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Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (1): Irgendwie quaddelig

Samstag, 18. September 2021
Bloß raus, bloß weg. Ein Jahr alles gegeben, nun völlig leer, müde und kaputt.
Ausgelaugt. So fühle ich mich und so sehe ich auch aus: Blass, und irgendwie quaddelig.

Ich habe nicht einfach nur Fernweh. Oder Sehnsucht nach Ferne. Darüber bin ich lange weg, die Grenze zwischen „Ich würde gerne mal wegfahren“ und „ICH MUSS HIER RAUS SONST DREHE ICH DURCH“ ist schon länger überschritten, und nur eiserne Selbstbeherrschung hat dafür gesorgt, dass ich nicht so manches Mal in diesem Jahr einfach Sachen zusammengetreten habe.

Weg hier. Den Kopf frei bekommen, endlich wieder was anderes sehen als nur Monitore und die immer gleichen vier Wände zu Hause und die vier Wände im Büro. Seit eineinhalb Jahren Pandemie, seit eineinhalb Jahren fast alle Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice, dazu deutlich mehr Arbeit als vorher.

Ja, schon in den vergangenen drei Jahren war ich irgendwann immer am Ende, kurz vor einer Reise. Aber dieses Jahr ist es heftiger. Der Stress macht jetzt Dinge mit mir, die allerhöchste Alarmzeichen sind. Ich kann gerade nicht mehr als vier, fünf Stunden schlafen, weil sich der Körper in permanenter Alarmbereitschaft befindet und das Hirn gleichzeitig ständig an drei Dingen herumdenkt und dabei gleichzeitig einen Ohrwurm dudelt. Meine Innereien rumpeln und pumpeln, seit mindestens zwei Monaten habe ich Probleme mit Magen und Darm. Und nicht zuletzt höre ich auf dem rechten Ohr seit einigen Wochen nicht mehr viel. Ohrenarzt sagt: Kein körperliches Problem, alle Tests sind supi. In der Theorie müsste ich perfekt hören, in der Praxis fühlt es sich an, als hätte ich Wasser im rechten Ohr.

Aber kann ich das überhaupt? Kann ich jetzt wirklich vier Wochen mit dem Motorrad auf Tour gehen? Das habe ich so lange nicht mehr gemacht. Bin ich fit genug? Schafft das Motorrad das? Was bildest du Dir ein, dass Du denkst, Du könntest das schaffen?, flüstert eine Stimme in mir.

Alles so Gedanken, die mir durch den Kopf kreisen. Deutliches Zeichen, dass ich in diesem Jahr motorradtrchnisch zu viel Theorie und zu wenig Praxis hatte. Dann baut langsam das Vertrauen in mich selbst ab. Ich muss hier weg. Nicht nur in der Theorie.

In der Praxis steht die Barocca (gesprochen: Barocka), die 2011er Suzuki DL650 „V-Strom“, in der Garage. Startbereit. Seit Wochen schon. Frisch gewartet. Die Reifen sind nicht mal richtig eingefahren.

Viel gefahren ist die große Schwarze mit dem Mördervorbau in diesem Jahr noch nicht. Wohin auch? Sie ist meine Reisemaschine, und reisen wollte und konnte ich ohne Impfung in der Pandemie nicht. Da erschien auch Urlaub machen irgendwie sinnlos. Also Arbeit Arbeit Arbeit… bis im Spätsommer endlich die erlösende Impfung kam. Das ist erst acht Wochen her, kommt mir aber vor wie eine Ewigkeit.

Ab dem Moment hatte ich wieder Lust und Traute weg zu fahren, am Besten Ende September. Aber wohin? Nach Rumänien möchte ich schon lange gerne, aber die haben ihre Pandemiezahlen überhaupt nicht im Griff. Oder UK? Nee, wettertechnisch schon zu spät im Jahr und wer weiß, in welchem Chaos die piefige Brexit-Insel versinken wird, vielleicht will ich da nicht mittendrin stecken.

Dann fiel der Beschluss, eine Reise nachzuholen, die ich vergangenes Jahr im Mai gerne gemacht hätte. Es soll nach Griechenland gehen. Einen ganzen Monat soll es auf dem Motorrad bis zur Südspitze des griechischen Festlands gehen. „Na, Mädchen, kriegen wir das hin?“, frage ich die V-Strom und streiche mit der hand über den Sattel. Natürlich kriegen wir das hin. 8.000 Kilometer werden es werden. Die Zahl wirkt groß, aber hey, ich fahre die ja nicht am Stück, sondern in kleinen Etappen, und für jede kann ich mir Zeit nehmen und sie so fahren, wie es für mich richtig ist. Denn natürlich bin ich wieder allein unterwegs.

Seitenkoffer und Topcase sind schon montiert und bereits seit einer Woche fertig gepackt. Hätte ich mich nicht früh darum gekümmert, hätte ich in den vergangenen Tagen keine Zeit zum Packen gefunden. Ein letztes Mal prüfe ich den Sitz des Gepäcks und checke die Maschine und das Garmin Zumo, Spitzname „Anna“, das drahtlos mit meinem Helm und den Reifen des Motorrads verbunden ist.

Alles ist in Ordnung, alles funktioniert wie erwartet. Morgen soll es also losgehen, und ich fühle mich körperlich schwach und erschöpft und geistig der Sache überhaupt nicht gewachsen. Aber ein Teil von mir ist gnadenlos optimistisch und weist darauf hin, dass mir das vor jeder weiten Reise so geht und das ich bislang noch alles geschafft habe, was ich wollte – und raus, einfach nur weg hier, das will ich wirklich, mit jeder Faser.

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Sonntag, 19. September 2021
Es ist 05:30 Uhr. Klamotten an, Schluck Instantkaffee, Sicherungen der Wohnung raus, los geht’s. Es sind 11 Grad, und die Luft hängt voller Niesel. Damit ist wenigstens die Entscheidung schon getroffen, ob ich die Regenkombi anziehe oder nicht. Schnell ist die Stormchaser übergestreift und der Gehörschutz reingepfriemelt, dann schiebe ich die DL 650 auf die Straße und knipse das Licht in der Garage aus.

Kurz darauf rollt die Barocca im Schein der Straßenlaternen aus dem Dorf heraus und auf den Autobahnzubringer.


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Corona-Tagebuch (37): Im Brunnen

Weltweit: 259.628.643 Infektionen, 5.178.043 Todesfälle, 7,5 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 5.595.678 Infektionen, 100.123 Todesfälle
628 Days Gone

Die haben es verkackt.

Also, eigentlich steht überall „Wir haben es verkackt“, wahlweise „Deutschland“ oder „Wir als Gesellschaft“ hätten versagt. Aber ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ICH nichts verkackt habe. Ich war nicht monatelang mit Wahlkampf beschäftigt und habe deshalb die Pandemie versucht wegzulügen; ICH war es nicht, der keine Öffentlichkeitsarbeit hinbekommen hat. Und ICH war es auch nicht, der lieber mit Impfgegnerinnen gekuschelt hat als Vorbereitungen zu treffen. ICH habe auch nicht alle Modellierungen und Warnungen der Virologen ignoriert.

Nein, das waren DIE, die Landes- und Bundespolitiker:innen, die durch Nichtstun und Ignoranz die vierte Welle monumental und mit Ansage verkackt haben. Jetzt haben wir exponentielles Wachstum der Ansteckungsraten unter Ungeimpften. Es sind übrigens, abgesheen von Kindern, die Wenigsten, die sich nicht impfen lassen können. 15 Millionen Menschen in diesem Land WOLLTEN einfach nicht. Aus Protest oder aus Angst, weil sie schlecht informiert oder in die Kaninchenbauten von Verschwörungslügnern gefallen sind. Das ist das Ergebnis:

Noch nie seit Beginn der Pandemie war es so schlimm. Gestern wurde die Schwelle von 100.000 Toten überschritten. Aktuell liegt Deutschland weltweit auf Platz 3 der Länder mit den weltweit meisten Infektionen, nach den USA und UK. Mittlerweile gibt es Reisewarnungen anderer Länder vor dem Besuch in Deutschland.

Was macht die amtierende Bundes- und die Landesregierungen dagegen? Sie beenden die „Epidemische Notlage von nationaler Tragweite“ und deckeln die Auslieferung von Biontech-Impfstoff. Ja, sicher passiert das begründet (Notlage wird durch Gesetz abgelöst, Moderna ist auch gut und überschreitet bald das MHD), aber es sind einfach die falschen Signale zur falschen Zeit. Genau wie die Ankündigung des Chef der Bahngewerkschaft, dass das Personal unmöglich die Einhaltung von 3G kontrollieren könnte.

Zusammenbruch

Ein weiteres Ergebnis des epischen Verkackens: Volle Intensivstationen und ein Gesundheitssystem, dass in Kürze zusammenbrechen wird. Da führt kein Weg mehr drum rum. Wir sehen jetzt die Hospitalisierungsraten für Ansteckungen von vor 14 Tagen. Der richtige Schub an Kranken kommt erst noch. Schon jetzt werden planbare Operationen verschoben. In zwei Wochen werden wir hier Bilder haben wie zu Beginn der Pandemie in Bergamo oder New York. Die Krematorien haben bereits Sondergenehmigungen für den Sonntagsbetrieb erhalten.

Selbst Lothar Wieler, dem Chef de Robert-Koch-Instituts, ist jetzt schon mehrfach vor laufender Kamera der Arsch geplatzt. Viral gingen gerade Ausschnitte aus einer Videokonferenz, in der er die sächsische Landesregierung belehrt, sowie ein Ausschnitt aus der Gesundheitsministerkonferenz, in der er dem neben sich sitzenden Gesundheitsminister offen widerspricht.

Zusammegefasst:
Es ist vorbei.
Das Kind ist im Brunnen.
Alles. Mit. Ansage.

Es gibt kein „flatten the curve“ mehr, alle denkbaren Gegenmaßnahmen wurden zu spät eingeleitet oder gar gänzlich ausgeschlossen.

Licht am Ende des Tunnels

Wer beim Blick auf die Risklayer-Karte denkt: Oh super, weiße Flächen auf der Landkarte! Es wird wieder besser! Dem seit gesagt: Nee. Den Machern sind nur die dunklen Farben ausgegangen. Nach Rot, tiefrot, violett, dunkelviolett und schwarz ging es irgendwann nicht mehr weiter. Das weiße ist also nicht die Coronafreie Zone der Glückseeligen, das ist Sachsen.

Maximal kompliziert

Das epische Verkacken geht übrigens weiter. Man sollte ja meinen, dass Erst- und Boosterimpfungen angesichts der dramatischen Lage so einfach wie möglich zu erhalten seien, und man sich den schützenden Schuss in jeder Apotheke geben lassen kann. Dem ist aber nicht so.

In Niedersachsen ist es so, dass man Impfangebote erst gar nicht findet.

Geht man auf das Impfportal des Landes, bekommt man Stockphotos, Slogans das Impfen ja voll wichtig sei und dann exakt folgende Informationen:

  1. Das Impfportal ist geschlossen.
  2. Zum 1.10., also rechtzeitig vor Beginn der 4. Welle, hat man alle Impfzentren im Land geschlossen und rückgebaut.
  3. Wenn man Informationen möchte, soll man woanders hingehen.
  4. Es gibt eine Hotline, aber die soll man bitte nicht anrufen, und Impfungen vermittelt die schon gar nicht.
  5. Man solle gefälligst Hausärzte kontaktieren, dazu ein Link auf ein Ärzteregister, der in einem Fehler 400 endet.

Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Als bereits absehbar war, dass alle Geimpften einen Booster brauchten und die Impfung von Kindern schon am Hoizont sichtbar ist, in einer Zeit in der niedrigschwellige Impfangebote LEBENSWICHTIG sind… da schließt Niedersachsen die Impfzentren. Un-fass-bar.

Die Hausärzte haben jetzt schon Wartezeiten bis St. Nimmerlein. Es gibt noch mobile Impfteams, die immer mal wieder von 09:00 bis 12:00 Uhr an unterschiedlichen Standorten stehen, aber da ist der Andrang so groß, dass schon morgens um 07:00 Uhr die Leute einmal um den Block stehen und quasi sofort nach Öffnung wieder weggeschickt werden, denn soviel Impfstoff haben die mobilen Teams gar nicht dabei.

Es ist ein Elend. Alles.

Und dann wird noch darüber disktutiert, ob eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen diskrimierend sei. Dazu sagte eine Krankenschwester in einer Rede vor Politikern: „Wenn jemand Taxifahrer werden will und keinen Führerschein hat, käme niemand auf die Idee zu behaupten, dass diese Person diskriminiert wird. Genauso irrsinnig ist es davon zu sprechen, dass ungeimpfte Pflegekräfte diskriminiert werden. Es gibt Freiheiten und es git Pflichten, und es ist keine Freiheit und keine Wahl, Alte und Kranke zu gefährden.“

Starke Worte.
Aber gut, dass die Politik von vornherein eine Impfpflicht ausgeschlossen hat. Wo kämen wir denn da hin, wenn alle, die sich impfen lassen könnten, das auch tun würden?

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Ausrüstungsodyssee

Der November ist grau und kalt, da bietet sich ein Ausflug in den Süden an. Leider konnte ich den nicht selbst antreten, aber immerhin Teile meiner Motorradbekleidung.

Das Innenleben der TechAir-Jacke zieht es alle zwei Jahre nach Asolo, im Veneto. Dort wird die Airbagweste auf Dichtigkeit geprüft, die Treibladungen getauscht, die Sensoren gecheckt, die neueste Steuersoftware aufgespielt und – das ist am Wichtigsten – das Teil wird gewaschen.

Gönnt man sich als TechAir-Besitzer diesen Service für 99 Euro, bekommt man dafür nicht nur ein überholtes und duftendes Kleidungsstück und Seelenfrieden zurück, auch die Herstellergarantie verlängert sich um zwei Jahre. Versand und Rückgabe wird vom Händler organisiert, und über Louis geht das reibungslos und schnell. Im Retourenportal druckt man sich ein Versandlabel, legt einen Brief bei, dass man bitte eine TechAir-Wartung möchte und schickt das Ganze nach Hamburg. Dort wird das Ganze dann behandelt wie eine Reklamation, aber die Mails á la „Es tut uns so leid, dass Du mit uns nicht zufrieden bist“ und „Wir tauschen Deine Ware um“ kann man allesamt ignorieren. Die zeigen nur an, dass der Airbag unterwegs nach Italien ist, und binnen 10 Tagen war die Klamotte wieder hier.

Der Helm war nicht ganz so weit weg und hat trotzdem etwas länger gebraucht, was aber am Lieferdienst lag. Der N104 war nicht im Stammhaus von Nolan in Bergamo, sondern nur in Stuttgart, wo er in der deutschen Niederlassung von Nolan neue Visiermechaniken und Dichtungen bekam und die Verschlüsse gängig gemacht wurden.

Zusammen mit dem neuen Innenfutter und den Wangenpolstern lebt der Helm nun noch etwas länger.

Ich bin nur froh, dass ich ihn wiedergefunden habe – mitten in der Göttinger Innenstadt lag er rum, ganz allein. Das kam so: Mitte letzter Woche kam eine SMS von einem Versanddienstleister, das ein Paket für mich unterwegs sei. In der SMS: Ein Link auf eine kaputte Trackingseite. In Zeiten von Massenphishing über Fake-SMS unbedingt eine vertrauenssteigernde Maßnahmen.

Dann passierte: Nüscht.

Irgendwann habe ich mit die kaputte Trackingseite genauer angeguckt und konnte aus ihr eine Versandnummer rausschütteln, die dann auf einer anderen Trackingseite funktionierte. Stand der Dinge war da: Angeblich war ein Zustellversuch unternommen worden (stimmt nicht), aber ich wäre nicht da gewesen (stimmt auch nicht), und nun sei das Paket bei einem Nolte abgegeben worden. Nett. Nur: Hier gibt es weit und breit keinen Nolte.

Mein erster Gedanke: OK, der Fahrer hatte zu viel zu tun, und um sein Tagespensum zumindest für die Statistik zu erfüllen, hat er selbst das Paket als ausgeliefert unterschrieben und bringt das morgen oder übermorgen.

Doch es passierte: Nüscht.

Für heute hatte ich mir dann vorgenommen, sämtliche Lager des Versanddienstleisters anzurufen. Schon im nächstgelegenen hatte ich Glück. Das Lager selbst, ein Fahrradladen in der Göttinger Innenstadt, sah aus wie das Lagerhaus am Ende von „Jäger des verlorenen Schatzes“ – kein Wunder, wenn die Zusteller nicht mal Benachrichtigungen hinterlassen und die Pakete gleich da hinbringen, dann sammelt sich halt was an.

Wie auch immer: Der N104 ist wieder da. Und mit den Ersatzteilen des upgegradeten Modells ist er besser als an dem Tag, als ich ihn gekauft habe.

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Über rote Ford Fiestas

„Das eine Fahrzeug, vor dem selbst die Fahrer der nobelsten Limousinen Respekt hatten, und mit dem anzulegen sich nicht einmal die PS-Stärksten Fahrzeuge trauten, waren rote Ford Fiestas. Vor roten Ford Fiestas zitterten alle. Dafür gab es einen einfachen Grund: Rote Ford Fiestas hatten schlicht nichts mehr zu verlieren, und genau so wurden sie auch im Straßenverkehr bewegt. Von Fahranfängern, Senioren oder eben auch Fahrern, denen alles egal war. Einem roten Ford Fiesta ging man aus dem Weg, wie man einem tollwütigen Hund aus dem Weg geht. Das war ein ungeschriebenes Gesetz der Straße – auch, wenn es im ungeschriebenen Gesetzbuch eher weiter hinten stand.“

So oder so ähnlich stand der Absatz über rote Ford Fiestas in einem Buch, dessen Namen und Auto ich leider vergessen habe. Vermutlich war es was von Douglas Adams. Würde jedenfalls passen, den der Text enthält einen wahren Kern, wenn auch ins Absurde verdreht: In den Neunzigern war der Ford Fiesta in Großbrittannien eines der meistverkauften Modelle, die beliebteste Farbe war rot, und dementsprechend führten die Karren auch die Unfallstatistik an. „Cause of death: Little old lady in a blue rinse and a red Ford Fiesta“.
Dadurch war „Red Fiesta“ bald ähnlich konnotiert wie die der stehende Begriff der „White Van Man“, die mit ihren weißen Lieferwagen aus dem Nichts auftauchen um einen zu schneiden. Kennt jeder, auch in Deutschland, man muss der Empirie manchmal nur einen Namen geben.

Anyway, als ich das in den 90ern las und dabei an die Arbeitskolleginnen dachte, die einen roten Ford Fiesta fuhren, erkannte ich die tiefe und universelle Wahrheit in diesen Zeilen.

Ich habe diese wahren Worte nie vergessen (anders als halt Buchtitel und Autor), und als ich neulich auf diesen Ford Fiesta stieß, fand ich sie wieder bestätigt. Das ist so eine „hat-nichts-mehr-zu-verlieren-Karre“, und Daimlerfahrer fürchten um ihren Lack, wenn die auf den Straßen unterwegs ist.

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Corona-Tagebuch (36): Die vierte Welle

Weltweit: 251.054.359 Infektionen, 5.068.333 Todesfälle, 7,4 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 4.858.101 Infektionen, 96.968 Todesfälle
613 Days Gone

Lange keinen Eintrag mehr im Corona-Tagebuch gehabt, und das aus gutem Grund. Die Infektionszahlen waren im August und September moderat und zogen nur leicht an. Über Corona wurde nicht viel gesprochen, weil: Wahlkampf, Bundestagswahl. Außer Karl Lauterbach sprang kein Politiker durch die Kulisse und verbreitete schlechte Laune mit Warnungen vor einer vierten Welle. Es gab auch keine große angelegte Werbekampagne für die Impfung, keine Aufklärungsstrategie, und Vorbereitungen auf den Herbst ohnehin nicht. Jetzt ist es nach der Bundestagswahl, und gefühlt passiert – weiterhin nichts. Die geschäftsführende, alte Regierung sitzt gefühlt auf ihren Händen, einzelne CXU-Ministerpräsidenten verlangen Maßnahmen von den Wahlgewinnern, aber die haben noch nicht mal entschieden, wie und ob sie koalieren wollen. Im Besten Fall gibt es um Weihnachten herum eine neue Bundesregierung. Dann ist satte fünf Monate nichts passiert.

Oh, eine Sache hat die alte Bundesregierung doch gemacht. Sie rechnete sich während des Wahlkampfes die Warnstufen schön, indem man im Gesundheitsministerium die Auslastung der Intensivbetten als Indikator für den Stand der Pandemie heranzog.

Das RKI schlug vor, statt der Inzidenz die Hospitalisierungsrate, also die Zahl der Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner, heranzuziehen. Das wäre vernünftig, denn Ansteckungen bei Geimpften verlaufen meist glimpflich. Die Ansteckungen steigen aber gerade exponentiell an, und hospitalisiert werden vor allem Ungeimpfte.

Ungeimpft sind leider noch viel zu viele. Stand heute kommt Deutschland nur auf eine Impfquote von 67,3%, damit liegen wir teils weit hinter anderen Ländern. 15 Millionen Menschen könnten sich impfen lassen, tun es aber nicht. Warum? Manche tun das bewusst und mit lautem Protest, manche sind schlecht informiert, andere einfach nur bequem. Dabei gilt die vierte Welle jetzt schon als „Pandemie der Ungeimpften“. Das hören Querdenker zwar nicht gerne und behaupten, das sei diskriminierend, aber die aggressive und dominierende Deltavariante haut nunmal durch. Die Zahlen belegen das:

Delta haut aber auch durch Impfungen durch. Die Impfstoffe wurden gegen die Wildvariante entwickelt, Delta ist aber ein anderes Biest. Das schlägt durch, wenn der Impfschutz nach sechs Monaten anfängt abzuklingen. Deshalb gilt nun, dass sich alle nach einem halben Jahr eine dritte Injektion geben lassen sollen.

Ist das ethisch richtig, das wir uns in Deutschland die dritte Dosis geben, wo Menschen im globalen Süden noch gar keine Impfung hatten? Das Ding ist: Wenn wir Sparsam sind, dann bringt das eventuell anderen gar nichts, denn die EU Kommission hat den Herstellern der Impfstoffe zugesagt, dass die Verbieten dürfen, dass Impfdosen von EU-Ländern in andere Länder abgetreten werden. Ein „Ich verzichte auf meinen Booster“ hat also unter Umständen zur Folge, dass bereits bestellter und bezahlter Impfstoff schlicht weggeschüttet wird. Die Welt ist grausam.

