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Staglieno

Staglieno

Nach dem Klick gibt es eine Galerie mit unbearbeiteten Bildern vom Monumentalfriedhof Staglieno in Genua.
Ein Klick auf ein Bild macht es groß und ermöglicht bequemes Durchblättern durch das ganze Fotoalbum.
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Verfasst von - 9. Februar 2013 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch Städtetour (5): Wolfsoniana und der ängstliche Löwe

Februar 2018: Tag fünf einer Städtereise südlich der Alpen. Heute mit aufdringlichen Wächtern, einer schönen Frau, die unbedingt in mein Bett will, und dem einen oder anderen Mißverständnis. Außerdem: Warum alles nach Gorgonzola riecht.

13. Februar 2018, Genua
Heute schlafe ich aus.
Völlig ohne schlechtes Gewissen.
Wofür habe ich ein eigenes Appartement, wenn ich darin nicht mal faul rumliegen kann? Feste Termine stehen nicht auf dem Programm, Tickets mit vorher gebuchten Eintrittszeiten habe ich auch nicht in der Tasche. Heute möchte ich nur ein paar Museen besuchen. Aus irgendeinem Grund sind die vor die Stadt verbannt worden. Nach Nervi, einen Vorort von Genua. Oder ist das einfach ein weit entferntes Stadtviertel? Schwer zu sagen bei einer Stadt, deren Ausdehnung 35 Kilometer umfasst. Wie auch immer, abgelegene Museen in Februar, da wird sich der Andrang in Grenzen halten. Ich drehe mich nochmal rum und schlafe eine halbe Stunde weiter.

Vom Bahnhof Brignole aus kommt man in weniger als 20 Minuten nach Nervi, die 100-Minuten-U-Bahn/Bus/Fahrstuhltickets sind auch dafür gültig. Auch hier gilt wieder: Entwerten vor Besteigen des Zugs, mit einem der Trenitalia-Stempler, Ticket ganz links einführen.

Das Wetter ist grandios, Sonnenschein und 10 Grad, und als ich gegen 10:00 Uhr in Nervi aus dem Zug falle, habe ich spontan gute Laune. Der blaue Himmel und das glitzernde Meer sind nur ein Vorgeschmack auf einen schönen Tag.

Hinter dem Bahnhof beginnen große Parkanlagen. Palmen wiegen sich im leichten Wind, ein paar Rentner sitzen auf Bänken, eine Mutter spielt auf den Wiesen mit ihren Kindern. Idyllisch. Zumal, was man nicht vergessen darf, es gerade Mitte Februar ist. Zuhause haben wir Minusgrade, und tagsüber wird es kaum richtig hell.

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Verfasst von - 19. Mai 2018 in Reisen

 

Reisetagebuch Städtetour (4): Goethe vs. Altered Carbon oder „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

Februar 2018: Tag vier einer Städtereise südlich der Alpen. Heute besuche ich alte Freunde, entdecke Orte, von denen sich M.C. Escher inspirieren ließ und habe überraschende Erkenntnisse.

Montag, 12. Februar 2018, Genua

Das Elternhaus der Jugend.
Die erste eigene Wohnung.
Der Ort, an dem man seine erste Liebe geküsst hat.

Von wie vielen Orten kann man sagen, dass sie einen nie wieder los lassen und für den Rest des Lebens begleiten werden? Einer der Orte, die sich in mein Herz gebrannt haben, ist unzweifelhaft Staglieno. Oder genauer: Der Cimitero Monumentale di Staglieno.

Gelegen etwas oberhalb im östlichen Tal von Genua, links und rechts des Sturzbachbetts des Bisangno, ist die Ortschaft Staglieno eine der ältesten Siedlungen Italiens. Aus ihr entwickelte sich Genua, von dem Staglieno heute ein Stadtteil ist. Hier liegt auch der Cimitero Monumentale, der Monumentalfriedhof.

Das erste Mal war ich 2012 hier, und damals bin weggefahren mit dem Gefühl zu wenig gesehen zu haben. Deshalb habe ich mir drei Jahre später ein Hotel in Genua genommen und bin einen halben Tag auf Staglieno rumgelaufen. Und jetzt, wieder drei Jahre später, zieht es mich wieder hier hin.

Als ich aus dem Bus der Linie 13 nach Prato steige, schiebt sich die Morgensonne gerade erst über den Bergkamm.

Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, als ich mich dem Eingang nähere. Endlich wieder hier… es ist, als ob ich alte Bekannte besuchen würde.

Am Eingang des Geländes spreche ich einen der Pförtner an. Ein alter Brummbär mit Bart und Brille, der aussieht wie ein ergrauter Bud Spencer. Er sieht mich sofort missmutig an, aber davon lasse ich mich nicht abschrecken. „Hätten Sie vielleicht eine Karte für mich?“, frage ich, und der Brummbär guckt mich an, dann lächelt er. „Natürlich, natürlich“, sagt er und bittet mich in das kleine Pförtnerbüro, dass ich schon kenne.

Er kramt hinter dem Tresen herum und holt eine Karte heraus. Offensichtlich muss selbst die Genueser Verwaltung sparen. Die Karte ist aus billigem Papier, viel weniger wertig als die lackierte Karte, die ich von meinem letzten Besuch noch im Rucksack habe.

Ein anderer Friedhofswächter kommt vorbei, stoppt kurz, sieht mich direkt an, kneift die Augen zusammen, dann verschwindet er wieder. Ich muss ein Grinsen unterdrücken. Ich hatte gehofft den hier zu treffen!

„Interessiert Sie etwas besonders?“, fragt der Brummbär hinter dem Tresen. „Ähm, ja, das Grab der Familie Riba-Udo“, sage ich. Der Brummbär guckt einem Moment verwirrt, dann sagt er, „Ach, Riba_udo“.

Mist, leicht verkehrt ausgesprochen und schon versteht es keiner mehr. „Joy Division!“, sagt der Brummbär, und jetzt leuchten seinen Augen richtig. Offensichtlich freut er sich, dass ich Interesse an seinem Arbeitsort zeige.

Er holt einen Ordner unter dem Tresen hervor und schlägt ihn auf. Er ist voller alter Fotos von Grabstätten, sorgfältig per Hand beschriftet und in Klarsichthüllen untergebracht. „Hier, das hier war das zweite Albumcover von Joy Division“, sagt er und erklärt mir dann ganz genau den Weg dahin. Einen Weg, den ich schon im Schlaf finden würde. Wieder kommt der andere Pförtner vorbei, guckt mich einen Moment an, kneift die Augen zusammen, als ob er sich an etwas zu erinnern versucht und haut wieder ab. Ein kleiner, drahtiger Mann Anfang 50, mit grauen Haaren. Er wirkt etwas schmutzig, aber das sind Pigmentstörungen.

„Wie sind sie auf Staglieno gekommen? Über das Internet, was?“, fragt der Brummbär. „Jaja“, sage ich. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein, immerhin bin ich es , der das Internet mit Sachen über Staglieno vollschreibt und durchaus schon andere zum Besuch motiviert hat.

Ich bedanke mich bei dem Brummbären, der nun fast im Kreis grinst, weil er mir so toll helfen konnte, dann trete ich ins Sonnenlicht vor dem Büro. Der andere Pförtner wartet draußen und fängt mich ab. „Sind sie Engländer?“, fragt er und schiebt seine Brille auf die Stirn. „Nein… Moment… Sie sind Deutscher!“, sagt er und zuckt kurz mit dem Gesicht, wodurch seine Brille wieder auf der Nase landet. Er macht das dauernd.

Ich nicke und sage dann auf Deutsch: „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

„…der weiß nichts über seine eigene“ vollendet der Pförtner das Zitat von Goethe und guckt leicht verblüfft, dann müssen wir beide lachen. „Wir sind uns schon begegnet“, sage ich. Vor drei Jahren hat der Mann mich mit seinen Sprachkenntnissen beeindruckt, und mit eben diesem Zitat, das mich seitdem begleitet.

„Kennen sie auch die italienische Übersetzung? Chi non conosce le lingue straniere non sa nulla del proprio! Man muss seine Sprache propria beherrschen!“ ich grinse. Jetzt habe ich die Gelegenheit die Fragen beantwortet zu bekommen, die ich vor drei Jahren nicht stellen konnte. „Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“, frage ich. „Ich spreche nicht nur deutsch. Auch englisch, französisch und spanisch spreche ich auf diesem Niveau“, sagt er und beantwortet die Frage damit genau: Gar nicht. „Weil es so ein Vergnügen ist, Sprachen zu erlernen“ Er ergreift meine Hand. „Ich bin Giovanni. Oder Hans, auf Deutsch. Oder Jean, auf französisch!“ „Angenehm“, lache ich und erkläre, woher mein Name kommt, und das es für mich eine Qual ist Sprachen zu lernen und ich überhaupt kein Talent dafür habe. Aber Italienisch fasziniert mich, weil die Sprachmelodie einfach schön ist. Wir sprechen über dies und das, aber wie und wo Giovanni-Jean-Hans nun Deutsch gelernt hat, bekomme ich nicht aus ihm heraus.

