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Kategorie: Anekdoten

Eisregen 1994

Eisregen 1994

Heute: Alle Mitarbeiter der Firma im Homeoffice. Wir haben uns eingegraben, die Order ist: Nicht vor die Tür gehen, auch nicht als Fußgänger.

Das wird gerade ein wenig belächelt, weil: Ein Bißchen Niesel auf nassen Boden, wie schlimm kann das schon sein? Und tatsächlich scheint der richtige Regen gerade an Götham vorbei zu ziehen.

Trotzdem: Lieber belächelt werden als die volle Wucht eines echten Eisregens aushalten. Ich unterschätze dieses Phänomen nicht, denn ich habe schonmal einen echten Eisregen mitgemacht. Das war 1994, vermutlich im Februar.

Ich hatte am Abend noch unsere Abi-Vorbereitungsgruppe zu Gast, und als wir uns am späten Abend auflösen wollten, stellte sich raus: Es hatte geregnet. Und das nach wochenlangem, niederschlagsfreiem Frost mit einstelligen Temperaturen unter Null.

Am späten Abend war die Straße so glatt, dass meine Klassenkamerad:innen nicht mehr mit dem Auto nach Hause wollten. Ein weiser Entschluss, denn mein Elternhaus lag auf einem Berg, mit steilen Straßen nach allen Seiten. Kam man da ins rutschen, hatte man nur noch eine Möglichkeit: Den Wagen irgendwie schräg gegen die hohen Bordsteine zu lenken und so vorsichtig wie möglich daran ins Tal gleiten. Damals ging das noch, weil die Felgen stabil, nicht alles vollgeparkt und die Bordsteine frei waren. Ein Vergnügen war es trotzdem nicht.

Es regnete weiter, die ganze Nacht durch. ich hatte nun zwei Probleme: 1. Ich musste um 5:00 Uhr Zeitungen austragen, 2. Steffi.

Steffi war in mich verschossen und hatte es sich in den Kopf gesetzt, mich unbedingt beim Zeitungen austragen zu begleiten und ließ sich das auch nicht ausreden.

Ich hatte im Keller eine komische Konstruktion aus der Zeit meines Großvaters gefunden: Lederriemen, die Ketten und Metallfedern zusammenhielten. Schnallte man sich die über die Schuhe, hatte man die Federn und Ketten unter der Sohle. Wie Schneeketten für die Schuhe. Problem: Davon gab es nur ein Paar, und ihr Nutzen war beschränkt.

Als Steffi und ich mitten in der Nacht vor die Tür traten, lag sie praktisch sofort auf der Nase, ich musste mich am Zaun entlang bis zur Gartenpforte hangeln.

Alles, alles war mit einer dicken Schicht Eis überzogen. Die Straße, Treppen, Zäune, Häuser… einfach alles. Steffi zog sich noch tapfer ein paar Socken über die Schuhe, aber das brachte nichts. Es war praktisch unmöglich, sich auf der dicken Eisschicht und den abschüssigen Wegen und Straßen am Berg fortzubewegen.

Ich schaffte es gerade noch, mich mit den Schuheisen und der schweren Zeitungstasche über der Schulter von Haus zu Haus zu hangeln, hinter mir plumpste Steffi praktisch pausenlos zu Boden. Das manche Dinge voll hybsch aussahen, wie mit Eis überzogene Laternen oder in einen Eispanzer gehüllte Krokusse und Schneeglöckchen, war zwar faszinierend, die Strapazen aber nicht wert.

Wir sprechen hier wirklich von so einem Kaliber an Fuck-Up:

Irgendwie schafften wir es es die Zeitungsrunde zu Ende zu bringen, ohne uns etwas zu brechen. Dann stand nur noch eine Herausforderung an: Wieder zurück zu meinem Elternhaus zu kommen, das ganz oben auf dem Berg lag. Um dorthin zu gelangen, mussten wir uns wirklich an den Gartenzäunen hochziehen, weil fester Stand unmöglich war.

Während wir uns also Meter für Meter den Berg hochkämpften, hörten wir Knack-Laute. Das ungute Geräusch von knackenden Ästen, die dabei waren zu brechen.

Als der Tag anbrach, war die Welt ein vereistes Wunderland, Steffis Hinterteil blitzeblau, ein Apfel- und zwei alte Sauerkirschbäume in unserem Garten unter der Eislast auseinander gebrochen und ich um eine Erfahrungg reicher, die mich lehrt: Unterschätze nie, NIEMALS Eisregen. Lieber ein Mal zu oft zu Hause bleiben als noch einmal in so einen Mist hinein zu geraten.

Das Erlebnis war offensichtlich sehr prägend. Seit diesem Tag liegt unter dem Fahrersitz von jedem Auto, das ich besessen habe, ein kleines Päckchen. Darin: Spikes, die man sich über die Schuhe ziehen kann.

DAS HEFT oder die seltsamste aller Methoden um Gas zu sparen

DAS HEFT oder die seltsamste aller Methoden um Gas zu sparen

Herr Silencer erläutert das seltsamste Nebenkostensystem der Welt und was das mit dem Ukrainekrieg zu tun hat.

“…Und dann haben sie am Monatsersten DAS HEFT im Briefkasten, und da gucken sie dann rein und überweisen die Nebenkosten oder bringen die in Bar vorbei und dann werfen Sie es uns wieder in den Briefkasten”.   

Hä? Was? Ich saß auf dem Sofa im Wohnzimmer des freundlichen, älteren Ehepaars, in dessen Haus ich gerne einziehen wollte. Gerade hatten sie mir die Nebenkosten erläutert und ich hatte kein Wort verstanden, außer dass DAS HEFT sehr wichtig war.

Aber zum Anfang: Ich bin 2011 nach Mumpfelhausen gezogen. In das Haus des alten Ehepaars. Im Haus gibt es mehrere Wohnungen, alle habe eine eigene Gastherme. Die beiden herzigen Alten waren damals schon über Achtzig und erklärten mir vor dem Einzug zwei Dinge: 1. Das Sie beide ihr ganzes Leben lang Buchhalter gewesen waren und 2. Ihnen das Wohl ihrer Mieter:innen über alles ging.

Zu Letzterem gehörte neben Wohlfühlen-im-Haus und den überaus fairen Mieten für die beiden auch, das sie die Mieter:innen ein wenig vor sich selbst schützen wollten bzw. vor ihrem Konsumverhalten und damit insbesondere vor Nebenkostennachzahlungen. Die hatten in der Vergangenheit wohl schon mal nicht so finanzstarke Mieter:innen in die Bredouille gebracht.

Gegen unliebsame Nebenkostenüberraschungen hatten sich die beiden alten Leutchen in den 70er Jahren ein System ausgedacht, auf das wohl nur Buchhalter kommen können:

  1. Jede Mietpartei zahlt monatlich die Kaltmiete per Dauerauftrag.
  2. Es gibt eine exakte, monatliche Nebenkostenabrechnung. Jeden Monat wird handschriftlich in ein Oktavheft notiert, was man als Nebenkosten überweisen muss. Der Betrag ändert sich von Monat zu Monat. DAS HEFT liegt zum Monatsersten im Briefkasten der Mieter:innen.

Die Nebenkosten, die im Oktavheft notiert sind, bestehen aus:

  1. Einem Sockelbetrag, in dem alle fixen Nebenkosten umgelegt sind.
  2. Dem Wasserverbrauch der Mietpartei. Früher exakt jeden Monat abgelesen, später sehr valide pro Person geschätzt.
  3. Besonderen Kosten, die ein mal im Jahr in einem Monat anfielen, wie z.B. die Wartung der Gasthermen
  4. Dem Gasverbrauch.

Woraus genau der Sockelbetrag besteht, hatten die beiden stets sorgfältig aufgeschrieben. Jedes Jahr händigten Sie allen Mieter:innen ein mit Schreibmaschine getipptes Blatt aus, auf dem alles genau aufgeführt war:

Im Garten steht ein Flüssiggastank, der das Haus unabhängig vom Gasnetz versorgt. Mittels einer über die Jahre immer weiter perfektionierten Formel rechneten die beiden flüssige Liter in Kubikmeter zu jeweils aktuellen Kosten um. Der jeweilige Gasverbrauch in Kubikmetern wurde dann jeden Monat für jede Wohnung exakt abgelesen und sorgfältig per Hand in DEM HEFT notiert. Die Mieter:innen gucken dann in DEM HEFT nach, was sie im Vormonat an Nebenkosten produziert haben und überweisen die.

