Durchsuchen nach
Autor: Silencer

Reisetagebuch (16): Schau ins Land

Reisetagebuch (16): Schau ins Land

Sommertour mit der Morrigan. Heute schaue ich ins Land und komme nicht hinterher.

Freitag, 20. Juni 2025, Freiburg
Grmmlwasnnu?

Ich wache auf und weiß im ersten Moment nicht warum oder wo ich bin. Dann fällt es mir ein: Ich bin in diesem Bikerhostel, wo gestern bis spät in die Nacht Party gemacht worden ist. Und jetzt bin ich wach geworden, weil vor meiner Zimmertür jemand Bierkisten den Flur entlangschleppt. Ich schaue auf die Uhr. Viertel nach Sieben? Wer schleppt bitte um Viertel nach Sieben Bierkisten durchs Haus?

Jedenfalls nicht die Fraktion von letzter Nacht – über die regen sich die drei Frühaufsteher auf, die ein Dreierzimmer mit Küchenzeile neben meinem Raum haben und deren Balkon direkt vor meinem Schlafzimmerfenster ist. Auf dem wollen die Mittvierziger jetzt frühstücken, und das geht offensichtlich nicht ohne Rumschreien.

“EY GUCK NACH DEN EIERN”
“WO HASTN DIE NEUEN SEMMELN?”
“DIE WARN LAUT LETZTE NACHT! RÜCKSICHTSLOS!!”
“HÄ?”
“RÜCKSICHTSLOS!! WAREN DIE!!”
“Wir HAM SECHS NEUE UND DREI ALTE SEMMELN”
“UND NOCH 12 FLASCHEN BIER”
“ICH WILL DIE NEUEN SEMMELN”
“NEIN ICH!!!”

– ich vergrabe den Kopf im Kissen und seufze gequält. Warum haben bloß alle Radsportler nen Nagel im Kopf?

Bei der V-Strom, die nun zum Glück nicht mehr zugeparkt ist, treffe ich den Hauswirt, dem das Hostel gehört. Ob er wohl einen Kühlschrank hat, für, eh, meine Medikamententasche?

Hat er, und wenig später summt ein Minikühlschrank in meinem Zimmer und kühlt keine Medikamente, das war gelogen, sondern das Kilo Parmigiano.


Weiterlesen Weiterlesen

Reisetagebuch (15): Oj oj oj oj am Stelvio

Reisetagebuch (15): Oj oj oj oj am Stelvio

Sommertour mit der Morrigan. Heute gucken wir mal, ob auch wir am Stelvio umfallen und dabei jemand “Oj oj oj!” ruft.

Donnerstag, 19. Juni 2025, Bormio
Der gestrige Tag war nicht doll, und auch die Nacht war unruhig. Klappt also nicht ganz mit “Ruhe finden”, ist aber auch egal.
Ich wollte eh´ früh los.

Schon um 05:30 Uhr ist die V-Strom wieder fertig beladen. Bormio liegt auf 1.300 Metern. Hier sind nur 12 Grad, und gleich geht es noch 1.400 Meter höher, da wird es ungefähr zwei Grad haben. Zeit für die dicken Handschuhe.

Ich steuere die Suzuki auf die Straße hinaus. Am Straßenrand stehen “Stealthcamper” herum. Glauben die Würstchen eigentlich wirklich, dass niemand merkt, dass sie in ihren rollenden Fickelbuden pennen?

Egal. Ich ziehe die V-Strom in die Berge hinein, und gleich wird die Straße steil und kurvig.

Die Sonne geht gerade erst auf und küsst die ersten Berggipfel.


Weiterlesen Weiterlesen

Frühling! Saisonstart 2026

Frühling! Saisonstart 2026

Höret und preiset das Frühlingswiesel!
Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist!
Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison!
Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht!
Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Vor zehn Tagen schien es, als ob es nie wieder Tag werden will. Heute: Boom, Sonne! Und 14 Grad. Zeit, zumindest die Morrigan anzuschmeißen, die muss nämlich zur HU. Exakt vier Monate stand die Maschine, und sprang beim Druck auf den Starter praktisch bei der ersten Umdrehung an. Ergebnis des Benzinstabilisators, der als Additiv in ihrem Bauch rumgluckert? Man weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mir solch ein unspektakulärer Start viel besser gefällt als das divenhafte Rumgeorgel, dass die ZZR jedes Jahr macht, bis sie sich endlich bequemt anzuspringen.

Jetzt also erstmal TÜV für die Suzuki, und dann mal gucken, was Das Jahr so bringt.

Saisonstart heißt auch: Nach einem halben Jahr Pause muss man sich als Fahrer erst wieder an die Physik eines Moppeds gewöhnen. Langsam rantasten, nicht gleich auf der letzten Rille heizen. Vorausschauend fahren.

Für Autofahrer bedeutet das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen – die Schergen sind zum Teil noch so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man doppelt aufpassen muss.
Achja, und blinken, blinken ist auch gut. Das gilt für alle.

Ich wünsche allen eine unfallfreie Saison!

Ich starte mit folgenden Kilometerständen:

Kawasaki ZZR600 Renaissance: 100.147
Suzuki V-Strom 800 Morrigan: 23.305

Reisetagebuch (14): Unausgeglichen

Reisetagebuch (14): Unausgeglichen

Sommertour mit der V-Strom 800 Morrigan. Heute tanke ich Diesel und bin auch ansonsten leicht unkonzentriert.

Mittwoch, 18. Juni 2025
Ein letztes Mal sitze ich vor der Hütte und genieße Annamarias Kuchen. Ich kann mich nicht zwischen Choccolino und Arancia entscheiden, und nehme einfach beide.

Rosanna pinselt in der Nähe an der Holzfassade der Hütte herum.

“Cosa fate per l´annoversario?”, frage ich.
“Welches Jubiläum?”, fragt Rosanna?
“Naja, ihr habt den Gästebetrieb auf der Farm 2015 aufgemacht, und jetzt haben wir 2025…”, sage ich
“OMG wir haben 10jähriges! Ich muss das gleich La Giulietta sagen!”
“Kann ich auch”, sage ich.
“Es kann sogar dieser Monat sein! Ich muss Giulie fragen!”, ruft Rosanna, ganz aus dem Häuschen über diese unverhoffte Entdeckung, und rennt weg.

Nachdem der Kuchen amtlich vernichtet und die V-Strom gepackt ist, laufe ich den Weg zur Bar hinaus. Als ich dort ankomme, schreit jemand laut meinen Namen, während gleichzeitig Annamaria aus der Tür torkelt. Sie presst eine Hand an die Brust und ruft “Giulie! Non Spaventarmi! Mio cuore!” – Erschreck mich doch nicht so! Denk an mein Herz!