„Haben sie schon unseren illegalen Führer getroffen?“, fragt Giovanni. „Ein Rentner, schon seit 25 Jahren. Er bittet um ein paar Euro für eine Führung. Ist natürlich illegal.“ „Klar“, sage ich und weiß nicht, ob Giovanni mich vor einem Nervfaktor warnen oder Werbung machen will.

„Ich habe noch ein Geschenk für Sie“, sagt Giovanni dann. „Und noch eines“. Er verschwindet kurz im Friedhofsbüro, dann kommt er mit zwei kleinen Büchern wieder. „Berühmte Persönlichkeiten im Pantheon“ und „Tourenempfehlungen für Staglieno“. Das ist toll, diese Bücher hat nicht jeder. Zusammen mit dem „Kunstführungen auf Staglieno“, das ich vom letzten Mal noch habe, besitze ich jetzt Werke, die nicht jeder hat.

Eines der Werke ist auf italienisch. „Super, dann kann ich üben“, sage ich und schüttele zum Abschied die Hand dieses ungewöhnlichen Mannes.

Dann trete ich durch den unscheinbaren Torbogen. Wie überall blättert auch hier die Farbe von den Wänden. Das gehört zu Staglieno, das gehört zu Genua. Beautiful Decay.

Ich betrete den ersten von mehreren Gängen. Grabnischen ziehen sich den den Gängen entlang, jede mit einer Marmorplatte davor. Der Gang ist dunkel und wirkt unheimlich, aber das sind nur die ersten Meter.

Als ich den Gang gequert habe, öffnet sich das Bauwerk zu einem Säulengang, einer Arkade, die an einer Seite offen ist und von Sonnenlicht geflutet wird. Zu beiden Seiten stehen, sitzen, liegen und schweben menschengroße Figuren.

“Città delle ombre”, Stadt der Schatten, oder “Città senza tempo”, Stadt ohne Zeit, so nennen die Italiener Staglieno.

Mark Twain schrieb über den Monumentalfriedhof: „An diesen Ort werde ich mich erinnern, selbst wenn ich die Paläste vergessen habe. Ein breiter Säulengang aus Marmor umgibt eine große leere rechteckige Fläche; auch der Boden ist aus Marmor, und auf jeder einzelnen Platte ist eine Inschrift. Auf beiden Seiten entlang des Ganges kann man Denkmäler, Grabmäler und Skulpturen bewundern, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind und Harmonie und Schönheit ausstrahlen.“

Herr Twain hat recht.
Auch für mich ist dieser Ort einer der besondersten auf der Welt. Dieser Ort ist ein Teil von mir geworden, in genau dem Moment, als ich ihn das erste mal betrat. Vielleicht, weil er das schon immer war. Es hört sich dumm an, aber schon die erste Begegnung fühlte sich an wie nach Hause kommen. Staglieno ist ein ruhiger, stiller, in sich gekehrter Ort voller Reflexion. Ganz allein durch schier endlosen die Säulengänge zu laufen und Szenen aus dem Leben zu sehen, fühlt sich ein wenig an, als ob ich durch einen Teil meines Geistes laufe. Eben auch den stillen, reflektierten Teil, der den Kern meiner Persönlichkeit ausmacht.

Das hier ist Staglieno für mich:

und hier noch ein längeres Video von 2015:

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Verfasst von - 12. Mai 2018 in Reisen

 

Thanatourismus: Ohlsdorf

Wo ist wohl der größte Parkfriedhof der Welt? Bestimmt irgendwo in den USA, oder? Immerhin, so habe ich das in „Agentin mit Herz“ gesehen,  fahren die doch mit dem Auto bis ans Grab. Also Amerika?

Weit gefehlt – der größte Parkfriedhof  ist mitten in Hamburg. Der 1877 eröffnete Friedhof Ohlsdorf ist wirklich riesig. Wie groß, sieht man nur auf dem Satellitenbild:

Der Friedhof wird von Straßen durchzogen, auf denen auch Busse fahren. Abseits davon wird es aber schnell friedlich, und nach zwei mal abbiegen ist man schon in wirklich verwunschenen und teilweise verwucherten Ecken. Als echter Thanatourist kenne ich schon viele prominente Friedhöfe, von Highgate in London über Père LaChaise in Paris bis zur Königin aller Friedhöfe, Staglieno in Genua. Ohlsdorf ist mit nichts zu vergleichen. Die schiere Größe und das Grün der Anlage sind eine Sache, warum es hier besonders ist. Die andere ist, dass hier alles so durcheinander ist. Schlichte Familiengräber stehen neben aufwendigen und fein gearbeiteten Grabskulpturen. Lichtungen öffnen sich und geben Gedenkstätten für Feuerwehreinsätze und Deichbrüche preis. Und anonyme Grabfelder werden von Löwen bewacht, die man eher vor dem Dom erwarten würde als versteckt hinter einer Hecke.

Bei meinem ersten Besuch bin ich ungefähr zwei Stunden dort rumgestrolcht, habe aber nur einen winzigen Teil gesehen.

Tja, muss ich da wohl nochmal hin 🙂


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Verfasst von - 26. August 2017 in Reisen

 

Podcasttip: Schöne Ecken auf Silencers Spuren

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Der Podcast „Schöne Ecken“ dreht sich um, äh.

Tja.

Nach Eigensauskunft ist „Stadtkultur aus urbaner, ästhetischer und lukullischer Sicht“ Gegenstand des Podcasts, eine verkürzte Beschreibung für „Die Macher laufen irgendwo rum und erzählen was sie sehen oder essen“. Dabei kommt oft eine gelungene und manchmal auch lehrreiche Mischung aus Podcast und Hörspiel raus.

In den letzten Wochen haben sich Cornelis und Sven durch Italien bewegt. Quasi auf den Spuren dieses Blogs wagen sie sich auf eine Rennstrecke hoch über den Straßen Turins, bestaunen das Reich des irren Architekten, stolpern über Staglieno, verlaufen sich in Genua und besuchen am Ende Venedig. Das Konzept war der Überraschungsreise hier im Blog im vergangenen Jahr nicht unähnlich: Cornelis hat die Italienrundfahrt geplant, Sven wusste aber nie, wo es als nächstes hingeht. Das die beiden dabei gelegentlich unter Wortfindungstörungen leiden, weil sie schlicht überwältigt sind, sei ihnen nachgesehen.

In den Folgen des Podcasts kann man nun die Orte, über die ich schreibe, auch akustisch erleben. Wer jetzt zwischen den Jahren also gerade Langeweile hat und was auf die Ohren braucht: Anhörempfehlung! „Schöne Ecken“ gibt es kostenlos im iTunes-Store und auf der Webseite http://www.schoene-ecken.de zum Abspielen oder als MP3-Download, jeweils mit einer Fotogalerie:

SE 141, Mailand, Expogeländer und Bahnhof Rho Fiera
SE 142: Turin, Lingotto
SE 143: Turin, Mole Antonelliana
SE 144: Genua, Staglieno
SE 145: Genua, Hafen
SE 146: Staglieno

Gelegentlich stellen die Beiden Mutmaßungen an (und liegen manchmal mit ihrem „Ich könnte mir vorstellen…“ meilenweit daneben). Wer wissen möchte, wie es sich wirklich verhält, finden hier im Blog Kontext und die wirklich wahre Faktenlage 😉

Bild oben: http://www.schoene-ecken.de

 
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Verfasst von - 28. Dezember 2016 in Linktip, Service

 

Motorradreise 2016 (3): Schmutzige Hände

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Sommerreise.

08. Juni 2016, Aspremont, in den Bergen hinter Nizza

„Ich will nicht hier weg. Ich muss“, sagt Sabine. Es fällt mir schwer einzuschätzen wie alt sie ist. Ende Vierzig vielleicht? Mit den hochgesteckten, blonden Haaren, dem roten Sommerkleid und dem weißen Tuch, das sie um die Schultern geschlungen trägt, sieht sie aus wie eine Leinwandgöttin der 50er.

Ich sitze auf einem Barhocker, vor mir der vermutlich stärkste Kaffee von Nizza, hinter mir der Frühstücksraum für 50 Leute. Er ist leer, Sabine und ich sind ganz allein im Hotel.

