Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Momentaufnahme: Dezember 2019

Herr Silencer im Dezember 2019

Wie, warum ist dieses Weihnachten nicht schon lange rum?“

Wetter: Anfang des Monats bei -5 Grad nachts knackig kalt, in Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit fühlt sich das wie Minus 20 an. Dann wird es so mittelkalt bei 5 Grad und regnet praktisch ständig, am Monatsende rutschen die Temperaturen dann auch tagsüber ins Minus, dafür scheint dann die Sonne.


Lesen:

Alita: Battle Angel – Vol.1 & 2.
Eine Cyberpunk-Zukunft: Auf dem Müll liegt ein Cyborgkopf rum, in dem das Gehirn eines Teenagers steckt. Auf einen Kampfkörper gesteckt, wir der Teen zu einem Battle Angel.

Die Geschichte der diesjährigen Verfilmung von „Battle Angel“ endete genau in dem Moment, als es gerade richtig spannend wurde. Ich wollte wissen wie es weiter geht, und habe mir daher die Buchreihe gekauft.

Die gibt es in einem 5 kg(!) schweren Schuber als Gesamtausgabe. Band 1 erzählt im Wesentlichen die Story des Filmes, tut das aber angenehm knapp und nicht so emotional und Ausufernd wie dieser. Band 2 dreht sich ausschließlich um das Rollerball-Rennen, das im Film eher kurz dazwischen geschoben wird.

Man merkt, dass die Geschichte schon dreißig Jahre alt ist. Storytechnisch geht es mit einer oberflächlichen Naivität voran, die typisch für die beginnenden 90er ist: Dinge passieren, weil sie cool sind, und nicht, weil sie sinnvoll in ein erzählerisches Gerüst eingebettet sind. Zeichnerisch ist das Alita leider auch keine Offenbarung. Viele Panels sind unverständlich krude angelegt, die Zeichnungen mal naturalistisch, mal seltsam abstrakt. Das ist nur zum Teil dem Zeitgeist geschuldet – den Autoren fehlt hier schlicht der Blick für eine nachvollziehbare und cinematische Erzählung, den der späte Leser durch eine andere, popkulturell intensivere Sozalisierung erwarten würde.

Mit anderen Worten: „Alita“ ist über weite Strecken langweiliges Gekrickel, weil die Macher es nicht besser konnten. Das ist schade, denn die überbordende Aktion und die coolen Ideen kommen durch die schlechte Umsetzung nie rüber. Oder mir fehlt die Fantasie. Ich verstehe, was hier gemacht werden sollte und sehe durchaus Idee A und Idee B, aber wie die Macher von A nach B kommen ist unbeholfen erzählt und schlecht gezeichnet.


Hören:


Sehen:

Anna [Prime Video]
Ein blondes Model wird von verschiedenen Geheimdiensten angeworben und veranstaltet Blutbäder.

Alte Männer neigen dazu sich zu wiederholen, und Luc Besson bildet hier keine Ausnahme. In „Anna“ erzählt er SCHON WIEDER die eine Geschichte, die er seit seit 30 Jahren immer wieder durchnudelt: Die der schönen, aber armen Frau, die in clandestine Dinge verwickelt wird und dann ordentlich in Ärsche tritt. Klar, „Lucy“ mit Scarlett Johanson ist ja auch schon 5 Jahre her, da kann man ja mal wieder eine Neuauflage drehen. Nach „Nikita“ von 1990, „La Femme Nikita“ (1997), „Nikita“ (2010) und „Lucy“ (2014) ist das hier jetzt die fünfte Verwurstung (von der ich weiß).

Nun heißt Nikita also Anna, und die ist zeitgemäß langbeiniger, blonder und brutaler als ihre Vorgängerinnen, hat aber noch weniger Charakter.

Die eigentlich simple Story versucht durch verwirrende Flashbacks Komplexität zu simulieren, zerbricht damit aber jegliche Struktur im Film und reitet das Pacing in Grund und Boden. Durch diese wirre Struktur stolpern durchgehend unsympathische Figuren, für die man in keinem Moment Empathie oder auch nur Verständnis aufbringt. Highlight könnte Helen Mirren sein, aber die wusste in was für Trash sie hier mitspielt, und gibt ihren Charakter so comichaft überzogen, dass auch sie in Egalität versinkt. Was bleibt, sind blutige Metzelszenen und knochige Körper in Reizwäsche.

„Anna“ ist belangloser Euro-Trash eines alten Mannes, der Filmförderungen nur noch dafür abgreift, junge Frauen in Unterwäsche filmen zu können – und dafür seine eine Geschichte von vor 30 Jahren wieder und wieder recycelt.

6 Underground [Netflix]
Ryan Reynolds (gespielt von Ryan Reynolds) ist Milliardär und nicht ganz dicht. Anders kann man es kaum erklären, wieso er auf die Idee kommt, erst seinen eigenen Tod vorzutäuschen und dann auch noch den von 5 anderen, um mit denen fortan als namenlose „Geister“ jagt auf fremde Staatsoberhäupter zu machen.

Der Film ist die teuerste Eigenproduktion, die Netflix sich bisher geleistet hat. Rund 150 Millionen wurden hier, haha, verballert. Für hanebüchenen Michael-Bay-Blödsinn. Das ist schön fotografiert und enthält Action-Pieces, die man so noch nicht gesehen hat – wie einen auslaufenden Dachpool,der das Hochhaus darunter flutet, oder die Verfolgungsjagd durch Florenz, bei der ich die ganze Zeit dachte: „WIESO zum Teufel durften die da drehen?!“(selbst Michael Bay war erstaunt, das er das durfte), die zugleich aber auch haarsträubend doof sind, denn weder Pacing noch die seltsamen-blöden Charaktere noch die teenagerhaften Dialoge halten den ganzen Kram zusammen.

An manchen Stellen ist die Naivität so cringeworthy, das man sich vor Scham im Fernsehsessel zusammenrollen möchte – etwa, wenn in einem arabischen Regime die USA einen TV-Sender kapern und durchsagen, dass jetzt mal alle frei sind – und zwei Sekunden später Menschen auf den Straßen tanzen und Blumenblüten regnen. Da frage ich mich dann schon: Ist das wirklich das Weltbild des Michael Bay? Oder passt er sich einfach dem IQ seines amerikanischen Publikums an? Man weiß es nicht.

Manche Dinge lassen mich ob ihrer Albernheit schmunzeln – etwa, wenn ein Auto bei einer Verfolgungsjagd am Dom von Florenz in eine Gasse abbiegt, die sich offensichtlich in Rom befindet, um am Ende am Campo von Siena rauszukommen, neben dem der Ponte Vecchio von Florenz liegt. Geschenkt, auch trotz dieser Insiderfehler ist „6 Underground“ ein richtig schlechter Film, der es immerhin ordentlich krachen lässt.

Star Wars Ep.9 – Rise of Skywalker [Kino]

Während Rey zur Jedi ausgebildet wird, stolpert Kylo Ren in einen Keller, in dem der Imperator seit 30 Jahren im Flackerlicht hockt. Andere Leute da sind auf der Suche nach irgendwas und treffen dabei das verlorene Mitglied von Daft Punk.
SumthingSumthingSumthing DARK SIDE.

„Rise of Skywalker“ macht zuvorderst eines: Er wirft Episode 8 in die Tonne und erzählt trotzig die Geschichte weiter, die in Episode 7 begonnen wurde. Im Fließtext am Anfang wird in knappen Sätzen erzählt, was seit „Force Awakens“ wirklich Spannendes passiert ist – und ich muss sagen, DEN Film hätte ich gerne gesehen, anstatt den Rebellen dabei zuzugucken, wie ihnen das Benzin ausgeht.

Was dann folgt ist eine Art Roadmovie, bei der jeder auf der Suche nach einem Macguffin ist. Sowas kann gut funktionieren, siehe „Pirates of the Caribbean – Dead Mens Chest“, der vor allem deshalb so gut ist, weil alle nur Davy Jones Kiste wollen und damit jederzeit die Motivation der Charaktere klar ist.

Episode 9 verstolpert es aber, weil das Pacing hinten und vorne nicht stimmt. Völlig atemlos wird hier zwischen Actonpieces hin und her gesprungen, ruhige Momente gibt es kaum. Das mag davon ablenken, dass die Story wenig Sinn ergibt und so voller Zufälle und Logiklöcher ist, dass selbst meine superstarke Suspension of Disbelief die Fühler streckte. Wenn ich im Kino sitze, Star Wars gucke und ich plötzlich denke „Wie soll DAS denn gehen? Das ist doch Quatsch“, dann stimmt wirklich etwas ganz heftig nicht.

Schon faszinierend: Weder Episode 7, 8 oder 9 sind objektiv gute Filme. Es fehlt 7 und 9 an originellen Ideen, dafür sind sie vollgehängt mit Fanservice und überladen mit JJ-Abrams-Mystery-Geschwurbel. Warum Rian Johnson in Episode 8 einfach IRGENDWAS machen durfte, was überhaupt nicht zum Rest passt und Charaktere nachhaltig beschädigt, wird sich mir nie erschließen.

