Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Impressionen eines Wochenendes (30): Wenn der Clown vom Hochseil fällt

Sonntag/Sonne/warm.
ZZR/Eichsfeldhighway/Harz.

Kurz vor Braunlage meldet sich Anna in meinem Ohr. „Jetzt abbiegen“, sagt das Navi. Ich soll von der Bundesstraße 27 links abbiegen auf den Zubringer zur B4. Nichts leichter als das.

Aus der Gegenrichtung kommt ein Skoda. Er blinkt rechts, will also auch auf den Zubringer. Fahre ich zuerst, muss er dann im Kreuzungsbereich warten. Einfach.

Ich komme aus Südwesten und will links rum. Der Skoda kommt aus Nordosten und will rechts rum.

Die Kreuzung ist groß und übersichtlich und außer uns beiden kein anderes Fahrzeug in Sicht. Ich fahre also links rum und behalte während des Abbiegens den Skoda aus den Augenwinkeln im Blick. Ja, der wird langsamer. Huch, da schießt ein Motorrad am Skoda vorbei. Wo kam das her?

Egal, denke ich und ziehe um die Kurve und nehme wieder den Skoda ins Visier, den ich wegen des Motorrads für einen Moment aus den Augen gelassen habe. Normalerweise lasse ich nicht den Blick von Autos an Einmündungen. Entsetzt sehe ich, wie der viel näher ist als er sein dürfte, nur wenige Meter von mir entfernt, und er beschleunigt – genau auf mich zu!

„Der hat mich nicht gesehen“, begreife, als die Motorhaube des Wagens schon so nah ist, dass ich sie gefühlt berühren könnte, wenn ich den Arm ausstrecke. Der Zusammenstoß ist unvermeidlich, der Skoda wird die ZZR in einem 45 Grad Winkel treffen. Wir haben sicher beide so um die 30, 40 km/h drauf. Genug für ernste Konsequenzen.

Ich greife in die Vorderradbremse und latsche gleichzeitig auf das Bremspedal für das Hinterrad. Ausweichen ist nicht mehr, ich gucke nur noch stur nach vorn und konzentriere mich auf´s Bremsen. Die ZZR federt vorne tief ein, aber es ist zu spät: Ich kann den Wagen weniger als einen Meter entfernt von mir sehen. Gleich kracht es. Oder hat es schon gekracht?

Dann passiert etwas ganz Seltsames.

Das Hinterrad hat beim harten Bremsen blockiert und rutscht nun weg. In der Rutschbewegung legt sich die ZZR leicht auf die Seite und dreht sich dabei nach rechts und damit aus der Bahn des Skodas heraus, bis sie parallel zur Bewegungsrichtung des Wagens ist.

In dem Moment mache ich die Hinterradbremse wieder auf, das Hinterrad bekommt wieder Haftung und die Maschine richtet sich auf, als es „Wummp“ macht und etwas das Auto berührt. Aber es ist kein harter Einschlag, auf den ich jetzt eingestellt bin. Stattdessen spüre ich die leichteste aller Berührungen an meinem rechten Fuß. Geradezu zart, als wenn ganz kurz mit der Hand die Außenseite meines Stiefels berührt, so sanft fühlt sich das an.

Dann ist der Moment vorüber, der Skoda zieht an mir vorbei. Ich fange das Motorrad ab und stehe pumpend mitten auf der auf der Zufahrt. Der Skoda fährt Schlangenlinien, dann hält er an. Ich fahre hinter das Auto und stelle den Motor ab. Ein weißhaariger Mann von bestimmt 80 Jahren steigt aus, dann eine kleine Frau im selben Alter. „Haben sie mich nicht gesehen?“, frage ich.

„Erst zu spät“, sagt der Mann sichtlich zerknirscht, „Ist Ihnen was passiert?“. Ich gucke meinen Fuß an. Er ist noch dran. Es war wirklich nur eine sanfte Berührung.

Dann gucke ich das Motorrad an. Sieht aus wie immer.

Alles wie immer.

„Ich habe sie nicht mal gesehen, ich habe nur gerade den Wumms gehört und die Berührung gemerkt“, sagt er. Ich inspiziere die ZZR ganz genau. Aber da ist… nichts. Tatsächlich fällt mir jetzt erst auf, dass die Fußraste das exponierteste Teil des Fahrzeugs ist. Nur mit deren Äußerster Spitze und meinem Fuß habe ich das Auto touchiert, dabei war der Vollcrash schon so gut wie sicher. Unglaublich.

Die alte Frau erholt sich derweil von dem Schreck und plappert drauf los. „Sie waren wie ein Schatten, plötzlich da. Wir kommen gerade aus Thale. Da ist es sehr schön. Ich habe gerade noch zu meinem Mann gesagt „Jetzt weiß ich, warum Heinrich Heine das hier so schön fand“. Wir kommen ja aus dem Erzgebirge, da ist es nicht so schön. Quedlinburg ist auch schön, und bei dem Wetter ist das aber auch ein schöner Tag, heute.“ Ihr Ehemann unterbricht den Redeschwall mit einer eleganten Überleitung. „Und jetzt ist er noch schöner, weil ihnen nichts passiert ist“, sagt er. Ich nicke.

Wir tauschen Adressen aus, nur für den Fall das doch was ist, dann fährt das alte Ehepaar weiter.

Ich gucke mir nochmal die gebogene Bremsspur an, die die ZZR auf dem Asphalt hinterlassen hat und lasse das ganze Revue passieren. Alter Schwede. Mehr Glück als Verstand. Das war kein fahrerisches Können, das war Zufall, dass es mich hier nicht erwischt hat. Oder gehörte Können am Ende doch dazu? Fühlt sich gerade nicht so an.

Was wäre wohl gewesen, hätte die ZZR ABS? Wäre ich dann gar nicht erst in die Situation gekommen, weil ich eher gestanden hätte? Oder hätte es mich erwischt, weil das Hinterrad nicht weggerutscht und sich die Maschine so aus der Bahn gedreht hätte? Vermutlich Letzteres.

Ich steige auf die Renaissance und fahre weiter.

„Wenn der Clown vom Hochseil fällt, dann erzähle den Artikel über den Zirkusbesuch um Himmels Willen bloß nicht chronologisch!“, so lautet eine Regel im Journalismus.

Da der Clown, der heute vom Hochseil gefallen ist, jetzt abgefrühstückt ist: Ja, der Rest des Tages war wirklich nett. Bis zu diesem Zwischenfall und danach auch wieder.

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Kategorien: Impressionen, Motorrad | 5 Kommentare

Burned Hand

„Burned Hand teaches Best“ sagen die Engländer, „die verbrannte Hand lehrt am Besten“. In meinem Fall ist das umgekehrt.

Neulich, an einem Samstag Abend: Ich bin mit der Renaissance auf dem Weg ins Theater. Das Motorrad summt durch die warme Abendluft, als ich plötzlich denke: Ich müsste mal in der Firma vorbeigucken. Da hat eine neue Kollegin angefangen. Heute ist Samstag, und sie war das erste Mal ganz alleine. Sie müsste jetzt schon Feierabend gemacht haben, aber vielleicht sollte ich mal gucken ob alles OK ist?

Kurz an die Jackentasche gefasst: Kein Schlüssel für die Arbeit dabei. Ach egal, denke ich mir, wird schon alles OK sein. Theater fängt immerhin in 45 Minuten an.

Doch der Gedanke lässt mir keine Ruhe. Ist wohl wirklich alles OK? Kurz vor dem Ziel halte ich die ZZR an, wende und flitze 10 Kilometer zurück nach Hause, hole die Schlüssel zur Firma und fahre dort vorbei.

Sieht alles OK aus, die neue Kollegin ist schon weg, aber alles ist in Ordnung. Im Rausgehen komme ich an der Kaffeeküche vorbei. Da drin steht so eine kleine Pantryküche, wie man sie aus Studentenbuden kennt. So ein altes Ding, eine Kombination aus oben Spüle und zwei Kochplatten und unten Kühlschrank und Putzmittelschrank. Was ist das denn? Glimmt da ein kleines Licht auf der Vorderseite? Ist das immer an?

Ich gehe näher ran und schirme die Leuchte mit der Hand ab. Doch, die glimmt. Tut sie das immer, wenn der Kühlschrank läuft? Habe ich noch nie drauf geachtet. Oder ist eine der Kochplatten an? Beide Platten werden nie benutzt und sind mit Edelstahlabdeckungen versehen. Sieht alles normal aus, zumindest glüht da nichts oder so. Ich sehe mir die Regler der Kochplatten auf der Vorderseite des Herds an. Beide stehen auf Null.

Mit einer schnellen Bewegung berühre ich mit einer Fingerspitze die Vordere der beiden Platten und ziehe dann sofort die Hand zurück zurück. Heiß ist die Platte nicht. Ich berühre sie schnell mit zwei Fingern, dann lege ich die ganze Handfläche auf. Nein, die ist nur Lauwarm. Das kann vom laufenden Kühlschrank kommen. Vermutlich ist das bei der hinteren Platte auch so, denke ich und lege die Handfläche auf die größere der beiden Herdplatten.

Noch bevor die Nerven den Schmerz ans Hirn weitergemeldet haben, hören die Ohren das Zischen, das die Handfläche auf der heißen Herdplatte verursacht. Dann kommt der Schmerz. Ich höre mich selbst laut schreien, unkontrolliert und tief, wie ein Tier, dann reiße ich die Hand zurück und torkele vom Herd weg. Ich begreife, was da gerade geschehen ist, springe zum Wasserhahn und drehe das kalte Wasser auf.

Die Handfläche, die ich in den Wasserstrahl halte, ist knallrot. Sofort fliessendes Wasser ist wichtig, denn sonst verbrennt die Haut im Inneren weiter, auch wenn sie schon von der Hitzequelle getrennt ist. Jetzt stellt sich ein pulsierender Schmerz ein. Noch kann ich klar denken. Ich fummele das Handy aus der Tasche, lasse die Sprachassistentin meine Abendverabredung anrufen und sage den Theaterbesuch ab.

Dann besehe ich mir die Drehregler am Herd. Der von der hinteren Platte ist ganz locker und fällt ab, als ich dagegenstupse. Anscheinend ist der schon mal abgefallen, und jemand hat ihn verkehrt wieder aufgesetzt. Und zwar so, dass er um 180 Grad versetzt war. Er stand auf null, die Herdplatte lief aber auf drei. Vorsichtig schütte ich Wasser auf die Edelstahlbdeckung. Es zischt, als das Wasser augenblicklich verdampft. Ich drehe am Reger herum, bis die kleine Lampe ausgeht. Dann stehe ich eine weitere Minute an der Spüle und kühle die schmerzende Hand, bis ich das Wasser abdrehe und zum Motorrad laufe. Vielleicht bleibt nicht viel Zeit bis der Schock einsetzt, dann will ich lieber zu Hause sein.

Den Handschuh wieder anzubekommen ist kein Problem, Gas geben aber schon. Jeder Dreh am Gasgriff tut höllisch weh. Zum Glück muss ich nur 10 Minuten fahren. Zu Hause stelle ich die ZZR in die Garage und laufe in meine Wohnung. Dort angekommen, versuche ich so vorsichtig wie möglich den Motorradhandschuh wieder auszuziehen. Die Hand ist schon stark angeschwollen, und vor Schmerzen steigen mir die Tränen in die Augen, während ich langsam den Handschuh abziehe. Hautfetzen bleiben am Leder zurück. Dann halte ich die Hand so schnell wie möglich wieder unter fließendes Wasser und ziehe mir einen Küchenstuhl heran, während ich auf das Einsetzen des Schocks warte.

