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Archiv des Autors: Silencer

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Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Reisetagebuch Städtetour 2018 (1): Die Lady Verona

Freitag, 09. Februar 2017
Der Wecker klingelt. Ich öffne ein Auge und schiele auf´s Display.
4:45 Uhr.
Unfair.
Aber ich habe es ja nicht anders gewollt.

Um 5:00 Uhr stehe ich auf, schiebe mir die Zahnbürste zwischen die Zähne und kleide mich an. Dann regele ich die Heizung der Wohnung runter und schalte alle Sicherungen aus. Das Wiesel hebt kurz den Kopf und guckt mich desinteressiert an, dann rollt es sich wieder zusammen und schnarcht weiter. Winterschlaf muss toll sein. Ich schultere den Reiserucksack, dann ziehe ich die Haustür ins Schloss und trete hinaus in die Kälte.

Als ich das Haus verlasse, schlage ich den Kragen der Jacke hoch und ziehe die Mütze über die Ohren. Es ist kalt. Schweinemäßig kalt, in den letzten Tagen hatten wir minus 10 Grad, und das tagsüber, nachts fielen die Temerperaturen noch viel tiefer. Jetzt sind es „nur“ minus sieben Grad. Autos, Gehwege und Bäume sind weiß übergefroren.

So geht das schon seit Wochen. Es ist alles kalt und dunkel. Ich neige nicht zu Winterdepressionen, schon gar nicht wenn ich ständig beschäftigt bin. Und in den letzten Monaten war wirklich viel zu tun. Jetzt ist mir nach Abwechselung. Statt Arbeit bitte Kultur, statt kalt und dunkel zumindest etwas Sonne und frische Luft. Was bietet sich da besseres an als eine kleine Städtereise?

Der Bus bringt mich direkt bis zum Bahnhof, und kurz darauf sitze ich im ICE nach München. Die Welt, die am Fenster vorbeizieht, ist wie erstarrt. Oder wie eingefroren. Auf den Feldern liegt Schnee, Bäume sind mit Rauhreif überzogen.

Bei Fulda wird es langsam hell, aber die blasse Wintersonne schafft es nicht durch die Wolkendecke. Das Licht bleibt fahl und die Welt farblos.

Ich dämmere ein. Müdigkeit ist ohnehin gerade mein ständiger Begleiter. In den letzten Tagen habe ich mich beim Aufstehen schon darauf gefreut wieder nach Hause zu kommen, um dann früh ins Bett gehen zu können. Eine Art von Wintermüdigkeit, so energielos wie die fahle Welt da draußen bin auch ich.

Erst kurz vor München werde ich wieder wach. Hier habe ich eine Stunde Aufenthalt. Ich wandere auf dem kalten Bahnsteig herum und versuche die Zeit rumzukriegen. Ein italienischer Markt steht in der Vorhalle und verkauft Spezialitäten aus Südtirol und dem Aostatal. Käse, Wurst, Schinken.

Eine Werbung fällt mir ins Auge. Ein Süßigkeitenhersteller wirbt mit einem muslimischen Model. Gefällt mir. In einer Zeit, in der die rechtsradikale AFD im Bundestag sitzt und Hetze gegen Muslime zur Normalität zu werden scheint, begrüße ich solche eindeutigen Zeichen. Und sei es nur von einer Süßwarenfirma.

Als der Eurocity endlich in den Bahnhof einfährt, bin ich froh. Endlich wieder sitzen und weiterdämmern. Gott, bin ich müde.

Der Eurocity über die Alpen wird mittlerweile von der ÖBB betrieben. Wie so viele Verbindungen, die die Deutsche Bahn nicht mehr wollte. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren von allem möglichen getrennt: Autozüge, Nachtzüge, Eurocities… das alles gibt es nicht mehr, zumindest nicht von der Deutschen Bahn. Damit geht auch eine besondere Kultur des Reisens verloren. Früher stieg ich in München in den Nachtzug, legte mich ins Bett, und war am kommenden Morgen südlich der Alpen. HEUTE verfrachtet einen die Deutsche Bahn in einen DB-Fernbus, der einen sitzend über den Brenner fährt und viel länger braucht. Was soll sowas?

Immerhin: Einige Strecken hat die Österreichische Bundesbahn übernommen, und darüber bin ich gerade mal wieder sehr glücklich. Der Eurocity, in den ich nun einsteige, ist zwar alt, aber gut gewartet und bequem.

Die Fahrt geht zuerst nach Rosenheim, quasi einem Vorort von München. Dann geht es über Kufstein und Insbruck in die Alpen.

Skifahrer steigen ein und aus und haben Probleme ihr Sportgerät zu bugsieren, alle naselang fällt ein Bündel Skier um oder ein Rucksack aus der Gepäckablage. Ich sitze am Fenster, höre Podcasts und schaue dabei zu, wie vor dem Fenster eine aufregend bergige Landschaft vorbeizieht.

Gegen Mittag fährt der Zug über den Brenner. Ich mag die Strecke über den Brenner ja sehr, und das ist jetzt das erste Mal, dass ich sie mit dem Zug und bei Tageslicht fahre und wirklich Zeit habe mir die Landschaft anzusehen.

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Verfasst von - 21. April 2018 in Reisen

 

Großes Blogsterben wegen EU DSGVO? Keine Angst vor Datenschutz!

Heute gleich mehrfach Dinge gelesen wie „Das Blog hier muss leider schließen, als kleiner Blogbetreiber kann die EU-Vorgaben für den Datenschutz nicht erfüllen. Bevor ich abgemahnt werde, höre ich lieber auf zu bloggen“. Da schwingt immer ein „Danke, EU!“ mit, was an ätzender Bitterkeit einem „Danke, Merkel!“ gleichkommt. Dabei gibt´s in der Datenschutzgrundverordnung wenig neues, bislang wurden die Regeln nur vielerorts ignoriert.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass die Europäische Datenschutzgrundverordnung (EU DSGVO), die am 25. Mai in Kraft tritt, jetzt von einigen genutzt wird um halb verwaiste Blogs zu schließen, die schon länger vor sich hinmodern und konsequenterweise schon vor einiger Zeit hätten dichtgemacht werden sollen. Da sollte man aber auch so ehrlich sein sich einzugestehen, dass man keinen Bock mehr auf´s bloggen hat, oder keine Zeit, oder sonstwas. Das ist überhaupt nicht verwerflich.

Verwerflich ist dagegen die Panikmache. Dabei braucht vor der EU DSGVO kein Blogger Angst zu haben.

Ich sag´s mal ganz klar:

  1. Datenschutz ist was Gutes.
  2. Don´t Panic! Kein Blogger muss Angst vor der Europäischen Datenschutzgrundverordnung haben.
  3. Wer vorgibt, wegen der DSGVO mit dem Bloggen aufzuhören, lügt in den meisten Fällen anderen (und vielleicht sogar sich selbst) in die Tasche.

Gerade nicht-kommerzielle Blogs haben wenig Schmerzen mit der DSGVO. Versucht man allerdings durch bloggen Kohle zu erwirtschaften, steigt der Aufwand. Immer noch nicht ins Unermessliche, aber signifikant. Das ist aber auch so gewollt: Die EU DSGVO möchte nichts anderes, als das man sich Gedanken darüber macht, wie man mit möglichst wenig Daten anderer Leute möglichst bewusst und sorgfältig umgehen kann. Sie möchte, dass man sich Gedanken macht, welche Daten erhoben werden und wozu, und wo die liegen und wie lange. Und sie möchte ins Bewusstsein rücken, dass es nicht OK ist, Nutzer heimlich zu tracken, zu profilen und ihre Daten weiter zu geben oder für sonstwas zu gebrauchen.

Ich bin kein Jurist, habe aber beruflich mit der EU DSGVO zu tun. Von daher weiß ich ziemlich genau von was ich rede, dennoch ist das hier natürlich weder eine Rechtsberatung, noch übernehme ich hier Garantien für Vollständigkeit, Aktualität oder Korrektheit der Angaben oder hafte für irgendwas, auch nicht für verletzte Gefühle. Ich gebe nur mal einen groben Überblick.

Wer sich tiefer über die EU DSGVO informieren möchte, findet viele Quellen dazu im Netz. Für den Einstieg gut und informativ ist z.B. fitfuerjournalismus.de und Datenschmutz, angenehm unaufgeregt informiert auch Binary-Butterfly.

Aber Achtung: Je mehr man dort liest, desto mehr Angst bekommt man wieder vor allen möglichen Verstoßszenarien. Deshalb hier nur mal ganz grobe Informationen, was man als kleiner Blogger, ggf. auf einer Plattform, tun sollte um dem Gedanken der EU DSGVO zu entsprechen.

