Corona-Tagebuch

Corona-Tagebuch (41): Eigenverantwortung

Weltweit: 498.154.313 Infektionen, 6.176.420 Todesfälle, 11,09 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 22.629.378 Infektionen, 131.679 Todesfälle
765 Days Gone

„It´s over.“
– Boris Johnson

„It ain´t over till it´s over“
– Sylvester Stallone

Eigentlich dachte ich ja die Pandemie würde mit der Entwicklung und Verteilung eines Impfstoffs enden und alles vorbei sein und wieder gut. Da habe ich nicht mit der unbändigen Dummheit von 30 Prozent der Mitmenschen gerechnet. Danach wusste ich ehrlich gesagt gar nicht so genau, wie ich mir so ein „Ende der Pandemie“ überhaupt vorzustellen hätte. Das sie aber nun endet bevor sie vorbei ist, das hätte ich sicher nicht gedacht.

Genauso wenig hätte ich gedacht, das Karl Lauterbach – auf Twitter die Sirenenstimme der Vernunft für alle halbwegs Normalen – als Bundesgesundheitsminister eine dermaßen schlechte Performance und so ein ambivalentes Auftreten hinlegt.

Auf Twitter warnt er weiter vor den Gefahren von COVID, in der Politik kassiert er alle Maßnahmen dagegen. Damit entwertet er die kollektiven Bemühungen, sich in der Pandemie vernünftig zu verhalten. Seit über zwei Jahren Isolation, Abstand halten, Maske tragen? Die jetzigen Aktionen fühlen sich an, als sei das alles umsonst gewesen.

Maskenpflicht? Nee, da hat die FDP was dagegen, irgendwas mit Einschränkung Grundrechte. Welche Grundrechte? Äh. Kann ja jeder eigenverantwortlich tragen, diese Masken.

Isolation? Freiwillig. In Eigenverantwortung. Ach nee, doch nicht. In einer Talkshow wieder zurückgezogen.

Isolation ist jetzt wieder verpflichtend, aber nur 5 Tage. WTF? Über solchen Maßnahmen steht SO FETT FDP, dagegen wirkt deine Mudder wie Twiggy. Natürlich wollen die, das Isolation freiwillig ist. Aber nicht wegen Grunderechtsverletzungen, sondern weil es dann weniger Arbeitsausfall gibt – für freiwilliges zu-Hause-bleiben wären Arbeitnehmer nämlich gezwungen Urlaub nehmen. So heißt nämlich freiwilliges zu-Hause-Bleiben, wenn man nicht krankgeschrieben wird. Bei freiwilliger Isolation werden Arbeitnehmer zur Arbeit gezwungen. Das ist das Gegenteil von „fReIhEiT!!!“, dem neuen Supergrundrecht der Egoisten. Wi-der-lich.

„Eigenverantwortung“ ist das Wort der Stunde. Kann ja jeder eigenverantwortlich Maske tragen und sich distanzieren. Ich krieg ja das Kotzen, wenn ich diese Wort höre. „Eigenverantwortung“ heißt so gut wie immer: Abwälzen von Problemen, Verhinderung struktureller Lösungen oder gar ein Freibrief für Schweinereien jeglicher Art.

Noch sieht es in der Realität gerade so aus: In Supermärkten muss keine Maske mehr getragen werden, das tun gefühlt trotzdem 97% der Kunden und 10 Prozent des Personals. Das regt die Maskengegner auf. Warum?

Jens Scholz erklärt das schön auf Twitter:

  1. Die Maske ist, gerade für die „Querdenker“, eine Externalisierung ihrer eigenen Angst, mit der sie sich nicht auseinandersetzen wollen. Vor COVID haben sie eine geradezu irrationale Angst, die Masken machen die Pandemie sichtbar und damit real, also müssen die Masken weg. Ist wie Zaubereiglaube: Würde niemand Masken tragen, gäbe es auch kein Corona. Jeder der doch eine trägt, erregt Wut.

  2. Latent aggressiver Egoismus. Alle sollen keine Masken mehr tragen, damit es keinen Unterschied zwischen solidarischen und unsolidarischen Menschen gibt. Egoisten wollen nämlich nicht gerne als solche erkannt oder benannt werden. Oder anders: Egoisten sind so egoistisch, das sie beim egoistisch sein bitte niemand beobachten soll.

Alles Egal.

Aber ach, alles egal. Die Impfpflicht ist tot, zerredet in einem Bundestag, der langsam aber sicher in die gleichen faktenferne Kulturkämpfe abrutscht, in denen sich die USA und Frankreich schon lange befinden. Impfen wird zu einer Glaubenshaltung, die sich entlang Fraktionsgrenzen messen lässt. Immer befeuert von Propagandaaktionen von AFD und Querdenkern, die dem Vernehmen nach die Abgeordneten seit Wochen mit Briefen und in sozialen Medien unter Druck setzen. Was viele unserer Volksvertreter vermutlich nicht wissen:

Aber wozu eine Impfpflicht, die Infektionszahlen gehen doch gerade massiv runter? Aktuell liegt die Bundesweite Inzidenz bei „nur noch“ 1.080!

Tja. Warum geht die runter? Weil nicht mehr überall getestet wird oder Tests nicht mehr kostenlos sind. Kann ja jeder selbst bezahlen. Eigenverantwortung! Und Impfung kann ja auch jeder eigenverantwortlich entscheiden, ob er das will.

Ist aber auch völlig unklar, wie im Fall einer Infektion verfahren werden soll. Gesundheitsämter winken vielerorts ab, sind überlastet. Hausarzthotlines empfehlen Hausarztbesuche. WTF? Will man infiziert im ÖPNV rumeiern und eine Praxis verseuchen? Ach ja: Eigenverantwortung! Muss halt jeder selber wissen.

Die Krankenhäuser ächzen. Zwar hat Omicron B oft einen leichten Verlauf im Sinne von „man stirbt vermutlich nicht“, zumal nicht wenn man geimpft ist, aber ein Spaziergang ist das dann doch nicht. Aber muss ja jeder selber wissen, ob er ins Krankenhaus muss. Und die Krankenhäuser müssen schon zusehen, dass sie ihren Kram auf die Reihe kriegen. Kann ja die Politik oder so ein Gesundheitsminister nichts dafür, ob und wie so ein Krankenhaus läuft. Eigenverantwortung, wissen schon.

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Corona-Tagebuch (40): fReEdoM dAy!!!!11!!!!

Weltweit: 461.679.643 Infektionen, 6.051.521 Todesfälle, 10,7 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 17.732.275 Infektionen (Verdoppelung zum letzten Tagebucheintrag), 126.146 Todesfälle
739 Days Gone

Alle reden vom Krieg, Corona wird für beendet erklärt.

Wie sieht es eigentlich aus, wenn eine in Klientelpolitik verhaftete Minderheitenpartei ein Deutschland regiert? Das lässt sich aktuell gut besichtigen. Selbst die wohlwollensten Beobachter kommen nicht umhin festzustellen, dass die FDP gerade in der Ampelkoalition in allen relevanten Bereichen den Ton angibt – im Falle der Spritpreisbremse sogar in unabgesprochenen Alleingängen von Lindner – und so auch bei Corona.

Weil die Liberalen schon im Wahlkampf das Ende aller Lockerungen angekündigt hatten und in Kürze im starken FDP-Land NRW gewählt wird, hat sich die Partei der Besserverdienen und Erstwähler durchgesetzt und den 20. März 2022 als Enddatum für alle Coronamaßnahmen angekündigt. Das sind momentan, nur noch mal zur Erinnerung, in erster Linie die Maskenpflicht in Geschäften und öffentlichen Einrichtungen. Ganz viel mehr ist es nicht, der Rest ist Pipifax.

Nun naht also, auch wenn er nicht so heißen soll, der deutsche „Freiheitstag“ (in Anlehnung an den „Freedom Day“ in UK, der im vergangenen Jahr nach wenigen Wochen grandios an die Wand fuhr). Aber ist der denn gerechtfertigt?

Eher nicht.

Deutschland liegt gerade weltweit auf Platz 2 der meisten Ansteckungen, und zwar in absoluten Zahlen.

Von Omicron gibt es zwei neue Varianten. Omicron B ist nochmal ansteckender als Omicron Classic, und eine neue Mixvariante vereint gerade die Verbreitungsfähigkeit von Omicron B mit der Tödlichkeit von Delta. Deltacron, sozusagen. Um dem ganzen den Gipfel aufzusetzen, erwirbt man nach einer Infektion nicht mal Immunität – wer jetzt Omicron A bekommt, kann in wenigen Wochen Deltacron kriegen. Sowas gibt es sogar in meinem Bekanntenkreis. „Ich habe jetzt 5G“, wird gescherzt, „Impfung eins und 2, Booster, Delta und Omicron“.

Das macht sich in den Infektions- und sogar den Hospitalisierungszahlen bemerkbar, die sind so hoch wie noch nie zuvor. 200.000 Neuinfektionen Bundesweit, Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei 1.585 – selbst bei uns hier auf dem Dorf ist die so hoch. Zum Vergleich: Wir hatten uns mal Sorgen gemacht und harte Schließungen vereinbart, wenn die Inzidenz über 50 geht. Echt jetzt.

Die Impfung schützt nicht mehr vor Ansteckung, wohl aber vor schlimmem Verlauf. Das ist mild tröstlich, aber auch ein „milder“ Verlauf kann wochenlange Krankheit und gravierende Langzeitschäden bedeuten.

In dieser Situation will die FDP „Freiheit“ feiern und alle Sorgen fahren lassen? Und kriegt dabei auch noch von einem guten Teil der Bevölkerung Jubel? Warum, weil endlich Corona per Dekret vorbei ist? Was wird das hier? Ein Lehrstück für den Mandela-Effekt? Mit diesem Begriff bezeichnen wir Sozialwissenschaftler kollektiv die falsche Wahrnehmung von oder Erinnerung an Ereignisse oder das verkehrte Verständnis von Fakten. Alle Fachleute jedenfalls sind sich einig: Das ist Quatsch. Der übrigens mit einem juristischen Kniff durchgesetzt wurde, denn nach Auslaufen der „epidemischen Notlage von nationaler Tragweite“ im November (was auch schon Quatsch war) ist eine Verlängerung von Maßnahmen juristisch schwierig.

Besonders enttäuscht bin ich vom Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Zu Beginn der Pandemie in der Opposition, war er dort die mahnende und analysierende Stimme der Vernunft. Jetzt, in Regierungsverantwortung, lässt der sich von der FDP vorführen, legt sich mit dem RKI an und traut sich nicht mal, einen Gesetzesentwurf für eine Impfpflicht vorzuschlagen. Was tut er dann? Er analysiert und mahnt weiter über Twitter, ganz so, als wäre nicht ER derjenige, der maßgeblich die Richtung vorgeben könnte.

