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Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Wie ich Reisen plane (2): En Detail

Im ersten Teil habe ich beschrieben, woher die Idee zu einer Reise kommt und wie daraus im besten Fall von ganz allein eine (Motorrad-)Tour wird. Am Ende dieser ersten Phase steht dann die ungefähre Strecke und die Ziele, die ich besuchen möchte. Jetzt beginnt die eigentliche Planungsarbeit.

Eines vorab: Vermutlich wir es den einen oder die andere beim Lesen gleich gruseln. Ich lege meine Fahrten im Vorfeld nämlich sehr genau fest. Wenn das Motorrad aus der Garage rollt, die Bahn anfährt oder der Flieger abhebt, dann weiß ich schon ganz genau, wann ich wo an jedem Tag in den nächsten Wochen sein werde. Unterkünfte suche ich mir nicht unterwegs, die buche ich vorher, genauso wie Fahrkarten für Fähren oder Tickets für spezielle Orte.

Wer jetzt denkt „ABeR dAS geHT docH nIChT! WaS iSt mIt FREiheIT???„, dem sei gesagt: Die Vorplanung nimmt mir keine Freiheit. Ganz im Gegenteil, sie gibt mir Sicherheit und hilft mir dadurch erst so richtig, die Fahrt auch zu genießen. Ich habe immer ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann – auch wenn die Fahrt den ganzen Tag über vielleicht nicht so toll ist, sie ist leichter zu ertragen wenn ich weiß: Am Abend wartet ein schönes Zimmer, eine heiße Dusche und ein gutes Essen auf mich. Wenn ich nicht weiß wo ich am Abend übernachten kann, werde ich irgendwann nervös und DAS nimmt mir dann den Spaß.

Dazu kommt der Zeitfaktor. Ich habe Urlaub, da will ich nicht den halben Tag mit so etwas Unnötigem wie der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten oder Parkplätzen verbringen. Ich reise, um möglichst viel zu sehen und zu lernen. Darum laufe ich auch gerne in Museen oder klettere auf Dinge oder in Höhlen herum. Sowas buche ich auch gerne vorher. Ich habe schon halbe Tage in Warteschlangen gespart, weil ich Dank Vorbuchung und „Skip the Line“ einfach sofort Zugang bekommen habe, und manche Orte – wie die Totenstadt unter dem Vatikan – sind ohne Voranmeldung gar nicht zugänglich.

Wer jetzt denkt: „aBEr dIE gANze aRBeiT!!“, dem sei versichert: Reiseplanung ist für mich keine Arbeit. Ich kann so logistische und organisatorische Sachen praktisch aus dem Ärmel schütteln und habe sogar noch Spaß dabei. Die Planung einer Tour IST schon ein Teil des Urlaubs.

Ganz wichtig: Das Ganze funktioniert natürlich nur in organisierten Regionen der Welt. Würde ich mit dem Mopped durch Südostasien oder Afrika fahren, würde ich da GANZ anders rangehen. Was ich hier beschreibe ist mein typischer Jahresurlaub in Europa, und der ist halt sehr begrenzt und ich versuche das Maximum rauszuholen – durch gute Vorbereitung, und letztlich auch durch die Nachbereitung im Reisetagebuch. Ich mache eine Reise also drei mal, die Vorplanung ist das erste Mal.

Bei Dir ist das anders? Du willst Dich nicht festlegen? Dann ist das Okay! Wenn Du es magst, einfach los zu fahren, dich dorthin treiben zu lassen wohin die Straße oder das Wetter dich führen und Du spontan nach einer Unterkunft suchen möchtest, dann mach das so! Dann ist das genau Dein Ding und kein Stück schlechter oder besser als meine Art zu verreisen.

Was ich hier beschreibe ist ja lediglich das, womit ich mich wohl fühle. Die relativ feste Vorplanung nimmt mir weder Freiheit noch Flexibilität und schränkt mich auch nicht ein.

Etappenplanung

Nach der Zen-Phase steht die ungefähre Gesamtstrecke fest, und die muss nun in einzelnen Etappen aufgeteilt werden. Dazu sitze ich am Desktop-PC. Auf einem Bildschirm habe ich Google Maps offen, auf dem anderen eine Exceltabelle.

Was ich nun mache ist folgendes: Ich kenne meinen Startort und ich weiß, was für Ziele ich am Wegesrand sehen möchte. Ich überlege mir nun, wie lange ich an einer Sehenswürdigkeit verbringen möchte, rechne zusätzlich eine Stunde für Tank- und Fotostopps und gucke dann auf Google Maps, wie weit ich an dem Tag wohl auf der vorab grob ausgeguckten Route komme. Meist plane ich so, dass ich zwischen 16 und 18 Uhr aus dem Sattel steigen kann.

Also als Beispiel: Ich starte morgens um 08:00 Uhr in Sölden, plane 1 Stunde für den Besuch des Gipfelmuseums am Timmelsjoch, 1 Stunde für Tanken und Fotos, dann bleiben noch 6 bis 8 Stunden Fahrtzeit übrig. Damit komme ich bis in die apuanischen Alpen, wenn ich Mautstraßen vermeide, oder bis in die Toskana, wenn ich die mautpflichtige Autobahn nehme.

Dann gucke ich mir auf Google Maps eine möglichst schöne Strecke aus. Dafür lasse ich erstmal Google einen Vorschlag machen, dann gucke ich selbst, ob es parallel dazu eine interessantere Straße gibt. Das mache ich tatsächlich per Hand, diese optimierten Algorithmen a la Calimoto & Co sorgen doch nur dafür, dass alle immer auf den gleichen Routen rumeiern. Mit manuellen links und rechts Zerren der Route in Google Maps findet sich meist was kleineres, kurvigeres. Noch mal schnell mit Streetview nachgucken ob es kein Feldweg ist (was schon mal schief geht), dann trage ich die Werte in die Exceltabelle ein.

Die Tabelle ist ein zentrales Planungstool und enthält pro Reisetag eine Zeile, die aufgeteilt ist in die Spalten

  • Laufende Nummer (1 bis irgendwas)
  • Arbeitstag (1/0, Montag bis Freitag sind eine 1, Wochenende und Feiertage eine 0, daraus addiert sich wieviele Urlaubstage ich nehmen muss)
  • Wochentag (Montag bis Sonntag)
  • Datum
  • Startort (von wo starte ich morgens)
  • Zielort (Wo komme ich abends an)
  • Via (was will ich mir unterwegs ansehen? Sehenswürdigkeiten, etc)
  • Kilometer Ohne Maut (Schnellste Route ohne Mautstraßen, auch mal ohne Autobahnen)
  • Zeit ohne Maut
  • Kilometer mit Maut (Schnellste Route mit Mautstraßen)
  • Zeit mit Maut
  • Unterbringung (Name und Anschrift der Unterbringung)
  • Preis (Was kostet die Unterbringung)
  • bezahlt („Ja“ falls vorab bezahlt, „Karte“ wenn normale Bezahlung vor Ort, „Nur Bar“ wenn schon klar ist, dass das mit Karte nichts wird)
  • Storno (gibt es eine Stornofrist bei der Unterbringung und falls ja bis wann)
  • Frühstück (Im Preis enthalten oder nicht)
  • Anreise (bis wann muss ich an der Unterkunft sein)

Die Tabelle taugt auch für Bahnreisen, gemacht ist sie aber für Individualmobilität. Dafür macht so ein paar Sachen automatisch und rechnet in bunten Kästchen die Anzahl der Reisetage, der zu nehmenden Urlaubstage, die Gesamtzahl an Kilometern und vermutlichen Spritkosten sowie Gesamtkosten für Unterbringungen aus.

Da lässt sich dann schön sehen wie teuer Individualreisen als Single sind. Rechnet man zu den Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Benzin noch die Wartungskosten für das Motorrad hinzu, kostet so ein dreiwöchiger Moppedurlaub plötzlich dreitausend Euro. Aber das leiste ich mir halt, dafür gehe ich im normalen Leben selten Essen und fahre ein zwanzig Jahre altes Auto.

 

Unterkünfte buchen

Wenn grob feststeht in welcher Gegend ich am Ende des Tages rauskomme, schaue ich nach Unterkünften. Was ich dafür NIE nutze ist AirBNB. Das finde ich verachtenswert, weil es gerade an beliebten Reisezielen den Wohnungsmarkt zerstört. In Venedig, bspw. hat AirBNB dafür gesorgt, dass in der Altstadt kaum noch jemand fest wohnt. Sowas unterstütze ich nicht.

Was ich gerne verwende sind Spezialsuchmaschinen, die es in manchen Ländern gibt. In Frankreich  zum Beispiel Verzeichnisse von Bauernhöfen mit Übernachtungsmöglichkeiten, in Deutschland findet man günstige Unterkünfte über Suchmaschinen für Monteurszimmer und in Italien gibt es sowas wie BB30.it, wo Bed&Breakfasts z.B. auf Bauernhöfen für unter 30 Euro/Nacht angeboten werden.

Hauptsächlich benutze ich aber booking.com. Das ist auch ein fantastisches Tool, wenn man weiß, wie man es nutzen muss. Medienkompetenz ist hier ganz wichtig. Mann muss sich z.B. darüber im Klaren sein, dass die Bewertungsskala von Booking zwar offiziell von 1 bis 10 geht, in der Praxis aber nur von 6,7 bis 10, und alles unter 7,6 völlig inakzeptabel ist. Selbst abgeranzte Hütten in denen Kakerlaken an den Wänden krabbeln und der Regen durch das Dach auf schimmelige Bettwäsche tropft haben immer noch einen Score von sechskommairgendwas.

Außerdem muss man Rezensionen zu lesen wissen. Deutsche beschweren sich im Ausland IMMER über das Frühstück und die Sanitärinstallation und ziehen dafür mindestens zwei Punkte ab. Engländer schreiben stets vernichtende Kritiken wenn kein Wasserkocher im Zimmer ist. Chinesen sind nie mit irgendwas zufrieden und finden alles eine Unverschämtheit, für Amerikaner war immer alles „Amazing“. Solche Rezensionen kann man einfach ignorieren.

Wenn man sie zu nutzen weiß, sind die Filter bei Booking eine gute Hilfe. Jeder hat eine andere Art damit umzugehen. Modnerd z.B. mag gediegene und neue Hotels und filtert alles weg, was einen Score unter 9,5 hat.

Ich suche immer erst nach möglichst günstigem Preis und dann gezielt nach Rezensionen in der Landessprache. Wo Einheimische hinfahren und es gut finden, kann es nicht verkehrt sein. Auch Unterbringungen die viele Monteure beherbergen nehme ich gerne. Monteure fallen abends müde ins Bett und machen keine Party, also muss es still sein. Und damit Monteure es irgendwo gut finden, muss es entweder sehr günstig sein und/oder gut und reichlich zu essen geben.

So schaue ich nach einem günstigen Preis, einen Score nicht unter 8 und nach guten Rezensionen in Landessprache. Meist lande ich dann bei familiengeführten B&Bs, Pensionen, Gasthäusern oder sehr kleinen Hotels. Besonders liebe ich Gasthöfe, da gibt es immer ein gutes Essen und gute Betten für wenig Geld.

Wenn ich etwas gutes gefunden habe, gucke ich mir Lage und Gebäude auf Google Maps an, wo vorhanden auch mit Streetview. Gibt es einen ebenen Parkplatz für das Motorrad, möglichst am Gebäude? Liegt die Unterkunft ruhig? Hier fliegen etliche wieder raus, denn ich mag nicht an einer Bergstraße parken oder an einer Bahnlinie übernachten.

Außerdem gucke ich in diesem Arbeitsschritt auf Google Maps, wo GENAU eine Unterbringung liegt und kopiere ihre Koordinaten. Das ist wichtig, denn manchmal stimmen Koordinaten in Booking nicht, Adressen führen zu ganz anderen Orten usw. Bei besonders schweren Fällen gucke ich auf Streetview sogar nach Wegweisern und bei welchem Feldweg ich abbiegen muss um zum Haus zu kommen. Klingt doof, aber wer einmal in Italien in einer „Conrada“- oder „Frazione“ Adresse stand, weiß, was ich meine. Die Begriffe bezeichnen im schlimmsten Fall Quadratkilometer an Wiesen und Wäldern, und eine Adresse „Contrada 14“ bedeutet nur „irgendwo dahinten in diesem Tal“.

Wenn alles stimmt und wenn es sich um Hotels und nicht Pensionen oder sowas handelt, buche ich nun über Booking. Gerade kleine Hotels haben manchmal schon gar keinen Buchungsprozess mehr neben Booking und neigen dazu, Reservierungen über andere Medien zu verbaseln oder nicht ernst zu nehmen.

Handelt es sich aber um Gasthöfe oder B&Bs, schaue ich, ob die eine eigene Seite  zum Buchen haben – immerhin wollen die Buchungsportale ordentlich Provision haben, Booking.com dem Vernehmen nach zwischen 18 Prozent und 25 Prozent. Die gönne ich im Zweifel eher den Gastgebern, auch wenn ich das Zimmer dadurch nicht günstiger bekomme. Das spielt für mich nämlich keine Rolle, denn wie gesagt: Ich suche billige Unterkünfte, und bei einem Zimmerpreis von 25 bis 40 Euro/Nacht käme ich mir schäbig vor, da auch noch feilschen. Das kann dann nur nach hinten losgehen, schlimmstenfalls bekommt man zähneknirschend einen niedrigeren Preis, aber dafür das Zimmer, das neben der Abluftanlage der Fischküche liegt.

Bei Unterbringungen die ich schon kenne, maile ich einfach direkt.

Es gibt auch Regionen, in denen Booking kaum etwas hat, es aber dennoch viele Gastzimmer gibt. Hier hilft dann wieder das grandiose Google Maps. Oft sind darauf Gasthöfe verzeichnet, die Booking nicht kennt. Oder es gibt Streetview, und wenn das nicht all zu alt ist, dann kann man damit virtuell durch Orte fahren und aus der Egoperspektive schauen wo Unterbringungen sind.

Routen

Wenn die Tagesetappen und ihre Endziele stehen, geht es an die Einzelroutenplanung. Anna ist ja ein Garmin Zumo, aber die zugehörige Planungssoftware „Basecamp“ ist eine Unverschämtheit und kaum brauchbar.

Lange Jahre habe ich dann Tyre2Travel genutzt und hatte dafür sogar lebenslange Lizenzen, aber leider wurde Tyre eingestellt, weil ein Teil der Macher mit „MyRoute App“ die große Kohle machen wollten. MRA funktionierte auch so halbwegs. Besonders nett war, dass man sich die Unterschiede zwischen der Berechnung von TomTom, Garmin und Google anzeigen lassen konnte.

Aber mittlerweile ist die Unterstützung für Google Maps gestrichen, und damit ist das für mich witzlos. Der jetzt genutzte Open-Streetmaps-Datensatz hat leider wenig POI-Infos und eine erratische Routenberechnung, und der im Gold-Status enthaltene „HERE“-Kartensatz hat für manche Länder schlicht überhaupt keine Daten. Allen Ernstes: In Tokyo gibt es laut HERE nur drei Straßen:

Zum Glück hat der alte Entwickler von Tyre sich das MRA-Elend auch nicht mehr angucken können, trennte sich von seinem Partner und macht jetzt wieder ein neues Tyre, dieses Mal mit dem schönen Titel Tyre2Navigate.

Dort erstelle ich auf einer Google-Map meine Route, in dem ich den Startpunkt am Morgen und das Ziel am Abend fixiere und dazwischen die Points of Interest eintrage. Dann gucke ich manuell nach möglichst schönen Straßen. Was schön ist, hängt davon ab, worauf ich Lust habe. Kurvig ist natürlich gut, manchmal will ich aber auch Schotter fahren oder eine bestimmte Aussicht mitnehmen. Diese Strecken markiere ich mittels Navigationspunkten, damit Anna nicht zwischen zwei Zielen groben Unfug treibt, und speichere das als Tagesroute ab. Das ist nämlich das coole an Tyre: Es macht, dass Google Maps mit dem Navigationsgerät redet.

Wichtig: Ich speichere die Strecke nicht als Track, sondern wirklich die einzelnen Navigationspunkte. Zwischen denen kann Anna immer noch frei rechnen und so z.B. Verkehrsstörungen umfahren. Sollte ich mal spontan keine Lust auf ein Ziel haben, die Zeit knapp werden oder das Wetter nicht mitspielen, lassen sich auch einzelne Punkte überspringen.

