Herr Silencer im Juni 2026
Wetter: Monatsanfang bei 9 bis 13 Grad und Regen. Dann kommt die (erste) Hitzewelle, Temperaturrekorde fallen wie die Fliegen, draußen sind es durchgehend über 30 Grad im Schatten, nachts kühlt es sich kaum ab. Erst am Monatsende kriegt sich das Wetter wieder ein.
Lesen:
Hören:

Spider Noir OST [iTunes]
Ausnahmeserie, Ausnahmsoundtrack: Neben orchestrale Gedöns finden sich hier verrauchte Jazz-Nachtclubversionen von “Saving Grace”, “Dream a little Dream (of me)” und “The Devil you Know”. Sehr toll, ich mag das.
Sehen:

Ladies First [2026, Netflix]
Sasha Cohen Baron (“Hugo”, “Borat”) ist Manager der Werbeabteilung der Brauerei Guinness. Er sieht sich bereits als neuer CEO des Konzerns, denn Dank seiner Seilschaften zum (rein männlichen) Vorstand hat er den Job so gut wie sicher. Frauen kommen in seiner Welt nur als Lustobjekte vor, die er zwar gut behandelt, aber nicht wirklich ernst nimmt.
Das ändert sich, als er plötzlich in einer Welt aufwacht, in der alle Geschlechterverhältnisse umgekehrt sind. Plötzlich wird er von der (rein weiblichen) Führungsriege nicht mehr ernst genommen und bekommt Dinge gesagt wie “Lächele doch mal” und muss sich gegen sexuelle Avancen von Rentnerinnen wehren. Der CEO-Job ist natürlich völlig außer Reichweite – eine langjährige, bestens mit dem (rein weiblichen) Vorstand vernetzte Managerin hat den bereits so gut wie in der Tasche, und überhaupt: Einen Mann als CEO hat es noch nie gegeben, das ist un-vor-stellbar.
Das Thema “Geschlechterumkehr” und “Mann versteht plötzlich Frauen” ist natürlich nicht neu, aber schon lange nicht mehr in Filmen behandelt worden, und schon gar nicht so. “Ladies First” zeigt uns erst ein typisches Werbagentur-Szenario a la “Mad Man in der Gegenwart”, bei dem wenig Würdigung für Frauen völlig normal ist. Das ist nicht mal dramatisch übertrieben, sondern zeigt einfach den aktuellen Stand der Gesellschaft und die alltägliche Realität von Frauen heutzutage.
DANN wird alles auf Links gedreht, und mit dem Genderswapping beginnt die Kunst dieses Films: Statt plakativ zu übertreiben, strotzen die Szenen vor kleinen, feinen Beobachtungen. Zum Beispiel, wenn sich Werbung nackter Männer bedient, wenn der Titel des Buch-Beststellers “Harriet Potter” ist, wenn sich in der U-Bahn Rentnerinnen “zufällig” an jungen Männern reiben oder wenn Frauen Vulva-Scherze reißen. Oder wenn Männer über Penisfiller und Nippelvergrößerungen nachdenken, um bessere Aufstiegschancen zu haben.
Solche Dinge passieren en passant oder im Hintergrund, provokativ im Vordergrund stehen wirklich bezeichnende Szenen. Kern ist die, in der eine reine Frauenrunde sich Gedanken darüber macht, was Männer in der Werbung wohl ansprechen wird, und die Diskussion (für jeden Mann) erkennbar in die völlig falsche Richtung abbiegt, aber der einzige Mann am Tisch nicht gehört wird. Die aufsteigende Panik von Cohen, der nicht gehört wird und trotz eindeutig besserer Qualifikation ignoriert und übergangen wird, verdeutlicht ohne jegliche strukturtheoretische Gesellschaftskritik und ohne misandrischen (das ist das Gegenstück zu “misogyn”, also frauenfeindlich) Feminismus die Probleme, mit der Frauen heute zu kämpfen haben.
Ich hatte ENORM viel Spaß mit diesem Film, der genauso gut funktioniert wie “Was Frauen wollen” aus dem Jahr 2000, und den ich auch nach wie vor sehr mag. Das liegt an den extrem gut spielenden Hauptdarstellern Sacha Baron Cohen und Rosamund Pike, vor allem aber an den mit viel Geschick geschriebenen und inszenierten Szenen.