Das ganze System mit diesen Oktavheften und monatlichem Gasablesen und Einzelüberweisungen klingt erstmal völlig krank und total kompliziert, aber es erfüllt natürlich genau den intendierten Zweck: Am Ende des Jahres kommt keine dicke Überraschung in Form einer fetten Nebenkostennachzahlung hinterher, weil man ja monatlich immer den exakten Verbrauch bezahlt hat.

Der Gastank muss im Dezember und im April befüllt werden. Das bedeutet: Die Mieter:innen bekommen Preisveränderungen ziemlich zeitnah mit.

Staffelübergabe

Ich habe mich immer gefragt, was aus diesem System wird, wenn die beiden alten Leutchen mal nicht mehr sind. Wer macht dann die Abrechnung? Und: Ist es den Mieter:innen nicht zu kompliziert mit dieser monatlichen Überweisung? Wollen die nicht lieber eine Pauschale zahlen statt jeden Monat extra eine Überweisung fertig zu machen, einfach weil es bequemer ist, auch auf die Gefahr einer Nachzahlung hin?

Nun, stellte sich nach dem Tod der beiden Vermieter heraus: Die Mieter:innen des Hauses finden das System mit DEM HEFT so super, dass sie darauf gedrängt haben es beizubehalten. “Monatsanfang, Blick in den Briefkasten, aha, soviel muss ich überweisen, fertig – besser geht´s doch nicht”, sagt die Journalistin aus der Wohnung neben mir.

Die Erben fanden das auch gut und, kurze Rede, langer Sinn: Seit 2016 lese nun ich an jedem Monatsersten den Gasverbrauch der einzelnen Wohnungen ab, berechne die Nebenkosten, notiere die in den Oktavheften und werfe die in die Briefkästen der Mieter:innen.

Ist für mich nicht viel Arbeit, und die monatliche Abrechnung hat WIRKLICH Vorteile. So spüren wir die gestiegenen Gaspreise bereits jetzt, weil der Tank Mitte März befüllt wurde, als die Kosten schon hoch waren. Rund 35 Prozent Erhöhung gegenüber dem über dem Vorjahr zahlen wir jetzt, und seit März sind die Preise noch höher gestiegen. Aber: Dadurch, dass jede Mieterin bereits jetzt die Gaspreise sieht, hat auch jede die Möglichkeit, das eigene Verhalten anzupassen. Und das passiert bereits.

Wir sparen schon

Im April war es hier noch bitterkalt, teils mit Nachts um die -9 Grad. Trotzdem hat Nachbarin Nummer Eins, die sonst immer die höchste Gasrechnung hat, es geschafft, ihren Gasverbrauch um 30 Prozent zu senken. Wie sie das gemacht hat? Nun, nach einem Blick auf die deutlich gestiegenen Kosten hat sie einfach mal einen Pulli angezogen und die Raumtemperatur runtergedreht, und ist nicht den ganzen Tag im dünnen Negligé in der auf 25 Grad beheizten Bude rumgesprungen.

Die Schöne Nachbarin hat 20 Prozent gespart. Wie? “Ich bade halt nicht mehr alle paar Tage”. Die Physikerin unter dem Dach hat den Gasverbrauch sogar auf Null gesenkt. Ihre Wohnung wird eigentlich mit Strom beheizt, das Gasgerät heizt nur das Badezimmer – und das hat sie einfach mal abgedreht.

Ich bin um 15 Prozent runter, weil ich im April gar nicht mehr versucht habe, das schlecht isolierte Schlafzimmer noch zu heizen, sondern mir eine dicke Daunendecke gekauft habe, eine Schlafmütze gegen einen kalten Kopf nutze und zudem nicht mehr jeden Tag dusche, wenn es nicht nötig ist.

Das zeigt: Gas sparen ist mit sehr, sehr einfachen Mitteln in relevantem Umfang möglich. Deshalb sind die “Spartipps” von Habeck nicht so doof, wie sie sich vielleicht anhören. Und deswegen ist DAS HEFT zwar ein seltsames System, aber wenn das üblich wäre und die Leute jetzt schon die Kosten des Gasverbrauchs sehen würden, könnten wir uns viel Gejammer zum Jahresende sparen.

Die Wahrheit über Notre Dame

Die Wahrheit über Notre Dame

Ich war echt erschrocken, als vorgestern die ersten Bilder der brennenden Kirche Notre Dame durch Twitter liefen. In der Kirche hatte ich seltsame und tolle Erlebnisse und interessante Begnungen, ich bin ihr auf´s Dach gestiegen und habe lange die Innenausstattung bewundert.

Gestern und heute beherrscht das Feuer alle Schlagzeilen, die Welt (oder zumindest die Medien) scheinen kollektiv im Schockzustand. Ich bin nur heilfroh, dass das kein religiös motivierter Anschlag war – sonst wäre das ein zweites 9/11 gewesen.

So sehr sich jetzt auch alle freuen, dass die Fassade noch steht, der wahre Schatz von Notre Dame sind für mich die Fenster. Meine Güte, sind diese Fenster schön. Bis dahin war mir nicht bewusst, dass im Jahr 1250 Handwerker sowas hier konnten:

Die Dinger sind echt mehr als 750 Jahre alt! Nach der Blaupause der Fensterrosen von Notre Dame entstanden praktisch alle anderen Kathedralenfenster in Europa.

Der nun eingestürzte Mittelturm ist dagegen ist ziemlich egal. Die Wahrheit ist: Der gehörte gar nicht originär zur Kirche, sondern war praktisch ein Fake. Genauso wie die Gargoyles, die tatsächlich erst nach einer Renovierung im 19. Jahrhundert hinzugefügt wurden – von einem Mann, der den Auftrag historische Bauwerke zu restaurieren immer mißinterpretierte als “Bau einfach was Du willst”.

Die Rede ist von Eugene Violet Le-Duc. Wenn man zu dem sagte: “Hier, kaputtes Bauwerk, erhalte mal die Bausubstanz” kam bei ihm an “Hier, das Bauwerk da, das würde mit zusätzlichen Türmchen, einem absurden Dach und jede Menge Fabelwesen an der Fassade viel besser aussehen. Und wo Du gerade dabei bist, NOCH schöner wäre es, wenn Deine Visage mindestens 8 Mal in der Fassade verewigt wäre.”

Die ganze Geschichte von dem marodierenden Restaurator und Notre Dame habe ich schon mal im “Reisetagebuch: Paris” aufgeschrieben. Hier ist der Text nochmal in Auszügen:

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Nachtflug in die Vergangenheit

Nachtflug in die Vergangenheit

Unterwegs mit der ZZR in einer heißen Hochsommernacht.

Die Vorstellung ist vorbei, die Menschen strömen aus dem Theater und hinaus in die warme Sommernacht. In den Straßen der Innenstadt sind vereinzelt Stehtische aufgebaut, an denen die Festspielbesucher noch schnell einen Sekt oder einen Wein nehmen, um dann langsam zurück zu ihren Autos zu schlendern.

In einer Seitengasse wartet unter einem Torbogen die Renaissance. Die geduckte Silhouette der ZZR 600 sieht ein wenig aus wie ein Tier in Lauerstellung. Ich kicke den Seitenständer weg und und drücke den Startknopf. Der Motor erwacht zum Leben und brummelt vor sich hin. Vorsichtig lenke ich das Motorrad hinaus auf die Straße, dabei leicht schwankenden Fußgängern ausweichend.

Wenige Minuten später lässt die Kawasaki die kleine Stadt hinter sich. Das hier ist Harzvorland – bergig, von Landwirtschaft geprägt. Hinter der dunklen Silhouette einer waldbekrönten Bergkette ist noch ein letzter Schimmer von Sonnenuntergang zu erahnen, aber über die Ebene vor mir hat sich schon die Nacht gesenkt. Die Welt besteht nur noch aus Dunkel, in verschiedenen Grauabstufungen.

