel sehe ich die Positionslichter der Windräder auf den Bergen blinken, und ein voller Mond steht über dem Meer und spiegelt sich darin. “A night to remember” denke ich und prompt spielt der DJ in meinem Kopf “An night like this” von Caro Emerald ab.

Die Dunkelheit ist offenbar auch die Zeit, in der die einheimischen Jugendlichen wie die Bekloppten die Berge hoch und runter rasen und gerne Motorräder in der Finsternis zum Rennen herausfordern. Ich lasse mich auf nichts ein und die Möchtegern-Rennfahrer einfach vorbei, und so komme ich eine Stunde später wieder wohlbehalten an der Bungalowanlage an.

Mein erster Weg führt zur Rezeption. Triumphierend halte ich den Schlüssel in die Luft und grinse, was die Rezeptionistin allerdings verkehrt interpretiert. “Sie haben ihn nicht gefunden?”, fragt sie.

“Doch”, sage ich, zaubere den Reserveschlüssel hervor, gebe ihn zurück und sage selbstbewusst “Ich habe noch nie einen Schlüssel verloren, und hatte nicht vor, jetzt damit anzufangen”.

Tour des Tages: 238 km Vergnügungsfahrt plus 90 Kilometer Schlüsselholen.

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Nächste Woche: Who can say where the road goes?

4 Kommentare zu „Reisetagebuch Motorradherbst (3): Keyless Go (oder: A Night to Remember)

  1. Ich auch noch nie (nen einzelnen Schlüssel). Wenn, das ist das nen Bündel gewesen für Möpp und die Hausschlüssel.
    Bin unterwegs Schlüsselkind und trage die am Halsband. Blöd nur, wenn die vom Trageband entkoppelt sind, sperre das TC auf und fahre dann so los mit dem Schwätzchen aus Nylon.
    Dann hat(te)das TC-Schloss den Ballast ins Nirwana abgeworfen und mir zur Korrektur eine saftige Summe beschert.

  2. Ach was für eine schöne Erinnerung! Außer das mit dem Schlüssel natürlich… Aber tröste dich: ich habe in einer der kleinen Bars mal meinen Geldbeutel liegen gelassen und fast drei Stunden später dann wieder bekommen, weil die nette Bedienung ihn in Sicherheit gebracht hatte, allerdings musste ich erst einen eifrigen und seeehr gewissenhaften Carabinieri davon überzeugen, dass es tatsächlich mein Portemonnaie ist, mit meinen Ausweisen mit Fotos die mir tatsächlich ähnlich sehen, Karten etc…
    Ich bin aber garkein Überflieger und auch nicht gnädig, ich bin einfach gerne mit dir unterwegs! 😅

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