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Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Corona-Tagebuch (28): Ich verstehe es nicht mehr


Weltweit: 132.456.676 Infektionen, 2.873.821 Todesfälle
Deutschland: 2.909.902 Infektionen, 77.401 Todesfälle

Tag 390 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ich verstehe es nicht mehr. Ich verstehe nicht mehr, was hier passiert.

Da warnen Wissenschaftler:innen seit Anfang des Jahres vor einer dritten Welle und sagen das Szenario ganz exakt voraus: Sobald die Alten geimpft sind, besteht die Gefahr und die Verlockung leichtsinnig zu werden, vorschnell Öffnungen voran zu treiben und DANN werden die Fallzahlen durch die Decke gehen und die medizinischen Kapazitäten überlastet sein. Genau in dieser Phase sind wir gerade, das ist die dritte Welle, weiter angefeuert durch immer ansteckendere Virusmutanten.

Aber was machen die Landespolitiker? Beschließen keine härteren Maßnahmen. Keine Homeoffice-Pflicht. Keine Mobilitätseinschränkungen. Stattdessen stellen die sich hin und handeln exakt entgegen aller Empfehlungen. Faseln trotz steigender Fallzahlen von Öffnungen und richten Modellregionen ein. Man brauche nur genug testen, dann könnte man alles wieder aufmachen. Klappt nur nicht, auch in den Modellregionen gehen die Fallzahlen hoch, stärker noch als anderswo. Ich verstehe es nicht.

Angesicht steigender Fallzahlen rudern Gestalten wie Armin Laschet nun mit den Ärmchen, machen dicke Backen und verkünden, dass mit einer dritten Welle ja niemand rechnen konnte, keiner konnte das wissen! Alle sind ja so überrascht! Und wenn ihm jetzt mal einer sagen könnte was man noch tun kann um die Pandemie einzudämmen, dann würde er, Armin Laschet, CDU-Chef und Ministerpräsident von NRW, vielleicht drüber nachdenken.

Das sorgte unter dem Hashtag #Laschetdenktnach für feinen Spott auf Twitter. Rausgekommen ist bei dem Nachdenken ohne hin nur ein neues Wort, das wohl Laschets PR-Berater erfunden haben: Brücken-Lockdown. So wie ein normaler Lockdown, nur, öhm, anders benannt. Darüber wolle er auf einer Ministerpräsidentenkonferenz sprechen, die er – MAN HALTE SICH FEST! – in Präsenz abhalten will, weil „online nicht funktioniert“. Ich verstehe es nicht.

Es ist zum Heulen. Was wir bräuchten ist ein echter Lockdown, bei dem auch Büros und Betriebe zugemacht werden, bei dem es Ausgangssperren auch tagsüber gibt. Damit könnte man die Fallzahlen runterbekommen. Dreiviertel der Bevölkerung befürworten dieses Vorgehen. Und was machen die Bundesländer? Das Saarland öffnet komplett. Niedersachsen macht nüscht. Alle anderen irrlichtern irgendwo dazwischen rum. Ich verstehe es nicht.

Über die Osterfeiertage wurde wenig getestet und vielerorts die Testzahlen nicht weitergeleitet, weil in den zuständigen Stellen niemand gearbeitet hat. Was machen Städte wie München? „Oh, die Fallzahlen sind ja voll niedrig, gleich mal Öffnungen einleiten“. Ich verstehe es nicht.

An den Wochenenden fahren immer die gleichen Esoteriker, Neonazis und Spinner mit Bussen in immer andere Städte, marodieren unter dem Deckmäntelchen einer „Querdenker-Demo“ ohne Masken und Abstand herum und die Polizei ist jedes Mal überfordert, weicht zurück, zeigt Sympathien. Die Lokalpolitik gibt anschliessend zu Protokoll, dass ja NIEMAND damit rechnen konnte, dass die Infektionsschutzauflagen verletzt oder Journalisten bedroht wurden. Ich verstehe es nicht, denn diese demoktatiezersetzenden Quatschdemos muss man nicht stattfinden lassen. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein Grundrecht und ein hohes Gut, aber es kann eingeschränkt werden – wenn die Maßnahmen erforderlich und angemessen sind, und das geben die Infektionsschutzgesetze her. Das man die nicht einsetzt sondern JEDE WOCHE WIEDER überrascht ist wie gewalttätig diese Superspreaderevents sind – ich verstehe es nicht.

Eine Krankheit verhandelt nicht. Was sagt der regierende Bürgermeister von Berlin, auf die Frage warum er sich angesichts durch die Decke knallender Infektionszahlen weigert, die zuvor verabredeten Maßnahmen umzusetzen? Er fände es nicht gut, die in den letzten Wochen so hart erkämpften Freiheiten jetzt wieder zurück zu nehmen. Ich verstehe es nicht.

Die Politik, vor allem die Konservative, scheint überall genau das Gegenteil von dem zu tun, das die Wissenschaft sagt und die Mehrheit der Bevölkerung unterstützen würden. Warum ist das so?

Vielleicht wird tatsächlich nur ein Schuh draus, wenn man sieht, mit welcher Intensität und Lautstärke Wirtschaftsverbände in den Nachrichten vorkommen und Geld/Öffnungen/keine Maßnahmen fordern. Allein die Unverschämtheit, mit der die Vorsitzende des Gaststättenverbandes Forderungen und Drohungen ausstösst, würde jede Schuldeneintreiber rot werden lassen. Wirklich, wenn ich die Frau sehe, denke ich immer nur: Die geht über Leichen, für die sind ihre Klientel wichtiger als Menschenleben.

Man neigt dazu, schnell in den Bereich der Verschwörungstheorien abzukippen, aber angesichts der Tatsache, dass sich die Politikfamilienclans, von den Kohls über die Straußs bis hin zu den Gauweilers alle an der Krise bereichert haben, liegt die Vermutung nahe, dass der Einfluss der Wirtschaft für die Politik einen viel höheren Stellenwert hat als Menschenleben. Vielleicht ist das wirklich die Erklärung.

Achso, Impftechnisch geht es gefühlt auch nicht voran. Immerhin dürften jetzt Hausärzt:innen impfen, wenn sie Impfstoff bekämen. Das ist gut, Hausärzt:innen kennen ihre Patienten und können die Reihenfolge selbst am Besten festlegen. Da passt es ja voll supi, dass meine Hausärztin vorvergangene Woche beschlossen hat, dass es genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre in Rente zu gehen. Ich verstehe es nicht.

Zu Abschluss Rezo. Nicht in einem seiner legendären Recherchevideos, sondern im offenen Talk:

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Momentaufnahme: März 2021

Herr Silencer im März 2021

Clownesk!

Wetter: Anfang des Monats zwischen Null und 8 Grad schwankend und trocken. Monatsmitte mehrere Tage schwere Stürme und Dauerregen, dann wieder Temperaturen um die Null bis -5 Grad, dabei Regen und Schnee, dann bei 0 bis 5 Grad bis zum Monatsende. Die letzten paar Tage sonnig und bis 20 Grad.


Lesen:

Lucifer: The Infernal Comedy / The Divine Tragedy
Bd. 1: Lucifer findet sich an einem Ort zwischen den Welten wieder. Ein Gefängnisort, entsprungen einem Fiebertaum. Schwach, ohne Gedächtnis und misshandelt von Mitgefangenen sucht er nach einem Ausweg. Bd. 2: Lucifers Sohn Caliban ist auf der Suche nach seinem Vater, findet aber keinen Zugang zur Hölle – von der Lucifer feststellt, dass er dort nicht mehr das Sagen und auch keine Anhänger mehr hat.

Schwer erträglich, diese Geschichte aus dem neuen und erweiterten „Sandman“-Universum. Das liegt an der Story, die langatmig, langweilig und völlig wirr erzählt wird, das liegt aber auch am schmutzigen Look der Zeichnungen und am Charakterdesign, das ich persönlich grottenhässlich finde.

Die originale „Lucifer“-Serie war ein Spin-Off von „Sandman“ und lief von 2000 bis 2006. Sie drehte sich darum, das der Fürst der Hölle eben selbige verlässt und in Rente geht. Anders als in der gleichnamigen TV-Serie macht er dann aber keinen auf Privatdetektiv, sondern versucht Gott und der Schöpfung zu entkommen. Das war eine fantastische Geschichte und Lucifer ein eleganter und undurchsichtiger Charakter. In der neuen Serie wirkt er wie ein androgynes Laufstegmodel mit permanent schlechter Laune.

Neil Gaiman: The Books of Magic
Einem 12jährigen Jungen mit einer großen Brille wird eines Nachts eröffnet, dass er der weltgrößte Zauberer werden kann. Er bekommt eine Eule und wird vor eine Entscheidung gestellt: Will Magie in sein Leben lassen? Oder lieber ein normales Leben führen?

Klingt nach Harry Potter, und tatsächlich gibt es heftige Parallelen bei Alter und Aussehen der Protagonisten. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten, denn während Harry Potter nach Hogwarts kommt, geht Tim Hunter, die Hauptperson dieser Geschichte, auf eine Reise mit vier mysteriösen Trenchcoatträgern. Die zeigen ihm unterschiedliche Aspekte der Magie und machen deutlich, dass deren Nutzung äußerst gefährlich sein kann. Tim kann sogar zum Zerstörer der Welt werden, sein Weg ist nicht vorgezeichnet.

Das die Hauptperson mal kein „guter Auserwählter“ ist, sondern nur irre mächtig, wenn er es denn will, und damit möglicherweise auch böse und gefährlich – das ist erfrischend anders und fühlt sich spannend an, zumal auch die Trenchcoatträger nicht unbedingt nur wohlgesonnen sind – einer versucht sogar den Jungen am Ende der Zeit zu begraben, wo es dann ein Crossover mit den „Sandman“-Geschichten gibt und Tim auf die „Endless“ trifft. Ein fantastisches Abenteuer.

Die Grafic Novel ist toll gezeichnet, schön erzählt und macht Lust auf mehr – wird sich Tim am Ende für die Magie entscheiden? Oder davon absehen, um nicht zum Vernichter von Welten zu werden? BTW: Die „Bücher der Magie“ wurden schon 1994 veröffentlicht, wenn überhaupt hat sich also J.K. Rowlings inspirieren lassen.

Petra Reski: Als ich einmal in den Canale Grande fiel: Vom Leben in Venedig
Venedig. Eine Stadt, an deren Untergang nicht nur das Meer arbeitet. Petra Reski lebt seit 30 Jahren in Venedig und berichtet hier von ihrem Leben in der Stadt. Von kleinen Anekdoten, ihrer tiefen Liebe zu dieser unwirklichen Stadt, aber auch von den Folgen der jährlich 30 Millionen Touristen, Korruption, Kreuzfahrtschiffen, was mit einer Stadt passiert, wenn Wohnungen nur noch als Air BNB vermietet werden und wie Corona die Stadt verändert.

Petra Reski ist eine der bewundernswertesten Journalistinnen, die zu lesen ich das Vergnügen habe. Bewundernswert, weil sie nie aufzugeben scheint – trotz aller Ungerechtigkeiten schreibt und kämpft sie immer weiter, auch wenn Sie für ihre Mafiarecherchen schon mal von deutschen Geschäftsleuten verklagt und dabei von Jakob Augstein im Regen stehen gelassen wird.

Ich lese Petra Reskis Blog schon lange und kenne deshalb ihren berechtigten wie bitteren Abgesang auf die Stadt. Der Tenor ist: Die Stadt stirbt seit den Neunzigern, weil einfach jeder daran verdient. Die Politiker, die die Immobilien der Stadt an die Benettons oder an die Chinesen verkaufen. Die Wohnungsbesitzer, die mit AirBNB Kohle machen. Die Gemüsehändler, die plötzlich lieber Plastikgondeln an Touristen als Tomaten an Einwohner verkaufen. Selbst die Gondoliere, die dank des Massentourismus locker 1.000 Euro am Tag(!) machen.

Im Blog ist das alles sehr konzentriert und deshalb schwer erträglich, weil es wütend und traurig macht. Das vorliegende Buch funktioniert aber anders, weil es die permanente Ungerechtigkeit in dieser Stadt vermischt mit Reskis großer Liebe zu Venedig und den Einheimischen, für die sie unnachgiebig kämpft – zuletzt hat sie sich sogar im Wahlkampf aufstellen lassen.

Das Buch ist eine leichter zu ertragende Mischung als das Blog. Es ist eine bittere Liebeserklärung an eine wunderbare Stadt, die täglich mißhandelt wird und die es so schon bald nicht mehr geben wird.


Hören:


Sehen:

Raees [2017, BluRay]
In den 70ern lernt der kleine Raees den Alkoholschmuggel in der Prohibition in einem indischen Bundesstaat. Als Erwachsener wird er selbst zum Chef einer Schmugglerorganisation und dabei von korrupten Polizisten und Politikern unterstützt. Mit seinen Profiten hilft Raees immer wieder der armen Bevölkerung – aber dann bekommt er es mit einem unbestechlichen Polizisten zu tun.

