Die neue OB
Sonntag Nachmittag. Ich habe mich gerade mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon gesetzt, um die letzten warmen Strahlen der Herbstsonne zu genießen, da klingelt es an der Tür.
Ich verdrehe die Augen. Bestimmt wieder ein verirrter Pizzalieferdienst. Jonas in der Dachgeschoßwohnung bestellt immer Essen und dreht dann die Musik voll auf oder steigt erstmal gemütlich in die Badewanne, und in ihrer Verzweiflung klingeln die Lieferdienste im Haus hoch und runter.
Ich lunze aus der Wohnungstür und sehe vor der Haustür jemanden in brauner Kleidung stehen. Anstatt auf den Türöffner zu drücken, springe ich die paar Stufen ins Erdgeschoß hinunter und reiße die Tür auf, bereit dem Lieferdienst den Weg zu Jonas zu weisen.
Umso erstaunter bin ich, als ich in ein vertrautes Gesicht blicke.
Also nicht vertraut im Sinne von “kenne ich persönlich”, aber DIESES Gesicht nicht zu kennen, das ist unmöglich, wenn man in Göttingen wohnt. Das Gesicht ist seit Wochen an jeder Straße plakatiert. Kein Zweifel: Vor der Tür steht Onyeka Oshionwu. Ganz alleine.

Ich kann mich genau an den Moment erinnern, als ich es das erste Mal eines ihrer Wahlplakate sah. Eine junge Frau Mitte dreißig, sympathisches Lächeln, ruhige Augen. Kandidatin der Grünen für das Amt der Oberbürgermeisterin. “Würde Götham gut stehen”, dachte ich, “nur schade, dass mit dem Namen Oshionwu niemand Oberbürgermeisterin einer Großstadt wird.”
Göttingen ist zwar ziemlich Links, aber eher in Richtung Sozialdemokratie. Nach dem manchmal ungelenk scheinenden Agieren der SPD-OB in den vergangenen Jahren waren zuletzt aber deutliche Sympathien für die medienwirksam agierende CDU in der Universitätsstadt zu spüren gewesen. In dieser Lage eine Grüne als Oberbürgermeisterin? Undenkbar.
Dann geschah etwas sehr cooles. Onyeka Oshionwu begab sich auf die Straße und besuchte Menschen. Stadtviertelinitiativen, Vereine, Pflegeeinrichtungen, aber auch echter Haustürwahlkampf, stets gut dokumentiert in den sozialen Medien, vor allem auf Instagram.
Damit eroberte sie Stück für Stück und Straße für Straße Göttingen, und bald kannten die Leute Oshionwu nicht nur von Plakaten, sondern weil sie sie persönlich getroffen hatten.
Unerwartet stark, mit 41%, gewann sie dann tatsächlich die Kommunalwahl Anfang September. Allerdings nicht stark genug, stellte sich heraus, es sollte zwei Wochen später zu einer Stichwahl gegen den CDU-Spitzenkandidaten kommen.
Der ließ sich mittlerweile auch auf Instagram blicken, nachdem er zuvor – zumindest in meiner Timeline – in erster Linie auf Facebook aktiv war und aktuelle Kriminialitätsfälle zum Anlass nahm sich richtig in Rage zu reden und mehr Sicherheit zu seinem Ding zu machen.
Zwischen den Videos der beiden Kandidaten auf Insta gab es aber krasse Unterschiede. Wenn der CDU-Mann mit der Straßenreinigung unterwegs war, stand er in Hemd und guten Schuhen neben den Reinigungskräften und nutzte die lediglich als Kulisse, um seine Botschaften loszuwerden. Die lauteten in erster Linie, dass unter ihm, dem Juristen und Staatsanwalt, Göttingen sauberer und dadurch sicherer werde (er verwechselt die Begriffe in dem Stadtreinigungs-Video sogar). Und das man sparen-sparen-sparen müsse, um den Haushalt wieder hin zu bekommen. Typischer Wahlkampf halt, so weit, so würg.
Ganz anders die Videos von Oshionwu. Wenn sie mit Leuten unterwegs war oder sie besuchte, machte sie einfach bei denen mit. Bei der Altengymnastik. Beim Pausensport. Beim Müllsammeln in Grone. Bei der Apfelernte in Mumpfelhausen. Sie hielt keine Reden, sie machte mit und war nicht der Mittelpunkt, sondern nur dabei. Das Rezept: Zuhören. Eine kurze Strecke in den Schuhen der Wähler/-innen mitlaufen.
Ich fand das beeindruckend.
Mein Nachbar nicht.
“Wie soll man so eine wählen? Die ist Stewardess!”, grummelte Horst.