Sagen wir es alle gemeinsam: Datenschutz ist was Gutes!

Wer mal weniger über Abmahn-Horrorszenarien liest und viel mehr die EU DSGVO direkt, der ist vielleicht etwas beruhigter. Denn:

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Verfasst von - 18. April 2018 in Meta

 

Teaser

Frühere Meisterwerke der Videokunst

 
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Verfasst von - 17. April 2018 in Reisen, Trailer

 

Impressionen eines Wochenendes (18): Einfach weggepustet

Ein kleiner Ausflug am Wochenende führte mich in meinen Heimatort. Der liegt im Leinetal, Luftlinie rund 30 Kilometer vom Nordwestlichen Harzrand entfernt. Wenn man von oben auf Deutschland guckt, liegt das Leinetal ziemlich genau in der Mitte und ist damit von allen spannenden Orten maximal weit entfernt. Ein bergiges Gebiet mit vielen Feldern, Wiesen und Wäldern, dass man, wenn überhaupt, nur vom durch- oder dran vorbeifahren kennt.

Mit der letzten Bergkuppe vor dem Tal stimmt irgendwas nicht. Ich kenne die typischen Silhouetten des Leinetals mein ganzes Leben lang. An den Berghängen sind Felder, oben drauf dichter Wald. Also, WIRKLICH dichter Wald. Nicht sowas wie das hier, das aussieht wie Zahnbürste von Oppa.

Ich fahre näher ran, stoppte die V-Strom auf einem Feldweg und kAnn kaum glauben, wie es hier aussieht. Vom Wald ist an dieser Stelle praktisch gar nichts übrig. Es sieht aus wie nach einem Krieg. Die Erde ist aufgewühlt, Wurzelballen umgekippter Bäume ragen in der Luft, Baumreste stehen schief in der Mark.

Erinnert sich noch wer an Friederike? Das war der Sturm, der am 18. Januar 2018 über Deutschland hinwegzog. Die Bahn machte damals komplett dicht, weshalb später vor allem aus Teilen Süddeutschlands heftige Kritik kam. Nach dem Motto „Soll´n das, bei uns war schönes Wetter, kann doch nicht so schlimm gewesen sein!“ Tja, hm.

Die Aufräumarbeiten sind schon beeindruckend weit, dutzende Baumstämme liegen abholbereit am Forstweg. Die Kerben im Holz zeigen, dass das keine Handarbeit war, sondern automatische Harvester am Werke waren, vermutlich ein ganzes Heer. Hauptsache weg mit dem Holz, bevor sich darin Schädlinge einnisten.

Später erfahre ich von einem Forstwirt, das allein in diesem Flurstück so viel Holz gefallen ist, wie man sonst in 5 Jahren schlagen würde: Über 100.000 Kubikmeter. Von überall her wurden Harvester rangekarrt, um der Holzmenge Herr zu werden. Fast rund um die Uhr karren LKW die Baumstämme auf Züge zu den kleinen Bahnhöfen im Leinetal, die das Holz zur Verarbeitung nach Süddeutschland und Polen bringen. Die Holzpreise sind im Keller, aber für die Forsteigentümer lohnt sich das Ganze trotzdem. Sie bekommen vom Land Förderung und Beihilfen für die Beseitigung der Schäden, außerdem Ausfallsgeld und Entschädigungen. Eher ein Grund zum Frohlocken als zur Sorge.

Dennoch, die Zerstörung, die Friederike hier angerichtet hat, ist enorm. In Anbetracht der Tatsache, dass die ICE-Trasse und die Nord-Süd-Achse des Bahnverkehrs nur zwei Kilometer von hier entlang laufen und nicht klar war, ob der Sturm am Harzrand nach Osten weitergeht oder nach Süden abdreht, war die Sperrung des Bahnverkehrs während Friederike absolut richtig, ganz egal ob in Teilen Bayerns zeitweise die Sonne schien oder nicht.

 
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Verfasst von - 17. April 2018 in Ganz Kurz

 

Scheibenkleister: Powerbronze Adventure an V-Strom 650

Machen wir uns nichts vor, einen Schönheitspreis wird die erste Ausgabe der V-Strom 650 nie bekommen. Ist aber auch egal, die kleine Reisetourerin hat ganz andere, hervorragende Qualitäten. Oder anders rum: Sie hat funktional praktisch kaum eine Schwäche. Für mich sogar genau nur eine, und das ist die Scheibe. Im Auslieferungszustand ist die so mittelhoch und ziemlich problematisch, denn dahinter bilden sich Luftwirbel, die dem Fahrer genau auf den Helm ballern. Keine Ahnung wie sowas passieren kann, es wirkt, als hätten die Konstrukteure die Kiste nie in einem Windkanal getestet. ODER sie haben Testfahrer da drauf gehabt, die gerade mal einen Meter groß waren.

Wie auch immer, die Standardscheibe ist großer Mist und der Abstand Fahrzeugfront/Fahrer so seltsam, dass man die Luftwirbel nie ganz loswerden wird. Es gibt nun zwei Möglichkeiten das in den Griff zu bekommen:

1. Anderer Neigungswinkel der Scheibe.
2. Andere Scheibe montieren.

Um den Winkel zu verändern baut Ingenieur Mark Stadnyk verstellbare Halterungen. Die sind gut und bringen was. Bei mir ist es allerdings so, dass der Winkel der Standardscheibe so flach sein muss, dass es nicht mehr praktikabel ist.

Bei den Scheiben gibt es nun zwei Geschmacksrichtungen. Man kann den Anspruch verfolgen möglichst wind- und wettergeschützt zu sitzen, dann wird man eine hohe Scheibe mit einem Spoiler verwenden. Sowas wie das hier:

Die „Airflow“-Scheibe von Givi ist hier Maß der Dinge. Der Vorteil ist klar: Wetterschutz par Excellence. Die Nachteile: Das Mopped sieht aus wie eine rollende Schrankwand, man hat die Scheibenkante und das Spoilergedöns im Sichtfeld, und auch bei heißem Wetter bekommt man keinen Fahrtwind mehr ab. Damit funktioniert auch die Helmlüftung nicht mehr.

Ich komme eher aus der anderen Richtung. Die ZZR ist eine Sporttourerin, die kann gar keinen Wetterschutz bieten. Die Scheibe dient bei der dazu, die Luft über die Schultern des Fahrers zu lenken. Damit sind Brust und Arme vom Winddruck entlastet, und idealerweise liegt der Helm ohne Verwirbelungen im Windstrom und wird gut belüftet. Der Nachteil ist natürlich: Wetterschutz gibt´s nicht, Regen, Nebel und alles andere geht direkt auf den Helm.

Um so ein Sporttourverhalten bei der V-Strom hinzubekommen gibt es nicht viele Möglichkeiten. Ganz mutige setzen den Dremel an und kürzen ihre Originalscheibe, was natürlich verboten ist. Aber Not macht halt erfinderisch. Von Suzuki gab es nur mal für ganz kurze Zeit eine dunkle Sportscheibe her, die signifikant kürzer war, die aber schon lange nicht mehr verkauft wird.

Sportscheibe vs. Standardscheibe.

Die ist nicht schlecht, leider aber nicht kurz genug und dazu recht schmal: Bei Touren bekommen meine Schultern Windwirbel ab. Das nervt auf Dauer, weshalb ich die erste größere Tour im vergangenen Jahr doch mit der Standardscheibe gefahren bin.

Hellhörig wurde ich, als ein geneigter Leser mich auf die Adventurescheibe der englischen Firma Powerbronze hinwies. Die hat die Breite der Orginalscheibe, ist aber kürzer als die Sportscheibe.

Links die Standardscheibe, Mitte die Powerbronze Adventure, rechts die Suzuki Sportscheibe.

Montiert sieht das Ganze so aus:

Meine Scheibe ist dunkel getönt, es gibt sie aber in über 20 Farben von gelb bis eis blau.

Die Bestellung erfolgt über die Webseite des deutschen Importeurs, dann heißt es warten – die Scheibe wird extra gefertigt. Je nachdem ob die Auftragsübermittlung zeitnah geklappt hat und der Importeur die Ware auch gleich weiterschickt, kommt nach 4 Wochen (Zeit lt. Website) und 12 Wochen (in meinem Fall) eine Scheibe ins Haus. Der liegt ein Kantenschutz und ein Aufkleber mit einer KBA-Nummer bei, der angebracht werden muss. Das entsprechende TÜV-Gutachten dazu kann man sich auf der Website von Powerbronze runterladen und muss es ausgedruckt mitführen.