Toll ausgestattet und inszeniert, aber auch sehr düster. Sha Rhuk Khan spielt intensiv, der Rest des Casts bleibt dagegen eher blass. Gute, aber grimmige Gangsterunterhaltung

Wandavision [2020, Disney+]
Marvel-Cinematic Universe, nach „Endgame“: Wanda und Vision leben in einer Sitcom, die in den 50ern beginnt und von Folge zu Folge ein Jahrzehnt nach vorne springt. Anfangs noch in Schwarz-weiß, ab den späten 60ern dann in Farbe. In den 70ern wird Wanda unvermittelt schwanger. Maximale Verwirrung.

Hä? Ist Vision nicht gestorben? Was soll das mit den Sitcoms? Wieso das alles? „Wandavision“ zieht seinen großen Reiz aus dem Geheimnis, das nach 9 Folgen befriedigend aufgelöst wird. Gute Miniserie, schöner Einstieg in MCU Phase 4. Aber: Ohne Vorkenntnisse keine Chance zu verstehen was da abgeht.

Der Prinz aus Zamunda II [2021, Prime]
Akeem ist König von Zamunda und hat drei clevere Töchter, Thronfolger soll aber sein unehelicher Sohn aus New York werden.

Lang, nur begrenzt witzig. Braucht es „Zamunda 2“, satte 33 Jahre nach dem Original? Nein, natürlich nicht. Mochte ich ihn trotzdem? Zum Teil. Das liegt an der Nostalgie. Meine Generation feiert den ersten Teil total ab, alleine „McDowells“ ist in meinem Bekanntenkreis ein immer noch benutzter Insidergag. Genau solche Nostalgiker hat der Film im Fokus und überschüttet sie mit Tonnen von Reminiszenzen, die er dann unerträglich lang auswalzt. Dazu kommt eine Nummernrevue alter Bands wie En Vogue, Salt´n´Pepa oder Glady Knight. Das ist alles ein wenig zu viel und wird nicht durch eine Story getragen, die den Namen auch nur im Ansatz verdient. Kein guter Film, kurz Schmunzeln musste ich trotzdem.

Das Hausboot [2020, Netflix]
Olli Schulz und Fynn Kliemann kaufen das alte Hausboot von Gunther Gabriel, um daraus eine schwimmende Party- und Musiklocation zu machen. Was als „Och ja, bisschen Farbe und Rest bleibt so“ beginnt, wächst sich schnell zu einem Mammutunternehmen aus, denn der Kahn ist bis auf die Grundplatten verrottet und muss komplett neu gebaut werden. Am Ende arbeitet das Team zwei Jahre an der Kiste herum und muss diese Doku für Netflix drehen, um die Finanzierung stemmen zu können.

Hört sich alles erst einmal super interessant an, ist es aber nicht. Fynn macht halt sein übliches Ding, wie man es von Youtube kennt, Olli Schulz hat Recht früh keinen Bock mehr. Ab einem Punkt X übernimmt dann ein junger Bootsbauer, der sich bis zur Erschöpfung selbst ausbeutet, während Schulz und Kliemann nur ab und an vorbeigucken um in die Kamera zu sabbeln.

Das gibt kein gutes Bild ab, spiegelt aber vermutlich ganz gut die Realität wieder: Kliemann ist halt mittlerweile großer Medienunternehmer mit zig parallelen Projekten, Olli Schulz ein cholerischer und schnell beleidigter Mensch. Die Miniserie hat zum Glück nur vier Teile, und selbst die sind zu lang.

Das wandelnde Schloss [2004, Netflix]
Eine junge Hutmacherin wird von einer bösen Hexe verflucht und zu einer 90 Jahre alten Frau. Sie flieht aus ihrer Stadt und sucht mit Hilfe einer magischen Vogelscheuche Zuflucht im Haus eines Kriegsmagiers, wo sie sich mit einem Feuerdämon anfreundet.

Was für ein grandioser Quatsch! Jede Szene wird nur immer noch absurder, da ist ein Haus auf Beinen echt noch das normalste. Überbordende Fantasie quillt hier aus jeder zauberhaften Ecke. Ein Film zum Träumen, gleichzeitig spannend und mitreissend – ganz große Kunst vom japanischen Studio Ghibli.


Spielen:

Persona 5 Strikers [2020, PS4]
Ein halbes Jahr nach den Ereignissen von Persona 5 kommen Joker, Ann, Makoto, Riyuji, Mona, Futaba und die beiden Unwichtigen wieder zusammen. Der Plan: Gemeinsam die Sommerferien verleben. Klappt leider nicht, eine Künstliche Intelligenz und die kognitive Welt kommen dazwischen, und die Gruppe muss noch einmal als „Phantom Thieves“ losziehen und die Welt retten.

„Persona 5, Teil 2“ könnte „Strikers“ auch benannt sein. Das hat man sich wohl nicht getraut, weil die Gamemechanik komplett ausgetauscht wurde. Es gibt keine zeitgetaktete Lebenssimulation mehr, und auch die rundenbasierten Kämpfe finden nicht mehr statt. Stattdessen gibt es Echtzeithauereien mit teils Dutzenden von Gegnern gleichzeitig. Das ist anders, aber durchaus launig – und sehr, sehr schwer. Denn in den Gegnermassen stecken immer wieder Zwischenbosse, denen in endlos langen Gefechten nur mit speziellen Fähigkeiten beizukommen ist, und deren Nutzung ist gerade am Anfang stark limitiert.

Für mich war das gerade zu Beginn auf Schwierigkeitsgrad „Normal“ tatsächlich frustrierend und teils zu schwer, „Einfach“ aber keine wirkliche Herausforderung mehr – das Kampfsystem erfordert also Einarbeitung und Können. Immerhin, Story und Artwork sind hundertprozentig Persona 5 und damit schön und spannend.


Machen:

HU für die V-Strom, sonst: Nüscht. Die Pandemie gibt halt nochmal richtig Gas gerade, das ist nicht die Zeit um was zu machen.


Neues Spielzeug:

Bild: Bosch

Eine „Easy pump“ von Bosch. 430 Gramm leicht, leise, akkubetrieben, reicht für 4 Autoreifen. Einfach Zielluftdruck einstellen, ansetzen, Knöppsche drücken, fertig. Wird über USB geladen.

Hört sich super an, aber ich weiß aber noch nicht, ob ich die behalte – bin eigentlich kein Freund von diesen Lithium-Ionen-betriebenen Spielzeugen ohne wechselbaren Akku. Die sind nicht nachhaltig und werden nur toll gefunden, weil sie so bequem sind – typische Boomerspielzeuge.

Andererseits… ist halt nett, Auto-, Fahrrad- und Moppedreifen mal schnell aufpumpen zu können, ohne jedes mal die Fußpumpe rauszuholen. Und im vergangenen Jahr, bei der Reifenpanne, war die Fußluftpumpe auch einfach zu langsam… Ach, auch ich bin vor Faulheit nicht gefeit.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Gnadenloses Leben, Momentaufnahme | 7 Kommentare

Reisetagebuch Motorradherbst (14): Beim Moto GP

Tagebuch einer kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Die Barocca liegt mit einem platten Reifen in Florenz. Fortsetzung von dieser Misere hier.

Immer noch Mittwoch, der 7. Oktober 2020, Reifenwerkstatt Pecchioli, Via Petraca, Florenz

Die Via Petrarca führt genau an der Stadtmauer des alten Florenz entlang. Ein Stück die Straße hoch liegen die Boboli-Gärten, und auch der Ponte Vecchio ist nur einen Steinwurf entfernt.

Das hier ist nicht das Touristen-Florenz, das hier ist das Florenz auf der anderen Seite des Arno, nördlich der Sehenswürdigkeiten, das den Florentiner:innen gehört. Grafittibesprühte Läden, große Stadthäuser mit kleinen Wohnungen, dichter Stadtverkehr, Abgase.

In einem der Wohnhäuser an der Via Petrarca ist ein Tor, gerade mal groß genug für einen PKW. Dahinter öffnet sich eine weite und verschachtelte Reifenwerkstatt. Sie nimmt das ganze Erdgeschoss des Hauses ein und wirkt wie eine Höhle.

Auf dem Gehweg vor der Werkstatt steht die Barocca mit plattem Hinterreifen. Im Eingang zur Reifenhöhle stehe ich mit einem schlaksigen Werkstattmechaniker in einem schwarzen Overall und sage „Ich bin auf Reisen und habe eine Reifenpanne. Können Sie mit helfen?“. Der Mann guckt ernst durch seine randlose Brille und sagt dann „Das ist ein Motorrad“.

Den Satz habe ich heute schon zu oft gehört, jedes mal gefolgt von einem „Motorräder machen wir nicht“. Wenn das hier jetzt auch so ist, dann weiß ich nicht mehr weiter.

Ich atme tief ein und zähle innerlich bis drei. Immerhin, direkt neben der Werkstatt gibt es ein B&B mit freien Zimmern. Wenn die Werkstatt nicht helfen will oder kann oder der Reifen nicht reparabel ist, dann übernachte ich einfach hier und mache mir eine schöne Zeit in Florenz.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf sage sehr ruhig: „Das ist korrekt.“

„Motorräder mache ich nicht“, sagt der Mann. Ich kann spüren, wie in diesem Moment mein Herz auf den Boden fällt.

„Die macht bei uns nur ein Kollege, aber der ist gerade nicht da. Wenn er kommt, sage ich Bescheid“, sagt der Mann, dreht sich auf dem Absatz um und marschiert davon. Okay, immerhin.

Ich gehe zurück nach draußen, lehne mich an die V-Strom und warte, innerlich auf weitere Stunden eingestellt. Zumindest hat der Mechaniker nicht einfach „Machen wir nicht“ gesagt. Aber trotzdem, an der schroffen Art sowohl von dem Typen hier, als auch von diesem Matteo von vorhin merkt man, dass das hier Großstadt ist.

Ein alter Mann tapst gebeugt den Gehweg entlang. Neugierig beäugt er die V-Strom, dann spricht er mich an.
„Du bist aber nicht von hier, oder?“, fragt er mit diesem florentinischen Akzent, den ich nur schwer verstehen kann.
„Hm“, murmele ich. Der Alte beugt sich vor und inspiziert das Kennzeichen der V-Strom.
„Aus Deutschland? Bist Du auf Reisen?“, fragt er neugierig, dann mustert er die Maschine rundrum.
„Gerade nicht so einfach, was? Dein Reifen ist ja ganz platt“, sagt das Männlein und keckert.

Ich besehe mir den Witzbold genauer. Er ist bestimmt fast 70, einen Kopf kleiner als ich klein und gebeugt. Die schütteren, weißen Haare sind zerzaust und so seltsam um seinem Kopf drapiert, als hätte ein Vogel versucht ein Nest zu bauen und nach kurzer Zeit aufgegeben. Er trägt eine OP-Maske schief im Gesicht, so das eine Hälfte von Mund und Nase bedeckt sind und aus der anderen eine selbstgedrehte Zigarette heraushängt. Irgendwie wirkt der Mann ein wenig wie Yoda.

„Na, hast ja Glück, das Du vor einer Reifenwerkstatt liegen geblieben bist, was?“, sagt der Mann und keckert noch ein wenig lauter über seinen eigenen Witz. Normalerweise würde ich spätestens jetzt wütend werden, aber irgendwie ist das Kerlchen so skurril, dass ich gar nicht dazu komme.

„Na, allerdings musste da jetzt mal reinfahren, sonst wird das nix“, sagt der Mann jetzt ernst.
„Gehören sie zur Werkstatt?“, sage ich. Das Männlein nickt und schnippt die Kippe weg.
„Können Sie mir helfen? Also, machen Sie Motorräder?“, frage ich.
Yoda mustert mich und sagt dann „Junge, ich war beim Moto GP, NATÜRLICH mache ich Motorräder!“
„Heute noch?!“ frage ich aufgeregt.
„Bring die Kiste rein, in 20 Minuten habe ich Dich wieder auf der Straße“, sagt der Mann.

Ich greife nach dem Lenker des Motorrads und kicke den Seitenständer weg.
„Nein! So kannst Du die doch keinen Zentimeter bewegen! Warte!“, sagt das Männlein und schlufft davon. Als er wiederkommt, trägt er einen schwarz-gelben Mechanikeroverall und hat einen batteriebetriebenen Kompressor dabei. Mit dem pumpt er den Hinterreifen der V-Strom auf, dann sagt er zufrieden „Vai!“ – los.

Ich starte den Motor und fahre die Barocca in die Tiefe der Reifenhöhle, nehme das Gepäck ab und bocke sie auf den Hauptständer. Yoda kommt hinter mir her getappst. Er macht sich am Heck zu schaffen, macht gefühlt drei Handbewegungen und hat schon das Hinterrad der V-Strom in der Hand.

