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Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Reisetagebuch (5): Clarkson´s Farm


Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Clarksons Farm, die Überwachung der Welt und Humbug im Angebot.

Mittwoch, 06. Juli 2022, The Crown Inn, Frampton Mansell, England
Nach dem langen Tag und den seltsamen falschen Steaks bin ich gestern Abend einfach umgefallen, ins Bett gekracht und früh eingepennt. Nicht mal zum Tagebuchschreiben hat es noch wirklich gereicht, mehr als ein paar Stichworte sind nicht zusammengekommen.

Aber jetzt, um kurz nach Sieben, bin ich ausgeruht und moderat gut drauf. Dieser Inn ist einfach ziemlich gut, das Zimmer ist nicht schlecht, es ist ruhig, und das die Barocca in Sichtweite vor dem Zimmer parkt, ist ein netter Bonus.

Neben dem Gästehaus mit den Übernachtungszimmern liegt ein Anbau mit der Rezeption und einem gediegenen Frühstückssaal.

Hier setzt sich der gute Eindruck fort. Das Personal ist freundlich und extrem schnell und professionell. Dieser Inn wird echt geführt und liefert ab wie ein 4-Sterne-Hotel.

Es gibt ein Full English Breakfast mit gebratenen Tomaten, Toast, gebackenen Bohnen, Black Pudding und einem Würstchen. Hach! Zu Hause frühstücke ich nie, aber unterwegs passe ich mich an. In Südeuropa reicht mir morgens ein Keks und ein Caffé Doppio, aber die britischen Fressorgien von Arterienverstopfendem Unfug mache ich genauso mit.

Ich zahle mit der Kreditkarte, dann geht es gestärkt und mit ziemlich guter Laune hinaus auf die Landstraße, die zwischen grünen Wiesen und Weiden hindurchführt.

Das hier sind die Cotswolds, einem der „Area of Outstanding Natural Beauty“. Mit dieser Bezeichnung, die auf Landkarten tatsächlich mit „AONB“ zu finden ist, werden in Großbritannien Landstriche gekennzeichnet, die „einen besonderen Wert haben“ – der kann kulturell oder historisch sein, er kann mit Naturschutz zusammenhängen, oder weil einfach mal jemand gesagt hat: „Ach, ist das schön hier“.

Letzteres ist ein beliebter Kniff von alteingesessenen Landbesitzern, um neue Bebauung in ihrer Nähe zu verhindern. Erstaunlich viele AONB finden sich in Gegenden, in denen reiche Landbesitzer und Lords ihre Ländereien haben. Anders als echte Naturreservate unterliegen AONBs aber keiner gemeingültigen Gesetzgebung, stattdessen entscheiden local oder special councils darüber, ob und was gebaut werden darf. Diese councils werden aber nicht demokratisch gewählt, sondern von einer Kommune ernannt, und oft genug sitzen da dann reiche Landbesitzer, die auf Gutsherrenart ganze Landstriche kontrollieren. Auch wenn die councils nicht demokratisch gewählt sind, nenne ich die im Folgenden der Einfachheit halber „Ortsrat“.

Die Gegend ist geprägt von Hügeln und Feldern und viel Grün, aber auch von Häusern und Mauern aus cremefarbenem Naturstein.

Die Cotswolds liegen 120 Kilometer nordwestlich von London und nur 30 Kilometer hinter Oxford. Mit dem Auto ist man von London in zwei Stunden angereist, aber viele der begüterten Anwohner, die unter der Woche in ihren Stadtwohnungen leben oder in der Welt unterwegs sind, steigen am Wochenende in ihr Privatflugzeug und sind binnen einer halben Stunde hier. Das ist der Grund für die vielen, kleinen Sportflugplätze in den Cotswolds.

Das es hier geradezu brechreizerregend schön und London recht nahe ist, auch der Grund, warum so viele Prominente hierher gezogen sind. Sting, Stella McCartney, Lily Allen, Patrick Stewart, die Beckhams, Hugh Grant, Damien Hirst, JK Rowling und andere Celebrities haben hier Anwesen. Zwei Dörfer weiter, in Little Faringdon, wohnt Kate Moss in einem 10-Schlafzimmer-Anwesen. Im Dorf Stow-on-the-Wold, durch das ich in diesem Moment fahre, leben Kate Winslet und Ehemann Sam Mendes. Im 20 Minuten entfernten Cirencster verkauft Elizabeth Hurley selbstgezogenes Biogemüse auf dem Markt, und selbstredend haben auch die Royals hier Anwesen, Princess Anne lebt hier sogar ständig.

Einer der ungeliebtesten Bewohner der Cotswolds ist Jeremy Clarkson. Das ist der bekannte TV-Mensch und Kolumnenschreiber, der erst „Top Gear“ und später „The Grand Tour“ gemacht hat. Heute moderiert er die englische Ausgabe von „Wer wird Millionär“ und schreibt Kolumnen für die Sun und die Sunday Times. Weiterlesen

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Herbst! Saisonende & Statistik 2022

Also höret und lobet das Herbstwiesel,
das Euch wissen lässt,
dass nun die Zeit für lange Abende bei Filmen, Serien, guten Büchern und Heißgetränken der eigenen Wahl angebrochen ist!

Auf das alles kuschelig sein möge und gemütliches Einmuckeln zelebriert werde!
Auf der Couch rumliegen und Videospiele spielen ist nun keine Sünde mehr,
denn die Zeit des Motorrads ist für dieses Jahr vorbei!
Preiset das Herbstwiesel, das die Blätter bunt anmalt und alles gemütlich werden lässt!

Die Motorradsaison 2022 ist mit dieser Proklamation offiziell beendet.
Wer jetzt nicht mehr fährt, muss kein schlechtes Gewissen haben. Der Segen des Herbstwiesels entbindet Euch vom Drang, nochmal auf´s Mopped zu müssen.

Die Ode an das Herbstwiesel beendet eine Saison, die für mich lang, interessant und teuer war. Das eine hängt natürlich mit dem anderen zusammen. Noch immer leiste ich mir den Luxus von zwei Motorrädern. Die Kawasaki ZZR600 „Renaissance“ ist eine Sporttourerin, die ich in erster Linie als Autoersatz nutze: Wege zur Arbeit, Stadtverkehr, kleine Ausflüge, mal zu den Eltern fahren – dafür ist sie perfekt.

Die Suzuki DL650 V-Strom mit dem Namen „Barocca“ ist meine Reisemaschine. Die große Kiste ist wirklich perfekt für Fernreisen, und dafür nutze ich sie. Hat natürlich den Effekt, das sie einen guten Teil des Jahres in der Garage steht und traurig dabei zugucken muss, wie die ZZR fast jeden Tag benutzt wird. Aber WENN die V-Strom dann mal raus darf, dann frisst sie Kilometer.

Die Saison startete mit einem ADAC-Intensivtraining in Gründau-Lieblos. Das letzte war schon drei Jahre her, und ein wenig Auffrischung schadet nicht.

Im Juli diesen Jahres ging es erst auf eine Tour durch Frankreich, England, Wales, Schottland und die Niederlande. Das waren rund 6.338 Kilometer, darunter die härtesten, die ich je gefahren bin: Am Hardknott-Pass, einer Single-Track Road mit 30 Prozent Steigung und damit dem steilsten Straßenpass Europas.

Im September verschlug es uns dann noch einmal in den Süden, nach Sardinien und Südfrankreich, was noch einmal 5.679 Kilometer ergab. Es war auch das Jahr der Fähren. Nachdem ich im vergangenen Jahr das erste Mal und ganz aufgeregt mit dem Motorrad auf einem Schiff unterwegs war, waren es in 2022 gleich vier Fährfahrten – und bei jeder einzelnen war ich wieder aufgeregt.

In der Summe hat die Barocca mit den weiten Touren mehr als 13.000 Kilometer gemacht – sehr ordentlich, und ordentlich teuer.

Ich sah mich ja schon vergangenes Jahr vor der Entscheidung, entweder noch einmal ordentlich in Verschleißteile für die V-Strom zu investieren oder ein neues Motorrad zu kaufen. Eine Probefahrt der aktuellen DL650 und DL1050 hat mich jetzt aber nicht in rasende Begeisterung versetzt, und vor allem hatte ich keine Lust jetzt an einem Motorrad rumzubasteln und wochenlange Mühe zu investieren, um es in Sachen Funktionsumfang auch nur halbwegs auf das Niveau der Barocca hochzupetern.

Also wurde investiert. Insgesamt drei Mal war die V-Strom in diesem Jahr in der Wartung, zur 84.00er, 90.000er und 96.000er Inspektion. Hauptsächlich wegen Verschleißteilen, das hätte jede andere, auch eine neue, Verbrennermaschine auch gebraucht.

Jedes mal wurde aber ein kleines Bißchen mehr gemacht. Die Barocca hat eine Gabelrevision erfahren, das Ventilspiel wurde eingestellt, die Bremsscheiben und -Beläge sind rundrum erneuert worden, und sie läuft nun auf brandneuen Tourance Next 2-Reifen. Die sind erst seit kurzem erhältlich. Ich bin mal gespannt – die Vorgänger, die Tourance Next 1, waren ja schon erstaunlich. Auch nach 13.000 Kilometern hätten sie immer noch genügend Profil gehabt, allerdings waren sie durch die vielen Autobahnkilometer eckig gefahren.

Das heißt: Ich werde sie mindestens noch ein Jahr fahren, auch wenn sie in Kürze die 100.000er-Marke überspringt. Mal gucken, ob sich das bemerkbar macht. Der V-Twin-Motor hält angeblich ewig, aber bei manchen V-Stroms mit dieser Laufleistung gibt es Probleme mit der Elektrik. Mal gucken. Und vielleicht kommt 2023 ja auch eine neue V-Strom raus, die eine geeignete Nachfolgerin ist.

Neben der hohen Werkstattkosten hat mich in diesem Jahr tatsächlich auch der Hafer gestochen, was Schutzkleidung angeht. Von der Schottland-Tour erwartete ich zwei Wochen Regen und Kälte und kaufte mir dagegen nicht nur eine neue Regenkombi, sondern auch einen neuen FLM-Fahreranzug, unter den ein dicker Pulli genauso passt wie eine TechAir5-Airbagweste. Beides ist super und macht mich sehr glücklich, hat aber auch ein Loch in Portemonnaie gerissen. Ist aber egal, gute Schutzklamotten und gut gewartete Fahrzeuge sind wichtig, egal ob man damit auf weite Touren geht oder nur im Stadtverkehr rumkurvt.

In der Summe muss ich sagen: Die Motorradsaison 2022 war ausgezeichnet. 15.036 Kilometer, (1.593 mit der ZZR, 13.443 mit der V-Strom) sind eine ganz ordentliche Strecke. Egal ob im Alltag oder auf Touren, beide Maschinen haben zuverlässig ihren Job gemacht, es gab keine Panne und keinen Umfall, alles hat so geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe, und zum Glück gab es auch keinen Unfall. Dafür, das muss ich ehrlich sagen, bin ich dankbar.