Das es Impfdurchbrüche gibt, ist natürlich Wasser auf den Mühlen der Querdenker und Esoteriker, trotz obiger Zahlen bzgl. Hospialisierung tönt es jetzt: „Höhöhö, guckt mal, die staatliche Zwangsimpfung mit den 5G-Gift bringts ja nicht, höhöhö“. Tja. Was soll man zu solchen Leuten noch sagen? Gar nichts vielleicht, schlägt Heidi Kastner vor. Die Autorin hat ein Buch über Dummheit geschrieben und darüber mit dem schweizer Tagesanzeiger gesprochen. Dabei ist dieser denkwürdige Wortwechsel entstanden:

…und das beginnt die sich ändernde Stimmung abzubilden. Im vergangenen Jahr war es ein „Wir hängen alle gemeinsam in der Pandemie, wie kommen da irgendwie durch“. Jetzt ist es ein „Wir sind immer noch nicht durch die Pandemie, weil sich so viele nicht impfen lassen“.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist FÜR eine Impfung, die Abstimmung fand mit der Nadel statt. Und diese Mehrheit verliert die Geduld mit den unsolidarischen Pieptröten, die der Meinung sind, ob sie sich Impfen lassen oder nicht, sei nur ihre Sache. Denn zumindest für die Intensivbetten, die die Querdenker belegen, zahlen wir alle.

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Herbst! Saisonende 2021 & Jahresstatistik

Also höret und lobet das Herbstwiesel,
das Euch wissen lässt,
dass nun die Zeit für lange Abende bei Netflix und guten Büchern und Heißgetränken der eigenen Wahl angebrochen ist!

Auf das alles kuschelig sein möge und gemütliches Einmuckeln zelebriert werde!
Auf der Couch rumliegen und Videospiele spielen ist nun keine Sünde mehr,
denn die Zeit des Motorrads ist für dieses Jahr vorbei!
Preiset das Herbstwiesel, das die Blätter bunt anmalt und alles gemütlich werden lässt!

Die Motorradsaison 2021 ist mit dieser Proklamation offiziell beendet.
Wer jetzt nicht mehr fährt, muss kein schlechtes Gewissen haben. Der Segen des Herbstwiesels entbindet Euch vom Drang, nochmal auf´s Mopped zu müssen.

Die Ode an das Herbstwiesel beendet eine Saison, die für mich einen ziemlich zerfransten Beginn ohne eine festen Anfang hatte. Schuld daran war ein überaus langer und harter Winter und, natürlich, Corona. Wir befinden uns in Jahr 2 der Pandemie, und zu Jahresbeginn gab es keinen Impfstoff. Nun mache ich am Liebsten Touren mit dem Mopped, am Besten mit Übernachtungen. Aber das ging, keine Frage, ungeimpft einfach nicht. Folgerichtig blieb die Suzuki DL650 V-Strom „Barocca“, die Fernreisemaschine, nach einem kurzen Besuch bei der HU im März lange eingemottet.

Die Kawasaki ZZR 600 „Renaissance“ durfte eher raus, irgendwann so im April, nachdem sie eine neue Batterie bekommen hatte. Stellt sich raus: Original-Yuasa-Batterien halten in ZZRs ziemlich genau 4-5 Jahre, dann sind sie am Ende. Muss wohl an den komischen (und gerne mal durchbrennenden) Ladekonstruktionen der Kawasaki liegen, die gleiche Batterie hält in anderen Modellen deutlich länger.

Sei´s drum, die ZZR bekam ebenfalls noch mal die Plakette der HU und danach im Alltag und auf Kurzstrecken bewegt. Einkaufen, zur Arbeit, mal ein kurzer Trip in den Harz, mehr nicht. Die V-Strom kam erst im August an´s Tageslicht und wurde dann vorbereitet auf eine neue Fernreise. Dafür bekam sie (zur Vorsicht) eine neue Batterie und eine neue Satteltasche und wurde einmal rundum neu eingestellt.

Die dann folgende Tour führte über Österreich und Italien nach Griechenland und wieder zurück. 7.300 Kilometer ohne Panne und ohne Unfall, und der eine Umfall unterwegs hat eher mein Ego als die Maschine beschädigt. Bei V-Strom muss ich mich nun langsam fragen, wie lang unsere gemeinsame Zeit noch dauern wird.

11 Jahre ist sie jetzt alt und hat 82.000 Kilometer auf der Uhr. Jetzt werden langsam Kunststoffteile porös, und das wird teuer. Vielleicht wäre dann eine neue Maschine besser, aber, ganz ehrlich: Ich habe aktuell keinerlei Lust darauf. Die Barocca ist so, wie sie jetzt ist, perfekt für meine Bedarfe. Jetzt wieder von vorn anzufangen mit Probefahrten, Moppedkauf, dann Basteleien wie Gepäcksystem, anderer Sitzbank usw… da habe ich gerade keine Nerv drauf. Mal gucken, vielleicht ändert sich das noch. Die Entscheidung schiebe ich ganz entgegen meiner Art, vor mir her.

Nicht vor mir hergeschoben wird die Wartung der Schutzkleidung. Die TechAir hat nun schon ihr 4. Jahr hinter sich, insgesamt bin ich mit der Airbagjacke also schon über 30.000 Kilometer gefahren. Seit dem letzten Softwareupdate vor zwei Jahre geht die Kalibrierung superschnell und absolut zuverlässig, und abgesehen vom hohen Gewicht und dem festsitzenden Schweigeruch ist das Ding nach wie vor super. Deshalb tritt die jetzt auch eine Reise nach Asolo an, wo das Ding komplett geprüft, gewartet und gereinigt wird und dann wieder zwei Jahre Herstellergarantie hat.

In der Summe also ein unspektakuläres Motorradjahr mit, pandemiebedingt, zu wenigen Reisen. Aber auch ohne Pannen oder gar Unfälle, und wie immer an dieser Stelle möchte ich dafür einfach mal sehr dankbar sein.

Nun ist es wieder Zeit für Statistik, einfach mal die Daten der Motorräder angucken und wirken lassen.

Die Detailaufstellungen folgen nach dem Klick. Wer sich Einzelheiten angucken möchte, findet die Daten beider Maschinen online:

ZZR 600 Renaissance bei Spritmonitor.de
DL 650 Barocca bei Spritmonitor.de
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Kategorien: Motorrad | 4 Kommentare

Momentaufnahme: Oktober 2021

Herr Silencer im Oktober 2021

Wort des Monats:HÖR AUF MIT DIESEM MIST!

Wetter: In Griechenland ist es mit 9 bis 18 Grad kühl und windig. Ab dem 16.10. bin ich wieder in Deutschland, hier ist es ebenfalls kühl, und ab dem 20. fangen die Herbststürme an und blasen das bunte Laub in Massen von den Bäumen. Binnen zwei Tagen sind die Bäume kahl, und dann wird es kalt, bis an den Gefrierpunkt heran.


Lesen:

Jasper Fforde: The Great Troll War
In einem alternativen England: Die 16-jährige Jennifer Strange leitete einst das Altenheim für Zauberer, mittlerweile ist sie aber zur letzten Drachentöterin und Besitzerin eines waffenstarrenden Quarkbiests geworden. Das hilft ihr aber alles nicht, als England aus dem Norden von Horden von Trollen angegriffen wird. Lediglich ein mit Knöpfen gefüllter Graben (Trolle hassen Knöpfe) steht zwischen den hungrigen Invasoren und dem unvereinigten Königreich.

Was Jasper Fforde kann: Worldbuilding. Egal ob die Buchwelt aus den „Thursday Next“-Büchern, der Eiswelt aus „Early Riser“ oder hier eine Welt mit sterbender Magie: Es ist völlig faszinierend und urkomisch, was der Mann sich an Welten und Gesellschaften mit eigenen Regeln ausdenkt. Was Jasper Fforde nicht kann: Charaktere schreiben. Seine Figuren drücken sich nur über innere Monologe aus, und die Protagonistin ist IMMER allwissend und handelt immer genial. Das erzeugt das Gefühl lebendige Welten zu haben, in denen unglaubwürdige Charaktere aus Presspappe herumstolpern. Das sich der Autor nach „Early Riser“ schon wieder als Ich-Erzähler in ein minderjähriges Mädchen versetzt ist zudem… seltsam.

Das Buch an sich ist nett und bringt die Story zu einem gelungenen Ende.

Christopher Marzi: London
Jahre nach den Ereignissen der Vorgängerbücher „Lycidas“, „Lilith“ und „Somnia“: Emily Laing will nach London zurückkehren, stellt aber voller Entsetzen fest, dass es nicht existiert. Auch nie existiert hat, denn die Hauptstadt Englands ist immer schon Oxford gewesen. Auf Umwegen gelangt sie doch wieder in die Stadt der Schornsteine, aber die hat sich verändert: Sie ist isoliert, löst sich auf, die Menschen in ihr werden Wahnsinnig. Es ist, als hätte die Stadt ihre Seele verloren.

Für Christopher Marzi muss man schon in der richtigen Stimmung sein und sich Zeit nehmen. Nicht nur, dass er seine Welten höchst erkennbar aus Ideen von Autoren wie Neil Gaiman zusammensetzt. Nein, ausschweifend und redundant ist seine Erzählweise, jeder Handlungsfortschritt wird noch drei mal von den Figuren reflektiert, die an ihre Sichtweise stets ihren Catchphrase anhängen. Ich kann das nicht immer ertragen, zumal im Fall von „Somnia“ das Drehen von Schleifen so schlimm war, dass ich mittendrin lange Pause machen musste. „London“ ist ähnlich langatmig geschrieben, bringt aber zum Glück eine superspannende Geschichte mit, von der ich immer wissen wollte wie sie weitergeht und die mich bei der Stange gehalten hat.

Zugleich ist „London“ ein möglicher Abschied von den liebgewonnenen Figuren, deren werden man über 4 Bücher verfolgen konnte – und ein sehr gelungener dazu.


Hören:


Sehen:

Squid Game [2021, Netflix]
Glücksspielsüchtiger Universalverlierer wird mit 455 anderen, hoch verschuldeten Menschen zu einem Spiel auf Leben und Tod eingeladen. Der „last Person standing“ winken 33 Millionen Dollar, alle anderen werden gnadenlos hingerichtet.

Natürlich habe auch ich „Squid Game“ geguckt. Die 9-teilige Serie wird ja gerade quer über den Globus gehyped, und das nicht ohne Grund. Sie hat eine interessante Grundidee und spannende Wendungen. Sie ist aber weit davon entfernt perfekt zu sein. Was westliche Zuschauer aber wohl vor allem hooked ist der ungewohnte Look und das Spiel der Darsteller. Das ist typisch koreanisch, mit seinen Situationen, Farben und dem Overacting, aber wenn man das nicht schon einmal gesehen hat, z.B. im hervorragenden Film „Parasite“, dann wirkt das neu, unverbraucht und interessant.

Keine perfekte Serie also, aber wer vor Blut und Totschlag keine Angst hat oder sogar Filme wie „Saw“ oder „Escape Room“ mag, der wird hier viel Freude haben.

Free Guy [2021, Disney+]
Guy ist ein netter Kerl und lebt in einer Stadt, in der permanent Leute mit Sonnenbrillen Raubüberfälle begehen, Dinge in die Luft sprengen oder sich wilde Autojagden mit der Polizei liefern – das ist quasi Routine, und zu Guys Job gehört es, das Tag für Tag die Bank, in der er arbeitet, überfallen wird. Denn: Guy ist eine Non-Player-Figur, ein NPC, in einem GTA-ähnlichen Videospiel. Problematisch wird es, als er sich dessen bewusst wird und selbst die Fertigkeiten der Spieler bekommt.

