Blogparade: Tagesgepäck

„Wie sieht Euer Gepäck für eine Tagestour aus, und was ist da drin?“ will X-Fish von 600ccm.info wissen, und macht zur Sicherheit gleich mal eine Blogparade daraus. Hmmm, Tagesgebäck. Hier mein Beitrag.

Was bei mir nicht im Tagesgepäck ist, aber immer mitfährt: Warndreieck und Verbandskasten sowie Bordwerkzeug, Draht, Panzerband, Reifenflickset, Unfallbericht und Reserveschlüssel. Die sind bei meinen Motorrädern, einer ZZR600 und einer V-Strom 650, unter den Sitzbänken und damit sowieso immer dabei.

Ich bin ein großer Fan von Topcases, den Hartschalenkoffern, die oben auf einen Gepäckträger aufgeklippt werden. Ich mag das, weil es weitgehend wasserdicht ist, darin alles seinen Platz hat und es uninteressant aussieht. Softluggage oder Gepäckrollen auf der Sitzbank wirken dagegen gleich viel interessanter und wecken Begehrlichkeiten in Richtung Mitnahmediebstahl oder dem schnellen Schnitt mit einem Messer.

Wohlgemerkt,Topcases sind auch nicht sicherer: Ein gezielter Stich mit einem Schraubenzieher, eine schnelle Drehung und die Kiste ist offen. Ein Topcase weckt aber weniger Begehrlichkeiten, denn was soll da schon drin sein? Leute mit Topcase sind verkappte Rollerfahrer, uninteressant und langweilig, die fahren in ihren Topcase nur ihren Helm oder eine Dose Bohnen spazieren (eine Ausnahme bildet hier die GS-fahrende Alukistenfraktion, aber davon fange ich jetzt gar nicht an).

Andere Moppedfahrer stören sich oft an der Optik:

…aber die ist mir egal. Das hinter mir, wo ich es eh´nicht sehe, eine Kiste von der Größe eines Trolleys angebracht ist, stört mich herzlich wenig. Ich freue mich über einen Kofferraum am Motorrad. Ein Topcase macht ein Motorrad erst alltaugstauglich: Plötzlich lässt sich mit der Kiste zum Einkaufen fahren, und auf Reisen und für Tagestouren ist es gleichermaßen zu gebrauchen. Früher fuhr ich dafür immer mit zwei Koffern rum, dagegen ist ein Topcase noch schlank. Notiz am Rande: Auf gemeinsamen Ausfahrten waren bislang ausgerechnet die Motorradfahrer, die am lautesten über die Optik von Topcases schimpften, auch diejenigen, die als erstes fragten „Kannst Du meine Wasserflasche/Meine Schokolade/meine Kamera mitnehmen?“. Soviel dazu.

Was man vorher wissen muss: Ein Topcase verändert den Schwerpunkt des Motorrads. Das geht nicht bei jedem Motorrad gleich gut, einige werden kippelig, und auch als Fahrer muss man das können. Wobei die Beladung eines Topcases auch nicht zu heftig sein darf. Die meisten Topcases sind für 5 Kilo zugelassen.

Knackpunkt ist aber was was anderes. Die meisten Seriengepäckträger können insgesamt nicht mehr als 5kg tragen, also Topcase + Inhalt sollten 5 Kg nicht übersteigen, und die Grenze sprengt man schnell. Schnallt man sich ein Super-Duper-Ruggedized-Adventure-Topcase aus dem Abenteuershop auf´s Heck, dann kann es passieren, dass man damit den Heckträger schon ausgelastet hat.

Beispiel: Das Givi-Trekker-Abenteuer-Topace mit 54 Litern wiegt ohne jede Beladung schon satte 6 kg und damit ein Kilo mehr, als der Heckträger der aktuellen V-Strom abkann. Darauf MUSS man achten. Denn ein Topcase, auch ein leeres oder nur leicht beladenes, ist der schnellste Weg um sich Gepäckträger oder Teile des Motorradrahmens kaputt zu machen. Will man was anderes fahren als Straßen oder Schotter, ist ein Topcase ein No-Go. Denn im Gelände ist es keine Frage ob, sondern nur wann die Masse des Topcases den Gepäckträger oder seine Halterungen zerstört.

Bei mir geht das aber. Ich fahre nicht im Gelände, jedenfalls nicht freiwillig, und sowohl die Renaissance als auch die Barocca haben Halterungen mit 10kg Tragkraft für das Topcase, das selbst netto nur 3 Kilo wiegt.

Das Topcase liegt, fertig bestückt, immer im Ausrüstungsregal der Garage. Ich muss es nur aus dem Regal nehmen, einrasten lassen, schon kann die Fahrt losgehen.

Gepäckregal: Oben und Mitte E45 Givis, beklebt als Topcase und Koffer, darunter schlankere E36.

Mein Topcase ist ein modifizierter Givi E45-Koffer. Die Dinger wurden über 30 Jahre nahezu unverändert produziert. Sie sind sehr leicht, unkaputtbar, benzinfest (looking at you, BMW!) haben eine stabile und selbstsichernde Halterung und das Beste: Sie sind symetrisch. Einen E45-Koffer kann man links, rechts und oben ans Mopped stecken, die sind immer gleich. Das ist doppelt gut, denn sollte auf Reisen mal ein Seitenkoffer kaputt gehen, kann das Topcase als Ersatz an seine Stelle treten.

Verändert wurde mein Topcase, das ich für Tagestouren bis zu 3 Tagen alleine und für echte Reisen in Kombination mit Koffern nehme, sowohl innen als auch außen. Außen hat es umlaufendes Reflexband aus dem besten LKW-Markierungsband bekommen, das man für Geld kaufen kann. Das Licht einer Kerze wird in der Reflektion der Mikroprismen in dem Zeug zu einem Scheinwerfer. Außerdem hat das Topcase Gummifüße, die auch als Dämpfer am Gepäckträger dienen und gleichzeitig die Halterung unter Spannung setzen. Da klappert nichts, und die Gefahr das Case zu verlieren ist geringer.

Das Innere des E45 bietet normalerweise gleich zwei Integralhelmen Platz. Bei mir ist es nur noch einer, weil ringsrum ein umlaufendes Gurtband angebracht ist, an dem Taschen hängen. Der Abstand zwischen Gurtband und Deckel ist so gebaut, das Taschen mit dem „Molle“-Halterungssystem einhängbar sind. „Molle“ stammt aus dem Militäbereich, deshalb gibt es viele, unterschiedliche Taschen dafür. Das ermöglicht Variabilität: Ich kann verschiedene Taschen und Flaschenhalterungen fast beliebig kombinieren.

Bei gutem Wetter ist das Topcase, abgesehen von den umlaufenden Taschen, einfach leer. Ich fahre ja meist nicht einfach so durch die Gegend, sondern weil ich irgendwo hin will, Kultur angucken oder auf Berge klettern oder sowas. Dann kann ich in das leere Topcase den Helm einschließen.

Bei ungewissen Wetter ist im Topcase die Vakuum-Rolle mit der Regenkombi.

In den Taschen im Inneren des Topcases ist allerhand Zeugs, das eigentlich immer dabei ist. Die Tasche hinten links enthält eine klein zusammenfaltbare Einkaufstasche und ein winziges Mikrofaserhandtuch. Letzteres dient meist zum Abwischen des Sitzes nach Regen oder zum Befreien der Spiegel von Morgentau. Wenn ich wirklich den ganzen Tag unterwegs sind, stecken ein paar Müsliriegel in der Tasche. Außerdem ist es der Ort, an dem ich das Navi aufbewahre. Naja, „Aufbewahren“… Sie ist halt oben offen, ich kann Anna einfach da reinschmeißen.

Die Tasche, ursprünglich für´s Militär gemacht um Patronen einzusammeln, hat seitliche Einschübe. Darin steckt Campingbesteck: Ein schweizer Messer, ein Opinel, ein Spork und ein Faltbecher. Dahinter, im Gurtband, ein Kuli und eine Winkeltaschenlampe. Winkelig deswegen, weil man sich die einfach an die Jacke stecken kann, dann leuchtet die nach vorne und man hat die Hände frei. Praktisch beim Rumklettern in Höhlen oder dem beidhändigen Rumwühlen in den Innereien des Motorrads.

Dann kommt eine Wasserflasche. Ein Liter ist immer dabei, wenn ich im Sommer auf Reisen bin, steckt daneben noch eine zweite Flasche.

Vorne rechts klemmt ein Resqme und eine Notfalleuchte. Das ResQme ist ein winziges Ding, mit dem man nach einem Unfall Autoscheiben zerschießen und Gurte zerschneiden kann. Ich bin einmal zu oft an frischen Unfallstellen vorbeigekommen um auf sowas zu verzichten. Außerdem kann man damit im Sommer sehr schnell Haustiere aus Autos befreien, weshalb die spanische Polizei sowas als Standardausrüstung am Gürtel hat.

Die Notleuchte ist ein Warnlicht, wasserfest, mit verschiedenen Blitz- und Leuchtmodi. Sie dient dem Sichern von Unfallstellen und ist magnetisch. Unter eine Zierblende am Topcase habe ich einen Neodym-Magneten eingearbeit. Im Notfall kann ich die Leuchte also auf´s Topcase „kleben“. Ist seit der Episode, wo ich bei der ich fast mit dem Motorrad in den Bergen abgestürzt wäre, immer dabei. Zum Glück seitdem noch nie gebraucht.

In der flachen Tasche vorne rechts steckt meine Lumix-Kamera und Kleinkram. Taschentücher, Magnesiumtabletten, was alte Leute halt so auf Reisen brauchen. Vermutlich kommt irgendwann Hämhorrhoidensalbe und Blasenkapseln dazu.

Die große Tasche hinten rechts beinhaltet auf Reisen die Actioncams samt Ersatzakkus sowie eine winzige Pumpflasche mit Sonnenschutz und ein Cap. Ich bin aber kein Capträger, und trage das nur widerwillig bei starker Sonne oder Regen. Jetzt habe ich etwas Besseres gefunden: Im kommenden Jahr fährt dort ein Oilskin-Hut mit, der wasserdicht und knautschbar ist – dank des eingearbeiteten Drahts verliert er seine Form nicht.

Die kleine Tasche hinten links enthält eine Ersatz- bzw. eine Sonnenbrille in meiner Sehstärke. Ohne Brille geht halt bei mir gar nichts, ein Ersatz in Reichweite zu haben ist wichtig. Wenn ich in ganz seltsamen Gegenden unterwegs bin, steckt in der Tasche ein Bremsscheibenschloss.