Die Renaissance und die Barocca schlafen nun dem Frühling entgegen und träumen vom März, wenn es wieder losgeht – und bei beiden der TÜV fällig ist.
Nun ist es wieder Zeit für Statistik, einfach mal die Daten der Motorräder angucken und wirken lassen.

Die Detailaufstellungen folgen nach dem Klick. Wer sich Einzelheiten angucken möchte, findet die Daten beider Maschinen online:

ZZR 600 Renaissance bei Spritmonitor.de
DL 650 Barocca bei Spritmonitor.de
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Reisetagebuch (4): Esel!

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Esel und gefälschte Steaks.


Dienstag, 05. Juli 2022, The George Inn, Middle Wallopp

Schon wieder schrecke ich aus einem unruhigen Schlaf. Die halbe Nacht hat sich einer der Teilnehmer der Junggesellenparty im Zimmer nebenan lautstark übergeben, und ich selbst habe Kopfschmerzen – und einen rauen Hals. Stöhnend schwinge ich die Füße aus dem Bett und stehe gleich erst einmal mit einem Fuß in einem der Motorradkoffer. Britische Gastzimmer sind wirklich klein.

Wo er schon mal da ist, kann der Fuß auch in dem Koffer herumwühlen. Ich kann mit den Zehen greifen und Socken und sogar Bleistifte vom Boden aufheben, vergesse aber immer das Fremdwort für diese Fähigkeit. Polydaktyl? Vermutlich nicht.

Nach einigem Tasten fördert der Fuß den Beutel mit den COVID-Testkits Zu Tage. Es ist Jahr drei der Pandemie, und ein Vorrat mit Masken und Tests sind aus dem Reisegepäck nicht mehr wegzudenken.

Ich prokele mit dem Wattestäbchen in der Nase rum, quetsche das Sputum in die Testflüssigkeit, schraube den Tropfer auf und beträufele den Teststreifen, dann wanke ich ins Bad.

Als ich frisch geduscht bin, ist das Testergebnis fertig. Negativ. Sehr gut. Das fehlte jetzt noch, das ich im Urlaub krank werde. Dafür habe ich nämlich keinen Plan B. Ich wüsste nicht mal, welchen Behörden ich hier Bescheid sagen müsste.

Im Gastraum bin ich noch allein, der Junggesellenabschied schläft wohl etwas länger.

Schnell entdecke ich, warum das Frühstück bei meinem Zimmer inklusive und „ohne Aufpreis“ ist: Es ist ein kontinentales Frühstück, oder zumindest eine kontinentales-Frühstück-Requisite: Auf einem Teller liegen drei vertrocknete Käsescheiben und zwei mumifiziert wirkende Scheiben Wurst, daneben ein Beutelchen mit Konfitüre. Die Leute vom Inn stellen das immer immer hier hin, mutmaße ich, damit die Gäste dann einen Blick drauf werfen und sagen: „Ach nee, lass mal, bring mal lieber ein richtiges, englisches Frühstück, Aufpreis hin oder her!“

Das mache ich aber nicht. Englisches Frühstück würde hier 16 Pfund kosten, das sind in echtem Geld 20 Euro (oder 40 DMark oder 80 Ostmark). Dafür, dass ich normalerweise gar nicht frühstücke, ist mir das ein Bißchen zu viel.

Die ersten Teilnehmer des Junggesellenabschieds kommen die Treppe heruntergewankt. Alle tragen schwarze Hosen und weiße Hemden und Sonnenbrillen und einen Gesichtsausdruck, der deutlich sagt: „Aua“.

Der Küchenmann bringt den Junggesellen das ordentliche Frühstück, mit Würstchen, Eiern, dicken Bohnen, Black Pudding und wer weiß was noch. Alles trieft vor Fett und riecht sehr intensiv. Die Teller stehen noch nicht ganz auf dem Tisch, als einer der jungen Männer aufspringt, die Hände vor den Mund presst und nach draußen rennt.

Ich mümmele meinen Toast zu Ende und leere die Kaffeetasse, dann bugsiere ich die Motorradkoffer aus dem kleinen Zimmer und die enge Treppe hinab. Die Holzenten mit den Sinnsprüchen gucken mir dabei zu.

Auf den Parkplatz steht die V-Strom in der sommerlichen Morgensonne. „Na, die erste Nacht auf britischem Boden gut überstanden?“ murmele ich, als ich das Gepäck befestige.

Dann geht es los. Ich erinnere mich sofort daran, dass ich links fahren muss und biege vom Parkplatz des Inns auf eine belebte Landstraße ein. Die erste Mission heute: Bargeld besorgen. Plastikgeld wird eigentlich überall genommen, aber wenn es mal nicht funktioniert, ist Bargeld der Plan B. Ich habe gerne immer genug Bargeld dabei für eine Übernachtung und eine Tankfüllung. Man weiß ja nie.

Im Vorfeld hatte ich mal auf Google Maps geschaut und eine Tankstelle gefunden, die nur wenige Kilometer entfernt ist und in der ein kleiner Supermarkt ist, in dem es angeblich auch ein ATM gibt. Leider weiß von diesem Geldautomaten nur das Internet, die Angestellten haben in dem Laden noch nie einen ATM gesehen. Kein Problem, denke ich noch, während ich die Suzuki wieder auf die Straße lenke, dann halte ich halte an der nächsten Bank und ziehe da etwas britisches Spielgeld.

Erstmal steuere ich das Motorrad aber auf die Schnellstraße A303, und nach wenigen Minuten taucht in den grünen Hügeln neben der Straße ganz kurz eine bekannte Struktur auf.

Na? Wer erkennt´s? Genau, das ist…
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Reisetagebuch (3): If friends were flowers, I‘d pick you

Motorradtour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute geht es auf´s Schiff.

Montag, 05. Juli 2022, Pension „Bonjour“, Saint-Pierre-de-Plesguen, Bretagne
In diesem seltsamen Dachzimmer in dem winzigen Haus ohne richtige Treppe oder Türen kann man wirklich jedes Geräusch hören. Ich höre z.B. Jeffs Schnarchen. Er liegt in der mittleren Etage, in einem winzigen Schlafzimmer mit einer Falttür, aber es ist, als würde er in der anderen Zimmerecke vor sich hinschnorcheln.

Gut, Ohrenstöpsel helfen, aber die Nacht bleibt unruhig, und um kurz nach Sieben schiebe ich meine Koffer schon wieder durch die enge Lücke zwischen Kamin und Holzbalken hindurch und quetsche mich die hüftenge und steile Wendeltreppe hinab. Ist wirklich wie in einem Kaninchenbau hier. Ich bin eine kleine und bewegliche Person, aber das hier ist so eng, das ist selbst mir unangenehm.

Im Erdgeschoß, wo der Coiffeursalon/Das Wohnzimmer mit der Küchenecke liegt, werkeln Jeff und Caterine bereits herum. Jeff macht sich fertig für die Arbeit, drückt Caterine einen Kuss auf und ist verschwunden.

Ich greife mir meine Koffer und schicke mich ebenfalls an, das Haus zu verlassen. Innerlich graut mir vor der Strecke zum Motorrad. Das sind zwar nur 200 Meter, aber meine Fersen bringen mich jetzt schon um, trotz der Blasenpflaster. Die tiefen Blasen, die ich mir gestern gelaufen habe, sorgen dafür, dass jeder Schritt in den Motorradstiefeln schmerzt, beim Kofferschleppen noch mehr.

Aber da kommt Caterine unerwartet zur Hilfe. „Ich helfe Dir“, sagt sie unvermittelt uns schnappt sich einen Koffer, das Topcase und den Rucksack und marschiert fröhlich neben mir her. Respekt, die kleine Damen schleppt gerade ohne mit der Wimper zu zucken dreißig Kilo herum und stellt sie nach kurzem Fußweg ohne Murren neben die Barocca.

„Danke, auf Wiedersehen und viel Glück mit der kleinen Pension“, sage ich. „Ich versuche mich gerade als Coiffeuse“, sagt Caterine. „Damit auch viel Glück!“ „Danke“, sagt sie und winkt zum Abschied.

Es ist kühl, und die V-Strom trieft vom Tau des Morgens.


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Momentaufnahme: Oktober 2022

Herr Silencer im September 2022

Wetter: Anfang bis Mitte des Monats tagsüber um die 15 Grad und sonnig, nachts 4 bis 1 Grad. Dann kommt der Sommer zurück. Zweite Monatshälfte auch Nachts meist zweistellig warm, tagsüber noch bis 20 Grad. Heizung bleibt aus!


Lesen:

Jasper Fforde: First Among Sequels
Thursday Next hat mal wieder Herausforderungen. Zwar arbeitet sie offiziell nicht mehr für die Literaturpolizei, aber hinter dem Rücken ihrer Familie unternimmt sie doch noch Reisen ins Innere von Büchern. Dort findet sie Sonden, die der (wieder) böse Goliath-Konzern dort hingeschickt hat. Außerdem drohen fleissige Multiversumsersionen ihres Sohnes Friday die ranzfaule Version umzubringen, die bei ihr zu Hause den Tag verschläft, weil sonst nächsten Samstag die Welt endet. Alles wie immer!

Nicht mehr ganz so unterhaltsam wie die ersten drei Bände, aber immer noch skurril und voller toller Einfälle. Kurzweilig.

Jeremy Clarkson: ´Til the Cows Come Home
Das zweite „Diddly Squat“-Buch, gesammelte Kolumnen aus Clarksons Jahren zwei und drei als Farmer. Zeigt wortgewaltig und witzig die Probleme eines Bauern in England, der von der Politik im Stich gelassen wird: Die britische Regierung kompensiert die weggefallenen EU-Förderungen nicht, schließt dafür aber Freihandelsabkommen mit Australien. Die Folge: Der Brexit-Markt nun mit Billigfleisch überschwemmt, britische Landwirte sind nicht mehr konkurrenzfähig. Dem lapidaren Rat der Tory-Regierung, dass die Bauern sich halt breiter aufstellen müssten, wirken in der Realität die (Tory)-Stadträte entgegen, die jegliche Veränderung – und sei es nur ein Café auf dem Bauernhof – verhindern.

Wenn man Clarksons Kolumnen schon länger verfolgt, stellt man in diesem Buch zwei bemerkenswerte Dinge fest. Erstens: Der erzkonservativ-liberale Autor verliert den Glauben an seine Tories und bemerkt, dass erstarrter Konservatismus toxisch ist. Zweitens: Clarkson macht sich jetzt ernsthaft Sorgen um den Zustand und die Zukunft der Welt. Beängstigend, denn Clarkson hat in der Vergangenheit nie etwas ernst genommen.


Hören:


Sehen:
Nostalgiemonat bei Herrn Silencer.

The Expendables 1-3 [2010, 2012, 2014, BluRay]
Sylvester Stallone ist Chef einer Söldnergruppe. Die besteht u.a. aus Arnold Schwarzenegger, Chuck Norris, Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren, Bruce Willis, Terry Crews und anderen, die in völlig egalen Stories gegen Mel Gibson, Eric Roberts oder Jean Claude Van Damme antreten.

