Betrachtung

Die Wahrheit über Notre Dame

Ich war echt erschrocken, als vorgestern die ersten Bilder der brennenden Kirche Notre Dame durch Twitter liefen. In der Kirche hatte ich seltsame und tolle Erlebnisse und interessante Begnungen, ich bin ihr auf´s Dach gestiegen und habe lange die Innenausstattung bewundert.

Gestern und heute beherrscht das Feuer alle Schlagzeilen, die Welt (oder zumindest die Medien) scheinen kollektiv im Schockzustand. Ich bin nur heilfroh, dass das kein religiös motivierter Anschlag war – sonst wäre das ein zweites 9/11 gewesen.

So sehr sich jetzt auch alle freuen, dass die Fassade noch steht, der wahre Schatz von Notre Dame sind für mich die Fenster. Meine Güte, sind diese Fenster schön. Bis dahin war mir nicht bewusst, dass im Jahr 1250 Handwerker sowas hier konnten:

Die Dinger sind echt mehr als 750 Jahre alt! Nach der Blaupause der Fensterrosen von Notre Dame entstanden praktisch alle anderen Kathedralenfenster in Europa.

Der nun eingestürzte Mittelturm ist dagegen ist ziemlich egal. Die Wahrheit ist: Der gehörte gar nicht originär zur Kirche, sondern war praktisch ein Fake. Genauso wie die Gargoyles, die tatsächlich erst nach einer Renovierung im 19. Jahrhundert hinzugefügt wurden – von einem Mann, der den Auftrag historische Bauwerke zu restaurieren immer mißinterpretierte als „Bau einfach was Du willst“.

Die Rede ist von Eugene Violet Le-Duc. Wenn man zu dem sagte: „Hier, kaputtes Bauwerk, erhalte mal die Bausubstanz“ kam bei ihm an „Hier, das Bauwerk da, das würde mit zusätzlichen Türmchen, einem absurden Dach und jede Menge Fabelwesen an der Fassade viel besser aussehen. Und wo Du gerade dabei bist, NOCH schöner wäre es, wenn Deine Visage mindestens 8 Mal in der Fassade verewigt wäre.“

Die ganze Geschichte von dem marodierenden Restaurator und Notre Dame habe ich schon mal im „Reisetagebuch: Paris“ aufgeschrieben. Hier ist der Text nochmal in Auszügen:
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Schwarzer Tag

Schwarzer Tag für die Meinungsfreiheit. Für Urheber/-innen. Für die Demokratie. Für Europa.

Heute wurde die EU-Urheberrechtsreform im Europaparlament beschlossen. Mit dabei: Art.11, 12 und 13. Nicht mal Änderungen wurden angenommen. Das ist schlimm.

Es ist direkt schlimm, weil Art. 12 die Vergütung der Urheber halbiert und Art.13 die Meinungsfreiheit in Europa gefährdet.

Für den Stop der EU-Urheberrechtsreform gibt es noch eine Chance, aber die existiert nicht wirklich. Sie beruht nämlich auf der Bundesregierung, und DIE hat, wie wir seit heute wissen, Gas aus Russland gegen Freiheitsrechet der Zivilgesellschaft eingetauscht. Laut Recherchen der FAZ hat sich Frankreich die Uploadfilter gesichert, im Gegenzug dürfen die Deutschen die russische Pipeline Northstream II weiterbauen.

Die ganze Sache ist aber vor allem deshalb schlimm, weil das Bild, das Europäische Politikerinnen und Politiker abgegeben haben, so ein erbärmliches war.

Das reichte von naiv-doofen Aussagen von Chefverhandler Axel Voss die er fast nach Belieben zu offensichtlichen Lügen steigerte bis hin zu Pöbeleien und unverhohlenen Lobbyaktionen für Verwetugsgesellschaften von Abgegordneten wie der Grünen Helag Trüpel.

Menschen, die gegen die EU-Urheberrechtsreform protestierten, wurden als „Bots“ abgetan, eine Petition mit 5.000.000.000 Stimmen ignoriert und Protest in den Straßen als von Internetfirmen gekauft und gesteuert abgetan. In Interview pöbelten Politikerinnen herum, logen offen oder verbaten sich am Ende komplett, über unliebsame Themen zu reden.

Stattdessen ließen sich die Abgeordneten zu Dinnerveranstaltungen der Verlage und Verwerter einladen und gerieten nicht mal ins Nachdenken, als Verlage ihnen mit schlechter Presse drohten.

Das ist alles so bitter. Was ist denn das für ein Gebaren, Politik OHNE jeglichen Interessenausgleich mit der Zivilgesellschaft und nur im Sinne der Lobbyisten durchzudrücken, und jeglichen demokratischen Protest zu verhöhnen und zu ignorieren?

Was bleibt ist ein Bild von Politik, die die Interessen großer Konzerne vertritt, Desinformation betreibt, Lügen verbreitet und die Zivilgesellschaft, deren Interessen sie vertreten sollte, verhöhnt, bepöbelt und gefährdet.

Damit haben sie den Vertrag gebrochen, wie Jonathan Pie in einem anderen Zusammenhang, aber einem ähnlichen Szenario gesagt hat. Sie haben den Vertrag zwischen Ihnen und uns gebrochen. Wir geben ihnen Geld und Macht, und sie sollten damit etwas für uns tun, und nicht gegen die Interessen der Menschen handeln.

Die Listen mit dem Abstimmungsverhalten der Abgeordneten sind übrigens öffentlich einsehbar, und am 26.05. sind Europawahlen. Ich hoffe sehr, dass Jungwähler in Horden zur Wahl strömen und den Vollversagern im Parlament ihr bequemes Gemüt auf die Füße fällt.

Ich vermute, Abgeordnete wie Trüpel und Voss haben sich bereits gute Jobs bei einem Verlag oder Verwerter gesichert. Ihre Wiederwahl im Mai dürften sie nämlich vergessen können.

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Protest wirkt

Die Sache um die EU-Urheberrechtreform ist noch nicht ausgestanden. Worum es da geht, und warum sie die Meinungsfreiheit gefährdet, habe ich hier aufgeschrieben. Das EU-Parlamanent ist die letzte Instanz, die sie noch verhindern kann, und stimmt Ende März über die Reform ab.

Schon jetzt bewirken aber die Proteste etwas. EU-Parlamentarier und deutsche Politiker bekamen Tausende von Mails und Briefen zu dem Thema. Überrascht und überfordert von sowohl politischer Aktivität einer als unpolitisch gelabelten Gruppe vermuteten einige Politiker tatsächlich eine Google gesteuerte Bot-Kampagne. In der Folge gingen die Bürgerinnen und Bürger dazu über, in den Abgeordnetenbüros anzurufen, um (hoffentlich) ruhig und sachlich darzulegen, warum die Urheberrechtsreform in der vorliegenden Form eine Katastrophe ist UND zu beweisen, dass Sie keine Bots sind.

Die Proteste finden auch auf der Straße statt. In großen Städten gab und gibt es Demos, und als bekannt wurde, dass die Konservative EVP (die EU-Parteiengruppe, zu der CDU/CSU genauso gehören wir Orbans Fidesz-Partei), da bildeten sich Spontandemos, die innerhalb weniger Stunden organisiert wurden und vor den Zentralen der Konservativen Parteien aufmarschierten und „Nie wieder CDU“ skandierten.

Abgesehen davon, dass dieser Slogan nicht weiterhilft: Der Protest zeigt Wirkung. Politikerinnen und Politiker sind geradezu aufgeschreckt von der Menge und der Heftigkeit des Protests, und einzelne Abgeordnete nehmen wirklich mit Personen aus der „Creator“-Szene um Youtube und Co. Kontakt auf, um sich den Verhalt mal aus deren Sicht erzählen zu lassen. Dabei sind es vor allem die ruhigen Stimmen, die von der Politik gehört werden. Wie dieses Video von Robin Blase, wo er vor den Gefahren, aber auch vor Panikmache warnt:

Denn bei allem legitimen Protest übertreiben es manche Youtuber. In schrillen Tönen werden da faktisch falsche Dinge behauptet oder unzulässig verkürzt. „EU will Youtube löschen“ ist erst einmal eine faktisch falsche Aussage, „Axel Voss will das Internet verbieten“ kompletter Unfug.

Um Aufklärung bemüht sich fast rund um die Uhr der Anwalt Christian Solmecke:

…und findet damit Gehör. Nicht nur bei Gegnern der Urheberrechtsreform, sondern auch bei den Befürwortern, und bei denen muss er dann als Zielscheibe herhalten. So liess die FAZ in einem Gastbeitrag direkt gegen Solmecke schießen, setzte sich damit aber wenig mit seinen inhaltlichen Positionen auseinander, sondern polemisierte und versuchte ihn erst einmal handfest zu diskreditieren.

Das geht natürlich genauso wenig wie das Verhalten der glühenden Urheberrechtsbefürworter im Parlament. Die Grüne Helge Trüpel beispielsweise postet fortlaufend Bilder von traurig guckenden, alten Menschen, die ein Pro-Urheberrechtsreform-Schild in der Hand haben und auf den Fotos als Schrifsteller, Komponist oder Schauspieler bezeichnet werden. Mal abgesehen, dass ich von all diesen Leuten noch NIE was gehört habe: Hat den alten Leuten eigentlich jemand erklärt, dass nicht Youtube ihnen die Brotkrumen vom Teller klaut, sondern das Gesetz in Art. 12 festschreibt, dass bis zu 50 Prozent ihrer Urhebervergütung an Verlage gezahlt werden muss? Das geht wirklich ins Geld und ist eigentlich in Deutschland gerichtlich seit 2015 verboten. Über die Bande der EU soll dieses Unrecht nun wieder legalisiert werden.

Aber das ist ein beliebtes Spiel, dass die Politik nicht nur, aber besonders in Deutschland seit Jahren gerne spielt. Unpopuläre oder schwierig durchzusetzende Themen werden einfach von der Ebene des Nationalstaats auf die EU-Ebene gehievt und dort im Sinne der Nationalstaaten beschlossen. Dann gibt es eine Vorgabe der EU, und die nationale Politik hat zwei Dinge auf einmal geschafft: Das beim eigenen Wahlvolk unbeliebte Thema doch im eigenen Sinne durchgedrückt UND einen Sündenbock dafür gefunden. „Wir wollten das ja gar nicht, ist eine EU-Vorgabe“. Genau dieses Spiel spielt auch die SPD gerade. Die CDU bricht den Koalitionsvertrag, in dem Uploadfilter abgelehnt werden. Kommentar von SPD-Justizministerin Katharina Barley: „So ist nun mal Europa: Ich stimme da nicht als einzelne Ministerin ab, sondern für die Bundesregierung.“. Ganz so, als sie sie nicht Teil dieser Regierung, sondern nur Laufmädchen. Weil: „So ist nun mal Europa“.

Die Regierungen der Nationalstaaten machen die EU-Politik, die sie anschließend bejammern und beklagen. So ein PingPong-Spiel zwischen Staaten und EU gab es nun uach beim Urheberrecht. Deutschland wollte das EU-weite Leistungsschutzrecht (Art. 11) und die Vergütung für Verlage (Art. 12), Frankreich die Uploadfilter (Art. 13). Im eigenen Land hätte das Proteste gegeben, aber Brüssel ist halt weit weg.

