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Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

V-Strom (3): Schutz & Scheibe

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In lockerer Folge werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt.

Sturzbügel
Endlich wieder ein Sturzbügel! Mögen viele ja nicht, wegen Ästhetik und so, aber da kann man bei der V-Strom ja eh nicht viel versauen. Ich muss aber zugeben: Ich stehe total auf Sturzbügel. Hatte ich schon an der 450er Honda, und der hat mir bei zwei Stürzen das Bein gerettet und die Maschine vor Schaden bewahrt. Wegen der Vollverkleidung passte kein Sturzbügel an die ZZR 600, deshalb hat die Maschine Sturzpads. Aber in so einen richtigen Rohrrahmen habe ich mehr Vertrauen als in einen Metallpilz.

Als ich sie gekauft habe, hatte die V-Strom einen Sturzbügel aus dem Suzuki-Zubehörprogramm. Der ist ziemlich winzig.

Sturzbügelchen von Suzuki. Doof.

Albrecht merkte an, dass der im Falle eines Umfalls oder Sturzes lediglich den Motor schützt, während der Tank und das Bein des Fahres in Mitleidenschaft gezogen wird. Recht hat er, der Albrecht, zahllose V-Strom-Besitzer mit zerstörten Tanks und Verkleidungen können da ein Lied von singen! Also ab mit dem Suzuki-Mist und stattdessen einen Sturzbügel verbaut, der den Namen auch verdient. Sieht ein wenig martialisch aus, aber der neue Sturzbügel von Givi bietet wirklich die beste Schutzwirkung.

Martialisch: Struzbügel von Givi.


Unterfahrschutz

Die V-Strom ist kein Geländemotorrad, in erster Linie wegen fehlender Bodenfreiheit. Nun bin schon öfter ungewollt in Situationen gekommen, wo ich über Felsen oder Absätze huppeln musste. Macht man das mit der V-Strom, kann man sich dabei den Kühler beschädigen oder den Ölfilter abreissen. Die sind nämlich etwas seltsam, direkt hinter dem Vorderrad, positioniert.

FKK: Kühler und Ölfilter baumeln nackig im Wind.

Deswegen verkaufen sich Motorschutzbleche so gut. Leider passen weder die originalen noch die von Drittherstellern mit den Sturzbügeln von Givi zusammen. Die Lösung: Handarbeit.

Marselus, eine Manufaktur in Tschechien, baut auf Anfrage Zubehörteile für die V-Strom – auch einen Motorschutz, der direkt am Givi-Sturzbügel montiert werden kann.

War ein wenig seltsam, auf einer tschechischen Seite nur nach Bild was zu bestellen, aber der darauffolgende Mailkontakt war sehr nett, und 14 Tage nach Bestellung kam das Stück hier an.

Lasergschnittenes, dickes Aluminium, handgeschweißt, pulverbeschichtet und perfekt passend. Ein wirklich schönes Stück Handwerkskunst, bei dem es ob seiner WErtigkeit schon Freude bereitet, es zu berühren.

Vorn wird es am Sturzbügel montiert, hinten an den Schrauben von Seitenständer und Auspuffhalterung. Damit ist der Motor rundum geschützt, und wenn man doch mal dran muss, kann man den Korb durch das Lösen von vier Schrauben abnehmen.

Sportscheibe
Als ich die V-Strom bekam, trug sie eine riesige Tourenscheibe mit einem zusätzlichen Spoiler oben drauf. Das Ding war so hoch, dass die Kante und der Spoiler direkt in meinem Blickfeld war, totzdem hatte ich Verwirbelungen am Helm. Dasist bei den V-Stroms ein bekanntes und echtes Problem: Hinter der hohen Scheibe gibt es Wirbel, die einem bei höheren Geschwindigkeiten den Helm nach links und rechts reißen oder Luftwellen, die direkt auf den Kopf ballern. Im Schlimmsten Fall gibt das ein verwackeltes Seefeld und Kopfschmerzen beim Fahrer. Das ist der Grund, weshalb man V-Stroms so gut wie nie mit der Originalscheibe sieht.

Viele Fahrer bauen nun riesige Tourenscheiben an, hinter denen sie komplett vor Wind und Wetter geschützt sind. Das wirft aber gleich mehrere Probleme auf. Zum einen wird die Maschine anfällig für Wind und maacht dann u.U. Pendelbewegungen, zum anderen muss man als Fahrer durch die Scheibe schauen oder hat zumindest die Kante im Blickfeld. Besonders unangenehm bei Reisen in warme Länder: Der Helm wird nicht mehr belüftet, weil der Luftstrom von vorne fehlt.

Eine Schrankwandgroße Scheibe ist nicht mein Ding. M.E. besteht der Sinn einer Scheibe am Mopped NICHT darin, den Fahrer vollflächig vor Wind und Regen zu schützen. Nein, normalerweise dient die Scheibe der Minderung des Windrucks auf der Brust, während der Helm frei im Windstrom liegt. Also weg mit der zu hohen Toruenscheibe und auf Ebay eine Originalscheibe zum Testen gekauft. Die ist aber auch recht hoch und produziert Wirbel.

Glücklicherweise fand sich in Wien eine gebrauchte Sportscheibe. Die Dinger sind selten, weil Suzuki sie nur kurz im Programm hatte. Unverständlich, denn sie erfüllt ihren Zweck nicht nur besser als die Standardscheibe, sondern sieht dabei auch noch cool aus!

Sportscheibe vs. Standardscheibe.

Problem war nur: Der Winkel stimmte nicht. Auch die Sportscheibe produzierte Luftwirbel. Aber auch da gibt es was, wenn man bereit ist, die Extrameile zu gehen.

Madstad-Scheibenhalter

Der Originalscheibenhalter lässt eine Verstellung der Scheibe in der Höhe zu, in zwei festen Positionen. Glücklicherweise gibt es Mark Stadnyk. der fährt selbst eine V-Strom und hat 2006 eine Scheibenhalterung zurechtgetüfelt, die super verstellbar ist und Luftwirbel durch andere Neigungswinkel eliminiert.

Mark produziert diese Halterungen in einer kleinen Manufaktur „Madstad“ in Brooksville, Florida, und von dort haben sie ihren Weg an meine V-Strom gefunden (nach einem wochenlangen Irrweg von Fort Worth, Miami und den deutschen Zoll).

Aus den USA importiert: Scheibenhalterung.

Höhe und Winkel der Scheibe lassen sich über zwei Rändelschrauben schnell einstellen, damit sollten Windböen der Vergangenheit angehören. Jetzt muss ich nur noch die richtige Einstellung finden.
Man munkelt übrigens in düsteren Forenecken, dass der Madstad-Scheibenhalter nicht an deutschen Moppeds montiert sein darf, weil er keine E- oder KBA-Nummer hat. Ich habe mal direkt den Dekra-Prüfer gefragt. Antwort: Das Ding braucht weder eine Zulassungsnummr noch eine Einzelabnahme, weil es nicht Sicherheitsrelevant ist oder die Fahreigenschaften ändert.