Resteverwertung von allem, was im Actionkino der 1980 bis 2000er-Jahre Rang und Namen hatte, das ist das Konzept. Die alten Haudegen werden in möglichst absurden over-the-Top-Actionszenen noch einmal auf die Leinwand zu gezerrt und mit selbstironischem Humor garniert. Natürlich ist das alles völlig Banane – Story gibt es hier nicht, und in der Summe ist das alles einfach Quatsch – aber wenn Chuck Norris als wandelnder Chuck-Norris-Witz auftritt und alles einfach Bumm macht, dann ist das schon sehr spaßig.


The Transporter 1-3 [2002, 2005, 2008, BluRay]
Jason Statham fährt Dinge von A nach B, meist ohne Umweg über C. Die Dinge sind oft illegal, und um damit klar zu kommen hält er sich streng an seine selbst gesetzten Regeln, außer in den Fällen, wo er es nicht tut. Dann gibt es meist Ärger, der sich nur durch Autofahren beheben lässt.

Storytechnisch absurd bis dumm, Autostunts auf „Alarm für Cobra 11“-Niveau, das ist Luc Bessons „Action made in Europe“. Ich mag die Filme trotzdem, wegen der Schauplätze (Südfrankreich!) und der Schauspieler. Der ehemalige Kunstturmspringer(!) Statham macht sich gut als grimmer Actionheld, und die weiblichen Hauptrollen sind auch nicht aus der Beliebigkeitsmaschine gefallen.

Taxi 1-5 [1998, 2000, 2003, 2007, 2018, BluRay]
Daniel weiß alles über Autos und wäre gerne Rennfahrer, seiner Maman zu liebe ist er aber Taxifahrer in Marseille. Immerhin hat er es sich nicht nehmen lassen, sein Taxi zum Rennwagen zu pimpen. Aufgrund seiner Skills muss er aber immer wieder dem Polizisten Emilien helfen. Der ist zwar clever, kann aber gar nicht Autofahren.

Ach ja, das waren unschuldige Zeiten, in denen dieser harmlose Frankreich-Spaß entstanden ist. „Taxi“ ist wieder mal Luc Besson, der eine seiner zwei Storyideen (Mann fährt Dinge von A nach B ODER knochiges Model wird Geheimagentin) verwurstet. Wieder mal gibt es Cobra-11-Niveau und hahnebüchenen Storyunsinn mit albernen Gags („Ninja!“ -„Dingsda!“).

Aber: Es gibt auch wieder coole und liebenswerte Charaktere und gute Schauspieler (Samy Naceri! Emma Sjöberg! Marion Cotillard!). Heimliche Hauptdarsteller sind das Taxi und die Stadt Marseille. Die Filme sind auch nach 25 Jahren noch kurzweilig und unterhaltsam, ohne peinlicher zu sein als damals, und das ist mehr, als man über viele Filme aus der Zeit sagen kann.

Ausnahme ist der 5. Teil, das Reboot von 2018 ist so schlecht, das es körperlich weh tut. Von der alten Besetzung ist nur noch das Taxi und Marseille übrig, statt Charme gibt es hier Pipikaka-Humor garniert mit Bodyshaming, Rassismus und Mobbing. Das ist nicht lustig, kommt aber dabei raus, wenn man ein Vin Diesel-Lookalike das Drehbuch schreiben, Regie führen und die Hauptrolle spielen lässt. Das wirkt in Summe, als hätte man den lieblosen Quatsch nur gemacht, um die Namensrechte nicht zu verlieren.


Spielen:

Stray [2022, PS5]
Eine kleine Katze fällt bei einem Streifzug durch eine menschenleere Welt in ein Rohr und findet sich unversehens in einer unterirdischen Stadt wieder. Die wird von Robotern bewohnt, die menschliche Verhaltensweisen imitieren, und das das anscheinend schon seit Jahrhunderten. Die Katze versucht wieder aus der Stadt herauszukommen, und schließt dabei Freundschaft mit einigen der Maschinenwesen und einer kleinen KI, die auf der Suche nach ihren Erinnungen ist.

Ach, das ist nett. „Stray“ ist kein „Spiel mit Katze“, sondern ein echtes Katzenspiel. Will meinen: Hier hat man nicht einfach bloß einen Katzen-Avatar in ein beliebiges Spiel gesteckt, sondern wirklich die Welt und das Gameplay rund um eine Katze und ihre Fähigkeiten designt. Zumindest zum größten Teil, einige Elemente, wie das Inventar, werden mit SciFi wegerklärt, aber ansonsten ist hier alles sehr katzig. Es gibt eine Taste zum Miauen, man kann sich auf Personen und Kissen zusammenrollen und einschlafen, sich in Kartons verstecken, Gegenstände von Tischplatten pföteln oder die Krallen an Türen und Sofas wetzen.

Die Animationen sind super, und auch wenn Entdeckung oder Rätseln hier nicht an erster Stelle stehen und alles recht linear ist, macht es Spaß, als Katze durch die Gegend zu stromern. Die Grafik ist hübsch, und sehr cool ist das haptische Feedback. Keine Ahnung wie das genau gemacht wird, aber die Zurg, kleine, sind mit ihren wuseligen, weichen Eigenschaften im Controller spürbar.

Das gameplaytechnisch alles sehr simpel gehalten ist, macht dabei nicht viel aus, denn das Spiel ist mit rund 6 Stunden zu kurz, um repetitiv oder nervig zu werden.

A Plague Tale: Requiem [2022, PS5]
Mittelalter: Pestratten überfallen ganze Städte und scheinen dabei einem kleinen Jungen zu folgen, der schwarze Male am Körper trägt. Seine 14jährige Schwester Amicia versucht ihn schützen – vor den Ratten, der Inquisition und einem seltsamen Geheimorden, und ein Heilmittel für die Male zu finden. Die beiden fliehen nach Südfrankreich. In Arles scheint die Welt noch in Ordnung, aber das bleibt leider nicht so.

Ich mochte den ersten Teil, das 2019 erschienene „A Plague Tale: Innocence“, sehr – das war sogar mein Spiel des Jahres. Die Geschichte um Amicia, die erst langsam ihren entfremdeten, kleinen Bruder kennenlernt und ihn schließlich beschützt, war gut geschrieben und schön umgesetzt – zumal für eine Double-A-Produktion, die damals das erste, eigenständige Werk eines französischen Studios war, das vorher quasi niemand kannte.

Den Vorgänger sollte man auch zwingend gespielt haben, denn „Requiem“ setzt die Geschichte der Geschwister nahtlos fort, ohne viel zu erklären. Das ist schade, denn der Einstieg ist zwar rasant, das erste Drittel des Spiels dann aber doch etwas träge und nur eine Variation der aus „Innocence“ bekannten Themen und Mechaniken. In Schleichpassagen gilt es, Soldaten aus dem Weg zu gehen, während Unmengen von bissigen Ratten für Rätseleinlagen herhalten müssen. Das ist manchmal etwas langatmig und hätte m.E. ohne Verlust stark gekürzt werden können.

Erst ab der Hälfte der rund 18 Stunden Spielzeit gibt es neue Elemente und signifikante Charakterentwicklungen, und dann dreht auch die Geschichte auf und wird spannend und gut und ebenso rührend wie brutal – manche Rezensionen vergleichen „Requiem“ mit „The Last of Us, Part II“ und dem „Tomb Raider“-Reboot.

Das ist natürlich im Detail Quatsch, aber ich kann verstehen, wie man zu dem Vergleich kommt. Alle Spiele haben weibliche Hauptfiguren, die keine Power-Fantasy ausagieren, sondern durch ihre (erkennbar falschen) Entscheidungen in großes Leid gezwungen werden und dadurch eine Charakterentwicklung durchmachen. Zudem sind Tonalität und emotionale Investition bei allen Spielen ähnlich.

Abseits davon hat mich immer wieder die Grafik erstaunt. Egal ob die Klippen der Mittelmeerküste, das belebte Arles oder eine bunte Mittelmeerküste – alles ist wunderschön in Szene gesetzt, die mit Photogrammetrie erstellten Texturen sehen fantastisch aus, und die Details und die Beleuchtung sowie die Effekte in der proprietären Engine kommen fast auf das Niveau des Decima-Frameworks von „Horizon“. Noch besser wird es in den Zwischensequenzen, die einfach nur fantastisch inszeniert sind und noch besser aussehen.

Lediglich während der Gamepassagen sind die Gesichter der Figuren sind unbeweglich und tot. Dafür gibt es mehr Ratten: Waren im Vorgänger bis zu 50.000 Viecher gleichzeitig am Start, fluten nun regelrechte Tsunamis aus angeblich bis zu 300.000 Rattenleibern die Sets, mit ganz eigener Physik und Dynamik. Auch wenn diese Massenszenen auf der PS5 manchmal zu Framerateinbrüchen führen, ist das ebenso faszinierend wie widerlich anzusehen.

Apropos PS5: Auch „Requiem“ nutzt das haptische Feedback des Dualsense Controllers. Man spürt Anstrengungen der Protagonisten – und die Ratten. Das ist schon sehr eklig. Aber Cool. Aber eklig.

In der Summe ein sehr gutes Spiel und das beste Action-Adventure, das ich in diesem Jahr bislang gespielt habe. Offen bleibt lediglich die Frage, warum Amicia jetzt plötzlich wie Natalie Portmann aussieht, aber meine Güte, es gibt sehr viel Schlimmeres.


Machen:

Tour mit der Barocca, um den Sommer verlängern. Spart Heizkosten.


Neues Spielzeug:

Auto und Motorrad in der Werkstatt, da bleibt kein Geld für Spielzeug 😦


Ding des Monats:

Ein TP-Link TL-WR902AC750 Nano-Router. Die Streichholzschachtelgroße Kiste ist Router, Accesspoint und Client für WLAN. Hängt jetzt am LAN-Port des neue Rechners, der nur begrenzt mit WLAN-Stricks arbeiten wollte.


Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch (2): Blut am Mont Saint Michel

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute scheitere ich am Tagesziel, muss Viecher jagen und es fließt Blut.

Sonntag, 03. Juli 2022
Ich schlafe und träume von der Arbeit und schlafe weiter und als ich aufwache, ist es erst kurz vor fünf. Ich weiß sofort, wo ich bin. Auf der Domaine de Regnoval, einem großen Bauernhof, 60 Kilometern nördlich von Paris. Ich drehe mich nochmal um und mache die Augen zu. Im Halbschlaf wabert eine tiefe Zufriedenheit mit, weil ich weiß, dass das hier echt ist. Das ich unterwegs bin. Unterwegs mit dem Motorrad. Dann döse ich noch einmal weg.

Im Halbschlaf bekomme ich mit, wie es um kurz nach sechs in der Küche im Erdgeschoß anfängt zu rumoren. Geschirr klirrt, Besteck klappert, Dampf schorchelt, ein Toaster plonkt, irgend etwas bruzzelt. Es hört sich an als würde eine Großküche in Betrieb genommen. Was es da nachher wohl Schönes gibt?

Einheinhalb Stunden klappert und bruzzelt und dampft es da unten, und um halb acht beschließe ich, mir all die Leckereien anzusehen. Hungrig bin ich auf jeden Fall. Bei der Abfahrt gestern Morgen war es zu früh für Frühstück, dann habe ich mir den Tag über wegen der weiten Strecke keine Zeit für eine Pause genommen, und um Abendessen zu fahren war ich dann zu müde. Die letzte Mahlzeit war also… vorgestern? So ist das, wenn ich unterwegs bin. Dann ist sowas wie Hunger Nebensache.