Das nun die Protestiernden EU-Politik anfassbar machen und vor die eigene Haustür tragen, macht nationale Politiker nervös. Das merkt man an de, seltsamen Vorschlag der CDU, Uploadfilter doch noch verhindern zu wollen, indem man Lizenzdatenbanken aufsetzt. Das kann man getrost als Nebelkerze abtun, denn der Vorschlag istkeine Alternative zu Uploadfiltern, sondern entspricht ganz exakt dem, was in Art. 13 gefordert wird.

Während die nationale Politik in Deuschland nervös wirkt, trompeten auf EU-Ebene die wichtigsten Reformbefürworter unvermindert weiter für ihre Sachen und sind an Dialog nicht mehr interessiert. Neben Bildern von traurigen Menschen postet Helga Trüpel zum Beispiel, ob auch nur einer der Reformgegner das Konzept Lizensierung wirklich verstanden habe. Selten tropfte aus Tweets so viel Herablassung. Statt die Chance zu ergreifen in einen Dialog einzutreten und den Leuten zu erklären, wie sie denkt, sieht Trüpels Account gerade aus wie die Propagandamaschine der GEMA.

In eine ähnlich Kerbe schlägt Axel Voss, der als Chefunterhändler der EU in einem Interview in Frage stellt, ob es Youtube überhaupt geben dürfe, weil deren Geschäftsmodell ja auf fortlaufende Urheberrechtsverletzungen beruhe. O-Ton aus einem Interview mit der deutschen Welle:

„Sie [Youtube] haben ein Geschäftsmodell auf dem Eigentum anderer Leute aufgebaut – auf urheberrechtlich geschützten Werken. Wenn es die Absicht der Plattform ist, Leuten Zugang zu urheberrechtlich geschützten Werken zu geben, dann müssen wir darüber nachdenken, ob diese Art von Geschäft existieren sollte.“

Das ist so dreist gelogen, das mir dazu nichts mehr einfällt. Nach dieser Aussage gab es übrigens Bombendrohungen gegen Voss Büro. Das ist natürlich dumm und zu verurteilen und hat in der Folge dazu geführt, dass Voss und Co. nun ihr Narrativ „Reformgegner sind ein gesteuerter Mob“ noch besser unterfüttern können.

Auf Seiten der Politik also Nebelkerzen, Herablassung, schrille Aussagen, keinerlei Gesprächsbereitschaft.

Und nun? Ich gehe davon aus, dass die Urheberrechtsreform durchgeht. Das liegt nicht an der Situation in Deutschland, sondern vor allem an der im Ausland. Da gibt es so gut wie keine Proteste, und wenn, dann gehen sie gerade unter.

ABER. Was die Proteste hier aber bewirken: Die deutsche Politik bekommt mit, dass auch jüngere Generationen nicht unpolitisch und bereit sind, für ihre Lebensentwürfe auf die Straße zu gehen. Gleichzeitig verspielt sie viel Vertrauen in sich und in demokratische Prozesse. Die Jungen ihrerseits bekommen mit, dass sie sich Gehör verschaffen können, und vielleicht führt das dazu, dass sie zukünftig mehr Menschen politisch engagieren.

Und vielleicht, nur ganz vielleicht, kapiert einer der aktuell noch für Kohlekumpels kämpfenden Politiker ja, dass man heute nicht mehr unbedingt die Springer-Presse braucht, um Kanzler zu werden. Aber, ach.

Wer sich noch Gehör verschaffen möchte, geht am 23.03. beim Aktionstag gegen die EU-Urheberrechtsreform auf die Straße oder kann schreiben, mailen und auch bei den Abgeordneten anrufen.

Die Seite https://pledge2019.eu/de ermöglicht kostenlose Anrufe bei Parlamentariern und listet die wichtigsten Argumente.
Die Seite http://BotBrief.eu bietet eine Übersicht mit dem bisherigen Abstimmungsverhalten der Abgeordneten und einen Musterbrief an. Auf den Seiten des Parlaments kann man seine Abgeordneten (man hat meist mehr als einen!) finden: http://www.europarl.europa.eu/meps/de/home

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EU-Urheberrechtsreform. Um was es geht. Warum das wichtig ist.

Die kleinen Künstler wolle Sie schützen, sagt Helga Trüpel. Vor Youtube. Deshalb brauche man eine Reform des Urheberrechts in der EU, und zwar jetzt.

Als ihr der Podcastmoderator auseinandersetzt, was da genau im Gesetz steht, von Uploadfiltern bis hin zur Ausbeutung von Urhebern, wird Trüpel erst laut, dann schrill. „Das stimmt so nicht was sie sagen!“, fällt die dem ruhig argumentierenden Moderator ins Wort und dementiert – frei von Argumenten, aber mit noch weiter ansteigender Lautstärke, bis sie sich fast in einen Wutanfall reingesteigert hat.

Nachzuhören ist diese veritable Selbstdemontage in den ersten zwanzig Minuten des Debattenpodcasts von Spiegel Online. 

Das Verhalten der grünen Europaparlamentarierin steht exemplarisch für Anspruch und Wirklichkeit, wie sie gerade in Brüssel nicht härter aufeinanderprallen könnten. Es geht um drei Artikel der Urheberrechtsreform, die überaus weitreichende Auswirkungen auf unser aller Zukunft haben werden. Aber anstatt das die EU-Parlamentarier/innen Argumenten gegen dieses Vorhaben zuhören, werden mantrahaft Unwahrheiten wiederholt, geradezu hysterisch dementiert oder Protestierende von den Politiker/Innen belogen, diskreditiert, verhöhnt oder angepöbelt.

Hier z.B. der CDU-EU-Abgeordnete und Parlamentsberichterstatter Axel Voss, der mitten im Interview mit einem ebenso interessierten wie informierten Youtuber erst laut wird, dann polemisch, und schließlich seinem Gesprächspartner wütend an den Kopf wirft: „Ja, wir werden uns hier im Kreis drehen, weil, weil Sie sich nicht die Texte entsprechend angucken werden, sondern immer meinen, alles sei nur noch Filter!“ Am Ende pöbelt Voss sogar herum. „Ja, wenn SIE besser Vorschläge haben, lassen sie es uns wissen.“

Agrumente? Fehlanzeige. „Die Plattformen sollen zahlen“, das ist alles, was man zu hören bekommt.

Das eine Reform in des Urheberrechts sinnvoll und nötig ist, das bezweifelt kaum jemand. Wogegen es gerade große Proteste gibt, sind spezifische Artikel in der Gesetzesnovelle, die eben nicht die Rechte der Urheber stärken, sondern die Urheber ausbeuten UND eine Gefahr für die Zivilgesellschaft darstellen.

Konkret geht es um drei Artikel, an denen sich der Protest entzündet.

  • Artikel 11 enthält das Leistungsschutz. Das hatte sich der Springerverlag in Deutschland herbeilobbyiert, um Geld von Google zu erpressen. Hat nicht funktioniert, am Ende sind kleine Nachrichtenübersichtsseiten durch das Gesetz eingegangen, während Springer Google eine Gratiserlaubnis gegeben hat. Ob das Gesetz, was wir seit 2013 in Deutschland haben, wirksaml ist, hätte schon lange evaluiert werden sollen. Das verhindert aber die Große Koalition in Berlin. Artikel 11 schützt nicht die Urheber, sondern ist für Rechtverwerter gedacht, stärkt aber im Kern die großen Internetplattformen.

 

  • Artikel 12 enthält Vergütungsregelungen, die in Deutschland durch Gerichte verboten wurden. Konkret geht es darum, dass Verlage sich Geld einstecken, das den Urhebern – nämlich den Buchautor/innen, Journalist/innen usw. – zusteht. Das haben die jahrelang einfach gemacht, dann wurde es verboten. Nun kommt durch die Hintertür und auf EU Ebene die Erlaubnis, die Urheber wieder abziehen zu dürfen. Im Ergebnis stärkt Artikel 12 damit nicht die Rechte der Urheber, sondern der Rechteverwerter.

 

  • Artikel 13 enthält die Vorschrift, alles, was Nutzer auf Plattformen einstellen, vorab zu lizensieren und sicher zu stellen, dass keine Urheberrechtsverstöße begangen werden. Das heißt: Alles, was hochgeladen wird, muss vorher gefiltert werden. Das Wort „Uploadfilter“ steht da nicht, aber faktisch ist es ist das, was gefordert wird. Ausnahmen sind nur für die allerneuesten und allerkleinsten Plattformen vorgesehen. Alle Inhalte der Welt vorher zu lizensieren ist Unfug, und automatische Uploadfilter für alle Inhalte der Welt zu etablieren ist höchstens für drei Akteure weltweit machbar: Facebook, Google und Amazon. Großes Problem dabei: Wer bestimmt, was gefiltert wird? Filter, die vorab kontrollieren, was ins Netz kommen, lassen sich für Zensur nutzen. Was hält einen Viktor Orban davon ab, für ihn missliebige Meinungen aus dem Netz filtern zu lassen? Sind die Filter erst einmal da, werden sie genau für sowas genutzt werden. Artikel 13 ist also nicht nur rechtlich und technisch fast unmöglich, er gefährdet auch kleine Plattformen und die freie Meinungsäußerung im Netz.

 

Verhöhnt, bepöbelt, diskreditiert – die entgleiste Debatte

Die Diskussion um die Urheberrechtsreform ist aktuell völlig entgleist, was vor allen daran liegt, wie die Politik mit dem Ganzen umgeht. Das Gesetz wirkt, als wäre es von Verlagen herbeilobbyiert worden (was der Wahrheit wohl nicht so fern ist). Es wurde hinter verschlossenen Türen und ohne Protokoll ausgekungelt („Trialog“).

Zivilgesellschaftliche Belange finden sich im Gesetz nicht wieder, die Rollenverteilung ist klar. „Urheber“ sind für die Parlamentarier  Verlage wie Springer, und die gilt es zu schützen. Aber Urheber, das sind Autoren und Musiker, genauso wie Youtuber und Blogger. Was passiert, wenn sich ein Verlag den Begriff „Reisetagebuch“ schützen lässt? Dann wird WordPress meine Artikel nicht ins Netz lassen. So einfach ist das.

Das ist nichts, was ich mir einbilde. Selbst der UN-Menschenrechtsbeauftragte für Meinungsfreiheit hat die EU vor Uploadfiltern gewarnt. Auch die deutsche Bundesregierung und alle Digitalexperten der Parteien waren dagegen, und trotzdem hat Deutschland hat dafür gestimmt. Auf Ansage von Angela Merkel, ganz persönlich. Obwohl im Koalitionsvertrag Uploadfilter als unverhältnismäßig, weil Zensurwerkzeug, abgelehnt werden.