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Die Leipzigerin hat nach dem Mauerfall viele Jahre als Reiseleiterin in ganz Europa gearbeitet, bis sie sich mit der Liebe ihre Lebens einen Traum erfüllt hat: Ein eigenes, kleines Hotel in einer der schönsten Regionen Frankreichs. „Scheiß Frankreich“, sagt Sabine jetzt.

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„Es ist das System“, sagt sie. „Der französische Staat ist pleite und denkt sich immer neuen Scheiß aus. Scheiß-Frankreich, das sagen meine deutsche Freundin und ich immer, Scheiß-Frankreich! Bürokratie bis zum Abwinken, unfaire Rechtsprechung, immer neue Gängelungen… Neulich flogen hier Leute in Hubschraubern über die Berge. Wissen sie, was die gemacht haben? Die Grundstücke aus der Luft vermessen! Es gibt nämlich ein neues Gesetz, nachdem man alles über 450 Quadratmeter als Bauland freigeben MUSS. Will man das nicht, muss man horrende Strafsteuern zahlen. Gibt man es frei, muss man eine Freigabesteuer an den Staat zahlen. Aber hier kauft doch niemand, nicht bei all den Auflagen für´s Bauen!“

Sie nimmt einen Schluck Kaffee.

„Wissen Sie, Ich zahle in den Fond Commerciale ein. Ich habe das Hotel gekauft, quasi. Aber nur so lange ich es betreibe, danach geht es an die Besitzerin zurück. Oder bis die meinen Pachtvertrag nicht mehr verlängert. So lange aber muss ich hier alles instandhalten, alle Auflagen erfüllen. Neue Fenster, neue Türen, Brandmeldeanlagen unununund, jedes Jahr was neues. Und wenn ich hier aufhöre ist alles weg. Für die Investitionen bekomme ich dann keinen Cent. Schlimm ist das.“ Sie guckt kurz in die Ferne, verschränkt die Arme und fährt fort:

„Die ganze Bürokratie lässt das Land erstarren. Wissen sie, was ich gerade für einen Ärger habe, weil ich das Haus gestrichen habe? Jedes Jahr streichen wir das Hotel, seit Jahren schon, damit immer alles hübsch und ordentlich ist. Nie hat einer was gesagt – weil wir das immer am Wochenende gemacht haben. Diesmal haben wir die Handwerker in der Woche kommen lassen, und sofort stand der Bürgermeister auf der Matte. Wir hätten keinen Antrag gestellt. Man muss nämlich bei der Verwaltung beantragen sein Haus streichen zu dürfen. Den Antrag gibt es im Internet. Er ist 27 Seiten lang. 27 Seiten! Deshalb sieht in Frankreich oft alles so schrabbelich aus. Wer füllt denn 27 Seiten Antrag aus um zu streichen? Da lässt man es doch lieber schrabbelich.“ Die Leipzigerin hat sich in Rage geredet, als das Telefon klingelt. Sie nimmt den Hörer ab, horcht kurz hinein, dann haut sie ihn wortlos wieder auf die Gabel. Ich gucke irritiert.

„Das war die Stadtverwaltung“, sagt Sabine. „Das war aber unfreundlich“, sage ich. „Da war kein Mensch dran“, sagt Sabine und rührt wütend in ihrem Kaffee. Ich wusste nicht, dass man wütend Kaffee umrühren kann, aber Sabine macht das gerade. „Die Verwaltung nutzt Telefonmaschinen, die einen JEDEN TAG ANRUFEN und einem mitteilen, dass man mit einer Antragstellung in Verzug ist. Oder einen Termin vereinbaren soll, wegen was-weiß-ich. Und manchmal sagen die Maschinen auch nur, dass der Vorgang nicht bearbeitet wurde. Acht Anrufe bekomme ich pro Tag von Maschinen aus der Stadtverwaltung! Das ist unmenschlich! Aber die Franzosen kennen das ja kaum anders. Schlimme Bürokratie, dazu ein Bildungsniveau bei den 35 bis 55jährigen, dass weit unter euopäischem Schnitt liegt… das kommt dabei raus! Ich will hier nur noch weg.“

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Verfasst von - 5. November 2016 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch MaGenTu (8): Der schwarze Freitag

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Freitag, 13. Februar 2015, Turin

Man muss Turin nicht mögen. Vermutlich will es auch gar nicht gemocht werden, anders kann ich mir die geballte Menge an Totalausfällen hier nicht erklären. Schon bei meinem ersten Besuch, 2012, gab Turin ab der ersten Minute anstrengend. In der hatte ein vorbeischleudernder Geländewagen mein Motorrad um Haaresbreite von der Straße gefegt. Dazu kam, dass in Turin ist jede größere Straße mindestens 30 Meter breit und vierspurig ist und zwei parallele Parkstraßen mitbringt. Das brachte das Navi nachhaltig durcheinander. Und zu guter Letzt gibt es überhaupt keine Zweiradparkplätze. Turin ist halt FIAT, man fährt hier Auto. Die für italienische Städte so typischen Motorroller, die vielerorts den Großteil des Individualverkehrs stellen, sieht man hier nahezu gar nicht.

Der jetzige Besuch ist sozusagen die zweite Chance für Turin, nachdem ich vor drei Jahren beschlossen habe die Stadt vorsichtig unsympathisch zu finden. Vielleicht haben wir uns beim ersten Mal nur auf dem falschen Fuß erwischt? Das ist mir mit Florenz auch so gegangen. Die Stadt hatte sich beim ersten Mal unfreundlich und hässlich präsentiert und stank nach Pisse, aber nach 8 Besuchen in 5 Jahren sind wir heute beste Freunde.

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Turin: Grau in Grau, Straße an Straße.

Turin: Grau in Grau, Straße an Straße.

Turin scheint es aber auch in diesem Jahr nicht hin zu bekommen, irgendwie ist hier alles Käse. Gestern steckte ich in einer Personenvereinzelungsanlage fest und brauchte geschlagene fünf Stunden um eine einzige Kirche zu besichtigen, dann erwies sich eine weltbekannte Pinakothek bei genauerem Hinsehen als Zweiraumwohnung mit Aussicht, und heute geht es mit dem Lowperformertum munter weiter.

Um kurz nach 9 Uhr trabe ich auf das ägyptische Museum zu. Es ist die weltweit größte Sammlung ägyptischer Kunst ausserhalb von Ägypten, und die Räumlichkeiten wurden in den letzten zwei Jahren renoviert, was ein reißerischer Internettrailer auch nicht müde wird als „Immortal Experience“, als unsterbliche Erfahrung, zu vermarkten. (Ja, Italiener gehen mit englischen Begriffen ähnlich großzügig und kreativ um wie Deutsche.)

Baustelle: Das Ägyptische Museum. Muss ja unbedingt vor der Expo in Mailand noch komplett umgebaut werden.

Baustelle: Das Ägyptische Museum. Muss ja unbedingt vor der Expo in Mailand noch komplett umgebaut werden.

Ich habe geplant, den halben Tag im Museum zu verbringen und freue mich schon seit Wochen auf den Besuch. „Yes, we are Open!“ versichern schon Schilder am Bauzaun, „Every day! 08.30 – 19.00!!“, posaunt es von bunten Plakaten. Ich husche durch die Tür des Museums, die mir ein älterer Herr aufhält, dann sehe ich mich in der dunklen Vorhalle um. Überall sind noch Baugerüste. Der ältere Herr lässt eine Salve Schnellfeueritaliensch los, so daß ich lachend die Hände hebe und ihn auf italienisch bitte langsamer zu sprechen und keine komplizierten Worte zu verwenden. „Ach, bitte entschuldigen Sie“, sagt er daraufhin in perfektem Deutsch, „ich habe einen Fehler gemacht. Ich dachte Sie würden hier arbeiten. Das Museum öffnet erst in einer Stunde. Ich muss sie bitten, nochmal draußen zu warten.“

Dem Wunsch komme ich natürlich nach, merkwürdig ist das aber trotzdem. Wozu die ganzen Plakate, wenn doch nicht stimmt was da drauf steht? Sind wir hier in Süditalien, oder was? Aber es wird noch schlimmer.

Eine Stunde später kann ich endlich eine Karte lösen und bin überrascht, dass die nur ein Drittel des Normalpreises kostet. Aber egal. Ich betrete das Museum durch eine große Flügeltür und finde mich… in einem gigantischen Saal wieder, der ganz abgedunkelt ist. Überall stehen in Lichtsäulen ägyptische Statuen, hunderte davon! Das Ganze ist riesig, und in diesem Moment komme ich mir vor, als würde ich das endlose Lagerhaus aus „Indiana Jones“ betreten. Sehr beeindruckend!