Aber jetzt bin ich erholt, so ausgeruht, wie man es nach 10 Stunden Schlaf nur sein kann, und bereit für all die Köstlichkeiten, die in den letzten eineinhalb Stunden im Erdgeschoss angerichtet wurden.

Als ich die Treppe zu der kleinen Küche, die gleichzeitig Frühstücksraum ist, hinabsteige, sieht mich eine blonde Mitfünfzigerin an. Sie sagt aber nichts. Sie guckt mich nur an. „Bonjour Madame, je m´appelle Silencer“, sage ich.

Sie sieht mich zweifelnd an und zieht die Nase kraus, sagt aber immer noch nichts. Geht das schon wieder los? Das ist ja genauso schlimmes Kommunikationsverhalten wie gestern mit dem Bartmann.

„Aaaaaa-ah. Petit Dejeuener?“, spreche ich etwas hölzern das Offensichtliche aus, einfach um die Stille zu überbrücken, und deute auf einen Tisch. Offensichtlich hat sie aber immer noch kein Wort verstanden.

„Zimmer 1?“ fragt sie dann auf französisch. Ich nicke. Sie geleitet mich an einen kleinen Ecktisch und zieht ein Deckchen von einem Körbchen. Darin liegen zwei Croissant. Dazu gibt es zwei Sorten Konfitüre. Das war es. Ich beklage mich nicht, zusammen mit dem großen Kaffee reicht mir das hier völlig, aber was zum Geier hat sie hier die letzten eineinhalb Stunden geklappert, gebrutzelt und getoastet?

Die beiden Croissants zu verputzen und die Schale Kaffee zu vernichten dauert keine 5 Minuten, aber in mir ist der sportliche Ehrgeiz geweckt, ob ich nicht doch ein Gespräch in Gang bekomme. Man lernt unterwegs nur etwas, wenn man sich mit Menschen unterhält.

„Hmm, die Konfitüre ist lecker, selbstgemacht?“, frage ich und deute auf die Glastöpfchen mit den schiefen, selbstgedruckt aussehenden Aufklebern. „Qwo?“ sagt die Frau. „Die Konfitüre ist SEHR GUT, haben sie die gemacht?“, sage ich. Die Frau wackelt mir dem Kopf und sagt „Cmt? Vopouv´ l´acheter n´supermarché“ Wieso? Die kann man im Supermarkt kaufen. Aha.

„Ist ein wenig kühl heute morgen, was?“, sage ich mit Blick auf die 9 Grad auf dem Thermometer. „Hä?“, macht die Frau. „Ein wenig kalt!“, sage ich, deute aus dem Fenster und mache die universellen „kalt hier“ Armbewegungen. „Le Chambre ouke vouls-di?“, sagt die Frau und stiert mich an. „Nein, nicht im Zimmer“, sage ich. „Das Zimmer war bestens. Draußen. Draußen ist es kalt.“

„Ou“, sagt sie, wo. Ich deute nochmal aus dem Fenster, wo der Tau dick und weiß auf der Wiese liegt.
„Ach“, sagt sie. „´coup Pluie sem´dern´“, was wohl so viel heißt wie „Letzte Woche viel Regen“. Und damit ist das Gespräch von ihrer Seite vorbei, und ich stehe auf und hole mein Gepäck. „Au Revoir!“, ruft die Frau, und das verstehe ich wenigstens.

Ich trage die Koffer zum Motorrad. Ja, kühl ist es, aber der Tag wird sonnig und warm werden. Tau liegt auch auf der Sitzbank und glitzert im Sonnenlicht.

Über Felder und Dörfer geht es. Das ist nicht spannend, aber ich habe trotzdem total gute Laune. Wind im Gesicht! Sonne im Rücken! Ich bin raus aus dem Alltag und unterwegs und schon 1.000 Kilometer weg von zu Haus!

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Reisetagebuch Motorradtour (1): Ein Rückspiegel voller Himmel

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute geht es los, allerdings läuft da was nicht ganz rund bzw. heiß, und es gibt Scht´is.

Sonntag, 03. Juli 2022
Ich schlafe und träume von der Arbeit und schlafe weiter und als ich aufwache, ist es erst kurz vor fünf. Ich weiß sofort, wo ich bin. Auf der Domaine de Regnoval, einem großen Bauernhof, 60 Kilometern nördlich von Paris. Ich drehe mich nochmal um und mache die Augen zu. Im Halbschlaf wabert eine tiefe Zufriedenheit mit, weil ich weiß, dass das hier echt ist. Das ich unterwegs bin. Unterwegs mit dem Motorrad. Dabei war der Start gestern morgen alles andere als rund…


Am Vortrag: Samstag, 02. Juli 2022

Sind sie jemals so erschöpft gewesen, dass sie vor Müdigkeit nicht mehr schlafen konnten?
Ich schon.
Jetzt gerade.

Die letzten Wochen waren hart – die Sommerwelle der Pandemie und die Urlaubsvertretung für Kollegen haben dafür gesorgt, dass die gleiche Arbeit auf immer weniger Schultern lastete. An zwei dieser Schultern baumeln meine dürren Pandemieärmchen. Das ist jetzt das dritte Jahr, in dem COVID eine ständige Begleitung ist, und mit ihm das tragen von Masken, Homeoffice der Mitarbeitenden, weniger direkte soziale Interaktion und allgemein weniger Unternehmungen und generelle Vorsicht. Bislang habe ich mir Corona nicht eingefangen, und ich will es auch jetzt nicht drauf anlegen. Aber trotzdem muss ich jetzt mal raus. Auch wenn ich noch so gar nicht in Reiselaune bin. Das gepackte Motorrad spricht aber eine deutliche Sprache:

Egal.
Los jetzt.

Der Helm meldet Einsatzbereitschaft, und auch der Patch an der Airbagweste gibt grünes Licht.

Ein Druck auf den Starter, und der V-Twin der Barocca, meiner nachtschwarzen V-Strom 650, erwacht zum Leben und pöttert etwas ruckelig in der Morgenluft. Der etwas rappelige Lauf ist normal, das legt sich, wenn sie warm ist. „Temperatur: 15 Grad. Reifendruck: OK. Distanz: 760 Kilometer. Auf ihrer Route werden keine Verzögerungen gemeldet.“, höre ich eine Stimme im Helm. Ich bin immer allein unterwegs, deshalb die vielen technischen Helferlein. Technik hilft. Oft.
„Danke, Anna“, sage ich zu mir selbst und zum Garmin Zumo und gebe Gas.

Es ist der 02. Juli 2022, kurz nach 06:00 Uhr morgens. Es ist sommerlich warm, und die Sonne schiebt sich gerade über den Berg, in dessen Schatten Mumpfelhausen liegt.
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5.679

So, ich wäre dann auch mal wieder im Lande. Mit der Barocca, der 650er V-Strom, ging es Mitte September über die Alpen bis nach Livorno, von dort mit dem Schiff nach Sardinien, dann über Provence und Carmargue und die Vogesen wieder zurück. 5.679 Kilometer waren das am Ende, an 21 Tagen an der frischen Luft.

Interessanterweise war das die zweite, lange Motorradtour in diesem Jahr. Dieses Mal war der Plan: Rumlungern. Nach der atemlosen Tour durch das Unvereinigte Königreich im Juli wollte ich nun vor allem eines: Ruhe haben. Nicht jeden Tag stundenlang im Sattel sitzen oder pausenlos Dinge angucken, sondern einfach nur doof am Strand rumliegen oder lesen oder eine Wand anstarren. Rumlungern, eben.

Deshalb sollte es auch kein Reisetagebuch dazu geben – was sollte da im Erfolgsfalle auch drin stehen außer „Geschlafen. Gegessen. Rumgelungert.“

Nun, der Plan mit dem Rumlungern hat auch tatsächlich funktioniert, aber zwischendurch war ich doch ein wenig unterwegs…

…und habe doch das ein oder andere erlebt, was sich aufzuschreiben lohnt. Die alte Troposcatter-Station auf dem Monte Limbara, zum Beispiel, ist jetzt bis in den letzten Winkel erkundet.

Die V-Strom geht jetzt erst noch einmal in die Werkstatt – das Dritte Mal in diesem Jahr, dieses Mal für neue Reifen. Nach 12.000 km, davon zwei Drittel auf Autobahnen, waren die einfach eckig gefahren. Übrigens hat die Maschine wieder alles klaglos mitgemacht, es gab keine Panne, kein Stottern, obwohl die Kiste jetzt 95.000 km runter hat. Zuverlässigkeit, dein Name ist V-Strom.

Auch andere Dinge müssen überholt werden – es ist ganz erstaunlich, was ein kleines Steinchen anrichten kann, wenn es nur mit genug Geschwindigkeit in das Visier eines Motorradhelms einschlägt.

Ich mache mich jetzt mal daran von beiden Touren, UK und Sardinien, das Material zu sichten und daraus das Tagebuch zusammenzukleben. Was ich an der Universität Cagliari getrieben habe, wieso Herr Kachelmann sich schon Sorgen macht, wenn ich unterwegs bin, wieso Frankreich zum Mad-Max-mäßigen Albtraum wurde, warum ich GS-Fahrer Mitte 60 schwierig finde und mit welcher interessanten wie liebenswürdigen Motorradbloggerin ich schöne Abende verlebt habe – das gibt es dann demnächst, hier im Blog.

(Kein Selfie, hier hat das Motorrad mich fotografiert.)

2022: 6.338
2021: 7.306
2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

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Momentaufnahme: September 2022

Herr Silencer im September 2022

Wetter: In der ersten Woche noch sommerlich, aber ab der zweiten ist der Herbst deutlich zu merken: Es wird kühler. Nachts noch neun Grad, tagsüber noch um die 20. Ein paar Tage Regen. Ende des Monats schon Temperaturen um die null Grad.


Lesen:

Jasper Fforde: Lost in a Good Book und The Well of Lost Plots und Something Rotten [2002, 2003, 2004 Kindle]

Die Polizistin Thursday Next hat viele Probleme: Jemand versucht sie mittels unglaubwürdiger Zufälle umzubringen, ihr Ehemann wurde aus rein geschäftlichen Gründen aus der Zeitlinie entfernt und ihr Dodo hat ein Ei gelegt. Zum Glück kann Thursday in Bücher hineinspringen und mit den fiktionalen Charakteren interagieren. So versteckt sie sich in einem Groschenroman, arbeitet für Jurisfictom, die Polizei in der Buchwelt und bereitet dort eine Strategie vor, um mit Superschurken, Megakonzernen und Mutterschaft fertig zu werden.