Warum verhält sich die SPD bei dem Thema so still? Katharina Barley, die deutsche Justizministerin, gibt es relativ unumwunden am Rande eines Treffen mit Urhebern, die GEGEN diese Art der Reform sind und die eine Petition mit FÜNF MILLIONEN Unterschriften überreichen, zu: Der Springer Verlag hat mit einer Kampagne gegen das Justizministerium und insbesondere Barley selbst gedroht, und Barley möchte so gerne in Kürze ins Europaparlament gewählt werden. Ein unbestätigtes Gerücht besagt, dass Olaf Scholz gerne Kanzler werden möchte, und im Wahlkampf auf nachsichtige Berichterstattung in der BILD-Zeitung hofft. Na dann.

Nun gibt es also Proteste, im Netz und auf der Straße. Und wir reagieren die Politikerinnen darauf?

  • Axel Voss (CDU), Europaparlamentarier und Berichterstatter des Europaparlaments bei der Urheberrechtsreform, lügt Öffentlichkeit und seine Kolleginnen und Kollegen an. Uploadfilter stünden ja gar nicht im Gesetz, und überhaupt „Der Bürger darf Presseartikel privat nutzen und kann die auch entsprechend hochladen. Auch auf Plattformen hochladen. Das heißt, die Plattform ist dann nicht verpflichtet, hierfür eine Lizenz zu erheben, weil es autorisierte Hochladung ist. Wir als Gesetzgeber geben dem Einzelnen die Möglichkeit, diesen Artikel eben zu privaten Zwecken entsprechend auch hochzuladen.“ Das ist falsch und schon nach der jetzigen Gesetzeslage verboten.

 

  • Monika Hohlmeier, Tochter von Franz Josef Strauss und EU-Parlamentarierin, wittert angesicht der demokratischen Proteste eine gesteuerte Kampagne von Google und co. O-Ton: „Die Fake Kampagne der IT-Giganten ist aus demokratischer Sicht bedrückend. Kinder und Jugendliche zu instrumentalisieren, die nicht wissen, dass die Freiheit des Internets nicht bedroht ist. Wie übel ist das denn!“

 

  • Sven Schulze, EU-Parlamentarier für Sachsenanhalt, tutet ins gleiche Horn. Als Beleg dafür hat er ausgemacht, dass Protestmail von Google-Mailkonten versendet werden. O-Ton: „Jetzt kommen wieder sekündlich Mails zum Thema #uploadfilter & #Artikel13 rein. Mal ganz davon abgesehen, dass diese inhaltlich nicht richtig sind, stammen ALLE von #Gmail Konten.🤔 Mensch #google, ich weiß doch das ihr sauer seid, aber habt ihr diese #fake Aktion wirklich nötig?“

 

  • Die EU-Kommission besieht sich die Proteste auf den Straßen und schreibt einen Blogeintrag, in dem die Demonstranten als Mob bezeichnet werden. „The Copyright Directive: how the mob was told to save the dragon and slay the knight“).

 

  • Das EU-Parlament veröffentlicht einen Film, der so aussieht, als sei die Abstimmung schon gelaufen und in dem sich Axel Voss (s.o., der Mann, der jedem ins Gesicht lügt) sich als Retter der kleinen Künstler feiern lässt. Dazu schreibt der Twitteraccount des Parlaments: „Deine Memes sind sicher“. Als ob es darum ginge.

Was jeder einzelne tun kann

Und nun? Nun hilft nur weiterer Protest, bei den Europaabgeordneten. Denn DIE wollen im Mai wiedergewählt werden. Ich habe die Abgeordneten aus den nördlichen Bundesländern angeschrieben und ihnen deutlich mitgeteilt, warum Art. 11, 12 und 13 schlecht sind, und das ich niemanden wählen werde, der dafür stimmt. Ich habe das auf Briefpapier gemacht, damit es nicht heißt, ich sei ein Google-Bot.

Wer sich ebenfalls Gehör verschaffen möchte, kann schreiben, mailen und auch bei den Abgeordneten anrufen.

  • Die Seite https://pledge2019.eu/de ermöglicht kostenlose Anrufe bei Parlamentariern und listet die wichtigsten Argumente.
  • Die Seite http://BotBrief.eu bietet eine Übersicht mit dem bisherigen Abstimmungsverhalten der Abgeordneten und einen Musterbrief an. Auf den Seiten des Parlaments kann man seine Abgeordneten (man hat meist mehr als einen!) finden: http://www.europarl.europa.eu/meps/de/home
  • Außerdem finden am 23.03. Proteste in Form von Demonstrationen stattfinden, bevor das Parlament am 25.03. über die Reform abstimmen soll.

Die Reaktion von Manfred Weber, dem Chef der EVP im Parlament, CSU-Spitzenkandidat und designiertem JNachfolger von Jean-Claude Juncker: Er will die Abstimmung vorziehen, schon auf die nächste Woche. bevor die Proteste wirklich sichtbar werden können. [Nachtrag] Zumindest diese Idee haben sie wieder zurückgezogen. Was die Sache aber nicht besser macht, schon die Abstimmung am 25.03. ist ein rekordverdächtiges Tempo.

Also, DAZU fällt mir echt gar nichts mehr ein. Wir haben hier also einen Gesetzesentwurf, der sich anhört, als sei er von Großverlagen geschrieben worden. Dagegen regt sich in der Zivilgesellschaft Protest. Und statt mit den Menschen in Dialog zu treten und ihnen zuzuhören, verhöhnen EU-Politiker sie als Mob, werden in Gesprächen laut und wütend, vermuten gesteuerte Kampagnen und wollen am liebsten die Abstimmung vor ihnen verstecken?

 

Ich befürchte Schlimmes für die Wahl im Mai. Aber dieses Beispiel zeigt auch: Es braucht nicht mal  Rechtspopulisten, um die Demokratie in Europa auszuhöhlen. Das schaffen die Institutionen auch ganz allein.

Im Kern geht es um Meinungsfreiheit und Demokratie in Europa. Dafür setze ich mich ein. 

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Geschichte reimt sich

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich erstaunlich oft“, sagte Mark Twain und brachte es damit auf den Punkt, und Robert Fietzke (@robert_fietzke) hat mal zusammengetragen, was sich heute so reimt. Herausgekommen ist ein Twitterthread (hier der erste Post: https://twitter.com/robert_fietzke/status/1001427148618567685) der mich hat schlucken lassen und dessen Hauptinhalte ich hier nochmal notiere, weil auf Twitter alles so schnell verloren geht. Es sollte aber jeder den Originalthread lesen.

Die Protagonisten sind heute andere, aber was geschieht, ist gerade das selbe wie vor 25 Jahren. Auch in den 90ern standen Wahlen an. Die Politik nutzte die damalige Asyldebatte für den Wahlkampf und hetzte gegen Ausländer. Insb. die CSU fabulierte immer wieder von „Asylmissbrauch“, als Flüchtlinge aus dem Kosovokrieg hier her kamen. Die Medien machten das mit, zu gut verkauften sich Magazin mit Illustrationen zum Slogan „Das Boot ist voll!“.

Nach Monaten dieser Kampagnen war das Klima in Deutschland so vergiftet, dass sich die verängstigte „Volksseele“ in Gewaltsausbrüchen Luft machte.

Deutsche stürmten Gebäude und zündeten sie an, ganz bewusst während Menschen darin waren. Solingen war mit am Schlimmsten, aber es gab ebenso Pogrome in Hoyerswerda, Mölln und Rostock-Lichtenhagen. Die Polizei griff damals nicht ein, während in Rostock-Lichtenhagen ein Haus voller vietnamnesischer Flüchtlinge brannte. Das Landratsamt sagte später dazu: „Es besteht einheitliche Auffassung dazu, dass eine endgültige Problemlösung nur durch Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann“.
Die Pogrome rissen nicht ab. Während Teile der Bevölkerung entsetzt waren über die kleinen Mädchen, die in Mölln verbrannten, hetzte die Unionsgeführte Politik weiter und setzte die Kampagne fort.

Bundeskanzler Kohl schwieg lange zu all dem, liess sich am Ende auch nicht auf Trauerfeiern sehen, weil er nicht „in Beileidstourismus verfallen“ wollte. Immerhin schrieb SPD-Mann Rühe damals, seine Partei solle „die Asylpolitik zum Thema zu machen und die SPD dort herauszufordern, gegenüber den Bürgern zu begründen, warum sie sich gegen eine Änderung des Grundgesetzes sperrt“. Leider währte das nicht lange, am Ende kippte die SPD um und stimmte der Drittstaatenregelung zu, die das Recht auf Asyl aushebelt.

Heute beobachten wir exakt die gleichen Entwicklungen. Politiker machen Wahlkampf mit dem Thema Flüchtlinge, die Medien zündeln mit. Der Unterschied zu damals: Diesmal gibt es nicht mal mehr ein klein wenig Opposition dagegen. Die SPD ist genauso auf den Kurs eingeschwenkt wie die Unionsparteien. Und dieser Kurs wird ihnen vorgegeben von einer offen rechtsradikalen Partei, der AFD. Die Partei, die die neue Heimat der Neonazis geworden ist, deutet in eine Richtung, und die etablierten Parteien beginnen zu marschieren.

Wenn dieser Tage an die Ereignisse von Solingen erinnert wird, dann sollten sich alle bewusst sein, dass wir wieder kurz vor einem Punkt in unserer Geschichte stehen, in dem rechte Lynchmobs Flüchtlinge in Brand stecken und „besorgte Bürger“ daneben stehen und johlen.

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Vorauseilende Verharmlosung

Herr Heiler (rechts) sieht einem gewissen Hitler sehr ähnlich – nur das Bärtchen fehlt.

Wenn Videogames nicht als Kulturgut angesehen werden, verharmlost das Nazis und beschädigt die Erinnerungskultur.

Paragraph 86 des Strafgesetzbuches stellt die Verwendung verfassungswidriger Symbole unter Strafe. Mit Hakenkreuzfahne oder SS-Rune auf dem T-Shirt durch die Gegend zu marschieren ist eine Straftat, wer es dennoch tut, kann dafür bis zu drei Jahre in den Bau kommen. Und das ist auch gut so.

Denn eine der wenig gewürdigten Stärken der deutschen Gesellschaft ist unsere Erinnerungskultur. Wir haben uns mit den Kriegsverbrechen zum großen Teil auseinandergesetzt und sie aufgearbeitet. Ja, es gibt Große Lücken, und oft würde man sich mehr Details und größere und ernsthaftere Tiefe wünschen, aber die Gräuel sind Bestandteil des Schulunterrichts, und wir erinnern aktiv an die Schrecken des Krieges, während es Denkmäler, die z.B. die Nazigrößen verherrlichen, schlicht nicht gibt. Das Verbot der Nazisymbole ist auch ein Ausdruck dieser Erinnerungskultur. §86a StGB verhindert, dass diese Symbole im Alltag auftauchen, damit sie dadurch nicht wieder schrittweise normal werden.

Erlaubt sind solche Symbole lediglich in Kunst und Wissenschaft. Bei der Wissenschaft ist das logisch, denn eine historische Dokumentation mit Aufnahmen aus der NS-Zeit, bei der jedes Hakenkreuz ausgeblendet wird, funktioniert nicht. Bei der Kunst ist es schon komplizierter. Filme gelten als kulturelle Güter, weshalb z.B. in „Indiana Jones“ oder „Inglourious Basterds“ Hakenkreuze vorkommen dürfen.

