Ich hasse Schuhe kaufen

Ich hasse Schuhe kaufen

Ich hasse es Klamotten zu kaufen, aber der absolute Endgegner sind für mich: Schuhe.

Schuhe kaufen war schon immer eine Qual, hänge ich doch meistens zwischen zwei Größen. Dass sich im Laufe der Zeit meine Füße verändert haben und jetzt unterschiedlich breit sind, macht die Sache nicht einfacher.

Im weitesten Sinne sind auch Motorradstiefel Schuhe, und DIE kaufen zu müssen hasse ich ganz, ganz besonders.

Schon beim letzten Mal war das ein Drama. Früher hatte ich Web GTX-Stiefel von Alpine Stars. Die waren toll zum Fahren und leicht wie Turnschuhe, daher taugten sie auch für ausgedehnte Spaziergänge bei Städtetouren.

Leider bekam Alpine Stars massive Qualitätsprobleme. Mit voller Schnauze wegen bröselnden Sohlen und undichten Goretex-Layern sah ich mich nach anderen Marken um und landete beim deutschen Hersteller Daytona.

Hier begann wieder das Schuhe-kaufen-Drama: Daytona Road Stars in Größe 41 saßen vorne zu eng, in 42 waren sie aber so groß, dass ich schlappte und mir die Füße blutig lief. Am Ende bin ich bei den 41ern geblieben. Die sind mit der Zeit ein wenig weiter geworden und sitzen jetzt gut, blutige Fersen gibt es in denen aber nun auch – längere Spaziergänge sind schlicht nicht möglich, für Städtetouren nehme ich jetzt immer ein Paar Trekkingschuhe mit.

Ansonsten sind die Dinger super, auch nach sieben Jahren sind die Daytonas top.
Eigentlich.

Mittlerweile habe ich halt keine Angst mehr vor Schotter- oder Geröllwegen, wo ich auch mal ganze Passagen im Stehen fahre. Genau dafür taugen weiche Tourenstiefel wie die Daytonas nicht wirklich, dafür trägt man Endurostiefel bzw. Motocross-Stiefel: Klobige Riesendinger, groß wie Skistiefel, die bis unters Knie gehen und die über der Hose getragen werden. Sie sollen Fuß und Knöchel vor dem Verdrehen und der Wucht der Maschine schützen, wenn das Mopped auf das Bein fällt. So ein Stiefel ist weder einer in dem man herumläuft, noch taugt der für lange Motorradreisen.
Also nichts für mich.
Dachte ich.

Bis zu einem Gespräch mit Mr. Transalp.

In dem ging es um, urgh, 180 Grad verdrehte Füße und abgerissene Bänder. Vor sowas schützt einen, wenn es richtig blöd läuft, auch ein guter Endurostiefel nicht.
Aber ein Weichstiefel schon mal gar nicht.

Nach dem Gespräch mit Mr. Transalp habe ich abends meine Daytonas in die Hand genommen, sie geknautscht und verdreht und gemerkt: Die Roadstars sind überhaupt nicht gegen Verdrehungen des Fußes oder Einschläge am Unterschenkel gewappnet, und zudem sind sie nach sieben Jahren weich wie Lappen gut eingelaufen.

Nun gibt es tatsächlich eine Klasse von Stiefeln, die zwischen den Extremen – Motocross auf der einen Seite und Lappen auf der anderen – angesiedelt ist: Adventure Boots.

“Adventure” meint im Moppedbereich immer ein Zwischending aus “Geeignet für Straße UND Gelände”, in der Regel aber mehr Straße als Offroad. Die V-Strom, zum Beispiel, ist ein Adventure-Motorrad. Damit ist sie perfekt für mich, ich fahre hauptsächlich Asphalt und nur selten abseits davon, aber wenn es sein muss, ist es halt möglich.

Nach kurzer Recherche habe dann mal diese Stiefel hier bestellt: Sidi Adventure 2 GTX.

Die Sidis sind nach EN 13634:2017 Level 2 zertifiziert, sehr fest und wirklich eine Mischung aus Touren- und Endurostiefel. Sie sind krass gut verarbeitet, haben eine sehr gute Sohle mit ordentlichem Profil und sollten Dank Goretex (dafür steht das GTX) auch wasserdicht sein. Eine umlaufende Kunststofforthese mit einem Scharnier auf Höhe des Knöchels soll für Schutz sorgen. Einfach mit der Hand verdrehen und falten oder stauchen kann man den Stiefel jedenfalls nicht.