Ich drehe am Gasgriff, und das Motorrad beschleunigt und schießt über die Bundesstraße. Die ZZR kennt zwei Betriebsmodi: Unter 5.000 Touren brummt der Motor sanft vor sich hin, darüber beginnt er plötzlich zu brüllen. Jetzt brummt sie, energiegeladen, kultiviert, elegant.

Es ist kurz nach 22 Uhr, was in diesem Sommer bedeutet: Die Temperaturen sinken gerade erst langsam unter 30 Grad. Der Fahrtwind ist warm, es fühlt sich fast an, als ob man sich einen Föhn ins Gesicht hält.

Links und rechts fliegen die Getreidefelder an mir vorbei, im Dunkel nur durch die gleichmäßigen Hügel zu erahnen. Ich atme tief ein. Es riecht nach warmem Asphalt, nach Staub und nach geschnittenem Korn. Die Gerüche und die warme Nachtluft rufen Bilder wach. Meine Güte, wie lange ist es her, dass ich das letzte Mal um diese Zeit hier mit dem Motorrad lang gefahren bin?

Kurzentschlossen biege ich auf eine kleine Landstraße ab. In einiger Entfernung rumpelt ein Mähdrescher durch die Feldmark. Der Ernter ist rundherum mit Scheinwerfern bestückt. Im Flutlicht sieht man, das die Maschine eine riesige Staubwolke um sich herum produziert. Es sieht aus, als würde sie in einer eigenem Blase aus körnigem Licht in einer See aus Schatten existieren.

Die Gegend hier ist voller kleiner Dörfer. Alte Bauerndörfer, die oft nur aus wenigen Höfen bestehen. Heute werden die meisten davon nicht mehr bewirtschaftet. Wenn ich nicht wüsste, dass jetzt so ein Winz-Ort vor mir liegt, dann würde ich den nicht mal richtig wahrnehmen, so schnell ist die Kawasaki auf der einen Seite rein und auf der anderen Seite schon wieder raus.

Die Landstraße ist übersät mit Schlaglöchern. Sie führt den Bergkamm hinauf und in den Wald hinein. Hier ist es kühler. Die Straße wird schmaler und windet sich in einige Serpentinen. Ich nehme die Geschwindigkeit zurück. In diesen Wäldern gibt es noch jede Menge Rehe, mit denen würde ich Tuchfühlung gerne vermeiden.

Nach wenigen Minuten öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf das Leinetal frei. Vor mir liegt mein alter Heimatort. Früher hat der bei Nacht gestrahlt. Die Natriumdampflampen der Bahnstrecke und des Güterbahnhofs, das große Postzentrum, die erleuchteten Häusern des Ortes, das alles füllte das Tal mit hellen Lichtern. Ich habe den Anblick geliebt, besonders von dieser Straße aus.

Jetzt strahlt der Ort nicht mehr. Nur vereinzelt leuchten Straßenlampen und Häuser an den Berghängen und bilden einen Flickenteppich aus Lichtern, in dem große Stücke zu fehlen scheinen. Kein Wunder. Das Postzentrum ist schon lange geschlossen, und seit dem Neubau der ICE-Trasse, die über das Tal hinweg statt durch es hindurch führt, und der Automatisierung, spielt der Bahnverkehr kaum noch eine Rolle.

Vor 30 Jahren war das eine Katastrophe, fast der ganze Ort war auf einen Schlag arbeitslos. Wer konnte zog weg, die Alten blieben. Heute siedeln sich vereinzelt wieder junge Familien hier an. Menschen, die woanders arbeiten, aber die Lebensqualität des Wohnens auf dem Dorf schätzen. Von den jungen Familien sind viele aber gerade viele in den Sommerferien, und so liegt der Ort heute Nacht da, als würde er schlafen.

Ich lenke das Motorrad die Straße zum Dorf hinab und spüre, wie ich dabei wieder in die warme, abgestandene Luftschicht komme, die im Tal steht. Ich biege nach Süden ab, dem Verlauf des Leinetals folgend, unter der hohen ICE-Brücke hindurch und weiter die Landstraße entlang. Die Bäume stehen hier in einer engen Allee. Es ist in diesem Sommer schon so lange so heiß, dass das Laub der Bäume vertrocknet und abfällt. Die Renaissance zieht einen Wirbel aus Staub und trockenen Blättern hinter sich her, aber im Dunkeln sieht das niemand.

Als Stadtmensch vergisst man ja gerne, wie dunkel so eine Nacht ist. In der Stadt gibt es immer eine Straßenbeleuchtung, die den Namen auch verdient. Aber hier, auf dem Land, ist es stockduster auf den Straßen zwischen den Orten. Hier braucht man wirklich noch das Fernlicht um etwas zu sehen – das benutze ich sonst nie. In den kleinen Dörfern ist es nicht viel besser. In den meisten hängen noch ganz alte Straßenlaternen mit Quecksilberdampflampen. Die machen kein Licht, die erzeugen nur Schatten.

Als Stadtmensch vergisst man, wie dunkel so eine Nacht auf dem Dorf sein kann.

Immerhin tun sie das mittlerweile die ganze Nacht hindurch. Ich kenne noch die Zeit, als um ein Uhr alle Straßenlaternen auf dem Dorf abgeschaltet wurde. Dann war die Welt wirklich stockduster.

Ich brauche auf diesen Straßen keine gute Beleuchtung. Das hier ist MEINE Strecke. Hunderte Male bin ich hier bei Nacht lang gefahren, zum und vom Dienst in der Nachschicht eines Schnellrestaurants in der Kreisstadt. Erst als Schüler, mit meiner Simson, später als Student mit der 450er Honda. Ich kenne hier jede Kurve, jeden Hügel.

Ich fluche, als unvermittelt eine Fahrbahnverschwenkung mit einer Verkehrsinsel aus dem Dunkel auftaucht. Muss neu sein, gebaut irgendwann in den letzten 15 Jahren. Soll wohl verhindern, dass man mit Tempo 100 in das nächste Dorf reinballert. Tja, klappt nicht.

Die Kawasaki fliegt weiter durch die Nacht. Ein Hase bricht aus dem Gebüsch links der Straße, springt mit langen Sätzen durch das Scheinwerferlicht und verschwindet auf der anderen Straßenseite in einem Feld. Von einer weiteren Bergkuppe aus kann man ein halbes Dutzend der kleinen Dörfer auf den umliegenden Bergen glimmen sehen, wie abgestürzte Glühwürmchen. Zwischen ihnen kriechen Erntemaschinen in ihren staubgefüllten Lichtblasen herum.

Die Nacht riecht. Vorhin nach Getreide und Staub, dazwischen nach warmem Asphalt und jetzt nach Gülle. Die Bauern hier in der Region treiben seit Jahrzehnten mit Schweingülle die Nitratwerte des Grundwassers in schwindelerregende Höhen. Wenn die Güllebecken besonders voll sind, kippen sie die Schweinescheisse mehrfach am Tag auf die Felder – auch heimlich, in der Nacht.

Wenige Minuten später zieht die ZZR über den Stadtring der Kreisstadt. Nur wenige Autos sind noch unterwegs. Aus purer Nostalgie fahre ich meinen alten Arbeitsweg aus Studentenzeiten bis zum Ende. Da liegt es, das Schnellrestaurant. Es hat einen neuen Anstrich bekommen, ansonsten hat sich nichts geändert. Noch immer stehen Jugendliche mit ihren tiefergelegten Autos davor.

Wieviel Lebenszeit habe ich hier verbracht? Ich kenne noch jede Ecke. HIER ist der kleine Vorsprung, unter dem ich immer mein Motorrad geparkt habe und DORT der Eingang zur Papierpresse und DA ist die Tür zum “Fettraum”.

