Corona-Tagebuch

Corona-Tagebuch (33): Delta Force

Weltweit: 188.504.500 Infektionen, 4.060.516 Todesfälle
Deutschland: 3.747.072 Infektionen, 91.326 Todesfälle

492 Days Gone.

Ich lag falsch, und ich freue mich darüber.

Seit dem letzten Eintrag im Coronatagebuch sind schon wieder sechs Wochen vergangen. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan.

Die schlimmen Nachrichten zuerst: Durch exponentielle Ausbreitung ist die hoch ansteckende Deltavariante zur vorherrschenden Art geworden. Das Zeug ist so ansteckend, das es schon ausreicht, an einem Infizierten vorbei zu gehen um, sich anzustecken. Auch Geimpfte können sich infizieren – zwar gibt es weniger schwere Verläufe, aber andere Schädigungen können trotzdem auftreten… bis hin zu den Hirnschäden, die sog. Long-Covid-Symptome hervorrufen.

Da will es nicht so recht passen, dass Gastronomie und Innenstädte wieder proppenvoll sind und bei der EM bis zu 60.000 Zuschauer in einem Stadion hocken. Und tatsächlich prallen hier Ansteckungsraten der neuen Virusvariante und das Gefühl von „Pandemie muss vorbei sein“ so aufeinander, dass Inzidenzzahlen und R-Wert hochgehen, während gleichzeitig weiter gelockert werden soll.

Die Politik macht, wenn man so will, die gleichen Fehler wie im vergangenen Jahr. Und während andernorts schon wieder Länder zu Risikoregionen deklariert und alles geschlossen wird, fabuliert man in Deutschland noch von weiteren Öffnungen.

Impfstand und Durchseuchung

Immerhin, jetzt sind 47 Millionen Menschen in Deutschland mindestens einmal geimpft. Das bedeutet: 42,6% der Bevölkerung haben zwei Impfungen erhalten, 15,9 Prozent eine Impfung, 41,5 Prozent sind nicht geimpft.

Unter den nicht Geimpften sind viele Kinder, für die die Impfung von der Stiko nicht empfohlen wird. Allerdings fordern Politiker, nach dem Sommerferien die Schulen regulär zu öffnen. Das kommt bei der Übertragungsrate von Delta einer gezielten Durchseuchung gleich. Geht man davon aus, dass 5 Prozent der infizierten Kinder langfristige und bleibende LongCovid-Schäden davonträgt und wir 10 Millionen Kinder unter 12 Jahre haben, dann sind das rund 500.000 Kinder, die man vorsätzlich schädigt.

Syptome

Die Symptome von Covid haben sich geändert, bei Delta sind die anders als beim Wildtyp. Der WDR hat das mal schön als Schaubild aufbereitet:

Wer also Symptome einer Erkältung an sich entdeckt, auch als geimpfter Mensch, sollte mal einen Test machen.

Ich lag falsch

Die Priorisierung ist weggefallen, und es gab keine Verteilungskämpfe. Im Gegenteil, es wird überall vermeldet es gäbe Impfstoff im Überfluss. Da lag ich falsch, und das ist gut. Es hat freilich nicht dazu geführt, dass man über das Impfportal des Lande im Impfzentrum der Stadt Göttingen schneller Termine bekommt. Das dauert nach wie vor sehr lange. Aber immerhin gibt es Impfstoff für die Zweitimpfung.

IchIchIch

Vergangene Woche hatte ich meine zweite Impfung mit Cominarty, dem Impfstoff von Biontech. Das Impfzentrum war quasi leer, was mich sehr gewundert hat – eigentlich hätten all diejenigen hier wieder auflaufen müssen, die mit mir zusammen die Erstimpfung bekommen haben. Damals stand die Schlange einmal um den Block, dieses Mal… nüscht. Sind die alle lieber in Urlaub gefahren als sich zum zweiten Mal impfen zu lassen?

Aufgeregt war ich auch dieses Mal wieder, ich denke ja immer ich hätte mich im Datum vertan oder ein Dokument vergessen oder sowas. Tatsächlich hatte ich alles dabei, nur waren zwischenzeitlich neuere Formulare ausgegeben worden, die es dann handschriftlich auszufüllen galt. Wer meine Handschrift kennt, kann sich den Spaß vorstellen.

Die zweite Impfung soll ja heftiger sein, deshalb hatte ich mir für den Tag danach nichts vorgenommen und war auf Kopfschmerzen und Müdigkeit eingestellt. Stattdessen: Wohnung aufgeräumt und geputzt, Aktenordner ausgemistet, Blogbeitrag verfasst, Beamerlampe gewechselt, Blumen beschnitten, Garage aufgeräumt. WAS SIND DENN DAS BITTE FÜR NEBENWIRKUNGEN?

Und auch im weiteren Verlauf: Keine unerwünschten Nebeneffekte.

Nach der Impfung war die Erstellung der Zertifikate über das Impfportal sehr einfach. An der Seite anmelden, Chargennummer und Name und Geburtsdatum eingeben, schon bekommt man einen QR Code, den man ausdrucken und im Handy in der Corona-Warn-App oder der App „CovPass“ speichern kann. Damit kommt man durch Kontrollen und vermeidet (noch) Quarantäne, wenn man das vorzeigen kann.

Wer beim Hausarzt geimpft wurde, kann u.U. nicht das Impfportal nutzen, aber zur Erstellung eines Zertifikats einfach mit dem Impfpass in eine Apotheke gehen und sich dort ein Zertifikat machen lassen.

Und nun?

„Vollständer Impfschutz in 10 Tagen“ sagt die App, und das ist gut. Wenn ich vollständig geimpft bin, werde ich das tun, von dem ich schon seit 18 Monaten fantasiere: Einen dicken Dönerteller essen.

Ansonsten werde ich mich weiterhin vorsichtig verhalten. Massenveranstaltungen, Dienstreisen, Bahnfahren oder große Treffen kommen weiterhin nicht in Frage, und auch Abstand halten und das Tragen der Maske werde ich weiterhin praktizieren.

Die Impfung bedeutet leider nicht das Ende der Pandemie, auch wenn ich mir das immer so vorgestellt hatte.

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Corona-Tagebuch (32): Plötzlich ging´s doch ganz schnell

Weltweit: 172.226.125 Infektionen, 3.703.470 Todesfälle
Deutschland: 3.703.468 Infektionen, 89.026 Todesfälle

449 Days Gone.

Lage der Welt

Nicht so supi. In Afrika, Indien und UK drehen neuen Varianten wild und sorgen für mehr Infektionen. In Südamerika geht in den Kliniken der Sauerstoff aus.

Für die Mutanten gibt es jetzt Codenamen nach dem griechischen Alphabet, was sich leichter merken lässt als die kryptischen Zahlenkürzel und keine Diskrimierung auslöst, wenn die Mutante nach dem Land des ersten Auftauchen benannt wird. Die Namen sind nun:

  • Alpha: B.1.1.7, früher „britische Variante“, bekannt seit September 2020.
  • Beta: B.1.351, früher „südafrikanische Mutante“, bekannt seit Mai 2020.
  • Gamma: P.1, früher „brasilianische Variante“, bekannt seit November 2020.
  • Delta: B.1.617.2, früher „indische Variante“, bekannt seit Oktober 2020.

In Vietnam wurde gerade eine neue Variante entdeckt, die eine Mischung aus Alpha und Delta ist, die hat noch keinen Namen.

