Das Sterben der Motorradwerkstätten (2026)
Ich bin traurig, schrieb ich vor ziemlich genau einem Jahr, denn der geniale Suzukihändler schließt, weil es keine Nachfolge gibt.
Der Händler selbst war 72 und so langsam bereit für den Ruhestand. Trotz jahrelanger Suche wollte niemand den schmucken Laden und die Werkstatt übernehmen. Eigentlich war geplant, das der junge Werkstattmeister das Geschäft weiterführt. Aber Selbstständigkeit ist Risiko, und am Ende war der Sirenengesang eines Rüstungskonzerns, der mit dick Geld und 9-17-Job lockte, attraktiver.
Sehr schade. Nichts mehr mit kleiner Werkstatt, Kaffee und nettem Klönschnack. Um meine Suzuki warten zu lassen, muss ich jetzt über eine Stunde bis nach Hessen fahren und bin da dann Kundennummer 35.824 in einem großen Autohaus mit angeschlossener Motorradwerkstatt.
Lichtblick war die Werkstatt hier vor Ort. Die letzte Motorradwerkstatt in der ganzen Stadt, die immerhin 125.000 Einwohner zählt. Ich kenne diese Werkstatt seit mindestens 20 Jahren. Preislich nicht billig, aber exzellente Arbeit, Kaffee und Klönschnack inklusive.
Der beruhigende Gedanke war immer: Klar, um die Suzuki-Herstellergarantie zu halten und für Computerkram, muss ich mit der V-Strom in die weit entfernte Markenwerkstatt. Aber Reifen, Kettensatz und andere mechanische Sachen – das kann auch meine Werkstatt hier vor Ort erledigen.
Zumal dort ordentlich in die nächste Generation investiert wurde. Der Inhaber hat die Siebzig auch schon überschritten. Seit rund 10 Jahren hat er sich um eine Nachfolge gekümmert. Einen jungen Mann ausgebildet, ihm seinen Meister ermöglicht und ihm dann noch die Weiterbildung zum Betriebswirt finanziert. Das Ziel war klar: Der junge Mann sollte das Unternehmen übernehmen.
Dazu kommt es jetzt nicht mehr.
Die Werkstatt wird zum Jahresende schließen.
Stellt sich nämlich raus: Wenn man erst Mitte zwanzig ist und wenig Eigenmittel mitbringt, dann wollen einem Banken nicht unbedingt Geld geben. Auch, wenn das für ein gut laufendes Unternehmen gedacht ist – der Neumaschinenverkauf lief in den letzten zwei Jahren schneller als der Hersteller liefern konnte, und die Kundschaft war so zahlreich, das Fremdfabrikate nicht mehr angenommen werden konnten. Zudem wurden die Kunden im Ansatz wieder jünger. Aber: Man weiß ja auch gar nicht, wie das mit diesen Motorrädern generell so weitergeht.
Dazu kommt: Für ordentlich Umsatz braucht es Werkstattstunden, und die muss jemand machen. In der Branche gibt es wenig Nachwuchs. Auszubildene springen häufig nach kurzer Zeit ab – der letzte in der Werkstatt kam nach Tag 3 nicht mehr, weil: “Burnout”. Dabei macht dort niemand mehr eine Überstunde – work-life-balance hat auch bei Schraubern einen Stellenwert. Als der alte Händler seinen Laden aufgebaut hat oder wenn Zeiten kritisch waren, dann hat der auch 16 Stunden am Tag gearbeitet, aber diese Zeiten sind vorbei. Trotzdem: Der Markt der Moppedschrauber ist leergefegt, und ohne jemanden in der Werkstatt gibt´s halt keinen Umsatz.
Dazu kommt die Wirtschaftslage, gerade hier vor Ort. Südniedersachsen ist pleite, gerade hat die Stadt wieder die Gewerbesteuer erhöht. Da bleibt immer weniger in der Kasse, Selbstständigkeit wird immer unattraktiver.
Was machen eigentlich die Hersteller, wenn es keine Werkstätten mehr gibt? Müssten die nicht jungen Leuten auch Starthilfe geben, um ihr Händlernetz zu halten? Klingt logisch, aber daran scheint kein Interesse zu bestehen. Im Gegenteil, die Motorradhersteller machen es den Händlern nicht leicht. Ab diesem Jahr sind bei dieser Marke neue Fliesen und bestimmte Möbel für den Showroom vorgeschrieben, Investitionskosten: Mindestens dick fünfstellig.