Und dennoch packen mich diese Filme emotional. Bei Episode 8 kam ich aus dem Kino und fühlte mich ganz großartig unterhalten, bei Episode 9 habe ich die halbe Zeit geweint, und zwar nicht, weil der Film so schlecht war.

Die JJ-Abrams-Episoden liefern viel Fanservice, der bei mir – als jemand der Star Wars als Kind geliebt hat – genau die Resonanzfrequenz trifft und mich emotional zerschüttelt. Dazu kommt, dass ich total auf Daisy Ridley abfahre. So sehr Alan Driver als Kylo Ren eine Fehlbesetzung ist, der die Hälfte der Zeit so wirkt als wisse er nicht, wo er eigentlich gerade ist, so unfassbar gut ist Ridley in ihrer Rolle als Rey. Sie ist es, die für mich über ganz weite Teile die neuen Filme trägt und auch wiederholt anschaubar macht.

Nach allen Regeln der Filmkritik ist „Rise of Skywalker“ kein guter Film, sondern einer mit vielen Fehlern, der aber für Star Wars Fans einiges richtig macht und die emotionale Geige so spielt, dass er gut unterhält
Nostalgie und Daisy Ridley.
Gibt Schlimmeres.


Spielen:

Jedi Fallen Order [PS4]
Irgendwann zwischen Episode III und IV: Der junge Cal Kestis war ein Jedischüler und ist der Order 66 und dem Massenmord an den Jedi nur knapp entkommen. Nun versteckt er sich vor dem Imperium und dessen Spionen auf einem abgelegenen Schrottplaneten. Durch einen dummen Zufall wird er dort von der imperialen Inquisition entdeckt und gejagt. Auf der Flucht findet er neue Verbündete und wird unvermittelt in eine weitaus größere Rolle hineingeschubst: Er könnte derjenige sein, der den Orden der Jedi wiederbelebt.

„Fallen Order“ stammt vom Studio Respawn Entertainment. Das habe ich seit dem grandiosen Einzelspielermodus von „Titanfall 2“ auf dem Schirm. Der hatte eine tolle Story, strotzte vor coolen Ideen und war technisch auf der Höhe.

„Fallen Order“ ist leider nicht ganz so gut, weder technisch noch erzählerisch. Auf einer Standard-PS4 ruckelt das Spiel andauernd, die Story hat im Mittelteil lange Hänger und das ständige Backtracking in bereits besuchte Gebiete ist höllennervig. Ich persönlich kann mit dem Dark-Souls-mäßigen Kampfsystem nichts anfangen, das zudem unpräzise zu steuern ist und bei dem man im Falle eines Bildschirmtods Erfahrungspunkte verliert.

Das ist besonders frustrierend, weil schon der normale Schwierigkeitsgrad sehr, sehr schwer ist. Ohne intensives Studium der gegnerischen Angriffsmuster und das Sterben von Hunderten von Toden (auf die laaaaange Ladezeiten folgen) geht hier gar nichts. Niemand, der älter als 14 ist, wird so viel Lebenszeit investieren wollen. Der leichtere Schwierigkeitsgrad bietet dafür überhaupt keine Herausforderung mehr, simples Buttonmashing reicht, um selbst die härtesten Gegner zu bezwingen – das macht dann nun gar keinen Spaß mehr.

Ähnlich unbefriedigend ist auch das Speichersystem: Selbstheilung gibt es nicht, nur durch Speichern erhält die Figur Energie zurück. Speichern geht aber nur an bestimmten Punkten und sorgt dafür, dass sofort alle bereits besiegten Gegner auf dem ganzen Planeten wieder da sind. Sollen ditte?

Dadurch kämpft man sich teils ein halbes Dutzend mal durch die immer gleichen Gegnergruppen, die einfach ständig wieder auferstehen. Diese Art von Spielmechaniken hätte es nicht gebraucht. Ja, es ist schön, dass EA endlich wieder ein Einzelspieler-Star-Wars-Spiel ohne Mikrotransaktionen und Multiplayergehampel gemacht hat – aber es fehlt leider an Richtung und Polishing.

Das ich aus „Fallen Order“ dann doch zufrieden rausging, liegt an dem grandiosen Ende der Geschichte. Nach einem laaaaangen Hänger in der Mitte dreht das Spiel auf die letzten Stunden storytechnisch so auf, dass man aus dem Staunen kaum raus kommt. Zumindest, wenn man keine Werbung gesehen hat. In den USA hat Electronic Arts es nämlich geschafft, in einem 10 sekündigen Werbespot das Ende zu spoilern.

In der Summe: Souls-like mag ich nicht, und auch davon abgesehen ist „Fallen Order“ kein Spitzenspiel. Die Dark-Souls- und Castlevania-Elemente hätte es nicht gebraucht, eine linearere Story wäre hier keine Schande gewesen. Aber es ist gut und unterhaltsam, und das ist ja mehr als es gefühlt seit „Force Unleashed“ (2008) gab .

Control [PS4]

Jessie hat rote Haare und geht in ein Gebäude. Mehr weiß man anfangs nicht. In dem Betonhochhaus liegt ein toter Mann rum. Als sie die Waffe nimmt, mit der der Mann sich erschossen hat, ist Jessie plötzlich Direktorin des FBC, des Federal Bureau of Control. Diese Behörde kümmert sich eigentlich im Stil der „Men in Black“ um übersinnliche Phänomene, ist aber leider gerade selbst von einem überrannt worden. Jessie beginnt die leeren Korridore des FBC zu erkunden. Das sich das Gebäude über mehrere Dimensionen erstreckt und ständig seine Form ändert, macht die Sache nicht einfacher.

Ok, die Story löst erst einmal „Hä?!“ aus, aber sowas erwartet man von Remedy schon fast. Das Studio hat sich nach den simplen Geschichten um „Max Payne“ deutlich emanzipiert, mit Werken wie „Alan Wake“ und zuletzt „Quantum Brake“ erzählen die Finnen komplizierte und interessante Geschichten im Medium Spiel. Feste Bestandteile sind ganz viel Atmosphäre, übersinnliche Elemente und Gameplayelemente, die über reines Shootern hinausgingen.

„Control“ ist ein weiterer Evolutionsschritt dieser Formel und pfeift mit der Wahl eines Schauplatzes gleich mal auf die Regeln von Physik und Realität. Das ist ebenso originell wie anders, fällt aber über seine eigenen Füße: Viel zu lange weiß man von der Hauptfigur nicht mehr, als das sie rote Haare hat. Zwar wird die Geschichte irgendwann hinreichend befriedigend aufgelöst, bis dahin aber über Dutzende (gefühlt: Hunderte) Textdokumente angereichert, die zu lesen sehr sinnvoll ist um zu verstehen was passiert. In den Textwüsten gibt es grandiose Ideen, wie die, dass Jessies „Dienstwaffe“, die sie zur Direktorin auserwählt hat, in früheren Zeiten andere Formen hatte – das Schwert Excalibur, oder davor eine heilige Wikingeraxt.

Das Gameplay ist mäßig originell, spielt sich aber ganz OK – zumindest so lange, wie auf dem Bildschirm nicht zu viel los ist. Nahezu jedes Umgebungsobjekt lässt sich zerstören oder als Waffe benutzen, Gegner und Jessie selbst können irgendwann fliegen und jeder Waffeneinsatz löst Partikeleffekte aus. Für so ein Physik-Inferno braucht es massive Rechenpower, und die hat die PS4 nicht, zumindest nicht in der Standardversion. Darum bricht in Massenkämpfen die Framerate gelegentlich bis auf 10 Bilder pro Sekunde ein. Zum Glück ist das nach mittlerweile sieben Patches schon besser geworden, kurz nach Release war Control kaum spielbar.

Zu den Performanceproblemen kommen der nicht einstellbare und nicht dynamische Schwierigkeitsgrad, der stellenweise unangenehm und bei Nebenquest sogar überfordernd ist, endlose Ladezeiten, respawnende Gegner und Rücksetzpunkte, die oft Minuten vor dem letzten Ableben liegen. Keine Ahnung was sowas soll. Die Kombination aus bockschweren Gegnern, bei denen man quasi nach wenigen Sekunden ins Gras beißt, um dann minutenlang auf den (ruckelnden!) Ladebildschirm zu starren um danach wiederum minutenlang zum Gegner zurückzulaufen um DANN wieder nach Sekunden zu sterben – das ist kein Spiel, das mir persönlich Freude macht. Das ist unfair uns sperrig. Weniger offener Ansatz und mehr Linearität wäre auch hier schön gewesen.

Zusammengefasst: „Control“ ist ein faszinierendes und sperriges Werk. Man merkt, dass sich Remedy von Microsoft getrennt hat: Es fehlt das Polish einer Triple-A-Produktion, wie „Quantum Break“ eine war. Das interessante Setting und die komplexe Geschichte, die sich erst nach und nach entfaltet, gleichen die permanent ärgerlichen Schnitzer im Spieldesign zum Teil wieder aus, Geduld sollte man allerdings mitbringen.


