Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

DAS soll ein Strafzettel sein?

Echt jetzt, Kreis Göttingen, DAS soll ein Beweisfoto sein? Nicht im Ernst, oder? Ich könnte mich da in Nullkommanix rauswieseln, immerhin haben wir in Deutschland keine Halterhaftung. Ein wenig „Mimimi, ich kann mich da gar nicht erkennen, und wer am 19.07. um 16:32 Uhr mit meinem Motorrad unterwegs war, weiß ich nicht“, und schon wäre ich aus der Nummer raus.

Mache ich aber nicht. Ich habe Mist gemacht und mich dabei erwischen lassen, also stehe ich auch dazu.

Spielt ja auch keine große Rolle: In Deutschland hat die Autoindustrie nicht nur den Klimaschutz sabotiert, neue Technologien unterdrückt, beim Diesel behummst und dafür gesorgt, dass unsere Bahninfrastruktur in erbärmlichem Zustand ist, nein, Dank ihr tun Verkehrsvergehen auch praktisch nicht weh.

Das ist der Grund, warum jeder Vollpfosten whatsappend durch die Gegend fährt, und ein echt relevanter Geschwindigkeitsverstoß innerorts, wie meiner hier, nur den Gegenwert eines Kinobesuchs kostet.

Kategorien: Motorrad | 6 Kommentare

Soll ich oder soll ich nicht?

Herr Silencer hadert mich sich und der Höhe seiner V-Strom

Die V-Strom 650 ist groß. Das merkt man sofort, wenn man sich in den Sattel schwingt. Die Scheibe und alle Instrumente sind eine Armeslänge weg, und man hat das Gefühl mehr in als auf dem Motorrad zu sitzen.

Damit einher geht auch eine ganz ordentliche Sitzhöhe. Nun bin ich nicht der Größte. Mit 1,70m Körpergröße komme ich auf einer normalen V-Strom zwar mit beiden Füßen auf die Erde, aber nur mit dem Vorderfuß, Zehen und halber Fußballen. Die Hacken kriege ich nicht auf den Boden.

Folgerichtig fuhr ich meine Barocca nur drei Wochen auf Normalhöhe. Das ging, aber gerade beim Rangieren war das unbequem und ich fühlte mich unsicher. Drum wurde die Maschine tiefergelegt. Das geht bei der Kiste recht einfach, in dem längere Umlenkhebel eingesetzt werde. Die ziehen die Maschine tiefer runter.

Dann noch die Gabel etwas weiter durchgesteckt, Zack, fertig, 3 Zentimeter tiefer. Angeblich drei Zentimeter, anfühlen tut sich das nach mehr. Durch diese Tieferlegung komme ich nun mit beiden Füßen flächig auf den Boden. Damit habe ich die dicke Strom immer im Griff, kann sie gut im Stand manövrieren und kriege sie selbst aus Schotterkuhlen heraus.

Also alles gut?

Nee. Für den bequemen und sicheren Stand war ein hoher Preis zu zahlen. Nicht nur musste der Seitenständer gekürzt werden, auch der Hauptständer war plötzlich nutzlos. Aufbocken ging nicht mehr, also ab damit. Ebenfalls ab kam der Motorschutz, denn mit dem setzte ich in Kurven auf. Beim letzten ADAC-Training stellten findige Beobachter außerdem fest, dass ich nun mit dem Seitenständer auf der einen und dem Auspuff auf der anderen Seite aufsetze. Das passiert im normalen Straßenverkehr nur in Kreiseln, wenn ich in den Bergen unterwegs bin aber sehr häufig.

Noch schlimmer: Die Kiste setzt nun, wenn sie mit Gepäck beladen ist, in Bodenwellen mit den Umlenkhebeln auf und gelegentlich schlägt sogar der Reifen von Innen gegen den Radkasten.

Anfangs störte mich das alles nicht, aber mittlerweile bin ein besserer Fahrer und auch in Regionen und Gelände unterwegs, das nur aus Schlaglöchern und Hindernissen besteht. Gerade die letzte Sommertour im Juni war Durchzogen von ständigen Aufsetzern und Reibereien zwischen Fahrwerk und Straße.

Deshalb nun die Überlegung, die Tieferlegung wieder rausnehmen zu lassen. Eigentlich spricht alles dafür – abgesehen von den besseren Fahreigenschaften ist gerade Unterwegs ein Hauptständer wichtig, und der Motorschutz war eigentlich auch nett. Aber dafür die Sicherheit aufgeben, dass ich sofort beide Füße am Boden und damit in kippeligen Situationen, z.B. auf losem Untergrund oder am Berg, die Kiste sofort halten kann?

Gerade schwanke ich im Tagestakt zwischen „Raus mit der Tieferlegung! Die macht nur Ärger“ und „Mimimi, was ist, wenn ich dann umfalle?“.

Werkstatttermin ist am 14.08.
Bis dahin kann ich noch ein wenig mit mir hadern.

Kategorien: Motorrad | 8 Kommentare

Momentaufnahme: Juli 2019

Herr Silencer im Juli 2019

Urlaub schon wieder einen Monat vorbei?!

Wetter: Anfang des Monats warm, dann regnet es zum Glück und kühlt sich ab. Zur Monatsmitte sind es morgens nur noch knapp zweistellige Temperaturen, Höchstwerte kommen nicht über 20. Ich überlege ernsthaft die Heizung anzumachen, als der Sommer zurückkommt und allen mit über 40 Grad was in die Fresse haut. Selbst in Südeuropa ist es kühler als hier.


Lesen:

William Gibson: Neuromancer [Kindle]
Cage ist am Ende. Früher war er ein sehr guter Hacker im Cyberspace, aber bei seinem letzten Job hat er versucht seinen Auftraggeber zu bestehlen. Als Abschiedsgruß liess der ihm die Nerven veröden. Unfähig, sich ins Netz einzuloggen, lebt Cage von kleinen Diebstählen und ist schwer Drogenabhängig.

Dann sucht ihn die Killerin Molly auf und macht Cage ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann. Wenig später wacht Cage mit reparierten Nerven und einer neuen Bauchspeicheldrüse auf. Für diese Generalüberholung soll er eine Reihe von Jobs ausführen. Der erste ist noch ziemlich geradeaus, der Diebstahl eines gespeicherten menschlichen Bewusstseins. Doch dann wird die Gemengelage unübersichtlich, und Cage vermutet, dass er gemeinsam mit dem toten Mann im Speicher seines Computers eine Künstliche Intelligenz von ihren gesetzlichen Beschränkungen befreien soll – was die Turing-Polizei nicht freut.

Wow. Neuromancer ist vor 35 Jahren geschrieben worden. Da gab es noch kein Internet, und ethische Fragen um KI wurden auch noch nicht diskutiert. Umso erstaunter bin ich, wie visionär „Neuromancer“ ist.

William Gibson schafft es, in einem hardboiled Noir-Schreibstil eine Welt zu erschaffen, die düster und schmutzig ist und quasi nebenbei so visionär, dass es mir beim Lesen immer wieder den Atem verschlagen hat.

Als ich das Buch das erste Mal las, irgendwann in den Neunzigern, war die Geschichte pure Science Fiction. Heute, mit dem Internet, KI-Fortschritten und globalen Konzernen, wirkt es, als haben würde unsere Welt schrittweise zu der von Neuromancer. Klar, manches wirkt aktuell überholt, wie etwa die Vorstellung von Mainframes, aber das sind austauschbare, sprachliche Artefakte. Tausche „Mainframe“ gegen „Firmennetzwerk“, und „Cyberspace“ gegen „Internet“ und schon passt es wieder. Von der Grundidee bleibt Neuromancer eine Geschichte, das seit seiner Veröffentlichung immer gruseliger, weil realer wird.


Hören:


Sehen:

Stranger Things 3 [Netflix]
Wieder passieren schräge Dinge in dem kleinen Ort Hawkins: Magnete fallen von den Wänden, Ratten verhalten sich merkwürdig und Eleven knutscht ganze Nachmittage mit ihrem Freund – sehr zum Missfallen von Hopper, der sie adoptiert hat. Unterdessen halten die 80er volle Kanne Einzug in den verschlafenen Ort: Eine Shopping Mall hat eröffnet!