Wo ich gerade am Tauschen der Scheiben war, habe ich den den vorderen Halter Neodym-Magnete eingeklebt.

Die sieht man nicht, wenn das Teil montiert ist…

…aber eine passende Hülle für Parkscheine klebt bombenfest daran:

Und ja, das wird nötig sein. Die Frau Strom hat nämlich einen dicken Hintern und ist fast so breit wie ein Twingo. Sowas parkt man nicht unauffällig auf einem Fußweg, die wird schon mal auf kostenpflichtigen Parkplätzen stehen müssen.

 
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Verfasst von - 24. Mai 2017 in Motorrad

 

V-Strom (2): Fahrwerk, Ständer, Kettenöler

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In lockerer Folge werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt.

Tieferlegung
Die Frau Strom ist GROSS, wirklich groß. Ich nicht. Um mal zu zeigen wie groß die Schwarze ist, hier mal ein Vergleichsbild neben der Renaissance.

Ich habe zwar lange Beine, aber für mehr als einen Fuß auf dem Boden reichte es nicht. Das genügt zwar um an einer roten Ampel nicht umzufallen, ist aber zu wenig, um die Kiste rückwärts aus einem geschotterten Parkplatz zu schieben. Deshalb wurde eine Tieferlegung von Alphatechnik verbaut. Diese Teile hier sind Umlenkhebel, die 37mm länger sind als die Standardteile.

Die Hebel ziehen das Motorrad hinten 30mm weiter runter. Vorne wird die Gabel 0,8mm durchgesteckt. Hört sich alles nach nicht viel an, aber es aus, dass ich mit beiden Füßen an den Boden und ohne Leiter auf die V-Strom komme. Preis der Freiheit: Der Seitenständer musste auseinandergeflext, um 20mm gekürzt und wieder zusammengeschweißt werden.

Ständer
Ein Hauptständer ist eigentlich unverzichtbar bei einer Reisemaschine, wenn man den Hinterreifen wechseln oder flicken muss die Ketten schmieren will. Doof: Die Strom hat sowas serienmäßig nicht. Nett: Der Vorbesitzer hatte einen Original-Hauptständer nachgerüstet. Doppeldoof: Durch die Tieferlegung war der nicht mehr zu gebrauchen, und in Kurven schrappte er auch noch schnell über den Asphalt. Die Funkenspur sieht zwar beeindruckend aus, ich brauch sowas aber nicht. Also ab mit dem Hauptständer.

Ich kann mich noch dran erinnern: Das erste Mal ganz bewusst habe ich die DL 650 wahrgenommen, als eine polnische V-Strom vor I Papaveri stand. Aufgefallen ist mir die Kiste wegen der Fußverbreiterung, die auf den Seitenständer aufgesteckt war. Sowas wollte ich auch! Gab es aber leider für die Kawasaki nicht. Jetzt habe ich eine, aus Alu gelasert.

Es kommt nämlich relativ häufig vor, dass ich auf Schotter, Rasen oder anderen, unfesten Untergründen parken muss. Dann sinkt der Seitenständer ein. Für die ZZR hatte ich eine Platte zum Unterlegen dabei, für die V-Strom gibt es aber was Besseres in Form des „Elefantenfußes“.

Ein Hauptständer wäre zwar praktisch, aber für Reifenpannen gibt es immer einen Service in der Nähe, und zum Ketten schmieren gibt es einfachere Methoden:

CLS-Kettenöler

Heiko Höbelt ist ein Tütfler. Seit Jahren baut er immer neue Versionen seines Chain Lube Systems (CLS), einem verschleißfreien Kettenschmiersystem. Mototorradketten müssen dauernd gereinigt und gefettet werden, sonst sehen sie schnell aus wie auf dem Bild oben: Rostig und dreckig. Abhilfe schaffen Kettenöler, das sind Konstruktionen, die die Kette autmatisch ölen.

Die ZZR hatte ein unterdruckgesteuertes Kettenölsystem von Scottoiler verbaut. Das kennt nur zwei Einstellungen: Ventil auf oder Ventil zu. Da sich die Viskosität des Öls in Abhängigkeit von der Außentemperatur zwischen 5 und 25 Grad Celsius um bis zu 400% ändert, muss man die Durchflussmenge ständig per Hand nachjustieren, über eine Rad unter der Sitzbank. Macht man natürlich nicht, mit dem Resultat, dass bei warmem Wetter so viel Öl auf die Kette läuft, dass es überall hin geschleudert wird: Auf die Felgen, in die Verkleidung, sogar am Nummernschild kleben an warmen Tagen schwarze Tropfen.

Die Pumpe, die Höbelt erfunden hat.

Display und Tank.

Bei Heiko Höbelts CLS ist das anders. Hier sitzt eine Pumpe in der Seitenverkleidung, die immer genau einen Tropfen in die Ölleitung drückt, egal wie viskos das ist. Trotzdem kann man das System regeln, über ein Display am Lenker. So lässt sich der Ölfluss erhöhen, wenn man z.B. im Regen oder in staubiger Umgebung unterwegs ist. Das System klemmt direkt an der Batterie und springt nur an, wenn es merkt, dass die Lichtmaschine Strom zuliefert, also der Motor läuft. Genial! – So spart man sich rumfuckelei mit Relais und ähnlichem.

Die Steuerelektronik ist in der linken Seitenverkleidung versteckt.

Der Öltank ist unter der Sitzbank angebracht. Eine Füllung reicht für 16.000 Kilometer.

Display mit Folientasten zum Einstellen der Ölmenge.

Die Pumpe sitzt in der rechten Seitenverkleidung.

Als Effekt muss man die Kette nie wieder von Hand schmieren, sie hält wesentlich länger, und putzen muss man sie auch nie. Dieser Komfort hat seinen Preis. So ein elektronisches CLS kostet 270 Euro, ein unterdruckgesteuerter Scottoiler der Marke Dreckschleuder ist dagegen für 100 Euro zu haben. Aber nach der Schweinerei an der ZZR in den letzten Jahren muss ich sagen: Nie wieder. Dank des Höbeltschen Erfindungsgeists bleibt die V-Strom sauber.

 
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Verfasst von - 23. Mai 2017 in Motorrad

 

Fernreisetauglich 2017: V-Strom

„This Girl ist going Places“

Es gibt kaum einen schlechteren Zeitpunkt für den Kauf eines Motorrad als mitten im Winter. Ich habe es trotzdem getan, seit Ende Februar gehört mit eine sechs Jahre alte Suzuki V-Strom. In den vergangenen Wochen wurde heftig an der gebaut, ihr erste große Reise mit mir als Fahrer startet in Kürze.