Er bemerkt meinen verblüfften Blick und sagt „Ja nun, ich war beim Moto GP. Mein Name ist Alessandro“.
„Piacere“, sage ich automatisch, angenehm. So ohne Hinterrad sieht die V-Strom ziemlich traurig aus.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 4 Kommentare

Reisetagebuch Epilog: Motorradherbst 2020 in 3:28 Minuten

Die kleine Tour im Herbst 2020 ist vorbei. Im Schatten der Pandemie waren die vorherrschende Gefühle dieser Reise vor allem das Alleinsein, das Stehen im Abseits, weit ab von Menschen und Leben und Eindrücken, die zu Sammeln sich sonst angeboten hätte. Dazu mischte sich ein wenig Traurigkeit über den Zustand der Welt, den allgegenwärtigen Zerfall und die Frage, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird.

Wenn ich später mal gefragt werde, welche Erinnerungen und Eindrücke mir von dieser Tour geblieben sind (neben meiner ersten Reifenpanne), dann wäre das wie in diesem kleinen Filmchen: Eine weitgehend menschenleere Welt, nur ich und das Motorrad und die Straße – und ein diffuses Gefühl von Einsamkeit und Verlust und Trauer um eine Welt, die es so nicht mehr geben wird, trotz aller Anstrengungen.


Hier eine Übersicht über alle Einträge in diesem Kapitel des Reisetagebuchs:

Kategorien: Motorrad, Reisen | 11 Kommentare

Corona-Tagebuch (27): Ich habe um Verzeihung gebeten!

Weltweit: 124.795.168 Infektionen, 2.744.102 Todesfälle
Deutschland: 2.713.180 Infektionen, 75.440 Todesfälle

Tag 378 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

In der Welt erholen sich die USA unter Biden im Turbotempo. Impfungen gibt es mittlerweile in Drive-Thrus und Schreibwarengeschäften, der Impffortschritt ist gewaltig, bis Ende April sollen alle impfwilligen Amerikaner:innen über 18 ein Vakzin erhalten haben. Und es sieht so aus, als schafften sie das.

In Kassel protestierten am vergangenen Wochenende 20.000 Menschen gegen Coronamaßnahmen und Impfungen. Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Anstand, dafür aber in drollige Herzchen- oder Alfkostüme gewandet, mit Judensternen mit der Aufschrift „Ungeimpft“ am Revers und/oder mit Reichsflaggen. Das Ganze weitgehend unbehelligt von der Polizei, obwohl zuvor über alle Social-Media-Kanäle die Ankündigung und auch Verhaltensanweisungen rauschten. Darunter auch sowas wie „Frauen mit Babys nach vorne, das gibt geile Bilder, wenn die Polizei die angreift“.

Guckt man sich die Filme von der Demo an, fällt schnell auf: Diese Menschen sehen sich als Bewahrer der Demokratie, als Verteidiger der Gesundheit, als Widerstand gegen einen oppressiven Staat.

Was außerdem auffällt: Keiner von denen hat noch alle Latten am Zaun. Egal ob das die älteren AFD-Herren sind, die offensichtlich Bücher aus dem Kopp-Verlag lesen oder Verschwörungsvideos gucken, die Esoteriker-Mamas und Omas, die keifen und schreien und spucken und schlagen, während sie Pace-Flaggen und Herzchenluftballons hinter sich herziehen, oder die Neonazis, die Gegendemonstranten zusammentreten: Diese Coronademos ziehen den Bodensatz der Gesellschaft an, auch wenn der sich als bürgerlich verkleidet.

Der Polizei muss man den Vorwurf machen SCHON WIEDER kein ordentliches Konzept gehabt zu haben, obwohl der Querdenker-Demo in Kassel welche in Dresden und Berlin vorangegangen sind und klar war, was passieren wird. Allerdings: Die Wirksamkeit der Polizei beruht auf der gesellschaftlichen Konvention, dass die Polizei respektiert wird. Das tun diese Leute aber nicht, und damit ist die Polizei immer in der Unterzahl und kann nur begrenzt durchgreifen.

Auf den Balearen toben die Deutschen rum. Die Inseln wurden zum Niedrigrisikogebiet erklärt, am nächsten Tag setzten die Airlines zusätzliche Flieger aufs Programm. Dem Vernehmen nach alle voll besetzt, Tausende von Deutschen fliegen in den Osterurlaub nach Malle. Das ist völlig unverständlich, zumal selbst Spanier keinen Urlaub in Spanien machen dürfen.

In Deutschland regiert… ja, wer eigentlich? Der letzte Tagebucheintrag schloss mit „erbärmlich“ in Bezug auf das Handeln der Bundesregierung, und seitdem ist es nicht besser geworden.

Höhe- oder besser vorläufiger Tiefpunkt war dann am Mittwoch dieser Woche erreicht. Zuvor hatten die Runde aus Bund und Ministerpräsidenten 13 Stunden und bis Nachts um drei Uhr über das weitere Vorgehen verhandelt. Die Gemengelage war wohl unübersichtlich, angesichts der Mallorca-Geschichten wollten einige MPs wohl Urlaub im eigenen Bundesland ermöglichen. Angesichts der Ausbreitung der ansteckenderen und tödlicheren Virusvariante B1.1.7 keine gute Idee, eigentlich müssten die Maßnahmen verschärft werden. Da man aber den Leuten seit Monaten erzählt, sie seien ja schon in einem „Lockdown“ hatte man wohl Angst tatsächlich Büros zu schließen oder Ausgangssperren zu verhängen.

Irgendwann um drei Uhr Nachts hielt es die Runde dann kollektiv für eine gute Idee, einen „harten Lockdown“ in einer „erweiterten Ruhezeit“ zu machen, sprich: Den Gründonnerstag in der kommenden Woche wie einen Feiertag zu behandeln und damit 5 Tage alles geschlossen zu halten. Also, bis auf die Supermärkte am Samstag.

Kaum wurde die Entscheidung verkündet, gab es große Verwirrung – wie soll das gehen, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?? Dann gab es noch einen Auto-Gipfel im Kanzleramt und einen Tag später stand Merkel vor der Presse und warf sich in die Schußlinie vor die Ministerpräsidentenbagage um davon zu fabulieren, dass man den Kurz-Hard-Lockdown nun doch nicht machen würde, dass sei allein ihr Fehler gewesen das vorzuschlagen und sie bitte um Verzeihung. Auf Nachfragen reagiert sie patzig, weil: Sie hat doch schon um Verzeihung gebeten, und damit muss auch mal gut sein.

Wie es weitergeht weiß offiziell niemand. Von der letzten MPK-Runde bleibt jetzt nur die „Bitte zu Hause zu bleiben“ – keine Maßnahmen, keine Büroschließungen, nichts.

Aber es wird noch besser: Merkels Entschuldigung führt dazu, dass einige Bundesländer nun machen, was sie wollen. Das Saarland bspw. plant, nach Ostern Einzelhandel, Fitnessstudios und Hotels, also: ALLES wieder komplett zu öffnen. Das halte ich, gelinde gesagt, für Wahnsinn. Wir sind in der B1.1.7 induzierten dritten Welle, die Fallzahlen steigen exponentiell, und wovon noch niemand spricht ist P.1, eine brasilianische Mutante – noch ansteckender, noch tödlicher und: Anscheinend helfen die bisherigen Impfungen dagegen nicht.

Da zeichnet sich eine echte Katastrophe ab, die Intensivbetten werden jetzt schon knapp. Die „Zeit“ und Armin Laschet stellen sogar schon Fragen in den Raum wie „muss wirklich jeder 90jährige mit normaler Lungenentzündung auf die Intensiv“. Dahinter steckt nicht weniger als eine Vordiskussion um den bisherigen gesellschaftlichen Konsens, das jedes Leben gleich zählt, zu kippen. Aber gut, für alles andere hätte man rechtzeitig Regeln und Kriterien definieren müssen, und auch das hat die Politik verschlafen.

Da unter anderem auch versäumt wurde verbindliche Triage-Kriterien zu definieren, kann ich es keinem Intensivmediziner verübeln, wenn er demnächst nicht mehr zum Dienst geht – einfach weil er nicht entscheiden kann oder will wer leben darf und wer sterben muss. Im Schlimmsten Fall müssen Ärzte bei sowas sogar noch mit einer Anzeige wegen Totschlags rechnen.

Ganz persönlich: Ich hatte angenommen, dass ich mir bis zum Herbst diesen Jahres, in dem ich hoffentlich geimpft werden kann, nichts vorzunehmen brauche und bis dahin ohne soziale Kontakte herumhocken werde. Von daher bin ich jetzt von all diesem hin und her nicht überrascht, ich sitze hier einfach meine Zeit ab und bin darüber mal froh und mal nicht so froh und tue mir ein wenig selbst Leid wegen der hohen Arbeitsbelastung. Ich bin der letzte, der noch in der Firma arbeitet und hier neben meinem eigenen Kram für alle Kolleg:innen im Homeoffice sogar die Anrufe annehmen muss, weil Rufumleitungen nicht möglich sind(!) Das wird noch ein halbes Jahr so weitergehen, mindestens, ich mache mir da keine Illusionen.

Ich kann aber die Leute verstehen, die nicht so abgefeimt sind und immer noch Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zum normalen Leben an die hohlen Worte knüpfen, die von Lockerungen fabulieren. Diese Menschen werden wieder und wieder enttäuscht und müssen über alle Maßen frustriert sein.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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Reisetagebuch Motorradherbst (13): Knochensplitter

Tagebuch einer kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute wird es echt stressig und die Barocca leidet.

7. Oktober 2020, Siena

Schon wieder steht das Wasser auf den Instrumenten. Letzte Nacht hat es wieder ordentlich geschüttet, und heute morgen ist alles nass und kalt. Die Wettervorhersage sieht auch nicht gut aus. Ach, Oktober in Italien hätte ich mir etwas sonniger gewünscht.

Nachdem die Koffer am Motorrad hängen und ich mich von Cecilia verbschiedet habe, reibe ich das Cockpit und den Sattel der Barocca sorgfältig trocken, klippe Anna in ihre Halterung, stelle den Helm an und checke die Anzeigen. Alles im Grünen Bereich, es kann losgehen. Der Motor pöttert gut gelaunt vor sich hin, als ich die V-Strom aus der kleinen Straße, in der die Villa Allegria liegt, herausbugsiere.

Die Fahrt geht von Carpineto aus nach Norden, Richtung Siena, und kurz vor der Stadt auf die Westumgehung. Die Sonne kommt raus und bringt Wärme mit. Was für ein schöner Morgen!

Ich bleibe erst einmal auf der Autobahn, die Siena mit Florenz verbindet. Die vierspurig ausgebaute Straße ist zwar nicht schön, aber die Alternative wären Landstraßen, die hier durch so viele kleine Dörfer führen, dass man praktisch nicht von der Stelle kommt. Da ich heute über 400 Kilometer vor mir habe, werde ich bis kurz hinter Florenz die langweilige Autostrada fahren und dann erst den schönen Teil der Strecke auf kleineren Routen angehen.

Die Barocca gleitet über den Asphalt. Es ist nicht besonders viel los, nur die üblichen Lastwagen und einige wenige PKW. Die Strecke führt an Monteriggioni und an San Gimignano vorbei, aber von den Orten sieht man nichts hinter, denn entlang der Autobahn sind links und rechts dichte Bäume gepflanzt. Bei Poggibonsi fängt DIE Baustelle an. Ich denke davon ganz bewusst als DIE Baustelle, weil es die schon ewig gibt oder zumindest so lange, wie ich in dieser Region schon unterwegs bin. Eine Fahrbahnerneuerung, Kilometerlang, und gefühlt kommen die Bauarbeiten von Jahr zu Jahr nur wenige Meter weiter.

Die Barocca fädelt in die Baustelle ein. Die Fahrbahn ist schmal, Warnbarken schießen links und rechts vorbei, ab hier gibt es keinen Nothaltestreifen mehr und nur noch eine Fahrspur pro Richtung.

„Bing“ meldet sich Anna plötzlich in meinem Helm und sagt „Warnung“. Ich muss Grinsen. Vermutlich sagt sie gleich „Achtung, Baustelle voraus“, weil ihr jetzt erst aufgefallen ist, dass eine Fahrbahnverengung ansteht. Noch nicht ganz wach heute morgen, die Gute, was?

Ich senke dennoch den Blick und schaue kurz auf´s Display. Das orangefarbene Reifensymbol wird angezeigt. „Na, ist Ihnen der Hinterradsensor mal wieder abhanden gekommen?“, frage ich hämisch. In den letzten Tagen ist dauernd der Kontakt zwischen Navi und Hinterradsensor abgerissen, das produziert genau so ein Warnbild.