 

Lage der Nation

Das Bundesministerium handelt zunehmend populistisch und untergräbt damit ganz klar die Stellung der Ständigen Impfkommission und der wissenschaftlichen Berater:innen. So ist bspw. bekannt, dass Astra umso besser wirkt, je größer der Abstand zwischen erster und zweiter Impfung ist. Empfohlen werden 12 Wochen. Das BMG verkürzt nun auf sechs Wochen, weil Jens Spahn der Meinung ist, die Leute wollten ja gerne in Urlaub fahren.

Zeitgleich wird verkündet, dass nun jeder und seine Mudder impfen dürften, also auch Betriebsärztinnen usw., und das ab dem 07.06.21 die Priorisierung fällt – dann darf jede und jeder ab 16 Jahren sich auf die Warteliste der Impfwilligen setzen lassen.

Ist ja generell alles nicht verkehrt, nur: Es gibt halt immer noch nicht in ausreichender Menge Impfstoff. Da nützt es nichts, wenn Betriebsärztinnen impfen dürfen, aber nicht können. Und die Wartelisten selbst sind gigantisch, mit beruflicher Indikation und im März angemeldet bedeutet, dass man in Niedersachsen jetzt so langsam für Mitte/Ende Juni einen Termin bekommt.

Aber hey, das kommt vermutlich bei den Leuten nicht an. Zumindest bei einem Teil der Leute kommt die als gute Nachrichten verpackte heiße Luft aus dem Hals von Jens Spahn als „Die Pandemie ist vorbei!!“ an. Anders sind die nächtlichen Massenparties in Innenstädten oder die Öffnung von Schulen oder Unis nicht zu erklären.

Immerhin, die Inzidenz sinkt immer weiter. Spahn gibt sich darüber völlig erstaunt, dabei haben genau das die Vertreter:innen von Zero-Covid bei einem R-Wert kleiner 0,7 vorhergesagt, und mit ein wenig politischen Willen hätte man genau diese niedrigen Ansteckungs- und Todesraten schon vor Wochen haben können. Aber das wollte man ja nicht. Weil: Wirtschaft.

Verteilungskampf

Der Wegfall der Priorisierung wird absehbar eine hausgemachte Denial of Service-Attacke auf die Impfportale auslösen. Und dann? Nehmen die internetaffinen Jüngeren den Älteren die Impfplätze weg? Werden Junge neidisch auf Ältere werden? Wohl kaum. Ältere stehen meist schon auf Wartelisten, die sind aber kilometerlang. Und der Neid wird vermutlich nicht in erster Linie zwischen Alterskohorten ausgetragen, sondern innerhalb einer Kohorte. Warum gibt es bereits jetzt geimpfte 16jährige, die nun mit Mama und Papa in Urlaub fliegen, fragen sich verblüffte Mitschüler:innen und sind zu Recht sauer auf das wirkende Vitamin B, wie die Vorsitzende der Schulsprechervereinigung im Radiointerview zu Protokoll gab.

IchIchIch

Vergangene Woche hatte ich mich an dieser Stelle noch über das unfassbar komplizierte Prozedere beklagt, das man in Niedersachsen jedes mal durchlaufen muss um überhaupt nur zu erfahren, ob es freie Termin im Impfzentrum gibt. Am selben Tag geschah das Wunder: Eine Kollegin gab mir Bescheid, dass in einem privaten(!) Onlineportal gerade freie Plätze für das Göttinger Impfzentrum angezeigt wurden – und ich konnte einen davon ergattern! Und zwar nicht für irgendwann im August, sondern für Übermorgen!

Am vergangenen Samstag bin ich also zum Impfzentrum getöffelt, das hier mitten in einem Industriegebiet liegt. Ich bin eineinhalb Stunden vorher losgefahren – den wichtigsten Termin meines Lebens wollte ich nicht wegen eines zickigen Autos oder überlanger Parkplatzsuche verpassen. Das ich dann eine Stunde vor Termin da war, stellte sich als perfektes Timing heraus – die Warteschlange stand nämlich einmal um den Block herum, und es dauerte schon eine Stunde, bis ich überhaupt einen Fuß in die heiligen Hallen setzen konnte.

Dort war dann alles perfekt organisiert, alle sehr freundlich und der Ablauf zügig. Weil ich alle nötigen Dokumente, wie Einwilligungserklärung und Anamnsebogen, schon ausgefüllt mitgebracht hatte, war ich schon 30 Minuten später dran und eine Beobachtungsviertelstunde später konnte ich das Impfzentrum wieder verlassen. Ich habe tatsächlich eine Injektion mit Comirnaty zugeteilt bekommen, dem Impfstoff von BionTech/Pfizer, aber es gab auch Astra Zeneca und Moderna.

Ungewünschte Effekte gab es bei mir keine, sieht man von Druckempfindlichkeit an der Einstichstelle am ersten Tag und gelegentlich ultrakurz aufblitzenden, stechenden Kopfschmerzen am 5. Tag ab (aber die können auch vom schwülen Wetter gekommen sein).

Übrigens stellte sich im Nachgang raus: Statt der üblichen maximal 900 Impfungen pro Tag hatte das Impfzentrum an diesem Samstag fast doppelt so viele durchgeführt, weil gerade eine dicke Lieferung Impfstoff gekommen war – ein weiterer Beleg dafür, dass die Infrastruktur zur Verimpfung durchaus vorhanden ist, es fehlt nur an Material.

Umfeld

Diese Woche haben tatsächlich alle meine Kolleg:innen einen Termin für eine Impfung bekommen. Aber: So gut wie nie auf einem regulären Weg. Vorgedrängelt haben wir uns aber auch nicht.

Drei von uns haben über das private Portal „Impfsuche.de“ von freien Plätzen in unserer Nähe erfahren und dank der vorher im Firmenchat kommunizierten Anleitung und Druck der Kolleg:innen einen Platz bekommen. Zwei hatten das Glück bei einem Hausarzt zu sein, der unerwartet viel Stoff bekommen hat, aber auf Fortbildung musste. Der hat dann einfach jeden geimpft der zur Tür rein kam. Und der Rest kam tatsächlich bei Hausärztinnen regulär unter oder stand aufgrund besonderer Indikation schon seit drei Monaten auf Prioritätslisten und hat nun Termine für Mitte/Ende Juni bekommen.

Meine Leute haben damit sicher ihre Termine, und das erleichtert mich ungemein und eröffnet Perspektiven. Auch, wenn der Ausnahmezustand erst in drei Monaten so langsam ausschleicht.

So kann´s gehen. Eben dachte ich noch, es bewegt sich gar nichts, und nun ist binnen einer Woche alles anders. Positive Überraschungen sind zur Abwechslung auch mal etwas schönes.

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Corona-Tagebuch (31): Maximal kompliziertes Gelotter

Weltweit: 168.502.092 Infektionen, 3.500.383 Todesfälle
Deutschland: 3.671.057 Infektionen, 87.995 Todesfälle

Tag 441 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Die Impfstofflage wird langsam besser, ist aber immer noch nicht gut. Das Johnson&Johnson faktisch ausfällt, von Moderna und Biontech viel weniger geliefert wird als erwartet und jetzt erst einmal die Zweitimpfungen dran sind, macht es nicht besser. Immerhin, etliche Personen aus meinem Bekanntenkreis bekommen mittlerweile Impfangebote über ihre Hausarztpraxen.
Ich nicht.
Und warum das so ist, weiß ich seit heute.