“Scusa, Scusa, Scusa”, sage ich und hebe die Hände, aber Annamaria deutet schon in Giulies Richtung und ruft
“Non tu! Ich meine SIE! Mi porterà alla tomba!” – die bringt mich noch ins Grab.

Giulie sieht heute Morgen aus wie eine Erscheinung. Sie trägt eine schwarze Bluse zu einer weiße Hose, was so elegant wirkt, als ob sie gleich ausgehen würde. Und sie strahlt – die schönste Frau der Welt.

“Ma lui Parte!!”, bringt Giulie als Entschuldigung vor, und Annamaria schaut erst überrascht, dann böse.
“Du reist schon wieder ab? Warum?! Du bist doch nicht mal eine Woche hier!”, sagt sie und macht die typische “Was soll das denn?” Geste.

Ich grinse Annamaria über Giulies Schulter an, die mich gerade an sich zieht und lange und fest umarmt. Dann hebt Sie den Kopf und flüstert “Mi raccomando stare attento. Mit deinem Moto und so. Du sollst wiederkommen. Irgendwann will ich da nochmal mitfahren”.

“Sei davvero unico”, erwidere ich, “Stammi Bene e… ci vediamo presto”. Du bist echt einzigartig. Pass auf Dich auf und… wir werden uns schon bald wiedersehen.

Giluie nickt und hat ein Grinsen im Gesicht, dass in Deutschland vermutlich nach § 183a StGB geahndet würde.

Es wird nicht wieder ein Jahr dauern, bis wir uns wiedersehen.
Das ist gut. Die letzten Abschiede haben mich immer emotional ein wenig mitgenommen. Aber heute nicht.


Weiterlesen Weiterlesen

Momentaufnahme: Februar 2026

Momentaufnahme: Februar 2026

Herr Silencer im Februar 2026

Wetter:
Der Februar beginnt, wie der Januar geendet hat: Viel Schnee und frostig kalt, bei -2 Grad tagsüber und teils zweistelligen Minuswerten in den Nächten. Nur kurz drehen die Temperaturen auch mal über den Gefrierpunkt und der Schnee taut, aber in der dritten Woche geht es lustig weiter mit dem weißen Zeug und Minustemperaturen. Dabei ist es die ganze Zeit düster, als ob es nie mehr Tag werden wollte. Erst in der letzten Woche springen die Temperaturen auf zweistellige Werte und man sieht mal kurz die Sonne.


Lesen:

Terry Pratchett: Wintersmith [2006, Kindle]
Tiffany Aching ist immer noch Hexe-in-Ausbildung, jetzt aber bei der unheimlichen und über 100 Jahre alten Ms. Treason. Versehentlich tanzt Tiffany mit dem Wintersmith, der Verkörperung des Winters. Mit schlimmen Folgen: Der Winter verliebt sich in sie, überschüttet die Welt mit eisigen Liebesgeschenken und will nie wieder dem Sommer weichen. Die Nac MacFeegle bekommen das mit, können aber nicht viel tun.

Endloser Winter? Genau das richtige Buch für diesen Monat. Wunderschöne Parabel auf Verantwortung, die Konsequenzen des Fehlens davon und dem Gleichgewicht der Dinge. Sehr poetische Bilder und sehr schön und spannend zu lesen, denn auf jeder Seite ist zu spüren, was hier auf dem Spiel steht.


Hören:


Sehen:

Die dunkelste Stunde [2017, BluRay]
Mai 1940: Winston Churchill ist unbeliebt, und das vor allem in seiner eigenen Partei. Seit einer fehlgeschlagenen Militäroperation unter seiner Führung trauen ihm andere Politiker nicht und unterstützen seine harte Haltung gegen Hitlerdeutschland nicht. Die Parlamentarier im Unterhaus wollen lieber mit Deutschland, das bereits ein Land nach dem nächsten überfällt, verhandeln. Auf mögliche Aliierte ist auch kein Verlass. Die Amerikaner wollen sich nicht in den Krieg einmischen und bieten als Unterstützung sechs alte Flugzeuge, die allerdings mit Pferden über die Grenze nach Kanada geschleppt werden müssten um nicht geltende Verträge zu verletzen, und die Franzosen haben keinen Abwehrplan, als die Wehrmacht das Land überrollt.

Dann wird nahezu die gesamt britische Armee am Strand von Dünkirchen eingekesselt und der Druck, mit Hitler einen Frieden auf Kosten Westeuropas zu schließen, wird immer größer. Wahrhaft eine dunkle Stunde, die in Churchills Rede „We Shall Fight on the Beaches“ mündet.

Ich kenne die Räume des Kriegskabinetts unter London, ich war im Unterhaus und viel von dem, was hier im Film gezeigt wird, hatte ich mir bereits selbst schon erarbeitet. Aber WIE es hier gezeigt wird, so verdichtet und toll gespielt, das ist wirklich bewegend. Die Maske von Gary Oldman ist etwas befremdlich, aber sein Schauspiel extrem gut – die Einsamkeit von Churchill und seinen Entscheidungen ist hier mit Händen greifbar.

Schöner aber: Jetzt verstehe ich endlich “Dunkirk”. Dem Film von Christopher Nolan fehlt ja jeglicher Kontext – den liefert “Die dunkelste Stunde”. Wirklich bewegend.

Das Geheimnis meines Erfolge$ [1987, Bluray]
Collegeabsolvent Michael J. Fox kommt aus der Provinz kommt nach New York, um dort einen Job zu suchen. Er findet keinen und fängt deshalb in der Poststelle eines multinationalen Konzerns an. Von dort aus steckt er seine Nase in Dinge, die ihn nichts angehen, hat Sex mit seiner Tante und rutscht in die Welt der “Schlipsträger”.

“Uninspiriert, als wäre das Skript in den 50ern geschrieben worden und als hätte es niemand vor der Verfilmung aktualisiert” – so urteilten bei Veröffentlichung bekannte Kritiker über den Film.

Dieses Urteil mag im Kontext seiner Zeit verständlich sein, denn im Umfeld von “Geheimnis meines Erfolges” erschienen “Good Morning, Vietnam”, “Drei Männer und ein Baby”, “Robocop”, “Beverly Hills Cop II”, “Lethal Weapon”, “Mondsüchtig”, “Platoon”, “Die Reise ins Ich”, “Der letzte Kaiser”, “Crocodile Dundee”, “Der Hauch des Todes” und “Dirty Dancing” – ja, 1987 war ein tolles Kinojahr.