Ein Film für Videospieler mit GTA-Erfahrung! Auch alle anderen werden hieran ihren Spaß haben, denn „Free Guy“ ist eine gut gemachte, kurzweilige Actionkomödie mit einer lustigen Leichtigkeit, die ich schon lange nicht mehr auf der Leinwand gesehen habe. Wer zudem Videospiele mag, der hat noch einmal extra Freude an den vielen, großartigen und sehr liebevollen GTA-Anspielungen.

Tucker and Dale vs. Evil [2010, BluRay]
Eine Gruppe von Collegestudierenden macht einen Ausflug in einen abgelegenen Teil der USA. Beim Campen im dunklen Wald stehen sie plötzlich zwei Rednecks mit Kettensäge und Sense gegenüber. Was dann passiert….

…ist alles andere als erwartbar. Während die beiden absolut harmlosen und liebenswerten Rednecks Tucker und Dale noch zu begreifen versuchen was hier eigentlich los ist, verfallen die Collegekids in Panik, weil sie glauben in einer Slashergeschichte gelandet zu sein. Während des kopflosen Herumhühnerns stirbt wirklich einer nach dem anderen – an eigener Dummheit. Tucker und Dale ziehen fassungslos den Schluss: Das muss ein Selbstmordkult sein. Doch dann stehen sie dem absoluten Bösen gegenüber – dem BWL-Studenten.

„Tucker and Dale vs. Evil“ ist ein wunderbarer kleiner Film und so ziemlich das schweinelustigste, was ich in 2012 gesehen habe, zeigt er doch auf´s Schönste, wie Vorurteile fatale Folgen haben können.

Dark City [1998, BluRay]
John Murdock erwacht ohne Erinnerung in einer Badewanne in einem heruntergekommen Hotelzimmer. Am Telefon wird er dazu gedrängt, so schnell wie möglich zu flüchten – und tatsächlich sind eine Gruppe blasser, dürrer Männer hinter ihm her, die ihn durch die Straßen der dunklen Stadt hetzen.

Immer noch ein Meisterwerk: Die „Dark City“ ist einer der Höhepunkte des Neo-Noir, einer recht kurzlebigen Bewegung von Mitte der 90er bis Mitte der 2000er, zu der auch „The Crow“, „Sin City“ und „Matrix“ gehören. Dark City hat einfach alles: Hervorragendes Art-Deko-Design, düstere Ausleuchtung, super Schauspieler. Highlight ist aber die verwirrende Story, die tatsächlich auch „Matrix“ geprägt haben dürfte, auch wenn dieser Film in eine deutlich andere Richtung geht. Ich weiß noch, wie mir beim großen Reveal, was die Dunkle Stadt wirklich ist, im Kino der Mund offen stehen blieb – und diesen Effekt hat das ganze heute noch. Ein moderner Klassiker.


Spielen:

Assassins Creed Valhalla: Die Belagerung von Paris [PS5, 2021]
Wikingerin Eivor verschlägt es nach Frankreich, wo Karl der Dicke einen Krieg mit ihrer Wahlheimat England beginnen will. In Paris, das im Jahre 900 gerade mal aus einer Ansammlung schlammiger Hütten und einer Festung auf der Ile de la Cite besteht, muss sie sich mit dekadenten Königen herumschlagen und einen Sturm der Wikinger auf die Stadt verhindern.

Gähn. More-More-More of the same. Der Landstrich in Frankreich, von Paris bis Amiens, ist trotz Asset-Recyclings recht groß und wie immer hübsch gemacht, aber man reitet schon wieder stundenlang durch die Landschaft um Ressourcen einzusammeln, die man nicht braucht, Schätze zu finden, die allesamt uninteressant sind, Ausrüstung zu bekommen, die schlechter ist als die, die man schon hat und dabei viele, VIELE Schlüssel und Zugänge zu suchen. Gerade dieses Spielelement wird hier dermaßen überstrapaziert, dass ich anfange zu schreien, wenn ich nur noch einmal höre „This Door is barred from the other side“ oder „I need to find the key“. Im Ernst, selbst für den Bosskampf muss man erstmal Schlüssel finden.

Die Story mäandert hin und her, die schlecht animierten Charaktere tun völlig ohne Konsistenz nur das, was die Story gerade braucht, das Pacing geht stellenweise völlig den Bach runter. Und wo versucht wird etwas neues zu machen, klappt das selten gut – die Pestratten zum Beispiel sind ein unausgegorenes und damit nerviges Spielelement, und die neuen, völlig overpowerten und teils unverwundbaren „Pikenträger“ sind einfach ein riesiges Ärgernis, das überhaupt keinen Spielspass aufkommen lässt.

Wem Assassins Creed Valhalla mit seinen bislang 140 Spielstunden (Hauptspiel und dem ersten DLC) noch nicht genug auf den Sack gegangen ist, dem bietet der „Paris“-DLC hier noch einmal 10 Stunden Gelegenheit dazu, und keine Minute davon macht Spaß.

Ich bin eigentlich ein AC-Fan, aber hier möchte ich nur noch, dass die, bereits zu Tode gemolkene, Kuh endlich verreckt. Leider sieht es nicht danach aus, „Valhalla“ ist Ubisofts erfolgreichstes Game bislang, und gerade wurde ein weiterer DLC angekündigt. Würg.


Machen:
Bis zur Monatshälfte: Motorradreise! Das ist sehr schön.


Neues Spielzeug:
V-Strom in kleiner Inspektion, Auto in großer Inspektion, neue Brille. Sehr teurer Monat.

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Wann ist ein Helm alt?

Motorradhelme altern, weswegen man sie nicht ewig nutzen kann. Aber wann ist ein Helm eigentlich zu alt?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Eine Aussage, die immer wieder durch die Medien geistert: Alle fünf bis sieben Jahre solle man einen Motorradhelm erneuern.

Schaut man dann mal, wo diese Aussage herkommt und wie sie sich begründet, stellt man schnell fest, dass diese Empfehlung, zumindest im deutschsprachigen Raum, maßgeblich vom „Goslar Institut“ prominent in die Welt gesetzt und dann von allen anderen mehr oder weniger abgeschrieben wurde. Das „Goslar Institut“ beruft sich für seine Empfehlung seinerseits auf „Experten“, benennt die aber weder noch belegt es deren angebliche Aussagen.

Nun klingt der Begriff „Institut“ wissenschaftlich, ist aber in Deutschland nicht geschützt. Guckt man beim Goslar Institut etwas genauer hin, sieht man, dass es sich um einen Verein handelt, der eine Tochter der Versicherung HUK Coburg ist. Vereinszweck: „Verbraucher über Versicherungsprodukte aufzuklären“. Nicht verwerflich, aber eher ein PR-Outlet, von dem man vielleicht nicht unbedingt wissenschaftliche Studien erwarten sollte.

Die Helmhersteller halten sich mit offensiven Aussagen zur Haltbarkeit ihrer Produkte eher zurück, sprechen aber auf Anfrage aber durchaus auch von fünf bis sieben Jahren (Hier z.B. Schuberth, Nolan gewährt max. sieben Jahre ab Herstellung oder fünf Jahre ab Kauf die italienische Garantie, also Nachbesserung von Fehlern).

Die Zeitschrift „Motorrad“ hat es einfach mal ausprobiert und ist in Experimenten und Messreihen der Frage nachgegangen, ob sich mit zunehmendem Alter die Helmschale zersetzt oder die Dämpfungswirkung nachlässt. Das, etwas überraschende, Ergebnis:

Bis auf eine Ausnahme standen die Stoßdämpfungswerte der getesteten alten Helme denen neuer Exemplare desselben Typs nur wenig nach. Eine substantielle Verschlechterung infolge Alterung ist demnach nicht zu erkennen, die Werte können sich sogar im Vergleich mit aktuellen Helmen sehen lassen.

Quelle: Motorrad

Es sind also nicht die Helmschale aus Polycarbonat oder Fiberglass oder die Dämpfschicht aus Polystyrol, die altern.
Es ist das Innenleben, das altert.

Labberig und faltig

Was nämlich ganz maßgeblich im Laufe der Zeit leidet ist das Innenfutter. Das sorgt normalerweise dafür, dass ein Helm stramm auf dem Kopf sitzt und während der Fahrt oder bei einem Aufprall nicht verrutscht. Dieses Innenfutter ist meist gefüllt mit Schaumstoff, und der wird beim Tragen fortwährend komprimiert und mit Schweiß getränkt. Irgendwann verliert er dann die Form, wird immer flacher und am Ende rutscht der Helm auf dem Kopf rum. Der Prozess ist schleichend, das merkt man als Helmträger erst, wenn man im direkten Vergleich zum eigenen Helm dann mal einen neuen auf dem Kopf hat.

Nach meiner Erfahrung liegt der Zeitraum, in dem die Innenpolsterung ihren Geist aufgibt, genau in den überall kolportierten fünf bis sieben Jahren.

Extrem ist mir das aufgefallen bei einem Billighelm von Nexo (wird vertrieben u.a. von Polo oder Lidl), dessen Innenpolster (nicht die Dämpfungsschicht) sich nach fünf Jahren in kleine, schwarze Bröckchen auflöste. Krass war auch 2016 der Wechsel vom Nolan N90 auf den N104 nach rund sechs Jahren. Als der neue Helm am Start war und stramm und knackig auf der Birne saß, mochte ich den alten gar nicht mehr tragen. Zu weit fühlte der sich an, zu rutschig, und das Innenfutter labbrig und speckig.

Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob man das Innenfutter regelmäßig mit so einem teuren Schaumreiniger aus dem Zubehörhandel shampooniert oder, wie ich es mit dem N90 regelmäßig gemacht habe, sogar per Hand auswäscht. Die Polsterung verliert trotzdem an Dicke, und man kriegt mit dem Schaum nie ganz den Schweiß aus den Polster, die man dort in heißen Sommern literweise hineinvergossen hat.

In conclusio: Ja, nach fünf bis sieben Jahren ist ein Helm zu alt und sollte getauscht werden.

Lebenserhaltende Maßnahmen

Mein aktuelles Problem ist nun: Mein geliebter N104 hat seinen fünften Sommer hinter sich und oh ja, was habe ich da an Schweiß hineingepladdert. Leider gibt es den nicht mehr zu kaufen, und der Nachfolger, der N100-5, ist ein wenig wie Kelly Bundy: Kann man hübsch finden, will man aber nicht dauernd um sich haben.
Schuberth-Helme passen mir nicht, andere Marken und Modelle bieten nicht das, was ich in einem Helm suche.

Mit anderen Worten: Auch wenn der N104 keine Schönheit ist und von Vorne aussieht wie ein bekifft grinsender Fisch – für mich ist er perfekt, und ich will den nicht austauschen!

Nach der schweißtreibenden Tour in diesem Jahr und der Feststellung, dass es NOCH alle Ersatzteile für den N104 gibt, von der Visiermechanik bis zum Windabweiser, wollte ich dessen Leben ein wenig verlängern und bestellte ein neues Innenleben, sowohl ein Innenfutter als auch Wangenpolster.