Nicht als kulturelle Güter zählen Computerspiele, Nazisymbole dürfen darin nicht vorkommen. Das war in der Vergangenheit auch nur für absolute Fans von Originalen ein Problem, denn ob in einem Ballerspiel ohne Story ein Gegner nun eine Hakenkreuzbinde trägt oder nicht, ist dann auch echt mal egal.

Nicht egal ist es aber, wenn das Spiel eine Narration hat, und durch die Zensur Charaktere, Figuren und sogar die Erinnerungskultur selbst beschädigt wird. Genau mit diesem Fall müssen sich Medienwissenschaftler und Gesellschaft aktuell auseinandersetzen. Die Rede ist von „Wolfenstein: The New Colossus“. Das Spiel enthält sehr viel Handlung, allein die Zwischensequenzen (Filme!) gehen über eine Stunde. Die Handlung spielt in einer alternativen Zeitlinie in den 60er Jahren. Die Nazis haben den Krieg gewonnen und Amerika annektiert. Der weiße Mittelstand konnte sich mit der Naziideologie rasch anfreunden, nennenswerten Widerstand leisten nur die Verfolgten und Unterdrückten: Juden, Farbige, Behinderte, allesamt mit einem hohen Frauenanteil. Die Geschichte des Spiels ist die Geschichte dieser Figuren und wie sie langsam einen Widerstand aufbauen.

Hersteller Bethesda hat speziell für den deutschen Markt eine eigene Fassung von „Wolfenstein“ rausgebracht, auf der jeder Hinweis auf Nazis getilgt ist. Auf Bannern, Fahnen und Armbinden prangt nun ein Dreieck, andere Symbole sind durch Platzhalter ersetzt. Bei diesen optischen Änderungen bleibt es aber nicht, denn aus Angst vor der deutschen Rechtssprechung wurde wirklich JEDER Verweis auf die NS-Zeit entfernt.

Aus dem „mein Führer“ wurde der „mein Kanzler“, aus Hitler wurde „Herr Heiler“ (und ihm wurde der Bart entfernt), aus „Deutschen“ wurden „Germanen“ und aus „arisch“ „germanisch“. Kann man soweit machen, aber ab hier wird es seltsam: Aus „KZs“ werden simple „Gefängnisse“ und aus Menschen, die wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt werden, macht die deutsche Fassung statt „Juden“ schlicht „Verräter“, und eine jüdische Abstammung wird zu einer polnischen. Das ist nicht nur genau das Gegenteil der Erinnerungskultur, das ist auch beleidigend. Und es hat massive Auswirkungen auf´s Spiel, ist doch die Hauptfigur plötzlich kein Jude mehr, sondern einfach nur ein Pole mit einer Verräterin als Mutter. Bei den Nebenfiguren wird es nicht besser: Der Wissenschaftler Seth, der im original jiddisch spricht, wird der Akzent und seine jüdische Identität ganz weggenommen.

Ich bin nicht der Meinung, dass man um der Authentizität Willen jeden Shooter mit Hakenkreuzen vollkleistern muss, aber hier liegt der Fall anders.
Da jeder WEISS, dass es sich bei den Bösen im Spiel, Symbolik hin oder her, um Nazis handelt, die Charakter und Figuren der Verfolgten in der Deutschen Version aber um ihre Identität und damit den Grund der Verfolgung beraubt werden, haben wir hier die seltsame Situation, dass durch die harte Überauslegung der Gesetzeslage eine Verharmlosung stattfindet. Juden in ein Vernichtungslager zu bringen ist ein Verbrechen, aber Verräter in ein Gefängnis zu stecken irgendwie nicht, oder? Das hat Auswirkungen auf das ganze Spiel: „Wolfenstein“ ist im Original zutiefst antifaschistisch, darf das aber in der deutschen Version nicht sein.

Der leichte Weg wäre es nun, dem Hersteller von „Wolfenstein“ vorauseilenden Gehorsam und eine Überauslegung der Gesetzeslage vorzuwerfen. Allein, wer kann es Bethesda verdenken? So ein Triple-AAA-Spiel kostet einen dreistelligen Millionenbetrag in der Produktion und der deutsche Markt ist wichtig. Ausserdem gibt es schlechte Vorerfahrungen: Die 2009er Fassung von Wolfenstein wurde komplett verboten, weil vergessen wurde, in einem Werbetrailer für das Spiel ein Hakenkreuz zu entfernen.

Nein, ich glaube das Problem geht tiefer. Wir haben hier den Fall, dass Gesetze, die das Gedenken an die Gräuel des Kriegs schützen sollen, dazu führen, dass eine Verharmlosung stattfindet. Das kann nicht richtig oder gut sein, und ich denke, dass sich im Jahr 2017 der Gesetzgeber langsam mal mit der Tatsache auseinandersetzen muss, dass Videospiele Teil unserer Kultur sind und als solche auch zur Persönlichkeitsformung und Bildung beitragen.

Videospiele sind Kulturgüter und müssen für sich das gleiche Recht in Anspruch nehmen dürfen das auch Filmen zusteht. Ansonsten sorgen die Gesetze, die das Erinnern bewahren sollen, für eine Verharmlosung der Vergangenheit. Damit berauben sie uns mittelfristig einer unserer gesellschaftlichen Stärken und beeinflussen langfristig Politik und Gesellschaft in eine Richtung, die wir nie wieder einschlagen wollen.

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Die Diskussion um die Diskrimierung von… Nazis?

„Wolfenstein“ ist eine Videospielreihe. Inhalt: In einer alternativen Zeitlinie haben die Nazis den Krieg gewonnen und beherrschen die Welt, nur der Spielercharakter leistet noch Widerstand und kämpft gegen das Regime. Wolfenstein ist ein klassischer First-Person-Shooter, dementsprechend kommen beim Widerstandskampf Schrotflinten, Kettensägen und Plasmagewehre aus der Ich-Perspektive zum Einsatz. Das ist nicht unblutig und in Deutschland eh´ aufgrund der verfassungswidrigen Symbole geschnitten. Der besondere Reiz des Spiels liegt in der Kombination aus adrenalinpumpender Action und wohligem Grusel, den alternative Nazizeitlinien auslösen.

Das ist alles nicht neu, die erste Version von Wolfenstein datiert auf das Jahr 1981. Mittlerweile gibt es mindestens 7 Nachfolger, der neueste wird in zwei Wochen veröffentlicht. Teil der Werbekampagne ist ein TV-Spot, der zeigt, wie Nazitruppen durch die Straßen einer amerikanischen Stadt marschieren. Dazu gibt ein Overlay mit dem Text „Not my America“. Der Spot wurde auf Twitter mit dem Text „Make America Nazi-Free again“ und dem Hashatg #NoMoreNazis gepostet.

Klar sind das Anspielungen auf die Trump-Kampagne. Das ist nicht bemerkenswert. Bemerkenswert war der Ausbruch an Reaktionen der amerikanischen Nazis, der sog. Alt-Right-Bewegung. Die meinten nämlich im Juni kund tun zu müssen, dass es ja voll unfair sei, dass jetzt sogar schon Computerspiele gegen Nazis hetzen, weil, nun, da sei doch auch nicht alles schlecht gewesen.

Und überhaupt, warum können sich Computerspiele nicht aus Politik raushalten?

Andere fanden die Bilder von marschierenden Nazis so motivierend, dass sie Nachahmungseffekte befürchten:

In der Folge gab es einen lautstarken Shitstorm. Die Herstellerfirma von Wolfenstein wurde als Unterstützer der Antifa (und damit als Terrorhelfer) und als „SJW“, (Social Justice Warrior, das amerikanische Pendant zu „Gutmschenschen“) beschimpft, und es wurde eine „differenzierte und tolerante Haltung“ gegenüber Rechtsextremen gefordert.

Das ist also der Einfluß der neuen Rechten, der Alt-Right, und soweit ist er schon gekommen: Es wird ernsthaft und offen darüber geklagt, dass Nazis in Videospielen die Bösen sind. Das Nazis nicht die guten sein können war bislang gesellschaftlicher Konsens und stand NIE zur Disposition. Bis jetzt. Im Jahr 2017 wird das als politisches Statement wahrgenommen, und zwar als eines, das Rechte diskriminiert.

Produzent Pete Hines sah sich schließlich zu einem Statement veranlasst:

„Wolfenstein has been a decidedly anti-Nazi series since the first release more than 20 years ago. We aren’t going to shy away from what the game is about. We don’t feel it’s a reach for us to say Nazis are bad and un-American, and we’re not worried about being on the right side of history here.“
– Pete Hines, Bethesda

Die Reaktion von Bethesda ist natürlich fraglos richtig. Das hier gar nicht erst der Versuch gemacht wird, auf die Toleranzschiene zu gehen und sich in eine Diskussion verwickeln zu lassen, muss man ihnen hoch anrechnen. Denn Rechte haben das Recht auf Toleranz und Meinungsfreiheit verwirkt, und wer es ihnen zubilligt ist dumm. Das sage ich, und das sagten selbst die Nazis.

Hier ein Ausschnitt aus einer Rede von Goebbels, der gerade auf Twitter rumgereicht wird. Er hielt sie 1935 unter lautem Gelächter und Beifall seiner Parteigenosseen, und was er sagt ist bemerkenswert.

„Wenn unsere Gegner sagen: Ja, wir haben EUCH doch früher die Meinung – die Freiheit der Meinung – zugebilligt, ja IHR uns, das ist ja kein Beweis, dass wir das EUCH auch tuen sollen! Eure Dummheit braucht doch nicht auf uns ansteckend zu wirken! Daß Ihr das uns gegeben habt, das ist ja ein Beweis dafür, WIE DUMM Ihr seid!“

In diesem Sinn: Keine Toleranz gegenüber „Neue Rechten“, „Identitären“, „besorgten Bürgern“ oder wie sich Neo-Nazis sonst nennen, weder auf der Buchmesse noch in Talkshows oder bei so trivialen scheinenden Themen wie Computerspielen.

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Bundestagswahl 2017

„Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen und uns unser Land und unser Volk zurückholen!“

– Alexander Gauland, Führer der Nazi-Partei AfD, kurz nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen

Das Ergebnis der Bundestagswahl ist da, und es ist leider so ausgefallen wir befürchtet. Die AfD zieht zweistellig in den Bundestag ein und beginnt gleich mit Nazidrohungen (s.o.),  auch die FDP ist mit über 10 Prozent dabei. Bei der letzten Wahl 2013 waren beide an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Zugelegt haben auch die Linken und die Grünen. Letztere hatten Beobachter bei unter 5 Prozent gesehen, ich dagegen hatte mit noch stärkeren Zuwächsen gerechnet.