Die Dokumentenklappe hat ein Warndreieck aus Reflexfolie bekommen, das ist gut sichtbar, wenn der Deckel aufgeklappt ist.

In der Dokumentenklappe befinden sich tatsächlich Dokumente – eine „Missionsmappe“ mit dem Tagesprogramm, der nächsten Hotelreservierung und ggf. Buchungen für den Tag.

Dazu befindet sich noch das hier dahinter:

Im Einzelnen:

Eine Parkscheibe mit eingeklebten Magneten, so dass die an der Kanzel der ZZR und der V-Strom kleben bleibt. Außerdem eine Hülle für Parkscheine, ebenfalls magnetisch. Ziplockbeutel, um kleine Geräte bei Regen wasserdicht zu verpacken. Und ein Wörterbuch, das nur aus Bildern besteht und darum für jede Sprache taugt.

Einen kleinen Clou hat das Topcase noch. Den Boden habe ich aus Kunstleder gemacht und darunter ein Polster eingezogen, damit der Helm nicht verkratzt. Die Polsterung ist aber nicht aus Schaumstoff oder ähnlichem – sie ist aus einer Warnweste gemacht! Im Notfall muss ich nur das Kunstleder aus seinen Klettschlussriegeln rupfen, und habe eine stabile und sehr gute Warnweste in der Hand. Übrigens von XL-Moto, die sind qualitativ sehr gut und zerfleddern nicht nach den ersten Kilometern im Fahrtwind. Auf die hat mich X-Fish gebracht, die ersetzt seit Anfang 2018 die Billigversion aus dem Baumarkt, die ich bis dahin darunter spazieren fuhr.

In mein Tagesgepäck sind also viele Gedanken und Ideen eingeflossen. Was haltet ihr davon? Übertrieben oder cool?
Und wie ist es bei Euch? Was ist bei Euch immer an Bord, und wie sieht Euer Tagesgepäck aus? Macht mit bei der Blogparade!

Impressionen eines Wochenendes (22): Herbstfahrt

Morgens.
3 Grad.
Sonnig, aber kalt.
Kaffee hilft gegen Morgen, dicke Klamotten gegen kalt. Los geht´s. Einen Freund in der Klinik besuchen. Kaltes Morgenlicht auf gepflügten Feldern. Alles grau und leer. Das Land ist bereit für den Winter.

Eine Runde um den Edersee. Andere Motorradfahrer verachten. Nebenarme des Stauwerks führen kein Wasser mehr. Auf dem Grund hat sich leichte Vegetation angesiedelt. Genau wie in den leeren Harzsperren. Die Pflanzen werden dumm gucken, wenn das Wasser wiederkommt.

Kurorte. Die letzten Orte auf der Welt wo es „Tanzlokale“ gibt. In den Toiletten hängen Hinweise, dass man es hier nicht mit seinem Kurschatten treiben soll. Bin überrascht, wieviel Libido so alte Leute noch haben. Das erklärt die geschmacklosen Schilder und Witze. Zeitreise in die 60er Jahre.

Am Tag darauf. Eine kurze Runde durch den Solling. Abseits der Hauptstrecken menschenleer. An den Mauern von Landmaschinenverleihern verwittern Originalschilder von Afri-Cola und Bluna. Strukturschwach, diese Region. Meine Heimat. Zonenrandgebiet. Wir hatten nichts und haben nichts.

Abends wirft die Sonne mit goldenem Licht um sich. Herbstlaub leuchtet gegen blauen Himmel. Kitschig.

Den Benzinhahn zudrehen. Die ZZR bockt und tritt und spuckt auf den letzten Metern. Als sie in die Garage rollt, stirbt der Motor. Tot und mit leeren Vergasern steht sie da.
Unsere letzte Fahrt.
Für dieses Jahr.
Das Schöne am Sterben liegt in der Tatsache begründet, dass eigentlich nichts verloren ist.*


Weiterlesen „Impressionen eines Wochenendes (22): Herbstfahrt“

Momentaufnahme: September 2018

Herr Silencer im September 2018

Wetter: Monatsanfang bedeckt, selten Regen und mit Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad noch warm, aber die Bäume werden schon bunt. In der dritten Woche noch mal ein kurzes Aufbäumen des Sommers, mit Sonnenschein satt und Temperaturen an die 30 Grad. In der vierten Woche dann aber der Absturz: 3 bis 12 Grad, bedeckt und Regen, stürmisch, überall Blätter. Es ist über Nacht Herbst geworden!


Lesen:

Terry Pratchett: The monstrous Regiment [Kindle]
Pollys Bruder ist verschwunden. Der etwas simple junge Mann ist dem Militär von Borogravia beigetreten, dann hat man nichts mehr von ihm gehört. Als alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, greift Polly zum letzten Mittel – einer Socke. Mit der in der Hose und einem Kurzhaarschnitt geht sie als Junge durch und mustert ebenfalls im Militär an. Schnell stellt sie fest, dass ihr Regiment als letztes Kanonenfutter in einem bereits endlos dauernden Krieg verheizt werden soll. Auf der einen Seite Borogravia, wegen dümmster religiöser Gründe, auf der anderen Seite Zlobenien, das sich zwar progressiv und weltoffen gibt, dem es aber nur um Landgewinn geht.

Tolles Buch über religiöse Intoleranz, Geschlechterrollen und Krieg. Als ich es bei Erscheinung vor 15 Jahren las, fand ich es einigermaßen doof. Zum einen ist der Kunstgriff, dass ALLE Mitglieder in Pollys Regiment am Ende Frauen sind, eine ziemliche Verrenkung, zum anderen geht der eigentliche Storystrang in Sockenepisoden ein wenig unter. Jetzt bin ich älter und kann mit den verhandelten Themen mehr anfangen.


Hören:

Nix.


Sehen:

Barry Seal [Heimkino]
USA in den 70ern: Barry Seal ist Linienpilot einer großen Fluggesellschaft. Er ist wenig zu Hause, das knappe Gehalt reicht kaum um die Hypothek für das Haus zu bezahlen, seine Frau ist frustriert. Das ändert sich, als ein CIA-Mitarbeiter Barry rekrutiert. Fortan bessert der seine Kasse mit dem Fertigen von Luftaufnahmen von Rebellencamps in Mittelamerika auf. Weil das gut klappt, setzt der Geheimdienst Barry bald für Waffenlieferungen an einen gewissen Major Noriega in Nicaragua ein. Und damit er nicht leer zurückfliegt, beginnt Barry irgendwann Koks für drei junge Geschäftsleute mitzunehmen, die später als das Medellin-Kartell in die Geschichte eingehen werden. Barry ist so erfolgreich, dass das CIA im einen eigenen Transportservice finanziert. Das Ergebnis: Bald weiß Barry nicht mehr, wohin er mit dem ganzen reinkommenden Geld eigentlich soll, er kauft praktisch einen ganzen Ort und geniesst das pralle Leben. Aber das Paradies währt nicht ewig – die Drogenfahndung ist Barry auf den Fersen, und die CIA agiert in Sachen Iran-Kontra zunehmend unfähig.

Was für ein spaßiger Film! Schon die Logos der Produktionsfirmen sind im 70er-Look gehalten, und die immer wieder eingestreuten Originalaufnahmen haben ein Flair von Doku bzw. Forrest Gump. Das kommt natürlich nicht von ungefähr, denn „Barry Seal“ schmückt sich mit dem Satz „Nach einer wahren Begebenheit“. Bei dem muss man immer ganz genau hingucken, und wenn man das tut, dann wird man merken: Mit dem echten Barry Seal hat der Film nur den Namen gemein, nahezu alles andere ist hinzuimaginiert auf Basis von Vermutungen. Mit diesem Wissen ist der Film immer noch unterhaltsam, ein Großteil des Reizes aber verflogen. Natürlich muss man auch Tom Cruise ertragen können, der wie immer Tom Cruise spielt und sich durch den Film grinst. Dennoch ist er spannend anzuschauen, und viele Momente sind gleichzeitig plausibel UND lustig, auch wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Beispiel: Barry fliegt Rebellen aus Nicaragua zur Ausbildung in die USA. Kaum sind die in Amerika, desertieren sie in Massen. Das ist glaubwürdig, hat mich laut lachen lassen, und erst im nächsten Moment ist mir aufgefallen, dass das diskriminierend ist.

Problemkind [Theater im OP]
In einem Motelzimmer sitzen Denise und RJ und warten auf einen Anruf. Der Anruf soll Gewissheit bringen, ob die beiden ihr Baby wiederbekommen, das ihnen das Jugendamt nach einem Absturz in Kriminalität und Prostitution weggenommen hat. Die Chancen stehen nicht gut, die Sachbearbeiterin hat mehr als deutlich gemacht, dass sie das Paar für White Trash hält. Denise verzweifelt daran, immerhin hat sie sich nur prostituiert, um das Kind ernähren zu können. Als sie gar nicht mehr ein noch aus weiß, besorgt sie eine Waffe.

Schwerer Stoff. Sehr gut gespielt, aber nur schwer zu ertragen.


Spielen:


Spider Man [PS4]
Peter Parker, New York, Blabla.

Man muss es dem Spiel zugute halten, dass hier keine Origin-Geschichte erzählt wird. Hier wird, ähnlich wie bei den „Arkham“-Games um Batman, ein neues Universum aufgemacht, in dem bekannte Themen neu variiert werden. Der Spinnenbiss ist schon ein paar Jahre her, Peter Parker hat bereits eine gemeinsame Geschichte mit Schurken und gescheiterte Beziehungen mit MJ hinter sich. Das ist angenehm und fühlt sich unverbraucht an, genau wie ein Teil der Spielmechaniken: Das Herumschwingen zwischen Wolkenkratzern in New York ist toll und frisch und ich habe mich immer wieder gefragt, wie die Macher von Insomniac diese Mechanik so gut hinbekommen haben. Auch nach dem Dutzendsten Mal macht das noch Spaß, zumal die Lichtstimmungen im fotorealistischen Neew York toll gesetzt sind.

Nur so Mittel ist das Kampf- und Stealthsystem, was deutlich bei Arkham abgeschaut wurde, aber in Details nicht so gut ist. Insbesondere den Kampf muss man lernen: Spiderman ist schnell, aber er kann nicht viel einstecken. Die ersten Kämpfe sind hektisches Knöpschedrücke und unerwartete Tode, bis man den Rythmus und die Spielweise gelernt hat. Es gibt Bosskämpfe, die aber ziemlich unspektakulär sind. Bis auf den letzten, der völlig aus dem Takt geratener, Over-The-Top-Hektik „Oh man was mache ich hier eigentlich“-Müll ist.