Das hier ist Peak-Fforde: Eine fantastische Welt und viele tolle Einfälle, locker von einer Rahmenhandlung zusammengehalten. Allein schon die Idee, dass Bücher ein eigenes Betriebssystem haben und untereinander verbunden sein können ist großartig, vollends super wird es dann, wenn eine Superschurkin mittels verminderter Entropie Morde begeht oder die Charaktere der fiktionalen Welt über das „Footnoterphone“ kommunizieren und das tatsächlich in den Fußnoten des Buches tun. „Lost in a good Book“, „Well of Lost Plots“ und „Something Rotten“ erzählen eine durchgehende, wendungsreiche und spannende Geschichte. Plock.


Hören:


Sehen:

Auf der Jagd [1998, Bluray]

Wesley Snipes ist ausgebüchst, Tommy Lee Jones versucht ihn wieder einzufangen. Ihm zur Seite: Robert Downey Jr.

Ah, diesen Film gucke ich immer wieder gerne. Es ist eine Fortsetzung zu „Auf der Flucht“, nur das hier nicht Dr. Kimble durch die Szenerie stolpert. Tommy Lee Jones gibt hier wieder Sam Gerard, den unbarmherzigen Deputy des US-Marshall-Service, der schon Harrison Ford das Leben schwer machte und der sich wie ein Bluthund an die Fährte der Flüchtigen heftet.

Was ich an dem Film so mag ist die Tatsache, dass in dem nicht überkomplexen Plot ausnahmslos alle Figuren schnell, clever und überaus kompetent agieren. Niemand ist hier unfähig oder ein wenig dumm. Der Flüchtige, die Verfolger, die Bösewichte – alle haben nachvollziehbare Motive und handeln intelligent, und es ist ein Genuss, den bis in die Nebenrollen hinein wirklich guten Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen. Der Film ist hervorragend gealtert und immer noch spannend.

Fun Fact: Die Figur des Sam Gerard war tatsächlich lange Zeit mein Role-Model was Führung angeht.


Spielen:

The Last of Us, Part I [2022, PS5]
Ausführliche Rezension des Originals HIER.

Die 2022er Neuauflage für die PS5 ergänzt diesen Meilenstein der Videospielgeschichte um bessere Grafiken. Den Charakteren kann man die Emotionen jetzt an den Auge ablesen, was die emotionale Wucht dieser sehr fordernden Geschichte unterstreicht. „The Last of US“ ist auch in der PS5-Variante und mit dem Zusatz „Part I“ ein verdammtes und sehr mitnehmendes Meisterwerk.


Machen:

Tour mit der Barocca, um den Sommer verlängern. Spart Heizkosten.


Neues Spielzeug:


Ding des Monats:


Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Alles so ruhig hier

…und das bleibt auch erstmal noch so. Die Arbeit ist, wie jedes Jahr Anfang September, etwas fordernd. Privat erfordert die Familie Aufmerksamkeit – mein Vater ist mit seinen 80 Jahren jetzt an einem Punkt angekommen, wo er Hilfe braucht. Und dann sind da noch Achttausend Kleinigkeiten, von Gasdichtigkeitsprüfungen im Wohnhaus über Arzttermine bis hin zu Büroarbeiten für die Nachbarn.

Viel Zeit für schöne Dinge oder gar Hobbies wie dieses Blog bleibt da gerade nicht – selbst  die ZZR600 „Renaissance“ weilt seit heute im Winterschlaf, weil ich nicht mehr dazu kommen werde sie zu fahren. Das ist auch der Grund, weshalb hier die kommenden Wochen nichts passiert. Gerade brauchen mich andere, und dann brauche ich erstmal Zeit für mich.

„Aber heute ist nicht alle Tage, …“

Wir lesen uns.

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Familiäre Dialoge -VII-

Februar 2022.
Telefon.

Vater: „Sohn! Ich bin verzweifelt. DIE haben mir mein Auto kaputt gefahren.“

Ich: „Was? Au Scheiße. Geht es Dir gut?“

Vater: „Jaja, ne. Aber das Auto, wie gesagt, das ist kaputt. Aber ist kein Problem, ich muss nichts bezahlen, der Mann hat es mitgenommen.“

Ich: „Erzähl mal von vorne, bitte.“

Vater: „Die Katzen hatten Hunger und das Wetter war nicht so und dann bin ich ins Auto, und unten am Berg da hat es dann geschneit und ich bin mit ausreichendem Seitenabstand an einem Auto vorbeigefahren das da geparkt hat und plötzlich macht es BUMM und ich schleudere so rum und dann war das Auto kaputt.“

Ich: „Du hast aus dem Fenster geguckt, den Schneesturm gesehen und beschlossen, dass das genau der richtige Zeitpunkt ist ins Auto zu steigen und einkaufen zu fahren? Und bist in ein geparktes Auto gerutscht?“

Vater: „Nein! Hör doch mal zu! Ich bin nicht gerutscht! Ich bin da mit aus-reich-en-dem Abstand dran vorbeigefahren! Und dann hat es Bumm gemacht. Ich habe den gar nicht berührt! Bei dem ist auch gar nichts kaputt. Außer an der Felge so ein Bißchen. Da ist was abgefallen. Kann man aber wieder dran machen.“

Ich: „Also bist Du doch in das geparkte Auto reingefahren“

Vater: „Das war nicht meine Schuld, ich konnte doch nichts sehen! Wegen des Schnees! Da kann doch niemand was sehen! Und dann bin ich so rumgeschleudert und vorne gegen den Bordstein. Und dann waren alle gleich aufgeregt und haben die Polizei gerufen und der Abschlepper war da und der hat gesagt: Das ist ein Totalschaden, der Wagen ist nichts mehr wert und wenn ich ihm den schenke, dann muss ich wenigstens keine Abschleppkosten zahlen.“

Ich: „Und was hast Du gemacht?!“

Vater: „Naja was soll ich denn gemacht haben? Habe ich halt das Auto verschenkt, nützt ja nichts. Aber wie gesagt, ich hatte keine Schuld. Auch nicht an dem Hildebrandt seine Schulter.“

Ich: „Was hat denn der Hildebrandt jetzt damit zu tun?“

Vater: „Ja der saß in dem Auto. Und nun sagt er, ihm tut die Schulter weh. Aber da kann ich nichts für! Was bremst der auch so stark, mitten im Schneesturm!!“

Ich: „Äh. Also war noch ein Fahrzeug beteiligt? Und das hat vor dir gebremst?“

Vater: „NEIN! Du hörst nie zu, wenn ich mit Dir rede, oder? Der saß da in dem geparkten Auto! Was da stand, weil er vorher so stark gebremst hat! Weil es geschneit hat! Und da bin ich in weitem Bogen drum rum und hab den gar nicht berührt und dann Bumm und dann war mein Auto kaputt und wie das mit dem Hildebrandt seiner Schulter kam und seinem appen Rad, das weiß niemand!“

Ich: „Okay, Ich fasse noch einmal zusammen: Es hat so stark geschneit, dass man nichts sehen konntest. Der Fahrer vor Dir hat aufgrund der schlechten Sicht gehalten und Du bist ihm hinten rein gefahren und hast einen Totalschaden mit Personenschaden verursacht. Und anschließend hast Du Dein Auto verschenkt.“

Vater „Aber ich bin nicht schuld, was kann ich denn dafür wenn der da so dämlich…“

Ich: „Ich komme morgen früh vorbei. Wir regeln das.“

Vater: „Bring Katzenfutter mit!“

Und geregelt haben wir das dann, im Februar. Natürlich hat er sein Auto nicht verschenkt, es stand sicher im nahegelegenen Autohaus. Aber es war tatsächlich ein Totalschaden. Der Personenschaden war zum Glück nur ganz leicht, am Ende ist also alles gut ausgegangen. Sogar die Katzen wurden gefüttert.

Bezeichnend aber: Es sind immer „DIE“, die Schuld sind. „DIE“ stellen Hemden heute absichtlich kleiner her als früher, damit man sich dick fühlt. „DIE“ sorgen dafür, dass einem auf einen Samstag das Heizöl ausgeht. Und „DIE“ machen halt Bumm und plötzlich ist das Auto kaputt. Bei meinem Vater sind es IMMER die anderen.

Aber gut, mit über 80 Jahren lernt man auch nicht mehr, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Zudem deutlich zu sehen: Die familiären Dialoge werden im Verauf immer unlustiger und sind zunehmend geprägt von einer gewissen Hilflosigkeit. Mein Vater ist ein alter Sturkopf, aber ich fürchte, der braucht jetzt mal Unterstützung.

Frühere Familiäre Dialoge:

Nicht-ans-Telefon-geh-Dialog
Dialog zum 80sten
Impfdialog
Hämischer Dialog
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

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Momentaufnahme: August 2022

Herr Silencer im August 2022

Wetter: Anfang des Monats leichte Abkühlung und danach nur noch angenehm warm, aber schon in der zweiten Woche kommt die nächste Hitzewelle. Die letzten Tage wird es merklich kühler, mit 9 bis 24 Grad, regnen tut es aber die ganze Zeit über nicht.

Der schlimmste Dürresommer seit 500 Jahren, sagt man. Selbst große Flüsse führen kaum noch Wasser, Hungersteine – die ich bis dato gar nicht kannte – kommen zum Vorschein. Atomraftwerke können nicht mehr gekühlt werden, zu Kohlekraftwerken fahren keine Schiffe mit Kohle, und Wasserkraft – naja, man kann es sich denken.


Lesen:


Hören:


Sehen:

The Sandman [2022, Netflix]
England, 1916: Roderick Burgess ist ein selbsterklärter „Magus“, der – ähnlich wie Aleister Crowley – okkulte Rituale durchführt. Sein Ziel: Er will den Tod gefangen setzen. Durch Zufall gerät er in den Besitz eines echten Bannspruchs, und nach einer theatralischen Beschwörung materialisiert sich eine hagere, bleiche Gestalt im Bannkreis – aber es ist nicht Tod, sondern ihr jüngerer Bruder: Traum.

105 Jahre bleibt Morpheus, der Herr des Traumreiches, im Keller des Burgess´schen Herrenhauses gefangen. Seine Abwesenheit hat schlimme Folgen für die Welt: Eine „Schlafkrankheit“ breitet sich aus, Menschen können nicht mehr richtig träumen oder verlieren sich ihnen.

Als der Herr der Träume im Jahr 2022 endlich freikommt, hat er viel zu tun. Er muss wieder zu Kräften kommen, die Schäden im Traumland reparieren und entflohene Albträume einfangen. Und dann gibt es noch ein weiteres Problem: Ein junges Mädchen wird zu einem Vortex, einer Entität, die die Grenzen zwischen Träumenden einreißen und so das Universum vernichten wird. Es ist Traums Pflicht, das Mädchen zu töten.

„Every Frame a Picture“ hat selten so gestimmt wie bei dieser Serie. Beinahe jede Szene könnte man als Standbild ausdrucken und als Gemälde an die Wand hängen. Noch schöner: Die Geschichte zwischen den Standbildern ergibt einen Sinn! Dabei galt die Vorlage, die zwischen 1989 und 1996 entstandene Comicreihe, eigentlich als unverfilmbar. Viele, viel komplexe Geschichten werden darin auf über 2.000 Seiten erzählt, und oft ist Traum – der ernste, stoische, immer schlecht gelaunt wirkende Herr der Träume, nur ein stiller Beobachter, eine Nebenfigur oder ein Katalysator der Ereignisse.