Die Terrasse ist voll besetzt, und das um diese Zeit. Es sind halt Ferien. Das goldene “M” spiegelt sich im silbernen Lack der Renaissance, als das Motorrad langsam um das Gebäude herumrollt. Der Fahrer eines VW UP fühlt sich davon wohl proviziert. Er startet den Motor und hängt sich an mein Heck. Ich sehe in den Rückspiegel. Das Wägelchen liegt so tief auf dem Asphalt, dass es aussieht, als ob es aufliegt. Dazu De-Branding, Breitreifen, Spoiler, Effektlackierung, Überrollkäfig. Der Fahrer lässt den Motor aufheulen. Ich verdrehe die Augen und setze in Gedanken einen Sportaufpuff auf die Liste, vermutlich mit entferntem Mittelschalldämpfer. Meine Güte. Die Kiste sieht super albern aus, und vermutlich kommt sie allein wegen der Breitreifen kaum von der Stelle. Und diese Kasperkiste will sich mit einem Sportmotorrad messen?

Ich setze den Blinker und biege auf die Bundesstraße ab. Hinter mir gibt die gummibereifte Kasperbude Gas und rutscht im Slide um die Kurve, dann drückt der Fahrer voll auf die Tube. Im Rückspiegel sehe ich das Autochen auf mich zuschießen und zum Überholen ansetzen. Zum “Verblasen”, wie die Spinner hier das nennen. Sie begreifen alle anderen Fahrzeuge als Duellanten, die es zu besiegen gilt. Sieg durch Verblasen. Hatte ich verdrängt, aber natürlich gehört auch DAS zu meiner Vergangenheit. Die nächtlichen Auseinandersetzung mit widerlich dummen Vollpfosten, die nur eine große Klappe und getunte Autos haben, sonst aber nichts im Leben.

Ich mache mir nicht mal die Mühe mich an den Tank zu ducken, sondern schalte fast geistesabwesend einen Gang runter und drehe am Gasgriff. Der Drehzahlmesser springt über 5.000 Touren, die Renaissance spannt die Muskeln, dann brüllt sie auf, beschleunigt und schießt davon ins Dunkel jenseits des Ortsschilds. Im Rückspiegel sieht es so aus, als ob der Up plötzlich steht – das Autochen wird kleiner und kleiner und ist schon aus dem Sichtfeld verschwunden. Das Ganze hat nur wenige Sekunden gedauert, aber das hat gereicht – der Tacho steht fast bei 200, und der Drehzahlmesser wütet im fünfstelligen Bereich herum. Ich trete auf die Bremse und schalte wieder in den sechsten Gang. Die ZZR scheint in sich zusammen zu sinken, sich zu entspannen, und das Brüllen des Motors weicht wieder dem kultivierten Brummen.

Der Tacho geht nicht aus Spaß an der Freud so weit.

Die Renaissance fliegt über die Bundesstraße, von der ich auch hier jede Kurve aus dem Gedächtnis fahren könnte. Einen Hügel weiter sehe ich schon die Lichter von Götham, und die Straße macht eine Biegung, die es früher so nicht gab. Das hier ist die NEUE Bundesstraße, die alte führt weiter westlich entlang und ist jetzt verkehrsberuhigt. Schade, war immer angenehm zu fahren, auch nachts. Immerhin ist auf der neuen Tempo 120 erlaubt, und die ZZR saugt gierig die Nachtluft in ihre Lufteinlässe und macht dabei manchmal Geräusche wie Airwolf. Also, wie der Hubschrauber “Airwolf” aus der alten Fernsehserie, nicht wie die alterschwachen Händetrockner.

Als die Renaissance in die Stadt hineinrollt, muss ich kurz gegen den Drang ankämpfen in die Innenstadt zu fahren, wo ich als Student mal gewohnt habe. Da gibt es eine Wohnung, an die habe ich heute noch tolle Erinnerungen an warme Sommernächte. Mein Gott, das ist nun auch schon über 20 Jahre her…
Ich werde alt. Und als alter Mann muss man früh ins Bett. Ich ziehe die Kawasaki auf einen Zubringer und bin eine Viertelstunde später zu Hause.

Das Motorrad kühlt mit leisem Knacken ab, als ich das Garagentor zuziehe. Ich bin in nachdenklicher Stimmung, versunken in Erinnerungen. Interessant, wie eine Sommernacht Dinge an die Oberfläche spült, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Auf einem Motorrad erlebt man die Umgebung und Eindrücke viel intensiver als in einem Auto, und so kann eine einfache Heimfahrt zu einer Reise in die eigene Vergangenheit werden.

Mein erster MP3-Player: RIO PMP300

Mein erster MP3-Player: RIO PMP300

“Du kommst sofort hier her! Und überleg Dir unterwegs schon mal, wie Du die Verstärkeranlage und ungefähr 30 Bose-Lautsprecher bezahlen wirst, die sind nämlich alle durch”, brüllte der Supervisor in den Hörer, dann legte er auf.

Mit einem Schlag war ich hellwach. Ich war um 06:00 Uhr morgens erst ins Bett gegangen, nun zeigte die Uhr kurz nach 9. Ja, wir hatten in der Nachtschicht und nach Geschäftsschluss das normalerweise laufende Dummradio abgeklemmt und stattdessen eigene Musik über den Verstärker laufen lassen. Ist doch viel angenehmer in den kurzen Stunden der Nacht, zwischen 1 und 4 Uhr, was Fetziges zu hören und nicht so Milchbubimusik, bei der man gleich einschläft. Als ich den Laden verlassen hatte war noch alles gut gewesen, und nun sollte die ganze Soundanlage kaputt sein?

War sie natürlich nicht. Wie sich herausstellte, hatte die Kollegin aus der Frühschicht auch eigene Musik hören wollen, aber dann am Verstärker was verkehrt umgestöpselt. Jetzt klemmte das Radio am Mikro-In-Eingang, deshalb knarzte und rauschte alles. War mit einem Handgriff behoben, hatte aber zur Folge, dass der wutschnaubende Supervisor uns eine Erklärung unterschreiben ließ, in der wir uns verpflichteten, keine privaten CD-Player mehr an die Soundanlage im Geschäft anzuschließen.

Die Anweisung befolgte ich gerne, denn der altersschwache Discman war mir eh inzwischen zu doof. Stattdessen klemmte ich in den folgenden Nachtschichten ein anderes Gerät an den Verstärker, das nicht verboten worden war Vermutlich, weil der Supervisor nicht mal wußte, dass es sowas gab: Einen MP3-Player, einen der ersten seiner Art.

Inspiriert von Rüdigers Beitrag im Thatblog (und weil ich ihn gerade beim Aufräumen wiedergefunden habe), zeige ich ihn hier: Den RIO PMP 300 von Diamond, einen der ersten MP3-Player überhaupt.
Den muss ich gebraucht gekauft haben, wie und woher und für wieviel weiß ich nicht mehr. Auch das wann ist mir nicht ganz klar, vermutlich habe ich ihn irgendwann 1999 oder 2000 gebraucht gekauft. Und ich habe ihn geliebt.

Der RIO war ungefähr so groß wie eine Zigarettenschachtel, nur etwas flacher und leichter. Auf seiner Vorderseite hat er ein Steuerkreuz für Play, Pause und Skip. Dazu die Funktionen, die man wirklich immer braucht, als echte Knöpfe, also Repeat one/all, Shuffle und die Lautstärketasten. Das lässt sich exzellent und blind bedienen, nur die silberne Farbe vom Steuerkreuz rubbelte sich im Lauf der Zeit ab.

Auf der Oberseite hatte der Player Einstellmöglichkeiten für unnütze Funktionen. Was “menu” machte weiß niemand so genau, “EQ” waren TonPresets, die aber alle gleich klangen, und “Intro” benutze niemand, da skippte man einfach.

Der RIO wurde mit einer normalen 1,5 V Mignon-Batterie betrieben. Das war ganz praktisch, aber das federgetriebene Batteriefach war eine notorische Schwachstelle. Passte man nicht auf, brach man schnell die Scharniere ab. Passte man auf, und die Klappe blieb dran, sorgte die Federspannung im Laufe der Zeit dafür, dass das umliegende Gehäuse wegbröckelte.