Alle Mechaniken sind gut integriert in eine Story, die zwischen „ach komm, nerv nicht rum“ und „hu, spannend“ changiert. Spannend wird es immer, wenn die Hauptstory weiter eskaliert. Nervig wird es immer, wenn man als Peter Parker oder ohne Superkräfte unterwegs ist. Ich kann mir vorstellen, warum das gemacht wurde: Es ging um Pacing. Funktioniert aber nur so mittel, denn immer wenn die Story richtig rund läuft, steckt Insomniac wieder einen Stock zwischen die Speichen. Das der große Twist am Ende schon in den ersten Spielminuten durchtelegrafiert wird, trägt auch nicht zum Spannungsaufbau bei.

Gänzlich altbacken ist dagegen die Open World, die vollgerümpelt ist mit repetitiven Aufgaben. Man muss allen Ernstes Türme erklimmen, Fetchquests, Stealth und Brawl-Einlagen spielen. Die kommen zwar nicht alle auf einmal, sondern stufenweise, aber am Ende sieht die Karte schlimmer aus als die von Assassins Creed: Unity. Echt, es wirkt, als habe Insomniac das Open-World-Hnadbuch von Ubisoft aus dem Jahr 2010 kopiert. Erstaunlicherweise fühlte ich mich gar nicht so sehr im Hamsterrad, denn die Aufgaben sind zwar repetitiv und schwer, aber durch das gelungene Gameplay und die gute Integration auch sehr spaßig. Lediglich die Challenge-Aufgaben unter Zeitdruck sind Pain-in-the-Asse, und die muss man erledigen um an neue Ausrüstung dran zu kommen – und zwar nicht nur einmal, sondern man muss sie zig mal wiederholen – das ist dumm und ärgerlich. In der Summe reicht das aber für ein spaßiges Spiel, in dessen Welt man gerne nach Feierabend ein paar Stündchen eintaucht. Kein Meilenstein, aber ein sehr gutes – und schweres – Spiel.


Machen:

ZZR-Treffen


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Völliger Irrsinn

Völliger Irrsinn, gerade. Alles.
Auf Wochen von Stress und durchgearbeiteten Wochenenden folgt nun keine etwas ruhigere Phase, sondern es geht mit höherem Tempo und heftigerer Schlagzahl weiter. Ich glaube, ich hatte in den letzte 10 Jahren keine Phase, in der die Arbeit mein Leben so dominierte. Und die Aussicht ist: Es wird noch mehr werden.

Im Moment bestehen meine Tage aus Arbeit-Arbeit-Arbeit, nach Hause kommen, was essen, ins Bett legen, einschlafen.

Mehr läuft gerade nicht, für was anderes bleibt gerade kein Platz. Auch nicht für dieses Blog, das gerade etwas brach liegt. Ist halt manchmal so. Wird auch wieder anders.

Nespresso ist eine Erfindung aus der Hölle

Ab einer gewissen Größen und Struktur werden Unternehmen unmenschlich und damit evil. Nachweislich eines der evilsten Unternehmen der Welt ist der Nestlé-Konzern. Der arbeitet beständig daran den Planeten zu zerstören und das Leben für alle schlechter zu machen – einfach, um die Quartalszahlen zu erreichen.

Wir erinnern uns: Nestlé, das ist der Konzern, der u.a. Menschen in Afrika das Wasser wegnimmt und dann in Europa als Luxusgetränk verhökert. Kommentar des Konzernchefs dazu: Niemand habe einen Anspruch auf Wasser, das sei kein Grundrecht. Verantwortung trägt in einem Konzern mit 330.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern niemand mehr, und anscheinend sind diese Strukturen ein Biotop für Soziopathen.

Selbiger Konzern hat das vermutlich böseste Produkt überhaupt im Lebensmittelbereich entwickelt: Nespresso. Wirklich, wenn es ein Produkt aus der Hölle gibt, dann sind es die Kaffeekapseln. Mit seinen Kapseln hat Nestlé es geschafft, Kaffee zum Designobjekt hochzujazzen. Die Kapseln werden in jeder mittleren Stadt in Nobelboutique-ähnlichen Geschäften angeboten, die aus jeder Pore das Imitat von Luxus verströmen. Menschen zahlen dort umgerechnet 60 Euro für ein Kilo Kaffee, der in Kapseln aus Aluminium verpackt ist.

ALUMINIUM! Ein Material, das so energieintensiv in der Herstellung ist wie kaum etwas anderes. Aluminium wird aus Bauxit gemacht, für dessen Abbau werden Regenwälder abgeholzt. Die Herstellung ist giftig, der Strom- und Wasserverbrauch gigantisch. Deutschlands kleinste Alu-Hütte verbraucht so viel Strom wie die Stadt Essen, und bekommt den auch noch subventioniert.

Was mich erstaunt hat: Das funktioniert. „Aber der Kaffee schmeckt gut“, sagt der Nespressomaschinenbesitzer und legt noch eine Kapsel nach. Ja, der Kaffee schmeckt, ohne Frage, aber er ist den Preis nicht wert. Deshalb kommt mir keine Nespressomaschine ins Haus oder in die Firma. Aber das ist Nestlé egal. Sie schmeißen mich trotzdem mit ihren Kapseln aus der Hölle zu. Das hier habe ich gerade aus dem Firmenbriefkasten gezogen:

Eine Probepackung von diesem Kapselmist. Die verschicken ihren Müll allen Ernstes ungefragt, mit dem Slogan „Wachstum beginnt mit dem richtigen Kaffee“. Leck mich anne Füße, Nestlé. Unsere Firma ist groß geworden durch verantwortungsvollen Einsatz von Ressourcen. Währenddessen haben wir an an fair gehandeltem Kaffee aus der Filtermaschine genippt. Und das wird sich auch nicht ändern.

Impressionen eines Wochenendes (21): Herbsttreffen des ZZR-Forums

Jedes Jahr im Juni treffen sich Fahrerinnen und Fahrer von ZZR 600s aus ganz Deutschland vor meiner Haustür, im Harz. Noch nie habe ich daran teilgenommen. Das hat zwei Gründe: Zum einen kann ich die allermeisten anderen Motorradfahrer nicht ausstehen, zum anderen hatte ich im Juni stets Urlaub und war deshalb zum Zeitpunkt des Treffens außer Landes.

In diesem Jahr gab es nun zusätzlich ein „kleines“ Herbsttreffen in Hohegeiß, im Gasthaus Silbertanne.

Da habe ich mich tatsächlich blicken lassen und war SEHR überrascht. Die Leute, die da waren, hatten allesamt keinen Nagel im Kopf. „Nagel im Kopf“ ist ein Synonym für „Leute, die angeben an wie tausend Flöhe, auf der letzten Rille durch die Landschaft rasen und generell Menschen, mit denen ich nichts zu tun haben möchte.“ Gab es hier aber nicht.

Nein, die kleine Truppe war echt voll in Ordnung. Auf Anhieb prima mit allen verstanden, und viel gelernt habe ich auch. Nicht nur über die ZZR. Was mich außerdem beeindruckt hat: Keine ZZR ist gleich, jede sieht anders aus und hat einen anderen Charakter.

Ich hatte auch Gelegenheit den „Caspar“ kennen zu lernen. Das ist quasi eine Legende, eine perfekt in blau abgestimmte und mit mit Airbrush verzierte ZZR, die man in ganz Deutschland kennt.

Kurios: Zur gemeinsamen Ausfahrt wollte der Tourguide auf einer Triumph Sprint ST 1050 unterwegs sein – und bei der drehte sich nach dem ersten Tankstopp das Hinterrad nicht mehr. Vermutlich gebrochenes Hinterradlager. Resultat: Heimreise per ADAC. Armer Kerl.

Trotzdem kam noch eine gemeinsame Ausfahrt zustande.

Bei der kleinen Tour habe ich gemerkt, wie sehr sich mein Fahrstil von dem des Guides unterscheidet. Er war sehr zügig unterwegs, schneller, als ich normalerweise fahren würde. Ich hatte aber keine Probleme dran zu bleiben. Ich war gefordert, aber nicht überfordert. Das hat Spaß gemacht, und ist für eine kurze Tour OK. Dauernd geht das aber nicht. Wenn man so schnell unterwegs ist, konzentriert man sich ausschließlich auf die Straße. Dadurch bekommt man von der Landschaft nur sehr wenig mit, und so ein Level an Konzentration hält man nicht den ganzen Tag. Das ist halt der Unterschied zwischen Spaß-Fahrt und Motorradreise.

Kennengelernt: Kalotta, DeWahat, MeBo_23, Roadrunner91, Mirkomotorrad, Leo77, Pinklady, Korn21, Maddin_HH, Quertreiber318, Mel, Rody0507 und Bratkartoffelsuppe. Letztere ist kein Nickname, aber sehr lecker.

Bei der Rückkehr nach Mumpfelhausen dann noch eine Überraschung. Das GANZE DORF war ein großer Flohmarkt, und was die Bewohnerinnen aus ihren Kellern geholt und nun im Vorgarten zum Verkauf anboten, war eine echte Schau. Tolle Dinge wurden ebenso angeboten wie ausgestopfte Wiesel und… Apfelkuchen! Das war interessant, bot es doch auch Gelgenheit, sich mal näher kennen zu lernen. Ist echt ein tolles Dorf hier.

Skurril auch der Mann, der einen Wetterhahn mit sich rumschleppte.

Manche Leute haben ja auch lustige Hobbies. Wie der Mann zwei Straßen weiter, der den ganzen Winter über Grillzangen bastelt. Eine nach der anderen, und dann weiß er am Ende nicht, was er damit machen soll. Jetzt hat er sie verkauft, und ich habe eine.

In der Summe: Tolles Septemberwochenende. Voll ausgenutzt. Jetzt kann die Oktoberliebe kommen.

Achtundachtzigtausendachthundertachtundachtzig. (Komma Acht).

Ich verpasse ja historische Kilometerstände normalerweise. Gerade noch gedacht „Ach guck, in 63 Kilometern haben wir die x0.000 voll“ und wusch, schon steht der Zähler auf x0.004 oder so. Aber dieses Mal nicht.

Yeah! Die Renaissance hat die 88.888 Kilometer voll!

