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Archiv der Kategorie: Betrachtung

Trauriger Tag: Goodbye, UK

„Und hier befinden Sie sich im Oberhaus, im House of Lords“, sagt der Butler.

Er ist natürlich kein echter Butler,  mit seiner steifen Haltung und der grauen Uniform wirkt er nur so. Er ist ein Guide, der mich durch den Westminster Palace führt.  In dessen Nordflügel liegt das House of Commons. Genau gegenüber des Gebäudezentrums, am Ende eines langen Gangs, liegt das House of Lords.

Im „Unterhaus“, den Commons, arbeiten Berufspolitiker, erläutert der Butler. „Aber hier“, sagt er und schwenkt den ausgestreckten Arm über die roten Ledersofas, „hier arbeiten Experten“. Ich gucke ihn schief an, was er bemerkt und seine These ausführt. „Ich weiß, was Sie denken. Im allgemeinen werden die Lords für Snobs gehalten. Das war früher vielleicht mal so, heute sind es einzigartige Experten. Lords werden auf Lebenszeit ernannt, können aber ihren Titel nicht vererben. Hier, im Oberhaus, beschäftigen Sie sich dann mit Themen, die ihrer Profession nahestehen. Mit anderen Worten: Hier kommen Leute hin, weil sie auf ihrem Gebiet außergewöhnliches geleistet haben, und hier können sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zum Wohle des Königreichs einsetzen. Für musikbezogene Fragen haben wir z.B.Sir Andrew lloyd WEbber, für bauliche Fragen Sir Norman Foster, und Sir Richard Attenbourough hat in allen möglichen Ausschüssen mitgearbeitet.“

Außerdem, so führt er weiter aus, sind Lords nicht weisunggebunden. Es gibt keinen Fraktionszwang und keine feste Parteizugehörigkeit.Vielleicht genau aus diesen Gründen – kein Fraktionszzwang, nicht vom Volk gewählt – können die Lords nach Wissen und Gewissen entscheiden. Und tatsächlich waren es ausgerechnet die Lords, die gegen den Brexit gestimmt haben, dann an Art. 50 Garantien für die Bürger knüpfen wollten. Damit sind sie gescheitert und haben auch noch Schelte bekommen, aber dennoch muss man in diesem Brexit-Irrsinn mal deutlich sagen: Die Adeligen waren die EINZIGEN, die sich hier anständig verhalten haben.

„Ich unterzeichne dieses Dokument an diesem historischen Tag, weil das der Wille des Volkes ist“, sagte Theresa May, als sie den Austrtittsbrief an die EU unterzeichnete und Artikel 50 damit heute auslöste.

Nur: Das Volk ist scheissend dumm. Das ist genau der Grund, warum wir eine represenative Demokratie haben: Damit hochbezahlte Spezialauskenner Dinge aushandeln, und nicht, das der Kalle von der Trinkhalle über Europapolitik entscheidet. „Das Volk hat es so gewollt“ wird Großbritannien zerreissen, und die dortigen Politiker sind zu feige zu sagen „Schön, das etwas mehr als die Hälfte des Volks aus der EU will, aber das machen wir jetzt mal nicht, das ist nämlich dämlich“. Tja. Übrigens hantiert gerade noch einer laufend mit der „Das Volk will es so“-Argumentation herum. Kollege Erdogan hat angekündigt, sich dem Volkswillen zu beugen, wenn die Todesstrafe verlangt wird.

Volkes Willen, my Ass.

Ich werde in ein paar Jahren die Insel wieder besuchen. Vermutlich sind von Großbritannien dann gerade noch Wales und England übrig, beide wirtschaftlich am Ende. Ein lebendes Mahnmal, wohin Isolationismus führen kann.

 
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Verfasst von - 29. März 2017 in Betrachtung, Historische Anekdoten

 

New Ride: Suzuki DL 650 V-Strom

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Wann ist die schlechteste Zeit sich ein neues Motorrad zu kaufen? Richtig, im Februar. Herr Silencer probiert es trotzdem.

Irgendwann kommt im Leben eines jeden Motorradfahrers der Punkt, an dem er sich fragt: Ist der fahrbare Untersatz noch das richtige für mich? Er war es mal, vor Jahren, aber Zeiten ändern sich…

Das schrieb ich im Oktober 2011, als ich die Honda CB 450N in Rente schickte und ziemlich spontan eine Kawasaki ZZR 600 kaufte. Genau die Maschine, die regelmäßige Blogleser inzwischen als Renaissance kennen. Diesen Namen hatte sich die Sportourerin schon nach unseren ersten Abenteuern mehr als verdient.

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Seit 2012 bin ich nun mit dem Motorrad in Europa unterwegs gewesen, jedes Jahr sechs- bis achttausend Kilometer und mehrere Wochen am Stück. Mit der ZZR habe ich dabei Dinge angestellt, die die meisten BMW GS oder andere „Abenteuermotorräder“ niemals erleben. Es machte mich auch schon ein wenig stolz, wenn die oft straßenköterig aussehende Kawasaki den überdimensionierten Reiseenduros zeigte, was eine Harke ist.

Bis auf das letzten Jahr, wo es sie ziemlich zerschüttelt hat. Mittlerweile ist sie wieder repariert und so gut wie neu, aber nun, Zeiten ändern sich. Die Erlebnisse im vergangen Sommer haben sehr deutlich gezeigt, dass ich mittlerweile Dinge mit einem Motorrad mache, für die die ZZR nicht ausgelegt ist und für die sie sich auch nicht umrüsten lässt. Sie ist für Asphalt und Kurven gemacht, und auf solchen Strecken kann sie ihre Stärken ausspielen.

Was sie aber nicht gut ab kann sind schwierige Straßenverhältnisse mit Kopfsteinpflaster, Schlaglöchern, Absätzen oder gar Schotter oder Schlammfeldern. Ja, ich BIN mit ihr solche Strecken gefahren, aber das war jedesmal die Hölle. Was auch nicht wegzudiskutieren ist: Die ZZR 600 hat kein ABS. Was das für einen Unterschied macht, merkt man sehr schnell, wenn man auf Schotter bremsen muss. Wie groß der Unterschied wirklich ist, habe ich im vergangenen Jahr gemerkt, als ich bei einem Fahrsicherheitstraining gegen Maschinen mit ABS angetreten bin. Mein Bremsweg war, trotz aller Bemühungen, um bis zu 40% länger als der der anderen.

Der geneigte Leser Albrecht versuchte mir dann hier in den Kommentaren eine Suzuki schmackhaft zu machen, aber ich wischte das erstmal beiseite. Nein, ich wollte nicht wechseln, auch wenn mir – unabhängig von seinen Empfehlungen – die Suzuki V-Strom schon mehrfach im Straßenbild positiv aufgefallen war. Dann kam der Januar.

Januar und Februar sind ohnehin kaum auszuhalten. Draußen ist es kalt und nass und das Motorrad schläft noch im Winterlager. Ich gucke dann immer Filme von Motorradreisen und habe ganz schlimm Fernweh. Um dagegen was zu tun grase ich Google Maps nach Reisezielen ab.

Bis ich eines Tages den Gedanken im Kopf hatte: Mich interessieren in Zukunft Fahrziele, bei denen mit schlechten Straßenverhältnissen zu rechnen ist. Und: Schön wäre es, wenn ich ein Motorrad hätte mit einem längeren Federweg hätte. Eine, mit dem man auch mal über Schotterstrecken fahren kann, die nicht ganz so anfällig ist. Und ABS hat. Und für die Gelenke wäre eine etwas aufrechtere Sitzhaltung auch nicht schlecht. Die etwas größer ist.

Ehe ich es mich versah las ich Testberichte und guckte im Netz nach Reisemaschinen, die meine Wünsche erfüllen könnten. Nach einigen Abenden vor dem Internet war mir klar: Ich hätte gerne ein anderes Motorrad. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur Renaissance. Denn mich von der ZZR trennen, das wollte ich nicht.

Als neue gebrauchte kamen zwei Modelle in Frage: Die Kawasaki Versys oder die Suzuki V-Strom. Von beiden stand eine Ausgabe bei Händlern in der Nähe, und so kam es, dass ich eines Januarnachmittags ganz spontan mit einem motorraderfahrenen Freund loszog und mir beide mal anguckte und probesaß.

Die VerSys, merkte ich sofort, war es nicht. In dem Moment, in dem ich auf der Maschine saß, wusste ich: Die VerSys ist genau wie meine ZZR. Eine wendige, kleine Maschine mit kurzem Radstand, gemacht für die Straße. Dort sicherlich als Tourer genauso zu gebrauchen wie als Spaßmaschine, aber genauso etwas habe ich ja schon. Außerdem ist die VerSys pottenhässlich, selbst in gelb.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Mitten im Solling stand bei einem Händler eine V-Strom rum, ein älteres Ding der vorletzten Generation mit ordentlich Kilometern auf der Uhr, aber zum Probesitzen würde es reichen.