Aus der Rück-Sicht ist der Film ein Kind seiner (Cashgeilen-)Zeit und weist sogar Parallelen zu “Wall Street” (auch 1987!) auf. Hier wie dort geht es um Yuppietypen, die im Raubtierkapitalismus der Achtziger nach oben kommen wollen, und dafür in schäbigen Mietwohnungen Hausen, kein Privatleben haben und seltsame Methoden anwenden, um nach oben zu kommen.

Auf der erzählerischen Ebene funktionieren beide aber ganz anders, und “DGmE” ist eine Screwballkomödie mit schnellen Dialogen und cleveren Comedyeinlagen. Allein die Montage der Vorstellungsgespräche zu Beginn (“Sie kommen gerade vom College, sie haben keinerlei Erfahrung” vs. “Am meisten beeindruckt mich, wieviel Erfahrung sie auf dem Collge sammeln konnten”) verrät auch heute noch so viel über die Arbeitswelt. So geht es weiter, allein die viele Wahrheiten über “Die Schlipsträger” möchte man nur feiern.

Ich mochte “DGmE” schon immer. In unserem Haushalt gab es ab 1988 die VHS-Fassung, und offensichtlich habe ich den Film in meinen jungen Jahren so oft gesehen, dass ich auch fast 40 Jahre später noch jeden Satz mitsprechen kann. Fremdschämig ist er heute nur an den Stellen, die das auch damals und mit Absicht schon waren – Stichwort “Tante Vera”. Deren lüsterne Jagd im Pool des Landhauses mit der Originalmusik aus “der weiße Hai” zu unterlegen ist aber schon wieder ein mittlerer Geniestreich.

Ein Concierge zum Verlieben [1993, BluRay]
Michael J. Fox ist Concierge eines New Yorker Nobelhotels kassiert üppige Schmiergelder für klandestine Nebentätigkeiten mit dem Ziel sich selbstständig zu machen.

“For Love or Money”, so der Originaltitel des Films, wirkte vermutlich schon 1993 aus der Zeit gefallen. Hier wird eine typische 80er-Jahre-Geschichte erzählt und anscheinend ist “Das Geheimnis meines Erfolges” die Vorlage, aber ohne sich wirklich darauf festzulegen, dass man eine Komödie sein möchte. Klar macht es Spaß, Michael J. Fox zu zusehen, aber wirklich lustig ist das nicht und der Mut zu schrägen Figuren wie “Tante Vera” fehlt völlig. Der Film ist nett, aber leider völlig egal.

Johnny English (I-III) [2003, 2011, 2018, BluRay]
Mr. Bean arbeitet beim britischen Geheimdienst und ist aus Gründen immer der einzige, der noch den Tag retten kann.

Kannte ich noch gar nicht, aber die Reihe hat mir SEHR viel Spaß gemacht, vom leichten Schmunzeln bis zum rausplatzenden Lachen. Die “Johnny English”-Filme sind deutliche Parodien auf das Bond-Franchise, allerdings ohne in Pipikacka-Witzen abzusaufen wie “Austin Powers”.

Stattdessen gibt es hier Slapstick – mit dem grandiosen Timing und Gespür für Komik, dass man von Rowan Atkinson gewohnt ist. Über die Filme hinweg macht die Figur sogar eine Charakterentwicklung durch, vom völlig unfähigen Trottel hin zum durchaus kompetenten Agenten, der aber immer wieder an den Umständen scheitert.

Dazu kommen die tollen Nebenfiguren, z.B. John Malkovich als rachsüchtiger Franzose (Teil I), Gillian Anderson als Geheimdienstleiterin zwischen Job und Familie (Teil II) oder Emma Thompson als versoffene Premierministerin mit Elon-Musk-Fetisch (Teil III), das ist schon cool geschrieben und gespielt.

Sehr, sehr gut gemacht und wirklich nice, wenn man Bondfilme oder “Die Nackte Kanone” mag und Aufheiterung nötig hat.

Dschungelcamp 2026
Einmal im Jahr kurbele ich den TV-Receiver an, und zwar um “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” zu gucken. Aber meine Güte, war das in diesem Jahr unangenehm.

Das Teilnehmerfeld bestand aus allerlei egalen Nasen, erzählt wurde nur die Geschichte von irgendeiner dauerkreischenden Ariel und von Gil Ofarim.

Letzterer hat diese brettbescheuerte und saugefährliche Aktion gebracht, falsche Antisemitimusanschuldigungen zu erfinden und das auch bis vor Gericht durchzuziehen. Dort kam es dann zu einem Vergleich, aber anstatt das als Güte der Justizia und des Anklägers gegen ihn zu sehen, wurde Ofarim im Dschungel so richtig unangenehm und raunte am Lagerfeuer davon, dass er “Antworten vom Justizsystem” wolle und impliziert mit Andeutungen, dass “die Zuschauer ja nicht alles wissen” und er zu unrecht angezeigt wurde.

Das ist absolut schmierlappiges Verhalten und bespielt die Klaviatur, die das AFD-Lied vom Zweifel an den Institutionen in die Welt trägt. Und das alles gestützt von RTL, die Ofarims Halb- oder Unwahrheiten weder einordneten noch Sendezeit kürzten.

Aus dem Innern des Dschungels wurde damit am Rechtsstaat gesägt und Demokratie ausgehöhlt. Das ist keine Einbildung oder Übersensibilisierung meinerseits. Der Jubel über Ofarims Verschwörungsgeraune war so laut, dass er in Telefonvotings weit vorne lag und am Ende sogar das Camp gewonnen hat.

Ich hätte brechen können und habe folgerichtig die Staffel nicht mal mehr zu Ende gesehen. Toll gemacht, RTL. Große Leistung, Wurstnase.


Spielen:


Metaphor: ReFantazio [2024, PS5]

Der König wurde ermordet, der Thronerbe liegt im Koma. Nun soll der Gewinner eines Wettkampfs der nächste Herrscher werden. Es treten an: Ein fanatischer Kampfpriester, ein eloquenter Kriegsprinz, diverse NPCs und ein seltsamer Underdog.

Ich hatte mit “Metaphor” vor einem Jahr begonnen und schon 60 Stunden auf der Uhr. Damals fand ich den Mix aus “Persona”-Gamemechanik und Fantasy-Setting erfrischend, mittendrin zog es sich aber ein wenig und ich legte es zur Seite. Nun also wieder angefangen und zu Ende gespielt, und leider: Das Spiel reisst nach hinten raus alles ein, was mich vorne so begeistert hat. Und zwar einfach deshalb, weil es urplötzlich sauschwer und überkomplex wird.