Wieder höre ich den Warnton im Helm. Ok, das passiert normalerweise nicht. „Achtung, Luftdruck am Hinterreifen zu niedrig“. Ich rufe mit zwei Tippern auf dem Display das Schema des Motorrads auf. Der Vorderreifen ist grün und zeigt 2,5 Bar an, was in Ordnung ist, aber der Hinterreifen leuchtet knallrot und hängt bei 2,7 Bar. Das ist ein kleines Bißchen weniger als Normal und unter der Grenze, ab der Anna warnen soll, und das tut sie gerade.

Meine Gedanken rasen. Es ist kalt heute morgen, ist der Luftdruck deshalb zu niedrig? Nein, das kann nicht sein. Die Reifen sind schon warm gefahren, wir sind bereits eine halbe Stunde unterwegs. Ein Messfehler? Unwahrscheinlich. Die Garmin-Reifendrucksensoren sind äußerst zuverlässig, wenn sie einmal funktionieren.
Im Display fällt der Reifendruck auf 2,6, dann auf 2,5, weniger als eine halbe Minute später auf 2,4.

Mein Hirn sucht verzweifelt nach anderen Ideen was passiert sein kann, schließt aber eine Möglichkeit nach der anderen aus und kommt am Ende nicht um die einzig übrig bleibende Schlussfolgerung herum: Wir haben einen Reifenschaden.

Ich müsste jetzt dringend anhalten und den Hinterreifen unter die Lupe nehmen, aber wir befinden uns ja mitten in DER Baustelle. Ich behalte mit einem Auge die Druckanzeige im Blick, die schon auf [2,0] gefallen ist, und suche nach einem Platz zum Anhalten.

In der Baustelle gibt es weder einen Seitenstreifen [1,9] noch Nothaltebuchten, wie es sie sonst alle 1.000 Meter gibt. Kilometer um Kilometer zieht sich DIE BAUSTELLE, und alle dreißig Sekunden fällt der Druck um 0,1 Bar [1,8].

[1,7]… Ok, so langsam wird das hier unheimlich und ich nervös. Ah, endlich sind wir um Poggibonsi rum, dann muss ja gleich die Abfahrt dafür kommen! Bei [1,3] habe ich die Abfahrt erreicht und stelle fest, das sie wegen DER BAUSTELLE geschlossen ist. Verdammter Mist! [1,1]


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Prioritäten

Ab und zu stöbere ich durch Shops, die gebrauchte Armeeware verhökern. Das Zeug, was da so verkauft wird, ist meist so 20, 30 Jahre alt und ausgemustert worden. Manchmal finden sich da Sachen, die sich für den eigenen Garten oder Camping nutzen lassen – Falthocker, Kocher, Schlafsackhüllen, sowas.

Manche dieser Shops haben sich auf die Armee eines Landes spezialisiert, andere bieten Gebrauchtzeug aus mehreren Ländern an, und DIE finde ich lustig, zumindest wenn ich mir vorstelle, dass die Angebote die Prioritäten der jeweiligen Nationen widerspiegeln.

Deutschland ist relativ langweilig, die mustern hauptsächlich Anoraks und komische Hüte aus.

Bild: Räer Ausrüstungen, http://www.raeer.com

Die Schweizer dagegen sind schon ganz lustig, die bieten neben den unvermeidlichen Schweizer-Armee-Taschenmessern auch alte Gefechts-Velos an. Man stelle sich vor, wie die Schweizer Armee in den Verteidigungsfall radelt, und dafür ewig braucht, weil sie die Berge nicht hochkommen…

Bild: Räer Ausrüstungen, http://www.raeer.com

Ausserdem legen die Schweizer VIEL Wert auf gepflegtes Schuhwerk. Wo andere Armeen eine kleine Segeltuchtasche mit drei Bürsten ausgeben, ist das Schweizer Schuhputzzeug in einer Rolltasche mit neun Fächern, 5 Bürsten und zwei Zusatzhüllen untergebracht. Das Ganze ist selbst so groß wie ein kleiner Rucksack. Sehr ordentlich!

Den Vogel schießen aber die Italiener ab. Guckt man durch deren B-Ware, springt einen das hier auf Seite 1 an:

Bild: Räer Ausrüstungen, http://www.raeer.com

Parmesandöschen der Luftwaffe! Espressotässchen! Fischgabeln! Glaskaraffen! Auf Seite zwei ein ähnliches Bild:

Bild: Räer Ausrüstungen, http://www.raeer.com

Teetassen! Kaffeelöffel! Weiche Merinounterwäsche! Rasierspiegel! Und so geht das weiter: Gewürzsets! Kännchen für Aceto Balsamico! Und so weiter.

Abgesehen davon, das Krieg immer schlecht und keine Lösung ist: Die Prioritäten der Italienischen Armee, so man sie denn an den Surplus-Shops festmachen will, gefallen mir.

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Reisetagebuch Motorradherbst (12): Città morte

Tagebuch einer kleinen Moppedtour im Pandemieherbst 2020. Heute in tote Städte.

Montag, 05. Oktober 2020, Carpineto, Siena
Das Wetter ist nicht der Hammer, aber immerhin regnet es nicht. Ich schwinge mich auf die V-Strom und fahre los – etwas anderes als das ist in der Pandemie ohnehin kaum möglich. Alle Dinge, die ich sonst auf Reisen gerne mache – Burgen besichtigen, Museen angucken, an irgendwelchen Kursen teilnehmen – fallen jetzt flach, einfach weil Kontakte mit anderen Menschen zu gefährlich ist. Abgesehen davon: Zu etwas anderem als Motorradfahren habe ich auch gerade keine Lust. Nur die V-Strom und ich, und gemeinsam möglichst viel Straßen unter die Reifen nehmen, das ist es, wonach mich heute gelüstet.

Aus der Peripherie von Siena geht es gen Süden, durch das malerische Val d´Orcia, vorbei an Bagno Vignoni und durch die fast unbewohnte Crete Senesi.

Hier ein Häuschen besitzen, das wär´s. Tatsächlich stehen hier und da unbewohnte, pittoreske Steinhäuschen auf den Hügeln herum. Wobei „pittoresk“ in diesem Zusammenhang synonym ist für „fällt zusammen wenn man es scharf anguckt“.

Ich folge der Strada Regionale 2 durch einen Tunnel unter einer Bergkette am südlichen Ende der Crete, und dann weiter nach Süden, von der Toskana bis ins Latium, das ist die Region um Rom herum.

Neunzig Kilometer nördlich der italienischen Hauptstadt liegt der Bolsena See, aber den lasse ich links liegen und fahre nach Osten, auf die Berge des Apennin zu. Das Motorrad rollt durch die Gassen des Örtchens Bagnoregio und kommt kurz darauf auf einem Parkplatz zu stehen.

So schlechte Motorradparkplätze sieht man auch selten. Parkt man vorwärts ein, wie eigentlich gedacht, muss man das Motorrad beim Ausparken rückwärts gegen eine Steigung schieben. Aber egal wie rum ich hier parke, für die Barocca sind die aufgemalten Boxen zu klein. Vermutlich sind die nur für Vespas gedacht. Egal. Heute ist hier nichts los, außer der V-Strom steht hier nur ein anderes Mopped rum.

Ich schließe den Helm ein und gehe in Richtung Belvedere, der „Schönen Aussicht“. Wenn ich nicht schon wüsste was mich hier erwartet, beim Anblick der Aussicht würde mir der Mund offen stehen bleiben. Aus zwei Gründen: Zum einen ist die Landschaft hier selbst schon ein Hingucker. Jahrhundertlange Erosion haben den harten Ton unter dem Mutterboden von Hügelketten und Berghängen freigelegt. Zurückgeblieben sind Strukturen, die woanders „Erdpyramiden“ genannt werden.

Der zweite Hingucker ist aber Bagnoregio, und zwar der alte Ort. Da wo ich vorhin durchgefahren bin, das war Bagnoregion in der neuen Version 2.0.
Das Original, Civita di Bagnoregio, scheint vor mir über der bizarren Landschaft zu schweben.

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Reisetagebuch Motorradherbst (11): Unter Menschen 😬

Tagebuch einer kleinen Moppedtour im Pandemieherbst 2020. Nur an Orte, die ich schon kenne und die möglichst weit weg von Menschen sind. Klappt nur heute nicht, was genauso Schnappatmung verursacht wie ein Ausflug in einen Steinbruch. Schon wieder.

Sonntag, 04. Oktober 2020, Villa Allegria, Carpineto, Siena

Eine Nacht und einen ganzen Tag und noch eine Nacht hat es geregnet. Ich habe im Pyjama im Sessel an den bodentiefen Fenstern im Wohnzimmer gesessen und gelesen und gefaulenzt, genau wie ich es mir vorgenommen habe.

Nun hat sich das Wetter offensichtlich genügend ausgekotzt, und der Himmel über der Villa Allegria ist strahlend blau. Ich habe Lust darauf einfach ein wenig herum zu fahren, und deshalb mache ich das auch.

Schnell ist die V-Strom gesattelt und pöttert aus Carpineto heraus und hinein in die Crete Senesi, das Hügelland südlich von Siena. Ich bin schon so tiefenentspannt, dass ich den GPS-Recorder vergessen habe, stelle ich fest. Ach, egal. Dafür fahre ich jetzt nicht nochmal zurück.

Anna hat noch eine schöne Rundtour über kleine Landstraßen gespeichert, und nach 40 Minuten fährt die Barocca über eine Bergkette und kommt im Dorf Murlo an.

Murlo ist eines dieser typischen Bergdörfchen. Der Ort liegt auf einer Anhöhe, ist kreisrund und geradezu winzig, gerade mal 95 Meter im Durchmesser.

Im Kreis ducken sich die Häuschen um eine Kirche herum. Die Gassen sind geradezu malerisch, auch wenn heute morgen Radrennfahrer darin herumfahren und ich teils lange für ein Foto warten muss, damit ich keinen von den quietschbunt gekleideten Altherren mit auf dem Bild habe. Radrennfahren, gefühlt der Norditaliener liebster Freizeitsport.


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Corona-Tagebuch (27): Was die Leude woll´n


Weltweit: 115.199.608 Infektionen, 2.560.287 Todesfälle
Deutschland: 2.242.913 Infektionen, 71.289 Todesfälle

Tag 356 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Öffnungen!

Öffnungen! Yay! Gerade waren wir noch im „Lockdown“ (ohne inländische Mobilitätsbeschränkungen, Lebensmittelhandel geöffnet, etc. – also weit von einem echten Lockdown entfernt), nun gibt es Lockerungen. Schulen auf! Buchhandlungen auf! Gartencenter auf! Supi!

Problem ist nur: Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Begründung. Im Gegenteil. Die ansteckenden Virusmutationen breiten sich rasant aus, Ansteckungszahlen sind erst auf hohem Niveau verharrt, jetzt steigen sie wieder.

Der angepeilte Inzidenzwert von 35, den der Bund vorgeschlagen hat, kann nicht erreicht werden, nicht mal der Wert von 50 aus dem ersten Lockdown ist in Sichtweite. Wir baumeln so um die 64, Tendenz steigend.

Aber jetzt gibt es Lockerungen. Und warum ist das so?

Was die Leude woll´n

„Das ist das, was die Leute von uns erwarten“ sagt Hamburgs Bürgermeister Tschentscher. Mit anderen Worten: Wir wissen dass das alles jetzt Mumpitz ist und viele Menschen das Leben kosten wird. Aber wir haben Druck und deshalb lockern wir jetzt.

Das ist erbärmlich. Politik soll nicht machen, was sie denkt was die Leute erwarten, sondern was die Menschen brauchen. Ich will jetzt aber nicht schon über diese Politikergeneration schimpfen, die denkt, dass ihr Job darin besteht Symbolpolitik zu machen und diese an Umfrageergebnissen auszurichten. Das haben die halt in den Merkeljahrzehnten nicht anders gelernt. Keine Visionen, keine Führungsstärke, nur Machterhalt. Nein, ich würde mir gerne mal angucken wollen woher die Zahlen kommen, nach denen Leute wie Tschentscher ihre Politik glauben ausrichten zu müssen.

Dreiviertelmehrheit

Interessant ist nämlich: Nach aktuellen Umfragen denken zwischen 71 und 79 Prozent der Befragten, die Maßnahmen seien angemessen oder noch nicht stark genug und das erst gelockert werden sollte, wenn die Fallzahlen nicht zu stark steigen.

Der Wert erodiert langsam, aber gut, wir sind alle Pandemiemüde. Aber: Lediglich 24 bis 27 Prozent gehen die Maßnahmen zu weit. Und wie verteilen sich diese Maßnahmen auf Parteipräferenzen?