Zwei Schnallen, eine über den Spann und eine über dem Knöchel, verhindern, dass sich der Stiefel im Falle ungewollter Rutschmanöver über den Erdboden vom Fuß trennt. Wesentlich schwerer als die Daytonas mit ihrer Stahlplatte in der Sohle sind sie nicht.

Anders als echte Endurostiefel verzichten die Sidis auf eine weitere Klammer und eine Hartschale im Bereich unter dem Knie. Hier bringen sie nur einen großflächigen Klettverschluss mit, sowie eine einzelne Kunststoffplatte direkt auf dem Schienbein.

Der Schienbeinschutz ist fest, aber nicht so voluminös wie bei den echten Offroadern. Damit passen die Sidis auch unter Tourenhosen und unter Jeans.

Hatte ich erwähnt, dass ich Schuhe kaufen hasse? Nun, Motorradstiefel sind Schuhe, und das hier war keine Ausnahme. Das erste Paar kam in meiner normale Größe, in 41, was laut Herstellerangaben und minutiösem Ausmessens meiner Füße auch hätte passen sollen.

Spoiler: Tut es nicht.

Es stimmt, was alle Rezensionen im Netz sagen: Die Sidis sind von der Länge her eine Nummer zu kurz und von der Breite zwei Nummern zu schmal. Um das rauszufinden, musste ich aber insgesamt drei Größen ordern und ausprobieren. Normalerweise trage ich halt 41, bei Sidi muss es aber 42 sein, und das quetscht den Fuß seitlich immer noch ein wenig. Bei 43 passt zwar die Breite, dafür kann ich dann hinten eine ganze Hand zusätzlich reinschieben.

Drei Paar Stiefel im Gesamtwert von über 1.000 Euro im Haus zu haben und mich für eine Größe entscheiden zu müssen, sowas nervt mich kolossal – ich kann Schuhe kaufen schon im Geschäft nicht leiden, und Anprobe zu Hause ist nur minimal weniger schlimm.

Pro-Tip und Notiz an mich selbst für das nächste Mal: Fußbett aus den Stiefeln nehmen und Fuß draufstellen, dann sieht man direkt, was passt und was nicht.

Nun bin ich mit den Adventure 2 also in 42 unterwegs. Dafür musste an den Motorrädern auch nicht viel umgestellt werden. Die Sidis sind nur unwesentlich höher als meine alten Stiefel, die Fußhebel passten deshalb bzw. brauchte nur eine minimale Verstellung. Hätte ich nicht gedacht, denn sie wirken massiv größer als meine alten:

Alpine Stars Web GTX gegen Sidi 2 Adventure GTX

Anfangs waren die Stiefel extrem steif, und sie quietschten bei jedem Schritt. Nach der großzügigen Behandlung der Orthese mit Silikonspray, einigen Fahrten und mehreren Nachmittagen des Herumlaufens bessert sich das beides so langsam, auch wenn der Stiefel immer noch ein wenig zu schmal ist und bei langem Tragen und insbesondere Abends und bei heißem Wetter Schmerzen verursacht. Mal gucken, ob sich das noch ändert und ich die dauerhaft fahren möchte, oder es doch ein breiteres Modell eines anderen Herstellers werden muss.

Einen Effekt haben die Dinger auf jeden Fall schon. Bei längeren Strecken als nur reinen Stadtfahrten greife ich mir eher die Adventure-Boots, auch wenn sicher ist, dass es auf keinen Fall ins Gelände geht. Das ist eine reine Kopfsache: Die Sidis versprechen mehr Halt und mehr Sicherheit, und neben denen fühlen sich die Daytonas an wie ausgelatschte Hausschuhe.

Daytone Road Star GTX gegen Sidi 2 Adventure GTX

Illusionen mache ich mir übrigens keine.
Ich weiß, dass auch diese Art Stiefel keine hundertprozentige Sicherheit garantieren kann. Kein Stiefel kann das, und sowohl Mr. Transalp sowie der namenslose Dummfahrer neulich bei Kanyar hatten ordentliche Stiefel an, und sich trotzdem die Gräten verdreht – direkt am Knie.

Quelle: Kanyarofficial, YT

Gegen solche schlimmen Verdreher gibt es mittlerweile Knieorthesen für Motorradfahrer, aber das ist dann für meine Zwecke ein Bißchen zu sehr drüber.