Hausarztgelotter

Erst dachte ich ja, es läge daran, dass meine Hausärztin, bei der ich seit 20 Jahren war, vor sechs Wochen unvermittelt in Rente gegangen ist. Zu genau dem Zeitpunkt, an alle ihre Patient:innen sie dringend gebraucht hätten.

Ein neuer, mir unbekannter Arzt hat die Praxis übernommen, sie umbenannt und dann…. geschlossen. Im Ernst, der hat die Praxis übernommen und sie sofort zugemacht, um erstmal drei Wochen in Urlaub zu fahren.

Jetzt ist er wieder da, trotzdem kein Impfangebot. Weil: Die haben vergessen meine Anmeldung in DIE LISTE einzutragen. Wobei DIE LISTE aus zwölf speckigen, eselsohrigen Papierblättern besteht, die jeweils in drei Spalten eng und handschriftlich bekritzelt sind. Ernsthaft, auch unter dem neuen Arzt gilt der Einsatz von Excel wohl als Raketenforschung. Erschütternd.

Nun stehe ich immerhin auf DER LISTE, auf Seite 12, ganz unten rechts. Vor mir mehrere hundert Leute. Und für Erstimpfungen gibt es pro Woche zwei Ampullen, das sind 10 Dosen. Ginge es in dem Tempo weiter, bin ich ca. in zwei Jahren dran. Da geht es vermutlich im Impfzentrum schneller, oder?

Impfzentrum

Dieser Tage rollte die Meldung durch, es gäbe nun eine „Impfstoffbörse“ in Niedersachsen. Seltsamer Begriff, „Impfstoff-Lotterie“ passt besser. Der Gedanke dahinter: Sollte ein Impfzentrum freie Plätze haben, lassen die sich ad hoc buchen. In der Praxis ist das jedoch maximal kompliziert. Ich dokumentiere das mal hier, weil es so absurd. ist. Die Probleme sind:

  1. Man muss immer noch impfberechtigt sein, also entweder eine berufliche oder medizinische Indikation aufweisen. Die Indikationen sind genau definiert, eng gesteckt und müssen schriftlich nachgewiesen werden.

  2. Das Impfportal in Niedersachsen gibt die Termine nicht einfach so bekannt. Um zu erfahren ob etwas frei ist, muss man das gleiche Registrierungsverfahren durchlaufen wie bei der Anmeldung zur Impfung, auch wenn man das schon einmal für einen Eintrag in die Warteliste getan hat. Das schreckt schon mal die meisten ab, weil sie denken, sie seien hier verkehrt. „Impfbörse? Hier ist keine Impfbörse. Nur sie Seite wo ich mich doch schon für die Warteliste angemeldet habe!“

WEr sich doch traut, muss die folgenden 7 Schritte durchlaufen:

1. Formular Datenschutzerklärung, ->
2. Formular: Angabe, ob man einen Einzel- oder einen Gruppentermin vereinbaren oder eine Buchung stornieren möchte. (Wobei es gar nicht möglich ist Gruppentermine zu buchen) ->
3. Formular Alterseingabe, ->
4. Formular: Angabe ob berufliche Indikation vorliegt ->
5. Formular: Angabe ob medizinische Indikation vorliegt,
6. Formular: Belehrung und Hinweise, Warndialog.

Auf dem 7. Formular erfährt man nun, ob gerade Termine frei sind.

Wohl gemerkt, dass ist keine einmalige Sache – das Importal Niedersachsen kennt nämlich keine Accounts, weshalb man dieses Prozedere JEDES Mal machen muss, wenn man nach freien Terminen gucken möchte.

Sollten doch Termine frei sein, heißt es schnell handeln, denn befindet man sich im Rennen um die Zeit mit Dutzenden anderen Impfwilligen und auf einem maximal komplizierten Hinderniskurs.

Als erstes muss eine Mobiltelefonnummer angegeben und ein Captcha abgetippt werden, so ein ganz klassisches mit verdrehten Zahlen und Buchstaben und Groß- und Kleinschreibung. Hat man das geschafft, ohne sich in der Aufregung zu vertippen, bekommt man einen Code per SMS.

Den muss man auf der Seite eingeben und kommt dann auf ein Registrierungsformular für Name, Adresse, Schuhgröße.

Spätestens bei der Adresseingabe wird es richtig hakelig, denn das Feld für die Straße akzeptiert scheinbar keine Eingabe. Tippt man da etwas rein und geht weiter zum nächsten Feld, verschwindet die Eingabe und es kommt der Hinweis „Pflichtfeld nicht ausgefüllt“. Zarte Gemüter geben hier bereits auf, dabei ist das nur ein fiese Falle in Form eines schlecht designten Formulars.

Was hier passiert, ist aber auch perfide: Tatsächlich lädt die Website im Hintergrund ein Straßenverzeichnis vor Ort. Das soll Fehleingaben verhindern und ist gleichzeitig als Komfortfunktion gedacht, aber in diesem Fall superschlecht implementiert: Es dauert 5 bis 10 Sekunden bis das Straßenverzeichnis geladen ist und als Vorschlagsfeld erscheint. Dann liegt es aber UNTER dem Autocomplete-Feld des Browsers UND es ist es nicht an der richtigen Stelle, sondern fängt immer bei „A“ an.

In der Praxis sieht das so aus: Wohne ich im Zukowski-Weg und beginne mit der Eingabe, lädt ab dem dritten Buchstaben der Eingabe („Zuk“) unebemerkt im Hintergrund das Straßenverzeichnis. Bin ich zu schnell und springe weiter bevor es fertig geladen ist, gibt es einen Fehler. Bleibe ich lange genug in dem Feld, erscheint das Verzeichnis als Drop-Down und bietet mir als Vorschlag zur automatischen Ergänzung von „Zuk“ den Beginn des Alphabets an, also den „Aaron-Droschke-Weg“. Davon lässt es sich auch nicht mehr abbringen, weitere Eingaben per Tastatur ignoriert das Feld. Lösung: Man muss dann per Hand durch das Verzeichnis ALLER STRAßEN DES WOHNORTS scrollen bis zur richtigen Straße und die anklicken. Erst dann geht es weiter… und nun kommt in der Regel dann die Meldung „Leider keine Termine mehr frei“ – Rennen verloren.

Impfsuche.de

Damit man den ganzen Quatsch zumindest bis zum SMS-Captcha abkürzen kann, bietet sich für Niedersachen die Seite „Impfsuche.de“ an. Keine Ahnung, woher die private Seite ihre Daten hat, aber die Seite aktualtisiert sich selbst und zeigt zeitnah an, wenn irgendwo Termine frei werden. Sehr praktisch. Zumindest bekommt man mit, wenn wieder eine Lotterie im Rennen um einen Impfplatz startet.

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Corona-Tagebuch (30): Es wird langsam besser(?)

Weltweit: 165.555.872 Infektionen, 3.430.955 Todesfälle
Deutschland: 3.635.162 Infektionen, 87.128 Todesfälle

Tag 435 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Es scheint langsam besser zu werden. Die Inzidenzzahlen sinken, in manchen Regionen sogar stark. Lag Göttingen vor zwei Wochen noch bei 180 Infizierten pro 100.000 Einwohnern, sind es heute gerade noch 56. Effekt eines letzten, kollektiven Zusammenreißens, nach dem die Situation dramatisch wurde? Oder liegt es an den Impfungen? Man weiß es nicht.