Dabei hat die V-Strom schon einiges hinter sich, aber dazu später mehr.

Die Renaissance, meine treue Kawasaki ZZR 600, hat mich nie enttäuscht. Aber nach fünf Jahren, in denen wir gemeinsam wochenlang kreuz und quer durch Europa gekurvt sind, haben sich meine Ansprüche etwas verschoben. Es gibt Strecken, die ich mit der ZZR nicht fahren und Orte, die ich mit ihr nicht oder nur unter Schmerzen erreichen kann. Schon jetzt hat die Sporttourerin mehr gesehen und mitgemacht als die meisten „Adventurebikes“. Aber ich kenne inzwischen auch ihre Grenzen und meine Wünsche sehr genau. Auf meiner Wunschliste stand ein weicheres Fahrwerk, eine andere Sitzhaltung und ABS. Genau das bringt die V-Strom von Haus aus mit.

Die DL 650 V-Strom wird von Suzuki gerne als „Sport-Enduro-Tourer“ vermarktet. Das ist ziemlicher Quatsch, denn die Maschine taugt weder im echten Gelände, noch ist sie besonders sportlich. Der Marketingquark zeigt aber recht gut, wie schwierig das Motorrad zu verorten ist. Denn wenn sie eines ist, dann vielseitig. Das lässt sicher aber leider im Pitch nicht auf einen Unique Selling Point runterbrechen.

Meine V-Strom ist eine der Letzten (L0) der WVB1-Reihe, die von 2004 bis 2010 fast unverändert gebaut wurde. Gängiger Konsens ist, dass das Design als hässlich empfunden wird. Zu bollerig kommt sie daher, zu glubschig die Scheinwerfer, zu zerklüftet die Front, zu breit das Heck. Erst die 2012er-Maschinen brachten gefälligere Maße und augenschmeichelndere Formen mit, laufen etwas ruhiger und verbrauchen noch weniger.

Aber das Aussehen ist Geschmacksfrage und war mir in dem Fall nicht die Mehrausgabe von mehreren Tausend Euro wert. Denn V-Stroms sind vergleichsweise günstig in der Anschaffung, bei Gebrauchtmaschinen sinkt aber der Wert irgendwann nicht mehr – was auch für die Haltbarkeit und Zuverlässigkeit spricht.

Nein, um Design ging es mit nicht. Was mir wichtig war: Reisetauglichkeit, Wartungsfreundlichkeit und eine robuste Ignoranz gegenüber dem Untergund (Fahren auf Schotter oder umbrischen Straßen, was in etwa einer Fahrt auf einem Truppenübungsplatz entspricht).

Tatsächlich ist die V-Strom eine bequeme, agile Reisemaschine. Anders als auf Sportmaschinen, auf denen man eher kauert, thront man auf der V-Strom geradezu. Für mich war es erst einmal ungewohnt wieviel Motorrad ich plötzlich um mich rum hatte. Zum Vergleich: Bei der ZZR endet das Windschild, die Frontscheibe, direkt vor meiner Nase, ich gucke direkt auf den Sphalt und die Spiegel sind unterhalb der Sichtlinie. Bei der V-Strom ist das Windschild eine ganze Armeslänge entfernt, und DAVOR geht die Maschine noch weiter. Die Frau Strom ist wirklich groß. Nicht umsonst wird sie gerne von Menschen mit 1,90 Körpergröße gefahren, die passen da nämlich prima drauf.

Auch für kleinere Menschen ist die aufrechte Sitzhaltung gelenkschonend, und das weiche Fahrwerk mit den großen Rädern schluckt Unebenheiten und Schlaglöcher bequem weg. Gleichzeitig ist sie in Kurven aber wieselflink und handlich, was zumindest ich ihr so gar nicht zutraut hätte. Ohne große Übung erreiche ich mit der Strom Schräglagen, die ich so mit der ZZR nicht ohne Weiteres hinbekomme.

Ungewohnt sind auch Verarbeitungsqualität und Getriebe. Während die V-Strom in Sachen Passform und Materialqualität, insbesondere der Kunststoffteile, weit hinter der 8 Jahre älteren Kawasaki hinterherhängt, ist das Getriebe ein Traum. Da klappert und hakelt nichts, die Gänge gleiten einfach so rein. Herrlich.

So geschmeidig das Getriebe ist, so bollerig ist der Motor. Der Zweizylinder röhrt und vibriert wie ein Trecker, zumindest im direkten Vergleich mit dem geschmeidigen Vierzylinder der Kawa. Das muss man ihm aber nachsehen, dafür ist er zuverlässig und glänzt er mit niedrigem Verbrauch. In Kombination mit dem 22 Liter großen Tankvolumen reicht eine Füllung für 400 Kilometer, in der Theorie sogar 500. Zum Vergleich: Mit der ZZR ist bei 250 bis max. 300 km Schluss, mit der muss ich manchmal drei Mal am Tag an die Tankstelle. Dafür bringt der V-Strom-Motor mit 69 PS wesentlich weniger Leistung, was sich sowohl in der Beschleunigung, als auch bei der Höchstgeschwindigkeit bemerkbar macht. Bei Tempo 180 ist Feierabend. Das spielt aber auf Reisen keine große Rolle. Schneller als 130 fahre ich mit Koffern dran eh selten, und bis dahin springt die Strom schnell genug.

Die V-Strom wurde 7 Jahre nahezu unverändert und in großen Stückzahlen gebaut. Das heisst auch: Es gibt einen riesigen Markt an Ersatz- und Zubehörteilen.

Das ist auch gut so. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um für mich rauszufinden worauf ich beim Motorradreisen wert lege. Die ZZR so umzubauen, dass ich damit absolut zufrieden war, hat durch iterative Entwicklung insgesamt drei Jahre gedauert. Die V-Strom hat einige dieser Dinge, auf die ich nicht verzichten kann, schon mitgebracht. Der Vorbesitzer muss die Maschine echt geliebt haben – sie hat einige der besten Zubehörteile überhaupt von ihm bekommen, u.a. den Kofferträger und die Sitzbank. Aber auch im Detail hat er feine Veränderungen vorgenommen. Das es sich bei den merkwürdigen Teilen, die versteckt in der Verkleidung an der Gabel angebracht sind, um Ösen für Zurrhaken handelt, die man zum Vertäuen der Maschine u.a. auf Fähren braucht, zeigt, dass die Kiste schon mehr als eine lange Reise hinter sich hat.

Dazu kamen nun in den vergangenen sechs Wochen weitere Veränderungen.