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Als ich näherkomme, merke ich, dass das Ganze ein Schwindel ist.

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Verfasst von - 26. September 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch MaGenTu (6): Der Turm

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Mittwoch, 11. Februar 2015, Genua.

Vor einem halben Jahr dachte ich plötzlich: Meinen nächsten Geburtstag, den möchte ich gerne alleine verbringen. In Genua. Ich möchte dort am Leuchtturm in der Sonne stehen und auf´s Meer hinaussehen.
Die Idee kam aus dem Nichts, sie war einfach da. Irgend etwas zog mich noch einmal nach Genua. Und warum auch nicht?

Der elfte Februar ist mein Geburtstag, und in diesem Jahr sogar der Vierzigste. Das ist nichts Schlimmes, im Gegenteil. Ich habe gerade einen Punkt in meinem Leben erreicht, an dem ich sehr zufrieden mit mir und der Welt bin, wie dieser Tagebucheintrag beweist, der an diesem Abend im Hotelzimmer in Genua entstehen wird.

Aber noch ist recht früher Morgen, und ich möchte meinen Geburtstag an einem der schönsten Orte zelebrieren, den ich kenne: Staglieno. Der Monumentalfriedhof ist ein sehr intensiver Ort, den ich 2012 schon einmal besucht habe. Er liegt weiter oben in einem der Täler, in denen Genua wuchert. Ich nutze die Gelegenheit und gehe die knapp vier Kilometer zu Fuß, entlang des Sturzbachbetts, dass aus den Bergen kommend durch die Stadt bis zum Meer schneidet.

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Im Moment fließt nur ein klägliches Rinnsal in der breiten Schneise. Möwen paddeln darin herum und untersuchen interessante Steine. Die Menge an Unrat, die an Brückenpfeilern festhängt, zeigt, was hier an Wasser runterkommen muss, wenn es richtige Unwetter oder Schneeschmelze gibt.

Typisch Genua: An den Berghängen wuchert die Stadt in hässlichem Beton...

Typisch Genua: An den Berghängen wuchert die Stadt in hässlichem Beton…

...während die Bergketten von alten Festungen gekrönt sind, die von oben auf das Labyrinth der Stadt hinab blicken.

…während die Bergketten von alten Festungen gekrönt sind, die von oben auf das Labyrinth der Stadt hinab blicken.

Am Eingang zum Monumentalfriedhof gibt es zwei Büros. Ich überlege einen Moment, dann betrete ich das falsche, weil ich bei 50/50-Sachen IMMER verkehrt liege. Im Richtigen, das auf der linken Seite liegt, tut ein braungebrannter, kleiner Mann in einer blauen Arbeitsuniform Dienst. Er hat struppige, grau-schwarze Haare, die ihn ein wenig wie einen Wischmop aussehen lassen. Er trägt eine Lesebrille, die er immer wieder auf die Stirn hochschiebt, etwas liest, und sie dann gleich wieder mit einem Zucken des Gesichts auf die Nase fallen lässt. Er wirkt schmutzig und ungepflegt, auch wenn er es nicht ist. Es gibt so Leute, die wirken immer dreckig und ungepflegt, selbst wenn sie gerade aus dem Schaumbad steigen.

Der schmutzige Stirnrunzler ignoriert mich zunächst, was für italienische Beamte, egal ob bei der Bahn oder sonstwo, normal ist. Italien hat eine ENORM aufgeblähte Bürokratie, die man mit Beziehungen schnell umgehen kann. Der Dienstweg dagegen, der ist aber ganz von Willkür geprägt. Nach einer angemessen demütigen Wartezeit sage ich vorsichtig „Buongiorno, Signore. Scusate, averebbe una fotocopia d´un mappe dello Cimitero per me?“ Verzeihen Sie, hätten Sie vielleicht eine Karte des Friedhofs für mich?

Der Knilch runzelt die Stirn und blickt mich böse an. „Sei Inglese?!“ herrscht er mich an, bist du Engländer? „No, no, sono tedesco. Scusate mio italiano male…“, Nein, ich bin deutscher, entschuldigen Sie mein schlechtes italienisch.

Plötzlich fährt ein Lächeln über das Gesicht des schmutzigen Gremlins. Er springt zu einem Regal und sucht eine Karte von Staglieno heraus, dann wühlt er in einem Karton und legt ein Heft vor mir auf den Tresen. Er schiebt seine Lesebrille in den Haaransatz und sagt in dem monotonen Tonfall, den Italiener drauf haben, wenn sie RICHTIG gut deutsch sprechen: „Ahh, Deutscher. Ich bin ein Fan der deutschen Sprache. Wussten Sie, das Goethe gesagt hat: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, der weiß nichts über seine eigene“? Er zuckt, und die Lesebrille fällt aus ungeahnten Höhen auf seine Nase. „Ich lerne Deutsch, um mehr über das Italienische zu erfahren, und ich hoffe, dass Sie es mir umgekehrt gleich tun.“

Ich bin baff.

In perfektem Deutsch erläutert er mir noch kurz die Karte, dann bedanke und verabschiede ich mich von dem Friedhofsarbeiter, in dem mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermutet.

Eingangstor zu Staglieno.

Eingangstor zu Staglieno.

Anders als bei meinem ersten Besuch nehme ich gleich den richtigen Eingang zum eigentlichen Monumentalfriedhof. Genauso wie bei meinem ersten Besuch bin ich nahezu alleine, als ich durch die schier endlosen Arkaden mit den Monumentalgräbern und die Gänge der Ossuarien wandere.

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Verfasst von - 12. September 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch MaGenTu (4): Die vertikale Stadt

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Städtehopping im Februar 2015. Heute geht es von Mailand nach Genua. Inklusive Geisterschiff, Piratenschiff und einer Zahnradbahn.

Montag, 09. Februar 2015, Mailand.

„Stellen sie sich vor, nur 9 Euro von Milano nach Genova! Und bis nach Napoli nur 39 Euro! So billig ist Bahnfahren! Es ist wie ein Wunder! Ein Geschenk des Himmels!“ Der alte Mann redet unablässig auf sein Gegenüber ein und preist das Wunder der Eisenbahn. Dabei ist der Zug, in dem wir gerade sitzen, schon stark in die Jahre gekommen. Durch das Plumpsklo am Ende des Wagens kann man auf die Gleise sehen, also ist dieser Intercity vermutlich so um die 40 Jahre alt. Er rumpelt und wackelt durch die Landschaft, als hätten die Gleise Schlaglöcher.

Wir sind zu sechst in einem engen Abteil. Eine Hausfrau, die unablässig auf ihrem Handy rumtippt, vier ältere Herren zwischen 60 und 80 und ich. Die Männer tragen alle Cordhosen, Strickjacken und Schiebermützen. Alle dösen vor sich hin oder lesen, nur der Mann neben mir hat Mitteilungsbedürfnis und redet alles, was ihm gerade einfällt. Über die Preise der Bahn, zum Beispiel. Die sind kein göttliches Wunder, wie er glaubt. Warum Bahnfahren in Italien so billig ist könnte ich ihm sogar erklären.

Bahnhof in Mailand: Los geht´s, gen Süden!

Bahnhof in Mailand: Los geht´s, gen Süden!

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Exkurs: Die Bahn in Italien
Trenitalia, das staatliche Bahnunternehmen, wird von der Bevölkerung innig gehasst, und das aus guten Gründen. Offiziell ist die italienische Bahn ein Wirtschaftsunternehmen und soll auch so geführt werden, hat dazu aber aus drei Gründen keine Möglichkeit.

1. Schulden. Der Staat schiebt Verluste aus anderen Bereichen in die Zuständigkeit von Trenitalia. Damit sind die Schulden aus dem Landeshaushalt raus und Problem des Unternehmens, dass in den Zahlen und Statistiken des Staates ja nicht auftaucht.

2. Jobs. Einen Arbeitsplatz bekommt man bei Trenitalia so gut wie nie wegen der Qualifikation, sondern aus politischen Gründen. Zum einen werden unbequeme und in Ungnade gefallene Beamte dorthin abgeschoben. Für die ist Trenitalia das Abstellgleis, und entsprechend motiviert sind sie. Dabei ist die Arbeit eigentlich gut bezahlt, es gibt eine Krankenversicherung, alles ist Krisensicher und man wird nicht gefeuert. Als Angestellter bei Trenitalia hat man ausgesorgt, und das macht die Jobs so begehrt, dass man nur über Beziehungen rankommt. Stellen werden nicht nach Qualifikation vergeben, sondern an Verwandet, Freunde und Freunde von Freunden. Was dabei rauskommt kann man sich denken.