Ach, herrlich. Völlig 80er, von den Klamotten bis zu den Verhaltensweisen. Das war in den vorherigen Staffeln ähnlich, aber hier sind die Regler auf 11 gedreht und zupfen an den Saiten meiner Nostalgiegeige. Alle Vibes stehen auf Goonies, wenn die Kids langsam erwachsen werden und trotzdem wieder Dinge aus der Monsterdimsension „Upside Down“ in den Alltag einsickern, bis der zu waschechtem Bodyhorror umschlägt. Dazu kommt, dass Stranger Things nun sein Equilibrium gefunden hat. Budget und Story passen jetzt exakt zueinander, und die geschickte Erzählstuktur macht die dritte zur bislang besten Staffel.

Familie (Im August in Osage County) [Theater im OP]
Beverly hatte ein Abkommen mit seiner Frau: Er sagt nichts zu ihrer Tablettensucht, dafür ließ sie ihn in Ruhe saufen. Aber nun ist der Vater von drei Töchtern, gefeierter Autor und professioneller Alkoholiker verschwunden. Die Töchter kommen aus dem ganzen Land zurück ins abgelegene Osage County in Oklahoma, denn die Familie muss ja zusammenhalten. Leider kommen bei dem Familientreffen ziemlich finstere Geheimnisse ans Tageslicht, und gleich mehrere Abgründe tun sich auf.

Ich mag Werke von Tracy Letts nicht besonders. Mag ja sein, dass er die amerikanische Seele besonders kitzelt (anders ist der Pulitzer Preis für „Osage County“ nicht zu erklären), aber bei mir verfing schon „Killer Joe“ nicht, und auch „Familie“ zieht sich endlos und pointenarm dahin.

Das mag auch an der Inszenierung liegen. Alle Darstellerinnen bekommen den Raum, den sie brauchen, um sich zu entfalten und nutzen den auch, um sich die Seele aus dem Leib zu spielen. Das ist meist sehr gelungen, im Mittelteil nervte mich dann aber die langsame Sprechweise mancher Charaktere. Leuten dabei zuzugucken, die betrunken tun und vor sich hinlallen ist halt keine abendfüllende Unterhaltung, und definitiv nichts um drei Stunden zu füllen. Für meinen Geschmack war das zu lange für die etwas blutleere Geschichte, die erst auf die letzen zwanzig Minuten nochmal aufdreht. Ich stehe mit der Meinung allerdings ziemlich alleine da, die allermeisten Besucherinnen fanden das Stück toll und gaben stehende Ovationen.

Spider-Man: Far from Home [Traumpalast Nürtingen]
Die Welt kämpft noch mit den Nachwehen des „Infinity Wars“. Das die Hälfte der Menschheit 5 Jahre verschwunden war, hat doch Spuren hinterlassen. Peter Parker braucht u.a. deswegen mal Urlaub und geht mit seinen Mitschülern auf Klassenfahrt nach Europa. Dort trifft er auf fiese Elementargeister und den neuen Helden Mysterio.

Der Titel könnte auch sein „Spider-Man: Deception“, denn hier ist nichts, was es scheint. Ich ziehe meinen Hut vor den Schreibern des Films. Was die hier an spannender Story, sehr gutem Pacing und gleichzeitig irgendwie Jugend- und Coming-of-Age-Film zusammengebaut haben, ist handwerklich ganz hohes Niveau. Locker-Leichtes und sehr spannendes Sommerfilmvergnügen, mit schönen Aufnahmen aus Venedig, Prag und London.

Das Ende [Theater im OP]
Fünf Personen leben multiple Lebensgeschichten. Da sind die beiden liebenden Männer, deren Tochter in der Schule gemobbt wird. Agnes, die ihrem Leben gerne einen Neustart verpassen würde, aber irgendwie nicht von der Vergangenheit loskommt. Tanja, Agnes Freundin, die die Idee mit dem Neustart so toll findet, dass sie das einfach macht. Allen gemein: Ihre Zeit läuft ab. Denn der Klimawandel hat einen neuen Effekt hervorgebracht: Der Sauerstoff in der Atmosphäre schwindet. Anfangs wird das als Hysterie abgetan, dann Gegenmaßnahmen ergriffen. Aber auch umfangreiche Aufforstungen helfen nicht mehr. Die Menschheit wird ersticken.

Starke Geschichten, stark gespielt. Die Idee mit dem Klimaeffekt ist aus Modnerds demnächst erscheinenden Kurzfilm „LO2S“ entlehnt, die Geschichten der verschiedenen Charaktere sind frei improvisiert.
Ich mag Improtheater nicht besonders, weil es meist albern ist. Das war todernst, und es war gut.


Spielen:

Assassins Creed Odyssey: Das Schicksal von Atlantis – Die Qualen des Hades/Das Urteil von Atlantis
Kassandras Reise durch die griechische Sagenwelt geht weiter. Nachdem die Söldnerin und Vorfahrin der Assassinen aus dem Paradies Elysium vertrieben wird, muss sie sich Zerberus stellen. Sie besiegt den mythischen Höllenhund, verursacht damit aber enorme Probleme, denn die ganze Hölle kommt durcheinander.

Charon kann keine Seelen mehr über den Styx fahren, die Toten finden keine Ruhe und durch die nun unbewachten Tore der Hölle diffundieren unliebsame Subjekte. Höllenfürst Hades beauftragt Kassandra damit, ihr Schlamassel wieder in Ordnung zu bringen – sonst droht ewige Folter im Tartaros.

Nach der Unterwelt reist Kassandra weiter nach Atlantis, einer Stadt der ISU. Sie lebt unter „Denen, die vor uns waren“, lernt deren Kultur und ihr Verhältnis zu den Menschen kennen, die sie nach ihrem Vorbild formten. Am Ende muss Kassandra eine schwerwiegende Entscheidung fällen: Verdient Atlantis eine Zukunft, oder soll die Stadt untergehen?

Ach Gott ja, halt der fünfte und sechste DLC für „Odyssey“. Die Entwickler geben sich Mühe, führen einige neue Elemente ein und legen den Schwerpunkt auf Systeme, die bislang zu wenig beachtet wurden. Aber letztlich ist es spielerisch doch wieder nur more of the same.

Die Unterwelt ist mit ihren weiten Wüsten und den matschigen Farben kein spannender Ort. Auch die Geschehnisse sind lame. Kassandra trifft im Verlauf der Quests auf alle möglichen ehemaligen Feinde, für deren Ableben sie gesorgt hat. Nun darf sie sich Figuren wie dem Zyklopen oder dem Monger noch einmal stellen. Das bedeutet auch: Wir treffen nervigen Arschgeigen wieder und müssen sie schon wieder umbringen.

Atlantis wiederum ist spektakulär anzuschauen, nervt aber durch schwer zu erkletternde Architektur und schiere Größe. Die Wege sind lang und pure Zeitverschwendung, die Quests sind unlogisch und beschränken sich die meiste Zeit auf dumme Festungseroberung. Die Story ist eigentlich nett, da hier die ganze Grausamkeit der Precursors und vor allem Junos gezeigt wird und auch die Gegenwartsgeschichte um Layla Hassan weitergeht. Leider passt sie in einen Fingerhut und wird am Ende so absurd, dass selbst ich die Motive nicht mehr nachvollziehen konnte.

Es ist ja nett, dass das Hauptspiel auch 9 Monate nach Release noch mit Content versorgt wird, aber „es wurd´s a bissl fad“, wwÖ sagen. Der DLC hat das gleiche Problem wie das Hauptspiel: Zu groß die Welt, zu aufeplustert die unwichtigen Nebenquests, zu wenig die Geschichte. Die ist eigentlich cool, krankt aber an unlogischen Holperern. Für nächste Assassins Creed möchte ich bitte die Gegenwartsstory spannend geschrieben im Hauptspiel sehen, und nicht verklappt in einen DLC.


Machen:

Frieren, Spessartausfahrt, Schwitzen, Dienstreisemarathon, in der Reihenfolge.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Ausfahren in der Gruppe – wie man es nicht macht (und wie es richtig geht)

Neulich, auf der Großglockner Hochalpenstraße: Eine Gruppe Motorradfahrer kommt mir entgegen, offensichtlich gemeinsam auf Tour. Vorneweg zwei mit hoher Geschwindigkeit, aber in perfekter Linie in den Kurven. Die beiden versuchen sich gegenseitig zu überholen und haben offensichtlich ihren Spaß dabei.