Für die größeren Umbauten wurde die Kawasakiwerkstatt des Vertrauens rangezogen. Die mussten sich erst an die Suzuki gewöhnen, letztlich haben sie aber alles so schrauben können wie ich es wollte. Verbaut wurden Teile, die in kleinen Manufakturen in Deutschland, Tschechien und den USA zum Teil speziell für meine Strom gefertigt wurden. Herausgekommen ist nun eine Maschine, die wieder so einzigartig ist wie die Renaissance, sich aber ganz anders fährt. Man, bin ich gespannt, wie die sich auf der nächsten Sommerreise schlägt.

In Folgeposts stelle ich hier mal die Veränderungen vor, die die Kiste so erfahren hat. Für einen Artikel wäre das ein wenig viel.

 
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Verfasst von - 22. Mai 2017 in Motorrad

 

Hohlspiegel

SPIEGEL Online gerade so:

Heimwerkerblog? Echt jetzt?

 
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Verfasst von - 19. Mai 2017 in Ganz Kurz

 

Ich werfe den ersten Stein

„80 Prozent aller Teenager bis 16 Jahren haben etwas getan, was strafbewährt zu ahnden wäre, mithin ein Verbrechen darstellen“, sagt der Jurist und guckt in die Runde. Unsere Gruppe besteht aus 20 Personen, die letzten Minuten hat der Jurist uns was von Kriminalitätsstatistiken erzählt. Dass die seit 1993 sinken, kontinuierlich, Jahr für Jahr. Und das mit den Jugendlichen. Besonders Jungs stellen Unfug an, aber nur bis sie 16 sind, danach hört das abrupt auf.

„Gehen Sie mal in sich. Melden Sie sich, wenn Sie noch NIE ein Verbrechen begangenhaben. Haben Sie nie etwas geklaut, eine Kneipenschlägerei angefangen, Vandalismus oder Fahrerflucht begangen?“

Ich melde mich.
Und gucke verblüfft in die Runde.
Ich bin tatsächlich der einzige. Die Gruppe besteht aus Akademikern, die meisten sind klassische Schlipsträger, ungefähr 1/3 Frauen. Manche treten von einem Fuß auf den anderen, ein paar verkreuzen die Arme vor der Brust und schauen zu Boden, einer blickt versonnen in die Ferne und grinst dabei leicht.

Ich bin einigermaßen erstaunt. Wie kann das denn sein? Bin ich wirklich so eine Ausnahme? Ich habe tatsächlich nie eine Schlägerei angefangen – wenn man clever ist, bekommt man andere dazu sich zu prügeln. Vandalismus ist Zeitverschwendung, Fahrerflucht und Diebstahl gehören sich ohnehin nicht. Ich handele nicht unbedingt nach der Kantschen Maxime („„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Er ist im System Immanuel Kants das grundlegende Prinzip der Ethik.“), aber stets nach dem Motto „Was ich nicht will, dass man mir tu, füg ich keinem anderen zu“.

Anscheinend bin ich damit ziemlich alleine.
Erstaunlich.

 
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Verfasst von - 17. Mai 2017 in Ganz Kurz

 

Repeal & Replace, UK Edition

Die französischen Wählerinnen und Wähler haben der Welt gerade einen letzten Rest an Hoffnung bewahrt, zumindest für den Moment.
Anderswo ist es jetzt schon so Zappenduster, da würde es schon jetzt nicht auffallen, wenn jemand komplett das Licht ausmacht. Die Rede ist vom Unvereinigten Königreich.

Nach dem Wahlsieg Macrons titelte die „Daily Mail“ beleidigt, dass „Dieses mal Frankreich den Deutschen Benzin und Kugeln gespart hat“. Der offensichtliche Nazivergleich wird rangezogen um die Wahl Macrons als einen weiteren Affront gegen Brexit-UK hinzustellen. Unverantwortlich, sowas. Aber die Britische Presse hat ja ohnehin fast im Alleingang für den Brexit gesorgt, da braucht einen das nicht zu wundern.

Viel schlimmer ist, dass vorvergangene Woche ein Gesetz erlassen wurde, dass Echtzeitüberwachung von Personen nicht nur erlaubt, sondern den Providern zur gesetzlichen Auflage macht. DAS geht weit über alles hinaus, was George Orwell sich in seinen schlimmsten Fieberträumen ausgeschwitzt hat.

Geradezu niedlich ist dagegen diese Meldung aus dem Londoner Evening Standard. Die Tories wollen die Fuchsjagd wieder einführen.

Und da sage noch mal einer, May und Konsorten würden nicht in ihrer ganz eigenen Welt leben.

Als Nächstes dann: Die Wiederbelebung der Dampflokindustrie. Gesundheitssystem gibt es ja schon nicht mehr. Da zeichnet sich ein Bild ab: Die Briten rollen gerade die Neuzeit zurück, bis in die Zeit der industriellen Revolution. Dagegen wirkt Trumps Repeal & Replace geradezu lächerlich.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 10. Mai 2017 in Ganz Kurz

 

Uff.

Ich wage wieder auszuatmen und sage still Danke. An alle, die heute wählen waren und damit über die Zukunft Europas entschieden haben.

 
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Verfasst von - 7. Mai 2017 in Ganz Kurz

 

Momentaufnahme: April 2017

Herr Silencer im April 2017
„Was soll das heißen, der Monat ist schon wieder vorbei??“

Wetter: Monatsanfang sommerlich, dann wieder kühl, aber trocken. Die Bäume beginnen am 01.zu blühen. Mitte des Monats Temperaturen um die 6 Grad, keinerlei Sonne, dafür Regen. Dann wird es wieder Eisekalt: um den 20. sind es morgens -3 Grad und es schneit ein wenig. Wein- und Obstblüten erfrieren. Der Rest des Monats dümpelt nachts und morgens um den Gefrierpunkt herum, tagsüber sind es maximal 10 bis 12 Grad.

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Lesen:

Diverse: Michael Müller Reiseführer
Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag sind meine verlässlichste Quelle für Reisevorbereitungen. Kompakt, informativ, meist alles Relevante und Interessante gut lesbar zusammengefasst.

Francois Durpaire: Die Präsidentin
Sozialwissenschaftliche Science Fiction: Die rechtsextreme Rassistin Marine Le Pen wird am 07. Mai Präsidentin Frankreichs und beginnt sofort damit ihr Wahlprogramm umzusetzen. Die Konsequenzen sind verheerend.

Sehr gutes Buch, leider mies gezeichnet und schlecht erzählt. Ausführliche Besprechung hier.