Zumindest dürfte so ein fester Stiefel den Knöchel vor Umknicken und Verdrehung schützen, evtl. auch vor Verletzungen, wenn das Motorrad auf den Fuß fällt. Das kann selbst bei eigentlich trivial aussehenden Unfällen und niedriger Geschwindigkeit schlecht ausgehen, wie Ruthi hier ab 1:50 schön zeigt. Der kleine Umfaller zog wochenlange Schmerzen nach sich, weil der Fuß nicht nur verdreht wurde, sondern auch so gequetscht, dass mehrere Zehenknochen angebrochen waren. Bei dem Vorfall trägt er exakt meine Daytonas:

Zusammengefasst: Ich glaube, ich habe mit der Kategorie “Adventure Stiefel” etwas für mich gefunden. Ob es die Sidi Adventure 2 GTX sind, bleibt abzuwarten.


BTW: Falls sich jemand bemüßigt fühlt die Überschrift korrigieren zu wollen in “Ich hasse es, Schuhe zu kaufen”: Nein.
In Südniedersachsen ist “Schuhe kaufen” ein Kompositionsverb. Wir schreiben das hier eigentlich auch klein und zusammen, “schuhekaufn”. Verwendung unter anderem: “Ich muss schuhekaufn gehn”. Die einzig passende Erwiderung darauf lautet übrigens “Beileid”.

8 Kommentare zu „Ich hasse Schuhe kaufen

  1. Schon mal an in der Breite verstellbare Schuhspanner gedacht (z.B. aus Zedernholz o.ä.), die in den Zeiträumen des Nichtragens – also der überwiegenden Zeit – die Arbeit deiner Füße übernehmen, die Innenschuhbreite sukzessive auf das gewünschte Maß zu bringen, ganz ohne Quetschgefühl, wunde Stellen etc. und das individuell für jeden Fuß resp. jede Fußbreite?
    Das funktioniert super. Solche Dinger kosten nicht die Welt, halten ewig und du kannst sie, wenn denn die Sidis nach einiger Zeit ihr Sollmaß erreicht haben, natürlich auch für fast alle kommenden neuen Schuhe und Schuhtypen weiter verwenden. Ist eigentlich die Standard-Lösung für alle, die unterschiedlich breite Füße haben – wozu ich zum Glück nicht gehöre. Aber ich kenne Leute, die… 🙂
    Einfach mal nach solchen Dingern googeln…

  2. Wie bei fast allem im Leben muß man Kompromisse eingehen. Ich fahre die Daytona GTX Road Star nun schon gefühlt seit Jahrzehnten. Der Vorteil ist, daß sie perfekt passen und man einen dementsprechenden Trage- und Gehkomfort hat. Der Nachteil ist sicher die Gefährdung durch Verdrehung.
    Ich habe vor mittlerweile sechs Jahren einen Unfall gehabt, wo mir ein Auto die Vorfahrt genommen hat. Dabei bin ich mit meiner RT1150 mit etwa 50 in die Seite des Kleinwagens auf Höhe der Fahrertür geknallt und drüber geflogen. Mein linker Fuß war im Bereich des Knöchels/ Schienbein gebrochen. Ein stabilerer Stiefel hätte das eventuell verhindert; dann wäre vermutlich das Kniegelenk fällig gewesen. Man weiß es nicht.

    1. …oder ein stabilerer Stiefel hätte die die Bänder im Knie abgerissen, was wohl schlechter heilt als ein Knochenbruch. Wie Du schon sagst, man weiß es halt nicht.

      Ich bin auf jeden Fall froh, dass Du den Unfall überlebt hast, 50 km/h ist ja eine echte Ansage. Ich hoffe, der Fuß ist geheilt und es sind keine Spätfolgen zurückgeblieben?

      1. Die Verkleidung der BMW RT ist damals von BMW so entwickelt worden, daß man im Kollisionsfall schräg nach oben katapultiert wird. Dadurch sind Kopf und obere Extremitäten nicht so gefährdet; ob das auch bei einem LKW oder Transporter funktioniert glaube ich nicht. Ich bin dann ca. 5m auf der anderen Seite des PKW auf der Straße gelandet und liegen geblieben. Insgesamt hatte ich da wohl mehr als einen Schutzengel.
        Nach sechs Monaten bin ich dann schon wieder mit meiner V7III einmal gut 3.000km durch die deutschen Lande getourt. Seitdem sind schon wieder gut 80.000km hinzugekommen. Mit der V7III wäre der Unfall wohl nicht so glimpflich abgelaufen.

  3. selbes thema hier, nachdem die daytonas nach 11 jahren und einmaliger überarbeitung bei frey vor 4 jahren durch sind. die sohlen vertragen leider die rasten der tenere nicht wirklich.
    hast du mal nach alternativen zum sidi geguckt?
    ich hab auf der liste noch den gaerne dakar gtx.

    gruss aus dem freistaat nebenan
    rüdiger

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