Die Sitzprobe nötigte mir sofort Respekt ab, denn die DL 650 ist GROß. Zumindest für meine Verhältnisse, denn ich kam kaum mit den Füßen auf den Boden, und die Frontscheibe war so weit weg, dass ich kaum mit dem Arm dranreichte. 

Groß ist wichtig, denn das ermöglicht langes und entspanntes Teisen mit viel Gepäck. Die V-Strom ist eine echte Reisemaschine, dafür ist sie gemacht. Hauptsächlich auf der Straße, für´s Gelände taugt sie nicht. Aber sie erweitert die Definition von Straße, denn mit dem soliden Fahrwerk, den großen 19-Zoll-Rädern und der aufrechten Sitzposition sind Feldwege und Schotterstrecken für sie genauso Straße wie Asphalt oder Kopfsteinpflaster. Allerdings gewinnt die V-Strom auch keinen Schönheitspreis, das Design ist, nun, gewöhnungsbedürftig. Mindestens.
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Das Sitzen auf der Riesenkiste fühlte sich seltsam und ungewohnt an, aber auch spannend und irgendwie… richtig. Immerhin fühlte sich vor sechs Jahren das erste Sitzen auf der vollverkleideten ZZR auch unheimlich an. Im Gegensatz zur kleinen 450er schien mir die 600er riesig zu sein, und heute kommt sie mir klein vor. Die V-Strom hatte mein Interesse geweckt.

Die Maschine in Uslar liess ich mir für eine Probefahrt reservieren, für den Kauf kam sie aber nicht in Frage. Zum einen war das ein 2010er Modelljahr, und ich wollte ein neueres Modell ab 2012. Außerdem hatte die Alte mit 36.000 Kilometern deutlich zu viel auf der Uhr, Motorräder kauft man gebraucht am Besten mit 12.000 bis 20.000 Kilometern Laufleistung. Das Schlimmste aber: Sie hatte kein Checkheft, es könnte also sein, dass der Motor nie gewartet wurde.

In den kommenden Nächten suchte ich das Netz nach Angeboten ab, und stellte überrascht fest: Auch wenn die DL 650 neu im Vergleich zu anderen Maschinen gar nicht so teuer ist, sinkt sie im Wert nicht wirklich schnell. Der Grund: Die Dinger halten einfach ewig und gehen nie kaputt. Maschinen mit 20.000 Kilometern Laufleistung kosten deshalb noch immer 2/3 des Neupreises, und viel tiefer geht es dann lange nicht mehr.

Ich dachte noch mal über die V-Strom nach, auf der ich Probe gesessen hatte. Der Alten, mit den vielen Kilometern. Eigentlich machte die doch einen ganz guten Eindruck. Außerdem hatte sie ein paar Anbauteile, die ich an der Renaissance schätze und die ein neues Motorrad auch haben sollte. Einen Sturzbügel. Einen Hauptständer. Einen Gepäcksystem, an dem ich sogar meine jetzigen Koffer benutzen könnte.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Ich sah mir nochmal die Fotos an, die ich im Ausstellungsraum gemacht hatte. Was war das denn? Da waren ja fast neue und sehr gute Tourenreifen drauf! Und Heizgriffe! Und hier, Nebelscheinwerfer – und eine Sitzbank, die ganz bestimmt kein Standard war.

Ich recherchierte den Einzelteilen nach und kam darauf, dass an der alten V-Strom Teile im Wert von über 1.500 Euro verbaut waren. Teile, die ich ohnehin bräuchte. Das machte sie gleich nochmal ein ganzes Stück attraktiver, und es zeigte vor Allem: Checkheft hin oder her, der Vorbesitzer hat die Kiste echt geliebt und bestimmt für die Wartung gesorgt. Ich suchte im Netz nach einer Maschinen mit ähnlichen Ausstattungen und Laufleistungen, gab es aber nach einigen Abenden auf. Eine V-Strom zu dem Preis und mit der Ausstattung gab es in ganz Deutschland und Österreich nur genau ein Mal. Und die war auf meinen Namen für eine Probefahrt reserviert.

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Vier quälend lange Wochen wurde und wurde das Wetter einfach nicht besser. Entweder es regnete oder schneite, oder es war so kalt, dass der Händler keine Probefahrt erlaubte.

Bis zum 21. Februar. An dem Tag schien die Sonne, die Temperaturen kletterten auf 8 Grad. Die Motorradkleidung fuhr ich mittlerweile im Kofferraum spazieren, in der Hoffnung, dass sich spontan mal genau so ein Wetter ergeben würde – und heute war es soweit! Eine ausgedehnte Mittagspause wurde dazu genutzt die V-Strom Probe zu fahren. Der erste Eindruck: Wow, das ist ja alles ganz anders. Sie ist groß. Der Motor ist ein Zweizylinder und ruckelig und unruhig im Vergleich zur ZZR. Dafür ist die Kupplung weich und präzise, aber die Bremsen fühlen sich viel schwammiger an, ABS hin oder her.

Am Tag des Kaufs.

Am Tag der Probefahrt.

In der Summe fühlte sich aber auch alles so… richtig an. Als würde die V-Strom zu mir passen.
Eine Stunde später hatte ich mich mit dem Händler auf einen Preis geeinigt (plus ein Sixpack Bier als Trost für ihn). Und so kam es, dass ich nun Besitzer einer sechs Jahre alten Suzuki DL 650 V-Strom bin, die seit vergangenen Freitag auch tatsächlich vor dem Haus steht.

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Gestern war dann der Tag des ersten Bastelns und der ersten Ausfahrt. Das Gepäcksystem war im Handumdrehen auf Givi-Koffer und -Topcase umgerüstet, und statt der zu hohen Tourenscheibe ist nun eine gebrauchte Sportscheibe montiert.

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Die erste Ausfahrt führt gleich mal 200 Kilometer durch die Wallachei. Die erste Erkenntnis: Obwohl der Rahmen der Maschine recht groß ist, fährt sie sich superhandlich. Das sie ein Drittel weniger Leistung hat als die ZZR 600 ist zu merken, aber auf der Landstraße ziemlich egal. Beschleunigen geht trotzdem fix. Am Schönsten aber: die aufrechte Sitzhaltung ist sehr bequem, und das Fahrwerk interessiert schlechten Fahrbahnbelag einfach nicht. SO hatte ich mir das erträumt. Die Renaissance wird nicht vergessen, aber die Frau Strom und ich, wir werden vermutlich Freunde.

Einiges muss noch gemacht werden, bis die Touren-Suzuki auch nur halbwegs das Ausstattungsniveau der Kawasaki erreicht. Die Scheibe hat nicht die richtige Höhe, Strom wird vielleicht noch etwas tiefer gelegt, ein Kettenschmiersystem kommt noch dran und das Navi muss auch untergebracht werden. Aber das findet sich alles und ach, was freue ich mich auf diese Basteleien!

Jetzt muss nur noch das Wetter besser werden.

P.S.: Danke, Albrecht, für den Floh im Ohr!

 
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Verfasst von - 5. März 2017 in Betrachtung, Motorrad

 

Berlin Aftermath

Am Montag ist in Berlin ein LKW in einen Weihnachtsmarkt gerast. Zwölf Menschen wurden getötet, 50 weitere zum Teil schwer verletzt. Der Täter ist flüchtig. 

Das sind im Moment die Fakten. Mehr weiß man nicht. Trotzdem wird versucht dieses Verbrechen zu instrumentalisieren, vor allem gegen Flüchtlinge und für stärkere Überwachung.

So machten die Rassisten von der AfD bereits unmittelbar nach der Tat Merkel persönlich für die Toten verantwortlich, weil ihre Flüchtlingspolitik dazu geführt hätte. Heute legen die Rassisten von der CSU nach, deren Generalsekretär fordert, dass die gesamte Flüchtlingspolitik auf den Prüfstand kommt. Scheuer, wir erinnern uns, ist der Rassist, der das Grundgesetz für Ansichtssache hält und Integration für gefährlich  („Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist, weil den wirst Du nie wieder abschieben.“).

Quelle: titanic.de

Quelle: titanic.de

Abseits der Bundesebene drehen auch die Landespolitiker frei. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) etwa verkündete, dass nun auf den Weihnachtsmärkten im Land alle Polizisten schwere Schusswesten und Maschinenpistolen zu tragen hätten.

Ich kann gar nicht sagen WIE sehr mich das ankotzt. Ja, die Tat ist ein schlimm. Wirklich schlimm. Die Angehörigen der Toten verdienen unser vollstes Mitgefühl.
Aber warum fühlen sich Politiker aller Coleur jetzt bemüßigt, das Geschehene zu instrumentalisieren, um wahlweise Menschenrechte auszuhebeln oder einen Überwachungsstaat zu errichten? Diese Menschen sind es, die tatsächlich das politische System zum Schwanken bringen, was sich u.a. in Hassstimmung, Europafeindlichkeit, Brexit und Trump äußert.

Wir haben nämlich mitnichten eine Krise der Demokratie. Wir haben eine Krise der Politik, ausgelöst durch mangelnde Glaubwürdigkeit unserer Politiker.

