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Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Reisteagebuch (9): Countdown

Februar 2018: Tag acht Städtereise südlich der Alpen. Heute verbringe ich den Tag auf den Straßen Venedigs, gucke einem murmelnden Packzwerg zu und mache eine Reise mit dem Nachtzug.

Samstag, 17. Februar 2018

„Kann ich meinen Rucksack hierlassen?“, frage ich, „natürlich gegen Bezahlung!“
„Nein, nein, nein, keine Bezahlung, bitte!“, sagt der eine Hotelier, und sein Bruder fällt ihm ins Wort „Selbstverständlich können Sie Ihr Gepäck kostenlos hierlassen, wir passen bis heute Abend darauf auf“.

Dann streckt einer mir seine Bärenpranke entgegen und sagt „Verehrter Gast, seien Sie nicht traurig Venedig verlassen zu müssen. Sie können jederzeit wiederkommen, und wir werden dann hier sein und würden uns freuen, wenn Sie wieder zu uns kämen“. Er strahlt, als ich seine Hand schüttele. Das ist das erste Mal das ich ihn lächeln sehe seit ich hier bin, und ich habe ihn jeden Tag an der Rezeption gesehen. Tja, man kann eben in familiengeführten Hotels den Leuten eine Freude machen, wenn man ihre Arbeit und ihr Haus lobt. Das Caprera hat das Lob wirklich verdient: Alle geben sich richtig Mühe, die Zimmer sind schön, sehr sauber und ruhig – und damit das auch so bleibt, greifen die Gastwirte schon mal durch und machen chinesischen Brillenmädchen klar, dass dies ein Hotel ist und keine Disko, in der man nächtelang lautstark rumgröhlt. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt, und das habe ich den beiden gerade gesagt und mich für den angenehmen Aufenthalt bedankt. Jetzt strahlen sie um die Wette.

Ich stelle meinen Rucksack in einen Nebenraum und verlasse das Hotel. An der Rezeption tut gerade ein chinesischer Gast recht laut und auf schroffe Art kund, dass er gedenke sein Gepäck hier zu lassen. „Natürlich“, entgegnet der Mann an der Rezeption reserviert, „Macht 5 Euro“. Der Gast schnaubt und ruft „FÜNF EURO!??“
„Pro Stunde“, sagt der Hotelier. Ich kann ihn in dem Moment nicht sehen, aber ich vermute, dass er eine Augenbraue dabei hochzieht.

Ich mache mich auf den Weg ins Sestiere Dorsoduro. Heute geht es nach Hause, aber der Nachtzug fährt erst um 21:00 Uhr. Das sind noch 12 Stunden hin, aber die Zeit rum zu bekommen sollte nicht schwer sein. Fühlt sich komisch an, dass meine Zeit in der Stadt so sicht- und fühlbar wegtickert. Ab jetzt, nehme ich mir vor, mache ich jede Stunde ein Bild und twittere das. Venedig liegt noch ruhig in der Sonne. Der Lieferverkehr bringt Ware für die kleinen Geschäfte an den Kanälen. Ein Boot lädt Container mit sauberer Betwäsche und Handtüchern für ein nahegelegenes Hotel aus.

Städtische Arbeiter laden von einem Boot kleine Wägelchen aus, mit denen sie durch die Gassen ziehen und Müll einsammeln werden. Zu festgelegten Zeiten treffen sie sich wieder mit dem Boot an vorher ausgemachten Haltestellen, um die Wagen wieder zu leeren. Ein routiniertes und eingespieltes System, angepasst an die Besonderheiten von Venedig und ganz anders als auf dem Festland.

Eine Möwe schaut interessiert zu.

Ich laufe langsam, denn ich bin ohnehin zu früh dran, und schaue mir die Plätze und Gassen des Univiertels an, die noch leer sind.


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Verfasst von - 16. Juni 2018 in Reisen

 

Reisetagebuch Städtetour (8): Supermond legt Venedig trocken!!1!


Februar 2018: Tag acht der Städtereise südlich der Alpen. Heute mit einem Phoenix, einer Kristallziege und Nereïden.

16. Februar 2018
Trocknete ein Supermond Venedig vor einigen Wochen aus? Das behauptet zumindest dieser seltsame Artikel von strangeounds.org vom 02. Februar und illustriert das dann auch noch mit einem Bild:

Von einem „ungewöhnlich trockenen Jahr“ ist in dem Artikel die Rede, und von „Wasserständen auf rekordverdächtigem Niedrigstand“, die nun in Kombination mit einem Supermond dafür gesorgt hätten, dass die Gondeln traurig am Boden ausgetrockneter Kanäle lagen.

Ich bekomme über das Internet ums Verrecken nicht raus, ob die Geschichte stimmt. Was macht man da? Man fragt jemanden, die sich damit auskennt! In diesem Fall frage ich Frau Eckert, die in Venedig jede Ecke kennt und auch das tolle Blog „Unterwegs in Venedig“ betreibt.

Frau Eckert antwortet auf meine Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Meldung postwendend und findet deutliche Worte. „Natürlich ist das grober Unfug und Socialmediamist sondergleichen“, schreibt sie, und dass es bei Ebbe, insb. bei Wintermonden, völlig normal sei, das die kleinsten Kanäle trocken liegen. Nur würden heute die Leute Bilder davon machen, die auf Facebook stellen, und irgendwelche anderen denken sich einen Text dazu aus.

Guck an, das wußte ich noch nicht! Also, das mit den trockenen Kanälen, das mit dem Mist auf Facebook schon. Außerdem weist Frau Eckert darauf hin, dass auch der ganze Rest des Artikels Unfug ist, angefangen von Verkehrten Einwohnerzahlen bis hin zu der krassen These, dass die Stadt Venedig die Abwanderung der Einwohner durch Tourismus kompensieren muss – dabei ist es umgekehrt, der Tourismus vertreibt die Einwohner, denn die Vermietung einer Wohnung als Air BnB bringt 3-10 mal so viel Geld wie ein fester Mietvertrag. Traurig, aber wenigstens weiß ich nun, dass kein Supermond die Stadt ausgetrocknet hat. Danke, Frau Eckert!

Nach einem kurzen Frühstück zwischen einer Gruppe kichernder Teenagerinnen mit Bierdeckelgroßen Brillengläsern verlasse ich das Caprera und wandere zum „Teatro la Fenice“, dem „Theater des Phönix“.

Das heißt so, weil es schon zwei Mal aus seiner eigenen Asche wieder auferstanden ist. Beim letzten Brand, 1996, wurde nahezu alles, bis auf die Außenmauern, zerstört. Sieben Jahre und 6 Millionen Arbeitsstunden mit 24/7-Arbeit später steht nun wieder was zum Angucken. Das Theater ist ganz im Stil des Rokoko gehalten. Die klaren Linien der Treppenhäuser sind elegant.

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Verfasst von - 9. Juni 2018 in Reisen

 

Reisemotorrad, Version 2018

„This Girl is going Places“

Es ist wieder soweit. Bald geht es auf großte Tour, auch in diesem Jahr wieder mit der Suzuki V-Strom DL 650 „Barocca“. Nach dem Kettendesaster im vergangenen Herbst ist die Maschine voll durchgewartet, alle Verschleissteile wurden getauscht, von den Bremsen bis zur Kette. Auch nagelneue Reife sind drauf, wieder die guten Metzeler Tourance Next. Die 2010er V-Strom ist von Haus aus ein sehr gutes Reisemotorrad, und durch einige Umbauten wurde sie noch besser.

Schon im vergangenen Jahr bekam die Tourerin eine Tieferlegung von Alpha, einen breiteren Seitenständerfuß von SW Motech, ein elektronisches Kettenschmiersystem von CLS, ordentlich Sturzbügel von Givi, einen SW-Motech Kofferträger, eine Werkzeugrolle und Madstad-Scheibenhalter verpasst.

Die Pumpe, die Heiko Höbelt von CLS erfunden hat.

Martialisch: Struzbügel von Givi.

Rechts Auspuff, links Tooltube.

