Archiv des Autors: Silencer

Über Silencer

Alles was Herr Silencer schreibt ist wichtig, wahr und schön.

Ruby No. 5

Kurze Notiz mich selbst: Ab jetzt ist Ruby-Lampe Nr. 5 im Einsatz. Die letzte hat 21 Monate gehalten und in der Zeit 2.216 Betriebsstunden angesammelt.

Ja, der Röhrenfernseher steht immer noch hier rum. So kurz vor seinem 25. Geburtstag kann ich den einfach nicht wegwerfen…

Kategorien: Ganz Kurz | 2 Kommentare

Ich will nicht mehr duften

Neulich, vor der Pandemie: Ich sitze im ICE, neben mir eine junge Frau. Durch den Gang gockelt eine Teenagerin und zieht eine Spur aus Vanille-Gurken-Geruch hinter sich her, der in der Nase beißt. Vermutlich der Duft „Donut“ von irgendeiner Influencerin. Meine Sitznachbarin verzieht das Gesicht und meint: „Das war wohl früher nicht so heftig.“ Ich muss lächeln und denke: Du hast ja KEINE AHNUNG. Früher war die olfaktorische Belästigung schlimmer. VIEL schlimmer.

Bis Mitte der 80er stanken die Straßen stanken vor Abgasen, außerdem wurde überall geraucht – in Restaurants, Kneipen, zu Hause, im Zug. Um all diese Stinkerei zu überdecken, und weil es Mode war, benutzten die Frauen neben einem Deo auch Eau de Toilette oder Parfüm, die Männer Deo plus mindestes After Shave. Letzteres gerne mit Moschus, dass sind schwere, alles erstickende Gerüche.

Ich weiß noch, dass mein erstes Deo „City Man“ war, ein „Axe“-Abklatsch, weil ich die Verpackung toll fand. Als dann nicht nur die Schweißdrüsen, sondern auch der Bartwuchs seine Arbeit aufnahm, wurde „Tabac“ mein bevorzugtes After Shave.

Zum Glück ist der massenhafte Gebrauch von so vielen Düften stark zurückgegangen. Gerade als Mann noch Eau de Cologne oder After Shave oder gar Parfüm zu benutzen, das verbietet sich im Alltag. Das macht man einfach nicht mehr. Tatsächlich riecht man heute so wenig, dass es Ausreisser extrem auffallen – wie etwa der Teenager, der getan hat, was ihm die Werbung beigebracht hat: Dass man sich Deo MINUTENLANG unter jede Achsel sprühen muss, aus einem Meter Entfernung.

Mittlerweile will ich gar nicht mehr „duften“.

Wie bei so vielen Dingen war auch meine Entscheidung, nicht mehr nach künstlichen Düften riechen zu wollen, keine bewusste, sondern ein schleichender Prozess. Erst verzichtete ich auf After Shave, einfach weil es nicht mehr zeitgemäß war und ich den Duft eh´ über hatte. Dann wurden die Deos immer dezenter, weg vom krassen Billigdeo á la Axe und Konsorten, hin zu sanfteren Nivea Roll-Ons.

Auch die dezenten Düfte wurden mir irgendwann zu viel, also bin ich zu etwas gewechselt, das ich aus meiner Veganer-Studienzeit kannte: Deokristalle. Sie bestehen aus Aluminiumsalz und werden wie ein Roll-On verwendet.

Die Bezeichnung „Deo“ ist eigentlich falsch, die Kristalle sind Anti-transpiranzien und unterscheiden sich damit von normalen Deos, die den Köpergeruch durch Duftstoffe überdecken. Stinken tut ja nicht der Schweiß, sondern die Ausscheidungen der Bakterien auf unserer Haut, die den Schweiß verdauen.

Diese Bakterienpupse kann man nun entweder versuchen mit Duftstoffen zu überdecken, was die klassischen Deos tun, oder man verwendet ein Antitranspiranz, um das Schwitzen zu vermindern. Das tun diese Kristalle, die aus Alaun bestehen, das sind Aluminiumsalze in Kristallform. Dieses Aluminiumsalz verstopft, vereinfacht ausgedrückt, die Schweißporen. Kein Schweiß = Keine Baktierenpupse = Kein Schweißgeruch. Das funktioniert supergut, zumindest bei mir, und duftet halt überhaupt nicht.

Nun stand Aluminium zwischenzeitlich in dem Verdacht sich im Körper anzusammeln und Hirnschäden zu verursachen. Das wurde mitlerweile von höchster Stelle widerlegt, trotzdem habe ich eine Zeitlang auf Deokristalle verzichtet – zumal Schwitzen ja auch natürlich und notwendig ist und es vielleicht nicht so die ganz supergute Idee ist, die eigenen Schweißdrüsen dauerhaft lahm zu legen.

MaxED09 hatte mich auf ein Mittel aufmerksam gemacht, das ebenfalls keine Duftstoffe enthält, aber anders funktioniert. „Nuud“ ist eine Art Paste, die auf der Hautoberfläche ansetzt und dort die Ausbreitung der Schweißfressenden und pupsenden Bakterien verhindert. Das tut es mit einer Mischung aus Mandel- und Kokosöl und Silberpartikeln. Die Silberpartikel sind antibakteriell und nicht groß genug um in den Körper zu gelangen oder Poren zu verstopfen. Die Öle sorgen dafür, dass das Silber wirklich dort bleibt wo es wirken soll und auch mehrere Duschen übersteht.

Die Dosierung und der Wirkzeitraum ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bei mir ist die Wirkzeit recht lang, ich muss pro Achsel nur ca. alle drei Tage eine linsengroße Menge auftragen. Der geringe Verbrauch ist auch gut so, denn eine kleine Tube von dem Zeugs kostet satte 13 Euro. Die hält bei mir zwar 7 Monate, aber so ein Nivea-Rollon für 3,99 Euro hält halt auch 9 Monate, und ein Deokristall für 10 Euro fällt eher runter und zerbricht, als das er aufgebraucht ist.

Abgesehen vom Preis ist der einzige Nachteil von „Nuud“ tatsächlich der Marketingbullshit. Vom unerträglich fröhlichen Newsletter über knallige Nullnummern Website inkl. esoterischer FAQ ist alles dabei, was in Agenturkreisen gerade hip ist.

Für völligen Quatsch halte ich die Info aus der FAQ, dass zu Beginn der Nuud-Benutzung der Körper „entgiften“ muss und man deshalb am Anfang der Nuud-Benutzung erstmal andere riecht als sonst. Richtig ist, dass – falls man vorher ein Deo mit Duftstoffen genutzt hat – man sich erst an deren Abwesenheit gewöhnen muss. Das die Nuud-Website dagegen davon fabuliert, dass erst die Poren des Körpers befreit werden und darin angestaute Giftstoffe in den ersten Wochen für einen stärkeren Körpergeruch sorgen, das halte ich schlicht für eine Erfindung. So funktioniert der menschliche Körper nicht.

Sei´s drum. Lange Rede, kurzer Sinn: Man muss heutzutage nicht mehr nach Parfüm, After Shave oder Deo duften, das sich die Nasen von Personen in der Nähe zusammenrollen. Man muss gar nicht mehr duften, ohne das man stinken muss. Und das ist ein großer Fortschritt, denn früher war eben nicht alles besser.

Kategorien: Meinung, Service | 19 Kommentare

Wahre Größe

Wie groß ist eigentlich… Griechenland? Dieses weitläufige, zerklüftete Sehnsuchtsland mit seinen endlosen Küsten?

Stellt sich raus: Lässt man mal die ganzen Inseln weg und zählt das Wasser zwischen denen nicht mit, ist die Festlandfläche von Griechenland mit 107.000 Quadratkilometern gerade mal so groß wie Niedersachsen (47.709), Mecklenburg-Vorpommern (23.295) und Nordrhein-Westfalen (34.112) zusammen.

Quelle: Truesizeof.com

Übertragen auf eine Deutschlandkarte wie oben ist eine Reise durch ganz Griechenland also nicht mehr als eine Fahrt von Nürtingen über Castrop-Rauxel nach Achim, von dort nach Rostock und zurück über Neustadt am Rübenberge nach Schwäbisch Hall. Ernüchternd.

Kategorien: Ganz Kurz, Motorrad, Reisen | 4 Kommentare

Momentaufnahme: Juni 2021

Herr Silencer im Juni 2021

Gefühl des Monats: Delta? ECHT JETZT? Hört das nie auf?!

Wetter: Monatsanfang Nachts immer noch einstellige Temperaturen, aber immerhin tagsüber Sonne und an 20 Grad. Ab der ersten Woche plötzlich schlagartig Temperaturen von 25 bis 35 Grad – vom Herbst direkt in den Hochsommer, was recht erschöpfend ist. Ab der vierten Woche dann plötzlich über Nacht wieder nur noch 12 bis 14 Grad und Wolken.


Lesen:

Erik Peters: Oman – Island
Erik Peters mag es zu reisen, und einige Jahre nach seiner ersten großen, aber motorradtechnisch gescheiterten, Reise von Köln nach Shanghai soll es nun von Oman am persischen Golf bis nach Island gehen.

Mit Kumpel Carsten reist Peters auf die arabische Halbinsel, aber dort nimmt das Ungemach schon seinen Lauf: Motorradpannen und Temperaturen um die 50 Grad machen die Reise zur Qual, Visaprobleme sorgen für tagelangen Arrest in Dubai und unwillige Fährschiffer verkrüppeln die Bikes. Später wird es nicht besser, zu technischen Problemen, vergessenen Papieren und einem Diebstahl kommen persönliche Dinge, die dazu führen, das Carsten irgendwann völlig derangiert ist und fast ums Leben kommt. Dass die beiden es dennoch bis nach Island schaffen, zeugt von einer enormen Zähigkeit.

Trotz all dieser Widrigkeiten beschreibt Erik Peters seine Reise als etwas, das vor kleinen, glücksseligen Momenten strotzt – etwa, wenn er im Iran einen leidenschaftlichen Moppedschrauber trifft, es in der Türkei ein kaltes Bier gibt oder wenn er auf den Azoren Papageientaucher entdeckt. Ein sehr spannendes, gut geschriebenes und nur stellenweise adjektivüberladenes Buch, das die Licht- und Schattenseiten einer Motorradfernreise genau beschreibt, dabei aber immer – anders als bei anderen Motorradreiseberichten – einen positiven Grundton beibehält.


Hören:


Sehen:

Clarksons Farm [Amazon Prime]
Jeremy Clarkson, der pöbelnde, ungehobelte, erzkonservative ehemalige Moderator von „Top Gear“ und „Grand Tour“, kauft sich eine Farm in den Cotswolds, im Südwesten Englands. Die will er selbst bewirtschaften. Das Problem ist nur: Der bekennende „Petrolhead“ hat zwar von Supersportwagen Ahnung, aber nicht von Landwirtschaft.

Man kann ja vieles über Jeremy Clarkson sagen, aber nicht, das er kein Gespür für Timing hat. Benzintriefende und Abgaslastige Automagazine im TV sind nicht mehr zeitgemäß, und Clarkson hat genau im richtigen Moment den Absprung geschafft. Nun steht er also in Gummistiefeln auf seiner Farm und versucht als Stadtmensch mit dem Landleben klarzukommen.

Ein Jahr lang begleitet ihn dabei die Kamera, von den ersten Versuchen Traktor zu fahren im Oktober 2019 bis zum Erntedankfest im September 2020. Dabei herausgekommen sind 8 kurze Episoden, in denen Clarkson sich unterschiedlichsten Herausforderungen gegenüber sieht – mal versinken Maschinen im Regen, mal versucht er Schafe mit einer Drohne zu hüten, mal vernichten Dürre und Käfer ganze Felder.

Anders als bei Clarksons Kollegen Richard Hammond, der in seiner Solo-Serie auf Amazon Prime nur dummen, geskripteten Quatsch macht, ist „Clarksons Farm“ auf berührende Weise authentisch. Es ist immer zu merken, dass Clarkson es Ernst meint mit diesem Projekt, und er sich wirklich Mühe gibt. The Struggle is real, und wird unterhaltsam durch die auftauchenden Nebencharaktere, bei denen Clarkson Hilfe sucht und die schon ziemliche Originale sind. Der unverständlich brabbelnde Gerald, der respektlose Traktorist Kaleb, die starke Schäferin Ellen und Clarkson Freundin Lisa sind die eigentlichen Stars der Show.