Das “Persona”-System mit seinen. vielen Permutationsmöglichkeiten bei der Magiekombination ist schon echt komplex, aber bei “Metaphor” ist alles auf Eleven gedreht. Hier hat jede der 8 Spielfiguren gleich 25 Personas zur Auswahl, mit jeweils 20 Stufen, die aber nur durch Kreuzabhängigkeiten und dem Vorleigen von zig Voraussetzungen erreichbar sind.

Das ist leider viel zu viel und funktioniert auch nicht gut, denn es es gibt keine wirkliche Freiheit zur Kombination, sondern einen ziemlich schmalen Critical Path von “richtigen” Entscheidungen ud Kombinationen. Verlässt man diesen Pfad, baut seine Charaktere nach eigenem Gusto und entscheidet sich, aus Sicht der Spielentwickler, für die “verkehrten” Personas und Skills, dann kann man das Spiel nicht schaffen. Wie dieser Pfad verläuft, das sagt einem aber niemand.

So fehlten mir um Stunde 70 rum plötzlich gut 15 Level bei jedem Charakter, was dazu führte, das selbst meine gut gerüstete Heldentruppe plötzlich wieder extreme Probleme bei Feld-, Wald- und Wiesengegnern hatte. In der Folge dauern selbst Nebenkämpfe ewig, Bosse waren gar nicht mehr zu machen und selbst auf Schwierigkeitsgrad “Leicht” war alles eine Herausforderung.

Gleichzeitig lief die Zeit weg, weil meine schwachen Charaktere dauernd Pausen brauchten. Denn leider kann man nicht beliebig Level grinden, durch das “Persona”-Spielgerüst ist die Anzahl der möglichen Aktionen ist begrenzt, ein Kalender läuft mit und bei einem Enddatum kommt es zu einem Bosskampf. Bei “Persona” war das Okay, weil jeder Spielcharakter genau eine Persona zum Aufleveln hatte. Aber 25?!

Dazu kam, das ich erst spät verstanden habe, dass ich die wirklich alle Figuren mit sehr speziellen Personas leveln muss, auch bei Figuren, die ich gar nicht aktiv in der Party habe. Tut man das nicht, hat man im letzten Viertel keine Chance mehr, die Voraussetzungen zu erfüllen die Figuren so stark zu machen, dass sie den Endboss überstehen.

Fledermauskumpel Heismay bspw. kann sehr mächtig werden – aber NUR, wenn er zuvor in Summe 9 Personas bis Maximum aufgelevelt UND dick mit diversen Charakteren befreundet ist. Was man aufleveln muss, sagt einem das Spiel nicht – bzw. erst, wenn man es ohnehin schon getan hat. Ohne seine mächtige Form ist Heismay nutzlos.

Dazu kommen weitere unfaire Elemente, wie Bossgegner, die sich über die bis dahin etablierten Regeln der Spielwelt hinwegsetzen. Kurz vor Ende gibt es Gegner, die sich bis zu 16 Aktionen herbeizaubern – sobald die am Zug sind, kann man erstmal Kaffee trinken gehen, und wenn man wiederkommt, ist die eigene Heldentruppe tot.

Oder der Drache, der ab Kampfminute drei alle Spielfiguren so verzaubert, dass sie nie zum Zug kommen, und sie dann einfach mit einem Atomschlag von 10.000 Schadenspunkten verbrennt (zum Vergleich wie heftig so ein Treffer ist: Eine Figur hat ungefähr 400 Lebenspunkte). Manchmal gibt es auch hier supersimple Taktiken. So kann man dem Drachen mit einer bestimmten Figuren auf einem bestimmten Level und einem bestimmten Spruch eine Schwäche gegen Feuer anhexen, und wenn man dann noch Items oder Zaubersprüche hat, die sein Feuer reflektieren, verbrennt er sich instantan selbst. Nette Idee, aber woher zum Geier soll man das wissen??

Oder das Viech, das einfach mit einer allmächtigen Smartbombe alle Figuren des Spielers schlicht wegsprengt. Keine Verteidigung möglich. Das tut der Gegner aber nicht gleich, sondern nachdem man sich EINE FUCKING STUNDE an ihm abgearbeitet hat. Sein letzter Move vor seinem Exitus ist dann, einfach alles wegzuhauen – aber NUR, wenn eine der Spielfiguren ein bestimmtes Kleidungsstück trägt. WTF??

Vom Endgegner will ich gar nicht erst anfangen. Der Kampf gegen den Typen ist elegant, fair und sinnvoll – IN DER ERSTEN RUNDE. Leider steht der Penner immer wieder auf, wird jedesmal mächtiger und setzt man Ende Techniken ein, zu denen mir nicht mehr einfällt.
Zu dem Zeitpunkt war ich schon auf der allereinfachsten Schwierigkeitsstufe “Storyteller”, die ist noch unter “Leicht”, und ich hatte sehr gut aufgelevelte Figuren. Und trotzdem hat der Typ meine gesamte Party mit zwei Zügen plattgemacht.

Nun können auf “Storyteller” alle Figuren sofort wieder mit vollem Lebensbalken aufstehen, sobald die gesamte Heldentruppe gefallen ist, aber dieser Typ ist so mächtig, dass er bereits wieder alle gekillt hatte noch bevor sie einen Zug ausführen konnten. Nein, sowas macht keinen Spaß – und wenn man den Kampf mangels Items oder wegen “falscher” Skills gar nicht bestanden werden kann, dann ist das schlechtes Spieldesign.

Solche Dinge und diese fragwürdigen Designentscheidungen mit den möglichen Sackgassen, in die man nach 80, 90 Stunden hineinlaufen kann, sind einfach nur ärgerlich. Was soll sowas? Haben sich die Designer gesagt “Na, beim zweiten oder dritten Durchlauf weiß der Spieler es dann?”

Danke, da verzichte ich. Ich hatte mit “Metaphor” viel Spaß, bis es urplötzlich komisch wurde, kippte und sich alles nach Arbeit anfühlte. Am Ende war es mir dann auch völlig egal, was da passiert. Ich wollte nur noch, das es vorbei ist.

Ich spiele ein Spiel weil ich Spaß möchte, ich will es weder studieren müssen, noch Arbeit damit haben.

TL, DR; “Metaphor” sieht toll aus, hat ein feines Artdesign und sehr besondere Musik, nices Gameplay und eine gut geschriebene Geschichte. Da steckt viel Liebe und Können drin. Das bewährte “Persona”-System wurde aber leider extrem verkompliziert und mit weiteren Systemen überladen, und, wie gesagt: Die Sackgassen! Wenn Spielerinnen nach 90 Stunden Spielzeit das Ende aber nur auf Youtube erleben können (ist einer Freundin von mir so ergangen), dann stimmt da grundlegend was nicht.