Ich halte mich nämlich tatsächlich auch nicht sklavisch an meine Streckenplanung. Die ist ein Kann, kein Muss. Wenn ich auf etwas an einem Tag keine Lust habe, mache ich es nicht. Dann fahre ich direkt zum Tagesziel und lege mich da halt ins Bett, wenn mir danach ist.

Ebenfalls nicht ganz unwichtig: Wann immer es sich anbietet baue ich Schleifen ein, die ich im Notfall abkürzen kann. Das gilt auch für die Gesamtreise. Sollte ich wirklich mal zwei, drei Tage mit Magenverstimmung oder einer Panne irgendwo liegen bleiben, fällt im besten Fall nur eine Schleife weg, aber die verlorene Zeit lässt sich streckentechnisch aufholen und die Reise sich mit den danach geplanten Unterkünften und POIs fortsetzen.

Da ich Tyre auf dem Reise-Netbook habe und die Routen in meiner Cloud, kann das Navi sogar kaputt gehen, ich hätte ein Backup dabei.

Buchungen

Ich mag es interessante Museen, Aquarien, Orte zum Draufklettern, Dinge zum Reinklettern, Theater und Musikevents zu besuchen. Wann immer möglich buche ich die vorab, genau wie Tickets für Flugzeuge oder Fähren.

Bei besonders nachgefragten Sachen buche ich neun bis zwölf Monate im voraus. Ja, damit lege ich mich fest – aber das ist Okay, denn ich MÖCHTE ja unbedingt dieses eine Dinge besuchen oder dieses Reisegefährt nehmen. Dafür gibt es Frühbucherrabat, Skip The Line oder die besten Plätze im Haus.

Um die besten Plätze zu finden gibt es für manche Orten Spezialseiten. In London kann man z.B. über Seatplan.com jeden Sitzplan jedes Theaters aufrufen und sich anhand von Rezensionen oder Fotos, die exakt von diesem Platz aus aufgenommen wurden, ein Bild von der Sicht auf die Bühne machen.

Für Züge in Europa gibt es das auch. Unter seat61.com gibt es außerdem tonnenweise Infos zu Bahnhöfen und Bahnstrecken.

Ansonsten nutze ich grundsätzlich die eigenen Buchungsseiten der jeweiligen Reiseziele, keine Reseller oder Buchungsortale.

Eine Ausnahme war bislang die Mitwagenbuchung. Hier war „Cardelmar“ das Maß der Dinge. Die kleine, quietschbunte Seite kannte niemand, dabei war sie völlig großartig. Darüber konnte man weltweit Restkapazitäten von kleinen und großen Mietwagenanbietern zu Niedrigpreisen und inkl. Vollkasko OHNE SELBSTBETEILIGUNG für nen Appel und nen Ei anmieten. Leider hat CarDelMar im Februar 2021 dicht gemacht.

Was sich da als Nachfolger anbietet weiß ich noch nicht, aber das ist wirklich der einzige Punkt abseits von Unterbringungen, wo ich ein Portal hinzuziehe.

Tagesheft

Parallel zur Planungstabelle ist ein Textdokument entstanden. Das werde ich später ausgedruckt als DIN A5-Heftchen im Topcase oder im Rucksack haben. Da stehen für jeden Tag einzeln drauf wie lange ich insgesamt und zwischen Einzeletappen unterwegs sein werde, was ich mir ansehen will, ggf. Öffnungszeiten und wann ich am Abend wo sein muss. Damit kann ich jederzeit nachschlagen was als nächstes ansteht und habe die gerade benötigten Unterlagen griffbereit.

Außerdem klemmen in dem Heftchen alle Fahrkarten, Reservierungsbelege und Eintrittskarten, die ich vorher gebucht habe, in chronologischer Ordnung. Damit habe ich immer das zur Hand, was ich als nächstes brauche. Manchmal wird der Stapel recht dick:

Eine letzte Sache noch:

Sprache

Reservierungsbelege, auch die von Booking, habe ich immer ausgedruckt und in Landessprache dabei. Das hat schon viele Male Diskussionen abgekürzt und Unklarheiten vermieden.

Was außerdem immer einen guten Eindruck macht: Wenn man ein paar Worte in Landessprache spricht. Viel braucht man als Tourist meist gar nicht. Anrede, Begrüßung nach Tageszeit, „Ich habe eine Reservierung“, „Haben Sie WLAN“ und „Wann gibt es Frühstück“ reichen meist völlig. Natürlich sollte man die Antworten auch verstehen.

Wenn mich etwas wirklich interessiert, mache ich vorher an der Volkshochschule einen Sprachkurs mit. Bildung ist eine tolle Sache, und auch wenn man – wie ich – kein Talent für Sprachen hat, kann es sehr von Vorteil sein, neben Englisch und Französisch oder Spanisch auch ein ein paar Brocken Türkisch zu sprechen oder Griechisch lesen zu können.

Für den Fall das alle Stricke reißen, habe ich noch ein Wörterbuch ohne Worte dabei, aber das ist dann schon wieder das Kapitel „was ich auf Reisen dabei habe“. Das war es mit der Reisevorbereitung an dieser Stelle. Reicht ja auch.

Wie gesagt, dass ist nur meine Art mich vorzubereiten.

Wie macht ihr das? Ähnlich? Oder einfach losfahren und gucken was kommt?

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Corona-Tagebuch (26): IKEA vs. Resignation

Weltweit: 111.415.030 Infektionen, 2.467.200 Todesfälle
Deutschland: 2.396.050 Infektionen, ???? Todesfälle

Tag 347 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Lage der Dinge

Einzelhandel und Gastronomie geschlossen, Schulen geschlossen, Büros und Lebensmittelhandel geöffnet. Anscheinend leiden gerade viele darunter, dass die Friseur:innen geschlossen haben. Spontaner Gedanke: Kann es sein, dass es auch deshalb so vielen Menschen in der Pandemie schlecht geht, weil sie sich über Außendarstellung definieren und ihnen die Bestätigung von anderen extrem fehlt?

Home Improvement

Sperrmüll! Überall, an jeder Straßenecke und im Wochentakt: Überall steht Sperrmüll! Anscheinend nutzen viele die Pandemie für Home Improvement und misten gnadenlos aus und stellen sich neuen Krempel in die Bude. Dazu passt, dass IKEAS angesagtes „Kallax“-Regal bundesweit ausverkauft ist. Lediglich in Leipzig und in Dortmund, sagt ein Bekannter, ist es noch zu haben, ansonsten: Die Regale mit dem zukünftigen Sperrmüll sind leergefegt.

Ich nehme mich davon nicht aus. Zwar kann ich Ikea-Gelumpe bis auf IVAR nicht leiden, aber die Woche Urlaub habe auch ich zum Entrümpeln und Verschönern genutzt. Alte Bücher weg, verranzte Möbel aufbereitet.

Resignation

Die Impfstoffe sind da, es gibt nur nicht genug. In den Meiden wird jeden Tag höchst erregt durchgekaut, wer nun wieviel von was verkehrt bestellt hat, ob der Impfstoff einer Firma besser ist als der andere und und und. Mir ist das mittlerweile alles egal, ich verfolge das gar nicht mehr. Ich sitze nur noch meine Zeit bis zur Impfung ab und versuche mich bis dahin nirgendwo anzustecken. Meine Impfung wird irgendwann im Herbst erfolgen. Dann werde ich eineinhalb Jahre zu Hause gesessen haben. Und ich werde nicht einen Moment Langeweile gehabt haben.

Die dritte Welle

1918 kam die dritte Welle der Pandemie im Ende März Anfang April, und auch bei uns läuft die sich schon warm. Die mutierten Versionen des Corona-Virus aus Sudafrika und Großbritannien sind wesentlich ansteckender als die herkömmliche Variante, d.h. bei unveränderten Lockdownmaßnahmen steigen die Fallzahlen. Trotzdem öffnen gerade wieder die Schulen. Das passt ins Bild: Die Politik reagiert zunehmend erratisch. Von Agieren wollen wir gar nicht sprechen, das hat schon im Herbst nicht geklappt.

Die zweite Welle kam mit Macht, es gab keine Pläne dagegen und bis heute sind weder ausreichend Masken noch Schnelltests vorhanden. Warum das so ist? Das erklärt Wirtschaftsminister Altmeier im Internview mit der Zeit so:

Mit anderen Worten: Wenn jemand tatsächlich mal einen Plan machen würde, könnte das Menschen beunruhigen und vielleicht findet den nicht jeder gut.

Na, dann kann man wohl nichts machen. Nicht mal als Regierung eines der reichsten Länder der Welt.
Erbärmlich.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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Reisetagebuch Motorradherbst (9): Markig

Kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit unspektakulärem Rumgedödel durch die Marken, einem unbefriedigendem Besuch bei Ela und einem Hundertjährigen, der die Faust schüttelte und verschwand.

Donnerstag, 01. Oktober 2020, La Fenice, Marken

Das „La Fenice“, der Gasthof von Marco und Grazia, hat einen gemütlichen Frühstücksraum, in dessen einer Ecke ein kleines Buffett aufgebaut ist.

Marco Merli, der Besitzer von La Fenice, trägt bereits eine OP-Maske. „Ich muss Dich jetzt bedienen“, sagt er, und das macht er dann auch. Es ist sehr seltsam, Dinge zu sagen wie „Bring mir bitte noch ein einen Glas Wasser und ein Stück Apfelkuchen und ein Schälchen Obstsalat“ und der große, vierschrötige Mann in Jeans und Motorradjacke bringt mir dann ein Tellchern mit diesem und jenem wie ein Butler. Aber nun, Corona halt. Marco muss tatsächlich so einige Male laufen, denn die Kuchen, die Grazia gebacken hat, sind einfach irre gut, und ich muss von allen probieren.

Nach dem Frühstück steige ich auf´s Motorrad und steuere durch die Berge der Marken. Kürbisse liegen am Straßenrand aufgestapelt, und auch an den Bäumen ist zu sehen, dass es langsam Herbst wird.

Die Berge sind mit Wäldern bedeckt, das hügelige Vorland mit Feldern. Auf einer Wiese steht die Skulptur eines galoppierenden Pferds, das mit einem Kind auf dem Rücken über eine Weltkugel springt. Eine Tafel am Wegesrand gibt Auskunft darüber, dass die Skupltur den Namen „Der Gedanke ist schneller als das Handeln“ („Il pensiero è più veloce dell´azione“) trägt und von Gianni Calcagnini ist.

Langsam dödelt die Barocca durch die Marken und über schlechte Straßen bis nach Norden, bis in den Ort Gambettola.


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Wie ich Reisen plane (1): Touren-Zen

Nach dem Post zu „Wie ich auf reisen blogge“ kamen Nachfragen, wie ich denn eigentlich Touren zusammenstelle, Unterkünfte finde oder generell an die Planung ran gehe. Daher hier nun Teil 2 der „Wie ich…“-Reihe: Wie kommt es überhaupt zu einer Reise? Wie finde ich Ziele, wie entsteht eine Motorradtour? Die Kurzantwort: Gar nicht. Nicht ich finde eine Tour, die Tour findet mich.

Am Anfang: Eine plötzliche Idee

Eine Reise beginnt sehr häufig mit einem unvermittelten Gedanken oder einem Bild, das aus dem Nichts auftaucht.

Ich möchte an meinem 40. Geburtstag am Leuchtturm von Genua stehen und im Sonnenuntergang über das Meer schauen.

Eine Frau die auf den Stufen von St. Pauls Tauben füttert.

Regen auf dem Kopfsteinpflaster von Montmartre.

Ein Reisemotorrad brummt über die Tremola.

Eine andere Möglichkeit: Manchmal finde ich auf Google Maps einen Ort oder eine Straße oder einen Berg der mich interessiert. So habe ich die wie die Hochebene in den Abruzzen entdeckt und die Brücke von Millau.

Egal wo die Inspiration auch herkommt, sie findet mich und ist die Saat einer Reiseidee. Nennen wir die Idee der Einfachheit halber mal das „Kernziel“, weil es zum Kern oder zum Mittelpunkt einer Reise werden kann.

Nun fange ich an über dieses Kernziel im Netz zu lesen und es mir auf Google Maps und Streetview genauer anzusehen. Überhaupt: Google Maps. Das mächtigste Internettool, das jemals erfunden wurde. Nutze ich praktisch jeden Tag, und zur Reisevor- und Nachbereitung ist es das wichtigste Instrument. Ansonsten verwende ich in dieser Phase ganz simpel Youtube und Wikipedia und lese über den Leuchtturm in Genua oder gucke Videos über die Brücke in Frankreich.

Der Leuchtturm von Genua steht heute mitten in einem Containerterminal. Verrät einem auch niemand.

Wie und wann?

Habe ich einen Eindruck vom Kernziel bekommen, überlege ich, welche Kategorie von Reise wohl am ehesten in Frage kommt. Mit dem Motorrad hinfahren? Oder bietet sich die Bahn an, weil das Ziel in einer Stadt liegt und da das eigene Fahrzeug nur Stress bedeutet? Oder muss das Flugzeug genommen werden, weil das Ziel sonst zu weit weg oder gar nicht erreichbar ist?

Wann bietet sich ein Besuch an? Städtebesuche, gerade in touristisch überlaufenen Städten, lassen sich gut im Februar machen, weil dann wenig los ist. Touren mit dem Motorrad gerne im Sommer, aber nicht zur Hauptferienzeit im Juli und August. Und eine Herbsttour Mitte/Ende September oder Anfang Oktober ist auch was nettes, weil die Saison kurz vor dem Ende ist. Zumindest in der europäischen Region, auf der Südhalbkugel oder in Asien sieht das ggf. anders aus. Manchmal spielt auch das Klima vor Ort eine Rolle. Japan im Sommer ist unerträglich, aber im November perfekt. Norwegen im Sommer ist super, im Herbst friert man sich da schon wieder die Griffel ab.

Recherche von Region oder Land

Wenn klar ist, mit welchem Transportmittel ich zu, Kernziel kommen kann und welche Jahreszeit sich anbietet, fange ich an das Umfeld zu erkunden und zu überlegen, wie eine passende Reise aussehen kann. Ich will ja nicht direkt zum Ziel fahren, sondern unterwegs noch weitere interessante Dinge angucken. Leuchtturm in Genua ist toll, aber da will man nicht eine Woche rumhocken. Den Leuchtturmbesuch aber zum Höhepunkt einer Bahnreise durch vier italienische Städte zu machen, das ist genau mein Ding.

Das Kernziel ist also wirklich nur der Nukleus, um den herum nun eine Reise zu wachsen beginnt. Dazu begucke ich als erstes das Umfeld, also die Stadt oder die Region oder das Land oder, bei langen Touren, mehrere Länder an. Ich arbeite mich regelrecht ein, in verschiedenen Stufen und mit unterschiedlichen Quellen und Hilfsmitteln.

Erste Stufe ist, wie so oft, das Netz. Reiseblogs geben nach wie vor eine gute Übersicht, hier habe ich aber keine allgemeinen Empfehlungen. Es gibt aber für nahezu jedes Land ein Spezialblog, betrieben von Enthusiast:innen – als Beispiel sei hier Wanderweib Tessa mit ihrem fantastischen Japanblog genannt.

Diese Perlen sind nicht einfach zu finden, aber es gibt sie.

In der zweiten Stufe suche ich in analogen Medien nach Inspiration und Orten, die sich auf einer Tour besuchen lassen. Mittel der Wahl sind Reisezeitschriften und klassische Reiseführer. Merian- oder Dumont-Hefte oder Sonderausgaben von Geo bestelle ich mir gebraucht im Netz zusammen. Mit ihren großformatigen Bilderstrecken sind das gute Ideengeber für weitere Orte, die sich vielleicht besuchen lassen.

Gute Reiseführer sind teuer, aber das Schöne ist: Man muss die ja nicht neu kaufen. Die meisten Reiseführer bestehen zu einem großen Teil aus Empfehlungen für Essen und Übernachtungen und müssen deswegen alle paar Jahre in einer neuen Auflage erscheinen.

Da ich mich genau für diese beiden Dinge aber null interessiere, kaufe ich meist oder Rest- und Mängelexemplare der alten Auflagen für kleines Geld, oder greife gleich auf Gebrauchtes zurück. Die Infos zu Kunst und Kultur veralten nicht so schnell – was 2017 über eine 1.000 Jahre alte Kirche geschrieben wurde, stimmt 2021 sicher immer noch. Ausnahmen gibt es natürlich immer (ÄhemHagia SophiaÄhem).