Die Passform der Scheibe ist so làlà – die Bohrungen sind leicht versetzt. Man bekommt sie fest, aber Hochpräzision sieht anders aus. Was auffällt: Die „Adventure“ ist wirklich der Minirock unter den Scheiben. Sie ist schon fast albern kurz, ein paar Zentimeter mehr hätte nicht geschadet. Weil sie so kurz ist, verträgt sie sich auch mit dem Madstad-Halter nicht hundertprozentig: Der guckt nämlich oben raus.

Nichtsdestotrotz ist das Fahren mit der Scheibe angenehm. Keine Verwirbelungen, die an den Schultern zuppeln, und kein Geballer am Helm. Allenfalls noch leichtes Rauschen und Flappern, aber damit kann ich leben. Vermutlich. Ein wenig Arbeit an den Einstellungsmöglichkeiten mit Höhe und Neigungswinkel wird noch zu tun sein, aber in der Summe ist die Adventure die Scheibe, die meinen Vorstellungen bislang am Nächsten kommt.

 
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Verfasst von - 16. April 2018 in Motorrad

 

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Reisetagebuch London (11): Goldbarren, Custard und das Rennen nach Hause

Die kleine Reise nach London ist fast vorbei. Heute gibt es nur noch einen Geburtstagsapfelkuchen, ich hantiere mit Goldbarren rum, laufe 30 Kilometer durch die Stadt und mache mich dann auf den Weg nach Hause – was sich aber unerwartet schwierig gestaltet und in ein Abenteuer mit einer Wanderdüne ausartet.

Samstag, 11. Februar 2017
Der Tag beginnt frustig – es ist Wochenende, und Transport for London, die Behörde, die für Busse und U-Bahn zuständig ist, hat die wichtige „Circle Line“ der U-Bahn für Wartungsarbeiten stillgelegt. Statt 10 Minuten brauche ich fast eine Stunde, bis ich endlich bei Speedys bin.

Wer Besitzer Chris kennt, weiß, dass Speedy sein Spitzname ist – und pure Ironie. Denn Chris ist vieles, der Schnellste ist er aber nicht. Er nimmt sich gerne viel Zeit, und hat mir schon mal die Vorzüge von langsam gebrauten Café auseinandergesetzt und für diese Erklärung gute drei Minuten gebraucht – länger als besagter Kaffee. Rasend schnell sind aber seine Angestellten, die einem in Rekordzeit Frühstück zaubern.

Heute gibt es den „Full Monty“, ein komplettes Frühstück inkl. „Black Pudding“, gebratenem Kartoffelpüree, Bohnen, Speck, Ei und einer sorgfältig getöteten Tomate, die als Alibi für Gemüse herhalten muss.

Black Pudding ist wohl sowas wie gebratene Blutwurst. Kannte ich beides nicht, weder den Schwarzen Pudding noch Blutwurst, deshalb musste ich das jetzt mal probieren, weil ich mich schon beim Gedanken an eingekochtes Blut ekele. Aber warum reist man? Um neue Dinge kennen zu lernen und sich Sachen zu stellen, die man normalerweise nicht machen würden. Um sich zu überwinden. Erstaunlicherweise schmeckt der Blutpudding dann aber nicht so schlimm wie erwartet. Nochmal brauche ich das aber auch nicht.

Danach gibt es noch einen Geburtstagsapfelkuchen mit Custard, und weil ich diesmal um die Gefährlichkeit der klebrigen Vanillepuddingsauce weiß, halte ich sie weit von meinem Telefon entfernt.

…to me!

Danach laufe ich durch südlich gelegene das Univiertel und bewundere mit mildem Interesse die alten Bauwerke.


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Verfasst von - 14. April 2018 in Reisen

 

137

Die Zahl 137 verfolgt mich schon mein ganzes Leben. Sie taucht immer wieder auf, mal als Personalnummer im Job, mal auf groß auf Paketen, mal versteckt in Werbeanzeigen und Texten. Was mich schon früh zu dem Schluß führte: Douglas Adams irrte. Nicht 42 ist die Antwort auf das Leben, das Universum un den ganzen Rest. Es ist die 137.

Heise Online bestätigt nun diesen Verdacht. In einem launigen Artikel über die „Aufmüpfige 137“ beschreibt der Autor, wie ein Mathematikprofessor von der 137 träumt, die auf die Metaphysik aller Zahlen hinweist. „When the world goes pop, we shall go pop too“ – Wenn die Welt untergeht, verschwinden auch die Zahlen.

Tatsächlich berechnete später der Astrophysiker Sir Arthur Eddington, dass die 137 der Kehrwert der Sommerfeldschen Feinstrukturkonstante ist. Oder anders ausgedrückt: „Basierend auf der Sommerfeldschen Feinstrukturkonstante, kam Eddington zum Schluss, dass 137 die Zahl ist, die das Universum zusammenhält.“

Aha. Nun, das erklärt einiges. Wenn mich die 137 dauernd stalked, erklärt das zumindest den gelegentlichen Ausfall der natürlichen Entropie, weshalb mir ständig Dinge passieren, die eigentlich extrem unwahrscheinlich sind. Aber warum hat die Metaphysik ausgerechnet an mir solchen Spaß? Bin ich ein Endzeitapostel? Oder wird die Welt einfach enden, wenn ich ende? Zumindest letzteres werde ich nie erfahren.

 
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Verfasst von - 12. April 2018 in Ganz Kurz

 

Augenmysterium

„P… D… 2… K… 6… 8…“
„OK, können sie die dritte Reihe auch lesen?“
„M… … D… … Äh…. Hm… Also… Das nächste könnte eine 5 sein.“
„So besser oder so?“

Ich bin ja normalerweise nicht gut in diesen „So-besser-oder-so“-Dingen. Ich bin dann immer der, der fragt „Kann ich das erste nochmal sehen?“ Aber hier, beim Optiker des Vertrauens, da läuft´s. Ich bin nach drei Jahren mal wieder hier, weil sich die Augen gelegentlich müde anfühlen, und wenn ich was in der Ferne lesen möchte, schiebe ich manchmal die Brille hoch oder merke, wie ich die Augen zusammenkneife. Das sind so die ersten Anzeichen, dass man mal wieder die Sehschärfe kontrollieren lassen sollte.

Also ab zum Optiker. Der fährt ein Prüfgestell mit Testlinsen vor´s Gesicht, darin stellt er meine aktuellen Brillenwerte ein, dann muss ich auf eine Tafel mit kleiner werdenden Buchstaben und Ziffern gucken. Der Optiker macht dann Stück für Stück Einstellungen am Messapparat, und ich muss immer sagen, ob ich damit jetzt besser oder schlechter gucken kann.

„Ist der Kreis auf dem roten Untergrund schärfer und kontrastreicher oder auf dem grünen?“
„Rot.“
„Und jetzt?“
„Grün.“
„Und jetzt?“
„Beide gleich“
„Und noch mal die dritte Reihe. Die vierte muss nicht, aber die dritte sollten Sie lesen können.“

Beim Optiker bin ich ohnehin alle paar Jahre. Die nehmen sich nämlich mehr Zeit für Sehtests als Augenärzte. Von Ärzten lasse ich nur den Augenhintergrund checken, ein Mal im Jahr. Das ist bei mir auch notwendig, denn mit 11 Dioptrien Fehlsichtigkeit ist mein Augapfel so verkrümmt, dass die Netzhaut reissen kann. Deshalb: Regelmäßige Checks. Immerhin lassen sich meine seltsamen Augen noch korrigieren. Mit einer gut eingemessenen Brille erreiche ich eine Sehschärfe von 120 Prozent. Normalerweise ist man froh, wenn man Sehfehler wie meine auf 80 Prozent korrigieren kann.

Nach einer halben Stunde „So-oder-so-besser“ sagt der Optiker „So, jetzt haben wir die Ergebnisse. Das linke Auge ist um eine ganze Dioptrie schlechter geworden, das rechte fast genauso viel“.

„WAS?!“, entfährt es mir, „Das kann doch nicht sein! Ich merke, wenn meine Augen signifikant schlechter werden! Hätte ich eine Dioptrie zu wenig, wären das 40 Prozent Sehschärfe, damit würde ich doch gar nichts mehr erkennen können! Das kann nicht stimmen“. „Ist aber so“, sagt der Optiker bedauernd. Ich runzele die Stirn.

Ich schwenke die Messapparatur mit den Prüflinsen von meinem Gesicht weg und setze meine alte Brille auf. Die, die angeblich jetzt eine Dioptrie zu schwach ist. Dann schaue ich beiläufig auf die Wand mit der Buchstabiertafel.

„K-D-P-F-6-7-4-5-Z“, lese ich flüssig und ohne ein Stocken vor. „Das war jetzt aber nicht die dritte Reihe“, sagt der Optiker verwundert. „Nee, das war die vierte“, sage ich.