Die Impfpflicht ist praktisch tot, und mit einer bei 75Prozent stehengebliebenen Impfkampagne steht uns aller Wahrscheinlichkeit nach ein wenig guter Sommer und – vor allem – NOCH ein weiterer Coronawinter ins Haus. Es ist zum Kotzen, aber irgendwie – siehe letzter Eintrag – haben gefühlt alle resigniert, zucken mit den Schultern und sagen: „Ja Gott, wir kriegen es ja eh alle“.

Ich jedenfalls habe nicht aufgegeben. Ich habe weiterhin den Anspruch, ohne eine Infektion hier durchzukommen. Also werde weiterhin tun, was mich schützt: Maske tragen, Menschenansammlungen auf engem Raum meiden. COVID ist kein unausweichliches Schicksal, dem man sich ergeben muss.

Falls mich wer wegen einer Maske doof anquatscht, gibt es feine Antworten:

„Aber bei der Maske geht es doch nicht um mich [Husthust]“ ist der Klassiker. Schön auch:

„Nur weil die Politik es sagt, soll ich keine Maske mehr tragen? Was bin ich, ein systemtreues Schlafschaf?“

oder, auch gut:

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Corona-Tagebuch (39): Resignation


Weltweit: 355.027.209 Infektionen, 5.605.074 Todesfälle, 9,8 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 8.909.503 Infektionen, 116.967 Todesfälle
689 Days Gone

„Alle anderen Varianten des Virus verursachten Kurven bei den Infektionszahlen, Omikron ist eine Wand.“

So war es vorhergesagt, und so kam es. Die Infektionszahlen sind schlagartig in die Höhe geschossen, nachdem die Erfassung nach den Winterferien wieder halbwegs normal lief. Omikron ist tatsächlich noch einmal viel, viel ansteckender als alles zuvor Dagewesene, und es infiziert auch Geimpfte. Und es wird noch besser kommen, eine weitere Omikron-Mutante wird von PCR-Tests nicht mehr ordentlich erkannt.

Erstaunlicherweise wird darauf nicht mit Lockdowns oder harten Beschränkungen reagiert. Im Gegenteil. Die Schulen bleiben geöffnet und machen Präsenzunterricht, Einzelhandel und Gastronomie bleiben offen. Menschen mit einem Booster brauchen das Plus in „2G+“ (Geimpft oder genesen und ein negativer Test) nicht zu beachten.

Ist vielleicht auch gut so, denn die bislang zuverlässigen PCR-Tests bzw. die Testkapazitäten werden in Deutschland knapp und deswegen bald rationiert und priorisiert. Die Quarantäne- und Isolationszeiten sind verkürzt worden, und Kontaktpersonen müssen unter bestimmten Umständen gar nicht mehr in Isolation.

Der Grund dafür: Omikron ist zwar viel ansteckender, macht aber angeblich nicht ganz so schlimm krank wie die vorherigen Versionen, zumindest nicht wenn man geimpft und geboostert ist. Geimpfte Infizierte kommen weniger häufig ins Krankenhaus und bleiben kürzer. Nur: Es gibt viel, VIEL mehr Infizierte und in der Summe sieht das alles nach Resignation der politisch Verantwortlichen aus. Eine Kapitulation vor einer Virusmutante, die die Gesellschaft durchseucht – „warum sich der noch entgegenstellen, wieso sorgen wir nicht dafür, dass es schnell vorbei ist“, das scheint gerade die Stoßrichtung der Politik zu sein.

Vielleicht sagt es nur niemand laut, und diese politische Richtung ist Ausdruck der Verzweiflung. Ein Rückzugsgefecht, das sich letztlich nur darum müht die Gesellschaft irgendwie am Laufen zu halten, damit durch die hohen Infektionszahlen nicht alles zusammenbricht und es zu Versorgungsengpässen und Panikreaktionen kommt.

Dabei reicht das hausgemachte Chaos schon völlig aus. Impfgegner werden jetzt liebevoll „Wichswichtel“ genannt und laufen mittlerweile jeden Abend auf den Straßen der Städte rum. Angeführt von Rechtsradikalen „gehen sie nur spazieren“, um sich dann Straßenschlachten mit der Polizei zu liefern. Vor allem in Ostdeutschland, aber am Wochenende auch in Brüssel – unter Anwesenheit deutscher Rechtsradikalenprominenz.

Diese Menschen wähnen sich, zumindest zum Teil, im „Widerstand“ gegen eine herbeifantasierte „Diktatur“ und gegen eine Impfpflicht, die es noch gar nicht gibt und die so auch nicht kommen wird. Anders als in Österreich, wo eine Impfpflicht beschlossen wurde (und es ausreichend PCR-Tests gibt), hat die neue deutsche Bundesregierung keinen Bock auch nur einen Gesetzesvorschlag vorzulegen und tut generell so wenig, dass Merkels von-links-nach-rechts-Verwalten retrospektiv wie Leistungssport aussieht. Aus deren CDU, jetzt in der Opposition, kommt aber auch kein konstruktiver Vorschlag zur Impfpflicht.

Während der Bund langsam vor sich hin erodiert, ist man in den Bundesländern teils schon weiter. Hier stellt sich hier ein Vizelandrat der CDU auf Wichswichtelkundgebungen hin und kündigen an, Gesundheitsmaßnahmen des Bundes nicht umsetzen zu wollen. Unter dem Gejohle des Mobs tut man so, als ob man den „Widerstand gegen die da oben“ unterstützt. Das ist natürlich in Sachsen, wo sonst. Die Radikalisierung der Konservativen, die auf eine Abschaffung der Demokratie hinausläuft, ist ein Phänomen was weltweit zu beobachten ist, insbesondere in den USA. Für Deutschland beginnt sie in den ostdeutschen Bundesländern.

Ich bin einfach nur noch sehr, sehr müde. Ich kann mich über die Wichswichtel schon gar nicht mehr aufregen. Ich diskutiere nicht mehr mit „Impfskeptikern“. Sollen sie doch alle machen was sie wollen. Ist mir egal.

Ich will mal hoffen, dass ist nur Wintermüdigkeit und nur bei mir… denn wenn sich die Resignation auf breiter Front durchsetzt, ist das ein weiterer Schritt in das neue Mittelalter.

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Corona-Tagebuch (38): Omikron

Weltweit: 276.246.019 Infektionen, 5.369.231 Todesfälle, 8,7 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 6.8999.439 Infektionen, 109.328 Todesfälle
655 Days Gone

Irgendwie habe ich ja immer gedacht: Wenn es einen Impfstoff gibt, dann lassen wir uns alle impfen, und dann ist dieser ganze Mist vorbei und das Leben wieder normal. Storytwist: Es kam ganz anders.

1. Habe ich den Anteil der Leute unterschätzt, die völlig gegen jeglichen Verstand die Impfung ablehnen und so bildungsfern sind, dass sie glauben, die Impfung ließe ihnen einen dritten Arm wachsen oder sie würden danach ferngesteuert. Extremversion: Spinner, die glauben sie würden absichtlich zu Tode gespritzt. Letzteres ist eine beliebte Story bei Rechtsextremisten, die behaupten, das die Regierung alle Deutschen (Amerikaner, Franzosen, beliebiges Land einsetzen) umbringen will, um sie durch… Menschen zu ersetzen, die eine andere Hautfarbe haben oder einen anderen Glauben oder sonst irgendwie anders sind.

Die Quittung für diesen Unfug haben wir schon bekommen. Weltweit liegt Deutschland jetzt auf Platz drei der Länder mit den höchsten Ansteckungsraten, gleich nach den USA und UK.

Ich meine, ich hatte ja immer vermutet, dass der Bevölkerungsanteil, der komplett balla ist, recht hoch sein muss. Aber nun wissen wir es genau: Rund 27 Prozent müssen es sein. D.h. jeder vierte, der einem auf der Straße begegnet, hat nicht alle Latten am Zaun und ist keinerlei Vernunft zugänglich. Das sind eine Menge Leute.

Immerhin ändert sich gerade das Narrativ. Bislang hatte der Großteil der Bevölkerung wohl immer den Eindruck, dass auch die „besorgten Bürger“ und Querdenker-Schreihälse gehört werden müssten. Nun verlieren alle langsam die Geduld mit den Querulanten. Und das ist gut. Eine tolerante Gesellschaft muss die Intoleranten nicht tolerieren. Eine Minderheit muss sich den Erfordernissen und der Mehrheit beugen. Auch das ist Demokratie. Diese Erkenntnis setzt sich gerade überall durch. Auf Twitter sehr rasch, über den Hashtag #QuerdenkerSindTerroristen, im Rest des Landes etwas langsamer.

2. Der Schutz durch die Impfungen lässt nach. Und zwar nicht über einen Zeitraum von 10 Jahren, sondern binnen 5 Monaten. Das war für mich eine völlig unerwartete und neue Erkenntnis. Gegen Covid-19 muss man sich also drei Mal impfen lassen. Mindestens.

Ist aber gar nicht so einfach, denn rechtzeitig vor Beginn der vierten Welle sind ja manchen Bundesländern die Impfzentren Rückgebaut worden. Stattdessen sollten hier mal die Hausärzte was boostern, da mal mobile Impfteams ein wenig spritzen. War viel zu wenig Kapazität, und das der scheidende Gesundheitsminister erst den etwas schräg kommunizierte, er müsse den vertrauten BiontEch-Impfstoff rationieren und dann der neue Gesundheitsminister feststellte, dass von egal-was viel zu wenig da war, das ist eine Vollkatastrophe, die sich so in eine Abfolge von Vollkatastrophen einreiht, das ich vor Erregung nur noch mit den Schultern zucken kann.

Im Impfzentrum von Göttingen hockte übrigens das Göttinger Symphonieorchester. Die müssen gerade jetzt, in diesem Moment, ihre Instrumente raustragen, denn am 27. nimmt das Zentrum den Impfbetrieb wieder auf. Endlich.

3. Omikron. Eine neue Variante der Corona-Viren. So mutiert, dass sie nochmal um ein Vielfaches ansteckender ist als Delta, und sich auch Geimpfte und Genesene anstecken können. Schutz vor Infektion ohne Booster nach 4 Monaten: Praktisch Null. Mit Booster: 70 Prozent, und bei Infektion wenigstens kein schwerer Verlauf. Immerhin. Trotzdem eine Horrornachricht, denn eigentlich bräuchte es jetzt flächendeckende Schließungen und Kontaktverbote. Gibt es aber nicht, weil: 1. Weihnachten, 2. Ampel-FDP hat Lockdown im Wahlkampf ausgeschlossen.

Die Krankenhäuser liefen während der Delta-Welle am absoluten Limit. Wenn jetzt Omikron mit seinem exponentiellen und stark beschleunigten Wachstum ankommt, ist es vorbei. Zitat der Modellierer: „Da kommt keine Welle, da kommt eine Wand“. Aktuell warnt das RKI vor dem Zusammenbruch kritischer Infrastruktur. Nicht nur im Gesundheitswesen, wenn sich so viele Menschen infizieren, kann das auch Polizei, Feuerwehr, Lieferketten und Stromversorgung betreffen. Ein apokalyptisches Szenario.