Dahinter das Mittelfeld. Drei Bikes, ebenfalls zügig unterwegs, aber nicht ganz so schnell wie die Rennfahrer und deutlich weniger auf Ideallinie. Am Ende der Gruppe dann noch drei Kräder, erkennbar mit den ungeübtesten Fahrern. Die drei können weder Anschluss an die Gruppe halten, noch können sie die Kurven fahren. Im Gegenteil, die Kombination aus panischem „Die fahren mir weg!“ und fahrerischer Ungeübtheit führt dazu, dass der letzte der drei sogar die Kurven schneidet und dabei auf die Gegenfahrbahn kommen, also auf meine Spur.

Passiert ist nix, aber in dem Moment habe ich mich wieder an den Kopf gepackt und laut geseufzt. Die beschriebene Gruppe war nicht die einzige an dem Tag, die so aufgestellt war. Vorneweg die Schnellsten, weil „Wir wollen Spaß!“, „Wir langweilen uns sonst!!“ und „Reisende soll man nicht aufhalten, wir treffen uns dann an der nächsten Kreuzung, tschööööö!“. Folgerichtig fahren in solchen Gruppen vorneweg die schnellsten und besten Fahrer, die gemütlichen und ungeübten am Ende.

Um es mal ganz deutlich zu sagen: Das geht so nicht.

Ein solches Konzept mag für die Schnellen OK sein, für Mittelfeld ist es Stress und für die Schlusslichter ist es frustrierend, wobei die dann oft noch, siehe oben, den Verkehr gefährden.

Wer gerne schneller unterwegs sein möchte fährt allein und nicht in der Gruppe. In einer Gruppe gibt der Langsamste die Geschwindigkeit vor. Und wenn gewisse Personen das nicht akzeptieren, DANN SOLLTE MAN BESSER NICHT MIT DENEN IN EINER GRUPPE FAHREN. So einfach ist das.

Wer mich kennt weiß, dass ich am Liebsten allein unterwegs bin. Selten fahre ich mal in einer Gruppe, und wenn ich das tue, hält die sich an ein paar sehr simple Regeln. Eine gute Gruppe ist so aufgebaut:

  1. Vorneweg der Tourguide. Er kennt die Strecke und gibt die Geschwindigkeit vor. Der Tourguide hat vorher alle Regeln klar kommuniziert und Tankstops und Pausen mit den Gruppenteilnehmern abgesprochen. Der Tourguide wechselt nicht während der Fahrt. Der Tourguide wird niemals überholt.
  2. Hinter dem Tourguide fahren als erstes Anfänger und weniger geübte Fahrer. Der Guide behält die im Auge und richtet seine Geschwindigkeit an ihnen aus.
  3. Dahinter folgen die anderen Fahrer in aufsteigender Fähigkeit, am Ende fährt der geübteste und sicherste Fahrer.
  4. Der letzte Fahrer kennt auch die Route und hat für Notfälle die Telefonnummer des Guides. Er achtet darauf, dass niemand verloren geht.

Darüber hinaus gibt es noch ein paar wichtige Regeln, die man vorher mit allen besprechen sollte:

  1. Die Reihenfolge bleibt während der Fahrt fix, es wird sich nicht gegenseitig überholt.
  2. Auf gerade Strecken wird versetzt gefahren, immer einer links, einer rechts. Vor und in Kurven wird diese Formation aufgelöst, danach gleich wieder eingenommen.
  3. Die Gruppenmitglieder behalten sich im Rückspiegel im Auge. Verliert ein Gruppenmitglied den Anschluss, wird der Vorausfahrende langsamer und signalisiert im Zweifelsfall durch Blinken oder Handzeichen, dass was nicht stimmt. Der Tourguide sucht eine geeignete Stelle, wo der vordere Gruppenteil gefahrlos in einer Reihe halten und warten kann. Findet man sich nicht wieder, übernimmt der letzte Fahrer den hinteren Gruppenteil und fährt zu einem vorher ausgemachten Treffpunkt oder bringt die Tour allein zu Ende.
  4. Abstand halten. Immer. Innerorts weniger, damit man gemeinsam über Ampeln rutschen kann, außerorts mehr.
  5. Überholen: Der Tourguide überholt Fahrzeuge vor ihm nur dann, wenn gefahrlos mindestens noch zwei weitere Gruppenteilnehmer mit überholen können. Danach überholt jeder für sich allein, so, wie es ihm sicher ist. Kommen von hinten schnellere Fahrzeuge, lässt man denen genügend Platz zum Überholen.
  6. Es sollte gemeinsam getankt werden – alle paar Kilometer individuelle Tankstopps einlegen müssen, das geht gar nicht.

Zehn simple Punkte, die klare Regeln aufstellen. Klar, das kann man jetzt noch beliebig verkomplizieren („fliegender Marshall-Prinzip“ oder ähnliches) oder ausschmücken (Tourguide und Letzter tragen Warnwesten, man verschaltet sich mit Bluetooth, etc.), aber im Kern sind das da oben die einfachen Spielregeln für eine sichere und für alle stressfreie Gruppenfahrt.

Sollten am Ende dann Teilnehmer permanent rummosern, dass sie sich unterfordert fühlten und man beim nächsten Mal doch die Schnellen nach vorne lassen sollte – dann sollte es mit genau diesen Personen kein nächstes Mal geben. Die können eine eigene Gruppe aufmachen, ganz für sich allein.

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Impressionen eines Wochenendes (27): Wirtshaus im Spessart

Bad Orb ist ein kleines Örtchen, ca. 50 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Frankfurt am Main. Hier beginnt der Spessart, ein kleines Mittelgebirge zwischen Rhön und Odenwald. In Bad Orb scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben zu sein. Rentner watscheln betulich durch den Park, Familien mit Kindern vergnügen sich auf dem Kneipp-Weg. Kurort, eben.

In Bad Orb steht das Helvetia. Das ist nicht das Wirtshaus im Spessart.

Ich komme gerne ins Helvetia, weil die Wirtin nett, das Frühstück gut und der Garten verwunschen ist.

Außerdem kann man sich hier trefflich mit anderen Leuten treffen und zu einem Ausflug in den Spessart starten.


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Blogparade: Tanken

Drüben bei 600ccm.info fragt X-Fish nach unserem Tankverhalten und macht daraus eine Blogparade. Mein erster Gedanke: Das ist Thema ist absurd, was kann man über´s Tanken schon schreiben, da mache ich nicht mit.
Dann ist mir aber doch was eingefallen. Ich habe nämlich tatsächlich einen etwas eigenen Ablauf an der Tankstelle UND ich zahle gerne mehr Geld für Benzin, zumindest in Italien.

Mein Tankprozedere

Zunächst mal: Ich tanke wo und wann es gerade passt oder nötig ist. Ich bevorzuge in Deutschland keine Marke, ich vergleiche keine Preise. Wenn ich anhand des Tageskilometerzählers sehe, dass die Restreichweite unter 50 Kilometer liegt, fahre ich die nächstgelegene Tanke an. Bei der ZZR ist das nach rund 250 Kilometern, bei der V-Strom um die 400.

Wenn ich die Wahl habe, fahre ich die Tankstelle so an, dass ich links stehe und die Zapfsäule rechts ist. Motor aus, Seitenständer runter. Dann greife ich mit der rechten Hand die Zapfpistole und tanke, während ich auf dem Motorrad sitzen bleibe. Ich bocke die Kiste nie auf den Hauptständer. Ist der Tank voll, stelle ich die Maschine auf den Seitenständer und mache mit dem Telefon Bilder von Kilometerzähler und Zapfsäulendisplay. Dann nehme den Helm ab (weil sonst einige Tankstellen Schnappatmung kriegen UND weil ich es den Kassierern gegenüber höflicher finde), ziehe das Navi aus der Halterung und gehe bezahlen.

Die Fotos haben folgenden Grund: Am Abend übertrage ich Kilometerstand und getankte Menge in eine Tank-App. Die schmeißt mir dann den Verbrauch raus und überträgt die Daten in eine Online-Plattform, wo ich sie mit anderen Maschinen vergleichen kann.

Ich mache das seit 5 Jahren, und es ist echt interessant, was man daraus ablesen kann. Dadurch, dass man mitbekommt wie krass sich der Verbrauch nach Fahrweise und Geschwindigkeit unterscheidet, kann man das eigene Fahrverhalten ein wenig im Auge behalten. Außerdem bekommt man mit, ob mit der eigenen Maschine alles OK ist. Meine Renaissance ist übrigens die Sparsamste aller auf ZZR600 auf der Onlineplattform. Die Barocca liegt dagegen nur auf Platz 65 und damit im Mittelfeld aller DL 650.