Für eine repräsentative Demokratie ist das schlimm, denn wenn die Repräsentanten kein Vertrauen genießen, beginnt das System zu erodieren. Das ist der Moment, in dem manche ganz neidisch in Richtung direkter Demokratie schielen. Nur: Die funktioniert nicht. Man kann die Bevölkerung nicht über solche Fragen wie Europa abstimmen lassen. Dazu sind die Sachverhalte zu komplex, abstimmen tut die Bevölkerung dann letztlich für oder gegen Personen – mit katastrophalen Ergebnissen, siehe Hassstimmung, Europafeindlichkeit, Brexit und Trump, um nur ein paar zu nennen.

Die repräsentative Demokratie ist das beste System das wir haben. Es funktioniert aber nur, wenn die Repräsentanten Vertrauen genießen. Leider haben sie, gerade in den vergangenen Jahre, alles getan um Glaubwürdigkeit zu verspielen – so sehr, das sogar der Bundeskanzler Frau Merkel dagegen geradezu integer aussieht.

Aktionen wie die Instrumentalisierung von Gewalttaten und billigster Populismus tragen zur Vertrauensbildung  nicht bei. Meine Sympathien liegen bei Politikern, die gerade nach solchen Taten einen kühlen Kopf bewahren, auf den Staat und seine Strukturen vertrauen und gleichzeitig dafür Sorgen, dass sich Trauer und Entsetzen nicht gegen andere Menschen verselbstständigen.

So wie Jens Stoltenberg das in Norwegen hinbekommen hat, nach den Taten von Breivick. Stoltenberg hat als Präsident damals dafür gesorgt, dass die Trauer Ausdruck fand, gleichzeitig aber gegen niemanden gehetzt wurde. So verdient man Vertrauen. Mir fehlen gerade solche Stimmen. Stimmen, die mein Gefühl zum Ausdruck bringen, das da lautet:

Ja, die Tat war schrecklich. Nein, außer dem Täter mache ich dafür niemanden verantwortlich, schon gar nicht Menschen, die unseren Schutz brauchen. Und nein, das hätte sich nicht durch Militär auf den Straßen, Einschränkung von Menschenrechten oder Überwachung der Bevölkerung verhindern lassen.

Solche Stimmen wären eine echte Alternative für Deutschland, nicht dieser Populistenquatsch.

 
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Verfasst von - 21. Dezember 2016 in Betrachtung, Ganz Kurz

 

Für mehr Cyber im Cyber!

„Das war, meine Damen und Herren, ganz klar ein gezielter, terroristischer Anschlag auf unsere Land“, brüllt der Hinterbänkler ins Mikrofon. Seine Stimme überschlägt sich, und fast kann man durch´s Radio sehen, wie dabei Speichelfetzen durch den Bundestag fliegen.

NEIN, war es nicht, Du Napfnase. Der Ausfall von fast 900.000 Routern der Telekom war kein gezielter Anschlag auf Deutschland, das war einfach ein ganz normaler und weltweiter Versuch, Hintertüren in billigen und schlecht gesicherten Geräten auszunutzen. Das machen Leute, um danach die Geräte zu übernehmen und mit Ihnen ein Botnetz zu bauen, das vermietet wird um damit z.B. Denial of Servcie-Attacken zu fahren. Solche Übernahmeversuche gibt es bei alllen Geräten im Netz, und deshalb ist es so wichtig, z.B. bei der Webccam, die man sich bei Aldi gekauft hat, wenigstens das Standardpasswort zu ändern.

Nein, erschreckend sind lediglich die Reaktionen der Politik darauf. Der Innenminister faselt prompt was von „Verantwortung von Herstellern und Bürgern“ für Sicherheit bei ihrem Netzkram zu Sorgen, und koalitionsübergreifend wird mehr „Cyber“ gefordert. Das ist synonym für „Ich habe keine Ahnung, irgendwas mit Internet“. Da werden dann der Aufbau von „Cyberarmeen“ gefordert, oder auch hartes Vorgehen gegen „Cyber Kriminalität“ und „Cyber Terrorismus“, und letztlich will man selbst „Cyber Angriffe“ starten. Die ganz abgehängten Politiker fordern einfach mehr Cyber im Cyber und sind sich damit schon genug.

Was man mal ganz klar sagen muss: Das sind genau die gleichen Politiker, die nicht müde werden Sicherheitsmaßnahmen zu torpedieren oder unter Strafe zu stellen. Es wird nämlich ständig gefordert, dass für die staatlichen Geheimdienste Hintertüren in Geräte und Dienste eingebaut werden soll. In den USA ist das Gang und gäbe, bei jedem Skypechat liest quasi die NSA mit. Sowas wollen unsere Cyberpolitiker auch, und nach Möglichkeit auch gleich Hintertüren in Routern, Kameras und allem anderen, was so im Netz hängt.

Damit ist die Politik genau Teil des Problems. Denn Hintertüren sind nicht sicher. Sind sie erstmal implementiert, wird früher oder später eben nicht nur der eigene Geheimdienst den Schlüssel dafür haben, sondern auch der von Trumpland oder der böse Russe oder der eines anderen Landes oder irgendwelche Kriminellen. Das ist unausweichlich. Die einzige Gegenmaßnahme: Sowas gar nicht erst einbauen. Aber mit solchen vernünftigen Forderungen lässt sich weniger Speichel im Bundestag verteilen. Cyber!

 
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Verfasst von - 30. November 2016 in Betrachtung

 

Geschichten machen Geschichte

Warnung: Text macht schlechte Laune.

Ich kann sie nicht mehr hören, diese ewig gleichen Statements deutscher Politiker über die Wahl von Trump. „Das ist ein Schock, den wir erst mal verdauen müssen“ oder „das ist ein Warnsignal“. Ich fürchte, dass die Phase der Warnsignale und der Aufrüttelei und dem Überdenkens des eigenen Verhaltens schon über den Punkt hinaus ist, an dem sich noch irgend etwas ändern ließe.

Trump ist nur die neueste Figur in einem Spiel, bei dem alle paar Jahrzehnte eine neue Partie gespielt wird. Die letzte Partie endete vor etwas über 70 Jahren. Genug Zeit, um aus den Familiengedächtnissen zu verschwinden. Sieht man in die Geschichte, dann bekommt man durchaus einen Blick für das, was nun passiert.

Es ist nämlich nicht zum ersten Mal, dass westliche Demokratien erstarrt sind. Ihre führenden Politiker begeistern nicht mehr, sie vermitteln nicht, dass sie Ideen oder Ideale oder auch nur ein Ziel haben, außer dem eigenen Machterhalt. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass nur von links nach rechts verwaltet wird. Jetzt folgt der Auftritt von Rechtspopulisten, die behaupten, sie würden verkrustete Strukturen aufbrechen und dafür Sorgen, dass es „dem Volk“ besser gehen wird, weil man was gegen „die da oben“ oder „die anderen“ unternehmen wird. Kaum an der Macht weht ein stark nationalistischer Wind, es werden demokratische Freiheiten beschnitten und das Land in eine Autokratie umgebaut. Und dann? Dann knallt es.

Auch das zeigt die Geschichte: Krieg ist eigentlich der Normalzustand, Frieden ist die Ausnahme. Um Frieden zu erhalten sind große und gemeinsame Anstrengungen nötig. Warnsignale hätten schrillen müssen, als Orbán und Kacynzki die Macht in Ungarn und Polen übernommen haben. Ein Schock hätte sein müssen, dass Nationalisten das Vereinigte Königreich aus der EU katapultiert haben. Zu verhindern wäre gewesen, dass die Türkei zu einer faschistischen Diktatur wurde.

Nun ist es, fürchte ich, zu spät. In den Niederlanden bläst Geert Wilders zum Sturm, in Deutschland steht die AfD bereit, in Frankreich haben sich die etablierten Parteien so sehr selbst zerlegt, dass Marie Le Pen von der Nationalfront nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich geworden ist. Die EU ist geschwächt und splittert hörbar, und nun ist die größte Demokratie der Welt in die Hände eines rassistischen Faschisten mit psychopathischen Zügen gefallen.

Die Figuren stehen schon auf dem Spielfeld, mehr kommen in Kürze dazu. Die Stimmung wird immer weiter nationalistisch aufgeheizt werden, die Töne immer schriller. In dieser hasserfüllten Atmosphäre braucht es dann nur noch einen Funken, einen Franz-Ferdinand-Moment, ein relativ kleines Ereignis, dass einen Flächenbrand auslöst. Dann beginnt der Zyklus von neuem und eine lange Phase des Friedens in Europa geht zu Ende.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so in Sorge um die Zukunft der Welt gewesen zu sein. Es ist bitter, dass all die jetzigen Geschehnisse, zumindest die in Europa, so mutwillig von genau der Politikergeneration herbeigeführt wurde, die nun um ihre Hintern fürchten muss. Einer Generation, die Frieden für etwas selbstverständliches hingenommen haben. Einer Generation, die sich keinerlei Mühe gegeben hat ein vernünftiges Narrativ für ihr Tun zu bauen, eine gute Geschichte zu erzählen die die Leute begeistert.