Der Grund dafür: Es war klar, dass es keine Wechselstimmung im Land gibt, weil Merkel sich tatsächlich alternativlos gemacht hat. Es gibt unter ihr keinen frischen Nachwuchs in der CDU, und die SPD hat sich durch die Zusammenarbeit mit der CDU und einen desaströs fehlgelaufenen Wahlkampf selbst demontiert. Martin Schulz ist dabei noch die geringste Schuld anzulasten, er war die Idealbesetzung, denn als Europapolitiker trug er keine Schuld an dem, was Gabriel, Oppermann und Konsorten mit der SPD angerichtet hatten. Die hatten 2013 schon die SPD versenkt, sich dann in die Regierung gelogen und die Zwischenzeit kein Stück genutzt um sich sauber aufzustellen.

Nun also Schulz. Seine Schuld ist es, dass er sich auf diesen Uralt-Wahlkampf eingelassennhat. Er, ein glühender Verfechter von Europa, thematisierte dies im Wahlkampf  kein Stück – genausowenig wie z.B. die Verteidigung der Grundrechte oder Digitalisierung. Stattdessen machte er lieber Wahlkampf für… ja, wen eigentlich? Nach meinem Gefühl für Bergleute und Kohlekumpels, also einem Milieu, was so schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr vorhanden ist.

„Soziale Gerechtigkeit“ ist nett, aber zu abstrakt, und ich würde mal behaupten, dass die SPD einen Großteil der Leute in ihrer Lebenswirklichkeit schlicht nicht erreicht hat.

Dass nun die Randparteien, und insbesondere die Nazis von der AfD, so abgeräumt haben, ist ein sehr deutliches Signal. In meinen Augen ein Signal, dass eine quasi oppositionslose Große Koalition, die tun und lassen konnte was sie wollte und das auch gemacht hat, gerade NICHT dem Wählerwillen entsprach. Das hätte man der SPD auch schon sagen können, als Gabriel sich diese irre Idee aus dem Hintern zog. Es ist außerdem ein Signal dafür, dieses visionslose, pragmatische und vollkommen entkoppelte Reagieren von Merkel so nicht weiter laufen darf. Das wurde schon bei der letzten Wahl deutlich, und diese hier ist ein extrem lauter Schuß vor den Bug. 

Was schon sehr lange gebraucht wird ist eine Politik mit einer Vision, die alle einbindet – national und international. Genau das kann Merkel nicht. Sie steht für den Erhalt des Status Quo, für ein von-links-nach-rechts verwalten und etwas tun, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden. Eine Machtfrau in ihrem Machtvakuum.

Das kann nicht gesund sein und ist es auch nicht. Die Visionslosigkeit der deutschen Politik und die Weigerung, die Integrationsrolle auszufüllen, hat erst Europa an den Rand des Zerbrechens gebracht, und nun Nazis in den Bundestag.

Fassen wir zusammen: Die CDU wird visionslos bleiben, die SPD ist mit dem jetzigen Personal komplett unglaubwürdig und liegt auf absehbare Zeit in rauchenden Trümmern. Die Grünen sind personell mit einem nicht vermittelbaren Hofreiter schlecht aufgestellt, haben aber einen guten Stand. Genauso wie diese Partei, die nur noch aus Sarah Wagenknecht besteht. Oder diese andere Partei, die nur noch aus diesem miesepetrigen Fotomodell und dem Graubart aus Schleswig-Holstein besteht. Und wir haben nun Nazis im Parlament. Damit sollte die Demokratie wieder erheblich spannender werden, und alle Beteiligten müssen sich endlich mal wieder richtig anstrengen. Von daher: Auch wenn das Wahlergebnis niederschmetternd und nicht schön zu saufen ist: Im großen Zusammenhang ist es ein guter Tag für die Demokratie.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Politik und Gesellschaft zwei Systeme sind, die einander bedingen und beeinflussen, aber nicht 1:1. Was das gute Abschneiden der Nazis über unsere Gesellschaft aussagt, dass müssen jetzt meine Kollegen von den Sozialwissenschaften schnellstens aufarbeiten und Empfehlungen an die Politik weitergeben. Politischer Unterricht als Pflichtfach sollte dazugehören. was ich nicht hoffen will, ist, dass die Nazis auch in der Gesellschaft schamlos wiedererstarken. Denn unsere Erinnerungskultur ist eine der größten Stärken der Deutschen, und wenn die Nazi-AfD ihr erklärtes Ziel umsetzt und es schafft die auszuhöhlen, lächerlich zu machen und letztlich abzuschaffen, DANN haben wir ein echtes Problem.

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Zünglein an der Waage

Ich bin gerade nicht da, aber wählen war ich schon.

Warum eigentlich? Die Wahl ist doch gelaufen, oder? Mutti Merkel macht´s nochmal, Schulz sieht kein Land. Ist doch so, oder?

Sicher. Regierungen werden in Deutschland nur abgewählt, wenn wirklich massive Wechselstimmung herrscht. Das ist im Moment ganz sicher nicht der Fall, in weltpolitisch so unsicheren Zeiten SEHNEN sich die Leute nach Muttis „Weiter so“ und halten daran fest.

Wählen muss man aber trotzdem, denn sonst passieren komische Dinge. Die SPD könnte z.B. wieder auf die Idee kommen, dass ihr „Auftrag“ darin besteht, große Koalitionen zu bilden anstatt ordentliche Opposition zu machen und die Regierung zu kontrollieren. Oder die faschistische AfD wird überproportional stark, denn je mehr Leute nicht wählen gehen, umso stärker werden die Extremisten, die ihre Wähler zu mobilisieren verstehen.

Übrigens sind nicht nur Nichtwähler ein Problem. Auch die Wahl von Kleinstparteien, die keine Chance auf den Einzug in den Bundestag haben, wie „Die grauen Panther“ oder eben auch „Die Partei“ kann nach hinten losgehen. Denn deren Stimmen werden bei Verfehlen der 5-Prozent-Hürde den anderen zugeschlagen. Wenn in den Bundestag also CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne, Linke und die Faschisten kommen, und die Stimmen für die Kleinstparteien werden auf diese 6 umgelegt, dann hat jeder PARTEI-Wähler zu einem sechstel AFD gewählt. Ist ein krudes Beispiel, ich weiß. Aber wenn das eigene Ziele das Verhindern der Faschisten ist, sollte man das wissen.

Bei dieser Wahl geht es insgesamt nicht darum, wer den Kanzler stellt (das steht fest), sondern wie die kleinen Parteien abschneiden und wer am Ende wie koaliert. Es geht um den dritten Platz, der diesmal wichtiger ist als der erste. Und es geht darum, die Schande, dass 72 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs wieder Nazis in den Bundestag einziehen werden, möglichst klein zu halten.

Darum: Dieses Wochenende wählen gehen!

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Wer hat uns verraten…?

Martin Schulz ist gerade in Göttingen.

Göttingen ist nicht ganz ohne, was Kandidaten für die Bundestagswahl angeht: Thomas Oppermann (Fraktionschef SPD) und Jürgen Trittin (Grüne) haben hier ihren Wahlkreis. Und nun ist gerade Der Martin Chulz in der Stadt.

Irgendwie tut er mir ein wenig leid. In seiner Zeit als Chef des Europaparlaments habe ich ihn als guten Mann erlebt: Demokrat, streitbar, pragmatisch. Und für die bundesdeutsche SPD ist er ohnehin ein Glücksfall: Frei von den Verfehlungen der Partei in den letzten Jahre konnte er quasi aus Brüssel einschweben und sich gleich in den Wahlkampf stürzen. Genützt hat es freilich nichts, nach einem kurzen Populartätsschub stürzte Schulz in den Umfragen ab wie nichts Gutes.

Die Situation ist ja auch nicht einfach: Merkel hat sich auf jedes Thema gesetzt, was irgendwie rot oder grün ist. Vor allem aber ist es seine Partei, die Schulz wie ein Bleiklotz am Bein hängt. Es mag ja sein, dass die SPD in der Großen Koalition sozialdemokratische Anliegen wie Mindestlohn, Mütterrente oder Rente mit 63 durchsetzen konnte, nur: Belohnt wird sie dafür nicht. Die Lorbeeren setzt sich Merkel auf´s Haupt. Was dem Wähler im Gedächtnis bleibt sind die Schattenseiten der GroKo.

Was von der SPD bleibt, ist das Bild der Partei, die…

…Gegen den Wunsch der Wähler und nur um der Macht Willen in eine große Koalition eingestiegen ist und dadurch die Demokratie in Deutschland nachhaltig beschädigt hat.

… die illegale Vorratsdatenspeicherung (mehrfach!) mitgetragen hat.

… bereitwillig Grundrechte geopfert hat um „Sicherheit“ zu produzieren.

…in der GroKo Merkel beim Verwalten des Status quo geholfen, aber kaum etwas selbst gestaltet hat: Kein Einwanderungsgesetz, keine Digitalpolitik, keine Verkehrspolitik zustande gebracht hat.

Meine Verbitterung über diese Fehlleistungen sitzt tief. All das sind Dinge, wegen denen allein die SPD schon unwählbar geworden ist. Und anstatt jetzt einen ordentlichen Richtungswahlkampf zu machen, der mitsamt dem neuen Kandiaten frischen Wind bringt, kommt die SPD wieder nur mit der Phase „Soziale Gerechtigkeit“ um die Ecke, spart es sich aber lieber zu erklären, was das sein soll.

Nein, für so ein Verhalten – Demontage der Demokratie in der Vergangenheit, Visionslosigkeit in der Zukunft – wählt man eine Partei nicht.

Ich warte ja darauf, dass eine smarte, linke Politikerin à la Macron den Durchmarsch probt und die großen Parteien als das demaskiert, was sie aktuell sind: Rauchende Ruinen. Daran ändert auch ein Chulz nichts. Ganz im Gegenteil: Wenn man seinen Wahlkampf so anschaut, könnte man meinen, er hat sich schon geschlagen gegeben.

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Impfen

Drüben auf „moppedhiker.de“ beschreiben Nicki und Moe in einem herzallerliebsten Blog, wie sie sich Stück für Stück auf eine Weltreise mit einem Motorrad vorbereiten.

Das passende Gefährt finden, Ausrüstung zusammenstellen – an so viel ist zu denken! Natürlich gehört zum Reisen in ferne Länder auch, dass man sich vorher gegen die schlimmsten und verbreitetsten Krankheiten impfen lässt. Auch das haben die beiden gemacht, nach Konsultation von Auslandsseiten und Reisearzt wurde gegen Cholera, Typhus, Hepatitis und noch ein paar andere Sachen geimpft. Darüber haben Nicki und Moe einen sehr guten Blogpost verfasst, den ich gerne gelesen und kommentiert habe, denn natürlich ist Impfen bei Auslandsreisen sinnvoll. Ich selbst habe vor zwei Jahren auch eine Hepatitisimpfung bekommen, weil die Krankheit in Südeuropa sehr verbreitet ist.

Ich hatte meinen Kommentar noch nicht ganz zu Ende getippt, da hatte sich das Blog von Nicki und Moe schon ganz fiese Bazillen eingefangen: Impfgegner!