Habe ich noch so gar keine Vorstellung von einem Land, nehme ich die „Vis-A-Vis“-Bücher aus dem Dorling-Kindersley-Verlag.

Die haben großformatige Fotos und Zeichnungen und sind perfekt zum Durchblättern, da bleibt dann das Auge an dem ein oder anderen hängen.

Die Vis-A-Vis sind die grobe Kelle der Reiseführer, genauso wie die kleinen Reiseführer von Marco Polo. Beide bedienen den Pauschaltouristengeschmack, bieten aber einen guten Einstieg.

Expertiger und damit auf Stufe drei sind dann die Reiseführer aus dem Michael-Müller-Verlag. Das sind wirklich sehr, sehr gute Bücher, zumindest so lange es um Ziele in Europa geht, und da liegt der Schwerpunkt des Verlags auf Südeuropa.

Ich habe mittlerweile einen veritablen Regalmeter von denen, so gut sind die. Es gibt große Landkarten zum Herausnehmen, für Städte findet man Straßenkarten im Inneren. In manchen Regionen gibt es für jeden kleinen Ort einen Eintrag, man kann die also mit auf Reisen nehmen und dort wo man gerade ist nachschlagen was man anschauen kann. Die Dinger sind allerdings schwer, bis zu 900 Gramm bringt ein dicker Müller auf die Waage. Immerhin, so langsam veröffentlicht der Verlag auch eReader-Ausgaben und bastelt an einer App.

Die Informationen darin sind dröge präsentiert, aber sehr exakt, detailreich, strukturiert aufgearbeitet und von Autor:innen vor Ort zusammengestellt.

Noch spezialisierter sind die „Blue Guide“-Bücher, die es nur auf Englisch gibt. Die listen alle Kulturstätten einer Region auf und haben zu jedem Wasndgemälde in einer Kirche und jedem Exponat in einem Museum etwas zu sagen, verfasst von Kunsthistorikern. Aber das ist selbst mir too much, damit beschäftige ich mich in der Rente.

Points of Interest

Anhand der Reiseführer bekomme ich eine Gefühl für ein Land und finde meist weitere Orte, die sich als Zwischenstationen für eine Fahrt eignen. Allerdings springen mir die Bücher meist nicht ausgerechnet mit genau den Sehenswürdigkeiten ins Gesicht, die mich speziell interessieren. Und manchmal verschweigen sie einem vor lauter Detailgehuddel auch DAS Must-See einer Region. Ich bin da mittlerweile gnadenlos. Wenn es irgendwo ein Ding gibt was sich ALLE angucken, mache ich das auch, wenn es nicht gänzlich uninteressant ist. Und sei es nur, dass ich bei, Schauen eines Bond-Films freudig denke „DA war ich auch schon!“

Früher habe ich es abgelehnt, mir beliebte Sehenswürdigkeiten anzusehen. Das war, mit Verlaub, ganz schön blöde von mir. Ich habe mir allen Ernstes die Weltausstellung in Hannover oder den Besuch des Eiffelturm vorenthalten, einfach weil die jeder besucht hat und ich ja nicht das machen wollte was alle tun. Boykott als Zeichen des Revoluzzertums ist aber letztlich Selbstbeschiss mit falscher Attitüde.

Um mir einen ersten Überblick über die Sehenswürdigkeiten zu verschaffen, gucke ich meist ein Mal in das wirklich schön gemachte Buch „1000 Things to see before you die“, befinde dann, dass das alles Unsinn ist und gehe auf Tripadvisor – allerdings nur mit der nötigen Distanz, der Großteil der Empfehlungen und Reviews dort bewegen sich auf dem Niveau von Amazon-Rezensionen. Aber die Medienkompetenz, die unsinnigen oder für einen selbst unwichtigen Rezensionen aus solchen Plattformen rauszufiltern, die muss man schon mitbringen.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich skurrile Reiseziele mag. Auch dafür gibt es eine Empfehlungsseite, und die ist mir sogar die wichtigste: Der Atlas Obscura listet ungewöhnliche, abseitige und manchmal sogar etwas gruselige Ziele auf. Von besonderen Höhlen über Kultstätten und Nekropolen bis hin zu Lost Places findet sich hier alles mögliche. Besonders hilfreich ist die, leider umständlich zu bedienende, Weltkarte.

Mittlerweile enthält der Atlas Obscura nicht mehr nur Lost Places und Dinge mit Knochen drin, sondern auch Perlen wie versteckte Universitätssammlungen, Ausstellungen und Streetart. Sogar für Göttingen gibt es Einträge!

Viel von dem Kram, was mir in dieser Phase beim Stöbern im Atlas Obscura auffällt, findet sich später auch hier im Reisetagebuch wieder.

Was ich übrigens nie nutze sind Sammlungen wie Wikitravel oder Portale wie Expedia, da schreiben nur Nörgelrentner und besorgte Väter, deren Auffassungen von guten oder interessanten Reisezielen und Unterbringungen nicht zu meinen passen.

Tourenplanungs-Zen

Alles was ich auf TripAdvisor, auf Google Maps, im Atlas Obscura und in den Reisebüchern entdecke, trage ich in Landkarten ein. Zum einen in eine Google Map, wo wirklich erst einmal alles reinfliegt was auch nur entfernt interessant sein kann. Das sieht dann schon mal so aus:

Oder, bei Städtetouren, so:

Bei Städtereisen ist dann die Hauptarbeit schon erledigt, meist lassen sich die Point-of-Interests in Cluster zusammenfassen und jeder Cluster wird ein Reisetag und fertig.

Bei anderen Reisen ist das schwieriger, gerade wenn die potentiellen Ziele über ein ganzes Land verteilt sind. Da muss dann eine clevere Streckenplanung her, und die Google Map enthält dann so viele Punkte, das ich gar nicht weiß, wie ich die verbinden kann. Darüber mache ich mir auch bewusst keine Gedanken, daran lasse ich mein Unterbewusstsein arbeiten, über Wochen, und das geht so:

Meine Wohnung ist ziemlich seltsam geschnitten und hat mehrere, lange Gänge. Also, nicht nur so unspektakuläre Flure, sondern wirklich lange Gänge, und die sind vollgehängt mir Landkarten. An die Stelle, wo ich am Häufigsten vorbeilaufe, hänge ich mir eine klassische Landkarte des Reiselands, der Region oder der Stadt auf, wo ich hin will. Am Besten eine physikalische Karte, auf der man auch die Berge sieht, bevorzugt in A1 und laminiert.

An den Karten laufe ich dann jeden Tag vorbei und stehe immer wieder davor, oft mit der Zahnbürste im Mund, und gucke mir an was wo liegt. Mein Geografieunterricht in der Schule beschränkte sich auf die Höhenstufen des Kilimandscharo, was mich ohne Kenntnis und Orientierung in Bezug auf die Welt im allgemeinen und die Länder Europas im Speziellen zurückgelassen hat.

Durch das dauernde Glotzen auf Landkarten bekomme ich zumindest einen groben Sinn dafür, was wo liegt. Woah, Birmingham ist aber groß! Ach gucke an, DA liegt Manchester! Ach, wer hätte gedacht, dass es in Wales Berge gibt? oder auch „SO GROß ist Kasachstan?“, „Ach DA ist das Kattegatt“ oder „Öh, Syrien ist ja gar nicht SO weit weg“.

Außerdem mag ich Landkarten und Stadtpläne. Von Reisen bringe ich oft Nachdrucke von historischen Stadtplänen oder Spezialkarten mit, die dann als Schmuck in den Kartengängen oder sonst wo in meiner Wohnung hängen, und auch die prägen sich irgendwann ein.

Wenn man mich mitten in der Nacht aufweckt und fragt wo das Bethnal Green in London oder das 7. Arondissement in Paris oder die Piazza di Popolo in Rom ist, dann kann ich das ohne nachzudenken auf dem Stadtplan zeigen. Ich kenne diese Städte auswendig, einfach weil ich da seit Jahren im Vorbeigehen draufgucke.

Selbst in der Motorradgarage hängt ein laminierter A0-Nachdruck einer Vintage-Weltkarte. Mittlerweile habe ich ein ordentliches Archiv von Karten, die man nicht einfach im Internet bestellen kann, sondern die vor Ort gekauft werden müssen Das Blogwiesel und seine Kumpelinen passen darauf auf.

Zurück zu den Karten im Kartenflur: Darauf markiere ich dann mit Klebezetteln oder non-permanent-Marker alles, von dem ich den Eindruck habe „Das MUSS Ich sehen“. Dann laufe ich noch ein paar Dutzend Mal dran vorbei, stehe noch etwas länger mit der Zahnbürste davor und habe keinen blassen Schimmer wie ich all diese Punkte unter einen Hut bekommen kann.

Bis ich dann, irgendwann, aus heiterem Himmel und meist mitten in der Nacht, plötzlich genau weiß wie die Tour verlaufen muss. Dann werde ich ganz aufgeregt, greife mir den Filzstift und male die Tour direkt in die Karte und VOILÁ, da ist die Fahrstrecke. So und nicht anders muss die aussehen.

Meistens sind nicht wirklich alle potenziellen Ziele abgedeckt, die ich im Vorfeld gefunden habe. Aber mein Unterbewusstsein hatte lange genug Zeit um sich damit zu beschäftigen und zu sortieren, was mir wichtig ist und was nicht. Das klappt hervorragend. Bewusst kann ich manchmal gar keine Präferenz treffen, aber wenn dann Ziele aus der Reiseplanung rausfliegen denke ich mir meist „meh, wollte ich sowieso nicht so gerne hin“.

Mit dieser Zen-Methode kommt also die ungefähre Reisestrecke zusammen. Bislang war alles emotionsgetriebenes Rumgewurschtel, jetzt kommt die Arbeit, jetzt geht es zurück an den Computer.

Was genau, das beschreibe ich in Teil 3 von „Wie ich…“

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Reisetagebuch Motorradherbst (8): Asche und Phönix

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit einem kauzigen Gast, unangenehmen Entdeckungen und deutlich überschrittender Geschwindigkeit.

Mittwoch, 30. September 2020, La vecchia Fontana, Roccafinadamo
Zwei kleine Hunde liegen in der Morgensonne vor der Vecchia Fontana, als ich die Koffer zum Motorrad trage. „Wo habt ihr denn Jack gelassen?“, frage ich, bekomme aber keine sinnvolle Antwort. Die beiden tanzen mir um die Beine und freuen sich so ausgelassen, wie das nur Hunde tun, die ein gutes Leben haben.

Neugierig schnüffeln sie an der Motorradkombi herum, die ich bereits trage. Das war die letzte Nacht auf „La Vecchia Fontana“, heute geht es weiter. Schade, an die Einsamkeit des Bergbauernhofs und Signora Annas Kochkünste könnte ich mich gewöhnen.

Die Koffer sind schon am Motorrad befestigt. Als ich die Gaststube betrete, sitzt an einem der Tische ein hagerer Mann und mustert mich mit großen Augen.

Mauro hatte gestern Abend erwähnt, dass sich noch spontan über Booking.com ein Gast angekündigt hat. Der muss dann aber erst sehr spät angekommen sein. Kein Wunder, der Hof hier ist schwer zu finden, erst recht im Dunkeln.

Der Mann ist vielleicht Mitte 60 und so dürr, dass sein Kopf zu groß für den Körper wirkt. Das graue Haar ist von den Seiten quer über kahlen Kopf gekämmt, wogegen es sich heftig wehrt und zerzauselt in alle Richtungen absteht. Der Mann trägt einen roten Pullunder, der seltsamerweise farblich gut zu seinem Gesicht passt und eine Nickelbrille, durch die er auf eine Art schaut, die ihn gleichzeitig erschrocken und zum Einschlafen gelangweilt wirken lassen.

„Giorno!“, ruft Signora Anna, als sie durch die Schwingtür zur Küche kracht, in einer Hand ein abgedecktes Körbchen, in der anderen eine Kaffeekanne. Sie stellt beides auf einen Tisch und verschwindet wieder.

Ich nehme Platz und untersuche den Inhalt des Körbchens. Die Inspektion fördert ein warmes Croissant zu Tage. Ich nehme meine FFP2-Maske ab und konzentriere mich darauf, einen Löffel von dem guten Honig-Apfelgelee aus dem Glas zu dem zerteilten Cornetto zu balancieren.

Das dürre Männlein starrt mich an uns sagt: „Jaa, Maske bringt nichts, muss man eh absetzen, sonst kann man nicht essen“. Meine Laune fällt schlagartig unter den Gefrierpunkt. Von fremden Leuten vor dem ersten Caffé angelabert werden ist schon schlimm genug, aber von einem Maskenverweigerer? Womit habe ich denn das verdient? Und was ist denn das überhaupt die Argumentation? „Jaja, Maske bringt nichts, weil sie den Weg zur Futterluke versperrt“, und das ist seine Entschuldigung warum er gleich überhaupt keine dabei hat, oder was?

Ich habe sowas von keinen Bock auf ein Gespräch. „Hm.“, mache ich und versuche dabei FrauZimt zu imitieren, die die Kunst beherrscht, ein simples „Hm“ in einem so herablassenden Tonfall von sich zu geben, dass es beim Gegenüber ankommt als „Alles was Du sagst ist uninteressant und irrelevant und Du hast Glück, wenn ich Dir für die Unverschämtheit mich angesprochen zu haben nicht den Kopf abreiße.“ .

„Aaah“, sagt das Männlein und glotzt mich unverfroren weiter an. „Sie verstehen mich. Mir wurde schon gesagt, dass ich heute Morgen Deutsch sprechen könnte“, sagt er so langsam, als ob er beim Sprechen gleich einschläft.

„HM.“, versuche ich es noch einmal. Aber meine Zimtpower ist nicht stark genug oder der Typ ist merkbefreit oder beides.

„Ich…“, sagt das Männlein langsam und beginnt in seiner Jackentasche zu wühlen. Als er gefunden hat was er sucht, hält er mir einen Reisepass hin. Sollen das jetzt? „…habe zu Hause ja nur Deutsch gesprochen. Aber im Kindergarten musste ich dann italienisch lernen.“ Ach Gotte, auf dem Reisepass ist ein Österreichischer Bundesadler. Aber italienisch im Kindergarten? Er kommt also gebürtig aus Südtirol.

„Zu Hause immer Deutsch, aber dann im Kindergarten…“, hebt das Männlein wieder an. „Sie kommen aus Südtirol“, kürze ich ab. „Ja genau… darauf wollte ich hinaus…“, sagt das Männlein und wirkt leicht beleidigt, als hätte ich ihm die Pointe zu einem spitzenmäßigen Witz geklaut. Ich habe heute Morgen aber echt keine Geduld für jemanden der meint, mir seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen, nur um auszudrücken, dass er Deutsch und Italienisch beherrscht.

Ich esse schweigend weiter. Anna werkelt in der Küche, im Gastraum hängt eine aggressive Stille.

Der Mann glotzt eine zeitlang Löcher in die Luft, dann legt er sich die Fingerspitzen beider Hände auf´s Gesicht und tastet darin herum. Dann schaut er herüber, um zu sehen ob ich das bemerkt habe und mich jetzt wundere, was er da macht. Ich tue ihm aber nicht den Gefallen zu fragen, also kommt er von sich aus damit raus.

„Ich war auf dem Monte Vettorio“, sagt er und macht eine Pause, als ob er jetzt Applaus erwartet oder eine Nachfrage, was das wohl ist. Oder wo der ist. Der Monte Vettorio nämlich nicht hier in der Nähe. Aber auch diesen Gefallen tue ich ihm nicht. Ich WEISS wo dieser Berg ist, und wer da hochmarschiert ist selbst schuld.

„Da lag schon Schnee. Ich bin das gar nicht gewohnt. Nie habe ich in der Höhe Probleme, aber die Sonne hat geschienen und dann der Schnee und dann hat es länger gedauert als gedacht. Der Weg ist ja ganz schön…“

„Sie sind auf einen schneebedeckten Zweieinhalbtausender gewandert und haben die Sonnencreme vergessen?“, kürze ich das Ganze ab. „Die brauche ich sonst nie“, verteidigt sich das Männlein schwach, seufzt resigniert und befühlt weiter sein sonnenverbranntes Gesicht.