Das Entstehen von Europa ist eine mitreissende Story voller Visionen und Zukunftsglauben und dem Wirken von Freiheit, nur leider hat sie schon sehr lange niemand glaubwürdig erzählt. Stattdessen wird Europa als Geschichte von hemmungsloser Bürokratie, geheimen Abkommen und undemokratischen Prozessen erzählt. Da haben es die Rechten leicht dazwischen zu flanken, mit ihren Erzählungen von der Schuld der anderen, den Geschichten, in denen früher alles besser war, als man noch abgeschottet und isoliert lebte.

Ja, wirklich. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt sehr deutlich, was als nächstes passieren wird. Die Welt wird in längst überkommen geglaubte Konflikte zurückfallen. Lässt sich dagegen etwas machen? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Der liberale und aufgeklärte Teil der Bevölkerung hat zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte solche Entwicklungen wieder einfangen können.

Alles, was jeder einzelne tun kann, ist immer wieder die Geschichte von Frieden, Nächstenliebe und Miteinander zu erzählen. Dem latenten Hass jeden Tag zu begegnen, im eigenen Freundes- und Familienkreis. Engagement zeigen, bei sozialen Projekten. Menschen, die Hassprediger wie die von der AfD wählen, sind nicht alle Dumm. Die meisten sind einfach wütend und haben Angst. Angst ist nur teilweise rational.

Erzählt Geschichten gegen die Angst der anderen.

 
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Verfasst von - 15. November 2016 in Betrachtung, Meinung

 

Konkurrenzdemokratie

Das Wahlsystem in den USA ist schräg. Jeder Bundesstaat hat eine Anzahl an Wahlmännern, zusammen sind das 538 für 50 Staaten. Am Wahltag stimmen die Wähler ab, und der Kandidat mit der Mehrheit bekommt ALLE Wahlmänner eines Bundesstaats zugeschlagen. Das ist das „The Winner takes it all“-Prinzip und wird Konkurrenzdemokratie genannt. 

Dadurch kommen so skurrile Dinge zustande wie die jetzige Situation, in der für Clinton zwar mehr Wähler gestimmt haben, Trump aber mehr Wahlmänner gewonnen hat und dadurch Präsident wird.

Die Wahlmänner, so will es die Tradition und das Gesetz, geben am zweiten Mittwoch im Dezember ihre Stimmen für die Präsidentschaftskandidaten ab. Erst dann steht der Präsident fest.

Die interessante Frage ist ja: Warum ist das so kompliziert? Warum haben sich die Gründerväter der USA ein so merkwürdiges und auch undemokratisches Verfahren einfallen lassen? Die Frage hatte ich mir im Studium nie gestellt, nun bin ich der mal nachgegangen.

Stellt sich raus: Das ist deswegen so seltsam, weil die Gründerväter schlicht Angst vor direkter Demokratie hatten! 

Die befürchteten, dass ein böswilliges Subjekt die öffentliche Meinung und die Wahl manipulieren oder das Volk einen Cretin ins Amt des Präsidenten wählen könnte, der für diesen Job moralisch oder fachlich geeignet sein würde.

Die Wahlmänner sollen als Korrektiv dienen, wenn das Volk einem Hetzer oder Verführer auf dem Leim geht. Deswegen sind die Wahlmänner per Gesetz nicht an den Wählerwillen gebunden, was  heute allerdings nur noch in 22 Staaten zutrifft.

Alexander Hamilton, einer der Gründerväter, schrieb sogar:

It was equally desirable, that the immediate election should be made by men most capable of analyzing the qualities adapted to the station, and acting under circumstances favorable to deliberation, and to a judicious combination of all the reasons and inducements which were proper to govern their choice. A small number of persons, selected by their fellow-citizens from the general mass, will be most likely to possess the information and discernment requisite to such complicated investigations. It was also peculiarly desirable to afford as little opportunity as possible to tumult and disorder. This evil was not least to be dreaded in the election of a magistrate, who was to have so important an agency in the administration of the government as the President of the United States. But the precautions which have been so happily concerted in the system under consideration, promise an effectual security against this mischief.

Mit anderen Worten: Wenn das System so funktionieren würde wie vorgesehen, dann müssen die Wahlmänner einen Präsidenten Trump jetzt noch verhindern. Zumindest solange, bis Senat und Kongress Trump direkt wählen.
Abgefahren, oder? Da wurde in den Blaupausen des politischen Systems der USA extra eine Trump-Bremse eingebaut. Ironisch, dass ausgerechnet das System, das einen Trump als Präsident verhindern sollte, ihn dazu gemacht hat. Und sich nun niemand traut, die Trump-Notbremse auch zu betätigen.

 
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Verfasst von - 11. November 2016 in Betrachtung, Politik

 

Keine Vorhersage mehr

Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass man mal bitte die Kirche im Dorf lassen sollte. Selbstverständlich würde die Briten nicht aus der EU austreten. Und natürlich würde der irre Trump schon in der Nominierungsrunde des Präsidentschaftswahlkampfes rausfliegen, schließlich würden die Republikaner nicht so verrückt sein, den selbsternannten Milliardär zu ihrem Kandidaten zu machen.
Nun.

Ich mache keine Vorhersagen mehr.

Ich bin angewidert. Auch zwei Tage nach der Wahl schüttelt es mich immer noch vor Abscheu, wenn ich daran denke, dass der orangefarbene Hassprediger in Kürze Präsident der USA sein wird. Wobei das allein noch nicht so schlimm wäre, der Präsident hat weit weniger Macht, als wir Europäer immer denken. Aber im Fall von Trump kommt nun noch hinzu, dass sowohl Senat als auch Repräsentantenhaus republikanisch sind und auch der Highcourt in Kürze stramm rechts sein wird. Damit kann die Justiz nicht mehr als Korrektiv funktionieren.

Das System aus Checks & Balances ist damit zerstört, und die größte Überwachungs- und Mordmaschinerie der Welt ist in den Händen eines Psychopathen und seiner Gefolgschaft aus religiösen Fundamentalisten, die sich von einer Armee aus Hassbürgern treiben lassen.

Und die USA sind ja nicht allein. Überall kommen alte Männer an die Macht, die versprechen, die Zeit um 100 Jahre zurückzudrehen. Die Orbáns, Kacinzkis und Erdogans sind alle Ausdruck einer verzweifelten Sinnsuche in der Vergangenheit. Auch die alten Männer können den Lauf der Zeit nicht entgültig aufhalten, aber sie können so viel Schaden anrichten, dass wir uns global 20, 30 Jahre brauchen werden, um wieder auf dem gesellschaftlichen Stand von 1990 zu sein.

Wie sagt Stephen Colbert so schön: Lachen hilft. Man kann nicht gleichzeitig lachen und Angst haben, und dem Teufel gefällt es nicht, wenn man sich über ihn lustig macht. In diesem Sinne: Hier ein Video, in dem ein Huhn den Trump besiegt.

 
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Verfasst von - 10. November 2016 in Betrachtung

 

N26 oder: Wenn die Bank auf´s Vertrauen pfeift

Man stelle sich einen privaten Postdienst vor. Dem übergibt man Briefe, denkt sich nicht weiter, und natürlich kommen die beim Empfänger an. Was für ein Gefühl ist es, wenn man Monate später feststellt, dass der Postdienst alle Briefe geöffnet, gelesen und den Inhalt kategorisiert hat? Und nicht nur dass, er hat über all seine Briefkunden hinweg eine Auszählung der Kategorien gemacht und veröffentlicht diese zu Werbezwecken: Hey, guckt her, wir haben soundsovieltausend Briefe befördert! 12 Prozent waren Liebesbriefe, 45 Prozent Rechnungen, 23 Prozent Mahnungen und in 10 Prozent aller Briefe wurde der Ex verflucht?

Undenkbar? Die junge Bank N26, formerly known as Number 26, macht genau das. Die Geschäfte des FinTech („Financial Tech“)-Startups konzentrieren sich auf das Banking mittels einer App. Mit der ist es auch möglich, anderen N26-Kunden in sekundenschnelle Geld zu überweisen. Die Bank nennt das „Moneybeam“. Bei jedem Geldstrahl lässt sich auch ein Betreff bzw. Kommentar beifügen, und genau diese Kommentare hat N26 nun ausgewertet, mit anderen Daten in Beziehung gesetzt und aggregierte Statistiken ins Netz gepackt.

Auf dieser Seite erfährt nun jeder interessierte, dass der Großteil der Leute sich anscheinend Auslagen für Mittag und Abendessen zurückerstattet, sind doch die am häufigsten verwendeten Kommentare „Essen“ oder „Lunch“, dicht gefolgt von „Pizza“. Auf weiteren Plätzen: „Bier“, „Burger“, „Döner“.