Das greift die Serie wunderbar auf. Nachdem die erzählerischen Fundamente in den ersten vier Folgen gelegt sind, wagt man sich schon ab der fünften Episode an Nebengeschichten wie die von Hob Gadling, der sich über die Jahrhunderte alle 100 Jahre mit Traum in einem Pub in London trifft. Ab Folge sieben gibt es dann einen neuen Story-Arc, und ich hoffe, dass „Sandman“-Neulinge davon nicht überfordert sind – für mich als Kenner der Bücher ergibt das alles einen Sinn.

Die Erzählung der Serie ist dem Quellmaterial wunderbar nachempfunden. Die Macher:innen haben eines verstanden: Auch wenn die Vorlage als Graphic Novel schon ein stark visuell ist, so reicht es nicht, einfach exakt deren Bilder und Dialoge in das Medium Film zu übertragen. Zac Snyder hat das nie verstanden, und das ist der Grund warum sich seine Comicverfilmungen, von „300“ über „Watchmen“ bis hin zu „Batman v. Superman“ so seelenlos und schlecht anfühlen.

Nein, „Sandman“ ist eine Interpretation der Essenz der Comics, und Neil Gaiman selbst hat darauf geachtet, dass die Drehbuchautor:innen den Geist der Vorlage transportieren, ohne eine (zwangsläufig schlechtere) 1:1-Kopie zu sein.

Dazu kommt ein fantastischer Production Value. Echte Sets, dazu ein großartiger Cast – allein Stephen Frey als „Gilbert“ oder Mark Hamill als Kürbis sind eine Schau, aber Tom Sturridge als Traum, Boyd Holbrook als Corinthian und Vanesu Samunyai als Rose Walker rocken alles weg. Und bei der Performance von Kirby Howell-Baptiste als Tod, die in „The Sound of her Wings“ Menschen voller Mitgefühl und Liebe ins Jenseits geleitet, hatte ich ernsthaft Tränen in den Augen.

Dass der Cast divers, und das Geschlecht mancher Figuren ein anderes ist als in der Vorlage stört kein Bißchen, denn wie geschrieben: Der Geist der Vorlage findet sich wieder, überall, und was spricht dagegen die Rollen weißer Männer mit starken, farbigen Frauen zu besetzen? Lediglich die Besetzung von Lucifer ist ein Griff ins Klo. Ich liebe Gwendoline Christie, aber in dieser Rolle funktioniert die 1,91 große „Game of Thrones“-Ritterin leider gar nicht.

Was bei der ganzen Kunst ein wenig auf der Strecke bleibt ist das Pacing. Die Serie nimmt sich am Anfang wesentlich mehr Zeit, als sie tatsächlich für die Einführung in die komplexe „Sandman“-Welt bräuchte. Gerade die ersten vier Episoden verlassen sich ein wenig zu sehr auf ihre Bilder und erzählerische Dramatik missen.

Comicverfilmungen sind meistens eines von zwei Extremen: Marvel-Popcorn oder schlecht. Die hier ist keines von beiden. „The Sandman“ erzählt ernste, erwachsene Geschichten. Oft sehr unfantastisch, abgründig und geerdet, manchmal mit so fantastischen Bildern, das man sich wirklich in einem Traum wähnt.

Große Kunst – aber nicht perfekt. Manche Dinge sind zu glattgeschliffen, wie die 11. Episode um Kalliope, wo eine starke Geschichte um Mißbrauch und Vergewaltigung zu einem bloßen Gefangenendrama wird. Andere sind holprig – ab Episode 6 geht die Qualität der Effekte manchmal sehr merklich runter.

Trotzdem: Ein starker Start. Man kann hoffen, das erzählerisch in den (hoffentlich kommenden) nächsten Staffeln das Tempo etwas anzieht und man noch mutiger wird. Denn der gedruckte „Sandman“ war immer dann besonders stark, wenn es um Abgründe ging oder um Themen wir Trauer, Verlust und Suizid. Ich hoffe stark, das wird nicht des Mainstreams wegen ausgespart.

Trainwreck: Woodstock 99 [Netflix]
Dreißig Jahre nach dem Original Woodstock-Festival soll eine Neuauflage für die Massen her, optimiert auf maximalen Profit. 250.000 Menschen kommen auf eine abgelegene, ehemalige Luftwaffenbasis, aber schon am Einlass geht das Drama los: Es ist heiß, und die Besucher sollen am Eingang ihre Wasserflaschen abgeben und auf dem Festivalgelände etwas kaufen – für bis zu 12 Dollar die Flasche! Die meisten Festivalbesucher sind im Nu pleite, aber das ist nur der Anfang. Zu wenige Toiletten, schlechte Organisation und Hitze sorgen für eine aggressive Stimmung, die dann auf Wutmetal und die Partydrogen der 90er trifft. Am Ende trinken die Leute Fäkalien, reißen Bühnen ein und setzen die Anlage in Brand.

HBO-Doku, die unaufgeregt, aber eindrücklich anhand von Zeugenaussagen rekonstruiert, wie durch schlechte Planung und schlechtere Entscheidungen die Neuauflage des „Festivals der Liebe“ zu einem Albtraum wird, gegen den Sodom und Gomorrha harmlos wirken. Die Bilder von Tag drei sind wirklich apokalyptisch – die Menschen gebärden sich wie Tiere.

Everything, everywhere, all at once [2022, Bluray]
Evelyn und Waymond betreiben einen Waschsalon, was mehr schlecht als recht zum Überleben reicht. Sorgen macht sich aber nur Evelyn, ihr Mann hat Quatsch im Kopf und albert sich durchs Leben – bis er plötzlich sehr ernst und sichtbar verändert davon spricht, dass es viele Versionen von uns gibt, dieses Multiversum aber gerade in Gefahr ist und nur eine Evelyn es retten kann. Aber vielleicht nicht diese Evelyn.

Ein irrer Film, der einem ab Minute 1 hohe Konzentration abverlangt. Das Multiversum, springen zwischen Persönlichkeitssplittern, Fähigkeitentransfer dank falsch angezogener Schuhe – das hier ist ein High-Concept Film, aber anders als die Nolan-Streifen nimmt dieser hier sich nicht ernst und liefert zwischendurch auch schon mal grandiosen Quatsch.

Grandios liefern tut auch Michelle Yeoh. Die 60jähige brilliert hier in zig unterschiedlichen Rollen und springt irgendwann so schnell zwischen den Persönlichkeiten, das einem schwindelig wird. Dazu kommen wahnwitzige Actionszenen und eine Jamie Lee Curtis als übergewichtige, alte, verbitterte Finanzbeamtin/Wrestlerin.

Dagegen ist das Marvel-Multiversum ein Witz, und „Evyerthing, Everywhere, all at once“ schon jetzt mein Film des Jahres. Mit der Meinung bin ich nicht allein: Das Comdey-Drama erreicht auf Rotten Tomatoes einen Tomato-Score von 95% bei den Kritikern und 89% beim Publikum. Unbedingte Guckempfehlung.

Monty Pythons Ritter der Kokosnuss [Gandersheimer Domfestspiele]
931 nach Christus, England: Artus macht sich auf den Weg, Ritter für seine Tafelrunde zu rekturtieren und den heiligen Gral zu finden.

Sehr geile Umsetzung des bekannten Films „Die Ritter der Kokosnuss“ – Wortwitz und Situationskomik kommen auch in der Theaterfassung rüber, die zudem tolle Musicalelemente enthält. Durch eine Erweiterung ergibt die ganze Geschichte sogar deutlich mehr Sinn als die Filmvorlage. Das Ensemble spielt und singt hervorragend, besonder Miriam Schwan als Fee aus dem See ist eine Schau.

Das Bühnenbild ist leider wieder grottig. Minimalismus ist ja OK, aber kann man nicht wenigstens die gute Baumarktfarbe benutzen, damit nicht überall das Sperrholz durchscheint? Egal, „Spamalot“ ist großer, cooler Spaß.

Der kleine Horrorladen [Gandersheimer Domfestspiele]
Ein heruntergekommener Stadtteil New Yorks, in den 60ern: Der Blumenladen von Mr. Mushnik läuft schlecht. Das ändert sich, als eines Tages der leicht tolpatschige Gehilfe Seymour eine seltsame Pflanze ins Schaufenster stellt. Ab diesem Moment rennen die Kunden den Laden ein. Aber die Pflanze hat ein Geheimnis: Sie ernährt sich von Menschenfleich, und davon will sie viel.

Sehr launiges Musical. Bühnenbild ist unpraktisch, aber okay. Cast ist sehr toll und passt auf den Punkt, Highlights sind hier klar Lina Gerlitz als liebenswert-naive Audrey und Guido Kleineidam als Mr. Mushnik.

Miriam Schwan muss schon deshlab den Roswitha-Ring bekommen, weil sie hier in zig Rollen, unter anderem als lachgassüchtiger Schläger-Zahnarzt, zeigt, wie wandlungsfähig sie ist. Das Ganze ist zum Glück so straff inszeniert, das es keine Hänger gibt – 90 Minuten füllt der Stoff halt, bei mehr würde es langweilig. Und: Es ist die Fassung ohne Happy End, was sich der 1986er Film mit Rick Moranis ja nicht getraut hat.


Final Destination 1-5 [2000-2011, DVD/BluRay]
Arschloch-Teenager entkommen zunächst knapp dem Tod, aber der schmiedet neue Pläne und holt sich einen nach dem anderen.

Lebt von den absurden Todesarten, die fast an Rube-Goldberg-Maschinen erinnern. Platter und goofy Spaß. Der fünfte Teil macht einen netten Zirkelschluss zu Teil 1.

Young Sherlock Holmes – Das Geheimnis des verborgenen Tempels [1985, DVD]
London, 1890: Mehrere angesehene Männer sterben. Der Schüler Sherlock Holmes geht dem nach und findet einen ägyptischen Tempel unter London.

Ich habe diesen Film als Kind geliebt, und nach dem Anschauen weiß ich wieder warum: Er sprüht vor tollen Einfällen und fantastischen Ideen, er hat großen Respekt vor dem Quellmaterial und er nimmt seine Figuren ernst. Ja, das hier ist ein Film für Kinder, aber das hat 1985 niemanden davon abgehalten, auch gruselige oder traurige Szenen einzubauen. Die verfehlen ihre Wirkung nicht, denn ein junges Publikum merkt, wenn man es ernst nimmt und es begeistern will.

Das tut dieser Film, auch heute noch. Spannend und gruselig wird er vor allem wegen der Todesarten: Die Opfer halluzinieren, dass sie von Truthähnen, Kleidergarderoben, Kirchenfenstern(!) oder Sahnetörtchen(!!) angegriffen werden. Viele der Effekte sind praktisch und taugen deshlab auch heute noch (die Törtchen!) andere, wie der CGI-Ritter aus Glas, waren damals technologisches Neuland, was vorsichtig betreten wurde – und deshalb auch heute noch gut aussieht. Toller Streifen.