Besonders faszinierend ist aber, Clarkson bei einer Veränderung zu beobachten. Der großmäulige Egomane wird im Laufe des Jahres durch die harte Arbeit nicht nur dünner, sondern auch – demütig. Wenn Clarkson den Klimawandel auf dem eigenen Boden erlebt und begreift was das bedeutet, wenn er sich über Kleinigkeiten wie bunte Hühnerställe freut oder traurig ist, wenn ein Lamm stirbt, dem er auf die Welt geholfen hat – dann wirkt das echt, und der Clarkson am Ende der Serie ist ein bescheidenerer Mensch, dem man abnimmt, dass er begriffen hat, dass sich die Welt nicht nur um ihn dreht. Fast schon rührend das Fazit: „Es war das härteste Jahr meines Lebens, aber nie war ich glücklicher als hier“.

Zusammengefasst: Clarksons Farm ist das beste Stück TV-Unterhaltung, was sich seit sehr langer Zeit gesehen habe.

Luca [Disney+]
Italien in den 50er Jahren: Vor der ligurischen Küsten, tief im Meer, verstecken sich humanoide Meerwesen vor den Menschen an Land. Eines Tages gelangt der Meeresjunge Luca aus Versehen an Land und stellt fest, das er dort wie ein normaler Mensch aussieht – so lange er nicht mit Wasser in Berührung kommt. Die Welt der Landbewohner ist so faszinierend, das Luca von zu Hause ausreisst und sich mit dem an Land lebenden Meerjungen Alberto und dem Menschenmädchen Giulia anfreundet. Ihr größter Traum: Ein Mal eine Vespa fahren!

Feiner, unspektakulärer Coming-of-Age Film. „Unspektakulär“ ist hier aber positiv gemeint, denn Zeichentrickproduktionen neigen gelegentlich zu solcher Überdrehtheit, dass man ihnen Ritalin verpassen möchte. Das passiert hier nicht, „Luca“ hat ein sehr angenehmes Erzähltempo und lässt seinen Charakteren Raum, um sich zu entfalten. Außerdem ist „Luca“ ein überlanger Werbesport für Piaggio – ich hoffe, die haben das gut bezahlt.


Spielen:

Resident Evil 5 [PS4]
Irgendein weißer Muckimann wird in einem Kaff in Afrika abgesetzt, schlurft mit einer Knarre in der Hand durch die Gegend und knallt die schwarze Bevölkerung ab.

Das Spiel ist 2009 für die PS3 erschienen und wurde damals als sehr gutes Spiel bejubelt. Aus heutiger Sicht ist es erzählerisch und spielerisch eine Katastrophe. Es bedient die kulturell tief verwurzelte Xenophobie vieler Japaner auf denkbar unangenehmste Weise: Jeder Farbige im Spiel ist automatisch böse (bzw. mit einem Virus infiziert) und kann sofort erschossen werden. Das ist rundheraus rassistisch.

Spielerisch ist RE5 eine Katastrophe, weil hier eine Engine genommen wird, die ursprünglich für enge Räume und langsame Schleichbewegungen gemacht wurde, die aber hier für einen 3rd-Person-Shooter eingesetzt wird. Resultat: Die eigene Spielfigur steuert sich so lahm, als hätte sie Betonbrocken an den Füßen. Selbst in hektischen Bosskämpfen bewegt sich der angebliche Held gerade mal so schnell wie der Auszubildende beim Fliesenleger und schlufft gemütlich um das Monster herum.

Dazu kommt anderes Gedöns, das den Spielspaß verleidet: Zum Waffenwechsel muss man dann ins Inventar, was so fummelig ist, dass man während des Waffenwechsels tausend mal stirbt. Nachladen und gleichzeitig laufen ist undenkbar. Texturen sind matschig, die Grafik hässlich, Animationen blockig und das seltsame Buddy-System ist für zwei Spieler vielleicht interessant, für Solo-Abenteurer aber maximal irritierend. In der Summe: Resident Evil 5 ist Grütze aus der Hölle, die heute niemand mehr braucht.

Resident Evil 6 [PS4]
Der Muckimann aus Afrika kann jetzt etwas schneller laufen und strolcht erst durch diverse Schauplätze. Dann kommt ein egaler Lockenträger, der an exakt den gleichen Schauplätzen rumstrolcht und teils sogar den Muckimann beobachtet. Dann kommt eine Frau mit einem egalen Glatzkopf, die an den exakt gleichen Schauplätzen rumstrolchen und den Muckimann und den Lockenträger treffen. Dann komme eine egale Frau die…usw.

Kein Scherz: Resident Evil 6, das sind 4 Spiele, die die gleiche Story aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Immer wieder kreuzen sich die Handlungsstränge und die insgesamt 7 Spielcharaktere begegnen einander, helfen sich oder machen sich das Leben schwer. Mit jedem Handlungsstrang werden Lücken in der Geschichte geschlossen, und erst nach der 4. Kampagne ergibt alles einen Sinn. Das klingt erzählerisch superinteressant, dem entgegen steht leider eine unterkomplexe Geschichte, die diese Strukturen nicht zu tragen vermag.

Spielerisch ist das ermüdend, weil halt immer die gleichen Schauplätze vorkommen und Bosskämpfe (ich HASSE Bosskämpfe!) teils mehrfach bestanden werden müssen. Zumindest ist das Gameplay besser, anscheinend kommt eine Engine zum Einsatz, die nicht für langsame Bewegungen konzipiert war. Das macht es aber nicht besser, denn RE6 dreht alle Regler auf 11. Statt Horror- oder Gruselstimmung möchte das Game ein Shooter im Stile der frühen „Medal of Honor“ sein und verkommt darüber zu Actionschießbude. Dauernd explodieren Dinge, es gibt Verfolgungsjagden mit Autos, Motorrädern, Helikoptern und Flugzeugen, Die Monster sind gigantisch und die Helden fallen dauernd irgendwo runter, so das man kaum noch weiß wo oben und unten ist. Dazu kommen nervig-doofe Passagen, die man auch bis zu vier Mal spielen muss. Schön gemachte, aber seelenlose, inhaltsarme und repetitive Blockbusteraction mit einem schrägen Storykonzept.


Machen:
Warten, auf das Ende der Pandemie.


Neues Spielzeug:

Eine Lampe, eine Feuerhand Baby Special 276 STK 70 von 1965. Macht mit einer Tankfüllung 70 Stunden flackerfreies Licht, das wärmer und schöner ist als das von LEDs. Als ich gaaaanz klein war, hingen Lampen von Feuerhand, befeuert mit Öl oder Kerzen(!), noch als Beleuchtung an Baustellen.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Corona-Tagebuch (32): Plötzlich ging´s doch ganz schnell

Weltweit: 172.226.125 Infektionen, 3.703.470 Todesfälle
Deutschland: 3.703.468 Infektionen, 89.026 Todesfälle

449 Days Gone.

Lage der Welt

Nicht so supi. In Afrika, Indien und UK drehen neuen Varianten wild und sorgen für mehr Infektionen. In Südamerika geht in den Kliniken der Sauerstoff aus.

Für die Mutanten gibt es jetzt Codenamen nach dem griechischen Alphabet, was sich leichter merken lässt als die kryptischen Zahlenkürzel und keine Diskrimierung auslöst, wenn die Mutante nach dem Land des ersten Auftauchen benannt wird. Die Namen sind nun:

  • Alpha: B.1.1.7, früher „britische Variante“, bekannt seit September 2020.
  • Beta: B.1.351, früher „südafrikanische Mutante“, bekannt seit Mai 2020.
  • Gamma: P.1, früher „brasilianische Variante“, bekannt seit November 2020.
  • Delta: B.1.617.2, früher „indische Variante“, bekannt seit Oktober 2020.

In Vietnam wurde gerade eine neue Variante entdeckt, die eine Mischung aus Alpha und Delta ist, die hat noch keinen Namen.

 

Lage der Nation

Das Bundesministerium handelt zunehmend populistisch und untergräbt damit ganz klar die Stellung der Ständigen Impfkommission und der wissenschaftlichen Berater:innen. So ist bspw. bekannt, dass Astra umso besser wirkt, je größer der Abstand zwischen erster und zweiter Impfung ist. Empfohlen werden 12 Wochen. Das BMG verkürzt nun auf sechs Wochen, weil Jens Spahn der Meinung ist, die Leute wollten ja gerne in Urlaub fahren.

Zeitgleich wird verkündet, dass nun jeder und seine Mudder impfen dürften, also auch Betriebsärztinnen usw., und das ab dem 07.06.21 die Priorisierung fällt – dann darf jede und jeder ab 16 Jahren sich auf die Warteliste der Impfwilligen setzen lassen.

Ist ja generell alles nicht verkehrt, nur: Es gibt halt immer noch nicht in ausreichender Menge Impfstoff. Da nützt es nichts, wenn Betriebsärztinnen impfen dürfen, aber nicht können. Und die Wartelisten selbst sind gigantisch, mit beruflicher Indikation und im März angemeldet bedeutet, dass man in Niedersachsen jetzt so langsam für Mitte/Ende Juni einen Termin bekommt.

Aber hey, das kommt vermutlich bei den Leuten nicht an. Zumindest bei einem Teil der Leute kommt die als gute Nachrichten verpackte heiße Luft aus dem Hals von Jens Spahn als „Die Pandemie ist vorbei!!“ an. Anders sind die nächtlichen Massenparties in Innenstädten oder die Öffnung von Schulen oder Unis nicht zu erklären.

Immerhin, die Inzidenz sinkt immer weiter. Spahn gibt sich darüber völlig erstaunt, dabei haben genau das die Vertreter:innen von Zero-Covid bei einem R-Wert kleiner 0,7 vorhergesagt, und mit ein wenig politischen Willen hätte man genau diese niedrigen Ansteckungs- und Todesraten schon vor Wochen haben können. Aber das wollte man ja nicht. Weil: Wirtschaft.

Verteilungskampf

Der Wegfall der Priorisierung wird absehbar eine hausgemachte Denial of Service-Attacke auf die Impfportale auslösen. Und dann? Nehmen die internetaffinen Jüngeren den Älteren die Impfplätze weg? Werden Junge neidisch auf Ältere werden? Wohl kaum. Ältere stehen meist schon auf Wartelisten, die sind aber kilometerlang. Und der Neid wird vermutlich nicht in erster Linie zwischen Alterskohorten ausgetragen, sondern innerhalb einer Kohorte. Warum gibt es bereits jetzt geimpfte 16jährige, die nun mit Mama und Papa in Urlaub fliegen, fragen sich verblüffte Mitschüler:innen und sind zu Recht sauer auf das wirkende Vitamin B, wie die Vorsitzende der Schulsprechervereinigung im Radiointerview zu Protokoll gab.

IchIchIch

Vergangene Woche hatte ich mich an dieser Stelle noch über das unfassbar komplizierte Prozedere beklagt, das man in Niedersachsen jedes mal durchlaufen muss um überhaupt nur zu erfahren, ob es freie Termin im Impfzentrum gibt. Am selben Tag geschah das Wunder: Eine Kollegin gab mir Bescheid, dass in einem privaten(!) Onlineportal gerade freie Plätze für das Göttinger Impfzentrum angezeigt wurden – und ich konnte einen davon ergattern! Und zwar nicht für irgendwann im August, sondern für Übermorgen!

Am vergangenen Samstag bin ich also zum Impfzentrum getöffelt, das hier mitten in einem Industriegebiet liegt. Ich bin eineinhalb Stunden vorher losgefahren – den wichtigsten Termin meines Lebens wollte ich nicht wegen eines zickigen Autos oder überlanger Parkplatzsuche verpassen. Das ich dann eine Stunde vor Termin da war, stellte sich als perfektes Timing heraus – die Warteschlange stand nämlich einmal um den Block herum, und es dauerte schon eine Stunde, bis ich überhaupt einen Fuß in die heiligen Hallen setzen konnte.