Tanken in Italien

Ich habe jetzt schon mehrfach in Blogs gelesen, dass das Tanken in Italien irritierend gewesen sei. Einigen hat es sogar die Zornesader schwellen lassen. Grund: An der Zapfsäule näherte sich plötzlich jemand dem Fahrzeug und wollte es unbedingt betanken. Das sind Tankwarte, ein nostalgisches Relikt aus den 50ern.

Ich finde das immer wieder lustig, wie manche Deutsche darauf reagieren. Ich habe schon völlig verzweifelte Urlauber an Tankstellen gesehen, die unter Handtaschengefuchtel und lauten Rufen (Starker sächsischer Akzent: „Der Mann will an unserem Fahrzeug rumfummeln!“) versuchten, Tankwarte von ihren Autos fernzuhalten. Die wiederum verstanden die Welt nicht mehr, denn warum fahren die Deutschen an eine der speziellen Service-Zapfsäulen und wollen dann keinen Service?

Die Irritation bei den Urlaubern kann ich verstehen, die Wut nicht. Andere Länder, andere Sitten, wenn da was anders läuft als zu Hause: Deal with it, Du reist auch in andere Länder um ZU LERNEN.

Um das mal kurz zu erklären: An italienischen Tankstellen, wenn es nicht reine 24h Automatentankstellen sind, steht auf großen Schildern am Kopf der Zapfsäuleneinfahrt entweder „Self“ bzw. „Fai da te“ (Mach´s Dir selbst) ODER „Service“ bzw. „Servizio“. Beim Einfahren in die Tankstelle muss man sich für eines von beiden entscheiden.

Bei „Self“ fährt man ran und tankt selbst. Manchmal muss man vorher mit Karte die Säule freischalten, manchmal geht man hinterher bezahlen. Das tut man entweder im Gebäude oder bei dem Mann oder der Frau, die da rumläuft. Das ist der Benzinaio, der Tankwart.

Es gibt auch reine Automatentankstellen, ganz ohne Personal. Diese Automatentankstellen, insbesondere auf dem Land und an Sonntagen, können für Motorradfahrer ein echtes Problem sein. Die nehmen nämlich meist keine Kreditkarten, sondern nur die italienische „Carta Bankomat“, die wir Deutschen nicht haben, oder Bargeld. Das ist aber tückisch: Oft ist der Banknoteneinzug defekt, und einige Tankstellen akzeptieren nur 20er und 50er Banknoten, Wechselgeld gibt es nicht. 20 Euro sind selbst bei hohen Spritpreisen meist zu viel, so viel bekommen die meisten Moppeds gar nicht in den Tank.

Immerhin, es wird besser. Moderne Tankstellen von Q8, IP und ENI, gerade wenn sie an größeren Straßen liegen, nehmen mittlerweile auch Kreditkarten. Trotzdem sehe ich immer zu, dass ich rechtzeitig tanke und so fahre, dass ich nicht in der Mittagszeit von 13 bis 17 Uhr und nicht am Sonntag tanken muss. Denn dann arbeiten die Benzinaios nicht.

Benzinaios

Fährt man an eine „Service“-Säule, kommt der Benzinaio zu einem, um die Betankung zu übernehmen. Man teilt ihm mit, ob man für einen bestimmten Betrag tanken möchte (5 Euro= cinque, 10 = dieci, 20 = venti) oder ob man volltanken möchte („Il pieno, per favore“).

Dann braucht man nur den Tank zu öffnen, der Benzinaio übernimmt die Betankung des Motorrads. Er tut das meist kunstfertig, denn ein guter Benzinaio tankt, ohne einen Tropfen zu verschütten und genau so, wie man es möchte.

Ich frage meist während des Tankvorgangs, ob ich per Karte zahlen kann („Posso pagare con carta credito?“). Natürlich kann man das, Benzinaios akzeptieren immer Kreditkarten. Aber durch diese Frage weiß er, dass er wirklich den Tank vollmachen kann, egal wie krumm der Euro-Betrag ist. Ansonsten wird ein guter Benzinaio versuchen auf einen glatten Betrag zu tanken, damit man mit möglichst wenig Kleingeld hantieren muss. Bezahlen tut man nämlich auch bei ihm, er hat die Hosentaschen voller Bargeld und ein mobiles Kartenterminal in Reichweite. Bei den Tankwarten gilt schon lange Gleichberechtigung, gut 1/3 der sind Frauen, die Benzinaias.

Vorteil des Servicemodells: Man kann währenddessen auf dem Motorrad sitzen bleiben, braucht nicht mit Helm und Handschuhen rumfuddeln UND man muss sich nicht mit Tankautomaten aus der Hölle auseinandersetzen. Ranrollen, bedienen lassen, andiamo, weiter geht´s.

Der Nachteil: Der Sprit kostet zwischen acht und 20 Cent pro Liter mehr als an den Säulen zum Selberzapfen. Selbst wenn man den Tankwart mit lauten Rufen und Gefuchtel erfolgreich vertreibt und selbst tankt, kostet es trotzdem mehr. Das regt viele Deutsche sehr auf. Aber dafür hat man sich bewusst entschieden, als man an die „Servizio“-Säule gefahren ist.

Ich zahle gerne mehr. Nicht nur, weil ich bedient werde. Darum geht´s mir nicht. Es ist mir das Geld wert, weil diese 20 Cent einen Arbeitsplatz sichern.

In Italien wird der Wert einer guten Arbeit geschätzt und entsprechend bezahlt. Selbst die Frau, die in einer Käserei den ganzen Tag nur den roten Pecorino mit Tomatenmark einreibt, geht am Ende mit einem würdigen Gehalt nach Hause. So ist es bei den Tankwarten auch. Sie haben einen Beruf mit Tradition, sie erbringen eine Dienstleistung die Geschick erfordert, und dieser ehrenwerte Beruf soll sie und ihre Familien ernähren. Mich kostet das pro Tankfüllung vielleicht zwei, drei Euro mehr. Das kann ich verschmerzen, und der Mann oder die Frau kann davon leben. DAS habe ich im Hinterkopf, wenn ich voller Absicht an die „Servizio“-Zapfsäule rolle.

Mal ganz abgesehen davon, dass sich manchmal auch nette Gespräche entwickeln. Benzinaios quatschen oft gerne, und da sie ALLES weitergetrascht bekommen, wissen sie auch alles und sind, weil meist ältern Semesters, sehr lebenserfahren. So ein guter, alter Benzinaio ist quasi ein Quell unendlichen Wissens. Wie Fausto.

Fausto

Ich tanke in Italien am liebsten bei AGIP bzw. ENI (Gelb, Logo: Feuerspeiender Hund mit sechs Beinen. Die sechs Beine stehen für die vier Räder eines Autos plus die zwei Beine des Fahrers). Die sind sehr gut sichtbar beschildert, und die Benzinaios sind sehr gut.

Auf meiner ersten Fahrt nach Italien fuhr ich in Siena an die ENI-Tankstelle von Fausto. Ein stämmiger Mitsechziger, sonnenverbrannt. Er fragte wieviel ich tanken wollte, ich gestikulierte und sagte sowas wie „tutti completi“, weil ich nicht wusste was „voll“ hieß. Faustogrinste und sagte „Wenn Du „voll“ meinst, sagst Du „Pieno“. „Ah, danke!“, sagte ich.

Während er die ZZR betankte, fragte er „Auf der Durchreise?“. Er sprach leicht verwaschen, was evtl. daran lag, dass er den Mund voller Zahnstummel hatte, aber er sprach so langsam, dass ich ihn verstehen konnte. „Bin ich in Ferien“, erwiderte ich. „Woher kommst Du?“, fragte Fausto. „Bin ich aus Deutscheland“, sagte ich und schob meinen Standardsatz hinterher „Entschuldigung, mein Italienisch ist schlecht, ich lerne das erst seit einem halben Jahr und kann nicht gut sprechen“.

Fausto lachte und sagte: „Die meisten Italiener können auch nicht vernünftig sprechen. Die wenigsten sagen bitte und danke“. Er gluckste, was bei einem so vierschrötigen Mann seltsam wirkt, und meinte dann „Außerdem gibt es ja nicht nur EIN italienisch. Jede Region hat einen leicht unterschiedlichen Dialekt. Hier sprechen wir Sienesisch. Das ist noch einigermaßen zu verstehe, aber im Süden…“. Er rollte die Augen.