Seid vorsichtig mit dem Impf-Cocktail, den Ihr hier einfach so lapidar empfehlt“, raunte es unter einem Stein hervor. „Wenn Ihr gesund seid, dann benötigt Ihr keine einzige Impfung – nicht jetzt und auch nicht morgen.“

Ich war einigermaßen fassungslos. Wie MACHEN diese Leute das? Haben die einen Google-Alert auf das Schlagwort „Impfung“ gesetzt und patrouillieren ständig durchs Netz, um Leute vom Impfen abzuhalten? Anders ist es kaum zu erklären, dass innerhalb kürzester Zeit die „warnenden“ Stimmen auftauchen, sobald einer was über das Impfen schreibt.

Auch auf meine Anmerkung zur Hep-Impfung wurde der Impfgegner aktiv: „Leider wissen die meisten Menschen nicht über die Wirksamkeit und das Risiko einer Impfung Bescheid. Gerade die Hepatitis Impfungen sind höchst zweifelhaft und richten weltweit mehr Schaden an als das sie Nutzen stiften. Naja, wohl bekomms!“

Meine Antwort war etwas trollig:

Hallo Impfgegner,
Weißt du, was mehr Schaden anrichtet als Hepatitismpfungen?
1. Hepatitis
2. Impfgegnergeschwurbel.


Bussi!
Silencer

In der Regel benehme ich mich in fremden Blogs besser, aber bei dem Thema geht mir echt der Hut hoch. Was genau läuft bei Leuten eigentlich schief, die der Meinung sind, dass man schon keine Krankheiten bekommt, wenn man nur gesund ist? Was ist das denn für eine Logik?

Dabei ist das nur die Spitze des Eisbergs. Guckt man mal in entsprechende Facebook-Gruppen, in denen sich diese Gestalten zusammenrotten, tun sich Abgründe auf. Da reicht das Spektrum von besorgten Eltern, die nur skeptisch gegenüber Impfungen sind, über Leute, die lieber Chlorbleiche trinken als der „Schulmedizin“ zu vertrauen bis hin zu Aluhut-Trägern, die in Impfungen allen Ernstes einen Plan zur Unterjochung der Menschheit sehen. Was man da liest, dreht einem den Magen um. Besorgte und oft gebildete Jungeltern tauschen dort Tips aus, wie man Impfungen der Kinder vermeidet oder wie man sich am Besten versteckt:

Andere sind da radikaler und erinnern in ihrer Wortwahl an Veganer (Smiley!):

Screenshot aus der Metagruppe „Was Impfgegner sagen“.

Egal ob besorgte Eltern oder Aluhutträger: Sie alle hängen einer Ideologie an, deren kleinster gemeinsamer Nenner sie eint. Der lautet: Impfen ist schlecht oder könnte es zumindest sein.

Mythen & Märchen über die Gefährlichkeit des Impfens

Das könnte man als Spinnerei einer Minderheit abtun. Leider sind die Auswirkungen dieser Ideologie aber dramatisch, und der Unfug greift massiv um sich. Die Impfgegner-Gruppen sind nämlich gut extrem gut vernetzt und im Internet sehr sichtbar. Ähnlich wie Reichsbürger, Homöopathen, Chemtrailer und Flat_Earther bestärken sie sich innerhalb ihrer Echokammern aus Facebook-Gruppen und Internetforen ständig selbst. Durch die Bestätigung durch Gleichgesinnte wird das eigene Tun legitimiert und weniger hinterfragt, Anekdoten und Mythen über das Impfen werden in solchen Kreisen dankbar aufgesogen und weitergegeben. Manche Anhänger dieser Ideologie gehen so weit, dass sie – siehe oben – aktiv zu missionieren beginnen.

Impfungen seien so gefährlich wie die Krankheiten, vor denen sie schützen sollen, ist das beliebteste Argument. Was sich nicht belegen lässt. Laut WHO sterben jedes Jahr 1,5 Millionen Kinder an Krankheiten, gegen die es eigentlich Impfungen gibt. Gesicherte Belege über Todesfälle oder lebenslange Schäden durch Impfungen gibt es dagegen nicht, weder von der WHO noch vom Paul-Ehrlich-Institut, bei dem Verdachtsfälle auf Impfkomplikationen in Deutschland gesammelt werden.

Tatsache ist: Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht geimpft werden können. Das sind schwerkranke Menschen, deren Immunsystem das nicht mit macht. Die werden nur dadurch geschützt, dass alle anderen sich impfen lassen und Krankheiten deshalb nicht übertragen. Dieses Prinzip nennt man Herdenschutz.

Gesunden Menschen schadet eine Impfung dagegen nicht. Klar fühlt man sich nach manchen Impfungen schlapp, die Haut juckt und manchmal bekommt man Fieber, in seltenen Fällen kommt es auch zu allergischen Reaktionen. Das sind die möglichen Nebenwirkungen einer Impfung, aber das ist spätestens nach ein paar Tagen vorbei und kein Drama. Anders als die möglichen Auswirkungen, wenn man auf Impfungen verzichtet.

Immunität auf natürlichem Weg?

Masern sind ein gutes Beispiel dafür. Die waren fast mal ausgerottet, aber dann kamen die Impfgegner. Deren Hauptsitz scheint ausgerechnet in Berlin zu sein. Man stelle sich in dem Zusammenhang junge, gebildete und besorgte Hipstereltern vor, die nur das beste für ihr Kind wollen und es deshalb auf eine Masernparty schicken, damit es sich bei anderen Kindern ansteckt und so „auf natürlichem Weg“ immun wird. Masern! Ausgerechnte! Man stelle sich das vor! Masern sind hochansteckend, nahezu JEDER Kontakt mit einer nicht geimpften Person führt zu einer Neuinfektion. Masern können tödlich sein, und besonders zu leiden haben Kinder, die aus speziellen Gründen, etwa einem geschädigten Immunsystem, nicht geimpft werden können. Da die Hipstereltern die Herdenimmunität mit Füßen treten und gezielt für Masernansteckung- und verbreitung sorgen, sind es genau diese Kinder, die von Masern dauerhafte Schäden zurückbehalten oder sterben. um es mal ganz klar zu sagen: Wer sich der Herdenimmunität verweigert ist ein asozialer Drecksack, der den Tod von Kindern in Kauf nimmt.

Ich will nur das Beste für mein Kind, deshalb lasse ich es nicht impfen!

Resultat des „ich will ja nur das Beste für mein Kind“: Masern sind nicht nur nicht ausgerottet, 2015 rollte sogar eine Masernepedemie von aus Berlin übers Land. Deutschland gilt damit als Problemland, ist aber kein Einzelfall. Auch in Frankreich und Italien gab es Masernepedemien. Ausnahmsweise fackelten diese Staaten nicht lange und führten eine Impfpflicht für Kinder ein. Wer seine Kinder nicht impfen lässt, muss nun mit harten Strafen rechnen.

Soweit ist es in Deutschland noch nicht, hier setzt man auf Beratung und Aufklärung.
In diesem Sinne: Danke für das Lesen dieses ranthaltigen Aufklärungsartikels.

Und checkt mal wieder Euren Impfpass. Diphterie, Tetanus und Keuchhusten müssen alle 10 Jahre aufgefrischt werden.

Impfkalender. Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), http://www.impfen-info.de/ CC BY-NC-ND 3.0 DE

P.S.: Und an die Impfgegner, die vom Google-Alert hergeführt wurde: Na kommt. Traut Euch.

#Impfung #Pflichtimpfung

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Krawall im Luftkurort!

Ich gebe es zu, ich mag einige dieser seltsamen, deutschen Dörfchen die sich“Luftkurorte“ nennen. Das sind so Überbleibsel längst vergangener Zeiten, als Stadtmenschen noch auf´s Land geschickt wurden, um zumindest ein Mal im Jahr die Staublunge ein wenig auszulüften.

In manchen Orten gibt es noch skurrile Hinterlassenschaften, wie die Kurhalle auf einem Berg über Wernigerode. Da durften um 1900 Berliner AOK-Angestellte hin, setzen sich dann in diesen viktorianischen Glasbau, guckten auf den Ort runter und…. atmeten.

Oder Gradierwerke. Gradierwerke sind auch auf den ersten Blick seltsam. Riesige bauten, hölzerne Ungetüme, mit dicken Seitenwänden aus Reisigbündeln. Da hindurch rinnt Salzwasser. Kurgäste können nun durch das Innere des Gradierwerks spazieren und Salzluft einatmen. Als wenn man am Meer wäre.

Die wenigen, verbliebenen Bäder und Kurorte in Deutschland strahlen eine seltsame Ruhe und einen inneren Frieden aus. Bad Pyrmont, Bad Karlshafen, Bad Orb, Bad Gandersheim, um nur einige zu nennen, sind hübsche Orte mit einem fast morbiden Charme und schönen Parks, die zum Flanieren und Verweilen einladen, und aus jeder Ecke scheinen die Orte zu wispern „Sauge mich in Dich auf, ich helfe Dir Ruhe und Deine innere Mitte zu finden“.

Die ruhige Atmosphäre der Orte steht allerdings meist diametral der Krawalligkeit der Menschen entgegen die sich dort aufhalten. Die Rede ist nicht von „Jugendlichen“. Das ist ja ohnehin ein Begriff, der generationenübergreifend als Synonym von „Benimmt sich Scheiße“ benutzt wird. Dabei stimmt das nur noch begrenzt. „Jugendliche“ glotzen heute stumm auf ihre Smartphones und labern nur im Kino.

Nein, die Rede ist von einer Gruppe, die das genaue Gegenteil von jugendlich sind: Der Generation 70 Plus, und zwar die Exemplare, die einem durch ihre offensive Launigkeit echt die Stimmung vermiesen kann. Dazu gehört das Klatschaffentum, wie ich es neulich schon hier beschrieb. Keine Ahnung wie diese Indoktrination zustande kam, aber sobald irgendwo Musik ertönt, klatschen alle Senioren über 70 sofort mit. Die würden sogar noch in der Kirche mitklatschen. Hat denen mal jemand erzählt Mitklatschen wäre Pflicht?

Zumindest benehmen sie sich so, und auch ansonsten lassen sie keinen Zweifel daran, dass sie es mit ihrer guten Laune todernst meinen. Neulich erst wieder beobachtet: Mit heftiger Zielstrebigkeit wird ein Jägermeister nach dem nächsten verklappt wurde, denn lautstark gebollertes „mir nehm´noch ein, wir beede!“ steigert ja automatisch die Befindlichkeit. Dann werden Witze mit Verfallsdatum 1939 rausgeholt und übelst sexistischer und rassistischer Scheiß gelabert, ist ja nur ein Witz, wa? Irgendwann ist dann der Alkoholpegel so hoch, dass das Scheißelabern nicht mehr so klappt, dann wird das Smartphone rausgeholt.

Ohja, das Smartphone in Kombination mit einer Oma in einem Restaurant im Luftkurort, das ist die wahre Hölle auf Erden. Schon früh am Abend wird stundenlang wird an dem Kasten rumgedrückt und rumgefummelt, um dann verwackelte Videos von kleinen Bens, Fynns, Emilias oder Sofias am Tisch rumzuzeigen. Das ist die harmlose Phase.