Dort war dann alles perfekt organisiert, alle sehr freundlich und der Ablauf zügig. Weil ich alle nötigen Dokumente, wie Einwilligungserklärung und Anamnsebogen, schon ausgefüllt mitgebracht hatte, war ich schon 30 Minuten später dran und eine Beobachtungsviertelstunde später konnte ich das Impfzentrum wieder verlassen. Ich habe tatsächlich eine Injektion mit Comirnaty zugeteilt bekommen, dem Impfstoff von BionTech/Pfizer, aber es gab auch Astra Zeneca und Moderna.

Ungewünschte Effekte gab es bei mir keine, sieht man von Druckempfindlichkeit an der Einstichstelle am ersten Tag und gelegentlich ultrakurz aufblitzenden, stechenden Kopfschmerzen am 5. Tag ab (aber die können auch vom schwülen Wetter gekommen sein).

Übrigens stellte sich im Nachgang raus: Statt der üblichen maximal 900 Impfungen pro Tag hatte das Impfzentrum an diesem Samstag fast doppelt so viele durchgeführt, weil gerade eine dicke Lieferung Impfstoff gekommen war – ein weiterer Beleg dafür, dass die Infrastruktur zur Verimpfung durchaus vorhanden ist, es fehlt nur an Material.

Umfeld

Diese Woche haben tatsächlich alle meine Kolleg:innen einen Termin für eine Impfung bekommen. Aber: So gut wie nie auf einem regulären Weg. Vorgedrängelt haben wir uns aber auch nicht.

Drei von uns haben über das private Portal „Impfsuche.de“ von freien Plätzen in unserer Nähe erfahren und dank der vorher im Firmenchat kommunizierten Anleitung und Druck der Kolleg:innen einen Platz bekommen. Zwei hatten das Glück bei einem Hausarzt zu sein, der unerwartet viel Stoff bekommen hat, aber auf Fortbildung musste. Der hat dann einfach jeden geimpft der zur Tür rein kam. Und der Rest kam tatsächlich bei Hausärztinnen regulär unter oder stand aufgrund besonderer Indikation schon seit drei Monaten auf Prioritätslisten und hat nun Termine für Mitte/Ende Juni bekommen.

Meine Leute haben damit sicher ihre Termine, und das erleichtert mich ungemein und eröffnet Perspektiven. Auch, wenn der Ausnahmezustand erst in drei Monaten so langsam ausschleicht.

So kann´s gehen. Eben dachte ich noch, es bewegt sich gar nichts, und nun ist binnen einer Woche alles anders. Positive Überraschungen sind zur Abwechslung auch mal etwas schönes.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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Momentaufnahme: Mai 2021

Herr Silencer im Mai 2021

Gefühl des Monats: Fernweh

Wetter: Die erste Maiwoche ist noch so einstellig-kalt, dass die Heizung weiter laufen muss. Die Natur bekommt nicht mal ihr Maigrün pünktlich zum 01. hin, das verzögert sich um satte 10 Tage. Dann kommt überfallartig der Sommer, mit fast 30 Grad – aber nur an zwei Tagen, dann regnet es. Dann stürmt es. Dann wird es kalt. Dann regnet es noch mehr. Warum ist das so? Weil die Sommerhochs in der Arktis weilen und dort für 30 Grad(!!!) sorgen. Aber hier: Bis zum Monatsende nachts einstellige Temperaturen und tagsüber dunkler Himmel. Der Winter schein nicht enden zu wollen, aber immerhin: Endlich, endlich haben die Bäume wieder grüne Blätter.


Lesen:

Jason Schreier: Press Reset
Die Vidogamesindustrie ist geprägt von ständigem Kommen und Gehen. Studios werden eröffnet, wachsen, werden verkauft und dann oft ohne Vorwarnung geschlossen. Jason Schreier, DER Journalist der Spieleszene, beschreibt die Schließungen von etablierten Studios wie Origin, Ion Storm, Mythic oder 38 Studios. Dabei gewährt er Einblick hinter die Kulissen und geht der Frage nach, was diese Hire&Fire-Politik mit den Menschen in der Branche macht und ob es Alternativen gibt.

Für den Nachfolger zu „Blood, Sweat and Pixels“, dem sehr gutem Erstlingswerk über die Hintergründe großer Spieleproduktionen, hat sich Schreier ein Thema ausgesucht, dass eine Nummer zu groß für ihn ist. Seine Stärke ist das Erzählen von persönlichen Geschichten, die von der Einzelperson zum großen Ganzen führt. Das funktioniert in „Press Reset“ aber nicht besonders gut.

Zum einen geben die Einblicke von einigen, wenigen Personen, die in einer Firmenhierarchie maximal in der Mitte der Leiter standen, keinen gesicherten Einblick in die Geschehnisse, sondern erlauben bestenfalls „educated guesses“. Die reichert Schreier immerhin mit Fakten an, trotzdem wird daraus bestenfalls eine subjektiv geprägte Geschichte, aber keine neutrale Berichterstattung.

Zum anderen passt sein Erzählstil nicht zu den Erfordernissen des Themas. Ein Buch aus persönlichen Geschichten funktioniert nur schwer, wenn es zu viele davon gibt und nebenbei noch Abstecher ins Land der Zahlen gemacht werden müssen. So ist man als Leser gezwungen sich in jedem neuen Kapitel durch einen Wust an Namen, Zahlen und Daten arbeiten. Die Stories dahinter mäandern etwas ziellos in der Gegend herum, und das letzte Kapitel – in dem die Frage nach Alternativen zum Schweinesystem aufgeworfen wird – wirkt angeflanscht, hingeschludert und gezwungen, als hätte Schreier eine Idee gehabt, die er für so brillant hält, dass er sie unbedingt noch reinbiegen will. Ein durchaus interessantes Buch, wenn man sich für die Spiele- oder Softwareindustrie interessiert, aber deutlich schwächer und weniger packend als der Vorgänger.


Hören:


Sehen:

972 Breakdowns [2020, DVD]
Eine Künstlerkommune macht sich von Halle an der Saale auf den Weg nach New York, auf dem Landweg und auf Ural-Motorrädern. Was die jungen Schöngeister können: Zeichnen, singen, klatschen. Was sie nicht können: Auf Erfahrungen mit Motorrädern zurückgreifen oder Ortskundigen zuhören, die ausdrücklich sagen „da geht´s nicht weiter“.

Das hier ist nicht die normale Doku einer Weltreise. Dieser Film will Kunst sein, das tropft ihm aus jeder Pore. Stellenweise gelingt das sehr gut, etwa wenn plötzlich die Risszeichnungen im Bordbuch der Ural zum animierten Leben erwachen oder eine toll gestaltete Weltkarte auf sehr originelle Weise stückweise aufgedeckt wird.

Meist gelingt das aber weniger gut, denn eine geradezu präteniöse Bildauswahl und Erzählung führt dazu, dass einem die Protagonistinnen nicht nahegebracht werden. Wir lernen die handelnden Personen nie wirklich kennen, erfahren nichts aus ihrem Leben oder was sie fühlen oder wie es ihnen geht.

Man erfährt auch wenig über die besuchten Orte. Nicht mal über die Ural, die hier eine Protagonistin ist, erfährt man etwas. Immer bleibt der Film an der Oberfläche der Dinge, er taucht nie in irgendwas ein, und durch diese Distanz fühlt er sich leblos an. Da die Motivationen nicht deutlich werden, scheinen manche Dinge einfach grenzenlos… dumm.

Beispiel: Wenn man die „Road of Bones“ in Sibirien fährt, weiß man spätestens seit „Long way round“ wie schlimm es dort ist. Wenn man dann noch beschließt die Straße zu verlassen und querfeldein zu fahren, dann ist das… dumm.

Originell sind immerhin die Konstruktionen. Schwimmende Urals hat noch niemand gesehen, aber schwimmende Urals mit einem Antrieb aus Fahrradteilen zu versehen ist halt auch schon wieder ein Bißchen… dumm.

Nun habe ich ein großes Herz für naive Biker, aber was hier gemacht wird grenzt an Cringe und ist mir persönlich etwas zu Artsy auf Kosten dessen, was eine gute Reiseerzählung ausmacht. Aber das hier ist halt auch eher ein Kunstprojekt als ein Reisebericht. Wer keine Angst vor Fremdscham hat guckt mal rein, wobei das gar nicht so einfach ist: Weil der Film erst noch bei Kunstfestivals laufen soll, bekommt man ihn aktuell nur in Deutschland und nur auf DVD.

Ausgerechnet Alaska [1990-95, BluRay]
Joel Fleischman kommt gerade frisch von der Uni, wo er seinen Doktor in Medizin gemacht hat. Das Studium wurde ihm finanziert vom Staat Alaska, und im Gegenzug hat sich Fleischman verpflichtet dort vier Jahre zu praktizieren. Als er statt in die Großstadt Anchorhead in das abgelegene Kaff Cisely versetzt wird, rastet Fleischman aus. Der neurotische New Yorker kommt nicht mit der ruhigen Art der Einwohnern zurecht. Das unter denen so verschrobene Gestalten wie ein Millionär und Ex-Astronaut, ein filmverrückter Indianer, ein metaphysischer Radiomoderator oder ein Sternekoch, der sich barfuß im Wald versteckt sind, macht die Sache nicht einfacher.

„Ausgerechnet Alaska“ oder „Northern Exposure“, wie es im Original hieß, ist eine liebevolle und fast Twin-Peakseske kleine Serie von Anfang der 90er. Ich hatte mir die vor Jahren mal auf DVD importiert, aber die nordamerikanische Fassung hat ein mieses, verrauschtes Bild und nur englischen Ton. Das spielt bei der Serie durchaus eine Rolle, denn die deutsche Synchro ist hier besser als das Original: Die Stimme von Fleischman überschlägt sich und kiekst, wenn er wieder einmal einen cholerischen Anfall bekommt, während Maggie ruhig und rauchig gesprochen ist. Im Original ist es andersrum, und das wirkt seltsam.

Die BluRay-Box von Turbine Media rettet die Serie. Hier gibt es scharfes SD-4:3 Bild, mehrere Tonspuren und Outtakes aus jeder Folge. So macht Alaska wieder Spaß – Danke an Mittenmank für den Tip!


Spielen:

Days Gone [PS4, 2019]
Eine globale Pandemie tötet drei Viertel der Menschen, fast der gesamte Rest wird zu reißenden, bösartigen Bestien. Zwei Jahre später streift Deacon St. John mit seinem Motorrad durch die Wälder Oregons und versucht zu überleben und herauszufinden, wie seine Frau gestorben ist.

„The Last of Us“ mit Motorrädern? Count me in!

Auf Metacritic dümpelt die PS4-Fassung von Days Gone bei 71 Punkten rum, und nachdem ich es jetzt durch habe muss ich sagen: Unverdient! Das Spiel bietet zusammen mit „Horizon Zero Dawn“ locker die schönste Open World dieser Konsolengeneration und gehört zu den Top-3-Games auf der PS4. Der schlechte Score lässt sich auf drei Dinge zurückführen:

  1. Irreführende Werbung: Vor dem Release wurde Days Gone als Actionlastiger Shooter promotet. Das ist es nicht, das Gameplay ist sehr entschleunigt. Wer eine agile Zombiemezelei erwartet hat, wurde enttäuscht.

  2. Ein verhunzter Einstieg: Das Spiel wirft einen zu Beginn in eine Region, die keinen Spaß macht, setzt einem Charaktere vor die Nase, die einem zu dem Zeitpunkt völlig egal sind und haut einen mit langweiligen Aufträgen zu. Erst nach rund 10 Stunden wird das schlagartig besser, und danach völlig großartig – aber soweit muss man erstmal kommen.

  3. Technische Probleme: Zum Start war das Game buggy as hell und auf normalen PS4 kaum lauffähig. Das hat sich mittlerweile geändert.

Wer bereit ist, sich durch den leicht dummen Anfang zu kämpfen, wird mit einer großartigen und wendungsreichen Geschichte belohnt, die ähnlich sorgfältig geschrieben ist wie „Horizon“ und Charaktere aufführt, die man nie wieder vergessen wird. Klare Empfehlung, ab diesem Monat gibt es „Days Gone“ auch für den PC.

Ryse:- Son of Rome [2013 XBOX One]

Der Römer Marius Dingenskirchen wird Legionär und als solcher nach Brittanien entsendet. Dort erlebt er, wie scheißig sich Kaiser Nero und seine verzogenen Söhne benehmen. Zurück in Rom muss er die ewige Stadt gegen Barbaren verteidigen und nimmt sich Nero persönlich vor.