Guck mal an. Die Rufe, dass jetzt unbedingt gelockert werden muss, kommen am lautesten aus der AFD und der FDP und aus der Linken. Also Rechtsextremen, die aus Prinzip gegen alles sind, Esoterikern und Vertretern der Clientelwirtschaft, die ihre Nasen tief im Hintern der Hotellobby haben. Das sind übrigens die gleichen Leute die es super finden, das aktuell der Buchhändler Thalia, Gartenmärkte und Elektrohändler gegen die Coronamaßnahmen klagen. Moment, Buchhändler? Sind das nicht die, die wieder öffnen dürfen?

Könnte es sein, dass die Ministerpräsident:innen der Länder ihre Politik nicht an der Mehrheit dessen, was „die Leude“ wollen ausrichten, sondern nur an denen, die am lautesten schreien und die dickste Lobby haben?

Es geht nicht voran

Angeblich stehen in manchen Regionen Ladungen an Impfstoff unverimpft herum, weil manche Sorten einen schlechten Ruf haben oder die Orga nicht in die Pötte kommt. In anderen Regionen stehen die Impfzentren leer, weil es keinen Impfstoff gibt. Aktuell werden angeblich die über 80jährigen außerhalb von Heimen geimpft, aber im Schneckentempo.

Während die USA zuversichtlich sind bis Ende Mai die Impfwilligen unter ihren 332 Millionen Einwohner durchgeimpft zu haben, wird es bei uns in diesem Tempo bis ins nächste Jahr rein dauern. Oder, wie jemand auf Twitter so schön schrieb: Nach den Erfolgsgeschichten von BER und Elbphilharmonie nimmt sich Deutschland jetzt mit gleicher Kompetenz dem Großprojekt Massenimpfung an.

Und während die 1918 die Spanische Grippe nur drei Wellen hatte (die dritte genau jetzt, im März/April), können wir uns auf weitere Ausschläge im Herbst freuen.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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Zeitreise im Bücherregal

Herr Silencer ekelt sich vor Büchern und taucht ab in eine Zeitreise.

Neulich stand ich so in meiner Bibliothek sinnierend vor den langen Regalen mit Büchern und dachte nur „Oh nein, nicht HIER AUCH NOCH“. Ähnlich wie in der hauseigenen Videothek konnte ich nämlich auch hier Memory spielen: „DA steht das Buch und DA NOCH EINMAL“ und in zwei besonders schweren Fällen war das Werk sogar in drei Ausgaben vorhanden.

Hattrick mit Neil Gaimans „Sternwanderer“.

Sowas nervt mich kolossal, weil diese Doppel- und Dreifachlagerhaltung nicht nur Platz verschwendet, sie bedeutet auch, das ich den Überblick verloren habe. Dazu kommt: Bücher auf Papier mag ich ohnehin nicht mehr. Ich habe seit Jahren nur noch Papierbücher gelesen, wenn ich sie geschenkt bekommen habe.

Eigentlich ist der eReader das eine Ding, was mich überall hin begleitet und auch auf meinem Nachtschrank liegt. The Book to end all books. Platzsparend, hintergrundbeleuchtet, sauber – ein krasser Gegensatz zu den schmuddeligen und speckigen Taschenbüchern, die ich während des Memory-Spiels mit spitzen Fingern aus dem Regal gezogen habe.

Das Hauptargument der Anhänger:innen von Papierbüchern ist ja immer „Aber-aber-Aber ein ECHTES BUCH auf totem Baum das duftet doch und man fühlt es an den Fingerspitzen und ach, das kann ein eReader doch gar nicht“ – ja, genau, und das WILL ich auch gar nicht. Denn: Was können billige Bücher altern!

Gerade englische oder amerikanische Taschenbücher sind oft mit säurehaltiger Tinte auf billigstem Papier gedruckt. Nach knapp 30 Jahren ist dieses Papier nikotingelb und die Tinte verlaufen und das Schriftbild unscharf und das Buch STINKT nach Staub und Verfall. E-kel-haft.

Bei aller Romantik, wenn ich heute noch mal ein altes (Taschen-)Buch lesen will, kaufe ich mir das eher für ein paar Euro nochmal auf dem eReader als das ich das wellige, gelbsüchtige Staubding aus dem Regal und in die Hand nehme. Ohne Witz. Solche Schmuddelbücher anzufassen finde ich mittlerweile richtig widerlich.

Zeit für eine Ausmistaktion und eine Inventur. Da ich bei der Bestanderfassung von Filmen und Serien schon gute Erfahrungen mit einer App gemacht hatte („my movies“) wollte ich das für die Bücher auch. Die Idee dabei: Man lädt sich die App auf´s Smartphone, scannt mit der Kamera den ISBN-Code der Bücher, die App holt sich Titel- und Autoreninfos aus dem Netz und dann hat man eine digitale Bibliothek, die man idealerweise durchsuchen und als CSV nach Excel exportieren kann.

Apps dieser Art gibt es mehrere, meine Wahl fiel auf „Bookbuddy“. Die Benutzeroberfläche der App ist übersichtlich, die Datenbank umfangreich und vor allem gibt es einen ordentlichen Export.

Damit bin ich ein Wochenende durch die Bücherregale gegangen, habe alles inventarisiert und gleichzeitig ausgemistet. Das war, zugegebenermaßen, nicht ganz einfach – an vielen Büchern hängen dann doch Erinnerungen. Durch den Bücherbestand zu gehen ist auch ein wenig eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit.

Seit 24 Jahren ungelesen liegt hier Robert Jordans „Eye of the World“ aus der Reihe „The Wheel of Time“ herum.

Werde ich vermutlich auch nicht mehr lesen, wegwerfen würde ich das trotzdem nie. Warum? Weil ich es von Katrin geschenkt bekommen habe.

Katrin war eine der schönsten Frauen, die mir je begegnet ist. Wir hatten eine kurze, leidenschaftliche Affäre, aber nun würde ich den Job wechseln und das war der Moment, da waren wir uns einig, um getrennte Wege zu gehen.

So saßen wir an Heiligabend 1997 nach dem Schlussdienst im leeren Restaurant und sahen den Kollegen bei den letzten Arbeiten und dem Schnee beim Schneien zu. Zum Abschied lächelte sie traurig und schenkte mir dieses Buch.

Eine Erziehungsmaßnahme, weil sie wusste, dass ich mit Fantasy nichts anfangen kann.

Ich habe Katrins Nachnamen vergessen, aber ich werde mich immer an ihr Lachen erinnern und an ihre traurigen Augen und ihre leuchtend roten Haare und an ihre Vorliebe für Motorräder, Lederklamotten und Fantasy.

Ebenfalls aus nostalgischen Gründen kann ich das hier nicht wegwerfen. Ein Dutzend Mal gelesen, zerfleddert, eine haptische Zumutung… und trotzdem.

Keine Ahnung warum, aber meine ganze Generation giggelt heute noch wie Schuljungen, wenn man nur „42“ sagt – auch wenn das Buch objektiv einfach nicht gut ist.

Sehr schön auch die „Artemis Fowl“-Sonderausgaben mit Hologrammcovern, die sie wie Geräte aus der Feen-Welt aussehen lassen sollen.

Die habe ich Anfang der 2000er Jahre zusammen mit den ersten „Harry Potter“-Bänden in der englischen Fassung aus London rübergeschleppt. Ich hatte damals eine ganze Reisetasche voll Bücher in einer Buchhandlung am Marble Arch gekauft, so schwer, dass die Rollen abbrachen.

„Aber warum??“, wurde ich neulich gefragt, „Auch damals gab es schon englische Bücher in Deutschland zu kaufen!“. Das ist richtig. Aber zum einen konnte man nicht alle englischen Bücher bestellen, sondern nur, worauf der Importeur Lust hatte es anzubieten. Zum anderen musste man nach einer Bestellung im Besten Fall nur einige Wochen warten, um dann solche Preise hier zu bezahlen:

Drei-und-Fünfzig-D-Mark! Das sind inflationsbereinigt über 40 Euro! Für ein Buch, dass in England keine 10 Pfund gekostet hat, was damals etwa 20 Mark waren.

Als dann endlich Amazon kam und dieser Wegelagerei den Gar aus machte, begann ich mit dem Sammeln von Graphic Novels. In meiner Bibliothek finden sich die umfangreichsten Sammlungen von Göttingen an Neil Gaimans „Sandman“-Bänden und Mike Careys „Fables“-Geschichten.

„Sandman“ habe ich 2006 entdeckt und dann binnen zwei Wochen alle Bände gekauft und die 2.000 Seiten-Geschichte verschlungen. Seitdem jage ich die seltenen Spin-Offs der Hauptreihe, von denen ich auch die seltensten fast vollständig besitze.

Sehr schön auch die kiloschweren Bildbände. Highlights meiner Sammlung sind großformatige Bücher aus dem „Taschen“-Verlag, wie der wunderschöne National Geographics „Infographics“-Band oder Helmut Newtons „Sumo“, der selbst im Nachdruck so groß ist, dass das Buch ein eigenes Begleitbuch und einen Ständer mitbringt. Der originale „Sumo“ hat mich über Jahre fasziniert, kostet aber in einer limitierten Originalversion zwischen 2.500 Euro für eine zerfledderte Ausgabe bis 10.000 für gut erhaltene Stücke. Als 2009 der unlimitierte Nachdruck für nur einen dreistelligen Betrag erschien, musste ich den haben – und er bereitet mir bis heute Freude.

Genau wie die backsteinschweren Schuber mit Sammelbänden von „Alita Battle Angel“ und „Calvin & Hobbes“. Das ist Grafikkunst, sowas kann man nicht auf eReader übertragen. Solche Bücher, Bildbände und Grafikwerke mag ich noch auf Papier.

Nur wegen der Optik dürfen noch die gebundenen und englischen Ausgaben von Pratchett bleiben.

Selbiges gilt auch für die „Dunkle Turm“-Reihe von Stephen King mit den metallisierten Rücken, die ich um 1998 von einer Studentin gebraucht und komplett als Regalmeter am Stück gekauft habe und dann nach Anlesen als ähnlich unfassbar langweilig eingeordnet habe wie Tolkiens „Herr der Ringe“. Seitdem stehen die hier unangetastet herum. Die werde ich lesen wenn ich in Rente bin. Oder auch nicht.

Was dagegen niemand braucht sind schlecht übersetzte Bücher. Im Zuge der Ausmistaktion flogen jetzt alle deutschen Ausgaben von Terry Pratchetts Werken weg. Die leben vom Wortwitz, und der damalige Übersetzer hatte entweder keinen Bock oder keine Zeit die zu übertragen, oder, noch schlimmer, er hat die Gags selbst nicht verstanden. Ganze Passagen der deutschen Ausgaben ergeben dadurch schlicht keinen Sinn, und ja, es macht einen Unterschied ob jemand bei einem Sexunfall mit einer „Concubine“ oder einer „Cucumber“ gestorben ist!

Allein diese Titel! Die verursachen doch körperliche Schmerzen! Geht doch gar nicht sowas! 🤢

Der schlechte Übersetzer versuchte sich auch selbst als Sci-Fi-Autor und hat Mitte der 80er ein gar nicht mal so schlechtes Kinderbuch verfasst.

Dieses seltene Exemplar ist eine der Skurrilitäten, die aus irgendeinem Grund in meinem Regal stehen und von denen ich mich nicht trennen kann. Genauso wenig wie von den 1989er Bukowski-Ausgaben. Man, was bin ich mit diesen Büchern gewachsen. Mit Bukowski tat sich mir eine ganz neue Welt auf. Nicht nur literarisch, er hat tatsächlich mein Bild von Menschen beeinflusst.

Sehr schön auch ein Buch, dessen Entstehung ich mitfinanziert habe: Eine handsignierte Ausgabe des „Bestatterweblog“, aus einer Zeit, wo niemand wusste wer der Autor wirklich ist. Auch schon wieder von 2008. Meine Güte, wie die Zeit vergeht.

In den Müll wanderte auch diese Opus Magnum: „Schlösser knacken für Pinguine“.

Nein, Huhu, das werfen wir weg. Auch wenn Du damit ein großes Abenteuer verbindest (Hier und dann einige Male auf „Neuere Beiträge“ klicken).

Schwer trennen kann ich mich von Skurrilitäten wie den Wing Commander Büchern. Die gibt es nicht für eReader, und manche von denen haben wirklich, wirklich clevere Stories. Gut, andere sind strunzdumm, aber ich weiß leider nicht mehr welche welche sind.

Ebenfalls bleiben dürfen Bücher, mit denen ich lesen gelernt habe: „Reise um die halbe Welt mit A dem Affen und B dem Bären“ aus der Reihe Göttinger Schreibschriftbücher, das schön fotografierte „Mein Esel Benjamin“ oder auch das versöhnliche „Neues aus dem Spielzeugland“. Das sind immer noch sehr gute Bücher.

Lediglich „Pasteten im Schnee“ vermisse ich, das ist wohl mit dem Elternhaus untergegangen.