Persönliches

Ist das jetzt schlimm für mich, so persönlich? Naja.
Die Isolation macht mir nichts. Ja, ich vermisse auch meine Freunde und Wegfahren und für Reisen kann man auch nicht planen, aber das sind Luxusprobleme. Ich habe Bücher und Filme und Games bis ins Jahr 2025, damit geht´s mir gut.

Im allerengsten familiären Umfeld ist mein Vater derjenige, der balla ist (siehe oben: Einer von Vieren). Er hat sich mit seinen 80 Jahren gegen eine Impfung entschieden, und nun ist es zu spät. Er wird Covid bekommen, und ich wünsche ihm einen milden Verlauf, der allerdings bei seinen Vorerkrankugen unwahrscheinlich ist. Ist nicht einfach, diese Entscheidung zu respektieren, zumal sie auf einer Mischung aus Ignoranz, Faulheit und Angst-vor-Nadeln beruht, und das hat mich lange Zeit sehr wütend gemacht. Jetzt ist es mir schlicht egal. Ich habe keine Energie mehr, um mich darüber aufzuregen.

Weihnachten feiere ich in einem so kleinen Zirkel, dass es schon kein Kreis mehr ist, sondern eher ein Punkt. Darauf freue ich mich, muss aber sagen: Selbst das Treffen von nur ein, zwei Personen, alle geboostert und getestet, ist mir fast ein wenig unheimlich. Nunja.

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Corona-Tagebuch (37): Im Brunnen

Weltweit: 259.628.643 Infektionen, 5.178.043 Todesfälle, 7,5 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 5.595.678 Infektionen, 100.123 Todesfälle
628 Days Gone

Die haben es verkackt.

Also, eigentlich steht überall „Wir haben es verkackt“, wahlweise „Deutschland“ oder „Wir als Gesellschaft“ hätten versagt. Aber ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass ICH nichts verkackt habe. Ich war nicht monatelang mit Wahlkampf beschäftigt und habe deshalb die Pandemie versucht wegzulügen; ICH war es nicht, der keine Öffentlichkeitsarbeit hinbekommen hat. Und ICH war es auch nicht, der lieber mit Impfgegnerinnen gekuschelt hat als Vorbereitungen zu treffen. ICH habe auch nicht alle Modellierungen und Warnungen der Virologen ignoriert.

Nein, das waren DIE, die Landes- und Bundespolitiker:innen, die durch Nichtstun und Ignoranz die vierte Welle monumental und mit Ansage verkackt haben. Jetzt haben wir exponentielles Wachstum der Ansteckungsraten unter Ungeimpften. Es sind übrigens, abgesheen von Kindern, die Wenigsten, die sich nicht impfen lassen können. 15 Millionen Menschen in diesem Land WOLLTEN einfach nicht. Aus Protest oder aus Angst, weil sie schlecht informiert oder in die Kaninchenbauten von Verschwörungslügnern gefallen sind. Das ist das Ergebnis:

Noch nie seit Beginn der Pandemie war es so schlimm. Gestern wurde die Schwelle von 100.000 Toten überschritten. Aktuell liegt Deutschland weltweit auf Platz 3 der Länder mit den weltweit meisten Infektionen, nach den USA und UK. Mittlerweile gibt es Reisewarnungen anderer Länder vor dem Besuch in Deutschland.

Was macht die amtierende Bundes- und die Landesregierungen dagegen? Sie beenden die „Epidemische Notlage von nationaler Tragweite“ und deckeln die Auslieferung von Biontech-Impfstoff. Ja, sicher passiert das begründet (Notlage wird durch Gesetz abgelöst, Moderna ist auch gut und überschreitet bald das MHD), aber es sind einfach die falschen Signale zur falschen Zeit. Genau wie die Ankündigung des Chef der Bahngewerkschaft, dass das Personal unmöglich die Einhaltung von 3G kontrollieren könnte.

Zusammenbruch

Ein weiteres Ergebnis des epischen Verkackens: Volle Intensivstationen und ein Gesundheitssystem, dass in Kürze zusammenbrechen wird. Da führt kein Weg mehr drum rum. Wir sehen jetzt die Hospitalisierungsraten für Ansteckungen von vor 14 Tagen. Der richtige Schub an Kranken kommt erst noch. Schon jetzt werden planbare Operationen verschoben. In zwei Wochen werden wir hier Bilder haben wie zu Beginn der Pandemie in Bergamo oder New York. Die Krematorien haben bereits Sondergenehmigungen für den Sonntagsbetrieb erhalten.

Selbst Lothar Wieler, dem Chef de Robert-Koch-Instituts, ist jetzt schon mehrfach vor laufender Kamera der Arsch geplatzt. Viral gingen gerade Ausschnitte aus einer Videokonferenz, in der er die sächsische Landesregierung belehrt, sowie ein Ausschnitt aus der Gesundheitsministerkonferenz, in der er dem neben sich sitzenden Gesundheitsminister offen widerspricht.

Zusammegefasst:
Es ist vorbei.
Das Kind ist im Brunnen.
Alles. Mit. Ansage.

Es gibt kein „flatten the curve“ mehr, alle denkbaren Gegenmaßnahmen wurden zu spät eingeleitet oder gar gänzlich ausgeschlossen.

Licht am Ende des Tunnels

Wer beim Blick auf die Risklayer-Karte denkt: Oh super, weiße Flächen auf der Landkarte! Es wird wieder besser! Dem seit gesagt: Nee. Den Machern sind nur die dunklen Farben ausgegangen. Nach Rot, tiefrot, violett, dunkelviolett und schwarz ging es irgendwann nicht mehr weiter. Das weiße ist also nicht die Coronafreie Zone der Glückseeligen, das ist Sachsen.

Maximal kompliziert

Das epische Verkacken geht übrigens weiter. Man sollte ja meinen, dass Erst- und Boosterimpfungen angesichts der dramatischen Lage so einfach wie möglich zu erhalten seien, und man sich den schützenden Schuss in jeder Apotheke geben lassen kann. Dem ist aber nicht so.

In Niedersachsen ist es so, dass man Impfangebote erst gar nicht findet.

Geht man auf das Impfportal des Landes, bekommt man Stockphotos, Slogans das Impfen ja voll wichtig sei und dann exakt folgende Informationen:

  1. Das Impfportal ist geschlossen.
  2. Zum 1.10., also rechtzeitig vor Beginn der 4. Welle, hat man alle Impfzentren im Land geschlossen und rückgebaut.
  3. Wenn man Informationen möchte, soll man woanders hingehen.
  4. Es gibt eine Hotline, aber die soll man bitte nicht anrufen, und Impfungen vermittelt die schon gar nicht.
  5. Man solle gefälligst Hausärzte kontaktieren, dazu ein Link auf ein Ärzteregister, der in einem Fehler 400 endet.

Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Als bereits absehbar war, dass alle Geimpften einen Booster brauchten und die Impfung von Kindern schon am Hoizont sichtbar ist, in einer Zeit in der niedrigschwellige Impfangebote LEBENSWICHTIG sind… da schließt Niedersachsen die Impfzentren. Un-fass-bar.

Die Hausärzte haben jetzt schon Wartezeiten bis St. Nimmerlein. Es gibt noch mobile Impfteams, die immer mal wieder von 09:00 bis 12:00 Uhr an unterschiedlichen Standorten stehen, aber da ist der Andrang so groß, dass schon morgens um 07:00 Uhr die Leute einmal um den Block stehen und quasi sofort nach Öffnung wieder weggeschickt werden, denn soviel Impfstoff haben die mobilen Teams gar nicht dabei.

Es ist ein Elend. Alles.

Und dann wird noch darüber disktutiert, ob eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen diskrimierend sei. Dazu sagte eine Krankenschwester in einer Rede vor Politikern: „Wenn jemand Taxifahrer werden will und keinen Führerschein hat, käme niemand auf die Idee zu behaupten, dass diese Person diskriminiert wird. Genauso irrsinnig ist es davon zu sprechen, dass ungeimpfte Pflegekräfte diskriminiert werden. Es gibt Freiheiten und es git Pflichten, und es ist keine Freiheit und keine Wahl, Alte und Kranke zu gefährden.“

Starke Worte.
Aber gut, dass die Politik von vornherein eine Impfpflicht ausgeschlossen hat. Wo kämen wir denn da hin, wenn alle, die sich impfen lassen könnten, das auch tun würden?

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Corona-Tagebuch (36): Die vierte Welle

Weltweit: 251.054.359 Infektionen, 5.068.333 Todesfälle, 7,4 Milliarden verabreichte Impfdosen
Deutschland: 4.858.101 Infektionen, 96.968 Todesfälle
613 Days Gone

Lange keinen Eintrag mehr im Corona-Tagebuch gehabt, und das aus gutem Grund. Die Infektionszahlen waren im August und September moderat und zogen nur leicht an. Über Corona wurde nicht viel gesprochen, weil: Wahlkampf, Bundestagswahl. Außer Karl Lauterbach sprang kein Politiker durch die Kulisse und verbreitete schlechte Laune mit Warnungen vor einer vierten Welle. Es gab auch keine große angelegte Werbekampagne für die Impfung, keine Aufklärungsstrategie, und Vorbereitungen auf den Herbst ohnehin nicht. Jetzt ist es nach der Bundestagswahl, und gefühlt passiert – weiterhin nichts. Die geschäftsführende, alte Regierung sitzt gefühlt auf ihren Händen, einzelne CXU-Ministerpräsidenten verlangen Maßnahmen von den Wahlgewinnern, aber die haben noch nicht mal entschieden, wie und ob sie koalieren wollen. Im Besten Fall gibt es um Weihnachten herum eine neue Bundesregierung. Dann ist satte fünf Monate nichts passiert.

Oh, eine Sache hat die alte Bundesregierung doch gemacht. Sie rechnete sich während des Wahlkampfes die Warnstufen schön, indem man im Gesundheitsministerium die Auslastung der Intensivbetten als Indikator für den Stand der Pandemie heranzog.

Das RKI schlug vor, statt der Inzidenz die Hospitalisierungsrate, also die Zahl der Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner, heranzuziehen. Das wäre vernünftig, denn Ansteckungen bei Geimpften verlaufen meist glimpflich. Die Ansteckungen steigen aber gerade exponentiell an, und hospitalisiert werden vor allem Ungeimpfte.

Ungeimpft sind leider noch viel zu viele. Stand heute kommt Deutschland nur auf eine Impfquote von 67,3%, damit liegen wir teils weit hinter anderen Ländern. 15 Millionen Menschen könnten sich impfen lassen, tun es aber nicht. Warum? Manche tun das bewusst und mit lautem Protest, manche sind schlecht informiert, andere einfach nur bequem. Dabei gilt die vierte Welle jetzt schon als „Pandemie der Ungeimpften“. Das hören Querdenker zwar nicht gerne und behaupten, das sei diskriminierend, aber die aggressive und dominierende Deltavariante haut nunmal durch. Die Zahlen belegen das:

Delta haut aber auch durch Impfungen durch. Die Impfstoffe wurden gegen die Wildvariante entwickelt, Delta ist aber ein anderes Biest. Das schlägt durch, wenn der Impfschutz nach sechs Monaten anfängt abzuklingen. Deshalb gilt nun, dass sich alle nach einem halben Jahr eine dritte Injektion geben lassen sollen.