Auch die Zeit analysiert N26, und tatsächlich, zur Mittagszeit und am Abend wird das meiste Essen bezahlt. Aber auch zwischenmenschliches passiert in Moneybeams. „Ich liebe Dich“ und „Kuss“ sind nur einige der Schlagworte, die die Häufigkeitsauszählung anführen. Es gibt auch noch zwischenmenschlicheres, das… tiefer geht:

N26 wertet aus. So tief es geht.

N26 wertet aus. So tief es geht.

Mit der gibt sich N26 aber nicht zufrieden. Sie machen eine echte, sozialwissenschaftliche Analyse und Clustern Transferhäufigkeiten und Betreffe, um ihre Kunden dann in Profiltypen einzuteilen. Wie zum beispiel den „Sozialen“, der häufig Geld zwischen wechselnden Personen versendet und dabei überproportional häufig den Betreff „Drink“ verwendet.

Da passt es auch ins Bild, dass N26 nicht weiß, wie „Privacy Policy“ geschrieben wird.

"Privat Policy" (Sic!) Quelle: https://n26.com/moneybeam/

„Privat Policy“ (Sic!)
Quelle: https://n26.com/moneybeam/

Nach Orten ausgewertet führt Berlin. Aus all diesen Daten ergibt sich ein gutes Bild der N26-Nutzergruppe: Abgebrannte Berliner, die sich von Freunden und verwandten Geld schicken lassen, um das bei Döner und Bier auf den Kopf zu hauen.

Das die Statistiken diesmal anscheinden hauptsählich Hipsterlis getroffen hat, macht das alles aber nicht besser. Denn, mit Verlaub, das Verhalten von N26 ist creepy. Eine junge, aufstrebende Bank mit innovativen Ideen ist toll und hat mich selbst vor 6 Monaten zum Number 26-Kunden gemacht. Aber niemand kann es ernsthaft gut finden, wenn die Bank relativ kleinteilig seine Kunden analysiert und deren Daten NUR UM EINES LAUNIGEN BLOGPOST WILLENS INS NETZ STELLT. Wann wird wir häufig was von welchem Personencluster gekauft, das sind Daten, die auch aggregiert nicht in soziale Netzwerke gehört. Nicht jeder Kunde ist Anhänger der Spackeria.

Im Gegenteil. Für mich ist das ist wie ein Bruch des Briefgeheimnisses oder auf einer Stufe mit dem Vermieter, der heimlich durch die Wohnung schleicht und dann Statistiken über Hausbewohner ins Netz stellt. „26% all unserer Mietparteien trägt schwarze Socken“ lässt bei genügend großer Stichprobe keinen Rückschluss auf einzelne zu, aber dennoch: Sowas will man nicht. Sowas will ICH nicht. Gut, dass die Kündigungsfrist bei N26 kurz ist. Schade ist es dennoch, denn innovativ ist die Bank. Aber bei Stalkern lasse ich mein Geld nicht, egal wie erfindungsreich sie sind. Egal wie jung die Bank ist, um Geldgeschäfte zu machen braucht es Vertrauen.

 
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Verfasst von - 19. August 2016 in Betrachtung

 

Nicht nachgeben

Karsten ist ein Ende dreißig. Er arbeitet im öffentlichen Dienst in einer Hansestadt, verortet sich selbst eher links, aber bitte im konservativem Sinne. In seiner Freizeit backt er gerne selber Brot und postet Bilder davon auf Facebook. Ein sehr ruhiger Mensch, den ich seit Jahren kenne und schätze.

Um so erstaunlicher fand ich es, als sich Freitag Nacht zwischen Bildern von Minions und Fotos von „Kräuterbrot mit getrocknetem Schinken, Kapern, Kräutern der Provence und einer Füllung aus Rotwein und Zwiebeln“ plötzlich der Post auftauchte

Munich is on chaos, pray for those who are surviving this terror act. ‪#‎prayformunich‬

Und das war nur der Anfang. In schneller Folge tauchte auf

There can be only one answer to all those terrorists: Death Penalty #Prayformunich

und

Terroristes = Refugees, listen! We will defend our country at any cost! An eye for an eye!

Mir fiel dazu nur ein, Karsten direkt mal per SMS zu fragen, ob jemand seinen Account gehackt hatte. Aber offensichtlich war es tatsächlich Karsten, der diese Postings verfasste, und sich in den Kommentaren noch weiter mit denen stritt, die zur Besonnenheit mahnten und ihn daraus hinwiesen, was er da gerade tat: Ohne Informationen über die Situation zu haben, ging er pauschal davon aus, dass islamistische Terroristen in München angriffen. Seine Reaktion: Hasspostings und die Forderung nach der Todesstrafe.

Am nächsten Tag waren die Postings verschwunden. Das könnte man als einen Fall von „Besoffen auf Facebook“ abtun, laut seufzen und sich beklagen, wie dünn der Firniss der Zivilisation ist.

Für mich ist das aber nur ein Beispiel von vielen das zeigt, wie Blank die Nerven mittlerweile bei vielen liegen. Es ist erschreckend, wenn selbst ans phlegmatische grenzende Charaktere wie Karsten sich in einfache, vermeintliche Lösungen flüchten.

In solchen Situationen wie in den letzten Tagen, mit Attentaten in Würzburg, München, Ansbach und Nizza, in denen sich alle nach Sicherheit und Stabilität sehnen, ist es besonders leicht, auf populistische Heilsversprechen reinzufallen. Das ist menschlich und verständlich, und doch dürfen wir diesem Verlangen jetzt nicht nachgeben.

Es gibt auf die gegenwärtigen Situationen keine einfachen Antworten. Ein Verbot von „Killerspielen“ und Einschränkungen des Internets helfen nicht dabei, das es einsamen, kranken Menschen wie dem (Selbst-)mörder von München besser geht. Eine Aufrüstung der Polizei und der Einsatz der Bundeswehr im Inneren helfen nicht dabei, dass traumatisierte und kranke Menschen wie der Mörder von Reutlingen Halt bekommen. Und die Internierung und Abschiebung von Flüchtlingen, wie sie die AfD fordert, tut einer riesigen Personengruppe Unrecht, die nach wie vor unsere Hilfe braucht – weil sie vor Problemen fliehen muss, die unser Land mit geschaffen hat.

Ich weiß, wie schön es wäre, wenn es im Angesicht der Gewaltwelle der vergangenen Tage einfache Antworten gäbe, die alle Probleme lösen könnten. Und vielleicht gibt es die sogar. Meine ganz einfache Antwort auf das alles lautet: Ich werde nicht nachgeben.Ich werde der Angst nicht nachgeben Ich werde nicht der Verlockung nachgeben, nach einfachen Lösungen zu suchen und und radikale Maßnahmen gegen andere zu fordern.

Ich werde weiterhin an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen, ich werde weiterhin mit Bussen und Bahnen fahren, und ich werde nicht aufhören Leute darauf hinzuweisen, dass die einzige Möglichkeit hier rauszukommen das gemeinsamer Finden komplexer und kleinteiliger Antworten ist. Ja, die Gewalttaten sind furchteinflößend. Aber wir dürfen jetzt nicht nachgeben, sondern müssen uns bewusst machen, dass wir menschlich und vernünftig Handeln müssen. Norwegen nach Breivick hat in seiner Trauer besonnen gehandelt. Das sollte uns ein Vorbild sein.

Jan Böhmermann brachte es auf den Punkt, als er schrieb: „Schock Gedanke! Was, wenn von Deutschland ausgehend ein Zeitalter der Vernunft anbräche?“

Wir haben jetzt die Chance zu zeigen, was in uns steckt. Wir haben die Chance zu zeigen, dass menschlicher Umgang miteinander der richtige Weg ist. Wir können anderen, allen voran den osteuropäischen Ländern, die momentan im Hass auf alles, was anders ist, erstarrt zu sein scheinen, zeigen, dass sie eben nicht recht hatten mit ihrer Isolationspolitik. Wir können ein Vorbild sein, jeder einzelne von uns in seinem Umfeld und wir alle zusammen als Land.

In dem wir auf andere zugehen. Auf die Kranken und Einsamen, auf die Flüchtlinge, auf Muslime. In dem wir uns gemeinsam darin üben, vernünftig und sachlich miteinander umzugehen und gemeinsam Probleme anzugehen, sei es die Depression eines Bekannten oder der Mithilfe bei Integrationsmaßnahmen. Und indem wir deutliche Zeichen setzen, dass wir nicht bereit sind, unsere Freiheit weiter einschränken zu lassen, um die gefühlte Sicherheit zu erhöhen. Härtere Gesetze verhindern keinen weiteren David S. Integration und Menschlichkeit im Umgang miteinander aber schon.

Es gibt so viel, was wir tun können.
Der eigenen Angst nachgeben gehört nicht dazu.

 
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Verfasst von - 25. Juli 2016 in Betrachtung

 

Gehärtet in den Flammen der Demokratie

Da stehen wir nun, im Jahr 2016, und statt auf fliegende Autos blicken wir erneut dem Faschismus ins Gesicht. Wer dieser Tage die politischen Entwicklungen verfolgt der ahnt nicht nur, der WEISS plötzlich wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen, der VERSTEHT mit einem Mal, wie es zum Holocaust kommen konnte. Momentan werden allerorten die oft noch jungen Demokratien umgebaut in Autokratien. In der Türkei, in Ungarn und in Polen werden Presse und Justiz unter die Kontrolle der Politik gebracht und der politische Apparat in Richtung Präsidialsystem umgebaut, letztlich der Weg zur Diktatur.