Jetzt runzeln wir beide die Stirn. Mit einer Dioptrie zu wenig durfte ich nicht mal erkennen das überhaupt Buchstaben an der Wand sind. In der Messapparatur haben meine Augen schlechtere Werte als mit der Brille? Das ist uns beiden noch nicht untergekommen.

Ein Mysterium.
Der Termin bleibt ohne Ergebnis. Stattdessen machen wir einen neuen. Andere Tageszeit, woher soll ich die Augen entspannen.
Mal sehen, was dann rauskommt.

 
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Verfasst von - 10. April 2018 in Ganz Kurz

 

Spannung!! Vom Abenteuer, Karten für Harry Potter 8 zu buchen

Soll ich die jetzt nehmen oder nicht? Ich merke, dass ich vor Nervosität zittere. Zwei Schritte zurück. Einer vor. Wieder das gleiche Ergebnis. Verdammt.

Kaum jemand kennt alle Teile der „Harry Potter“-Geschichte. „Moment“, werden jetzt viele sagen, „ich habe alle sieben Bücher gelesen und alle 8 Filme gesehen!“ Tja, mag sein, aber es gibt ACHT Bücher, und das letzte ist nicht verfilmt worden.

Das Siebte endet kurz nach dem Sieg über Voldemort, in der letzten Szene verabschieden Harry und Ginny Potter ihr Kind am Bahnsteig nach Hogwarts. Das achte Buch spielt 19 Jahre später. „Harry Potter and the Cursed Child“ ist allerdings kein Roman und kein Film. Es ist ein Drehbuch für ein Theaterstück, und das lief bis vor Kurzem nur an einem Ort auf der Welt: Dem Palace Theatre in London.

Man denke in diesem Zusammenhang an einen neuen Star Wars-Film, der nur in einem Kino auf der Welt läuft. Das gibt eine kleine Vorstellung davon, wie gewaltig der Andrang auf die Karten ist. Mittlerweile läuft die Produktion zwar auch in New York und Melbourne, aber dennoch ist die Nachfrage riesig. Erschwerend kommt hinzu: Die Geschichte ist so episch, dass ein Theaterbesuch nicht reicht, um sie zu in Gänze erleben. Man muss tatsächlich zwei Vorstellungen besuchen, jede gut 150 Minuten lang, um alles zu sehen. Fast 6 Stunden braucht es, um „The Cursed Child Part I & II“ zu sehen.

Das Palace Theatre veröffentlicht alle drei Monate Karten für die Vorstellungen in einem Jahr, zu beziehen nur Online und in Minuten ausverkauft. Heute war es wieder soweit, es gab Karten für den Zeitraum Februar bis April 2019. Der Buchungsvorgang war… eine interessante Erfahrung.

Die Harry-Potter-Produktion arbeitet mit zwei Ticketvertrieben zusammen, die beide unter dem Webauftritt http://www.harrypottertheplay.com arbeiten, aber leicht unterschiedliche Buchungseiten haben. Die ATG-Seite ist etwas übersichtlicher, auf der Seite von Nimax hat man dafür mehr Optionen.

Wer Tickets haben möchte, abonniert am besten den Newsletter auf der Website, dann wird man rechtzeitig informiert wann der Verkauf startet. An einem Tag X geht es dann um 11:00 Uhr los, um eine Chance zu haben muss man 30 Minuten vorher auf der Seite sein. Dort betritt man einen virtuellen Warteraum, während ein Timer runtertickert.

Kommt er bei Null an, geht es los: Alle Wartenden bekommen eine Nummer, die willkürlich zugelost wird. Die Nummer gibt die Position in der Warteschlange an. Ich muss zugeben: Ich bin nervös. Ich bin allerdings auch derjenige, der bei Ebay-Auktionen drei Sekunden vor Schluss vor Adrenalin kaum aus den Augen gucken kann. Werde ich dieses Mal Karten bekommen? Falls nein, werde ich ein Jahr warten müssen bis zum nächsten Versuch.

Das Buchungssystem läuft stabil, die Seite ist erreichbar und reagiert flüssig. Das ist bei so vielen, gleichzeitigen Aufrufen auch schon eine Kunst für sich. Ich bin in zwei Browsern eingeloggt. Während meine eine Identität Platz 90.489 bekommt, hat die andere Glück: Platz 175. Man sieht übrigens jederzeit wie viele Personen vor einem sind, und wie lange es ungefähr dauert, bis man dran ist.

Kommt man in die Buchungseite, hat man bei Nimax 5 Minuten, bei ATG 15 Minuten Zeit. Nun gilt es zunächst auszuwählen: Möchte man beide Teile an einem Tag oder an aufeinanderfolgenden Tagen sehen? Oder doch nur ein Ticket für einen Teil? Dann muss das Datum gewählt werden. Auf der ATG-Seite sucht man sich jetzt eine Preiskategorie aus, dann bekommt man vom System die besten Plätze zugewiesen – oder das, was der Computer dafür hält.

Auf der Nimax-Seite kann man sich zumindest aussuchen, ob man im Parkett oder auf einem der Balkone sitzen möchte, aber auch hier ist dann der Platz vom Buchungssystem vorausgewählt. Man bekommt übrigens in beiden Vorstellungen denselben Platz. Ist der also mies, ärgert man sich gleich zwei Mal darüber.

Klick-Klick-Klick
, ich möchte beide Teile an einem Tag, im Februar 2019… „Superplätze in I19“, meldet die Website. Ja, nee, glaub ich nicht.

Ich habe nämlich nebenbei die Website „Seatplan“ offen. Die kann ich uneingeschränkt empfehlen, die ist für London eines meiner wichtigsten Planungsinstrumente. Auf Seatplan.com sind von fast allen Londoner Locations die Sitzpläne abrufbar. Aber nicht nur das: Nutzer der Seite können Rezensionen und Bilder zu jedem einzelnen Platz posten. Im Besten Fall kann man auf Seatplan also genau sehen, wie der Blick auf die Bühne ist.

„I19“ liegt im „Dress Circle“, dem ersten Balkon. Recht weit weg von der Bühne, und oben drüber wölbt sich schon der nächste Balkon, der Grand Circle. Das Bild ist von seatplan.com:

„Ist nicht so toll“, schreiben die Rezensionen. „Lieber einen Platz weiter unten nehmen“. Und: „Platz war für mich OK, aber ich habe auch nur 10 Pfund für die Karte bezahlt. Gepriesen sei Last Minute, hehe“, schreibt einer. Nun, billig sind die Tickets im regulären Verkauf mal nicht. Die Preislage, in der der Computer mir gerade Plätze sucht, liegt bei 70 Pfund. Für Londoner Verhältnisse ist das günstig, aber dazu kommen noch 5 Euro Gebühren, und man braucht halt zwei Tickets, und schon ist man bei 150 Pfund, was aktuell 170 Euro sind. Dafür kann man 10 mal ins Kino gehen.

Ich gehe nochmal zwei Schritte zurück und wähle nochmal, aber wieder bietet mir der Computer nur I19 an. Oder einen Platz im Parkett, aber da ist die Gefahr groß, dass ein großer Mensch vor mir sitzt und ich 6 Stunden lang einen Hinterkopf begutachten kann. Nein, wenn, dann Balkon. Aber so meilenweit von der Bühne entfernt?
Der Timer tickert langsam runter, ich muss mich entscheiden…

Kurz darauf habe ich tatsächlich die I19-Tickets für HP8. An meinem Wunschdatum. Aber halt auf einem nicht optimalen Platz. Aber hey, es geht noch schlimmer, Seatplan hat auch Bilder vom „Balcony“. In dessen letzter Reihe muss man schwindelfrei, man guckt gefühlt senkrecht und aus großer Höhe auf einen kleinen Ausschnitt der Bühne. DAS sind schlechte Plätze.

Bild: Seatplan.com

Wie ein befriedigender Kauf fühlt sich das trotzdem nicht an. Aber ein nicht-ganz-so-doller Platz besser ist als keiner, oder?

Wrong. Später am Tag kam die Erkenntnis: Ich fahre nicht nur, aber auch wegen dieses Stücks nach London. Dann sollte das Erlebnis besser ein Gutes sein.
Am Abend, als der Ansturm auf die Website vorbei ist und das Buchungssystem wieder ohne Warteschlange arbeitet, klicke ich mich nochmal durch den Bestellprozess.

Aha, jetzt sind bei Nimax auch die besonders guten Karten auswählbar! Das Preisband „Premium“ enthält die Karten, die man WIKRLICH will. Gute Sicht auf die Bühne, praktisch nicht verbaubar. Und tatsächlich noch für mein Wunschdatum erhältlich!