Das ist für eine Maschine dieser Klasse durchaus beachtlich, damit ist sie eine der ZZR 600s in Deutschland mit den meisten Kilometern auf der Uhr. Der Kilometerstand markiert auch noch ein anderes Jubiläum. 2012 habe ich die Kiste mit 38tausendundeinKeks Kilometern übernommen, d.h. wir haben jetzt 50.000 Kilometer gemeinsam zurückgelegt, den Löwenanteil davon in nur 5 Jahren. Wenn das nicht ein Grund für einen Blogpost ist!

Momentaufnahme: August 2018

Herr Silencer im August 2018

Von Hochsommer auf Herbst in zwei Tagen? Ist das überhaupt erlaubt?

Wetter: Der Monatsanfang ist heiß, selbst um Mitternacht sind es noch um die 30 Grad. In der zweiten Woche sinken die Temperaturen zumindest nachts auf ein erträgliches Maß, aber tagsüber brüllt die Sonne und die Dürre geht weiter. In der dritten Woche kommt leichter Regen, und die Temperaturen sinken tagsüber auf irnswat um die 20 Grad, bei bedecktem Himmel. Am letzten Augustwochenende hat der Sommer keine Lust mehr. Plötzlich fallen die Blätter von den Bäumen, und bei 15 Grad und bedecktem Himmel kommt eine Ahnung von Herbst auf.


Lesen:

Terry Pratchett: Thief of Time [Kindle]
Die kleinste, denkbare Zeiteinheit ist der Moment zwischen Zukunft und Vergangenheit, das „Jetzt“. Dieses Jetzt wird permanent zerstört und neu geschaffen. Würde nun jemand eine Uhr bauen, die diese kleinste Zeiteinheit erfassen kann, würde die Zeit selbst in dieser Uhr gefangen. Das wissen die Geschichtsmönche. Die heißen so, weil sie die Geschichte der Welt wieder zusammengeflickt haben, nachdem die Zeit durch eine solche Uhr schon einmal in tausend Stücke zersprungen ist. Nun baut irgendwo jemand eine neue Uhr, was sowohl die Mönche als auch Miss Susan, die Enkeltochter von Tod, verhindern wollen. Leider kommen sie alle zu spät, was die Reiter der Apokalypse dazu zwingt auszureiten. Alle 5. Inklusive dem, der zu früh ausgestiegen ist.

„Thief of Time“ ist 2002 erschienen. Das 26. Buch der Scheibenweltreihe gehört zu denen aus Pratchetts bester Schaffensphase. Hier findet sich kein Slapstik oder Billigwitze wie in den frühen Werken, aber auch noch keine mäandernde Unkonzentriertheit wie in den späteren Büchern. Nein, der „Zeitdieb“ ist eine faszinierende und spannende Geschichte, die auf jeder zweiten Seite mit einer fantastischen Idee oder einer menschlichen Erkenntnis aufwartet. Charakterisierungen gelingen hier mit wenigen Sätzen, die Motivationen nachvollziehbar und das Bild der Zeit als Frau, die durch eine endlose Abfolge von gläsernen Zimmern schreitet, die hinter ihr zersplittern, ein wunderschönes.


Hören:

Nix.


Sehen:

Rick & Morty [Netflix]
Man stelle sich vor, Doc Brown wäre ein misantrophischer Alkoholiker und würde in die Garage von Marty McFly einziehen und dort am laufenden Meter verrückte Dinge erfinden. Damit gehen die beiden dann auf Abenteuerreise. Das ist ungefähr die Ausgangslage von „Rick & Morty“: „Doc & Marty“ auf Drogen.

Völlig absurd, definitiv für erwachsene und ein Riesenspaß.

Mission Impossible: Fallout [Kino]
Tom Cruise macht sein Tom Cruise-Ding inkl. viel Rumrennerei.

Tom Cruise-Filme sind Tom-Cruise-Vehikel. Basta. Macht der Typ irgendwo mit, stellt er sich in den Mittelpunkt und kontrolliert jeden Aspekt der Produktion. Das funktioniert mal besser („Live. Die. Repeat.“) und mal gar nicht („The Mummy“). Bei den „Mission Impossible“-Filmen funktioniert es seit Teil 3 hervorragend. Das sind Actionfilme der alten Schule, die mit unglaublichen Actionpieces aufwarten, die Cruise auch noch fast alle selbst macht. Rumklettern am höchsten Gebäude der Welt, Halo-Sprünge – alles kein Problem für einen „Operierenden Titan der Stufe 7“, wie der Rang lautet, den Cruise bei Scientology bekleidet. „Fall Out“ ist nun der beste der bisherigen „Mission“-Filme. Spannenden und komplizierte Story, gute Charaktere, irre Action. Das Pacing ist gelungen, auch wenn der Film in der Summe 30 Minuten zu lang ist. Macht aber nix, kann man sich trotzdem angucken.

Ant-Man and the Wasp [Kino]
Scott Lang durfte vor drei Jahren für kurze Zeit den Anzug des „Ant-Man“ tragen, der es seinem Träger erlaubt sehr klein oder sehr groß zu sein. Dann stand er in „Civil War“ auf der Verliererseite und steht nun dafür unter Hausarrest. Aber in drei Tagen ist die Bewährungsstrafe rum, dann kann er wieder vor die Tür und mit seiner kleinen Tochter Eis essen. Klar, dass es in diesen drei Tagen zu Komplikationen kommt.

Mal wieder ein „kleiner“ Marvel Film, der sich nicht um die Rettung des Universums oder Magie dreht, sondern um die Probleme einiger weniger Menschen. Scott möchte seine Strafe absitzen, Sidekick Louis möchte eine Sicherheitsfirma gründen, Kirk Douglas möchte seine Frau retten, Laurence Fishburn möchte helfen. Das alles ist nachvollziehbar, gut erzählt und dabei witzig gemacht. In der Summe ein guter Marvel-Film, ABER: Im Kino muss man den nicht gucken. Warum? WEIL JEDE, wirklich ausnahmslos JEDE COOLE ODER WITZIGE ACTIONSZENE IN DEN TRAILERN VORKAM. Echt, wer zwei Trailer von Ant-Man gesehen hat, der hat alle WTF-Staun-Momente gesehen. Der Rest ist immer noch witzig, aber das Kinoticket nicht mehr wert.

Anchorman 1 & 2 [Netflix]
San Diego in den 70ern – Ron Burgundy ist Chauvi, Polyesteranzugträger und Anchorman eines TV-Senders. In Teil 1 wird er damit konfrontiert, dass auch Frauen in Fernsehen kommen, in Teil 2 mit schwarzen Frauen.

Ich musste das jetzt mal gucken, allein schon, weil die beiden Filme popkulturell so oft referenziert werden (man denke an das „That escalated quickly“-Meme). Tatsächlich sind die Filme haarsträubender Nonsense, fast in Monty Python-Tradition. Wenn verfeindete Newsteam mit Keulen und Äxten aufeinander losgehen, Burgundy einen Aussetzer bekommt, weil sein neuer Chef eine farbige Frau ist oder eine ganze Sequenz in völliger Schwerelosigkeite´abläuft, weil ein Wohnmobil sich überschlägt – dann ist das so überzogender Schwachsinn, dass man den kaum noch vergessen kann. Dazu noch Christina „Dumpfbacke“ Applegate und eine umwerfende Linda Jackson, die Machos zeigt, wo die Glocken hängen – macht in Summe sehr viel Spaß.

Alibi [Theater im OP]
Mordgeschichte nach Agatha Christie. Auf einem Landsitz kommt ein Lord ums Leben. Gut, das ins Nachbarhaus gerade Hercule Poirot eingezogen ist! Der rüstige Rentner wollte eigentlich nicht mehr ermitteln und sich der Kürbiszucht widmen, kann es dann aber doch nicht lassen, den gewachsten Schnurrbart in den Kriminalfall zu stecken.

Schön gespielt und stellenweise überraschend. Am meisten überrascht hat mich, wie düster der Stoff ist. Ausnahmslos jeder hat hier Dreck am Stecken, und der Ich-Erzähler der Geschichte entpuppt sich am Ende als Lügner, der über seine Erzählung an das Publikum ein Alibi bauen wollte. Clever!


Spielen:

Gears of War [XBOX One]
In der Zukunft. Insekten wollen den Planeten von Innen heraus erobern, schwer bewaffnete Hightech-Soldaten, die „Gears“, haben was dagegen.

Deckungsshooter mit knackigem Gameplay und guten Mechaniken. Anspruchsvoll, aber ohne taktische Tiefe.

GTA IV [XBOX One]
Niko Bellic hat im Serbienkrieg unvorstellbare Dinge gesehen und getan. Nun kommt er nach New York, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Leider ist in den USA alles genauso wie daheim: Leute mit Geld haben das sagen, alle anderen müssen springen. Langsam arbeitet sich Niko durch die Hierarchie verschiedener, osteuropäischer Gangstersyndikate.

Fast 10 Jahre ist es her, das ich zuletzt in New York, pardon, „Liberty City“ unterwegs war. Eigentlich hatte ich versucht „Red Dead Redemption“ nochmal zu spielen, aber das war mir nach kurzer Zeit zu langweilig. GTA IV hingegen ist das beste, weil am dichtesten geschriebene, Spiel das Rockstar je gemacht hat. Nikos Story ist dicht erzählt, alles passt zusammen, und dazu diese Stadt: Ein glaubhaft simuliertes New York im Herbst, so schön, das man auch einfach so gerne mal spazieren geht. Die XBOX-One-Version löst lediglich höher auf, was die Texturen leider vermatscht. Und: Jetzt, nach 10 Jahren, laufen Lizenzen für die Musikstücke der Radiosender im Spiel aus. Rockstar patcht die darum Stück für Stück raus. Wer also das Game bei sich installiert hat: KEIN Update machen, dadurch wird Content entfernt!


Machen:

Vorbereitung: Tagung, Projekte, Werkstatt, Urlaub.


Neues Spielzeug:
Ein Nolan N100-5 Classic in Platinsilber mit einem N-Com 901 RL. Nolans neuer Flagship-Helm. Leider alles nicht toll, ausführliches Review dazu demnächst.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Download Storyteller for Contour Roam

Was habe ich mir mit diesen Suchbegriffen die letzten Tage die Finger blutig gesucht.

Hintergrund: Die Contour Roam ist eine Actioncam. Ein wirklich gelungenes Teil – leicht, schlanke Bauform, mit cleveren Details wie einer drehbaren Optik und Laserlinie zum Einmessen.

Und: Super easy zu bedienen. Weil: Keine Knöppe.
Aber: Man braucht für Einstellungen eine Software. Weil: Keine Knöppe.