In anderen Ländern sieht es nicht ganz so dramatisch aus. Noch nicht, möchte man sagen, weil hier noch keine radikalen Reformkräfte in Machtpositionen sind. Aber sie sind bereits auf dem Weg dahin. In Deutschland feiert die rechtspopulistische AfD einen Wahlerfolg nach dem anderen, in Österreich haben gerade fast 50 Prozent der aktiven Wähler/-innen einen rechtspopulistischen Kandidaten gewählt.

Gefühlt binnen eines Jahres ist es salonfähig geworden rechte Meinungen zu äußern und offen gegen Ausländer, gegen die-da-oben, gegen Andersdenkende zu sein. Hauptsache dagegen, denn das ist die Zauberwaffe des Rechtspopulismus. Er verspricht, dass am eigenen Unglück irgend jemand anders schuld ist, eben die Ausländer, die-da-oben, die Andersdenkenden. Wenn man die bloss los wird und eine Mauer ums eigene Land baut, dann wird alles wieder gut.

Der Politik- und Sozialwissentschaftler in mir ist fasziniert und ein wenig neidisch auf die Kolleginnen und Kollegen in der Forschung, die gerade sehr viel zu tun haben dürften. Als Mensch wird mir Angst und Bange, wenn ich die Entwicklung so ansehe.

In den letzten Tagen sind schon viele kluge Artikel erschienen. Die Essenz:

Meine persönlich wichtigste Erkenntnis, auch aus einem der vielen Artikel: Rechtspopulismus ist deswegen gerade wieder so stark, weil dieses Lager das Kämpfen gelernt hat. Versprechungen und ja, Visionen, die mit markigen Worten vermittelt werden, kurz vor der Grenze zu Blut-und-Boden-Reden. Im Gegensatz dazu schweigt das Bürgertum, und das ist falsch.

Mittlerweile haben wir es mit einer neuen Sorte von Faschismus zu tun. Solchen Leuten, egal ob sie sich „besorgte Büger“ nennen oder „Alternative“ oder „Freiheitliche“ oder „ehemaliger Klassenkamerad“, solchen Leuten hört man nicht mal zu. Mit denen diskutiert man auch nicht, denn da ist keine Diskursbereitschaft vorhanden.

Solchen Leuten zeigt man Stärke, in dem man ebenfalls mit markigen Worten Demokratie, Europa und humanitäre Hilfe preist und dabei keinen Handbreit nachgibt. Das bedeutet nicht, dass der Status Quo zementiert werden soll. Es ist sehr deutlich, dass Handlungs- und Änderungsbedarf besteht, dass neue Antworten auf Probleme gefunden werden müssen. Diese Antworten müssen aber auf internationalem Zusammenhalt aufbauen, differenziert und human und demokratisch sein. Es müssen wieder Visionen sein.

Europa kann nahezu alles schaffen, wenn die Länder nur zusammenhalten. Europa ist aus Einzelstaaten geschmiedete Stärke in purer Form, gehärtet in den Feuern der Demokratie. Europa sollte man nicht verteidigen müssen. Europa muss offensiv gegen die größten Probleme der Welt eingesetzt werden, um das Leuchtfeuer der Demokratie in die Dunkelheit des Nationalismus zu tragen und den Faschismus mit der Flamme der Freiheit auszubrennen.

 
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Verfasst von - 25. Mai 2016 in Betrachtung, Politik

 

Präkariatsinternet

Disclaimer: Der folgende Artikel klingt vielleicht stellenweise seltsam arrogant. Das ist nicht beabsichtigt. Herr Silencers kann Eliten nicht leiden.

Warum eigentlich ist Facebook die Brutstätte von Nazis, warum wird auf Youtube rumgepöbelt und wieso geht es in den Kommentarkästen unter Artikeln zu wie in einer Grundschule? Wieso ist das Internet ein Ort des Hasses, und die Netzwerke darin bestenfalls asozial?

Interessante Fragen. Auf den ersten Blick bestätigen die Phänomene meine These aus frühen Jahren, dass ca. 80 Prozent aller Menschen schlicht einen an der Waffel haben, und das halt früher oder später aus ihnen herausbricht. Dieses leicht verschobene Menschenbild habe ich mittlerweile korrigiert. Interessant ist aber, wie ich dazu gekommen bin: Ich habe nämlich während des Studiums lange Jahre in der Systemgastronomie gearbeitet.

Wenn man ein Schnellrestaurant nachts und an Wochenenden leitet, dann bekommt man es mit der ganzen Bandbreite an menschlichen Absurditäten zu tun. Das reicht von lautstarken Keifereien einer überforderten Mutter, weil das Kleinkind die Nuggets verschmäht, über den Herren im Anzug, der mit dem Anwalt droht, weil sein Burger dauert, bis hin zu dem Typen, der in die Kinderecke kackt, aus Protest gegen das System oder das Wetter. Kein Wunder, dass das eigene Menschenbild zynisch wird, wenn man sich so einen Mist dauernd geben muss.

Interessanterweise besteht ein Zusammenhang zwischen der Dienstleistungshölle, der mir den Glauben in die Menschheit raubte, und dem Dummprogramm, das gerade im Internet gefahren wird. Denn sowohl das Systemrestaurant als auch das Internet haben ein Problem: Sie werden überdurchschnittlich häufig von bildungsfernen Schichten besucht. Eine Grafik, destilliert aus einer OECD-Studie, geisterte wohl schon im Januar durchs Netz, ist aber irgendwie an mir vorbeigegangen. Sie ist ohnehin nur eine (fehlerbehaftete) Abwandlung dieser Grafik hier:

2016-03-25 15_30_14-Government at a Glance 2015 _ OECD READ edition

Die Kernaussage: Während in anderen Ländern eher höher gebildete Menschen soziale Medien nutzen, ist das in Deutschland genau anders herum. Hierzulande stammt der größere Teil der Nutzerschaft sozialer Medien wie Youtube oder Facebook aus bildungsfernen Schichten, haben entweder keinen oder nur einen sehr niedrigen Schulabschluss.

Auch wenn ich die Studie methodisch an manchen Stellen zweifelhaft finde (die Bildungseinstufung und der Begriff „social media users“ wird nicht ordentlich definiert, oder ich habe die richtige Stelle nicht gefunden), ist sie doch interessant. Denn sie erklärt, was mich bislang wirklich gewundert hat: Warum das Hass- und Pöbelverhalten ein deutsches Phänomen zu sein scheint. In anderen Ländern gibt es solche Probleme nicht oder signifikant weniger, weil, so die Studie, dort die sozialen Medien eher von Menschen mit höherer Bildung genutzt werden. Das Deutschland aus der Reihe tanz hat m.E. zwei Ursachen:

1. Gehört der Internetzugang zu den Sozialleistungen. Auch Hartz-IV-Empfänger benötigen Internet und haben viel Zeit, die sie damit verbringen können. In anderen Ländern ist Zugang zum Internet schwerer oder nur über höhere Kosten möglich.

2. Internetaversion gehobenerer Bildungsschichten. Deutschland ist das Land der Internetverweigerer, und insb. Akademiker halten oft nichts vom Internet und schon gar nichts von sozialen Medien. Egal, was die Elitepartner-Werbung einem vorlügt.

Aspekt 1 arbeitet David Hain in seinem Erklärbärvideo „Youtube – eine BeSCHANDsaufnahme“ heraus, in dem er auch schön darstellt, warum das deutsche Youtube voller rotzedummen Doofcontent ist, der einen glauben lässt, „Idiocracy“ wäre bereits Wirklichkeit geworden.

Natürlich spielen noch viele andere Faktoren mit rein, die die sozialen zu asozialen Medien zu machen, aber dennoch ist die Studie und deren Implikation erst einmal beeindruckend. Sie zeigt auch, welchen Stellenwert Bildungspolitik haben sollte.

Leider ist die immer unbeliebt und wird auf der Agenda gerne so lange geschoben, bis sie hinten runterfällt. Wichtig wird sie im Aktionismusgetriebenen Tagesgeschäft des Politikbetriebs nur, wenn mal wieder eine PISA-Studie um die Ecke kommt. Ein Grund für die unsexyness von Bildungspolitik ist, dass ihre dramatischen Auswirkungen selten sofort, sondern manchmal erst eine Generation später sichtbar werden. So lange die verfehlte Bildungspolitik zu Hause auf dem Sofa sitzt und RTL2 guckt, stört sie nicht mal großartig, und ist nur eine Zahl im Sozialbudget. Wenn sie aber die Gelegenheit bekommt sich lautstark zu äußern, wird sie sichtbar.