In den folgenden Jahren war ich immer mal wieder für ein paar Tage in Siena, und Fausto erinnerte sich jedesmal an mich, und darüber freute ich mich. Immer wechselten wir ein paar Worte während des Tankens, über Wetter, über Politik, und Fausto lobte, wenn er Fortschritte bei meinen Sprachfähigkeiten entdeckte. Bevor ich losfahren durfte, säuberte er die SCheinwerfer von Insekten. Ich tankte nie woanders als bei Fausto.

Dann, vor zwei Jahren, war Fausto plötzlich nicht mehr da. An seiner statt war ein anderer Benzinaio unterwegs. Jünger, aber ebenfalls stämmig und mit schlechten Zähnen. Faustos Sohn? Vielleicht. Aber anders als sein Vater hatte der Junior offensichtlich keinerlei Bock, Benzinaio zu sein. Erst ignorierte er mich an der „Servizio“-Säule, dann haute er die Zapfpistole so tief in den Tank, dass er vermutlich dessen Beschichtung beschädigte UND DANN tankte er mir die Kiste trotz mehrfacher Aufforderung nicht voll, weil er irgendwann der Meinung war, dass sei jetzt genug. Dabei hätten noch einige Liter mehr reingepasst.

Ich fuhr noch ein paar Mal an der Tankstelle vorbei, aber Fausto war nie zu sehen, immer nur der Nichtskönner. Ich tankte da nie wieder. Vor zwei Wochen bin ich mal wieder an der Tankstelle vorbeigefahren. Sie läuft jetzt selbst innerhalb normaler Öffnungszeiten nur noch auf Automatenbetrieb.

Ein Benzinao weniger in Italien.

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Momentaufnahme: Juni 2019

Herr Silencer im Juni 2019

Urlaub!!

Wetter: Heiß.


Lesen:

Matt Ruff: The Mirage [Kindle]
Weitergelesen: Die Welt in einer alternativen Zeitlinie: Die USA sind eine zerstrittene Ansammlung christlich-fundamentalistischer Staaten, während die Aarabische Welt geeint und modern ist. Am 09. November 2001 steuern christliche Fanatiker Flugzeuge in zwei Wolkenkratzer in Baghdad. Diese Anschläge an 11/9 verändern die Welt für immer. Die Araber gehen mit aller Härte gegen die christlichen Terroristen vor. Eine Antiterror-Spezialeinheit nimmt in Baghdad christliche Terroristen fest, die steif und fest behaupten, dass die ganze Welt ein Trugbild, eine Mirage, sei – in Wirklichkeit wären an 9/11 Flugzeuge von Muslimen in amerikanische Wolkenkratzer geflogen worden. Als Beweis dafür zeigen die Verhafteten Ausschnitte von seltsamen Zeitungen vor. Wer hätte schon je von der „New York Times“ gelesen?

Ich hatte ja schon im Vormonat darüber geklagt, dass das Buch VIEL zu lang ist. Das Worldbuilding ist genial, aber Matt Ruff verliert sich in Nebenschauplätzen und den Seitengeschichten von unbedeutenden Nebenfiguren, die allesamt keinen Charakter haben. Im Ernst, KEINE der handelnden Figuren ist mir mit Namen und Eigenschaften im Gedächtnis geblieben. Am Ende kippt die Story dann auch noch ins Übersinnliche und hantiert mit Geistern und Dschinns herum.

Das ergibt im Kern dann durchaus einen Sinn, aber das Buch trägt so dermaßen viel Speck mit sich herum, dass man den kaum findet. Obwohl das Taschenbuch die Silencer´sche 450-Seiten Regel einhält („Jeder Roman über 450 Seiten ist schlecht lektoriert und zu lang“), hätte ein gutes Lektorat eigentlich zwei Drittel des Werks streichen müssen, weil: Unfug. Matt Ruff ist immer dann richtig gut, wenn er nicht mehr als 150 Seiten schreibt (Wie in der Multiple-Persönlichkeiten-Story „Set this House in Order“ oder der Novelle „Bad Monkeys“.

Was bleibt: Die Erinnerung an eine tolle, auf links gedrehte Alternativrealität, in der Figuren wie Saddam Hussein, Osama Bin Laden, Timothy Veigh, Donald Rumsfield und andere ganz andere Rollen einnehmen als in unserer Welt, dabei aber im Kern die bleiben, die sie sind. Das ist Gänsehauterzeugend unangenehm.

Herr Sonneborn geht nach Brüssel

Im Jahr 2014 tritt der Satiriker Martin Sonneborn mit seiner Partei „Die PARTEI“ bei der Europawahl an. Zu seiner eigenen Überraschung bekommt er genug Stimmen und geht als Abgeordneter nach Brüssel. Ihm zu Seite steht sein treuer Büroleiter Hoffmann, Vorname: Dustin. Gemeinsam finden sie sich in den Politbetrieb der EU ein.

Ich habe das Buch verschlungen. Was Sonneborn hier vorlegt, ist kein plumper Versuch, sich über die EU lustig zu machen. Im Gegenteil, mit großem Ernst wird hier beschrieben, wie Prozesse in der EU ablaufen, welche Rituale und Traditionen dort gepflegt werden, und welche Charaktere die tatsächlich Macht in Europa haben und auf wessen Geheiß sie handeln. In chronologischer Reihenfolge lässt Sonneborn die Leser an seiner ersten Legislaturperiode teilhaben. Während der macht er sich schnell Feinde, u.a. den cholerischen Cheflobbyisten von Bertelsmann, Elmar Brok (der Nebenbei einer der mächtigsten CDU-Politiker ist, darin aber keinen Interessenkonflikt erkennen kann) oder den SPD-Politker Jo Leinen, dem Sonneborn einen Empfang wegkapert und der wegen der PARTEI eine Änderung des Wahlrechts herbeiführen will, oder auch die AFD-Abgeordnete, die Sonneborn nur „Beatrix von Strolch“ nennt.

Während der 5 Jahre,. die das Buch umfasst, erlebt man bei Sonneborn eine Veränderung. Stimmte er Anfangs gaga-mäßig immer abwechselnd mit Ja und Nein für alles mögliche, begreift er im Laufe der Zeit, das selbst seine fraktionslose Stimme manchmal das Zünglein an der Waage sein kann. Gemeinsam mit Ska Keller von den Grünen und Julia Reda von den Piraten fängt Sonneborn an, die alten weißen Lobby-Männer wie Oettinger und Brok aufzumischen und mit seinen Mitteln auf Demokratiedefizite und ungerechte Auslegungen aufmerksam zu machen, bis am Ende sogar Merkel der Deckel wegfliegt und die Bundesregierung gegen Sonneborn intrigiert.

„Herr Sonneborn geht nach Brüssel“ ist ein politisches Buch, dass lehrreich ist, weil es abstrakte Prozesse in verständlicher und anekdotischer Form darstellt. Sehr vergnüglich, sehr unterhaltsam. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung: Sonneborn wurde gerade wiedergewählt und darf eine zweite Amtszeit in Brüssel verbringen.


Hören:


Sehen:

A private War [Prime Video]
Marie Colvin ist eine begnadete Kriegsreporterin. Für die Sunday Times berichtet sie aus Krisengebieten wir Ost-Timor, dem Libanon oder dem Kosovo. Dabei mäandert sie zwischen der Sucht nach dem Thrill, der selbstauferlegten Verantwortung über die Grausamkeit der unbeachteten Kriege berichten zu müssen, wenn es sonst niemand tut, und einer ständigen Traumatisierung ob des Gesehenen, die sie mit Sex und Alkohol zu kompensieren versucht. 2012 wird Colvin in Homs getötet.

Ich weiß schon, was der Film leisten möchte. Klappt aber nicht. Das liegt zum einen daran, dass sich die Produzenten nicht wirklich auf eine Richtung festgelegt haben. Für eine Dokumentation ist zu viel Drama drin, für ein gutes Biopic ist aber die Strukturierung zu unklar.

Außerdem hätte es echt eine andere Hauptdarstellerin sein dürfen. Rosamund Pike müsste eigentlich den Film tragen, kriegt das aber nicht hin. Immer wieder sehen wir sie in unglaubwürdigen Trainingsmontagen schreiben, saufen und ficken, unverständliche Dinge murmeln und dann wieder durch Kriegsgebiete taumeln. Aber statt hier eine besessene Journalistin zu sehen, sehen wir nur Rosmund Pike, wie die sich eine besessene und verbitterte Journalistin vorstellt. Dabei kriegt sie es aber nicht mal hin eine Zigarette richtig zu halten. Meine Güte, was hätte eine Schauspielerin wie Sigourney Weaver aus dieser Rolle gemacht!