Yakuza 3 Kiwami/Dark Ties [2026, PS5]
Ein verurteilter Ex-Yakuza macht auf Okinawa ein Kinderheim auf, nennt es “Morning Glory”, hält da sechs Kinder zwischen 4 und 8 Jahren und überlässt deren Pflege und alle anderen Arbeiten einer Neunjährigen.

Warum ist sowas erlaubt? Wieso macht der angebliche Ex-Yakuza das? Und wieso sollte irgend jemand sowas spielen wollen?
Nun, das weiß niemand, aber Yakuza 3 existiert nun mal.

Das Originalspiel erschien 2008 und war schon damals schräg, ich hatte 2020 das Remaster gespielt und keine Minute Spaß damit. Die Grafik war igitt, das Kampfsystem nervig und langsam, Auseinandersetzungen dauerten Minuten, weil Gegner dauernd blockten, die Steuerung war unter aller Sau, das Pacing völliger Müll, vor allem aber war die Prämisse creepy:
Warum hat ein erwachsener und sehr gestörter Mann mit supergewalttätiger Vorgeschichte so ein Interesse an wildfremden und kleinen Kindern? Warum DARF der die als Vorbestrafter überhaupt betreuen? Warum heißt das Waisenhaus ausgerechnet “Morgenlatte”? (Das bedeutet Morning Glory nämlich im englischen Slang).

Diese fürchterliche Ausgangslage hat sich auch im Remake nicht geändert. Ansonsten wurde aber alles modernisiert und spielbarer gemacht.

Im Kämpfen kommt das Brawler-System der neuen Yakuza-Teile wie “The Man who erased his Name” zum Einsatz, allerdings mit einem schlanken Fertigkeitsbaum. Die Nebenmissionen wurden von 100 auf 31 eingedampft, wobei vor allem der repetitive Quatsch und die dummen Fetchquests entfallen ist. Dafür wurden Fotosafaris, Kontaktsammlung, E-Scooter und blöde Sammelaufgaben aus “Infinite Wealth” hineingestopft, bis es wieder an jeder Ecke zu viel wird.

Das Squad-System hat nach “Pirate Yakuza in Hawaii” seinen zweiten Auftritt hat. Hier managed man keine Schiffsbesatzung, sondern eine Frauen-Motorradgang. Das ist nicht so motivierend wie die Seeschlachten, aber immer noch ganz launig.

Größter Vorteil aber: Die Einzelstories der Waisenkinder sind komplett optional. Im Original gab es Zeitdruck durch die Hauptstory, aber die kam nicht von der Stelle, weil man erst geschlagene zehn Spielstunden lang einhundertundeine Fetchquest für die jammernden Arschlochkinder im Waisenhaus absolvieren musste.

Das ist in der Kiwami-Fassung nun zum Glück anders: Die nervigen Blagen werden kurz eingeführt, aber dann muss man sich nicht mehr mit ihnen beschäftigen. Falls das doch jemand tun möchte besteht natürlich die Möglichkeit dazu, jetzt sogar mit mehr Abwechslung. In zahllosen Minispielchen kann man den Waisenkindern Taschen nähen, mit ihnen Fische oder Schmetterlinge fangen, einen Kuhstall bewirtschaften, Gemüse pflanzen und damit kochen und einen Hundewelpen groß ziehen.
Zum Kotzen.
Aber wie gesagt: Alles optional.

Wer lieber der Story folgen will, lässt den ganzen Cosy-Mumpitz links liegen und reist einfach sofort wieder von Okinawa nach Tokyo, um in den nächtlichen Gassen des Rotlichtviertels Punks zu verhauen und Geheimnissen um korrupte Politiker auf die Schliche zu kommen. Durch diese Möglichkeiten der Abkürzung ändert sich das gesamte Pacing des Spiels, und zwar zum deutlich Besseren.

Besser sind auch die neuen Figuren, die jetzt halbwegs realistisch aussehen und deren Performances teils echt creepy sind. Was Wunder, ist doch zumindest einer der neuen Schauspieler auch im echten leben ein creepy Frauenschläger.

Kurz gesagt: Yakuza 3 Kiwami ist ein besseres Spiel als das Original und das gewalttätigste Cosy-Game, was es bislang gibt. Das ändert nichts an der absurden und fragwürdigen Prämisse, die beim Spielen dauerndes Unbehagen erzeugt.


Machen:

  • Früh ins Bett gehen

Neues Spielzeug:

Eine Insta360 X4 Air im Starterbundle. Leicht und klein, nicht so gute Dämmerungsaufnahmen wie das aktuelle Flagschiff X5, dafür eine Akkulaufzeit von rund 90 Minuten und 8K. Für erste Schritte in Sachen 360-Grad Aufnahmen wird´s reichen. Ausschlaggebend war gerade ein sehr niedriger Preis für das Bundle und, im Vergleich zur Konkurrenz DJI Osmo 360, eine ausgefeilte Editing-Software.


Ding des Monats:

Schneeketten! Für die Füße!


Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Deine AOK

Deine AOK

Es gibt noch genau EINE Krankenkasse, die Arbeitgebern Liebesbriefe schickt: Die AOK. Während alle anderen schon rein digital Krankmeldungen, Umlagen und Erstattungen austauschen, versendet die AOK noch echte Briefe auf Papier.

Für jede kleine Krankmeldung eines Mitarbeiters bekommt man als Arbeitgeber einen zweiseitigen Brief, in dem steht, dass die Krankmeldung eingegangen sei und man eine Erstattung in die Wege geleitet habe. Mit freundlichen Grüßen, ihr Frank-Walter Grotefendt von der Regionalstelle Götham City, Datum + Unterschrift.

Irgendwann im Jahr 2025 war mir das zu doof und ich habe Herrn Grotefendt mal angerufen und gefragt, ob er nichts besseres zu tun hätte als mir dauernd Briefe zu schicken, und ob nicht GERADE die AOK das Geld nicht an anderer Stelle besser brauchen könnte. Herr Grotefendt fiel aus allen Wolken. “Wir machen WAS? Und die Briefe tragen alle MEINE UNTERSCHRIFT? Nee, da weiß ich nichts von, das macht dann die Regionalzentrale in Hannover!”. Aber, so verriet er mir dann fast klandestin, es GÄBE da eine Möglichkeit. Nur, wenn ich diesen Weg beschreiten wollte, dann müsste ich ihn auch zu Ende gehen – das digitale Arbeitgeberpostfach!