Im Auslieferungszustand hatte der RIO 32MB Speicher (Ja, MEGABYTE!). In dem konnte er MP3-Dateien mit bis zu 128KB/s speichern. Klingt nicht nach viel, aber da ich den Player hauptsächlich am Autoradio betrieb, reichte auch eine Auflösung von 64 Kb/s. In 32MB passten dann rund 20 Songs, mehr als auf eine CD.

Über eine papierdünne Smartmedia-Karte konnte die Speicherkapazität auf 64 MB erweitert werden, dann passten fast 3 CDs in den Speicher des Rios.

Links: Smartmediakarte von 1998 mit 32 Megabyte Speicher. Mitte: SD-Karte von 2008 mit 8 Gigabyte. Rechts: Mikro-SD-Karte von 2016 mit 128 GB.

Die Musik kam über eine proprietäre Software vom PC auf den Player. Zur Übertragung gab es einen Dongle, der in den Parallelport des Rechners gesteckt wurde und mittels einen proprietären Kabels mit dem Rio verbunden wurde. Man bedenke: Im Jahr 2000 waren USB-Ports noch nicht weit verbreitet, und bei Der Veröffentlichung des RIOs im Jahr 1998 gab es die praktisch gar nicht.

Datenanschluss an der linken Seite des Geräts.

Auf der Rückseite gab es eine Metallkrone, in die ein Gürtelclip eingeschraubt werden konnte. Der fiel aber immer ab, genauso wie bei manchen Nutzern das Steuerkreuz an der Vorderseite. Ich hatte deshalb eine schicke Ledertasche für den RIO. Stabil, unkaputtbar und mir Staufächern für weiterer Smartmediakarten.

Mein RIO tut sogar noch. Batterie rein, Kopfhörer dran und schon erklingt Evanescences “Bring me to Life” vom Album “Fallen” von 2003. So lange habe ich den RIO also mindestens in Benutzung gehabt. Der Ton ist auch heute noch sehr gut, mit ordentlich Wumms.

War schon ein schönes Gerät, der RIO. Handlich, robust, sympathisch. Leider siechte er recht bald vor sich hin. Die Software zur Übertragung der Musikstücke wurde von Diamond irgendwann nicht mehr gepflegt. Es gab dann zwar eine Open-Source-Alternative, die war aber nicht gut. Dann verbreitete sich rasend schnell USB, und Flashspeicher wurde günstiger, so dass schlanke MP3-Player mit USB-Anschluss und mehr Speicher zum Standard wurden.

So einen Stickplayer hatte ich dann auch, und da ich wenig Musik höre sogar sehr lange. Erst 2008 wurde der Billig-MP3-Player von einem iPod-Touch abgelöst. Als die Rechner dann ihre Parallelports verloren, war der RIO gar nicht mehr nutzbar und wanderte in die Schublade.

Aber bis dahin hatte er mir viele, viele Nachtschichten mit guter Musik erträglich gemacht. Bei mindestens zwei Gelegenheiten sogar in Anwesenheit des Supervisors, der das gar nicht merkte, denn der kleine Rio klemmte unsichtbar auf der Rückseite des Verstärkers.

Wie ich mal den Verteidigungsminister von Georgia irritierte

Wie ich mal den Verteidigungsminister von Georgia irritierte

Es begab sich im Jahr 2006, dass ich in einem nassen und kalten November auf einer internationalen Messe in Berlin als Aussteller tätig war. Besucher aus aller Herren Länder schlenderten an unserem Stand vorbei, man unterhielt sich locker und tauschte sich aus. Ich war noch nie ein fanatischer Sammler von “Leads”, von Visitenkarten. Mir geht es bei einer Messe wirklich eher um gute und vernünftige Gespräche als um eine möglichst hohe Anzahl von Erstkontakten.

Ein solch wirklich gutes Gespräch führte ich auf englisch mit einem älteren Herrn mit Vollbart und Nickelbrille, der mir von seinen Assistenten als “Secretary of Defense of Georgia” vorgestellt wurde. Das fand ich seltsam – an Kriegsminister wollte ich nichts verkaufen, und außerdem wusste ich bis zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass US-Bundesstaaten eigene Verteidigungsministerien haben.

Egal, föderale Systeme sind eh´seltsam, und unterhalten tue ich mich erstmal mit fast jedem, also auch mit dem Bartträger. Außerdem: Wann bekommt man schon die Gelegenheit Amerikanern mal zu erzählen, wie man es richtig macht? Wir wechselten ein paar Worte, ich erklärte unser Produkt. Der Bartträger, der entfernt wie Eddie Jordan aussah, hörte sehr genau zu, nickte und stellte clevere Nachfragen. Nach ein paar Minuten drehte er den Kopf zu seinem Assistenten und sagte etwas, das ich nicht verstand. Der Assistent blickte sich suchend um und schüttelte den Kopf. Dann verabschiedete sich der Bartträger von mir, und dann trat sein Assistent an mich heran und meinte “Der Minister würde ihnen gerne noch etwas schenken, wir kommen gleich nochmal wieder”.

Wenige Minuten später kam die Delegation tatsächlich nochmal wieder an unserem Stand vorbei, und der Bartträger überreichte mir freudestrahlend eine kleine Notebooktasche mit einer Applikation. Die, so zeigte er mir freudestrahlend, trug eine NATO-ähnliche Windrose und darüber das Wappen des “Ministry of Defense, Georgia”. Offensichtlich hatte ihm unser Gespräch so gut gefallen, dass er mir die Tasche, die auch noch mit Werbebroschüren und -kulis gefüllt war, schenken wollte.

Ich freute mich ernsthaft und bedankte mich für seine Großzügigkeit. “Sie haben ja diese tollen Berge im Norden, die Blue Ridge Mountains, die sind toll”, sagte ich, “und die Küste muss ja auch super sein, so weit im Süden” Der Bartträger sah mich irritiert an. Ich war aber in Fahrt und lobte alles, was mein Gedächtnis zu Georgia ausspukte. Viel war das nicht, also lobte ich die Vereinigten Staaten als großartiges Land voller toller Errungenschaften und schöner Landschaft und schloss ich damit, dass ich noch nie in den USA war, aber wenn, dann würde ich ganz bestimmt Georgia besuchen. Der Bartträger sah mich mit gerunzelter Stirn und verwirrt und zweifelnd an und sah für einen Moment so aus, als würde er mir die Notebooktasche wieder wegnehmen wollen. Hatte ich was Falsches gesagt? Dann schüttelte er den Kopf und verschwand wortlos mit seiner Entourage im Messegewühl.

Ich sah mir das Wappen auf der Tasche nochmal genau an. Wo war hier eigentlich der Amerikanische Adler, der sonst überall drauf ist? Und was war das für ein komischer Landesumriss in der Windrose? Das war doch nie und nimmer Amerika?

Und da dämmerte es mir, ganz, ganz langsam.

Ich hatte Georgia und Georgien verwechselt.

Im Englischen haben der amerikanische Bundesstaat und das kleine Land am schwarzen Meer denselben Namen. Kein Wunder, der der Bartträger mich für umnachtet hielt, als ich völlig unvermittelt vor ihm, einem hohen Vertreter eines ehemaligen Staates der Sowjetunion, freundlich lächelnd die USA als ach-so-tolles Land lobte.
Ich Doof.
Aber egal, die Notebooktasche habe ich heute noch.

0177

0177

“Sie können Ihre Handynummer AUSWENDIG?”, fragt die Dame am Empfangstresen mit hochgezogenenen Augenbrauen, als ich ohne Gedenkpause die Nummer aufsage.

Natürlich kann ich das. 20 Jahre sind wir jetzt schon zusammen, meine Rufnummer und ich. Heute spielt ja die Telefonnummer nur eine untergeordnete Rolle, Hauptsache, man ist per Messenger erreichbar. Aber 1997 gab es sowas noch nicht. Was es gab, waren die klassischen Mobiltelephone für Anrufe und SMS. Einige Jahre vorher waren die noch unbezahlbar gewesen, Handys galten als Statussymbole, die nur von Egomanen mit sich rumgetragen wurden und für Normalsterbliche unbezahlbar waren.