Mangels Nachschub an neuen Konsolen oder Spielen hole ich gerade altes Zeug nach. „Ryse“ gehörte 2013 zum Start-Lineup der XBOX One. Produziert wurde es von den Frankfurter Unternehmen Crytek, und das sieht man: Das Game wirkt wie eine überlange Demo der Cry Engine und sieht grafisch immer noch überwältigend gut aus. Gerade in den Zwischensequenzen wirken die Figuren Fotorealistisch -da fällt dann umso mehr auf, dass der Sprecher der Hauptfigur bei einem Teil der Aufnahmen offensichtlich schweren Schnupfen hatte. Das Gameplay ist leider repetitiv, man verprügelt einfach immer die gleichen vier Gegnertypen mit einer Kombination aus Angriff und Blocken.

Spaß macht es trotzdem, denn das Game ist mit 6-8 Stunden kurz genug um nicht langweilig zu werden, die Geschichte ist gut geschrieben und wird in großen Actionsequenzen erzählt. Das sie am Ende eine verblüffende gelungene Ellipse ergibt, macht den Abschluss noch befriedigenderer.

Resident Evil 7: Biohazard [XBOX One]
Drei Jahre, nachdem sie spurlos verschwunden ist, erhält Ethan Winters einen Hilferuf von seiner Frau Mia. Er macht sich sofort auf die Suche und reist nach Louisiana. Dort findet er ein heruntergekommenes Herrenhaus, in dem eine verrückte Hillbilly-Familie haust.

Kannte ich noch gar nicht, dieses Resident Evil Kram, obwohl es die japanische Spieleserie schon seit 25 Jahren gibt. „Biohazard“ gilt als Reboot und schien mir deshalb ein guter Einstiegspunkt zu sein. Mich hat die Mischung überrascht. Das Spiel ist zum Teil gruseliger Walking Simulator, zum Teil Survival Horror, zum Teil Shooter. Eines ist es während der rund 9 Stunden Spielzeit aber immer: Spannend. Das liegt an der extrem gut geschriebenen Geschichte, von der man immer wissen will, wie sie weitergeht, aber auch an den Gruselmomenten und der Optik: Die Sümpfe des Bayou und das Spukhaus wirken so echt, dass man meint den Verfall und den Moder durch die Leinwand zu riechen. Sehr feines Spiel.

Resident Evil Village [PS4]
Nach den Ereignissen von Resident Evil 7 ist Ethan Winters untergetaucht und lebt nun mit Frau Mia und Töchterchen Rose in Europa. Die Familienidylle wird abrupt gestört, wenig später findet sich Winters in einem verlassenen Dorf in den Karpaten wieder. Hier macht er schnell Bekanntschaft mit Werwölfen und Vampiren.

Gut, ich gebe es zu, Teil 7 haben ich nur gespielt um die Vorgeschichte zu „Village“ zu erfahren, und mit dem ganzen Resident Evil Kram habe ich mich nur beschäftigt, weil ich das Marketing mit einer drei Meter großen Vampirgräfin so toll fand. Das ist zwar ein wenig eine Mogelpackung – Lady Dimitrescu ist gar nicht die große Bösewichtin (no pun intended) – aber das Spiel spaßiger Abenteuerquatsch. Skurrile Figuren, Mutationen, ein Schuß Wolfenstein, dazu ein wenig Van Helsing – Capcom bedient sich bei Gruselklassikern des Filmgenres. Horror ist das nicht mehr, aber spannend gemacht und dank Fotogrammetrie sieht alles selbst auf der alten PS4 super aus. Rund 12 Stunden gepflegter Grusel mit einer tollen, wenn auch untererklärten Geschichte.


Machen:
Warten, auf das Ende der Pandemie.


Neues Spielzeug:

Neue Batterie für die ZZR, eine Yuasa YTX12-BS, die neuerdings ohne den Zusatz „BS“ verkauft wird. Und gucke an, die Renaissance springt jetzt viel besser an. Die alte Batterie, die mir damals die Werkstatt in Nizza aufgeschwatzt hat, hatte also entweder von Anfang an einen Hau wegen der kaputten Lichtmaschine, oder die war nach 5 Jahren einfach fertig.

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Corona-Tagebuch (31): Maximal kompliziertes Gelotter

Weltweit: 168.502.092 Infektionen, 3.500.383 Todesfälle
Deutschland: 3.671.057 Infektionen, 87.995 Todesfälle

Tag 441 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Die Impfstofflage wird langsam besser, ist aber immer noch nicht gut. Das Johnson&Johnson faktisch ausfällt, von Moderna und Biontech viel weniger geliefert wird als erwartet und jetzt erst einmal die Zweitimpfungen dran sind, macht es nicht besser. Immerhin, etliche Personen aus meinem Bekanntenkreis bekommen mittlerweile Impfangebote über ihre Hausarztpraxen.
Ich nicht.
Und warum das so ist, weiß ich seit heute.

Hausarztgelotter

Erst dachte ich ja, es läge daran, dass meine Hausärztin, bei der ich seit 20 Jahren war, vor sechs Wochen unvermittelt in Rente gegangen ist. Zu genau dem Zeitpunkt, an alle ihre Patient:innen sie dringend gebraucht hätten.

Ein neuer, mir unbekannter Arzt hat die Praxis übernommen, sie umbenannt und dann…. geschlossen. Im Ernst, der hat die Praxis übernommen und sie sofort zugemacht, um erstmal drei Wochen in Urlaub zu fahren.

Jetzt ist er wieder da, trotzdem kein Impfangebot. Weil: Die haben vergessen meine Anmeldung in DIE LISTE einzutragen. Wobei DIE LISTE aus zwölf speckigen, eselsohrigen Papierblättern besteht, die jeweils in drei Spalten eng und handschriftlich bekritzelt sind. Ernsthaft, auch unter dem neuen Arzt gilt der Einsatz von Excel wohl als Raketenforschung. Erschütternd.

Nun stehe ich immerhin auf DER LISTE, auf Seite 12, ganz unten rechts. Vor mir mehrere hundert Leute. Und für Erstimpfungen gibt es pro Woche zwei Ampullen, das sind 10 Dosen. Ginge es in dem Tempo weiter, bin ich ca. in zwei Jahren dran. Da geht es vermutlich im Impfzentrum schneller, oder?

Impfzentrum

Dieser Tage rollte die Meldung durch, es gäbe nun eine „Impfstoffbörse“ in Niedersachsen. Seltsamer Begriff, „Impfstoff-Lotterie“ passt besser. Der Gedanke dahinter: Sollte ein Impfzentrum freie Plätze haben, lassen die sich ad hoc buchen. In der Praxis ist das jedoch maximal kompliziert. Ich dokumentiere das mal hier, weil es so absurd. ist. Die Probleme sind:

  1. Man muss immer noch impfberechtigt sein, also entweder eine berufliche oder medizinische Indikation aufweisen. Die Indikationen sind genau definiert, eng gesteckt und müssen schriftlich nachgewiesen werden.

  2. Das Impfportal in Niedersachsen gibt die Termine nicht einfach so bekannt. Um zu erfahren ob etwas frei ist, muss man das gleiche Registrierungsverfahren durchlaufen wie bei der Anmeldung zur Impfung, auch wenn man das schon einmal für einen Eintrag in die Warteliste getan hat. Das schreckt schon mal die meisten ab, weil sie denken, sie seien hier verkehrt. „Impfbörse? Hier ist keine Impfbörse. Nur sie Seite wo ich mich doch schon für die Warteliste angemeldet habe!“

WEr sich doch traut, muss die folgenden 7 Schritte durchlaufen:

1. Formular Datenschutzerklärung, ->
2. Formular: Angabe, ob man einen Einzel- oder einen Gruppentermin vereinbaren oder eine Buchung stornieren möchte. (Wobei es gar nicht möglich ist Gruppentermine zu buchen) ->
3. Formular Alterseingabe, ->
4. Formular: Angabe ob berufliche Indikation vorliegt ->
5. Formular: Angabe ob medizinische Indikation vorliegt,
6. Formular: Belehrung und Hinweise, Warndialog.

Auf dem 7. Formular erfährt man nun, ob gerade Termine frei sind.

Wohl gemerkt, dass ist keine einmalige Sache – das Importal Niedersachsen kennt nämlich keine Accounts, weshalb man dieses Prozedere JEDES Mal machen muss, wenn man nach freien Terminen gucken möchte.

Sollten doch Termine frei sein, heißt es schnell handeln, denn befindet man sich im Rennen um die Zeit mit Dutzenden anderen Impfwilligen und auf einem maximal komplizierten Hinderniskurs.

Als erstes muss eine Mobiltelefonnummer angegeben und ein Captcha abgetippt werden, so ein ganz klassisches mit verdrehten Zahlen und Buchstaben und Groß- und Kleinschreibung. Hat man das geschafft, ohne sich in der Aufregung zu vertippen, bekommt man einen Code per SMS.

Den muss man auf der Seite eingeben und kommt dann auf ein Registrierungsformular für Name, Adresse, Schuhgröße.

Spätestens bei der Adresseingabe wird es richtig hakelig, denn das Feld für die Straße akzeptiert scheinbar keine Eingabe. Tippt man da etwas rein und geht weiter zum nächsten Feld, verschwindet die Eingabe und es kommt der Hinweis „Pflichtfeld nicht ausgefüllt“. Zarte Gemüter geben hier bereits auf, dabei ist das nur ein fiese Falle in Form eines schlecht designten Formulars.

Was hier passiert, ist aber auch perfide: Tatsächlich lädt die Website im Hintergrund ein Straßenverzeichnis vor Ort. Das soll Fehleingaben verhindern und ist gleichzeitig als Komfortfunktion gedacht, aber in diesem Fall superschlecht implementiert: Es dauert 5 bis 10 Sekunden bis das Straßenverzeichnis geladen ist und als Vorschlagsfeld erscheint. Dann liegt es aber UNTER dem Autocomplete-Feld des Browsers UND es ist es nicht an der richtigen Stelle, sondern fängt immer bei „A“ an.

In der Praxis sieht das so aus: Wohne ich im Zukowski-Weg und beginne mit der Eingabe, lädt ab dem dritten Buchstaben der Eingabe („Zuk“) unebemerkt im Hintergrund das Straßenverzeichnis. Bin ich zu schnell und springe weiter bevor es fertig geladen ist, gibt es einen Fehler. Bleibe ich lange genug in dem Feld, erscheint das Verzeichnis als Drop-Down und bietet mir als Vorschlag zur automatischen Ergänzung von „Zuk“ den Beginn des Alphabets an, also den „Aaron-Droschke-Weg“. Davon lässt es sich auch nicht mehr abbringen, weitere Eingaben per Tastatur ignoriert das Feld. Lösung: Man muss dann per Hand durch das Verzeichnis ALLER STRAßEN DES WOHNORTS scrollen bis zur richtigen Straße und die anklicken. Erst dann geht es weiter… und nun kommt in der Regel dann die Meldung „Leider keine Termine mehr frei“ – Rennen verloren.

Impfsuche.de

Damit man den ganzen Quatsch zumindest bis zum SMS-Captcha abkürzen kann, bietet sich für Niedersachen die Seite „Impfsuche.de“ an. Keine Ahnung, woher die private Seite ihre Daten hat, aber die Seite aktualtisiert sich selbst und zeigt zeitnah an, wenn irgendwo Termine frei werden. Sehr praktisch. Zumindest bekommt man mit, wenn wieder eine Lotterie im Rennen um einen Impfplatz startet.

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Corona-Tagebuch (30): Es wird langsam besser(?)

Weltweit: 165.555.872 Infektionen, 3.430.955 Todesfälle
Deutschland: 3.635.162 Infektionen, 87.128 Todesfälle

Tag 435 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Es scheint langsam besser zu werden. Die Inzidenzzahlen sinken, in manchen Regionen sogar stark. Lag Göttingen vor zwei Wochen noch bei 180 Infizierten pro 100.000 Einwohnern, sind es heute gerade noch 56. Effekt eines letzten, kollektiven Zusammenreißens, nach dem die Situation dramatisch wurde? Oder liegt es an den Impfungen? Man weiß es nicht.