Nachdem das eingerichtet war, was in Deutschland NATÜRLICH nur in Kombination mit Briefe-auf-Papier-hin-und-herschicken ging, geht dass dann so:

  • Jedesmal, wenn die AOK den Drang verspürt mir einen Brief zu schicken, druckt sie den nicht mehr aus, sondern macht ein PDF und legt das in das digitale Postfach.
  • Dann schickt sie mir eine Mail mit der Benachrichtigung, dass nun ein Brief im Postfach liegt.
  • Ich klicke auf einen Link und komme auf eine Website der AOK, wo ich mich mit Nutzernamen und Passwort anmelde und DANN noch als zweiten Faktor einen sechstelligen Code eingeben muss. Oder nur mit einem Code. Je nach Wetterlage.

So weit, so okay-ish.

Das Problem ist aber: Der zweite Faktor kommt aus einer eigenen App, die man sich extra und nur für die AOK installieren muss, und die ist eigentlich simpel, aber seltsam. Recht häufig empfängt sie einfach kein Signal, dass sie jetzt einen Code generieren soll. Und Umzüge auf ein anderes Handy macht sie mal gar nicht mit, wokommwadenndahin, da quittiert sie den Dienst.

Wenn Sie den Dienst quittiert, muss man den Registrierungsprozess neu starten. Das geht so:

  • Man geht auf die Website, gibt Benutzernamen und Passwort ein und klickt “Ich habe keinen Zugriff mehr auf ein Gerät mit einem zweiten Faktor”.
  • Dann kommt man auf eine Seite, die den Prozess übersichtlich darstellt. Sind nur sieben oder acht Schritte.
  • Dann muss man ein PDF herunterladen
  • Dann muss man das PDF ausdrucken
  • Dann muss das PDF mit dem schönen Titel “Bevollmächtigung des Unternehmens-Administrators für “Mein AOK Arbeitgeberservice”” mit allerlei Daten ausgefüllt werden. Aber nicht mit den komplizierten, wie der Betriebsnummer, die steht schon drin. Aber Unternehmensname und Anschrift, z.B., muss man mit Kugelschreiber reinschreiben.
  • Dann muss das Dokument vom Admin und der Gschäftsführung unterschrieben und mit dem Unternehmensstempel versehen werden.
  • Dann muss das Dokument eingescannt werden.
  • Dann müsste der Scan auf die AOK-Seite hochgeladen werden. ABER: Schafft man das ausdrucken-Unterschreiben-Stempeln-einscannen nicht binnen 5 Minuten oder so, hat einen die AOK-Seite automatisch ausgeloggt.Wieder einloggen geht aber auch nicht, denn durch den 1. Login, den 2. Login für den Regsitrierungsprozess und den Loginversuch gerade eben ist die Seite gesperrt. Also, VIELLEICHT deswegen, denn die Fehlermeldung besagt:

Leider hat der Login nicht funktioniert. Dies kann folgende Ursachen haben:
– Ihre Eingabe war nicht korrekt.

Ja, kann sein, wer weiß das schon. Ist aber nicht wahrscheinlich.

– Ihre Erstregistrierung bzw. Rücksetzung des Authentifikations-Gerätes ist noch nicht abgeschlossen.

Ja natürlich ist die Rücksetzung nicht abgeschlossen. Aber um die abzuschließen, müsste ich mich jetzt einloggen. Die Defintion eines Catch-22.

– Ihre Daten wurden aufgrund Inaktivität im Registrierungsprozess, einer Ablehnung durch die AOK oder Löschung durch Ihren Administrator automatisch gelöscht. Starten Sie den Prozess gegebenenfalls neu.

Ja… äh. Das kann jetzt alles heißen von “Du warst zu langsam” über “Dich wollen wir hier nicht” bis zu “Vielleicht ist auch gerade alles explodiert”.

– Sie hatten zu viele Anmeldeversuche und wurden temporär gesperrt. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.

Okay. VIELLEICHT ist es das. Vielleicht auch nicht.

Erfahren tut man dass dann am Wochenende, wenn in der Nacht zu Sonntag gegen 01:00 Uhr die AOK beginnt, im Abstand von fünf Minuten Mails zu schicken, dass es jetzt aber allerhöchste Eisenbahn sei, die Registrierung mal abzuschließen.

Jetzt kann man sich wieder in die Website einloggen und dann…

  • Das eingescannte PDF hochladen
  • dann bekommt man einen temporären Code, den man in die 2.-Faktor-App einklimpert und die damit aktiviert. Der ist aber noch nicht endgültig genehmigt, weil: Zuerst muss bei der AOK noch jemand das eingescannte PDF angucken und genehmigen.
  • Dann muss man sich in die App mit Benutzername und Passwort einloggen
  • Dann bekommt man einen Code, um sich in die Website einzuloggen
  • Dort kann man dann in das digitale Postfach gucken und den Brief mit der Unterschrift von Herrn Grotefendt herunterladen, angucken und ausdrucken, wenn man mag.

UND DAS gilt in 2026 in Deutschland als simpler Prozess. Viel schlimmer ist die Registrierung in der elektronischen Patientenakte, für die die TKK bspw. eine eigene ID-App haben möchte und Zugangscodes als Briefpost verschickt.

Nur für den Fall, dass sich mal wieder jemand über explodierende Kosten im Gesundheitswesen wundert: Es liegt an der Digitalisierung. Die ist kompliziert und teuer. Hätte man nie mit anfangen dürfen.

Reisetagebuch (13): Hinterland

Reisetagebuch (13): Hinterland

Sommertour mit der Morrigan. Heute mit schlechter Bezahlung und seltsamen Dingen im Caffé.

Sonntag, 15. Juni 2025
“Karte nicht akzeptiert”, sagt der Automat an der Mautstelle. Hä? Die funktioniert immer. Stell Dich nicht so an.
Zweiter Versuch.
“Karte nicht akzeptiert”, sagt der Automat.
Dritter Versuch. Wenn der nicht klappt, zahle ich Bar.
“Karte nicht akzeptiert”, sagt der Automat.

Oh man.
Als ob die dumpfen Kopfschmerzen nicht reichen würden. Anscheinend hat es heute die ganze Welt darauf abgesehen mich zu nerven, auch dieser Automat.

Na gut, dann gibt es jetzt Münzgeld, denke ich und fange an in der Münzgeldhosentasche rumzuwühlen.
Aber denkste: Der Automat klappt bereits seinen Münzkorb ein, und das Licht am Kartenslot geht auch aus. Dafür geht die Schranke auf, und ein elendig langer Bon quillt aus einem Schlitz.