Mit Arbeitsplätzen lässt sich auch die Arbeitslosenstatistik gut frisieren. Regelmäßig wird von der Politik einfach mal verordnet, dass Trenitalia jetzt mal 30.000 neue Jobs bereitzustellen hat, zufällig in den Regionen, in denen in diesem Jahr gewählt wird. Das resultiert in einem gigantischen Wasserkopf aus unmotiviertem, schlecht qualifiziertem und patzigen Personal. Obwohl jede Stelle quasi zweimal besetzt ist und auch entsprechende Kosten verursacht, ist das Leistungsniveau auf dem Level eines kommunistischen Staatsbetriebs.

3. Preise. Bahnfahren in Italien ist spottbillig. Viel billiger als es sein dürfte, wenn das Unternehmen wirklich wirtschaftlich agieren müsste. Dem ist aber nicht so. Die meisten Strecken kosten, bei entsprechend früher Buchung, 9 Euro, manchmal auch 19 oder maximal 39 Euro, dafür kann man dann aber schon den ganzen Stiefel entlang von Mailand bis nach Lecce fahren. Die Preise sind keine Marktpreise, sondern von der Politik festgesetzt. Der Grund: Bahntickets sind im statistischen Warenkorb enthalten, und das Verhältnis des durchschnittlichen Ticketpreises zum Durchschnittseinkommen ist ein bedeutender Faktor bei der Berechnung der Wirtschaftskraft des Landes. Die Regierung mogelt sich hier also die Statistik über billige Bahntickets schön.

Die Ironie: Obwohl Trenitalia von allen Italienern gehasst wird und das Abladebecken für Unfähigkeit ist, funktioniert es meistens immer noch besser als die Deutsche Bahn. Das muss man auch erstmal hinbekommen.
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Ich behalte dieses ganze unnütze Wissen für mich und widme mich wieder dem Buch*, während die Labertasche einen Sitz weiter schon bei einem ganz anderen Thema ist. Um uns herum wird die graue Februarlandschaft hügelig, dann wachsen sich die Hügel zu einem Gebirge aus, durch dessen Mitte der Zug durch einen Tunnel rumpelt. Als er wieder daraus hervorkommt, fährt er über eine hohe Brücke. Von hoch oben sehen ich über das Häusermeer einer Großstadt hinab. Der graue Dunst verschwunden, und goldenes Sonnenlicht scheint durch die dreckigen Fenster des Zugs. Es ist, als hätte die Bahn mit der Fahrt durch den Tunnel auch einen Sprung in eine andere Welt gemacht. Die Stadt da unten sieht ganz anders aus als Mailand, dass ich vor knapp zwei Stunden erst verlassen habe.

Mailand ist Business. Die Innenstadt ist eine endlose Aneinanderreihung von Bürogebäuden der Banken und Versicherungen, und in den Ladenstraßen findet sich nur ein Modelabel-Flagshipstore am nächsten. Andere Geschäfte, wie Supermärkte, oder für Dinge des täglichen Bedarfs – das alles gibt es nicht. Nicht mal die üblichen Gedönshändler mit ihren Andenkenständen gibt es hier. Mailand wirkt… steril. Der Eindruck wird durch die breiten Straßen und modernen Gebäude verstärkt. Mailand hat alles Neue begrüßt und sofort umgesetzt, und sich dabei radikal von alten Sachen getrennt. Die Stadt ist 2.600 Jahre alt, aber sie wirkt, als hätte sie keine Vergangenheit.

Das genaue Gegenteil von Mailand ist Genua.
Gerade mal 90 Minuten südlich von Mailand liegt La Superba, die Großartige. Und ja, in Genua ist vieles groß und vieles anders als anderswo. Von der Hochbrücke aus kann ich sehen, dass die Stadt wie eine Wucherung in mehreren Tälern der ligurischen Berge liegt. Der Hauptteil der Stadt zieht sich zwischen den Bergen und dem Meer auf fast 30 Kilometern Länge dahin, ein riesiges Labyrinth aus Beton. Und ein dreidimensionales noch dazu: Manche Stadtteile sind an steile Bergrücken angebaut, und alles ist in- und übereinandergschachtelt. Manche Gebäude türmen sich übereinander, andere verschwinden im Boden.

Der Bahnhof Statione Principe, in den der Zug schlußendlich einrumpelt, liegt unter dem Straßenniveau, gleichsam in einem nach oben hin offenen Tunnel.

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Vor dem Bahnhof steht der berühmteste Sohn der Stadt, Christophoro Colombo, und starrt grimmig Löcher in die Luft.

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Genua hat viel Vergangenheit, und die leugnet es auch nicht. Einst war es die große Seerepublik, die mit Venedig im Dauerclinch lag, und das die erste Bank der Welt hervorbrachte (die 600 Jahre bestand und erst vor Kurzem, in der Wirtschaftskrise, die Flügel streckte). Dann war die Stadt DAS angesagte Winterdomizil für den Adel aus ganz Europa und Russland, danach folgte ein Absturz zum Industriehafen und Hochburg von Kriminalität und Schmuggel. All diese Epochen haben die Stadt gezeichnet. Aus der Frühzeit ist die größte, zusammenhängende Altstadt Europas geblieben. Aus der Ferienzeit im 19. Jahrhundert zeugen die schmiedeeisernen Wintergärten und viktorianischen Stadthäuser, die 6 bis 10 Stockwerke in den Himmel ragen und immer noch reich verziert sind. Handels- und Kreuzfahrthafen ist Genua immer noch, aber die Sache mit der Kriminalität hat man im Zuge der Stadtsanierung zum Anlass des Christoph-Columbus-Jahrs 1992 in den Griff bekommen. Damals wurde das ganze Hafenviertel umgestaltet. Das hat ausgerechnet Renzo Piano gemacht, der Architekt, der mich überall hin verfolgt. Dunkle, enge Gassen gibt es in Genua immer noch genug, aber man kann sich in ihnen bewegen ohne Angst haben zu müssen abgestochen zu werden.

Der Bahnhof Brignole in Genua.

Der Bahnhof Brignole in Genua.

Dunkel ist es sicher nicht, als ich um 11.00 Uhr vom Bahnhof aus in die Richtung laufe, in der ich die Innenstadt vermute. Es herrscht strahlender Sonnenschein, die Luft ist mit 11 Grad recht warm, und als ich die alten Häuser und das geschäftige Gewusel in den vielen, kleinen Läden sehe, geht mir das Herz auf. Das hier ist wirklich ganz anders und viel schöner als in der Bankenmetropole Mailand.

Sofort mache ich Bekanntschaft mit einer Genueser Spezialität: Dem Ladentypus der Foccacheria.

Die erste ist gleich die beste Focchacceria: „Di Teobaldo“ in der Via Balbi.

Nun mag ich ja Focchaccia, dieses bröselige Brotding, eigentlich nicht, wie ich in mehreren Anläufen auch hier vor Ort rausgefunden habe. Aber eine Focchacceria bietet auch Pizza vom Blech und Calzone an. Bezahlt wird nach Gewicht und MAN, ist die Pizza hier gut! Mampfend gehe ich die Straße hinunter und komme an der Universität vorbei. Ich kann nicht anders und muss einen Blick hinein werfen. Holla! Alles ist edel und ehrwürdig, die Klassenräume in altem Holz gehalten und mit Kronleuchtern und Gemälden versehen. Es sieht so aus, als hätte sich hier in den letzten 300 Jahren nichts verändert. In so einem Ambiente studiert es sich doch gerne!

Innenhof der ehrwürdigen Universität zu Genua.

Innenhof der ehrwürdigen Universität zu Genua.

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Kleiner Hörsaal.

Kleiner Hörsaal.

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Verfasst von - 29. August 2015 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Paris (7): Thanatourismus

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Mittwoch, 29. Oktober 2014, Paris

Es ist nebelig und klamm, aber nicht mehr so schneidend kalt wie gestern. Als ich an diesem Morgen das Hotel verlasse, trage ich den großen N7-Rucksack auf meinem Rücken, denn heute ist der Tag der Heimreise.

Tschüss, Montmartre. War bestimmt nicht das letzte Mal.

Tschüss, Montmartre. War bestimmt nicht das letzte Mal.

Ein letztes Mal das Treppenhaus des Hotels runterhoppeln.

Ein letztes Mal das Treppenhaus des Hotels runterhoppeln.

