Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Einen Monat ohne (10): Begegnungszentrum

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Am Wochenende das erst mal laut geflucht. Mein Begehr: Samstag Abend in der Stadt ins Theater gehen. Hinkommen: Kein Problem. Zurück auf´s Dorf: Mit ÖPNV kaum möglich.

Zwar fährt noch ein (!) Bus nach 22:30 Uhr, aber das ist ein Überlandbus durch´s angrenzende Eichsfeld. Bis zu seiner Haltestelle hätte ich vom Theater aus 2 Kilometer laufen, dann 45 warten, 15 Minuten Bus fahren und anschließend nochmal 2,5 Kilometer laufen müssen. Da bin ich doch tatsächlich lieber mit dem Fahrrad gefahren.

Bei drei Grad Minus und durch den wirklich stockdunklen Wald zwar auch kein Vergnügen, aber wenigstens hat mich niemand umgefahren. Ist ja auch was wert, denn auf den Straßen durch den Wald heizen die Leute gerne, Wildwechsel hin oder her, und so wie gerade Abends so mancher durch die Gegend eiert, würde ich vermuten, 10 Prozent aller Fahrer guckt eher auf´s Smartphone als auf die Straße.

Genau deswegen war das auch erste Mal, dass ich mich auf dem Fahrrad in die quietschgelbe Reflektorenweste eingewickelt habe, ich ich sonst für Notfälle im Motorrad spazieren fahren. Wieder zu Hause war ich zwar durchgefroren, aber: Auch das war gut machbar. Hätte es natürlich geschneit, hätte ich mir was anderes ausdenken müssen.

Ansonsten mutiert der Bus zum Begegnungszentrum. Nicht nur, dass ich mittlerweile alle regelmäßig um meine Uhrzeit Fahrenden vom Sehen kenne und mit denen mal ein paar Worte wechsele, nein, ich treffe im Bus auch ehemalige und aktuelle Nachbarinnen wieder und sogar regelmäßig den jungen Mann, der in meinem Haus ganz oben unterm Dach wohnt und den ich sonst manchmal monatelang nicht sehe oder was von ihm höre.

Jetzt weiß ich, was die Nachbarin aktuell macht, wie es der Ex-Nachbarin in der Zwischenzeit ergangen ist, Welche Noten die Kinder in der Schule haben, wo der nächste Urlaub hingeht und das der junge Mann vom Dachboden vor Kurzem fast das Haus abgefackelt hätte, weil er LED-Leuchtmittel in eine Dimmerfassung geschraubt hat. Na dann.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (9): Ein Tag am Meer

Donnerstag, 20. Juni 2019, Maierà
Die Sonne scheint, vom Meer weht eine angenehme Brise herüber, Maierà blinzelt ins Morgenlicht.

Das Frühstück im Hotel „La Vista“ findet auf der gleichen Außenterrasse statt, auf der gestern auch das Abendessen serviert wurde. Statt in den Sonnenuntergang blickt man dabei nun über die Küstenlinie, von der die Morgensommersonne langsam den letzten Dunst wegbrennt. Selten habe ich für einen Frühstückskaffee eine schönere Aussicht gehabt.

„Toll, oder?“ sagt Jutta, die hinter mir aus dem Hoteleingang gekommen ist und sich nun an den Tisch mit ihrer Zimmernummer setzt. Es ist etwas merkwürdig, dass jeder Gast einen eigenen Tisch hat, an dem jeweils wirklich nur eine Person sitzt. Immerhin stehen die Tische so eng, dass wir uns gut unterhalten können.

Jutta zählt auf, wo sie noch überall und als nächstes hin möchte. Bei der Aufzählung fehlt natürlich die Amalfi-Küste nicht. Sie bekommt ganz verträumte Augen, als sie den Namen nennt. Gut, soll sie ihre Erfahrung dort machen, ich verderbe ihr nicht den Spaß, in dem ich ihr vorher erzähle, was sie dort erwartet.

Als Thomas und seine streitenden Kinder auftauchen, ist es an der Zeit für mich zu gehen. Ich hänge die Givi-Koffer in die Motorradhalterungen, starte erst Anna und dann den V-Twin und rolle kurz darauf mit der V-Strom aus der Einfahrt des Hotels hinaus auf die Bergstraße.

Kakteen und Olivenbäume säumen die Straße , die in sanften Kurven aus den Bergen heraus und hinab ans Meer führt. Erst kann ich noch von oben auf die Küstenorte hinabsehen, kurz darauf fahre ich direkt am Wasser entlang.


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Einen Monat ohne (9): Neue Normalität

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Tag 22 des Fahrverbots und der 24. ohne Auto. Mittlerweile hat sich eine neue Normalität eingestellt. Ich habe mich daran gewöhnt früher aufzustehen, im Dunkeln und frierend an Bushaltestellen herumzustehen und statt 16 Minuten jetzt eineinhalb Stunden pro Tag unterwegs zu sein. Genauso normal ist es mittlerweile, dass ich Abends so früh müde bin, dass ich manchmal schon um 22:00 Uhr ins Bett gehe, Dschungelcamp hin oder her.