„Aber das ist eh nicht mein Jahr. Ich bin ja mit dem Auto da draußen gekommen“, sagt er und deutet durchs Fenster. Draußen steht ein Fiat Doblo Maxi, ein kleiner Transporter, ähnlich einem VW Caddy.

„Da habe ich mir eine Matratze reingelegt und jetzt kann ich da auch drin schlafen wenn ich mag!“, sagt der Mann stolz. „Und ich hatte Photovoltaik auf´s Dach gemacht.“ Ich gucke nochmal raus, aber der Doblo hat keine Solarzellen auf dem Dach, nur seltsam verbogen aussehende Halterungen über der A-Säule. „Naja, jedenfalls, jetzt kann ich nicht mehr darin schlafen, weil hinten drin die ganze Photovoltaik liegt.“

Das Männlein erzählt seine Geschichten wirklich so unfassbar langsam, dass für mich ein Ratespiel daraus wird… was ist wohl passiert? Schaffe ich es zu erraten worauf er hinauswill, bevor er mit seiner Geschichte am Ende ist?

„Ist abgefallen?“, rate ich etwas vorschnell.
„Als ich auf die Autobahn gefahren bin“, sagt das Männlein fröhlich, „Da hat sich alles hochgewölbt und dann ist es weggeflogen“.
„Argh, watten schiet“, sage ich und lege die Serviette weg, „OK, muss los“.
„Wo geht´s hin?“, fragt das Männlein.
„Marken“, sage ich, „über Castelluccio“.

„Aber da komme ich ja…“, hebt der Mann an.
„…gerade her, ich weiß“, sage ich.

Der Monte Vettorio ist nämlich der Hausberg von Castelluccio, einem winzigen Bergdorf in den sibellinischen Bergen. Auf dem Weg zum Monte Vettorio liegt der „Pilatus-See“, an dem angeblich Pontius Pilatus nach seiner Flucht gestorben sein soll.

Ach, Castelluccio. Habe ich schöne Erinnerungen dran. Ich habe da oben in einem kleinen Gasthof mal drei Tage lang ein episches Wetter ausgesessen. Das war gemütlich, trotz Magenverstimmung.

Ich lege meine FFP-Maske wieder an, stehe auf und gehe Richtung Küche. Das hagere Männlein guckt mir verwundert durch seine Nickelbrille nach und sagt dann: „Aber da steht doch nun wirklich gar nichts mehr!“

Ich erstarre in der Bewegung und drehe mich wieder zu ihm um. „Was?!“

„Ja, da steht nichts mehr. Ein Haus am anderen, alles kaputt. Kannst durch die Mauern bis ins Kaschtel gucken (gemeint ist ein Schrank, Anm. S.), da ist Geschirr und alles noch drin, aber darf halt keiner mehr rein in das Haus und es rausholen, weil alles jederzeit einstürzen kann. Beim Erdbeben vernichtet, das auch L´Aquila zerstört hat“.

Ok, jetzt weiß ich, dass er Unfug erzählt. „Bei allem Respekt, aber L´Aquila war 2009, und ich war zuletzt 2016 in Casteluccio, da stand noch alles“, herrsche ich ihn an. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf springt eine kleine Erinnerung auf und ab und will Aufmerksamkeit, weil sie meint, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu der Story des Österreichers zu passen.

Sie hat sogar recht, sofort nachdem ich ihr Beachtung geschenkt habe, dämmert es mir – der Österreicher hat L´Aquila mit Amatrice verwechselt, und DAS Erdbeben war im Januar 2017 und hat in der Region gigantische Schäden angerichtet. Aber Castelluccio? Das liegt doch so weit oben und außerdem hätte ich das doch bestimmt mitbekommen!

„Ich muss weg“, sage ich. Der Mann tippt gerade quälend langsam „E-R-D-B-E-B-E-N L-A-Q-U-I-L-A“ in sein Smartphone ein.

Ich stecke den Kopf durch die Schwingtür zur Küche. „Signora Anna?“

Anna legt einen Lappen zur Seite und fragt „Willst Du schon los?“
„Ich muss. Ich hoffe, dass ich nicht wieder sieben Jahre brauche, um das nächste Mal hier her zu kommen. Für eine Rückkehr gibt es so viele Gründe, das Haus, das tolle Essen…“
„Und die Freunde!“, sagt Anna und strahlt, „Du hast jetzt hier Freunde! Vergiss das nicht! Das ist der beste Grund um wieder zu kommen!“
Umarmung muss ausfallen wegen Corona, also nicke ich einfach und gehe.

Im Rausgehen höre ich das Männlein rufen „Ich habe es gefunden! Es war 2017!“ Ich beschleunige meine Schritte. Jetzt habe ich es eilig. Castelluccio zerstört? Das KANN doch nicht sein.

Ich springe in den Sattel und steuere die V-Strom über den Sandweg und die kaputte Bröckelstecke den Berg hinauf. Auf der Straße gebe ihr die Sporen und heize durch die Berge Richtung Teramo. Es ist ein schöner Morgen, aber ich nehme mir nicht viel Zeit um die Schönheit der Abruzzen zu bewundern.


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Winter 2020/21

Böse Zungen behaupten: Immer wenn der Silencer Urlaub hat, schaltet das Wetter spontan auf Sintflut um. Tatsächlich bieten mir Einwohner:innen der Stadt Passau mittlerweile sogar geldwerte Leistungen an, damit ich ihre Stadt nicht mehr besuche – die können sich halt so eine Nummer wie 2013 nicht dauernd leisten.

Nun habe ich gerade eine Woche Resturlaub, und was soll ich sagen… wenn meine natürliche Fähigkeit als Urlaubsregenschamane auf arktische Kaltluft trifft, dann ergibt das:

Winter! Schnee! Kälte!

Das war in meiner Kindheit die Regel. Ich kann mich sogar dran erinnern, wie ich an meinem elften Geburtstag, der auch so Mitte Februar liegt, durch hohen Schnee vom Elternhaus auf dem Berg ins Dorf hinab stapfen musste um Filme zurück in die Videothek zu bringen und mir der Schnee bis zu den Oberschenkeln reichte.

Aber das war damalsTM, und richtig echten Winter hatten wir in unserer Region seit ziemlich genau 10 Jahren nicht mehr.

Aber jetzt ging es am Samstag, pünktlich am ersten Urlaubstag, los.

In der ersten Nacht dachte ich noch, dass das nicht liegen bleiben würde und machte einen Spaziergang durch den Schneesturm und über die umliegenden Berge.

Tatsächlich hörte es aber nicht mehr auf zu schneien. Von Samstag bis Dienstag schneite es praktisch durchgehend, und die Temperaturen fielen binnen kurzer Zeit in zweistellige Minusbereiche. Das ergibt in Kombination einen sehr feinen und leichte Pulverschnee. Im Zusammenspiel mit starkem Wind und Sturmböen, wie am Sonntag, kam es dann zu Schneeverwehungen. Das sieht nett aus, wenn man im Warmen sitzt und aus dem Fenster guckt. Auf dem Dorf haben einige Leute noch Alternativen zum Auto.

Mittlerweile sind hier durchgehend 50, stellenweise bis zu 80 cm Schnee gefallen, die Temperaturen liegen nachts bei minus 18 Grad Celsius. Immerhin ist jetzt allen wieder bewusst geworden, warum die Häuser hier in der Region klassischerweise Spitzdächer haben – auch den Zugezogenen aus der Siedlung, die ihre Ecke vom Dorf mit Designerhäusern mit fancy Flachdächern oder mediterranen Zeltdächern vollgestellt haben.

Die Schneemengen sorgen auch dafür, dass die Straßen praktisch dicht sind. Links und rechts türmen sich hohe Schneewälle, weswegen es keine Parkplätze gibt, die Fahrbahnen sind von Schnee bedeckt, der so fest ist, dass er nicht mehr geräumt werden kann, und bei so tiefen Temperaturen wirkt auch kein Streusalz mehr.

Nun hatte ich mir eh vorgenommen mich im Urlaub mehr zu bewegen, und Schneeschippen ist ein ziemlich gutes Workout. Um zumindest die Einfahrten hier am Haus frei zu bekommen, habe ich allein gestern vier Stunden Schnee geschaufelt, bis die Haufen über zwei Meter hoch waren. Hat sich gelohnt, aber meine dünnen Pandemieärmchen haben jetzt einen ordentlichen Muskelkater.

Immerhin bin ich der Held bei den Nachbarinnen, weil sie wieder an ihre Autos kommen. Und noch mehr, weil ich helfen konnte sie anzuschieben, denn unter der Schneeschicht, die alle Straßen bedeckt, ist Eis. Wenn man sowas noch nie er-fahren hat, dann drehen die Reifen schneller durch als man gucken kann.

Ich bin im Harzvorland groß geworden und kenne die ganzen Tricks um bei Schnee und Eis Berge hoch- und runter zu kommen. Ich bin auch heil froh, dass ich dem Kleinen Gelben AutoTM doch noch noch einmal die besten Winterreifen spendiert habe. Heck, ich habe sogar Schneeketten für den Wagen. Aber ich fahre jetzt einfach mal nicht. Denn was nützt es, wenn ich zwar auf Schnee und Eis fahren kann, alle anderen aber nicht? Nüscht, wie der Berliner sagt, und ein Blick in die Unfallmeldungen bestätigt das.

Noch lässt es sich vermeiden das ich raus muss, denn Coronabedingt habe ich einige Vorräte zu Hause. Die wurden mit dem Ziel angelegt, nur ungefähr alle drei bis vier Wochen ein Mal einkaufen fahren zu müssen. Doof nur, dass ausgerechnet in der vierten Woche, in der wieder mal ein Einkauf angestanden hätte, diese Schneepracht hier losgegangen ist.

Aber egal, sitze ich halt hier eingeschneit auf dem Dorf und ernähre mich von Sternchennudelsuppe und Reis und den Äpfeln, die im Keller eingelagert sind. Immerhin lässt sich schön spazieren gehen und die Galloways auf der Weide um die Ecke besuchen.

Ich habe also überhaupt keinen Grund mich zu beklagen, außer vielleicht, dass ich mir das Konzept „Urlaub zu Hause“ ungefähr so vorgestellt habe:

  • Bis in die Puppen „Yakuza 7“ oder „Cyberpunk 77“ spielen
  • Bis Mittags schlafen
  • Dann Mittagsschlaf halten
  • Den Taschen-Bildband über Hieronymus Bosch durcharbeiten
  • Reiseführer wälzen
  • Reisetagebuch weiterschreiben
  • Viel Spazieren gehen
  • Bisschen mit der Drone fliegen
  • Bücherregale entrümpeln und Garage aufräumen
  • Endlich die anderen Festplatten in den Rechner einbauen
  • Mal gucken ob sich auf dem Core2Duo Macbook Pro von 2006 wohl ein Linux anstelle von Snow Leopard installieren lässt
  • Abhängen

Tatsächlich sieht Urlaub zu Hause aber so aus:

  • 06:45 Uhr aufstehen und Schnee schippen
  • Nebenbei die festgefahrenen Autos der Nachbarn freischieben
  • Bei der verbimmelten Nachbarin, die seit Wochen nicht da ist, nachfragen ob ihre Heizung auch im Wintermodus läuft
  • Erfahren, das selbige schon seit einem Monat kaputt ist (die Heizung, nicht die verbimmelte Nachbarin)
  • Um 07:00 Uhr auf den Handwerker warten, der die Heizung bei der verbimmelten Nachbarin repariert
  • Dem Handwerker einen Föhn leihen, damit er das Türschloss seines Werkstattwagens auftauen kann
  • Schnee von den Balkonen und Schuppen schippen, bevor die zusammenbrechen
  • Die Krankenschwesterhausbewohnerin trösten, weil Schnee so furchtbar ist, dafür Käsekuchen bekommen (immerhin!)
  • Dachdecker bestellen, weil bei Wasser durch die Decke der Dachgeschosswohnung tropft (vermutlich ist Pulverschnee in den Giebel geweht und schmilzt dort lustig vor sich hin)
  • Das Kleine Gelbe AutoTM ausgraben, feststellen das das Türschloss zwar auf-, aber nicht wieder zu geht und die Tür nicht mehr einrastet. Mit Föhn vor der Tür knien und komische Blicke der Wildschweinnachbarin ernten.
  • Parkplatz der schönen Nachbarin freischaufeln, dafür Dankbarkeit ernten
  • Mich an die Worte der alten Vermieter erinnern: „Bei starkem Frost frieren schon mal die Abwasserrohre ein“ und jetzt bei jeder Badbenutzung skeptisch gucken.
  • Bettzeug ins Wohnzimmer tragen und auf der Couch übernachten, denn im Schlafzimmer kommen die Temperaturen nicht mehr über 11 Grad
  • Festgestellt, dass selbst gekochte Eier ohne Schale mit einem lauten POFF explodieren, wenn man sie länger als 30 Sekunden in die Mikrowelle legt. Der Fallout ist so kleinteilig und klebrig, dass man die Mikrowelle danach wegwerfen möchte.

Mir ist ja ohnehin nie langweilig, aber man sieht: Im Moment ganz besonders nicht. Immerhin  ist Besserung in Sicht. Der strenge Frost mit zweistelligen Minusgraden und Schneefall wird noch die ganze Woche und das Wochenende anhalten, aber ab Montag aber wird es warm und sonnig.

Also genau dann, wenn mein Urlaub vorbei ist.

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Reisetagebuch Motorradherbst (7): Echos der Vergangenheit

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nur an ablegene Orte, am Besten ohne Menschen. Heute mit einer Spurensuche in der Vergangenheit und mit Kühen. VIELEN Kühen.

Dienstag, 29. September 2020, Bauernhof La Vecchia Fontana, Roccafinadamo

Signora Anna, die Besitzerin von La Vecchia Fontana, werkelt an den Tischen im Gastraum und erzählt dabei vor sich hin. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Zum einen, weil ich ihren abruzzesischen Dialekt nicht gut verstehe, zum anderen, weil ich gerade versuche einen Löffel Apfelgelee vom Glas zu einem recht mürben Keks zu balancieren ohne dabei Schweinerei anzurichten. Das ist viel schwieriger als es sich anhört. Vor Konzentration klemmt mir die Zungenspitze im Mundwinkel.

„Hm?, mache ich, ohne die Augen von der Wabbelmasse zu lassen, als ich meinen Namen höre. Die Signora spricht mich direkt und deutlich an und deutet dabei auf ein Bild an der Wand. „Ob Du was von der Tragödie mitbekommen hast, will ich wissen“, sagt sie.

Ich werfe einen flüchtigen Blick in die angezeigte Richtung. Das Bild ist eine Collage und zeigt ein großes Gebäude. Mit Weichzeichner ist das Portrait eines Mannes in seinen 50ern darübergelegt. Er lächelt mild in die Kamera. Daneben ist ein Hund eingefügt und in einem dieser typischen 3D-Fonts aus der Word-Billigkiste steht „Robertos Traum“ darunter.

„War dass das mit dem Hotel? 2017?“, frage ich. Großartig, jetzt habe ich es geschafft mir den Apfelgelee gleichzeitig an die Finger und in den Bart zu schmieren. Muss man auch erstmal hinkriegen.

Anna nickt. „Roberto del Rosso war der Besitzer. Wir kannten ihn gut, meine Nichte hat am Empfang gearbeitet. Sie hat überlebt, aber Roberto hatte nicht so viel Glück“. Anscheinend hat sich das Unglück wie ein kollektives Trauma bei den Leuten hier eingegraben, Mauro hat es gestern auch schon erwähnt.

Draußen scheint die Sonne, und der Berghang wirkt wieder so perfekt und grün, dass ich ganz genau hinhöre, ob nicht doch irgendwo die Startmelodie von Windows XP ertönt.

Anna, die Motorrad-KI, hat ebenfalls gute Laune. „Keine Verzögerungen auf Ihrer Route“, sagt sie. „Na, das is´ ja toll“, sage ich, während ich die V-Strom für einen Tagesauflug bepacke. Die Route, das ist heute nur ein kleiner Ausflug durch die Berge, würde mich wundern wenn Anna überhaupt Infos über diese Region hat. Aber vielleicht ist ihr einfach nach reden.

„Hit the Road, Jack“, rufe ich, aber Jack interessiert das nicht wirklich.

Die Barocca pflügt durch die schlammigen Passagen des kaputten Wegs, klettert dann das steile letzte Stück bis zur Straße hinauf und steuert dann Richtung Süden.