Ist das ethisch richtig, das wir uns in Deutschland die dritte Dosis geben, wo Menschen im globalen Süden noch gar keine Impfung hatten? Das Ding ist: Wenn wir Sparsam sind, dann bringt das eventuell anderen gar nichts, denn die EU Kommission hat den Herstellern der Impfstoffe zugesagt, dass die Verbieten dürfen, dass Impfdosen von EU-Ländern in andere Länder abgetreten werden. Ein „Ich verzichte auf meinen Booster“ hat also unter Umständen zur Folge, dass bereits bestellter und bezahlter Impfstoff schlicht weggeschüttet wird. Die Welt ist grausam.

Das es Impfdurchbrüche gibt, ist natürlich Wasser auf den Mühlen der Querdenker und Esoteriker, trotz obiger Zahlen bzgl. Hospialisierung tönt es jetzt: „Höhöhö, guckt mal, die staatliche Zwangsimpfung mit den 5G-Gift bringts ja nicht, höhöhö“. Tja. Was soll man zu solchen Leuten noch sagen? Gar nichts vielleicht, schlägt Heidi Kastner vor. Die Autorin hat ein Buch über Dummheit geschrieben und darüber mit dem schweizer Tagesanzeiger gesprochen. Dabei ist dieser denkwürdige Wortwechsel entstanden:

…und das beginnt die sich ändernde Stimmung abzubilden. Im vergangenen Jahr war es ein „Wir hängen alle gemeinsam in der Pandemie, wie kommen da irgendwie durch“. Jetzt ist es ein „Wir sind immer noch nicht durch die Pandemie, weil sich so viele nicht impfen lassen“.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist FÜR eine Impfung, die Abstimmung fand mit der Nadel statt. Und diese Mehrheit verliert die Geduld mit den unsolidarischen Pieptröten, die der Meinung sind, ob sie sich Impfen lassen oder nicht, sei nur ihre Sache. Denn zumindest für die Intensivbetten, die die Querdenker belegen, zahlen wir alle.

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Corona-Tagebuch (35): Zurück in der Fußgängerzone

Weltweit: 210.073.348 Infektionen, 4.404.573 Todesfälle
Deutschland: 3.855.150 Infektionen, 96.104 Todesfälle
528 Days Gone

Delta on the rise, die Kurve steigt, und es sind vor allem junge Menschen, die sich jetzt infizieren.

Nach eineinhalb Jahre das erste Mal wieder in der Innenstadt und im stationären Einzelhandel gewesen, und ich sach mal so: Ich kann Menschen nicht mehr leiden.

Dabei ist es es nicht mal so sehr die Masse an Menschen, die sich schon wieder dicht gedrängt durch die A-Lagen schiebt. Oder die eng zusammenhockenden Gruppen in den Restaurants, die offenbar beschlossen haben, dass die Pandemie vorbei ist. Sowas nervt mich auch, aber dem kann ich aus dem Weg gehen.

Am meisten gernervt haben mich tatsächlich die seltsamen Attitüden im Einzelhandel. Ich dachte eigentlich, dass der nach Monaten im Lockdown froh über Normalbetrieb ist. Aber weit gefehlt, anscheinend war Kurzarbeit so geil, das jetzt alle angenervt sind vom Kundenverkehr.

Im Schreibwarengeschäft war keine Bedienung zu finden, und die Dame an der Kasse schaffe es nicht, sich in diese einzuloggen.

Im Optikgeschäft stand eine Optikerin herum, die den Wunsch nach einer günstigen Sonnenbrille mit einem Kunststoffgestell mit der Vorführung von Luxus-Titanmodellen und der Auskunft beantwortete, Sonnenbrillen seien nicht unter 600 Euro zu bekommen.

Im Buchladen hatte die Verkäuferin es eilig. „Das brauchense nicht“, gewitterte sie, vermutlich weil es ihr zu lange dauerte, dass ich am Stehtisch im Eingang des Geschäfts den QR-Code der ungeliebten Luca-App scannen wollte.

Karstadt Sport gibt es nicht mehr, in dem Gebäude am Marktplatz ist nun anscheinend ein anderes Sportartikelgeschäft beheimatet. Wie gut deren Beratung ist weiß ich nicht, ich habe über einen Zeitraum von 45 Minuten über vier Etagen exakt nur einen Verkäufer gefunden, der natürlich völlig umlagert war.

Dafür standen vier Damen an der letzten verbliebenen Kasse im Erdgeschoss, unterhielten sich lautstark und angeregt und glotzten lediglich wie die Eulen, als ich einen Zahlungswunsch äußerte. „BEI MIR SICHER NICHT!“ gröhlte die erste Eule, während sich zwei andere sofort verpissten. Ja wo denn dann? „KOLLEGIN KOMMT GLEICH AUSSE PAUSE WIEDER“.

Ähnliches Bild im Galeria-Haupthaus. Immerhin fand ich dort eine Verkäuferin, aber nur, weil die mir im Vorbeigehen mit einem Sack Verpackungsmaterial einen Bodycheck verpasste und ohne ein Wort der Entschuldigung davonrumpelte. An den Kassen dann wieder: Geschnatter mit den Kolleginnen, aber kein „Guten Tag“, kein „Bitte“, kein „Danke“, kein „Auf Wiedersehen“. Nicht mal Blickkontakt.

Sowas nervt mich. Ich war selbst lange im Service tätig, ich weiß, wie man mit Kunden umgeht. Das man Seitengespräche einstellt, wenn man mit Kunden interagiert, ist sicher nicht zu viel verlangt.

Ich weiß nicht, ob es an mir liegt – der Tatsache das ich älter und ungeduldiger werde oder das Klamotten kaufen mich sowieso anstrengt – aber ehrlich gesagt ist Onlinekauf mittlerweile einfach die angenehmere Shoppingerfahrung. Einzelhandel, das sind Verkäuferinnen die besseres zu tun haben als sich um Kunden zu kümmern, das sind bestenfalls lachhafte Produktsortimente („Herrenbadehosen? Ham wa nur das was da hängt“ – und da hing Zeugs in Neorosa in Größe XXXL), das sind schmuddelige und kaputte Umkleidekabinen mit nicht schließenden Vorhängen und dreckigen Teppichen, das sind hohe Preise. Das sind auch nicht stattfindende Beratung, das sind Kräfte ohne Ahnung von dem was sie da tun, das sind Fachkräfte die nicht zuhören und nur ihren Stiefel machen.

DAS ist die Einkaufserfahrung, die der Einzelhandel so zu bieten bereit ist, und ich sach mal so: Die kann er gerne behalten.

Immerhin lustig: Der EinEuroShop hat jetzt die Preise erhöht. Alles im EinEuroShop kann man nun für EinEuroZehn kaufen.

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Corona-Tagebuch (34): Falsch übersetzt

Weltweit: 205.611.815 Infektionen, 4.338.593 Todesfälle
Deutschland: 3.815.683 Infektionen, 91.863 Todesfälle
521 Days Gone

So viel Impfstoff, dass er an andere Länder abgetreten werden muss. Gleichzeitig die hoch ansteckende Delta-Variante, überall. Es gelten weiter Drostens Worte aus dem April: „In einem Jahr werden wir alle gegen Corona Immun sein. Die einen, weil sie geimpft sind, die anderen, weil sie COVID hatten.“

Delta verbreitet sich wie die Windpocken, hat es einer im Raum, haben es alle. 14 Prozent der ungeimpft Erkrankten entwickeln einen schweren Verlauf, 20 Prozent behalten durch Long Covid Beschwerden wie Demenz zurück. Trotzdem stagniert die Anzahl der Impfungen, auch wenn nun schon 63 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfung erhalten haben. Warum ist das so?

Der echte Aufwand kann es nicht sein, selbst im örtlichen Real kann man sich mittlerweile im Vorbeigehen und ohne Termin impfen lassen. Nein, es ist vermutlich eher eine Mischung aus geistiger Bequemlichkeit der Marke „Was soll mir schon passieren?“.

Heute Runde bei Lieferanten gemacht. Acht Personen getroffen, drei davon nicht geimpft. Warum?

Eine Antwort: „Die Ansteckungszahlen sind so gering, da KANN mir gar nichts passieren, das wäre wie ein Sechser im Lotto, und den krieg ich ja auch nicht, haha“

Einmal kam die Antwort: „Die Inzidenzzahlen sind so niedrig, die Pandemie ist praktisch vorbei. Ich lass mich aber sofort impfen wenn die wieder drastisch steigen“.

Einmal kam die Antwort: „SIE SIND GEIMPFT??? Halten Sie bitte Abstand und tragen sie ihre Maske, ich habe auf Youtube gesehen das geimpfte MRA ausatmen, an dem werden alle im September sterben!!!!“

Tja. Darwin, der mit der Evolutionstheorie, wird ja gerne falsch übersetzt. Im Deutschen wird er häufigmit „Evolution bedeutet das Überleben des Stärkeren“ zitiert, tatsächlich hat er aber gesagt „Survival of the fittest“. „Fit“ kann auch bedeuten: Besonders gut angepasst an widrige Umstände, oder besonders Clever. Vielleicht sehen wir ja hier die Evolution bei der Arbeit, und diese ganz Impfverweigerer sind einfach mental nicht fit genug.

Nur so ein Gedanke.

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Corona-Tagebuch (33): Delta Force

Weltweit: 188.504.500 Infektionen, 4.060.516 Todesfälle
Deutschland: 3.747.072 Infektionen, 91.326 Todesfälle

492 Days Gone.

Ich lag falsch, und ich freue mich darüber.

Seit dem letzten Eintrag im Coronatagebuch sind schon wieder sechs Wochen vergangen. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan.

Die schlimmen Nachrichten zuerst: Durch exponentielle Ausbreitung ist die hoch ansteckende Deltavariante zur vorherrschenden Art geworden. Das Zeug ist so ansteckend, das es schon ausreicht, an einem Infizierten vorbei zu gehen um, sich anzustecken. Auch Geimpfte können sich infizieren – zwar gibt es weniger schwere Verläufe, aber andere Schädigungen können trotzdem auftreten… bis hin zu den Hirnschäden, die sog. Long-Covid-Symptome hervorrufen.

Da will es nicht so recht passen, dass Gastronomie und Innenstädte wieder proppenvoll sind und bei der EM bis zu 60.000 Zuschauer in einem Stadion hocken. Und tatsächlich prallen hier Ansteckungsraten der neuen Virusvariante und das Gefühl von „Pandemie muss vorbei sein“ so aufeinander, dass Inzidenzzahlen und R-Wert hochgehen, während gleichzeitig weiter gelockert werden soll.