Besser wurde es auch mit der Impfstoffversorgung. Stand heute sind fast 40 Prozent der Bevölkerung zumindest mit einer von zwei Dosen geimpft, und aus dem erweiterten Freundeskreis, der Familie und von Kunden höre ich allerorten, dass sie zumindest „den ersten Pieks“ schon bekommen haben. Allen gemein ist, dass die Impfung über die Hausarztpraxis erfolgte. Zur Erinnerung: Als ich vor 8 Wochen bei der neuen und mir nach wie vor unbekannten Hausärztin fragte, ob ich auf die Warteliste kann, hieß es: „Sicher, aber machen sie sich keine Hoffnungen, die Liste ist riesenlang, wir kriegen pro Woche weniger als 20 Dosen und priorisieren nach Alter“.

Die Versorgungssituation hatte sich in den vergangenen Wochen offensichtlich gebessert, fällt aber gerade wieder in sich zusammen. Jetzt stehen nämlich die Zweitimpfungen an, und das bedeutet zumindest in Südniedersachsen: Für Erstimpfungen bekommt jede Praxis nur noch zwei Ampullen pro Woche. Das sind 10 Dosen. So lange also nicht die Impfstoffmenge drastisch zulegt, wird es jetzt langsamer gehen als vorher. Das Impfstoff vom Himmel fällt ist unwahrscheinlich, das Gegenteil ist der Fall. Nach den MrNA-Impfstoffen von Pfizer-Biontech und Moderna und dem Vektorimpfstoff von Astra Zeneca sollte der von Johnson&Johnson in großen Mengen eingesetzt werden, aber nachdem die Produktions- und Nebenwirkungsprobleme haben, steht der Einsatz noch in den Sternen.

Ebenfalls unsicher ist die Lage nach dem 07. Juni. Dann soll die Impfpriorisierung fallen, jeder ab 16 Jahren soll sich dann einen Impftermin geben lassen können. Was als erstes passiert ist klar, die Impfportale zur Terminvergabe werden zusammenbrechen. Und dann?

Hoffnung für mich selbst, in den kommenden Wochen geimpft zu werden, habe ich wenig. Schon jetzt, wo die Priorisierung noch in Kraft sind, wären rein rechnerisch noch 600.000 Menschen vor mir dran. Keine Ahnung wie das wird, wenn die Reihenfolge nicht mehr gilt.

Aber ach, egal. Bleibe ich halt noch ein halbes Jahr im Keller hocken und gehe nicht raus. Habe ich mich ja mittlerweile dran gewöhnt. Sehnsucht nach einer Motorradreise ist das Schlimmste, was mich gerade plagt, und so lange es nur das ist, geht´s mir gut.

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Taktisches IFAK für´s Motorrad

Ich nehme Erste Hilfe sehr ernst. Umso mehr ärgert es mich, dass die meisten Erste-Hilfe-Sets auf dem Stand der Fünfziger Jahre hängen geblieben sind. Das geht besser, der klassische „Verbandskasten“ nach EN1357 gehört ordentlich aufgerüstet – mit taktischen Komponenten.

Es gibt Menschen, die im Angesicht von Unfällen, Feuern oder Verletzungen völlig handlungsunfähig werden. Sie erstarren oder verfallen in eine kopflose Panik. Andere dagegen behalten in Notsituationen einen kühlen Kopf und bleiben handlungsfähig – und zu denen gehöre ich. Ich bin nicht der Typ, der an Unfällen vorbeifährt und daher schon häufiger in Situationen gekommen, in denen ich Ersthelfer sein musste. Alle zwei Jahre nehme ich an Erste-Hilfe-Kursen teil, um auf dem Laufenden zu bleiben und um Abläufe in Notsituationen immer wieder zu üben.

Natürlich gibt es bei mir zu Hause und in jedem meiner Fahrzeuge Erste-Hilfe-Sets. Für Motorräder ist das nicht Pflicht, trotzdem habe ich in jeder Maschine so eines unter der Sitzbank.

Das ist so ein Standard-Erste-Hilfe-Set, wie man sie in jedem Motorradzubehörladen kaufen kann. Da ist im Prinzip das gleiche drin wie in einem Verbandskasten für´s Auto, nur in geringerer Stückzahl: Dreieckstücher. Mullbinden. Wundauflagen.

Das ärgert mich. Das ist echt so Zeug, wie man es seit den 50er Jahren oder noch länger verwendet, als hätte auf dem Gebiet null Entwicklung stattgefunden.

Ein Beispiel: Um einen Druckverband aus einem Standard-Verbandskasten herzustellen muss man:

  1. Ein Wundauflage aus einer Papierhülle fummeln
  2. Die irgendwie auf die Wunde bugsieren
  3. Eine Binde aus der Plastikverpackung friemeln,
  4. dabei auf´s Kleingedruckte achten ob das eine sterile Binde oder nur ein Verband ist.
  5. Anfangen die Binde um das Körperteil zu wickeln,
  6. nach einigen Umwicklungen aber etwas suchen und befestigen was Druck ausüben kann
  7. Weiterwickeln und am Ende
  8. irgendwie einen Knoten machen oder mit einer Sicherheitsnadel feststecken

Das ist nicht nur völlig antiquiert und umständlich, das muss man im Notfall und mit zitternden Fingern auch erstmal hinbekommen!

Nun hat aber auf dem Gebiet der ersten Hilfe durchaus Entwicklung stattgefunden, sie hat nur keinen Einzug gehalten in die klassischen Verbandskästen für 9,99 Euro aus dem Baumarkt. Die Entwicklungen stammen aus dem Zivilschutz- und dem Militärbereich, insbesondere aus Israel kommen spannende Innovationen. Deshalb gehören israelische IFAKs, „Individual First Aid Kits“, zu den besten Trauma-Sets überhaupt.

Wenn ich auf längeren Touren unterwegs bin, habe ich immer ein Topcase auf der Maschine, und in dem Topcase sind rundum mehre Taschen an Guten befestigt. Dazu gehört auch ein individuell zusammengestelltes IFAK.

Die Tasche selbst ist eine IFAK-Tasche von Gonex, die man leer für ungefähr 15 Euro bekommt. Sie ist auf einer Klettplatte befestigt, die über ein Molle-System zur Anbringung an Rucksäcken oder im Topcase verfügt. In Notfällen reißt man einfach die Tasche von dieser Halterung ab und braucht nicht mit Gurten rumfummeln. Das geht auch viel schneller als wenn man erst die Sitzbank abnehmen muss, um an das Erste Hilfe-Set im Inneren des Motorrades zu kommen.

Wenn der umlaufende Reißverschluss geöffnet wird, faltet sich das Set auseinander, und gibt den spannenden Inhalt frei:

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Corona-Tagebuch (29): Nicht nichts tun oder doch nicht

Weltweit: 154.386.183 Infektionen, 3.228.547 Todesfälle
Deutschland: 3.451.550 Infektionen, 83.876 Todesfälle

Tag 419 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Seit dem letzten Eintrag ins Corona-Tagebuch ist viel passiert. Nachdem die Inzidenzzahlen durch Decke gingen und trotzdem einzelne Ministerpräsidenten was von Öffnungen faselten, Lockerungen ankündigten und am Ende nicht mal mehr zur gemeinsamen Konferenz von Bund und Ländern kommen wollten (weil die vorbereitet werden müsste, und dafür habe ja niemand Zeit), setzte sich der Bundeskanzler Frau Merkel in eine Polittalkshow und sprach ganz besonnen die Worte „Ich werde mir das nicht noch zwei Wochen anschauen und nicht nichts tun“. Dahinter stand nicht weniger als die Drohung, den Ländern Kompetenzen wegzunehmen.

„Ich werde zwei Wochen nicht nichts tun“

Dann tat sie: Nichts. Drei Wochen lang.

Dann gab es endlose Debatten, dann war Mittag, dann Wochenende, dann gab es Diskussionen, und am Ende beschloss der Bundestag eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes, damit es nun bundesweit einheitliche Regelungen geben könne.

Auf den Weg gebracht wurden dann aber nicht Maximalinzidenzwerte von 35 oder so, wie von Epidemiologen empfohlen. Oder eine Homeofficeflicht. Oder die Schließung von Schulen und nicht systemrelevanten Betrieben. Nein, stattdessen eiert die „Notbremse“ um einen Wert von 100 herum, ab dem es dann nächtliche Ausgangssperren geben soll. Also weitere Einschränkungen der Grundrechte, aber keine für Betriebe. Schon krass, dass man selbst eine „Bundes-Notbremse“ (so wird das genannt) so verkacken kann. Zumal Intensivmediziner nicht nur Alarm schlagen, sondern mittlerweile Türen eintreten, weil es in den Krankenhäusern nicht fünf vor zwölf ist und auch nicht fünf nach, sondern Viertel nach. So krass ist das mittlerweile. Immerhin haben anscheinend viele Menschen außerhalb der Politik den Ruf gehört und setzen auf Selbstverzicht, denn die Infektionszahlen sinken aktuell.

Charite 43

Dabei war das Personal schon nach der zweiten Welle am Ende. Sehr eindrücklich wird das in der vierteiligen Doku „Intensiv Charite 43“ gezeigt, die von Dezember bis März das Sterben auf einer Berliner Intensivstation begleitet hat. Ausgelaugtes Personal, Auswirkungen von Long-Covid und eine Erklärung, was ECMO eigentlich ist inklusive. Kann und sollte man sich hier angucken: Mediathek.

Impffortschritt

Mit dem Impffortschritt geht es so langsam voran. 29 Prozent haben eine Impfung bekommen, 8 Prozent zwei. Man hört Gerücjte, dass ja angeblich unfassbare Impfstoffmengen kämen und bis Ende Juni alle Impfwilligen zumindest eine Dosis erhalten könnten. Glauben tue ich das erst, wenn ich selbst einen Termin habe.

Aktuell wird hart über die Rückgabe von Grundrechten für Geimpfte diskutiert. Ich bin in der Frage zwiegespalten. Natürlich muss die Ausübung der Grundrechte so schnell wie es geht wieder gestattet werden. Auf der anderen Seite wird eine fehlende gesellschaftliche Solidarität dazu führen, dass die Spannungen zunehmen werden. Menschen werden agressiv Impfungen einfordern, auch wenn sie noch nicht dran sind. Spätestens wenn der geimpfte Nachbar in den Sommerurlaub fliegt, während die ungeimpften weiter im Keller sitzen sollen, werden die Verwerfungslinien sichtbar. Da aktuell die „was kostet die Welt nach uns die Sintflut“-Generation der Boomer geimpft wird, ist mit freiwilliger Solidarität nicht zu rechnen. Und natürlich werden jetzt schon Impfpässe gefälscht, denn an eine fälschungssichere Dokumentation oder einen Nachweis der Impfung, auch daran hat niemand gedacht. Auch das wurde episch verkackt.

Wundert in der aktuellen Situation niemanden, aber was mich erstaunt ist, dass es anscheinend überhaupt keine Pläne für Pandemien gab. Weder Szenarien zur Frühwarnung noch Katastrophenschutz noch Austiegswege lagen als Pläne in der Schublade. Zum Vergleich: In manchen Asiatischen Ländern werden Impfzentren dauerhaft im Rahmen der Vorsorge vorgehalten. Passiert tatsächlich was, zieht man die Abdeckplanen von den medizinischen Geräten, wischt mal schnell Staub und setzt dann die vorbereiteten Pläne für Isolationsszenarien um. DAS ist Katastrophenschutz. Aber in Deutschland? Nüscht.

Wichtig: App

Genau wie die Kontaktnachverfolgung per App. Zwar kann das die offizielle Corona-App mittlerweile, viele setzen aber auch die proprietäre und kommerzielle LUCA-App, die nicht nur teuer, sondern auch ein Datenschutz- und Datensicherheitsalbtraum ist. MP Müller setzte sich breit grinsend hin und erläuterte, dass er von Technik ja keine Ahnung habe, aber diese App, die habe er für Berlin gekauft. Mal ehlrich Berlin, wo habt ihr diese Pfeife her?