Über die kleinen Bergstraßen zu kurven macht einen diebischen Spaß, auch wenn die hier unheimlich schlecht sind. Egal. Der Ausblick entschädigt ohnehin für alles. Meist ist der Ausblick weit, über Felder und Berge. Und da wo er nicht weit ist, blickt man auf das Massiv des Gran Sasso, das schon mit Schnee bedeckt ist.

„Warnung“, sagt Anna und schreckt mich auf. Schnell checke ich die Reifendruckanzeige. Auf dem Display leuchtet das Hinterrad der V-Strom rot. Aber nicht weil der Luftdruck nicht stimmt, sondern weil die Verbindung zum Reifendrucksensor schon wieder weg ist. Ach je, wenn es weiter nichts ist. Ich habe sogar Ersatz für den dabei, aber ob ich Lust habe den zu montieren und dann den ganzen Firlefanz mit der Kalibration zu machen, das muss ich mir noch überlegen. Derweil genieße ich weiter den Ausblick und die Straße.

Eine halbe Stunde später signalisiert Anna, dass wir an einem besonderen Ort angekommen sind. Ich halte an und bugsiere die V-Strom an der Zufahrt zu einer Weide hinter die Leitplanke, dann hänge ich den Helm an den Lenker und inspiziere eine Einfahrt, die auf der anderen Straßenseite in den Wald hinab führt.


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Momentaufnahme: Januar 2021 (2/2)

Herr Silencer im Januar 2021, Part II

Dieses Mal mit heftigem Medienkonsum, daher die monatliche Rückschau in zwei Teilen. Teil 1 war vorgestern. Kleinen Retro-Anfall gehabt:

Sehen:


Eine Frage der Ehre [1992, BluRay]
Die US-Militärbasis Guantanamo in den 90er Jahren: Ein junger Marine wird von zwei Kameraden ermordet. Anscheinend wollten sie ihm eine Lektion in Sachen Kameradschaft erteilen – oder steckt doch mehr dahinter? Demi Moore ist junge Anwältin der Navy und würde der Sache gerne nachgehen, wird aber lediglich als Assistentin dem Frischling und Hotshot-Rechtsverdreher Tom Cruise zur Seite gestellt. Der noch nie einen Gerichtssaal von Innen gesehen, und trotzdem legen sich die beiden mit Jack Nicholson, Kevin Bacon und Kiefer Sutherland an.

Gerichtsdrama mit vorhersehbarem Plot, aber sehr gut gespielt. Demi Moore und Tom Cruise geben sich hier ausnahmsweise mal richtig Mühe, kommen aber nicht an die intensive Leistung von Kiefer Sutherland und Jack Nicholson dran. Ich glaube, die spielen da auch gar nicht, die SIND so. Und das ist schon beim Ansehen beängstigend.


The Joneses [2011, Prime]
Familie Jones zieht in ein neues Haus in einer reichen, amerikanischen Kleinstadt. Während Vater Jones (David Duchovny) viel Zeit auf dem Golfplatz verbringt, lässt sich Mutter Jones (Demi Moore) in Schönheitssalons verwöhnen, Tochter Jones (Amber Heard) tauscht an der Highschool Make-Up mit Klassenkameradinnen und Sohn Jones (Irgenwer) geht skaten und hängt mit Kumpels vor Spielekonsolen. Also alles normal? Nicht ganz. Denn die Joneses sind gar keine Familie, sondern zusammengecastete Schauspieler, die als Influencer Produkte bewerben.

Ein visionärer Film: 2011 gab es noch keine Influencer, heute sind selbst Influencerfamilien dank Instagram Realität. Das gab es vor 10 Jahren noch nicht, und daher ist die Idee, den David Duchovny als Fachverkäufer für Golfschläger, schnelle Autos und Rasenmäher und die Demi Moore als MILF einzusetzen, die bei Cocktailparties Werbung für Parfum, Tiefkühlkost und Reisebüros macht, spaßig anzusehen. Außerdem ergeben sich aus der Konstellation interessante Probleme, z.B. wenn die Tochter-Darstellerin, die auf ältere Männer steht, plötzlich an ihrem „Vater“ gefallen findet und versucht den zu verführen.

Nach hinten raus kippt der Film leider ein wenig. Er weiß zwar, was er aussagen möchte – das rein konsumgestützte Fassaden schlecht sind und die Leute unglücklich machen – kommt damit aber so abrupt um die Ecke und ist so wenig überzeugend gespielt, dass es unglaubwürdig und irgendwie drangestückelt wirkt. Hier hätte mehr Charakterentwicklung Not und eine längere Laufzeit als nur 90 Minuten gut getan. So bleibt der Film trotz seiner tollen Idee nur „nett“ und kurzweilig.


Der Junge muss an die frische Luft [Netflix]
Anfang der 70er: Die Familie des jungen Hans-Peter zieht vom Land in das Haus der Großeltern in Recklinghausen. Das Zusammenleben klappt nicht immer reibungslos, ist aber geprägt von großer Herzlichkeit und Wärme. Dann verliert sich Hans-Peters Mutter in Depressionen. Für den jungen wird das zu einem traumatischen Ereignis, und fortan wird er von seinen Großeltern aufgezogen.

Der Trailer nervt wie Sau, hat aber zum Glück mit dem Film wenig zu tun:

Wer sich jetzt fragt was Hape Kerkeling heute macht: Der hat sich nach fast 30 Jahren von seinem Partner getrennt und lebt in einer neuen Beziehung in Umbrien. Seine Showkarriere hat er 2014 für beendet erklärt. Aber zum Film:

Ich gucke keine Filme mit Kindern auf dem Filmposter. Kinder nerven, immer. Also, außer hier. Julius Weckauf sieht nicht nur aus Hape Kerkeling, er spielt auch brillant ohne dabei zu nerven.

Dabei hilft natürlich die Konstruktion des Films: Hape ist zwar der zentrale Charakter, aber bei Ereignissen ist er meist nur Zuschauer und nicht der Auslösende oder Handelnde. Das macht den Film angenehm subtil und umso wirkvoller, wenn man dabei zusieht, welche große Traurigkeit ein Mensch erleiden muss, um die Fähigkeit, andere aufzuheitern, zur Kunst zu entwickeln.

Umgehauen hat mich die Ausstattung. Ich bin in den Siebzigern geboren, und bei uns auf dem Dorf sah es in vielen Details EXAKT so aus wie im Film. Der verklinkerte Kaufmannsladen. Spargel aus der Dose. Wie klein Autos waren. Wie Küchen und Möbel aussahen. Beim Anschauen konnte ich praktisch wieder fühlen, wie sich die Polyesterkleider oder Flusenpullis der Tanten und Ommas anfühlten. Ich hätte es nicht gedacht, aber der Film ist ruhig und sensibel und bringt Erinnerungen zurück – Anschauempfehlung für ältere Semester! Gibt es gerade bei Netflix, war 2018 der erfolgreichste deutsche Film.


Tödliche Weihnachten [1996 BluRay]
Geena Davis hat ihr Gedächtnis verloren, Samuel L. Jackson hilft ihr beim Suchen. Was sie finden ist nicht unbedingt sympathisch.

Der Plot ist etwas komplexer als sonst bei Actionfilmen aus den 90ern üblich: Am Ende geht es hier um einen Geheimdienst, der einen Terroranschlag plant, um ein besseres Budget zu bekommen. Das wirkt als Auflösung unfreiwillig komisch, genau wie Geena Davis krasses Overacting. Ist aber egal, alle Beteiligten haben offensichtlich großen Spaß bei der Sache, weil sie genau wissen, in was für einem Quatschfilm sie hier mitspielen. Ich meine, allein dieses Gesicht von Samuel L. Jackson wenn Geena Davis ihn davon ablenkt, dass sie ihm gleich ein Pflaster abreißen wird, ist allein den Film schon wert:

Dazu kommen noch so feine Onliner wie „Soll ich mir die Pistole in die Hose stecken und mir die Eier wegschießen?“ – „Sind sie denn Scharfschütze??“. In der Summe: Netter Spaß mit ein paar Längen. Belanglose Actionunterhaltung, die man immer wieder mal schauen kann.


Tränen der Sonne [2003, BluRay]
Bruce Willis ist ein wortkarger, ultraharter Marine, Monica Bellucci eine Ärztin im Dschungel von Nigeria. Als ein Bürgerkrieg ausbricht und Gruppen von „ethnischen Säuberern“ massenmordend durch das Land zieht, soll der Willis die Monica da rausholen. Die will aber die Patienten ihres Urwaldkrankenhauses nicht im Stich lassen, und so macht sich eine Gruppe von 40 Personen auf die Flucht ins benachbarte Kamerun.

Der Legende nach lag Bruce Willis so viel an dem Stoff, das er den Film nicht nur produzierte, sondern dem Studio auch den Namen abkaufte, der eigentlich der Untertitel für „Stirb Langsam 4“ hätte sein sollen. Dieses Engagement in allen Ehren, ein wenig mehr Augenmerk auf´s Drehbuch wäre schon nett gewesen. So mäandert der Film orientierungslos durch die Gegen und weiß nicht, was er eigentlich will. Ethische Säuberungen dokumentiert er ultrabrutal und geht damit fast in Richtung Doku, irrwitzige Ballerei, Soldatenglorifizierung und unlogische Plotdevices stammen dagegen aus dem Actionfilmbaulasten.

Immerhin sind die Rollen von Bellucci und Willis perfekt für die beiden geeignet: Sie brauchen nur ausdruckslos in die Kamera gucken, Schauspielerei wird dankenswerterweise nicht verlangt. In der Summe leider kein guter oder auch nur anschauenswerter Film.


Striptease [1996, VoD]
Robert Patrik klaut Rollstühle von kleinen Kindern um sie weiter zu verhökern. Aus Protest dagegen und wegen irgendwas mit Sorgerecht strippt seine Ex-Frau Demi Moore, aber nur zu Musik von Annie Lennox. Dabei verliebt sich Burt Reynolds in sie und reibt sich mit Vaseline ein, währen Ving Rhames Joghurt rührt und Anwälten damit droht, ihre Möbel mit einem Akkuschrauber zu verkratzen. Zwischendurch hoppelt Pandora Peaks durch die Szenarie und am Ende fällt ein Berg Zucker vom Himmel und erschlägt die Bösen. Kein Witz.

„Striptease“ ist eine ganz seltene Kategorie Film: Triple-A-Trash! Ich stelle mir die Entstehung so vor: Ein sehr pubertierender 14jähriger hat sich ein Fantasie über Demi Moore aus der Feder geschüttelt. Zufällig ist sein Papa Milliardär und kann es sich leisten, die Wichsvorlage in einen Film zu verwandeln.

„Papa, kannst du der Demi Moore vorher noch die Titten machen lassen?“ – „OK, Sohn“. „Papaaaa, kann der T-1000 den Ex-Ehemann spielen?“ „Kein Problem, mein Sohn“. „Papaaaaaa, kann die Frau mit den größten Brüsten der Welt ab und an durch den Hintergrund hoppeln?“ „Aber sicher, Sohnemann!“ „Papaaaa, ich kann Burt Reynolds nicht leiden, kann der einen irren Perversen spielen der, der… Flusen aus dem Wäschetrockner schnüffelt?“ „Na aber sicher“

Irgendwie so muss das abgelaufen sein. Da fast ALLE Stars wissen, in was für einem Müll sie hier gegen ihre astronomische Gage mitspielen, gibt sich auch keiner wirklich Mühe. Alle machen einfach irgendeinen Quatsch und grimassieren sich die Seele aus dem Leib.

Außer Demi Moore, die hat anscheinend an anderes Drehbuch bekommen und nimmt den Blödsinn wirklich ernst. Nicht nur, dass die Figur der alleinerziehenden Mutter viel zu ernst für den ganzen anderen Unfug angelegt und gespielt ist, Moore hat sich vor dem Dreh auch Brustimplantate einsetzen lassen, die danach wieder entfernt wurden, ihren Körper in perfekte Form gebracht und richtig komplizierte Stripmoves gelernt. Die führt sie aber mit so großer Verbissenheit und roboterhafter Perfektion vor, dass das NIE, aber auch nicht im ANSATZ sexy ist. Für diesen Kram hat Moore die höchste Gage bekommen, die bis dahin jemals an eine Schauspielerin gezahlt wurde, dafür hat er ihre Karriere auf Talfahrt geschickt.

Der ganze Film ist hingestümperter Schwachsinn, und trotzdem ist es lustig ihn anzugucken. Weil er so absoluter Müll ist, weil er mit Stars gespickt ist die das alles gar nicht nötig hatten und weil es so erheiternd ist sich vorzustellen, wie ein 14jähriger Milliardärssohn sich seinen Traum einer nackigen Demi Moore erfüllt hat.


Ghost – Nachricht von Sam [1990, VoD]
Patrick Swayze ist ein hackedummer Banker. Als er stirbt, ist er sogar zu doof den Weg ins Jenseits zu finden. Stattdessen spukt er lieber um seine Verlobte Demi Moore herum und geht dem Medium Whoopie Goldberg auf die Nüsse.

Ach Gott, was hat mich der Patrick Schweizer in meiner Jugend genervt. Der hat 1987 genau diesen einen Tanzfilm gemacht den alle gut fanden, und danach tapszierte (wie wir im Leinetal sagen) eine ganze Generation von Mädchen ihre Zimmer mit Bravo-Starschnitten und Poster von dem Schergen. Dummerweise waren das genau die Mädchen in meinem Alter und wir waren alle in der Pubertät, und mit einem Mal musste man sich als Junge vom Dorf mit Patrick-verflucht-Swayze vergleichen lassen. Als hätte das nicht ausgereicht, war Swayze omnipräsent. Egal ob „Fackeln im Sturm“, „Steel Dawn“, „Dirty Tiger“… Swayze spielte zwischen 1987 und 1993 in 11 Filmen mit. Ich hasste ihn.

Nun stelle ich fest: Der Mann konnte nicht mal schauspielern. Was er hier abliefert ist krass albernes Overacting. „Patrick, mach mal erschrocken“ – und Swayze reisst die Augen und macht mit dem Mund ein „O“ als sei er ein grenzdebiler Pantomime. Demi Moore hat hier auch nicht viel mehr zu tun als waidwund zu gucken, und Whoopie Goldberg ist hier einfach Whoopie Goldberg und macht, was Whoopie Goldberg immer in Filmen tut. Erstaunlich, dass die Leute für sowas damals ins Kino gegangen sind.

Noch erstaunlicher, dass „Ghost“ im kollektiven Gedächtnis als guter Film in Erinnerung geblieben ist. Ist er nicht. Er ist das perfekte Mittelmaß. Er ist ein Bisschen lustig, ein Bisschen spannend, ganz doll schmalzig und sogar ein klein wenig gruselig. Dadurch bietet er von allem ein wenig und bildet damit den kleinsten gemeinsamen Nenner des Zeitgeschmacks ab – und das ist eine große Basis. Kann man sich übrigens auch heute noch angucken, weil er so ein wilder Mischmasch ist, wirkt der Film kurzweilig.


Erik Peters: Himalaya Calling [2020, BluRay]

„Der Motorradreisende“ Erik Peters bricht von Köln auf und fährt mit dem Motorrad bis in den Himalaya. Begleitet wird er von seinem alten Kumpel Alain. Gemeinsam nehmen die beiden auf ihren Super Ténérés einige der gefährlichsten Straßen der Welt in Angriff und fahren von der Türkei über den Kaukasus bis nach Pakistan und Indien. Geplatzte Ölfilter, Schneestürme und Reifenzerfetzer inklusive.

Ich kenne schon einige Filme von Peters, der seine Hobbies Reisen und Motorradfahren zum Beruf gemacht hat und sich nun durch Filme, Bücher und Vorträge finanziert. Bislang fand ich seine Sachen gut, aber nicht überragend. Das hat sich jetzt geändert: „Himalaya Calling“ ist der Hammer. Professionell gefilmt, nie langweilig – ganz große klasse. Wunderschöne Bilder, die einem hautnahe Eindrücke von den Wundern und Entbehrungen einer solchen Reise bieten. Nur die kölsche Rumflucherei von Reisekumpel Alain und die immer gleichen Szenen, in denen die beiden sich Abklatschen oder in die Ferne deutend am Wegesrand stehen, hätte es nicht gebraucht – das ist gestellt und sieht auch so aus.