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Hören:

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Sehen:

Where to Invade Next? [Amazon Video]
Das Pentagon ist frustriert, weil es seit dem zweiten Weltkrieg alle Kriege verloren hat. Darum engagiert es den linken Dokumentarfilmer Michael Moore. Der soll fortan alle Invasionen eigenhändig durchführen und den überfallenen Ländern ihre Errungenschaften und Ressourcen stehlen. Gesagt, getan: Alle US-Soldaten bekommen frei, Moore überfällt Europa und nimmt ein Land nach dem nächsten ein. In Interviews mit Arbeitern, Lehrern und Akademikern findet er die Besonderheiten des jeweiligen Landes heraus und „annektiert“ diese dann. Aus Italien „stiehlt“ er die Idee der Urlaubs- und Arbeitszeitregelungen, aus Finnland das Schulsystem, aus Frankreich das Schulessen, aus Slowenien die Idee der freien Hochschulbildung, aus Deutschland die Erinnerungskultur usw.

Manchmal muss man das eigene Land erst durch die Augen eines anderen sehen, damit man es genügend würdigen kann. Auch wenn die Prämisse mit den „Invasionen“ dumm und das jeweils finale Aufpflanzen der amerikanischen Flagge im „überfallenen“ Land albern ist, ist der Film auf mehreren Ebenen sehenswert. Zum einen macht er deutlich, dass viele Aspekte unserer Gesellschaft nicht selbstverständlich sind. Sie sind Errungenschaften im wahrsten Wortsinn, denn mann musste und muss um sie ringen. Moore zeigt uns das in einem Dutzend Interviews, die er mit den Menschen in den europäischen Ländern führt.

Der Film ist immer dann schockierend und gut, wenn direkt neben unseren europäischen Verhältnisse das System der USA gezeigt wird, dass im direkten Vergleich wie ein Land der dritten Welt oder des 19. Jahrhunderts wirkt. Schön sind auch die vielen, kleinen Szenen, die meist die Reaktion der Gesprächpartner zeigen. Es sind augenöffnende Momente, wenn Moore den Arbeiter bei Faber-Castell fragt, wieviele Jobs er denn wohl hat, um sich sein Mittelstandsleben leisten zu können, und der aus allen Wolken fällt; wenn er einem französischen Mädchen Cola anbietet und das höflich nickt, dann aber doch lieber Wasser trinkt; wenn er dem vielreisenden Ehepaar aus Florenz erklärt, dass es in den USA keinen bezahlten Urlaub gibt und die das gar nicht glauben können.
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Spielen:

Mass Effect: Andromeda [PS4]
600 Jahre haben die Kolonisten geschlafen, jetzt ist ihr Raumschiff am Bestimmungsort in der Andromeda-Galaxie angekommen. Dummerweise entpuppen sich die „goldenen Welten“, die ihnen versprochen wurde, als verstrahlte Wüsten- und Eisplanenten. Unter den Kolonisten sind Ressourcenknappheit und Meutereien an der Tagesordnung. Letzte Hoffnung: Sara Ryder, die Pathfinder-in. Die soll es richten und stolpert prompt beim ersten Ausflug über ein altes Terraformingsystem. Das wollen auch irgendwelche egalen Aliens nutzen, aber vorher müssen für andere dumme Aliens noch dreitausend Botengänge erledigt, zwei Milliarden mal Schrott gesammelt und fünf trilliarden Planeten gescannt werden.

Was ist DAS denn? Die Mass Effect-Reihe war mal das beste SciFi-Roleplay der Welt und glänzte mit fein geschriebenen Charakteren und tollen Geschichten, bis das Ende von Teil 3 alles in den Sand setzte. Dieses Ende war sogar so absurd schlecht, dass es die drei vorangegangenen Spiele negativer darstehen lässt als sie sind.

„Andromeda“ sollte ein Neustart werden, mit den alten Stärken von Mass Effect, aber auch anders. Dafür ließen sich die Entwickler von Bioware ganze fünf Jahre Zeit. Was nun dabei rausgekommen ist, ist geradezu absurd schlecht. Ryder ist ein Charakter aus Pappe, die sogar im Orginal eine nervende Stimme hat und Sätze von sich gibt, die an Dummheit kaum überboten werden können. Die anderen Charaktere sind ebenfalls nervige Arschgeigen, die Story ergibt in den ersten 20 Stunden überhaupt keinen Sinn und motiviert null, die Usability ist grauenvoll, die Dialoge sind mies geschrieben und die Grafik lässt zwar die PS4-Lüfter auf Hochtouren laufen, ruckelt aber trotzdem gelegentlich. Das Aussehen der Figuren bewegt sich dabei auf dem Niveau von Mass Effect 1 – und das kam 2007 raus!.

Dazu kommt vergeigtes Gamedesign: Andromeda ist über weite Teile ein Deckungshooter – bei dem das Deckungssystem nicht funktioniert! Abseits davon gibt es RPG-Elemente, die in verschachtelten Menüs mit Ordnerstrukturen versteckt sind. Ein veraltetes Dialograd. Charaktere, die in den unpassendsten Momenten ihre Lebensgeschichte von sich geben. Und warum sind Features wieder da, die in den letzten Teilen schon entsorgt wurden, weil sie nicht funktionierten? Das endlose Scannen aus Mass Effect 2 und der nervige Hüpfpanzer aus Teil 1 sind wieder da, nur das man nun NOCH mehr scannen und NOCH mehr fahren muss. Dazu kommt Sudoku. Kein Witz. Man muss allen ernstes STUNDENLANG Sudokurätsel lösen, damit es weitergeht. Ich hasse Sudoku.

Echt jetzt, WTF, Bioware? Nach dem vergurkten Ende von Teil 3 verließen viele altgediente Mitarbeiter die Firma, aber „Andromeda“ wirkt, als hätten es ganz neue Juniorentwickler und Praktikanten gebaut. Das Ding ist schlecht geschrieben, überladen, langsam, langweilig, inkonsistent und technisch übel, kurz: Es ist in jedem Aspekt schlechter als die Vorgänger. Und nicht nur das: Schlechter zu sein als die Spitzentitel des Genres könnte immer noch gut sein, aber „Andromeda“ ist nicht mal ein gutes oder auch nur befriedigendes Spiel.

Dabei verstehe ich den Ansatz und die Ideen dahinter. „Andromeda“ sollte anders als seine Vorgänger und dazu Exploration pur sein. Eine Open World, in der man Abenteuer entdeckt und eigene Lösungen finden kann. Das Potential scheint auch überall durch, aber das schlechte Drehbuch, das tranige Gamedesign und die miese technische Umsetzung hindern es an der Entfaltung. Das Spiel macht keinen Spaß, es fühlt sich nach Arbeit an. Das die einst beste Spieleschmiede der Welt nach fünf Jahren Entwicklungszeit nichts Besseres hinbekommt als diesen technischen und spielerischen Müll ist beschämend.
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Machen:
Ein Motorrad fernreisetauglich machen. Eine Reise planen. Und viel tun, damit die auch angetreten werden kann.