Machen:
Die letzten Wochen des Jahres sind bis Monatsmitte traditionell etwas hektisch bei der Arbeit. Danach: Vorbereitung auf ein, äh, interessantes Projekt im Januar.


Neues Spielzeug:

Eine Mavic Air von DJI, Codename „Pica“. Ja, ich gehe jetzt auch unter die Drohnenpiloten. Also, sobald das Wetter besser ist.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (5): Abschiedstour durch die Toskana

Auf Sommerreise mit der V-Strom. Heute mit einer Pause in der Toskana.

Pfingstmontag, 10. bis Montag, 18. Juni 2019

Ich schlafe bis Mittags, tappe ein wenig in der Wohnung auf „I Papaveri“ herum, falle wieder um und schlafe weiter. Die letzten Tage, ach was, die letzten Wochen und Monate waren anstrengend, das signalisiert mir mein Körper jetzt sehr deutlich. Wenn er Gelegenheit zum Abschalten hat, macht er das auch, und bei mir bricht die angeborene Faulheit durch.

Erst am späten Nachmittag schaffe ich es mich aufzuraffen und in den Sattel der Barocca zu klettern. Ich fahre die Küste runter bis nach Venturina. In dem acht Kilometer entfernten Ort ist ein Geschäft der Telekom Italia Mobile, der TIM. Es ist Pfingstmontag, aber in Italien ist das kein Feiertag.

Zur Telekom muss ich, weil ich eine neue SIM brauche. Die Datenkarte, die ich seit drei Jahren nutze, wurde immer von einem Serviceunternehmen in Meran betreut. Denen konnte ich sagen was ich möchte, dann habe ich denen Geld per Paypal überwiesen und die haben dann für mich mein TIM-Kundenkonto benutzt und das richtige gebucht. Das machen die aber jetzt nicht mehr, wegen „EU“ und „Datenschutz“. Das ist eine dumme Ausrede und sehr schade – ich fand es immer toll, gegen 99 Euro für das ganze Jahr 50 GB Daten zur Hand zu haben, zumal das 4G Netz in Italien irrsinnig gut ausgebaut und schnell ist.

Das TIM-Kundenkonto selbst zu nutzen ist keine Option. Das fängt schon damit an, dass man aus dem Ausland kein Geld einzahlen kann. Offiziell geht das, aber sowohl Kreditkarten- als auch Paypalbezahlung mit ausländischen Konten werfen Fehlermeldungen, seit Jahren schon.

Mit dem Webservice „Xoom“ hätte ich es schaffen können die Blockade der TIM gegen Ausländer zu umgehen, aber ganz ehrlich: Ein Blick in das Backend meines TIM-Kundenkontos hat mich verzweifeln lassen. Es gibt keinen einfachen Knopf um die SIM-Karte für ein Jahr mit dem vorhergehenden Tarif zu verlängern. Stattdessen gibt es dutzende von Checkboxen und Schaltflächen, die versuchen einem tausend Optionen aufzuquatschen, alles auf Behördenitalienisch.

Dazu kommt, dass die Hälfte der Schaltflächen kaputt ist oder was ganz anderes tun als sie sollen. Die Gefahr ist hoch, mit einem unvorsichtigen Klick versehentlich einen Festnetzanschluss oder ein Faxgerät zu bestellen.

Immerhin gibt es seit diesem Jahr gibt es nun das Angebot „TIM Tourist“. Als Besucher erhält man darüber 15 GB, für 30 Euro. Das ist nicht schlecht, aber auch nur ein Mal buchbar und nur 30 Tage gültig. Egal, dieses Jahr bin ich nur ein Mal in Italien.

Die TIM-Niederlassung in Venturina ist modern eingerichtet. Zwischen Designermöbeln und Ausstellungsflächen mit den neuesten Smartphones stehen Monitore, auf denen lachende Menschen über den Bildschirm tanzen. Vor den Monitoren stehen wütende und aufgebrachte Menschen. Das überrascht mich nicht, sondern entspricht dem, was ich bislang über die Telekom gelesen habe. Deren Service ist unterirdisch, Unfähigkeit an der Tagesordnung, und zuständig ist sowieso niemand. Das ist sytembedingt. Die Angestellten hier im Laden tun nichts weiter, als mit toten Augen und traurigen Mienen zuzuhören und ab und an bedauernd den Kopf zu schütteln. Sie sind Notfallseelsorger für den Unfall namens TIM, wirklich machen können sie auch nichts. Einem besonders aufgebrachten Kunden wird sogar ein Telefon gereicht, damit er seinen Kampf mit der Telekom-Hotline persönlich ausfechten kann.

Als ich dran bin, lege ich einen Zettel auf den Tresen und ernte von der Angestellten einen irritierten Blick. Das Blatt Papier ist ein Ausdruck eines Gutscheins für die Touristenkarte. Habe ich schon zuhause gebucht und bezahlt.

Sie kennt das offensichtlich nicht, macht sich gleich aber erstmal im Backoffice schlau. Dort thront anscheinend eine Art graue Eminenz, die alles weiß und schon allein deshalb keinen Kontakt zu Kunden nötig hat. Ich höre schnelle Gespräche, dann kommt die Angestellte wieder, verlangt meinen Ausweis, kopiert ihn un und tippt dann in ihrem Computer rum. Dann tippt sie noch etwas länger im Computer rum.

Ein Kollege in TIM-Polohemd kommt mit besonders trauriger Miene vorbei und guckt, was sie da macht. Er besieht sich meinen Voucher, fährt die Logos darauf mit dem Finger ab und sagt. „Ach, guck. Ist ja toll, was wir alles so haben. 15 Gigabyte. 4G. Mit Whatsapp. Sogar mit SIM inklusive“.

Ja, das steht da. So hatte ich das im Internet auch verstanden: Alles inklusive, keine Extrakosten. Ich hatte allerdings in Foren auch gelesen, das insbesondere die TIM-Partneragenturen die SIM nicht ohne Extragebühr rausrücken, weil sie sonst nichts verdienen. Aber das hier ist ein Original TIM-Geschäft, die werden vom Staat bezahlt. Der traurige Typ geht wieder, die Frau tippt weiter im Computer rum. Dann noch länger. Dann sagt sie: „das macht 10 Euro für die SIM“.

„Ach“, sage ich. Ich drehe den Voucher zu mir und lese vor „Inclusiva data, whatsapp and SIM“. „Ach, sie haben da schon was für bezahlt?“, sagt die Frau. „Ja“, sage ich. „SIM kostet trotzdem extra“, sagt die Frau. „Nein, ist inklusive“, sage ich. „OK“, sagt die Frau und reicht mir eine SIM, die ich sofort untersuche.

Größe stimmt, 4G stimmt auch, PIN und PUK sind auch drauf. Sehr gut. „A posto“, sagt die Frau wieder, und „OK“. „Ok“ sage ich und will gehen. „Das macht 10 Euro“, sagt die Frau. Was soll denn das jetzt? Will die unbedingt Ärger oder was? „Aber im Internet stand, SIM Inclusive“, sage ich. Dann deute ich auf den Voucher, wo auch TIM SIM steht. Sie zuckt die Schultern und sagt „A Posto“. Das heißt so viel wie „in Ordnung“.

„A…. Posto…“, sage ich und drehe mich langsam Richtung Ausgang, wobei ich die Frau aus den Augenwinkeln im Blick behalte. „10 Euro“, sagt sie. Man, das GIBT ES doch nicht! Was denn nun? „In Ordnung“ oder 10 Euro? „Tutto insieme!“, sage ich. „A posto“, sagt die Frau. Ich wende mich zum Gehen. „10 Euro!“ ARGH!

In dem Moment dröhnt die graue Eminenz aus dem Back Office „ist inklusive!“ Die Angestellte zuckt mit den Schultern und geht weg. Ich rufe ihr und der grauen Eminenz im Back Office ein danke zu, dann stecke ich die SIM ein und flüchte. Meine Güte, bin ich froh italienisch zu sprechen, englisch kann hier nämlich vermutlich niemand und ich mag mir gar nicht ausmalen was für ein Drama dann diese seltsamen Verhandlungen gewesen wären.

Immerhin funktioniert die Karte auf Anhieb. Ich fummele die SIM in das kleine Gerät im Topcase, das Display leuchtet auf und „Connected“ erscheint. Internet! Yay! Ab jetzt ist die Barocca ein fahrender Accesspoint. Wir machen unser eigenes WLAN.

In den folgenden Tage dödele ich in der Toskana herum. Die Sonne scheint und es ist warm, meist um die 25 Grad, aber auch sehr windig. Am Strand von San Vincenzo zu liegen macht bei dem Wetter keinen Spaß, da wird man gesandstrahlt und der Sonnenschirm fliegt weg. Aber Nichtstun und Motorradfahren, das macht Spaß, und deshalb tue ich das sehr ausgiebig.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

Motorradsaison 2019: Top 3 gute Dinge

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Die Highlights (SIC!) des Jahres.