Aus den USA importiert: Scheibenhalterung.

Nachlesen kann man die Änderungen des vergangenen Jahres hier: Fernreisetauglich 2017

Auf Reisen würde ich nichts anderes mitnehmen als die superleichten und unkaputtbaren Givi E45-Koffer mit dem starken Reflexsystem und Topcase. Das hat eine Ausstattung mit Wasserflaschen und Ausrüstungstaschen sowie einem doppelten Boden, unter dem eine Warnweste liegt. In diesem Jahr eine echte Moppedweste von XL Moto (Danke für den Hinweis, 600ccm.info!)

Natürlich würde ich auch nicht ohne das Garmin ZUMO 590 fahren, das mit dem Helm, dem Smartphone und dem Reifendruckkontrollsystem gekoppelt ist.

Außerdem verfügt die V-Strom noch über die ein oder andere Spielerei in der Elektrik, wie einen WLAN-Accesspoint und einen Tracker.

Was im Verglich zum letzten Jahr anders geworden ist: Der Unterfahrschutz wurde wieder entfernt. Mit dem habe ich in Kurven aufgesetzt, vermutlich wegen der Tieferlegung. Außerdem röhrte die Strom damit wie irre. Bilder des zerschrappten Teils hier.

Außerdem wurde der Seitenständer nochmal um 2 Zentimeter gekürzt. Die Maschine stand vorher zu aufrecht. Nun hat sie 13 Grad Schlagseite. Das ist immer noch weniger als die meisten anderen Moppeds (die, so ergab eine Feldstudie, meist so um die 15 Grad Neigungswinkel haben), aber einigermaßen OK.

Neu ist eine kurze Scheibe, eine Adventure Sports von Powerbronze. Über die habe ich hier ausführlich geschrieben.

Ebenfalls neu ist dieser Gasgrifffeststeller, quasi ein Tempomat. Den lassen die Weltreisenden bei Time2Ride unter dem Namen „Cruisy Evo“ aus dem 3D-Drucker. Die Gashilfe (im Vordergrund) bei der man mit dem Handballen Gas geben kann, mag ich ja schon seit vielen Jahren nicht missen. Was der „Cruisy“ kann, wird sich noch zeigen. Der Feststeller ist vermutlich genau das richtige für endlose Highways, in Deutschland aber natürlich streng verboten.

Ansonsten wurde ein wenig aufgerüstet: Statt einer Kamera hat das Motorrad nun bis zu drei, an fünf unterschiedlichen Haltepunkten. Zwar hat Garmin mit dem letzten Softwareupdate die Fernsteuerung mehrer VIRBs kaputt bekommen, dennoch finde ich die VIRB XE nach wie vor super.

Die beste Modifikation ever ist nach wie vor die handgefertigte Sitzbank mit dem Gelkissen. Damit habe ich schon 1.100 Kilometer an einem Tag zurückgelegt.

So, und damit kann es dann in einer Woche losgehen. Die längste Reise steht kurz bevor. Wenn ich allein an die zu bewältigende Strecke denke, wird mir ein wenig anders. Aber ich sehe es mal so, wenn ich es dieses Jahr weiter als bis zum ersten Tankstopp komme, kann kaum noch was passieren. Dann geht es Stück für Stück vorwärts und wird schon. Ähem.

 
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Verfasst von - 8. Juni 2018 in Motorrad, Reisen

 

Giganten aus Stahl

Ich bin kein Fan von Einkaufszentren. In jeder Stadt stehen mittlerweile die uniformen Gebilde rum, bis ins letzte durchkonzipiert um Kunden das Geld aus der Tache zu ziehen und gelangweilten Teenies eine Nachmittagsbeschäftigung zu bieten. Das hiesige Einkaufszentrum lockt mich gelegentlich durch Ausstellungen. Meist im monatlichen Wechsel werden auf der Ladenmeile unterschiedlichste Dinge präsentiert, von Oldtimern bis hin zu Kunst.

In diesem Monat wachen die „Giganten aus Stahl“ im Kaufpark. Das sind (über-)lebensgroße, bis zu drei Meter große Skulpturen, die ein Team um den Künstler Walter Willer aus Tausenden von Altmetallteilen zusammenschweißt. Das „Giganten-aus-Stahl-Team“ hat da echt ein Händchen für, die riesigen Gebilde sehen oft total lebensecht aus. Bis auf die Figur von Freddie Mercury. Aber das ist normal, Freddie Mercury als Statue sieht immer lächerlich aus.

Die kleineren Statuen sind oft erstaunlich leicht, das Ghostrider-Motorrad etwas wiegt nur 300 Kilogramm. Die größeren sind aber oft tonnenschwer, und teuer: Statuen von Willer kosten zwischen ein paar hundert Euro und mehreren 10.000. Das teuerste, was ich gesehen habe, war der „Silberpfeil“ mit Fahrer für über 40.000 Euro.
Die Ausstellung läuft noch bis 09. Juni 2018, mehr Skulpturen gibt es auf Willers Webseite.

Ghostrider-Motorrad.


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Verfasst von - 6. Juni 2018 in Kunst & Kultur

 

Reisetagebuch Städtetour (7): Peak Kunst in Disneyland

Februar 2018: Tag sieben Städtereise südlich der Alpen. Heute mit Glitzereinhörnern, Barockkatzen, Brillenmädchen und Peak-Kunst.

15. Februar 2018, Venedig
Es gibt immer wieder warnende Stimmen, die um die „Disneylandisierierung“ von Venedig fürchten. Sie warnen davor, dass die Stadt zu einer Kulisse für posierende Touristen verkommt. Eine Kulisse ohne echte Einwohner, weil die sich den Wohnraum nicht mehr leisten können. Diese Stimmen haben alles eines gemein: Sie sind zu spät.

Venedig ist schon lange das Äquivalent zu Disneyland in Europa, zumindest für Asiaten, und hier ganz besonders Chinesen. Tagestouristen fluten jeden Vormittag die Stadt, posieren, lassen sich in Gondeln durch die Stadt fahren, kaufen nachgemachten Glasschmuck aus China (mit Aufklebern „Made in Venice“) bei einem von hunderten Händlern und verschwinden wieder. Andere bleiben ein paar Tage länger, in der Innenstadt, in der die meisten Wohnungen nur noch für Vermietung über Air BNB angeboten werden. Menschen, die in der Stadt leben wollen, finden keinen Wohnraum mehr – kein Wunder, die Vermietung einer Wohnung an Touristen bringt 10 Mal so viel wie ein fester Mieter.

Im Sommer sieht man an jeder Ecke Brautpaare, die sich auf den Brücke und vor den Palazzi fotografieren lassen. Die Wasserstadt ist dabei nur exotische Kulisse für die Selbstinszenierung.

Und auch jetzt, im Winter, ist die Stadt voller chinesischer Besucher, die sich hier entweder lautstark für die Kamera inszenieren oder mit laufenden Videokameras durch die Museen rennen und alles im Schnelldurchlauf abfilmen, während sie nur auf ihre Handydisplays starren. Ob die sich diese verwackelten Videos wirklich zu Hause in Ruhe angucken? Ich bezweifle das.

Die Galleria dell´Accademia

Ich habe kaum die Galleria dell´Accademia betreten, als wieder ein Chinese an mir vorbeieilt, während er mit ausgestrecktem Arm ein Handy an einem Triptychon von Hieronymus Bosch vorbeiführt. Er filmt die gesamte Ausstellung ab, ohne sie sich anzusehen.

An einer anderen Ecke des Raumes macht es Lautstark Klickgeräusche. Eine chinesische Mutti fotografiert jedes Gemälde, ebenfalls ohne es sich anzusehen, hat dabei ihr XioMi aber auf volle Lautstärke gestellt und Tastentöne und Kamerageräusche aktiviert. Daher kann ich genau hören, wo genau in der Ausstellung in der Accademia dell´Arte Sie herumirrt. Das macht mich geringfügig wahnsinnig, denn die Galleria ist eigentlich ein Ort der Ruhe. Den Tastentonterror nehme ich als grobe Unizivilisiertheit wahr, die die Kontemplation der Ausstellung stört und mir den Blutdruck nach oben treibt.