Der bleibt weitgehend aus, nur ganz kurz wird mir jetzt ein wenig schwindelig. So, und nun? Jetzt stehe ich hier, die Hand tut wie irre weh, sobald ich sie unter dem fließenden Wasser weg nehme. Soll ich ins Krankenhaus fahren? Vorsichtig besehe ich mir die Handfläche. Die ist in voller Fläche verbrannt und knallrot, bis auf da, wo sich bereits Blasen bilden. Das ist gut. Blasen sind gut.

Ich habe 10 Jahre in der Systemgastronomie gearbeitet und alle Arten von Verbrennungen gesehen. Blasen sind gut, denn dann ist noch Haut da, die Blasen werfen kann. Ernsthaft. Verletzungen durch Friteusenfett, bspw, sind viel schlimmer, denn dann wird die Haut nicht verbrannt, sie verschmort einfach. Da ist dann nichts mehr was Blasen werfen oder später heilen könnte. Da hta man dann einfach ein Loch im Körper. Gerade weil ich schon so viel gesehen habe, Verbrennungen, Verschmorungen und Verätzungen, kann ich auch sehen, dass das hier viel schlimmer aussieht, als es ist.

Die Verbrennung ist großflächig, ja, aber nicht tief. Krankenhausbesuch lohnt nicht. Alles, was ein Arzt jetzt machen könnte, wäre das Kühlen mit fließendem Wasser zu empfehlen. Fließend übrigens deswegen, weil das Bewegungsgefühl die Nerven beruhigt. Gefühlt schreit nämlich gerade jeder Nerv vor Schmerz, und nur die Ablenkung durch kühles, bewegtes Wasser hilft dabei, ihn fast auf Null zu bringen. Eiskalt darf das Wasser übrigens auch nicht sein, weil man sonst Gefahr läuft, die Körpertemperatur zu stark zu senken. Und Eiswürfel wären ganz falsch, weil man sich damit zusätzlich zu Verbrennungen auch noch Erfrierungen einhandeln könnte.

Irgendwann schlafe ich vor Erschöpfung auf dem Küchenstuhl ein, die verbrannte Hand immer noch in der Spüle.


Die folgende Woche ist die Hölle. Erst ist die ganze Handfläche und alle Fingerspitzen eine einzige Ansammlung von Blasen, dann hinterlasse ich überall abgefallene Hautfetzen. Aber immerhin hatte ich recht, es war nur die oberste Hautschicht. Die Schmerzen sind schon am nächsten Tag nicht mehr schlimm und schon nach wenigen Tagen ganz weg.

Trotzdem: Scheißspiel. 10 Jahre Systemgastronomie, in denen ich an und in 180 Grad heißen Friteusen und riesigen Clamshell-Grills rumhantiert habe. 10 Jahre, in denen ich Leute an diesen Geräten und deren Reinigung ausgebildet habe. Unburned hand teached best. Und seit 25 Jahren bügele ich Hemden. NIE habe ich mich so riesig verbrannt, und jetzt, in einem Moment der Unachtsamkeit, habe ich quasi diese eine Szene da aus Indiana Jones nachgespielt. Schön Blöd.

Trotzdem, so eine verbrannte Hand ist ein geringer Preis im Gegensatz zu dem, was die laufende Herdplatte noch hätte anrichten können.

Kategorien: Ganz Kurz | 9 Kommentare

Impressionen eines Wochenendes (29): Wikingerkirche

Viel zu tun gehabt die letzten Wochen, und eigentlich müsste ich auch an diesem Sonntag arbeiten. Als um 07:30 Uhr der Wecker klingelt, gucke ich kurz auf´s Thermometer. Draußen sind 5 Grad. Nee, so nicht. Nochmal kurz umgedreht, Zack, ist´s halb eins. Woah, brauchte ich den Schlaf so nötig? Mist, halber Tag vorbei. Dafür mit 20 Grad warm, und die Sonne scheint.

Ach, komm, was soll´s. Ein Tag Ruhe wird nicht schaden. Also Arbeit Arbeit sein lassen und rauf auf´s Motorrad. Einfach mal so in den Harz gebritzt. Der ist natürlich voller Touristen, aber was soll´s.

Bei Hahnenklee steht eine Stabkirche.

Außen aus norwegischer Lärche, innen aus einheimischer Fichte. Hübsch anzusehen, als hätten die Wikinger sie hier vergessen.

Die kleinen Harzstraßen sind tückisch. Der Straßenbelag ist schlecht, und Kehren tauchen völlig unvermittelt und unausgeschildert auf.

Die Talsperren führen noch Wasser, aber sehr wenig. Bis die wieder mal richtig voll sind, braucht es sicher einige Winter mit ordentlich Schnee.

Beim Torfhaus sieht man, was der Borkenkäfer so angestellt hat. Ganze Täler sind voller toter Bäume. Das bleibt so, weil das hier Naturpark ist. Die Parkverantwortlichen weisen darauf hin, dass der Harz vor 200 Jahren schon einmal komplett kahl war. Damals hat man dann überall diese Fichten-Monokulturen angepflanzt. Nun sterben die Fichten, aber der Wald wird in neuer Form wiederkommen. In hundert Jahren oder so.

Das ärgert jetzt natürlich Waldbesitzer, die ihre Wälder in der Nähe des Borkenkäferschutzparks haben. Und die Einheimischen, die hier vom Tourismus leben. Mit am Lautesten protestiert die Bürgermeisterin von Schierke, aber die hat auch mehrere Ferienwohnungen.

Egal. Goldener September, frische Luft. Osterode, Clausthal-Zellerfeld, Wildemann, Hahnenklee, Goslar, Okertalsperre, Altenburg, Torfhaus, Sankt Andreasberg, Silberhütte, Herzberg. 194 Kilometer. Nette Runde.

Kategorien: Impressionen | 10 Kommentare

Momentaufnahme: August 2019

Herr Silencer im August 2019

Ok, ich bräuchte jetzt bitte noch drei Wochen Zeit.

Wetter: Anfang des Monats regnerisch und warm bei 23 Grad, dann kommt der Herbst. Es wird nass und sehr kühl, morgens nur noch 8 Grad, Nachmittags um die 20. Fühlt sich herbstlich an, zumal die Blätter wg. der Trockenheit bereits fallen. Erst in der letzten Augustwoche geht es wieder aufwärts mit den Temperaturen, der Hochsommer kommt mit über 30 Grad zurück.


Lesen:

Mark Galeotti: We Need to Talk About Putin: Why the West gets him wrong, and how to get him right [Kindle]
Er regiert seit zwei Jahrzehnten Russland, aber wer ist dieser Putin überhaupt? Ist er wirklich der geniale Stratege, der mit Sabotageaktionen den Brexit ausgelöst und Trump an die Macht gebracht hat? Ist er ein Kleptokrat, der sich die Taschen vollgemacht hat? Von allem ein Bißchen? Oder doch ganz anders?

Mark Galeotti hat sich für seine Recherchen nach eigenen Angaben mit Politikern aus Putins Umwelt besoffen, sich mit Oligarchen getroffen und mit Hausmeistern unterhalten. Dabei herausgekommen ist wenig mehr als eine Anekdotensammlung („Putin schläft gerne lange“) durch die Galeotti selbst einen roten Faden legt und sich damit seine eigene Putin-Theorie zusammenbaut. Das ist unterhaltsam und kurzweilig zu lesen (das Buch umfasst auch nur 150 Seiten), trägt zur Klärung der Kernfrage „Wer ist eigentlich Putin?“ wenig bei.


Hören:


Sehen:
Abends nach Hause gekommen und so kaputt gewesen, dass gerade noch ein wenig Glotzen ging. Dementsprechend viel Guck-Konsum in diesem Monat. Außerdem: Gandersheimer Domfestspiele!

The Happytime Murders [Amazon Video]
Los Angeles in einer Welt, in der Muppets tatsächlich leben und mit Menschen koexistieren: Ein Mörder geht um und zerstückelt Puppen, die früher in der Kinderserie „Happytime Gang“ mitgespielt haben. Melissa McCarthy ist eine knallharte Polizistin, die im Puppenmilieu ermittelt. Dabei muss sie gegen ihren Willen mit Phil zusammenarbeiten. Der ist selbst eine Puppe, Melissas Ex-Partner und knallharter Privatdetektiv. Bald kämpft das ungleiche Ermittlerduo in erster Linie mit den Altlasten und Traumata ihrer Vergangenheit.

Ha, ich habe einen neuen Lieblingsfilm! Kaputte und lüsterne Puppen fand ich in Peter Jacksons „Meet the Feebles“ schon super. Der Film ist mittlerweile schon alt, und es hat 30 Jahre gedauert bis sich wieder jemand (aka Jom Hensons Sohn!) getraut hat, drogenabhängige und rumhurende Muppets auf die Leinwand zu spielen. Melissa McCarthy nimmt man die Cop-Rolle in keiner Sekunde ab, aber die skurrilen Puppencharaktere machen das wieder wett. Allein der Osterhase, der sich in der Pornoabteilung rumtreibt und vor Angst farbige Eier legt! Die Sado-Maso Kuh, die gleichzeitig eine Verbeugung vor „Meet the Feebles“ ist! Die Zuckerabhängigen Niedlichpuppen! Und so ganz nebenbei ist der Kriminalfall noch schön kompliziert und spannend. Für Freunde des abseitigen Humors: Guckempfehlung!

25 km/h [Amazon Video]
Zwei entfremdete Brüder beschließen vom Schwarzwald bis zur Ostsee per Mofa zu fahren. Das sieht so bescheuert aus wie es klingt.

„Wir haben Bjarne Mädel! Und Lars Eidinger! Die lassen wir quer durch Deutschland fahren, da können wir von 8 Bundesländern Filmförderung abgreifen!!! Kann gar nix mehr schiefgehen!“

So oder so ähnlich muss es gelaufen sein. Gewisse deutsche Produzenten haben anscheinend keinerlei Probleme mehr, selbst für den größten Dreck Förderungen abzugreifen und damit ihren Müll zu finanzieren. Die Auswertung vor Publikum ist dann nur noch Formsache, muss halt am Startwochenende in so und so vielen Kinos laufe, Rest egal. Anders kann man sich hingekotzten Dreck wie Till Schweigers Hodenklemmpeinlichkeit „Reise der Silberrücken“ nicht erklären, und ohne einen solchen Erlärungsansatz wüsste ich auch nicht, wie „25 km/h“ zustande gekommen sein soll.

Allein die Prämisse ist schon gurkig: Zwei Brüder, die sich Jahren nicht mehr gesehen haben und so einen Groll hegen, dass sie sich bei der Beerdigung des Vaters am offenen Grab prügeln, beschließen zwei Schnäpse später einen Kindheitstraum wahrzumachen und per Mofa durchs Land zu gurken. Ohne Helm, ohne gültiges Versicherungskennzeichen, ohne Beleuchtung und oft hackedicht. Durch Deutschland! Ein Wunder, das die nicht an der nächsten Ecke in Villingen-Schwenningen verhaftet werden!

Dazwischen sieht man nette und erwartbare Aufnahmen: Bjarne Mädel und Lars Eidinger voll crazy am Jubeln und tanzen, dazwischen Stock-Photo-Augnahmen aus Deutschland mit Weinbergen, niedersächsischen Feldern und Weinfest. Die Story ist völlig Empathie – und Sinnbefreit, einzig das Spiel der Protagonisten ist ansehnlich. Auch, wenn hier Charakterentwicklung nur behauptet wird und die Figuren eklig handeln: Der Yuppiebruder darf mittendrin ne Träne verdrücken, weil er vor Jahren seine schwangere Freundin hat sitzen lassen. Wohl aus Reue beginnt er die und ihre Sohn dann zu stalken. Soll wohl romantisch sein, ist aber so unwitzig wie es sich anhört.

