Reisetagebuch Motorradherbst (6): Zum Träumen

Reisetagebuch Motorradherbst (6): Zum Träumen

13. Oktober 2025
“Ancora un Caffè?”, fragt Annamaria. “Certo”, sage ich und gucke wieder aus dem Fenster und auf das Bergpanorama. Sie schwankt mit ihrer kaputten Hüfte zu der hausgroßen Kaffeemaschine und schraubt mit routinierten Handgriffen einen doppelten Espresso daraus hervor, dann setzt sie sich zu mir an den Tisch in der kleinen Bar.

“Keine Ahnung was sie aufhält, sie wollte schon vor einer Stunde wieder da sein”, sagt Annamaria und meint damit Giulietta, die heute morgen aufgebrochen ist, um jemanden aus dem Dorf zum Bahnhof in der Stadt vor den Bergen zu bringen.

Ich muss heute schon wieder los und sitze abreisebereit in kompletten Motorradklamotten am Tisch.

“Sie arbeitet viel zu viel. Jetzt geht´s so langsam wieder, aber im Sommer? Von fünf Uhr am Morgen bis Mitternacht, manchmal länger. Über Wochen. Das geht doch nicht! Wo bleibt da das Leben!”

Ich nicke wieder. Da hat sie recht, die Mamma Annamaria. Giulie ist halt extrem pflichtbewusst.
Kommt mir bekannt vor. Wir sind ja gleich alt, in meiner Generation ist das halt so. Erst die Pflicht, dann das Vergnügen. Im Gegensatz zu mir macht Giulietta aber nie Urlaub, zumindest nicht länger als einen oder zwei Tage, weshalb sie auch nicht mit nach Sardinien wollte.

Wir plaudern noch ein wenig, dann verabschieden wir uns. Ich kann nicht länger warten, ich habe heute noch einiges an Strecke vor mir.
Kurz darauf pöttert die V-Strom aus der Einfahrt der Farm und folgt der Landstraße in die Berge des Apennin.

Die Gegend ist perfekt zum Motorradfahren. Noch bevor der Motor richtig warm ist, geht es direkt eine Passstraße hinauf. Es ist kühl, und das Herbstlaub leuchtet orange-rot im Licht der Morgensonne, die sich gerade erst langsam über die Berge schiebt.

Ich bin nahezu allein auf der Straße unterwegs. Langsam und in Gedanken versunken steuere ich die Morrigan durch die Kurven, dabei lasse ich immer wieder das Gespräch mit Annamaria Revue passieren.

Fast ohne es zu merken biege ich dann auf eine kleine Dorfstraße ab, die definitiv der langsamste Weg durch die Berge sein wird, aber einer, den ich noch nicht kenne.

Belohnt wird dieses Wagnis mit großartigen Ausblicken auf die Berge und kleinen Einblicken in putzige und wirklich schöne Dörfchen, in denen ob ihrer Abgelegenheit aber jedes zweite Haus ein verwittertes “Vendesi” – zu verkaufen – Schild trägt.

Hier zu leben, ohne Supermarkt in einer Stunde Umkreis, das ist nicht ohne. Aber dafür wird man mit solcher Landschaft belohnt.

Es gibt sogar ein Oktoberfest, wenn auch mit Schlagseite!

Nach etwas abenteuerlichem Rumgekurve in Bagni di Lucca, wo ich die Augen nach dem Auto eines Mitarbeiters offen halte, der gerade hier urlaubt…

…komme ich durch Borgo a Mozzano. Kein Zweifel, das dort ist die legendäre Teufelsbrücke.

Ich zwinge Anna dazu, nicht den schnellsten Weg zu nehmen – der würde durch das Verkehrschaos von Lucca und dann über die Autobahn von Florenz führen. Stattdessen geht es durch Gewerbegebiete, dann Felder und kleine Bergketten nach Volterra. Einfach, weil die Strecke schön ist und fantastische Ausblicke über die Toskana ermöglicht.

Diese traumhaften Sehnsuchtsansichten der Toskana, die bilden meist zwei Orte ab: Diese Region hier um Volterra, und das Val d´Orcia – und genau dahin fahre ich jetzt. Über Siena und Buonconvento führt der Weg genau dorthin, wo Fotografen Kalenderansichten aufnehmen, Maler von Kitschgemälden Inspiration von endlosen Sonnenblumenfeldern schöpfen und Ridley Scott den Gang des Gladiators durchs Kornfeld gefilmt hat.

Der Weg zieht sich durch Pienza.

Später als geplant komme ich an einem Hügel mitten im Val d´Orcia an. Eine Schotterstraße zieht sich um den Hügel. Die ist nicht ganz einfach zu fahren, die Kurven sind eng, sie kippt zu einer Seite ab und tiefe Rinnen und Auswaschungen ziehen sich längs des Weges.

Am Ende des Wegs und damit auf der Kuppe des Hügels liegt ein großes, altes, toskanisches Bauernhaus.

Ich stelle die V-Strom davor ab, dann schaue ich um das Haus herum und finde tatsächlich eine ältere Dame. Die ist nicht besonder gesprächig, drückt mir aber einen Schlüssel in die Hand und bedeutet mir zu folgen.

Was dann kommt, beeindruckt mich amtlich. Ich habe eine ganze Wohnung im Erdgeschoss und Keller des Hauses, mit eigener Terasse, Küchenzeile und Wohnzimmer!

Cool! Verpflegung gibt´s hier nicht, weshalb ich noch einmal aufbrechen muss. Den Berg hinab ist wieder eine ganz schönes Gewürge, weil ich vorsichtig fahren und gucken muss, dass das ABS auf dem Schotter keinen Unfug macht.

Der nächste Supermarkt ist allen Ernstes 30 Kilometer entfernt, in Montepulciano. Als ich mit dem Einkauf zurückkomme, sterbe ich fast vor Hunger und freue mich darauf, mir ein paar Nudel zu kochen. Aber vorher muss ich noch die Umgebung erkunden. Und die ist… traumhaft.

Die Sonne geht schon langsam hinter dem Monte Amiata unter, dem höchsten Berg in der Südtoskana. Das Abendlicht filtert schwer und orange durch die Olivenbäume und taucht die Landschaft in einen überirdischen, goldenen Schimmer.

Oh was ist das denn? Ein trutziger Turm steht einen Hügel weiter.

Den muss ich mir morgen genauer ansehen. Aber für heute versinkt die Sonne hinter dem Berg, und die Sterne gehen auf.

Hier gibt es keine größeren Siedlungen mit unmittelbarer Lichtverschmutzung, und so ist der Sternenhimmel gut zu sehen.

Völlig begeistert von der Aussicht und der Ruhe hier kehre ich erst in die Wohnung zurück, als mir die Füße abfrieren.

Als die Pasta gerade fertig ist und der Sugho im anderen Topf anfängt zu blubbern, geht das Handy.

“Scusa Scusa SCUSAMI!!! Non ho avuto modo di salutarti! Il traffico era un inferno!”, schallt es im Schnellfeueritalienisch aus dem Hörer. Ich grinse, lege den Kochlöffel beiseite und sage “Hey Giulie”.

Tour des Tages: 388 traumhafte Herbstkilometer.

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