Wichtiges Thema, aber der Film taugt leider nicht – trotz der guten Kritiken allerorten.

Venom [Prime Video]
Tom Hardy kommt mit schwarzem Glibber in Berührung, der erst ihn auffrisst, dann anderen den Kopp abbeißen will.

Belangloser Actionreißer mit langen Durchhängern. Tonal kann sich der Film nicht entscheiden, was er eigentlich sein möchte. So oszilliert er zwischen Buddymovie, Thriller, Superheldenstreifen und Horrorfilm. Tom Hardy overacted dabei so dermaßen, dass er die Grenze zur Comedy mehr als einmal überschreitet.

Entscheiden konnte man sich wohl auch nicht, für welches Publikum „Venom“ eigentlich sein soll. Die Comicvorlage ist krass gewalttätig. Aber anstatt hier im ab 18-Fahrwasser von „Deadpool“ oder „Logan“ eine Gewaltorgie aufzumachen, in der links und rechts die appen Köppe rumfliegen, zielt der Film auf ein PG13-Rating. Dementsprechend wird immer brav weggeblendet, wenn Venom zum Massaker ansetzt. Das ist brav und… langweilig. Für eine ordentliche Umsetzung hätte einen Paul Verhoevens gebraucht, bekommen wir hier eine weichgespülte Version a la W.S. Anderson.

Stellenweise unterhaltsam und definitiv nicht so schlimm, wie es ein Nicht-Marvel-Film abseits des MCU befürchten ließ, aber weit davon entfernt das Geld für eine Kinokarte wert zu sein.

Der Kissenmann [Theater im OP]
Der Schriftsteller Katrurian K. Katurian wird verhaftet und verhört. Der Vorwurf: Er soll Kinder auf grauenvolle Arten getötet haben – genau, wie er es zuvor in seinen Geschichten beschrieben hat. Die Polizisten, die Katurian verhören, ist jedes Mittel recht um ein Geständnis aus Katurian zu pressen. Selbst Folter und die Gefangennahme von Katurians zurückgebliebenem Bruder schreckt die Beamten nicht. Bald verschwimmen Realität und Geschichten. Sind Katurian und sein Bruder das Produkt eines schrecklichen Experiments? Am Ende läuft es auf eine letzte, fürchterliche Geschichte hinaus: Die des Kissenmanns. Ein freundliches Wesen, das nur aus Kissen besteht und das Leiden von Menschen nicht ertragen kann. Deshalb reist der Kissenmann in der Zeit zurück, um besonders leidende Menschen noch in ihrer Kindheit zum Selbstmord zu überreden.

Grotesk, fürchterlich, aber auch hoch spannend und sehr, sehr faszinierend. „Der Kissenmann“ überrascht praktisch alle zwei Minuten und ist auf eine ähnliche Weise fesselnd wie einst das Schweigen der Lämmer: Es ist fürchterlich, aber man kann nicht wegsehen. Das hat natürlich System, der Autor Martin McDonagh ist ein Meister in der Verbindung von Gewalt und schwarzem Humor. Aus seiner Feder stammen u.a. „Brügge sehen und sterben“ und „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“.


Spielen:

Machen:

Motorradreise!


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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8.124

So, ich wäre dann auch mal wieder da.

8.124 Kilometer habe ich den den letzten dreieinhalb Wochen mit dem Motorrad zurückgelegt. Das war vor allem eines: Absurd heiß. Auch Deutschland hat unter einer Hitzewelle gestöhnt, aber ich sage mal so: 1.800 Kilometer weiter südlich war es noch etwas wärmer als hier.

Zum Glück hat das Motorrad gut durchgehalten, und selbst die Airbagjacke hat dieses Mal die Hitze überstanden. Mit anderer Ausrüstung war ich nicht so glücklich. Daytonas in 41 sind zu klein, in 42 habe ich mir aber Blasen gelaufen bis auf´s rohe Fleisch. Aber nun, irgendwas ist ja immer, und besser ein paar Blasen als ein Unfall. Vor sowas blieb ich zum Glück verschont – trotz Neapel!

Bild: Google Earth 2019

Ja, es ging noch einmal nach Italien. Zum einen, weil ich die letzten Ecken erkunden wollte, in denen ich noch nicht jedes Dorf kenne, zum anderen, weil in diesem Jahr noch eine mächtig weite Reise ansteht, und ich deswegen im Sommer ein wenig in meiner Komfortzone bleiben und nicht das ganz große Abenteuer aufmachen wollte. Spannend und interessant war es aber trotzdem. Der Süden Italiens unterscheidet sich vom Norden so stark, dass er praktisch ein anderes Land ist.

Es ist ein raues Land, voller herzlicher Menschen und spannender Geschichten. Warum Roberta sich über Honig freut, wieso Maria der Meinung ist, das alle Maria heißen, wie Toni Feigenblätter am liebsten mag und was aus dem Dorf Riace geworden ist, nachdem Italiens Faschistenführer Salvini den Bürgermeister hat verhaften lassen, weil er Menschen geholfen hat, das gibt es dann ausführlich demnächst im Reisetagebuch.

Für mich war es auch ein wenig ein Abschluss mit Italien. 2012 habe ich mich das erste Mal mit dem Motorrad dahin aufgemacht, weil ich mehr über das Land und die Menschen lernen wollte. Mittlerweile weiß ich mehr über Italien als die meisten Italiener. Ich war in jeder Region, nahezu jeder Provinz, kenne fast alle Städte und die größeren Sehenswürdigkeiten.

Diese Reise hat die letzten, weißen Flecken beseitigt und das meiste an „unfinished business“ ist erledigt – sogar auf den Großklockner, bzw. die Hochalpenstraße dort, habe ich es im dritten Anlauf geschafft. Yay!

Dreieinhalb Wochen on the Road, bei sengender Hitze, das kann schon tough sein. Am Ende freute ich mich schon wieder auf zu Hause.
Jetzt muss ich erstmal auspacken und Wäsche waschen und sowas. Dabei genieße ich, wie kühl es hier im direkten Vergleich ist.

2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

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Reisetagebuch 2019 (5): Harry Potter vs. The Avengers

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute gibt es den Rest von einer Woche London. Mit dabei: Harry Potter, Hamilton, die Avengers und Chris.

Mittwoch, 06. Februar 2019, London
Die Nächte sind gerade etwas kurz. Ich koste Londons Kultur- und Unterhaltungsangebot bis zur Neige aus und gebe mir die volle Dröhnung: Jeden Abend ein Theater- oder Musicalbesuch.

Wenn ich davon gegen 23:00 Uhr nach Hause komme, bin ich so aufgekratzt, dass ich noch bis fast halb zwei irgendwas machen muss um runterzukommen. Zum Beispiel Reisetaschenreviews zum Sojourn studieren oder die britische Version von Frauentausch gucken.

Heute Morgen schlafe ich etwas länger und stehe erst gegen 8:30 auf. Dann fahre ich in die Stadt, zum Picadilly Square. Etwas die Shaftesbury Avenue hoch steht ein riesige Backsteinbau, der fast ein wenig wie eine Burg wirkt. Der absolut passende Ort, um den achten Teil von Harry Potter aufzuführen!

Moment mal, den ACHTEN Teil? Es gibt doch nur sieben Bücher! Ja, das stimmt. Aber es gibt wirklich einen achten Teil, der 19 Jahre nach dem Ende des letzten Buchs spielt. Diesen achten Teil gibt es aber nur als Theaterstück, und das wird gerade nur hier, im Palace-Theatre, gespielt. Das ist so, als ob es einen neuen Star Wars-Film gäbe, der nur in einem Kino auf der ganzen Welt gezeigt wird. Dementsprechend schwer ist es, an die Karten zu kommen. Meine habe ich im April 2018 gebucht, was gar nicht so einfach war. Dass das Theaterstück so lang ist, dass man zwei Vorstellungen besuchen muss um alles zu sehen, macht die Sache weder einfacher noch billiger. Fast 400 Euro haben mich die Karten gekostet, und als mir der Portier die Eintrittskarten überreicht, nehme ich die mit einem Anflug von Ehrfurcht entgegen.