Lichtblick dieses Filmfördertrashs sind Bjarne „Tatortreiniger“ Mädel, Lars Eidinger und Franka Potente, in der Summe ist das hier aber mal wieder ein deutscher Film, von dem man sich gramgebeugt abwenden möchte und der ohne Filmförderung wohl nie gemacht worden wäre.

Mary Poppins Rückkehr [Amazon Video]
Die Banks-Kinder sind erwachsen geworden und haben damit auch erwachsene Probleme. Besonders Michael hat es hart erwischt. Seine Frau ist verstorben und die Bank will sein Haus pfänden. Geplagt von Trauer und Sorgen vernachlässigt er seine drei Kinder. Genau die richtige Zeit für die Rückkehr des berühmtesten Kindermädchens der Welt.

Eine Fortsetzung zu Mary Poppins? Braucht das jemand? Natürlich nicht, aber Spaß macht der Film absolut. Er behält den Charme des Originals, ist dabei aber spannender und bietet mehr Handlung. Quasi eine zeitgemäße Interpretation des Mary-Poppins-Themas. Dazu viel Fantasie, hervorragende Schauspieler (Emily Blunt! Ben Whishaw! Colin Firth!) und PINGUINE! – mir hat dieser freundliche Film viel Spaß gemacht.

The Boys [Netflix]
Jede Stadt hat ihren eigenen Superhelden. Die kann man nämlich einstellen, von der Firma Vought. Doch das Heldentum ist eine Fassade. Die vermeintlichen Helden nutzen ihre Kräfte, um heimlich jede Art von Perversion auszuleben und hinterlassen dabei eine Spur von menschlichen Kollateralschäden. Das geht Carl Urban mächtig auf den Sack, der sich mit einer Gruppe Normalos, den Boys, die Superhelden vorknöpft.

Die Serie ist ab 18, und das ist auch gut so. Gleich in der ersten Folge zerplatzen Menschen in Blutwolken, werden Hände abgerissen und Sprengstoff in Körperöffnungen gesteckt. „The Boys“ ist Garth Ennis („Preacher“) Abrechnung mit dem Superheldengenre. Eine geniale wie blutige Dekonstruktion mit extrem guten Schauspielern. Der strahlendste Held ist Homelander, eine Mischung aus Superman und Captain America. Wie dem die Gesichtszüge in unbeobachten Momenten von Zahnpastalächeln zu psychotischer Maske entgleisen ist sehenswert.

Hair [Bad Gandersheimer Domfestspiele]
Der junge Bukowski wird 1968 zum Militär einberufen, versackt aber auf dem Weg dahin in einer Hippiekommune. Die Leben in den Tag hinein, vertreiben sich die Zeit mit Sex und Drogen und sind auch ansonsten gut drauf.Zwischendurch hadert Bukowski kurz mit sich: Nach Vietnam gehen oder weiter ficken und kiffen? Ach, egal.

Ich kann mit dem Stück nichts anfangen. Vielleicht ist es zu sehr ein Kind seiner Zeit, mit der ich einfach nicht connecten kann. An der Inszenierung und den Schauspielern lag es jedenfalls nicht, dass ich das ziemlich emotionslos abgesessen habe.

Der Glöckner von Notre Dame [Bad Gandersheimer Domfestspiele]
Paris begehrt die schöne Zigeunerin Esmeralda. Zu ihren Verehrern gehört auch der Kirchenmann Frollo, der Esmeralda für die Glut in seinen Lenden hasst. Als sie sich einem anderen zuwendet, schiebt Frollo ihr einen Mord in die Schuhe. Vom Mob gehetzt, wird Esmeralda vom buckeligen Glöckner gerettet und in den Dachstuhl von Notre Dame gebracht.

Für dieses Stück bieten sich die Gandersheimer Domfestspiele natürlich an, finden sie doch direkt vor dem Portal der Stiftskirche statt. Die Inszenierung bindet die Kirche perfekt ein, und spätestens, wenn sich Quasimodos Freunde, die lebendigen Glocken, am Kirchenportal entlanghangeln und an der Fassade schwerelose Kunststücke vollführen, bleibt einem der Mund offenstehen. De Inszeinierung hat in der Mitte einige Längen, aber die werden mit Kreativität und den tollen Schauspielern wieder wett gemacht. Ganz, ganz groß.

Spatz und Engel [Bad Gandersheimer Domfestspiele]
Zwei Diven, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Hier die elegante und beherrschte Dame Marlene Dietrich, dort die fluchende, männermordende, drogensüchtige Edith Piaf. Im New York der 40er Jahre haben die beiden Exileuropäerinnen eine leidenschaftliche und kurze Affäre, danach sind die beiden noch bis zum Lebensende befreundet. Piafs Affären und ihre Drogensucht stellen die Freundschaft auf eine harte Probe.

War mir gar nicht bewusst, dass die beiden befreundet waren. Aber andererseits: Was weiß ich schon generell über Marlene Dietrich und Edith Piaf? Die eine hatte die Augenlider immer auf Halbmast und spielte im Blauen Engel, die andere war bloß ein laufender Meter und knödelte Chansons.

Das tut sie auch hier: „La vie en Rose“, „Je ne regrette rien“ und viele andere Lieder werden in diesem kleinen sieben-Personen-Stück zum Besten gegeben. Nicht meine Musik. Trotzdem hat mich das Stück gefesselt. Das lag vor allen an der enormen Gegensätzlichkeit dieser beiden Charaktere, die sich gleichzeitig aber ganz stark gegenseitig anziehen. Das sehr gute Spiel von Miriam Schwan und Sylvia Heckendorn und die wirklich grandiosen Gesangsperformances taten ihr übriges: „Spatz & Engel“ ist mein Highlight der Domfestspielsaison 2019.

Generell sind die Gandersheimer Domfestspiele mittlerweile auf einem Niveau angekommen, das ich noch vor 10 Jahren für nicht möglich gehalten hätte. Wirklich ausgezeichnete, hauptberufliche Schauspieler aus ganz Europa, topprofessionelle Produktion, innovative Ideen – einfach nur toll, dass sowas Großes in der Provinz stattfindet.

Suburban Motel II [Theater im OP]
Ein Motelzimmer, mitten in der Nacht. Eine Anwältin, ein Cop, verschwitzte Körper, feuchte Laken. Die Stimmung kippt, als der Partner des Cops auftaucht. Wie so oft stockbesoffen und mit einen Drogendealer im Auto vor dem Motel.

Spannendes vier Personen Stück, straff inszeniert und teils gut gespielt. Einige Schauspieler treffen es auf den Punkt und beeindrucken, andere sagen einfach nur ihren Text auf.


Spielen:

Wolfenstein: Youngblood
Sophie und Jess vermissen ihren Vater. Der ist nicht irgendwer, sondern B.J. Blaszkowicz, der Mann, der 1968 Hitler tötete. Moment was? Die beiden Schwestern machen sich auf nach Paris, Daddys letztem bekannten Aufenthaltsort. Die Stadt an der Seine ist auch in den 1980er Jahren fest in der Hand der Nazis, was die Sache nicht einfacher macht. Gemeinsam befreien die Schwester Stadtviertel und rücken langsam, aber aufhaltsam (SIC) gegen den Stadthalter vor.

Nicht mein Spiel. Koop, Unfair, kaum Story – bleibt mir weg damit. Ausführliches Review hier. Ich hoffe auf ein echtes „Wolfenstein 3“. Die Chancen dafür stehen nicht gut. Zum einen hat sich der Vorgänger recht schlecht verkauft, zum anderen – man glaubt es kaum – protestieren in Amerika die Nazis („Identitäre“) gegen die ihrer Meinung nach unfaire Darstellung von Nazis in den Spielen.


Machen:

Aufenthalt im Kloster. Mudder aller Inspektionen an der V-Strom. Für 400 Euro Bahnfahrkarten kaufen. Ein Besuch bei Dora.

Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Dora-Besuch

Der Körper leistet schwache Gegenwehr mit dem Einwand „Aber… es ist doch Sonntag!“. Bringt aber nix. Das Hirn ist voller Gedanken, und schon ist es vorbei mit dem Ausschlafen.

Ich bleibe noch einen Moment im Bett liegen, dann halte ich es nicht mehr aus. Jetzt sind die Gedanken an die Arbeit da und kreisen durch das Bewusstsein. Um kurz nach Sieben stehe ich mit einem Kaffeebecher in der Hand am Fenster des Arbeitszimmers und blicke über das noch schlafende Dorf. Ein wunderschöner Sommermorgen, bratzende Sonne, knallblauer Himmel.

Im Kopf: Zu viel Arbeit.
Im Herzen: Fernweh.
In jeder Faser: Motorradsehnsucht.

Plötzlich der Gedanke: Ich könnte mal wieder Dora besuchen.

Habe ich zuletzt vor 10 Jahren gemacht.

Rasch werfe ich mich in die Motorradklamotten und gehe die Treppen zur Garage hinab, die unter dem Haus im Berg liegt. Ich habe den Luxus der Wahl. Die schnelle, sportliche ZZR600? Mit der bin ich dieses Jahr bislang viel zu wenig gefahren.

Nein, ich kann der V-Strom heute nicht widerstehen. Die Maschine liegt seit letzter Woche höher und trägt jetzt wieder Hauptständer und Motorschutz, und ich bin neugierig, wie sie sich jetzt fährt.

Kurze Zeit später rollt die Suzuki in Richtung Harz los. Es geht über die Bundesstraße, breit, gut ausgebaut, übersichtlich. Folgerichtig wird die hier von den ganzen Eichsfeldern als Rennstrecke genutzt. Jede Woche gibt es hier mindestens einen tödlichen Unfall, deshalb bin ich doppelt aufmerksam.

Bräuchte ich aber gar nicht sein, Sonntag morgens um kurz nach Acht ist hier nichts los. Ich passiere den Ort mit der Fleischerei, die an der Hauptstraße mit dem Plakat „Frisches Mett ab 05:30 Uhr!“ wirbt. Hier im Eichsfeld setzt man eigene Prioritäten. Wenn das mit dem nicht-schlafen-können mal schlimmer wird, werde ich mich mitten in der Nacht in die tröstenden Arme von frischem Mett begeben können.

Kurzer Stopp an der Tankstelle, an der spätestens um 10 Uhr Männer Mitte Dreißig bis Mitte Fünfzig mit dicken Audis und Ford Mustangs stehen werden. Früher saß Mann auf dem Dorf am Sonntag Morgen beim Frühschoppen an Stammtischen, heute stehen sie in Wagenburgen zusammen. Wie ungemütlich.

Ich mag die Leute hier nicht besonders. Ich habe hier mal gewohnt, und normalerweise bin ich im Arbeitermilieu eher zu Hause als in Akademiker- oder Schicki-Micki-Kreisen. Aber hier tragen viele Menschen ihr eher simples Gemüt und ihre tunnelenge Weltsicht mit großer Aggression vor sich her, und das ist eine Kombination, die ich nicht leiden kann.

Die Barocca brummt durch Herzberg, dann durch Siebertal. Sonne flutet durch das enge Tal mit den Fichtenbedeckten Bergflanken. Die Luft ist feucht. Jetzt sind wir mitten im Harz.