An der Seite es Rucksacks ist eine schwarze Dokumentenrolle aus Kunststoff befestigt. Ich kaufe unterwegs ja gerne Bilder und alte Landkarten, und mit dieser Konstruktion bekomme ich bis zu 1,50 breite Dokumente transportiert ohne sie zu beschädigen. Sieht halt nur merkwürdig aus, der Rucksack war mal ein US-Aufklärer-Marschgepäck, bis Meister Edem dran rumgetüftelt hat. Jetzt sieht das Ding aus der Entfernung aus wie Sturmgepäck mit angebautem Raketenwerfer. Prompt gerate ich in eine Kontrolle – schwer bewaffnete Polizisten stehen in der U-Bahn und filzen die Pendler. Allerdings suchen die nur nach Drogen bei Pendlern, Raktenwerfertragende Touristen interessieren sie nicht.

Frei nutzbare Klaviere stehen jetzt wirklich überall rum. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviele Menschen noch Klavier spielen können und das in einem Bahnhof auch tun.

Frei nutzbare Klaviere stehen jetzt wirklich überall rum. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviele Menschen noch Klavier spielen können und das in einem Bahnhof auch tun.

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Verfasst von - 30. Mai 2015 in Reisen, Wiesel

 

Assassins Creed Tour II: Venezia

Das ausgehende 15. Jahrhundert ist die Zeit der Renaissance. Ihre Wiege steht in Norditalien: Gelehrte und Künstler werden von den reichen Familien nach Florenz, Genua und Venedig geholt, um dort einzigartige Kunstwerke zu schaffen. Architektur, Malerei, Bildhauerei – alles macht gigantische Sprünge und zeigt wozu der Mensch fähig ist. Nach den dunklen Zeiten des Mittelalters, in denen Antikes Wissen von der Kirche verboten wurde und in Vergessenheit geriet, ist nun ein Aufatmen zu spüren.

In dieser fantastischen Zeit des Umbruchs spielt die Geschichte des jungen Ezio Auditore. Er lebt im Jahr 1478 in Florenz, interessiert sich allerdings weniger für Kunst und Kultur als vielmehr für die Verlockungen des weiblichen Geschlechts. Das ändert sich, als durch ein Komplott seine ganze Familie erst verhaftet, dann auf der Piazza di Signoria hingerichtet wird. Ezio flüchtet Richtung Siena, und wird im Dörfchen Monteriggioni zu einem Kämpfer ausgebildet. Voll Wut kehrt er nach Florenz zurück und deckt die Verschwörung der Familie Pazzi gegen die Medici auf. Aber dahinter steckt noch etwas anderes, etwas Größeres. Rodrigo Borghia, einer der gefährlichsten Männer Europas, hat seine Finger im Spiel und bereitet etwas vor, dass die Welt verändern wird. Ezio hat keine Ahnung was das sein könnte, aber er kennt den Ort, an dem es passieren wird: Venedig. Er reist in die Lagunenstadt und beginnt die Verschwörer zu jagen…

Basilica San Marco und Torre d´Orologio, Bild aus dem Debüttrailer von Assassins Creed II.

Basilica San Marco und Torre d´Orologio, Bild aus dem Debüttrailer von Assassins Creed II.

Es war das Spiel „Assassins Creed II“, dass 2010 meine Lust am Reisen geweckt hat. Im Videospiel kommt man in der Zeit der Renaissance von Florenz über Orte wie San Gimignano bis nach Venedig. Diese Städte sind mit viel Liebe zum Detail digital nachgebaut – natürlich stark verkleinert und vielfach so optimiert, dass es dem Spielfluss dienlich ist. Dennoch wirken sie glaubhaft und lebendig. Aber wie weit haben sich die Gamedesigner wirklich an die Vorlage gehalten und was ist erfunden? In 2010 reiste ich gemeinsam mit Modnerd nach Florenz, San Gimignano und Monteriggioni, um die Städte und „Landmarks“, also besondere Bauwerke, die besonders echt nachgebaut sein sollen, zu suchen und zu vergleichen.

Mein Stadtplan mit den Markierungen für Landmarks, Sehenswürdigkeiten und - Toiletten. Damals kannte ich den Trick mit dem Caffé noch  nicht.

Mein Stadtplan mit den Markierungen für Landmarks, Sehenswürdigkeiten und – Toiletten. Damals kannte ich den Trick mit dem Caffé noch nicht.

Das Ergebnis: Auch wenn teilweise die Proportionen nicht stimmen: Look&Feel hat das Spiel sehr gut eingefangen. Im Februar 2012 verschlug es mich dann nach Venedig. Im Gepäck: Eine Karte mit allen Landmarks, die Assassins Creed II für die Stadt anbietet. Fünf Tage streifte ich durch die Stadt, bis ich alle gefunden hatte. Hier ist der letzte Teil der Assassins Creed II-Tour.

Der Großteil der Landmarks im Spielvenedig sind Kirchen – wen wundert´s. Einige sehen heute anders aus als vor 500 Jahren, aber der Großteil ist gut erkennbar.

Karte von Vendig von Jacopo de´Barbari, entstanden 1500 - und erstaunlicherweise auch heute noch in vielen Teilen korrekt. Ich hatte das Glück eine verkleinerte Reproduktion der Karte in einem kleinen Papierladen in der nähe des Hard Rock Cafés zu finden. Der Originalholzschnitt war 2,80 Meter breit und 1,35 hoch, meine Karte ist nur 1,30 Meter breit. Sie im Rucksack unversehrt zurück nach Deutschland zu bringen war trotzdem nicht einfach.

Karte von Vendig von Jacopo de´Barbari, entstanden 1500 – und erstaunlicherweise auch heute noch in vielen Teilen korrekt. Ich hatte das Glück eine verkleinerte Reproduktion der Karte in einem kleinen Papierladen in der nähe des Hard Rock Cafés zu finden. Der Originalholzschnitt war 2,80 Meter breit und 1,35 hoch, meine Karte ist nur 1,30 Meter breit. Sie im Rucksack unversehrt zurück nach Deutschland zu bringen war trotzdem nicht einfach.

Nahaufnahme der Barabarigokarte. Der Detailgrad ist beeindruckend.

Nahaufnahme der Barbarikarte. Der Detailgrad ist beeindruckend, und weil sich in Venedig nichts verändert hat, funktioniert sie auch heute noch als Stadtplan.

Skurriles
Ein paar skurrile Dinge vorab.

Als ich mit einem Bus unterwegs war, kamen wir an einer riesigen, militärisch anmutenden Yacht vorbei. Als ich deren Namen sah, musste ich sehr grinsen. Altair ist der Name des Protagonisten aus Assassins Creed I, das im Jahr 1100 in Damaskus spielt.

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Allerorten sieht man in Venedig den Einfluss der Templer.

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Diese merkwürdigen Holzbauten auf den Dächern der Häuser, in denen sich Ezio vor Wachen versteckt? Die gibt es wirklich.

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Die Pferde, die heute auf der Front der Basilika San Marco zu sehen sind, sind Reproduktionen. Die echten stehen im Inneren. Und sie sind wunderschön. Es war merkwürdig, etwas so Wunderschönem gegenüber zu stehen und zu wissen, das dieses Kunstwerk 1.000 Jahre alt ist. Im Jahr 1204 wurden sie von den Venezianer in Byzanz (Istanbul) geraubt und nach Venedig gebracht, wo sie dann 1798 Napoleon raubte und nach Paris bringen liesse. 1815 kamen sie dann aus dem Louvre zurück an die Lagune. Die Pferde bestehen aus vergoldetem Kupfer, wobei man den Goldüberzeug verkratzte, damit die Pferde nicht blenden.

1.000 Jahre alt und wunderschön.

1.000 Jahre alt und wunderschön.

San Giobbe
San Giobbe war die erste Kirche die ich suchte, einfach weil sie direkt um die Ecke meiner Unterkunft im Stadtteil Cannaregio sein musste. Sie war auch eine der am schwersten zu findenden, weil sie unscheinbar ist und sich zwischen Wohnhäusern am Eingang des Ghettos (DES Ghettos, des ersten der Welt) versteckt. Gebaut wurde sie zwischen 1450 und 1473 im Auftrag des Dogen Christofo Moro, der auch darin bestattet ist.

Das Original hat heftig unter dem Kapillareffekt zu leiden, auch ein Grund, weshalb die Fassade mehrfach erneuert wurde:

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San Giobbe im Spiel:

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Die Ähnlichkeit ist nicht besonders groß – entweder die Designer haben sich keine Mühe gegeben, oder die Kirche hat sich in den Jahrhunderten nicht unerheblich verändert.

Ponte di Rialto
Ach ja, die Rialtobrücke. Untrennbar mit Venedig verbunden. Sie überspannt den Canale Grande und verbindet die Stadtviertel San Marco und San Polo miteinander. Die heutige Brücke ist aus Stein und wurde 1588 erbaut.

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100 Jahre früher war Sie aus Holz und, ähnlich wie der Ponte Vecchio in Florenz, mit Geschäften gesäumt.