1997 schickte sich ePlus an, Mobiltelefone in die Breite zu bringen. Das Unternehmen, das sich betont jung gab (und damit seinen schlechten Netzausbau rechtfertigte), bot unter anderem einen Studententarif an. Für pauschal 25 D-Mark pro Monat bekam man 20 Telefonminuten und 15 SMS. Ein Spitzenangebot, denn normalerweise wurde erst eine Grundgebühr fällig und dann nach Minuten und Einzel-SMS abgerechnet. In der “Hauptzeit” kostete ein Anruf ins Festnetz oder ein anderes Netz 1,99 DM pro Minute, günstiger waren mit 0,59 DM nur Anrufe innerhalb des ePlus-Netzes. In der Nebenzeit kosteten alle Anrufe 0,39 DM pro Minute.

In dieser Zeit war es, dass ich urplötzlich den Gedanken attraktiv fand, ein tragbares Telefon zu besitzen. Keine Ahnung warum, gebraucht hätte ich es nicht. Irgendwie war die Zeit reif. Nach langem Zaudern setzte ich dann einen Fuß in den ePlus-Laden in Göttingen und verließ in wenig später mit klopfendem Herzen und einem ePlus-Karton. Darin: Meine 0177-Rufnummer und ein brandneues Nokia 5110.

Nokias Mobiltelefone waren sehr verbreitet. Man spielte hautpsächlich Snake damit oder kaufte Wechselcover dafür, denn telefonieren war halt zu teuer. In den Speicher passten theoretisch 10 SMS, praktisch aber weniger, denn auf 3 bis 6 Speicherplätzen hob man die ganz besonderen SMS von der Liebsten auf, die man nie, NIE! löschen würde.

Wenn ich Anfangs meine Rufnummer aufsagen musste, fragten die Leute noch oft nach. Denn ePlus mit seiner 0177-Vorwahl war unbekannt, kennen tat man nur 0171 für das D1-Netz und 0172 für D2. Andere Netzvorwahlen gab es nicht. Das Handy durfte ich eigentlich auch niemandem zeigen, denn dann kamen gleich höhnische Sprüche. “Guck an, der Herr Student hält sich für wichtig, der muss jetzt ein Handy haben. Immer erreichbar, was, höhö.”

Das änderte sich im Lauf der Jahre. Was sich nicht änderte, war meine Rufnummer. Die wanderte vom Nokia 5110 zum Nokia 3310, dann auf ein No-Name-Aldi-Klapptelefon (das dauernd abstürzte, aber hey, KLAPPTELEFON!!) und dann ein Philips-Klapptelefon (das winzig war und an den Rändern blau leuchtete wenn ein Anruf kam).

2005 übernahm mein Arbeitgeber meine Telefonnummer. Als Firmenhandy gab es ein QTEK 9090, ein von ePlus als “PDA 3” vermarktetes Smartphone von HTC mit ausziehbarer Tastatur und Windows drauf. Damit konnte man alles Mögliche machen, auch Snake spielen. Nur telefonieren konnte man damit nicht, weil die Software kaputt war und man für das Gegenüber klang, als würde man mit einem Blecheimer über dem Kopf sprechen. Der Hersteller hatte das Problem schnell gefixt, aber ePlus rollte den Patch nicht aus, weil sie nicht begriffen, dass für diese Art Geräte kontinuierliche Pflege auch nach dem Verkauf nötig ist. So hatte ich 2 Jahre ein Handy praktisch ohne Telefonfunktion.

Damit hatte es ePlus vergurkt, meine Firma wechselte zur Telekom, und meine Rufnummer auch. Auf ein Motorola RAZR V3. Ein äußerst stabiles Klapphandy, dessen farbiger Plasmabildschirm leise zischte. Was doof ist, wenn man den zum Telefonieren ans Ohr halten muss.

2009 kam dann ein iPhone 3G, und die Rufnummer wechselte auch darauf mit. Es folgten iPhone 4s, 5s und 6s. Die Geräte änderten sich, was blieb, war stets die Rufnummer.

20 Jahre.
Eine lange Zeit für eine kleine Rufnummer.

Trauriger Tag: Goodbye, UK

Trauriger Tag: Goodbye, UK

“Und hier befinden Sie sich im Oberhaus, im House of Lords”, sagt der Butler.

Er ist natürlich kein echter Butler,  mit seiner steifen Haltung und der grauen Uniform wirkt er nur so. Er ist ein Guide, der mich durch den Westminster Palace führt.  In dessen Nordflügel liegt das House of Commons. Genau gegenüber des Gebäudezentrums, am Ende eines langen Gangs, liegt das House of Lords.

Im “Unterhaus”, den Commons, arbeiten Berufspolitiker, erläutert der Butler. “Aber hier”, sagt er und schwenkt den ausgestreckten Arm über die roten Ledersofas, “hier arbeiten Experten”. Ich gucke ihn schief an, was er bemerkt und seine These ausführt. “Ich weiß, was Sie denken. Im allgemeinen werden die Lords für Snobs gehalten. Das war früher vielleicht mal so, heute sind es einzigartige Experten. Lords werden auf Lebenszeit ernannt, können aber ihren Titel nicht vererben. Hier, im Oberhaus, beschäftigen Sie sich dann mit Themen, die ihrer Profession nahestehen. Mit anderen Worten: Hier kommen Leute hin, weil sie auf ihrem Gebiet außergewöhnliches geleistet haben, und hier können sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zum Wohle des Königreichs einsetzen. Für musikbezogene Fragen haben wir z.B.Sir Andrew lloyd WEbber, für bauliche Fragen Sir Norman Foster, und Sir Richard Attenbourough hat in allen möglichen Ausschüssen mitgearbeitet.”

Außerdem, so führt er weiter aus, sind Lords nicht weisunggebunden. Es gibt keinen Fraktionszwang und keine feste Parteizugehörigkeit.Vielleicht genau aus diesen Gründen – kein Fraktionszzwang, nicht vom Volk gewählt – können die Lords nach Wissen und Gewissen entscheiden. Und tatsächlich waren es ausgerechnet die Lords, die gegen den Brexit gestimmt haben, dann an Art. 50 Garantien für die Bürger knüpfen wollten. Damit sind sie gescheitert und haben auch noch Schelte bekommen, aber dennoch muss man in diesem Brexit-Irrsinn mal deutlich sagen: Die Adeligen waren die EINZIGEN, die sich hier anständig verhalten haben.

“Ich unterzeichne dieses Dokument an diesem historischen Tag, weil das der Wille des Volkes ist”, sagte Theresa May, als sie den Austrtittsbrief an die EU unterzeichnete und Artikel 50 damit heute auslöste.

Nur: Das Volk ist scheissend dumm. Das ist genau der Grund, warum wir eine represenative Demokratie haben: Damit hochbezahlte Spezialauskenner Dinge aushandeln, und nicht, das der Kalle von der Trinkhalle über Europapolitik entscheidet. “Das Volk hat es so gewollt” wird Großbritannien zerreissen, und die dortigen Politiker sind zu feige zu sagen “Schön, das etwas mehr als die Hälfte des Volks aus der EU will, aber das machen wir jetzt mal nicht, das ist nämlich dämlich”. Tja. Übrigens hantiert gerade noch einer laufend mit der “Das Volk will es so”-Argumentation herum. Kollege Erdogan hat angekündigt, sich dem Volkswillen zu beugen, wenn die Todesstrafe verlangt wird.

Volkes Willen, my Ass.

Ich werde in ein paar Jahren die Insel wieder besuchen. Vermutlich sind von Großbritannien dann gerade noch Wales und England übrig, beide wirtschaftlich am Ende. Ein lebendes Mahnmal, wohin Isolationismus führen kann.

Schraubeneumel

Schraubeneumel

Und dann war da noch der Prof für Betriebswirtschaftslehre. Ein ganz seltsamer Mensch, der durch ständiges Beleidigtsein, BMW-fahren und das Tragen von Hochwasserhosen auffiel. Die zu kurzen Hosen in Tateinheit mit bunten Socken und einem feuchten Sprachfehler gaben ihm ein ulkiges Auftreten. Das wurde aber dadurch relativiert, dass er oft und gerne gemein war. Einfach gemein.
Wenn er sich mal wieder von etwas beleidigt fühlte, was häufig vorkam, dann machte er bevorzugt kleine Studentinnen zur Schnecke, in seiner Vorlesung, vor ein paar hundert Leuten. Und zwar so richtig widerlich, bis die Studentinnen heulend rausliefen. Er gefiel sich in der Rolle eines arroganten Arschlochs und lebte das gerne aus.