Besonders schön finde ich, das Peters mit einer raubatzigen Neugier und immer offen für neue Eindrücke an alles herangeht. Dabei ist drängt er sich als Person aber nie in den Vordergrund. Er ist ein Beobachter und lässt uns daran teilhaben, wie er Wunder erlebt. Das ist durch und durch positiv und ganz anders als bspw. die Reisebücher der „Kradvagabunden“, deren permanente Klagen über alles und jeden ich mittlerweile nicht mehr ertrage.

Die Gesamtlaufzeit von „Himalaya Calling“ beträgt fast 4 Stunden, das ist viel Reisefilm für´s Geld, das hier definitiv besser aufgehoben ist als bei der Konkurrenz. Egal ob das wehleidige und auf Kommerz getrimmte „Egal was kommt“ oder das fremdschämige „Über Grenzen“, die können alle Peters Art des Reiseberichts nicht im Ansatz das Wasser reichen.


Yakuza 6: The Song of Life [PS4]
Vier Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 5: Haruka, Ziehtochter von Ex-Yakuza Kazuma Kiryu, wird in Tokio Opfer eines Attentats. Dabei stellt sich raus: Sie hatte einen kleinen Sohn. Kiryu, frisch aus dem Gefängnis entlassen, kümmert sich um das Baby und versucht die Hintergründe des Attenats herauszufinden. Dabei stolpert er vom Nachtleben Tokios in die Kleinstadt Onomichi. Diese Stadt birgt ein Geheimnis, das so groß ist, dass Mitglieder der japanischen Regierung dafür töten, um es zu bewahren.

Wow. Das Spiel startet mit einem Schocker und fährt dann eine Story auf, die selbst für die verwickelten Geschichten der Yakuza-Reihe komplex ist – und irrsinnig gut! Exzellent geschrieben, tolle Charaktere – hier passt alles zusammen und es bleibt spannend bis zum Ende. Das ganze ist hervorragend in Szene gesetzt – der Fischerort mit seinen winkenden Austernverkäufern und den etwas abgeranzten Lädchen ist so detailliert gestaltet, dass man die Seeluft zu riechen glaubt.

Die Dragon-Engine zaubert Charaktere auf den Bildschirm, bei denen man jede Pore und Barstoppel sieht, und das bei praktisch keinen Ladezeiten. Das Gameplay wurde entschlackt, statt der fünf Protagonisten, wie im Vorgänger, gibt es wieder nur einen spielbaren Charakter, und die meisten Minispielchen und Nebentätigkeiten sind weggefallen. Yakuza 6 will, dass man sich auf seine Hauptgeschichte konzentriert, und das ist gut so.

Kleiner Wermutstropfen: Die Geschichte wird hauptsächlich in Cutscenes erzählt, und davon gibt es sehr, sehr, also wirklich SEHR viele. Teilweise schließen Cutscenes an Cutscenes an oder werden durch Cutscenes unterbrochen. Kein Witz.

Dadurch wirkt das Spiel noch mehr wie ein sehr atmosphärisch inszenierter Film, verdammt einen aber oft zum Zugucken und ist nach 20 Stunden vorbei. Die Kürze ist kein Nachteil. Yakuza 6 hat etwas zu erzählen, und das tut es konzentriert und sehr gut. Ein würdiges letztes Kapitel und das Ende der Geschichte von Kiryu, dem Drachen von Dojima, den die Yakuza-Hauptreihe jetzt in sieben Spielen begleitet hat.

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Reisetagebuch Motorradherbst (6): Ascolana Tenera

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit dicken Dingern und einem Leck in der V-Strom.

Montag, 28. September 2020, „La Vecchia Fontana“, Roccafinadamo

Die Abruzzen sind von den 20 Regionen, aus denen Italien besteht, mit Sicherheit eine der interessantesten. Sie liegt mitten in Italien, aber die Italiener:innen denken von ihr als dem Norden – dem Norden von Süditalien. Die Region erstreckt sich vom Latium, kurz hinter Rom, bis zur Adria im Osten und von den Marken im Norden bis zum Molise, was quasi niemand kennt, im Süden.

Karte: Wikimedia, CC BY SA NorNordWest

So richtig besiedelt sind die Abruzzen nur an der Küste, wo auch die Großstadt Pescara liegt. In der Mitte liegen die Berge des Apennin und der Grand Sasso, ein großes Bergmassiv. In diesen Gebirgsregionen gibt es große Gebiete, die als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, u.a. der Grand-Sasso Nationalpark, der Abruzzesische Nationalpark, der Nationalpark Majella und noch weitere Regional- und Nationnalparks. Allein die drei größten haben zusammen eine Fläche von 280.000 Hektar, was rund 400.000 Fußballfeldern entspricht, oder 1,08 Saarland (Saarländern?).

Weil es so viele Naturschutzgebiete gibt und die Gegend rau ist, ist das Innere der Abruzzen die am wenigsten besiedelte Region Europas. Nur wegen der weitgehenden Abwesenheit von Menschen gibt es hier noch rund 100 europäische Braunbären, mehre Rudel aus rund 40 Apennin-Wölfen, dazu europäische Wildkatzen, Stachelschweine, Dachse, Luchse oder Rothirsche. Wegen der Abwesenheit von Menschen bin auch ich hier, und wegen der Landschaft.

Schon kurz nach dem Aufstehen packt mich die Begeisterung, als ich auf der Terrasse des kleinen Gasthauses „La Vecchia Fontana“ stehe. Obwohl Oktober ist, ist die Landschaft hier noch satt grün, und als die Morgensonne auf die Berge fällt erwarte ich unwillkürlich den Startsound von Windows XP zu hören.

Es ist kühl, aber die Sonne scheint, und das ist viel besser als der Eisregen und das Unwetter gestern. Nach einem kleinen Frühstück sattele ich die V-Strom und lasse den Motor an. Die Maschine ist sofort da, anscheinend hat sie die Sintflut von gestern gut überstanden. Haushund Jack guckt mir gelassen bei den Startvorbereitungen zu.

Zur Hauptstraße führt ein Feldweg, der abwechselnd aus zerbröckeltem Asphalt und festgestampfter Erde besteht und der heute morgen zwar schon wieder weitgehend trocken ist, aber durch das Wetter gestern teilweise von Sand und Erde überspült ist. Ein wettergegerbter Bauer kommt mir entgegen und grüßt freundlich. Die letzten Meter des Wegs sind recht steil, aber weder der Schlamm noch die Steigung stellen für die Suzuki ein Problem dar. Das Motorrad wühlt sich den Berg hoch und biegt oben auf eine geteerte Straße ab.

Die Straßen in den Abruzzen sind scheiße, muss man einfach so sagen.

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Momentaufnahme: Januar 2021 (1/2)

Herr Silencer im Januar 2021

Diesen Monat kaum was anderes getan als zu arbeiten und danach todmüde Medien zu konsumieren – so viel, dass die monatliche Rückschau in zwei Teilen daherkommt. Dies ist Teil 1.

Wetter: Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt und vereinzelt, aber immer wieder Schneefall. Am Monatsende Sintflutregen und SChneeschmelze – gut so, die Talsperren können das brauchen.


Lesen:

Christopher Tauber (Autor) Hanna Wenzel (Illustratorin): Rocky Beach
Vor 30 Jahren hat Peter Shaw seinen Heimatort Rocky Beach verlassen und bei einer Versicherung in Boston Karriere gemacht. Um einen Versicherungsfall zu untersuchen, kehrt Shaw an den Ort zurück, an dem er mit Justus Jonas und Bob Andrews einer der drei ??? war. Dort begibt er sich auf Spurensuche.

Graphic Novel, das die „drei Detektive“ dreißig Jahre später zeigt und dabei einen Nebencharakter der Hörspiele in den Mittelpunkt rückt: Rocky Beach selbst.

Die Kleinstadt im sonnigen Kalifornien wird ganz in der Tradition des Film Noir als Ansammlung aus Bars, runtergekommenen Buchläden und korrupten Polizisten beschrieben. Dazu passt, dass die spannende Geschichte in oft düsteren Schwarz-Weiß-Panels erzählt wird.

Richtig interessant ist aber, dass das auch die drei ehemaligen Detektive ihr Päckchen zu tragen haben. Seit einem schicksalshaften Ereignis haben die drei sich nicht mehr viel zu sagen, Justus ist sogar depressiv. Das passt vielen Fanboys der Serie natürlich gar nicht, aber ich finde die Idee super und wollte bis zum Schluss wissen, was da eigentlich los war.


Hören:


Sehen:

The Hunt [2020, BluRay]
Eine Gruppe von 12 Menschen wacht auf einer Wiese auf. Offenbar sind alle entführt worden. Neben ihnen steht einer Kiste voller Waffen, kurze Zeit später eröffnet jemand das Feuer auf sie. Warum passiert das? Alle Gejagten sind typische Trump-Wähler – Erzkonservativ, verschwörungsgläubig, rassistisch – ansonsten scheinen sie keine Gemeinsamkeiten zu haben. Und wieso haben ihre Jäger seltsame Schlachtrufe wie „Klimawandel ist real, Bitch!“

„Guck den Film, da wirst Du viel Spaß damit haben“, meinte ein Freund, und er hatte recht. „The Hunt“ ist zuvorderst ein Actionfilm, der bereits in den ersten Minuten ultrabrutal daher kommt. Die Gewaltdarstellungen sind dabei aber so comichaft überzeichnet und die Situationen so absurd, das sie zum Lachen sind – dennoch ist ein gefestigter Magen von Vorteil. Dabei ist der Film kein doofer Actionklopper, sondern eine sehr geschickt verpackte Parabel mit einem cooolen Twist, die der Frage nachgeht was passiert, wenn eine Gesellschaft durch das Internet so tief gespalten wird, das beide Lager nicht mal mehr die gleiche Sprache sprechen. Da passt es, dass der Film in den USA aus den Kinos verbannt wurde.

Sehr unterhaltsam, überraschend, dazu mysteriös und actionreich und die dabei coolsten und schrägsten Hauptdarstellerinen seit gefühlt ewig – „The Hunt“ ist keine Familienunterhaltung, aber eine klare Anschauempfehlung und vielleicht jetzt schon mein Film des Jahres 2021. Zumindest der erste Streifen seit langer Zeit, den ich wirklich zwei Mal hintereinander geschaut habe, weil er so krass clever ist.


Die entfesselte Silvesternacht [1998, DVD]
Der Silvesterabend in einem Wohnblock in der Vorstadt von Rom: Monica Belucci bereitet eine Silvesterparty vor und findet dabei heraus, dass ihr Mann sie betrügt. Zwei Jugendliche kiffen und schnüffeln sich das Hirn weg und hantieren mit Dynamit. Eine alte Dame erhält unerwarteten Besuch von einem Gigolo. Ein Rechtsanwalt zieht sich Damenunterwäsche an und wird von Einbrechern überrascht. Am Ende sterben alle.

Ich verstehe ja die italienische Art Filme zu machen nicht wirklich, aber „L´Ultimo Capoanno“ will auch gar nicht verstanden werden – er ist einfach grandioser Quatsch, der einen auf die verkehrte Fährte lotst. Der Film tut so, als sei er ein typischer heile-Welt-Episodenfilm, zeigt dann aber absurde Dinge und wird auf die letzten 15 Minuten eine Mischung aus [beliebigen Tarantino-Film hier einsetzen] und „Gabelstaplerfahrer Bernd“, bei dem alle Protagonisten einen blutigen Tod sterben.


Happy Go Lucky [Prime VOD]

Poppy ist Kindergärtnerin in London und immer gut drauf.

Argh! Wieso war DAS DENN einer der erfolgreichsten Filme 2008?! „Happy Go Lucky“ ist eine unzusammenhängende Aneinanderreihung von Szenen, die die Schauspieler ganz offensichtlich irgendwie hinimprovisert haben – und das nicht besonders gut machen.

So guckt man geschlagene 120 Minuten dabei zu wie Mülltüten mit Tusche angemalt werden, Poppy Fahr- und Flamencostunden nimmt oder sich einen Wirbel ausrenkt.

Das ist genauso interessant wie es klingt, zumal alle Charaktere Abziehbilder gutgelaunter Nervtröten sind, die in jedem Frauenfilm der 90er immer um Couchtische getanzt sind. Poppys Frohnatur erschöpft sich in Dauergrinsen und nervtötend schrillem Gekichere (das in der deutschen Synchro noch einmal schlimmer ist), so dass einem die Figur schon nach zwei Sekunden auf den Sacque geht. Einzig die Figur des cholerischen und rassistischen Fahrlehrers könnte interessant sein, ist aber so überzogen nach improv-Theater, dass man nach der ersten Szene schon denkt „ach nee, lass mal“. In der Summe sind „Happy Go Lucky“ zwei Stunden verschwendete Lebenszeit, die ich nie zurückbekommen werde.


The Shape of Water [Netflix]
Baltimore, 1962: Eine stumme Putzfrau arbeitet in einem streng geheimen Forschungslabor, in das eines Tages eine seltsame Wasserkreatur gebracht wird. Die Putzfrau freundet sich mit der Kreatur an und beschließt, sie zu befreien.

Ich mag Guilliermo del Toros Bildwelten ja sehr, und „Shape of Water“ steht hier seinen früheren Werken wie „Hellboy“ oder „Pans Labyrinth“ in nichts nach. Wunderschöne Bilder, perfekt in Szene gesetzt. Großartig auch die Schauspieler: Sally Hawkins, die als „Poppy“ in „Happy Go Lucky“ einfach nur nervt, macht hier genau so einen fantastischen Job wie Doug Jones (Saru aus „Star Trek Discovery“) als Fischwesen und Michael Shannon (Zod aus „Man of Steel“) als sadistischer Sicherheitschef.


Spielen:

Yakuza 5 Remastered [PS4]

Einige Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 4: Ex-Yakuza Kiryu Kazuma hat Okinawa verlassen und verdingt sich unter falschem Namen als Taxifahrer in Fukuoka, als seine alten Weggefährten ihn aufspüren und um Hilfe in einer Yakuza-Sache bitten.

Schnitt.

Taiga Saejima verbüsst die letzten Woche seiner Haftstrafe, als ihn ein Gefängnisaufstand zwingt auszubrechen. In Sapporo kommt er einer Intrige auf die Spur.

Schnitt.

Haruka Sawamura, die Adoptivtochter von Kiryu Kazuma, trainiert in Osaka dafür ein Idol zu werden, als ein Mord geschieht und sie sich fragen muss, ob sie ihren Traum weiter verfolgen soll.

Schnitt.

Shun Akiyama, der wohl ungewöhnlichste Pfandleiher der Welt, hält sich zur Zeit des Mords in Osaka auf und wird in die Geschehnisse hineingezogen.

Schnitt.

Und dann ist da noch Tatsuo Shinada, der früher ein großer Baseball-Star hätte werden können und der nun in der Toyota-Stadt Nagoya am Rande des Existenzminimums rumknapst.

Größer, besser, schöner: Yakuza 5 fährt gleich fünf Städte aus unterschiedlichsten Regionen Japans auf und hat fünf Protagonisten, deren Schicksale miteinander verwoben werden. Das ganze ist so umfang- und abwechslungsreich, das die Geschichte jedes einzelnen Charakters ein eigenes Spiel für sich ist. So muss man mit Kiryu Taxikunden sicher ans Ziel bringen und Autorennen fahren, mit Häftling Saejima in einem Survival-Hunting-Abschnitt in einem verschneiten Bergdorf auf Bärenjagd gehen oder Haruka mit Rythmusspielchen im Singen und Tanzen zum Idol trainieren. Vielfalt und Abwechselung sind fast erschlagend, aber immer sinnvoll herbeierzählt.

Die Yakuza-Reihe wird manchmal mit der amerikanischen Grand Theft Auto-Reihe verglichen, aber das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Yakuza brilliert nämlich da, wo GTA völlig versagt: Im Erzählen von erwachsenen Geschichten. Wo sich GTA 5 in Pipi-Kacka-Sperma-Humor und launigen Banküberfällen ergeht, verhandelt Yakuza auf erzählerischer Ebene menschliche Geschichten und schreckt dabei selbst vor Themen wie Mißbrauch oder Suizid nicht zurück.