So, und das war es dann. Eine Zeitreise durch das eigene Leben mittels eines Bücherregals. Jetzt verstehe ich auch, wie die Idee zu „Interstellar“ entstanden ist, wo ja am Ende der Zeit auch der Typ hinter einem Bücherregal hockt und Klopfzeichen gibt.

Naja, Wurscht. Am Ende sind rund drei Regalmeter aussortiert worden. Das entspricht drei Umzugskisten oder einem Kofferraum voll mit Altpapier. Mangels Zeit und Lust und weil man ja sowieso nichts mehr für bekommt, wandern die einfach in den Container.

Gefühlt ist es in den Bücherregalen nicht viel weniger geworden, auch wenn die App sagt, dass ich jetzt nur noch 450 Bücher besitze von ursprünglich sicher mal 1.500 Anfang der 2000er. Aber wie gesagt, die Zeit des gedruckten Papierbuchs ist für mich echt vorüber.

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Momentaufnahme: Februar 2021

Herr Silencer im Februar 2021

Der erste ernsthafte Winter seit 10 Jahren!

Wetter: Anfang des Monats Temperaturen von -20 Grad und ein halber Meter Schnee, ab der dritten Woche frühlingshafte +20 Grad. Krasse Steigerung.


Lesen:


Terry Pratchett: Night Watch
Commander Vimes verfolgt einen Mörder durch die Straßen Ankh-Morporks, als ein Unfall passiert und beide 30 Jahre in die Vergangenheit transportiert. Hier steht die Stadt kurz vor einer Revolution, die die Geschichte verändern wird. Vimes muss sich nun überlegen, ob er die Rolle spielen will, die ihm die Geschichtsbücher vorschreiben – oder ob er alles verändert und damit die Zukunft, so wie er sie kennt, verliert.

Die meisten kennen die „Scheibenwelt“-Bücher von Terry Pratchett nur als „Per Anhalter durch die Galaxis im Fantasygenre“. Das trifft aber nur auf die ersten Bücher zu, die noch in den 80ern enstanden sind. Das hier ist der ältere, weisere Pratchett, der eigenständige Geschichten ohne Slapstick erzählt.

„Night Watch“ handelt davon, wie sich ein Mann entscheidet, der ganz auf sich zurückgeworfen ist und der weiß, wie seine Zukunft aussehen kann. Das ist nicht witzig, aber spannend, unterhaltsam und gespickt mit Erkenntnissen über menschliche Handlungsweisen. Definitiv das Beste Buch der „Stadtwachen“-Serie.


The Dreaming: Pathways and Emanations / Empty Shells / One Magical Movement
Dream of the Endless ist die Personifizierung aller Träume und Geschichten im Universum. Jetzt ist Dream verschwunden, und das hat Konsequenzen: Die Menschen werden wahnsinnig, weil sie im Schlaf nicht mehr richtig träumen, und die Märchenwesen und ihre Geschichten lösen sich auf und das Traumreich „the Dreaming“ zerfällt. Aber warum ist das so?

War mir bislang durchgerutscht, aber es gibt tatsächlich seit einigen Jahren eine Fortsetzung von Neil Gaimans „Sandman“-Epos. Die originale Reihe entstand zwischen 1988 und 1996 und erzählt auf 2.000 Grafikseiten die Geschichte von Dream und seinen Geschwistern Destiny, Death, Delirirum, Destruction, Desire und Despair. Dieses Werk ist so umfangreich und fantastisch, dass es bis zu „Mouse“ die einzige Graphic Novel war, die es je in die Beststellerlisten geschafft hat. Danach gab es einige Spin-Offs, von denen aber nur „Lucifer“ wirklich Erfolg hatte.

Zum 30jährigen Bestehen hat DC Black, der Nachfolger des geschätzten Vertigo-Labels, gleich mehrere Reihen gestartet, die die Geschichte des Sandman-Universums fortsetzen. An jeder Reihe arbeitet ein handverlesenes Team unter der Aufsicht von Neil Gaiman, und das ist zu merken. „The Dreaming“ ist vermutlich die dramatischste der neuen Reihen und startet tatsächlich als Sequel zu den Ereignissen in 1996. Mit dabei sind bekannte Charaktere wie Rose Walker, Lucien, Kürbis Merv und Raben Matthew, aber auch neuen Figuren wie der geheimnisvollen Dora, die selbst nicht weiß was sie ist oder wieso sie zwischen Dimensionen springen kann.

Aus der Ausgangssituation „Traum ist verschwunden“ ergibt sich eine verwickelte und überaus intelligente Geschichte, die auch für Neueinsteiger geeignet ist und die einem bis zum Ende immer wieder den Mund offen stehen lässt. Das wird dramatisch und wirklich innovativ erzählt, und damit ist das neue „The Dreaming“ genauso gut wie die Originalreihe. Sie ist allerdings schöner gezeichnet, den unsauberen Look der 80er kann man ja heute nur noch schwer ertragen.


Hören:

Tom Petty: The Best of Everything 1976-2016

Einfach mal wieder Lust drauf gehabt. Muss man nicht viel zu sagen: Tom Petty


Sehen:

Erik Peters: Abenteuer Südostasien [BluRay]
Fantastisch fotografierter Trip. Peters verschweigt dabei nicht die Probleme mit Visum und Zoll bei der Einreise. Schön anzusehen und kurzweilig, und was mir halt an Peters gefällt: Er ist immer neugierig und akzeptiert, dass es in der Ferne anders ist als in Köln.

Erik Peters: Vamos Cuba [2017, BluRay]
Ein Motorrad auf Kuba mieten? Unmöglich. Also verschifft Peters sein Bike auf die Insel und erlebt dort drei Monate auf den Spuren Fidel Castros. Ebenfalls sehr wunderbare Momente und tolle Bilder. Leider mit nur 84 Minuten zu kurz.


Spielen:

Yakuza: Like a Dragon [2019, PS4]

Einige Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 6: Der Tojo-Clan existiert nicht mehr, die rivalisierende Omi-Allianz hat das Tokioter Vergnügungsviertel Kamurocho übernommen. Das haut Ichiban aus den Socken, als er nach 19 Jahre aus dem Gefängnis frei kommt und nun in eine Welt ohne Yakuza, aber mit Smartphones stolpert. Noch verwirrender ist, dass sein Tojo-Patriarch und Ziehvater nun bei den Omi ist und ihn bei Sichtkontakt niederschießt. Ichiban versteckt sich in Yokohama und versucht mit Hilfe eines Obdachlosen, einer Hostess und eines alten Beamten herauszufinden, was genau in den vergangenen Jahren passiert ist. Gemeinsam kommen sie einer gigantischen Verschwörung auf die Spur.

Neues Spiel, neuer Hauptcharakter und neues Spielsystem. Vorbei sind die Zeiten von Kiryu Kazuma und seinen Prügeleien. Neben Ichiban befehligt man bis zu drei andere Spielfiguren in rundenbasierten Kämpfen a la Persona. Das funktioniert erstaunlich gut mit dem Yakuza-Konzept und in der bewährten Dragon-Engine, spielt sich aber weniger crisp als „Persona 5“, das hier deutlich Vorbild war. Zusätzlich ist ein Rollenspielsystem mit Charakterklassen integriert. Das ist zwar originell, bedingt aber langen Grind. Ohne den geht es eh nicht, in der Mitte sagt das Spiel einfach mal: „Verdiene 3 Millionen Geld, dann gehts weiter“ – zu einem Zeitpunkt, an dem man froh ist 10.000 Geld zu haben. Sobald man die Kohle dann zusammen hat, macht das Spiel ein neues Areal auf und überschüttet einen mit Geld. Das ist ärgerlich, passiert aber gleich noch einmal: Das Spiel setzt einem einen Boss-Gegner vor die Nase, der übermächtig stark ist und für den man wieder das eigene Level hochgrinden muss, was zu dem Zeitpunkt nur sehr langsam möglich ist. Hat man es einmal geschafft, gibt es neue Areale und man wird mit Leveln überschüttet. Was soll sowas? Das macht keinen guten Eindruck und ist langweilig.

Letztlich reissen es Story und Charaktere wieder raus. Die Geschichte ist Yakuza-typisch episch, verworren und filmisch erzählt, braucht aber lange um in Fahrt zu kommen enthält wieder ausufernde und häufige Zwischensequenzen.

Dass das seltsame Gemisch aus Rollenspiel, Rundenkampf und Yakuza-Geschichte nicht zwischendurch absäuft ist hohe Erzählkunst und auch dem neuen Charakter geschuldet: Ichiban ist liebenswert und durchgeknallt und damit genau das Gegenteil des wortkargen Desperados Kiryu. Ein guter Neustart der Reihe, wenn das Spiel auch viel mehr Längen hat als nötig. Für Haupt- und einige Nebenquests habe ich 57 Stunden gebraucht, 40 hätten mehr als gereicht.


Machen:

Bücherregale entrümpeln.


Neues Spielzeug:
Mehr gutes Werkzeug!

Und ein Schlafsack, ein Carinthian Tropen.
Vermutlich Kompensationskauf wegen Fernwehs.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch Motorradherbst (10): Delegierte Abenteuer

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nach zwei Tagen in den Marken geht es heute wieder auf Fahrt, und natürlich lässt es sich das Wetter nicht nehmen mich zu begleiten.

Freitag, 02. Oktober 2020, La Fenice, Mondaino, Marken

Noch einmal mit Marco über Motorradreisen quatschen, noch ein Mal Grazias fantastische Kuchen genießen, dann muss ich leider das Motorrad schon wieder abreisefertig machen.

Das ist sehr schade, hätte ich gewusst wie gastfreundlich die beiden sind und wie wohl ich mich auf La Fenice fühle, wäre ich länger geblieben.

Als die Koffer schon an der V-Strom hängen und ich den Helm mit Anna drin auf dem Kopf habe, kommt Marco noch einmal vor die Tür. Der große Mann hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Schultern hochgezogen. Er hat sich von der Frühstücksbuffettbedienerei davongestohlen. Das ist nicht schlimm und noch nicht aufgefallen, weil die anderen Gäste sind noch gar nicht aufgestanden sind.

„Und, wo geht´s jetzt hin?“, fragt er. „Toskana“, sage ich. „Ach ja, auch schön, Hmhm.“

Und ehe man es sich versieht, quatschen wir schon wieder über Motorradtouren, bis irgendwann Grazie energisch ans Küchenfenster klopft und Hilfe bei der Versorgung der mittlerweile eingetrudelten Gäste fordert. Marco huscht pflichtbewusst zurück ins Haus, und ich klettere grinsend auf die V-Strom und lasse den Motor an. Was für liebe Menschen, was für ein tolles Haus. Es war hoffentlich nicht das letzte Mal, dass ich hier zu Gast sein durfte.

Ich lenke die Barocca aus dem Feldweg, an dem La Fenice liegt, auf die Dorfstraße von Mondaino, dann geht es gen Südwesten. In weiten Kurven führt die Straße durch keine und kleinste Orte. Es gibt andere Wege um schneller voran zu kommen, aber schnell vorankommen ist nicht das Ziel. Langsam herumtrödeln und Landschaft angucken, DAS ist die Tagesaufgabe. Wenn ich wollte, könnte ich in drei Stunden am Ziel sein. Will ich aber nicht.

Unter einem bedeckten Himmel geht es wieder ins Landesinnere, auf den Apennin zu. Auf dem Weg dahin ist außer kleinen Örtchen nicht viel, aber die Landschaft hat es in sich. Guckt man sich diesen Teil Italiens mal auf einer topographischen Karte an, sieht man, dass das hier praktisch nur aus ausgeprägten Hügeln besteht – als hätte jemand eine Landkarte der Toskana genommen, zerknüllt und anschließen notdürftig wieder glattgestrichen, so zerknittert sieht die Landschaft hier aus.

Immer wieder sehe ich in den baumbewachsenen Berghängen Erdpyramiden und kahle Stellen, an denen der Boden einen so einen hohen Tonanteil hat, dass sich darauf keine Pflanzen halten können.

Irgendwann werden auch die Ortschaften spärlicher, und dann geht es dann so richtig in eine Bergstrecke hinein. Die Straße ist hier sehr kurvig, aber nicht schön zu fahren – der Belag ist völlig kaputt, und sie führt wirklich sehr steil aufwärts. Binnen fünf Kilometer klettert der Höhenanzeiger im Cockpit von 500 auf 1.000 Meter, dann geht es auf eine Passhöhe und wieder hinab in ein Tal.

Zwischen den Wäldern sehe ich vereinzelt Felder, aber selbst alleinstehende Gehöfte scheint es hier kaum zu geben. Andere Fahrzeuge sind auch nicht unterwegs. Keine Menschen, nirgends, nur das Motorrad und die Straße und ich und der Wind. Es stürmt nämlich mittlerweile ganz veritabel. Am Himmel, der ohnehin schon grau und bedeckt war, quirlen jetzt dunkle Regenwolken durcheinander, und ab und an fallen Tropfen.