Genau diesen Zustand haben wir länger schon erreicht, die häßliche Fratze der geringen Bildung stiert uns aus allen möglichen Kommentarkästen entgegen. Nun kommen die medienwissenschaftlichen Folgeeffekte hinzu, von der Schweigespirale (von der Mehrheit abweichende Meinungen werden nicht geäußert/nicht gehört) bis zum Kruger-Dunning-Effekt (Selbsterüberschätzung aufgrund von Unwissen). Die Resultate sind jetzt schon zu besichtigen und reichen von erschreckend bis belustigend. Zu den erschreckenderen Phänomenen gehört das Wiedererstarken des Nationalismus.

Zu den belustigenderen gehört die diesjährige Cebit. Auf der trieben sich erstaunlich viele Leute rum, die definitiv weder aus der IT noch aus der Wissenschaft oder dem Finanzbereich kamen. Es war auf den ersten Blick zu erkennen, dass diese Personen auf der Messe fehl am Platz waren. Nicht im Sinne von hochnäsigem „die haben da nichts zu suchen“, sondern im Sinne von „die haben sich aufgrund falscher Erwartungen die Cebit verlaufen und fühlen sich jetzt total fehl am Platz“. Diese Personengruppe war auf den ersten Blick erkennbar, u.a. an der Kleidung, am meisten aber an ihrem Verhalten.

In Zweier- oder Dreiergrüppchen trotteten sie an den Reihen der Hochglanzstände vorbei und beklagten lautstark wie öde das alles sei oder hingen rauchend vor den Hallen ab und äußerten dort ihren Unmut. Was die Leute überhaupt nach Hannover getrieben hatte? Zufällig bekam ich eine Unterhaltung von zwei Mittdreißigern mit. Es handelte sich um intensive Facebooknutzer, für die Facebook das Synonym für Internet, Digitalisierung und überhaupt IT ist und eine ganze Messe dazu, die wollten sie sich nicht entgehen lassen. So weit ist es schon. Leute, die Facebook benutzen können, halten sich in Kruger-Danningschem Größenwahn für prädestiniert, eine IT-Messe zu besuchen.

Für ihren Geschmack fand auf der Facebookmesse dann aber definitiv zu wenig Facebook statt. Zur Strafe klauten sie den vermeintlich langweiligen Wissenschaftlern der Hochschule Harz auch die Kulis, die keine Werbegeschenke waren.

 
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Verfasst von - 25. März 2016 in Betrachtung

 

Brexit

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Haha, die Briten wieder. Dem komischen Inselvolk geht die „Regelungswut“ der EU zu weit. Als ob die wüssten was das ist! Mich würde ja mal interessieren, was geschehen würde, wenn mal jemand hingeht und sagt:

„So, passt mal auf, Freunde. Wir sorgen jetzt mal dafür, dass diese Insel hier nicht bei jedem Pups einen Sonderweg geht. Ab nächstem Montag ist Schluss mit lebensgefährlicher Linksfahrerei, es wird gefälligst rechts gefahren. Der Quatsch mit den dreipoligen Monsterstromsteckern hört dann auch auf, ihr nehmt gefälligst die zweipoligen Stecker, wie der Rest der Welt.

Das metrische System wird flächendeckend eingeführt, dieser Unsinn mit Feet und Pint und Tuppence und whatknot ist dann offiziell vorbei. Außerdem bekommt ihre eine vernünftige Währung, den Euro. Der Rest der Welt hat nämlich die Schnauze voll von euren abzockerischen Wechselstuben.

Diese beiden Wasserhähne, aus denen entweder kochend heißes oder eiskaltes Wasser kommt, bekommen einen Preis für „dämlichste Idee ever“, dann werden sie demontiert und durch vernünftige Mischarmaturen ersetzt. Bettdecken werden nicht mehr rundrum am Bett festgetackert. Schuluniformen mit Miniröcken werden abgeschafft, das ist sexistische Kackscheiße die sich notgeile, alte Männer ausgedacht haben.

An Ampeln gibt es ein explizites grün, und nicht nur rot und orange, ihr habt doch ohnehin nie kapiert wann ihr fahren dürft. Außerdem gilt ab kommender Woche: Alles was kein Pudding ist, darf nicht als Pudding bezeichnet werden. Und die Zubereitung von Haggis wird als terroristischer Akt betrachtet!“

DAS wäre mal Regelungswut. Ich wette, mindestens die Hälfte der Briten würde bei so einer Proklamation sofort vor Empörung implodieren (normale Menschen würden vor Wut explodieren, aber in GB ist halt alles anders).

Ein stolzes Wappen mit.... zungerausstreckenden Einhörnern? WER SOLL EUCH DENN ERNST NEHMEN?

Ein stolzes Wappen mit…. zungerausstreckenden Einhörnern? WER SOLL EUCH DENN ERNST NEHMEN?

Dabei wäre ein solches Aufräumen ganz dringend nötig. England war zwar vor 150 Jahren die Speerspitze der industriellen Revolution, seitdem hat man sich aber komplett abgekoppelt und macht ALLES anders als im Rest der Welt. In Großbritanien ist jeden Tag Gegenteiltag. Dort isst man ja auch das Mittagessen zum Frühstück. Und nun wollen die also aus der EU, von der sie nie richtig Teil waren, ausscheren. Vielleicht. Aber warum? Und:Muss uns das kratzen?

David Cameron war lange Zeit der gefährlichste Mann in Europas (bis die Flüchtlingskrise kam und er den Titel an die Orbans und Kasczynskinskis dieser Union abgeben musste). Seine Innenpolitik beschränkte sich über weite Strecken darauf, ein diffuses „Wir“-Gefühl unter den Briten zu erzeugen, in dem man gegen „die“ war. Die, das war und ist die EU. Der drohte er mit dem „Brexit“, dem British Exit, der Ausstieg der Briten aus der EU, wenn diese nicht Zugeständnisse machen würde.

Was als kalkulierte Provokation und als Schmierentheater zur Stärkung der Innenpolitik begann, ist Camerons Kontrolle mittlerweile entglitten. Andere Politiker haben ihn rechts überholt und nutzen die, von Cameron angefachte, euroskeptische Stimmung um ihren eigenen Populismus an den Mann zu bringen. Cameron selbst findet sich ungewollter Weise in der Rolle der EU-Verteidiger wieder. Vermutlich verflucht er jeden Tag die Geister, die er rief.

Ich lehne mich da ja mal anz entspannt zurück, denn die Chancen für einen Ausstieg aus der EU sind verschwindend gering. Die Wirtschaft weiß, dass die UK ohne die EU nicht kann, nicht umsonst sprechen Londoner und Frankfurter Börse über eine Fusion. Lediglich EINE von einem Dutzend Studien kommt zu dem Ergebnis, dass die UK ohne die EU besser dran ist. Die Studie geht allerdings von der Prämisse aus, dass die EU komplett zerbricht und in Chaos versinkt und verliebene Investoren dann nach London flüchten. Die feuchten Träume der Londoner Banker.

Selbst WENN eine Mehrzahl der Briten beim Referendum am 23. Juni für einen Ausstieg stimmt und die Insel sich weiter abspaltet – so what? Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Wirtschaft so in sich zusammenbricht, dass der Urlaub in Great Britain billiger wird. Wahrscheinlicher ist aber: Die Integration Europas passiert nach einem Brexit schneller, weil keine Rücksicht mehr auf die Rückgratlosen Insellullis und ihre Marotten genommen werden muss. In diesem Sinne: Das Thema „Brexit“ kann man dieser Tage getrost ignorieren, gibt wichtigeres.

 
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Verfasst von - 25. Februar 2016 in Betrachtung, Meinung, Politik

 

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Nachtrag

Kleiner Nachtrag zum gestrigen Artikel: Der Mißbrauch der Geschehnisse in Paris zur Durchsetzung eigener Ziele ist nach wie vor in vollem Gange. Sogar der ewige Wiedergänger „Kriminologe“ Pfeiffer kommt aus seinem Loch gekrochen und nutzt die Attenate als Werbung für seine
„Expertisen“: Es sei denkbar, dass sich die Attentäter virtuell am Töten berauscht hätten. Und wo? Auch das weiß Pfeiffer: In World of Warcraft. Dazu fällt mir nichts mehr ein.

Ernstzunehmender sind die lautstarken Forderungen der Politik, die Überwachung der Bevölkerung zu verstärken und Verschlüsselung zu verbieten oder einzuschränken, denn sicherlich wurden nur dadruch die Anschläge möglich.

Und was stellt sich nun heraus? Die Attentäter von Paris nutzten weder Apples verschlüsseltes Nachrichtensystem noch kommunizierten sie über den Gamechat der PS4. Sie nutzten gar keine verschlüsselte Kommunikation.

Sie verwendeten SMS.

Ganz einfache, doofe, unverschlüsselte SMS. Die wird in Frankreich schon lange, und nun auch hierzulande inklusive der Inhalte, also im Volltext, von den Geheimdiensten abgegriffen. Vielleicht einfach mal im Hinterkopf behalten, wenn das nächste Mal die Aufstockung der Überwachungsmaßnahmen mit Paris begründet wird.