Ernsthaft, um die Auflösung oder die Framerate zu ändern, muss man die Kamera an einen Rechner anschließen, der auch noch am Internet hängen muss, um dann eine proprietäre Software zu starten. Wer denkt sich so einen Scheiß aus?

Ich wusste das nicht, als ich mir eine gebrauchte ROAM2 über Ebay zugelegt habe. Nun war ich in der Verlegenheit die Software, „Storyteller“, zu brauchen, eben um Einstellungen vorzunehmen.

Nur: Die Software gibt es praktisch nicht mehr. Hersteller Contour ist zwischenzeitlich Pleite gegangen, gescheitert an den eigenen Ansprüchen und der Übermacht von GoPro.

Zwar gibt es noch eine bunte Werbewebsite, aber die Software lässt sich nicht mehr runterladen. Und nirgends im frei zugänglichen Internet gibt es einen Spiegel mit der Software. Selbst die üblichen „Softwarearchive“ hatten nix und wollten nicht mal Viren installieren.

Mit wenig Hoffnung habe ich dann eine Nachricht an die Supportadresse von Contour geschickt. Wenig Hoffnung, weil: Hersteller pleite, letzter Eintrag in den Support-FAQ vier Jahre alt, da dürfte klar sein: Da passiert nichts mehr.

Dann die Überraschung: Da passierte doch was! Keine sechs Stunden später kam eine Antwort mit alternativen Downloadlinks. Die teile ich hier gerne. Zwar liegen die Dateien in einer Dropbox, aber immerhin: Irgendwo, in irgendeinem Keller, sitzt noch ein letzter Supporter im Schein einer Kerze und hilft Kunden. Vorbildlich!

Download Contour Roam Storyteller 3.5.1 for PC: Download
Download Contour Roam Storyteller 3.5.1 for Mac: Download
Additional Download: Quicktime for Windows (required)

Stellt sich nur raus: Bringt nix, Storyteller auf einem Windows-PC oder einem Mac erkennt die Kamera nicht – was mutmaßlich daran liegt, dass die Registrierung über einen Cloudserver erfolgt, der auch schon weggebrochen ist. Was uns lehrt: Die beste Hardware der Welt wird sofort unbrauchbar, wenn sie zum Internet of Things gehört und dem irgendwer, warum auch immer, den Saft abdreht. Da erscheint es eine besonders tolle Idee, das deutsche Autohersteller in ihrer Verzweieflung jetzt auch ihre Diesel ins „Netz der Dinge“ hängen wollen. Aber das ist eine andere Geschichte. [Update] Läuft doch unter Windows 10. Was die geschriebenen Dinge über die Cloud nicht unwahrer machen.

Es gibt noch eine Alternative zu Storyteller. Die Kamera speichert auf einer max. 32 GB großen MicroSD ein verstecktes Configfile. Die Datei kann man mit einem Texteditor bearbeiten, die Cam liest die beim nächsten Start ein und ändert die Einstellungen.

Wer sich sowas ausdenkt, kann ich mir vorstellen: Ingenieure, denen was an dem Produkt lag. Zwar konnten sie sich gegen die Marketingfuzzis mit ihrem Cloud-Wahn nicht durchsetzen, aber sie haben quasi eine Hintertür eingebaut.

Bevor die Supportwebsite auch weg ist, kopiere ich die Anleitung für die manuellen Settings mal hier. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen Suchenden. Von Contour kann mich ja keiner mehr wegen Copyrightverletzungen verklagen. Leider, möchte man sagen, denn deren Produkte waren ECHT gut.

Anleitung nach dem Klick.

Weiterlesen „Download Storyteller for Contour Roam“

Go home, Hermes.

Acht Tage für ein Paket innerhalb Deutschlands? Wenn ich sowas schon höre, weiß ich sofort: Hermes.

Die Prognose ist kein Witz, die brauchen wirklich so lange. Kein anderes Paketunternehmen schafft es, zwischen Einlieferung und Zustellung sechs Tage lang eine Lieferung „im Logistikzentrum zu sortieren“. Und das liegt nicht an den schlecht bezahlten und überarbeiteten Zustellern, es ist die Logistikkette an sich, die da kaputt ist.

Impressionen eines Wochenendes (20): Kleine Harzrunde

Ich habe den Harz vor der Haustür. Gerade einmal 30 Minuten braucht es, bis ich von Götham aus am Mittelgebirge bin. Und doch bin ich sehr selten dort unterwegs. Wer hier schon eine Weile mitliest, kann sich den Grund denken: Ich kann die meisten anderen Motorradfahrer nicht ausstehen, und natürlich ziehen ziehen die einzigen vernünftigen Berge in ganz Nord- und Mitteldeutschland Moppedfahrer aus dem ganzen Norden sowie aus den Niederlanden und Frankreich an. Gerade im Sommer und am Wochenende ist der Harz voll von Spacken auf zwei Rädern, die die Landstraßen mit Rennstrecken verwechseln. In halsbrecherischen Überholmanövern und mit Drehzahlen im fünfstelligen Bereich heizen die Pfosten von einem Eiscafé zum nächsten und kommen sich dabei vor wie die Helden. Ich ertrage das nur ganz schwer.

Plötzlich die Idee: Wenn ich GANZ FRÜH losfahre, dann habe ich den Harz vielleicht ein paar Stunden für mich und kann mir vielleicht mal die Hängebrücke über der Rappbodetalsperre ansehen. Gesagt, getan. Der neue Helm musste eh Probe gefahren werden, warum also nicht dafür mal etwas eher aufstehen.

Es ging über Bad Lauterberg nach Braunlage, Elbingerode, Rottleberode, Nordhausen und wieder zurück.

Der Harz hat mich überrascht. Durch die Dürre sind die Laubbäume vielerorts so vertrocknet, das die Wälder schon nach Herbst aussehen.

BAROCCA-CAM01
BAROCCA-CAM01

Die Talsperren sind, wen wundert´s, ziemlich runter mit dem Pegel. Vermutlich müsste es jetzt ein Jahr lang regnen UND einen Winter mit viel Schnee geben, um die wieder ganz aufzufüllen.

Die Harzwasserwerke schreiben:

Die hohen Temperaturen führen auch zu einer hohen Verdunstung in unseren Talsperren im Westharz. Rund 50.000 Kubikmeter Rohwasser gehen so verloren – am Tag. Das entspricht dem täglichen Wasserverbrauch von rund 400.000 Personen.

Allein an der Granetalsperre, der größten Trinkwassertalsperre der Harzwasserwerke, verdunsten rund 15.000 Kubikmeter Rohwasser am Tag. Im Zeitraum von Februar bis Juli 2018 sind im Oberharz nur 297 Millimeter Niederschlag von den Harzwasserwerken gemessen worden. Damit ist dieser Zeitraum der trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen der Harzwasserwerke 1857. Im Juli sind nur 19 Millimeter an der Messstation in Clausthal- Zellerfeld im Harz verzeichnet worden. Er ist damit der zweitrockenste seit 1857.

Die Harzwasserwerke versorgen übrigens mit Fernleitungen sogar Bremen mit Wasser und sind einer der wichtigsten Wasserlieferanten in Deutschland.

Das mit dem „Früh-aufstehen-und-und-vor-allen-anderen-an-der-Talsperre-sein“ ging leider nicht so ganz auf: Als ich um halb Zehn an der Rappbodetalsperre ankam, war die schon überlaufen. Hunderte von Menschen waren hier schon unterwegs, beide Parkplätze belegt, die Zufahrtsstraßen zugeparkt. Ich verlor spontan die Lust und fuhr nach Hause.

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Trotzdem ein netter 200 km-Trip.

BAROCCA-CAM01
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Nachtflug in die Vergangenheit

Unterwegs mit der ZZR in einer heißen Hochsommernacht.

Die Vorstellung ist vorbei, die Menschen strömen aus dem Theater und hinaus in die warme Sommernacht. In den Straßen der Innenstadt sind vereinzelt Stehtische aufgebaut, an denen die Festspielbesucher noch schnell einen Sekt oder einen Wein nehmen, um dann langsam zurück zu ihren Autos zu schlendern.

In einer Seitengasse wartet unter einem Torbogen die Renaissance. Die geduckte Silhouette der ZZR 600 sieht ein wenig aus wie ein Tier in Lauerstellung. Ich kicke den Seitenständer weg und und drücke den Startknopf. Der Motor erwacht zum Leben und brummelt vor sich hin. Vorsichtig lenke ich das Motorrad hinaus auf die Straße, dabei leicht schwankenden Fußgängern ausweichend.

Wenige Minuten später lässt die Kawasaki die kleine Stadt hinter sich. Das hier ist Harzvorland – bergig, von Landwirtschaft geprägt. Hinter der dunklen Silhouette einer waldbekrönten Bergkette ist noch ein letzter Schimmer von Sonnenuntergang zu erahnen, aber über die Ebene vor mir hat sich schon die Nacht gesenkt. Die Welt besteht nur noch aus Dunkel, in verschiedenen Grauabstufungen.

Ich drehe am Gasgriff, und das Motorrad beschleunigt und schießt über die Bundesstraße. Die ZZR kennt zwei Betriebsmodi: Unter 5.000 Touren brummt der Motor sanft vor sich hin, darüber beginnt er plötzlich zu brüllen. Jetzt brummt sie, energiegeladen, kultiviert, elegant.

Es ist kurz nach 22 Uhr, was in diesem Sommer bedeutet: Die Temperaturen sinken gerade erst langsam unter 30 Grad. Der Fahrtwind ist warm, es fühlt sich fast an, als ob man sich einen Föhn ins Gesicht hält.

Links und rechts fliegen die Getreidefelder an mir vorbei, im Dunkel nur durch die gleichmäßigen Hügel zu erahnen. Ich atme tief ein. Es riecht nach warmem Asphalt, nach Staub und nach geschnittenem Korn. Die Gerüche und die warme Nachtluft rufen Bilder wach. Meine Güte, wie lange ist es her, dass ich das letzte Mal um diese Zeit hier mit dem Motorrad lang gefahren bin?

Kurzentschlossen biege ich auf eine kleine Landstraße ab. In einiger Entfernung rumpelt ein Mähdrescher durch die Feldmark. Der Ernter ist rundherum mit Scheinwerfern bestückt. Im Flutlicht sieht man, das die Maschine eine riesige Staubwolke um sich herum produziert. Es sieht aus, als würde sie in einer eigenem Blase aus körnigem Licht in einer See aus Schatten existieren.