Ich blogge ja über meinen autofreien Monat, weil ich neugierig war, was sich noch so verändert. Tatsächlich hat es noch andere Auswirkungen, dass ich nicht mehr ungehemmt mobil bin. Zum einen habe ich mehr Bewegung. Sind zwar jeden Tag nur 4 Kilometer, aber ich merke, wie gut mir das tut. Zum anderen zwingen mich feste Busfahrzeiten wirklich auch zur Selbstdisziplin, was die Arbeitszeiten angeht. Statt „noch mal schnell dies zu machen“ oder „jenes noch anzufangen“ nehme ich mir vor, einen bestimmten Bus zu nehmen und mache dann auch wirklich rechtzeitig Feierabend. Im Januar geht das ohnehin ganz gut und läuft jetzt darauf hinaus, dass ich jeden Tag genau 8 Stunden statt 9,5 bis 10 arbeite, und so doof es klingt: Ich habe das Gefühl, nur in Teilzeit zu arbeiten.

In der Summe ist es aber ganz erstaunlich, was der Monat ohne Auto macht. Mehr Bewegung, vernünftige Arbeitszeiten, sinnvollere Schlafenszeiten. In der Summe also mehr Lebensqualität durch weniger Auto?

Naja. Nicht ganz. Die eineinhalb Stunden pro Tag fehlen halt doch (nicht nur bei der Arbeit), und ÖPNV funktioniert hier so lange super wie Arbeitsalltag ist. Am Wochenende oder Abends sieht das ganz anders aus, und ein Baumarktbesuch artet auch in logistische Verrenkungen aus. Trotzdem: Das mir der Verzicht auf Auto auch gut tun würde, das hätte ich nicht gedacht.

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Tip-Top Genius that invented inventions

Sowas kommt dabei raus, wenn der Texter einer Ausstellung zu viele Trump-Reden geguckt hat:

„Archimedes was a unique and tiptop genius in the spiritual world of all times. He passed on to the global culture great theses in the fields of all the ancient sciences and most of all, he became the springboard for the development of the modern science, while at the same time he invented a lot of inventions.“

(„Archimedes war ein einzigartiges tippi-toppi-Genie in der spirituellen Welt aller Zeiten. Er gab große Thesen an die weltweite Kultur auf allen Gebieten der antiken Wissenschaft weiter und wurde zum Sprungbrett für die Entwicklung der modernen Wissenschaft während er gleichzeitig Erfindungen erfand“)

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (8): Bloß weg hier

Mittwoch, 19.06.19, Agerola, Amalfiküste

Die Straße vom B&B zurück nach Agerola ist supersteil, eng und verdreht. Wer hier nicht Bergkurven fahren kann, und das superlangsam, fällt erst um und dann den Berg runter. Gut, dass ich das alles sicher beherrsche – ein lautes HA! ins Gesicht von allen, die meinen diese ADAC-Trainings, wo extremes Langsamfahren oder Anfahren mit Volleinschlag bis zum Erbrechen geübt werden, würden nichts bringen. Für hier und jetzt ist das sehr realitätsnah!

Sofort nach Agerola geht es wieder nur im Schrittempo voran. Den Weg von dem Bergort hinab nach Amalfi habe ich einen Oppa vor mir, der in Rechtskurven fast bis zum Stillstand abbremst, so dass ich einmal doch ins Kippeln komme – am Scheitelpunkt einer Kehre mit ordentlich Gefälle kann man nun mal nicht einfach so abrupt anhalten.

Von Maria B&B „Casanova“ zurück auf die Amalfitana. Dauert schon mal etwas länger.
Bild: Google Earth 2019

Wieder geht es auf die Amalfitana. 50 Kilometer lang ist die „Traumstraße“, ungefähr die Hälfte habe ich gestern zurückgelegt. Wieder ist der Verkehr dicht und das, obwohl es erst kurz nach 08:00 Uhr ist.

Die Straße ist so eng und so überlaufen, das kaum noch was geht. Wird nicht besser durch Spinner wie den Oppa, der nur in einer Unterhose bekleidet mitten auf der Straße joggt. Eine amerikanische Touristin tut es im gleich. Verrückte. Und wenn dann nichts mehr voran geht, stehen Fußgänger, Rollerfahrer, Radrennfahrer (ARSCHLOCH!), Autos, LKW, Busse und Esel doof auf der Straße rum. Und ich mitten drin.

Die Amalfitana, stelle ich wieder fest, ist keine Traumstraße. Vielleicht war sie es mal, früher, als hier nur ganz wenige Autos unterwegs waren. Vielleicht war sie es auch nie, und ein Journalist hat sich das in einer rotweinseeligen Nacht in einem Ristorante hier zusammenfantasiert, und alle anderen Reiseführer haben es dann abgeschrieben. Ja, die Konstruktion der Straße, so in den Felsen, ist beeindruckend. Und die Kurvenschwünge sind nett. Hat man aber nichts von, wenn man die nicht fahren kann, weil hier so viel los ist. Vielleicht war das früher anders.


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Einen Monat ohne (8): Müde

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit, das auszuprobieren.

Woche zwei und Tag 15 des Fahrverbots.
Mein Gott bin ich müüüüüüüde. Ist halt doch ein Unterschied, ob ich morgens aus dem Bett direkt unter die Dusche rolle, ins Auto falle und acht Minuten später am Schreibtisch sitze oder, wie jetzt, nach dem Aufstehen zum Bus laufen muss, dort 5-10 Minuten warten darf (der Stadtbus kommt nie pünktlich), dann 30 Minuten fahre (geplante Fahrzeit ist 20 Minuten, aber das schafft der Bus nie) und dann nochmal 15 Minuten laufen muss.