Geht doch, Arschloch, denke ich, stecke die Karte weg und will schon wieder die Handschuhe anziehen, als mir einfällt, dass diese Automaten normalerweise keine Bons ausspucken. Was ist das dann?

Der Bildschirm sagt, ich soll meinen “Scontrino Malpagato” nicht vergessen. Das Wort kenne ich nicht, aber es ist sprechend: “Scontrino” ist ein Kassenbeleg und “Male” etwas schlechtes und “Pagare” bedeutet bezahlen. Also soll ich meinen “Beleg der schlechten Bezahlung” nicht vergessen – das sagt eigentlich schon alles.

Ich nehme den langen Bonausdruck und fahre hinter der Mautstation rechts ran. Dort lese ich in Ruhe den ganzen Text. Die Infos sind gering, neben einer Unmenge Paragraphen und Gesetzesverweise und AGB steht da sinngemäß: Ich habe nicht bezahlt und soll das binnen zwei Wochen nachholen. Entweder per Überweisung oder in jedem mit einem Menschen besetzten Mauthäuschen oder auf einer Website.

Okay! Das ist ja mal was. Wenn mal jemand wirklich an so einer Mautschranke nicht zahlen kann, dann sorgt dieses System dafür, dass nicht der ganze Verkehr ewig aufgehalten wird und man später zahlen kann. Cool!

Ich will aber nichts überweisen. An einer anderen Mautschranke sitzt eine junge Frau. Sie hat nicht viel zu tun. An einem Sonntag hier, im Hinterland von Livorno, wollen nicht viele Autos von der Autobahn abfahren.

Die Autos, die sind alle auf der Landstraße. Das weiß ich, weil ich gerade zwei Stunden im Stau stand. Bzw. mich durch den durchgemogelt habe. Alle, alle wollen an diesem sonnigen und warmen Sonntag an die Strände von Marinella di Sarzana. Die 70 Kilometer von der Fischfarm bis Carrara dauerten deshalb schon grandiose drei Stunden. Nur wegen diesem Chaos und der ganzen Sonntagsfahrer bin ich überhaupt auf die Autobahn gefahren.

Ich laufe um die Mautstation herum und winke vom Seitenaus mit dem Kassenbon. “Kann ich das bei Ihnen bezahlen?”
“Ja sicher”, ruft die Frau, “aber nur bar”. Ich nicke, klettere über eine Abgrenzung und laufe zum Mautkabuff. Vorsichtig, um nicht überfahren oder von einer der Schranken erwischt zu werden und dann auf TikTok in den funnyVids zu landen, laufe ich zu der jungen blonden Frau und zahle dort 6,50.

Froh, das erledigt zu haben, will ich weiterfahren – und stehe an einer Straßensperre. Der Weg nach Süden über die Landstraße ist durch eine Baustelle versperrt, stattdessen rechnet Anna einen Zick-Zack-Weg durch die Felder und vorbei an echt runtergekommen Grundstücken voller Schrottautos. Würe mich nicht wundern, wenn gleich Hillbillys auftauchen. Das hier ist ECHT Hinterland!


Weiterlesen Weiterlesen

Reisetagebuch (12): P wie Piacenza, oder wie Pfau

Reisetagebuch (12): P wie Piacenza, oder wie Pfau

Sommertour mit der Morrigan. Heute verschlägt es mich nach Piacenza, und ich werde quasi Ehrenbürger im Dorf.

Samstag, 14. Juni 2025
“Wow, che meraviglia!” entfährt es mir, als ich das gigantische Tortenbuffet sehe, das Giuliettas Mamma wieder zusammengebacken hat. Der kleine Frühstücktresen biegt sich unter den verschiedensten Kuchen und Keksen und Törtchen und Gebäckstücken, nebenan stehen weitere Gläser mit Keksen und gegenüber unter einer Glasglocke steht Pizza und… Börek? Annamaria ist wirklich ein Backwunder.

Rosanna, die das Frühstück betreut, schaufelt mir ein Stück Kuchen auf den Teller und sagt “Musst Du probieren! Orange-Marzipan, ganz neu!”

Ich nicke anerkennend und verziehe mich mit dem Teller und einem Caffé Doppio vor die Hütte. Der zentrale Raum mit der Küche hat große Glastüren, die nun ganz aufgeschoben sind.
Freiluft-Frühstückszimmer, sozusagen.

Mitten im Grünen. Wunderschön.

Zu hören ist nur das Plätschern der Fischzuchtbecken und Rosannas “gutschi-gutschi-guuuuuuh”, als sie drinnen das Kleinkind eines Gastes bespasst. Ach, wir sind ja in Italien. Es muss natürlich “Gucci-Gucci-Guu” heißen.

Nach dem Frühstück gehe ich zur Bar und zu Giulietta. Auf dem Weg fällt mir eine neue Voliere auf mit… Pfauen?!

Nun sind Pfauen nicht die ungewöhnlichsten Haustiere auf italienischen Höfen, aber warum so viele?

Giulietta zuckt mit den Schultern.
“Non lo so. Sind die von Giovanni”, sagt sie, stellt mir ungefragt einen Caffé Doppio auf den Tresen und macht sich selbst auch einen.
“L’ha comprata a palate, non so perché” – Gab´s vielleicht im Dutzend billiger, keine Ahnung.
Ah. Giovanni ist der manchmal etwas grummelige Vorarbeiter der Farm.

“Nuovo orologio?”, fragt Giulietta, greift meine Hand und dreht das Handgelenk zu sich, um sich die Apple Watch anzusehen.
Ich nicke. Sie findet Smartwatches super und trägt die schon ewig. Ich erst seit diesem Jahr, und ich finde die ganz schön unpraktisch, klobig und hässlich…

“È elegante. Mi piace il braccialetto”, sagt Giulietta und streicht über das Leder des Armbands.

…aber andererseits gewöhnt man sich dran und eigentlich sieht sie auch ganz gut aus, mit dem breiten Cuffband.

Annamaria kommt aus der Küche gewackelt, grinst gutgelaunt und fragt “Oggi cosa fai, caro?” – Was machst Du heute?
“Non lo so, vedró”, sage ich. Keine Ahnung, mal schauen.

Giulie kommt ganz nah an mich heran, schaut mir aus kurzer Distanz tief in die Augen und sagt dann leise “Se ti annoi…”, falls Du Langeweile hast…

“Jaaa?” sage ich.

“…FINDEN WIR BESTIMMT ARBEIT FÜR DICH!”, ruft sie laut und fängt an zu lachen, “Qui, c’è sempre qualcosa da fare!” – Hier gibt es immer etwas zu tun.