3. Rok Straps
Ein Packgurt mit einem elastischen Mittelteil, ein Klickverschluss, an jedem Ende eine Schlaufe. Mehr sind Rokstraps nicht, aber damit sind sie endlos praktisch und viel leichter zu handhaben als ein normaler Spanngurt. Statt endloser Rumfuddelei und losen Enden, die im Wind flattern, einfach drumschlingen, zusammenklicken, fertig. Egal ob die Gepäckrolle für die lange Reise gesichert wird oder nur der Einkauf vom Supermarkt auf die Rückbank soll, Rokstraps befestigen alles, schnell und unkompliziert. Durch den elastischen Gummiteil halten sie die Spannung und lösen sich nicht. Und notfalls kann man damit sogar das Mopped auf einer Fähre sichern. Ich habe mittlerweile je einen als zusätzlich Sicherung um Koffer und Topcase.

2. Sena Prism Tube Wifi
Ich bringe gerne Videos von Fahrten mit zurück. Dafür nutzte ich bislang am Liebsten die wasserdichte VIRBE XE. Die ist aber zu klobig um sie seitlich am Helm zu befestigen, und AUF den Helm werde ich sie mir nicht kleben – ich bin doch kein Teletubbie!

Auftritt der Prism Tube Wifi. Eine simple und winzige Kamera. Ist nicht wasserdicht (Hersteller: „Wasserbeständig“, haha!) und kann nichts als Videos aufzeichnen (2K). Das Bild ist besser als die FullHD-Virb XE, aber doch am Ende lediglich gut – Bitrate und Farben sind zwar okay, aber für meinen Geschmack ist alles zu überschärft.

Der Charme der Prism Tube liegt aber woanders, nämlich in der Form, der Bedienung und dem Durchhaltevermögen. Die Kamera ist zylinderförmig und schlank und fällt am Helm nicht auf. Der Akku hält gefühlt endlos, die zwei Stunden, die der Hersteller angibt, sind nicht maßlos übertrieben. Das Tollste: Sie hat nur ein Bedienelement, einen umlaufenden Ring. Wird der nach vorne gezogen, zeichnet sie auf. Alle anderen Einstellungen nimmt man über eine App vor, wobei es da auch kaum Optionen gibt. Aufzeichnen, mehr kann die Prism Tube nicht, aber das macht sie über Stunden und zuverlässig. Vlogger können sich noch Lautsprecher und Mikro in den Helm kleben und damit Tagebuch sprechen.

Ähnlich puristisch ist das Zubehör: Es gibt nur eine Klebehalterung für einen Helm, für andere Anwendungen gibt´s nichts und nicht mal eine zweite Helmhalterung bekommt man einzeln. Schade, aber weil mir das Ding so großen Spaß macht, reicht´s noch für Platz 2.

1. Osram Nightracer 110
Die Nightracer-Serie sind H4/H7-Leuchtmittel, die Hersteller Osram mit einer signifikant höheren Lichtausbeute bewirbt. Die geht allerdings auf Kosten der Lebenszeit. Nachdem ich nun zwei Jahre lang mit Nightracer 50 (50 Prozent mehr Licht, leicht reduzierte Lebensdauer) gefahren bin, folgte im April der Umstieg auf die Nightracer 110 (110 Prozent mehr Licht, signifikant verkürzte Lebensdauer).

Ob die 110 Prozent stimmen, weiß ich nicht. Die Leuchtmittel sind aber tatsächlich wesentlich heller und weißer als die Standard-H4-Lampen in V-Strom und ZZR, gegen das Licht der Nightracer wirken die Standardbirnen wie Funzeln. Man sieht damit definitiv mehr und wird auch besser gesehen. In der Suzuki haben die Lampen selbst die an Erschütterungen nicht armen Fahrten im Sommer gut überstanden. Die verkürzte Lebensdauer ficht mich nicht an. Sollte die Lampe doch mal auf Reisen ausfallen, spielt das keine Rolle. Die V-Strom hat ohnehin zwei Scheinwerfer, eben für den Fall, dass einer ausfällt, und ist so gebaut, dass man die Lampen per Hand und ohne Demontage von Leuchte oder Verkleidung hinbekommt.

Einfaches und effizientes „tuning“ für läppische 12 Euro pro Lampe. Mehr Sicherheit für praktisch kein Geld: Das ist ein verdienter Platz Nummer 1.

Kategorien: Motorrad | 10 Kommentare

Motorradsaison 2019: Flop 3 Ärgernisse

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Das Schlechteste des Jahres 2019.

3. Daytona Road Stars in der falschen Größe
Daytona Stiefel sind toll, aber nur wenn sie passen. Eine Nummer zu groß, und sie sind Hölle auf Erden. Immerhin: Es lag nicht an ihnen, es lag an mir. Ich habe gerade bei allem Zwischengrößen. Egal ob Stiefel, Jacke oder Hose: In einer Nummer sind sie zu klein, eine Nummer größer fallen sie mir vom Hintern. Schlimm.

2. ProAntis Handschuhe
Handschuhe einer chinesischen „Marke“ bei einem dieser schnellwachsenden Onlineversender bestellt, ausgepackt, angeguckt, weggeschmissen.

Es gibt Dutzende Motorradfahrer, die in Foren vom „tollen Griffgefühl“ und „ausgezeichneter Lüftung“ schwärmen. Da möchte ich mal fragen: Was stimmt mit Euch nicht? Fahrt ihr nur ein Mal im Jahr zur Eisdiele, oder wie kommt ihr zu dem Urteil?

Ja klar haben die Handschuhe ein tolles Griffgefühl. Ist ja auch kein Wunder, wenn die Handfläche aus milimeterdünnem Kunstleder besteht. Ja klar haben die eine tolle Lüftung. Ist auch kein Wunder, wenn die Nähte praktisch nur aufgemalt sind und schon nach der zweiten Benutzung aufgehen. Dazu kommt ein Knöchelschutz der aussieht wie Carbon, aber aus billigster Plaste besteht, die man mit den Fingern eindrücken kann. Die Schutzwirkung dieser Dinger dürfte irgendwo zwischen „nicht vorhanden“ und „ähnlich eines selbstgehäkelten Topflappens“ liegen. Zum Moppedfahren sollte man sowas auf keinen Fall tragen.

Ich habe dann noch versucht sie zum Radfahren zu verwenden und stellte dabei fest, dass die Teile abfärben und nach der dritten Benutzung völlig auseinanderfallen. SchlimmSchlimm.

1. Tieferlegung der V-Strom
Ich habe die Tieferlegung der Suzuki zwei Jahre lang ziemlich abgefeiert, ermöglicht sie mir doch mit 1,70 Körpergröße die große Maschine sicher zu rangieren. Dafür musste ich Kompromisse eingehen: Der Seitenständer war verstümmelt, der Hauptständer musste demontiert werden, der Motorschutz passte nicht mehr drunter und in scharfen Kurven setzte die Maschine mit Seitenständer oder Auspuff auf. Habe ich alles ertragen. In diesem Jahr ist mir dann aber doch der Arsch geplatzt, als die Maschine an moderaten Kanten hängen blieb und die Umlenkhebel bei Bodenwellen aufsetzten. Nee, so nicht. Raus damit!

Kategorien: Motorrad | 6 Kommentare

Familiäre Dialoge -XI-

Vatern: „….Das ist Körperverletzung! Ganz klar! Da kann ich die für anzeigen! Das ist Nötigung! Da führt gar kein Weg drum rum, das können die nicht so machen!“

Ich: „Ja Vater, Du wetterst jetzt schon seit 15 Minuten darüber, dass dir dein Arzt Tabletten verschrieben hat, die Pickel machen. Aber meine eigentliche Frage war: Wie geht´s Dir?“

„Sohn, wie soll´s mir schon gehen! Denk doch mal nach! Es ist Weihnachten! Ich bin gerade erst nach Hause gekommen!“

„Wo warst Du denn?“

„Wo soll ich wohl gewesen sein, am 24. Dezember! Ich war natürlich einkaufen!“

„Du warst am 24. einkaufen.“

„Ja nun, da führt kein Weg drum rum! Wenn da so Sachen ausgehen, dann muss ich die halt besorgen.“

„Könnte man auch vorher machen.“

„Das weiß doch vorher keiner was da so ausgeht! Wie soll das denn gehen? Jedenfalls musste ich erst zur Post, wegen so einem Paket. Und dann zur REWE und dann zu Aldi und dann in den Baumarkt in der großen Stadt und dann…“

„Das hast Du alles HEUTE gemacht? WARUM?“

„Mensch Sohn, hör doch mal zu wenn ich Dir was erzähle! WEIL ICH EINKAUFEN MUSSTE! WEIL SACHEN AUS WAREN!“

„Was denn für… Sachen?“

„Naja so spezielle Äpfel halt die es nur in der großen Stadt gibt. Die sind speziell.“

„Damit sind sie nicht allein.“

„Ich muss jetzt auch ganz dringend wieder los. Frohes Fest und so“

„Dir auch.“

Es ist 12:30 Uhr. Vermutlich muss er ganz dringend nochmal los, weil er im Baumarkt was vergessen hat.

