Reisetagebuch Motorradherbst (8): Memento Mori

Reisetagebuch Motorradherbst (8): Memento Mori

Motorradherbst mit der Morrigan. Heute geht es nach Hause, aber vorher wird es traurig.

Donnerstag, 16. Oktober 2025
Ein letztes Mal steuere ich die V-Strom den verkorksten Weg hinab.
Das war es dann, mit den Ferien in der Toskana.
So schön es hier war, und so sehr sich langsam auch Routine eingestellt hat: Diesen Weg werde ich nicht vermissen.

Folgerichtig habe ich mich von der netten Wohnung in dem alten Bauernhaus auch mit den Worten “Tschüss, machs´ gut, wir werden uns nie wiedersehen” verabschiedet, und nun geht es schon hinaus auf die Landstraße und ab gen Norden.

Kurz vor Arezzo biege ich nach Osten ab und steuere die V-Strom in den Apennin. Es ist bewölkt und sehr herbstlich, und ein Gefühl von Traurigkeit macht sich in meiner Brust breit. Ein diffuses Gefühl von Verlust. Das Ende des Sommers lässt sich nun endgültig nicht mehr leugnen. Mit ihm geht auch diese Tour zu Ende, und ich werde mich wieder dem Alltag stellen, in dem nichts Erfreuliches wartet, sondern nur mehr Verlust, mehr Traurigkeit, mehr Anspannung. Ich trauere ein wenig um die vergangenen Wochen.

Von den ersten Ausläufern der Berge aus kann ich auf den Lago Montedoglio hinabblicken. Wie ein totes Ampelmännchen liegt der künstliche See in der Landschaft.


Die Appenninstraße ist sehr kurvig und verwinkelt. Mit der ZZR bin ich die vor Jahren mal gefahren und fand sie großartig.
Heute nicht.

Die V-Strom liegt viel, viel besser in Kurven als das alte Eisenschwein von Kawasaki, aber irgendwie fahre ich heute wie eine Karre Mist. Zumindest fühlt es sich so an, denn selbst wenn ich an mein Limit gehe und die Maschine so schnell es irgend geht durch die Kurven treibe: An meinem Heck klebt ein älterer Herr auf einem dicken Roller und hält völlig locker mit. Das macht mich nervös, und dadurch fahre ich unrund.

Der Rollerfahrer scheint auch nirgendwo hin zu müssen. Roller nimmt man ja normalerweise für kurze Fahrten, aber der bleibt einfach über 80 Kilometer, vom Aussichtspunkt auf den Lago Montedolglio bis weit hinter Novafeltria an meinen Hinterreifen, bis ich genug habe, rechts ranfahre und diesen unheimlichen Geisterschatten vorbeilasse.

Ohne einen Verfolger geht es entspannter weiter. Der Himmel ist mit bleigrauen Wolken bedeckt, und zwischen denen und der Straße zeigt sich ein schmales Band aus blau.

Dann geht es aus den Bergen heraus und auf meine Lieblings-, hust, Straße, die E55.

Zu meinem Erstaunen ist die ziemlich leer. So habe ich diese Straße, die zu einer der meistbefahrensten Europas gehört, noch nie gesehen. Normalerweise ist hier der Verkehr endlos und dicht, aber heute macht das Fahren regelrecht Spaß. Habe ich was nicht mitbekommen?

Nach einigen Pause komme ich am späten Nachmittag bei einer gewissen Offiziersvilla in der Nähe von Treviso an.

Mit einem Gefühl von Nachhausekommen lasse ich mich erst in die Arme von Sara fallen, dann unter die Dusche und schließlich passiert Abendessen.

“Hai bisgno di un Cucchaio?”, fragt Sara auf ihre ruhige und ernste Art, aber ich weiß genau, dass sie mich damit ärgern will – sie kann sich noch an meine Empörung erinnern, als sie mir das erste Mal einen Löffel zu den Spaghetti angeboten hat.