Das einzig befremdliche: Wo “Was Frauen wollen” von Nike gesponsored und mit Product Placement vollgekleistert war, ist es hier Guiness. Das unpassend und maximal seltsam.
Szene, die ich nicht vergessen werde: Cohen: “Dafür braucht man EIER!” Pike: “Hä? Eier? Diese kleinen Dinger in diesem Säckchen, das so empfindlich ist, das ihr beim geringsten Druck wimmernd zu Boden geht?” Cohen: “Hrmpf”

Spider Noir [2026 Prime]
New York, 1947: Nicolas Cage ist der knallharte, aber völlig abgebrannt Privatschnüffler. Da tritt eine Femme Fatale durch seine Bürotür und gibt ihm einen ungewöhnlichen Auftrag. So weit, so Film Noir. Was aber niemand weiß: Cage ist auch Spider Man, in dieser Eigenschaft allerdings außer Dienst.
Dafuq, was ist das denn? Kommt aus dem nichts, diese Serie, und macht ALLES richtig: Das Casting – großartig. Kostüme und Sets – fantastisch. Die Story – so Noir wir nur denkbar.
Ich bin baff.
Was man dazu sagen muss: Ich LIEBE die Filme der Noir-Bewegung, habe an der Uni Seminare dazu besucht und wissenschaftliche Arbeiten darüber verfasst. In meinem Regal steht alles Mögliche, von “The Maltese Falcon” über “Die Rechnung ging nicht auf” bis “Späte Sühne”. Film Noir war stilistisch geprägt vom deutschen Expressionismus a la “Nosferatu” und dauerte in Hollywood nur wenige Jahre, von 1941 bis 1944. Tatsächlich hat die Bewegung weitaus weniger Filme hervorgebracht, als man angesichts ihres kulturellen Impacts denken könnte – Film Noir hat mit seinen Tropes und seinem Stilrepertoire das Filmschaffen nachhaltig geprägt. Film Noir sind dunkler und roher, blicken in menschliche Abgründe und transportieren das auch visuell, z.B. durch das Spiel von Licht und Schatten.
Alle Stilmittel des Film Noir setzt “Spider Noir” meisterhaft ein und treibt den Stil auf die Spitze. Folgerichtig gibt es die Serie in Schwarz-Weiß (Zur Auswahl steht auch eine Farboption, aber… nee). Diese meisterhafte Filmkunst stellt und drapiert sie um einen Nicholas Cage herum, der in seinen besten Momenten tatsächlich an Bogart erinnert. Die Story ist spannend.
Szene, die ich nicht vergessen werde: Nick Cages bizarres overacting, wenn er sich vorstellt, er sei eine Spinne.

Clarksons Farm Season 5 [Amazon Prime]
Clarkson ist zurück, und dieses Mal holt er sich… Roboter zur Verstärkung. Farmhand Kaleb ist natürlich not amused über Dinge wie den “Agbot”, aber es gibt größere Probleme: Die britische Regierung treibt Gesetze voran, die es Farmern in Zukunft unmöglich machen, ihre Ländereien an die nächste Generation weiterzugeben. Und dann sind da noch sehr persönliche Sachen…
Ich halte “Clarksons Farm” ja für das beste Stück TV-Unterhaltung seit “Top Gear”, und auch Staffel 5 enttäuscht nicht. Wunderschön fotografiert sind wieder einzigartige Momente, etwa wenn Clarkson ein Kalb zur Welt bringt, eine Vogelexpertin zu Gast ist oder Aufmärsche in London dokumentiert werden. (Wie der Zufall so will, bekam ich 2025 die Proteste sogar live mit, verstand aber damals nicht, worum es ging).
Dabei ist nicht alles eitel Sonnenschein: Die Staffel endet so düster, dass sogar die Titelcards nur in Schwarz-Weiß und nicht mit Musik unterlegt sind.
Szene, die ich nicht vergessen werde: Den ultimativen Cliffhanger.
Spielen:

First Light [2026, PS5]
Über Island werden Helikopter der britischen Streitkräfte abgeschossen. Einziger Überlebender: Ein frischgebackener Junior-Airman der Royal Air Force, ein gewisser James Bond. Das ist nun in mehr als einer Hinsicht ein Problem, denn was niemand aus der Flug-Crew wusste: Das Ganze war eigentlich als Aktion des MI6 gedacht.