Der längere Weg bedingt ein früheres Aufstehen, eine ganze Stunde eher, und DAS bedeutet, dass ich Abends eigentlich wesentlich eher ins Bett muss und DAS kriege ich gerade nicht hin. Deshalb: Müüüüüde. Gähn.

Ist echt erstaunlich, aber ich muss trotz des recht guten ÖPNV tatsächlich meinen ganzen Tagesablauf umstellen.

Lacher am Rande: Heute war Post vom Landkreis Pyrmont im Briefkasten. Ich habe meinen Lappen ja im Kreis Gütersloh verloren, als ich auf der Rückfahrt von einem Kunden war. Nun hat es einen Kollegen von erwischt. Gleicher Kunde, gleicher Mietwagen, zum Glück unterhalb der Schwelle wo es richtig weh tut. Trotzdem: Diesen speziellen Kunden zu besuchen ist offensichtlich ebenso teuer wie gefährlich.

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Einen Monat ohne (7): Momente

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Und dann dieser Schockmoment, als ich feststelle, dass ich heute die GUTE Jacke anhabe, aber vergessen habe die Monatskarte umzupacken. Den Autoschlüssel habe ich natürlich eingesteckt. Klar, darauf bin ich über Jahrzehnte konditioniert.

Ich mache einen inneren Facepalm und ziehe mir ein elektronisches Ticket aus der App. Das geht neuerdings ganz gut: Einmal Wischen beim Einsteigen in den Bus, ein Mal Wischen beim aussteigen, Ticketpreis wird über Paypal abgebucht. Einfacher gehts kaum.

Nett am Fahren im Bus sind ja auch die vielen Miniaturen, die man so mitbekommt. Kleine Momente, die im nächsten Augenblick schon wieder vorbei sind.

Au-Shit-Moment: Als der Busfahrer eigentlich schon an der Haltestelle vorbeigdonnert war und DANN erst sah, dass da eine Frau im schwarzen Mantel stand, „Au SHIIIIIT!“ rief und eine Vollbremsung hinlegte.

Stinkender-alter-Ron-Moment: In Pratchetts Scheibenweltbüchern gibt es die Figur des Foul ol´Ron, dessen Körpergeruch ein Eigenleben entwickelt hat. Sowas hatte ich hier neulich auch. Während der zerzauste Mann mit dem Zottelbart auf der Rückbank Platz nahm und lautstark mit seinem Spiegelbild in der Scheibe lamentierte, ging sein Körpergeruch auf Entdeckungsreise und schwebte mal hierhin, mal dorthin, über die ganze Länge des Busses und wieder zurück.

Pizza-Moment: Ich mochte den Typ, der im Bus eine Pizza aus dem Karton fraß, vom ersten Augenblick an nicht. Mit beiden Händen schaufelte er sich die rein, als ob er beim Wettessen wäre. Abgesehen davon roch das Ding fürchterlich. Grinsen musst ich dann trotzdem, als der Typ sich an seinen Nebenmann wandte und es mit vollem Mund aus ihm herausbrach: „Weißte was geil wäre? Wenn jetzt hier noch Zwiebeln und Knoblauch drauf wären!“ – Guter Gott, nein.

Telegramm Moment: Die Tussi in der Lederleggings, die bei aktivierten Tastentönen auf ihr Whatsapp einhämmerte und es genauso klang als ob sie ein Telegramm versendet „düd-düd-düüd-düd-düd-düüd“.

Womanspreading Moment: Manspreading, das Dasitzen mit breiten Beinen als seien die Eier große wie Basketbälle, hatte ich noch nicht. Aber Womanspreading: Die Frau, die unbedingt ihre Beine die Bus Wand hoch und breit auseinanderfalten musste. Bizarr, sah aus wie Yoga im Bus.

Gänselieselmoment: Die Rumfahrerei vor Sonnenaufgang hat nette Momente. Ich habe z.B. mal wieder das Gänseliesel mit Beleuchtung gesehen, siehe oben.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (7): Die Hölle der Amalfitana

Dienstag, 18.06.19, Faicchio, Kampanien

Die Amalfitana gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Warum eigentlich?
Das frage ich mich schon, seitdem ich das erste Mal da war. 2011 war das, mit Modnerd am Steuer eines Mietwagens, ich saß als Beifahrer daneben.

Amalfitana? Was ist das denn?

Südlich von Neapel liegt der Ort Amalfi direkt am Meer, weshalb die Gegend dort auch Amalfiküste heißt. Es ist eine Steilküste, deren grobe Felsen senkrecht ins Meer fallen. In diese Felsen sind auf Terrassen ganze Orte gebaut, mit klingenden Namen wie Positano, Ravello oder Maiori. Die Orte sind durch eine Straße verbunden, die kunstvoll und in mühsamer Arbeit aus dem Felsen gehauen und gesprengt wurde.

Diese Straße trägt die nüchterne Bezeichnung SS163, aber unter diesem Namen kennt sie niemand. Wenn aber ihr Spitzname fällt, dann seufzen die Menschen und gucken sehnsüchtig in die Ferne. „Amalfitana! Ahhh!“ Warum? Weil die Amalfitana eben einen Ruf als eine der schönsten Straßen der Welt hat. Aber als schöne Straße habe ich sie bislang nicht erlebt.

Die Lage der Amalfitana: Auf der Südseite einer Landzunge, auf der auch Sorrento und vor dessen Küste Capri liegt.
Bild: Google Maps 2020.