Meine Güte, läuft die Kiste gut! Die Werkstatt hat sich selbst übertroffen, mit den neuen Einstellungen hat der bollerige V-Zweizylinder fast sowas wie Laufkultur. Wirklich, der läuft wesentlich geschmeidiger als vorher. Der neue Motorschutz macht auch keine Geräusche. Nachdem ich bei der Demontage gesehen habe, dass das anfänglich nervende Geklapper und Geklingel daher kam, dass der Auspuff sich in die Schutzplatte reinvirbriert hat, sind jetzt Abstandshalter verbaut. Die bringen es, jetzt ist der Motor geschützt und nichts macht Geräusche.

Es geht auf St. Andreasberg zu. Die Straßen hier sind extrem schlecht, die kleinen Orte stellenweise in erbärmlichem Zustand. Hier stehen viele Fachwerkhäuser, oft in beklagenswerten Zustand. Traditionell wird hier die Wetterseite mit Schiefer verkleidet. Viele Häuser haben den in den 60ern durch Eternit ersetzt. Das sieht nicht nur hässlich aus. Um das Asbestkram zu entsorgen, muss man auch richtig Geld auf den Tisch legen. Wer sollte das machen? Die Alten tun es nicht mehr, und junge Leute ziehen hier weg.

Es war immer mein Traum, mal auf dem Dorf ein altes Haus wieder her zu richten und dort zu arbeiten, dank Internet sollte das ja in wenigen Jahren möglich sein. Dachte ich, damals, in den Neunzigern. Aber Internet in Deutschland, damit tut sich die Politik bis heute schwer, und diese fehlende Infrastruktur vertreibt die Leute aus dem ländlichen Raum. Zurück bleiben verfallende Orte.

Von St. Andreasberg geht es nach Braunlage. Zwischendurch scheuche ich die V-Strom über Schotterwege. Dort übe ich stoppen, absteigen, rangieren, wenden. Alles ungewohnt, so hoch wie die Maschine jetzt steht. Es geht, aber sie im tiefen Schotter vom Seitenständer hochzukriegen ist schon ein kippeliger Kraftakt.

Man merkt, wenn man im Harz die ehemalige Zonengrenze quert. Nicht nur wegen der Schilder („Hier war Deutschland bis zum 09.11.1989 geteilt“), sondern auch, weil im Osten schlagartig die Straßen viel, viel besser werden.

Nordhausen liegt im Morgenlicht. Der Ort am Südharz ist schon wach. Kein Wunder, jetzt ist es halb 11.

Ich ziehe die Barocca auf eine kopfsteingepflasterte Straße und rolle aus Nordhausen heraus. Rechts liegt ein Wald und eine Bergkette, die Landschaft links wirkt wie ein Park. vereinzelt stehen Trauerweiden und Birken auf einer kurz gemähten Wiese, die Straße führt in weiten Schwüngen dort hindurch.

Seltsam ruhig wirkt das hier, fast entrückt.

Das hier ist Dora.

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Ich habe Dein Motorrad beschädigt.

„Du, ich habe Dein Motorrad beschädigt“, sagt der Meister und guckt traurig.  Meine Augen verengen sich zu Schlitzen. Was hat er mit der Barocca angestellt? Umgeworfen? Kratzer beim Rangieren reingefahren? Was am Fahrwerk kaputt gewürgt? Ist die Suzuki am Ende vielleicht sogar von der Bühne gefallen?!

Nein, es ist was ganz anderes. „Hier, der Topcaseschlüssel, der hat sich irgendwie verhakt und dann ist er abgebrochen“, sagt der Meister und fuddelt nervös mit einem Givi-Set herum. „Aber ich habe hier schon ein komplett neues Schlossset, das tausche ich Dir gleich aus“, sagt er ernst und betreten. Ich gucke ihn erst groß an, dann platzt ein Lachen der Erleichterung aus mir raus. Meine Güte, diese uralten Givischlüssel sind fragil, das passiert schon mal. Ist doch egal sowas. Weiter hinten ein Loch durchgebohrt, fertig.

Nicht egal war die Wartung, die an Suzuki durchgeführt wurde.

Das war die Mutter aller Inspektionen. Die V-Strom DL650 hat einen Wartungsintervall von 6.000 Kilometern, den hatte ich nun schon um das doppelte überrissen. Und nicht nur das, die nächste anstehende Fahrt wird gleich wieder fünfstellig lang werden. Deswegen war es mir wichtig, dass jetzt alle anstehenden Inspektionsarbeiten gemacht wurden, plus Austausch von Verschleißteilen. Auch solche, die noch nicht aus dem letzten Loch pfiffen. 

„Vorbeugende Instandhaltung“ heißt sowas. Die tut immer auch ein Bißchen weh, denn sowohl in den Reifen als auch in der Kette wären noch ein paar Tausend Kilometer drin gewesen. Die hätte ich noch ausnutzen können, aber für die nächste lange Reise hätte das schon wieder nicht mehr gereicht.

Da ich weder das Wissen noch die Fähigkeiten und auch weder Zeit noch Lust habe diese Arbeiten selbst durchzuführen, muss ich mich auf eine Werkstatt verlassen. In ganz Göttingen gibt es nur noch zwei Motorradwerkstätten. Da ist es leicht die Beste zu sein, aber meine Werkstatt ist wirklich gut. Das zwei Mann/Frau-Unternehmen gibt sich Mühe, die denken mit, die gehen die Extrameile, und das Wichtigste: Sie erzählen keinen Scheiß. Haben die als Markenwerkstatt auch nicht nötig, dafür sind sie halt nicht günstig.

Ich war leicht beunruhigt, als die V-Strom statt der angepeilten 8 Stunden auch nach 3 Tagen noch nicht fertig war. Stellte sich raus: Eines der Radlager passte nicht und der Ersatz kam nicht an Land. Ansonsten gab es aber keine Probleme.

Gemacht wurden:

  • Komplette große Inspektion
  • Neue Reifen (Metzler Tourance Next, nach 12.000 km hatten die alten noch 4,5 und 3 mm Profil, also die Hälfte runter)
  • Neuer Kettensatz (DID525VM-X, die alte hatte jetzt binnen zwei Jahren 23.000 km runter)
  • Radlager hinten (64.000 km)
  • Radlager vorne (64.000 km)
  • Bremsbelag hinten (nach 28.000 km)
  • Luftfilter
  • Öl, Brems- und Kühlflüssigkeit
  • Zündkerzen (24.000 km)
  • Kettenradlager
  • Ventilspiel eingestellt (24.000 km)
  • Umlenkhebel getauscht
  • Gabelrohre durchgesteckt
  • Motorschutzbügel montiert
  • Hauptständer montiert
  • Seitenständer getauscht

Radlager? Ja. Ich hatte bei der letzten Reise plötzlich mahlende Geräusche am Hinterrad, deshalb wurde das ganze Gelump jetzt ausgetauscht. Ich habe nämlich schlicht keinen Bock mir Sorgen zu machen. Ich hatte schon so einige Motorradtouren, bei denen mich Quietschen, Klappern oder Klingeln aus dem Motorrad vor Sorge fast irre gemacht hat. Das möchte ich nicht noch einmal, und wenn sich das jetzt mit einem Teil für 20 Euro und 10 Minuten zusätzlicher Arbeitszeit erschlagen lässt, dann bitte!

Genauso hat mir eine ruckelnde Kette mal eine lange Fahrt versaut. Bevor ich so einen hanebüchenen Mist nochmal mitmache, lasse ich die alte Kette lieber austauschen, auch wenn Sie noch vor der Verschleißgrenze ist.

Unsicher war ich ja, ihr habt´s mitbekommen, was das Rausnehmen der Tieferlegung anging. Tatsächlich steht die Maschine jetzt gefühlt 5 Zentimeter höher, und, was soll ich sagen? Das fühlt sich…

… GROßARTIG AN!

Ja, gewöhnungsbedürftig, sicher. Ich komme jetzt halt nicht mehr mit beiden Füßen gleichzeitig und vollflächig auf den Boden, sondern nur noch mit einem Fuß. Oder mit beiden Fußballen.

Obwohl sich die Sitzposition nicht geändert hat, fühlt sich allein die veränderte Sitzhöhe nach ganz anderem Motorrad an. In den Kurven setzt sie nicht mehr auf! Hach. Cool. Außerdem habe ich wieder einen Hauptständer und kann die Kiste vernünftig aufbocken – auch, wenn das überraschend schwer geht. Ich muss schon mein ganzes Körpergewicht auf das Pedal stellen, um die Kiste hochzukriegen. Zum wieder aufsteigen muss ich anschließend über die Fußraste hochklettern. Schon spannend. Aber die richtige Entscheidung, da bin ich mir jetzt sicher.

Dieser ganze Werkstattkram war jetzt nicht unteuer. 600 Euro nur die Teile, genauso viel nochmal an Arbeitszeit, Märchensteuer obendrauf… das ist nicht ohne und tut schon weh. Aber gemacht werden hätte das alles sowieso, irgendwann.

Das nun alles auf ein Mal gemacht wurde, hat neben dem Loch im Portemonnaie aber noch einen positiven Effekt. Viel Zeit zum Fahren habe ich in diesem Jahr absehbar nicht mehr. Die V-Strom ist jetzt in einem Zustand, wo sie schon wieder fit ist für die große Motorradreise im nächsten Jahr. Das ist supergut, denn bei nur zwei Werkstätten vor Ort kann man sich vorstellen wie schwer es ist, im März/April einen Werkstatttermin zu bekommen.

Ich könnte die Barocca jetzt also einwintern, und müsste im nächsten Frühjahr quasi nichts mehr machen, um wieder mit ihr auf große Fahrt zu gehen. Auch ein gutes Gefühl.

„Eigentlich bräuchtest Du mal eine VerSys“, sagt der Meister. „Die neue 1000er wäre das Richtige für Dich“.

Ich gucke ihn an, grinse und sage „Wieso, ich habe doch jetzt eine praktisch neue V-Strom“.

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Review: Wolfenstein Youngblood – das erste Mal sozialadäquat


Bild: Bethesda

Sophie und Jess vermissen ihren Vater. Der ist nicht irgendwer, sondern William „B.J.“ Blaszkowicz – der Mann, der 1968 Hitler tötete. Die beiden Schwestern machen sich auf nach Paris, Daddys letztem bekannten Aufenthaltsort. Die Stadt an der Seine ist auch in den 1980er Jahren fest in der Hand der Nazis, was die Sache nicht einfacher macht. Gemeinsam befreien die Schwester Stadtviertel und rücken langsam, aber aufhaltsam (SIC) gegen den Stadthalter vor.

Ah, Wolfenstein und seine gruselige alternative Zeitlinie, in der die Nazis dank geklauter Technologie den Krieg gewonnen und die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Moment, Nazis? Gab´s in den letzten Spielen doch gar nicht!

Da gab es statt der NSDAP „Das Regime“, und statt Adolf Hitler gab es die Figur „Albert Heiler“. Der sah zwar genauso aus wie Hitler, hatte aber keinen Bart. Warum das so war? Weil in Deutschland verfassungsfeindliche Symbole wie das Hakenkreuz in Videospielen verboten sind. Bis vor kurzem ohne Ausnahme, womit Spiele anders behandelt wurden als z.B. Filme. Bei denen galt schon lange die Sozialadäquanzklausel. Grob gesagt besagt §86 Abs 3 des Strafgesetzbuchs, dass verfassungsfeindliche Symbole von Parteien verboten sind – es sei denn, sie dienen der Aufklärung, der Kunst oder Wissenschaft, der Berichterstattung oder ähnlichem.