Die Galerie hat viel zu bieten, fängt aber uninteressant an – Ikonenmalerei des 14. Jahrhunderts finde ich totlangweilig, auch wenn der Audioguide sich alle Mühe gibt, das ein oder andere kuriose Detail einzuflechten.


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Verfasst von - 2. Juni 2018 in Reisen

 

Momentaufnahme: Mai 2018

Herr Silencer im Mai 2018

Vorherrschendes Gefühl: Das ist kein Mai. Das ist Hochsommer.

Wetter: Warm. Sehr warm, mit Temperaturen um die 25 Grad und sehr wenig Regen. Am Monatsende dreht der Frühsommer auf 11, plötzlich hat´s tagelang über 30 Grad. In Spanien ist es kälter als hier. WTF?


Lesen:

James Comey: A higher Loyalty: Truth, Lies and Leadership
Die Geschichte des Mannes, der Trump zum Präsidenten der USA machte: James Comey hatte viele Jobs und ein abwechselungsreiches Leben: Aushilfe in einem Supermarkt, Student, Lehrjahre als Anwalt bei Versicherungen, dann Strafverfolger unter Rudy Giuliani, Staatsanwalt und Mafiajäger in New York und stellvertetender Generealstaatsanwalt nach 9/11. Unter der Bush-Regierung fällt er über Dispute mit Dick Cheney zu Folter und Überwachung in Ungnade, verlässt den Öffentlichen Dienst und wird letztlich -unerwarteterweise- von Obama zum Chef des FBI gemacht.

Anhand der Stationen seiner Biografie verdeutlicht Comey seine Vorstellung von guten Führungskräften. Seine eigenen Fähigkeiten werden auf eine harte Probe gestellt, als die Ermittlungen wegen Hillary Clintosn E-Mails beginnen und er unter politischen Druck gerät. Dann kommt die Wahl, und plötzlich steht Comey einem Präsidenten gegenüber, der ihn politisch vereinnahmen will – als „einen von ihnen“. Im Italienischen hat dieses Verhalten einen Namen: Cosa Nostra.

Das Buch ist überaus clever strukturiert. Nie wird es langweilig: Spannende Kapitel über die Mafia ziehen einen gleich zu Beginn in den Bann, man erfährt viel Privates – aber immer ist deutlich, dass man hier nur das liest, was Comey einen wissen lassen will. Und das, was man erfährt, lässt ihn als Heiligen scheinen: Er allein hat gegen die ersten Überwachungsprogramme der NSA gekämpft, er allein hat sich mit der Bush-Administration angelegt, um zu verhindern, dass die CIA die Erlaubnis zur Folter bekommt. Und natürlich hat er seine Jobs immer verlassen, wenn die gegen seine Prinzipien gingen.

Das Comey sich selbst hier als Heiligen im Auftrag von Recht und Gerechtigkeit stilisiert – Wurst. Das Buch ist deswegen so gut, weil es sehr tiefe Einblicke in das Funktionieren der Politik in Washington erlaubt. Es geht nicht primär um Trump, bis ca. zur Hälfte geht es um 09/11 und die verwerflichen Handlungen der Bush-Administration und deren Versuche, sich die irgendwie als rechtskonform hin zu lügen. Dann kommt die Mailaffäre, und hier lesen wir endlich, was Comey zu dem Handeln veranlasst hat, das mutmaßlich Trump zum Präsidenten machte. Der taucht dann als gleichermaßen clandestin wie verwirrt agierende Person auf, die von Comey Loyalität fordert, die der letztlich nicht leisten will – und darüber gefeuert wird.

Das Buch endet auf einer düsteren Note. Trump, so Comeys Fazit, wird sehr viel Schaden anrichten – weltweit. Aber, so befindet er auf die letzten Zeilen, jeder Waldbrand bietet auch die Chance zum Wachsen für neues. An diesen Gedanken klammere er sich, um nicht irre zu werden.


Hören:


Sehen:

Solo [Kino]
Der junge Han hat einen Traum: Er möchte Feuerwehrmann werden! Auf dem Weg dahin stolpert er immer wieder in erfrischende Abenteuer. Was für ein kecker Draufgänger!

Niemand braucht „Solo“. Die Figur des sarkastischen Schmugglers, der eigentlich ein unheilbarer Romantiker ist, braucht keine Vorgeschichte. Und schon gar keine, deren Verfilmung durch eine Produktionshölle aus Regiewechsel, Skriptänderungen, umfangreichen Nachdrehs u.ä. gegangen ist. Das dann am Ende ein Film dabei rausgekommen ist, der keine Frankensteinige Superkatastrophe wie „Suicide Squad“ ist, grenzt an ein Wunder. Anders als die vergurkte Antiheldenverfilmung wirkt „Solo“ wenigstens aus einem Guss. Man muss sich beim Anschauen nicht mal schämen.

Der mit 140 Minuten rund eine halbe Stunde zu lange Film liefert solide Unterhaltung mit einigen netten Schauwerten, aber ohne echte oder emotionale Highlights. Ein typischer Ron-Howard-Film halt, besetzt mit Schauspielern, die nicht viel können. Solo-Darsteller Alden Ehreich ist ein Totalausfall, hat aber zum Glück auch nicht viel zu tun. Emilia „Khaleese“ Clarke spielt eine eigentlich toughe Frau als kulleräugige Trulla, wie sie eigentlich alles immer als kulleräugige Trulla spielt – warum die Tante überall gecastet wird, ist mir ein Rätsel. Die coolsten Charaktere des Films sind Chewbacca und die um Gleichberechtigung kämpfende Droidin L3-37. Nebenbei beseitigt der Film einige von George Lucas´gröbsten Schnitzern, u.a. wird geklärt, warum der Korsalflug in 12 Parsecs machbar war und ob Han zuerst geschossen hat. Immerhin.

In der Summe: Nett und unterhaltsam, aber schnell vergessen.

Their finest hour [Prime Video]
Im zweiten Weltkrieg in London: Gemma Arterton wird Autorin für einen Propaganadafilm über Dünkirchen. Dabei muss sie sich mit der Bürokratie des Kriegsministeriums und staatlichen Vorgaben genauso auseinandersetzen wie mit einem alternden Star, der hartnäckig die Realtität verweigert. Auch privat läuft´s nur so mittel, aber immerhin hält der Fake-Hochzeitsring von Woolworth mögliche Verehrer ab.

Die Story ist eher dünn, eine „wir ziehen das Projekt gegen alle Widerstände durch“-Geschichte mit ein wenig Selbstfindung hat man schon oft gesehen. Die Stärken des Films liegen woanders: In den hervorragenden Schauspielern und den fragilen Miniaturen, in die sie immer wieder verwickelt werden. Wenn der aufgeblasene Altstar von seiner neuen Agentin beigebogen bekommt, dass er ein alter Sack ist, der wirtschaftlich unrentabel ist und in harten Zeiten jeder selbst sehen muss wo er bleibt, dann ist das eine Szene, in der in jeder Sekunde im Gesicht von Bill Nighys zu sehen ist, wie mit jeder der exzellenten Dialogzeilen sein Weltbild ein Stück mehr in sich zusammenfällt. Umso schöner, das später alle Charaktere ihren Platz finden. Ein schöner, kleiner Film, der aufgrund der eleganten Dialoge und vor allem wegen der Leistungen von Arterton und Nighy im Gedächtnis bleibt.

Avengers: Infinity War [Kino]
Thanos kommt, mit einer Mission: Er will auf seiner Veranda sitzen.