So, das Wichtigste ist erledigt, jetzt gibt es Frühstück. Ich fahre zur North Gowern Street und frühstücke bei Speedys. Das kleine Café ist gerammelt voll, aber routiniert und schnell arbeiten Besitzer Chris und seine Helferinnen die Bestellungen ab.


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Reisetagebuch 2019 (4): Outbound II

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es nach Ochsenfurt, ich mache wieder mal mit Duschköpfen rum und gucke Tina Turner unter den Rock.

Dienstag, 05. Februar 2019, Bahnhof Paddington, London
Um kurz vor neun fährt der Zug der GWR, der Great Western Railway. Wie der Name schon andeutet, verlässt der Zug London „Outbound“ in Richtung Westen. Eine Stunde später hält er in einem kleinen Ort, und ich falle aus dem Wagen und bin etwas erstaunt: Das ist ja winzig hier! Das soll das weltberühmte Oxford sein?

Bild: Google Earth 2019

Sieht mehr aus wie ein Dorf in der Provinz.

Am Bahnhof steht ein Bulle, dem eine besorgte Omi einen Schal gestrickt hat. Richtig so, es ist wieder schweinekalt. Neben dem Bullen hängt ein Stadtwappen. Es zeigt einen Ochsen, der einen Fluss quert. Ja, dann kommt der Name Oxford wohl von einer Ochsenfurt, die hier mal war.

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Reisetagebuch 2019 (3): All about Eve

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es unter die Royal Albert Hall und zu Gillian Anderson.

Montag, 04. Februar 2019, Norfolk Square, London
96 Stufen sind es vom Frühstücksraum im Keller des Belvedere bis zum meinem Zimmer im 4. Stock. Die Treppen werden nach oben werden immer enger, die Stufen immer höher und durch den Teppich immer runder. Das ist anstrengend, aber gutes Training – ich bin total außer Form, und die nächste Motorradreise kommt bestimmt!

Früh frühstücken ist Pflicht im Hotel Belvedere. Im Frühstücksraum im Keller gibt es nur zwischen 6:30 Uhr und 09:00 Uhr was zu essen.

Nachdem ich die Treppen des Todes wieder bis ganz unters Dach hochgestiefelt bin, stelle ich mich erstmal unter die Dusche. Das dauert etwas länger, denn die tröpfelt gerade nur noch. Das liegt am Duschkopf. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, einen Duschkopf mit weiten Kammern voller Tonkügelchen und Kohledingsbumms zu installieren, sollte geschlagen werden. Der ohnehin nicht dolle Wasserdruck schafft es nicht durch das esoterische Gedöns.

Ich lungere noch etwas im Zimmer rum. Draußen regnet es, und der Wind pfeift über die Dächer. Ungemütlich. Hier drinnen im Warmen ist es viel netter. Ich liege auf dem Bett und lese Twitte., Vor dem Haus hupen Autos, LKW fahren dröhnend vorbei und Müllwagen piepen sich durch eine Nebengasse. Ich habe Urlaub, warum soll ich mich freiwillig früher als nötig in das Mistwetter begeben.

Kurz nach halb 10 stehe ich wirklich auf, packe meine Sachen und trete hinaus in den Nieselregen. Bäh. das ist nicht mal richtiger Regen, das ist mehr so… hohe Luftfeuchtigkeit. Ganz fisseliger Nieselregen, der in der Luft rumschwebt. Igitt.

Ich laufe ein wenig durch den Hydepark, der sich gleich südlich von Paddington befindet. Der Nieselregen macht die blattlosen Bäume, die sich vor dem grauen Februarhimmel abheben, gleich noch ein Stück deprimierender.


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Reisetagebuch 2019 (2): Outbound

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Sonntag, 03. Februar 2019, London, Norfolk Square
Ich mag das Belvedere, dieses kleine, etwas schrullige Hotel im Norfolk Square am Bahnhof Paddington in London. Im Keller des Hauses ist der Frühstücksraum, in der zwei Polinnen und eine Koreanerin den Frühstücksservice schmeißen. Heute Morgen ist der eng bestuhlte Raum noch leer, aber das ist nicht oft so. Auch wenn es nur 16 Zimmer im Belvedere gibt, übernachten bis zu 50 Personen hier. Dementsprechend voll ist es hier an den meisten Morgenden.

„Do you like english breakfast?“ ist immer die erste Frage. Die richtige Antwort lautet „Ja“, ansonsten wird man freundlich auf eine leicht staubig wirkende Schachtel Frühstücksflocken auf einer kleinen Anrichte hingewiesen. Antwortet man richtig, rumort es kurz in der Küche, und wenig später steht ein Klacks Bohnen, zwei Eier, ein Stück Frühstücksschinken, ein Würstchen und ein Stück Toast vor einem.

Verhandlungen sind übrigens Zeitverschwendung. Ich muss immer schon grinsen, wenn jemand „Ich hätte gerne etwas mehr Bohnen und zwei Würstchen, dafür kein Ei“ oder sowas bestellt. Dann nickt die Koreanerin freundlich, und die Küche macht trotzdem exakt das Standardfrühstück.

Ich frühstücke zu Hause nie, aber im Urlaub passe ich mich an. So, wie ich in Italien morgens an einem Stück Zwieback rumknabbere und dazu Espresso trinke, schlinge ich hier mit Genuss das Warme Frühstück mit ordentlich HP-Sauce hinunter.

Kurz darauf sitze ich in der U-Bahn. An der Wand wirkt eine Bank mit dem Brexit. „An alle 7.643 Personen, die ein monatliches Essenbudget mit dem Titel „Brexit Überlebens Rücklage“ eingerichtet haben: Haltet durch!“ – Und sowas, liebe Kinder, passiert, wenn man bei einer dieser modernen Internetbanken ist. Die werten die privatesten Daten aus und machen Werbung damit.

Am Bahnhof Kings Cross steige ich auch und schlendere zu den hinteren Gleisen. Wieder mal fällt mir auf wie paranoid die Briten sind. Displays und Plakate fordern überall auf, alles und jeden sofort zu verpetzen. Orwells Albtraum, hier ist er Realität geworden.


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Ich kann das einfach nicht: Osprey Sojourn vs. Cabin Max.

Eine der kommenden Reisen führt mich weit weg, und das für fast drei Wochen. Grund genug, mir mal neues Reisegepäck zuzulegen. So ein richtiges, mit Rollen. Dachte ich. Aber ich kann das einfach nicht.

DamalsTM, 2010, stand mein erster Flug ins Ausland an. Dafür legte ich mir ein kleines Rollköfferchen zu. Kaufargumente waren ein supergünstiger Preis und die Tatsache, dass das Köfferchen mit 55x40x20 Zentimetern Größe exakt die Maße des erlaubten Handgepäck bei Billigfliegern hatte. Was mir erst nach dem Kauf bewusst wurde: Natürlich nimmt die ganze Mechanik für den ausziehbaren Griff und die Rollen Platz weg, und zwar nicht wenig. Aber nun, wenn man auf Reisen geht, braucht man ein Rollköfferchen. Dachte ich zumindest.

Cabin Max

Bis mich Kalesco 2014 eines Besseren belehrte, und mich auf den Cabin Max aufmerksam machte. Das ist ein 600 Gramm leichter Rucksack aus dünnem Nylon, der ebenfalls Billigfliegermaße besitzt, durch seine Bauweise und das fehlen jeglicher Verstärkungen aber das maximale Transportvolumen komplett ausschöpft. Über 40 Liter passen in den Sack.

Ja, der ist personalisiert. Statt dem Cabin Max-Logo ist ein anderes aufgenäht. Ich finde es spannend zu beobachten, welcher der Mitreisenden den kleinen Nerd-Gag erkennt.

Der Cabin Max ist absolut spartanisch, und deswegen so leicht. Es gibt nahezu keine Aufteilung im Inneren, und auch die Gurte sind in Sachen Komfort weit von denen echter Wanderrucksäcke entfernt. Nachteil der Leichtbauweise ist natürlich, dass er sich labberig und nicht besonders fest anfühlt. Dabei ist das Material fest und gut verarbeitet, und auch nach sechs Jahren im Einsatz geht nicht mal eine Naht auf. Aber der Cabin Max ist als Handgepäck konzipiert. Als solches ist er spitze, aber Aufgeben möchte man so ein Gepäckstück nicht, dazu fühlt es sich zu labil an. Außerdem lassen sich die Tragegurte nicht abnehmen, was beim Ver- und Entladen am Flughafen bestimmt ein Problem ist.