Die Wangenpolster hatte ich vor drei Jahren schon einmal ausgetauscht und damit meinen N104 in Sachen Ausstattung und Schalldämmung vom Modell „Evo“ auf „Absolute“ hochgepimpt – die Befestigungspunkte sind bei allen Modellreihen zum Glück die gleichen.

Auch dieses Mal hatte ich wieder den Effekt, dass sich das alte Innenpolster und die erst drei Jahre alten Wangenpolster des Helms zwar speckig, aber durchaus noch nicht komprimiert anfühlten. Die haben aber tatsächlich schon wieder abgebaut, und der Unterschied ist sogar messbar: Einen ganzen Zentimeter hat sich jedes Wangenpolster komprimiert und damit geweitet. Man sieht es sogar mit bloßem Auge. Links ist das neue, rechts das drei Jahre alte Wangenpolster:

Das ist jetzt nicht dramatisch, und zumindest im Wangenbereich saß der Helm noch Okay, aber die neuen sind schon deutlich straffer. Auch das alte Innenfutter war bereits deutlich dünner als das neue, mit dem der Helm wieder etwas höher auf meinem Kopf sitzt.

Jährliche Wartung

Was regelmäßig und nahezu jedes Jahr getauscht wird sind die Visiere. Der N104 hat drei davon: Das normale Außenvisier, ein fest daran anliegendes Innenvisier („Pinlock“), dass das Beschlagen verhindert, und ein Sonnenvisier.

Das Außenvisier und das Pinlock checke ich regelmäßig und erneuere sie, sobald sie zu viele Kratzer aufweisen. In Kratzern bricht sich das Licht, und gerade in der Dunkelheit und bei entgegenkommenden Fahrzeugen kann das die Sicht beeinträchtigen.

Das Sonnenvisier sollte eigentlich nicht zerkratzen, hat aber in den letzten Jahren trotzdem was abbekommen. Die Kratzer und Riefen sind leider massiv und genau im Blickfeld, deshalb musste das Ding jetzt leider ausgetauscht werden.

Der Helmkragen wird tatsächlich nur ein wenig mit Seifenschaum shamponiert und dann feucht abgerieben, aber der hat auch nur schalldämpfende Wirkung und keine schlagdämpfende.

Die Dichtungen sind gerade dabei aufzugeben, da kommt schon vereinzelt Regen durch. Bevor ich den Helm einwintere, werden die normalerweise mit Gummipflege betupft, um dem Aushärten zumindest ein wenig entgegenzuwirken. Dieses Jahr geht der Helm aber mal zur Wartung beim sehr guten Nolan Service, die werden sich um neue Dichtungen kümmern und ebenso um die Visiermechanik, die langsam etwas ausgenudelt ist, weshalb das Visier bei schneller Fahrt gerne mal zufällt.

Nach Einbau der neuen Polster sitzt der N104 wie ein ganz neuer Helm, und ich hoffe mal, dass ich mit diesen Maßnahmen seine Lebensdauer verlängert habe. Zumindest solange, bis Nolan einen Nachfolger rausbringt, mit dem ich besser klar komme als mit dem 105.

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Familiäre Dialoge -XIV-

Am Telefon.

Vater: „Ah, Sohn.“ (Mißtrauisch) „Warum rufst Du an?“

Ich: „Ich wollte nur mal hören wie es Dir so geht. Wir haben uns dieses Jahr erst ein Mal gesprochen, da dachte ich, es wird mal wieder Zeit.“

Vater: „Ah, wie soll es gehen, beschissen halt alles, aber was willste machen, ne. Ich habe halt so Schmerzen im Knie und kann nicht mehr laufen und nichts mehr machen und Sonntags fahren wir ins Café Tulpe und dann trinken wir da Kaffee und…“

Ich: „Mit Deinem Knie willst Du nicht mal zu einem Arzt? Du weißt doch, dass man da was machen kann.“

Vater: „Ich bin doch alle drei Monate bei der Ärztin! Der sage ich das immer! Die macht da nix! Ü-Ber-Haupt-Nichts!!“

Ich: „Hast Du denn inzwischen eine Hausärztin? Oder reden wir hier immer noch von Frau Bärmann?“

Vater: „Sohn, Hör doch mal zu! Natürlich reden wir von der Bärmann! Die macht nix! Nichts macht die!“

Ich: „Vater, Frau Bärmann ist deine Diabetesberaterin, keine Ärztin! Die hat Pflege gelernt! Natürlich macht die nichts, wenn Du der was von deinen Knieschmerzen oder den Lungenproblemen erzählst. Die kann auch gar nichts machen! Warum suchst Du dir nicht endlich mal einen Hausarzt oder eine Hausärztin?“

Vater: „Warum? Ich bin doch gesund!“

Ich: „Seufz. Bist du wenigstens mittlerweile geimpft?“

Vater: „Warum fragst Du das?“

Ich: „Weil Du 80 Jahre alt bist, Herz und Lunge hast und wir mitten in einer Pandemie stecken!“

Vater: „Mensch Sohn, ich habe doch gar keinen Kontakt mit anderen Leuten…“

Ich: „…Außer bei Deinen täglichen Besuchen im Supermarkt und im Baumarkt und jede Woche im Café Tulpe oder wenn Du Leute spontan triffst.“

Vater: „Genau mein reden, ich gehe praktisch NIE unter Leute! Und impfen, wie soll denn das gehen? Die impfen doch bei uns hier gar nicht!“

Ich (fassungslos): „Die. Impfen. Bei. Euch. nicht.“

Vater: „Nee, die impfen nicht. Die fahren hier mit so einem Bus rum aber man weiß nie wo der hält. Und das Impfzentrum ist drei Orte weiter da weiß ich gar nicht wo das sein soll.“

Ich: „Vater, ich hatte Dir schon im Februar angeboten dir da einen Termin zu machen und dich da hinzufahren. Und mittlerweile impft JEDER Arzt, da braucht man nur mal kurz anzurufen und sich einen Termin geben zu lassen“

Vater: „Ich habe doch einen Termin! Am 27. November habe ich wieder einen Termin! Und ich wette, die Ärztin bietet mir wieder keine Impfung an!“

Ich: „Lass mich raten, am 27. Hast Du wieder einen Diabetestermin bei Frau Bärmann?“

Vater: „Du hörst nie zu, oder? Das war ja schon immer so. Natürlich bei der Bärmann! Bei wem denn sonst! Aber die macht nichts! Nie macht die was!“

Ich: „Und die Windbeutel im Café Tulpe, sind die gut?“

Vater: „Ja sehr lecker. Am Sonntag sind wir wieder da, in großer Runde!“

Bemerkenswert sind hier mehrere Dinge. Zum einen, in welcher Geschwindigkeit der alte Mann sich noch Ausreden aus dem Hintern zu ziehen vermag und binnen zwei Sätzen von „Ich gehe nie raus“ über „die Impfen bei uns nicht“ zu „die „Ärztin“ ist schuld“ wechseln kann und das flüssig und sogar beinahe eloquent runterlügt.

Zum anderen die Feststellung, das mein Vater ein Level an Faulheit erreicht hat, dem man impftechnisch nur begegnen könnte, wenn die Zeugen Jehovas mit Impfangeboten von Tür zu Tür gingen – und selbst dann hätte er vermutlich einen Grund, warum es jetzt gerade nicht passt. „Ich muss jetzt in den Baumarkt“ oder „Barbara Salesch fängt gleich an, deshalb passt es nicht, aber sonst würde ich mich impfen lassen.“

Tja. Ich habe aufgehört mir einzubilden, dass ich daran etwas ändern kann. Man ändert keine Menschen, die acht Jahrzehnte mit ihrer Art durchgekommen sind.

Frühere Dialoge:
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 7 Kommentare

7.306

Pandemie, Pandemie, Pandemie. Das sind die drei Gründe, weshalb ich im Frühjahr und Sommer schön zu Hause geblieben bin. Im Spätsommer kam dann die erlösende Impfung, und ich begann wieder Pläne zu machen. Ich wollte raus, wollte weg, wollte etwas anderes sehen als nur die vier Wände im Büro und daheim. Aber wohin?

Geplant war Rumänien, aber weder dort noch in den Transitländern hat man gerade die Pandemie im Griff. UK wäre nett gewesen, aber das Brexitchaos zeichnete sich schon ab, und in Anbetracht der Tatsache, dass es dort jetzt vielerorts kein Benzin mehr zu kaufen gibt bin ich heilfroh, einen weiten Bogen um die Insel gemacht zu haben. Denn letztlich ging es genau in die andere Richtung, um eine Reise nachzuholen, die ich eigentlich im Mai 2020 hätte antreten wollen: Nach Griechenland! Schon seit meiner ersten, kurzen Begegnung mit den Land, während der Überraschungsreise 2015, wollte ich Land und Leute besser kennenlernen.

So kam es, dass ich Mitte September in den Sattel der Barocca stieg und mit ihr und unter Zuhilfenahme eines Schiffs nach Griechenland reiste. Dort drehten wir dann eine große Runde…

…und sind jetzt, nach insgesamt einem Monat und 7.306 gefahrenen Kilometern, wieder zuhause. Würde man die Schiffskilometer mitrechnen, wären es rund 8.800. Das ist die zweitlängste Tour, die ich je gefahren bin.

Die 650er V-Strom hat super durchgehalten, trotz widriger Umstände wie Regen und kalten Temperaturen. Und damit meine ich nicht „Nieselregen“ und „ein wenig kühl“ – denn das und windig war es, was Baden im Mittelmeer leider verunmöglichte – sondern ich rede hier von Gerölllawinen-Starkregen und Temperaturen unter Null.

Hat die Suzuki alles nicht interessiert, die macht einfach. Tolle Maschine. Dafür hat die sich jetzt eine gründliche Reinigung und eine Wartung verdient.

Zum Glück war alles unspektakulär im Sinne von „keine Pannen, keine Unfälle“. Die erste RICHTIG gefährliche Situation passierte erst, als ich gerade wieder 3 Kilometer in Deutschland war – kaum auf der German Autobahn, versuchte mich ein wütender Autofahrer abzudrängen. Aber bis dahin: Alles gut.

Es gibt also demnächst irgendwann wieder ein Reisetagbuch, aber ein paar Wochen wird das noch dauern – ich muss erstmal wieder ankommen, Socken waschen, mich um Geschichten kümmern und dann sage und schreibe 272GB Daten sichten.

2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

Kradtour Ost

Wer schon Entzugserscheinungen hat, weil das Reisetagbuch noch Pause macht: Das Kradblatt 10/21 bringt auf neun Seiten die Osttour ins Riesengebirge. Sehr schön layoutet und in fokussierterer Form als hier im Blog.

Das Kradblatt liegt kostenlos an über 500 Orten in Papier aus, man kann es aber auch online unter Kradblatt.de oder in der iOS- oder der Android-App lesen.

Wer gerne die Langfassung lesen möchte, inkl. einer Pre- und einer Posttour: Die gibt es unter den folgenden Einträgen.

Juni/Juli: Osttour mit dem Motorrad

Kategorien: Meta, Motorrad, Reisen | 4 Kommentare

Momentaufnahme: September 2021

Herr Silencer im September2021

Wort des Monats:

Wetter: Der Monat beginnt einstellig kalt und neblig. Das fühlt sich schon sehr nach Herbst an. Bis Monatsmitte tagsüber nochmal über 20, aber morgens jeweils so um die 10 Grad. Alles leugnen hilft nichts: Der Sommer ist vorbei. Ab dem 20. bin ich in Südeuropa: Auch hier nachts schon recht kühl, tagsüber stürmisch und etwas über 20 Grad.