Hier wird nix erklärt. Es geht sofort zur Sache und hört über zwei Stunden nicht mehr auf. Klar, die Exposition geschah ja in den vergangenen 10 Jahren und über 18 Filme. Nur: Wer die nicht mitbekommen hat, für den ist Avengers 4 ein Flickenteppich unverständlicher Szenen, in denen sich komische Leute mit anderen Leuten kloppen. Hat man aber sein MCU auf dem Schirm, ist der Film eine große Show. Die größte Leistung: Es werden gefühlt 30 Charaktere jongliert, und jeder hat einen Platz. Dabei wird die Tonalität der untschiedlichen Ecken des Marvel-Universum gut zusammengeführt: In einer Szene fühlt sich der Film nach „Spiderman: Homecoming“ an, in der nächsten nach „Guardians of the Galaxy“. Großer Spaß, aber: Nur der halbe Film. Alles endet mit einem Cliffhanger von „Empire“-Ausmaßen, die Fortsetzung folgt erst in einem Jahr.


Spielen:

God of War [PS4]
Spartaner Kratos macht einen Deal mit einem griechischen Gott und wird -natürlich- über den Tisch gezogen. Aus Rache zieht er los und killt die gesamte griechische Götterriege einschließlich Zeus, dann setzt er sich zur Ruhe. Soweit die Handlung in den diversen God of War-Teilen bis 2010. Der neue Teil setzt Jahre später an: Wir sehen Kratos als gealterten Mann mit Kind in einer nordischen Sagenwelt. Seine Frau ist gerade verstorben. Ihr letzter Wunsch: Ihr Asche soll vom höchsten Berg in allen neun Welten verstreut werden. Kratos und das Kind, mit dem er nicht viel anfangen kann, machen sich auf den Weg durch Midgard. Dummerweise hat ein Mann ohne Gefühle was dagegen.

Alles anders als früher: Das neue „God of War“ unterscheidet sich komplett von früheren Serienteilen. Hier steht die Erzählung im Vordergrund, und man, ist die gut gelungen. Ist Anfangs die Entfremdung zwischen Vater und Sohn mit Händen zu greifen, wandelt sich die Geschichte im Lauf der (erstaunlich langen) Handlung zu einer Reise, bei der alle Charaktere wachsen und in einer Dualität zu den Antagonisten zeigen wie leicht es im Elternjob ist, falsch abzubiegen und den Kindern die Zukunft zu versauen statt sie zu ermöglichen.

Technisch ist das Game irre, so poliertes Gameplay und Grafik bekommt man wohl nur mit 8 Jahren Entwicklungszeit hin. Das ganze Spiel wird ohne Schnitt erzählt, der Übergang von Gameplay zu Cutscenes verläuft ohne Bruch, die Kamera schwenkt permanent um die Protagonisten herum. Damit ist „GoW“ das „Birdman“ der Spiele, nur in gut. Das ist besonders in den offenen Teilen der Welt gut zu sehen, die nicht nur toll designt ist, sondern auch interessante Nebenquests enthält. Die Geschichte wird irgendwann sogar Dialoglastig, und es ist ein Wahnsinn, wie gut diese Dialoge geschrieben sind. Sie sind logisch, natürlich, snappy, auf den Punkt – diese Leistung von Autoren und den Darstellern (vor allem: Christopher „T´Ealc-aus-Stargate“ Judge als Kratos) ist beeindruckend.

Nicht gut ist leider das Levelingsystem. Es gibt gefühlt 2.000 Rüstungen, Waffenteile, Skills, Buffs, Perks, Kristalle, Talismane, Zauber, usw., deren Nutzung sich schlecht erschließt und deren Bedienung fummelig ist. Zudem ist die Steuerung extrem überladen. Auf 6 Tasten liegen 200 Bewegungskombinationen, da vergisst man stets sieben Achtel im Kampf gegen die (recht wenigen) Gegnertypen. Das ist doof, denn das macht die Lernkurve ordentlich steil, und God Of War ist kein leichtes Spiel – zwar nie auf dem Schwierigkeitsgrad eines „Blood Souls“, aber schon nicht ohne. Man muss Hack & Slays schon mögen, um das Spiel gut zu finden. God Of War in der 2018er Auflage macht es einem leicht: Die toll erzählte Geschichte, die fantastischen Orte, die Dialoge und Charaktere wie der multiphobische Zwergenschmied muss man einfach gut finden.


Machen:


Neues Spielzeug:

Ein Alpine Stars Tech Air.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

 
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Verfasst von - 31. Mai 2018 in Momentaufnahme

 

Geschichte reimt sich

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich erstaunlich oft“, sagte Mark Twain und brachte es damit auf den Punkt, und Robert Fietzke (@robert_fietzke) hat mal zusammengetragen, was sich heute so reimt. Herausgekommen ist ein Twitterthread (hier der erste Post: https://twitter.com/robert_fietzke/status/1001427148618567685) der mich hat schlucken lassen und dessen Hauptinhalte ich hier nochmal notiere, weil auf Twitter alles so schnell verloren geht. Es sollte aber jeder den Originalthread lesen.

Die Protagonisten sind heute andere, aber was geschieht, ist gerade das selbe wie vor 25 Jahren. Auch in den 90ern standen Wahlen an. Die Politik nutzte die damalige Asyldebatte für den Wahlkampf und hetzte gegen Ausländer. Insb. die CSU fabulierte immer wieder von „Asylmissbrauch“, als Flüchtlinge aus dem Kosovokrieg hier her kamen. Die Medien machten das mit, zu gut verkauften sich Magazin mit Illustrationen zum Slogan „Das Boot ist voll!“.

Nach Monaten dieser Kampagnen war das Klima in Deutschland so vergiftet, dass sich die verängstigte „Volksseele“ in Gewaltsausbrüchen Luft machte.

Deutsche stürmten Gebäude und zündeten sie an, ganz bewusst während Menschen darin waren. Solingen war mit am Schlimmsten, aber es gab ebenso Pogrome in Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen. Die Polizei griff damals nicht ein, während in Rostock-Lichtenhagen ein Haus voller vietnamnesischer Flüchtlinge brannte. Das Landratsamt sagte später dazu: „Es besteht einheitliche Auffassung dazu, dass eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann“.
Die Pogrome rissen nicht ab. Während Teile der Bevölkerung entsetzt waren über die kleinen Mädchen, die in Mölln verbrannten, hetzte die Unionsgeführte Politik weiter und setzte die Kampagne fort.

Bundeskanzler Kohl schwieg lange zu all dem, liess sich am Ende auch nicht auf Trauerfeiern sehen, weil er nicht „in Beileidstourismus verfallen“ wollte. Immerhin schrieb SPD-Mann Rühe damals, seine Partei solle „die Asylpolitik zum Thema zu machen und die SPD dort herauszufordern, gegenüber den Bürgern zu begründen, warum sie sich gegen eine Änderung des Grundgesetzes sperrt“. Leider währte das nicht lange, am Ende kippte die SPD um und stimmte der Drittstaatenregelung zu, die das Recht auf Asyl aushebelt.

Heute beobachten wir exakt die gleichen Entwicklungen. Politiker machen Wahlkampf mit dem Thema Flüchtlinge, die Medien zündeln mit. Der Unterschied zu damals: Diesmal gibt es nicht mal mehr ein klein wenig Opposition dagegen. Die SPD ist genauso auf den Kurs eingeschwenkt wie die Unionsparteien. Und dieser Kurs wird ihnen vorgegeben von einer offen rechtsradikalen Partei, der AFD. Die Partei, die die neue Heimat der Neonazis geworden ist, deutet in eine Richtung, und die etablierten Parteien beginnen zu marschieren.

Wenn dieser Tage an die Ereignisse von Solingen erinnert wird, dann sollten sich alle bewusst sein, dass wir wieder kurz vor einem Punkt in unserer Geschichte stehen, in dem rechte Lynchmobs Flüchtlinge in Brand stecken und „besorgte Bürger“ daneben stehen und johlen.

 
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Verfasst von - 30. Mai 2018 in Betrachtung, Politik

 

New Gear: Ausrüstung 2018

So, der letzte Teil über Klamotten, dann haben wir´s hinter uns. Material altert und leidet, auch wenn man es ihm nicht ansieht. In diesem Jahr habe ich den Austausch aller wichtigen Klamotten beendet. Das war Pain in the Ass, aber vermutlich sinnvoll. Das hier ist, womit ich 2018 fahre.