Die Gegend hier ist voller kleiner Dörfer. Alte Bauerndörfer, die oft nur aus wenigen Höfen bestehen. Heute werden die meisten davon nicht mehr bewirtschaftet. Wenn ich nicht wüsste, dass jetzt so ein Winz-Ort vor mir liegt, dann würde ich den nicht mal richtig wahrnehmen, so schnell ist die Kawasaki auf der einen Seite rein und auf der anderen Seite schon wieder raus.

Die Landstraße ist übersät mit Schlaglöchern. Sie führt den Bergkamm hinauf und in den Wald hinein. Hier ist es kühler. Die Straße wird schmaler und windet sich in einige Serpentinen. Ich nehme die Geschwindigkeit zurück. In diesen Wäldern gibt es noch jede Menge Rehe, mit denen würde ich Tuchfühlung gerne vermeiden.

Nach wenigen Minuten öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf das Leinetal frei. Vor mir liegt mein alter Heimatort. Früher hat der bei Nacht gestrahlt. Die Natriumdampflampen der Bahnstrecke und des Güterbahnhofs, das große Postzentrum, die erleuchteten Häusern des Ortes, das alles füllte das Tal mit hellen Lichtern. Ich habe den Anblick geliebt, besonders von dieser Straße aus.

Jetzt strahlt der Ort nicht mehr. Nur vereinzelt leuchten Straßenlampen und Häuser an den Berghängen und bilden einen Flickenteppich aus Lichtern, in dem große Stücke zu fehlen scheinen. Kein Wunder. Das Postzentrum ist schon lange geschlossen, und seit dem Neubau der ICE-Trasse, die über das Tal hinweg statt durch es hindurch führt, und der Automatisierung, spielt der Bahnverkehr kaum noch eine Rolle.

Vor 30 Jahren war das eine Katastrophe, fast der ganze Ort war auf einen Schlag arbeitslos. Wer konnte zog weg, die Alten blieben. Heute siedeln sich vereinzelt wieder junge Familien hier an. Menschen, die woanders arbeiten, aber die Lebensqualität des Wohnens auf dem Dorf schätzen. Von den jungen Familien sind viele aber gerade viele in den Sommerferien, und so liegt der Ort heute Nacht da, als würde er schlafen.

Ich lenke das Motorrad die Straße zum Dorf hinab und spüre, wie ich dabei wieder in die warme, abgestandene Luftschicht komme, die im Tal steht. Ich biege nach Süden ab, dem Verlauf des Leinetals folgend, unter der hohen ICE-Brücke hindurch und weiter die Landstraße entlang. Die Bäume stehen hier in einer engen Allee. Es ist in diesem Sommer schon so lange so heiß, dass das Laub der Bäume vertrocknet und abfällt. Die Renaissance zieht einen Wirbel aus Staub und trockenen Blättern hinter sich her, aber im Dunkeln sieht das niemand.

Als Stadtmensch vergisst man ja gerne, wie dunkel so eine Nacht ist. In der Stadt gibt es immer eine Straßenbeleuchtung, die den Namen auch verdient. Aber hier, auf dem Land, ist es stockduster auf den Straßen zwischen den Orten. Hier braucht man wirklich noch das Fernlicht um etwas zu sehen – das benutze ich sonst nie. In den kleinen Dörfern ist es nicht viel besser. In den meisten hängen noch ganz alte Straßenlaternen mit Quecksilberdampflampen. Die machen kein Licht, die erzeugen nur Schatten.

Als Stadtmensch vergisst man, wie dunkel so eine Nacht auf dem Dorf sein kann.

Immerhin tun sie das mittlerweile die ganze Nacht hindurch. Ich kenne noch die Zeit, als um ein Uhr alle Straßenlaternen auf dem Dorf abgeschaltet wurde. Dann war die Welt wirklich stockduster.

Ich brauche auf diesen Straßen keine gute Beleuchtung. Das hier ist MEINE Strecke. Hunderte Male bin ich hier bei Nacht lang gefahren, zum und vom Dienst in der Nachschicht eines Schnellrestaurants in der Kreisstadt. Erst als Schüler, mit meiner Simson, später als Student mit der 450er Honda. Ich kenne hier jede Kurve, jeden Hügel.

Ich fluche, als unvermittelt eine Fahrbahnverschwenkung mit einer Verkehrsinsel aus dem Dunkel auftaucht. Muss neu sein, gebaut irgendwann in den letzten 15 Jahren. Soll wohl verhindern, dass man mit Tempo 100 in das nächste Dorf reinballert. Tja, klappt nicht.

Die Kawasaki fliegt weiter durch die Nacht. Ein Hase bricht aus dem Gebüsch links der Straße, springt mit langen Sätzen durch das Scheinwerferlicht und verschwindet auf der anderen Straßenseite in einem Feld. Von einer weiteren Bergkuppe aus kann man ein halbes Dutzend der kleinen Dörfer auf den umliegenden Bergen glimmen sehen, wie abgestürzte Glühwürmchen. Zwischen ihnen kriechen Erntemaschinen in ihren staubgefüllten Lichtblasen herum.

Die Nacht riecht. Vorhin nach Getreide und Staub, dazwischen nach warmem Asphalt und jetzt nach Gülle. Die Bauern hier in der Region treiben seit Jahrzehnten mit Schweingülle die Nitratwerte des Grundwassers in schwindelerregende Höhen. Wenn die Güllebecken besonders voll sind, kippen sie die Schweinescheisse mehrfach am Tag auf die Felder – auch heimlich, in der Nacht.

Wenige Minuten später zieht die ZZR über den Stadtring der Kreisstadt. Nur wenige Autos sind noch unterwegs. Aus purer Nostalgie fahre ich meinen alten Arbeitsweg aus Studentenzeiten bis zum Ende. Da liegt es, das Schnellrestaurant. Es hat einen neuen Anstrich bekommen, ansonsten hat sich nichts geändert. Noch immer stehen Jugendliche mit ihren tiefergelegten Autos davor.

Wieviel Lebenszeit habe ich hier verbracht? Ich kenne noch jede Ecke. HIER ist der kleine Vorsprung, unter dem ich immer mein Motorrad geparkt habe und DORT der Eingang zur Papierpresse und DA ist die Tür zum „Fettraum“.

Die Terrasse ist voll besetzt, und das um diese Zeit. Es sind halt Ferien. Das goldene „M“ spiegelt sich im silbernen Lack der Renaissance, als das Motorrad langsam um das Gebäude herumrollt. Der Fahrer eines VW UP fühlt sich davon wohl proviziert. Er startet den Motor und hängt sich an mein Heck. Ich sehe in den Rückspiegel. Das Wägelchen liegt so tief auf dem Asphalt, dass es aussieht, als ob es aufliegt. Dazu De-Branding, Breitreifen, Spoiler, Effektlackierung, Überrollkäfig. Der Fahrer lässt den Motor aufheulen. Ich verdrehe die Augen und setze in Gedanken einen Sportaufpuff auf die Liste, vermutlich mit entferntem Mittelschalldämpfer. Meine Güte. Die Kiste sieht super albern aus, und vermutlich kommt sie allein wegen der Breitreifen kaum von der Stelle. Und diese Kasperkiste will sich mit einem Sportmotorrad messen?

Ich setze den Blinker und biege auf die Bundesstraße ab. Hinter mir gibt die gummibereifte Kasperbude Gas und rutscht im Slide um die Kurve, dann drückt der Fahrer voll auf die Tube. Im Rückspiegel sehe ich das Autochen auf mich zuschießen und zum Überholen ansetzen. Zum „Verblasen“, wie die Spinner hier das nennen. Sie begreifen alle anderen Fahrzeuge als Duellanten, die es zu besiegen gilt. Sieg durch Verblasen. Hatte ich verdrängt, aber natürlich gehört auch DAS zu meiner Vergangenheit. Die nächtlichen Auseinandersetzung mit widerlich dummen Vollpfosten, die nur eine große Klappe und getunte Autos haben, sonst aber nichts im Leben.

Ich mache mir nicht mal die Mühe mich an den Tank zu ducken, sondern schalte fast geistesabwesend einen Gang runter und drehe am Gasgriff. Der Drehzahlmesser springt über 5.000 Touren, die Renaissance spannt die Muskeln, dann brüllt sie auf, beschleunigt und schießt davon ins Dunkel jenseits des Ortsschilds. Im Rückspiegel sieht es so aus, als ob der Up plötzlich steht – das Autochen wird kleiner und kleiner und ist schon aus dem Sichtfeld verschwunden. Das Ganze hat nur wenige Sekunden gedauert, aber das hat gereicht – der Tacho steht fast bei 200, und der Drehzahlmesser wütet im fünfstelligen Bereich herum. Ich trete auf die Bremse und schalte wieder in den sechsten Gang. Die ZZR scheint in sich zusammen zu sinken, sich zu entspannen, und das Brüllen des Motors weicht wieder dem kultivierten Brummen.

Der Tacho geht nicht aus Spaß an der Freud so weit.

Die Renaissance fliegt über die Bundesstraße, von der ich auch hier jede Kurve aus dem Gedächtnis fahren könnte. Einen Hügel weiter sehe ich schon die Lichter von Götham, und die Straße macht eine Biegung, die es früher so nicht gab. Das hier ist die NEUE Bundesstraße, die alte führt weiter westlich entlang und ist jetzt verkehrsberuhigt. Schade, war immer angenehm zu fahren, auch nachts. Immerhin ist auf der neuen Tempo 120 erlaubt, und die ZZR saugt gierig die Nachtluft in ihre Lufteinlässe und macht dabei manchmal Geräusche wie Airwolf. Also, wie der Hubschrauber „Airwolf“ aus der alten Fernsehserie, nicht wie die alterschwachen Händetrockner.

Als die Renaissance in die Stadt hineinrollt, muss ich kurz gegen den Drang ankämpfen in die Innenstadt zu fahren, wo ich als Student mal gewohnt habe. Da gibt es eine Wohnung, an die habe ich heute noch tolle Erinnerungen an warme Sommernächte. Mein Gott, das ist nun auch schon über 20 Jahre her…
Ich werde alt. Und als alter Mann muss man früh ins Bett. Ich ziehe die Kawasaki auf einen Zubringer und bin eine Viertelstunde später zu Hause.

Das Motorrad kühlt mit leisem Knacken ab, als ich das Garagentor zuziehe. Ich bin in nachdenklicher Stimmung, versunken in Erinnerungen. Interessant, wie eine Sommernacht Dinge an die Oberfläche spült, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Auf einem Motorrad erlebt man die Umgebung und Eindrücke viel intensiver als in einem Auto, und so kann eine einfache Heimfahrt zu einer Reise in die eigene Vergangenheit werden.