Der Cabin Max hat mich lange Zeit sehr glücklich gemacht. Seitdem ich ihn habe, wurde das kleine Rollköfferchen von 2010 nie wieder benutzt. (Letztes Jahr wollte ich es mal wieder benutzen, aber mittlerweile waren die Weichmacher darin ausgehärtet. Es stank erbärmlich Chemie und die Innenwand zerbröselte bei Berührung wie Zartbitterschokolade. Gestern wurde es entsorgt.)

Was ich am meisten mag: Bislang habe ich den Cabin Max wirklich immer als Handgepäck genutzt, d.h. ich verlor nie Zeit mit dem Einchecken und Wiedereinsammeln von Gepäck, und verloren gehen konnte er so auch nicht. Ein Dutzend Flug- und Bahnreisen hat er ohne den kleinsten Schaden überstanden. Ich packe mittlerweile sehr leicht, und für eine Sommerreise passen in den Cabin Max problemlos Klamotten und Elektronikgeraffel für bis zu 10 Tage UND der kleine Daypackrucksack noch oben drauf.

Die im Herbst anstehende Reise geht aber satte drei Wochen und in ein Land, aus dem ich vielleicht auch das ein oder andere Souvenir mitbringen möchte. Eine willkommene Ausrede, um mir mal neues Reisegepäck zuzulegen.

Osprey Sojourn 60

Schon seit Ewigkeiten liebäugelte ich mit einem „Sojourn“. Das ist ein Gepäckstück von Osprey.

Das Format gleicht einem Duffelbag, mit rund 65 Zentimetern Höhe und 30-35 Zentimetern in Breite und Tiefe. Wie eine normale Tasche hat der Sojourn drei Griffe, einen oben, einen an der Seite und einen an der Unterseite. Die Griffe sind gut gepolstert.

Wie ein Rollkoffer hat das Ding aber auch einen Teleskopgriff und zwei großen Gummirädern.


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Kategorien: review | 6 Kommentare

Das eigene Facebook-Werbeprofil bearbeiten

Facebook sammelt Daten, und daraus erstellt es ein Profil. Werbetreibende können dann anhand dieses Profil auswählen, ob sie mich umwerben wollen.

Das Profil kann man zum Teil selbst einsehen. Es hört auf den schönen Namen „Deine Werbepräferenzen“. Darin: Informationen, an denen man von Werbetreibenden ausgewählt werden kann (Beziehungsstatus, Arbeitgeber, Ausbildung, …), aber auch Interessen, die Facebook meint erkannt zu haben. Dazu gehören Dinge, die man mal geliked hat oder Themen, zu denen man in Gruppen ist, aber auch Promis, denen man folgt.

In meinem Fall finden sich fast 200 „Interessen“ im Profil, und das, obwohl ich Facebook kaum nutze. Anhand der Absurdität mancher Interessen vermute ich, das Facebook Daten zukauft und einen Lernalgorithmus einsetzt, der hochgeladene Bilder auswertet. Dadurch kommen seltsame Datenpunkte zusammen, nach denen ich mich angeblich für schwangere Frauen, Microsoft Word die 60er Jahre, Molkereien und Kassel interessiere. Ausgerechnet Kassel!

Man kann sogar Werbethemen verbergen. Aber auch hier ist die Auswahlmöglichkeit bestenfalls absurd. Neben Werbung für Alkohol kann ich bei mir nur die Themen „Kindererziehung“ und „Haustiere“ ausblenden. WTF?

Wer sein eigenes Werbeprofil mal prüfen möchte und sehen will, das Facebook denkt, welche Interessen man so hat: Hier ist es.

https://t.co/uShNcGPYO2

P.S.: Woran erkennt man, das einer der Entwickler der Seite von südlich des Weißwurstäquators kommt?:

Kategorien: Service | Ein Kommentar

10 Jahre rauchfrei

Heute vor zehn Jahren rauchte ich meine letzte Zigarette. Das es meine letzte Kippe sein würde, wusste ich in dem Moment aber nicht. Ich hatte nicht vor aufzuhören. Klar, irgendwann – wie jeder Raucher – aber noch nicht heute.

Dann sah ich das Video „Nichtraucher in 5 Stunden“. In dem sehr unaufgeregt die Funktionsweise der Nikotinsucht erklärt wird. Nach dem Video dachte ich mir: Ach, guck an. So geht das also, deshalb rauche ich. Na, wenn das SO funktioniert, dann ist mir jetzt klar warum ich wie fühle. Und Zack, ab dem Abend am 02. Juni 2009 habe ich nie wieder geraucht.

Quasi die Mechanismen der Sucht verstanden und ihr einen Stock zwischen die Speichen gesteckt, und von Jetzt auf Gleich war es vorbei.

In den ersten Tagen war ich mir noch unsicher. Wenn ich gefragt wurde, ob ich nicht mehr rauche, dann habe ich immer gesagt „Nein, HEUTE rauche ich mal nicht“.

HEUTE war überschaubar. Das setzte mich selbst nicht so unter Druck. Immerhin hatte ich – wie lange? Dreizehn Jahre? Mit zunehmender Intensität geraucht. Zuletzt hielt ein Päckchen Tabak nur noch zwei Tage, was 30 bis 35 Zigaretten pro Tag entspricht. Außerdem rauchte meinte Freundin und auch praktisch jeder meiner Arbeitskollegen. Wenn ich stolz verkündete jetzt nie wieder zu rauchen, wäre Häme im Fall eines Rückfalls sicher. Nein, so hoch wollte ich das Ziel gar nicht hängen. Aber nur HEUTE nicht zu rauchen, das würde ich hinbekommen.

Klar gab es am Anfang Japp auf eine Zigarette. Besonders in Situationen, die mit einer Kippe fest im Hirn verdrahtet waren – Kaffeetrinken, zum Beispiel. Zum Kaffee gehörte die Zigarette. Aber da ich verstanden hatte, dass diese Verdrahtung sich auch wieder lösen ließ, setzte ich mental den Seitenschneider an.

Geholfen haben mir Apps, die ganz simpel mitzählen wie lange ich nicht mehr rauchte, wieviele Zigaretten ich nicht geraucht habe und wieviel Geld ich dadurch gespart habe. Da guckte ich zwischendurch immer wieder drauf. Es machte mich stolz, schon so weit gekommen zu sein, und zugleich machte es mir bewusst, dass die Uhr wieder bei Null anfangen würde, würde ich rückfällig.

Eine der Apps läuft heute noch. Laut der habe ich rund 127.000 Zigaretten nicht geraucht und damit den Gegenwert eines Kleinwagens für 20.000 Euro gespart – mit 2009er Zigarettenpreisen, wohlgemerkt. Bis das Risiko für Lungenkrebs wieder auf dem Niveau ist, als hätte ich nie geraucht, wird es aber nochmal 10 Jahre dauern.

Rückfällig wurde ich nie. Nicht mal in Versuchung kam ich. Denn von vornherein war klar, dass ich wirklich nie wieder eine Zigarette würde anfassen dürfen. Auch nicht „mal eine auf ner Party“ oder so. Als ich aufhörte, hatte ich schon Schmerzen in der Brust und chronischen Husten und eine Mordsangst, schon bleibende Schäden zu haben. Hatte ich zum Glück nicht.

Dafür war ich genauso dankbar wie für die neugewonnene Lebensqualität. Mein Geruchssinn kam zurück, ich hatte mehr Energie, dafür keine Krämpfe mehr in den Füßen. Zugenommen habe ich übrigens nicht.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine regelrechte Sorge, doch versehentlich wieder zu rauchen. Noch Jahre später träumte ich davon, dass mich jemand ansprach nach dem Motto „Ich dachte, Du rauchst nicht mehr?“ und ich guckte dann irritiert und sagte „Tue ich doch auch nicht“ – und in dem Moment sah ich die Zigarette in meiner Hand und wusste, ich war rückfällig geworden. Aber das blieben immer wirre Albträume.

Vor 10 Jahren wurde noch überall geraucht, selbst in der Bahn und in Restaurants. Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Möchte man aber auch nicht. Unmittelbar nach mir haben erst Freundin, dann fast das ganze Kollegium aufgehört zu rauchen. Es musste nur erstmal jemand ausprobieren und vormachen.

Gut, das die Raucherzeiten vorbei sind.

Kategorien: Meta | 10 Kommentare

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