Helm: Nolan N104 B5 NCOM mit ESS

Tourenhelm vom italienischen Hersteller Nolan. Ein Klapphelm, bei dem die ganze Frontpartie nach oben schwenkt. In der Liga gibt es sonst nur noch Schuberth, aber die passen mir nicht. Der 104 hat ein riesiges Gesichtsfeld, eine Sonnenblende, ein nie beschlagendes Pinlock-Visier, eine Multi-Bluetooth-Anbindung an Helm und Motorrad und eine Notbremsleuchte, die anspringt, wenn ich eine Vollbremsung mache. Ach ja, Radio hat er auch, aber wer will sowas. Mehr lesen…

Der Helm ist laut, besonders bei hohen Geschwindigkeiten. Ist mir aber egal, ich habe fast immer einen Alpine Moto Gehörschutz in den Ohren, und zwar die Race-Variante. Die Ohrstöpsel filtern die tiefen Frequenzen des Windrauschens weg, aber den Motor, Naviansagen und den ganzen Rest vom Straßenverkehr höre ich nahezu ungedämpft.

Jacke: Alpine Stars Valparaiso Tech Air

Bild: Louis.de

Tourenjacke mit Lederbesatz an den sturzgefährdeten Stellen und Level II-Protektoren. Membran- und Thermo-Innenjacke, enthält außerdem ein Airbagsystem. Super Verarbeitung, tolle Lüftung, durch die verbaute Technik aber auch schwer. Mehr lesen…

Hose: Held Matata II

Bild: Held

Leicht, viele Lüftungsöffnungen, Level II-Protektoren an Steißbein, Knien und Hüfte. Passform und Verarbeitung gehen so. Mehr lesen…

Stiefel: Alpine Stars Web Gore Tex

Die Füße stecken in Alpinestars Web-Stiefeln mit Goretex-Membran. Die sind absolut wasserdicht und so sicher, dass sie sogar als Schutzausrüstung für die Rennstrecke zugelassen, dabei aber nicht so klobig wie andere Stiefel. Die passen auch mal unter Jeans und gehen dann als gedeckte Schuhe durch. Außerdem sind sie so leicht, dass man auf Reisen damit auch mal durch Städte laufen oder wandern kann. Ist schon das zweite Paar, weil ich die Sohlen abgelaufen hatte. Mehr lesen…

Handschuhe: Vanucci VTEC und Reusch Summer
Der eine wasserdicht, warm, mit Keramikbesatz und gut gepolstert, der andere aus Leder und für den Sommer gemacht. Gibt es so nicht mehr zu kaufen, deshalb keine weitere Beschreibung. Aber zwei Paar Handschuhe müssen immer mit auf Tour, es gibt keinen Handschuh, der alles kann.

Regenklamotten: FLM Stromchaser

Bild: polo-motorrad.de

Es gibt m.W. keine besseren Regensachen am Markt als die Stormchaser von Polo. Das Zeug ist aus Membrankram, absolut wasserdicht, aber man schwitzt sich darin nicht tot. Gibt es auch als Einteiler, ich fahre aber mit separater Jacke und Hose. Weite Hosenbeine erleichtern den Einstieg, Feststeller sorgen dafür, das wenig flattert, Gummibesatz am Hosenboden für sicheren Sitz. Darin ist man absolut geschützt und super sichtbar, auch wenn ich mir wünschen würde, dass es die Kombi statt in elegantem Schwarz-Weiß auch mal in Neongelb gäbe. Aber nun. Ist schon meine zweite, die erste war nach sieben Jahren zwar noch dicht, aber leicht angegilbt.

Und, wie eingangs beschrieben: Material altert. Aktuell verkauft Polo die Kombi nicht unter dem griffigen Namen „Stormchaser“ sondern unter der sperrigen Bezeichnung „FLM Sports Membran Regenjacke 1.0 Weiss“. Aha.

Unterwäsche: Rukka Moody

Bild: Louis.de

Lange Unterwäsche unter einem Fahreranzug ist Pflicht. Das Merinokram scheint zwar arg teuer, ABER: Es wärmt bei Kälte, es kühlt im Sommer und dank der bakterientötenden Eigenschaften der Merinowolle fängt das Zeug nicht an zu riechen! In Funktionswäsche aus Polyester müffelt man nach einem Tag wie das Wiesel, aber Merinozeug lüftet man kurz aus, und es riecht nach nichts. Einmal Merinozeugs gekauft spart 5 Sätze Funktionsklamotten aus Erdöl. Das Rukka Moody.Kram ist zudem noch günstiger als ähnliches aus dem Outdoor-Segment.

Socken: Pharaoh & Coolmax

Bild: Polo-Motorrad.de

Kniestrümpfe, bedecken den ganzen Unterschenkel, ideal zum Fahren. Die Trekkingsocken haben Silberfäden eingearbeitet, die kann man auch etliche Male tragen, bevor die anfangen zu müffeln. Gibt es schon ewig bei Polo, sehr gutes Material.

So, damit wäre die Ausrüstung einmal durchgetauscht. Vor zwei Jahren neue Stiefel und neuer Helm, dieses Jahr neue Jacke, neue Hose und neue Regenkombi. Damit sollte jetzt erstmal Ruhe sein, und ich hoffe, dass die neuen Klamotten lange halten – und ich ihre aktiven und passiven Sicherheitssysteme nie auf die Probe stellen muss.

KlopfaufHolz

 
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Verfasst von - 29. Mai 2018 in Motorrad, Reisen, Service

 

Albtraumhosenkauf

Die Überschrift ist doppeldeutig. Wer hier ein Drama erwartet wie bei dem Elend des Jackenkaufs, das sich drei Monate hinzog, der wird enttäuscht werden. Die Anschaffung einer neuen Hose ging erstaunlich schnell. Der Hosenkauf war also kein Albtraum, ein Albtraum sind aber die gerade am Markt verfügbaren Hosen. Völlig erstaunlich, was sich die Hersteller trauen für einen Müll in die Geschäfte zu hängen. Gibt es in deren Designabteilungen keine Tourenfahrer? Ich habe mich durch einige Hosen probiert und eine wütende Meinung dazu.

Hintergrund: Nach sieben Jahren in Wind, Wetter und Sonne sollte nun auch meine treue Mohawk Hose in der Sympatex-Version ersetzt werden. Nach Möglichkeit wieder eine Textilhose, nach Möglichkeit wieder mit Leder an den sturzgefährdeten Stellen. Allerdings nicht nochmal eine Mohawk. Grund: Die hat zwar dickes Leder an den Knien, Hüften und am Hintern, was bei einem Unfall und beim Rutschen über den Asphalt die Haut ganz gut schützen sollte.

Der Schwachpunkt sind aber die Übergänge, insb. die Nähte unter und über de Knie, die Leder und Polyamid verbinden. Die doppelten Nähte und das dicke Leder sehen stabil aus, sind es aber an genau diesen Nahstellen nicht unbedingt: In Foren habe ich unschöne Bilder gefunden, die Mohawks zeigen, bei denen beim Sturz das Leder aus dem Cordura oder direkt an den Nähten gerissen ist. Nachdem sich dann die Hose aufgelöst hatte, pellte sich dann Haut und Fleisch wie eine Mandarine vom Knie des Fahrers. Merke: Niemals Materialmix und Nähte unmittelbar vor Gelenken und quer zur Sturzrichtung!

Da Leder-/Textil-Kombis gerade total out sind, gibt es gar nicht all zu viel Auswahl. In der örtlichen Polo-Filiale probierte ich mich dann durch diverse Modelle.

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Verfasst von - 29. Mai 2018 in Motorrad

 

Impressionen eines Wochenendes (19): Neues im PS.Speicher

Einbeck ist für vieles bekannt: Für die historische Altstadt, für das Bockbier, die Tierquälereien von Till Eulenspiegel, dafür, dass ich dort geboren wurde und seit einigen Jahren auch für den PS-Speicher.