War ja klar…

War ja klar: Einen Tag, nachdem ich eine Großbestellung Briefmarken aufgegeben habe, passiert das hier:

Dieses schlechte Timing habe ich voll drauf. Als die Post zum Jahresbeginn 2015 Ihre Preise auf 62 Cent anhob, hatte ich gerade unser Lager mit 60 Cent Briefmarken voll gemacht. Ich hatte ernsthaft vermutet, dass die zuvor erfolgte Anhebung von 55 auf 60 Cent für lange Zeit die letzte war, aber Pustekuchen: Kaum, das die letzte 5-Cent-Zusatzmarke verklebt war, mussten wir nun auf jeden Brief eine 60er und eine 2-Cent-Marke kleben.

Die 2-Cent-Zusatzmarken hatte ich natürlich auch in größeren Mengen gekauft. Was dann passierte, ist klar: Die Post hob innerhalb eines halben Jahres das Porto NOCHMAL um sechs acht Cent an, von 62 auf 70. Das hieß: eine 60er und fünf zweier. Zeitweise klebten so viele Marken auf unseren Geschäftsbriefen aus, das es aussah, als würden wir eine Brieffreundschaft mit Australien pflegen.

Nun also die Anhebung von 70 auf 80 Cent. Ich gehe schon mal Zusatzmarken kaufen.

Thermische Erregungsprüfung

Ich musste mich gerade einer „peripheren, thermischen, vestibulären Erregungsprüfung“ unterziehen. Das kam so.

Am Samstag lungerte ich so auf dem Balkon rum und dachte mir: Mensch, hier könnteste mal wieder fegen. Also ich den Besen in die Hand und so feg, feg…

Plötzlich wurde mir leicht schwindelig, und der leichte Piepton, den ich in den Tag schon gelegentlich im Ohr hatte, wurde lauter. Und dann war plötzlich das linke Ohr taub. Einfach so.

Das blieb auch so, für den Rest des Samstags. Auf dem linken Ohr hörte ich nahezu gar nichts, außer diesem unangenehmen Piepton. Das sind so die klassischen Anzeichen für einen Hörsturz. Früher hätte man gesagt: „Uh, Hörsturz! Notfall! Blaulicht, Tatütata, Krankenhaus, Cortisoninfusion!“

Macht man aber heute nicht mehr, heute sagt man erst mal: Abwarten, Tee trinken, in den meisten Fällen geht das nach 24-48 Stunden von alleine weg.

Tatsächlich war es am nächsten Tag ein wenig besser. Der Piepton war leiser, aber das Gehör war immer noch so, als hätte ich ordentlich Wasser im Ohr. Am Tag drauf auch, also bin ich dann mal zur HNO-Ärztin gegangen. Die hat erst in die Ohren geguckt, um zu gucken, ob die auch sauber sind und nichts den Hörgang verstopft. Dann gab´s einen Hörtest, bei dem man halt einen Knopf drücken muss, wenn man einen Ton hört. Die Frequenzen der Testtöne ändern sich, und genau auf der Frequenz des Tinnitus hört man lange Zeit nichts.

Dann kam das, was ich noch nicht kannte: Die thermische, vestibuläre Erregungsprüfung. Die geht so: Man bekommt 44 Grad warmes Wasser ins Ohr gespült, dann fällt man einfach um. Deshalb ist es gut, dass man dabei auf einer Liege liegt, wegen der Verletzungsgefahr und so.

Das warme Wasser regt nämlich das Gleichgewichtsorgan im Ohr an. In den Bogengängen beginnt Flüssigkeit zu rauschen, und nahezu sofort wird einem schwindelig. Das Zimmer beginnt sich so rasant zu drehen, als hätte man gerade einen doppelten Absinth auf Ex getrunken.

Das sieht man aber nicht, denn man trägt eine Art Skibrille, und in der ist es absolut dunkel. In der Brille sind Videokameras, die die Augenbewegung messen. Je nachdem, ob das warme Wasser im linken oder im rechten Ohr war, dreht sich das Zimmer nach links oder rechts. Das sagt zumindest der Gleichgewichtssinn den Augen, und die versuchen das zu erfassen und zucken in einem wilden Stagmus entgegen der Drehrichtung. Zucken die Augen nicht, ist der Gleichgewichtssinn angeschlagen.

Faszinierend, oder? Ich zumindest hatte von diesem Test noch nie was gehört. Und man, ist der unangenehm. Wie Achterbahnfahren im Dunkeln.

Am Ende die Diagnose: Mit meinem Gleichgewichtssinn ist alles OK, mit dem Rest auch. Es war wohl tatsächlich ein Hörsturz. Aber wo kam der her? Stress habe ich aktuell nicht, was also hat das ausgelöst? Die Ärztin zuckt mit den Schultern. „Kann schon mal am Wetter liegen. Oder Sie haben zu wenig getrunken. Oder beides“.

Oder Balkon saubermachen ist einfach ungesund. Man weiß ja nie. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte ich besser auch auf Fensterputzen verzochten und Staubwischen meiden.

Momentaufnahme: Juli 2018

Herr Silencer im Juli 2018

Oh, guck mal, da schmelzen die Steine!

Wetter: Der Monatsanfang ist warm. In Norddeutschland ist bereits seit Mai kein Regen mehr gefallen, in Süddeutschland toben sich nochmal Unwetter aus, dann wird es auch dort trocken. Danach wird es immer wärmer, und zum Monatsende rollt eine Hitzewelle über´s Land. Tagsüber über 30 Grad, die Nächte bringen kaum Abkühlung. Plötzlich verstehen die Deutschen, warum in Südeuropa zwischen Mittags und Abends nicht viel passiert.


Lesen:

Lemony Snicket: A Series of Unfortunate Events 10: The Slippery Slope [Kindle]
Die Baudelaire-Waisen Violet, Klaus und Sunny folgen dem finsteren Grafen Olaf in die Berge, wo das Hauptquartier der geheimnisvollen Organisation FF zu finden sein soll. Es ist tatsächlich dort, und die Kinder müssen sich entscheiden, ob sie ihr Ziel erreichen wollen, indem sie ähnliche Methoden wie Olaf anwenden, oder lieber doch nicht.

Endlich geht es voran! 9 Bücher lang wiederholte Snicket immer den gleichen Ranz: Die Waisen bekommen einen neuen Vormund, der von Graf Olaf reingelegt wird, und alle Erwachsenen sind zu dumm das zu kapieren. Jetzt geht es zumindest etwas voran, und nicht jeder handelt wie der letzte Volldepp. Langatmig ist es natürlich trotzdem.

Lemony Snicket: A Series of Unfortunate Events 11: The Grim Grotto [Kindle]
Die Baudelaire-Waisen finden neue Verbündete. Vielleicht. Denn sie lernen, was „volatil“ bedeutet: Menschen stehen nicht immer nur auf der einen oder der anderen Seite. Und auch FF ist nicht unbedingt nur gut, sondern hat sogar mit tödlichen Biowaffen experimentiert. Eine davon fällt Graf Olaf in die Hände, der damit Sunny infiziert. Die jüngste Baudelaire hat nur noch eine Stunde zu leben.

Auf die letzten Meter werden die Stories immer düsterer. Waren Gut und Böse in den vorherigen Bände klar verortbar, verschwimmen hier Grenzen und Fragen nach Moral und dem inneren Kompass werden aufgemacht. Stellenweise wieder langatmig, aber spannender als die ersten 10 Bücher.

Lemony Snicket: A Series of Unfortunate Events 12: The Penultimate Peril [Kindle]
Snicket hilft den Kindern, Undercover in einem Hotel zu ermitteln. Das ist ein kafkaesker Albtraum voller Personen aus der Vergangenheit der Kinder. Schließlich erfahren sie den Grund ihres Anwesenheit: Sie werden zusammmen mit Graf Olaf vor Gericht gestellt. Am Ende wird Violet zur Verräterin, Sunny zur Brandstifterin, und gemeinsam schließen sie sich Graf Olaf an.

WTF did I just read? Endlich werden Geheimnisse gelüftet, Geschehnisse erklärt und es geht mit großen Schritten Richtung Finale. Das vielleicht nicht so wird, wie man es sich wünschen würde.

Lemony Snicket: A Series of Unfortunate Events 13: The End. [Kindle]
Die Baudelaires stranden mit Graf Olaf auf einer Insel, die voller seltsam bedröhnter FF-Aussteiger ist. Am Ende sterben alle. Also, fast.

Hm. Tja. Ein „und sie lebten Glücklich und zufrieden bis an ihr Ende“ konnte man wohl auch nicht erwarten, bei dieser Buchreihe. Aber der letzte Band ist nochmal würdig absurd und bringt zumindest einige Dinge zu Ende. Natürlich längst nicht alles, Snicket lässt ganze Elefantenhorden unerklärt im Raum stehen. Das mag unbefriedigend sein, erhält aber den mysteriösen Charme seiner Welt.


Hören:

Ramin Djawadi Westworld, Season II

Großes Kino, dieser Soundtrack. Klassiker wie „Paint it black“ und „Seven Nation Army“ in einem so verspielten indischen bzw. Western-Stil, dass man sie erst nicht erkennt. Könnte ich gerade stundenlang hören.


Sehen:

Westworld Season 2
Im Vergnügungspark „Westworld“ können Menschen den wilden Westen nacherleben und Abenteuer mit und gegen lebensechte Roboter bestehen. In Staffel 1 erwachte in diesen „Hosts“ ein Bewusstsein, was in einem Massaker an Parkbesuchern endete. Staffel 2 beginnt unmittelbar danach. Ein Rettungsteam der Betreiberfirma Delos landet im Park, um überlebenden Menschen zu helfen und die Geheimnisse von Delos zu schützen. Die kommen aber Stück für Stück ans Tageslicht und enthüllen, wozu der Park und die Hosts wirklich da sind.

Wow, was für eine Staffel. Wieder wird mit unterschiedlichen Zeitebenen und cleveren Twists gespielt. „Westworld“ ist vom Twistniveau her quasi „Sixth Sense“ im Serienformat: Sobald ein Twist kommt, ergibt alles vorher einen (anderen) Sinn. Dann kann man die alten Episoden nochmal schauen und stellt fest: Es gab jede Menge Anzeichen und Hinweise, man hat sie bloß nicht gesehen. Ich ziehe meinen Hut vor den Autoren. Das hier erstklassige Schauspieler am Werk sind (Anthony Hopkins! Thandie Newton!) macht die Sache noch besser. Die 10 Episoden gehören zum Besten, was man sich dieses Jahr angucken kann.