Die Politik macht, wenn man so will, die gleichen Fehler wie im vergangenen Jahr. Und während andernorts schon wieder Länder zu Risikoregionen deklariert und alles geschlossen wird, fabuliert man in Deutschland noch von weiteren Öffnungen.

Impfstand und Durchseuchung

Immerhin, jetzt sind 47 Millionen Menschen in Deutschland mindestens einmal geimpft. Das bedeutet: 42,6% der Bevölkerung haben zwei Impfungen erhalten, 15,9 Prozent eine Impfung, 41,5 Prozent sind nicht geimpft.

Unter den nicht Geimpften sind viele Kinder, für die die Impfung von der Stiko nicht empfohlen wird. Allerdings fordern Politiker, nach dem Sommerferien die Schulen regulär zu öffnen. Das kommt bei der Übertragungsrate von Delta einer gezielten Durchseuchung gleich. Geht man davon aus, dass 5 Prozent der infizierten Kinder langfristige und bleibende LongCovid-Schäden davonträgt und wir 10 Millionen Kinder unter 12 Jahre haben, dann sind das rund 500.000 Kinder, die man vorsätzlich schädigt.

Syptome

Die Symptome von Covid haben sich geändert, bei Delta sind die anders als beim Wildtyp. Der WDR hat das mal schön als Schaubild aufbereitet:

Wer also Symptome einer Erkältung an sich entdeckt, auch als geimpfter Mensch, sollte mal einen Test machen.

Ich lag falsch

Die Priorisierung ist weggefallen, und es gab keine Verteilungskämpfe. Im Gegenteil, es wird überall vermeldet es gäbe Impfstoff im Überfluss. Da lag ich falsch, und das ist gut. Es hat freilich nicht dazu geführt, dass man über das Impfportal des Lande im Impfzentrum der Stadt Göttingen schneller Termine bekommt. Das dauert nach wie vor sehr lange. Aber immerhin gibt es Impfstoff für die Zweitimpfung.

IchIchIch

Vergangene Woche hatte ich meine zweite Impfung mit Cominarty, dem Impfstoff von Biontech. Das Impfzentrum war quasi leer, was mich sehr gewundert hat – eigentlich hätten all diejenigen hier wieder auflaufen müssen, die mit mir zusammen die Erstimpfung bekommen haben. Damals stand die Schlange einmal um den Block, dieses Mal… nüscht. Sind die alle lieber in Urlaub gefahren als sich zum zweiten Mal impfen zu lassen?

Aufgeregt war ich auch dieses Mal wieder, ich denke ja immer ich hätte mich im Datum vertan oder ein Dokument vergessen oder sowas. Tatsächlich hatte ich alles dabei, nur waren zwischenzeitlich neuere Formulare ausgegeben worden, die es dann handschriftlich auszufüllen galt. Wer meine Handschrift kennt, kann sich den Spaß vorstellen.

Die zweite Impfung soll ja heftiger sein, deshalb hatte ich mir für den Tag danach nichts vorgenommen und war auf Kopfschmerzen und Müdigkeit eingestellt. Stattdessen: Wohnung aufgeräumt und geputzt, Aktenordner ausgemistet, Blogbeitrag verfasst, Beamerlampe gewechselt, Blumen beschnitten, Garage aufgeräumt. WAS SIND DENN DAS BITTE FÜR NEBENWIRKUNGEN?

Und auch im weiteren Verlauf: Keine unerwünschten Nebeneffekte.

Nach der Impfung war die Erstellung der Zertifikate über das Impfportal sehr einfach. An der Seite anmelden, Chargennummer und Name und Geburtsdatum eingeben, schon bekommt man einen QR Code, den man ausdrucken und im Handy in der Corona-Warn-App oder der App „CovPass“ speichern kann. Damit kommt man durch Kontrollen und vermeidet (noch) Quarantäne, wenn man das vorzeigen kann.

Wer beim Hausarzt geimpft wurde, kann u.U. nicht das Impfportal nutzen, aber zur Erstellung eines Zertifikats einfach mit dem Impfpass in eine Apotheke gehen und sich dort ein Zertifikat machen lassen.

Und nun?

„Vollständer Impfschutz in 10 Tagen“ sagt die App, und das ist gut. Wenn ich vollständig geimpft bin, werde ich das tun, von dem ich schon seit 18 Monaten fantasiere: Einen dicken Dönerteller essen.

Ansonsten werde ich mich weiterhin vorsichtig verhalten. Massenveranstaltungen, Dienstreisen, Bahnfahren oder große Treffen kommen weiterhin nicht in Frage, und auch Abstand halten und das Tragen der Maske werde ich weiterhin praktizieren.

Die Impfung bedeutet leider nicht das Ende der Pandemie, auch wenn ich mir das immer so vorgestellt hatte.

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Corona-Tagebuch (32): Plötzlich ging´s doch ganz schnell

Weltweit: 172.226.125 Infektionen, 3.703.470 Todesfälle
Deutschland: 3.703.468 Infektionen, 89.026 Todesfälle

449 Days Gone.

Lage der Welt

Nicht so supi. In Afrika, Indien und UK drehen neuen Varianten wild und sorgen für mehr Infektionen. In Südamerika geht in den Kliniken der Sauerstoff aus.

Für die Mutanten gibt es jetzt Codenamen nach dem griechischen Alphabet, was sich leichter merken lässt als die kryptischen Zahlenkürzel und keine Diskrimierung auslöst, wenn die Mutante nach dem Land des ersten Auftauchen benannt wird. Die Namen sind nun:

  • Alpha: B.1.1.7, früher „britische Variante“, bekannt seit September 2020.
  • Beta: B.1.351, früher „südafrikanische Mutante“, bekannt seit Mai 2020.
  • Gamma: P.1, früher „brasilianische Variante“, bekannt seit November 2020.
  • Delta: B.1.617.2, früher „indische Variante“, bekannt seit Oktober 2020.

In Vietnam wurde gerade eine neue Variante entdeckt, die eine Mischung aus Alpha und Delta ist, die hat noch keinen Namen.

 

Lage der Nation

Das Bundesministerium handelt zunehmend populistisch und untergräbt damit ganz klar die Stellung der Ständigen Impfkommission und der wissenschaftlichen Berater:innen. So ist bspw. bekannt, dass Astra umso besser wirkt, je größer der Abstand zwischen erster und zweiter Impfung ist. Empfohlen werden 12 Wochen. Das BMG verkürzt nun auf sechs Wochen, weil Jens Spahn der Meinung ist, die Leute wollten ja gerne in Urlaub fahren.

Zeitgleich wird verkündet, dass nun jeder und seine Mudder impfen dürften, also auch Betriebsärztinnen usw., und das ab dem 07.06.21 die Priorisierung fällt – dann darf jede und jeder ab 16 Jahren sich auf die Warteliste der Impfwilligen setzen lassen.

Ist ja generell alles nicht verkehrt, nur: Es gibt halt immer noch nicht in ausreichender Menge Impfstoff. Da nützt es nichts, wenn Betriebsärztinnen impfen dürfen, aber nicht können. Und die Wartelisten selbst sind gigantisch, mit beruflicher Indikation und im März angemeldet bedeutet, dass man in Niedersachsen jetzt so langsam für Mitte/Ende Juni einen Termin bekommt.

Aber hey, das kommt vermutlich bei den Leuten nicht an. Zumindest bei einem Teil der Leute kommt die als gute Nachrichten verpackte heiße Luft aus dem Hals von Jens Spahn als „Die Pandemie ist vorbei!!“ an. Anders sind die nächtlichen Massenparties in Innenstädten oder die Öffnung von Schulen oder Unis nicht zu erklären.

Immerhin, die Inzidenz sinkt immer weiter. Spahn gibt sich darüber völlig erstaunt, dabei haben genau das die Vertreter:innen von Zero-Covid bei einem R-Wert kleiner 0,7 vorhergesagt, und mit ein wenig politischen Willen hätte man genau diese niedrigen Ansteckungs- und Todesraten schon vor Wochen haben können. Aber das wollte man ja nicht. Weil: Wirtschaft.

Verteilungskampf

Der Wegfall der Priorisierung wird absehbar eine hausgemachte Denial of Service-Attacke auf die Impfportale auslösen. Und dann? Nehmen die internetaffinen Jüngeren den Älteren die Impfplätze weg? Werden Junge neidisch auf Ältere werden? Wohl kaum. Ältere stehen meist schon auf Wartelisten, die sind aber kilometerlang. Und der Neid wird vermutlich nicht in erster Linie zwischen Alterskohorten ausgetragen, sondern innerhalb einer Kohorte. Warum gibt es bereits jetzt geimpfte 16jährige, die nun mit Mama und Papa in Urlaub fliegen, fragen sich verblüffte Mitschüler:innen und sind zu Recht sauer auf das wirkende Vitamin B, wie die Vorsitzende der Schulsprechervereinigung im Radiointerview zu Protokoll gab.

IchIchIch

Vergangene Woche hatte ich mich an dieser Stelle noch über das unfassbar komplizierte Prozedere beklagt, das man in Niedersachsen jedes mal durchlaufen muss um überhaupt nur zu erfahren, ob es freie Termin im Impfzentrum gibt. Am selben Tag geschah das Wunder: Eine Kollegin gab mir Bescheid, dass in einem privaten(!) Onlineportal gerade freie Plätze für das Göttinger Impfzentrum angezeigt wurden – und ich konnte einen davon ergattern! Und zwar nicht für irgendwann im August, sondern für Übermorgen!

Am vergangenen Samstag bin ich also zum Impfzentrum getöffelt, das hier mitten in einem Industriegebiet liegt. Ich bin eineinhalb Stunden vorher losgefahren – den wichtigsten Termin meines Lebens wollte ich nicht wegen eines zickigen Autos oder überlanger Parkplatzsuche verpassen. Das ich dann eine Stunde vor Termin da war, stellte sich als perfektes Timing heraus – die Warteschlange stand nämlich einmal um den Block herum, und es dauerte schon eine Stunde, bis ich überhaupt einen Fuß in die heiligen Hallen setzen konnte.

Dort war dann alles perfekt organisiert, alle sehr freundlich und der Ablauf zügig. Weil ich alle nötigen Dokumente, wie Einwilligungserklärung und Anamnsebogen, schon ausgefüllt mitgebracht hatte, war ich schon 30 Minuten später dran und eine Beobachtungsviertelstunde später konnte ich das Impfzentrum wieder verlassen. Ich habe tatsächlich eine Injektion mit Comirnaty zugeteilt bekommen, dem Impfstoff von BionTech/Pfizer, aber es gab auch Astra Zeneca und Moderna.