Spiele waren also bis vor Kurzem vom Kunstbegriff ausgenommen, was, Verzeihung, grober Unfug ist. Aber dieser Unfug ist nun vorbei, die Gremien der Selbstkontrolle Unterhaltungssoftware prüfen nun in jedem Einzelfall, ob Hakenkreuze in Spielen erlaubt sind. „Wolfenstein Youngblood“ ist eines der ersten Games mit dieser Freigabe. Aber: Macht das einen Unterschied?

Zwischen den Hauptspielen von „Wolfenstein“ schiebt Hersteller Machine Games gerne kleinere Spiele, die mehr sind als DLCs, aber nicht zum Vollpreis verkauft werden. Dazu gehört auch „Youngblood“, das eher als ein Spin-Off einzuordnen ist.

Das dies kein vollwertiges Spiel ist merkt man am Gamedesign. Waren „Wolfenstein: New Order“ und der Nachfolger „A New Colossus“ bockschwere, aber meist faire Single-Player-Shooter mit einer starken Story, kommt „Youngblood“ als Koop-Spiel mit Open-World-Ansatz und nahezu ohne Geschichte daher.

Es muss zu zwingend zweit gespielt werden, in der Deluxe-Edition liegt ein Buddycode, damit man mit einem Freund spielen kann, ohne das der sich das Spiel kaufen muss. Als reiner Einzelspieler geht man mit einer KI-Begleiterin auf Nazijagd. Das klappt leider gerade zum Ende hin nicht wirklich gut. Macht die KI anfaangs noch einen guten Job, stellt sie sich am Ende sehr dumm an.

Zwar ist das Paris der 80er Jahre schön designed, inkl. Werbung für „Superspur Musikkassetten“ oder „Blitzküche 2000 Mikrowellen“, aber die offenen Level täuschen nicht darüber hinweg, dass sie lediglich Maps ohne Bezug zueinander sind.

Verbindendes Element sind lediglich die Katakomben von Paris, in denen sich ein Rebellenhauptquartier befindet, das als Hub dient.

Hier lassen sich Missionen abholen oder einfach mal Durchschnaufen, denn das geht in den Leveln nicht. Es gibt keine Pause-Funktion, selbst wenn man in Charaktermenus unterwegs ist, kann man jederzeit angegriffen werden. Und das passiert häufig, denn kaum dreht man ihnen den Rücken zu, Respawnen alle Gegner einer Map.

Das macht auf Dauer wenig Spass, zumal die Gegner mitleveln und irgendwann Bulletsponges sind, die Treffer völlig ohne Feedback in sich aufsaugen. Progression? Kaum erkennbar, gefühlt wird die eigene Spielfigur nicht mächtiger. Dazu ist Munition ist immer knapp, und das Aufleveln der Charaktere in der Offenen Welt ist mühsamer Grind. Dazu kommt eine merkwürdig schlechte Spielbalance. Mit meiner maximal Level 35-Spielfigur und KI-Begleitung habe ich es nicht geschafft, den Endboss auch nur im allereinfachsten Schwierigkeitsgrad zu besiegen.

Das Finale habe ich mir irgendwann nach dem 30. Versuch wutentbrannt auf Youtube angesehen. Sehr unbefriedigend.

Das Gefühl, dass das Spiel unfair ist, kommt auch daher, dass es keine Speicherpunkte und kein Item Restore gib. Beim Game Over wird man wieder ganz an den Anfang einer Map versetzt und muss unter Umständen den gesamten Level nochmal spielen, was bis zu einer Stunde dauern kann, aber OHNE die zuvor gesammelten Health Items und Extraleben, die sind weg. Man wird hier also gleich dreifach gestraft, mit zu starken Gegnern, keinen Speicherpunkten und dem Verlust von Ausrüstung.

Durch die Sozialadäquanzklausel darf die internationale Version inkl. verfassungsfeindlicher Symbole wie den SS-Runen oder dem Hakenkreuz in Deutschland verkauft werden. Diese Version enthält aber keine deutsche Synchro.

Kaufen braucht man sich die aber ohnehin nicht. Im Vorgänger „New Colossus“ hätte das eine Rolle gespielt, denn durch die Tilgung aller Nazi-Verweise musste sich die deutsche Version den Vorwurf der Holocaust-Leugnung gefallen lassen. Neben Nazisymbolen hatte Machine Games auch alle Verweise auf den Holocaust getilgt, und aus verfolgten Juden wurden Polen. Das war völlig absurd und verschenkte so nebenbei das satirische und aufklärerische Antikriegspotential.

Es ist grundsätzlich zu begrüßen, dass Videospiele nun genau wie andere Medien auch behandelt werden und vorab geprüft wird, ob die Abbildung von Nazisymbolik in Ordnung ist.

Bislang wurde ein ganzes Medium durch ein generelles Verbot unfair beschnitten. Das führte dazu, Antikriegspiele wie „Through the Darkest of Times“ oder „Attentat 1942“, das mit Holocaustüberlebenden gemacht wurde, ausgerechnet im Land der Täter nicht verkauft werden durften. Von daher: Gute Entwicklung. Durch die Einzelfallprüfung ist auch nicht damit zu rechnen, dass nun der Markt mit billigen Nazispielchen geflutet wird. Die USK hat die Prüfbedingungen sehr hoch gehängt, sobald ein Spiel Nazis glorifiziert, war es das. So macht das Medium Computerspiele einen weiteren Schritt in Richtung Authentizität und kann damit auf künstlerischer und intellektueller Ebene neue Möglichkeiten erschließen

Für „Youngblood“ spielt es aber keine Rolle ob Nazisymbolik enthalten ist oder nicht, weil es für das Spiel mangels Handlung schlicht nicht relevant ist.

Als Fazit zu Youngblood: Nicht mein Spiel. Koop, Unfair, kaum Story – bleibt mir weg damit. Ich hoffe auf ein echtes „Wolfenstein 3“. Die Chancen dafür stehen nicht gut. Zum einen hat sich der Vorgänger recht schlecht verkauft, zum anderen – man glaubt es kaum – protestieren in Amerika die Nazis („Identitäre“) gegen die ihrer Meinung nach unfaire Darstellung von Nazis in den Spielen.

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Weltwieseltag 2019

Fröhlichen Weltwieseltag allerseits!

Das Wiesel hat sich hier im Blog in den vergangenen Jahren ja etwas rar gemacht. Das liegt nicht nur daran, dass auch ein Wiesel nicht jünger wird – nein, es hat seit einiger Zeit ein eigenes Blog: Traveling Weasel.

Wer sich nun fragt: WTF? Wiesel? Was redet er da? Dem sei kurz erklärt: Das Wiesel treibt hier schon seit 10 Jahren sein Unwesen. Es tauchte eines Tages im Blog auf und ging nicht mehr weg. Also, es ging schon weg, denn das Wiesel ist ein sehr reiselustiges Tier. Es kam nur immer wieder.

Weil es so reiselustig ist, besuchte es auf einer fast zwei Jahre dauernden Reise über 20 Blogs – von Mamabloggerinnen über Influencerinnen bis hin zu Computermagazinen – und reiste sogar mit manchen Menschen um die Welt. Mehr unter „Wiesels große Reise“.

Es war in den USA und kurvte dort mit einem Wohnmobil durch das Land, es war in Dubai, es hat China besucht. Unvorsichtige Seelen vergleichen das Wiesel gerne mit dem weltreisenden Gartenzwerg aus „Amelié“. Solchen Leuten beißt das Wiesel in die Nase.

Das Wiesel ist das einzige Tier, dass eine Passagierkarte für die AIDA Blu hat und das Schiff sogar steuern durfte!

Außerdem traf es Promis, wie den Wieselfreund Rocko Schamoni. Bei Kay Ray durfte es sogar aus der Hose hängen.

Das Wiesel ist auch nicht allein. Es hat eine große Wieselfamilie. Zu den bekannten Wieseln zählen das Wunderbare Wiesel aus Hamburg, Osvaldo, Wiesela in München, Wieselita in Hessen, Paraplü in Fürth, Nochen Wiesel in Braunschweig, Paddington Wiesel aus der Schweiz und Nanderez Wiesel aus Spanien.

Am zweiten Augustsamstag wird traditionell der Weltwieseltag begangen. Alle Wiesel kommen zusammen und machen Quatsch bis in die Nacht. In diesem Jahr muss das Präsenztreffen allerdings auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden – es ist noch Urlaubszeit, da liegen die Wiesel alle am Strand und schlürfen Cocktails.

In diesem Sinne: Fröhlichen Weltwieseltag 2019, allerseits!

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Impressionen (28): Dienstreisen

Beruflich unterwegs, an interessanten Orten mit schlecht maskierten Pferden, Anna und dem Charme der 80er.

Berlin:

Schlecht maskiertes Pferd.

Anna, die Motorradintelligenz, durfte in einem A4 werkeln. Hat sie auch nicht all zu oft, lief aber gut. Sie hat die fette Kiste besser navigiert als der Bordcomputer des Audi. Für mich war es ungewöhnlich, die Stimme meiner virtuellen CoPilotin nicht direkt im Ohr zu haben, sondern sie aus der Konzertsaalgleichen Audioanlage überall um mich rum zu hören.

Rüdesheim. Da war ich zuletzt als ich fünf war. Und es gibt immer noch die gleichen Plastik-Kuckuksuhren zu kaufen! Die Altstadt um die berühmte Drosselgasse ist dabei ganz auf chinesische Besucher eingestellt.

In Heidelberg gibt es das Mathematikon, ein Kaufhaus mit einem Fetisch für Mathematik. An den Wänden stehen Zitate berühmter Mathematiker, auf den Kassenbändern sind Formeln aufgedruckt, und über die Spiegel der Toiletten laufen Textaufgaben. Wie abgefahren ist das denn? Science Rocks!

In Karlsruhe steht ein völlig irres Hotel. Der Besitzer hat quasi einen Straßenblock zusammengekauft und im Inneren eine völlig absurde Mischung aus Vergnügungspark und Müllhalde angelegt. Hölzerne Zirkuspferdchen stehen vor Felsattrappen, in alten Elekroautos sitzen gruselige Rupfenpuppen, überall ragen Türmchen aus dichten Büschen und an einer Stelle schmücken riesige Gesichter die Hauswand. Hier kann man wahlweise in seltsamen Themenzimmern, normalen Hotelzimmern oder „Bungalows“ übernachten. Abgefahren. Unter dem Gelände ist eine riesige Tiefgarage. So riesig, dass man bei den Bauarbeiten dafür in den Kellern der umliegenden Häuser gelandet ist.

Die Bungalowzimmer glänzen mit modernster Unterhaltungselektrik. Die Lautsprecher dafür sind in den Füßen des Doppelbetts.

Das Bundesverfassungsgericht hatte ich mir pompöser vorgestellt. Es ist nur ein zweigeschossiger 60er Jahre Betonbau.

Aber das Karlsruher Schloß ist hübsch.

Ein paar Kilometer westlich, im Schwabenland, gibt man sich dagegen Mühe wirklich allen Klischees gerecht zu werden.

Immerhin gibt es hier skurrile Mischungen aus den 60er-Jahre-Bunkern und windschiefen Fachwerkhäuschen, die direkt daneben stehen.

Ich mag die Mentalität und Sprache der Schwaben nicht, aber das hier macht sie dann doch sympathisch:

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DAS soll ein Strafzettel sein?

Echt jetzt, Kreis Göttingen, DAS soll ein Beweisfoto sein? Nicht im Ernst, oder? Ich könnte mich da in Nullkommanix rauswieseln, immerhin haben wir in Deutschland keine Halterhaftung. Ein wenig „Mimimi, ich kann mich da gar nicht erkennen, und wer am 19.07. um 16:32 Uhr mit meinem Motorrad unterwegs war, weiß ich nicht“, und schon wäre ich aus der Nummer raus.