Apropos App, wer geimpft ist, sollte bitte die SafeVac-App des Paul-Ehrlich-Instituts nutzen. Darin kann man Wirkungen und Nebenwirkungen erfassen, die werden anonym ausgewertet um von möglichen Nebeneffekten der Impfungen zu erfahren.

SafeVac für IOS

SafeVac für Android

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Momentaufnahme: April 2021

Herr Silencer im April 2021

Wort des Monats: Kurzfrustig

Wetter: Bis auf wenige Ausnahmen durchgehend kalt (-3 bis max. 11 Grad), ordentlich viel Schnee in der ersten Monatshälfte, wenig Regen in der zweiten. Die Talsperren im Harz sind so leer wie selten, trotz des Niederschlags im Januar und Februar.


Lesen:

Lucifer: The Wild Hunt / The Devil at Heart (Sandman Universe)
Bd. 3: Die Wilde Jagd, eine Ansammlung von anthropomorphen Personifizierungen von Angst, Mordlust usw. macht seit Äonen Jagd auf den Gott der Flucht. Nun wurde Lucifer prophezeit, dass er wieder die Herrschaft über die Hölle übernehmen wird, wenn die Jagd erfolgreich sein sollte. Da der Teufel auf Hölle so überhaupt keinen Bock hat setzt er alles daran, den Gott, der ohne Gedächtnis in einer mittelalten amerikanischen Hausfrau inkarniert ist, zu retten.

Bd. 4: Lucifer ist müde. Er sucht Destiny of the Endless auf und streicht sich selbst aus dem Buch des Schicksals. Die Folge: Es gibt nicht nur keinen Teufel mehr, es gab ihn auch nie. Die Folge: Die Menschheit hat sich ganz anders entwickelt, Gott hört auf zu existieren und Himmel und Hölle werden eins.

OK, diese Spin-off Serie des neuen Sandman-Universums vergessen wir mal ganz schnell wieder. Hinter jedem der vier Bände steckt genau EINE gute Idee, die wird aber unter endlos viel drum herum, langweiligem Gelaber und unverständlichen Szenen begraben. Das der Zeichenstil bis zum Ende unattraktiv schmuddelig und die Charaktere hässlich bleiben ist ein weiterer Grund, diesen Kram weiträumig zu umfahren.

House of Whispers: The Power Divided (Sandman Universe)
Eine alte Voodoo-Göttin wird aus der Welt gerissen und strandet mit ihrem Hausboot an der Küste ihres Bayou. Allerdings fließt der Fluß plötzlich nicht mehr in Louisiana, sondern durch das Traumreich The Dreaming. Währenddessen greift in der wachen Welt eine Pandemie um sich: Infizierte Menschen verlieren ihre Seele und spüren, dass sie tot sind, leben aber weiter. Dafür ist vermutlich ein irrer Voodoo-Gott verantwortlich, aber gestrandet in der Traumwelt und abgeschnitten von ihren Gläubigen ist die Göttin zu schwach, um ihn in die Schranken zu weisen.

„House of Whispers“ ist wieder ein Spin-Off vom Sandman Universum, und wieder ist die Handschrift Neil Gaimans deutlich zu spüren. Alte Götter und ihre Probleme mit Gläubigen und anderen Göttern sind seine Spezialität, und nach der nordischen und amerikanischen Mythologie widmet er sich nun weniger bekannten Pantheons. Das die afrikanische Mythologie der Dahomey oder die Figuren nicht erklärt werden, macht den Einstieg schwer und das Lesen anspruchsvoll.

Wer nicht zumindest von Voodoo und Loas schon mal ganz grob etwas gehört hat oder The Dreaming nicht kennt, wird hier null verstehen. Und selbst wenn man die Vorkenntnisse hat, bleibt der Band bis zur Mitte völlig rätselhaft – man versteht schlicht kaum, wer die Handelnden sind und was da passiert. Ein wenig mehr Exposition wäre da schon nett gewesen. Wer sich durch die erste Hälfte quält, wird danach aber mit einer spannenden und sehr großen Geschichte belohnt. Nicht für jeden, aber ziemlich gut.


Hören:


Sehen:

Beforeigners [ARD Mediathek, leider nur bis 12.04.21]
2016: Überall auf der Welt tauchen Menschen aus vergangenen Epochen auf, von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert.

Fünf Jahre später: Die moderne Gesellschaft versucht die Integration der Neuankömmlinge, die nun „Beforeigners“ (Mischung aus „before“ und „foreigners“, „Zeitausländer“) genannt werden. Das führt von Spannungen bis zu offenem Beforeigner-Hass. Ein Integrationprojekt ist die Aufnahme einer Wikingerin in die Norwegische Polizei. Was niemand weiß: Sie war früher eine Schildmaid, eine Kriegerin, und hat mit einigen Vorfahren in der Jetztzeit noch das ein oder andere Hühnchen zu rupfen.

Superinteressante Idee, die diese HBO-Nordic Serie da mitbringt. Leider wird stellenweise zu wenig daraus gemacht. So nachvollziehbar es ist, dass es zu Spannungen führt, wenn im Stadtparkt plötzlich Höhlenmenschen in den Bäumen hocken oder Nachbarn aus dem Mittelalter im Hochhaus Ziegen züchten, so dumm und sinnlos sind manchmal die Ideen der Drehbuchschreiber, wenn es um die Protagonistin geht. Das sie sich Moos in den Schritt stopft wenn sie ihre Tage hat oder schlecht mit einer Pistole hantiert wäre sicher nachvollziehbar wenn sie gerade erst in der Jetztzeit angekommen wäre, aber nicht, wenn sie schon jahrelang die Polizeiakademie besucht hat. Sowas passiert leider sehr häufig, zwischen hanebüchenem Blödsinn und versiebten Ideen gibt es aber immer wieder Geistesblitze und Cliffhanger, die dazu führen, dass man immer wissen möchte, wie es weitergeht. Und zack, sind die sechs Folgen der ersten Staffel auch schon weggeguckt, auch wenn es am Ende völlig unnötig in den Fantasysbereich abrutscht. Danke an FrauZimt für den Tip!


Spielen:

Days Gone [PS4, 2019]
Eine globale Pandemie tötet drei Viertel der Menschen, fast der gesamte Rest wird zu reißenden, bösartigen Bestien. Zwei Jahre später streift Deacon St. John mit seinem Motorrad durch die Wälder Oregons und versucht zu überleben und herauszufinden, wie seine Frau gestorben ist.

„The Last of Us“ mit Motorrädern? Count me in!

Beim Release vor zwei Jahren erhielt Days Gone viel Kritik, vor allem, weil es von technischen Problemen geplagt wurde. Nach drei großen Patches ist der Titel nun aber in einem sehr guten Zustand, selbst auf der Standard-PS4 läuft er meistens flüssig, es gibt kaum noch Ton- oder Grafikfehler.

Besonders beeindruckend ist die offene Welt. Das virtuelle Oregon mit seinen Bergen und Wäldern ist wunderschön und lebendig in Szene gesetzt. Mal regnet es, mal schneit es, mal scheint die Sonne. Das sieht einfach nur großartig aus, genau wie die Charaktermodelle in den Zwischensequenzen. Hautporen, kleinste Augenbewegungen – alles perfekt eingefangen und sehr glaubwürdig.

Schön auch, dass diese Welt nicht zugemüllt ist mit hunderten von Markern mit typischem Open-World-Gedöns wie Sammelaufgaben und Challenges. Stattdessen IST die Welt die Herausforderung, denn so schön sie ist, so gefährlich ist sie auch. Wilde Tiere, Banditen, Zombies – gerade zum Einstieg ist allein das Überleben in der Post-Pandemie-Welt frustrierend schwer. Das Systeme nicht ordentlich erklärt werden tut sein übriges zum Frustlevel, wobei der Schwierigkeitsgrad gar nicht mal besonders hoch ist.

In der Welt gibt es ein geradezu geniales Storysystem, was geschickt verschiedene Handlungsstränge verknüpft. Die Geschichten an sich ist leider etwas inkonsequent erzählt: Teilweise gibt es sehr emotionale und packende Szenen, teils fizzeln ganze Handlungsstränge einfach aus oder kommen gar nicht zu einem Abschluss.

Dazu kommt: Viele Aufgaben sind repetitiv und manches einfach schlecht balanciert. In einer Welt, in der permanent Ressourcenknappheit herrscht und jede Kugel zählt ist es nachgerade ärgerlich, wenn unbekleidete Gegner ein halbes Dutzend Kopfschüsse aushalten. Völlig enervierend auch, dass das eigene Motorrad zu Anfang nicht mal 3 Minuten fährt, bevor man es nachtanken muss.

Macht Days Gone trotzdem Spaß? Durchaus. Man muss sich aber auf ein sehr entschleunigtes Spielerlebnis einstellen, schnelles und actionsreiches Vorgehen funktioniert selten. Hat man sich darin eingewöhnt – was bei mir rund 10 Stunden gedauert hat – wird man mit einem interessanten Hauptcharakter belohnt, bei dem zumindest ich immer wissen will, wie es mit ihm und seiner Geschichte weiter geht.


Machen:
Warten, auf das Ende der Pandemie.


Neues Spielzeug:

Ein schweizer Taschenmesser mit dem Namen „Huntsman“ von Victorinox, allerdings nicht in diesem billigen Plastiklook, sondern in Nussbaumholz. Das ist zwar auch keine Schönheit, fasst sich aber besser als die glatten und irgendwie billig wirkenden Kunststoffschalen. 3mm schlanker als die Plastikvariante, dafür muss man auf Zahnstocher und Pinzette verzichten.

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Corona-Tagebuch (28): Ich verstehe es nicht mehr


Weltweit: 132.456.676 Infektionen, 2.873.821 Todesfälle
Deutschland: 2.909.902 Infektionen, 77.401 Todesfälle

Tag 390 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ich verstehe es nicht mehr. Ich verstehe nicht mehr, was hier passiert.

Da warnen Wissenschaftler:innen seit Anfang des Jahres vor einer dritten Welle und sagen das Szenario ganz exakt voraus: Sobald die Alten geimpft sind, besteht die Gefahr und die Verlockung leichtsinnig zu werden, vorschnell Öffnungen voran zu treiben und DANN werden die Fallzahlen durch die Decke gehen und die medizinischen Kapazitäten überlastet sein. Genau in dieser Phase sind wir gerade, das ist die dritte Welle, weiter angefeuert durch immer ansteckendere Virusmutanten.

Aber was machen die Landespolitiker? Beschließen keine härteren Maßnahmen. Keine Homeoffice-Pflicht. Keine Mobilitätseinschränkungen. Stattdessen stellen die sich hin und handeln exakt entgegen aller Empfehlungen. Faseln trotz steigender Fallzahlen von Öffnungen und richten Modellregionen ein. Man brauche nur genug testen, dann könnte man alles wieder aufmachen. Klappt nur nicht, auch in den Modellregionen gehen die Fallzahlen hoch, stärker noch als anderswo. Ich verstehe es nicht.

Angesicht steigender Fallzahlen rudern Gestalten wie Armin Laschet nun mit den Ärmchen, machen dicke Backen und verkünden, dass mit einer dritten Welle ja niemand rechnen konnte, keiner konnte das wissen! Alle sind ja so überrascht! Und wenn ihm jetzt mal einer sagen könnte was man noch tun kann um die Pandemie einzudämmen, dann würde er, Armin Laschet, CDU-Chef und Ministerpräsident von NRW, vielleicht drüber nachdenken.

Das sorgte unter dem Hashtag #Laschetdenktnach für feinen Spott auf Twitter. Rausgekommen ist bei dem Nachdenken ohne hin nur ein neues Wort, das wohl Laschets PR-Berater erfunden haben: Brücken-Lockdown. So wie ein normaler Lockdown, nur, öhm, anders benannt. Darüber wolle er auf einer Ministerpräsidentenkonferenz sprechen, die er – MAN HALTE SICH FEST! – in Präsenz abhalten will, weil „online nicht funktioniert“. Ich verstehe es nicht.

Es ist zum Heulen. Was wir bräuchten ist ein echter Lockdown, bei dem auch Büros und Betriebe zugemacht werden, bei dem es Ausgangssperren auch tagsüber gibt. Damit könnte man die Fallzahlen runterbekommen. Dreiviertel der Bevölkerung befürworten dieses Vorgehen. Und was machen die Bundesländer? Das Saarland öffnet komplett. Niedersachsen macht nüscht. Alle anderen irrlichtern irgendwo dazwischen rum. Ich verstehe es nicht.