Schnell klicke ich mir die und fühle kurzzeitig den Endorphinrausch. Der endet, als die Bezahlung mittendrin scheitert, weil meine Kreditkarte mit einer App authorisiert werden möchte, die ich gerade nicht auf dem Handy habe.

Ich bin kurz am Boden zerstört, aber nicht lange, denn tatsächlich hatte ich das verkehrte Datum ausgewählt. An meinem Wunschdatum gibt es keine Premiumkarten. Aber eine Woche vorher…

Lange Rede, kurzer Sinn: JETZT habe ich nicht nur irgendwelche Karten, sondern sogar richtig gute. Leider nicht an meinem Wunschdatum, aber dicht dran. Und dieser Blick auf die Bühne ist es wert, das Datum der Reise zu verschieben:

Bild: Seatplan.com

Puh, spannender Tag. An dessem Ende steht nun fest: Ich fahre im Februar 2019 wieder mal nach London. Und ich werden den achten Teil von Harry Potter sehen.

Auch wenn ich gerade viel Geld ausgegeben habe: Ich freu mich! Jetzt muss ich mich nur noch darum kümmern, dass ich die zuerst geklickten I19-Karten erstattet bekomme. Denn in Summe 350 Pfund wäre selbst für das tollste Theaterstück der Welt zu viel…

 
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Verfasst von - 9. April 2018 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch London (10): Im Wohnzimmer der Windsors

Im Februar 2017 sind Silencer und das Wiesel in London unterwegs. Heute machen die beiden einen Ausflug nach Außerhalb.

Freitag, 10. Februar 2017
Nach einem schnellen Frühstück, dass die fleissigen Polinnen im Keller des Belvedere gezaubert haben, stehe ich um kurz vor Acht am Bahnsteig 3 vom Bahnhof Paddington.

Ein Zug der „First Grand Union“ rollt ein. Der Name ist irritierend, denn auch auf jeder Tür an den Wagen steht er mal dick „FIRST“ – was es schwer macht zu sehen, ob es sich jetzt um ein First-Class-Wagen oder um die zweite Klasse handelt. Das sich Bahngesellschaften heutzutage überhaupt noch die erste Klasse leisten und damit den Luxus, mehrere Wagen praktisch leer durch die Welt fahren zu lassen, will mir ohnehin nicht in den Kopf. Und in England schon mal gar nicht, denn hier sind die Ticketpreise ohnehin irre teuer. Auch das sind Folgen der Privatisierung: Teure Tickets, trotzdem kaputtes Bahnnetz.

Der Zug bringt mich ins 15 Minuten entfernte Slough.

Hier muss ich umsteigen, und nach weiteren 10 Minuten bin ich in der Grafschaft Berkshire, im Ort Windsor.

Der Bahnhof liegt in einer beeindruckenden, weil viktorianischen, Shoppingmall. Schon seltsam,in der schmiedeeisernen Konstruktion moderne Geschäfte zu sehen.

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Verfasst von - 7. April 2018 in Reisen

 

Frühling! Saisonstart!

Höret und preiset das Frühlingswiesel! Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist! Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison! Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht! Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Das Wiesel ist ja ohnehin ein faules Viech, aber in diesem Jahr war es besonders schlimm. Längerer Winterschlaf als sonst, dann hat es Ewigkeiten im Badezimmer verbracht, schließlich musste es noch ein Nickerchen machen… aber nun ist es soweit, jetzt macht das Frühlingswiesel den Frühling!

Am heutigen Nachmittag zumindest mal die V-Strom ausgewintert. War erstaunlich unspektakulär. Statt elendigem Rumgeorgel, Chokegeziehe, Gasspielen, Rumhusten und irgendwann leistungslosem Anspringen (wie bei Vergasermoppeds üblich) einfach nur: Batterie eingesetzt, auf den Starter gedrückt, läuft.
Sollen das? Was mache ich denn jetzt mit dem angebrochenenen Nachmittag? Ach, einfach mal draufsetzen und losfahren. Die ersten 50 Kilometer. Ganz vorsichtig, trotzdem Heidenspaß gehabt.

Die Strom ist ja im Herbst aus der Inspektion gekommen und direkt ins Winterlager gegangen. Jetzt mit einem perfekt gewarteten Mopped in die Saison starten zu können ist einfach nur schön. Und die Barocca läuft auf den neuen Reifen, mit der neuen Kette, mit gemachten Bremsen und allen Verschleißteilen ausgetauscht wie eine Göttin.

Das ist auch gut so, denn eine weite Reise steht an. Hoffentlich komme ich dieses Jahr weiter als nur bis zum ersten Tankstopp.

Noch ein ernsthaftes Wort: Nach einem halben Jahr Pause muss man sich erst wieder an die völlig andere Fahrphysik und Handling gewöhnen.

Für Moppedfahrer heißt das: Sich langsam und vorsichtig rantasten und wieder eingewöhnen, nicht gleich wie geisteskrank am Hahn reissen und Augen auf die Straße, die Dosenfahrer leiden an Aufmerksamkeitsdefizit.

Für Autofahrer heißt das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen – die Schergen sind zum Teil noch so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man doppelt aufpassen muss. Achja, und blinken, blinken ist auch gut. Das gilt für alle.

 
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Verfasst von - 6. April 2018 in Motorrad, Wiesel

 

Reisetagebuch London (9): Der traurigste Teddy der Welt

„…seit 64 Jahren ist er ganz allein. Der Bär sitzt einsam in einer Glasvitrine, weil er einmal einem Genie gehörte. Ob er seinen menschlichen Begleiter vermisst? Natürlich nicht, er ist nur ein Stück Stoff und Holzwolle. Und trotzdem spüre ich wie mir jetzt, beim Aufschreiben seiner Geschichte, Tränen in die Augen steigen. Ich habe eine Schwäche für Teddybären, die beste Freunde für ihre menschlichen Begleiter waren.“

Unterwegs in London und Umgebung. Heute gibt es einen Ausflug nach Bletchley Park, ich bin erstaunt über die Rolle der Frauen und am Ende des Tages wird die Frage beantwortet: What could possibly go wrong? (Spoiler: Fucking everything)

Mittwoch, 8. Februar 2017

Was Engländer gut können: Schlange stehen. Wirklich, niemand beherrscht das so wie die. Es gibt meistens eine Schlange vor mehreren Kassen, und wenn eine Kasse frei wird, geht der erste in der Schlange da hin.

Sowas versucht in Deutschland zum Beispiel auch Saturn, scheitert aber zumindest in unserer lokalen Filiale daran, dass ausgerechnet das Personal das System nicht kapiert – sobald niemand an ihrer Kasse ansteht, drehen sich die Kassiererinnen weg, spielen an ihren Handys rum oder verstecken sich im Personalbereich. Kein Witz.

In Deutschland haben wir ja meist mehrere Kassen mit jeweils eigenen Schlangen. Wird eine zusätzliche Kasse geöffnet, dann setzt in Deutschland eine Stampede ein: Von allen anderen Kassen stürzen Leute nach vorne, für kurze Zeit herrscht das Recht der Stärkeren und Schnelleren, Hauen und Stechen, und wenn sich der Staub gelegt hat, triumphieren die Sieger über die Besiegten, dann müssen die Alten und Schwachen ihren Platz in der Rudelordnung anerkennen.

Nicht so in England, hier gehen ganz selbstverständlich die, die an den anderen Kassen weit vorne standen, auch als erstes an die neue Kasse, ohne Diskussion und ohne Kampf.

Was Engländer nicht können: Geradeaus laufen. Das scheitert in London schon daran, dass eigentlich auch Fußgänger sich an den Linksverkehr halten müssen, die Regel aber in sich aufgeweicht ist (auf der Rolltreppe wird recht gestanden und links überholt, wie bei uns) und dazu die rechtsorientierten Touris alles durcheinanderbringen.

Ich verdrehe die Augen, als vor mir eine die Rolltreppe zum Bahnhof entlangstolpert. Kurz darauf sitze ich in einem Zug nach Norden. Ich mache ja gerne Tagesausflüge in die Umgebung wenn ich auf Städtreisen bin.

Von Rom aus ist man mit dem Zug schnell in Neapel, von London aus ist man fix in Stonehenge oder… Bletchley Park. Muss man nicht kennen, ist aber ein sehr bedeutender Ort in der kleinen Stadt Milton Keynes, rund 70 Kilometer nordwestlich von London. Auf dem Weg dahin kommt man durch Watford Junction, wo ich im vergangenen Jahr die Leavsden Studios besucht habe.


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Verfasst von - 31. März 2018 in Reisen

 

Momentaufnahme: März 2018

Herr Silencer im März 2018

Herr Silencer hatte mangels Frühling in diesem Monat viel Zeit um Filme zu schauen, was die monatliche „Sehen“-Liste etwas länger macht. Zu viel Text, aber immerhin sind die Kurzkritiken (verdientermaßen) krawallig.