Vordergründig wirkt Yakuza wie ein Prügelspiel, aber in Wahrheit ist es ein sehr langer, wirklich exzellent erzählter Film. Daneben stehen dann wieder völlig absurde Seitenmissionen oder Nebentätigkeiten wie das Taxifahren: Hier muss man sich – auch anders als bei GTA – an alle Verkehrsregeln halten, auf Fußgänger aufpassen und sogar den Blinker setzen, sonst gibt es Punktabzug. Dass das alles nicht auseinanderfällt, ist der große Charme.

Nach dem grottigen Yakuza 3 (das sich nur um das Hüten von nervigen Arschlochkindern drehte) und dem quälend schlechten Yakuza 4 (das eine völlig vergurkte Steuerung und viele Längen hatte) ist Yakuza 5 wieder ein echtes Highlight und genauso toll wie der überragende zweite Teil.

Technisch ist Yakuza 5, das im Original 2012 erschien, endlich auf der PS3(sic!) angekommen und verwendet eine leistungsfähigere Engine, natürlichere Darstellung der Charaktere und Motion Capturing. Die remasterte PS4-Fassung legt schönere Texturen und höhere Auflösung drauf, so dass Yakuza 5 viel besser aussieht als die anderen Teile der Yakuza Kollektion 3-5 für PS4 und XBOX One.


Machen:

Den Pilotenschein für Drohnen in den offenen Klassen A1 und A3.


Neues Spielzeug: Neues Werkzeug! Ich habe lang genug mit Werkzeug rumgefummelt, dass ich geerbt oder bei Wiglo Wunderland gekauft habe. Jetzt bin ich offenbar in einem Alter, in dem ich Freude an wertigem Werkzeug habe, und deshalb gab es in diesem Monat Zangen von Knipex und Inbusschlüssel von S&R. Stilgerecht gelagert wird der Kram jetzt in der Motorradgarage, in einem zwar billigen, aber okayen Werkstattwagen von Mesko. Ich freu mich!

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 3 Kommentare

Was uns antreibt

Achtung, jetzt kommt geballte Weisheit.

Wir Menschen sind ganz erstaunliche Kreaturen. Die Welt, die wir um uns herum geschaffen haben, überflutet uns jeden Tag mit so vielen Informationen, das den meisten von uns gar nicht bewusst ist, wie wir eigentlich im Inneren ticken. Was uns im Kern nämlich antreibt und bewegt ist ein Erbe, das wir seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte mit uns herumschleppen: Geschichten.

Wir Menschen funktionieren entlang von Geschichten. Wir richten unser Leben nach den Geschichten aus, die wir uns selbst unbewusst jeden Tag erzählen. Wir lieben Geschichten, die im Besten Fall einen von uns vermuteten Sinn ergeben. Deshalb sind Märchen so tief in jeder menschlichen Kultur verankert.

Deshalb schockieren uns Ereignisse, die nicht in unsere eigenen Geschichten passen, weil sie im von uns geschaffenen Umfeld keinen Sinn ergeben. Deshalb macht uns auch die Pandemie so fertig, weil uns niemand eine passende und vor allem überschaubare Geschichte dazu erzählt. Das es ein Virus gibt, das die ganz Welt stilllegt und niemand weiß wie es weitergeht, das ist eine Geschichte die so groß und abstrakt und wenig greifbar und gleichzeitig banal ist, das viele Menschen sie ablehnen und sich lieber welche suchen, die überschaubarer und spannender sind – und zack, sind wir bei den Verschwörungsmärchen.

Wir sind krass anfällig für Geschichten, die uns andere erzählen. Nicht nur Verschwörungsgeschichten, sondern auch Geschichten wie in der Werbung, die uns Geschichten davon erzählt, wie unser Leben besser wird, wenn wir nur etwas kaufen.

Wir mögen solche Geschichten noch mehr, wenn sie von Leuten kommen, die wir sympathisch finden. Deshalb funktioniert Influencer-Werbung so gut. Die will uns weismachen, das wir weltgewandter werden, wenn wir nur den Lederrucksack in Vintageoptik kaufen, oder das wir so glücklich werden können wie das schöne Instagram-Mädchen, wenn wir uns nur eine Vase mit Pampasgras in die Wohnung stellen.

Wir Menschen werden im Kern von Narrativen angetrieben. Wir mögen Märchen, uns das macht uns anfällig für Manipulationen durch jene, die uns Märchen erzählen die in unser Weltbild, in das Gespinst unserer eigenen Geschichten, passen. Populisten wissen das, Schriftsteller auch. Schreibtischtäter sind auch deshalb so gefährlich, weil sie aus ihren Tastaturen Geschichten erschaffen können die zur Wirklichkeit werden, wenn nur genügend Menschen sie glauben und weitererzählen und teilen. Mit genügend zeitlichem Abstand können Schreibtischtäter sogar Historie umschreiben und damit die Gegenwart beeinflussen.

Diese innere Abhängigkeit von Geschichten hat noch einen anderen Effekt. Über hunderttausende von Jahren haben wir Menschen unsere Geschichten mündlich geteilt und weitergegeben, abends, mit der Sippe am Lagerfeuer. Auch wenn wir heute aufrecht gehen und in Häusern wohnen und Internet haben, so bekommen wir diese Prägung auf die Geschichten in unserer Familie nicht einfach so weg. Geschichten, die in unsere Familie erzählt und weitergegeben werden, prägen unser Verständnis von der Welt und unsere Sichtweisen. Es gibt etwas wie ein Familiengedächtnis, das jede Person in der Familie prägt.

Leider hat dieses Familiengedächtnis ein Verfallsdatum. Nach ungefähr 70 Jahren werden Geschichten innerhalb einer Familie von realer Lebenswirklichkeit zu einer abstrakten Erinnerung, die nicht mit uns als Einzelperson zu tun hat.

70 Jahre ist nämlich der Zeitraum, nach dem Zeitzeugen eines prägenden Ereignisses tot und die Geschichte von der nächsten Generation nicht mehr mit der gleichen Glaubwürdigkeit weitergetragen werden kann. Die Geschichte verblasst und wird zu einer fernen, abstrakten Erinnerung.

Es ist kein Zufall, dass für meine Generation (geboren Mitte der 70er) der Horror des zweiten Weltkriegs noch real war, einfach weil unsere Großeltern den miterlebt hatten. Auch wenn die vielleicht bewusst nicht viel über diese Zeit erzählten, so waren sie doch im Familiengedächtnis der Anker in die Vergangenheit. Kinder, die nach 2000 geboren sind, haben diesen Anker meist nicht mehr.

Es hat einen Grund, dass der Rechtspopulismus jetzt wieder erstarkt, das Rechtsextreme viel Zulauf haben: Weil die Geschichten über das Grauen des Kriegs nun nicht mehr aktiver Bestandteil des Familiengedächtnisses sind. Weil die letzten Zeitzeugen und die Erzähler dieser Geschichten tot sind oder sterben. Die Menschen verschwinden, und mit ihnen ihre Geschichten und ein Teil der Realität.

Der 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag Wir sollten diesen Teil der Historie zu einem Bestandteil der Geschichten machen, die wir uns und unseren Kindern erzählen.

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Wie ich auf Reisen blogge

Julia von Mädchenmotorrad hat vor einiger Zeit darüber geschrieben, wie sie von unterwegs bloggt und welche Technik sie dafür nutzt. Im Nachgang wurde ich gefragt, wie ich das eigentlich handhabe. Ich hatte dann versprochen darüber zu schreiben, und obwohl es ein wenig gedauert hat: Hier ist der Post dazu!

Vorab: Julia macht quasi Liveblogging von unterwegs und veröffentlicht jeden Abend einen Eintrag über die aktuellen Erlebnisse des Tages. Damit ist sie die totale Ausnahme und ich bin immer wieder erstaunt und überrascht, in welch hoher Qualität sie es schafft, wirklich jeden Abend von ihren Touren zu berichten.

Ich reiseblogge tatsächlich ganz anders. Das Format des „Reisetagebuchs“, so wie es hier im Blog stattfindet, hat meist einen zeitlichen Nachlauf von einigen Wochen oder Monaten. Das gibt mir die Zeit über ein paar Sachen zu reflektieren, mich zu Dingen, die mir unterwegs aufgefallen sind, nachträglich schlau zu machen, und es eröffnet eine andere Perspektive. Manchmal gibt es nämlich Zusammenhänge über mehrere Tage oder verschiedene Personen oder über Ereignisse hinweg, die einem erst in der Gesamtrückschau auffallen und die man dann ganz anders herausarbeiten kann.

Das Rohmaterial für das Reisetagebuch entsteht jeweils am Abend oder in der Nacht nach einem Urlaubstag. Jeden Abend setze ich mich hin und schreibe auf, was mir frisch im Gedächtnis ist.

Manchmal sind die abendlichen Blogarbeitsplätze sehr schön und bequem….

…und manchmal nicht:

Grundgerüst für den ersten Textentwurf ist meist die Chronologie des Tages, also „Was ist in welcher Reihenfolge passiert“ angereichert um „Wie fühlte ich mich dabei“. Denn das Reisetagebuch ist eines ganz bestimmt nicht: Neutral. Alles was da drin steht ist immer vorgeprägt durch meine Sichtweise, meine Haltung und natürlich auch: Meinen Befindlichkeiten.

Ich bin immer bemüht, dass das Blog nicht zur wehleidigen Nabelschau verkommt. Das hier soll kein unappetitlicher Blick in die Unterhose sein, aber wenn es mir aus irgendeinem Grund besonders gut oder schlecht geht, wird sich das im Text wiederfinden.

Ein Tagebucheintrag ist natürlich dann besonders dankbar, wenn es Ereignisse gab die sich als Hindernis rausstellten, dass es zu überwinden galt. Eine Panne, ein Unfall, Missgeschicke – alles Material für die klassische Heldenreise, sowas ist spannend, sowas liest jeder gern. Zum Glück hat man aber unterwegs meistens nicht jeden Tag eine Panne oder einen Unfall. Wenn aber etwas besonderes passiert, wird das oft der Einstieg für den Text – getreu dem Motto von Lokaljournalisten „Wenn der Clown vom Hochseil fällt, dann erzähle den Zirkusbesuch um Himmels Willen nicht chronologisch und halte Dich erst stundenlang mit der Ponynummer auf“.

Spielen bei einem Ereignis Personen eine Rolle, versuche ich die im Text möglichst genau zu skizzieren, damit sowohl ich als auch andere beim späteren Lesen sofort ein Bild im Kopf haben und sich die Person vorstellen können. Dazu gehört vor allem: Alter, Kleidung, Marotten, Körperhaltung, sprachliche Besonderheiten. Sowas vergisst man schnell, deswegen schreibe ich es gleich am Abend auf.

Dann kommt das aller wichtigste: Dialoge. Ich bin immer wieder erstaunt, in was für interessante und lehrreiche Unterhaltungen ich unterwegs so reinstolpere, und Dialoge sind das, was man als erstes vergisst. Daher gebe ich mir immer große Mühe die möglichst detailliert aufzuschreiben, zumal auftauchende Personen oft durch das was und wie sie etwas sagen oder tun viel besser charakterisiert werden als wenn man es einfach nur als Beschreibung notiert. Das alles einzufangen und festzuhalten, so lange die Erinnerung noch frisch ist, das ist mir das wichtigste. So entsteht ein Blogeintrag im Rohbau, ist aber noch lange nicht fertig.

Die Technik

Auf Reisen habe ich tatsächlich immer ein Netbook dabei. Früher ein Acer, dann ein Asus, jetzt ein Medion. Allen gemein ist:

  • 11,6 Zoll Bildschirm
  • leicht, max. 1,15 Kilogramm
  • Lüfterlos, keine Festplatte, keine anderen beweglichen Teile
  • Lange Akkulaufzeit (10-12 Stunden)
  • Windows Professional als Betriebssystem
  • Sehr billig (neu um die 200 Euro)

In der Klasse gibt es leider nicht viel Auswahl.

Warum kein Tablet oder Chromebook? Ganz einfach: Ich brauche eine echte Tastatur, und ich benötige Windows, weil die Software für Helm/Jacke/Navi nur unter Windows läuft. Vernünftige Windows-Tablets gibt es aber nicht in billig, und ich habe keine Lust ein teures Gerät mitzuschleppen. Ein ordentliches Windows-Tablet mit brauchbarer Tastatur kostet vierstellig, das von mit bevorzugte Netbook um die 200 Euro. Wenn das geklaut wird oder kaputt geht, ist es nicht so schlimm.

Das Reisenetbook mit dem perfekten Formfaktor ist mein geliebtes ASUS X205 aus dem Jahr 2014. Das lüfterlose Gerät kombiniert Tablettechnologie mit Netbook-Vorteilen, wiegt nur 950 Gramm, hat 12 Stunden Akkulaufzeit, ein brauchbares Display und eine sehr, sehr gute Chiclet-Tastatur, wie man sie in der Größe und Qualität sonst nur in Apple Geräten von 2012 findet.

Leider ist die Hardware des Asus nach heutigem Stand völlig inakzeptabel. Die USB2-Ports waren schon beim Erscheinen zu lahm, 2GB Hauptspeicher waren auch 2014 schon nicht viel, und die 32 GB-Nandspeicher sind mittlerweile für den reinen Betrieb eines Windows 10 zu wenig.

Nur deswegen habe ich seit diesem Jahr ein 200-Euro-Netbook von Aldi, ein Medion Akoya 2292 Dingenskirchen. Es ist ebenfalls Lüfterlos, hat eine 128GB SSD, ein stabiles Alugehäuse und ein sehr gutes Touchdisplay.

Dank der massiven Scharniere lässt sich der Bildschirm ein Mal ganz umklappen und damit auch als Tablet verwenden, und im Zeltmodus lassen sich damit schön Filme gucken oder Videokonferenzen bestreiten. Es kann von allem ein Bißchen, das meiste aber nicht richtig gut.

Das Akoya mag ich nicht so sehr wie das X205. Es wiegt mit 1,15 Kilo rund 200 Gramm mehr als das ASUS, was erstaunlicherweise genau den Unterschied ausmacht zwischen „das Gerät ist federleicht“ und „das Ding hat ein stattliches Gewicht“. Die Lautsprecher sind ein Witz, am schlimmsten ist aber die wirklich richtig schlechte Tastatur. Die Tasten sind zu klein, zu rund und zu glatt, und wer bitte ist auf die Idee gekommen die „Entfernen“ Taste als Funktionstaste zu bauen, die nur funktioniert wenn man
FN und F10 gemeinsam drückt??!

Trotzdem wird es mich bis auf weiteres begleiten, aber wenn Asus mal einen vernünftigen Nachfolger zum X205 rausbringt, wechsele ich sofort wieder.

Das Notebook dient nicht nur als Schreibmaschine, sondern auch der Kommunikation mit den anderen Gerätschaften. Wenn die PRISM-Tube-Kamera am Helm mal wieder Schluckauf hat, dann verrät sie nur dem Notebook woran es liegt:

Die VIRB XE-Kamera am Motorrad ist pflegeleichter, über dieses coole Ding habe ich hier schon einmal ausführlich geschrieben.

Leider gehen bei den VIRBs so langsam die Sensoren kaputt, die Bilder werden immer dunkler. Da muss in absehbarer Zeit mal was neues her.

Bei Fotos und Videos bin ich der totale Schnappschussfotograf. Ich knipse alles was nicht bei drei auf dem Baum ist und wähle anschließend aus tausenden Fotos aus. Dafür habe ich eigentlich immer eine Lumix Travelzoom mit einem Ministativ dabei.

„Eigentlich“, weil ich mittlerweile keine Lust mehr auf die Kamera habe. Über die Jahre hat Panasonic alle Vorteile der Travel-Serie, wie geringe Größe und Gewicht, eliminiert, dafür sind die Bilder immer schlechter geworden. Die TZ81 hat kein GPS mehr, dafür eine unbrauchbare 4K-Funktion, eine nicht funktionierende Bildstabilisierung und einen Autofokus, der zwar Postfokus zulässt, beim schnellen Schnappschuss aber oft unscharfen Murks liefert.

Hier der Vergleich zwischen der TZ81 (links) und dem iPhone 8 (rechts):

Aus diesen Gründen fotografiere ich mittlerweile fast nur noch mit dem Telefon – es macht einfach die geileren Bilder. Seitdem das iPhone 11 Pro auch einen Nachtmodus besitzt, ist der vorletzte Grund für die Lumix entfallen. Der letzte ist der wirklich gute 30-fach Zoom der Kamera, aber auch der wird sich überleben.