Das alles hat den designierten Nachfolger so frustriert und verunsichert, dass er nun etwas ganz anderes machen möchte. Mit 76 Jahren und allein kann der bisherige Inhaber das Ganze natürlich nicht weiterführen, und so wird Ende des Jahres die letzte und beste Motorradwerkstatt im Umkreis von 50 Kilometern schließen.
Wie schrieb ich vor einem Jahr? “Händler, die in den 80ern angefangen haben und damit zur Boomer-Generation gehören, brechen nun weg und werden nicht ersetzt bzw. die Nachfolge völlig unattraktiv gemacht.”
Ich bin traurig.
18 Kommentare zu „Das Sterben der Motorradwerkstätten (2026)“
Der, welcher “sein” Geschäft aufgebaut hat, war bestimmt mit finanziellen Durststrecken konfrontiert. Wer möchte das heute noch haben, dazu freiwillig.
Und…..man weiß um die finanziellen Hintergrundabläufe nichts außer Dispoverweigerung.
Dann hat aber der Finanzplan nicht gestimmt.
Ich bin jetzt ja auch schon ein paar Jahre in der Szene, wenn auch im Medienbereich (Motorradmagazin Kradblatt) und nicht im Handel.
Ganz ehrlich: bevor ich mich als Motorradhändler selbstständig machen würde, würde ich mir eher einen Nagel ins Knie schlagen.
Gängiger Spruch in der Branche: “Um als Motorradhändler ein kleines Vermögen zu machen, musst du ein Großes mitbringen”.
Es kommen echt viele Faktoren zusammen, die eine Selbstständigkeit unattraktiv machen. Warum sollt man das Risiko eingehen, sich als Selbstausbeuter das leben zu versauen, wenn die Arbeitsmarktlage es nicht erfordert? Dazu muss man schon sehr viel Enthusiasmus für die Branche mitbringen.
“Das Hobby zum Beruf machen” nimmt einem auf Dauer oft den Spaß am Hobby. Oder seht ihr jemals Motorradhändler bei der Feierabendausfahrt am Bikertreff?
Als Vertragshändler der großen Marken ist man oft CI-Anforderungen ausgesetzt, die kann man als Einsteiger ohne Kapital kaum erfüllen und als Kunde fasst man sich an den Kopf.
Ich verstehe jeden Händler, der das Schild einer großen Marke abschraubt und als freier Händler oder mit anderen Marken weiter macht. Chinesen und Inder nutzen die Chance, werden die “Zügel” aber auch anziehen. Wie die Japaner damals.
Große Marken findet man immer öfter in Autohäusern, die durch die Mischkalkulation die Probleme bei den Autos ausgleichen wollen bzw. sich breiter aufstellen bei vorhandenen Ressourcen.
Ich verstehe auch jede Bank, die das Risiko einer Vollfinanzierung bei Betriebsgründung/-übernahme scheut.
In viele Betriebe, die aus Altergründen aufgegeben werden, wurde seit Jahren oder Jahrzehnten nicht mehr investiert. Der Laden lief ja.
Der Altbesitzer gibt Geschäft und ggf. Immobilie i.d.R. auch nicht gratis ab und hat bisweilen auch noch überzogene Preisvorstellungen.
Auf der Basis einen gesunden Wirtschaftsplan für die Bank aufzustellen, ist nicht ganz einfach. Ich musste 2010 für den KfW-Kredit auch drängen und ordentlich vorlegen.
Die Personallage tut ihr Übriges und wird sich auch in absehbarer Zeit nicht verbessern – Azubis sind Mangelware (nicht nur engagierte sondern generell). Viele Betriebe bilden frustriert gar nicht mehr aus …
Letztendlich kommt noch die demographische Entwicklung der Motorradszene dazu. Alte Männer, die Motorräder horten und i.d.R. nur noch wenig fahren.
Natürlich kann man mit denen noch einige Jahr gutes Geld verdienen, aber reicht das, um sich eine Existenz aufzubauen an der man Jahrzehnte die Investitionen abzahlt?
Klingt alles jetzt sehr pessimistisch, aber alles kommt in Wellen.
Die deutsche Motorradszene war schon mal am Boden.
So weit wird es nicht kommen, als Motorradfahrer muss man sich aber auf weitere Wege einstellen. Selbstschrauben könne wieder in Mode kommen (müssen).
Und es sollte einem klar sein, dass man nicht mehr “König-Kunde” ist. Wer einem Händler blöd kommt, kann direkt vom Hof fahren – und bei manchen Kunden spricht sich das auch rum. Und wer z.B. in Süddeutschland günstig eine Neumaschine kauft (Speditionsdienste sind ja sehr günstig, teilweise im Preis drin) braucht nicht zu glauben, dass er bei einem Vertragshändler im Norden bevorzugt behandelt wird. Da sind Werkstatt-Vorlaufzeiten auch schon mal Monate statt Wochen.