Ein dunkelblauer BMW war sein ein und alles. Die Kiste war ein Sportcoupé, tiefergelegt und verspoilert und immer auf Hochglanz poliert. Das war an der Uni auch bekannt, und so war es nicht verwunderlich, als dem Prof jemand Schrauben in die Reifen drehte. An dem Tag war er mal wieder besonders widerlich zu einer Studentin gewesen, und abends hatte sein BMW vier Plattfüße. Darüber bewahrte er Stillschweigen. Vier Wochen später kanzelte er wieder eine Studentin ab und zweifelte öffentlich an ihrer persönlichen Befäigung eine Hochschule zu besuchen. Abends hatte der BMW wieder Schrauben in allen Reifen. Wieder blieb der Prof still. Bis sich das Spiel ungefähr einen Monat später nochmal wiederholte. Vormittags Wutausbruch in der Vorlesung, abends vier Platte.

Diesmal wollte der Prof das nicht auf sich sitzen lassen. In der nächsten Vorlesung trat er ganz ruhig ans Pult, drehte das Mikro auf 11 und spuckte hinein: “Ich weisch nischt, was Sssie mit diesem Mumpitsch bezwecken wollen, aber lassen sie sisch eines gesagt sein!”,
…dramatische Pause…
“ICH habe Geld für mehr neue Reifen als SIE sich Schrauben leisten können!”

Ja, der Mann war ein Arsch. Aber diese Aktion mussten wir Studis dann Respekt ob der Coolness zollen. Er schlug uns Arroganz um die Ohren, und das beeindruckte wider Willen.

Geholfen hat´s freilich nix, am Abend waren die Reifen des BMW platt.

Sommer ´94

Sommer ´94

1994 begann seltsam. Erst starb Telly Savalas, dann Jackie Kennedy. Curt Kobain schoss sich den Kopf weg. Solche persönlichen Schicksale dominierten die Nachrichten, denn die großen Themen waren abstrakt und fanden weit weg statt. Die Apartheid endete, Ayrton Senner starb und Politiker unterschrieben Vereinbarungen, aber das alles passierte am anderen Ende der Welt.

Meine eigene Welt wurde währenddessen immer kleiner. Erst war sie wochenlang von Büffeln geprägt, dann bestand sie nur noch aus Nervosität und Anspannung während der Abiprüfungen, und danach war alles… Leere.

Die letzten Monate der Schulzeit verbrachte ich mit dem Warten auf die Abiturnoten und dem diffusen Gefühl, dass ein großer Lebensabschnitt sich dem Ende zuneigte, aber etwas anderes noch nicht begonnen hatte. April und Mai 1994 waren ein Limbo, ein Leben zwischen den Welten.

Das änderte sich, als mir im Juni endlich das Abiturzeugnis in die Hand gedrückt wurde. Das war wie eine Befreiung, der Fahrschein in eine neue Welt. Ich wollte ab Oktober in Göttingen, der nächsten Stadt mit einer Uni, studieren. Bis dahin waren es noch vier Monate, und um studieren zu können brauchte ich eine Wohnung – und einen Computer.

1994, das ist schon 22 Jahre her. Eine andere Zeit, eine andere Welt.
Kein Internet.
Keine Smartphones.
Keine Mobiltelefone.
Kaum Rechner, wenn man von Heimcomputern wie dem Amiga absah.
Eine unvernetzte Welt.

Computer waren unfassbar teuer – ein 486 DXII-66 mit einer 40 Megabyte Festplatte und Monitor kostete mindestens 2.700 DM. Das war auch der Grund, weshalb ich in diesem Sommer fast jeden Tag in einem Schnellrestaurant arbeitete. Einer der wenigen Jobs, den es in unserer strukturschwachen Region für Schüler und Studenten gab, und der dazu gut bezahlt wurde.

Ab Juni machte ich fast jeden Tag Früh-, Tages- oder Nachtschichten, immer so, wie es gerade gebraucht wurde. Mal begannen meine Tage um 04.30 morgens, mal waren sie von Schichten von 12.00 Uhr bis 20.30 Uhr regelrecht zerstückelt, mal kam ich erst um drei Uhr nachts nach Hause. Die Arbeit war zwar nicht so schwer wie z.B. auf dem Bau, aber schon anstrengend. Am Ende einer 8,5-Stunden-Schicht (die an Tagen mit hohem Krankenstand in der Belegschaft auch schon mal 10 oder 12 Stunden lang werden konnte) hatte ich manchmal keinerlei Kraft mehr im Körper. Gute, ehrliche Arbeit macht sowas.

Dazu kam das Wetter. Es war heiß. Im Juni, Juli und August schien fast jeden Tag die Sonne, die Temperaturen kletterten regelmäßig über 30 Grad, und in drei Monaten fiel kaum mal mehr als ein kleiner Regenschauer. Bei der Arbeit in der Restaurantküche, zwischen heißen Grills und Friteusen, konnte man literweise Wasser trinken und musste trotzdem stundenlang nicht auf´s Klo.

Eine Klimaanlage gab es nicht, aber wenigstens eine Radio. Je nachdem, wer gerade Schichtleiter war, lief dort ein anderer Radiosender. Ich mochte NDR2 oder FFN. Die spielten zwar viel zu viel altes Zeug aus den achtzigern, aber immer wieder lief auch mal was, womit ich was anfangen konnte: Die 4Non Blondes mit “What´s going on”, die Crash Test Dummies mit “Mmm mmm mmm”, die Spin Doctors mit “2Princes” oder auch Lucilectric, die davon sang, dass sie so froh sei ein Mädchen zu sein.

Nicht ausstehen konnte ich N-Joy. Der Radiosender war vor zwei Monaten erst an den Start gegangen und spielte rund um die Uhr Kindertecho, sowas wir Marc Ohs “Hörst Du mich”, Maruschas “Over the Rainbow” oder Scooters “Hyper Hyper”. Sowas konnte doch niemand ernsthaft gut finden!

Wenn ich es mir aussuchen konnte, hörte ich eh´ ganz andere Dinge. Portishead waren super, aber für´s Radio natürlich viel zu düster und zu langsam. Aerosmith´ “Get a Grip” hatte ich gerade erst im Bertelsmann Buchclub als Quartalskauf erstanden. Darauf war”Living in the edge”, was im CD-Player auf repeat-one lief, und auch “Cryin” und “Crazy”, denn zu denen es tolle Videos gab. Musikvideos waren die neue Form des Erzählens in Bildern, und Künstler wie Aerosmith oder R.E.M. erzählten in vier Minuten komplexe Geschichten. Die besten Videos liefen auf MTV, wo sie von coolen Typen wie Ray Cokes angesagt wurden. Man mustse natürlich Glück haben und zufällig gerade vor dem Fenrseher sitzen, dann konnte man vielleicht sein Lieblingsvideo sehen. Wenigstens lernte man nebenbei von den Moderatoren englisch, denn MTV auf Deutsch gab es nicht.

Was es auf deutsch gab war “VIVA”. Das war ein ganz neuer Musiksender, den ich inbrünstig verachtete. Bei Viva moderierten ausschließlich nervige Arschgeigen, die wie auf Koks Unsinn plapperten und die ich keine zwei Minuten ertrug. Außerdem wurde auf VIVA nur Kindertechno oder unsäglicher Europop gespielt. Sowas wie Dr. Albans “What is love”. Ace of Base gehörten gerade noch zu den erträglicheren Nummern, aber ich hatte mich festgelegt, ich guckte gerne MTV. Die hatten nicht nur die besseren Moderatoren, sondern zeigten auch die cooleren Videos.