Wort des Monats: „Omaschaf“

Wetter: Zu Monatsbeginn klirrend kalt, nachts -14, tagsüber -8 Grad. Dazu ist es windig, was die Sache nicht besser macht. In der zweiten Woche wird es wärmer und riecht ein wenig nach Frühling. Am zweiten Märzwärzwochenende hat es dann plötzlich 20 Grad und Sonnenschein, aber nur einen Tag lang. Es folgen: einstellige Temperaturen und Regen, dann kommt der Winter mit -8 Grad und Schnee zurück. In der letzten Märzwoche arbeitet sich das Wetter wieder auf das Niveau eines kalten Novembers hoch, mit 3 Grad und Regen. Schön ist das alles nicht.

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Lesen:

Haznain Kazim: Krisenstaat Türkei
Was ist nur mit der Türkei los? In der deutschen Wahrnehmung war das Land bis vor einiger Zeit verlässlicher Nato-Partner, vielleicht nicht für den Beitritt zur EU geeignet, aber auf jeden Fall für Urlaubsreisen. Seit zwei Jahren dreht Staatschef Erdoğan scheinbar unvermittelt im Roten und stößt jeden Tag neue Drohungen in Richtung Westen aus. Was ist da los?

Dieser Frage geht Hasnain Kazim nach. Der Korrespondent des SPIEGEL zeichnet die Entwicklung der Türkei historisch und politisch nach und fokussiert sich dann sich auf die Geschehnisse der vergangenen 30 Jahre. Das Schicksal des Landes ist dabei eng verbunden mit der Person des Recep Tayyip Erdoğan. Der kam aus einfachen Verhältnissen, wurde Bürgermeister von Istanbul und schaffte einen erstaunlichen Spagat: Er demokratisierte er das Land und nährte es an den westlichen Wertekanon an, und zwar während er gleichzeitig der Religion einen höheren Stellenwert einräumte. Vor einigen Jahren aber schwenkte das um, Erdoğan und seine Partei begannen das Land in eine Autokratie umzubauen, Opposition zu dezimieren, freie Presse zu vernichten, Brücken zum Westen abzubrechen und Krieg gegen die Nachbarländer zu führen.

Sehr lesbare Geschichts- und Politikstunde, die erklärt, dass Erdoğans Wandel gar nicht unvermittelt kam, sondern eine lange Vorgeschichte hat. Es ist auch ein sehr persönliches Buch, denn Kazim geriet selbst in den Fokus Erdoğans und wurde wegen seiner Pressearbeit zum Verräter und Feind der Türkei erklärt. Kazim und seine Familie wurden vom langen Arm der AKP und Erdoğan bis nach Deutschland verfolgt. Ich bin mir nicht sicher, wie ein einzelner Mensch so viel Hass aushalten kann, allein dafür schon: Hochachtung!

Die entscheidende Frage nach Erdoğans Motiven kann auch Kazim nicht final beantworten, die belegbaren Vermutungen aber machen Angst: Die Erdoğan träumt anscheinend von einem neuen osmanischen Reich, einer tiefreligiösen, sunnitischen Türkei in den Grenzen von 1920. Auch die Frage nach der Zukunft beantwortet der Autor pessimistisch: Erdoğans Kunststück ist es, ein „die ganze Welt ist gegen die Türkei“-Gefühl zu schaffen, weshalb bei vielen Fragen selbst die Reste der Opposition an seiner Seite stehen.

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Hören:

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Sehen:

Red Sparrow [Kino]
„Ihr müsst herausfinden, was die andere Person am meisten auf der Welt begehrt und dann zu diesem Puzzleteil werden“. Das ist der Auftrag der „Spatzen“, jungen und schönen Männern und Frauen, die in Russland zu Agenten ausgebildet werden. Denn: „Der kalte Krieg hat nie geendet, er ist nur in viele Teile zerbrochen“. Die Worte der Ausbilderin begleiten die Arbeit einer Neurekrutin. Deren Träume von einer Laufbahn als Ballerina sind gerade geplatzt, ihr Onkel bietet ihr einen Platz im „Sparrow“-Programm. Tatsächlich erweist sich die junge Frau als Naturtalent in der Manipulation von Menschen. Sie erkennt allerdings nicht nur deren Begierden, sondern auch ihre Schwachstellen, was sie zu einer gefährlichen Waffe macht. Da ihre eigenen Motive im Dunkeln liegen, weiß niemand wohin diese Waffe zielt.

Die ersten Trailer ließen vermuten, dass „Red Sparrow“ eine actionalastige „Black Widow“-Story ist, sehr ähnlich zum brutal-blöden Prügelfilm „Atomic Blonde“. Dem ist zum Glück nicht so. „Red Sparrow“ ist ein ruhiger, langer und dennoch hoch spannender Film mit Elementen die man nicht oft im Kino sieht. So erschreckt er bspw. immer wieder mit beiläufiger, aber extremer Gewalt. Jennifer Lawrence spielt mit Deppenpony, völlig ausdruckslosem Gesicht und toten Augen ihre Rolle bewusst unempathisch und verleiht ihr damit und durch ihre Körperhaltung eine faszinierende und spröde Tiefe.

Das die Story sich windet und twistet bis das Hirn der Zuschauer eine Brezel ist und bis zur letzten Minute unklar bleibt, welche Motivation Lawrence hegt, ist überaus spannend.

Ein seltsamer Nachgeschmack bleibt aber, wie immer, wenn es um Filme mit militärischem und ideologischen Inhalten geht. Zum einen wird die Ideologie hier wirklich stark gebuttert – auf der einen Seite der unmenschliche, russische Militärapparat, auf der anderen Seite der knuddelige, verliebte Amerikaner – zum anderen hat man die Rolle des bösen, russischen Onkels ausgerechnet mit einem Putin-Lookalike besetzt. Tatsächlich bekommt man den Eindruck über die Laufzeit nicht aus dem Kopf, dass hier Putin charakterisiert und dämonisiert wird. Das ist unnötig, dumm und lässt die Vermutung offen, dass „Red Sparrow“ der erste einer neuen Generation von Propagandafilmen ist. Der Film hat mich sehr beeindruckt, er ist handwerklich spitze, aber solche Propaganda will ich nicht.

What happened to Monday [PSN]
Zwanzig Minuten in der Zukunft: Die Erde ächzt unter Überbevölkerung, Regierungen beschließen rigide Ein-Kind-Policies. Zweit- und Drittgeborene werden gnadenlos von einer Spezialeinheit der Polizei aufgespürt und in Cryokammern eingeforen, um in einem späteren Jahrhundert -wenn die Bevölkerung auf ein erträgliches Maß geschrumpft ist- wieder aufgetaut zu werden.

In dieser Welt bekommt eine junge Frau heimlich eineiige Siebenlinge und stirbt während der Geburt. Ihr Vater versteckt die Kinder vor den Behörden, benennt sie nach den Wochentagen und erzieht sie streng: Nur innerhalb ihre Verstecks dürfen sie sie selbst sein, nach Außen hin teilen sie sich alle eine Identität, die sie jeweils an ihrem Namenstag verkörpern. Doch eines Montags kommt Monday nicht nach Hause, und ihre Geschwister machen sich Sorgen. Sollte Monday etwas passiert sein, wäre die Identität der anderen sechs Frauen auch verloren.

Oh Mann. Das gibt es doch nicht.

Da wird ein Film gedreht, der eine superdüstere Prämisse als Ausgangspunkt nimmt um eine sehr interessante Situation zu entwickeln. Die Exposition ist auf Niveau einer guten Phillip K. Dick-Story, und dann auch noch Powerfrau Noomi Rapace in sieben unterschiedlichen Rollen – das kann doch nur intelligente Unterhaltung werden, oder?

Leider nein, ganz im Gegenteil. Um es mal kurz zusammen zu fassen: Nach der gelungenen ersten halben Stunde wird der Film zutiefst unsympathisch. Er will keine Geschichte erzählen, keine Spannung aufbauen, er bringt keine philosophische Botschaft rüber. Nach der Einführung, die die Erwartung an einen intelligenten SciFi-Thriller weckt, hat der Film urplötzlich keinen Bock mehr clever zu sein und will winzig und allein Krachbummaction zeigen und Noomi Rapace leiden lassen. Das es die Protagonistin sieben Mal gibt, wird lediglich als Gelegenheit genutzt um sie als ihr eigenes Kanonenfutter zu inszenieren. Ihr werden die Arme gebrochen, Augen ausgerissen, sie wird erstochen, erschossen und von Gebäuden geworfen.

