Reisetagebuch Motorradherbst (7): Goldenes Inferno
Motorradherbst mit der Morrigan.
Dienstag, 14. Oktober 2025
So sehr ich AirBNB verachte, so sehr mag ich es, eine ganze Wohnung zur Verfügung zu haben. Für ein paar Tage genieße ich das Gefühl, in einem anderen Land zu leben.
Heute morgen mache ich mir in “meiner” Küche nur einen Kaffee und ein Stück Baguette mit frischer Mortadella, dann setze ich mich an den Tisch vor der Tür und frühstücke, während ich über die Landschaft des Val d´Orcia schaue.
Kurze Zeit später frickele ich mich über die verdrehte und kaputte Schotterstraße von dem Hügel runter, auf dem das Landhaus liegt. Der Weg ist echt nicht ohne, mit den tiefen Rillen. Anhalten möchte ich hier nicht, wenn ich das Bein auf den Boden stelle und dabei so eine Rille oder ein Schlagloch erwische, liegen wir auf der Seite.
Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als von Vorne ein Auto kommt. Ja, war ja klar!
Die Morrigan rauscht über die Landstraßen der Toskana. Der Weg führt nach Siena, wo in der Via dei Mille schon das bunte Herbstlaub auf den Motorradparkplätzen liegt.
Auf dem Campo muss ich erstmal ein Mobbedzwerch-Gedächtniseis genießen. Das gehört dazu.
Dann wandere ich ein wenig in der Stadt umher. Oh, Engel & Völkers hat Immobilienpreise aushängen. Die gehen für ein altes Bauernhaus bei 980.000 Euro los und dann hoch auf Millionenbeträge.
Wundert mich nicht. Die Zeiten, in denen Privatmenschen ein altes Haus in der Toskana kaufen konnten um wirklich darin zu wohnen, sind lange vorbei. Genau wie in Schottland und vermutlich vielen anderen Regionen Europas kaufen Konzerne solche Objekte, um sie dann einer Luxussanierung zu unterziehen und entweder selbst zu vermieten oder teuer wieder zu verkaufen – meist an Superreiche oder an andere Unternehmen, die dann Vermietung damit machen.
Das ist auch der Grund, warum in der Hauptsaison eine Übernachtung in einem Bauernhaus teils vierstellig kostet – und weshalb ich so dankbar bin, mit der knurrigen alten Dame noch eine Privatvermieterin gefunden zu haben, die mir die Wohnung für weniger als einen Fuffi pro Nacht lässt.
Ach, das kleine aber feine Haushaltswarengeschäft “Casale di Christina” gibt es noch, es hat nur keinen Namen mehr und gehört zum Nachbarladen “I Colonini”, der hauptsächlich durch das Verhökern von Andenken und Kalendern auffällt. Dann nehme ich lieber noch schnell einen handgemachten Feinschäler mit.
Mit dem Motorrad geht es zurück nach Hause, und wieder kann ich mich an der Landschaft kaum satt sehen. Das geht allerdings auch den chinesischen Touristen so, die mit großen Luxusautos an den beliebtesten Aussichtspunkten stehen, und mit wallenden Kleidern, dicken Sonnenbrillen und riesigen Hüten vor der Landschaft posieren und zwischen einzelnen Aufnahmen sich gegenseitig oder andere Besucher anschreien.
Mit jedem Mal fällt es mich leichter, den verkorksten Weg den Hügel hoch zu fahren. “Und wenigstens regnet es nicht”, denke ich noch. Wenn das hier Schlamm wäre, dann wäre das nochmal eine andere Nummer.
Kaum bin ich im Haus, beginnt es zu schütten.
Es regnet und stürmt in solchen Mengen und mit solcher Wucht, dass der Regen unter der Haustür durchschlägt und die Küche unter Wasser setzt. Und auch die Morrigan beklagt sich.

Kurz nach Sonnenuntergang hört es auf zu regnen. Still liegt das Haus auf dem Hügel.
Tour des Tages: 145 km.
Mittwoch, 15. Oktober 2025
Hartes Morgenlicht fällt auf die Hügellandschaft des Val d´Orcia. Nach dem Regen in der vergangenen Nacht ist es nun deutlich kühler, ab wenigstens hat sich nicht alles um das Haus herum in Schlamm verwandelt.
Ich schwinge mich in den Sattel und scheuche die V-Strom über die Straßen der Toskana. Zum Beispiel die Kurvenstrecke bei Monticchiello. Die ist berühmt, weil sie so absurd fotogen ist.

Herrlich ist das.
Die Straße führt nach Castiglione al Lagho, dem kleinen Festungsort auf einer Landzunge am trasimenischen See. Hier ist Markttag, die Moppedparkplätze sind vollgeparkt und auch sonst ist nichts frei. Ich quetsche die V-Strom neben ein Absperrschild.
Die Gassen des kleinen Orts sind mäßig belebt. Ich mache einen Schaufensterbummel und begutachte die Auslagen.
Dann bummele ich zurück zum Mopped und dödele weiter durch die Weltgeschichte.
Die Straßen rund um den Monte Amiata sind nicht gänzlich leer, aber doch so wenig befahren, dass es richtig Spaß macht, mit dem Motorrad darüber zu rauschen und die Ausblicke aufzusaugen.
Ob das Haus hier was für mich wäre?
Nein, eher nicht. Ab kommenden Jahr gelten auch in Italien europäische Regelungen zum Energieausweis, zur Heizung und zur Wärmedämmung.
Ein letztes Mal geht es den verkorksten Weg zum Haus hinauf. Dort lasse ich das Motorrad stehen und wandere ein wenig durch die Feldmark dahinter.
Der Turm war ein Wehrturm der Familie Tarugi, der das Land hier gehörte. Das Haus, in dem ich wohne, gehörte Pächtern, die das Land bewirtschafteten. Daher heißt das auch “Casella Tarugi”.
“Show me”, sage ich, mehr zu mir selbst als zur Picca, der schwarz-weißen Mavic Air, als sie in den Himmel surrt. Kurz darauf zeigt sie mir die Landschaft aus der Perspektive eines Vogels.
Schauen Sie nur, wie wundervoll das hier ist:
Wenig später geht die Sonne noch einmal in einem orange-goldenen Lichtinferno unter…
…und die Sterne kommen raus.
Tour des Tages: Rumgedödel, rund 153 km.
Nächste Woche: Memento Mori










































































4 Kommentare zu „Reisetagebuch Motorradherbst (7): Goldenes Inferno“
😊❤️
Witzig, ich schaue auch ganz oft in fremden Orten in die Fenster von Immobilien-Maklern… Häuser-Gaffen für normal-sterbliche
Eis gönne ich mir auf den längeren Tagestouren auch gerne.
Von knapp 3 Euro in Straßburg bis “humanen” 1,80 € in Koblenz ist alles dabei und beeinflußt bei mir die Mengenaufnahme.
Sehr schön – und beeindruckend, was diese Hobby-Drohnen heutzutage an Ein- und Ausblicken ermöglichen.