Besser wurde es auch mit der Impfstoffversorgung. Stand heute sind fast 40 Prozent der Bevölkerung zumindest mit einer von zwei Dosen geimpft, und aus dem erweiterten Freundeskreis, der Familie und von Kunden höre ich allerorten, dass sie zumindest „den ersten Pieks“ schon bekommen haben. Allen gemein ist, dass die Impfung über die Hausarztpraxis erfolgte. Zur Erinnerung: Als ich vor 8 Wochen bei der neuen und mir nach wie vor unbekannten Hausärztin fragte, ob ich auf die Warteliste kann, hieß es: „Sicher, aber machen sie sich keine Hoffnungen, die Liste ist riesenlang, wir kriegen pro Woche weniger als 20 Dosen und priorisieren nach Alter“.

Die Versorgungssituation hatte sich in den vergangenen Wochen offensichtlich gebessert, fällt aber gerade wieder in sich zusammen. Jetzt stehen nämlich die Zweitimpfungen an, und das bedeutet zumindest in Südniedersachsen: Für Erstimpfungen bekommt jede Praxis nur noch zwei Ampullen pro Woche. Das sind 10 Dosen. So lange also nicht die Impfstoffmenge drastisch zulegt, wird es jetzt langsamer gehen als vorher. Das Impfstoff vom Himmel fällt ist unwahrscheinlich, das Gegenteil ist der Fall. Nach den MrNA-Impfstoffen von Pfizer-Biontech und Moderna und dem Vektorimpfstoff von Astra Zeneca sollte der von Johnson&Johnson in großen Mengen eingesetzt werden, aber nachdem die Produktions- und Nebenwirkungsprobleme haben, steht der Einsatz noch in den Sternen.

Ebenfalls unsicher ist die Lage nach dem 07. Juni. Dann soll die Impfpriorisierung fallen, jeder ab 16 Jahren soll sich dann einen Impftermin geben lassen können. Was als erstes passiert ist klar, die Impfportale zur Terminvergabe werden zusammenbrechen. Und dann?

Hoffnung für mich selbst, in den kommenden Wochen geimpft zu werden, habe ich wenig. Schon jetzt, wo die Priorisierung noch in Kraft sind, wären rein rechnerisch noch 600.000 Menschen vor mir dran. Keine Ahnung wie das wird, wenn die Reihenfolge nicht mehr gilt.

Aber ach, egal. Bleibe ich halt noch ein halbes Jahr im Keller hocken und gehe nicht raus. Habe ich mich ja mittlerweile dran gewöhnt. Sehnsucht nach einer Motorradreise ist das Schlimmste, was mich gerade plagt, und so lange es nur das ist, geht´s mir gut.

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Corona-Tagebuch (29): Nicht nichts tun oder doch nicht

Weltweit: 154.386.183 Infektionen, 3.228.547 Todesfälle
Deutschland: 3.451.550 Infektionen, 83.876 Todesfälle

Tag 419 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Seit dem letzten Eintrag ins Corona-Tagebuch ist viel passiert. Nachdem die Inzidenzzahlen durch Decke gingen und trotzdem einzelne Ministerpräsidenten was von Öffnungen faselten, Lockerungen ankündigten und am Ende nicht mal mehr zur gemeinsamen Konferenz von Bund und Ländern kommen wollten (weil die vorbereitet werden müsste, und dafür habe ja niemand Zeit), setzte sich der Bundeskanzler Frau Merkel in eine Polittalkshow und sprach ganz besonnen die Worte „Ich werde mir das nicht noch zwei Wochen anschauen und nicht nichts tun“. Dahinter stand nicht weniger als die Drohung, den Ländern Kompetenzen wegzunehmen.

„Ich werde zwei Wochen nicht nichts tun“

Dann tat sie: Nichts. Drei Wochen lang.

Dann gab es endlose Debatten, dann war Mittag, dann Wochenende, dann gab es Diskussionen, und am Ende beschloss der Bundestag eine Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes, damit es nun bundesweit einheitliche Regelungen geben könne.

Auf den Weg gebracht wurden dann aber nicht Maximalinzidenzwerte von 35 oder so, wie von Epidemiologen empfohlen. Oder eine Homeofficeflicht. Oder die Schließung von Schulen und nicht systemrelevanten Betrieben. Nein, stattdessen eiert die „Notbremse“ um einen Wert von 100 herum, ab dem es dann nächtliche Ausgangssperren geben soll. Also weitere Einschränkungen der Grundrechte, aber keine für Betriebe. Schon krass, dass man selbst eine „Bundes-Notbremse“ (so wird das genannt) so verkacken kann. Zumal Intensivmediziner nicht nur Alarm schlagen, sondern mittlerweile Türen eintreten, weil es in den Krankenhäusern nicht fünf vor zwölf ist und auch nicht fünf nach, sondern Viertel nach. So krass ist das mittlerweile. Immerhin haben anscheinend viele Menschen außerhalb der Politik den Ruf gehört und setzen auf Selbstverzicht, denn die Infektionszahlen sinken aktuell.

Charite 43

Dabei war das Personal schon nach der zweiten Welle am Ende. Sehr eindrücklich wird das in der vierteiligen Doku „Intensiv Charite 43“ gezeigt, die von Dezember bis März das Sterben auf einer Berliner Intensivstation begleitet hat. Ausgelaugtes Personal, Auswirkungen von Long-Covid und eine Erklärung, was ECMO eigentlich ist inklusive. Kann und sollte man sich hier angucken: Mediathek.

Impffortschritt

Mit dem Impffortschritt geht es so langsam voran. 29 Prozent haben eine Impfung bekommen, 8 Prozent zwei. Man hört Gerücjte, dass ja angeblich unfassbare Impfstoffmengen kämen und bis Ende Juni alle Impfwilligen zumindest eine Dosis erhalten könnten. Glauben tue ich das erst, wenn ich selbst einen Termin habe.

Aktuell wird hart über die Rückgabe von Grundrechten für Geimpfte diskutiert. Ich bin in der Frage zwiegespalten. Natürlich muss die Ausübung der Grundrechte so schnell wie es geht wieder gestattet werden. Auf der anderen Seite wird eine fehlende gesellschaftliche Solidarität dazu führen, dass die Spannungen zunehmen werden. Menschen werden agressiv Impfungen einfordern, auch wenn sie noch nicht dran sind. Spätestens wenn der geimpfte Nachbar in den Sommerurlaub fliegt, während die ungeimpften weiter im Keller sitzen sollen, werden die Verwerfungslinien sichtbar. Da aktuell die „was kostet die Welt nach uns die Sintflut“-Generation der Boomer geimpft wird, ist mit freiwilliger Solidarität nicht zu rechnen. Und natürlich werden jetzt schon Impfpässe gefälscht, denn an eine fälschungssichere Dokumentation oder einen Nachweis der Impfung, auch daran hat niemand gedacht. Auch das wurde episch verkackt.

Wundert in der aktuellen Situation niemanden, aber was mich erstaunt ist, dass es anscheinend überhaupt keine Pläne für Pandemien gab. Weder Szenarien zur Frühwarnung noch Katastrophenschutz noch Austiegswege lagen als Pläne in der Schublade. Zum Vergleich: In manchen Asiatischen Ländern werden Impfzentren dauerhaft im Rahmen der Vorsorge vorgehalten. Passiert tatsächlich was, zieht man die Abdeckplanen von den medizinischen Geräten, wischt mal schnell Staub und setzt dann die vorbereiteten Pläne für Isolationsszenarien um. DAS ist Katastrophenschutz. Aber in Deutschland? Nüscht.