Frühere Dialoge:
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | Hinterlasse einen Kommentar

Unweihnachtlich

Seltsam unweihnachtlich ist es in diesem Jahr im Hause Silencer.

Ich kam Ende November von einer Reise zurück und trage seither das Gefühl mit mir herum, dass jetzt eigentlich Januar sein und dieses ganze Weihnachtskram doch lange vorbei sein müsste. Das ist vermutlich das größte Jetlag, was jemals jemand hatte: Das Gefühl, dass hier nicht um ein paar Stunden was nicht stimmt, sondern um zwei Monate.

Wie dem auch sei, ich fühle mich dieses Jahr unweihnachtlich und zelebriere das auch. Kein Weihnachtsbaum, dafür eine blühende Agathe. Keine ausufernden Weihnachtsbesuche, sondern nur den wichtigsten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich nicht darüber freue, dass so viele von Euch an mich gedacht haben – die Anzahl an Karten, Mails und was hier sonst noch so in den vergangenen Tagen eintrudelte ist erstaunlich. Ihr seid die Besten!

Und auch wenn eigentlich Januar ist: Euch allen ruhige Festtage!

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Die dicke Agathe 2019

Elf Monate im Jahr steht der große Blumentopf im Weg. Den hat der Vormieter hier zurückgelassen. Was über seinen Rand hängt (des Blumentopfes, nicht des Vormieters), sieht unansehnlich aus: Knotige, fleischige Auswüchse hängen wie rheumatöse Finger schlapp herunter. Farblich erinnert dieses Gekröse an einen Smoothie aus Erbsen und Blattspinat, den jemand drei Wochen im Kühlschrank vergessen hat. Kein schöner Anblick also.

Ich habe das augenbeleidigende Grünzeug Agathe getauft und weil sie so groß ist, ist es eben die dicke Agathe. Ich habe sie bislang nicht entsorgt, denn ein Mal im Jahr sieht das hässliche Gewächs plötzlich so aus: Wie ein wunderschöner, knallbunter Wasserfall aus exotischen Blüten!

Die Haustiere lieben Agathe in dem Zustand.

Bleibt die Frage: Woher weiß so ein Weihnachtskaktus wann Weihnachten ist?

Die dicke Agathe 2018
Die dicke Agathe 2017

Kategorien: Gnadenloses Leben | 4 Kommentare

Reisetagebuch Motorradtour 2019 (4): Motorrad-Tourette

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einer Traumfrau, einem räuberischem Fürstentum und vielen Kraftausdrücken.

Sonntag, 09. Juni 2019, Asprémont, Frankreich

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Ein gewaltiger Donner rollt durch die Täler hinter Nizza. Das Gewitter muss direkt über Asprémont sein, Regen trommelt auf das Dach des Hotels.

Ich blicke auf die Uhr. Kurz nach 4. Ich versuche noch einmal einzuschlafen, aber so ganz will mir das nicht gelingen, draußen kracht und rumpelt es im Sekundentakt. Wieso gibt es überhaupt Gewitter, also, jetzt? Gestern Abend war davon nicht zu sehen.

Nach zwei schlaflosen Stunden werfe ich um kurz vor sechs einen Blick auf die Wetterkarte. Darauf ist zu sehen, wie sich gegen zwei Uhr nachts praktisch spontan und aus dem Nichts ein Tiefdruckgebiet gebildet hat, direkt über Asprémont. Und nicht nur das: Ab sieben Uhr wird es weiterziehen, und zwar exakt auf meiner Reiseroute und auch nur da. Ich bin wohl doch ein Wettergott.

Ächzend quäle ich mich aus dem Bett. Meine Füße tun immer noch weh. Die Blasenpflaster werfen jetzt selbst monströse Blasen, während sie versuchen die nässenden Löcher in meinen Fersen abzudecken.

Es ist Pfingstsonntag, aber selbst heute und um kurz vor sieben Uhr ist Sabine schon wach und unterwegs. Während ich die Koffer zum Motorrad trage, höre ich die Sächsin in der Küche werkeln.

Die Barocca durfte die Nacht über auf der Terrasse stehen und ist noch nass vom Wolkenbruch. Nass und… dreckig? Tatsächlich. Der Regen war voller Sand. Wüstenstaub, wahrscheinlich. Den hat wohl der Mistral Scirocco, wie man in Frankreich den starken Wind aus Süden nennt, aus Afrika rübergeweht. Das schwarze Motorrad hat nun ein sandfarbenes Tupfenmuster und sieht aus, als wäre es gerade eine Wüstenrallye gefahren.

Ich hänge die Koffer an das Motorrad und schiebe es vor das Tor, dann leiste ich Sabine an der Kaffeebar im Erdgeschoss ihres Hotels Gesellschaft. Die Leipzigerin trägt heute Morgen das platinblonde Haar zu einem Pferdeschanz gebunden. Zusammen mit einer ärmellosen, weißen und tief dekolletierten Bluse sieht sie ein wenig aus wie ein Filmstar aus den Fünfzigern.

Gerade schraubt und schaltet sie an einer schrankwandgroßen Espressomaschine herum. „Die braucht noch einen Moment zum Aufwärmen, aber ich habe uns schon mal deutschen Kaffee gemacht“, sagt sie und gießt mir einen Filterkaffee ein. Ich habe kein Frühstück gebucht, aber ohne einen Kaffee auf den Weg lässt sie mich nicht weg. Der Preis dafür ist eine kleine Plauderei, und Sabine kann ohne Punkt und Komma reden.

Da habe ich aber überhaupt nichts gegen, denn sie ist eine sehr angenehme Gesellschaft und eine kluge und erfahrene Frau, von der man selbst in kurzen Gesprächen viel lernen. Die Hotelierin war nach der Wende als Reiseleiterin mit „Studiosus“ in ganz Europa unterwegs, spricht mehrere Sprachen fließend und hat letztlich der Liebe wegen in Asprémont Wurzeln geschlagen.

Sie hat mir vor drei Jahren bei einem kurzen Frühstückskaffee mehr über Frankreich beigebracht als Ulrich Wickert in drei Büchern. Die er übrigens, zumindest zum Teil, genau hier verfasst hat: An dem Fenstertisch da hinten rechts, im Restaurant in diesem Hotel.

„Wissen sie“, sagt Sabine, „ich komme mir hier gerade vor wie in einer Diktatur. Ich bin in eine Diktatur hineingeboren worden und manchmal fühlt es sich so an, als sei ich nie aus der DDR rausgekommen.“

Jetzt sind sie aber ein wenig hart“, sage ich und nippe am Kaffee. „Nein, gar nicht“, sagt sie. „Ich meine das ernst. Ein Beispiel: Die Gelbwestenproteste, davon hat man doch plötzlich nichts mehr in den Medien gehört, oder? Die waren von jetzt auf gleich kein Thema mehr in den Nachrichten.“ Da hat sie recht. „Wissen sie, warum?“, fragt sie.
Ich schüttele den Kopf.

„Weil die französische Regierung das Militär gegen die Demonstranten eingesetzt hat! Hier in Nizza hatte die Bewegung ja ihren Ausgangspunkt, und hier ist allen Ernstes das Militär aufmarschiert, im Verhältnis fünf zu eins. Die Soldaten haben dann nichts gemacht, die standen nur zu Hunderten am Rande der Kundgebungen mit umgehängten Waffen, aber alleine ihre Präsenz war so einschüchternd, dass die Gelbwesten weggeblieben sind.“

Sabine gießt sich selbst einen Kaffee ein und reicht mir ein Körbchen über den Tresen „Hier, nehmen Sie ein Schokocroissant. Ach, es ist gerade kompliziert. Überall. Ich habe ja gute Freunde in Russland und mache da regelmäßig Urlaub, auch im Winter. Gerne auch mal weiter im Osten, am Baikalsee und so. Wussten sie, das Russland das christliche Land mit den meisten Muslimen ist?“
Ich mümmele am Schokocroissant herum und mache „ne“.

„Aber die machen das anders, statt Integration setzt Russland auf Enklaven. Jeder für sich. Es gibt prachtvolle muslimische Städte in Russland, bewohnt nur von Muslimen. Die werden dort auch völlig in Ruhe gelassen. Aber wenn von dort jemand nach Moskau will, dann wird er sehr genau kontrolliert. Und das funktioniert, es ist alles friedlich.“

Na, ich weiß ja nicht. Egal ob man es Enklave nennt oder die kleinere Version davon Ghetto: Die Isolation von Bevölkerungsgruppen war noch nie eine gute Idee. Mir ist eine integrierte Gesellschaft lieber, und das sage ich ihr auch.