 
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Verfasst von - 19. November 2015 in Betrachtung

 

Paris Aftermath

Vor einem Jahr erlebte ich Paris als offene, unbeschwerte Stadt – ganz anders als London, wo man sich schon wie in einem Polizeistaat fühlt, weil die Sicherheitsmaßnahmen komplett überdreht sind und mit Ernsthaftigkeit am Rande zur Hysterie betrieben werden. Paris dagegen war angenehm locker und entspannt.

Das es damit vorbei sein würde, war mir schon im Januar klar, als erste Anschläge stattfanden. Spätestens jetzt, nach Bombenattentaten und Geiselnahmen mit 130 Toten, ist sicher, das Paris eine dunkle Zeit bevorsteht.

Ausgerechnet der französische Präsident Francois Hollande, bislag nicht als Hardliner aufgefallen, verhängte sofort den Ausnahmezustand, schloß die Außengrenzen und kündigte harte Reaktionen an. Als nächstes bringt er Gesetzentwürfe ein die den Ausnahmezustand praktisch unbegrenzt verlängern und fordert mehr Überwachung. Dazu verkündet Hollande, dass Frankreich im Krieg sei, und belässt es nicht nur bei dieser Rhetorik, sondern ruft den EU-Bündnisfall aus.

Ich finde die aktuellen Entwicklungen so unfassbar, dass ich aktuell mit hängender Kinnlade daneben stehe.

Wie kann es sein, dass der Präsident eines europäischen Landes so unbeherrscht reagiert? Es muss doch klar sein, dass gegen Gruppen wie den IS kein echter Krieg geführt werden kann. Es handelt sich dabei nicht um einen Staat oder ein Land, dass man bombardieren oder in das man Einmarschieren könnte. Das wissen sogar die USA, weshalb sie sich weigern, Bodentruppen in Syrien einzusetzen.

Der IS ist in allererster Linie eine Idee und eine Ideologie, und Ideen kommt man nicht mit Bomben und Schußwaffen bei. Das sollte die Lehre aus der Geschichte sein, in der noch nie ein Krieg gegen Guerillas gewonnen wurde. Das sollte aber auch die eigentliche Lehre aus den Attentaten sein. Versucht man die Ausbreitung einer Idee mit Bomben zu stoppen, wie Frankreich und die USA es seit einem Jahr in Syrien tun, bringt man auch unbeteiligte Menschen in eine so verzweifelte Lage, dass sie verzweifelte Taten begehen.

Militärische Kriegsführung gegen den IS ist keine Handlungsoption, und dass das überhaupt in Erwägung gezogen und als Lösung verkauft wird, ist erschreckend.

Mindestens ebenso erschreckend sind die Versuche, die Attentate für die eigene Agenda zu instrumentalisieren. In Großbritanninen versucht David Cameron, seine auf Gedankenpolizei hinauslaufenden Gesetze jetzt im Schnellverfahren durchzupeitschen, weil nach Paris ja besondere Dringlichkeit geboten ist. In den USA nutzt man die Gunst der Stunde, um die unliebsamen Techkonzerne als Helfer des Terrorismus darszustellen, und entblödet sich nicht mal,die Playstation als Werkzeug von Terroristen darzustellen.

Hierzulande stehen die konservativen Politiker dem in nichts nach. Es vergingen nur wenige Stunden, bis lautstarke Einzeltäter ihre eigenen Begehrlichkeiten an die Ereignisse knüpften, angefangen bei der Forderung zur Schließung der Grenzen bis hin zur Forderung nach mehr anlassloser Überwachung der Bevölkerung. Die zynische Schlußfolgerung: Wenn die Überwachung von Telefon und Internet, die in Frankreich umfangreicher erfolgt als in Deutschland, die Attentate nicht verhindern konnte, dann muss eben NOCH MEHR überwacht werden. Wie Schmeißfliegen, die ihre Eier in Kadaver ablegen, heften Politiker ihre eigenen Forderungen an die Toten von Paris. Widerlich.

Die Spirale dreht sich weiter. Militärisches Eingreifen wird weiter Attentate nach sich ziehen, und zur Steigerung der gefühlten Sicherheit werden Grundrechte weiter eingeschränkt. Ich kann nur hoffen, dass sich nach einem Abklingen der ersten Welle aus Trauer und Wut genügend aufrechte Menschen finden, die die Kriegsretorik als das entlarven, was sie ist: Ein Placebo. Aufrechte Menschen wie Jens Stoltenberg, den norwegischen Ministerpräsidentwn, der nach dem Attenat von Utoya sagte:

„Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“

 
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Verfasst von - 18. November 2015 in Betrachtung, Politik

 

Lage der Welt, kurz kommentiert

Herr Silencer zur Lage der Welt:

VW hat betrogen. Millionen Dieselfahrzeuge produzieren viel mehr Schadstoffe als erlaubt. VW-Chef Winterkorn tritt zurück.
Merke: Wenn Ferdinand Piech jemanden weg haben will, dann kommt der auch weg.

Großkonzerne, die bescheißen? Wo gibt es denn sowas?
Ab einer gewissen Unternehmensgröße, -ausrichtung und Beförderungskultur wird Beschiss zum Bestandteil der Unternehmenskultur. Und Technologie ist selten so sauber, wie die Unternehmen gerne glauben machen. Bevor hier noch jemand überrascht ist: Das Fracking der Ölkonzerne vergiftet Grundwasser und löst Erdbeben aus. Lebensmittelkonzerne privatisieren Wasser und importieren es von Afrika nach Europa. Softwarekonzerne klauen Technologie und setzen sie ohne Rücksicht auf Endkunden ein. Das ist so, in der Welt.


Die Bundesregierung hat vom Abgasskandal gewusst.

Wenn schon diejenigen, die die Gesetze machen (VW) davon wussten, wieso nicht auch die Exekutive (Bundesregierung)? Die beiden liegen doch ohnhin im selben Bett, solche kleinen Geheimnisse flüstert man sich postkoital ins Ohr.

Donald Trump fährt bei den Wahlen in Amerika riesige Erfolge ein. Wird der polternde Wischmop jetzt Präsident?
Natürlich nicht. Das sind erst die Vorwahlen, die bestimmen, wer als Kandidat der Parteinbündnisse überhaupt zur Päsidentschaftswahl antreten darf. Auch, wenn Pöbel-Donald hier mediale Aufmerksamkeit erfährt: Präsidentschaftskandidaten werden in den USA von Lobbyorganisationen gemacht. Ohne deren Rückhalt kann man noch so viel Geld haben, man wird nicht Präsident. Geniesst die Trump-Show, der ist harmlos.

Aber wer wird denn dann Präsident der USA?
Das kann man auf zwei Personen eingrenzen: Hillary Clinton und Jeb Bush. Einer von beiden wird es, aber wer, lässt sich vorher nicht sagen. Anyway, Pest oder Cholera.

Flüchtlingskrise!
Ja, schlimm. Ich wusste, dass irgendwann Flüchtlingstreks von Afrika nach Europa ziehen werden. Dass das noch zu meinen Lebzeiten und aus diesen Gründen passiert, hätte ich nicht gedacht.


Woher kommt denn diese Krise?

Hausgemachtes, aus dem Jahr 1953. England und den USA gefiel damals nicht, dass in der Region und besonders im heutigen Iran (korr.) moderne, aufgeschlossene und selbstbewusste Gesellschaften entstanden. Also ermordete der CIA den demokratisch gewählten Staatschef und installierte die Diktatur unter dem Schah. Seitdem geht es da drunter und drüber, und nach wie vor tun westliche Staaten alles dafür, die Region zu destabilisieren. Merke: Wo immer der Westen sich in die Entwicklung anderer Staaten eingemischt hat, kommen am Ende Katastrophen raus (Vgl. Irak, Afghanistan, …)

Durch die EU geht ein tiefer Riss, wie man mit den Flüchtlingen umgehen soll.
Oh, und nicht nur bei dieser Frage ist man gespalten. Daran zeigt sich, dass nach der schnellen Osterweiterung keine weitere Integrationspolitik gefahren wurde. Man hat die Oststaaten mit ihrem tiefen Mißtrauen gegen die Welt allein gelassen, das rächt sich nun in Form von Trollen wie Orban.

Der Zustand von Europa ist gerade…
…ziemlich angeschlagen. War er vorher auch schon, denn die aktuelle Politikergeneration hat aus irgend einem Grund Europa als Gegeben angesehen und deshalb darauf rumgetrampelt und dagegen opponiert, als wäre es eine Festung. Ist es nicht. Europa ist ein fragiles Gebilde und ein wunderbares Projekt, aber keineswegs selbstverständlich und unverwüstlich. Das haben die Staats- und Regierungschefs zum Glück GESTERN NACHT auch mitbekommen. Immerhin. Wenn die sich jetzt mal zusammenreißen, kann Europa stärker als zuvor aus der Krise hervorgehen.

 
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Verfasst von - 24. September 2015 in Betrachtung

 
 
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