Das ist ein ehemaliger Kornspeicher, den einer der Gründer von Poco-Domäne (das mit der Katzenberger, wissen schon) gekauft und für seine Sammlung umgebaut hat. Die Sammlung, das sind allerhand Exponate. Allen gemein ist: Sie haben Motoren und Räder.

Der Besuch im PS-Speicher beginnt mit der Fahrt in einer Zeitmaschine. Die sieht zwar aus wie ein Fahrstuhl, bringt einen aber ganz an die Anfänge der Motorisierung. Allererste Fahrräder mit Hilfsmotor und automobile Vorfahren sind hier zu sehen.

Es gibt schöne und hässliche und skurrile Fahrzeuge zu bestaunen. Skurril wie dieses Ding, das den Motor in der Radnabe hat:


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Verfasst von - 27. Mai 2018 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch Städtetour (6): Unfinished Business mit Jessica Rabbit

Februar 2018: Tag sechs einer Städtereise südlich der Alpen. Heute geht es nach Turin, wo ich meinen Onkel aufgeben möchte und Jessica Rabbit aus dem Jahr 200 v.C. begegne.

Mittwoch, 14. Februar 2018, Genua
Als ich um kurz nach Acht die Tür von Lo Zenzero hinter mir zuziehe, fühlt sich das seltsam an – als würde ich zu früh von hier weggehen.

Leicht melancholisch, aber gespannt auf den Tag trabe ich die hundert Meter die Straße runter, an deren Ende sich der Bahnhof Brignole befindet.

Als sich die Türen des Regionale Veloce, der mich aus der Stadt bringen wird, schließen, fühlt sich das auch nicht wie ein Abschied an – ich werde bestimmt mal wieder nach Genua kommen, das weiß ich jetzt schon.

Der Zug rumpelt unter Genua hindurch, sieht am Bahnhof Principe nochmal kurz Tageslicht, dann macht er sich auf seinen langen Weg durch die Tunnel der umliegenden Berge.

Bei Roncio kommt er dauerhaft wieder an die Oberfläche. Hier sind die Berge schneebeckt, und alles ist übergefroren.


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Verfasst von - 26. Mai 2018 in Ganz Kurz, Reisen

 

Erste Erfahrungen mit Airbagkleidung: Alpine Stars Valparaiso mit Tech Air Street

Secret Confession: Ich HASSE es, Klamotten zu kaufen. Das Drama um die Anschaffung einer neuen Motorradjacke werde ich mit Sicherheit nie vergessen, so abgrundtief verabscheuenswert war das Ganze. Am Ende hat es fast drei Monate gedauert. Warum ich jetzt eine Jacke trage, die mehr wert ist als meine ZZR 600, wieso ein Stück Technik aus der Zukunft gefallen ist und warum es trotzdem nervt, erzähle ich hier.

Es begab sich vor zwei Jahren, das ich dachte: Mensch, meine Mohawk Sympatex-Kombi, die hat schon ordentlich was mitgemacht. Regen, Wind, wochenlange Touren in salziger Luft, teils extreme UV-Einstrahlung, hohe Temperaturen… wer weiß wie lange der Kunststoffkram das aushält. Spätestens 2018, wenn es in die siebte Saison geht, sollte ich die mal austauschen.

Was ich wollte, stand schnell fest…

Also begann ich nach einer Nachfolgerin für die Mohawk zu suchen. Es sollte wieder eine Textilkombi sein, die ich hauptsächlich auf Reisen tragen würden. Sie sollte tauglich sein um damit zu fahren, aber auch um damit bei großer Hitze durch Städte zu laufen, auf Berge zu steigen oder in Höhlen herumzuklettern. Das bedeutete: Außen Cordura oder etwas in der Art, aber die sturzgefährdeten Stellen sollten bitte wieder mit Leder verstärkt sein. Membran wünschenswert, Thermofutter nicht nötig.

Schnell stellte sich raus: Leder/Textil-Kombis waren gerade total out. Das, was ich wollte, gab es in ansprechender Qualität nur von der Firma Alpine Stars. Das ist nicht schlimm, die genießen einen hervorragenden Ruf und statten in der Moto GP jeden zweiten Fahrer aus. Die erstklassige Qualität lassen sie sich auch angemessen vergüten, die Jacke, die ich wollte, sollte 700 Steine kosten. Aber nun, ich hatte noch zwei Jahre Zeit bis zur Neuanschaffung, also fing ich an zu sparen. Auf eine Alpine Stars Valparaiso-Jacke.

Bild: Louis.de

Dann kam der Unfall im vergangenen Jahr, bei dem zum Glück nicht viel passiert ist, der mich aber zum Nachdenken brachte. Ich ertappte mich dabei, wie ich ernsthaft abwog, ob ich von meiner Wunschjacke nicht das Sondermodell nehmen sollte. Die Valparaiso gibt es nämlich auch in einer Ausführung, in der sie für die Aufnahme eines Airbagsystems vorbereitet ist.

Airbags bei Motorrädern sind noch sehr selten. Das merkt man schon an den Diskussionen, die darum noch geführt werden. „Airbagjacken sind für Pussies“ hört man genauso oft wie „Die verleiten zu falschem Sicherheitsdenken! Wer sowas trägt, geht nur noch höhere Risiken ein“ oder „die schränken mich nur ein, ohne das Kram bin ich effizienter“. Das sind natürlich genau die Art von Blödargumenten, die wir schon bei der Einführung der Helmpflicht gehört haben. Oder, die Älteren erinnern sich, als bei Autos die ersten Airbags aufkamen. Oder noch früher, als Sicherheitsgurte und Kopfstützen Pflicht wurden. Immer die selben, dummen Sätze, immer die gleichen Pseudoargumente. Darf man gar nicht hinhören, kriegt man nur Blutdruck von.

Tragbare Airbagsysteme sind heute technisch möglich, und sie werden sich nur noch weiter verbreiten. Aktuell gibt es im Einsteigersegment schon Systeme, die man wie Rettungswesten über dem Fahreranzug trägt und die mit einer Reissleine oder einem Sensor ans Motorrad gekoppelt werden. Die Idee dabei: Macht man einen Abflug über den Lenker, soll die Leine oder der Sensor die Weste auslösen. Problem dabei: Die Auslösezeit ist mit gemessenen rund 200 Millisekunden sehr lang. In der Zeit kann es sein, dass schon ein Einschlag stattgefunden hat und man muss sich wirklich schon im Flug befinden. Dafür sind diese Systeme recht günstig, rund 500 Euro muss man für so ein Ding in Schwimmwestenoptik hinlegen..

Ästhetischer sind die Systeme, die gleich in die Klamotten eingebaut werden. Die lösen über Sensoren und einen Computer im Inneren aus, und zwar wesentlich schneller als die Reissleinenkollegen. Problem dabei: Die Teile gibt es nur von zwei Herstellern und sind unfassbar teuer.

Bild: Alpine Stars.

Mir sagte das Airbag-System der italienischen Firma Alpine Stars sehr zu. Das „Tech Air“ ist komplett autark, also unabhängig vom Motorrad. Außerdem ist es modular: Der ganze Airbagkram steckt in einer Weste, dem sogenannten Chassis, und das kann in verschiedene Jackenmodelle eingesetzt werden. Wie in die Valparaiso, in die ich mich ja ohnehin verguckt hatte.

Ein weiteres Jahr, eine kleine Steuerrückzahlung und gespartes Weihnachtsgeld später stand die Entscheidung fest: Ich wollte so ein Airbagdingens.

Damit fingen die Probleme an, denn die Teile kann man nicht einfach online bestellen. Airbags enthalten immerhin pyrotechnische Ladungen, Lithium-Ionen-Akkus und und Gaskartuschen, die explosionsartig ihre Inhalt freigeben. Sowas wird nicht verschickt. Man kann sie aber auch nicht einfach überall kaufen; Jeder Verkäufer muss von Alpine Stars an dem System geschult werden.

Louis, eine der führenden Ketten für Motorradbekleidung und Zubehör, hat in Deutschland nur sechs Filialen, in denen sie das Tech Air-System verkaufen, und nur eine davon ist in Mittel- bzw. Norddeutschland.