Ungewünschte Effekte gab es bei mir keine, sieht man von Druckempfindlichkeit an der Einstichstelle am ersten Tag und gelegentlich ultrakurz aufblitzenden, stechenden Kopfschmerzen am 5. Tag ab (aber die können auch vom schwülen Wetter gekommen sein).

Übrigens stellte sich im Nachgang raus: Statt der üblichen maximal 900 Impfungen pro Tag hatte das Impfzentrum an diesem Samstag fast doppelt so viele durchgeführt, weil gerade eine dicke Lieferung Impfstoff gekommen war – ein weiterer Beleg dafür, dass die Infrastruktur zur Verimpfung durchaus vorhanden ist, es fehlt nur an Material.

Umfeld

Diese Woche haben tatsächlich alle meine Kolleg:innen einen Termin für eine Impfung bekommen. Aber: So gut wie nie auf einem regulären Weg. Vorgedrängelt haben wir uns aber auch nicht.

Drei von uns haben über das private Portal „Impfsuche.de“ von freien Plätzen in unserer Nähe erfahren und dank der vorher im Firmenchat kommunizierten Anleitung und Druck der Kolleg:innen einen Platz bekommen. Zwei hatten das Glück bei einem Hausarzt zu sein, der unerwartet viel Stoff bekommen hat, aber auf Fortbildung musste. Der hat dann einfach jeden geimpft der zur Tür rein kam. Und der Rest kam tatsächlich bei Hausärztinnen regulär unter oder stand aufgrund besonderer Indikation schon seit drei Monaten auf Prioritätslisten und hat nun Termine für Mitte/Ende Juni bekommen.

Meine Leute haben damit sicher ihre Termine, und das erleichtert mich ungemein und eröffnet Perspektiven. Auch, wenn der Ausnahmezustand erst in drei Monaten so langsam ausschleicht.

So kann´s gehen. Eben dachte ich noch, es bewegt sich gar nichts, und nun ist binnen einer Woche alles anders. Positive Überraschungen sind zur Abwechslung auch mal etwas schönes.

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Corona-Tagebuch (31): Maximal kompliziertes Gelotter

Weltweit: 168.502.092 Infektionen, 3.500.383 Todesfälle
Deutschland: 3.671.057 Infektionen, 87.995 Todesfälle

Tag 441 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Die Impfstofflage wird langsam besser, ist aber immer noch nicht gut. Das Johnson&Johnson faktisch ausfällt, von Moderna und Biontech viel weniger geliefert wird als erwartet und jetzt erst einmal die Zweitimpfungen dran sind, macht es nicht besser. Immerhin, etliche Personen aus meinem Bekanntenkreis bekommen mittlerweile Impfangebote über ihre Hausarztpraxen.
Ich nicht.
Und warum das so ist, weiß ich seit heute.

Hausarztgelotter

Erst dachte ich ja, es läge daran, dass meine Hausärztin, bei der ich seit 20 Jahren war, vor sechs Wochen unvermittelt in Rente gegangen ist. Zu genau dem Zeitpunkt, an alle ihre Patient:innen sie dringend gebraucht hätten.

Ein neuer, mir unbekannter Arzt hat die Praxis übernommen, sie umbenannt und dann…. geschlossen. Im Ernst, der hat die Praxis übernommen und sie sofort zugemacht, um erstmal drei Wochen in Urlaub zu fahren.

Jetzt ist er wieder da, trotzdem kein Impfangebot. Weil: Die haben vergessen meine Anmeldung in DIE LISTE einzutragen. Wobei DIE LISTE aus zwölf speckigen, eselsohrigen Papierblättern besteht, die jeweils in drei Spalten eng und handschriftlich bekritzelt sind. Ernsthaft, auch unter dem neuen Arzt gilt der Einsatz von Excel wohl als Raketenforschung. Erschütternd.

Nun stehe ich immerhin auf DER LISTE, auf Seite 12, ganz unten rechts. Vor mir mehrere hundert Leute. Und für Erstimpfungen gibt es pro Woche zwei Ampullen, das sind 10 Dosen. Ginge es in dem Tempo weiter, bin ich ca. in zwei Jahren dran. Da geht es vermutlich im Impfzentrum schneller, oder?

Impfzentrum

Dieser Tage rollte die Meldung durch, es gäbe nun eine „Impfstoffbörse“ in Niedersachsen. Seltsamer Begriff, „Impfstoff-Lotterie“ passt besser. Der Gedanke dahinter: Sollte ein Impfzentrum freie Plätze haben, lassen die sich ad hoc buchen. In der Praxis ist das jedoch maximal kompliziert. Ich dokumentiere das mal hier, weil es so absurd. ist. Die Probleme sind:

  1. Man muss immer noch impfberechtigt sein, also entweder eine berufliche oder medizinische Indikation aufweisen. Die Indikationen sind genau definiert, eng gesteckt und müssen schriftlich nachgewiesen werden.

  2. Das Impfportal in Niedersachsen gibt die Termine nicht einfach so bekannt. Um zu erfahren ob etwas frei ist, muss man das gleiche Registrierungsverfahren durchlaufen wie bei der Anmeldung zur Impfung, auch wenn man das schon einmal für einen Eintrag in die Warteliste getan hat. Das schreckt schon mal die meisten ab, weil sie denken, sie seien hier verkehrt. „Impfbörse? Hier ist keine Impfbörse. Nur sie Seite wo ich mich doch schon für die Warteliste angemeldet habe!“

WEr sich doch traut, muss die folgenden 7 Schritte durchlaufen:

1. Formular Datenschutzerklärung, ->
2. Formular: Angabe, ob man einen Einzel- oder einen Gruppentermin vereinbaren oder eine Buchung stornieren möchte. (Wobei es gar nicht möglich ist Gruppentermine zu buchen) ->
3. Formular Alterseingabe, ->
4. Formular: Angabe ob berufliche Indikation vorliegt ->
5. Formular: Angabe ob medizinische Indikation vorliegt,
6. Formular: Belehrung und Hinweise, Warndialog.

Auf dem 7. Formular erfährt man nun, ob gerade Termine frei sind.

Wohl gemerkt, dass ist keine einmalige Sache – das Importal Niedersachsen kennt nämlich keine Accounts, weshalb man dieses Prozedere JEDES Mal machen muss, wenn man nach freien Terminen gucken möchte.

Sollten doch Termine frei sein, heißt es schnell handeln, denn befindet man sich im Rennen um die Zeit mit Dutzenden anderen Impfwilligen und auf einem maximal komplizierten Hinderniskurs.

Als erstes muss eine Mobiltelefonnummer angegeben und ein Captcha abgetippt werden, so ein ganz klassisches mit verdrehten Zahlen und Buchstaben und Groß- und Kleinschreibung. Hat man das geschafft, ohne sich in der Aufregung zu vertippen, bekommt man einen Code per SMS.

Den muss man auf der Seite eingeben und kommt dann auf ein Registrierungsformular für Name, Adresse, Schuhgröße.

Spätestens bei der Adresseingabe wird es richtig hakelig, denn das Feld für die Straße akzeptiert scheinbar keine Eingabe. Tippt man da etwas rein und geht weiter zum nächsten Feld, verschwindet die Eingabe und es kommt der Hinweis „Pflichtfeld nicht ausgefüllt“. Zarte Gemüter geben hier bereits auf, dabei ist das nur ein fiese Falle in Form eines schlecht designten Formulars.

Was hier passiert, ist aber auch perfide: Tatsächlich lädt die Website im Hintergrund ein Straßenverzeichnis vor Ort. Das soll Fehleingaben verhindern und ist gleichzeitig als Komfortfunktion gedacht, aber in diesem Fall superschlecht implementiert: Es dauert 5 bis 10 Sekunden bis das Straßenverzeichnis geladen ist und als Vorschlagsfeld erscheint. Dann liegt es aber UNTER dem Autocomplete-Feld des Browsers UND es ist es nicht an der richtigen Stelle, sondern fängt immer bei „A“ an.

In der Praxis sieht das so aus: Wohne ich im Zukowski-Weg und beginne mit der Eingabe, lädt ab dem dritten Buchstaben der Eingabe („Zuk“) unebemerkt im Hintergrund das Straßenverzeichnis. Bin ich zu schnell und springe weiter bevor es fertig geladen ist, gibt es einen Fehler. Bleibe ich lange genug in dem Feld, erscheint das Verzeichnis als Drop-Down und bietet mir als Vorschlag zur automatischen Ergänzung von „Zuk“ den Beginn des Alphabets an, also den „Aaron-Droschke-Weg“. Davon lässt es sich auch nicht mehr abbringen, weitere Eingaben per Tastatur ignoriert das Feld. Lösung: Man muss dann per Hand durch das Verzeichnis ALLER STRAßEN DES WOHNORTS scrollen bis zur richtigen Straße und die anklicken. Erst dann geht es weiter… und nun kommt in der Regel dann die Meldung „Leider keine Termine mehr frei“ – Rennen verloren.

Impfsuche.de

Damit man den ganzen Quatsch zumindest bis zum SMS-Captcha abkürzen kann, bietet sich für Niedersachen die Seite „Impfsuche.de“ an. Keine Ahnung, woher die private Seite ihre Daten hat, aber die Seite aktualtisiert sich selbst und zeigt zeitnah an, wenn irgendwo Termine frei werden. Sehr praktisch. Zumindest bekommt man mit, wenn wieder eine Lotterie im Rennen um einen Impfplatz startet.

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Corona-Tagebuch (30): Es wird langsam besser(?)

Weltweit: 165.555.872 Infektionen, 3.430.955 Todesfälle
Deutschland: 3.635.162 Infektionen, 87.128 Todesfälle

Tag 435 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Es scheint langsam besser zu werden. Die Inzidenzzahlen sinken, in manchen Regionen sogar stark. Lag Göttingen vor zwei Wochen noch bei 180 Infizierten pro 100.000 Einwohnern, sind es heute gerade noch 56. Effekt eines letzten, kollektiven Zusammenreißens, nach dem die Situation dramatisch wurde? Oder liegt es an den Impfungen? Man weiß es nicht.

Besser wurde es auch mit der Impfstoffversorgung. Stand heute sind fast 40 Prozent der Bevölkerung zumindest mit einer von zwei Dosen geimpft, und aus dem erweiterten Freundeskreis, der Familie und von Kunden höre ich allerorten, dass sie zumindest „den ersten Pieks“ schon bekommen haben. Allen gemein ist, dass die Impfung über die Hausarztpraxis erfolgte. Zur Erinnerung: Als ich vor 8 Wochen bei der neuen und mir nach wie vor unbekannten Hausärztin fragte, ob ich auf die Warteliste kann, hieß es: „Sicher, aber machen sie sich keine Hoffnungen, die Liste ist riesenlang, wir kriegen pro Woche weniger als 20 Dosen und priorisieren nach Alter“.