In meiner Erinnerung ist die Amalfitana über weite Strecken mehr Gasse als Straße. Eine enge Gasse, die sich Lastwagen, Busse, PKW, Motorradfahrer, Radfahrer, Esel (die werden als Transport zu den Häusern im Hang benutzt) und Fußgänger teilen.

Sie führt in absurden Kurven und Knicken um Felsen und Häuser herum – so absurd, dass ein Bus, der um eine enge Kurve fährt, auf die andere Fahrbahnseite schwenkt und dabei den Gegenverkehr blockiert – was andere aber nicht von dem Versuch abhält, sich doch noch irgendwie vorbei zu quetschen.

Das Resultat ist so, wie man es erwarten kann: Nichts geht mehr, die Fahrzeuge blockieren sich gegenseitig und müssen dann zentimeterweise vor- und zurückmanövrieren, um irgendwie aus diesem Deadlock wieder rauszukommen. Dieses Blockadespielchen schien bei meinem ersten Besuch eher Regel als Ausnahme zu sein. Gefühlt stand der Verkehr an jeder zweiten Kurve. Wenn er dann doch mal etwas schneller floss, wurde unser Mietwagen in halsbrecherischen Manövern auf nicht einsehbaren Abschnitten von Minibussen überholt, was für mehr als einen Schreckmoment sorgte.

Eng.
Laut.
Überfüllt.
Die aufgeheizte Luft voller Abgase.
An jeder Ecke klemmten Reisebusse oder LKW in Kurven fest.

Nein, die Amalfitana hat keinen guten ersten Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht mal die Aussicht war supertoll, was aber auch daran lag, dass ich wenig davon sah – wir fuhren die Straße nämlich in der verkehrten Richtung, von Süden nach Norden und von Osten nach Westen, also auf der Fahrspur, die an den Felsen entlangführt. Rechts Felsen, links eine endlose Schlange Fahrzeuge, von vorne und hinten Kamikazebusse. Nein, das machte damals alles keinen Spaß, nicht mal als Beifahrer.

Jetzt, mit mehr deutlich mehr Erfahrung und im Sattel des Motorrads, will ich nachsehen ob mein damaliger Eindruck vielleicht verkehrt war. Auf jeden Fall bereite ich mich mental für heute schon mal auf auf das Schlimmste vor, als ich am Morgen in Faicchio unter einem Kastanienbaum noch schnell einen Caffé trinke.

Als ich in den Sattel der Barocca klettere, steht Alberto schon mit Schubkarre und Strohhut wieder vor seinen Beeten und ruft „Buon viaggio!“, gute Fahrt.


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Einen Monat ohne (6): Post aus Gütersloh

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Post aus Gütersloh? Heute? Was wollen die denn jetzt noch?

Ah, Frau Webermann schreibt, dass mein Führerschein eingetroffen ist und jetzt bei ihr in der Schreibtischschublade liegt. Bis zum 02. Februar. „Er wird Ihnen rechtzeitig übersandt“, schreibt sie und gibt mir mit auf den Weg: „Vor Ablauf dieser Frist dürfen Sie kein Kraftfahrzeug führen, folglich auch kein Mofa.“ Aha. Auf diese seltsame Idee, die hier auch schon mehrfach in den Kommentaren genannt wurde, kommen wohl viele. Ein Verstoß gegen diese Anordnung sei eine Straftat, nicht nur eine Ordnungswidrigkeit, werde ich noch belehrt. Na dann.

Der Brief ist hoffentlich der vorletzte, den Frau Webermann in der Sache versenden muss. Sie hat nämlich schon ganz viele geschrieben. Als es mich erwischt hat, war ich ja in einem Mietwagen auf Dienstreise.

Der Ablauf war dann, nun, etwas komplexer:

  1. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an den Halter des Fahrzeugs, in dem Fall das Mietwagenunternehmen. Das erklärt, das eine Firma den Wagen gemietet hatte, weiß aber nicht, wer gefahren ist.

  2. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an meine Firma. Die erklärt, dass sie wohl den Wagen gemietet habe, aber wer da gefahren sei… da müsse man erstmal in den Akten nachgucken. Zeit vergeht. Dann stellt sich raus, dass tatsächlich ein Mitarbeiter gefahren ist, ein gewisser Herr Silencer.

  3. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an mich. Ich erkläre, das ich gefahren bin und nur zu schnell war, weil ich geträumt habe, und ob das nicht reiche um 1 km/h weniger und damit vielleicht kein Fahrverbot…?

  4. Frau Webermann amüsiert sich, bedankt sich für die „ausführlichen Angaben zur Sache“ und fragt, ob ich ein Härtefall sei. Ich verneine.

  5. Frau Webermann verhängt ein Bußgeld und ein Fahrverbot und schickt mir das per Brief. Ich schicke ihr Geld und meinen Führerschein. Sie gibt mir zwei Punkte in Flensburg. Geben und Nehmen.

  6. Frau Webermann bescheinigt mir den Eingang des Führerscheins und sagt ich darf kein Moffa fahren. Dabei würde ich selbst mit Führerschein kein Moffa fahren wollen.

Ach ja, und zwischendurch habe ich noch zwei Mal mit ihr telefoniert. Frau Webermann ist wirklich nett. Und fleißig muss sie sein. Wenn jeder rasende Trottel im Westfalenland nur halb so viel Aufwand verursacht wie ich, hat sie gut zu tun.