Ein Händler sagte mir mal: “Für meine Kunden habe ich immer eine Bühne frei”. Da kann ich ihm nur zu gratulieren …
Puh, ich habe viel getextet und mir fällt noch mehr ein – ich höre aber mal an dieser Stele auf.
Vergesst nicht: alles hat seine Zeit – auch das fossile, spaßorientierte Rumgegurke. Womit wir bei Südtirol und den Restriktionen oberhalb von 1600 Metern wären, aber das ist schon das nächste Thema 😉
LG @all, Marcus
Danke für die umfangreichen Einblicke, Marcus. Du bist da ja noch näher dran und tiefer drin als die meisten von uns. Was mich gerade betroffen macht ist dieser scheinbar allgegenwärtige Verlust. Alles brökelt und bricht weg, und das in meinem Umfeld gerade geballt. Liebe Menschen und geschätzte Unternehmen verschwinden, ohne das etwas Neues nachkommt.Das ist kein Wandel, das ist Verfall – und das schlägt mir gerade mächtig auf die Stimmung
Nur zur Info, die Kfz-Gruppenfreistellungsverordnung Nr. 461/2010 (EU) regelt, die freie Werkstattwahl und Hersteller können die eigene Garantie nicht durch Werkstattvorgaben einschränken. Vorausgesetzt, dass die freie Werkstatt die Arbeiten entsprechende Serviceheft durchführen kann. Dazu gehören nicht nur die Teile (auch Identteile), sondern natürlich auch Diagnosegeräte und diese Arbeiten auch entsprechend dokumentiert werden.
Ich kann mir vorstellen, dass selbst wenn eine nahe freie Werkstatt noch nicht das nötige Gerät hat, es durchaus anschafft, sofern die Verträgshändler verschwinden.
Schaun mer mal. In der Praxis hat sich z.B. die Werkstatt hier vor Ort zwar auch einige Fremdmarken mit gemacht, sich aber z.B. die Suzuki-Diagnosesoftware nicht gegönnt – man hatte auch so genug zu tun. Mal gucken wie das hier weitergeht. Die nächsten freien oder Multi-Werkstätten von hier aus sind in den ostdeutschen Bundesländern. Das ist dann wie damals, 1989: Mit der Simson bis nach Wernigerode in die Werkstatt
Herr Kollege,
Die sogenannte Gruppenfreistellungsverordnung gilt nicht für Motorräder, sondern nur für mehrspurige Fahrzeuge.
Allerdings gilt das Wettbewerbsrecht, dass rechtlich den Anforderungen und Vorgaben der Gruppenfreistellungsverordnung entspricht.
Kollegiale Grüße
Moin Uwe.
Hast du mal eine belastbare Quelle dazu, dass die GVO nicht für den Zweiradbereich gilt? Ich kann da nichts finden. ChatGPT sagt das zwar auch, aber dessen die Quellen geben das nicht wieder.
VG, Marcus
Hallo Marcus,
Ich müsste dazu in den entsprechenden EU Verordnungen schauen. Allerdings habe ich als Werkstattinhaber auch mal den KfZ Innungsfachverband kontaktiert und die gleiche Auskunft erhalten. Das Wettbewerbsrecht steht bei Zweirädern auf der Seite der freien Werkstätten. Ich habe zur Zeit keinen zugriff auf einen PC , sonst könnte ich das mal suchen
Glaube aber das ist das Stichwort ” Diagnose Software” …… sind das überhaupt noch Motorräder, wenn man jeden Pups nur mit den Laptop repariert bekommt. Kein Wunder, das viele diese Investition scheuen.
Da liebe ich mir meine kleine Halle…… Hebebühne (manuell) 2 große Werkzeugkisten einmal metrisch und einmal Zoll. Die einzigen elektronischen Geräte in der Werkstatt sind Batterieladegerät und Spannungsprüfer. Scheiß drauf, dann werden die Finger eben dreckig wenn ich eine Karre zerlege.
UND wie ich die Werkstatt oder den Verkaufsraum einrichte bestimme ich….. und zwar nur ich ! Da verzichte ich gerne darauf “Vertragshändler” zu sein !
Nunja, mal nicht übertreiben. Fahrzeugdiagnose ist nichts, was letzten Donnerstag vom Himmel gefallen ist. Herstellerspezifische Diagnosen per Computer gibts bei manchen Marken seit den 90ern, seit den 2000ern ist OBD verbreitet.