Wichtig: App

Genau wie die Kontaktnachverfolgung per App. Zwar kann das die offizielle Corona-App mittlerweile, viele setzen aber auch die proprietäre und kommerzielle LUCA-App, die nicht nur teuer, sondern auch ein Datenschutz- und Datensicherheitsalbtraum ist. MP Müller setzte sich breit grinsend hin und erläuterte, dass er von Technik ja keine Ahnung habe, aber diese App, die habe er für Berlin gekauft. Mal ehlrich Berlin, wo habt ihr diese Pfeife her?

Apropos App, wer geimpft ist, sollte bitte die SafeVac-App des Paul-Ehrlich-Instituts nutzen. Darin kann man Wirkungen und Nebenwirkungen erfassen, die werden anonym ausgewertet um von möglichen Nebeneffekten der Impfungen zu erfahren.

SafeVac für IOS

SafeVac für Android

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Corona-Tagebuch (28): Ich verstehe es nicht mehr


Weltweit: 132.456.676 Infektionen, 2.873.821 Todesfälle
Deutschland: 2.909.902 Infektionen, 77.401 Todesfälle

Tag 390 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ich verstehe es nicht mehr. Ich verstehe nicht mehr, was hier passiert.

Da warnen Wissenschaftler:innen seit Anfang des Jahres vor einer dritten Welle und sagen das Szenario ganz exakt voraus: Sobald die Alten geimpft sind, besteht die Gefahr und die Verlockung leichtsinnig zu werden, vorschnell Öffnungen voran zu treiben und DANN werden die Fallzahlen durch die Decke gehen und die medizinischen Kapazitäten überlastet sein. Genau in dieser Phase sind wir gerade, das ist die dritte Welle, weiter angefeuert durch immer ansteckendere Virusmutanten.

Aber was machen die Landespolitiker? Beschließen keine härteren Maßnahmen. Keine Homeoffice-Pflicht. Keine Mobilitätseinschränkungen. Stattdessen stellen die sich hin und handeln exakt entgegen aller Empfehlungen. Faseln trotz steigender Fallzahlen von Öffnungen und richten Modellregionen ein. Man brauche nur genug testen, dann könnte man alles wieder aufmachen. Klappt nur nicht, auch in den Modellregionen gehen die Fallzahlen hoch, stärker noch als anderswo. Ich verstehe es nicht.

Angesicht steigender Fallzahlen rudern Gestalten wie Armin Laschet nun mit den Ärmchen, machen dicke Backen und verkünden, dass mit einer dritten Welle ja niemand rechnen konnte, keiner konnte das wissen! Alle sind ja so überrascht! Und wenn ihm jetzt mal einer sagen könnte was man noch tun kann um die Pandemie einzudämmen, dann würde er, Armin Laschet, CDU-Chef und Ministerpräsident von NRW, vielleicht drüber nachdenken.

Das sorgte unter dem Hashtag #Laschetdenktnach für feinen Spott auf Twitter. Rausgekommen ist bei dem Nachdenken ohne hin nur ein neues Wort, das wohl Laschets PR-Berater erfunden haben: Brücken-Lockdown. So wie ein normaler Lockdown, nur, öhm, anders benannt. Darüber wolle er auf einer Ministerpräsidentenkonferenz sprechen, die er – MAN HALTE SICH FEST! – in Präsenz abhalten will, weil „online nicht funktioniert“. Ich verstehe es nicht.

Es ist zum Heulen. Was wir bräuchten ist ein echter Lockdown, bei dem auch Büros und Betriebe zugemacht werden, bei dem es Ausgangssperren auch tagsüber gibt. Damit könnte man die Fallzahlen runterbekommen. Dreiviertel der Bevölkerung befürworten dieses Vorgehen. Und was machen die Bundesländer? Das Saarland öffnet komplett. Niedersachsen macht nüscht. Alle anderen irrlichtern irgendwo dazwischen rum. Ich verstehe es nicht.

Über die Osterfeiertage wurde wenig getestet und vielerorts die Testzahlen nicht weitergeleitet, weil in den zuständigen Stellen niemand gearbeitet hat. Was machen Städte wie München? „Oh, die Fallzahlen sind ja voll niedrig, gleich mal Öffnungen einleiten“. Ich verstehe es nicht.

An den Wochenenden fahren immer die gleichen Esoteriker, Neonazis und Spinner mit Bussen in immer andere Städte, marodieren unter dem Deckmäntelchen einer „Querdenker-Demo“ ohne Masken und Abstand herum und die Polizei ist jedes Mal überfordert, weicht zurück, zeigt Sympathien. Die Lokalpolitik gibt anschliessend zu Protokoll, dass ja NIEMAND damit rechnen konnte, dass die Infektionsschutzauflagen verletzt oder Journalisten bedroht wurden. Ich verstehe es nicht, denn diese demoktatiezersetzenden Quatschdemos muss man nicht stattfinden lassen. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein Grundrecht und ein hohes Gut, aber es kann eingeschränkt werden – wenn die Maßnahmen erforderlich und angemessen sind, und das geben die Infektionsschutzgesetze her. Das man die nicht einsetzt sondern JEDE WOCHE WIEDER überrascht ist wie gewalttätig diese Superspreaderevents sind – ich verstehe es nicht.

Eine Krankheit verhandelt nicht. Was sagt der regierende Bürgermeister von Berlin, auf die Frage warum er sich angesichts durch die Decke knallender Infektionszahlen weigert, die zuvor verabredeten Maßnahmen umzusetzen? Er fände es nicht gut, die in den letzten Wochen so hart erkämpften Freiheiten jetzt wieder zurück zu nehmen. Ich verstehe es nicht.

Die Politik, vor allem die Konservative, scheint überall genau das Gegenteil von dem zu tun, das die Wissenschaft sagt und die Mehrheit der Bevölkerung unterstützen würden. Warum ist das so?

Vielleicht wird tatsächlich nur ein Schuh draus, wenn man sieht, mit welcher Intensität und Lautstärke Wirtschaftsverbände in den Nachrichten vorkommen und Geld/Öffnungen/keine Maßnahmen fordern. Allein die Unverschämtheit, mit der die Vorsitzende des Gaststättenverbandes Forderungen und Drohungen ausstösst, würde jede Schuldeneintreiber rot werden lassen. Wirklich, wenn ich die Frau sehe, denke ich immer nur: Die geht über Leichen, für die sind ihre Klientel wichtiger als Menschenleben.

Man neigt dazu, schnell in den Bereich der Verschwörungstheorien abzukippen, aber angesichts der Tatsache, dass sich die Politikfamilienclans, von den Kohls über die Straußs bis hin zu den Gauweilers alle an der Krise bereichert haben, liegt die Vermutung nahe, dass der Einfluss der Wirtschaft für die Politik einen viel höheren Stellenwert hat als Menschenleben. Vielleicht ist das wirklich die Erklärung.

Achso, Impftechnisch geht es gefühlt auch nicht voran. Immerhin dürften jetzt Hausärzt:innen impfen, wenn sie Impfstoff bekämen. Das ist gut, Hausärzt:innen kennen ihre Patienten und können die Reihenfolge selbst am Besten festlegen. Da passt es ja voll supi, dass meine Hausärztin vorvergangene Woche beschlossen hat, dass es genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre in Rente zu gehen. Ich verstehe es nicht.

Zu Abschluss Rezo. Nicht in einem seiner legendären Recherchevideos, sondern im offenen Talk:

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Corona-Tagebuch (27): Ich habe um Verzeihung gebeten!