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Einen Monat ohne (5): Geburtstagsblues

Ich kann mich eigentlich überhaupt nicht beklagen, stelle ich fest. Der ÖPNV per Bus ist in Götham noch besser ausgebaut als ich dachte.

In der Stadt kommt man selbst in entlegene Winkel meist mit zwei Mal umsteigen. Es dauert nur ein wenig. Die umliegenden Dörfer sind mit einem Halbstundentakt an die Stadt angebunden, für Orte weiter weg gibt es stündliche Überlandbusse oder Regionalbahnen.

Ziemlich gut, also, und trotzdem bin ich gerade ein wenig geknickt. Der Grund: Meine ganze Familie hat im Januar Geburtstag, und da gestalten sich Besuche nun doch schwierig.

Schwester wohnt in Bayern, ein gut nehmbarer ICE zum Supersparpreis führe um 05:40 Uhr – aber um die Zeit fährt kein Bus zum Bahnhof.

Nicht viel besser ist es für Besuche bei den Eltern, die weiter nördlich auf Dörfern wohnen. Statt ins Auto zu steigen und in 30 Minuten da zu sein, müsste ich allein für den Besuch bei meinem Vater fünf Minuten zum Bus laufen, 20 Minuten Bus fahren, 5 Minuten warten, einen anderen Bus nehmen, 20 Minuten warten, für 20 Minuten den Regionalzug nehmen, 10 Minuten warten und dann nochmal 20 Minuten Bus fahren. Eineinhalb Stunden hin, eineinhalb Stunden zurück. Ist immer noch alles machbar, keine Frage, aber da es die Verbindung Samstags nur vier Mal gibt und Sonntags gar nicht, wird aus einem kurzen Kaffeetrinken eine praktisch tagesfüllende Samstagsbeschäftigung.

Tut mir leid, liebe Familie. Das holen wir wann anders nach.
Vorzugsweise bei besserem Wetter.

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Einen Monat ohne (4): Verlängert

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Gestern noch gefreut: Der erste Tag nach der Weihnachtspause, und trotzdem war der morgendliche Bus leer.

Tja.
Stellt sich raus, dass erst heute wieder Schule ist. Warum auch immer, Allerheiligen oder Dreikönige oder Maria Hilf oder wie auch immer das hieß, was die südlichen Länder gestern als seltsamen Feiertag hatten, kennen wir ja in Niedersachsen nicht.

Unschön: Deshalb heute morgen erstmals Menschenmassen an der Bushaltestelle im Dorf. Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur zweiten Stunde, Studentinnen und Studenten auf dem Weg zur Bibliothek* und jede Menge Erwachsene, die meisten davon im Omi- und Opi-Alter.

Schön: Die Stadtwerke skalieren mit und haben ihren Bus verlängert, eingesetzt wird jetzt einen Langbus mit Gelenk. Deshalb fanden alle einen Sitzplatz.

Unschön: Ich fand Platz neben einem Opa, der sich alle zwei Sekunden feucht räusperte und mir dabei auf Hand und Ärmel speichelte. ÖPNV ist halt auch unhygienisch.

Unschön: Es ist nass und kalt. Bewegung am Morgen ist ja nett, aber nicht bei 2 Grad durch Nieselregen, das ist bäh. Notiz an mich selbst: Ab jetzt immer Schirm mitnehmen.

Schön: DHL lässt ausrichten, dass mein Führerschein tatsächlich vergangenen Freitag in Gütersloh eingegangen ist. Immerhin. Das Tracking war sich da lange uneins, und ich hatte schon befürchtet der dreht eine Feiertagsrunde oder sowas und wird Montag erst zugestellt. Damit hat das Fahrverbot aber tatsächlich am Freitag begonnen, und das heute ist Tag 5.


  • Streber. Zu meiner Studentenzeit bin ich nur so früh aufgestanden wenn ich wirklich musste, und nicht, weil „um vor 8 die Bib so schön leer ist, da kann man so gut lernen“. Bah.
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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (6): Die schönste Straße Italiens

Montag, 17.06.2019, Siena

Die Morgensonne tastet sich in die verwilderte Senke hinter der Villa Allgeria vor. Es ist 05:30 Uhr

Ich springe aus dem Bett, putze mir schnell die Zähne, steige in die Motorradklamotten und trage die bereits fertig gepackten Koffer zum Motorrad, das an der Straße vor dem Haus steht.

Für Frühstück ist es zu früh, und von Cecilia und Francesco habe ich mich gestern Abend schon verabschiedet. Alles, um wirklich ganz früh los zu kommen. Der Grund: Heute habe ich einen wirklich weiten Weg vor mir. Über 500 Kilometer durch die Berge, das ist selbst für meine Verhältnisse viel. Anna prognostiziert eine Netto-Fahrzeit von 10 Stunden, da kann man dann locker nochmal zwei Stunden draufrechnen, für Verzögerungen im Betriebsablauf wie Staus oder kleine Pausen oder Fotostops.

Um 6:30 Uhr rollt die Barocca aus der Via Portogallo, fädelt auf die Landstraße Richtung Siena und biegt dann nach Osten ab.

Die Straße liegt im Morgenlicht und ist noch angenehm wenig befahren. Es ist kühl, nur um die 12 Grad, aber das wird nicht lange so bleiben.