Mache ich aber nicht. Ich habe Mist gemacht und mich dabei erwischen lassen, also stehe ich auch dazu.

Spielt ja auch keine große Rolle: In Deutschland hat die Autoindustrie nicht nur den Klimaschutz sabotiert, neue Technologien unterdrückt, beim Diesel behummst und dafür gesorgt, dass unsere Bahninfrastruktur in erbärmlichem Zustand ist, nein, Dank ihr tun Verkehrsvergehen auch praktisch nicht weh.

Das ist der Grund, warum jeder Vollpfosten whatsappend durch die Gegend fährt, und ein echt relevanter Geschwindigkeitsverstoß innerorts, wie meiner hier, nur den Gegenwert eines Kinobesuchs kostet.

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Soll ich oder soll ich nicht?

Herr Silencer hadert mich sich und der Höhe seiner V-Strom

Die V-Strom 650 ist groß. Das merkt man sofort, wenn man sich in den Sattel schwingt. Die Scheibe und alle Instrumente sind eine Armeslänge weg, und man hat das Gefühl mehr in als auf dem Motorrad zu sitzen.

Damit einher geht auch eine ganz ordentliche Sitzhöhe. Nun bin ich nicht der Größte. Mit 1,70m Körpergröße komme ich auf einer normalen V-Strom zwar mit beiden Füßen auf die Erde, aber nur mit dem Vorderfuß, Zehen und halber Fußballen. Die Hacken kriege ich nicht auf den Boden.

Folgerichtig fuhr ich meine Barocca nur drei Wochen auf Normalhöhe. Das ging, aber gerade beim Rangieren war das unbequem und ich fühlte mich unsicher. Drum wurde die Maschine tiefergelegt. Das geht bei der Kiste recht einfach, in dem längere Umlenkhebel eingesetzt werde. Die ziehen die Maschine tiefer runter.

Dann noch die Gabel etwas weiter durchgesteckt, Zack, fertig, 3 Zentimeter tiefer. Angeblich drei Zentimeter, anfühlen tut sich das nach mehr. Durch diese Tieferlegung komme ich nun mit beiden Füßen flächig auf den Boden. Damit habe ich die dicke Strom immer im Griff, kann sie gut im Stand manövrieren und kriege sie selbst aus Schotterkuhlen heraus.

Also alles gut?

Nee. Für den bequemen und sicheren Stand war ein hoher Preis zu zahlen. Nicht nur musste der Seitenständer gekürzt werden, auch der Hauptständer war plötzlich nutzlos. Aufbocken ging nicht mehr, also ab damit. Ebenfalls ab kam der Motorschutz, denn mit dem setzte ich in Kurven auf. Beim letzten ADAC-Training stellten findige Beobachter außerdem fest, dass ich nun mit dem Seitenständer auf der einen und dem Auspuff auf der anderen Seite aufsetze. Das passiert im normalen Straßenverkehr nur in Kreiseln, wenn ich in den Bergen unterwegs bin aber sehr häufig.

Noch schlimmer: Die Kiste setzt nun, wenn sie mit Gepäck beladen ist, in Bodenwellen mit den Umlenkhebeln auf und gelegentlich schlägt sogar der Reifen von Innen gegen den Radkasten.

Anfangs störte mich das alles nicht, aber mittlerweile bin ein besserer Fahrer und auch in Regionen und Gelände unterwegs, das nur aus Schlaglöchern und Hindernissen besteht. Gerade die letzte Sommertour im Juni war Durchzogen von ständigen Aufsetzern und Reibereien zwischen Fahrwerk und Straße.

Deshalb nun die Überlegung, die Tieferlegung wieder rausnehmen zu lassen. Eigentlich spricht alles dafür – abgesehen von den besseren Fahreigenschaften ist gerade Unterwegs ein Hauptständer wichtig, und der Motorschutz war eigentlich auch nett. Aber dafür die Sicherheit aufgeben, dass ich sofort beide Füße am Boden und damit in kippeligen Situationen, z.B. auf losem Untergrund oder am Berg, die Kiste sofort halten kann?

Gerade schwanke ich im Tagestakt zwischen „Raus mit der Tieferlegung! Die macht nur Ärger“ und „Mimimi, was ist, wenn ich dann umfalle?“.

Werkstatttermin ist am 14.08.
Bis dahin kann ich noch ein wenig mit mir hadern.

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Momentaufnahme: Juli 2019

Herr Silencer im Juli 2019

Urlaub schon wieder einen Monat vorbei?!

Wetter: Anfang des Monats warm, dann regnet es zum Glück und kühlt sich ab. Zur Monatsmitte sind es morgens nur noch knapp zweistellige Temperaturen, Höchstwerte kommen nicht über 20. Ich überlege ernsthaft die Heizung anzumachen, als der Sommer zurückkommt und allen mit über 40 Grad was in die Fresse haut. Selbst in Südeuropa ist es kühler als hier.


Lesen:

William Gibson: Neuromancer [Kindle]
Cage ist am Ende. Früher war er ein sehr guter Hacker im Cyberspace, aber bei seinem letzten Job hat er versucht seinen Auftraggeber zu bestehlen. Als Abschiedsgruß liess der ihm die Nerven veröden. Unfähig, sich ins Netz einzuloggen, lebt Cage von kleinen Diebstählen und ist schwer Drogenabhängig.

Dann sucht ihn die Killerin Molly auf und macht Cage ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann. Wenig später wacht Cage mit reparierten Nerven und einer neuen Bauchspeicheldrüse auf. Für diese Generalüberholung soll er eine Reihe von Jobs ausführen. Der erste ist noch ziemlich geradeaus, der Diebstahl eines gespeicherten menschlichen Bewusstseins. Doch dann wird die Gemengelage unübersichtlich, und Cage vermutet, dass er gemeinsam mit dem toten Mann im Speicher seines Computers eine Künstliche Intelligenz von ihren gesetzlichen Beschränkungen befreien soll – was die Turing-Polizei nicht freut.

Wow. Neuromancer ist vor 35 Jahren geschrieben worden. Da gab es noch kein Internet, und ethische Fragen um KI wurden auch noch nicht diskutiert. Umso erstaunter bin ich, wie visionär „Neuromancer“ ist.

William Gibson schafft es, in einem hardboiled Noir-Schreibstil eine Welt zu erschaffen, die düster und schmutzig ist und quasi nebenbei so visionär, dass es mir beim Lesen immer wieder den Atem verschlagen hat.

Als ich das Buch das erste Mal las, irgendwann in den Neunzigern, war die Geschichte pure Science Fiction. Heute, mit dem Internet, KI-Fortschritten und globalen Konzernen, wirkt es, als haben würde unsere Welt schrittweise zu der von Neuromancer. Klar, manches wirkt aktuell überholt, wie etwa die Vorstellung von Mainframes, aber das sind austauschbare, sprachliche Artefakte. Tausche „Mainframe“ gegen „Firmennetzwerk“, und „Cyberspace“ gegen „Internet“ und schon passt es wieder. Von der Grundidee bleibt Neuromancer eine Geschichte, das seit seiner Veröffentlichung immer gruseliger, weil realer wird.


Hören:


Sehen:

Stranger Things 3 [Netflix]
Wieder passieren schräge Dinge in dem kleinen Ort Hawkins: Magnete fallen von den Wänden, Ratten verhalten sich merkwürdig und Eleven knutscht ganze Nachmittage mit ihrem Freund – sehr zum Missfallen von Hopper, der sie adoptiert hat. Unterdessen halten die 80er volle Kanne Einzug in den verschlafenen Ort: Eine Shopping Mall hat eröffnet!

Ach, herrlich. Völlig 80er, von den Klamotten bis zu den Verhaltensweisen. Das war in den vorherigen Staffeln ähnlich, aber hier sind die Regler auf 11 gedreht und zupfen an den Saiten meiner Nostalgiegeige. Alle Vibes stehen auf Goonies, wenn die Kids langsam erwachsen werden und trotzdem wieder Dinge aus der Monsterdimsension „Upside Down“ in den Alltag einsickern, bis der zu waschechtem Bodyhorror umschlägt. Dazu kommt, dass Stranger Things nun sein Equilibrium gefunden hat. Budget und Story passen jetzt exakt zueinander, und die geschickte Erzählstuktur macht die dritte zur bislang besten Staffel.

Familie (Im August in Osage County) [Theater im OP]
Beverly hatte ein Abkommen mit seiner Frau: Er sagt nichts zu ihrer Tablettensucht, dafür ließ sie ihn in Ruhe saufen. Aber nun ist der Vater von drei Töchtern, gefeierter Autor und professioneller Alkoholiker verschwunden. Die Töchter kommen aus dem ganzen Land zurück ins abgelegene Osage County in Oklahoma, denn die Familie muss ja zusammenhalten. Leider kommen bei dem Familientreffen ziemlich finstere Geheimnisse ans Tageslicht, und gleich mehrere Abgründe tun sich auf.

Ich mag Werke von Tracy Letts nicht besonders. Mag ja sein, dass er die amerikanische Seele besonders kitzelt (anders ist der Pulitzer Preis für „Osage County“ nicht zu erklären), aber bei mir verfing schon „Killer Joe“ nicht, und auch „Familie“ zieht sich endlos und pointenarm dahin.

Das mag auch an der Inszenierung liegen. Alle Darstellerinnen bekommen den Raum, den sie brauchen, um sich zu entfalten und nutzen den auch, um sich die Seele aus dem Leib zu spielen. Das ist meist sehr gelungen, im Mittelteil nervte mich dann aber die langsame Sprechweise mancher Charaktere. Leuten dabei zuzugucken, die betrunken tun und vor sich hinlallen ist halt keine abendfüllende Unterhaltung, und definitiv nichts um drei Stunden zu füllen. Für meinen Geschmack war das zu lange für die etwas blutleere Geschichte, die erst auf die letzen zwanzig Minuten nochmal aufdreht. Ich stehe mit der Meinung allerdings ziemlich alleine da, die allermeisten Besucherinnen fanden das Stück toll und gaben stehende Ovationen.

Spider-Man: Far from Home [Traumpalast Nürtingen]
Die Welt kämpft noch mit den Nachwehen des „Infinity Wars“. Das die Hälfte der Menschheit 5 Jahre verschwunden war, hat doch Spuren hinterlassen. Peter Parker braucht u.a. deswegen mal Urlaub und geht mit seinen Mitschülern auf Klassenfahrt nach Europa. Dort trifft er auf fiese Elementargeister und den neuen Helden Mysterio.

Der Titel könnte auch sein „Spider-Man: Deception“, denn hier ist nichts, was es scheint. Ich ziehe meinen Hut vor den Schreibern des Films. Was die hier an spannender Story, sehr gutem Pacing und gleichzeitig irgendwie Jugend- und Coming-of-Age-Film zusammengebaut haben, ist handwerklich ganz hohes Niveau. Locker-Leichtes und sehr spannendes Sommerfilmvergnügen, mit schönen Aufnahmen aus Venedig, Prag und London.