Die Versorgungssituation hatte sich in den vergangenen Wochen offensichtlich gebessert, fällt aber gerade wieder in sich zusammen. Jetzt stehen nämlich die Zweitimpfungen an, und das bedeutet zumindest in Südniedersachsen: Für Erstimpfungen bekommt jede Praxis nur noch zwei Ampullen pro Woche. Das sind 10 Dosen. So lange also nicht die Impfstoffmenge drastisch zulegt, wird es jetzt langsamer gehen als vorher. Das Impfstoff vom Himmel fällt ist unwahrscheinlich, das Gegenteil ist der Fall. Nach den MrNA-Impfstoffen von Pfizer-Biontech und Moderna und dem Vektorimpfstoff von Astra Zeneca sollte der von Johnson&Johnson in großen Mengen eingesetzt werden, aber nachdem die Produktions- und Nebenwirkungsprobleme haben, steht der Einsatz noch in den Sternen.

Ebenfalls unsicher ist die Lage nach dem 07. Juni. Dann soll die Impfpriorisierung fallen, jeder ab 16 Jahren soll sich dann einen Impftermin geben lassen können. Was als erstes passiert ist klar, die Impfportale zur Terminvergabe werden zusammenbrechen. Und dann?

Hoffnung für mich selbst, in den kommenden Wochen geimpft zu werden, habe ich wenig. Schon jetzt, wo die Priorisierung noch in Kraft sind, wären rein rechnerisch noch 600.000 Menschen vor mir dran. Keine Ahnung wie das wird, wenn die Reihenfolge nicht mehr gilt.

Aber ach, egal. Bleibe ich halt noch ein halbes Jahr im Keller hocken und gehe nicht raus. Habe ich mich ja mittlerweile dran gewöhnt. Sehnsucht nach einer Motorradreise ist das Schlimmste, was mich gerade plagt, und so lange es nur das ist, geht´s mir gut.

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Corona-Tagebuch (29): Nicht nichts tun oder doch nicht

Weltweit: 154.386.183 Infektionen, 3.228.547 Todesfälle
Deutschland: 3.451.550 Infektionen, 83.876 Todesfälle

Tag 419 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Seit dem letzten Eintrag ins Corona-Tagebuch ist viel passiert. Nachdem die Inzidenzzahlen durch Decke gingen und trotzdem einzelne Ministerpräsidenten was von Öffnungen faselten, Lockerungen ankündigten und am Ende nicht mal mehr zur gemeinsamen Konferenz von Bund und Ländern kommen wollten (weil die vorbereitet werden müsste, und dafür habe ja niemand Zeit), setzte sich der Bundeskanzler Frau Merkel in eine Polittalkshow und sprach ganz besonnen die Worte „Ich werde mir das nicht noch zwei Wochen anschauen und nicht nichts tun“. Dahinter stand nicht weniger als die Drohung, den Ländern Kompetenzen wegzunehmen.

„Ich werde zwei Wochen nicht nichts tun“

Dann tat sie: Nichts. Drei Wochen lang.

Dann gab es endlose Debatten, dann war Mittag, dann Wochenende, dann gab es Diskussionen, und am Ende beschloss der Bundestag eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes, damit es nun bundesweit einheitliche Regelungen geben könne.

Auf den Weg gebracht wurden dann aber nicht Maximalinzidenzwerte von 35 oder so, wie von Epidemiologen empfohlen. Oder eine Homeofficeflicht. Oder die Schließung von Schulen und nicht systemrelevanten Betrieben. Nein, stattdessen eiert die „Notbremse“ um einen Wert von 100 herum, ab dem es dann nächtliche Ausgangssperren geben soll. Also weitere Einschränkungen der Grundrechte, aber keine für Betriebe. Schon krass, dass man selbst eine „Bundes-Notbremse“ (so wird das genannt) so verkacken kann. Zumal Intensivmediziner nicht nur Alarm schlagen, sondern mittlerweile Türen eintreten, weil es in den Krankenhäusern nicht fünf vor zwölf ist und auch nicht fünf nach, sondern Viertel nach. So krass ist das mittlerweile. Immerhin haben anscheinend viele Menschen außerhalb der Politik den Ruf gehört und setzen auf Selbstverzicht, denn die Infektionszahlen sinken aktuell.

Charite 43

Dabei war das Personal schon nach der zweiten Welle am Ende. Sehr eindrücklich wird das in der vierteiligen Doku „Intensiv Charite 43“ gezeigt, die von Dezember bis März das Sterben auf einer Berliner Intensivstation begleitet hat. Ausgelaugtes Personal, Auswirkungen von Long-Covid und eine Erklärung, was ECMO eigentlich ist inklusive. Kann und sollte man sich hier angucken: Mediathek.

Impffortschritt

Mit dem Impffortschritt geht es so langsam voran. 29 Prozent haben eine Impfung bekommen, 8 Prozent zwei. Man hört Gerücjte, dass ja angeblich unfassbare Impfstoffmengen kämen und bis Ende Juni alle Impfwilligen zumindest eine Dosis erhalten könnten. Glauben tue ich das erst, wenn ich selbst einen Termin habe.

Aktuell wird hart über die Rückgabe von Grundrechten für Geimpfte diskutiert. Ich bin in der Frage zwiegespalten. Natürlich muss die Ausübung der Grundrechte so schnell wie es geht wieder gestattet werden. Auf der anderen Seite wird eine fehlende gesellschaftliche Solidarität dazu führen, dass die Spannungen zunehmen werden. Menschen werden agressiv Impfungen einfordern, auch wenn sie noch nicht dran sind. Spätestens wenn der geimpfte Nachbar in den Sommerurlaub fliegt, während die ungeimpften weiter im Keller sitzen sollen, werden die Verwerfungslinien sichtbar. Da aktuell die „was kostet die Welt nach uns die Sintflut“-Generation der Boomer geimpft wird, ist mit freiwilliger Solidarität nicht zu rechnen. Und natürlich werden jetzt schon Impfpässe gefälscht, denn an eine fälschungssichere Dokumentation oder einen Nachweis der Impfung, auch daran hat niemand gedacht. Auch das wurde episch verkackt.

Wundert in der aktuellen Situation niemanden, aber was mich erstaunt ist, dass es anscheinend überhaupt keine Pläne für Pandemien gab. Weder Szenarien zur Frühwarnung noch Katastrophenschutz noch Austiegswege lagen als Pläne in der Schublade. Zum Vergleich: In manchen Asiatischen Ländern werden Impfzentren dauerhaft im Rahmen der Vorsorge vorgehalten. Passiert tatsächlich was, zieht man die Abdeckplanen von den medizinischen Geräten, wischt mal schnell Staub und setzt dann die vorbereiteten Pläne für Isolationsszenarien um. DAS ist Katastrophenschutz. Aber in Deutschland? Nüscht.

Wichtig: App

Genau wie die Kontaktnachverfolgung per App. Zwar kann das die offizielle Corona-App mittlerweile, viele setzen aber auch die proprietäre und kommerzielle LUCA-App, die nicht nur teuer, sondern auch ein Datenschutz- und Datensicherheitsalbtraum ist. MP Müller setzte sich breit grinsend hin und erläuterte, dass er von Technik ja keine Ahnung habe, aber diese App, die habe er für Berlin gekauft. Mal ehlrich Berlin, wo habt ihr diese Pfeife her?

Apropos App, wer geimpft ist, sollte bitte die SafeVac-App des Paul-Ehrlich-Instituts nutzen. Darin kann man Wirkungen und Nebenwirkungen erfassen, die werden anonym ausgewertet um von möglichen Nebeneffekten der Impfungen zu erfahren.

SafeVac für IOS

SafeVac für Android

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Corona-Tagebuch (28): Ich verstehe es nicht mehr


Weltweit: 132.456.676 Infektionen, 2.873.821 Todesfälle
Deutschland: 2.909.902 Infektionen, 77.401 Todesfälle

Tag 390 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ich verstehe es nicht mehr. Ich verstehe nicht mehr, was hier passiert.

Da warnen Wissenschaftler:innen seit Anfang des Jahres vor einer dritten Welle und sagen das Szenario ganz exakt voraus: Sobald die Alten geimpft sind, besteht die Gefahr und die Verlockung leichtsinnig zu werden, vorschnell Öffnungen voran zu treiben und DANN werden die Fallzahlen durch die Decke gehen und die medizinischen Kapazitäten überlastet sein. Genau in dieser Phase sind wir gerade, das ist die dritte Welle, weiter angefeuert durch immer ansteckendere Virusmutanten.

Aber was machen die Landespolitiker? Beschließen keine härteren Maßnahmen. Keine Homeoffice-Pflicht. Keine Mobilitätseinschränkungen. Stattdessen stellen die sich hin und handeln exakt entgegen aller Empfehlungen. Faseln trotz steigender Fallzahlen von Öffnungen und richten Modellregionen ein. Man brauche nur genug testen, dann könnte man alles wieder aufmachen. Klappt nur nicht, auch in den Modellregionen gehen die Fallzahlen hoch, stärker noch als anderswo. Ich verstehe es nicht.

Angesicht steigender Fallzahlen rudern Gestalten wie Armin Laschet nun mit den Ärmchen, machen dicke Backen und verkünden, dass mit einer dritten Welle ja niemand rechnen konnte, keiner konnte das wissen! Alle sind ja so überrascht! Und wenn ihm jetzt mal einer sagen könnte was man noch tun kann um die Pandemie einzudämmen, dann würde er, Armin Laschet, CDU-Chef und Ministerpräsident von NRW, vielleicht drüber nachdenken.

Das sorgte unter dem Hashtag #Laschetdenktnach für feinen Spott auf Twitter. Rausgekommen ist bei dem Nachdenken ohne hin nur ein neues Wort, das wohl Laschets PR-Berater erfunden haben: Brücken-Lockdown. So wie ein normaler Lockdown, nur, öhm, anders benannt. Darüber wolle er auf einer Ministerpräsidentenkonferenz sprechen, die er – MAN HALTE SICH FEST! – in Präsenz abhalten will, weil „online nicht funktioniert“. Ich verstehe es nicht.

Es ist zum Heulen. Was wir bräuchten ist ein echter Lockdown, bei dem auch Büros und Betriebe zugemacht werden, bei dem es Ausgangssperren auch tagsüber gibt. Damit könnte man die Fallzahlen runterbekommen. Dreiviertel der Bevölkerung befürworten dieses Vorgehen. Und was machen die Bundesländer? Das Saarland öffnet komplett. Niedersachsen macht nüscht. Alle anderen irrlichtern irgendwo dazwischen rum. Ich verstehe es nicht.

Über die Osterfeiertage wurde wenig getestet und vielerorts die Testzahlen nicht weitergeleitet, weil in den zuständigen Stellen niemand gearbeitet hat. Was machen Städte wie München? „Oh, die Fallzahlen sind ja voll niedrig, gleich mal Öffnungen einleiten“. Ich verstehe es nicht.