Das iPhone liefert sehr genaue Standortdaten, die Kamera nicht. Damit ich den Fotos aus der Lumix später Koordinaten hinzufügen kann, trage ich einen GPS-Recorder mit mir rum.

Das ist ein chinesisches Gerät, dass auf den etwas umständlichen Namen „Qstarz BT-Q1000XT“ hört. Es ist so groß wie eine Streichholzschachtel und kann nichts außer GPS-Punkte aufzeichnen, aber das alle 5 Sekunden, sehr genau und über einen Zeitraum von mehr als 24 Stunden, denn es läuft mit einem unverwüstlichen Nokia-Akku.

Die zugehörige Software spioniert einem den Desktop aus, vermute ich zumindest, aber sie kann anhand der Timestamps GPS-Daten in die EXIF-Dateien von Fotos schreiben.

Das mache ich aber selten, viel wichtiger ist mir: Die QSTARZ-Software spuckt aber die Daten des Recorders in handlichen Track-Dateien aus, entweder im NEMEA-, GPX-, KMZ- oder KML-Format. Letzte bevorzuge ich, weil die 10 Mal kleiner sind als GPX und sich in Google Earth reinwerfen lässt. Ein Großteil des Spaßes abends am Notebook ist anhand dieser Tracks zu schauen wie bekloppt ich mich heute schon wieder verfahren habe.

Die Daten der Kameras, des GPS-Geräts und was sonst noch so anfällt werden dann auf dem Netbook und über das Netbook auf einer kleinen 1TB-Platte gespeichert. So habe ich drei Sicherheitskopien: 1. auf dem Gerät, 2. auf dem Computer, 3. auf der Backup-Platte. Die Tagebuch-Einträge sind reine Textdateien und werden zusätzlich in die Cloud geschoben. Damit das klappt, habe ich meist einen kleinen 150 Mbit-LTE-Accesspoint mit einer lokalen SIM dabei.

Warum ein Accesspoint? Weil der bis zu 15 Geräte gleichzeitig mit schnellem WLAN versorgen kann, und lokale SIMS meist schneller sind als geroamte. Dazu kommt: Der Vertrag zu meinem Telefon hat nur 4GB Datenvolumen, während Urlaubs- oder Touristen-SIM-Karten teils für 10 Euro 25 GB und mehr bieten.

So kommt alles zusammen

Wenn ich wieder zu Hause bin wird der ganze Kram, also alle Bilder, Filme, Texte und GPS-Daten auf das heimische NAS und den Desktoprechner gesichert und die einzelnen Geräte gelöscht, damit sie bereit sind für den nächsten Einsatz.

Dann setze ich mich jeden Samstag hin und nehme mir die Texte vor. Nach einer ersten Sichtung der Tagesnotizen gehe ich durch die Bilder von iphone und Lumix und treffe eine Vorauswahl. Im Nachgang flöhe ich durch die Videos von PRISM und VIRB und schaue mir die GPS-Tracks in Google Earth an und mache Screenshots . Die werden alle mit einem Irfan-View Batch verkleinert auf 2048 Px Kantenlänge auf der längsten Seite und dann nach WordPress.com hochgeladen.

Dann passe ich den Text an, damit er auch die Bilder einbezieht oder suche gezielt nochmal Bilder, die den Text stützen. Wichtig: Ich bearbeite Bilder nie nach. Abgesehen davon, dass ich gar nicht weiß wie das geht, wäre mir das zu mühselig.

Dann wird der Text verfeinert und entschlackt. Ich neige zu Füllworten, die werden genauso entfernt wie schwache Adjektive, für die sich fast immer ein besserer Ausdruck finden lässt. Diese Arbeit kostet am meisten Zeit, am Ende hat ein Blogeintrag rund 25 Revisionen auf der Uhr und so um die 6 Stunden gedauert.

Bin ich mit allem zufrieden, wird der Timer aktiviert und der Reisetagebucheintrag um 00:01 an einem Samstag Morgen veröffentlicht. Und NUN kommt das eigentlich spannende: Sobald der Text veröffentlicht ist, enthält er plötzlich lauter Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Satzbaufehler!

Wie gesagt: Jeder Blogeintrag hat im Schnitt 25 Revisionen hinter sich, d.h. ich habe ihn auch rund ein halbes Dutzend mal gegengelesen und korrigiert, und TROTZDEM strotzt er in dem Moment wo er erscheint vor Fehlern, die mir jetzt erst auffallen…

Also sitze ich um Mitternacht wieder vor dem Rechner und korrigiere den schlimmsten Quatsch. Die korrigierte Version wird leider nicht nochmal per Feed ausgeliefert, RSS-Reader erhalten immer die schlimm verstümperte Releaseversion und nicht den Day-1-Patch. Das ist der Grund, weshalb man meine Beiträge immer im Blog, nie im Feedreader lesen sollte.

Tja, und so blogge ich für das Reisetagebuch. Eigentlich mache ich das nur für mich, weil ich Spaß daran habe, durch die intensive Nachbereitung einer Tour Dinge zu vertiefen und die Reise so Stück für Stück noch einmal nach zu erleben. Trotzdem freue ich mich, wenn hier jemand mitliest – und das tun allein jeden Samstag 400 Menschen!

Mir ist klar, das bloggen soooowas von 2008 ist, aber ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen das Format des Reistagebuchs auf Nur-Video umzustellen und ausschließlich Filme zu machen – auch wenn es mich schon reizen würde.

Und jetzt ihr: Wie bloggt ihr so?

Kategorien: Meta, Motorrad | 31 Kommentare

Reisetagebuch Motorradherbst (5): Hände wie Mülltüten

Reisetegabuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute leidet die Barocca, ich habe Hände wie Mülltüten und der Helm stirbt.

Sonntag, 27. September 2020, San Vincenzo

Über der Bergkette vor San Vincenzo geht eine violette Sonne inmitten von Wolkentürmen auf. Das Unwetter hat die ganze Nacht hindurch gewütet. Das Regengebiet, das vom Meer über San Vincenzo hinweggezogen ist, hat den Sturm mit vorher nicht dagewesener Intensität wiederbelebt und Unmengen an Regen mitgebracht. Fast die ganze Nacht klapperten die Fensterländen von I Papaveri, Wasser rauschte durch die Dachrinnen und Regen klatschte draußen auf´s Pflaster. Im Wohnzimmer ist wieder Wasser durch die geschlossenen Türen gedrückt worden. Erst vor einer Stunde hat es aufgehört zu regnen. Jetzt stürmt es nur noch, und über dem Meer ballt sich schon die nächste Regenfront zusammen.

Die Temperatur ist über Nacht um fast 15 Grad gefallen und hängt nun bei einstelligen 8 Grad. Brrr. Und nicht nur das: Über ganz Mittelitalien zeigt die Wettervorhersage eine dicke Wolkendecke und Regen. Nunja, das werden wir sehen. Ich fahre heute einmal quer über den Stiefel und durch Bergregionen, da kann es ja nicht die ganze Zeit regnen, oder? Oder??

Ich mache mich fertig, schiebe das Motorrad vor das Tor und hänge das Gepäck ein, dann folgt ein letzter Rundgang durch La Conchiglia und ein Blick vom vorderen Balkon auf die startbereite V-Strom.

Schließlich lege ich die Schlüssel zum Appartement sorgfältig auf den Küchentisch und ziehe die Tür zu.

Vor dem Tor klettere ich in den Sattel. Ich entscheide mich dagegen die Regenkombi anzuziehen. Irgendwann heute werde ich nicht drum rumkommen, aber mal schauen, wie lange ich es rauszögern kann.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 16 Kommentare

Familiäre Dialoge -XIII-

Am Telefon, erstes Telefonat mit meinem Vater seit März 2020.

Vater: „Ich habe gerade mit Deiner Schwester telefoniert. Weißte was! Die haben das Deutsche Museum zugemacht! Das muss man sich mal vorstellen!“

Wirklich, unfassbare Nachrichten. Seit seinem Besuch dort im Jahr 1963 ist das Deutsche Museum für meinen Vater, den ehemaligen Maschinenbauingenieur, sowas wie ein mit heiligen Gralen und Bundesladen vollgestopftes Paradies auf Erden. Wie können „DIE“ es wagen das zu zumachen?!

Vater: „Ist bei euch auch alles zu?“

Ich: „Ja sicher. Überall ist alles zu. Wegen der Pandemie“

„Also, bei UNS hat der Rewe offen.“

„Ja, Lebensmittelgeschäfte haben geöffnet, aber alles was mit Kunst und Kultur zu tun hat ist geschlossen. Überall, auch bei uns“

„Ihr habt doch gar kein Deutsches Museum. Deine Schwester wohnt in einer richtigen Stadt. Du ja nicht, ne.“

„Aber wenn Göttingen ein Deutsches Museum hätte, dann wäre es jetzt genauso geschlossen wie das in München.“

„Der Aldi bei uns ist auch offen.“

„Jaha.“

„Aber das mit den Masken ist ja auch ein technischer Witz, die bringen ja gar nichts.“

„Hä?“

„Ja die schützen einen ja gar nicht. Du erstickst an deinem eigenen CO2 und gleichzeitig atmest Du den Mist von anderen ein. Völliger Quatsch.“

„Bist Du irgendwie an Schrödingers Maske gekommen oder was? So lange keiner unter die Maske guckt atmest Du Luft von Außen und erstickst dabei oder wie?“

„Was?“

„Warum bindest Du dir überhaupt noch diese Stofffetzen um den Rüssel? Warum hast Du Dir noch keine FFP2-Masken geholt?“

„Sohn, hör doch mal zu, die bringen doch nichts!“

Was erzählst Du denn da? FFP2-Masken haben im Inneren ein elektrostatisch geladenen Filz, der bindet Aerosole! Natürlich schützen die!“

Vater: (…)

Vater: „Das weiß ich natürlich. Ab weißt DU eigentlich, was diese Verbrecher da an Geld für haben wollen!?! Die sind sauteuer, dafür können die die behalten, die wollte ich nicht mal geschenkt!“

Geh in eine Apotheke, da kriegst Du drei Stück kostenlos.“

Vater (plötzlich interessiert): „Wieso ist das so?“

„Weil der Bund Rentnern drei Stück umsonst gibt. Und dann investier bitte nochmal 10 Euro und kauf Dir ein paar mehr, die bringen es echt“.

„Ich war neulich beim Arzt, da haben mir die das nicht angeboten!“

„Arzt und Apotheke sind auch zwei unterschiedliche Dinge. Und Deiner Ärztin kannst Du nicht vorwerfen, dass sie dir nicht den Hintern hinterher trägt. Jedes mal wenn Sie Dir was rät oder einen Vorschlag macht, drohst Du ihr mit einer Anzeige wegen Nötigung oder Körperverletzung oder wer weiß was dir noch gerade einfällt!

Vater: „…“

Vater (versucht das Thema zu wechseln): „Aber das mit der Impfung ist ja auch ein technischer Witz. Die bringt ja auch nichts.“

Ich: „Was?!“

„Ja, wenn Du Dich impfen lässt, bist Du immer noch nicht vor Ansteckung geschützt. Musst Du Dir mal vorstellen! Die spritzen dir diesen Mist und du kannst Dich immer noch anstecken! Ist doch Nonsens.“

„He?“

„Ich kenne auch gar keinen der sich hat Impfen lassen. Geht doch auch so. Vor Grippe lässt sich doch auch keiner Impfen.“

„VATER! Aktuell ist niemand geimpft den Du kennst, weil es schlicht zu wenig Impfstoff gibt! Ab Ende Januar geht´s für Leute über 80 außerhalb von Heimen los, dann für die über Siebzigjährigen, da bist Du gleich mit dabei.“

Vater (beleidigt): „Du bist ein technischer Witzbold, woher willst DU denn das wissen? Also mir hat keiner Bescheid gesagt.“

„Die schreiben Dich an. Also wenn Du demnächst einen Brief vom Land oder von der Gemeinde bekommst, mach den Mal zur Abwechselung mal auf und guck´ was drinsteht!“

„Du würdest Dich doch auch nicht impfen lassen, ne? Ne?!“

„Doch natürlich!! Ich würde mich sofort impfen lassen. Aber bis ich dran bin, wird es noch dauern. Ich stelle mich gerade darauf ein, dass ich erst im Herbst wieder ein normales Leben führen werde. So lange kann ich nicht groß raus.“

Vater (hämisch): „Oooooh, armes Hascherl!“

„WIE BITTE?“

„Hehe! Bis Herbst nicht raus? Hat der kleine Silencer Angst vor dem bösen Virus? Hast Du auch Angst vor der Grippe? Oder einer Erkältung?“

„Ja, ich nehme das Ernst! Ich bleibe schön zu Hause, nur noch alle paar Wochen gehe ich mal Einkaufen raus, ansonsten habe ich keinen Kontakt zu Menschen.“

Vater (heroisch): „Naja. Also, ICH fahre dann jetzt mal zu Rewe. Und danach zu Aldi.“

Rewe UND Aldi. Einfach, weil er es kann! Mein Vater, der furchtlose Held.

Aber mal ernsthaft: Mein Vater gehört zu den Menschen, die sich nur mit halbem Ohr über das Fernsehen informieren. Offensichtlich kommt in dem sich täglich ändernden Wirrwarr die Regelungen, die für das einzelne Bundesland und die einzelne Region gelten, bei dieser Gruppe Menschen gar nicht mehr das für sie relevante an.

Klar, so schnell wie sich alles ändert, ist eigentlich das Internet die wichtigste Quelle. Mein Vater hat zwar einen Glasfaseranschluss, auf den er sehr stolz ist und mir ständig unter die Nase reibt das ich keinen habe, aber er besitzt kein internetfähiges Gerät, weil er das für zu kompliziert hält und auch den Nutzen nicht erkennt. Andererseits bin ich da ganz froh drüber, dass mein Vater nicht im Netz ist. Bei ihm, dem alten Erich-von-Däniken-Fan, würde es kein zwei Minuten dauern, bis er sich durch unbeaufsichtigte Internetnutzung mit Reichsbürger-Chemtrail-Coronaleugner-Hohlerde-Kinderbluttrinker-Unfug radikalisiert hätte – er denkt ja ohnehin schon, das „die“, also irgendwelche Eliten, ihm nur Böses wollen. DIE machen ja sogar das Deutsche Museum zu! Muss man sich mal vorstellen! Kann sich aber keiner vorstellen! Ist nämlich unvorstellbar, sowas!

Frühere Dialoge:
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Corona-Tagebuch, Familienbande | 10 Kommentare

Reisetagebuch Motorradherbst (4): Philipp Lahm aus dem Senegal

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute ohne Motorrad und ohne Abenteuer, dafür gibt es Sturm, Lasagne und Philipp Lahm.

Mittwoch, 23.09.2020
Ah, diese Ruhe auf I Papaveri.

Ich verschlafe den halben Vormittag und bin dann mild überrascht: Das Wetter ist ja doch ganz okay! Das ist nett, denn eigentlich sollte EXAKT an dem Zeitpunkt, als ich hier ankam der Weltuntergang beginnen. Dauerregen und Sturm, sagt die Wetterapp, und zwar genau so lange bis ich wieder abreise! Unfair!

Normalerweise ist der September in San Vincenzo noch ein Spätsommer (außer 2017, als ich hier war und das der kälteste September seit 40 Jahren war). Tatsächlich war die vergangenen Wochen hier jeden Tag Sonnenschein und Temperaturen um die 25 Grad, aber jetzt, wo ich hier bin, sieht es so aus: Jeden. Tag. Regen.

Heute habe ich aber Glück, der Regen zieht gerade im Norden und Süden an San Vincenzo vorbei. Ich packe ein Handtuch ein, kaufe im Chinaladen einen billigen Sonnenschirm und Badelatschen und fahre an den Strand.

Zwei Mal schaffe ich es ins Wasser zu springen, aber nach einer Stunde fallen dann doch die ersten Tropfen. Ich fahre zurück, lungere etwas im Appartment herum und hole Tagebuchschreiben von gestern nach. Was schön ist: Franca hat mir einen Schreibtisch in die Wohnung gestellt. „Du schreibst doch immer so viel“, hat sie per Whatsapp getextet, als ich mich dafür bedankt habe. „Aber nicht über uns schreiben!“ kam noch eine Nachricht hinterher. Nein, natürlich nicht.

Vor dem Fenster kann man Elba erkennen.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 3 Kommentare

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