Und sie weiß auch, dass ich die Rinderfiletstreifen mit schwarzem Salz liebe.

Im Überraschungsnachtisch versteckt sich dieses Mal Erdbeerkuchen.

Satt und zufrieden genieße ich die letzte Nacht in Italien.

Tour des Tages: Von der Toskana in das Veneto, 436 Kilometer.

Freitag 17. Oktober 2025
Die Sonne geht über dem Veneto auf, und hinter den Feldern leuchten die Alpen in der Morgensonne. Das habe ich bislang selten gesehen, häufig ist es hier nebelig wie in einer dicken Suppe.

Kurzes Frühstück, dann rauf auf die Autobahn. Hinter Udine ist die praktisch leer, entspannt steuere ich auf die Alpen zu, die immer größer werden.

Kalt ist es in den Tälern, die Temperatur sinkt schnell auf fünf Grad. In der letzten Raststätte vor der Österreichischen Grenze hole ich mir eine Mautvignette, dann geht es weiter und nach Österreich hinein.

Die Landschaft rund um die Tauernautobahn gibt sich auch schon herbstlich.

Die Deutschen führen ja immer noch das rechtswidrige Schmierentheater mit den Grenzkontrollen auf. Um das zu umgehen, fahre ich kurz vor Salzburg ab. Der Plan: Noch ein wenig auf Landstraßen durch die schöne Herbstlandschaft fahren, um dann bei Bad Füssing die Grenze zu queren. An einem kleinen Grenzübergang, an dem bestimmt nicht kontrolliert wird.

Dem ist auch tatsächlich so: Einfach über die Brücke von Obernberg, zack, bin ich drin. Ohne Kontrolle, ohne Warterei, ohne Stau. Ich komme mir sehr schlau vor.

Wie nahezu jedes Mal, wenn ich mir schlau vorkomme, falle ich sofort auf die Nase. Denn nun wird auch auf der A3 wird kontrolliert, und an deren Auffahrt stehe ich jetzt im Alexander-Dobrindt-Gedenkstau.

Leicht geladen komme ich am späten Nachmittag in einem kleinen Gasthof bei Passau an. Hier findet die V-Strom ein Plätzchen, und ich habe hier ein kleines Zimmer.

Der Gasthof ist klasse, aber das Haus ist im Inneren mit jeder Menge Sinnsprüche geradezu tapeziert. Zum Kotzen.

Dieses Motiv hing in den 70ern in JEDEM Haus in Westdeutschland:

Auch im Bad ist unverkennbar, dass das hier Niederbayern ist.

Meine Laune hebt sich bedeutend, als ich gegen Abend von einem Freund abgeholt werde. Gemeinsam sammeln wir noch den Haushund ein, dann gibt es einen schönen Spaziergang an der Donau und schließlich endet der Abend in einem zünftigen Wirtshaus. So muss das!

Zum Ausgleich muss ich mich ein wenig bewegen und laufe die fünf Kilometer bis zu meiner Unterbringung zu Fuß zurück. An der schmalen Landstraße ohne Fußweg und zudem zwischen den Dörfern ohne Beleuchtung ist das schon ein klein Bißchen abenteuerlich.

Samstag, 18. Oktober 2025
Dichter Nebel wallt durch das Donautal, und die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als ich mich schon wieder auf den Weg mache.

Ich habe heute noch einen sehr unschönen Besuch zu tätigen. Vor zwei Tagen kam eine Mail mit der Bitte um ein Treffen, und das werde ich heute haben. Aber erst einmal tue ich etwas, auf das ich mich schon lange freue: Ich werde meinen Dealer kennenlernen!

Meinen Spiele-Dealer, um genau zu sein. Seit vielen Jahre versorgt mich das kleine, feine Computerspielgeschäft Gudsoft (Name geändert) mit Games.
Auf Disc.