Der Film geht so dermaßen unsympathisch mit seinen Protagonistinnen um, dass man die Filmemacher schütteln und anschreien möchte. Warum? Was soll das? Warum all das Worldbuilding und der tolle Auftakt, wenn es am Ende nur darum geht, möglichst viele Rapaces einfach so umzubringen? Die eigentliche Story kommt dann als völlig unglaubwürdiger Plottwist daher und negiert im Nachgang auch noch die Exposition, denn die nimmt sich ausgerechnet für die Rechtfertigung des Endes nicht genug Zeit.

Obwohl er überall gute Kritiken eingefahren hat: „What happened to Monday“ ist ein kleiner, mieser, unsympathischer Krawallfilm, der so wirkt, als ob die (allesamt männlichen) Macher ihren Hass auf starke Frauen ausleben würden. Wi-der-lich.

Ein Dorf sieht schwarz [Amazon Video]
Frankreich 1975: Seyolo Zantoko hat gerade sein Medizinstudium in Lille abgeschlossen, als er einen Job auf einem Kuhdorf nördlich von Paris angeboten bekommt. Um der französischen Staatsbürgerschaft Willen zieht der Kongolese samt Familie auf´s Land und eröffnet eine Praxis. Jetzt prallen Welten aufeinander: Die gebildeten Städter sehen sich mit Dörflern konfrontiert, die zum ersten Mal in ihrem Leben farbige Menschen sehen. Und egal wie sehr sich die Zantokos auch bemühen, sie bleiben Außenseiter und die Praxis leer.

Die Geschichte ist wahr, vor zwei Jahren machte der Sohn Zantokos mit einem Rap auf sein Heimatdorf in der französischen Provinz aufmerksam. 1975 sagte hier sagt keiner der ´Schtis „Willkommen“. Obwohl der Film eine Komödie ist, liegt über allem die Bitterkeit und Frustration, die die Lebensjahre der Familie prägten. Tatsächlich funktioniert hier gar keine der Integrationsbemühungen der Familie, die in ähnlichen Filmen innerhalb einer Trainingsmontage zu Erfolgen führen. Hier nicht: Zantoko nimmt am Dorfleben teil, er geht in die Kneipe, er erweist sich als lieber Kerl – aber niemand vertraut ihm als Arzt.

In der Summe ein grundsympathischer, kleiner Film, der nette und leichte Unterhaltung bietet und den man sich schon wegen der umwerfend schönen Aïssa Maïga oder dem 70er-Nostalgieflair angucken kann.

Tomb Raider (2018) [Kino]
Lara Croft ist chronisch Pleite. Dabei könnte sie sofort in Geld baden, wenn sie endlich ihren seit Jahren verschwundenen Vater für Tod zu erklären und sein Erbe annehmen würde. Stattdessen schlägt sie sich als Fahrradkurierin in London durch. Zumindest so lange, bis irgendein Plotdevice dafür sorgt, dass sie auf einer japanischen Insel landet und sich dort mit Söldnern keilt.

Reich, sexy, unbesiegbar, gebildet. Mörderoberweite, zwei Pistolen, tötet am Fließband. Das war Lara Croft vor 22 Jahren.
Das Bild stimmt schon seit dem 2013er Reboot der Spielerserie nicht mehr. Darin ist Lara ist eine normal gebaute, junge und verletzliche Frau, die über die Geschichte des Spiels eine Wandlung durchmacht. Ziemlich genau diese Geschichte erzählt der Film nun auch noch mal. Gut daran ist, dass er sich Zeit nimmt, um die neue Lara zu charakterisieren. Nach hinten raus fällt das Ganze aber ziemlich auseinander, weil statt der Story des Spiels einfach Versatzstücke verschiedener Games und Filme aneinander geklebt wurden. Als popkulturell gebildeter Zuschauer nimmt man die letzte Stunde des Films als Flickenteppich aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ und „Uncharted“ wahr, der nachgeschobene „Twist“ ist hingegen nur für Leute überraschend, die die Spiele nicht kennen.

Dass das Ganze trotzdem funktioniert liegt an zwei Dingen: 1. Den hohen Production Values. Was hier gezeigt wird, sieht alles nicht billig oder digital aus, das sind echte Kulissen und echter Dreck. 2. Alicia Vikander, ausgerechnet. Die 29jährige Schwedin kennt man als Roboterfrau aus „Ex Machina“, aus dem Reboot von „Codename UNCLE“ und dem 2016er Jason Bourne Film, falls den noch jemand gesehen hat. Für die Rolle der Lara Croft hielt ich sie für eine Fehlbesetzung, denn Vikander ist Tänzerin und sieht auch so aus. Eine Ballerina mit einer Stirn so hoch wie ein Haus sieht auf Fotos nicht glaubhaft nach einer Actionheldin aus, ich hätte mir Camilla Luddington (die Lara in den neuen Games spielt) gewünscht.

Oh, wie sehr ich daneben lag. Vikander ist keine Fehlbesetzung, sie ist der Grund, warum der Film nicht auseinanderfällt. Man muss sie in Action erleben, denn sie ist nicht nur eine hervorragende Schauspielerin, die mit einem Blick mehr sagt als andere in 5 Zeilen Dialog, sie hat sich für die Rolle auch ordentlich Muskeln antrainiert. Ihr nimmt man die durchtrainierte, zähe -aber ungebildete- Fahrradkurierin und Kickboxerin ab. Genau wie die Entwicklung, die sie durchmacht: Wie im Game wächst Lara auch im Film an ihren Herausforderungen, und das ist glaubhaft, schmutzig und schmerzhaft, man leidet wirklich mit ihr mit.

Der 2018er „Tomb Raider“ bietet eine mäßige Story, eine schöne Ausstattung und eine herausragende Protagonistin. Dabei heraus kommt mittelgute Unterhaltung. Das ist aber schon mehr, als viele andere Gameverfilmungen schaffen, siehe zuletzt das „Assassins Creed“-Debakel von Michael Fassbender, mit dem Alicia Vikander übrigens verheiratet ist. Was man dem Film auch zugute halten muss: Er erzählt eine Originstory, da kann man Holprigkeit noch Durchgehen lassen. Im nächsten Teil dann aber bitte ein wenig mehr Eloquenz und Mut zur eigenen Story, der Grundstein dafür ist gelegt.

Dark [Netflix]
In einem Dorf in Niedersachsen verschwinden seit 30 Jahren Kinder. Leute stehen im Regen und gucken betroffen.

„Dark“ kam vor einigen Wochen raus und wurde als erste deutsche Netflix-Serie von der Kritik total abgefeiert. Warum eigentlich? Das ist mir unklar, denn viel mehr als diesen USP bietet die Serie nicht. Dabei fängt es zunächst ganz OK an: Die Story scheint interessant zu sein. Leider wird dann das große Mysterium (wer in eine Höhle klettert reist durch die Zeit) für die Zuschauer schon in Folge 1 gelüftet, die handelnden Figuren bekommen das aber erst in Folge 7 heraus. Das bedeutet: Bis endlich die Charaktere zum Wissensstand der Zuschauer aufgeschlossen haben, tritt die Serie geschlagene sechs Folgen auf der Stelle. Die Zeit wird damit überbrückt, dass unsympathische Charaktere irrsinnig miese Texte aufsagen, während sie verbissen in die Kamera gucken. Echt, mehr passiert nicht.

Im letzten Drittel nimmt die Serie dann mal ein wenig Fahrt auf und erzählt ihre Story auf drei Zeitebenen, an der behäbigen Erzählweise ändert das aber nichts. Die, an sich banale, Geschichte wird weiterhin quälend langsam erzählt. Komplexität wird hier nur simuliert, über ein bizarres „Wenn die Tante meines Schwippschagers meine Nichte ist, wer ist dann mein Onkel, wenn der 1986 durch die Zeit gereist ist?“-Verwandtschaftsspiel. Das ist verwirrend, aber nicht spannend. Und während die Protagonisten noch damit beschäftigt sind im niedersächsischen Regen zu stehen, verbissen zu gucken und schlechte Texte aufzusagen, langweilen sich die Zuschauer vollends zu Tode. Das am Ende, nach all der Zeitverschwendung, auch noch sämtliche Handlungsbögen mitten in der Luft hängen bleiben, ist dann nochmal eine besondere Qualität von Unverschämtheit.