Bond schlägt sich durch und wird im Anschluss vom Auslandsgeheimdienst rekrutiert und ausgebildet. Dabei eckt er mehrfach mit seiner schnoddrigen und unkonventionellen Art an, deckt aber durch Zufall eine Intrige an der Schnittstelle zwischen KI und MI6 auf.
Hossa, was für ein feines Game. IO Interaktive hat ja bisher die “Hitman”-Spiele gemacht, bei denen man als heimlicher Attentäter in stundenlanger Kleinarbeit wieder und wieder verschachtelte Levels auswendig lernen muss, um Attentatsziele möglichst elegant zu beseitigen. Dazu hatte ich nie die Geduld und bedauerte mich deswegen sehr, denn die Hitman-Games sehen einfach wunderschön aus, und meine bevorzugte Charakterrolle ist der Rogue oder der Infiltrator – ich bin nur nicht geduldig und clever genug für “Hitman”.
“First Light” ist nun im Prinzip “Hitman” für Leute, die kein “Hitman” mögen oder zu doof dafür sind. Auch Bond muss viel schleichen und Gegenstände manipulieren und Wachen heimlich ausschalten. Wird er dabei aber erwischt, bedeutet das aber nicht automatisch Game Over – Bond kann sich auch mit einer geschmeidigen Ausrede aus der Affäre ziehen oder Gegner im Faustkampf niederboxen und damit Situationen wieder unter Kontrolle bekommen. Bond scheitert also beharrlich vorwärts.
Ich war einer Origin-Story gegenüber skeptisch, hatte dann aber unerwartet sehr viel Spaß. “First Light” ist wirklich toll geschrieben, hat hervorragende Schauspieler, ist abwechslungsreich und sieht wundervoll aus. Es gibt sogar eine Titlesequence mit einem eigens von Lana del Rey komponierten und eingesungenen Song:
Lediglich die (wenigen) Baller-Abschnitte waren echt frustrierend, die musste ich in der Schwierigkeit runterstellen. In diesen Sequenzen stürmen bis zu 30 Gegner mit Schusswaffen einen verschachtelten Raum, und Bond muss es mit allen gleichzeitig aufnehmen, stirbt aber selbst nach zwei Treffern.
VIELLEICHT wäre das auf normalem Schwierigkeitsgrad machbar, wenn nicht die Gegner unendlich Munition hätten, aber in jeder Waffe, die man ihnen klaut, nur noch 7 bis 15 Schuss sind. Auf normalem Schwierigkeitsgrad ist das völlig frustrierend, im einfachen bewegt man sich wie John Wick durch die Gegnerhorden und wechselt nahtlos zwischen Faustkampf und Schusswaffen. Das ist dann schon wieder cool – uncool ist, dass man den Schwierigkeitsgrad danach nicht wieder einfach hochstellen kann. Es geht, ist aber megakompliziert.
Anyhow, das ist Jammern auf hohem Niveau. “First Light” ist ein sehr tolles, abwechselungsreiches und nicht zu langes Single Player Game UND ein guter Bond. Im Ernst, das könnte man einfach so verfilmen.
Szene, die ich nicht vergessen werde: Wenn enthüllt wird, was der Titel bedeutet. Das war sehr rührend.

Remember Me [2013, XBOX 360]
Ähnlich wie die Bevölkerung heute süchtig nach Smartphones ist, ist sie es im Jahr 2084 in Paris nach “Sensens”. Das sind Schnittstellen, die direkt in den Körper implantiert sind, und über die Erinnerungen ausgetauscht, gelöscht oder verändert werden können. Das hat die komplette Gesellschaft verändert: Unangenehme oder traumatische Erinnerungen werden einfach gelöscht, schöne Erinnerungen gegen Geld gehandelt. Besonders arme Menschen verkaufen ihre wertvollen Erinnerungen, vom ersten Kuss bis zu gutem Sex, bis ihre Erinnerungen quasi weg sind.