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Einen Monat ohne (3): Transportprobleme

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Der Bus um 07:13 Uhr ist noch angenehm leer, die Straßen auch. Gefühlt 90 Prozent aller Menschen sind noch im Winterurlaub.

Heute ist der erste Tag des Fahrverbots, falls alles geklappt hat und mein Führerschein in Gütersloh angekommen ist. Passend dazu: Heute die erste reguläre Fahrt mit dem Bus.

Vom Dorf bis mitten in die Innenstadt, von da sind es dann noch einmal 15 Minuten zu Fuß bis zur Arbeit. Kleiner Unterschied zum normalen „Ich rolle aus dem Bett, falle an der Dusche vorbei und bin 8 Minuten später am Schreibtisch.“ Aber gut, habe ich morgens gleich mal Bewegung.

Fahrradfahren ist übrigens gerade nicht meine bevorzugte Option, Elektrodienstrad hin oder her. Es regnet, und zwischen Dorf und Stadt liegt ein Bergrücken mit steilen Flanken und unbefestigten Waldwegen, die bei dem Wetter zu Schlammpisten werden.

Unvermittelt tut sich ein neues Problem auf. Ein Baumarkt hat sich dazu herabgelassen, endlich die Magnettafel zu liefern, die ich Anfang Dezember bestellt habe. Die ist nicht schwer, aber sperrig. Dazu kommen noch die Bodenmatten, die ich gestern gekauft habe.

Sonst denke ich nie darüber nach, wie ich solchen Kram transportieren kann – einfach in den Kofferraum schmeißen und gut is. Jetzt muss ich mir tatsächlich Gedanken machen, wie ich das transportiert bekomme. Kriege ich die Teile im Bus mitgenommen? Auf ein Mal ganz bestimmt nicht.

Unvermittelt tut sich auch dafür eine Lösung auf, ein Arbeitskollege wird mir die Sachen am Wochenende vorbeibringen. Sehr schön.

Unschön: Zukünftig muss ich darauf achten, keine sperrigen Gegenstände mehr zur Arbeit zu bestellen. Obwohl… Nach Hause geht ja auch nicht. Da ist ja nie jemand, und wenn eine Zustellung auf dem Dorf nicht möglich ist, werden die Pakete zur Zentralpost am Hauptbahnhof gebracht und müssen dort abgeholt werden. Eine Packstation gibt es auf dem Dorf auch nicht. Die einzige Lösung wäre: Sperrige Sachen so bestellen, dass sie Samstags ankommen.

Das ist eine interessante Erkenntnis: Ich dachte immer, Onlinebestellungen seien super für Leute ohne Auto. Wenn man aber berufstätig ist, sieht das schon ganz anders aus. Hatte ich mir nie Gedanken drum gemacht, aber tatsächlich hat Mobilität auch Auswirkungen darauf, was und wie man online bestellen kann.

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Einen Monat ohne (2): Day Zero

Dezember 2019
Vorbereitung kann manches einfacher machen. Vor meiner lappenlosen Zeit habe ich schwere Dinge, wie Gurkengläser, eingekauft und gebunkert. Discounter und große Supermärkte werden nämlich nur schwer erreichbar sein, und ich muss ja alle Einkäufe quasi auf dem Rücken nach Hause tragen. Jetzt sind die Vorräte gut aufgefüllt. Ich glaube ich hatte noch nie so viel zu essen im Haus.

Kurz vor Weihnachten habe ich mir überlegt, dass ich eine Monatskarte für den Bus kaufen könnte. Aber was kostet sowas und wo bekommt man das her? Für Einzelkarten hat Götham eine App, die ich auch gelegentlich nutze*. Aber Monatskarten?

Ah, hier. Die Website des Verkehrsverbundes sagt, dass es ein gutes Dutzend „Vorverkaufsstellen“ gibt, meist in Tabakläden. Da ist die zwei Euro Karte billiger, als wenn man sie im Bus kauft. Aha, wieder was gelernt.

Ich lasse 53 Euro in einem Tabakladen und bin fortan stolzer Besitzer einer Monatskarte, gültig ab dem 02. Januar 2020.

02. Januar 20
Tag 0 ist gleich eine kleine logistische Herausforderung. Das steht an:

  1. Der Führerschein muss zur Post gebracht und per Einschreiben zu Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh geschickt werden, auf das sie ihn einen Monat verwahrt.**
  2. Bei Aldi gibt es ab heute Bodenmatten, da hätte ich gerne welche von.
  3. Ich darf auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen, Handwerker werden erwartet.

Ich brauche also eine Post, einen Aldi und das bitte so, dass ich rechtzeitig bei der Arbeit bin.

Gar nicht so einfach, die meisten Aldis liegen außerhalb in Gewerbegebieten. Ach ne, hier, der da – der liegt bei einem Rewe, und darin ist eine Postfiliale. Aber wie komme ich da hin?

Die Website des Verkehrsverbundes ist sperrig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Zwar spuckt sie mir eine Busverbindung aus, bei der ich nur drei Mal umsteigen und vorher durch alle Stadtteile fahren muss, aber sie zeigt mir z.B. nicht auf einer Karte, wo die Bushaltestellen sind, an denen ich umsteigen muss. Und die meisten tragen Namen, die ich noch nie gehört oder auf dem Stadtplan gelesen habe.

Nach einigem Rumklicken finde ich dann raus, dass bei jeder Buslinie eine Open Street Map mit der Route hinterlegt ist. Nach dem Studium dreier Busrouten und der Lage von verschiedenen Haltstellen finde ich sogar noch eine Direktverbindung zu Post/Aldi und eine zeitnahe Rückfahrt zur Arbeit. Na dann, los geht´s!