Spielen:

Resident Evil 3 [PS5]
Jill Valentine findet sich in einer von Zombies überlaufenden Stadt wieder, die in wenigen Stunden durch einen Atomschlag ausradiert werden soll. Verzweifelt sucht sie einen Ausweg und ein Heilmittel, wird dabei aber von einem unerbittlichen und unbesiegbaren Gegner verfolgt.

Wieder eine Kombination aus rätseln, gruseln und kämpfen, während ständig „Nemesis“ hinter einem her ist.
Atmosphärisch nicht ganz so stark wie der Vorgänger, aber mit mehr und größeren Schauplätzen und dramatischeren Geschehnissen. Das komplett neu gebaute Remake des im Jahr 2000 erschienenen Spiels für die PS4 bringt im PS5-Modus Raytracing mit – das sieht toll aus, ruckelt aber an einigen Stellen. Spielt aber keine Rolle: Das Gameplay entwickelt einen mächtigen Sog, und ich wollte immer wissen wie die Geschichte weitergeht. Sehr tolles Game.

Außerdem: Titanfall 2. Rezension davon hier.


Machen: Probefahrten mit V-Stroms.


Neues Spielzeug:

 

Ding des Monats:
 

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Probefahrt: Suzuki V-Strom DL650 XT und DL1050 XT

Ich liebe die Barocca, meine DL650 „V-Strom“. Aber leider, leider wird sie auch nicht jünger. Elf Jahre fährt sie schon und wird am Ende dieser Saison knapp vor 100.000 Kilometer auf der Uhr haben. 65.000 davon hat sie mit mir in den vergangenen 5 Jahren zurückgelegt. Zwar ist sie gerade perfekt durchgewartet und nahezu alle Verschleißteile sind neu, aber dennoch muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, das irgendwann, perspektivisch, eine Nachfolgerin her müsste.

Aufgrund von dem, was ich in einem Motorrad suche, plus dem Preis kommt aktuell eine 800er Triumph Tiger in Betracht. Problem ist nur: Die nächste Werkstatt dafür ist 60 Kilometer weg. Als wieder eine V-Strom? Aber was für eine?

Um das zu ergründen bin ich mal losgezogen und die beiden 2021er Modelle der V-Strom Probe gefahren. Hier die Notizen meiner Eindrücke.

DL 650
Die V-Strom hat seit 2004 zwei optische Veränderungen mitgemacht. Schön war sie nie, aber bei der 2017er Version hat sie die charakteristischen Doppelscheinwerfer verloren. Keine „Ich bin Batman!“-mäßigen, nebeneinander angeordneten und hochgezogenen Doppelscheinwerfer mehr, stattdessen glubscht nun ein Zyklopenauge aus der Verkleidung, bei dem die Schweinwerfer übereinander angeordnet sind.

Die Kunststoffverkleidung baut weniger breit als früher und wirkt billiger – ein Eindruck, der sich bis ins Cockpit fortsetzt. Dort sieht alles nach Plaste und Elaste aus dem VEB Kombinat Schkopau aus, aber irgendwoher muss der Kampfpreis von 8.700 Euro für das Basismodell ja kommen. Dem Preispunkt (und der mangelnden Begeisterung für Motorräder innerhalb des Suzuki-Konzerns) ist es wohl auch zu verdanken, dass sich Dinge wie LED-Licht oder Kurven-ABS, bei andern Marken teils längst eine Selbstverständlichkeit, bei der V-Strom nicht finden.

Im Cockpit findet sich ein analoger Drehzahlmesser und ein gut ablesbareres, monochromes LCD-Display. Das zeigt neben der Geschwindigkeit noch den Tankinhalt, die Temperatur, wahlweise die Batterie-/Ladespannung und den Modus der Traktionskontrolle an, alles schön übersichtlich und untereinander angeordnet.

Der Auspuff ist nach unten gewandert, die neue V-Strom simuliert zumindest in dem Punkt keine (nicht vorhandene) Geländegängigkeit mehr. Dadurch sitzen dummerweise Koffer standardmäßig höher als früher, was den Schwerpunkt ungünstig beeinflussen dürfte.

Die Sitzbank ist höher als beim alten Modell, gleichzeitig aber schlanker, so dass ich immer noch gut mit den Füßen auf den Boden komme. Die „XT“-Ausstattung ist ein Witz: Flimmsige Handschützer, ein Motorschutz aus Plaste, der den Namen nicht verdient und Speichenräder in doofen Farben, mehr gibt es nicht. Die 600 Euro XT-Aufpreis im Vergleich zum Basismodell kann man sich echt sparen. Selbst ein Hauptständer ist zusätzliche Sonderausstattung und nicht bei der XT dabei.

Fahrtechnisch ist die 650er V-Strom für mich wie nach Hause kommen. Draufsetzen und alles ist wie immer. Die Sitzhaltung und das Grundgefühl sind genau wie bei meiner jetzigen Maschine, und auch die Leistungscharakteristik der neuen DL650 entspricht in fast allen Bereichen der Barocca. Im Guten wie im Schlechten. Gut ist nettes, aber nicht berauschendes Drehmoment von unten, das hakelfreie Getriebe, die tolle Kupplung und ein exzellentes und leichtfüßiges Handling in Kurven, schlecht sind die schwammigen Bremsen.

Dass der Euro5-Motor im mittleren Drehzahlbereich weniger Sprit bekommt und deshalb dort nicht so drehfreudig sein soll wie frühere Modelle, kann ich nicht bestätigen, aber ich habe den 650er -Motor noch nie mit Adjektiven wie „agil“ oder „spritzig“ bedacht. Was mich freut: Der rappelige Lauf des V-Twins nervt beim alten Modell mit Vibrationen, die sind beim neuen fast völlig verschwunden – bessere Dämpfung in der Motoraufhängung sei Dank.

Mein Eindruck: Die neue 650er ist wie ein geliebtes Turnschuhmodell, das man seit Jahren trägt und dann in ein neues Paar schlüpft. Alles ist etwas straffer und nicht so ausgelatscht, aber immer noch perfekt passend.

DL 1050XT
Die große Schwester, die 1050er, guckt viereckig in die Welt, der übereinander angeordnete Doppelscheinwerfer ist fast quadratisch. Die 400 ccm mehr machen den Motor bulliger und schwerer, und das merkt man vor allem beim Rangieren sehr deutlich. Die Sitzbank ist sehr hart, schmal und nochmal höher als bei der 650er. Ich komme mit den Füßen an den Boden und kann sie bewegen, aber bequem Sitzen und sicherer Stand ist anders. Die Sitzhaltung unterscheidet sich nicht von der 650er.

Die Kunststoffverkleidungen wirken wertiger als bei der kleinen V-Strom. Das darf auch so sein, immerhin kostet die 1050er mit 14.600 satte 6.000 Euro mehr als die kleine Schwester. Die Wertigkeit sieht man auch im Cockpit, was aus deutlich weniger billig aussehendem Material besteht. Im Cockpit thront nur ein einzelnes Instrument. Ausgeschaltet wirkt es wie ein Bildschirm, aber sobald es aktiv wird, sieht man, dass es sich lediglich um ein monochromes LCD-Display handelt – und um eine Unverschämtheit. Die Geschwindigkeit lässt sich zwar gerade noch so ablesen, aber der Rest… Ich sag mal so: Die Bedienkonsolen für den gesamten Todesstern sind übersichtlicher als dieses Ding. Wer bitte kommt auf die Idee, relevante Informationen in konzentrischen Kreisen anzuordnen, inklusiver gewölbter Beschriftung? Und dann noch mit so nichtssagenden Abkürzungen, dass nicht mal der Händler die Bedeutung herleiten kann?

Abgesehen von diesem Schmuh fällt sofort die monströs große Frontscheibe auf, die sich aber zumindest ohne Werkzeug in der Höhe verstellen lässt. Die Spiegel sind etwas eleganter, bieten aber auch deutlich weniger Sicht nach hinten als die Bratpfannengroßen Klassiker an der 650er.

Die XT-Ausstattung bei der 1050er bietet neben Speichenfelgen in erträglichen Farben einen Rohrrahmen, der aber nur den Motor und die Beine, nicht aber die Verkleidung schützt, einen Tempomaten, etwas stabilere Handschützer und einen Hauptständer. Immerhin.

Vom Fahrgefühl her ist die erste Begegnung mit der 1050er erstmal ein „Ooomph!!“
Die Kiste hat im Vergleich zur 650er signifikant mehr Dampf im Kessel. Sie beschleunigt deutlich druckvoller, hängt am Gas und reagiert präzise auf Änderungen. In gut fahrbaren Kurven macht sich das höhere Gewicht kaum bemerkbar, die schwere Maschine hat V-Strom-DNA und dementsprechend eine agile Kurvenlage. Dazu trägt evtl. auch der Radstand bei, der tatsächlich etwas kürzer ist als beim kleineren Modell.

Die Bremsen greifen sofort und sind sehr giftig – das ist das erste Mal, das ich eine V-Strom mit ordentlicher Verzögerung gefahren bin. Was hingegen völlig Banane ist, ist die Kupplung. Zumindest bei meinem Vorführer hat die Maschine schon ausgekuppelt, wenn man den Hebel nur angeguckt hat. Anfahren mit schleifender Kupplung ist so kaum möglich, die kennt nur Null oder Eins. Kupplung für Grobmotoriker, quasi. Vielleicht lag das an meinem Testmotorrad, vielleicht ist das ein generelles Ding und die Begründung für den „Berganfahrassistenten“.

In der Summe: Schöne, kräftige Maschine. Fühlt sich an wirklich erwachsen und kraftvoll an.

Und nun?
Die 650er wirkt immer etwas untermotorisiert, weshalb etwas mehr Hubraum schon nett wäre. Den bringt die 1050 mit, und das Mehr an Leistung und die druckvolle Beschleunigung ist wirklich verlockend.

Wenn ich mir dann aber überlege, was ich mit der Maschine anstelle, nämlich Reisen und Touren, und welche Qualitäten ich da brauche, dann gehören „mehr Leistung“ und „schnellere Beschleunigung“ nicht dazu.

Bei dem, was ich mache, kommt es z.B. auf große Reichweite an. Die 650er säuft deutlich weniger als die Große. Unterwegs komme ich immer wieder in Situationen, wo es darauf ankommt, das ich das Motorrad auch bei sehr langsamen Geschwindigkeiten gut bewegen kann. Auch hier hat die „kleine“ die Nase vorn.

Abgesehen davon brauche ich Sitzkomfort und eine gute Basismaschine, an den ich den Kram dranbauen kann, von dem ich für mich entschieden habe, dass ich den brauche – brauchbaren Haupständer, ordentlichen Hand- und Verkleidungsschutz, Heizgriffe und sowas. Von der 1050 gibt es keine Basisversion mehr, da müsste ich das XT-Paket kaufen und dann gleich alle XT-Teile demontieren und durch was ordentliches ersetzen.

Von daher – auch wenn Leistung nett ist, für mich steht nach dieser Probefahrt fest: Die kleinere ist für mich die bessere V-Strom, und eines Tages wird so eine die Nachfolge der Barocca antreten.

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Gelb ist nicht gleich Gelb

Komme nach zwei Wochen Fahrt quer durch Europa nach Hause, stelle das Motorrad ab, steige ins Kleine Gelbe AutoTM um einkaufen zu fahren – BAM knallt mir an der nächsten Kreuzung einer hinten rein.