Glücklicherweise ist die nächste Filiale von meinem Wohnort aus „nur“ 130 Kilometer entfernt, das hätte schlimmer kommen können. So kam es, dass ich mich eines Samstag morgens im Februar ziemlich spontan auf den Weg nach Hannover machte, denn Louis hatte genau die Jacke, die ich wollte, an diesem Wochenende im Preis gesenkt. Dazu kam eine Gutscheinaktion und irgendwelches Bonuspunktegehökere und am Ende sollte das Ding 330 Euro kosten. Also, nur die Jacke, ohne Airbag. 330 Euro für ein Kleidungsstrück, das ist viel Geld, aber hört sich schon anders an als 700.

Die Odyssee begann

Vor Ort musste ich dann erst mal eine Stunde warten, bis der einzige Verkäufer, der dort die Airbag-Ausbildung hat, zum Dienst kam. Dann begann der Teil am Klamottenkaufen, den ich so sehr hasse. Denn ich wusste zwar welche Jacke ich wollte, aber nicht in welcher Größe.

Das Problem mit der Größe hat drei Facetten. Zunächst mal: Mein Körperbau ist ziemlich dumm. Ich bin mit 1,70 m nicht groß. Dick bin ich auch nicht, aber ein wenig füllig, und vor allem habe ich einen breiten Brustkorb. Ich bin halt kein schlanker Athlet, sondern eher ein Shetlandpony – klein, kräftig und ausdauernd. Das war Problem Nummer eins.

Problem Nummer zwei ist, das bei Alpine Stars in der Schneidereiabteilung alle durchgeknallt sind. Anders ist es nicht zu erklären, das eine Größe auf „Bella Figura“ getrimmt ist, eine Größe drüber aber auf „nasser Sack“.

Problem Nummer drei ist der Schichtaufbau der Valparaiso-Jacke. Die besteht nämlich aus drei Einzeljacken: Unter die eigentliche Lederjacke kommt eine Jacke aus Membranmaterial, und darunter bei kaltem Wetter noch ein Thermofutter. Und DARUNTER noch der Airbageinsatz.

Schichtkuchen. Thermofutter in Membranfutter in Jacke, darunter noch der Airbag. Ächz.

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Verfasst von - 21. Mai 2018 in Motorrad, review

 

Reisetagebuch Städtetour (5): Wolfsoniana und der ängstliche Löwe

Februar 2018: Tag fünf einer Städtereise südlich der Alpen. Heute mit aufdringlichen Wächtern, einer schönen Frau, die unbedingt in mein Bett will, und dem einen oder anderen Mißverständnis. Außerdem: Warum alles nach Gorgonzola riecht.

13. Februar 2018, Genua
Heute schlafe ich aus.
Völlig ohne schlechtes Gewissen.
Wofür habe ich ein eigenes Appartement, wenn ich darin nicht mal faul rumliegen kann? Feste Termine stehen nicht auf dem Programm, Tickets mit vorher gebuchten Eintrittszeiten habe ich auch nicht in der Tasche. Heute möchte ich nur ein paar Museen besuchen. Aus irgendeinem Grund sind die vor die Stadt verbannt worden. Nach Nervi, einen Vorort von Genua. Oder ist das einfach ein weit entferntes Stadtviertel? Schwer zu sagen bei einer Stadt, deren Ausdehnung 35 Kilometer umfasst. Wie auch immer, abgelegene Museen in Februar, da wird sich der Andrang in Grenzen halten. Ich drehe mich nochmal rum und schlafe eine halbe Stunde weiter.

Vom Bahnhof Brignole aus kommt man in weniger als 20 Minuten nach Nervi, die 100-Minuten-U-Bahn/Bus/Fahrstuhltickets sind auch dafür gültig. Auch hier gilt wieder: Entwerten vor Besteigen des Zugs, mit einem der Trenitalia-Stempler, Ticket ganz links einführen.

Das Wetter ist grandios, Sonnenschein und 10 Grad, und als ich gegen 10:00 Uhr in Nervi aus dem Zug falle, habe ich spontan gute Laune. Der blaue Himmel und das glitzernde Meer sind nur ein Vorgeschmack auf einen schönen Tag.

Hinter dem Bahnhof beginnen große Parkanlagen. Palmen wiegen sich im leichten Wind, ein paar Rentner sitzen auf Bänken, eine Mutter spielt auf den Wiesen mit ihren Kindern. Idyllisch. Zumal, was man nicht vergessen darf, es gerade Mitte Februar ist. Zuhause haben wir Minusgrade, und tagsüber wird es kaum richtig hell.

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Verfasst von - 19. Mai 2018 in Reisen

 

Reisetagebuch Städtetour (4): Goethe vs. Altered Carbon oder „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

Februar 2018: Tag vier einer Städtereise südlich der Alpen. Heute besuche ich alte Freunde, entdecke Orte, von denen sich M.C. Escher inspirieren ließ und habe überraschende Erkenntnisse.

Montag, 12. Februar 2018, Genua

Das Elternhaus der Jugend.
Die erste eigene Wohnung.
Der Ort, an dem man seine erste Liebe geküsst hat.

Von wie vielen Orten kann man sagen, dass sie einen nie wieder los lassen und für den Rest des Lebens begleiten werden? Einer der Orte, die sich in mein Herz gebrannt haben, ist unzweifelhaft Staglieno. Oder genauer: Der Cimitero Monumentale di Staglieno.

Gelegen etwas oberhalb im östlichen Tal von Genua, links und rechts des Sturzbachbetts des Bisangno, ist die Ortschaft Staglieno eine der ältesten Siedlungen Italiens. Aus ihr entwickelte sich Genua, von dem Staglieno heute ein Stadtteil ist. Hier liegt auch der Cimitero Monumentale, der Monumentalfriedhof.

Das erste Mal war ich 2012 hier, und damals bin weggefahren mit dem Gefühl zu wenig gesehen zu haben. Deshalb habe ich mir drei Jahre später ein Hotel in Genua genommen und bin einen halben Tag auf Staglieno rumgelaufen. Und jetzt, wieder drei Jahre später, zieht es mich wieder hier hin.

Als ich aus dem Bus der Linie 13 nach Prato steige, schiebt sich die Morgensonne gerade erst über den Bergkamm.

Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, als ich mich dem Eingang nähere. Endlich wieder hier… es ist, als ob ich alte Bekannte besuchen würde.

Am Eingang des Geländes spreche ich einen der Pförtner an. Ein alter Brummbär mit Bart und Brille, der aussieht wie ein ergrauter Bud Spencer. Er sieht mich sofort missmutig an, aber davon lasse ich mich nicht abschrecken. „Hätten Sie vielleicht eine Karte für mich?“, frage ich, und der Brummbär guckt mich an, dann lächelt er. „Natürlich, natürlich“, sagt er und bittet mich in das kleine Pförtnerbüro, dass ich schon kenne.

Er kramt hinter dem Tresen herum und holt eine Karte heraus. Offensichtlich muss selbst die Genueser Verwaltung sparen. Die Karte ist aus billigem Papier, viel weniger wertig als die lackierte Karte, die ich von meinem letzten Besuch noch im Rucksack habe.

Ein anderer Friedhofswächter kommt vorbei, stoppt kurz, sieht mich direkt an, kneift die Augen zusammen, dann verschwindet er wieder. Ich muss ein Grinsen unterdrücken. Ich hatte gehofft den hier zu treffen!

„Interessiert Sie etwas besonders?“, fragt der Brummbär hinter dem Tresen. „Ähm, ja, das Grab der Familie Riba-Udo“, sage ich. Der Brummbär guckt einem Moment verwirrt, dann sagt er, „Ach, Riba_udo“.

Mist, leicht verkehrt ausgesprochen und schon versteht es keiner mehr. „Joy Division!“, sagt der Brummbär, und jetzt leuchten seinen Augen richtig. Offensichtlich freut er sich, dass ich Interesse an seinem Arbeitsort zeige.

