Reisetagebuch Motorradherbst (5): Es wird Herbst

Reisetagebuch Motorradherbst (5): Es wird Herbst

12. Oktober 2025
Wieder einmal biegen sich sich die Tische unter der Last von Annamarias Backkünsten.
Topfkuchen.
Orange-Marzipan-Kuchen.
Heidelbeerkuchen.
Kirschkuchen.
Nußtorte.
Erdbeerkuchen.
Nougatplätzchen.
Selbstgemachte Croissants.
Streuselkuchen.

Und, extra für mich: Apfelkuchen mit Nüssen drin. Hmmmm, Apfelkuchen!

Während ich noch diesen Wahnsinn bewundere, wabern vor dem Fenster Nebelfetzen durch die Wälder.

Wenig später taucht die V-Strom durch genau diesen Nebel. Der stellt sich als sehr gehaltvoll heraus. Es dauert keine Minute, und ich bin klatschnass. Aus dem Nebel tauchen unvermittelt Geisterbüsche und Geisterkühe links und rechts der kleinen Straße in den Bergen hinter der Fischfarm auf und sind ebenso schnell wieder verschwunden.

Es lässt sich nicht mehr leugnen – es wird Herbst, und hier in den Bergen ist der schon viel weiter als auf Sardinien. Ich habe in den letzten 10 Tagen den Sommer verlängert und den Herbst aufgeschoben, aber nun holt er mich wieder ein.

Zwei Berge weiter hat sich die Nebelsuppe – oder waren es Wolken? – aufgelöst. Lediglich noch ein paar Nebelschwaden treiben durch´s Morgenlicht, das in dicken Lichtbalken durch die herbstlichen Bäume filtert.

Noch einen Berg weiter hat sich auch der Morgennebel aufgelöst. Ach, ist die Region toll hier.

Auf einem Parkplatz lasse ich die V-Strom stehen und laufe den Berg hinauf.

Der hat nach zwanzig Minuten einen Absatz, und auf der kleinen Eben liegt der Lago Calamone in der Morgensonne.

Viel weiter komme ich auch nicht. Gerne würde ich mal auf den Gipfel des Monte Ventasso wandern, aber der Weg dort hinauf ist heute völlig verschlammt. Wenn ich da hochlaufe, sehe ich hinterher aus wie ein Schweiniggl.

So wandere ich lieber um den See herum, vorbei am qualmenden Refugio. In der Hütte haben Leute übernachtet und jetzt heizen sie gerade den Ofen an und holen Quellwasser aus dem nahegelegenen Brunnen.

Der See ist nicht besonders groß, und darum herumzulaufen keine tagesfüllende Unterhaltung, also laufe ich zurück zum Motorrad.

Bis eben war ich hier noch allein, aber nun kommen mir Ströme von Fußgängern entgegen. Klar, es ist Sonntag, es ist kur nach zehn und der Lago Calamone ist DAS Naherholungsgebiet der Region – logisch, das nun viel los ist.

Der Nebel ist verschwunden, nur an manchen Stellen dampft nun die nasse Straße im warmen Sonnenlicht. Die Bäume sind gelb-rot und bilden einen tollen Kontrast zum blauen Himmel.

Diese Landschaft möchte ich mir von oben anschauen, und einmal mehr führt mich der Weg zum Pietra di Bismantova, dem großen Tafelfelsen hinter Castel ne´ Monti.

Die V-Strom bleibt auf dem Parkplatz am Fuß des Berges, und ich klettere den steilen Aufstieg und schaue 20 Minuten später vom Berg hinab in die Ebenen. Leider ist noch nicht überall aufgeklart, die Landschaft hängt noch voller Nebel- und Wolkenschleier.

Zufrieden mit mir und der Welt wandere ich noch ein wenig in der Gegend rum, bis ich zurück zur Farm fahre und mit Giulietta, Teresa und Editha den Nachmittag verbringe.

Teresa und Editha sind schon beim Feierabendbier, während Giulie schlechte Laune schiebt, wütend auf die Berge starrt und sich immer wieder aus dem Mundwinkel über irgend jemanden aufregt.

Ich bastele was am Handy und zeige es ihr.

“Der ideale Abstand zwischen dem Büromonitor und meinen Augen beträgt 1.053 Kilometer”.
Jetzt muss sie zumindest schmunzeln.

Am Abend wandere ich wieder ins Dorf.

Heute gibt es nur gesunde Rohkost.

Nein, Spaß, natürlich nicht. Das hier ist ungelogen eine der simpelsten und besten Pizzen die ich je gegessen habe. Die Qualität von Schinken und Parmigiano ist außergewöhnlich und bei jedem Bissen zu schmecken.

“Uuuuund einen Limoncello für Dich”, sagt Barbu und stellt mir schon wieder so ein Riesenglas hin. “Aber nur einen!”, sage ich und Barbu grinst.

Als ich bezahlen will, grinst er immer noch. Dieses Mal zereisst er die Rechnung nicht theatralisch über dem Kopf, aber nach dem ich bezahlt habe, greift er unter die Theke und zieht ein Päckchen hervor.

“Hier, für Dich”, sagt er und schiebt es über den Tresen. Ich öffne es neugierig und zum Vorschein kommt… Ein T-Shirt mit dem Logo, dass Barbu selbst designed hat. Darunter steht groß

“Tutti in Borgo, 44.35758397404478, 10.433850269378196”

Quasi das inoffizielle Logo des Dorfes, drei Viertelbögen, die Schrift “Wir alle in Borgo”, dann die Koordinaten.
“Musst Du aber auch tragen und ordentlich auf Insta posten, Du bist ja unser Markenbotschafter”, sagt er und ich nicke gerührt und verspreche, das zu tun.

Der Rückweg ist richtig kalt, aber glücklicherweise läuft schon die Heizung, und mein Zimmer ist muckelig warm.

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6 Kommentare zu „Reisetagebuch Motorradherbst (5): Es wird Herbst

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