“Gibt kein Gesetz, dass eine Oberbürgermeisterin kein freundliches Lächeln haben darf!”, erwiderte ich spontan und auf an Horst angepasstem Niveau.
Zumal Horst zwar Recht hat – Oshionwu ist seit 15 Jahren Flugbegleiterin bei der Lufthansa – aber das eben nur die halbe Wahrheit ist. Ehrenamtlich ist sie schon seit 2021 Bürgermeisterin, zudem studierte MA in Englisch und war ebenfalls ehrenamtlich als Lehrerin für Jugendliche im offenen Vollzug und als Schöffin am Landgericht tätig. Das bedeutet für mich: Sie hat viele Facetten von Gesellschaft und Verwaltung erlebt. Und Flugbegleiterin? Da muss man Multitaskingfähig, organisatorisch begabt, stressfest und trotzdem immer diplomatisch sein – wieso sollte sie das für IRGEND ETWAS disqualifizieren?
Bei einem Diskussionsabend mit dem CDU-Mann wurden die Unterschiede besonders deutlich. Seine Botschaft bestand wieder aus “Sicherheit!!” und “Sparen! Sparen! Sparen!”, Oshionwu schlug dagegen leisere Töne und eine ganz andere Richtung ein.
“Investitionen sind wichtig”, lautete ihre Message, “was wir jetzt nicht investieren, das fällt uns später auf die Füße”. Dabei sei ihr die knappe Haushaltslage bewusst, aber: Sie habe bereits ein Netzwerk zu anderen Bürgermeister:innen knüpfen können, und bei denen viele Lösungen gefunden, die auch auf Göttingen passen können. Die Weststadt braucht eine Sporthalle, kann die aber nicht finanzieren? Eine Freilufthalle kostet nur einen Bruchteil und hast sich in Stadt XY bewährt. Solche Lösungen.
Zuhören. Voneinander Lernen.
Nicht um jeden Preis sparen, sondern in Dinge investieren, die gesellschaftlich wichtig sind, die gebraucht werden oder die Zukunft sichern. Denn: “Eine Stadt ist kein Unternehmen”.
Diese Botschaft ist erfrischend anders, zukunftsgewandt und macht Hoffnung. Anders als die schwarzen Texttafeln der CDU, die Kürzungen in bekannter Manier als alternativlos beschrieben, um dann die Stimme dafür zu verlangen.
Alles in allem machte Onyeka Oshionwu also einen völlig anderen Wahlkampf als man ihn in Göttingen jemals gesehen hat, mit viel Zukunftsgewandtheit und eben – Hausbesuchen. Und jetzt steht sie bei mir im Türrahmen.
“Es tut mir leid, sie kommen zu spät”, sage ich als sie gerade ansetzen will etwas zu sagen. “Ich habe vor einer Stunde meine Briefwahlunterlagen eingeworfen. Übrigens, nicer Wahlkampf. Nach Mumpfelhausen hat sich noch NIE eine OB-Kandidatin verlaufen”.
“Danke”, sagt Oshionwu. “Ich war hier auf dem Apfelfest. Darf ich ihnen dann vielleicht noch ein Göttinger Salz überreichen?”
“Ich brauche nichts”, sage ich, grinse dabei vermutlich immer noch wie ein Honigkuchenpferd vor Überraschung und wünsche ihr viel Erfolg.
…
Eine Woche später stehe ich an der Reling einer Fähre im Hafen von Genua und schaue gebannt auf´s Handy. Das Passagierschiff läuft gerade aus und der Empfang wird immer dünner, aber die letzten Bits bringen die Hochrechnung rein: Über 60 Prozent für die Grüne Kandidatin.
Ich stecke das Handy weg und muss grinsen. Ich lag so falsch. Anscheinend kann man mit dem Namen Oshionwu doch Oberbürgermeisterin einer Großstadt werden.
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Ob sich Oshionwu dann auch mit ihrer Art und ihren Ideen durchsetzen kann, steht auf einem anderen Blatt. Ich würde sie aber nach dieser fast übermenschlichen Leistung im Wahlkampf nicht unterschätzen.
Ansonsten war die Kommunalwahl in Göttingen ein kleines Wunder. Die Kandidaten der demokratischen Parteien waren ALLE fair miteinander, standen ihre Niederlagen sofort ein, gratulierten der Gewinnerin. Die SPD empfahl Oshionwu in der Stichwahl.
Die AFD kam auf gerade mal 1,8 Prozent.
Götham City ist stabil – und hat jetzt, nach meinem Wissen, als erste deutsche Großstadt überhaupt, eine farbige OB.




