In dieser Cyberpunk-Welt findet sich Nilin in einem Gefängnis wieder, in dem ihre Erinnerung komplett ausgelöscht werden soll. Der jungen Frau gelingt die Flucht , nachdem sie einen Teil ihres Gedächtnisses verloren hat. Nun muss sie nach und nach herausfinden, wer sie eigentlich ist und was sie getan hat. Schnell stellt sie fest, das sie besondere Fähigkeiten hat: Sie kann Erinnerungen anderer Menschen stehlen oder so manipulieren, dass sie die Persönlichkeit der Menschen ändert.
“Remember Me” war das erste Werk des französischen Studios Dontnod, das später mit “Life is Strange” bekannt wurden. Der Erstling ist aber ganz anders als das bekanntere, dialoglastige Coming-of-Age Spiel. “Remember Me” ist ein reinrassiges Actionadventure, das Elemente aus den damaligen Top-Titeln “Assassins Creed”, “Uncharted” und “Arkham Asylum” geschickt verbindet und mit eigenständigen Ideen und einem fantastischen World-Building bereichert.
So turnt und klettert Nilin im Parcours über die Dächer von Neo-Paris und verprügelt Gegner in FreeflowKämpfen. Die Kampfcombos dafür lassen sich selbst konfigurieren, in einem “Kombo-Lab” lässt sich festlegen, ob und wieviele Treffer welche Effekte auslösen. So können gezielte Fausthiebe nicht nur Schaden verursachen, sondern auch Lebensenergie zurückgewinnen oder den Cool-Down für Spezialangriffe reduzieren.
Dazu kommen die Sequenzen, in denen Nilin Erinnerungen manipuliert. Zuerst sieht man eine Erinnerung als ganzes, dann kann man darin vor und zurückspulen und an bestimmten Stellen Kleinigkeiten manipulieren und den Verlauf erneut beobachten. Tut man das erfolgreich, wacht die Zielperson mit einer anderen Erinnerung auf und verhält sich anders. So wird aus dem überheblichen Banker, der eben einen harmlosen Streit mit seiner Frau hatte, ein zitterndes Wrack, weil er sich daran erinnert, sie im Streit getötet zu haben.
Auch wenn die Erinnerungsschnittstelle so aussieht, als würden alle Figuren ein Spiegelei am Hinterkopf tragen (weiß und orange sind halt nicht die besten Farben für sowas): Diese Abschnitte sind faszinierend, auch wenn sie selten sind das Potential der extrem guten Ideen darin nicht voll ausgeschöpft wird. Das ist sicherlich dem Budget und der Größe des damals noch neuen Studios geschuldet. Dennoch: ich kann mich nicht daran erinnern, das ein anderes Spiel so etwas oder diese Combo-Lab-Sache vor oder nach “Remember me” gemacht hat.
Überhaupt ist das Game eine verkannte Perle – es erschien 2013 im Fahrwasser von “The Last of US” und ging schon deswegen total unter. Ebenfalls nicht vorteilhaft: Es kam noch ausschließlich für die alten Konsolen XBOX 360 und PS3 raus, und das in einer Phase, wo PS4 und XBONE schon in den Startlöchern standen. Außerdem versumpfte das Marketing (für das ein gewisser Paul Kautz, heute Retro-Podcaster und -Redakteur, zuständig war!), denn fast zum selben Zeitpunkt war ein Film mit Robert Pattinson und dem gleichen Namen erschienen, was das Game un-googlebar machte.
Das “Remember Me” so versackt ist, ist schade, denn das Game ist clever, toll inszeniert, grafisch eine Wucht, für die Kürze seiner Spielzeit von ca. 10 Stunden sehr abwechslungsreich, macht Spaß und hätte der Start für ein spannendes Franchise sein können.
Szene, die ich nicht vergessen werde: Das Versteckspiel mit einem Helikopter auf den regennassen Dächern von Neo-Paris, vor der Kulisse des futuristisch beleuchteten Eiffelturms. Das ist Blade Runner Galore!
Machen:
- Schwitzen
- V-Strom durch die Inspektion schieben
- Yaris durch die Inspektion schieben
- Den Dorfflohmarkt genießen. Dorfflohmärkte sind so toll!
- ENDLICH Mr. Transalp treffen und in kurzer Zeit viel lernen.
- Daraufhin Schuhe kaufen. Ich HASSE Schuhe kaufen.
Neues Spielzeug:
Nix, war auch so ein teurer Monat.
Ding des Monats:
Archiv Momentaufnahmen ab 2008