Noch einmal geht es über einen Pass, dieses Mal den Pasa Viamaggio, und dann sehe ich unter mir schon die Toskana ausgebreitet. Direkt am Fuß der Berge lieg der Lago di Montedoglio, ein künstlicher See. Die Form mit seinen „Ärmchen“ ist so markant, dass ich den sogar schon einmal aus dem Flugzeug erkannt habe. Von oben sieht er aus wie ein Ampelmännchen aus der DDR.

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Wie ich Reisen plane (2): En Detail

Im ersten Teil habe ich beschrieben, woher die Idee zu einer Reise kommt und wie daraus im besten Fall von ganz allein eine (Motorrad-)Tour wird. Am Ende dieser ersten Phase steht dann die ungefähre Strecke und die Ziele, die ich besuchen möchte. Jetzt beginnt die eigentliche Planungsarbeit.

Eines vorab: Vermutlich wir es den einen oder die andere beim Lesen gleich gruseln. Ich lege meine Fahrten im Vorfeld nämlich sehr genau fest. Wenn das Motorrad aus der Garage rollt, die Bahn anfährt oder der Flieger abhebt, dann weiß ich schon ganz genau, wann ich wo an jedem Tag in den nächsten Wochen sein werde. Unterkünfte suche ich mir nicht unterwegs, die buche ich vorher, genauso wie Fahrkarten für Fähren oder Tickets für spezielle Orte.

Wer jetzt denkt „ABeR dAS geHT docH nIChT! WaS iSt mIt FREiheIT???„, dem sei gesagt: Die Vorplanung nimmt mir keine Freiheit. Ganz im Gegenteil, sie gibt mir Sicherheit und hilft mir dadurch erst so richtig, die Fahrt auch zu genießen. Ich habe immer ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann – auch wenn die Fahrt den ganzen Tag über vielleicht nicht so toll ist, sie ist leichter zu ertragen wenn ich weiß: Am Abend wartet ein schönes Zimmer, eine heiße Dusche und ein gutes Essen auf mich. Wenn ich nicht weiß wo ich am Abend übernachten kann, werde ich irgendwann nervös und DAS nimmt mir dann den Spaß.

Dazu kommt der Zeitfaktor. Ich habe Urlaub, da will ich nicht den halben Tag mit so etwas Unnötigem wie der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten oder Parkplätzen verbringen. Ich reise, um möglichst viel zu sehen und zu lernen. Darum laufe ich auch gerne in Museen oder klettere auf Dinge oder in Höhlen herum. Sowas buche ich auch gerne vorher. Ich habe schon halbe Tage in Warteschlangen gespart, weil ich Dank Vorbuchung und „Skip the Line“ einfach sofort Zugang bekommen habe, und manche Orte – wie die Totenstadt unter dem Vatikan – sind ohne Voranmeldung gar nicht zugänglich.

Wer jetzt denkt: „aBEr dIE gANze aRBeiT!!“, dem sei versichert: Reiseplanung ist für mich keine Arbeit. Ich kann so logistische und organisatorische Sachen praktisch aus dem Ärmel schütteln und habe sogar noch Spaß dabei. Die Planung einer Tour IST schon ein Teil des Urlaubs.

Ganz wichtig: Das Ganze funktioniert natürlich nur in organisierten Regionen der Welt. Würde ich mit dem Mopped durch Südostasien oder Afrika fahren, würde ich da GANZ anders rangehen. Was ich hier beschreibe ist mein typischer Jahresurlaub in Europa, und der ist halt sehr begrenzt und ich versuche das Maximum rauszuholen – durch gute Vorbereitung, und letztlich auch durch die Nachbereitung im Reisetagebuch. Ich mache eine Reise also drei mal, die Vorplanung ist das erste Mal.

Bei Dir ist das anders? Du willst Dich nicht festlegen? Dann ist das Okay! Wenn Du es magst, einfach los zu fahren, dich dorthin treiben zu lassen wohin die Straße oder das Wetter dich führen und Du spontan nach einer Unterkunft suchen möchtest, dann mach das so! Dann ist das genau Dein Ding und kein Stück schlechter oder besser als meine Art zu verreisen.

Was ich hier beschreibe ist ja lediglich das, womit ich mich wohl fühle. Die relativ feste Vorplanung nimmt mir weder Freiheit noch Flexibilität und schränkt mich auch nicht ein.

Etappenplanung

Nach der Zen-Phase steht die ungefähre Gesamtstrecke fest, und die muss nun in einzelnen Etappen aufgeteilt werden. Dazu sitze ich am Desktop-PC. Auf einem Bildschirm habe ich Google Maps offen, auf dem anderen eine Exceltabelle.

Was ich nun mache ist folgendes: Ich kenne meinen Startort und ich weiß, was für Ziele ich am Wegesrand sehen möchte. Ich überlege mir nun, wie lange ich an einer Sehenswürdigkeit verbringen möchte, rechne zusätzlich eine Stunde für Tank- und Fotostopps und gucke dann auf Google Maps, wie weit ich an dem Tag wohl auf der vorab grob ausgeguckten Route komme. Meist plane ich so, dass ich zwischen 16 und 18 Uhr aus dem Sattel steigen kann.

Also als Beispiel: Ich starte morgens um 08:00 Uhr in Sölden, plane 1 Stunde für den Besuch des Gipfelmuseums am Timmelsjoch, 1 Stunde für Tanken und Fotos, dann bleiben noch 6 bis 8 Stunden Fahrtzeit übrig. Damit komme ich bis in die apuanischen Alpen, wenn ich Mautstraßen vermeide, oder bis in die Toskana, wenn ich die mautpflichtige Autobahn nehme.

Dann gucke ich mir auf Google Maps eine möglichst schöne Strecke aus. Dafür lasse ich erstmal Google einen Vorschlag machen, dann gucke ich selbst, ob es parallel dazu eine interessantere Straße gibt. Das mache ich tatsächlich per Hand, diese optimierten Algorithmen a la Calimoto & Co sorgen doch nur dafür, dass alle immer auf den gleichen Routen rumeiern. Mit manuellen links und rechts Zerren der Route in Google Maps findet sich meist was kleineres, kurvigeres. Noch mal schnell mit Streetview nachgucken ob es kein Feldweg ist (was schon mal schief geht), dann trage ich die Werte in die Exceltabelle ein.

Die Tabelle ist ein zentrales Planungstool und enthält pro Reisetag eine Zeile, die aufgeteilt ist in die Spalten

  • Laufende Nummer (1 bis irgendwas)
  • Arbeitstag (1/0, Montag bis Freitag sind eine 1, Wochenende und Feiertage eine 0, daraus addiert sich wieviele Urlaubstage ich nehmen muss)
  • Wochentag (Montag bis Sonntag)
  • Datum
  • Startort (von wo starte ich morgens)
  • Zielort (Wo komme ich abends an)
  • Via (was will ich mir unterwegs ansehen? Sehenswürdigkeiten, etc)
  • Kilometer Ohne Maut (Schnellste Route ohne Mautstraßen, auch mal ohne Autobahnen)
  • Zeit ohne Maut
  • Kilometer mit Maut (Schnellste Route mit Mautstraßen)
  • Zeit mit Maut
  • Unterbringung (Name und Anschrift der Unterbringung)
  • Preis (Was kostet die Unterbringung)
  • bezahlt („Ja“ falls vorab bezahlt, „Karte“ wenn normale Bezahlung vor Ort, „Nur Bar“ wenn schon klar ist, dass das mit Karte nichts wird)
  • Storno (gibt es eine Stornofrist bei der Unterbringung und falls ja bis wann)
  • Frühstück (Im Preis enthalten oder nicht)
  • Anreise (bis wann muss ich an der Unterkunft sein)

Die Tabelle taugt auch für Bahnreisen, gemacht ist sie aber für Individualmobilität. Dafür macht so ein paar Sachen automatisch und rechnet in bunten Kästchen die Anzahl der Reisetage, der zu nehmenden Urlaubstage, die Gesamtzahl an Kilometern und vermutlichen Spritkosten sowie Gesamtkosten für Unterbringungen aus.

Da lässt sich dann schön sehen wie teuer Individualreisen als Single sind. Rechnet man zu den Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Benzin noch die Wartungskosten für das Motorrad hinzu, kostet so ein dreiwöchiger Moppedurlaub plötzlich dreitausend Euro. Aber das leiste ich mir halt, dafür gehe ich im normalen Leben selten Essen und fahre ein zwanzig Jahre altes Auto.

 

Unterkünfte buchen

Wenn grob feststeht in welcher Gegend ich am Ende des Tages rauskomme, schaue ich nach Unterkünften. Was ich dafür NIE nutze ist AirBNB. Das finde ich verachtenswert, weil es gerade an beliebten Reisezielen den Wohnungsmarkt zerstört. In Venedig, bspw. hat AirBNB dafür gesorgt, dass in der Altstadt kaum noch jemand fest wohnt. Sowas unterstütze ich nicht.

Was ich gerne verwende sind Spezialsuchmaschinen, die es in manchen Ländern gibt. In Frankreich  zum Beispiel Verzeichnisse von Bauernhöfen mit Übernachtungsmöglichkeiten, in Deutschland findet man günstige Unterkünfte über Suchmaschinen für Monteurszimmer und in Italien gibt es sowas wie BB30.it, wo Bed&Breakfasts z.B. auf Bauernhöfen für unter 30 Euro/Nacht angeboten werden.

Hauptsächlich benutze ich aber booking.com. Das ist auch ein fantastisches Tool, wenn man weiß, wie man es nutzen muss. Medienkompetenz ist hier ganz wichtig. Mann muss sich z.B. darüber im Klaren sein, dass die Bewertungsskala von Booking zwar offiziell von 1 bis 10 geht, in der Praxis aber nur von 6,7 bis 10, und alles unter 7,6 völlig inakzeptabel ist. Selbst abgeranzte Hütten in denen Kakerlaken an den Wänden krabbeln und der Regen durch das Dach auf schimmelige Bettwäsche tropft haben immer noch einen Score von sechskommairgendwas.

Außerdem muss man Rezensionen zu lesen wissen. Deutsche beschweren sich im Ausland IMMER über das Frühstück und die Sanitärinstallation und ziehen dafür mindestens zwei Punkte ab. Engländer schreiben stets vernichtende Kritiken wenn kein Wasserkocher im Zimmer ist. Chinesen sind nie mit irgendwas zufrieden und finden alles eine Unverschämtheit, für Amerikaner war immer alles „Amazing“. Solche Rezensionen kann man einfach ignorieren.

Wenn man sie zu nutzen weiß, sind die Filter bei Booking eine gute Hilfe. Jeder hat eine andere Art damit umzugehen. Modnerd z.B. mag gediegene und neue Hotels und filtert alles weg, was einen Score unter 9,5 hat.

Ich suche immer erst nach möglichst günstigem Preis und dann gezielt nach Rezensionen in der Landessprache. Wo Einheimische hinfahren und es gut finden, kann es nicht verkehrt sein. Auch Unterbringungen die viele Monteure beherbergen nehme ich gerne. Monteure fallen abends müde ins Bett und machen keine Party, also muss es still sein. Und damit Monteure es irgendwo gut finden, muss es entweder sehr günstig sein und/oder gut und reichlich zu essen geben.

So schaue ich nach einem günstigen Preis, einen Score nicht unter 8 und nach guten Rezensionen in Landessprache. Meist lande ich dann bei familiengeführten B&Bs, Pensionen, Gasthäusern oder sehr kleinen Hotels. Besonders liebe ich Gasthöfe, da gibt es immer ein gutes Essen und gute Betten für wenig Geld.

Wenn ich etwas gutes gefunden habe, gucke ich mir Lage und Gebäude auf Google Maps an, wo vorhanden auch mit Streetview. Gibt es einen ebenen Parkplatz für das Motorrad, möglichst am Gebäude? Liegt die Unterkunft ruhig? Hier fliegen etliche wieder raus, denn ich mag nicht an einer Bergstraße parken oder an einer Bahnlinie übernachten.

Außerdem gucke ich in diesem Arbeitsschritt auf Google Maps, wo GENAU eine Unterbringung liegt und kopiere ihre Koordinaten. Das ist wichtig, denn manchmal stimmen Koordinaten in Booking nicht, Adressen führen zu ganz anderen Orten usw. Bei besonders schweren Fällen gucke ich auf Streetview sogar nach Wegweisern und bei welchem Feldweg ich abbiegen muss um zum Haus zu kommen. Klingt doof, aber wer einmal in Italien in einer „Conrada“- oder „Frazione“ Adresse stand, weiß, was ich meine. Die Begriffe bezeichnen im schlimmsten Fall Quadratkilometer an Wiesen und Wäldern, und eine Adresse „Contrada 14“ bedeutet nur „irgendwo dahinten in diesem Tal“.