Richtig abartig wird es, wenn der o.g. Füllstand erreicht ist. Ein Teil der Renternschaft guckt dann stier in die Blumenrabatte, um die sich der Rest der Welt gerade wie ein Karussell dreht, aber die Frohsinnspansen drehen jetzt richtig auf. Da gab es doch diese magische Funktion am Smartphone, die alles spielt was man will…. und schon quäkt „Griechischer Wein“ aus den Handylautsprechern.

Nun beugen sich andere Omas vor und fragen „Kann das Ding auch dieses Lied von dem Dings, was wir immer so gerne gehört haben?“. Dann nickt die Smartphonebesitzerin stolz, und die ganze nächste Stunde folgt Schlager auf Schlager auf Schlager, von „Schön war die Zeit“ mit Freddy Quinn über Andy Borgs „Fischer von San Juan“ bis hin zu Mike Krügers „Bode mit dem Bagger“. Zwischendurch kräht Costa Cordalis „Annnnitaaaaa!“ und Roberto Blanco beteuert, dass ein Bißchen Spass sein muss. Das sehen die Senioren genauso und klatschen, was das Zeug hält.

Es ist die HÖLLE, zumal diese Dummlieder auf voller Lautstärke auf einem scheppernden und quäkenden Handy angespielt werden, bis sich die Hirne der Umsitzenden langsam auflösen. Spotify, in den Händen betrunkener Senioren, verwandelt sich in eine tödliche Waffe. Und das ist der Grund, weshalb man in Luftkurorten nicht nach 21 Uhr essen sollte. Denn dann machen die Senioren Krawall, und zwar so richtig.

Es ist wirklich erstaunlich, aber es sind tatsächlich unsere ältesten Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich überhaupt nicht zu benehmen wissen und denen alle anderen Scheißegal sind. Hauptsache, SIE haben Spaß. Da Lob ich mir doch unsere Jugendlichen. Die klatschen wenigstens nicht zu ihrer Handymusik.

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Trauriger Tag: Goodbye, UK

„Und hier befinden Sie sich im Oberhaus, im House of Lords“, sagt der Butler.

Er ist natürlich kein echter Butler,  mit seiner steifen Haltung und der grauen Uniform wirkt er nur so. Er ist ein Guide, der mich durch den Westminster Palace führt.  In dessen Nordflügel liegt das House of Commons. Genau gegenüber des Gebäudezentrums, am Ende eines langen Gangs, liegt das House of Lords.

Im „Unterhaus“, den Commons, arbeiten Berufspolitiker, erläutert der Butler. „Aber hier“, sagt er und schwenkt den ausgestreckten Arm über die roten Ledersofas, „hier arbeiten Experten“. Ich gucke ihn schief an, was er bemerkt und seine These ausführt. „Ich weiß, was Sie denken. Im allgemeinen werden die Lords für Snobs gehalten. Das war früher vielleicht mal so, heute sind es einzigartige Experten. Lords werden auf Lebenszeit ernannt, können aber ihren Titel nicht vererben. Hier, im Oberhaus, beschäftigen Sie sich dann mit Themen, die ihrer Profession nahestehen. Mit anderen Worten: Hier kommen Leute hin, weil sie auf ihrem Gebiet außergewöhnliches geleistet haben, und hier können sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zum Wohle des Königreichs einsetzen. Für musikbezogene Fragen haben wir z.B.Sir Andrew lloyd WEbber, für bauliche Fragen Sir Norman Foster, und Sir Richard Attenbourough hat in allen möglichen Ausschüssen mitgearbeitet.“

Außerdem, so führt er weiter aus, sind Lords nicht weisunggebunden. Es gibt keinen Fraktionszwang und keine feste Parteizugehörigkeit.Vielleicht genau aus diesen Gründen – kein Fraktionszzwang, nicht vom Volk gewählt – können die Lords nach Wissen und Gewissen entscheiden. Und tatsächlich waren es ausgerechnet die Lords, die gegen den Brexit gestimmt haben, dann an Art. 50 Garantien für die Bürger knüpfen wollten. Damit sind sie gescheitert und haben auch noch Schelte bekommen, aber dennoch muss man in diesem Brexit-Irrsinn mal deutlich sagen: Die Adeligen waren die EINZIGEN, die sich hier anständig verhalten haben.

„Ich unterzeichne dieses Dokument an diesem historischen Tag, weil das der Wille des Volkes ist“, sagte Theresa May, als sie den Austrtittsbrief an die EU unterzeichnete und Artikel 50 damit heute auslöste.

Nur: Das Volk ist scheissend dumm. Das ist genau der Grund, warum wir eine represenative Demokratie haben: Damit hochbezahlte Spezialauskenner Dinge aushandeln, und nicht, das der Kalle von der Trinkhalle über Europapolitik entscheidet. „Das Volk hat es so gewollt“ wird Großbritannien zerreissen, und die dortigen Politiker sind zu feige zu sagen „Schön, das etwas mehr als die Hälfte des Volks aus der EU will, aber das machen wir jetzt mal nicht, das ist nämlich dämlich“. Tja. Übrigens hantiert gerade noch einer laufend mit der „Das Volk will es so“-Argumentation herum. Kollege Erdogan hat angekündigt, sich dem Volkswillen zu beugen, wenn die Todesstrafe verlangt wird.

Volkes Willen, my Ass.

Ich werde in ein paar Jahren die Insel wieder besuchen. Vermutlich sind von Großbritannien dann gerade noch Wales und England übrig, beide wirtschaftlich am Ende. Ein lebendes Mahnmal, wohin Isolationismus führen kann.

Kategorien: Betrachtung, Historische Anekdoten | 3 Kommentare

New Ride: Suzuki DL 650 V-Strom

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Wann ist die schlechteste Zeit sich ein neues Motorrad zu kaufen? Richtig, im Februar. Herr Silencer probiert es trotzdem.

Irgendwann kommt im Leben eines jeden Motorradfahrers der Punkt, an dem er sich fragt: Ist der fahrbare Untersatz noch das richtige für mich? Er war es mal, vor Jahren, aber Zeiten ändern sich…

Das schrieb ich im Oktober 2011, als ich die Honda CB 450N in Rente schickte und ziemlich spontan eine Kawasaki ZZR 600 kaufte. Genau die Maschine, die regelmäßige Blogleser inzwischen als Renaissance kennen. Diesen Namen hatte sich die Sportourerin schon nach unseren ersten Abenteuern mehr als verdient.

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Seit 2012 bin ich nun mit dem Motorrad in Europa unterwegs gewesen, jedes Jahr sechs- bis achttausend Kilometer und mehrere Wochen am Stück. Mit der ZZR habe ich dabei Dinge angestellt, die die meisten BMW GS oder andere „Abenteuermotorräder“ niemals erleben. Es machte mich auch schon ein wenig stolz, wenn die oft straßenköterig aussehende Kawasaki den überdimensionierten Reiseenduros zeigte, was eine Harke ist.

Bis auf das letzten Jahr, wo es sie auf schlechten Straßen ziemlich zerschüttelt hat. Mittlerweile ist sie wieder repariert und so gut wie neu, aber nun, Zeiten ändern sich. Die Erlebnisse im vergangen Sommer haben sehr deutlich gezeigt, dass ich mittlerweile Dinge mit einem Motorrad mache, für die die ZZR nicht ausgelegt ist und für die sie sich auch nicht umrüsten lässt. Sie ist für Asphalt und Kurven gemacht, und auf solchen Strecken kann sie ihre Stärken ausspielen.

Was sie aber nicht gut ab kann sind schwierige Straßenverhältnisse mit Kopfsteinpflaster, Schlaglöchern, Absätzen oder gar Schotter oder Schlammfeldern. Ja, ich BIN mit ihr solche Strecken gefahren, aber das war jedesmal die Hölle. Was auch nicht wegzudiskutieren ist: Die ZZR 600 hat kein ABS. Was das für einen Unterschied macht, merkt man sehr schnell, wenn man auf Schotter bremsen muss. Wie groß der Unterschied wirklich ist, habe ich im vergangenen Jahr gemerkt, als ich bei einem Fahrsicherheitstraining gegen Maschinen mit ABS angetreten bin. Mein Bremsweg war, trotz aller Bemühungen, um bis zu 40% länger als der der anderen.

Der geneigte Leser Albrecht versuchte mir dann hier in den Kommentaren eine Suzuki schmackhaft zu machen, aber ich wischte das erstmal beiseite. Nein, ich wollte nicht wechseln, auch wenn mir – unabhängig von seinen Empfehlungen – die Suzuki V-Strom schon mehrfach im Straßenbild positiv aufgefallen war. Dann kam der Januar.

Januar und Februar sind ohnehin kaum auszuhalten. Draußen ist es kalt und nass und das Motorrad schläft noch im Winterlager. Ich gucke dann immer Filme von Motorradreisen und habe ganz schlimm Fernweh. Um dagegen was zu tun grase ich Google Maps nach Reisezielen ab.

Bis ich eines Tages den Gedanken im Kopf hatte: Mich interessieren in Zukunft Fahrziele, bei denen mit schlechten Straßenverhältnissen zu rechnen ist. Und: Schön wäre es, wenn ich ein Motorrad hätte mit einem längeren Federweg hätte. Eine, mit dem man auch mal über Schotterstrecken fahren kann, die nicht ganz so anfällig ist. Und ABS hat. Und für die Gelenke wäre eine etwas aufrechtere Sitzhaltung auch nicht schlecht. Die etwas größer ist.

Ehe ich es mich versah las ich Testberichte und guckte im Netz nach Reisemaschinen, die meine Wünsche erfüllen könnten. Nach einigen Abenden vor dem Internet war mir klar: Ich hätte gerne ein anderes Motorrad. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur Renaissance. Denn mich von der ZZR trennen, das wollte ich nicht.

Als neue gebrauchte kamen zwei Modelle in Frage: Die Kawasaki Versys oder die Suzuki V-Strom. Von beiden stand eine Ausgabe bei Händlern in der Nähe, und so kam es, dass ich eines Januarnachmittags ganz spontan mit einem motorraderfahrenen Freund loszog und mir beide mal anguckte und probesaß.

Die VerSys, merkte ich sofort, war es nicht. In dem Moment, in dem ich auf der Maschine saß, wusste ich: Die VerSys ist genau wie meine ZZR. Eine wendige, kleine Maschine mit kurzem Radstand, gemacht für die Straße. Dort sicherlich als Tourer genauso zu gebrauchen wie als Spaßmaschine, aber genauso etwas habe ich ja schon. Außerdem ist die VerSys pottenhässlich, selbst in gelb.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Mitten im Solling stand bei einem Händler eine V-Strom rum, ein älteres Ding der vorletzten Generation mit ordentlich Kilometern auf der Uhr, aber zum Probesitzen würde es reichen.

Die Sitzprobe nötigte mir sofort Respekt ab, denn die DL 650 ist GROß. Zumindest für meine Verhältnisse, denn ich kam kaum mit den Füßen auf den Boden, und die Frontscheibe war so weit weg, dass ich kaum mit dem Arm dranreichte. 