Lesen:

Andy Weir: Project Hail Mary

Ein Mann wacht an Bord eines Raumschiffs auf. Allein, ohne Erinnerung, aber mit guten Mathekenntnissen. Nach und nach rechnet er sich zusammen was er da macht und warum er die letzte Chance der Menschheit ist.

Eine allerletzte Chance auf einen Treffer im Baseball wird im amerikanischen „Hail Mary“ genannt, und man muss sich kulturell schon gut auskennen, um als nicht-Ami diese Bedeutung des Buchtitels zu verstehen. Genauso sperrig wie der Titel gibt sich zunächst auch der Inhalt, denn so fein es ist, dass der Protagonist weiß wie man Entfernungen und Schwerkraft berechnet, ihn Seitenweise dabei zu begleiten ist dann nicht so die Lesefreude.

Aber dann stellt sich raus: Das war nur ein sehr sorgfältiges Setup, um eine Bombe von einer Story von der Leine zu lassen. Plötzlich passieren Dinge, die mir den Mund haben offen stehen lassen. Mehrfach. Dann die Erkenntnis: Die Geschichte ist meisterlich gebaut. Handwerklich und kreativ ist das hier ein Niveau, bei dem man niederknien muss.

Ich habe dieses Buch verschlungen, und sowas ist mit schon sehr lange nicht mehr passiert. Das hier ist Science Fiction in ihrer puren Form. Science, weil alles, was da zusammenfiktionalisert wird, wissenschaftlich so funktionieren könnte. Ein wirklich, wirklich gutes Buch. Jeder, der Wissenschaft im Weltall mag, muss dieses Buch gelesen haben.

Im Deutschen heißt das Werk übrigens „der Astronaut“, vermutlich weil der Titel eine schöne Reihung zum Vorgänger, „Der Marsianer“, ergibt.


Hören:

Gamespodcast: Mass Effect Madness!
Jochen Gebauer und André Peschke spielen alle drei Teile von „Mass Effect“ und besprechen die in einem 30-teiligen „En Detail“.

Großer Spaß: Ich spiele selbst Mass Effect und höre danach, was die beiden Spielejournalisten so erlebt haben. Das beschreiben sie detailliert und äußerst kurzweilig, auch wenn die beiden nicht immer richtig liegen. Aber allein das Projekt, Mass Effect 1 bis 3 in einer so um die 50 Stunden dauernden Detailrezension zu besprechen – großartig! Solchen Journalismus finanziere ich gerne.


Sehen:

Joker [2019, Netflix]
Arthur Fleck neigt zu Gewalt, hat Daddy-Issues, Zwangsstörungen, ist ein Arschloch und hat generell nicht alle Latten am Zaun, will aber Comedian werden. Als das nicht klappt, schießt er um sich.

Unerträglich prätentiöse Darstellung von Joaquin Phoenix, der jede Gelegenheit nutzt, um das komplette Übungsrepertoire an Grimassen und expressionistischen Verrenkungen aus der Schauspielschule auf- und seinen halbnackten Körper vorzuführen. Ein Schauspieler-Vehikel, und zwar eines von der richtig ekligen Sorte. Story ist völlig vorhersehbar, generell alles totlangweilig und banal, verpackt in leicht kryptische Darstellung. Merke: Wenn etwas unverständlich ist, muss es nicht Kunst sein – es kann auch einfach nur dämlich sein. Das ist dieser „Joker“. Keine Ahnung, warum dieser Film so abgefeiert wurde

Reality Bites [1994, DVD]
Winona Ryder hat ihren Uniabschluss in der Tasche, hangelt sich von Praktikum zu Praktikum und wohnt in einer WG mit Freunden, die alle eigene Probleme haben.

Handlung: Belanglos. Was hier interessant ist: Der Film zeigt sehr zugespitzt das Dilemma meiner Generation, der Generation X.

Gut ausgebildet gestartet und mit großen Ambitionen ausgestattet, die letztlich aber für viele von uns eingedampft wurden. Die übermächtigen Boomer hatten ihre Strukturen und nutzen die zur Ausbeutung, was am Ende zur Erkenntnis führte: Wir sind die erste Nachkriegskohorte, die weniger soziale und berufliche Chancen haben würde als unsere Vorgänger. Das erklärt der Film sehr schön und macht deutlich, warum viele von uns eine pessimistische Weltsicht pflegen und sich in Sarkasmus und schlechte Laune geflüchtet haben.

Achso, und natürlich: Winona Ryder. Eine der vier schönsten Schauspielerinnen der Welt. „Wenn Sie spielt, sieht man ihre Seele in ihren Augen“ hat mal jemand gesagt und ja, das stimmt.

Sneakers [1992, BluRay]
Robert Redford und Dan Akroyd sind Sicherheitsspezialisten mit shady Vergangenheit und auf der Jagd nach einem McGuffin. Kaum haben sie ihn, werden sie selbst gejagt.

Seltsamer kleiner Film. Schön gespielt, mäßig spannend, teils unerträgliche unpassende Düdelmusik. Aber: Interessant, weil er Themen vorweg nimmt, die 5 Jahre später erst so richtig gegriffen hätten. Der Film dreht sich nämlich ums hacken, und das in einer Zeit, als es kein ziviles Internet oder vernetzte Geräte gab. Folgerichtig wird analog gehackt, mit Tonbändern und Charme. Das ist nostalgisch anzusehen.


Spielen:

Mass Effect 3 [PS5, 2021 Remaster]
Die Reaper sind da! Die hochhausgroßen Maschinenwesen überfallen… Vancouver? Dooferweise hat sich niemand auf die Ankunft der Maschinenwesen, die alle 50.000 Jahre das Leben in unserer Galaxis ernten, vorbereitet.

Nun ist es an Shepherd, die Verteidigung zu übernehmen. Dazu muss eine Allianz aus allen Spezies geformt werden, und da jede Rasse gerade mit sich beschäftigt ist, stellt sich das als nicht so einfach heraus. Zum Glück ist da noch ein McGuffin, von dem niemand weiß, was er eigentlich macht, der aber unbedingt gebaut werden muss.

Ach man. Ich wusste nichts mehr von ME3, außer, dass das Ende so schlecht war, dass es mir die ganze Trilogie versaut hat. Da traf man im Verlauf von drei Spielen hammerschwere moralische Entscheidungen, die allesamt Auswirkungen haben sollten – und dann stand man am Ende vor der Wahl einen von drei Schaltern zu drücken und damit die gleiche Cutscene in blau, rot oder grün zu hinterlegen.

Da im Verlauf des Spiels auch deutlich wurde, das die (neuen) Autoren ihre eigene Story oder der Lore der Vorgängerspiele und -bücher nicht mehr interessierte, fühlte sich das so billig und enttäuschend an, dass ich das Game nach dem ersten Spielen 2012 nie wieder angefasst habe.

Hätte ich es mal getan, denn nachdem Hersteller Bioware einen Shitstorm aus o.g. Gründen erlebte, wurde schnell DLC nachgeschoben, in dem das Ende und die Story besser erklärt wurden. Diese Zusatzpakete sind in der „Legendary Edition“ enthalten und machen das Spiel wirklich wesentlich besser.

Klar, das Ende ist immer noch abrupt, fühlt sich aber sinnvoller an. Der Hintergrund der Reaper wird besser erklärt. Die Gefährten erhalten wertvollere Momente. Und man wird nicht mehr gezwungen, den Multiplayernmodus zu spielen, den gibt es schlicht nicht mehr.

Auch wenn die Story damit immer noch schwächer ist als von Teil 1 und 2: Rein vom Gameplay und von der Inszenierung ist „ME3“ klar das beste Spiel der Shepherd-Trilogie. Statt einem Deckungsshooter hat man hier einen sehr guten Third-Person-RPG-Shooter mit filmischer Inszenierung. Von daher ein unterhaltsamer und mittlerweile guter Abschluss von Shepherds Geschichte.


Machen:
Arbeit-Arbeit-Arbeit. Und dann geht es los in den Motorradherbst, der leider nass beginnt, sich dann aber steigert.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 10 Kommentare

Vorbeugende Instandhaltung bei Reisemotorrädern

Seit meiner Zeit in der Systemgastronomie weiß ich um die Macht der vorbeugenden Instandhaltung. Ein prüfender Blick zur rechten Zeit, ein wenig Pflege hier, ein frühzeitiger Austausch von Teilen dort, das kann darüber entscheiden, ob es für alle ein guter Tag wird, oder man dutzenden weinenden Kindern und wütenden Eltern erklären muss, dass die Shakemaschine leider schon wieder im Arsch ist und nein, Eis gibt es auch keins.

Vorbeugende Instandhaltung ist auch bei Fahrzeugen sinnvoll und wichtig. Es hat einfach einen Grund, das Hersteller für gewisse Bauteile eine Lebensdauer angeben. Als ich beim Kleinen Gelben AutoTM dachte: „Bei 180.000 die Wasserpumpe austauschen? Soweit kommt´s noch, die ist noch gut!“ bekam ich bei 184.000 Kilometern die Quittung, als mitten auf der Autobahn die Pumpenflügel auseinanderbrachen und fast den Motor mit in den Abgrund rissen.

Nun kaufe ich keine Neufahrzeuge. Auch die V-Strom hatte schon satte 34.500 Kilometer auf der Uhr, als sie zu mir kam. Sie sollte aber als Reisemaschine herhalten, für Auslandstouren, die schon mal mehrere Wochen dauern. Da ist es doppelt wichtig, das unterwegs nichts passiert, was sich durch Vorsorge und Achtsamkeit im Vorfeld hätte vermeiden lassen. Zumal im Ausland die Ersatzteilversorgung nie so supi war wie in Deutschland, und nun kommt die Lieferkettenkrise noch dazu.

Auf ein paar ganz einfache Dinge lege ich deshalb in Sachen vorbeugender Instandhaltung großen Wert. Manches davon ist vielleicht trivial, ich schreibe es hier trotzdem mal auf:

Reifen
Ich fahre die Tourance Next von Metzler. Die halten einfach unfassbar lange. Wie lange? Weiß ich nicht. Zum Ende jeder Saison werden die gewechselt, obwohl das Profil meist noch gut ist. Aber: Nach einer Saison haben die im Mittel so 10-12.000 Kilometer runter, und im nächsten Jahr kommt die nächste große Reise mit 8-10.000 Kilometern am Stück. Will ich wirklich ausprobieren, ob so ein Reifen 20.000 bis 25.000 Kilometer mitmacht?

Eher nicht, zumal irgendwann die Haftfähigkeit auf nasser Straße nachlässt und sich zum Lebesende des Reifens hin die Abnutzung beschleunigen kann. Also: Vorbeugend wechseln. Egal ob da „das Gute noch nicht von“ ist.

Radlager
Wenn die Räder für den Reifenwechsel eh´ schon mal runter sind: Warum nicht gleich die Radlager tauschen? Radlager kosten nur ein paar Euro, aber wenn sie auf einer Tour kaputt gehen hat man ein echtes Problem. Die möchte man sich lieber ersparen, zumal im ungünstigsten Fall das Hinterrad blockieren kann, wenn das Lager unterwegs zerbricht. Radlager lasse ich so alle 40-50.000 Kilometer wechseln. Der Wert ist willkürlich gewählt.