Über die Osterfeiertage wurde wenig getestet und vielerorts die Testzahlen nicht weitergeleitet, weil in den zuständigen Stellen niemand gearbeitet hat. Was machen Städte wie München? „Oh, die Fallzahlen sind ja voll niedrig, gleich mal Öffnungen einleiten“. Ich verstehe es nicht.

An den Wochenenden fahren immer die gleichen Esoteriker, Neonazis und Spinner mit Bussen in immer andere Städte, marodieren unter dem Deckmäntelchen einer „Querdenker-Demo“ ohne Masken und Abstand herum und die Polizei ist jedes Mal überfordert, weicht zurück, zeigt Sympathien. Die Lokalpolitik gibt anschliessend zu Protokoll, dass ja NIEMAND damit rechnen konnte, dass die Infektionsschutzauflagen verletzt oder Journalisten bedroht wurden. Ich verstehe es nicht, denn diese demoktatiezersetzenden Quatschdemos muss man nicht stattfinden lassen. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein Grundrecht und ein hohes Gut, aber es kann eingeschränkt werden – wenn die Maßnahmen erforderlich und angemessen sind, und das geben die Infektionsschutzgesetze her. Das man die nicht einsetzt sondern JEDE WOCHE WIEDER überrascht ist wie gewalttätig diese Superspreaderevents sind – ich verstehe es nicht.

Eine Krankheit verhandelt nicht. Was sagt der regierende Bürgermeister von Berlin, auf die Frage warum er sich angesichts durch die Decke knallender Infektionszahlen weigert, die zuvor verabredeten Maßnahmen umzusetzen? Er fände es nicht gut, die in den letzten Wochen so hart erkämpften Freiheiten jetzt wieder zurück zu nehmen. Ich verstehe es nicht.

Die Politik, vor allem die Konservative, scheint überall genau das Gegenteil von dem zu tun, das die Wissenschaft sagt und die Mehrheit der Bevölkerung unterstützen würden. Warum ist das so?

Vielleicht wird tatsächlich nur ein Schuh draus, wenn man sieht, mit welcher Intensität und Lautstärke Wirtschaftsverbände in den Nachrichten vorkommen und Geld/Öffnungen/keine Maßnahmen fordern. Allein die Unverschämtheit, mit der die Vorsitzende des Gaststättenverbandes Forderungen und Drohungen ausstösst, würde jede Schuldeneintreiber rot werden lassen. Wirklich, wenn ich die Frau sehe, denke ich immer nur: Die geht über Leichen, für die sind ihre Klientel wichtiger als Menschenleben.

Man neigt dazu, schnell in den Bereich der Verschwörungstheorien abzukippen, aber angesichts der Tatsache, dass sich die Politikfamilienclans, von den Kohls über die Straußs bis hin zu den Gauweilers alle an der Krise bereichert haben, liegt die Vermutung nahe, dass der Einfluss der Wirtschaft für die Politik einen viel höheren Stellenwert hat als Menschenleben. Vielleicht ist das wirklich die Erklärung.

Achso, Impftechnisch geht es gefühlt auch nicht voran. Immerhin dürften jetzt Hausärzt:innen impfen, wenn sie Impfstoff bekämen. Das ist gut, Hausärzt:innen kennen ihre Patienten und können die Reihenfolge selbst am Besten festlegen. Da passt es ja voll supi, dass meine Hausärztin vorvergangene Woche beschlossen hat, dass es genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre in Rente zu gehen. Ich verstehe es nicht.

Zu Abschluss Rezo. Nicht in einem seiner legendären Recherchevideos, sondern im offenen Talk:

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Kategorien: Corona-Tagebuch | 12 Kommentare

Momentaufnahme: März 2021

Herr Silencer im März 2021

Clownesk!

Wetter: Anfang des Monats zwischen Null und 8 Grad schwankend und trocken. Monatsmitte mehrere Tage schwere Stürme und Dauerregen, dann wieder Temperaturen um die Null bis -5 Grad, dabei Regen und Schnee, dann bei 0 bis 5 Grad bis zum Monatsende. Die letzten paar Tage sonnig und bis 20 Grad.


Lesen:

Lucifer: The Infernal Comedy / The Divine Tragedy
Bd. 1: Lucifer findet sich an einem Ort zwischen den Welten wieder. Ein Gefängnisort, entsprungen einem Fiebertaum. Schwach, ohne Gedächtnis und misshandelt von Mitgefangenen sucht er nach einem Ausweg. Bd. 2: Lucifers Sohn Caliban ist auf der Suche nach seinem Vater, findet aber keinen Zugang zur Hölle – von der Lucifer feststellt, dass er dort nicht mehr das Sagen und auch keine Anhänger mehr hat.

Schwer erträglich, diese Geschichte aus dem neuen und erweiterten „Sandman“-Universum. Das liegt an der Story, die langatmig, langweilig und völlig wirr erzählt wird, das liegt aber auch am schmutzigen Look der Zeichnungen und am Charakterdesign, das ich persönlich grottenhässlich finde.

Die originale „Lucifer“-Serie war ein Spin-Off von „Sandman“ und lief von 2000 bis 2006. Sie drehte sich darum, das der Fürst der Hölle eben selbige verlässt und in Rente geht. Anders als in der gleichnamigen TV-Serie macht er dann aber keinen auf Privatdetektiv, sondern versucht Gott und der Schöpfung zu entkommen. Das war eine fantastische Geschichte und Lucifer ein eleganter und undurchsichtiger Charakter. In der neuen Serie wirkt er wie ein androgynes Laufstegmodel mit permanent schlechter Laune.

Neil Gaiman: The Books of Magic
Einem 12jährigen Jungen mit einer großen Brille wird eines Nachts eröffnet, dass er der weltgrößte Zauberer werden kann. Er bekommt eine Eule und wird vor eine Entscheidung gestellt: Will Magie in sein Leben lassen? Oder lieber ein normales Leben führen?

Klingt nach Harry Potter, und tatsächlich gibt es heftige Parallelen bei Alter und Aussehen der Protagonisten. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten, denn während Harry Potter nach Hogwarts kommt, geht Tim Hunter, die Hauptperson dieser Geschichte, auf eine Reise mit vier mysteriösen Trenchcoatträgern. Die zeigen ihm unterschiedliche Aspekte der Magie und machen deutlich, dass deren Nutzung äußerst gefährlich sein kann. Tim kann sogar zum Zerstörer der Welt werden, sein Weg ist nicht vorgezeichnet.

Das die Hauptperson mal kein „guter Auserwählter“ ist, sondern nur irre mächtig, wenn er es denn will, und damit möglicherweise auch böse und gefährlich – das ist erfrischend anders und fühlt sich spannend an, zumal auch die Trenchcoatträger nicht unbedingt nur wohlgesonnen sind – einer versucht sogar den Jungen am Ende der Zeit zu begraben, wo es dann ein Crossover mit den „Sandman“-Geschichten gibt und Tim auf die „Endless“ trifft. Ein fantastisches Abenteuer.

Die Grafic Novel ist toll gezeichnet, schön erzählt und macht Lust auf mehr – wird sich Tim am Ende für die Magie entscheiden? Oder davon absehen, um nicht zum Vernichter von Welten zu werden? BTW: Die „Bücher der Magie“ wurden schon 1994 veröffentlicht, wenn überhaupt hat sich also J.K. Rowlings inspirieren lassen.

Petra Reski: Als ich einmal in den Canale Grande fiel: Vom Leben in Venedig
Venedig. Eine Stadt, an deren Untergang nicht nur das Meer arbeitet. Petra Reski lebt seit 30 Jahren in Venedig und berichtet hier von ihrem Leben in der Stadt. Von kleinen Anekdoten, ihrer tiefen Liebe zu dieser unwirklichen Stadt, aber auch von den Folgen der jährlich 30 Millionen Touristen, Korruption, Kreuzfahrtschiffen, was mit einer Stadt passiert, wenn Wohnungen nur noch als Air BNB vermietet werden und wie Corona die Stadt verändert.

Petra Reski ist eine der bewundernswertesten Journalistinnen, die zu lesen ich das Vergnügen habe. Bewundernswert, weil sie nie aufzugeben scheint – trotz aller Ungerechtigkeiten schreibt und kämpft sie immer weiter, auch wenn Sie für ihre Mafiarecherchen schon mal von deutschen Geschäftsleuten verklagt und dabei von Jakob Augstein im Regen stehen gelassen wird.

Ich lese Petra Reskis Blog schon lange und kenne deshalb ihren berechtigten wie bitteren Abgesang auf die Stadt. Der Tenor ist: Die Stadt stirbt seit den Neunzigern, weil einfach jeder daran verdient. Die Politiker, die die Immobilien der Stadt an die Benettons oder an die Chinesen verkaufen. Die Wohnungsbesitzer, die mit AirBNB Kohle machen. Die Gemüsehändler, die plötzlich lieber Plastikgondeln an Touristen als Tomaten an Einwohner verkaufen. Selbst die Gondoliere, die dank des Massentourismus locker 1.000 Euro am Tag(!) machen.

Im Blog ist das alles sehr konzentriert und deshalb schwer erträglich, weil es wütend und traurig macht. Das vorliegende Buch funktioniert aber anders, weil es die permanente Ungerechtigkeit in dieser Stadt vermischt mit Reskis großer Liebe zu Venedig und den Einheimischen, für die sie unnachgiebig kämpft – zuletzt hat sie sich sogar im Wahlkampf aufstellen lassen.

Das Buch ist eine leichter zu ertragende Mischung als das Blog. Es ist eine bittere Liebeserklärung an eine wunderbare Stadt, die täglich mißhandelt wird und die es so schon bald nicht mehr geben wird.


Hören:


Sehen:

Raees [2017, BluRay]
In den 70ern lernt der kleine Raees den Alkoholschmuggel in der Prohibition in einem indischen Bundesstaat. Als Erwachsener wird er selbst zum Chef einer Schmugglerorganisation und dabei von korrupten Polizisten und Politikern unterstützt. Mit seinen Profiten hilft Raees immer wieder der armen Bevölkerung – aber dann bekommt er es mit einem unbestechlichen Polizisten zu tun.

Toll ausgestattet und inszeniert, aber auch sehr düster. Sha Rhuk Khan spielt intensiv, der Rest des Casts bleibt dagegen eher blass. Gute, aber grimmige Gangsterunterhaltung

Wandavision [2020, Disney+]
Marvel-Cinematic Universe, nach „Endgame“: Wanda und Vision leben in einer Sitcom, die in den 50ern beginnt und von Folge zu Folge ein Jahrzehnt nach vorne springt. Anfangs noch in Schwarz-weiß, ab den späten 60ern dann in Farbe. In den 70ern wird Wanda unvermittelt schwanger. Maximale Verwirrung.

Hä? Ist Vision nicht gestorben? Was soll das mit den Sitcoms? Wieso das alles? „Wandavision“ zieht seinen großen Reiz aus dem Geheimnis, das nach 9 Folgen befriedigend aufgelöst wird. Gute Miniserie, schöner Einstieg in MCU Phase 4. Aber: Ohne Vorkenntnisse keine Chance zu verstehen was da abgeht.

Der Prinz aus Zamunda II [2021, Prime]
Akeem ist König von Zamunda und hat drei clevere Töchter, Thronfolger soll aber sein unehelicher Sohn aus New York werden.

Lang, nur begrenzt witzig. Braucht es „Zamunda 2“, satte 33 Jahre nach dem Original? Nein, natürlich nicht. Mochte ich ihn trotzdem? Zum Teil. Das liegt an der Nostalgie. Meine Generation feiert den ersten Teil total ab, alleine „McDowells“ ist in meinem Bekanntenkreis ein immer noch benutzter Insidergag. Genau solche Nostalgiker hat der Film im Fokus und überschüttet sie mit Tonnen von Reminiszenzen, die er dann unerträglich lang auswalzt. Dazu kommt eine Nummernrevue alter Bands wie En Vogue, Salt´n´Pepa oder Glady Knight. Das ist alles ein wenig zu viel und wird nicht durch eine Story getragen, die den Namen auch nur im Ansatz verdient. Kein guter Film, kurz Schmunzeln musste ich trotzdem.