Weil ich die besitzen möchte. Wenn sie bei mir im Regal stehen, kann kein Publisher es aus meiner Bibliothek entfernen oder Musik rauspatchen weil Lizenzen abgelaufen sind oder sowas.

Das es überhaupt noch Händler von physischen Spielen gibt, ist heute schon eher selten. Aber Gudsoft gibt es nicht nur noch, die sind auch stets günstiger als Amazon & Co. Und heute will ich den Mann hinter dem Unternehmen kennenlernen, den ich seit Jahren nur aus Mailkorrespondenz kenne. Das wird bestimmt ein interessantes Gespräch! Und nebenbei werde ich noch ein neues Game abholen, auf das ich mich schon freue.

Die Fahrt nach Oberviechtach (hihi), in dem Gudsoft sein Ladengeschäft hat, dauert rund eineinhalb Stunden und führt über leere Landstraßen und durch herbstlich-bunte Wälder.

Leider klappt es dann aber doch nicht mit dem Kennenlernen. Der Laden, in dem das Unternehmen sitzt, ist zweigeteilt. Links eine Postfiliale, rechts Gudsoft. Aber rechts ist niemand. In der Post steht eine ältere Dame und guckt mich aufmerksam an, bis sie fragt “Sind sie der Herr Silencer?” Ich nicke.

“Er is´heut nicht da”, sagt sie, “Aber er hat mir gesagt ich soll ihnen das hier geben”. Mit diesen Worten überreicht sie mir eine Version von “Ghost of Yotei” für die PS5. Ich bedanke mich und ziehe von dannen – schade, aber vielleicht werde ich meine Fragen ein andernmal los.
Hoffe ich zumindest.
Wie lange wird es das noch geben, Games auf Datenträgern? Vermutlich wird das mit der nächsten Konsolengeneration vorbei sein, und damit werden die letzten Computerspieleläden sterben.

Nach Oberviechtach (hihi) geht es stramm gen Norden. Die A93 ist wenig befahren und führt durch den Bayerischen Wald und damit durch die Berge. Das sind nur so 500, höchstens 650 Meter, aber das macht sich bemerkbar. Es ist, als ob ich in eine eiskalte Wolke hineinfahre. Das Thermometer am Motorrad fällt auf schlotterige drei Grad.

Trotz der Griffheizung kühlen meine Hände aus. Erst fröstelt es in den Fingern, dann werden sie kalt und beginnen zu schmerzen, dann werden sie taub.

An dem Punkt fahre ich rechts raus. Auf einem Parkplatz schüttele ich erst wieder Leben in die Pfoten, dann hole ich Nitrilhandschuhe aus dem Erste-Hilfe-Pack und ziehe die unter die dicken Handschuhe. Diese hautenge Zusatzschicht funktioniert, zumindest bleiben die Finger beweglich und schmerzen nicht.

Zur Mittagszeit erreiche ich Weimar. Die V-Strom rollt durch kopfsteingepflasterte Gassen. Eng und zugeparkt sind die, und es dauert einen Moment, bis ich einen Parkplatz für die Morrigan gefunden habe. Ich steige gerade aus dem Sattel, als ich meinen Namen höre.

Außer meiner Mutter und meiner Schwester habe ich noch eine Verwandte, eine Cousine. Zehn Jahre älter als ich, und wir haben uns seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Sie ist mit 20 von zu Hause weggezogen, da war ich gerade 10 Jahre alt. Jetzt steht sie vor mir, und ich hätte sie noch wiedererkannt. Trotz der vom Weinen geröteten Augen. An einer kurzen Leine springt ein junger Hund aufgeregt auf und ab.

Gemeinsam laufen wir zu dem Gründerzeithaus, in dem meine Cousine seit Neuestem eine kleine Wohnung hat. Sie hat Kuchen eingekauft und setzt einen Kaffee auf, und dann sitzen wir an dem kleinen Esstisch und sie erzählt mir, warum sie mich sehen wollte. Denn so wie sie für mich bin auch ich für sie der letzte Verwandte.