Sabine guckt kurz in die Ferne, dann sagt sie „Naja, jedenfalls: Ich bin der Meinung, dass einer der Hauptfehler der EU die überhastete Osterweiterung war.“

Ich nicke. Das denke ich auch. Sie fährt fort: „Man hätte erstmal eine Nord- und eine Süd-EU machen sollen, und erst dann vielleicht eine separate Ost-EU, und dann alles langsam annähern. Der zweite Fehler der EU ist dieses bedingungslose Festhalten an den USA und das Verteufeln von Putin. Man mag denken was man will, aber durch die Abschottung des Westens steuert Putin jetzt Russland in Richtung China. Auch die Mongolei orientiert sich an China. Das sind starke Partner, da kann Europa nicht gegen an, dafür ist es einfach zu klein. Europa wird zerrieben, und in Italien nimmt es gerade seinen Anfang.“ „Die neue Seidenstraße?“, frage ich und nehme noch einen Schluck Kaffee.

Sabine nickt. „Genau, die neue Seidenstraße. Der Hafen von Triest ist schon komplett an die Chinesen verkauft, und aktuell diskutiert man, ob auch Genua und einige andere Häfen und Infrastrukturprojekte wie Brücken oder Straßen von den Chinesen übernommen werden sollen. Der Faschist Salvini, der tut ja immer so als wäre er Patriot, aber er betreibt gerade einen Ausverkauf seines Landes. 340 Milliarden pro Jahr, so munkelt man, soll China nach Italien bringen. Verstehen sie, was das heißt?“, fragt Sabine mit finsterer Miene.

Ich überlege. Dann geht mir ein Licht auf. „Bei der Menge an Geld… braucht Salvini die EU nicht mehr.“ Sabine lächelt grimmig. „Ganz genau. Salvini macht seinen rechtspopulistischen Schwachsinn wahr und zeigt der EU den Finger, und das kann er, weil er sich an die Chinesen prostituiert.“

Alter Falter. Das war mir gar nicht bewusst. Reisen bildet, auch politisch. Und meine Güte, wie toll ist diese Frau eigentlich, dass die mir quasi so nebenbei in 10 Minuten die Weltpolitik erklären kann? Ich glaube, ich bin verliebt.

In dem Moment rollt wieder ein Donnergrollen durch das Tal. Wolken ziehen rasant schnell an der Fensterfront des Frühstücksraums vorbei.

„Verdammt, das ist die Nachhut des Gewitters“, sage ich und trinke den Rest Kaffee in einem Schluck aus. „Ich muss los, so Leid mir das auch tut“.
Sabine begleitet mich zum Motorrad. Erste Regentropfen beginnen zu fallen. „Sie kommen aber wieder, oder?“, fragt sie.
„Aber sicher“, sage ich, „aber nur wenn Sie dann noch hier sind, Sabine“.- Sie lächelt und eilt zurück ins Hotel, wo die ersten Gäste schlaftrunken in die Lobby wanken.

Ich hoffe sehr, dass ich diese außergewöhnliche Frau tatsächlich noch einmal wieder sehen werde.

Der Regen legt jetzt so richtig los. Ich ziehe Regenhose und -Jacke aus dem Seitenkoffer und versuche mich da hineinzwinden. Gar nicht so einfach, in voller Schutzkleidung den Einstieg in die Regenklamotten hin zu bekommen. Ich verhake mich erst beim Anziehen im Innenfutter der Hose und hüpfe fluchend auf einem Bein im Kreis bis ich fast umfalle, dann vernüddelt sich der Ärmel der Jacke irgendwo hinter meinem Rücken. Würde man diese Nummer aufzeichnen und das Video rückwärts ablaufen lassen, sehe ich vermutlich aus wie Houdini, der sich aus einer Zwangsjacke befreit. So sehe ich nur aus wie ein Depp.

Zu den Regenklamotten, die mich gerade ärgern, kommt die Luft: Es sind 24 Grad, sagt das Thermometer, und die Luftfeuchtigkeit ist tropisch. In solcher Luft fällt das Atmen schwer, und ich schwitze schon wieder wie ein Üchel.

Als endlich alles sitzt, hört der Regen so abrupt auf wie er begonnen hat. Leicht fassungslos gucke ich zum Himmel und denke laut „Arschloch“. Halb aus Trotz und halb aus der Befürchtung, das ich den Regen gleich wieder einhole, behalte ich die Regenklamotten an.

Ich steuere das Motorrad über die nassen Straßen und aus den Bergen hinab in die Großstadt. Eigentlich möchte ich da nicht hin, aber um aus Asprémont weg zu kommen muss ich hinab ins Tal, durch die Stadt und dann über eine weitere Bergkette wieder raus.

Wer sich heute morgen selbst übertrifft, ist meine virtuelle Copilotin. Motorrad-KI Anna hat Sprachalgorithmen, die auf lokalen Informationen rumrechnen, um möglichst natürliche Anweisungen geben zu können. Für Nizza gibt es davon offensichtlich sehr viele, und die nutzt sie reichlich. Ich bin erstaunt als ich ein ums andere Mal Sätze höre wie „Biegen sie am verspiegelten Gebäude links ab“ oder „An der Ampel vor dem würfelförmigem Gebäude rechts“ oder „Neben dem Kiosk rechts rein“ höre. Es ist wirklich so als hätte ich eine echte Beifahrerin in meinem Helm, die mir unerschütterlich ruhig ins Ohr wispert wo ich hin muss.

Die Barocca rollt durch die Straßen von Nizza. Es ist ja erst halb acht am Sonntag, deshalb gibt es noch keinen Stau, aber es ist doch schon mehr los als ich gedacht hätte. Autos und Motorroller flitzen durch die Straßen, und auch Fußgänger sind schon unterwegs.

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Geliebte Feindin: Auf Kriegsfuß mit der Pinlock-Scheibe

Ich bin ein großer Fan von Pinlock. Das ist ein System für Motorradhelme und besteht aus zwei Teilen: Einer Halterung und einer Scheibe.

Die Halterung, das sind zwei kleine Nöppel links und rechts im Inneren eines Motorradvisiers. Zwischen die beiden Nöppeln wird eine durchsichtige Scheibe, das Pinlock-Visier, gespannt. Das sitzt dann bombenfest auf der Innenseite des eigentlichen Visiers.

Der Trick ist nun: Die Pinlockscheibe hat eine hauchfeine, umlaufende Silikonlippe, so dass zwischen Außen- und Pinlockvisier ein kleiner Spalt bleibt.

Dieser Spalt zwischen den Visieren ist luftdicht und dadurch, DamenundHerren, kann der Helm nicht mehr von Innen beschlagen! Ganz egal wie warm oder kalt oder nass es ist und wieviel man im Helm rumatmet: Das Visier beschlägt nicht mehr.

Fantastisch, oder? Ich liebe Pinlock und fahre nicht mehr ohne. Ich habe schon genug damit zu kämpfen, das die Brille unter extremen Bedingungen beschlägt, da soll wenigstens das Visier verlässlich freie Sicht bieten.

Das Problem bei der Sache, und dafür hasse ich Pinlock inbrünstig: Die Scheiben sind irrsinnig empfindlich und sehr teuer.

Ich hatte es nun schon zwei Mal, dass frisch gekaufte Pinlockscheiben heftige Kratzer aufwiesen. Kratzer zu produzieren geht schnell: Die Scheiben sind aus hauchdünnem und leicht beschichtetem Kunststoff gefertigt und nur auf einer Seite mit einer Schutzfolie versehen.

Im Versand beim Einpacken mit langen Fingernägeln angefasst oder im Motorradgeschäft im Lager einen Karton drauf abgestellt und ZACK, Kratzer. Das Dumme ist: Die Kratzer kann man vor dem Kauf im Geschäft nicht sehen, denn auf einer (und NUR einer) Seite klebt eine Schutzfolie, durch die man kleine Kratzer nicht erkennen kann.

Bei einem Helmvisier sorgen aber selbst allerkleinste Kratzer im Sichtfeld dafür, dass das Licht gebrochen wird und man nichts mehr sieht. Dazu kommt, dass die flimmsigen Plastescheiben kein Wegwerfartikel sind. Über dreißig Euro kostet ein neues Pinlock! Also wirklich NUR die Innenscheibe, das eigentlich Helmvisier schlägt nochmal mit 40 bis 50 Euro zu buche.

Sonnenvsier, Pinlock und normales Visier des Motorradhelms. Die paar Plastikteile kosten zusammen über 100 Euro. Die alle paar Jahre auszutauschen ist aber Pflicht, wegen der Sicherheit.

Ich kaufe die Dinger immer dann, wenn Louis oder Polo gerade Rabattaktionen haben, und lege mir die auf Vorrat ins Regal. Mitsamt Kassenbon, um sie – falls ich beim Einbau feststelle, dass sie verkratzt sind – wieder umtauschen zu können. Das hat bisher auch immer geklappt, nur eine Louis-Mitarbeiterin war mal am Rumnöckeln „Den Kratzer haste ja vielleicht selbst reingemacht“.

Hatte ich nicht, aber natürlich hat die Dame recht: Hätte sein können. Denn natürlich kann man auch beim Einbau (den man bei Louis auch vom Personal vornehmen lassen kann) Kratzer hinterlassen.