Ich habe noch im Rückspiegel das erschreckte Gesicht des anderen Fahrers gesehen, als sein Wagen mit quietschenden Reifen auf mich zurutschte, dann war es schon zu spät. Er donnerte mit seiner linken Seite bei meinem Wagen rechts ins Heck. Angeblich hätte der Wagen nicht vernünftig gebremst, und tatsächlich ist auf dem Asphalt zwar eine lange Bremsspur zu sehen, aber nur auf einer Seite.

Dafür, dass es den anderen Wagen vorne völlig zerlegt hat und der ein Totalschaden ist…

…sah mein Wagen noch ganz gut aus. Lediglich ein Loch im Stossfänger und eine Delle im darunterliegenden Träger.

Gutachten bestätigte dann auch: Nichts anderes kaputt, nichts verzogen. Und weil der Seat Leon M1 20VT 1.8 Top Sport so ein seltenes und gefragtes Auto ist, hatte der sogar noch einen relevanten Restwert, und deshlab bewilligte die gegnerische Versicherung die Reparatur anstatt einen „wirtschafltichen Totalschaden“ abzuschreiben.

Problem war nur: Der Wagen ist 21 Jahre alt und halt speziell, für den gibt es keine Ersatzteile mehr, zumindest keinen Stoßfänger.

Die Vertragswerkstatt bot dann an das Loch zu flicken und den Stoßfänger „in Originalwagenfarbe“ zu lackieren, dann „sieht man nichts mehr, wird wie neu“. Jaja. Klar. Die gleich Werkstatt die schon mal das Schweinerferwaschsystem kaputt gemacht, den Lack vom Dach gerissen, eine Scheibe verkehrt eingeklebt und die Schweller eingerollt hat, DIE will was reparieren, was dann „wie neu“ ist? Sicher.

Und „in Wagenfarbe“? Das ist VW-Lack, der ist in der Sonne so ausgeblichen, das er viel viel heller ist als das Original. Als es neu war, war das Auto satt Sonnengelb, jetzt ist es nur noch eine fahle Zitrone. Aber egal, auf Optik kommt es mir nicht an. Aber ich erwartete das Schlimmste, während ich mit einem WErkstattersatzwagen unterwegs war. Einem Ibiza. In Bananengelb. Fand die Werkstatt irre lustig („hier, nehmse den Roten. Ach Moment! Wir haben auch einen Gelben! Höhöhö, dann brauchsne sich nicht umzugewöhnen, wa? Nicht, dasse sonst ihr Auto suchen! Höhöhö!“).

Tja. Stellt sich raus: Der alte Lagerist, der einzige Mitarbeiter, der schon Jahrzehnte in der Firma ist, hat sich der Sache persönlich angenommen. Das ist, als ob Yoda nach 300 Jahren nochmal kurz aus dem Ruhestand kommt. Er hat geschnitten, geklebt, gespachtelt und dann lackiert. In einem Gelb, das er vorher am alten Lack ausgemessen hat und das einer fahlen Zitrone gleicht. Und, was soll ich sagen… Selbst wenn man WEiSS, wo der Schaden war – man sieht es nicht mehr.

Selbst die Spaltmaße stimmen wieder. Ich freu mich. Jetzt auf Gebrauchtwagensuche zu gehen, da hätte ich echt keine Lust zu gehabt.

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DAS HEFT oder die seltsamste aller Methoden um Gas zu sparen

Herr Silencer erläutert das seltsamste Nebenkostensystem der Welt und was das mit dem Ukrainekrieg zu tun hat.

„…Und dann haben sie am Monatsersten DAS HEFT im Briefkasten, und da gucken sie dann rein und überweisen die Nebenkosten oder bringen die in Bar vorbei und dann werfen Sie es uns wieder in den Briefkasten“.   

Hä? Was? Ich saß auf dem Sofa im Wohnzimmer des freundlichen, älteren Ehepaars, in dessen Haus ich gerne einziehen wollte. Gerade hatten sie mir die Nebenkosten erläutert und ich hatte kein Wort verstanden, außer dass DAS HEFT sehr wichtig war.

Aber zum Anfang: Ich bin 2011 nach Mumpfelhausen gezogen. In das Haus des alten Ehepaars. Im Haus gibt es mehrere Wohnungen, alle habe eine eigene Gastherme. Die beiden herzigen Alten waren damals schon über Achtzig und erklärten mir vor dem Einzug zwei Dinge: 1. Das Sie beide ihr ganzes Leben lang Buchhalter gewesen waren und 2. Ihnen das Wohl ihrer Mieter:innen über alles ging.

Zu Letzterem gehörte neben Wohlfühlen-im-Haus und den überaus fairen Mieten für die beiden auch, das sie die Mieter:innen ein wenig vor sich selbst schützen wollten bzw. vor ihrem Konsumverhalten und damit insbesondere vor Nebenkostennachzahlungen. Die hatten in der Vergangenheit wohl schon mal nicht so finanzstarke Mieter:innen in die Bredouille gebracht.

Gegen unliebsame Nebenkostenüberraschungen hatten sich die beiden alten Leutchen in den 70er Jahren ein System ausgedacht, auf das wohl nur Buchhalter kommen können:

  1. Jede Mietpartei zahlt monatlich die Kaltmiete per Dauerauftrag.
  2. Es gibt eine exakte, monatliche Nebenkostenabrechnung. Jeden Monat wird handschriftlich in ein Oktavheft notiert, was man als Nebenkosten überweisen muss. Der Betrag ändert sich von Monat zu Monat. DAS HEFT liegt zum Monatsersten im Briefkasten der Mieter:innen.

Die Nebenkosten, die im Oktavheft notiert sind, bestehen aus:

  1. Einem Sockelbetrag, in dem alle fixen Nebenkosten umgelegt sind.
  2. Dem Wasserverbrauch der Mietpartei. Früher exakt jeden Monat abgelesen, später sehr valide pro Person geschätzt.
  3. Besonderen Kosten, die ein mal im Jahr in einem Monat anfielen, wie z.B. die Wartung der Gasthermen
  4. Dem Gasverbrauch.

Woraus genau der Sockelbetrag besteht, hatten die beiden stets sorgfältig aufgeschrieben. Jedes Jahr händigten Sie allen Mieter:innen ein mit Schreibmaschine getipptes Blatt aus, auf dem alles genau aufgeführt war:

Im Garten steht ein Flüssiggastank, der das Haus unabhängig vom Gasnetz versorgt. Mittels einer über die Jahre immer weiter perfektionierten Formel rechneten die beiden flüssige Liter in Kubikmeter zu jeweils aktuellen Kosten um. Der jeweilige Gasverbrauch in Kubikmetern wurde dann jeden Monat für jede Wohnung exakt abgelesen und sorgfältig per Hand in DEM HEFT notiert. Die Mieter:innen gucken dann in DEM HEFT nach, was sie im Vormonat an Nebenkosten produziert haben und überweisen die.

Das ganze System mit diesen Oktavheften und monatlichem Gasablesen und Einzelüberweisungen klingt erstmal völlig krank und total kompliziert, aber es erfüllt natürlich genau den intendierten Zweck: Am Ende des Jahres kommt keine dicke Überraschung in Form einer fetten Nebenkostennachzahlung hinterher, weil man ja monatlich immer den exakten Verbrauch bezahlt hat.

Der Gastank muss im Dezember und im April befüllt werden. Das bedeutet: Die Mieter:innen bekommen Preisveränderungen ziemlich zeitnah mit.

Staffelübergabe

Ich habe mich immer gefragt, was aus diesem System wird, wenn die beiden alten Leutchen mal nicht mehr sind. Wer macht dann die Abrechnung? Und: Ist es den Mieter:innen nicht zu kompliziert mit dieser monatlichen Überweisung? Wollen die nicht lieber eine Pauschale zahlen statt jeden Monat extra eine Überweisung fertig zu machen, einfach weil es bequemer ist, auch auf die Gefahr einer Nachzahlung hin?

Nun, stellte sich nach dem Tod der beiden Vermieter heraus: Die Mieter:innen des Hauses finden das System mit DEM HEFT so super, dass sie darauf gedrängt haben es beizubehalten. „Monatsanfang, Blick in den Briefkasten, aha, soviel muss ich überweisen, fertig – besser geht´s doch nicht“, sagt die Journalistin aus der Wohnung neben mir.

Die Erben fanden das auch gut und, kurze Rede, langer Sinn: Seit 2016 lese nun ich an jedem Monatsersten den Gasverbrauch der einzelnen Wohnungen ab, berechne die Nebenkosten, notiere die in den Oktavheften und werfe die in die Briefkästen der Mieter:innen.

Ist für mich nicht viel Arbeit, und die monatliche Abrechnung hat WIRKLICH Vorteile. So spüren wir die gestiegenen Gaspreise bereits jetzt, weil der Tank Mitte März befüllt wurde, als die Kosten schon hoch waren. Rund 35 Prozent Erhöhung gegenüber dem über dem Vorjahr zahlen wir jetzt, und seit März sind die Preise noch höher gestiegen. Aber: Dadurch, dass jede Mieterin bereits jetzt die Gaspreise sieht, hat auch jede die Möglichkeit, das eigene Verhalten anzupassen. Und das passiert bereits.

Wir sparen schon

Im April war es hier noch bitterkalt, teils mit Nachts um die -9 Grad. Trotzdem hat Nachbarin Nummer Eins, die sonst immer die höchste Gasrechnung hat, es geschafft, ihren Gasverbrauch um 30 Prozent zu senken. Wie sie das gemacht hat? Nun, nach einem Blick auf die deutlich gestiegenen Kosten hat sie einfach mal einen Pulli angezogen und die Raumtemperatur runtergedreht, und ist nicht den ganzen Tag im dünnen Negligé in der auf 25 Grad beheizten Bude rumgesprungen.

Die Schöne Nachbarin hat 20 Prozent gespart. Wie? „Ich bade halt nicht mehr alle paar Tage“. Die Physikerin unter dem Dach hat den Gasverbrauch sogar auf Null gesenkt. Ihre Wohnung wird eigentlich mit Strom beheizt, das Gasgerät heizt nur das Badezimmer – und das hat sie einfach mal abgedreht.

Ich bin um 15 Prozent runter, weil ich im April gar nicht mehr versucht habe, das schlecht isolierte Schlafzimmer noch zu heizen, sondern mir eine dicke Daunendecke gekauft habe, eine Schlafmütze gegen einen kalten Kopf nutze und zudem nicht mehr jeden Tag dusche, wenn es nicht nötig ist.

Das zeigt: Gas sparen ist mit sehr, sehr einfachen Mitteln in relevantem Umfang möglich. Deshalb sind die „Spartipps“ von Habeck nicht so doof, wie sie sich vielleicht anhören. Und deswegen ist DAS HEFT zwar ein seltsames System, aber wenn das üblich wäre und die Leute jetzt schon die Kosten des Gasverbrauchs sehen würden, könnten wir uns viel Gejammer zum Jahresende sparen.

Kategorien: Historische Anekdoten, Skurril | 2 Kommentare

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