In der Einfahrt steht das Kleine Gelbe AutoTM, eingepackt in eine Halbgarage, die extra für diesen Monat gekauft wurde. Die Fenster bei der Kiste sind ja undicht, und nach einem Monat Regen und Schnee und ohne Heizung zwischendurch könnte ich darin im Februar wohl Schimmelpilze ernten. Reicht schon, dass in vier Wochen die Batterie leer sein wird.

Die Nacht über ist es kalt geworden. Minus 6 Grad zeigt das Thermometer. Das Geräusch von Eiskratzern auf Windschutzscheiben in allen Straßen hören. An der Bushaltestelle vor mich hinfrierend sehe ich, wie ein Mann Anfang 70 einen alten Mazda freikratzt, ihn kurz anlässt, dann wieder ausmacht und im warmen Haus verschwindet. In Mumpfelhausen gibt es sie noch, die Gentlemen, die früh aufstehen, rausgehen und das Auto freikratzen, damit die Frau sofort zur Arbeit fahren kann.

Der Bus kommt mit fünf Minuten Verspätung, aber immerhin ist der ÖPNV angenehm leer. Meine Timeline auf Twitter weiß auch, warum.

Eine halbe Stunde gurkt der Bus kreuz und quer durch die Stadt, vom Klinikviertel zur Uni, von da in die Südstadt, dann nach Osten und einen Berg hoch. Den letzten Kilometer muss ich den Berg hoch laufen.

Vor dem Rewe-Markt läuft ein Mann mit einem Laubbläser herum und macht damit einen Heidenlärm. Alles für drei Blätter, zumindest sieht es im ersten Moment so aus. Dann sehe ich den Berg an abgebrannten Silvesterfeuerwerk, dass der Mann schon zusammengeblasen hat.

Als ich der Postfrau den Umschlag mit meinem Führerschein überreiche, der jetzt als Einschreiben nach Gütersloh geht, fühlt sich das seltsam unprätentiös an. Ich hatte gedacht das würde jetzt ein andächtiger Moment werden, so rein gefühlsmäßig, aber stattdessen eile ich weiter. Tagesaufgabe 1 erledigt. Morgen wird der Führerschein in Gütersloh sein, dann beginnt das Fahrverbot zu laufen. Zwar darf ich auch heute schon nicht mehr fahren, aber das zählt nicht. Heute ist Tag Null.

Tagesaufgabe 2: Bodenmatten kaufen. Wenn ich mich beeile schaffe ich den Bus noch, der in sieben Minuten von hier zur Arbeit fährt. Fall das nicht klappt, muss ich eine halbe Stunde in der Kälte stehe.

Im Eingang des Aldi-Markts steht ein Mercedes mit laufendem Motor. Darin lehnt ein weißhaariger Mann Mitte 60 mit dem Kopf an der Scheibe. Es gibt sie noch, die Gentlemen, die dafür sorgen, dass die Frau nicht weit laufen muss und ein warmes Auto vorfindet, wenn sie den Einkauf erledigt hat. Boomer, ey.

So, Bodenmatten gefunden, jetzt bezahlen und weg hier. Fünf Minuten noch. Der Mann vor mir hat einen beachtlichen Einkauf in mehre Abrechnungen gesplittet, aber die Kassiererin ist schnell.

Noch vier Minuten. Der Typ ist abkassiert und dreht sich gerade um zum Gehen, als ihm noch was einfällt. „Wo ist der Bon?“, fragt er. „Habe ich ihnen gegeben“, sagt die Kassiererin. „Ich habe den aber nicht“, sagt der Mann.

„Ich habe ihnen den aber gegeben“, sagt die Kassiererin. „Da ist er doch.“ -„Nein, das ist nur der dritte, wo ist der zweite?“ „Den habe ich ihnen auch gegeben“ Der Mann beginnt in seinem Portemonnaie zu wühlen, die Kassiererin in ihrem Mülleimer.

Eine Kundin mischt sich ein. „Hier liegt auch Geld auf dem Boden!“, sagt sie und klaubt 11 Cent auf. „Es geht nicht um Geld“, sagt die Kassiererin. „Es geht darum, dass sie mir meinen Bon nicht gibt“, braust der Mann. „Ich HABE ihnen den gegeben“, sagt die Kassiererin. „HABEN SIE NICHT!“, wird der Mann laut.

„Hat sie, ich habe es gesehen“, sage ich. „Sehen sie! Er hat’s gesehen!“, ruft die Kassiererin und der Mann guckt verwirrt. Ich habe nichts gesehen, ich habe geträumt, aber mich nervt, wie der Mann die Kassiererin angeht. „Was mache ich nun mit dem Geld??“, sagt die andere Kundin und hält die 11 Cent hoch.

Noch zwei Minuten. „Entschuldigen sie, ich muss zum Bus“, sage ich. Die Kassiererin guckt mich genervt an, und ich schiebe ein „Sorry“ hinterher.

Zwei Minuten und einen kurzen Sprint später sitze ich in Linie 73. Wer hätte gedacht, das Busfahren so spannend ist – und man erlebt definitiv mehr als mit dem Auto.