An den Wochenenden fahren immer die gleichen Esoteriker, Neonazis und Spinner mit Bussen in immer andere Städte, marodieren unter dem Deckmäntelchen einer „Querdenker-Demo“ ohne Masken und Abstand herum und die Polizei ist jedes Mal überfordert, weicht zurück, zeigt Sympathien. Die Lokalpolitik gibt anschliessend zu Protokoll, dass ja NIEMAND damit rechnen konnte, dass die Infektionsschutzauflagen verletzt oder Journalisten bedroht wurden. Ich verstehe es nicht, denn diese demoktatiezersetzenden Quatschdemos muss man nicht stattfinden lassen. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein Grundrecht und ein hohes Gut, aber es kann eingeschränkt werden – wenn die Maßnahmen erforderlich und angemessen sind, und das geben die Infektionsschutzgesetze her. Das man die nicht einsetzt sondern JEDE WOCHE WIEDER überrascht ist wie gewalttätig diese Superspreaderevents sind – ich verstehe es nicht.

Eine Krankheit verhandelt nicht. Was sagt der regierende Bürgermeister von Berlin, auf die Frage warum er sich angesichts durch die Decke knallender Infektionszahlen weigert, die zuvor verabredeten Maßnahmen umzusetzen? Er fände es nicht gut, die in den letzten Wochen so hart erkämpften Freiheiten jetzt wieder zurück zu nehmen. Ich verstehe es nicht.

Die Politik, vor allem die Konservative, scheint überall genau das Gegenteil von dem zu tun, das die Wissenschaft sagt und die Mehrheit der Bevölkerung unterstützen würden. Warum ist das so?

Vielleicht wird tatsächlich nur ein Schuh draus, wenn man sieht, mit welcher Intensität und Lautstärke Wirtschaftsverbände in den Nachrichten vorkommen und Geld/Öffnungen/keine Maßnahmen fordern. Allein die Unverschämtheit, mit der die Vorsitzende des Gaststättenverbandes Forderungen und Drohungen ausstösst, würde jede Schuldeneintreiber rot werden lassen. Wirklich, wenn ich die Frau sehe, denke ich immer nur: Die geht über Leichen, für die sind ihre Klientel wichtiger als Menschenleben.

Man neigt dazu, schnell in den Bereich der Verschwörungstheorien abzukippen, aber angesichts der Tatsache, dass sich die Politikfamilienclans, von den Kohls über die Straußs bis hin zu den Gauweilers alle an der Krise bereichert haben, liegt die Vermutung nahe, dass der Einfluss der Wirtschaft für die Politik einen viel höheren Stellenwert hat als Menschenleben. Vielleicht ist das wirklich die Erklärung.

Achso, Impftechnisch geht es gefühlt auch nicht voran. Immerhin dürften jetzt Hausärzt:innen impfen, wenn sie Impfstoff bekämen. Das ist gut, Hausärzt:innen kennen ihre Patienten und können die Reihenfolge selbst am Besten festlegen. Da passt es ja voll supi, dass meine Hausärztin vorvergangene Woche beschlossen hat, dass es genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre in Rente zu gehen. Ich verstehe es nicht.

Zu Abschluss Rezo. Nicht in einem seiner legendären Recherchevideos, sondern im offenen Talk:

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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Corona-Tagebuch (27): Ich habe um Verzeihung gebeten!

Weltweit: 124.795.168 Infektionen, 2.744.102 Todesfälle
Deutschland: 2.713.180 Infektionen, 75.440 Todesfälle

Tag 378 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

In der Welt erholen sich die USA unter Biden im Turbotempo. Impfungen gibt es mittlerweile in Drive-Thrus und Schreibwarengeschäften, der Impffortschritt ist gewaltig, bis Ende April sollen alle impfwilligen Amerikaner:innen über 18 ein Vakzin erhalten haben. Und es sieht so aus, als schafften sie das.

In Kassel protestierten am vergangenen Wochenende 20.000 Menschen gegen Coronamaßnahmen und Impfungen. Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Anstand, dafür aber in drollige Herzchen- oder Alfkostüme gewandet, mit Judensternen mit der Aufschrift „Ungeimpft“ am Revers und/oder mit Reichsflaggen. Das Ganze weitgehend unbehelligt von der Polizei, obwohl zuvor über alle Social-Media-Kanäle die Ankündigung und auch Verhaltensanweisungen rauschten. Darunter auch sowas wie „Frauen mit Babys nach vorne, das gibt geile Bilder, wenn die Polizei die angreift“.

Guckt man sich die Filme von der Demo an, fällt schnell auf: Diese Menschen sehen sich als Bewahrer der Demokratie, als Verteidiger der Gesundheit, als Widerstand gegen einen oppressiven Staat.

Was außerdem auffällt: Keiner von denen hat noch alle Latten am Zaun. Egal ob das die älteren AFD-Herren sind, die offensichtlich Bücher aus dem Kopp-Verlag lesen oder Verschwörungsvideos gucken, die Esoteriker-Mamas und Omas, die keifen und schreien und spucken und schlagen, während sie Pace-Flaggen und Herzchenluftballons hinter sich herziehen, oder die Neonazis, die Gegendemonstranten zusammentreten: Diese Coronademos ziehen den Bodensatz der Gesellschaft an, auch wenn der sich als bürgerlich verkleidet.

Der Polizei muss man den Vorwurf machen SCHON WIEDER kein ordentliches Konzept gehabt zu haben, obwohl der Querdenker-Demo in Kassel welche in Dresden und Berlin vorangegangen sind und klar war, was passieren wird. Allerdings: Die Wirksamkeit der Polizei beruht auf der gesellschaftlichen Konvention, dass die Polizei respektiert wird. Das tun diese Leute aber nicht, und damit ist die Polizei immer in der Unterzahl und kann nur begrenzt durchgreifen.

Auf den Balearen toben die Deutschen rum. Die Inseln wurden zum Niedrigrisikogebiet erklärt, am nächsten Tag setzten die Airlines zusätzliche Flieger aufs Programm. Dem Vernehmen nach alle voll besetzt, Tausende von Deutschen fliegen in den Osterurlaub nach Malle. Das ist völlig unverständlich, zumal selbst Spanier keinen Urlaub in Spanien machen dürfen.

In Deutschland regiert… ja, wer eigentlich? Der letzte Tagebucheintrag schloss mit „erbärmlich“ in Bezug auf das Handeln der Bundesregierung, und seitdem ist es nicht besser geworden.

Höhe- oder besser vorläufiger Tiefpunkt war dann am Mittwoch dieser Woche erreicht. Zuvor hatten die Runde aus Bund und Ministerpräsidenten 13 Stunden und bis Nachts um drei Uhr über das weitere Vorgehen verhandelt. Die Gemengelage war wohl unübersichtlich, angesichts der Mallorca-Geschichten wollten einige MPs wohl Urlaub im eigenen Bundesland ermöglichen. Angesichts der Ausbreitung der ansteckenderen und tödlicheren Virusvariante B1.1.7 keine gute Idee, eigentlich müssten die Maßnahmen verschärft werden. Da man aber den Leuten seit Monaten erzählt, sie seien ja schon in einem „Lockdown“ hatte man wohl Angst tatsächlich Büros zu schließen oder Ausgangssperren zu verhängen.

Irgendwann um drei Uhr Nachts hielt es die Runde dann kollektiv für eine gute Idee, einen „harten Lockdown“ in einer „erweiterten Ruhezeit“ zu machen, sprich: Den Gründonnerstag in der kommenden Woche wie einen Feiertag zu behandeln und damit 5 Tage alles geschlossen zu halten. Also, bis auf die Supermärkte am Samstag.

Kaum wurde die Entscheidung verkündet, gab es große Verwirrung – wie soll das gehen, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?? Dann gab es noch einen Auto-Gipfel im Kanzleramt und einen Tag später stand Merkel vor der Presse und warf sich in die Schußlinie vor die Ministerpräsidentenbagage um davon zu fabulieren, dass man den Kurz-Hard-Lockdown nun doch nicht machen würde, dass sei allein ihr Fehler gewesen das vorzuschlagen und sie bitte um Verzeihung. Auf Nachfragen reagiert sie patzig, weil: Sie hat doch schon um Verzeihung gebeten, und damit muss auch mal gut sein.

Wie es weitergeht weiß offiziell niemand. Von der letzten MPK-Runde bleibt jetzt nur die „Bitte zu Hause zu bleiben“ – keine Maßnahmen, keine Büroschließungen, nichts.

Aber es wird noch besser: Merkels Entschuldigung führt dazu, dass einige Bundesländer nun machen, was sie wollen. Das Saarland bspw. plant, nach Ostern Einzelhandel, Fitnessstudios und Hotels, also: ALLES wieder komplett zu öffnen. Das halte ich, gelinde gesagt, für Wahnsinn. Wir sind in der B1.1.7 induzierten dritten Welle, die Fallzahlen steigen exponentiell, und wovon noch niemand spricht ist P.1, eine brasilianische Mutante – noch ansteckender, noch tödlicher und: Anscheinend helfen die bisherigen Impfungen dagegen nicht.

Da zeichnet sich eine echte Katastrophe ab, die Intensivbetten werden jetzt schon knapp. Die „Zeit“ und Armin Laschet stellen sogar schon Fragen in den Raum wie „muss wirklich jeder 90jährige mit normaler Lungenentzündung auf die Intensiv“. Dahinter steckt nicht weniger als eine Vordiskussion um den bisherigen gesellschaftlichen Konsens, das jedes Leben gleich zählt, zu kippen. Aber gut, für alles andere hätte man rechtzeitig Regeln und Kriterien definieren müssen, und auch das hat die Politik verschlafen.

Da unter anderem auch versäumt wurde verbindliche Triage-Kriterien zu definieren, kann ich es keinem Intensivmediziner verübeln, wenn er demnächst nicht mehr zum Dienst geht – einfach weil er nicht entscheiden kann oder will wer leben darf und wer sterben muss. Im Schlimmsten Fall müssen Ärzte bei sowas sogar noch mit einer Anzeige wegen Totschlags rechnen.

Ganz persönlich: Ich hatte angenommen, dass ich mir bis zum Herbst diesen Jahres, in dem ich hoffentlich geimpft werden kann, nichts vorzunehmen brauche und bis dahin ohne soziale Kontakte herumhocken werde. Von daher bin ich jetzt von all diesem hin und her nicht überrascht, ich sitze hier einfach meine Zeit ab und bin darüber mal froh und mal nicht so froh und tue mir ein wenig selbst Leid wegen der hohen Arbeitsbelastung. Ich bin der letzte, der noch in der Firma arbeitet und hier neben meinem eigenen Kram für alle Kolleg:innen im Homeoffice sogar die Anrufe annehmen muss, weil Rufumleitungen nicht möglich sind(!) Das wird noch ein halbes Jahr so weitergehen, mindestens, ich mache mir da keine Illusionen.

Ich kann aber die Leute verstehen, die nicht so abgefeimt sind und immer noch Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zum normalen Leben an die hohlen Worte knüpfen, die von Lockerungen fabulieren. Diese Menschen werden wieder und wieder enttäuscht und müssen über alle Maßen frustriert sein.

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