Lenkkopflager
Das Lenkkopflager habe ich tatsächlich noch nie vorbeugend tauschen lassen, habe es aber ständig im Auge und prüfe es ab und an.

Lampen
Bei vielen Motorrädern muss zum Wechsel des Leuchtmittels die halbe Verkleidung oder das Cockpit demontiert oder kunstvolle Verrenkungen vollführt werden. Sowas möchte man nicht auf Reisen machen, sowas ist ein Projekt für Herbstabende oder die Wintermonate.

Fein raus sind Besitzer von Krädern mit LED-Scheinwerfern, die halten mit 15.000 Stunden praktisch ewig

Ältere Motorräder haben noch Halogenlampen, und die haben eine, vom Hersteller angegebene, Lebensdauer. Ich fahre mit Nightracer 110-Lampen. Die brennen heller als normale H4-Lampen, haben dafür aber eine kürzere Lebensdauer. Zwischen 160 und 400 Stunden gibt Hersteller Osram an. Nun hat die V-Strom zwei Scheinwerfer, da könnte ich es tatsächlich drauf ankommen lassen. Mache ich aber nicht. Ich weiß ja ungefähr wieviele Stunden pro Jahr ich unterwegs bin, und nach 300 Stunden oder zwei Jahren werden die Lampen einfach getauscht und gut ist.

Kette
Es gibt wenig, was einem eine Tour so vermiesen kann wie eine ausgenudelter Sekundärantrieb. Weiß ich aus eigener Erfahrung. Nach dem Kauf der V-Strom die alte Kette draufgelassen und losgefahren mit „Ach die sieht doch noch gut aus“. Quittung dafür: nach dem ersten Regen war die Kette voller Rost und nach einer Fahrt über die Alpen hatte sie sich ungleichmäßig gelängt.

Resultat: Das Motorrad hoppelte und ruckelte wie ein Känguru. Wirklich. Es war nicht mehr gleichmäßig zu fahren, sondern ruckelte nur stoßweise vor sich hin. Sowas ist der Horror.

Vermutlich hatte ich damals noch die erste Kette drauf, das Teil hatte demnach 34.000 Kilometer runter und war vom Händler nur poliert, aber nicht getauscht worden. Das hätte ich sofort vorbeugend machen sollen. Eine so alte Kette vermiest einem nicht nur jeglichen Fahrspaß, sie ist auch gefährlich. Reißt sie während der Fahrt, kann sie sich ins Hinterrad wickeln, oder sie wird zum Geschoss und durchschlägt den Motorblock oder fliegt in den nachfolgenden Verkehr.

Mein Güte, was habe ich damals Mantren gemurmelt auf der Autobahnfahrt zurück nach Hause und der V-Strom viel Liebe und Wartung versprochen, wenn uns nur die Kette nicht um die Ohren flöge. Zum Glück ging alles gut, aber sowas will ich nie wieder mitmachen müssen, deshalb: Kette wird ca. alle 20.000 bis 25.000 Kilometer gewechselt.

Kunststoffteile
Kunststoff altert, und am Motorrad sind viele wichtige Teile aus Kunststoff. Schläuche zum Beispiel. Auch Bremsschläuche. Manche Hersteller empfehlen die alle vier Jahre auszutauschen. Mache ich nicht, aber ich behalte die ganz genau im Auge und sobald ich irgendwo kleinste Risse entdecke, werden sie getauscht, und dann gegen Stahlflex. Denn wenn ein poröser Bremsschlauch platzt, tut er das in einem ungünstigen Moment – und wer will schon bei der Passabfahrt plötzlich ohne Vorderradbremse dastehen?

Gabel
Eine leckende oder nicht einwandfreie Gabel kann hochgefährlich werden. Deshalb auch hier: Ständig Sichtkontrolle und alle paar Jahre vorbeugend Gabelöl und Dichtringe erneuern.

Züge
Ein gerissener Seilzug ist kein Drama, auf Reisen aber trotzdem großer Mist. In älteren Motorrädern finden sich vor allem drei Züge, einer für die Kupplung und zwei für´s Gas. Den Kupplungszug lasse ich tatsächlich alle 5 Jahre austauschen, den meiner Erfahrung nach ist es IMMER der Kupplungszug der reißt, von Problemen mit Gaszügen habe ich noch nie gehört. Trotzdem natürlich auch hier: Ständige Kontrolle. Einfach mal drauf achten ob der Gasgriff oder auch die Kupplung an manchen stellen ein wenig hakt. Das kann darauf hindeuten, das sich einzelnen Drähte aus dem Stahlseil zu lösen beginnen. Sichtkontrolle beim Kuplungszug ist auch nicht verkehrt, einfach mal am Hebel auf das Stahlseil gucken. Wird das brüchig, raus damit!

So, das waren meine Dinge, die ich meinen Mopped angedeihen lasse, um Unterwegs weniger Stress zu haben. Habe ich was vergessen? Findet ihr Dinge übertrieben? Ich bin gespannt auf die Diskussion in den Kommentaren!

Kategorien: Motorrad, Reisen | 30 Kommentare

Bundestagswahl 2021

Herr Silencer über die Bilanz der Ära Merkel und warum die Kanzlerkandidaten allesamt Lappen sind.

Die Bundestagswahl 2021 steht vor der Tür, und einfach wird die nicht. Das liegt aber weniger daran, dass die Kandidat:innen allesamt so gut sind, dass die Wahl zwischen ihnen schwer ist. Nein, diese Wahl ist eine schwere, weil sie die Altlasten der Merkel-Jahre schultern und gleichzeitig die Weichen für die Menschheit stellen muss.

Hört sich jetzt theatralisch an, ist aber wirklich so. Expert:innen sind sich einig, das die kommenden 10 Jahre entscheidend sind für Klima und Umwelt, und wie es danach mit der Menschheit weitergehen wird.

Das Klima ändert sich nicht dadurch, das die Ute sich neuerdings vegan ernährt oder der Manfred sich den dritten SUV kauft. Um unseren Lebensraum zu schützen braucht es klare politische Vorgaben und einen Sack an Veränderungen.

Veränderungen sind aber das, was mittlerweile in der Politik als ganz doll böse und unbedingt zu vermeiden gilt. Und das ist ein Erbe der Merkeljahre.

Zieht man eine Bilanz der Kanzlerinnenschaft, sieht man auch sehr deutlich, woher das kam. Als Angela Merkel als Bundeskanzlerin antrat, beschrieb sie ihr Verständnis dieser Rolle als „Gärtnerin, die aufpasst, dass der Garten gut eingezäunt ist und keine Schädlinge reinkommen“ – ansonsten, so Merkel, wollte sie möglichst wenig eingreifen.

Das sagte sie damals auch, um den alten Herren in der Politik ein wenig die Angst zu nehmen. Merkel brauchte Verbündete. Denn eigentlich wollte niemand in der CSU sie, die Frau aus dem Osten, nicht als Parteivorsitzende, und als Kanzlerin schon gar nicht. Sie wurde es letztlich, weil die Partei nach der Schwarzgeldaffäre und Kohls unrühmlichem und verbittertem Abgang in Scherben lag und Edmund Stoiber bereits eine Wahl verstolpert hatte.

Anders als Gestalten wie Schäuble und Merz konnte Merkel innerhalb der CDU nicht auf „Truppen“ zurückgreifen, also auf Personen in Schlüsselpositionen, die ihr bedingungslos zur Seite standen. Sie musste sich ihre Mehrheiten durch Konsens beschaffen, sonst hätte sie nicht regieren können. Diese Mehrheitbeschaffung bestand zu Anfang häufig darin stets den kleinsten gemeinsamen Nenner, das Minimum des Machbaren, zu vertreten.

Später und bis zum Ende schuf sie Koalitionen anhand von Umfragewerten. Merkel positionierte sich immer dort, wo der Wind ohnehin hinblies. Das ging so weit, dass sie auch Positionen vertrat, die klassisch von Parteien wie der SPD oder den Grünen eingenommen wurden – wodurch sie diese Parteien marginalisierte und gleichzeitig die Konservativen vor den Kopf stiess.

Eine volatile Politik ohne eigene Ideen, die das frühere Milieu der „Lager“ zu einem ununterscheidbarem Brei verkochte, dazu eine SPD, die ihre Rolle als Opposition aufgab und sich Merkel in der Großen Koalition unterordnete, das schuf das politische Klima, in dem wir leben. Der unidentifizierbare Einheitsbrei und das Fehlen einer ernsthaften Opposition beschädigte die Demokratie und führte links wie rechts zu Extremismus.

Nach Außen wirkte die Merkel-Politik geradezu sedierend, nach Innen schuf sie eine politische Kultur ohne Ambitionen und ohne Konsequenzen. Inzwischen kann man als Minister:in maximal unfähig sein oder offen korrupt, Verantwortung übernehmen und zurücktreten muss man dafür unter Merkel aber nicht. Das ist etwas, was man Merkel anlasten muss: Sie hat Politik nach Außen zu etwas uninteressantem gemacht, bei dem es für niemanden mehr Konsequenzen gibt und wo es legitim ist, statt ernsthaft zu arbeiten, sich irgendwie Durchzuwurschteln. Anders sind Gestalten wie Scheuer, Klöckner oder Karlicek wohl kaum erklärbar.

Aus dieser unglücklichen Ursuppe erheben sich nun die drei Kandidat:innen für die Kanzlerschaft, und sie sind Geschöpfe dieses politischen Klimas.

Armin Laschet wurde letztlich nur Kandidat, weil er gefestigte Seilschaften hat. Das dumme an Seilschaften ist, dass die Gefallen einfordern, sobald jemand installiert ist. Wie kaum jemand vor ihm steht Laschet für ein „weiter so“ in Kombination mit Hinterzimmerpolitik. Um davon abzulenken, versucht er sich gerade an einem Lagerwahlkampf – dabei gibt es sowas wie Angst vor roten Socken schon lange nicht mehr. Aber Laschet, der clownseke wie dünnhäutige Onkel aus dem Rheinland, ist eben zu sehr in der Vergangenheit verhaftet. Er hat Politik der letzten 30 Jahre schlicht nicht mitbekommen und fordert daher auch schon mal die Einführung der Vorratsdatensspeicherung (längst beschlossen) oder argumentiert mit Positionen aus den 90ern.

Olaf Scholz verkörpert Ideenlosigkeit und den Mangel an Perspektiven wie kaum ein anderer. Wirkten frühere SPD-Kanzlerkandidaten wie Filialleiter der örtlichen Sparkasse, so ist Scholz nur noch der Papp-Aufsteller eines Sparkassenleiters. Das perfekte Symbol für eine SPD in Trümmern, die sich in der Groko zerlegt hat und die keinen Mut zu sozialdemoktratischen Positionen mehr hat, obwohl Parteibasis und -führung(!) genau das wünschen.

Anna-Lena Bärbock leidet unter einer Kombination aus hausgemachten, handwerklichen Fehlern im Wahlkampf und der Tatsache, dass sie Veränderung propagiert – etwas, was halt aktuell, siehe oben, als schlecht wahrgenommen wird.

Nachdem ein geschönter Lebenslauf und falsch zitierte Ghostwriter-Passagen groß diskutiert wurden, hat sie damit den Ruf weg, es wahlweise „nicht zu können“ (Erstens weil Frau, zweitens weil Grüne, drittens weil hat sich beim Schummeln erwischen lassen) oder „Genauso Dreck am Stecken zu haben wie alle anderen auch“. Die Bild-Gucker und Boomer unter den Wählern fürchten dazu um ihren Geländewagen und das Schnitzel, das Bärbock ihnen vom Teller klauen wird, sobald sie gewählt ist.