*) um ehrlich zu sein: Nur, wenn ich ein Motorrad aus der Werkstatt holen muss.
**) Theoretisch geht auch die Abgabe an einer Polizeidienststelle, die den Führerschein dann versendet. Aber die Dienststelle in der Göthamer Innenstadt macht das nicht.

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Einen Monat ohne (1): Lappenlos

Das neue Jahr ist da, und ich mache jetzt mal ernst mit einem Monat Enthaltsamkeit. Ich werde einen Monat lang statt des Autos oder eines Motorrads nur Füße, Fahrrad, Busse und Bahn nutzen.

Kann man ja mal machen. Für den Klimaschutz?

Äh, ja…. ganz genau. Ich möchte mehr für den, äh, Klimaschutz machen. Sicher. Diese Erkenntnis kam quasi blitzartig über mich.
Blitzartig, kurz vor Halle in Westfalen.

Ich war auf der Landstraße unterwegs und gerade aus einem Ort rausgefahren. Etwas in Gedanken hatte ich nicht darauf geachtet, wie schnell man da eigentlich fahren durfte, und über einen längeren Abschnitt kam dann auch kein Geschwindigkeitsschild mehr. „100“, zeigte das Navi des Mietwagens an. Na dann.

Aber irgendwas fühlte sich komisch an, und deshalb fuhr ich langsamer. Deutlich langsamer zuerst. Ich hatte ja Zeit, Arbeitstag war vorbei. Im Laufe der Strecke – breit, gut ausgebaut, übersichtlich – ließ ich den Audi wieder schneller rollen.

BLITZ.

Ok, das war jetzt doof. Da war ein Blitzanhänger hinter einem Baum auf der linken Fahrbahnseite. Aber wie schnell durfte man denn jetzt hier eigentlich fahren?

Das erfuhr ich zwei Wochen später, als ich ein Schreiben vom Landkreis Gütersloh im Briefkasten hatte. Weil weiter vorne eine Baustelle war, hatte man offensichtlich auf der Strecke temporär ein Limit von 50 km/h eingerichtet. Ich lag exakt 41 km/h drüber. Das ist ziemlich unglücklich, denn bis 40 Stundenkilometern drüber gibt es nur eine Geldstrafe, ab dem 41. Kilometer ist aber der Lappen einen Monat weg.

Ob ich zum Sachverhalt eine Aussage machen wollte, fragte Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh. Ich schrieb ihr einen netten Brief, in dem ich ihr darlegte, dass ich das wohl war, aber nur unglücklich vor mich hin geträumt hatte. Hätte ich rasen wollen, wäre ich schneller gewesen. Ob wohl dieser nicht vorhandene Vorsatz ein Grund wäre, vielleicht noch mal einen Stundenkilometer abzuziehen und auf 40 km/h drüber zu kommen?

Der Brief sorgte offensichtlich für Erheiterung bei Frau Webermann. Sie bedankte sich für die „längliche Darstellung des Sachverhalts“ und wies darauf hin, das, sollte ich ein Härtefall sein und den Führerschein un-un-unbedingt brauchen, das ja darlegen könne. Dann könnte sie vielleicht das Fahrverbot in eine höhere Geldstrafe umwandeln. Ich bräuchte dafür aber ein Schreiben meines Arbeitgebers, dass ich ohne Lappen quasi meinen Job los wäre.

Ansonsten könnte ich mir aber in einem Viermonatsfenster aussuchen, wann ich zu Fuß gehen wollte, und ich sollte ich doch zusehen, dass ich die führerscheinlose Zeit doch vielleicht in den Urlaub legen sollte. Haha. Ausgerechnet. Wo mein Urlaubskonzept doch gerade von Individualbmobilität geprägt ist. Klar, 3 Wochen Japan, das hätte schon gepasst. Leider wollte ich da auch gerne Auto fahren, wenn auch nur zwei, drei Mal, aber genau für den Zweck hatte ich schon eine Übersetzung meines Führerscheins ins Japanische anfertigen lassen, und war nicht bereit die einfach so abzuschreiben.

Bin ich ein Härtefall, der den Führerschein unbedingt braucht? Ich bin recht häufig auf Dienstreisen, aber meist mit der Bahn. Mietwagen sind da die Ausnahme. Also eher nicht.

Ich hätte natürlich so tun können und dann vor Frau Webermann rumflennen, dass ich armer Mensch ohne Führerschein praktisch nicht mehr lebensfähig bin, aber wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich die Einstellung vertrete, dass man nicht lang jammern soll, wenn man Mist gebaut hat, sondern die Strafe gefälligst ertragen soll. Aus einem Vergehen rauswieseln, das ist nicht mein Ding.

So kommt es, dass ich jetzt zum ersten Mal seit meinem 16. Lebensjahr einen Monat ohne motorisiertes Fahrzeug unterwegs sein werde und hier begleitend aufschreibe, wie das so ist.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich schreibe das hier nicht um rumzujammern, sondern weil ich selbst gespannt bin, wie das wird. Vermutlich unspektakulär, aber man weiß ja nie – ich wohne auf dem Dorf. Nicht weit auf dem Land, aber immerhin. Mobilität war als Ressource für mich die letzten 28 Jahre, mit einer kurzen Ausnahme, praktisch rund um die Uhr verfügbar und selbstverständlich, da wird es vielleicht schon spannend mal zu gucken, wie das ist, wenn etwas selbstverständliches einfach weg ist.

Kategorien: Gnadenloses Leben, kleines gelbes Auto, Motorrad | 24 Kommentare

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