Neben den Story- und Pacing-Problemen sind weitere Nervfaktoren auf Anschlag gedreht: Die Musik ist VIEL zu dramatisch und VIEL zu laut abgemischt. In nahezu jeder Szene kreischt eine Horror-Geige oder es droht ein unheimlicher Bass, selbst wenn nur triviale Dinge passieren. Man stelle sich in dem Zusammenhang eine Supermarktkasse vor, an der eine Oma gerade in Centstücken zahlt. Nun stelle man sich vor, wie diese Szene unterlegt ist mit der Musik aus der Duschszene von „Psycho“, und zwar drei Stufen lauter als der Rest des Tons. Dann schwillt die Musik immer weiter an – aber es passiert halt nichts weiter, als das die Oma im Portemonnaie stochert. Passt nicht, oder? Aber genau das macht „Dark“ permanent!

Zum Teil überdeckt die Musik sogar die Dialoge. Nicht, das es darum schade wäre, denn die sind wirklich, wirklich absurd mies, und sie werden zudem von einigen der schlechtesten Laienschauspieler vorgetragen, die ich je gesehen habe. Das auch die Rollen größtenteils ärgerlich dumm geschrieben sind, macht die Sache nicht besser. Die meisten Figuren sind wandelnde Klischees, manche absurd übersteigert. Höhepunkt: Der Uhrmacher, der nebenbei Experte für interdimensionale Quantenraumfaltung ist, WEIL MAN JA ALS UHRMACHER AUCH IRGENDWIE MIT ZEIT UND SO ZU TUN HAT UND SOWAS HALT WEIß. Geht´s noch? Das ist lazy writing, aber auf die Spitze getrieben.

„Dark“ hat genau eine interessante Idee, deren Lösung es aber gleich zu Anfang verplempert und den Rest schlecht inszeniert. Am ehesten kann man noch die dunkle Bildästhetik mögen, die mal an Lynch, mal an Fincher angelehnt ist. Wer aber allein deswegen die Serie mag, hat beim Schauen Ohren und Hirn ausgeschaltet. Nein, ein 120minütiger Film hätte hier vermutlich besser funktioniert. Für Staffel 2 (die schon beschlossen ist) möge wenigstens jemand den Verantwortlichen für den Ton im Schrank einsperren.

Boat People Projekt: Dorf [Theater im Schloß Gieboldehausen]
Eine Gruppe von potentiellen Investoren kommt in das Dorf Hausen. Dort erhalten sie Einblicke in Familienleben, Dorfgemeinschaft, aber auch die Probleme, die das Leben auf dem Land so mit sich bringt.

Die „Investoren“, das sind die Zuschauer, die in Gruppen in fünf Spielräume innerhalb des alten Schlosses in Gieboldehausen geführt werden. Dort erlebt man unterschiedliche Kammerspiele, vom René Pollesch´ken Dialog im Dunkeln bis hin zum Musical am Küchentisch. Der Cast ist riesig, fast 30 Personen aus den Dörfern des Landkreises haben das Stück gemeinsam geschrieben und führen es hier auf.

Ich war erst sehr skeptisch, weil sich das ganze Projekt der Gruppe „Boat People Projekt“ sehr nach einer verkopften High-Concept-Idee anhörte, der ich keine große Chance zum Funktionieren einräumte. Ich lag zum Glück falsch und hatte ich aber sehr großen Spaß an dem ungewöhnlichen Stück, denn peinliche Zuschaueraktionen werden hier weitgehend vermieden, dafür legen sich alle Laiendarsteller gut gelaunt ins Zeug. In der Summe ist „Dorf“ eine spielgewordene Liebeserklärung an das Leben auf dem Land und die Auswirkungen auf das eigene Leben, wenn man die Entscheidung dafür trifft. Toll, lustig und stimmig gemacht.

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Spielen:

Assassins Creed Origins: The Hidden Ones [PS4]
Zehn Jahre nach den Ereignissen des Hauptspiels: Der Orden der „Hidden Ones“ steht auf der Halbinsel Sinai schon wieder vor der Auslöschung. Bayek muss dort mal selbst nach dem Rechten sehen.

Kurzer DLC zu „Origins“, hebt das Levelcap auf 50, bringt null Neues: Wieder assassiniert man sich durch eine Hierarchie, diesmal von Römern. More of the Same, braucht niemand. Nicht mal hübsch ist die neue Location, die Halbinsel besteht nur aus Felsen und Steinbrüchen.

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Machen:

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Neues Spielzeug:

Ein Trackimo!

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

 
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Verfasst von - 29. März 2018 in Momentaufnahme

 

Wenn Nazis Langeweile haben

Hier, im ehemaligen Zonenrandgebiet, gehen manchmal komische Dinge vor sich. In Niedersachsen gibt es „freie Kameradschaften“ von Neonazis, im benachbarten Thüringen hat sich ein „Freundeskreis Thüringen“ formiert (heißt neuerdings „Volksbewegung“), und der dazwischenliegende Harz ist voller Reichsbürger, die bewaffnet hinter den Tannen sitzen und auf den nächsten Gerichtsvollzieher warten.

Ungefährlich sind diese Gruppierungen nicht, denn um es mal klar zu sagen: Das sind stramm rechte und gewaltbereite Nazis. Und sie haben viel Langeweile, anders ist es nicht zu erklären, dass sie regelmäßige Ausflüge nach Göttingen machen, eine eher linke Unistadt, um hier „Mahnwachen“ abzuhalten. Ich weiß jetzt nicht genau wozu, vermutlich zum Gedenken an ihre letzten Hirnzellen, die sie in Nordhäuser Doppelkorn ertränkt haben.

Diese „Mahnwachen“ laufen dann in der Regel so: Ein Dutzend Nazis reist per Bahn an. Am Gleis werden sie von einer Hundertschaft Polizei empfangen, die sie auf dem Weg durch den Bahnhof schützt. Dann gucken die Nazis aus der Bahnhofstür raus und sehen 2.000 Gegendemonstranten und Schilder wie „Jede Minute die ihr hier seid spenden wir 100 Euro an Flüchtlinge“.

Dann stehen die Glatzen 10 Minuten (oder 1.000 Euro) betreten in der Gegend rum, steigen in den nächsten Zug und sind wieder verschwunden. Bis sie einige Wochen später wieder eine Mahnwache anmelden und das armselige Theater von vorne losgeht.

Weil also bei angemeldeten Demos so viele Gegendemonstranten da sind, kamen die Nazis nun auf eine glorreiche Idee: Eine unangemeldete Spontandemo!
Also stellten sich ein paar der Neonazis ins nahegelegende Friedland, wo das große Grenzdurchgangslager ist, hielten eine knitterige „Freundeskreis“-Fahne hoch und pupten rum.

Als dann die Polizei anrückte um den Quatsch zu beenden, tanzte ein ganz schlauer Nazis mit einer „Presse“-Armbinde um die Polizisten rum und hielt ihnen ein Smartphone ins Gesicht. Damit streamte er alles live auf Facebook, und während er die Gesichter der Polizeibeamten übertrug, kommentierte er „Hier noch mal unser ganz spezieller Freund“ oder „Das sind alles Polizisten, die wir nicht brauchen in unserem neuen Deutschland“ (Quelle: HNA)

Vor Gericht redete sich der 29-jährige Facebooknazi damit raus, dass er ja Journalist sei. Der bei seinen Eltern im Keller wohne. Nein, Einkommen habe er nicht, deshalb könne man ihn auch nicht belangen. Glücklicherweise hatte das Gericht die Faxen sehr schnell dicke und verhängte eine saftige Geldstrafe, TROTZ fehlendem Einkommens. Begründung: Mit einem abgeschlossenen BWL-Studium könne der 29-jährige theoretisch gutes Geld verdienen, und diesem angenommenen Einkommen legte es die Tagessätze zugrunde.

Ein schönes Urteil, und ein sehr deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl: Leute, fangt was mit eurem Leben an. Stellt den Doppelkorn weg und kriegt den Hintern hoch – nicht Ausländer sind daran schuld, dass ihr bei euren Eltern im Keller lebt. Und wenn ihr Langeweile habt, macht was sinnvolles, keine Hassaktionen gegen Menschen und Staat.

 
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Verfasst von - 27. März 2018 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch London (8): Zwei Madames

Dienstag, 07.Februar 2017

Es ist kurz vor neun, und ich wandere die Straßen nach Marleybone entlang. Das Viertel ist null touristisch, hier passiert einfach das ganz normale Vormittagsleben einer Großstadt. Menschen kaufen ein, gehen ihren Geschäften nach, manche vertreiben sich die Zeit.

Wenig später komme ich an der Baker Street vorbei, deren bekanntester nicht existenter Bewohner auf einem Denkmal verewigt ist.

Er bewacht zudem einen unterirdischen Fußgängertunnel, der etwas anders aussieht als ein normaler Tunnel.

Auf der anderen Seite des Tunnels liegt ein großer Gebäudekomplex mit einer skurrilen, riesigen Kuppel.


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Verfasst von - 24. März 2018 in Reisen, Wiesel

 
 
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