War aber eigentlich auch egal was da draußen gesendet und gespielt wurde. Ich konnte in meinen vier Wänden hören und sehen was ich wollte. “Meine vier Wände”, woah, wie das schon klang! MEINE VIER WÄNDE! Ja, ich hatte vier Wände ganz für mich allein. Zusammen mit einer Arbeitskollegin aus dem Restaurant, die ebenfalls im Herbst ein Studium beginnen wollte, hatte ich eine Wohnung angemietet.

Der Wohnungsmarkt in Göttingen war schlimm. Es gab viel zu wenige Wohnungen für die vielen Studierenden, und die Mieten waren exorbitant. Sowas wie 1994 schafften später nicht mal doppelte Abiturjahrgänge: Hausbesitzer vermieteten selbst breitere Flure als Durchgangszimmer oder fensterlose Abstellräume im Keller voller verdreckter Gartenmöbel als “möblierte 1-Zimmer Appartements”. Mehrere hundert D-Mark sollte man dafür hinlegen, und tatsächlich konnten sich die Vermieter vor dem Ansturm auf diese Unverschämtheiten kaum retten.

Deshalb hatte ich mich mit Sandra zusammengetan. Wir hegten keine besonderen Sympathien füreinander, aber als Wohngemeinschaft würden wir uns mit dem, was wir im Schnellrestaurant verdienten, zumindest eine ordentliche Wohnung leisten können. Ordentlich hieß: Ein zwei Zimmer-Appartement in einem riesigen Plattenbau, in dem links die Nazis, rechts die Punks und in der Mitte die Studis wohnten. Aber wenigstens hatte das Ding alle Wände, dichte Fenster und einen funktionierenden Telefonanschluss.

Sandras Zimmer war 10 Quadratmeter groß, meines 16. Dafür war in meinem Zimmer die Kochnische und der Kühlschrank, der laut vor sich hinsummte und ab und zu quiekte. Aber das war mir alles egal, denn zum einen wollten wir eh nur ein Jahr hier wohnen, in der Zeit was anderes suchen und dann die WG auflösen. Viel wichtiger aber: Mit Unterzeichnung des Mietvertrags waren das hier MEINE eigenen vier Wände geworden. Okay, UNSERE, aber Sandra würde erst im Herbst hier einziehen. Den Sommer über hatte ich die Wohnung ganz für mich allein.

Das Schnellrestaurant lag genau auf halber Strecke zwischen meinem Elternhaus und Göttingen, ich konnte mir also nach jeder Schicht aussuchen wohin ich fuhr. Nach sehr kurzer Zeit steuerte ich nicht mehr nach Hause zu meinen Eltern, sondern in die Wohnung in der Stadt.

Die Einrichtung bestand in den ersten Wochen nur aus einer alten Matratze, die direkt auf dem Boden lag. Ihr gegenüber stand ein kleiner schwarzweiß-Fernseher auf einem Tomatenkarton. Sehr spartanisch, aber für mich Luxus, denn das war etwas eigenes, ganz für mich.

Wenn ich mitten in der Nacht nach Hause kam, nach Friteusenfett stinkend und durchgeschwitzt, konnte ich ohne Wartezeit in ein Badezimmer, dass ich mit niemandem teilen musste. Dann warf ich eine Tiefkühlpizza in den Backofen, was auch um 3 Uhr niemanden störte, und hockte mich in Unterwäsche vor den Röhrenfernseher. Dann guckte ich MTV oder RTLplus, wo im Nachtprogramm “Verrückt nach Dir” lief oder “Eine schrecklich nette Familie”, oder Pro Sieben, wo Wiederholungen von “Roseanne” gesendet wurden. Dazwischen priesen nervige Werbspots “Punica” an, oder “Wick Rachendrachen”. In Villariba oder in Villabajo (ich vergesse immer wo) wurde Fairy Ultra verwendet um die Paellapfannen schneller sauber zu bekommen als im Nachbardorf, nichts ging über Bärenmarke und bei Milka pries ein Almöhi mit Sonnenbrille etwas mit den Worten “Aber vorsicht, it´s cool man” an und blieb damit besser in Erinnerung als das Produkt selbst (Milka Mint Crisp).

In diesem Sommer wurde es auch Nachts nicht kühler. Eine willkommene Ausrede um Eis in rauen Mengen zu verschlingen. Von Schöller gab es “Manhattan”, ein Vanilleeis mit Fruchteinrührung in den Sorten “Strawberry Swirl” und “Apple Fudge”. So eine 1,5 Liter-Packung überlebte meist nur einen Abend.

In diesen warmen Nächten strahlte durch das Fenster des Appartements orangefarbenes Licht vom Rangierbahnhof, an dem es lag. Die ganze Nacht wurden da Züge bewegt, aber das störte mich nicht. Ich war mit dem Geräusch von Bahnen aufgewachsen und nahm das Rumpeln auf den Gleisen als beruhigend, ja einschläfernd wahr.

Arbeiten bis zur Erschöpfung, dann total kaputt nach Hause kommen, dann vor dem Fernseher die Nacht verdahmeln. Für mich war es der Himmel auf Erden.

Über den Sommer brachte ich immer mehr Dinge in diese eigene Wohnung. Aus einer Arbeitsplatte und zwei angemalten Sägeböcken wurde ein Schreibtisch. Aus Kellerregalen wurden Bücherregale. An die leeren Wände kamen Poster. Unter anderem Ansichten von New York bei Nacht und ein selbstgmaltes, auf den ich mit Edding den Text von R.E.M. “Losing my Religion” geschrieben hatte. Das Video zum Song hatte mich nachhaltig beeindruckt, und mir kam es sehr erwachsen vor, so tolle Liedtexte an der Wand zu haben. In erster Linie wollte ich damit natürlich zeigen was für ein deeper Typ ich war und Frauen beeindrucken. Das funktionierte auch, sogar besser als ich erwartete. Bis eine Eroberung anmerkte, das ich “Losing” schon in der Überschrift falsch, nämlich mit zwei “o” geschrieben hatte. Das Poster verschwand sofort und wurde nie wieder aufgehängt, aber weggeworfen habe ich es auch nicht. In irgendeiner Ecke im Keller muss es noch liegen.

Wenn ich nicht arbeiten musste, ging ich abends ins Kino. Da meine ehemaligen Klassenkameraden den Sommer über nichts zu tun hatten, war ich dabei nie allein.

Etwas zum Ansehen fand sich immer, denn 1994 war ein exzellentes Kinojahr. Während in den Straßen noch die warme Luft stand, lümmelten wir uns in den Sesseln der vielen kleinen Kinos, die damals noch nicht vom Cinemaxx plattgemacht waren. Unsinn wie “Police Academy 7” oder “Beverly Hilly Cop III” guckten wir natürlich nicht an. Wir amüsierten uns bei Leslie Nielsens “Die nackte Kanone 33 1/3”, vergötterten Una Thurmann in “Pulp Fiction”, waren nachhaltig beeindruckt von Brandon Lees “The Crow” und holten uns schmerzende Hintern auf den Holzstühlen im “Cinema”, weil “Forrest Gump” fast drei Stunden lief.

Danach ging es meist noch in “Thanners Tag- und Nachtschänke” auf ein Bier. Warum auch nicht, ich musste ja nicht mehr fahren, denn ich WOHNTE ja nun in der großen Stadt. Der Weg nach Hause war nicht lang, und wenn ich nachts durch die Straßen streifte, die in der warmen Sommerluft immer noch belebt waren, hatte ich meist ein breites Grinsen im Gesicht. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen, und der Anfang war genau nach meinem Geschmack.

Bei meinen Eltern war ich nur noch ab und zu, um ein paar Sachen zu holen oder um Wäsche zu waschen. Viel zu sehr genoss ich das Gefühl der Freiheit, dass mit dem Leben in den eigenen vier Wänden und in der Stadt einher ging. Die kleine Wohnung hatte mein Leben plötzlich sehr viel größer gemacht, und mit dem Sommer 1994 verbinde ich nicht nur heiße Tage und warme Nächte, sondern vor allem das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

In der Rückschau verschwimmen die meisten Sommer zu einem Amalgam aus Eindrücken, bei dem einzelne Ereignisse nicht mehr einem Jahr zuzuordnen sind. Aber dieser eine Sommer, der wird mir in Erinnerung bleiben.