Meine Spezialität beim Einbau ist aber eine andere. Pinlockscheiben sind nämlich nicht nur kratzempfindlich, auf ihnen bleibt auch Hautfett zurück, und das bekommt man nicht mehr ab.

Vor zwei Jahren habe ich es geschafft, beim prüfenden Blick durch ein frisch eingebautes Pinlock einen Nasenabdruck auf der Scheibe zu hinterlassen. Hautfett auf Helmvisier, das wirft beim Durchgucken Regenbogenfarben. Dennoch blieb der Nasenabdruck da, denn wenn man versucht ein Pinlockvisier zu reinigen, verkratzt man es sofort mit mikroskopischen kleinen Kratzern, die das Licht noch schlimmer brechen.

Beim Visierbau in diesem Jahr war ich gaaaaanz vorsichtig. Ich habe mit der Nase weiten Abstand gewahrt und sogar Latexhandschuhe angezogen, um keine bloß Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nun muss man aber für den Einbau sehr beherzt das äußere Helmvisier auseinanderbiegen und gleichzeitig die Pinlockscheibe in die Nöppel fummeln. Dafür braucht man entweder drei Hände oder man nimmt den Ellenbogen zur Hilfe.

Es kam, wie es kommen musste: Einmal kurz abgerutscht, schon hatte ich den Abdruck meines Ellenbogens auf dem Pinlock hinterlassen. Ich habe dann gaaanz vorsichtig versucht mit Seifenlauge und dem zartesten aller vierlagigen Tissues den Fettfleck weg zu bekommen, aber ohne Erfolg. Die fettige Stelle blieb, wo das Tüchlein das Pinlock berührte, blieben Mikrokratzer zurück. Dreißig Euro für die Tonne.

Also eine neue Pinlockscheibe gekauft und eingebaut, dabei Nase, Ellenbogen und Finger gut verhüllt und die Schutzfolie erst nach dem Einbau abgezogen und bemerkt: DIESES Pinlock ist wohl zu warm gelagert worden. Die Schutzfolie hat einen blasigen, kaum sichtbaren Schleier hinterlassen. Das ist noch eine ganz neue Dimension von Arschigkeit. Außerdem sind an einer Stelle Kratzer, als wäre da was drübergeschabt. Ärgerlich, aber wenigstens sind die Kratzer außerhalb des Sichtfelds, und wegen des Schleiers habe jetzt keinen Nerv mit dem Geschäft rumzudiskutieren.

Also: Pinlock ist vom Prinzip her eine tolle Sache, beschlagfreie Sicht will ich nicht missen. Aber die Pinlockscheibe als solche ist ein garstiges Mistvieh, unverschämt teuer und praktisch sofort kaputt, wenn man sie auspackt oder scharf anguckt. Ihre Konstrukteure seien geheiligt und sollen in der Hölle schmoren.

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Postapotheke XS

„Nein, das geht so nicht mehr“, klärt die Apothekerin den Typen auf. Die Apothekerin steht hinter ihrem gelben Schalter, sie macht nämlich auch Postfiliale.
Weißer Schalter: Apotheke.
Gelber Schalter: Post.
Nicht verwechseln.

Der Typ steht vor mir am gelben Schalter. Er trägt einen Hipsterbart. Die Augen hinter den bierdeckelgroßen Brillengläsern gucken verständnislos, eine Hand zuppelt nervös an seiner Barbourjacke rum.

„Das ist kein Brief“, erklärt die Apothekerin, „In einen Brief dürfen nur Dokumente. Sobald da was anderes drin ist, ist das kein Brief.“ Der Typ guckt auf den deformierten Briefumschlag, der mehr würfelförmig als flach ist. Offenkundig keine Dokumente.

Die Erfahrung, die der Typ gerade macht, hatte ich vor einigen Wochen auch. Wollte man früher was ins Ausland versenden und es passte in einen Briefumschlag – eine DVD, eine Tafelschokolade, was man halt zu Weihnachten so verschickt – dann war das ein internationaler Maxibrief.

Seit 01.01.19 gilt das aber nicht mehr. Jetzt darf in den Brief nur noch Papier, alles andere ist eine Warensendung. Ist wirklich völlig absurd: Die Chinesen schicken alles bis zur Größe eines Wagenhebers als Brief für 3 Cent um den halben Globus, aber innerhalb der EU dürfen Briefe nichts als gefaltetes Papier enthalten.

Für Privatkunden hat sich die Post als neue Alternative „Päckchen XS“ ausgedacht. Das doofe ist nur: Das gibt es nicht zu kaufen. Zumindest nicht als Produkt in der DHL-Filiale. Das Päckchen XS kann man nur online klicken, für 4,89 Euro ohne Tracking. Hat mir meine DHL-Frau verraten. Die ist nämlich eine Gute.

Anders als die Apothekerin. Die ist es ja eh gewohnt Leuten absurd überteuerte Sachen anzudrehen. „Das müssen se als Päckchen international aufgeben, macht 9 Euro pro Stück. Wenn Sie wollen, dass das wirklich ankommen, machen Sie Paket international. Mit Sendungsverfolgung, kostet 17,99 Euro das Stück.“

Der Typ überlegt. Ich tappe ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Ich habe nur ein vorfrankiertes Päckchen und bin in Eile. Dann sagt der Typ resigniert „Na gut“. Er stutzt kurz und sagt „Und die hier dann auch“ und dreht sich zur Seite. Ich luge um einen Aufsteller mit Salbeibobons herum. Neben dem Typen stehen drei große Umzugskartons auf dem Boden, voll deformierten Umschlägen. Das müssen mindestens 100 Stück sein.

Die Apothekerin lächelt.
Ich drehe auf dem Absatz um und verlasse die Apothekenpost.

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Schön war aus (3)

Nach der Barocca und der Renaissance hat auch das Kleine Gelbe Auto tatsächlich noch einmal die schmutzig-gelbe und Plakette bekommen.

Es ölt zwar ein wenig herum und hat Wasser im Blinker, aber noch trennt uns die Hauptuntersuchung nicht. So hässlich die Farbe der Plakette auch sein mag: Das freut mich sehr.
Damit wäre dann der Fuhrpark für dieses Jahr abgefrühstückt.

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Marie Frederiksson

Ach, Marie Frederiksson. Die Schwedin war meine erste große Popstar-Liebe.

Es war 1989, ich war 14 und sah auf MTV das Video zu „The Look“, wo Frederiksson mit blonder Kurzhaarfrisur in einer typischen 80er-Jahre-Kulisse stand und zusammen mit Per Gessle als Roxette ordentlich ablieferte.

Das Album „Look Sharp!“ wurde meine allererste CD, und irgendwann hatte ich auch das VHS-Video zur Livetour zu Hause. Je mehr ich von Marie Frederiksson hörte und sah, desto verzauberter war ich von ihr.

Marie Frederiksson verkörperte, auf und abseits der Bühne, einen Typ Frau, der stark, unabhängig, intelligent und voller Power ist („Dressed for Success“), die keinen Mann oder Partner braucht („Dangerous“), aber trotzdem innig und manchmal unglücklich lieben kann („Listen to your Heart“) und tief trauert, wenn das Unausweichliche passiert und alles vorbei ist („It must have been Love“).

Diese Ausstrahlung einer starken und intelligenten Frau zieht mich bis heute unwiderstehlich an, damals haute sie mich komplett aus den Socken.

Mehr als ein Mal bekam ich im Erdkundeunterricht Ermahnungen, weil ich heimlich Texte von Roxette übersetzte, statt die Höhenstufen des Kilimandscharos zu zeichnen. Ja, wirklich: Ich lernte mit den albern-naiven Texten von Per Gessle Englisch, damit ich auch wirklich verstand, was Marie da sang.

Im Sommer 1989 lief „The Look“ bei mir auf Repeat-All, sowohl zu Hause als auch unterwegs. Ich hatte die Kassette im Walkman und hörte die Musik von morgens bis abends, wenn ich allein durch Würzburg streifte. Roxette war der Soundtrack eines ganzen Sommers.

Die fast verliebte Schwärmerei für die Popsängerin hielt nicht lange und wurde nach Kurzer Zeit von Schwärmereien für reale Personen abgelöst, faszinierend fand ich Marie Frederiksson aber weiterhin. Auch wenn ich mit den späteren Roxette-Werken wie „Crash Boom Bang“ und „Tourism“ nicht mehr viel anfangen konnte, so freute ich mich doch immer wieder, wenn ich Marie irgendwo sah.

Die 90er gingen, und mit ihnen verschwanden Roxette und Marie von der Bildfläche. Nachrichten von einer Krebserkrankung machten die Runde, und niemand hätte erwartet, noch einmal was von Frederiksson und Gessle zu hören. Ich erinnere mich darin wie überrascht ich war als ich 2011 mitbekam, dass Marie sich wieder auf die Bühne gekämpft und mit Roxette noch einmal auf Tour gehen wollte. Mir war bewusst, dass das vielleicht die letzte Gelegenheit war, die Liebe meiner Jugend mal live zu sehen.