Das Ende [Theater im OP]
Fünf Personen leben multiple Lebensgeschichten. Da sind die beiden liebenden Männer, deren Tochter in der Schule gemobbt wird. Agnes, die ihrem Leben gerne einen Neustart verpassen würde, aber irgendwie nicht von der Vergangenheit loskommt. Tanja, Agnes Freundin, die die Idee mit dem Neustart so toll findet, dass sie das einfach macht. Allen gemein: Ihre Zeit läuft ab. Denn der Klimawandel hat einen neuen Effekt hervorgebracht: Der Sauerstoff in der Atmosphäre schwindet. Anfangs wird das als Hysterie abgetan, dann Gegenmaßnahmen ergriffen. Aber auch umfangreiche Aufforstungen helfen nicht mehr. Die Menschheit wird ersticken.

Starke Geschichten, stark gespielt. Die Idee mit dem Klimaeffekt ist aus Modnerds demnächst erscheinenden Kurzfilm „LO2S“ entlehnt, die Geschichten der verschiedenen Charaktere sind frei improvisiert.
Ich mag Improtheater nicht besonders, weil es meist albern ist. Das war todernst, und es war gut.


Spielen:

Assassins Creed Odyssey: Das Schicksal von Atlantis – Die Qualen des Hades/Das Urteil von Atlantis
Kassandras Reise durch die griechische Sagenwelt geht weiter. Nachdem die Söldnerin und Vorfahrin der Assassinen aus dem Paradies Elysium vertrieben wird, muss sie sich Zerberus stellen. Sie besiegt den mythischen Höllenhund, verursacht damit aber enorme Probleme, denn die ganze Hölle kommt durcheinander.

Charon kann keine Seelen mehr über den Styx fahren, die Toten finden keine Ruhe und durch die nun unbewachten Tore der Hölle diffundieren unliebsame Subjekte. Höllenfürst Hades beauftragt Kassandra damit, ihr Schlamassel wieder in Ordnung zu bringen – sonst droht ewige Folter im Tartaros.

Nach der Unterwelt reist Kassandra weiter nach Atlantis, einer Stadt der ISU. Sie lebt unter „Denen, die vor uns waren“, lernt deren Kultur und ihr Verhältnis zu den Menschen kennen, die sie nach ihrem Vorbild formten. Am Ende muss Kassandra eine schwerwiegende Entscheidung fällen: Verdient Atlantis eine Zukunft, oder soll die Stadt untergehen?

Ach Gott ja, halt der fünfte und sechste DLC für „Odyssey“. Die Entwickler geben sich Mühe, führen einige neue Elemente ein und legen den Schwerpunkt auf Systeme, die bislang zu wenig beachtet wurden. Aber letztlich ist es spielerisch doch wieder nur more of the same.

Die Unterwelt ist mit ihren weiten Wüsten und den matschigen Farben kein spannender Ort. Auch die Geschehnisse sind lame. Kassandra trifft im Verlauf der Quests auf alle möglichen ehemaligen Feinde, für deren Ableben sie gesorgt hat. Nun darf sie sich Figuren wie dem Zyklopen oder dem Monger noch einmal stellen. Das bedeutet auch: Wir treffen nervigen Arschgeigen wieder und müssen sie schon wieder umbringen.

Atlantis wiederum ist spektakulär anzuschauen, nervt aber durch schwer zu erkletternde Architektur und schiere Größe. Die Wege sind lang und pure Zeitverschwendung, die Quests sind unlogisch und beschränken sich die meiste Zeit auf dumme Festungseroberung. Die Story ist eigentlich nett, da hier die ganze Grausamkeit der Precursors und vor allem Junos gezeigt wird und auch die Gegenwartsgeschichte um Layla Hassan weitergeht. Leider passt sie in einen Fingerhut und wird am Ende so absurd, dass selbst ich die Motive nicht mehr nachvollziehen konnte.

Es ist ja nett, dass das Hauptspiel auch 9 Monate nach Release noch mit Content versorgt wird, aber „es wurd´s a bissl fad“, wwÖ sagen. Der DLC hat das gleiche Problem wie das Hauptspiel: Zu groß die Welt, zu aufeplustert die unwichtigen Nebenquests, zu wenig die Geschichte. Die ist eigentlich cool, krankt aber an unlogischen Holperern. Für nächste Assassins Creed möchte ich bitte die Gegenwartsstory spannend geschrieben im Hauptspiel sehen, und nicht verklappt in einen DLC.


Machen:

Frieren, Spessartausfahrt, Schwitzen, Dienstreisemarathon, in der Reihenfolge.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Ausfahren in der Gruppe – wie man es nicht macht (und wie es richtig geht)

Neulich, auf der Großglockner Hochalpenstraße: Eine Gruppe Motorradfahrer kommt mir entgegen, offensichtlich gemeinsam auf Tour. Vorneweg zwei mit hoher Geschwindigkeit, aber in perfekter Linie in den Kurven. Die beiden versuchen sich gegenseitig zu überholen und haben offensichtlich ihren Spaß dabei.

Dahinter das Mittelfeld. Drei Bikes, ebenfalls zügig unterwegs, aber nicht ganz so schnell wie die Rennfahrer und deutlich weniger auf Ideallinie. Am Ende der Gruppe dann noch drei Kräder, erkennbar mit den ungeübtesten Fahrern. Die drei können weder Anschluss an die Gruppe halten, noch können sie die Kurven fahren. Im Gegenteil, die Kombination aus panischem „Die fahren mir weg!“ und fahrerischer Ungeübtheit führt dazu, dass der letzte der drei sogar die Kurven schneidet und dabei auf die Gegenfahrbahn kommen, also auf meine Spur.

Passiert ist nix, aber in dem Moment habe ich mich wieder an den Kopf gepackt und laut geseufzt. Die beschriebene Gruppe war nicht die einzige an dem Tag, die so aufgestellt war. Vorneweg die Schnellsten, weil „Wir wollen Spaß!“, „Wir langweilen uns sonst!!“ und „Reisende soll man nicht aufhalten, wir treffen uns dann an der nächsten Kreuzung, tschööööö!“. Folgerichtig fahren in solchen Gruppen vorneweg die schnellsten und besten Fahrer, die gemütlichen und ungeübten am Ende.

Um es mal ganz deutlich zu sagen: Das geht so nicht.

Ein solches Konzept mag für die Schnellen OK sein, für Mittelfeld ist es Stress und für die Schlusslichter ist es frustrierend, wobei die dann oft noch, siehe oben, den Verkehr gefährden.

Wer gerne schneller unterwegs sein möchte fährt allein und nicht in der Gruppe. In einer Gruppe gibt der Langsamste die Geschwindigkeit vor. Und wenn gewisse Personen das nicht akzeptieren, DANN SOLLTE MAN BESSER NICHT MIT DENEN IN EINER GRUPPE FAHREN. So einfach ist das.

Wer mich kennt weiß, dass ich am Liebsten allein unterwegs bin. Selten fahre ich mal in einer Gruppe, und wenn ich das tue, hält die sich an ein paar sehr simple Regeln. Eine gute Gruppe ist so aufgebaut:

  1. Vorneweg der Tourguide. Er kennt die Strecke und gibt die Geschwindigkeit vor. Der Tourguide hat vorher alle Regeln klar kommuniziert und Tankstops und Pausen mit den Gruppenteilnehmern abgesprochen. Der Tourguide wechselt nicht während der Fahrt. Der Tourguide wird niemals überholt.
  2. Hinter dem Tourguide fahren als erstes Anfänger und weniger geübte Fahrer. Der Guide behält die im Auge und richtet seine Geschwindigkeit an ihnen aus.
  3. Dahinter folgen die anderen Fahrer in aufsteigender Fähigkeit, am Ende fährt der geübteste und sicherste Fahrer.
  4. Der letzte Fahrer kennt auch die Route und hat für Notfälle die Telefonnummer des Guides. Er achtet darauf, dass niemand verloren geht.

Darüber hinaus gibt es noch ein paar wichtige Regeln, die man vorher mit allen besprechen sollte:

  1. Die Reihenfolge bleibt während der Fahrt fix, es wird sich nicht gegenseitig überholt.
  2. Auf gerade Strecken wird versetzt gefahren, immer einer links, einer rechts. Vor und in Kurven wird diese Formation aufgelöst, danach gleich wieder eingenommen.
  3. Die Gruppenmitglieder behalten sich im Rückspiegel im Auge. Verliert ein Gruppenmitglied den Anschluss, wird der Vorausfahrende langsamer und signalisiert im Zweifelsfall durch Blinken oder Handzeichen, dass was nicht stimmt. Der Tourguide sucht eine geeignete Stelle, wo der vordere Gruppenteil gefahrlos in einer Reihe halten und warten kann. Findet man sich nicht wieder, übernimmt der letzte Fahrer den hinteren Gruppenteil und fährt zu einem vorher ausgemachten Treffpunkt oder bringt die Tour allein zu Ende.
  4. Abstand halten. Immer. Innerorts weniger, damit man gemeinsam über Ampeln rutschen kann, außerorts mehr.
  5. Überholen: Der Tourguide überholt Fahrzeuge vor ihm nur dann, wenn gefahrlos mindestens noch zwei weitere Gruppenteilnehmer mit überholen können. Danach überholt jeder für sich allein, so, wie es ihm sicher ist. Kommen von hinten schnellere Fahrzeuge, lässt man denen genügend Platz zum Überholen.
  6. Es sollte gemeinsam getankt werden – alle paar Kilometer individuelle Tankstopps einlegen müssen, das geht gar nicht.

Zehn simple Punkte, die klare Regeln aufstellen. Klar, das kann man jetzt noch beliebig verkomplizieren („fliegender Marshall-Prinzip“ oder ähnliches) oder ausschmücken (Tourguide und Letzter tragen Warnwesten, man verschaltet sich mit Bluetooth, etc.), aber im Kern sind das da oben die einfachen Spielregeln für eine sichere und für alle stressfreie Gruppenfahrt.

Sollten am Ende dann Teilnehmer permanent rummosern, dass sie sich unterfordert fühlten und man beim nächsten Mal doch die Schnellen nach vorne lassen sollte – dann sollte es mit genau diesen Personen kein nächstes Mal geben. Die können eine eigene Gruppe aufmachen, ganz für sich allein.

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Impressionen eines Wochenendes (27): Wirtshaus im Spessart

Bad Orb ist ein kleines Örtchen, ca. 50 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Frankfurt am Main. Hier beginnt der Spessart, ein kleines Mittelgebirge zwischen Rhön und Odenwald. In Bad Orb scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben zu sein. Rentner watscheln betulich durch den Park, Familien mit Kindern vergnügen sich auf dem Kneipp-Weg. Kurort, eben.

In Bad Orb steht das Helvetia. Das ist nicht das Wirtshaus im Spessart.

Ich komme gerne ins Helvetia, weil die Wirtin nett, das Frühstück gut und der Garten verwunschen ist.

Außerdem kann man sich hier trefflich mit anderen Leuten treffen und zu einem Ausflug in den Spessart starten.


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Blogparade: Tanken

Drüben bei 600ccm.info fragt X-Fish nach unserem Tankverhalten und macht daraus eine Blogparade. Mein erster Gedanke: Das ist Thema ist absurd, was kann man über´s Tanken schon schreiben, da mache ich nicht mit.
Dann ist mir aber doch was eingefallen. Ich habe nämlich tatsächlich einen etwas eigenen Ablauf an der Tankstelle UND ich zahle gerne mehr Geld für Benzin, zumindest in Italien.

Mein Tankprozedere

Zunächst mal: Ich tanke wo und wann es gerade passt oder nötig ist. Ich bevorzuge in Deutschland keine Marke, ich vergleiche keine Preise. Wenn ich anhand des Tageskilometerzählers sehe, dass die Restreichweite unter 50 Kilometer liegt, fahre ich die nächstgelegene Tanke an. Bei der ZZR ist das nach rund 250 Kilometern, bei der V-Strom um die 400.