Ich persönlich kaufe kein Motorrad mehr, das kein ABS hat – da liegste dann meist schon automatisch in dem Bereich, wo man um Diagnosesoftware oder zumindest Möglichkeiten zum Auslesen des Fehlerspeichers nicht mehr rumkommt. Das heißt ja nicht, dass man sich die Pfoten nicht mehr dreckig machen muss.
Eine Fachwerkstatt sollte schon über eine Diagnosesoftware mit entsprechenden Schnittstellen verfügen. Ansonsten können die einpacken. Wir haben mehrere Diagnosesysteme und wir kennen uns auch damit aus. Inzwischen seit über 40 Jahren in der Harley Branche tätig.ue
@Marcus = sind schon gute Erkenntnisse da vom Hobby zum Beruf.
Es handelt sich ja auch um eine recht junge Person. Jetzt eine ‘freie” Werkstatt zu avisieren fällt in’s Negative, weil ich als möglicher Kunde die längere Einarbeitung in den nächsten Arbeitsschritt möglicherweise mitbezahle.
Die langjährige Erfahrung ist für mich (mit Abstrichen) der Werkstattmagnet.
Geschäft wäre für Werkstätten genug da. Ich selbst erlebe lange Wartezeiten.
Für mich könnte ich mir eine Selberschraubwerkstatt mit Hilfe und diverse Hilfsmittel gut vorstellen.
Jo. Dieses Sterben kleiner und feiner Unternehmen mangels Nachwuchs ist leider ein Trend. Ich beobachte das im Lebensmittel – Handwerk genauso: Alteingesessene Bäcker und Metzger finden in der Familie und im eigenen Umfeld keine Betriebsnachfolge. Wer so einen Betrieb übernimmt, muss erst mal in Technologie investieren (Klartext: die Backstube und die Metzgerei sind technisch überaltert. Neue Ausstattung muss her). Das geht nur über Finanzierung. Dafür verlangen die Banken ein nachhaltiges, zukunftsfähiges Konzept. Schwierig angesichts der Übermacht, mittelständischer und industrieller Betriebe. Am Ende: der Betrieb wird dicht gemacht, keine Nachfolge möglich.
Was wir brauchen, sind Menschen, die was können und mutig anpacken. Im Handwerk mit Leidenschaft ein Risiko eingehen. Was ihnen enorm helfen würde: finanzielle Unterstützer (nicht Investoren, die nur auf den return on invest schauen). Ich wäre bereit dafür.
Im landwirtschaftlichen Bereich (Biohöfe) kann man über http://www.kulturland.de aktiv werden.
Ich hab da ein paar Riesen geparkt um einen Hof in unserer Nähe beim Landkauf zu unterstützen. Man gibt denen quasi ein zinsfreies Darlehen. Rendite gibt es keine, man kann aber zum Sommerfest oder auch einfach so mal rumgucken 😉
Evtl. gibts auch andere Projekte, die man hierzulande unterstützen kann.
Mikrokredite in Drittweltländern gibts ja auch, wo man sich engagieren kann
Mit einer der Gründer, warum ich bereits 2022 meine Harley (BJ 2000) verkauft habe. Eine der letzten (TC88, E-Glide) mit Vergaser und ohne Elektroschnickschnack. Nur noch Hochglanztempel, aber kaum noch Wissen in der Werkstatt. Zur nächstgelegenen Werkstatt des Vertrauens waren es fast 90 Kilometer und gute 80 Minuten Überlandfahrt. Mal eben dort vorbei, war nicht.
Die leute unterstützen die kleinen Schrauber einfach nicht mehr,sie sehen ja selber wie weit wir gerade sind….
@MH
Bei der Antwort komme ich jetzt nicht ganz mit oder müsste spekulativ werden.
Solange die Mühle neu ist und im Garantiezeitalter, ist es fast völlig egal welche Größe die Vertragswerkstatt hat.
Außerhalb der Garantiezeit spielen Vertrauen, Kostenhöhe und Nähe zur Werkstatt eine Rolle.
Da die Meisten eh nur jährliche Fahrleistungen unter 5t KM haben, ist für einen eventuellen Ölwechsel kein Werkstattmeister (Std-Satz orientiert sich am Meister auch wenn ein Geselle dran war) erforderlich.
Die Ausreißer – so wie etwa ich – benötigen deutlich mehr Zuwendung welches ich durch Selbstschrauben (wo es geht) einigermaßen begegne, um auch zu lernen bzw. die Kosten zu drücken.
Der unschlagbare Vorteil bei mir: kein Zeitdruck zum Erwirtschaften, deshalb kann ich im Detail zB Zubehör genauer sein.
Hehe. Du lässt erwirtschaften. 🤭