Im Juni 2011 war es dann soweit, ausgerechnet in Oberursel (fragen sie nicht!) hatte ich die die Gelegenheit Roxette live zu sehen. Das war toll, aber es war deutlich zu merken, welche Spuren die Krankheit bei Frederiksson hinterlassen hatte.

Sie war schon immer zierlich gewesen, aber nun wirkte sie fragil und irgendwie zerbrochen. Auf einen Barhocker gestützt und nur einen Arm nutzend wirkte sie wie eine Puppe aus Porzellan, die heruntergefallen war und die jemand mit großer Mühe, aber irgendwie verkehrt wieder zusammengesetzt hatte. Später erfuhr ich, dass Marie zu diesem Zeitpunkt stark motorisch eingeschränkt und zudem auf einem Auge blind war und große Probleme mit dem Sprechen hatte.

Singen tat sie freilich immer noch großartig, wenn auch die Worte ein wenig verschliffen kamen. Sie liebte die Bühne, dass war zu merken. Es war aber auch deutlich zu merken, dass es ihr alles andere als gut ging. Sie litt, ganz sichtbar – und dennoch kämpfte die Powerfrau für das, was sie liebte – das Singen.

In der Folge kaufte ich mir ihre Solo-Alben, konnte mit denen aber nicht viel anfangen. Ich mochte Maries Stimme, aber das war nicht meine Art von Musik.

Nun ist Marie Fredriksson in dieser Woche gestorben. 61 ist sie am Ende geworden und damit älter, als man es bei ihrer Erkrankung hätte hoffen können. Eine große Künstlerin ist von uns gegangen, aber ehrlich gesagt bin ich auch froh, dass ihr Leiden ein Ende hat.

Wenn ich an Marie Frederiksson denke, dann sehe ich vor mir die energiegeladene und selbstbestimmte Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur, deren Kunst mir so viel gegeben hat und wegen der ich heute so ausgezeichnet englisch spreche.

Danke, Marie.


Auf Youtube hat Per Gessle gerade die „The Roxette Diaries“ bereitgestellt. Größtenteils unkommentierte Aufnahmen aus den 80ern und 90ern, die zeigen, wie Marie hinter den Kulissen war. Sie war natürlich genau so, wie ich mir sie vorgestellt hatte, und dazu noch unglaublich liebenswert und witzig. Angucken lohnt sich.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (3): Bis auf´s Fleisch

Samstag, 08. Juni 2019, in der Nähe von Embrun, Frankreich

Ein Dachfenster über´m Bett, das hört sich ja total romantisch an. Beim Einschlafen in die Sterne gucken und so. Die Realität sieht aber anders aus, besonders wenn man schlechte Augen hat und sich das Dachfenster nicht verdunkeln lässt.

Mit meinen schlechten Augen sehe ich beim Einschlafen nämlich nur einen grauen Fleck, und ab vier Uhr wird aus dem grauen Fleck ein strahlend heller, blauer Fleck. Die Sonne scheint zum Fenster rein wie der Laser des Todesterns und hobelt mir durch die geschlossenen Augenlider die Netzhaut weg. Ich kann nicht schlafen wenn es hell ist. Seufzend schwinge ich mich aus dem Bett und tappe in das kleine Badezimmer, wo ich eine winzige, zusammenrollbare Schlafmaske aus dem Allzweckbeutel fummele. Mit der auf den Augen drehe mich noch einmal um und ich schwebe in einen ganz wohlig warmen Halbschlaf davon.

Das Bett in meinem Zimmer im Inneren der Riesenscheune „La Grande Ferme“ ist warm und weich, es fällt mir nicht leicht mich von ihm zu trennen, als um kurz nach sieben der Wecker summt. Trotzdem schaffe ich es, um kurz nach 8 die Koffer zum Motorrad zu tragen und mich dann ins Restaurant im Keller zu begeben, wo Nicolette schon arbeitet.

„Bin ich der einzige Gast heute morgen?“, frage ich auf deutsch. „Derr einzige, der SO frü´ essen möschte“, sagt sie gespielt tadelnd und mit runtergezogenen Mundwinkeln. Ich muss grinsen. Es gibt getoastetes Graubrot und selbstgemachte Konfiture. Dann packe ich meine Sachen und staune noch einmal, wie groß diese Scheune ist. Es gibt auf den einzelnen Wohnungen, die wie Starenkästen an der Innenwand hängen, sogar sowas wie kleine Veranden.

Eine Viertelstunde später stehe ich in der Morgenluft vor La Grande Ferme. Es ist noch ein wenig frisch, aber nicht kalt. Die Sonne strahlt durch die Bäume und der Kies knirscht unter meinen Stiefeln, als ich die Koffer zum Motorrad trage.

Chaia, der Hofhund, läuft die Straße vor der Scheune herunter und niest mehrfach herzhaft. „A votre Santé“ rufe ich ihr hinterher, während ich die Rokk Straps um das Topcase festziehe. Eine neue Vorsichtsmaßnahme, ich vermute auf dieser Fahrt extrem schlechte Straßen und fahre einfach beruhigter, wenn ich weiß, dass die Kiste am Heck mit Spanngurten gesichert ist und keinen Abgang machen kann.

Dann rollt die Barocca den Berg hinab. Ich checke im Cockpit schnell Reifendruck….

… dann konzentriere ich mich ganz auf die Straße. Das tut auch Not, denn vor mir eiert ein Radrennfahrer herum. Zu schnell, als das ich ihn bequem überholen könnte, aber zu langsam, als das ich ihn aus den Augen lassen wollte. Als ich ihn endlich gefahrlos überholen kann, bin ich entspannter und kann die Aussicht genießen. Zarte Morgenwölkchen hängen an den Spitzen der Berge, die die weiten Täler säumen.

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Notiz an mich selbst: Spülmittel gehört nicht in die Mikrowelle

Wenn ich länger als ein paar Tage unterwegs bin, mache ich meist die Heizung in der Wohnung aus. Anfang November war es nun sehr kalt, und als ich wieder kam, musste ich erstaunt feststellen, dass das Spülmittel in der Küche nicht mehr transparent und flüssig war, sondern trüb und dickflüssig und irgendwie plockig, wie wir Norddeutschen sagen. Es war durch die Kälte auskristallisiert!

Sowas! Ich wusste gar nicht dass das geht! Wieder was gelernt.

Finde ich erstaunlich. Zumal das ja bedeutet, dass Spüli Energie speichert, die es nun verloren hatte. Aber wenn dem so ist, dann müsste doch durch Zuführung von Energie der Kristallisationseffekt rückgängig zu machen sein, oder?

Gesagt, tun getan. Also Flasche mit Spülmittel in lauwarmes Wasserbad gestellt und siehe da, es wurde zu einem kleinen Teil wieder dünnflüssig und transparent. Aber wirklich nur zu einem kleinen Teil, der Großteil blieb kristallin. Die Wärme reichte wohl nicht aus.

Also ab damit in die Mikrowelle. Aber nur ganz kurz, maximal 15 Sekunden.
Summm-Summ-BING, fertig. Spülmittel wieder brauchbar.

Ich sage mal so: Der zweite Lerneffekt ist, das Spülmittelflaschen nicht mikrowellengeeignet und auch 15 Sekunden schon zu lang sind. Die Flasche sah unmittelbar nach der Runde in der Mikrwowelle noch ganz normal aus, aber dann blähte sie sich auf und der Boden wurde zu einer Blase. Jetzt sieht sie ein wenig schief aus und wie geschmolzen, was ja auch stimmt. Spülmittel von Dalì, quasi.

Also: Nicht nachmachen, Spümittel gehört nicht in die Mikrowelle.

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Ruby No. 4

Ich habe es immer noch nicht geschafft den alten Röhrenfernseher mal zu entsorgen. Zum einen, weil der irre schwer ist, zum anderen, weil ich mir dann was neues ausdenken müsste wo ich die Fritzbox draufstelle. Den außer als Standmöbel für den Router wird der Uralt-TV nicht mehr genutzt.

Der Beamer dagegen wird fast täglich benutzt, zum Filme gucken genauso wie zum Spielen. Mit 1.950 Stunden Laufzeit in zwei Jahren wurde nun die Lampe langsam dunkler und wurde darum ausgetauscht. Vermutlich wären da noch ein zwei, dreihundert Stunden dringewesen, aber es muss ja nicht jeder Film wie Twilight aussehen.

Das wäre dann Lampe Nummer 4. Natürlich wieder eine Ruby, die Erstausrüsterqualität zum halben Preis des Hersteller-gebrandetetn Teils bietet und bei denen man sicher sein kann, dass sie einem nicht um die Ohren fliegt. Wie immer schnell und gut von HCinema geliefert. Deren Website sieht zwar immer noch aus wie durch ein Zeitloch aus den 90ern gefallen, aber mit Beamer kennen sie sich aus.

Kategorien: Ganz Kurz | 9 Kommentare

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