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Neues Spielzeug:
Ein Anker Souncore Mini. Der Bluetooth-Lausprecher ist nur 6,5 Zentimeter hoch und breit, wiegt aber 250 Gramm liefert aber ordentlich Wumms. Der Akku hält rund 15 Stunden. Damit lässt sich auch an sonst unerschlossenen Orten Podcasts und Musik hören. Typisch Anker ist die überaus wertige Verarbeitung und der geringe Preis. Das macht Freude!

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

 
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Verfasst von - 28. April 2017 in Momentaufnahme

 

0177

„Sie können Ihre Handynummer AUSWENDIG?“, fragt die Dame am Empfangstresen mit hochgezogenenen Augenbrauen, als ich ohne Gedenkpause die Nummer aufsage.

Natürlich kann ich das. 20 Jahre sind wir jetzt schon zusammen, meine Rufnummer und ich. Heute spielt ja die Telefonnummer nur eine untergeordnete Rolle, Hauptsache, man ist per Messenger erreichbar. Aber 1997 gab es sowas noch nicht. Was es gab, waren die klassischen Mobiltelephone für Anrufe und SMS. Einige Jahre vorher waren die noch unbezahlbar gewesen, Handys galten als Statussymbole, die nur von Egomanen mit sich rumgetragen wurden und für Normalsterbliche unbezahlbar waren.

1997 schickte sich ePlus an, Mobiltelefone in die Breite zu bringen. Das Unternehmen, das sich betont jung gab (und damit seinen schlechten Netzausbau rechtfertigte), bot unter anderem einen Studententarif an. Für pauschal 25 D-Mark pro Monat bekam man 20 Telefonminuten und 15 SMS. Ein Spitzenangebot, denn normalerweise wurde erst eine Grundgebühr fällig und dann nach Minuten und Einzel-SMS abgerechnet. In der „Hauptzeit“ kostete ein Anruf ins Festnetz oder ein anderes Netz 1,99 DM pro Minute, günstiger waren mit 0,59 DM nur Anrufe innerhalb des ePlus-Netzes. In der Nebenzeit kosteten alle Anrufe 0,39 DM pro Minute.

In dieser Zeit war es, dass ich urplötzlich den Gedanken attraktiv fand, ein tragbares Telefon zu besitzen. Keine Ahnung warum, gebraucht hätte ich es nicht. Irgendwie war die Zeit reif. Nach langem Zaudern setzte ich dann einen Fuß in den ePlus-Laden in Göttingen und verließ in wenig später mit klopfendem Herzen und einem ePlus-Karton. Darin: Meine 0177-Rufnummer und ein brandneues Nokia 5110.

Nokias Mobiltelefone waren sehr verbreitet. Man spielte hautpsächlich Snake damit oder kaufte Wechselcover dafür, denn telefonieren war halt zu teuer. In den Speicher passten theoretisch 10 SMS, praktisch aber weniger, denn auf 3 bis 6 Speicherplätzen hob man die ganz besonderen SMS von der Liebsten auf, die man nie, NIE! löschen würde.

Wenn ich Anfangs meine Rufnummer aufsagen musste, fragten die Leute noch oft nach. Denn ePlus mit seiner 0177-Vorwahl war unbekannt, kennen tat man nur 0171 für das D1-Netz und 0172 für D2. Andere Netzvorwahlen gab es nicht. Das Handy durfte ich eigentlich auch niemandem zeigen, denn dann kamen gleich höhnische Sprüche. „Guck an, der Herr Student hält sich für wichtig, der muss jetzt ein Handy haben. Immer erreichbar, was, höhö.“

Das änderte sich im Lauf der Jahre. Was sich nicht änderte, war meine Rufnummer. Die wanderte vom Nokia 5110 zum Nokia 3310, dann auf ein No-Name-Aldi-Klapptelefon (das dauernd abstürzte, aber hey, KLAPPTELEFON!!) und dann ein Philips-Klapptelefon (das winzig war und an den Rändern blau leuchtete wenn ein Anruf kam).

2005 übernahm mein Arbeitgeber meine Telefonnummer. Als Firmenhandy gab es ein QTEK 9090, ein von ePlus als „PDA 3“ vermarktetes Smartphone von HTC mit ausziehbarer Tastatur und Windows drauf. Damit konnte man alles Mögliche machen, auch Snake spielen. Nur telefonieren konnte man damit nicht, weil die Software kaputt war und man für das Gegenüber klang, als würde man mit einem Blecheimer über dem Kopf sprechen. Der Hersteller hatte das Problem schnell gefixt, aber ePlus rollte den Patch nicht aus, weil sie nicht begriffen, dass für diese Art Geräte kontinuierliche Pflege auch nach dem Verkauf nötig ist. So hatte ich 2 Jahre ein Handy praktisch ohne Telefonfunktion.

Damit hatte es ePlus vergurkt, meine Firma wechselte zur Telekom, und meine Rufnummer auch. Auf ein Motorola RAZR V3. Ein äußerst stabiles Klapphandy, dessen farbiger Plasmabildschirm leise zischte. Was doof ist, wenn man den zum Telefonieren ans Ohr halten muss.

2009 kam dann ein iPhone 3G, und die Rufnummer wechselte auch darauf mit. Es folgten iPhone 4s, 5s und 6s. Die Geräte änderten sich, was blieb, war stets die Rufnummer.

20 Jahre.
Eine lange Zeit für eine kleine Rufnummer.

 
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Verfasst von - 26. April 2017 in Historische Anekdoten

 

Urlaub im Alltag

Ich wurde gerade von einem Gast drauf angesprochen, dass bei mir recht viele ausländische Produkte zu finden sind. War mir gar nicht mehr so bewusst, aber ich neige dazu, Alltagsdinge und Verbrauchsmaterialien aus dem Ausland mitzubringen. Zum Beispiel Zahnpasta oder Zahnseide.

Der Grund ist ganz einfach. Schon bei so simplen Dingen wie Zähneputzen versetzen mich diese Dinge für einen kurzen Moment an den Ort, an dem ich sie gekauft habe. Ich nehme die Zahnpastatube in die Hand und bin für einen kurzen Erinnerungsblitz in Venturina. Ich fasse die Zahnseide an und bin in Rom. Ich greife zum Gewürz und rieche die Provence. Ich nehme den Teebecher in die Hand und spüre London. Diese Mitbringsel aus dem Supermarkt sind für mich wertvollere Erinnerungsträger als das Plastikmodell des Eiffelturms. Diese Erinnerungsblitze sind natürlich irgendwo auch Eskapismus. Da der m.E. aber ohnehin der geistigen Gesundheit dient, ist das voll OK.

Albern? Vielleicht.
Aber meine Art über kleine Dinge und Handlungen ein wenig Reisefreude in den Alltag zu retten.