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Verfasst von - 22. September 2013 in Assassins Creed, Assassins Creed Touren

 

Motorradreise 2012, Tag 11: Friedhof, Flirtrennen und die Frau mit den Nüssen am Tag, den es nicht gibt

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Silencer war im Juni 2012 mit dem Motorrad in Europa unterwegs. 4.500 Kilometer, über 30 Orte, 16 Tage. Dies ist das Tagebuch der Reise. Am elften Tag geht es auf der Spur der Geschichte der Frau mit den Nüssen über Genua in den Piemont.

Montag, 11. Juni 2012, Locanda Lalla Norma e Nonno Puìn, Moconesì, Ligurien

Die Locanda Lalla Norma liegt so tief in den Bergen, dass es hier kein Internet, kein UMTS und kein Edge gibt, und selbst GPS-Geräte tun sich in den Tälern schwer. Dafür gibt es an diesem Morgen Regen. Die Wolken kuscheln sich immer noch an die grünen Berghänge und lassen gemütlich laufen: Es schüttet wie aus Eimern.

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Ich frage Oma Norma ob das jetzt so weiter geht. „Nein, nein“, lacht die kleine Frau, die irgendwie vogelartig wirkt, „nur heute, morgen wird es wieder gut!“ Ich verdrehe die Augen und seufze, denn das nützt mir natürlich gar nichts. Morgen um diese Zeit will ich hunderte Kilometer weg sein von Moconesì und der Locanda Lalla Norma.

Egal, erstmal gehe ich jetzt die Treppe zum Restaurant hinunter, wo das Frühstück serviert wird. Das hat seinen Namen auch verdient: Statt dem üblichen italienischen Cargokult gibt es hier Croissants, Weißbrot, Zwieback, Marmelade, Schinken, Käse und Joghurt. Dazu gibt es einen der besten Caffés, die ich je getrunken habe.

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Gutgelaunt packe ich nach dem Frühstück meine Sachen. Dabei lasse ich mir Zeit, denn ich habe es nun wirklich nicht eilig in das Mistwetter zu kommen. Auch, wenn der Regen langsam nachlässt. Heute ist Montag, und eigentlich hatte ich geplant 250 Kilometer weiter nordwestlich unterwegs zu sein. Das ich jetzt hier, in den Bergen, bin, habe ich einem irren Zufall zu verdanken. Kurz vor meiner Abreise habe ich noch ein ganz besonderes Ziel entdeckt, das ich gerne besuchen möchte. Ein Museum, in Turin. Das hat aber Montags geschlossen, und damit ich es besuchen kann, musste ich die Reise um einen vollen Tag verlängern. Eigentlich hätte diesen Tag, so wie er heute stattfindet, nicht geben sollen. Montag. Der Tag, den es nicht gibt. Aber sei´s drum, so kann ich mir wenigstens Genua, die alte Hafenstadt an der ligurischen Riviera, ausführlich ansehen.

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Nachdem ich die Koffer durch den strömenden Regen zum Motorrad getragen habe, verabschiede ich mich von meinen Gastgebern. Guido, der Glatzkopf, ist nach wie vor schüchtern-nett, aber Oma Norma bedankt sich überschwenglich und herzlich, weil ich so ein höflicher Gast war und versucht habe die Sprache meiner Gastgeber zu sprechen. Ich dürfe gerne nächstes Jahr wiederkommen. Das kann ich der lieben Vogeloma nicht versprechen, denn der Weg nach Moconesì ist wirklich schlimm.
Bei der Fahrt durch den Ort fällt mir die Kirche auf, deren Fenster eine ungewöhnliche Sternform haben.

Ungewöhnliche Fensterform. Und nein, so gut war das Wetter nicht. Das Bild ist von Streeview. Als ich dort war, hat es in Strömen geregnet.

Ungewöhnliche Fensterform. Und nein, so gut war das Wetter nicht. Das Bild ist von Streeview. Als ich dort war, hat es in Strömen geregnet.

Ich tanke direkt im Ort und steuere die Kawasaki danach auf die Landstrasse. Vor mir schleicht ein winziger Chevrolet Matiz mit Tempo 40 dahin. Für mich eine guter Grund langsam hinterher zu zockeln, denn bei dem Regen und den geflickten Strassen mag ich auch nicht schneller fahren. Zum Glück ist die Strasse nicht so schlimm wie gestern. Sie ist breiter, griffiger, besser ausgebaut und weniger… dreidimensional. Allerdings hat jemand auf der Ideallinie Öl verloren. In regelmäßigen Abständen schillert es bunt, noch ein Grund langsam und vorsichtig zu fahren. Ab und an winke ich drängelnde SUV vorbei, die dann hinter dem Matiz hängen bleiben und das kleine Autochen mit Kamikazeaktionen überholen. Die Strasse windet sich an den Bergen entlang. Die umliegenden Täler sind dicht bewaldet, vereinzelt hängen Nebelfelder und Wolken im Grün fest. Zusammen mit der Wärme und dem Regen hat die Szenerie etwas von Urwald.

Nach 10 Kilometern im Regen und unter einem bleigrauen Himmel zockelt der Matiz in einen Tunnel und ich hinterher. Es ist keine Todesfalle wie gestern, sondern ein langweiliger, neuer Tunnel nach EU Standard. Ich verabschiede mich in Gedanken vom Matiz, gebe Gas und mit einem kurzen Aufbrüllen ist die Kawasaki an ihm vorbei.

Nach mehr als drei Kilometern sehe ich endlich Licht am Ende des Tunnels – Sonnenlicht! Als das Motorrad aus dem Berg herausfährt, bleibt mir – wieder einmal- kurz der Atem weg. Unter einem wolkenlosen, blauen Himmel öffnet sich ein grünes Tal, und vor dem Hintergrund des Meeres liegt Genua im strahlenden Sonnenschein vor mir ausgebreitet. Ich fahre das Sonnenvisier runter, und mit einem lauten WOOOOOOOHOOOOOOO gebe ich der Kawasaki mit neuer Motivation die Sporen.

Reiseroute Tag 11: Von Moconesì über Genua durch den Piemont nach Cassine.

Reiseroute Tag 11: Von Moconesì über Genua durch den Piemont nach Cassine.

Die SS450, auf der ich gerade fahre, ist der große Zubringer zur Stadt und stellenweise mehrspurig. Obwohl es schon kurz vor Zehn ist, sind immer noch viele Pendler unterwegs, und der Verkehr wird dichter je näher ich der Stadt komme. Im Rückspiegel fällt mir ein Roller auf, der äußerst elegant um Autos herumkurvt, geschickt die Spuren wechselt und schnell vorankommt. Als mich die kleine Kiste überholt, sehe ich kurz rüber. Mit durchgedrücktem Rücken sitzt eine junge Frau im Hosenanzug hinter dem Lenker. Die Augen sind hinter einer riesigen Sonnenbrille verborgen und sie trägt knallrot leuchtenden Lippenstift. Während sie mich überholt, schaut sie kurz zu mir hinüber, lächelt und nickt mir zu. Dann gibt sie Gas und zieht davon.

Mir gefällt ihr zügiger Fahrstil, und so gebe ich ebenfalls Gas und hänge mich an sie ran. Wie ein Schatten folgt die massige Kawasaki der schlanken Vespa durch den Stadtverkehr, wechselt die Spuren, nutzt auch mal Abbiegespuren um schneller voranzukommen und mogelt sich so rasant schnell durch den Stadtverkehr. Kilometer um Kilometer zieht sich die Zubringerstrasse durchs Tal, immer an einem trockenen, mit Geröll bedeckten Bett eines Sturzbaches entlang. Die Vespa summt und kurvt durch den fliessenden Verkehr vorneweg, die Kawasaki taucht hinterher. Ein paar Mal versuche ich sie spielerisch auf Alternativrouten zu überholen – sie fährt rechts um eine Kolonne Autos herum, die Kawasaki wischt links vorbei und umgekehrt – aber jedesmal wenn wir gerade gleichauf sind, findet die Rollerfahrerin eine bessere Lücke und zieht wieder davon, und wenn das passiert, guckt sie kurz rüber und lacht. Es ist wie ein Spiel, wir spielen Fangen auf zwei Rädern, mitten im Stadtverkehr, und hinter dem Sonnenschutz des Helms grinse ich breit über diese Ausgelassenheit und Lebensfreude.

Die mehrspurige Strasse am trockenen Lauf eines Sturzbaches jagen Vespa und Kawasaki sich gegenseitig kilometerweit entlang.

Vespa und Kawasaki jagen sich gegenseitig die mehrspurige Strasse am trockenen Lauf eines Sturzbaches entlang.