Deadpool 2 [Kino]
Wilson Wade erleidet ein Trauma, das den ohnehin leicht irren Söldner mit dem hohen Regenerationsfaktor komplett aus der Bahn wirft. Er versucht sich den X-Men anzuschließen, mit erwartbarem Ausgang: Deadpools Lösungen sind zu blutig für die jugendfreien Kuschelmutanten. Also stellt Deadpool sein eigenes Team zusammen: Die X-Force!

Alter, was für eine Achterbahn. Anders als Teil 1, der zwar lustig war, der aber nach einer Stunde IMMER NOCH AUF EINER VERDAMMTEN AUTOBAHNBRÜCKE FESTSTECKTE, hat Teil zwei die Handbremse gelöst. Hier geht es ständig auf und ab, Over-the-Top-Actionsequenzen und blutige Gewalteinlagen wechseln sich im Minutentakt mit Gag-und Slapstickeinlagen ab. Das funktioniert nicht immer, aber bei der schieren Masse an Gags oft genug um gut zu unterhalten.

Auch einige „WTF-Das-nachen-die-doch-nicht-wirklich-Momente“ sind dabei. Allein wenn die X-Force ihren ersten Auftrag angeht und dann binnen Sekunden alle Charaktere… aber das wäre jetzt ein Spoiler. Das sich Deadpool bewusst ist, das er in einem Film mitspielt, und deshalb auch gelegentlich die vierte Wand durchbricht, macht die Sache noch abgedrehter. Am irrwitzigsten sind die Post Credits, in der Deadpool in der Zeit zurückreist um… Dinge zu korrigieren, die im X-Men-Universum oder in der Karriere von Ryan Reynolds schiefgelaufen sind. Da hing ich japsend im Kinosessel.

Ready Player One
In der Zukunft: Dank Klimawandel und Handelskriegen ist die Welt am Arsch. Interessiert aber keinen, denn alle Menschen sind ständig in der „Oasis“ unterwegs, einer virtuellen Welt, in der jeder alles sein kann. Die hat ein lange verstorbener Nerd gebaut, der sie demjenigen verspricht, der drei Rätsel löst, die irgendwie mit der Pop- und Gameskultur der 80er zusammenhängen. Problem dabei: Die Rätsel sind als Eastereggs in der Oasis versteckt. Ein junger Schatzjäger stolpert schließlich über ein Easteregg und hat prompt einen Megakonzern am Hacken, der zu gerne selbst die Kontrolle über die Oasis hätte.

Tja, nun. „Ready Player One“ fand ich schon als Buch nicht toll, weil es keine auch nur halbwegs gute Geschichte erzählte, aber dafür ständig auf der Nostalgietastatur rumklimpert. Der Film folgt der Story lose und macht in der Erzählung einiges besser, es bleibt aber alles platt und vorhersehbar. Wie das Buch ist auch der Film mit Eastereggs überfrachtet. Anfangs ist das noch cool, wenn der Protagonist im DeLorean mit Knight-Rider-Lauflicht durch die Gegend flitzt. Nach einiger Zeit nervt es aber, das wirklich in jeder Szene irgendein lizensierter Charakter oder ein Ding aus einem Film/Spiel/Serie für ein paar Frames durch Bild hampelt. Das wirkt beliebig, hohl und viel zu lieblos. Mit Cameos geliebter Charaktere muss man vorsichtig umgehen, hier werden sie ständig für eine Sekunde gezeigt und sind wieder weg.

Damit hat der Film exakt gar keine Zielgruppe: Die Jüngeren kennen die popkuturellen Anspielungen aus den 80ern und 90ern nicht, wir Älteren können mit der ADHS-Machart nichts anfangen. Angucken ist Lebenszeitverschwendung.

Pacific Rim Uprising
Der Sohn von dem Chef aus dem ersten Teil und eine bratzige Göre treffen nervige Leute und dann hauen sich Riesenroboter in Tokio.

Ach, den ersten „Pacific Rim“ von 2013 gucke ich heute noch gerne. Ein seltsamer Guilliermo del Torro-Film mit Riesenrobotern und Riesenmonstern, die sich gegenseitig prügeln. Das war seltsam und spannend und beeindruckend und litt nur unter dem Protagonisten, der schauspielerisch ein Totalausfall war.

In der 2018er Fortsetzung gibt es einen guten Schauspieler (John Boyega aus Star Wars), aber leider ist nun alles andere bestenfalls medioker. Ausstattung und Effekte sind nach wie vor OK, aber es gibt kein ordentliches Drehbuch, die Geschichte ist schlecht erzählt und wieso unbedingt eine Kinderdarstellerin eingebaut werden musste, weiß keiner so genau. Del Toro hat sich übrigens vor Projektstart zurückgezogen – seine Vision für einen zweiten Teil wurde abgelehnt, und er wiederum fand die Richtung von „Uprising“ nicht gut. Recht hat er.

Logan Lucky
Hinterwäldler planen NASCAR-Arena auszurauben.

Der Trailer sah interessant aus: Adam Kylo Ren“ Driver als einarmiger Barkeeper und Daniel „James Bond“ Craig als Knacki ziehen einen Heist durch, den sich Landei und Bauarbeiter Channing „Möter“ Tatum ausgedacht hat. Das sah in der Vorschau nett und witzig aus, ist es aber nicht. Tatums Vorstellung von Leuten vom Land ist, dass sie stur geradeaus gucken und verwaschen reden, und weil Adam Driver das gleich mal nach macht, läuft die Hälfte des Casts rum, als hätten sie gerade einen Schlaganfall gehabt. Die Story tut irre clever, täuscht aber mit reichlich Deus Ex Machina-Elementen nur vor, das sie auf einem Level wie „Die üblichen Verdächtigen“ und „Layer Cake“ spielt. Am Ende ist eh alles egal, zumindest den Hauptfiguren, warum sollte also der Zuschauer einen Shit geben?

Mal ganz abgesehen von den inhaltlichen Problemen kann ich persönlich Filme über amerikanische Hintlerwäldler gerade schlecht ertragen. Immer, wenn ich einen USA-Cap-tragenden Hillbilly sehe, der an seinem Truck rumschraubt, denke ich „und DU hast also Trump gewählt. Danke, Arschloch.“


Spielen:

L.A. Noire [PS4]
Die USA, 1947. Cole Phelbs kommt aus dem Krieg zurück in ein boomendes Los Angeles: Im Akkord werden hier Häuschen gezimmert und Firmen eröffnet, vor den Hollywoodstudios stehen junge Frauen Schlange und hoffen, die nächste Lauren Bacall zu werden. In der Stadt der Engel kann es jeder schaffen, so die Botschaft. Phelbs geht zur Polizei und wird schnell vom Streifenpolizist zum Detective befördert. Bei der Mordkommission und im Drogendezernat lernt er die dunkle Seite der Stadt kennen: Einen Abgrund aus Gewalt und Verrat, der Phelbs langsam, aber unaufhaltsam hinabzieht und ihn nicht nur korrumpiert, sondern ihm am Ende alles nimmt.

L.A. Noire ist kein neues Spiel. Es kam schon 2011 für PS3 und XBOX360 raus, das hier ist das Remaster mit allem DLC für die PS4. Außer einer höheren Auflösung und sehr gutem Anti-Aliasing hat sich nichts getan. Mir reicht das, denn gerade das Kantenflimmern ist es, wegen dem ich alte Spiele schlecht ertrage.

Ansonsten hat sich kaum etwas geändert: Das Los Angeles des Jahres 1947 ist in der GTA 4-Engine gebaut und nach wie vor groß und mit bemerkenswerten Details versehen, aber auch seltsam leblos und aus matschigen, grauen Texturen gebaut.

Die Untersuchung der Kriminalfälle läuft meistens nach dem gleichen Muster ab: Tatort untersuchen, Beweise sammeln, Verdächtige verhören. Letzteres ist die Core-Gamemechanik, und genau die funktioniert schlecht. Man soll nämlich an den (sehr gut gecaptureten) Gesichtszügen der Personen erkenne, ob sie lügen oder die Wahrheit sagen. Leider sehen meist alle nur aus, als hätten sie schlimme Verstopfung.

Was L.A. Noire aber dennoch besonders und damit auch gut spielbar macht: Es ist was ganz eigenes. Detektivspiele gibt es praktisch sonst nicht, alles fokussiert auf die sehr gut geschriebenen Fälle und die übergreifende Geschichte von Phelbs Abstieg, kein Open-World-Krempel stört die Erzählung. Dafür entlehnt das Spiel nahezu jedes ästethische Element, jedes Stilmittel und jeden dramaturgischen Kniff aus den Filmen der Noir-Bewegung. Harte Kerle, durchtriebene Femme Fatale, verrauchte Bars – alles da.

Das Spiel IST ein spielbarer Film Noir, und das ist sehr toll. Manchmal werden ganze Filmhandlungen 1:1 als Fall präsentiert, so spielt man sich mit Phelbs durch „The naked City“, einem Film-Noir-Archetypen. Außerdem ist das Spiel lang: 21 Fälle gilt es zu lösen, jeder teils mehr als eine Stunde lang, dazu 40 Zufallsevents auf den Straßen, die je ca. 5 Minuten dauern.

Auch aus heutiger Sicht erstaunt immer wieder der Aufwand, mit dem das Spiel produziert wurde. Selbst die kleinsten Nebenfiguren wurden mit guten Schauspielern besetzt, die man auch heute noch in Film und Fernsehen sieht, und die damals noch unbekannt oder fast ausgemustert waren. „L.A. Noire“ ist damit auch ein vergnügliches „Spot the Actor“. Die damals brandneue Facial-Caputuring-Technik beeindruckt auch jetzt noch. In dem Spiel steckt so viel Aufwand, das es nicht nur 7 Jahre in der Entwicklung hing und das australische „Team Bondi“ fast an seinen eigenen Ansprüchen zerbrach – nach dem Release ging das Studio auch pleite, trotz ordentlicher Verkäufe. Die Remaster-Version ist daher auch ein Testament einer großen Vision, für deren Umsetzung viele Menschen Jahre ihres Lebens geopfert haben.


Machen:

Eine Kurztour durch den Spessart. Mit anderen Motorradfahrern!


Neues Spielzeug:

Daytona Touringstar GTX. Die Alpine Starst Web Goretx aht die Sommerreise dahingerafft.

Bild: Louis.de

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