Meine Cousine erzählt davon, wie sie und ihr Mann sich kennengelernt haben, zu Beginn des Studiums. Wie sie zusammen ein Geschäft aufgebaut und 30 Jahre hart gearbeitet und sich praktisch nichts gegönnt haben, außer mal hier und da ein paar Tage Kurzurlaub in Weimar.

Dafür wollten sie dann früh in Rente gehen und dann das Leben genießen. Vor fünf Monaten war das dann soweit, sie und ihr Mann sind in den frühen Ruhestand gegangen und haben sie ihren Traum erfüllt: Sie sind nach Weimar gezogen, in eine kleine, barrierearme Wohnung. Hier wollten sie mit einem jungen Hund und zwischen neuen Hobbys und Konzerten im Kurpark ein anderes Leben anfangen, ihren Lebensabend genießen und gemeinsam alt werden.

Nun ist sie alleine.
Das erste Mal in ihrem Leben und ohne den Mann, der 40 Jahre an ihrer Seite war.
Ich kann nicht mehr tun als zuzuhören und mir still zu wünschen, dass wir uns unter anderen Umständen wiedergesehen hätten.

Am späten Nachmittag rollt die Morrigan wieder aus den Gassen von Weimar heraus und nimmt Kurs gen Westen. Ich habe meiner Cousine versprochen bald wieder zu kommen, und bei der Ordnung des Nachlasses zu helfen so gut ich kann.

Drei Stunden sind es noch bis Götham City, und die verstreichen ereignislos. Erst acht Kilometer vor dem Ziel fährt mich beinahe ein Auto um. Ein perlmuttfarbener AMG schießt aus der Auffahrt und zieht, ohne mich zu sehen, auf die Autobahn, vielleicht einen Meter vor meinem Vorderrad.

Mir klopft immer noch das Herz bis zum Hals, als ich die V-Strom in die Garage bugsiert habe.

Für die Morrigan war es das noch nicht für dieses Jahr. In zehn Tagen wird sie beim großartigen Suzukihändler in eine große 24.000er Wartung gehen, inklusive Ventilspieleinstellung. Wenn die durch ist, wird die Suzuki-Werkstatt für immer ihre Pforten schließen.

So ist das, in diesem Jahr.
Alles vergeht, alles ändert sich.
Liebgewonnene Weggefährten verschwinden, die Welt wird weniger und kleiner.
Verlust und Verfall sind ständige Begleiter geworden.

Was lehrt uns dieser Motorradherbst?
Nicht zu lange im Voraus planen.
Es gibt keine Gewissheiten, und Dinge sollte man nicht auf später aufschieben.
Denn vielleicht wird es dieses Später nicht geben.

Seufz.

Tour des Tages: Von Passau über Weimar nach Götham, 613 Kilometer.

Das war der Motorradherbst 2025: Angenehm unspektakuläre und verhältnismäßig kurze 5.420 km in drei Wochen.

Von Götham über den Brenner nach Livorno, dann mit dem Schiff nach Sardinien. Nach einer Ruhephase dort zurück nach Ligurien und in den Appennino Tosco-Emigliano, dann ein wenig Rumgedödele in der Toskana und schließlich über das Veneto und Österreich erst nach Niederbayern, dann nach Thüringen und wieder nach Hause.

Hier der Rückblick über die Sommer- und die Herbsttour im Bewegtbild:

Unspektakulär, aber an alle, die mitgereist sind: Danke!

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BTW: Alles, Videos und Texte, proudly ohne KI erstellt. Die fragwürdige Grammatik und die seltsamen Rechtschreibfehler sind Zeugnis von echter Handarbeit.

3 Kommentare zu „Reisetagebuch Motorradherbst (8): Memento Mori

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