Wenn alles stimmt und wenn es sich um Hotels und nicht Pensionen oder sowas handelt, buche ich nun über Booking. Gerade kleine Hotels haben manchmal schon gar keinen Buchungsprozess mehr neben Booking und neigen dazu, Reservierungen über andere Medien zu verbaseln oder nicht ernst zu nehmen.

Handelt es sich aber um Gasthöfe oder B&Bs, schaue ich, ob die eine eigene Seite  zum Buchen haben – immerhin wollen die Buchungsportale ordentlich Provision haben, Booking.com dem Vernehmen nach zwischen 18 Prozent und 25 Prozent. Die gönne ich im Zweifel eher den Gastgebern, auch wenn ich das Zimmer dadurch nicht günstiger bekomme. Das spielt für mich nämlich keine Rolle, denn wie gesagt: Ich suche billige Unterkünfte, und bei einem Zimmerpreis von 25 bis 40 Euro/Nacht käme ich mir schäbig vor, da auch noch feilschen. Das kann dann nur nach hinten losgehen, schlimmstenfalls bekommt man zähneknirschend einen niedrigeren Preis, aber dafür das Zimmer, das neben der Abluftanlage der Fischküche liegt.

Bei Unterbringungen die ich schon kenne, maile ich einfach direkt.

Es gibt auch Regionen, in denen Booking kaum etwas hat, es aber dennoch viele Gastzimmer gibt. Hier hilft dann wieder das grandiose Google Maps. Oft sind darauf Gasthöfe verzeichnet, die Booking nicht kennt. Oder es gibt Streetview, und wenn das nicht all zu alt ist, dann kann man damit virtuell durch Orte fahren und aus der Egoperspektive schauen wo Unterbringungen sind.

Routen

Wenn die Tagesetappen und ihre Endziele stehen, geht es an die Einzelroutenplanung. Anna ist ja ein Garmin Zumo, aber die zugehörige Planungssoftware „Basecamp“ ist eine Unverschämtheit und kaum brauchbar.

Lange Jahre habe ich dann Tyre2Travel genutzt und hatte dafür sogar lebenslange Lizenzen, aber leider wurde Tyre eingestellt, weil ein Teil der Macher mit „MyRoute App“ die große Kohle machen wollten. MRA funktionierte auch so halbwegs. Besonders nett war, dass man sich die Unterschiede zwischen der Berechnung von TomTom, Garmin und Google anzeigen lassen konnte.

Aber mittlerweile ist die Unterstützung für Google Maps gestrichen, und damit ist das für mich witzlos. Der jetzt genutzte Open-Streetmaps-Datensatz hat leider wenig POI-Infos und eine erratische Routenberechnung, und der im Gold-Status enthaltene „HERE“-Kartensatz hat für manche Länder schlicht überhaupt keine Daten. Allen Ernstes: In Tokyo gibt es laut HERE nur drei Straßen:

Zum Glück hat der alte Entwickler von Tyre sich das MRA-Elend auch nicht mehr angucken können, trennte sich von seinem Partner und macht jetzt wieder ein neues Tyre, dieses Mal mit dem schönen Titel Tyre2Navigate.

Dort erstelle ich auf einer Google-Map meine Route, in dem ich den Startpunkt am Morgen und das Ziel am Abend fixiere und dazwischen die Points of Interest eintrage. Dann gucke ich manuell nach möglichst schönen Straßen. Was schön ist, hängt davon ab, worauf ich Lust habe. Kurvig ist natürlich gut, manchmal will ich aber auch Schotter fahren oder eine bestimmte Aussicht mitnehmen. Diese Strecken markiere ich mittels Navigationspunkten, damit Anna nicht zwischen zwei Zielen groben Unfug treibt, und speichere das als Tagesroute ab. Das ist nämlich das coole an Tyre: Es macht, dass Google Maps mit dem Navigationsgerät redet.

Wichtig: Ich speichere die Strecke nicht als Track, sondern wirklich die einzelnen Navigationspunkte. Zwischen denen kann Anna immer noch frei rechnen und so z.B. Verkehrsstörungen umfahren. Sollte ich mal spontan keine Lust auf ein Ziel haben, die Zeit knapp werden oder das Wetter nicht mitspielen, lassen sich auch einzelne Punkte überspringen.

Ich halte mich nämlich tatsächlich auch nicht sklavisch an meine Streckenplanung. Die ist ein Kann, kein Muss. Wenn ich auf etwas an einem Tag keine Lust habe, mache ich es nicht. Dann fahre ich direkt zum Tagesziel und lege mich da halt ins Bett, wenn mir danach ist.

Ebenfalls nicht ganz unwichtig: Wann immer es sich anbietet baue ich Schleifen ein, die ich im Notfall abkürzen kann. Das gilt auch für die Gesamtreise. Sollte ich wirklich mal zwei, drei Tage mit Magenverstimmung oder einer Panne irgendwo liegen bleiben, fällt im besten Fall nur eine Schleife weg, aber die verlorene Zeit lässt sich streckentechnisch aufholen und die Reise sich mit den danach geplanten Unterkünften und POIs fortsetzen.

Da ich Tyre auf dem Reise-Netbook habe und die Routen in meiner Cloud, kann das Navi sogar kaputt gehen, ich hätte ein Backup dabei.

Buchungen

Ich mag es interessante Museen, Aquarien, Orte zum Draufklettern, Dinge zum Reinklettern, Theater und Musikevents zu besuchen. Wann immer möglich buche ich die vorab, genau wie Tickets für Flugzeuge oder Fähren.

Bei besonders nachgefragten Sachen buche ich neun bis zwölf Monate im voraus. Ja, damit lege ich mich fest – aber das ist Okay, denn ich MÖCHTE ja unbedingt dieses eine Dinge besuchen oder dieses Reisegefährt nehmen. Dafür gibt es Frühbucherrabat, Skip The Line oder die besten Plätze im Haus.

Um die besten Plätze zu finden gibt es für manche Orten Spezialseiten. In London kann man z.B. über Seatplan.com jeden Sitzplan jedes Theaters aufrufen und sich anhand von Rezensionen oder Fotos, die exakt von diesem Platz aus aufgenommen wurden, ein Bild von der Sicht auf die Bühne machen.

Für Züge in Europa gibt es das auch. Unter seat61.com gibt es außerdem tonnenweise Infos zu Bahnhöfen und Bahnstrecken.

Ansonsten nutze ich grundsätzlich die eigenen Buchungsseiten der jeweiligen Reiseziele, keine Reseller oder Buchungsortale.

Eine Ausnahme war bislang die Mitwagenbuchung. Hier war „Cardelmar“ das Maß der Dinge. Die kleine, quietschbunte Seite kannte niemand, dabei war sie völlig großartig. Darüber konnte man weltweit Restkapazitäten von kleinen und großen Mietwagenanbietern zu Niedrigpreisen und inkl. Vollkasko OHNE SELBSTBETEILIGUNG für nen Appel und nen Ei anmieten. Leider hat CarDelMar im Februar 2021 dicht gemacht.

Was sich da als Nachfolger anbietet weiß ich noch nicht, aber das ist wirklich der einzige Punkt abseits von Unterbringungen, wo ich ein Portal hinzuziehe.

Tagesheft

Parallel zur Planungstabelle ist ein Textdokument entstanden. Das werde ich später ausgedruckt als DIN A5-Heftchen im Topcase oder im Rucksack haben. Da stehen für jeden Tag einzeln drauf wie lange ich insgesamt und zwischen Einzeletappen unterwegs sein werde, was ich mir ansehen will, ggf. Öffnungszeiten und wann ich am Abend wo sein muss. Damit kann ich jederzeit nachschlagen was als nächstes ansteht und habe die gerade benötigten Unterlagen griffbereit.

Außerdem klemmen in dem Heftchen alle Fahrkarten, Reservierungsbelege und Eintrittskarten, die ich vorher gebucht habe, in chronologischer Ordnung. Damit habe ich immer das zur Hand, was ich als nächstes brauche. Manchmal wird der Stapel recht dick:

Eine letzte Sache noch:

Sprache

Reservierungsbelege, auch die von Booking, habe ich immer ausgedruckt und in Landessprache dabei. Das hat schon viele Male Diskussionen abgekürzt und Unklarheiten vermieden.

Was außerdem immer einen guten Eindruck macht: Wenn man ein paar Worte in Landessprache spricht. Viel braucht man als Tourist meist gar nicht. Anrede, Begrüßung nach Tageszeit, „Ich habe eine Reservierung“, „Haben Sie WLAN“ und „Wann gibt es Frühstück“ reichen meist völlig. Natürlich sollte man die Antworten auch verstehen.

Wenn mich etwas wirklich interessiert, mache ich vorher an der Volkshochschule einen Sprachkurs mit. Bildung ist eine tolle Sache, und auch wenn man – wie ich – kein Talent für Sprachen hat, kann es sehr von Vorteil sein, neben Englisch und Französisch oder Spanisch auch ein ein paar Brocken Türkisch zu sprechen oder Griechisch lesen zu können.

Für den Fall das alle Stricke reißen, habe ich noch ein Wörterbuch ohne Worte dabei, aber das ist dann schon wieder das Kapitel „was ich auf Reisen dabei habe“. Das war es mit der Reisevorbereitung an dieser Stelle. Reicht ja auch.

Wie gesagt, dass ist nur meine Art mich vorzubereiten.

Wie macht ihr das? Ähnlich? Oder einfach losfahren und gucken was kommt?

Kategorien: Motorrad, Reisen, Service | 20 Kommentare

Corona-Tagebuch (26): IKEA vs. Resignation

Weltweit: 111.415.030 Infektionen, 2.467.200 Todesfälle
Deutschland: 2.396.050 Infektionen, ???? Todesfälle

Tag 347 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Lage der Dinge

Einzelhandel und Gastronomie geschlossen, Schulen geschlossen, Büros und Lebensmittelhandel geöffnet. Anscheinend leiden gerade viele darunter, dass die Friseur:innen geschlossen haben. Spontaner Gedanke: Kann es sein, dass es auch deshalb so vielen Menschen in der Pandemie schlecht geht, weil sie sich über Außendarstellung definieren und ihnen die Bestätigung von anderen extrem fehlt?

Home Improvement

Sperrmüll! Überall, an jeder Straßenecke und im Wochentakt: Überall steht Sperrmüll! Anscheinend nutzen viele die Pandemie für Home Improvement und misten gnadenlos aus und stellen sich neuen Krempel in die Bude. Dazu passt, dass IKEAS angesagtes „Kallax“-Regal bundesweit ausverkauft ist. Lediglich in Leipzig und in Dortmund, sagt ein Bekannter, ist es noch zu haben, ansonsten: Die Regale mit dem zukünftigen Sperrmüll sind leergefegt.

Ich nehme mich davon nicht aus. Zwar kann ich Ikea-Gelumpe bis auf IVAR nicht leiden, aber die Woche Urlaub habe auch ich zum Entrümpeln und Verschönern genutzt. Alte Bücher weg, verranzte Möbel aufbereitet.

Resignation

Die Impfstoffe sind da, es gibt nur nicht genug. In den Meiden wird jeden Tag höchst erregt durchgekaut, wer nun wieviel von was verkehrt bestellt hat, ob der Impfstoff einer Firma besser ist als der andere und und und. Mir ist das mittlerweile alles egal, ich verfolge das gar nicht mehr. Ich sitze nur noch meine Zeit bis zur Impfung ab und versuche mich bis dahin nirgendwo anzustecken. Meine Impfung wird irgendwann im Herbst erfolgen. Dann werde ich eineinhalb Jahre zu Hause gesessen haben. Und ich werde nicht einen Moment Langeweile gehabt haben.

Die dritte Welle

1918 kam die dritte Welle der Pandemie im Ende März Anfang April, und auch bei uns läuft die sich schon warm. Die mutierten Versionen des Corona-Virus aus Sudafrika und Großbritannien sind wesentlich ansteckender als die herkömmliche Variante, d.h. bei unveränderten Lockdownmaßnahmen steigen die Fallzahlen. Trotzdem öffnen gerade wieder die Schulen. Das passt ins Bild: Die Politik reagiert zunehmend erratisch. Von Agieren wollen wir gar nicht sprechen, das hat schon im Herbst nicht geklappt.

Die zweite Welle kam mit Macht, es gab keine Pläne dagegen und bis heute sind weder ausreichend Masken noch Schnelltests vorhanden. Warum das so ist? Das erklärt Wirtschaftsminister Altmeier im Internview mit der Zeit so:

Mit anderen Worten: Wenn jemand tatsächlich mal einen Plan machen würde, könnte das Menschen beunruhigen und vielleicht findet den nicht jeder gut.

Na, dann kann man wohl nichts machen. Nicht mal als Regierung eines der reichsten Länder der Welt.
Erbärmlich.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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