Weltweit: 124.795.168 Infektionen, 2.744.102 Todesfälle
Deutschland: 2.713.180 Infektionen, 75.440 Todesfälle

Tag 378 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

In der Welt erholen sich die USA unter Biden im Turbotempo. Impfungen gibt es mittlerweile in Drive-Thrus und Schreibwarengeschäften, der Impffortschritt ist gewaltig, bis Ende April sollen alle impfwilligen Amerikaner:innen über 18 ein Vakzin erhalten haben. Und es sieht so aus, als schafften sie das.

In Kassel protestierten am vergangenen Wochenende 20.000 Menschen gegen Coronamaßnahmen und Impfungen. Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Anstand, dafür aber in drollige Herzchen- oder Alfkostüme gewandet, mit Judensternen mit der Aufschrift „Ungeimpft“ am Revers und/oder mit Reichsflaggen. Das Ganze weitgehend unbehelligt von der Polizei, obwohl zuvor über alle Social-Media-Kanäle die Ankündigung und auch Verhaltensanweisungen rauschten. Darunter auch sowas wie „Frauen mit Babys nach vorne, das gibt geile Bilder, wenn die Polizei die angreift“.

Guckt man sich die Filme von der Demo an, fällt schnell auf: Diese Menschen sehen sich als Bewahrer der Demokratie, als Verteidiger der Gesundheit, als Widerstand gegen einen oppressiven Staat.

Was außerdem auffällt: Keiner von denen hat noch alle Latten am Zaun. Egal ob das die älteren AFD-Herren sind, die offensichtlich Bücher aus dem Kopp-Verlag lesen oder Verschwörungsvideos gucken, die Esoteriker-Mamas und Omas, die keifen und schreien und spucken und schlagen, während sie Pace-Flaggen und Herzchenluftballons hinter sich herziehen, oder die Neonazis, die Gegendemonstranten zusammentreten: Diese Coronademos ziehen den Bodensatz der Gesellschaft an, auch wenn der sich als bürgerlich verkleidet.

Der Polizei muss man den Vorwurf machen SCHON WIEDER kein ordentliches Konzept gehabt zu haben, obwohl der Querdenker-Demo in Kassel welche in Dresden und Berlin vorangegangen sind und klar war, was passieren wird. Allerdings: Die Wirksamkeit der Polizei beruht auf der gesellschaftlichen Konvention, dass die Polizei respektiert wird. Das tun diese Leute aber nicht, und damit ist die Polizei immer in der Unterzahl und kann nur begrenzt durchgreifen.

Auf den Balearen toben die Deutschen rum. Die Inseln wurden zum Niedrigrisikogebiet erklärt, am nächsten Tag setzten die Airlines zusätzliche Flieger aufs Programm. Dem Vernehmen nach alle voll besetzt, Tausende von Deutschen fliegen in den Osterurlaub nach Malle. Das ist völlig unverständlich, zumal selbst Spanier keinen Urlaub in Spanien machen dürfen.

In Deutschland regiert… ja, wer eigentlich? Der letzte Tagebucheintrag schloss mit „erbärmlich“ in Bezug auf das Handeln der Bundesregierung, und seitdem ist es nicht besser geworden.

Höhe- oder besser vorläufiger Tiefpunkt war dann am Mittwoch dieser Woche erreicht. Zuvor hatten die Runde aus Bund und Ministerpräsidenten 13 Stunden und bis Nachts um drei Uhr über das weitere Vorgehen verhandelt. Die Gemengelage war wohl unübersichtlich, angesichts der Mallorca-Geschichten wollten einige MPs wohl Urlaub im eigenen Bundesland ermöglichen. Angesichts der Ausbreitung der ansteckenderen und tödlicheren Virusvariante B1.1.7 keine gute Idee, eigentlich müssten die Maßnahmen verschärft werden. Da man aber den Leuten seit Monaten erzählt, sie seien ja schon in einem „Lockdown“ hatte man wohl Angst tatsächlich Büros zu schließen oder Ausgangssperren zu verhängen.

Irgendwann um drei Uhr Nachts hielt es die Runde dann kollektiv für eine gute Idee, einen „harten Lockdown“ in einer „erweiterten Ruhezeit“ zu machen, sprich: Den Gründonnerstag in der kommenden Woche wie einen Feiertag zu behandeln und damit 5 Tage alles geschlossen zu halten. Also, bis auf die Supermärkte am Samstag.

Kaum wurde die Entscheidung verkündet, gab es große Verwirrung – wie soll das gehen, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?? Dann gab es noch einen Auto-Gipfel im Kanzleramt und einen Tag später stand Merkel vor der Presse und warf sich in die Schußlinie vor die Ministerpräsidentenbagage um davon zu fabulieren, dass man den Kurz-Hard-Lockdown nun doch nicht machen würde, dass sei allein ihr Fehler gewesen das vorzuschlagen und sie bitte um Verzeihung. Auf Nachfragen reagiert sie patzig, weil: Sie hat doch schon um Verzeihung gebeten, und damit muss auch mal gut sein.

Wie es weitergeht weiß offiziell niemand. Von der letzten MPK-Runde bleibt jetzt nur die „Bitte zu Hause zu bleiben“ – keine Maßnahmen, keine Büroschließungen, nichts.

Aber es wird noch besser: Merkels Entschuldigung führt dazu, dass einige Bundesländer nun machen, was sie wollen. Das Saarland bspw. plant, nach Ostern Einzelhandel, Fitnessstudios und Hotels, also: ALLES wieder komplett zu öffnen. Das halte ich, gelinde gesagt, für Wahnsinn. Wir sind in der B1.1.7 induzierten dritten Welle, die Fallzahlen steigen exponentiell, und wovon noch niemand spricht ist P.1, eine brasilianische Mutante – noch ansteckender, noch tödlicher und: Anscheinend helfen die bisherigen Impfungen dagegen nicht.

Da zeichnet sich eine echte Katastrophe ab, die Intensivbetten werden jetzt schon knapp. Die „Zeit“ und Armin Laschet stellen sogar schon Fragen in den Raum wie „muss wirklich jeder 90jährige mit normaler Lungenentzündung auf die Intensiv“. Dahinter steckt nicht weniger als eine Vordiskussion um den bisherigen gesellschaftlichen Konsens, das jedes Leben gleich zählt, zu kippen. Aber gut, für alles andere hätte man rechtzeitig Regeln und Kriterien definieren müssen, und auch das hat die Politik verschlafen.

Da unter anderem auch versäumt wurde verbindliche Triage-Kriterien zu definieren, kann ich es keinem Intensivmediziner verübeln, wenn er demnächst nicht mehr zum Dienst geht – einfach weil er nicht entscheiden kann oder will wer leben darf und wer sterben muss. Im Schlimmsten Fall müssen Ärzte bei sowas sogar noch mit einer Anzeige wegen Totschlags rechnen.

Ganz persönlich: Ich hatte angenommen, dass ich mir bis zum Herbst diesen Jahres, in dem ich hoffentlich geimpft werden kann, nichts vorzunehmen brauche und bis dahin ohne soziale Kontakte herumhocken werde. Von daher bin ich jetzt von all diesem hin und her nicht überrascht, ich sitze hier einfach meine Zeit ab und bin darüber mal froh und mal nicht so froh und tue mir ein wenig selbst Leid wegen der hohen Arbeitsbelastung. Ich bin der letzte, der noch in der Firma arbeitet und hier neben meinem eigenen Kram für alle Kolleg:innen im Homeoffice sogar die Anrufe annehmen muss, weil Rufumleitungen nicht möglich sind(!) Das wird noch ein halbes Jahr so weitergehen, mindestens, ich mache mir da keine Illusionen.