“Rrrgh”, mache ich. Ich bin eigentlich nicht hier, um Holz zu hacken oder Pfauenkäfige auszumisten oder – Gott bewahre! – irgendwas mit Fischen zu machen.

Annamaria grinst fast im Kreis. Ich kann ihr ansehen, dass sie irgendeine Frechheit ausheckt. Um ihren komischen Ideen direkt einen Riegel vorzuschieben sage ich streng “Non aiuto in cucina!” – ich werde nicht in der Küche helfen, “Ma… posso provare nuovi dolci! E gusti di gelato!” – aber ich stelle mich als Tester für neue Kuchen und Eissorten zur Verfügung.

Annamaria schaut empört und gibt schnaubend einen Vortrag zum Besten, den ich nicht ganz verstehe. An einzelnen Worten und der Art wie sie es sagt und gestikuliert vermute ich, dass sie feurig erklärt, das Männer ohnehin nichts in der Küche verloren haben und dort nur Unheil anrichten. Die Frauen an den Tischen ringsum, und es sind alles Frauen, nicken zustimmend und ergehen sich dann in, so vermute ich, anekdotischer Beweisführung.

Giulie hört dem Geschnatter zu und lächelt versonnen, bis sie plötzlich irritiert schaut und meine Hand loslässt. “Deine Uhr will etwas”, sagt sie.

Stimmt, die Apple Watch vibriert gerade wie blöd, jetzt fällt es mir auch auf.
Ich blicke auf´s Display.

“Tutto a posto?”, alles in Ordnung?, fragt Giulie.
“Si, certo”, Ja, alles okay, sage ich und verdecke das Display.

Weiterlesen Weiterlesen

Reisetagebuch (11): Yogagleiter

Reisetagebuch (11): Yogagleiter

Reisetagebuch mit der Morrigan durch Italien. Heute mit mehr Text als Bildern, weil ich vor lauter Action vergesse Fotos zu machen.

Sonntag, 13. Juni 2025, Mondaino
Auch wenn er gerade alles in allem einen ziemlich frustrierten Eindruck macht, seinen Sinn für Humor hat Marco noch nicht verloren. “So kann sich jeder ein Stück in einer Größe nehmen die ihm zusagt” – er hat den Frühstücks-Karottenkuchen auf unnachahmliche Art geteilt.

Wenig später braust die V-Strom durch das neue Tor des Gasthofs und verschwindet in den Bergen westlich von Mondaino.

Es geht stramm nach Westen, auf den Appenin zu und in ihn hinein. Ich möchte heute einen Deutschen besuchen, der in der Nähe von Arezzo haust, im wahrsten Sinne des Wortes. “Jörg Yogagleiter” nennt er sich selbst, auch wenn ich bezweifele, dass das sein echter Nachname ist.

Jörg ist ein skurriler Typ. Wir haben zusammen einen italienischkurs an der Volkshochschule besucht. Der Italienischkurs wurde online abgehalten, von einer jungen Frau aus und in Palermo. Gerade in den Wintermonaten, wo in den überheizten Klassenräumen der Volkshochschulen gerne Grippe- und Corona-Infektionen ausgetauscht werden, schien ein Onlinekurs eine gute Idee zu sein.

Außer mir nahmen noch vier Frauen daran teil, und eben Jörg. Der meldete sich in Zoom immer mit dem Namen “Yogagleiter” an, denn er ist ein Yogalehrer-Lehrer. Also jemand, der andere Yogalehrer ausbildet und dazu auch Klangschalen streichelt, handauflegt und Tantrasachen und sowas macht, und dafür auch mal durchs Land fahren muss.

Das führte dazu, dass man im Hintergrund von Jörgs Webcam mal ungemachte Betten sah, mal kleine Hotelzimmer, und einmal saß er mit einer Stirnlampe auf dem Kopf in seinem VW-Bus an einer Autobahnraststätte und nahm so am Kurs teil. Häufig hockte er aber in einer Pension mitten im Wald hinter Arezzo, in der Nähe “seines” “Häuschens”.

Dieses “Häuschen” war der Grund, weshalb er den Kurs mit großer Disziplin durchzog, weil er unbedingt italienisch lernen MUSSTE, um mit Anwälten und Behörden klar zu kommen. Jörg hatte nämlich ein “altes Bauernhaus mit Grundstück in der Toskana” von einer Bekannten gekauft. Klingt wildromantisch, aber was er so nebenbei erzählte, klang nur noch wild.

Zum einen bestand das “Häuschen” wohl nur aus ein paar groben Steinmauern mit einem baufälligen Dach darüber.

Jörgs Liegenschaft.

Weiterlesen Weiterlesen

Reisetagebuch (10): Hundstag

Reisetagebuch (10): Hundstag

Samstag, 12. Juni 2025

“Mamma, ich habe Dir doch gesagt, er bleibt nur einen Tag. Ja, er fährt wirklich gleich wieder los!”, höre ich Mauro in der Küche.
“Aber warum macht er denn sowas!”, entrüstet sich Anna.

Ach, schon schön, wenn die Gastwirte traurig sind, wenn man abreist. Aber das war hier halt nur eine Zwischenstation auf dem Weg weiter in den Norden. Hmm, selbstgemachte Konfitüre. Und Kuchen!

Anna streckt den Kopf aus der Küche “Warum fährst Du heute schon wieder?”, fragt sie.
“Ich habe versprochen, einem Bekannten in Arezzo zu treffen”, nuschele ich mit Kuchen im Mund.

Sie schüttelt den Kopf und verschwindet wieder.

Draußen steht bereits die fertig bepackte V-Strom. Die wird heute morgen belagert. Von Gigi…

…Fioretta…

…und von Jack.

Jack ist mein Lieblingshund hier, und ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Als ich mich Jack nähere, bekomme ich ein kurzes, aber sehr aggressives Bellen.

Ah, Okay, Message angekommen: Anders als Fioretta ist Jack definitiv kein Streicheltier. Er ist ein abruzzesischer Schäferhund. Als solcher patroulliert er die Grenzen der Farm, manchmal tagelang und immer auf eigene Faust. Die Abruzzeser sind extrem loyal, kräftig und unglaublich mutig – die nehmen es sogar mit Bären auf.

Ich winke dem Team der Vecchia Fontana zu, dann rollt die Morrigan zwischen den Hunden hindurch und den steilen und kaputten Weg hinab, um sich dann über die Bröckelstrecke zur Straße hochzukämpfen.


Weiterlesen Weiterlesen