Groß ist wichtig, denn das ermöglicht langes und entspanntes Teisen mit viel Gepäck. Die V-Strom ist eine echte Reisemaschine, dafür ist sie gemacht. Hauptsächlich auf der Straße, für´s Gelände taugt sie nicht. Aber sie erweitert die Definition von Straße, denn mit dem soliden Fahrwerk, den großen 19-Zoll-Rädern und der aufrechten Sitzposition sind Feldwege und Schotterstrecken für sie genauso Straße wie Asphalt oder Kopfsteinpflaster. Allerdings gewinnt die V-Strom auch keinen Schönheitspreis, das Design ist, nun, gewöhnungsbedürftig. Mindestens.
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Das Sitzen auf der Riesenkiste fühlte sich seltsam und ungewohnt an, aber auch spannend und irgendwie… richtig. Immerhin fühlte sich vor sechs Jahren das erste Sitzen auf der vollverkleideten ZZR auch unheimlich an. Im Gegensatz zur kleinen 450er schien mir die 600er riesig zu sein, und heute kommt sie mir klein vor. Die V-Strom hatte mein Interesse geweckt.

Die Maschine in Uslar liess ich mir für eine Probefahrt reservieren, für den Kauf kam sie aber nicht in Frage. Zum einen war das ein 2010er Modelljahr, und ich wollte ein neueres Modell ab 2012. Außerdem hatte die Alte mit 36.000 Kilometern deutlich zu viel auf der Uhr, Motorräder kauft man gebraucht am Besten mit 12.000 bis 20.000 Kilometern Laufleistung. Das Schlimmste aber: Sie hatte kein Checkheft, es könnte also sein, dass der Motor nie gewartet wurde.

In den kommenden Nächten suchte ich das Netz nach Angeboten ab, und stellte überrascht fest: Auch wenn die DL 650 neu im Vergleich zu anderen Maschinen gar nicht so teuer ist, sinkt sie im Wert nicht wirklich schnell. Der Grund: Die Dinger halten einfach ewig und gehen nie kaputt. Maschinen mit 20.000 Kilometern Laufleistung kosten deshalb noch immer 2/3 des Neupreises, und viel tiefer geht es dann lange nicht mehr.

Ich dachte noch mal über die V-Strom nach, auf der ich Probe gesessen hatte. Der Alten, mit den vielen Kilometern. Eigentlich machte die doch einen ganz guten Eindruck. Außerdem hatte sie ein paar Anbauteile, die ich an der Renaissance schätze und die ein neues Motorrad auch haben sollte. Einen Sturzbügel. Einen Hauptständer. Einen Gepäcksystem, an dem ich sogar meine jetzigen Koffer benutzen könnte.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Ich sah mir nochmal die Fotos an, die ich im Ausstellungsraum gemacht hatte. Was war das denn? Da waren ja fast neue und sehr gute Tourenreifen drauf! Und Heizgriffe! Und hier, Nebelscheinwerfer – und eine Sitzbank, die ganz bestimmt kein Standard war.

Ich recherchierte den Einzelteilen nach und kam darauf, dass an der alten V-Strom Teile im Wert von über 1.500 Euro verbaut waren. Teile, die ich ohnehin bräuchte. Das machte sie gleich nochmal ein ganzes Stück attraktiver, und es zeigte vor Allem: Checkheft hin oder her, der Vorbesitzer hat die Kiste echt geliebt und bestimmt für die Wartung gesorgt. Ich suchte im Netz nach einer Maschinen mit ähnlichen Ausstattungen und Laufleistungen, gab es aber nach einigen Abenden auf. Eine V-Strom zu dem Preis und mit der Ausstattung gab es in ganz Deutschland und Österreich nur genau ein Mal. Und die war auf meinen Namen für eine Probefahrt reserviert.

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Vier quälend lange Wochen wurde und wurde das Wetter einfach nicht besser. Entweder es regnete oder schneite, oder es war so kalt, dass der Händler keine Probefahrt erlaubte.

Bis zum 21. Februar. An dem Tag schien die Sonne, die Temperaturen kletterten auf 8 Grad. Die Motorradkleidung fuhr ich mittlerweile im Kofferraum spazieren, in der Hoffnung, dass sich spontan mal genau so ein Wetter ergeben würde – und heute war es soweit! Eine ausgedehnte Mittagspause wurde dazu genutzt die V-Strom Probe zu fahren. Der erste Eindruck: Wow, das ist ja alles ganz anders. Sie ist groß. Der Motor ist ein Zweizylinder und ruckelig und unruhig im Vergleich zur ZZR. Dafür ist die Kupplung weich und präzise, aber die Bremsen fühlen sich viel schwammiger an, ABS hin oder her.

Am Tag des Kaufs.

Am Tag der Probefahrt.

In der Summe fühlte sich aber auch alles so… richtig an. Als würde die V-Strom zu mir passen.
Eine Stunde später hatte ich mich mit dem Händler auf einen Preis geeinigt (plus ein Sixpack Bier als Trost für ihn). Und so kam es, dass ich nun Besitzer einer sechs Jahre alten Suzuki DL 650 V-Strom bin, die seit vergangenen Freitag auch tatsächlich vor dem Haus steht.

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Gestern war dann der Tag des ersten Bastelns und der ersten Ausfahrt. Das Gepäcksystem war im Handumdrehen auf Givi-Koffer und -Topcase umgerüstet, und statt der zu hohen Tourenscheibe ist nun eine gebrauchte Sportscheibe montiert.

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Die erste Ausfahrt führt gleich mal 200 Kilometer durch die Wallachei. Die erste Erkenntnis: Obwohl der Rahmen der Maschine recht groß ist, fährt sie sich superhandlich. Das sie ein Drittel weniger Leistung hat als die ZZR 600 ist zu merken, aber auf der Landstraße ziemlich egal. Beschleunigen geht trotzdem fix. Am Schönsten aber: die aufrechte Sitzhaltung ist sehr bequem, und das Fahrwerk interessiert schlechten Fahrbahnbelag einfach nicht. SO hatte ich mir das erträumt. Die Renaissance wird nicht vergessen, aber die Frau Strom und ich, wir werden vermutlich Freunde.

Einiges muss noch gemacht werden, bis die Touren-Suzuki auch nur halbwegs das Ausstattungsniveau der Kawasaki erreicht. Die Scheibe hat nicht die richtige Höhe, Strom wird vielleicht noch etwas tiefer gelegt, ein Kettenschmiersystem kommt noch dran und das Navi muss auch untergebracht werden. Aber das findet sich alles und ach, was freue ich mich auf diese Basteleien!

Jetzt muss nur noch das Wetter besser werden.

P.S.: Danke, Albrecht, für den Floh im Ohr!

Kategorien: Betrachtung, Motorrad | 32 Kommentare

Berlin Aftermath

Am Montag ist in Berlin ein LKW in einen Weihnachtsmarkt gerast. Zwölf Menschen wurden getötet, 50 weitere zum Teil schwer verletzt. Der Täter ist flüchtig. 

Das sind im Moment die Fakten. Mehr weiß man nicht. Trotzdem wird versucht dieses Verbrechen zu instrumentalisieren, vor allem gegen Flüchtlinge und für stärkere Überwachung.

So machten die Rassisten von der AfD bereits unmittelbar nach der Tat Merkel persönlich für die Toten verantwortlich, weil ihre Flüchtlingspolitik dazu geführt hätte. Heute legen die Rassisten von der CSU nach, deren Generalsekretär fordert, dass die gesamte Flüchtlingspolitik auf den Prüfstand kommt. Scheuer, wir erinnern uns, ist der Rassist, der das Grundgesetz für Ansichtssache hält und Integration für gefährlich  („Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist, weil den wirst Du nie wieder abschieben.“).

Quelle: titanic.de

Quelle: titanic.de

Abseits der Bundesebene drehen auch die Landespolitiker frei. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) etwa verkündete, dass nun auf den Weihnachtsmärkten im Land alle Polizisten schwere Schusswesten und Maschinenpistolen zu tragen hätten.

Ich kann gar nicht sagen WIE sehr mich das ankotzt. Ja, die Tat ist ein schlimm. Wirklich schlimm. Die Angehörigen der Toten verdienen unser vollstes Mitgefühl.
Aber warum fühlen sich Politiker aller Coleur jetzt bemüßigt, das Geschehene zu instrumentalisieren, um wahlweise Menschenrechte auszuhebeln oder einen Überwachungsstaat zu errichten? Diese Menschen sind es, die tatsächlich das politische System zum Schwanken bringen, was sich u.a. in Hassstimmung, Europafeindlichkeit, Brexit und Trump äußert.

Wir haben nämlich mitnichten eine Krise der Demokratie. Wir haben eine Krise der Politik, ausgelöst durch mangelnde Glaubwürdigkeit unserer Politiker.

Für eine repräsentative Demokratie ist das schlimm, denn wenn die Repräsentanten kein Vertrauen genießen, beginnt das System zu erodieren. Das ist der Moment, in dem manche ganz neidisch in Richtung direkter Demokratie schielen. Nur: Die funktioniert nicht. Man kann die Bevölkerung nicht über solche Fragen wie Europa abstimmen lassen. Dazu sind die Sachverhalte zu komplex, abstimmen tut die Bevölkerung dann letztlich für oder gegen Personen – mit katastrophalen Ergebnissen, siehe Hassstimmung, Europafeindlichkeit, Brexit und Trump, um nur ein paar zu nennen.

Die repräsentative Demokratie ist das beste System das wir haben. Es funktioniert aber nur, wenn die Repräsentanten Vertrauen genießen. Leider haben sie, gerade in den vergangenen Jahre, alles getan um Glaubwürdigkeit zu verspielen – so sehr, das sogar der Bundeskanzler Frau Merkel dagegen geradezu integer aussieht.

Aktionen wie die Instrumentalisierung von Gewalttaten und billigster Populismus tragen zur Vertrauensbildung  nicht bei. Meine Sympathien liegen bei Politikern, die gerade nach solchen Taten einen kühlen Kopf bewahren, auf den Staat und seine Strukturen vertrauen und gleichzeitig dafür Sorgen, dass sich Trauer und Entsetzen nicht gegen andere Menschen verselbstständigen.

So wie Jens Stoltenberg das in Norwegen hinbekommen hat, nach den Taten von Breivick. Stoltenberg hat als Präsident damals dafür gesorgt, dass die Trauer Ausdruck fand, gleichzeitig aber gegen niemanden gehetzt wurde. So verdient man Vertrauen. Mir fehlen gerade solche Stimmen. Stimmen, die mein Gefühl zum Ausdruck bringen, das da lautet:

Ja, die Tat war schrecklich. Nein, außer dem Täter mache ich dafür niemanden verantwortlich, schon gar nicht Menschen, die unseren Schutz brauchen. Und nein, das hätte sich nicht durch Militär auf den Straßen, Einschränkung von Menschenrechten oder Überwachung der Bevölkerung verhindern lassen.

Solche Stimmen wären eine echte Alternative für Deutschland, nicht dieser Populistenquatsch.

Kategorien: Betrachtung, Ganz Kurz | 2 Kommentare

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