Ich kann aber die Leute verstehen, die nicht so abgefeimt sind und immer noch Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zum normalen Leben an die hohlen Worte knüpfen, die von Lockerungen fabulieren. Diese Menschen werden wieder und wieder enttäuscht und müssen über alle Maßen frustriert sein.

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Corona-Tagebuch (27): Was die Leude woll´n


Weltweit: 115.199.608 Infektionen, 2.560.287 Todesfälle
Deutschland: 2.242.913 Infektionen, 71.289 Todesfälle

Tag 356 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Öffnungen!

Öffnungen! Yay! Gerade waren wir noch im „Lockdown“ (ohne inländische Mobilitätsbeschränkungen, Lebensmittelhandel geöffnet, etc. – also weit von einem echten Lockdown entfernt), nun gibt es Lockerungen. Schulen auf! Buchhandlungen auf! Gartencenter auf! Supi!

Problem ist nur: Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Begründung. Im Gegenteil. Die ansteckenden Virusmutationen breiten sich rasant aus, Ansteckungszahlen sind erst auf hohem Niveau verharrt, jetzt steigen sie wieder.

Der angepeilte Inzidenzwert von 35, den der Bund vorgeschlagen hat, kann nicht erreicht werden, nicht mal der Wert von 50 aus dem ersten Lockdown ist in Sichtweite. Wir baumeln so um die 64, Tendenz steigend.

Aber jetzt gibt es Lockerungen. Und warum ist das so?

Was die Leude woll´n

„Das ist das, was die Leute von uns erwarten“ sagt Hamburgs Bürgermeister Tschentscher. Mit anderen Worten: Wir wissen dass das alles jetzt Mumpitz ist und viele Menschen das Leben kosten wird. Aber wir haben Druck und deshalb lockern wir jetzt.

Das ist erbärmlich. Politik soll nicht machen, was sie denkt was die Leute erwarten, sondern was die Menschen brauchen. Ich will jetzt aber nicht schon über diese Politikergeneration schimpfen, die denkt, dass ihr Job darin besteht Symbolpolitik zu machen und diese an Umfrageergebnissen auszurichten. Das haben die halt in den Merkeljahrzehnten nicht anders gelernt. Keine Visionen, keine Führungsstärke, nur Machterhalt. Nein, ich würde mir gerne mal angucken wollen woher die Zahlen kommen, nach denen Leute wie Tschentscher ihre Politik glauben ausrichten zu müssen.

Dreiviertelmehrheit

Interessant ist nämlich: Nach aktuellen Umfragen denken zwischen 71 und 79 Prozent der Befragten, die Maßnahmen seien angemessen oder noch nicht stark genug und das erst gelockert werden sollte, wenn die Fallzahlen nicht zu stark steigen.

Der Wert erodiert langsam, aber gut, wir sind alle Pandemiemüde. Aber: Lediglich 24 bis 27 Prozent gehen die Maßnahmen zu weit. Und wie verteilen sich diese Maßnahmen auf Parteipräferenzen?

Guck mal an. Die Rufe, dass jetzt unbedingt gelockert werden muss, kommen am lautesten aus der AFD und der FDP und aus der Linken. Also Rechtsextremen, die aus Prinzip gegen alles sind, Esoterikern und Vertretern der Clientelwirtschaft, die ihre Nasen tief im Hintern der Hotellobby haben. Das sind übrigens die gleichen Leute die es super finden, das aktuell der Buchhändler Thalia, Gartenmärkte und Elektrohändler gegen die Coronamaßnahmen klagen. Moment, Buchhändler? Sind das nicht die, die wieder öffnen dürfen?

Könnte es sein, dass die Ministerpräsident:innen der Länder ihre Politik nicht an der Mehrheit dessen, was „die Leude“ wollen ausrichten, sondern nur an denen, die am lautesten schreien und die dickste Lobby haben?

Es geht nicht voran

Angeblich stehen in manchen Regionen Ladungen an Impfstoff unverimpft herum, weil manche Sorten einen schlechten Ruf haben oder die Orga nicht in die Pötte kommt. In anderen Regionen stehen die Impfzentren leer, weil es keinen Impfstoff gibt. Aktuell werden angeblich die über 80jährigen außerhalb von Heimen geimpft, aber im Schneckentempo.

Während die USA zuversichtlich sind bis Ende Mai die Impfwilligen unter ihren 332 Millionen Einwohner durchgeimpft zu haben, wird es bei uns in diesem Tempo bis ins nächste Jahr rein dauern. Oder, wie jemand auf Twitter so schön schrieb: Nach den Erfolgsgeschichten von BER und Elbphilharmonie nimmt sich Deutschland jetzt mit gleicher Kompetenz dem Großprojekt Massenimpfung an.

Und während die 1918 die Spanische Grippe nur drei Wellen hatte (die dritte genau jetzt, im März/April), können wir uns auf weitere Ausschläge im Herbst freuen.

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Corona-Tagebuch (26): IKEA vs. Resignation

Weltweit: 111.415.030 Infektionen, 2.467.200 Todesfälle
Deutschland: 2.396.050 Infektionen, ???? Todesfälle

Tag 347 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Lage der Dinge

Einzelhandel und Gastronomie geschlossen, Schulen geschlossen, Büros und Lebensmittelhandel geöffnet. Anscheinend leiden gerade viele darunter, dass die Friseur:innen geschlossen haben. Spontaner Gedanke: Kann es sein, dass es auch deshalb so vielen Menschen in der Pandemie schlecht geht, weil sie sich über Außendarstellung definieren und ihnen die Bestätigung von anderen extrem fehlt?

Home Improvement

Sperrmüll! Überall, an jeder Straßenecke und im Wochentakt: Überall steht Sperrmüll! Anscheinend nutzen viele die Pandemie für Home Improvement und misten gnadenlos aus und stellen sich neuen Krempel in die Bude. Dazu passt, dass IKEAS angesagtes „Kallax“-Regal bundesweit ausverkauft ist. Lediglich in Leipzig und in Dortmund, sagt ein Bekannter, ist es noch zu haben, ansonsten: Die Regale mit dem zukünftigen Sperrmüll sind leergefegt.

Ich nehme mich davon nicht aus. Zwar kann ich Ikea-Gelumpe bis auf IVAR nicht leiden, aber die Woche Urlaub habe auch ich zum Entrümpeln und Verschönern genutzt. Alte Bücher weg, verranzte Möbel aufbereitet.

Resignation

Die Impfstoffe sind da, es gibt nur nicht genug. In den Meiden wird jeden Tag höchst erregt durchgekaut, wer nun wieviel von was verkehrt bestellt hat, ob der Impfstoff einer Firma besser ist als der andere und und und. Mir ist das mittlerweile alles egal, ich verfolge das gar nicht mehr. Ich sitze nur noch meine Zeit bis zur Impfung ab und versuche mich bis dahin nirgendwo anzustecken. Meine Impfung wird irgendwann im Herbst erfolgen. Dann werde ich eineinhalb Jahre zu Hause gesessen haben. Und ich werde nicht einen Moment Langeweile gehabt haben.

Die dritte Welle

1918 kam die dritte Welle der Pandemie im Ende März Anfang April, und auch bei uns läuft die sich schon warm. Die mutierten Versionen des Corona-Virus aus Sudafrika und Großbritannien sind wesentlich ansteckender als die herkömmliche Variante, d.h. bei unveränderten Lockdownmaßnahmen steigen die Fallzahlen. Trotzdem öffnen gerade wieder die Schulen. Das passt ins Bild: Die Politik reagiert zunehmend erratisch. Von Agieren wollen wir gar nicht sprechen, das hat schon im Herbst nicht geklappt.