Ich finde es äußerst schade als die Stimme des Navi im Helm ansagt, an der nächsten Kreuzung links abzubiegen, während ich schon sehe, dass die Vespa nach rechts blinkt. Nun stehen wir beide an einer Ampel, sie rechts, ich links, zwischen uns zwei Geradeausspuren.

Die Vespafahrerin sieht herüber und wirft mir eine Kusshand zu. In diesem Moment fängt das Navi an zu rechnen und verkündet dann: „Bitte biegen Sie JETZT rechts ab“. Hä? Ich blicke auf den Bildschirm und sehe exakt meine Position an der Kreuzung, und tatsächlich hat sich gerade die Wegstrecke geändert. Habe ich mit Gedankenkraft die Routenplanung geändert? Als die Ampel auf Grün umspringt gebe ich Gas, und das Maschine katapultiert aus dem Stand heraus los und saust mit radierendem Hinterrad um die Kurve, bevor jemand anders auch nur anfahren kann. Da jede Abbiegerspur getrennt geschaltet wird (darauf hatte ich natürlich vorher geachtet), und kein Gegenverkehr da ist, kann ich einfach nach rechts abbiegen und an der Rollerfahrerin vorbeiziehen, die mir ungläubig hinterher sieht.

Die Vespafahrerin bekommt unmittelbar danach Grün und hängt sich nun ihrerseits an mein Heck. Allerdings nicht lange, als wir über eine Brücke fahren, überholt sie mich schon wieder mit einem breiten Lächeln, winkt kurz herüber und setzt sich vor mich. Noch ein paar Strassen geht das so, dann trennt das Navi uns endgültig. Die Rollerfahrerin verschwindet im Gewirr der Nebenstrassen, während ich die Hauptstrasse hinunterrollen soll. Bye, Rollergirl, das hat Spaß gemacht.

Merkwürdig… so hatte ich mir diesen Teil der Route nicht vorgestellt. Auf Google Maps sah das hier irgendwie anders aus. Als das Navi verkündet „Sie haben ihr Ziel erreicht“, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Ich befinde mich mitten in einem Wohn- und Geschäftsviertel, müsste aber Gebäude aus dem 19. Jahrhundert um mich herum haben. Ich kurve ziellos in der Gegend herum und halte einige Strassen weiter vor einem Bürohaus. Ich klappe den Helm auf, ziehe das iPhone aus der Jacke und blicke mich um. Mein Blick trifft den einer jungen Frau mit Hosenanzug und knallrotem Lippenstift, die gerade dabei ist ein Bürohaus zu betreten. Sie sieht mich irritiert an und verschwindet schnell durch die Glastür.
Ich muss grinsen. Ich hoffe, ich habe ihr keine Angst gemacht und sie denkt nun, ich wäre ein irrer Stalker, der sie verfolgt, weiß wo sie arbeitet und vielleicht auch noch wo sie wohnt… ein kleines, leicht angeflirtetes Rennen im Berufsverkehr ist eine Sache, Stalking etwas anderes.

Ich blicke wieder auf´s iPhone und gehe online. Egal ob das jetzt Roaminggebühren kostet, ich muss wissen wo ich bin und wo ich hin muss, und das Navi ist gerade keine Hilfe. Schnell finde ich heraus, dass mein Ziel drei Kilometer die Hauptstrasse herunter liegt, das finde ich auch ohne Navi. Mit Problemen bei der Fahrt durch Genua hatte ich gerechnet, aber nicht, das die so früh beginnen. Die Stadt liegt nämlich teilweise übereinander. Die Hafenanlagen und die Altstadt liegen im Tal am Meer, aber ein Teil der Stadt ist in und auf die umliegenden Berge gebaut, und die vielen, kleinen Gassen sind durch ein komplexes System aus Tunnel und Brücken miteinander verbunden. So kommt es, dass es keine genaue 2D-Karte von Genua gibt. Dazu ist die Stadt zu dreidimensional, was Navis, so hörte ich zumindest, oft aus dem Tritt und verirrte Fahrer zur Verzweifelung bringt.

Aber so weit ist es noch nicht. Ich stecke das iPhone weg, klappe den Helm wieder zu und fädele mich in den fliessenden Verkehr ein, was in Italien ein Kinderspiel ist, weil die Leute aufeinander achten und einen auch wirklich reinlassen, wenn man nur entschlossen genug ist und diese Absicht auch mitteilt.

Wenige Minuten später habe ich mein Ziel gefunden. Der Platz davor ist total überlaufen. Blumen- und Kerzenlädchen stehen dicht an dicht, ihre Besitzer sitzen davor und dösen in der Sonne. Der kleine Parkplatz ist vollkommen überfüllt, weshalb ich das Motorrad schräg auf eine Ecke neben Müllcontainer parken muss.

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Ich hänge mir die Motorradjacke über die Schulter, bahne mir einen Weg vorbei an einer wild gestikulierenden Gruppe schwarz gekleideter Frauen und mache mich auf Entdeckungstour durch Staglieno.

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Die Geschichte von Staglieno
Staglieno ist der Name eines Stadtteils von Genua, wird aber gemeinhin synonym für den Monumentalfriedhof verwendet, der sich dort befindet. Diesen Friedhof ist einer der schönsten der Welt, man nennt ihn in einem Atemzug mit dem Wiener Stadtfriedhof, den Cimetere Montparnasse und Pére Lachaise in Paris und dem alten jüdischen Friedhof in Prag. Dabei ist er weniger für die internationalen Berühmtheiten bekannt. Davon liegen hier nicht viele, allenfalls B-Promis wie die Frau von Oscar Wilde. Nein, Staglieno ist bekannt für seine ganz besondere Art der Grabgestaltung.

Der Friedhof sollte durch seine Gestaltung und Größe den Rang Genuas als eine bedeutende und reiche Handelsstadt wiederspiegeln, weshalb das Gelände schon früh als pompöse Nekropole, eine Stadt der Toten, angelegt wurde. Es sollte ein Ort sein, an dem Reiche Leute gerne begraben würdem. Als der Friedhof 1851 eröffnet wurde, bestand er aus einem großen, rechteckigen Bau mit Kolonnaden (Laubengängen), in deren Wänden sich Grabnischen befanden. Genau gegenüber des Haupteingangs erhob sich ein Pantheon. Schon wenige Jahrzehnte später wurde der Friedhof nach Norden vergrößert, und bis 1950 kontinuierlich ausgebaut. Heut ist der Monumentalfriedhof mehr als ein Quadratkilometer groß, damit füllt er eine ganzes Tal und die umliegenden Berghänge. Das ursprüngliche Gebäude ist nun nur noch der Eingang zum Tal der Toten, an dessen Grund sich Grabfelder hinziehen, während in die Berghänge Galerien, Kapellen und Grüfte eingelassen sind. Die Anlage ist so groß, dass dort eine eigene Buslinie verkehrt.

Womit bei der Eröffnung von Staglieno niemand gerechnet hat, war eine komische Eigenart der reichen Genuesen. Man kann heute nicht mehr wirklich sagen, wer damit zuerst angefangen hat, Tatsache ist, das es bald alle machten: Man stellte sich auf seinem Grab selbst dar.

Das hört sich erstmal nicht nach etwas Besonderem an. Zu allen Zeiten war die Gestaltung des Grabes Ausdruck von Stand und Status des Verstorbenen. So, wie man es in Genua tat, ist es aber einzigartig. Die reichen Genuesen ließen detailgetreue Statuen von sich anfertigen, und zwar wie sie in jungen Jahren einmal ausgesehen hatten.

Der Gedanke dahinter: Man wollte den Menschen und sein Leben in allen Facetten darstellen und feiern. Daher wird die Schönheit der Verstorbenen als junge Menschen dargestellt, und zwar oft nackt. Das macht Staglieno absurderweise zu einem Friedhof mit hohem Sexappeal. Gelegentlich werden die schönen Toten in spielerischer Umarmung mit Symbolen des Todes oder des Übergangs portraitiert. Manchmal erzählt der Grabschmuck eine ganze Geschichte. Da begibt sich die Verstorbene in die Umarmung eines Engels, der sie durch eine Tür führt. Oder eine Frau liegt auf ihrem Sarkophag, als würde sie ein Sonnenbad nehmen. Oder ein Soldat sinkt, tödlich getroffen, zu Boden, wo schon verhüllte Gestalten darauf warten ihn aufzufangen.

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Bei den Grabbauten versuchten sich die Reichen gegenseitig zu übertrumpfen, was dazu führte, dass bald die besten Bildhauer Italiens für Genuesen arbeiteten, die nach ihrem Tod etwas besonderes hinterlassen wollten.

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Verfasst von - 9. Februar 2013 in Motorrad, Reisen