Salz aus der Carmargue, Salz aus Valencia, Pfeffer aus San Vincenzo, Pepperoncino aus Florenz.

Pfannendinger aus Palermo.

Gewürzmühle mit Gewürzen der Provence aus der, äh, Provence.

Geschirrtuch aus Siena.

 
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Verfasst von - 25. April 2017 in Reisen

 

Die Präsidentin

Ein spannendes Wochenende liegt hinter uns. Die AFD hat den langfristigen – und sehr cleveren!- Strategieentwurf von Frauke Petry abgelehnt und sie geschasst. Stattdessen wurden rechte Symobolfiguren auf´s Podest gehoben und ein Kurs beschlossen, in dem sich auch der Rechtsextreme Bernd Höcke umarmt fühlt. Damit dürfte die Wutbürgerpartei in sich zusammenfallen. Statt einer gefährlichen, rechten Bürgerpartei mit Joan d´Arc-Gallionsfigur wird sie nun eine kleine Faschistenpartei bleiben, die irgendwann das gleiche Schicksal wie die NPD erleiden wird. Zu recht.

In Frankreich ging es dieses Wochenende um ungleich mehr, die erste Runde der Präsidentenwahl sind durch. Übriggeblieben sind zwei Kandidaten, die sich beide nicht als Frontfiguren einer klassischen Partei, sondern als Anführer einer Bewegung sehen. Sowohl Emmanuel Macron als auch Marine Le Pen inszenieren ihren Wahlkampf als einen Sturm auf das politische System, das keine Antworten mehr auf heutigen Fragen liefert. Macron ist politisch in der eurofreundlichen Mitte zu verorten, Le Pen ist eindeutig rechtsextrem.

Am 07. Mai steht die nächste Runde der Präsidentschaftswahlen an, die Stichwahl zwischen Macron und Le Pen. „Frankreich wählt zuerst mit dem Herzen, dann mit dem Verstand“, heisst es allerorten. Das sei schon immer so gewesen, erklärte mir neulich noch ein Franzose, erst setze man an der Wahlurne ein Zeichen, dann wähle man die Peson, die besser sei für das Land. Deshalb, so die beruhigenden Worte, sei es VÖLLIG AUSGESCHLOSSEN, dass Marine Le Pen Präsidentin Frankreich würde. Nun, genauso war es völlig ausgeschlossen, dass ein Land die EU verlässt. Oder das Trump Päsident würde. Wir haben in den zurückliegenden 10 Monaten zu viele Dinge gesehen, die völlig ausgeschlossen waren.

So wird es auch bei den Präsidentschaftswahlen. Denn was die Leuten mit den beruhigenden Worten nicht auf dem Schirm haben ist die überwältigende Menge an frustrierten Nichtwählern.

Am 07. Mai bleiben viele Mitte-Links-Wähler aus Protest der Urne fern, während die Rechtsextremen überaus motiviert sind die Vorsitzende des Front Nationals in den Elysee-Palast zu bringen. Am Ende reicht es für eine dünne Mehrheit: Das neue französische Staatsoberhaupt heisst Marine Le Pen.

Noch bevor sich das Land von dem Schock erholt hat, beginnt Le Pen Schlüsselpositionen in Politik und Medien mit Parteimitgliedern des Front National zu besetzen. Innerhalb der ersten sechs Monate beginnt sie eine regide Abschottungspolitik. Unter ihrer Führung werden die Grenzen geschlossen, gehen die Behörden gegen Einwanderer vor, die Wirtschaft wird auf eine „Frankreich zuerst“-Politik verpflichtet, Unabhängigkeitsbestrebungen von Kolonien mit Waffengewalt unterdrückt.

Polizei und Geheimdienste nutzen die volle Bandbreite der Überwachungsmittel, die ihnen schon Francois Hollande und Manuel Valls nach den Terroranschlägen von Paris gegeben haben, um Datenbanken von „Systemfeinden“ zu erstellen. Darunter fallen unter Le Pen auch Journalisten und linke Aktivisten, die nun massenweise wegen Terrorverdachts verhaftet werden. Anfang 2018 gibt es ein Referendum, bei dem Frankreich darüber abstimmt den Franc wieder einzuführen. Gleichzeitig beginnen Gespräche, die das Ziel verfolgen, Frankreich aus der EU und der Nato zu führen. Kanzlerin Merkel, gerade frisch wiedergewählt, und Präsidentin Clinton verurteilen das hart und gehen gegen Frankreich vor.

Moment, Präsidentin Clinton? Ja! Denn NOCH spielt sich der letzte Absatz nur in dem Buch „Die Präsidentin“ ab, was deutlich vor der Präsidentschaftswahl in den USA geschrieben wurde (und die Wahl Trumps war ja, wir erinnern uns, VÖLLIG AUSGSCHLOSSEN).

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Verfasst von - 24. April 2017 in review

 

Kaliumiodid

Auf Amazon sind Jodtabletten gegen Strahlenkrankheit ausverkauft. Das ist alles, was man über den Zustand der Welt an diesem Morgen wissen muss.

 
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Verfasst von - 18. April 2017 in Ganz Kurz

 

Hühner!

Die Hühner meines Nachbarn genießen das Maximalmaß an möglicher Huhnfreiheit. Die sind die Definition von Freilaufend. Morgens frühstücken sie im Stall, dann flattern sie über den Zaun in meinen Garten und picken und staubbaden und sonnen sich da den ganzen Tag rum. Manchmal drehen sie gegen Abend noch eine Runde durchs Dorf, ehe sie zur Nachtruhe in den Stall zurückkehren.

Ist für mich alles OK, soweit. Leider werden die Hühner immer auch von einem Hahn begleitet, der auf sie aufpasst und beschützt. Das dumme Hahnenviech hat die Eigenheit sich ab 4 Uhr unter meinem Schlafzimmerfenster auzubauen und laut zu krähen. Dann wache ich auf, drehe mich zur Seite und greife mir die Ohrenstöpsel, die auf dem Nachttisch bereit liegen.

Schon ironisch: Da wohne ich an einem Ort, der so still ist, dass man beim Einschlafen das eigene Blut in den Ohren rauschen hört und komme trotzdem nicht ohne Oropax durch die Nacht. Aber immerhin ist der neue Hahn schon moderat im Krähverhalten. Sein Vorgänger legte mit der doppelten Lautstärke schon um 1 Uhr nachts los, krähte ein mal pro Minute und hörte damit vor 18 Uhr am Abend nicht mehr auf. Das Tier war total psychotisch und heiser und ist vermutlich an Erschöpfung gestorben.