Er holt einen Ordner unter dem Tresen hervor und schlägt ihn auf. Er ist voller alter Fotos von Grabstätten, sorgfältig per Hand beschriftet und in Klarsichthüllen untergebracht. „Hier, das hier war das zweite Albumcover von Joy Division“, sagt er und erklärt mir dann ganz genau den Weg dahin. Einen Weg, den ich schon im Schlaf finden würde. Wieder kommt der andere Pförtner vorbei, guckt mich einen Moment an, kneift die Augen zusammen, als ob er sich an etwas zu erinnern versucht und haut wieder ab. Ein kleiner, drahtiger Mann Anfang 50, mit grauen Haaren. Er wirkt etwas schmutzig, aber das sind Pigmentstörungen.

„Wie sind sie auf Staglieno gekommen? Über das Internet, was?“, fragt der Brummbär. „Jaja“, sage ich. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein, immerhin bin ich es , der das Internet mit Sachen über Staglieno vollschreibt und durchaus schon andere zum Besuch motiviert hat.

Ich bedanke mich bei dem Brummbären, der nun fast im Kreis grinst, weil er mir so toll helfen konnte, dann trete ich ins Sonnenlicht vor dem Büro. Der andere Pförtner wartet draußen und fängt mich ab. „Sind sie Engländer?“, fragt er und schiebt seine Brille auf die Stirn. „Nein… Moment… Sie sind Deutscher!“, sagt er und zuckt kurz mit dem Gesicht, wodurch seine Brille wieder auf der Nase landet. Er macht das dauernd.

Ich nicke und sage dann auf Deutsch: „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

„…der weiß nichts über seine eigene“ vollendet der Pförtner das Zitat von Goethe und guckt leicht verblüfft, dann müssen wir beide lachen. „Wir sind uns schon begegnet“, sage ich. Vor drei Jahren hat der Mann mich mit seinen Sprachkenntnissen beeindruckt, und mit eben diesem Zitat, das mich seitdem begleitet.

„Kennen sie auch die italienische Übersetzung? Chi non conosce le lingue straniere non sa nulla del proprio! Man muss seine Sprache propria beherrschen!“ ich grinse. Jetzt habe ich die Gelegenheit die Fragen beantwortet zu bekommen, die ich vor drei Jahren nicht stellen konnte. „Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“, frage ich. „Ich spreche nicht nur deutsch. Auch englisch, französisch und spanisch spreche ich auf diesem Niveau“, sagt er und beantwortet die Frage damit genau: Gar nicht. „Weil es so ein Vergnügen ist, Sprachen zu erlernen“ Er ergreift meine Hand. „Ich bin Giovanni. Oder Hans, auf Deutsch. Oder Jean, auf französisch!“ „Angenehm“, lache ich und erkläre, woher mein Name kommt, und das es für mich eine Qual ist Sprachen zu lernen und ich überhaupt kein Talent dafür habe. Aber Italienisch fasziniert mich, weil die Sprachmelodie einfach schön ist. Wir sprechen über dies und das, aber wie und wo Giovanni-Jean-Hans nun Deutsch gelernt hat, bekomme ich nicht aus ihm heraus.

„Haben sie schon unseren illegalen Führer getroffen?“, fragt Giovanni. „Ein Rentner, schon seit 25 Jahren. Er bittet um ein paar Euro für eine Führung. Ist natürlich illegal.“ „Klar“, sage ich und weiß nicht, ob Giovanni mich vor einem Nervfaktor warnen oder Werbung machen will.

„Ich habe noch ein Geschenk für Sie“, sagt Giovanni dann. „Und noch eines“. Er verschwindet kurz im Friedhofsbüro, dann kommt er mit zwei kleinen Büchern wieder. „Berühmte Persönlichkeiten im Pantheon“ und „Tourenempfehlungen für Staglieno“. Das ist toll, diese Bücher hat nicht jeder. Zusammen mit dem „Kunstführungen auf Staglieno“, das ich vom letzten Mal noch habe, besitze ich jetzt Werke, die nicht jeder hat.

Eines der Werke ist auf italienisch. „Super, dann kann ich üben“, sage ich und schüttele zum Abschied die Hand dieses ungewöhnlichen Mannes.

Dann trete ich durch den unscheinbaren Torbogen. Wie überall blättert auch hier die Farbe von den Wänden. Das gehört zu Staglieno, das gehört zu Genua. Beautiful Decay.

Ich betrete den ersten von mehreren Gängen. Grabnischen ziehen sich den den Gängen entlang, jede mit einer Marmorplatte davor. Der Gang ist dunkel und wirkt unheimlich, aber das sind nur die ersten Meter.

Als ich den Gang gequert habe, öffnet sich das Bauwerk zu einem Säulengang, einer Arkade, die an einer Seite offen ist und von Sonnenlicht geflutet wird. Zu beiden Seiten stehen, sitzen, liegen und schweben menschengroße Figuren.

“Città delle ombre”, Stadt der Schatten, oder “Città senza tempo”, Stadt ohne Zeit, so nennen die Italiener Staglieno.

Mark Twain schrieb über den Monumentalfriedhof: „An diesen Ort werde ich mich erinnern, selbst wenn ich die Paläste vergessen habe. Ein breiter Säulengang aus Marmor umgibt eine große leere rechteckige Fläche; auch der Boden ist aus Marmor, und auf jeder einzelnen Platte ist eine Inschrift. Auf beiden Seiten entlang des Ganges kann man Denkmäler, Grabmäler und Skulpturen bewundern, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind und Harmonie und Schönheit ausstrahlen.“

Herr Twain hat recht.
Auch für mich ist dieser Ort einer der besondersten auf der Welt. Dieser Ort ist ein Teil von mir geworden, in genau dem Moment, als ich ihn das erste mal betrat. Vielleicht, weil er das schon immer war. Es hört sich dumm an, aber schon die erste Begegnung fühlte sich an wie nach Hause kommen. Staglieno ist ein ruhiger, stiller, in sich gekehrter Ort voller Reflexion. Ganz allein durch schier endlosen die Säulengänge zu laufen und Szenen aus dem Leben zu sehen, fühlt sich ein wenig an, als ob ich durch einen Teil meines Geistes laufe. Eben auch den stillen, reflektierten Teil, der den Kern meiner Persönlichkeit ausmacht.

Das hier ist Staglieno für mich:

und hier noch ein längeres Video von 2015:

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Verfasst von - 12. Mai 2018 in Reisen

 

Reisetagebuch Städtetour (3): Alles rund ums Wasser

Februar 2018: Tag drei einer Städtereise südlich der Alpen. Heute gibt es Duschkopfdesaster, Aquarien und Meeresgeschichte.

11. Februar 2018, Genua
Lo Zenzero, mein Appartement in Genua, ist super, aber auch etwas in die Jahre gekommen. Man merkt, dass das hier eine echte Wohnung ist, in der immer echte Menschen gelebt haben. Sie wurde wohl zuletzt Ende der 80er saniert, und gerade im Bad ist das zu merken.

Die Gastherme liefert nur so lange warmes Wasser, wie man den Duschkopf nicht über 1,5 Meter hoch hebt. Jedes Mal, wenn ich den Duschkopf über Brusthöhe hebe, wird das Wasser eiskalt und schießt seitlich aus der Brause und irgendwo hin, ohne dabei vorher den Umweg über meinen Körper zu nehmen. Nunja. Davon lasse ich mir die Laune bestimmt nicht verderben.

Kurz nachdem ich die Tür der Haus Nummer 13 hinter mir zugezogen habe ist mir auch schon zu warm. Die Sonne scheint an diesem 11. Februar aus allen Knopflöchern, und mit 10 Grad sind die Temperaturen nicht wirklich winterlich. Ich stecke die Wollmütze und die Lederhandschuhe in den Rucksack und trabe in die Stadt.

Der Bahnhof Brignole, hinter dem Lo Zenzero liegt.

Schließlich komme ich am Hafen an und stehe vor dem Aquarium, dem zweitgrößten Europas.


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Verfasst von - 5. Mai 2018 in Reisen