Das Hausboot [2020, Netflix]
Olli Schulz und Fynn Kliemann kaufen das alte Hausboot von Gunther Gabriel, um daraus eine schwimmende Party- und Musiklocation zu machen. Was als „Och ja, bisschen Farbe und Rest bleibt so“ beginnt, wächst sich schnell zu einem Mammutunternehmen aus, denn der Kahn ist bis auf die Grundplatten verrottet und muss komplett neu gebaut werden. Am Ende arbeitet das Team zwei Jahre an der Kiste herum und muss diese Doku für Netflix drehen, um die Finanzierung stemmen zu können.

Hört sich alles erst einmal super interessant an, ist es aber nicht. Fynn macht halt sein übliches Ding, wie man es von Youtube kennt, Olli Schulz hat Recht früh keinen Bock mehr. Ab einem Punkt X übernimmt dann ein junger Bootsbauer, der sich bis zur Erschöpfung selbst ausbeutet, während Schulz und Kliemann nur ab und an vorbeigucken um in die Kamera zu sabbeln.

Das gibt kein gutes Bild ab, spiegelt aber vermutlich ganz gut die Realität wieder: Kliemann ist halt mittlerweile großer Medienunternehmer mit zig parallelen Projekten, Olli Schulz ein cholerischer und schnell beleidigter Mensch. Die Miniserie hat zum Glück nur vier Teile, und selbst die sind zu lang.

Das wandelnde Schloss [2004, Netflix]
Eine junge Hutmacherin wird von einer bösen Hexe verflucht und zu einer 90 Jahre alten Frau. Sie flieht aus ihrer Stadt und sucht mit Hilfe einer magischen Vogelscheuche Zuflucht im Haus eines Kriegsmagiers, wo sie sich mit einem Feuerdämon anfreundet.

Was für ein grandioser Quatsch! Jede Szene wird nur immer noch absurder, da ist ein Haus auf Beinen echt noch das normalste. Überbordende Fantasie quillt hier aus jeder zauberhaften Ecke. Ein Film zum Träumen, gleichzeitig spannend und mitreissend – ganz große Kunst vom japanischen Studio Ghibli.


Spielen:

Persona 5 Strikers [2020, PS4]
Ein halbes Jahr nach den Ereignissen von Persona 5 kommen Joker, Ann, Makoto, Riyuji, Mona, Futaba und die beiden Unwichtigen wieder zusammen. Der Plan: Gemeinsam die Sommerferien verleben. Klappt leider nicht, eine Künstliche Intelligenz und die kognitive Welt kommen dazwischen, und die Gruppe muss noch einmal als „Phantom Thieves“ losziehen und die Welt retten.

„Persona 5, Teil 2“ könnte „Strikers“ auch benannt sein. Das hat man sich wohl nicht getraut, weil die Gamemechanik komplett ausgetauscht wurde. Es gibt keine zeitgetaktete Lebenssimulation mehr, und auch die rundenbasierten Kämpfe finden nicht mehr statt. Stattdessen gibt es Echtzeithauereien mit teils Dutzenden von Gegnern gleichzeitig. Das ist anders, aber durchaus launig – und sehr, sehr schwer. Denn in den Gegnermassen stecken immer wieder Zwischenbosse, denen in endlos langen Gefechten nur mit speziellen Fähigkeiten beizukommen ist, und deren Nutzung ist gerade am Anfang stark limitiert.

Für mich war das gerade zu Beginn auf Schwierigkeitsgrad „Normal“ tatsächlich frustrierend und teils zu schwer, „Einfach“ aber keine wirkliche Herausforderung mehr – das Kampfsystem erfordert also Einarbeitung und Können. Immerhin, Story und Artwork sind hundertprozentig Persona 5 und damit schön und spannend.


Machen:

HU für die V-Strom, sonst: Nüscht. Die Pandemie gibt halt nochmal richtig Gas gerade, das ist nicht die Zeit um was zu machen.


Neues Spielzeug:

Bild: Bosch

Eine „Easy pump“ von Bosch. 430 Gramm leicht, leise, akkubetrieben, reicht für 4 Autoreifen. Einfach Zielluftdruck einstellen, ansetzen, Knöppsche drücken, fertig. Wird über USB geladen.

Hört sich super an, aber ich weiß aber noch nicht, ob ich die behalte – bin eigentlich kein Freund von diesen Lithium-Ionen-betriebenen Spielzeugen ohne wechselbaren Akku. Die sind nicht nachhaltig und werden nur toll gefunden, weil sie so bequem sind – typische Boomerspielzeuge.

Andererseits… ist halt nett, Auto-, Fahrrad- und Moppedreifen mal schnell aufpumpen zu können, ohne jedes mal die Fußpumpe rauszuholen. Und im vergangenen Jahr, bei der Reifenpanne, war die Fußluftpumpe auch einfach zu langsam… Ach, auch ich bin vor Faulheit nicht gefeit.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Gnadenloses Leben, Momentaufnahme | 8 Kommentare

Reisetagebuch Motorradherbst (14): Beim Moto GP

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Die Barocca liegt mit einem platten Reifen in Florenz. Fortsetzung von dieser Misere hier.

Immer noch Mittwoch, der 7. Oktober 2020, Reifenwerkstatt Pecchioli, Via Petraca, Florenz

Die Via Petrarca führt genau an der Stadtmauer des alten Florenz entlang. Ein Stück die Straße hoch liegen die Boboli-Gärten, und auch der Ponte Vecchio ist nur einen Steinwurf entfernt.

Das hier ist nicht das Touristen-Florenz, das hier ist das Florenz auf der anderen Seite des Arno, südwestlich der Sehenswürdigkeiten, das den Florentiner:innen gehört. Grafittibesprühte Läden, große Stadthäuser mit kleinen Wohnungen, dichter Stadtverkehr, Abgase.

In einem der Wohnhäuser an der Via Petrarca ist ein Tor, gerade mal groß genug für einen PKW. Dahinter öffnet sich eine weite und verschachtelte Reifenwerkstatt. Sie nimmt das ganze Erdgeschoss des Hauses ein und wirkt wie eine Höhle.

Auf dem Gehweg vor der Werkstatt steht die Barocca mit plattem Hinterreifen. Im Eingang zur Reifenhöhle stehe ich mit einem schlaksigen Werkstattmechaniker in einem schwarzen Overall und sage „Ich bin auf Reisen und habe eine Reifenpanne. Können Sie mit helfen?“. Der Mann guckt ernst durch seine randlose Brille und sagt dann „Das ist ein Motorrad“.

Den Satz habe ich heute schon zu oft gehört, jedes mal gefolgt von einem „Motorräder machen wir nicht“. Wenn das hier jetzt auch so ist, dann weiß ich nicht mehr weiter.

Ich atme tief ein und zähle innerlich bis drei. Immerhin, direkt neben der Werkstatt gibt es ein B&B mit freien Zimmern. Wenn die Werkstatt nicht helfen will oder kann oder der Reifen nicht reparabel ist, dann übernachte ich einfach hier und mache mir eine schöne Zeit in Florenz.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf sage sehr ruhig: „Das ist korrekt.“

„Motorräder mache ich nicht“, sagt der Mann. Ich kann spüren, wie in diesem Moment mein Herz auf den Boden fällt.

„Die macht bei uns nur ein Kollege, aber der ist gerade nicht da. Wenn er kommt, sage ich Bescheid“, sagt der Mann, dreht sich auf dem Absatz um und marschiert davon. Okay, immerhin.

Ich gehe zurück nach draußen, lehne mich an die V-Strom und warte, innerlich auf weitere Stunden eingestellt. Zumindest hat der Mechaniker nicht einfach „Machen wir nicht“ gesagt. Aber trotzdem, an der schroffen Art sowohl von dem Typen hier, als auch von diesem Matteo von vorhin merkt man, dass das hier Großstadt ist.

Ein alter Mann tapst gebeugt den Gehweg entlang. Neugierig beäugt er die V-Strom, dann spricht er mich an.
„Du bist aber nicht von hier, oder?“, fragt er mit diesem florentinischen Akzent, den ich nur schwer verstehen kann.
„Hm“, murmele ich. Der Alte beugt sich vor und inspiziert das Kennzeichen der V-Strom.
„Aus Deutschland? Bist Du auf Reisen?“, fragt er neugierig, dann mustert er die Maschine rundrum.
„Gerade nicht so einfach, was? Dein Reifen ist ja ganz platt“, sagt das Männlein und keckert.

Ich besehe mir den Witzbold genauer. Er ist bestimmt fast 70, einen Kopf kleiner als ich klein und gebeugt. Die schütteren, weißen Haare sind zerzaust und so seltsam um seinem Kopf drapiert, als hätte ein Vogel versucht ein Nest zu bauen und nach kurzer Zeit aufgegeben. Er trägt eine OP-Maske schief im Gesicht, so das eine Hälfte von Mund und Nase bedeckt sind und aus der anderen eine selbstgedrehte Zigarette heraushängt. Irgendwie wirkt der Mann ein wenig wie Yoda.

„Na, hast ja Glück, das Du vor einer Reifenwerkstatt liegen geblieben bist, was?“, sagt der Mann und keckert noch ein wenig lauter über seinen eigenen Witz. Normalerweise würde ich spätestens jetzt wütend werden, aber irgendwie ist das Kerlchen so skurril, dass ich gar nicht dazu komme.

„Na, allerdings musste da jetzt mal reinfahren, sonst wird das nix“, sagt der Mann jetzt ernst.
„Gehören sie zur Werkstatt?“, sage ich. Das Männlein nickt und schnippt die Kippe weg.
„Können Sie mir helfen? Also, machen Sie Motorräder?“, frage ich.
Yoda mustert mich und sagt dann „Junge, ich war beim Moto GP, NATÜRLICH mache ich Motorräder!“
„Heute noch?!“ frage ich aufgeregt.
„Bring die Kiste rein, in 20 Minuten habe ich Dich wieder auf der Straße“, sagt der Mann.

Ich greife nach dem Lenker des Motorrads und kicke den Seitenständer weg.
„Nein! So kannst Du die doch keinen Zentimeter bewegen! Warte!“, sagt das Männlein und schlufft davon. Als er wiederkommt, trägt er einen schwarz-gelben Mechanikeroverall und hat einen batteriebetriebenen Kompressor dabei. Mit dem pumpt er den Hinterreifen der V-Strom auf, dann sagt er zufrieden „Vai!“ – los.

Ich starte den Motor und fahre die Barocca in die Tiefe der Reifenhöhle, nehme das Gepäck ab und bocke sie auf den Hauptständer. Yoda kommt hinter mir her getappst. Er macht sich am Heck zu schaffen, macht gefühlt drei Handbewegungen und hat schon das Hinterrad der V-Strom in der Hand.

Er bemerkt meinen verblüfften Blick und sagt „Ja nun, ich war beim Moto GP. Mein Name ist Alessandro“.
„Piacere“, sage ich automatisch, angenehm. So ohne Hinterrad sieht die V-Strom ziemlich traurig aus.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

Reisetagebuch Epilog: Motorradherbst 2020 in 3:28 Minuten

Die kleine Tour im Herbst 2020 ist vorbei. Im Schatten der Pandemie waren die vorherrschende Gefühle dieser Reise vor allem das Alleinsein, das Stehen im Abseits, weit ab von Menschen und Leben und Eindrücken, die zu Sammeln sich sonst angeboten hätte. Dazu mischte sich ein wenig Traurigkeit über den Zustand der Welt, den allgegenwärtigen Zerfall und die Frage, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird.

Wenn ich später mal gefragt werde, welche Erinnerungen und Eindrücke mir von dieser Tour geblieben sind (neben meiner ersten Reifenpanne), dann wäre das wie in diesem kleinen Filmchen: Eine weitgehend menschenleere Welt, nur ich und das Motorrad und die Straße – und ein diffuses Gefühl von Einsamkeit und Verlust und Trauer um eine Welt, die es so nicht mehr geben wird, trotz aller Anstrengungen.


Hier eine Übersicht über alle Einträge in diesem Kapitel des Reisetagebuchs:

Kategorien: Motorrad, Reisen | 11 Kommentare

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