Hühner sind bäh. Es gibt kaum ein Tier das dümmer ist als ein Huhn. Abgesehen davon sind sie laut, dreckig und können nichst außer picken und Eier legen. Daschte ich zumindest. Und dann las Stella Fabianos Artikel „10 faszinierende Dinge über Hennen“ und, nun, der ist faszinierend. Zumindest in Teilen. Ich wusste zumindest vorher nicht, das Hühner Gras wie Spaghetti schlürfen. Seitdem sehe ich Hühner mit etwas anderen Augen. Der Hahn sollte trotzdem in die Suppe.

 
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Verfasst von - 11. April 2017 in Gnadenloses Leben

 

Reisetagebuch Sizilien (10): Vie dei Tesori

Sonntag, 16. Oktober 2016, Palermo

Federica und Marco, die jungen Akademiker denen der B&B-Palazzo gehört, haben Frühstück hingestellt und sich dann nochmal ins Bett verzogen. Richtig so, immerhin ist Sonntag.

Und was mache ich heute mal so? Ins Bett legen und den Tag verpennen ist keine Option. Allerdings habe ich auch keinen festen Plan und laufe darum einfach mal los, die lange Prachtstraße Via Roma entlang und Richtung Bahnhof. Heute ist die Straße für Autos gesperrt und eine einzige, große Fußgängerzone. Ich bin nicht allein, gefühlt ist bereits halb Palermo auf den Füßen.

Vielleicht liegt das am Sonntag und dem schönen Wetter, vielleicht aber auch den den Vie dei Tesori – den Straßen voller Schätze oder anders übersetzt, den Schätzen am Wegesrand. Passen würde beides. Palermo hat viele Schätze, die meisten existieren im Verborgenen. Das Vie dei Tesori ist ein Festivalprogramm, dass die verborgenen und weniger verborgenen Attraktionen ins Licht rückt. Überall sehe ich Aufsteller, die auf Sehenswürdigkeiten hinweisen, und ein Heer Ehrenamtlicher Helfer organisiert und lenkt die Besucher.

Gedacht ist das Programm vor allem für die Einwohner von Palermo, damit die ihre Stadt besser kennen- und schätzen lernen. Dem kommen die auch gerne nach. Besonders die bekannteren, aber sonst nicht zugänglichen Orte sind bereits überlaufen. Vor dem Luftschutzbunker unter dem Rathaus haben sich schon lange Schlangen gebildet.
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Verfasst von - 8. April 2017 in Reisen, Wiesel

 

Arschkrampen: Das Leben ist eine Deponie

Arschkrampen! Das sind Kurt und Gürgen, alias Oliver Kalkofe und Dietmar Wischmeyer. Versifft und abgenuffelt römern die beiden den ganzen Tach inne Getrud rum, prengeln gen Wakaluba, kratzen sich den Zopp ausse Kimme oder seiern über Eilat das Arschloch, Wuggi oder Zasta Krockett, den alten Rochen. Dabei wird Ballerbrühe in den grindigen Schacht verklappt, denn ohne gewinnt Brettermeier die Oberhand.

Alles klar? Nicht? Nun. Einem guten Teil des Publikums im Deutschen Theater am Dienstag Abend ging es ebenso. Dabei warnte Kalkofe noch im Vorfeld, dass Leute mit Kulturabo, die unter dem Titel „Das Leben ist eine Deponie“ ein sozialkritisches Theaterstück erwarten, möglicherweise leicht überrascht sein würden.

Danach berichteten die beiden „Witzautoren“, wie sie gerne genannt werden (Kalkofe: „Kabarettisten sind intellektuell, aber nicht lustig, Bei Comedians ist es umgekehrt. Witzautor trifft uns am Besten“) über die Genese der versifften Kunstfiguren. Damals, 1988, musste die Sendezeit beim neuentstandenen Privatrundfunk in Niedersachsen irgendwie gefüllt werden, und die beiden konnten quasi machen was sie wollten. Denn: „Gab ja keine Mediathek, kein Internet. Du hast den Kram ausgestrahlt, und das war´s. Konnte später keiner mehr nachhören und sich dan aufregen. Das versendete sich alles“, so Wischmeyer.

Neben Anekdoten aus der Anfangszeit lasen die beiden in der ersten Stunde der Veranstaltung alte Arschkrampen-Folgen, wie die legendäre Episode Nr. 1. „In der Folge, da war alles drin: Sozialkritik. Philosophie. Existenialistische Fragen. Mehr ging nicht!“, so Wischmeyer. Aber: „Dann wurde uns der Erfolg zum Verhängnis. Wir brauchten mehr Material und hatten keine Ahnung zu was. Und dann fanden wir unser Thema: Saufen“.

Dieses Leitmotiv trage die Serie jetzt seit 30 Jahren, kokettierten die beiden. Stimmt natürlich nicht, denn „Arschkrampen“ sind immer auch feinste Beobachtungen zwischenmenschlicher Interaktion und skurrile Zirkelschlüsse, die zvilisatorische Abgründe und die Absurditäten der Existenz aufzeigen.

Nach einer Pause ging es dann weiter mit neuem Material. Wischmeyer und Kalkofe, inzwischen voll in Kostüm und in den Rollen, hockten am Tresen der Schankwirtschaft „Bei Gertrud“, kippten Bier mit Zaziki resp. Erdbeerjoghurt und redeten Unappetitliches von ihrem letzten Album, das sinnigerweise so heisst wie die Tour.

Gerade diese neuen Nummern sind zum Schreien komisch. Als ich das Album vor einem Jahr zum ersten mal hörte, war ich skeptisch – ja, meine Generation ist mit den Arschkrampen groß geworden, aber so vieles von damals funktioniert heute einfach nicht mehr. Die Arschkrampen funktionieren aber immer noch – ich habe vor Lachen am Boden gelegen, und ein alter Klassenkamerad, den ich nach 15 Jahren(!) bei der Lesung wiedergetroffen habe, ebenfalls.

Vielen Zuschauern ging aber der Spaß merklich ab, denn die Arschkrampen sind in der Wahl ihrer Worte nicht zimperlich. Das muss man schon kennen und mögen, konsensfähiges Mainstreamgefasel a la Mario Barth ist das jedenfalls nicht. Vielleicht blieben deshalb nach der Pause erstaunlich viele Plätze frei, etliche Besucher kamen nicht wieder. Und während der Vorstellung flüsterte der Student neben mir seiner Begleiterin entsetzt zu: „Hat der gerade Menschen weiblichen Geschlechts „ROCHEN“ genannt? Das ist ja un-er-träglich!“. Tja. Solche Leute müssen sich dann vielleicht doch in ihren Safe Space zurückziehen, so lange die Arschkrampen auf der Bühne rumsallern. Sonst gibt´s nachher noch Gurkenrost oder Bregenfäule, und das will ja keiner.

 
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Verfasst von - 6. April 2017 in Event

 
 
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