Nein, diese Wahl ist keine leichte. Wer noch unentschlossen ist, guckt bitte mal beim Wahl-O-Mat vorbei. Dort kann man steile Thesen, die direkt aus den Wahlprogrammen der Parteien stammen, zustimmen oder die ablehnen. Am Ende sagt einem das Programm, welche Partei die eigene Position am Besten vertritt.

Falls das die AFD ist, überdenk bitte Dein Leben. Die AFD ist eine in Teilen faschistische und rechtsradikale Partei, die aktiv an der Zerstörung der Demokratie und unserer Gesellschaft arbeitet. In allen anderen Fällen: Geht bitte am 26.09. wählen.

Zum Wahl-O-Mat

Kategorien: Betrachtung, Politik | 3 Kommentare

Momentaufnahme: August 2021

Herr Silencer im August 2021

Erkenntnis des Monats:Dieses Jahr dauert gleichzeitig ewig und rast vorbei wie nichts

Wetter: Kalt. Kalt und nass. Nachts teils einstellig, tagsüber selten an 20 Grad.


Lesen:


Hören:

Podcast-Schmodcast
Ich mag Etienne Gardé, der mal die Rocket Beans mitgegründet hat. Ich liebe Katjana Gerz, die in „Gute Arbeit Originals“ gezeigt hat, das sie eine begnadete und sehr lustige Schauspielerin ist. Nun machen die beiden mit „podcast-Schmodcast“ einen Impro-Podcast. Kein Thema, einfach nur loslabern und gucken wo die Reise hingeht.

Sowas funktioniert selten gut, und hier leider gar nicht. Zumindest die ersten zwei Episoden bestehen zur Hälfte aus Gestammel, in der anderen Hälfte lachen sich die beiden über sich selbst kaputt. Typischer Fall von „ist wohl nur lustig wenn man dabei war“.

Das kann noch besser werden, wenn die beiden von dieser zwangslustigen Impro-Nummer runterkommen, denn beide sind interessante Charaktere und haben durchaus was zu erzählen. Das blitzt bislang selten durch, ewa wenn Katjana erzählt, wie sie versehentlich in einer Superbowl-Werbung für Scientology gelandet ist. Bislang ist der Podcast durch ständiges Kichern und Prusten leider nahezu unhörbar.


Sehen:

Über Grenzen – Der Film einer langen Reise
Nordhessen: Rentnerin Margot hat zwar keinen Motorradführerschein und auch keine Erfahrung mit Moppeds, steigt aber dennoch mit 64 Jahren auf eine 125er und fährt einfach mal los gen Osten, bis nach China und wieder zurück.

Wow, mit 64 Jahren und als Frau ganz allein auf dem Motorrad um die halbe Welt, das klingt nach richtig großem Abenteuer! Ist es auch, aber anders, als man es sich vorstellt.

Als Zuschauer kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, wenn man der Protagonistin dabei zusieht, wie sie einfach mal beschliesst in die Welt hinauszufahren, und das scheinbar völlig ahnungslos tut. Vorher schon mal auf eine Motorradtour gemacht? Fehlanzeige. Motorradführerschein? Nicht vorherhanden, der alte graue Lappen reicht rechtlich ja aus. Körperliche Fitness für so eine Grenzerfahrung? Auch nicht vorhanden.

Kaum aus Nordhessen raus und noch in urbanem Gebiet beginnt das ganze mit einem ersten Sturz, der mit der überraschenden Erkenntnis endet: Kupplungshebel können abbrechen! Und was macht man dann? Hilflos mit den Ärmchen rudern und andere um Hilfe bitten. Diesem ersten Sturz folgen viele, viele weitere.

Irgendwann stösst Margots Enkel zu ihr und unterstützt sie mit einem Begleitfahrzeug. Ab diesem Moment gibt es dann auch andere als Aufnahmen als nur die Wackelfilmchen aus Margots Handy. Neben schönen Drohnenshots der Mongolei wird nun aber das ganze Elend sichtbar. Gefühlt alle paar Meter kippt die Rentnerin um und fällt aus dem Sattel, teils wegen des Geländes, teils vor Schwäche. Dabei verletzt sie sich auch schon mal nicht unerheblich, weiter geht es nur dank polnischen Moppedfahrern mit gut sortierter Bordapotheke und der Hilfe des Enkels und dessen Kumpel, die die Dame immer wieder in den Sattel heben.

Das klingt jetzt reichlich miesepetrig, aber dieser Reisefilm ist für mich stellenweise wirklich unangenehm anzusehen. Für das Publikum ist eine Heldenreise, bei der die Protagonisten Hindernisse überwinden müssen, immer interessant. Dachte ich. Bei diesem Film habe ich aber vor Fremdscham teilweise nicht mehr zuschauen können. Das liegt vor allem in der – zumindest scheinbaren – Naivität und Sturköpfigkeit der Protagonistin. Spätestens wenn Margot gegen den Rat von Einheimischen versucht, bei starkem Schneefall und Wind einen verschlammten Gebirgspass zu queren und praktisch nur noch im Matsch liegt, möchte man sich abwenden.

Margot Flügel-Anhalt wird in der Moppedreiseszene viel herumgereicht und meist als Rolemodel und Heldin besprochen. Ich muss sagen: Ja, sie hat Mut bewiesen. Aber WAS sie da macht ist dann einfach so naiv und jenseits von Gut und Böse, dass es an Dummheit grenzt. Ihr zähes Festhalten kann man als „eisernen Willen“ begreifen, aber auch als „nordhessischen Dickschädel“. Ich finde es zudem leicht anmaßend darauf zu setzen, dass einem ständig jemand hilft. Im Film wirkt die Reise es stellenweise wie betreutes Fahren, bei dem sich jemand von einem hilfsbereiten Menschen zum nächsten auf seinem Mopped durch die Welt schieben oder tragen lässt.

Aus irgendeinem Grund gibt es den ganzen Film in zwei Teilen auch als Doku des SWR, hier auf YT:

Über Grenzen, Teil 1
Über Grenzen, Teil 2

Restoration Videos
Niemand spricht, man sieht nur zwei Hände, die ein altes, rostiges Blechspielzeug, oder eine Kaffeemühle, oder ein Käseschneidedings etc. demontieren, reinigen, reparieren, lackieren und wieder zusammensetzen.



Diese Art Video ist mittlerweile ein eigenes Genre auf Youtube. Ich verstehe auch warum: Es hat etwas seltsam beruhigendes dabei zuzusehen, wie alte Gegenstände Stück für Stück liebevoll restauriert werden. Vorsichtig werden an teils über 100 Jahre alten Gegenständen Schrauben gelöst, alte Farbschichten abgetragen, gesandstrahlt, pulverbeschichtet, und am Ende sieht der alte Gegenstand aus wie gerade frisch gekauft. Könnte ich stundenlang gucken.

Justice League [2021, BluRay]
Irgend ein Hoppepeter sucht leuchtende Schachteln, und wenn er drei davon hat geht die Welt kaputt, oder so. Batman gefällt das nicht und klöppelt sich ein eigenes Avengers-Team zusammen: Die Liga der Selbstgerechten.

„Justice League“ kam vor vier Jahren raus, damals befand ich ihn als „zusammenhanglose Aneinanderreihung von dummen Szenen“, die keinen Sinn ergaben (ganze Rezension hier).

Das lag auch an der Produktionsgeschichte: Zac Snyder, der Mann mit den Nazi-Eulen, der noch nie einen guten Film gemacht hat, stieg damals kurz vor Fertigstellung aus und „Avengers“-Regisseur Joss Whedon übernahm und ordnete Nachdrehs an. Das Ergebnis war eine Katastrophe, und in der Folge hieß es immer wieder, Snyders ursprüngliche Fassung hätte die bessere sein können. Nach genügend Rumquengelei durch die Fanbase investierte das Studio nun tatsächlich nochmal ein paar Millionen, um einen „Snyder Cut“ von Justice League fertig zu stellen – und das Ergebnis ist verblüffend.

Verblüffend zum einen, weil diese Fassung wenig mit der Kinoversion zu tun hat und tatsächlich der bessere Film ist. Das hätte ich Snyder nicht zugetraut, aber es ist so: Figuren werden gut eingeführt, entwickeln sich, die Story wird gut hergeleitet.

Verblüffend aber auch, weil dieser Film ein Testament des Irrsinns ist – er ist viereinhalb Stunden lang und in 4:3 Format. Das lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Snyder-Filme sind normalerweise auch deshalb so schlecht, weil er keine Ahnung hat, wieviel in einen 100 Minuten Film eigentlich reinpasst.

„Justice League“ ist auch im Snyder-Cut kein filmisches Meisterwerk, aber zumindest wird hier eine zusammenhängende Geschichte in teils wirklich großen Bildern erzählt.


Spielen:

Mass Effect 2 [PS5, 2021 Remaster]
Unmittelbar nach dem Ende von Mass Effect 1: Heldin (oder Held) Shepherd sucht nach Möglichkeiten, um zukünftige Attacken von Maschinenwesen und letztlich den Genozid an allem organischem Leben zu verhindern. Da kommt es eher ungelegen, das ihr Schiff bei einem Angriff zerschnitten wird und Shepherd stirbt.

Zwei Jahre ersteht sie wieder von den Toten auf, wiederbelebt von einer sinistren und xenophoben Geheimorganisation. In deren Auftrag zieht Shepherd los und stellt ein Team zusammen, das den Maschinenwesen etwas entgegensetzen soll.

Was für ein schockierender Moment zu Beginn des Spiels, wenn die aus Teil 1 liebgewonnene (und mitsamt Erfahrung und Aussehen von dort importierte) Figur stirbt – und was für eine dumme Idee, sie ausgerechnet für die Space Nazis aus Teil 1 arbeiten zu lassen. Aber auch wenn die Grundprämisse Banane ist, macht ME2 einfach viel richtig. Die vielen Einzelmissionen sind, wie die Figuren und Dialoge, meist richtig gut geschrieben, die Geschichte ist faszinierend und die Spielmechaniken funktionieren weitaus besser als in Teil 1.

Besonders gut: Das eigene Handeln hat Konsequenzen. Je nachdem, wie man mit den Charakteren umgeht und sich ihnen gegenüber verhält, ändert sich der Ausgang des Spiels. Sind alle Figuren motiviert und fühlen sich Shepherd verpflichtet, laufen sie zu Höchstleistungen auf und überstehen die „Suicide Mission“ am Ende der Handlung. Sind sie dagegen von Shepherd enttäuscht, werden einige oder sogar alle der liebgewonnenen Charaktere umkommen. Das Wissen um diese Konsequenzen verleihen den Dialogen zwischen den Actionsequenzen Bedeutung und Schwere.

Mass Effect 2 ist ein echter Spieleklassiker, der 2010 für die XBOX 360 erschien und der im Remaster nicht groß verändert wurde – leider! Gerade den Charaktermodellen und Gesichtern hätten besser überarbeitete Texturen gut gestanden. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, Mass Effect 2 ist einfach eine erzählerische Wucht, die auch in Actionpassagen gut funktioniert.


Machen:
Arbeit-Arbeit-Arbeit. Aber immerhin mit Moppedzwerch und Albrecht getroffen. Das war beides schön!


Neues Spielzeug:

Nüscht

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 3 Kommentare

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