Wenn ich die Wahl habe, fahre ich die Tankstelle so an, dass ich links stehe und die Zapfsäule rechts ist. Motor aus, Seitenständer runter. Dann greife ich mit der rechten Hand die Zapfpistole und tanke, während ich auf dem Motorrad sitzen bleibe. Ich bocke die Kiste nie auf den Hauptständer. Ist der Tank voll, stelle ich die Maschine auf den Seitenständer und mache mit dem Telefon Bilder von Kilometerzähler und Zapfsäulendisplay. Dann nehme den Helm ab (weil sonst einige Tankstellen Schnappatmung kriegen UND weil ich es den Kassierern gegenüber höflicher finde), ziehe das Navi aus der Halterung und gehe bezahlen.

Die Fotos haben folgenden Grund: Am Abend übertrage ich Kilometerstand und getankte Menge in eine Tank-App. Die schmeißt mir dann den Verbrauch raus und überträgt die Daten in eine Online-Plattform, wo ich sie mit anderen Maschinen vergleichen kann.

Ich mache das seit 5 Jahren, und es ist echt interessant, was man daraus ablesen kann. Dadurch, dass man mitbekommt wie krass sich der Verbrauch nach Fahrweise und Geschwindigkeit unterscheidet, kann man das eigene Fahrverhalten ein wenig im Auge behalten. Außerdem bekommt man mit, ob mit der eigenen Maschine alles OK ist. Meine Renaissance ist übrigens die Sparsamste aller auf ZZR600 auf der Onlineplattform. Die Barocca liegt dagegen nur auf Platz 65 und damit im Mittelfeld aller DL 650.

Tanken in Italien

Ich habe jetzt schon mehrfach in Blogs gelesen, dass das Tanken in Italien irritierend gewesen sei. Einigen hat es sogar die Zornesader schwellen lassen. Grund: An der Zapfsäule näherte sich plötzlich jemand dem Fahrzeug und wollte es unbedingt betanken. Das sind Tankwarte, ein nostalgisches Relikt aus den 50ern.

Ich finde das immer wieder lustig, wie manche Deutsche darauf reagieren. Ich habe schon völlig verzweifelte Urlauber an Tankstellen gesehen, die unter Handtaschengefuchtel und lauten Rufen (Starker sächsischer Akzent: „Der Mann will an unserem Fahrzeug rumfummeln!“) versuchten, Tankwarte von ihren Autos fernzuhalten. Die wiederum verstanden die Welt nicht mehr, denn warum fahren die Deutschen an eine der speziellen Service-Zapfsäulen und wollen dann keinen Service?

Die Irritation bei den Urlaubern kann ich verstehen, die Wut nicht. Andere Länder, andere Sitten, wenn da was anders läuft als zu Hause: Deal with it, Du reist auch in andere Länder um ZU LERNEN.

Um das mal kurz zu erklären: An italienischen Tankstellen, wenn es nicht reine 24h Automatentankstellen sind, steht auf großen Schildern am Kopf der Zapfsäuleneinfahrt entweder „Self“ bzw. „Fai da te“ (Mach´s Dir selbst) ODER „Service“ bzw. „Servizio“. Beim Einfahren in die Tankstelle muss man sich für eines von beiden entscheiden.

Bei „Self“ fährt man ran und tankt selbst. Manchmal muss man vorher mit Karte die Säule freischalten, manchmal geht man hinterher bezahlen. Das tut man entweder im Gebäude oder bei dem Mann oder der Frau, die da rumläuft. Das ist der Benzinaio, der Tankwart.

Es gibt auch reine Automatentankstellen, ganz ohne Personal. Diese Automatentankstellen, insbesondere auf dem Land und an Sonntagen, können für Motorradfahrer ein echtes Problem sein. Die nehmen nämlich meist keine Kreditkarten, sondern nur die italienische „Carta Bankomat“, die wir Deutschen nicht haben, oder Bargeld. Das ist aber tückisch: Oft ist der Banknoteneinzug defekt, und einige Tankstellen akzeptieren nur 20er und 50er Banknoten, Wechselgeld gibt es nicht. 20 Euro sind selbst bei hohen Spritpreisen meist zu viel, so viel bekommen die meisten Moppeds gar nicht in den Tank.

Immerhin, es wird besser. Moderne Tankstellen von Q8, IP und ENI, gerade wenn sie an größeren Straßen liegen, nehmen mittlerweile auch Kreditkarten. Trotzdem sehe ich immer zu, dass ich rechtzeitig tanke und so fahre, dass ich nicht in der Mittagszeit von 13 bis 17 Uhr und nicht am Sonntag tanken muss. Denn dann arbeiten die Benzinaios nicht.

Benzinaios

Fährt man an eine „Service“-Säule, kommt der Benzinaio zu einem, um die Betankung zu übernehmen. Man teilt ihm mit, ob man für einen bestimmten Betrag tanken möchte (5 Euro= cinque, 10 = dieci, 20 = venti) oder ob man volltanken möchte („Il pieno, per favore“).

Dann braucht man nur den Tank zu öffnen, der Benzinaio übernimmt die Betankung des Motorrads. Er tut das meist kunstfertig, denn ein guter Benzinaio tankt, ohne einen Tropfen zu verschütten und genau so, wie man es möchte.

Ich frage meist während des Tankvorgangs, ob ich per Karte zahlen kann („Posso pagare con carta credito?“). Natürlich kann man das, Benzinaios akzeptieren immer Kreditkarten. Aber durch diese Frage weiß er, dass er wirklich den Tank vollmachen kann, egal wie krumm der Euro-Betrag ist. Ansonsten wird ein guter Benzinaio versuchen auf einen glatten Betrag zu tanken, damit man mit möglichst wenig Kleingeld hantieren muss. Bezahlen tut man nämlich auch bei ihm, er hat die Hosentaschen voller Bargeld und ein mobiles Kartenterminal in Reichweite. Bei den Tankwarten gilt schon lange Gleichberechtigung, gut 1/3 der sind Frauen, die Benzinaias.

Vorteil des Servicemodells: Man kann währenddessen auf dem Motorrad sitzen bleiben, braucht nicht mit Helm und Handschuhen rumfuddeln UND man muss sich nicht mit Tankautomaten aus der Hölle auseinandersetzen. Ranrollen, bedienen lassen, andiamo, weiter geht´s.

Der Nachteil: Der Sprit kostet zwischen acht und 20 Cent pro Liter mehr als an den Säulen zum Selberzapfen. Selbst wenn man den Tankwart mit lauten Rufen und Gefuchtel erfolgreich vertreibt und selbst tankt, kostet es trotzdem mehr. Das regt viele Deutsche sehr auf. Aber dafür hat man sich bewusst entschieden, als man an die „Servizio“-Säule gefahren ist.

Ich zahle gerne mehr. Nicht nur, weil ich bedient werde. Darum geht´s mir nicht. Es ist mir das Geld wert, weil diese 20 Cent einen Arbeitsplatz sichern.

In Italien wird der Wert einer guten Arbeit geschätzt und entsprechend bezahlt. Selbst die Frau, die in einer Käserei den ganzen Tag nur den roten Pecorino mit Tomatenmark einreibt, geht am Ende mit einem würdigen Gehalt nach Hause. So ist es bei den Tankwarten auch. Sie haben einen Beruf mit Tradition, sie erbringen eine Dienstleistung die Geschick erfordert, und dieser ehrenwerte Beruf soll sie und ihre Familien ernähren. Mich kostet das pro Tankfüllung vielleicht zwei, drei Euro mehr. Das kann ich verschmerzen, und der Mann oder die Frau kann davon leben. DAS habe ich im Hinterkopf, wenn ich voller Absicht an die „Servizio“-Zapfsäule rolle.

Mal ganz abgesehen davon, dass sich manchmal auch nette Gespräche entwickeln. Benzinaios quatschen oft gerne, und da sie ALLES weitergetrascht bekommen, wissen sie auch alles und sind, weil meist ältern Semesters, sehr lebenserfahren. So ein guter, alter Benzinaio ist quasi ein Quell unendlichen Wissens. Wie Fausto.

Fausto

Ich tanke in Italien am liebsten bei AGIP bzw. ENI (Gelb, Logo: Feuerspeiender Hund mit sechs Beinen. Die sechs Beine stehen für die vier Räder eines Autos plus die zwei Beine des Fahrers). Die sind sehr gut sichtbar beschildert, und die Benzinaios sind sehr gut.

Auf meiner ersten Fahrt nach Italien fuhr ich in Siena an die ENI-Tankstelle von Fausto. Ein stämmiger Mitsechziger, sonnenverbrannt. Er fragte wieviel ich tanken wollte, ich gestikulierte und sagte sowas wie „tutti completi“, weil ich nicht wusste was „voll“ hieß. Faustogrinste und sagte „Wenn Du „voll“ meinst, sagst Du „Pieno“. „Ah, danke!“, sagte ich.

Während er die ZZR betankte, fragte er „Auf der Durchreise?“. Er sprach leicht verwaschen, was evtl. daran lag, dass er den Mund voller Zahnstummel hatte, aber er sprach so langsam, dass ich ihn verstehen konnte. „Bin ich in Ferien“, erwiderte ich. „Woher kommst Du?“, fragte Fausto. „Bin ich aus Deutscheland“, sagte ich und schob meinen Standardsatz hinterher „Entschuldigung, mein Italienisch ist schlecht, ich lerne das erst seit einem halben Jahr und kann nicht gut sprechen“.

Fausto lachte und sagte: „Die meisten Italiener können auch nicht vernünftig sprechen. Die wenigsten sagen bitte und danke“. Er gluckste, was bei einem so vierschrötigen Mann seltsam wirkt, und meinte dann „Außerdem gibt es ja nicht nur EIN italienisch. Jede Region hat einen leicht unterschiedlichen Dialekt. Hier sprechen wir Sienesisch. Das ist noch einigermaßen zu verstehe, aber im Süden…“. Er rollte die Augen.

In den folgenden Jahren war ich immer mal wieder für ein paar Tage in Siena, und Fausto erinnerte sich jedesmal an mich, und darüber freute ich mich. Immer wechselten wir ein paar Worte während des Tankens, über Wetter, über Politik, und Fausto lobte, wenn er Fortschritte bei meinen Sprachfähigkeiten entdeckte. Bevor ich losfahren durfte, säuberte er die SCheinwerfer von Insekten. Ich tankte nie woanders als bei Fausto.

Dann, vor zwei Jahren, war Fausto plötzlich nicht mehr da. An seiner statt war ein anderer Benzinaio unterwegs. Jünger, aber ebenfalls stämmig und mit schlechten Zähnen. Faustos Sohn? Vielleicht. Aber anders als sein Vater hatte der Junior offensichtlich keinerlei Bock, Benzinaio zu sein. Erst ignorierte er mich an der „Servizio“-Säule, dann haute er die Zapfpistole so tief in den Tank, dass er vermutlich dessen Beschichtung beschädigte UND DANN tankte er mir die Kiste trotz mehrfacher Aufforderung nicht voll, weil er irgendwann der Meinung war, dass sei jetzt genug. Dabei hätten noch einige Liter mehr reingepasst.

Ich fuhr noch ein paar Mal an der Tankstelle vorbei, aber Fausto war nie zu sehen, immer nur der Nichtskönner. Ich tankte da nie wieder. Vor zwei Wochen bin ich mal wieder an der Tankstelle vorbeigefahren. Sie läuft jetzt selbst innerhalb normaler Öffnungszeiten nur noch auf Automatenbetrieb.

Ein Benzinao weniger in Italien.

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