Die zweite Welle kam mit Macht, es gab keine Pläne dagegen und bis heute sind weder ausreichend Masken noch Schnelltests vorhanden. Warum das so ist? Das erklärt Wirtschaftsminister Altmeier im Internview mit der Zeit so:

Mit anderen Worten: Wenn jemand tatsächlich mal einen Plan machen würde, könnte das Menschen beunruhigen und vielleicht findet den nicht jeder gut.

Na, dann kann man wohl nichts machen. Nicht mal als Regierung eines der reichsten Länder der Welt.
Erbärmlich.

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Familiäre Dialoge -XIII-

Am Telefon, erstes Telefonat mit meinem Vater seit März 2020.

Vater: „Ich habe gerade mit Deiner Schwester telefoniert. Weißte was! Die haben das Deutsche Museum zugemacht! Das muss man sich mal vorstellen!“

Wirklich, unfassbare Nachrichten. Seit seinem Besuch dort im Jahr 1963 ist das Deutsche Museum für meinen Vater, den ehemaligen Maschinenbauingenieur, sowas wie ein mit heiligen Gralen und Bundesladen vollgestopftes Paradies auf Erden. Wie können „DIE“ es wagen das zu zumachen?!

Vater: „Ist bei euch auch alles zu?“

Ich: „Ja sicher. Überall ist alles zu. Wegen der Pandemie“

„Also, bei UNS hat der Rewe offen.“

„Ja, Lebensmittelgeschäfte haben geöffnet, aber alles was mit Kunst und Kultur zu tun hat ist geschlossen. Überall, auch bei uns“

„Ihr habt doch gar kein Deutsches Museum. Deine Schwester wohnt in einer richtigen Stadt. Du ja nicht, ne.“

„Aber wenn Göttingen ein Deutsches Museum hätte, dann wäre es jetzt genauso geschlossen wie das in München.“

„Der Aldi bei uns ist auch offen.“

„Jaha.“

„Aber das mit den Masken ist ja auch ein technischer Witz, die bringen ja gar nichts.“

„Hä?“

„Ja die schützen einen ja gar nicht. Du erstickst an deinem eigenen CO2 und gleichzeitig atmest Du den Mist von anderen ein. Völliger Quatsch.“

„Bist Du irgendwie an Schrödingers Maske gekommen oder was? So lange keiner unter die Maske guckt atmest Du Luft von Außen und erstickst dabei oder wie?“

„Was?“

„Warum bindest Du dir überhaupt noch diese Stofffetzen um den Rüssel? Warum hast Du Dir noch keine FFP2-Masken geholt?“

„Sohn, hör doch mal zu, die bringen doch nichts!“

Was erzählst Du denn da? FFP2-Masken haben im Inneren ein elektrostatisch geladenen Filz, der bindet Aerosole! Natürlich schützen die!“

Vater: (…)

Vater: „Das weiß ich natürlich. Ab weißt DU eigentlich, was diese Verbrecher da an Geld für haben wollen!?! Die sind sauteuer, dafür können die die behalten, die wollte ich nicht mal geschenkt!“

Geh in eine Apotheke, da kriegst Du drei Stück kostenlos.“

Vater (plötzlich interessiert): „Wieso ist das so?“

„Weil der Bund Rentnern drei Stück umsonst gibt. Und dann investier bitte nochmal 10 Euro und kauf Dir ein paar mehr, die bringen es echt“.

„Ich war neulich beim Arzt, da haben mir die das nicht angeboten!“

„Arzt und Apotheke sind auch zwei unterschiedliche Dinge. Und Deiner Ärztin kannst Du nicht vorwerfen, dass sie dir nicht den Hintern hinterher trägt. Jedes mal wenn Sie Dir was rät oder einen Vorschlag macht, drohst Du ihr mit einer Anzeige wegen Nötigung oder Körperverletzung oder wer weiß was dir noch gerade einfällt!

Vater: „…“

Vater (versucht das Thema zu wechseln): „Aber das mit der Impfung ist ja auch ein technischer Witz. Die bringt ja auch nichts.“

Ich: „Was?!“

„Ja, wenn Du Dich impfen lässt, bist Du immer noch nicht vor Ansteckung geschützt. Musst Du Dir mal vorstellen! Die spritzen dir diesen Mist und du kannst Dich immer noch anstecken! Ist doch Nonsens.“

„He?“

„Ich kenne auch gar keinen der sich hat Impfen lassen. Geht doch auch so. Vor Grippe lässt sich doch auch keiner Impfen.“

„VATER! Aktuell ist niemand geimpft den Du kennst, weil es schlicht zu wenig Impfstoff gibt! Ab Ende Januar geht´s für Leute über 80 außerhalb von Heimen los, dann für die über Siebzigjährigen, da bist Du gleich mit dabei.“

Vater (beleidigt): „Du bist ein technischer Witzbold, woher willst DU denn das wissen? Also mir hat keiner Bescheid gesagt.“

„Die schreiben Dich an. Also wenn Du demnächst einen Brief vom Land oder von der Gemeinde bekommst, mach den Mal zur Abwechselung mal auf und guck´ was drinsteht!“

„Du würdest Dich doch auch nicht impfen lassen, ne? Ne?!“

„Doch natürlich!! Ich würde mich sofort impfen lassen. Aber bis ich dran bin, wird es noch dauern. Ich stelle mich gerade darauf ein, dass ich erst im Herbst wieder ein normales Leben führen werde. So lange kann ich nicht groß raus.“

Vater (hämisch): „Oooooh, armes Hascherl!“

„WIE BITTE?“

„Hehe! Bis Herbst nicht raus? Hat der kleine Silencer Angst vor dem bösen Virus? Hast Du auch Angst vor der Grippe? Oder einer Erkältung?“

„Ja, ich nehme das Ernst! Ich bleibe schön zu Hause, nur noch alle paar Wochen gehe ich mal Einkaufen raus, ansonsten habe ich keinen Kontakt zu Menschen.“

Vater (heroisch): „Naja. Also, ICH fahre dann jetzt mal zu Rewe. Und danach zu Aldi.“

Rewe UND Aldi. Einfach, weil er es kann! Mein Vater, der furchtlose Held.

Aber mal ernsthaft: Mein Vater gehört zu den Menschen, die sich nur mit halbem Ohr über das Fernsehen informieren. Offensichtlich kommt in dem sich täglich ändernden Wirrwarr die Regelungen, die für das einzelne Bundesland und die einzelne Region gelten, bei dieser Gruppe Menschen gar nicht mehr das für sie relevante an.

Klar, so schnell wie sich alles ändert, ist eigentlich das Internet die wichtigste Quelle. Mein Vater hat zwar einen Glasfaseranschluss, auf den er sehr stolz ist und mir ständig unter die Nase reibt das ich keinen habe, aber er besitzt kein internetfähiges Gerät, weil er das für zu kompliziert hält und auch den Nutzen nicht erkennt. Andererseits bin ich da ganz froh drüber, dass mein Vater nicht im Netz ist. Bei ihm, dem alten Erich-von-Däniken-Fan, würde es kein zwei Minuten dauern, bis er sich durch unbeaufsichtigte Internetnutzung mit Reichsbürger-Chemtrail-Coronaleugner-Hohlerde-Kinderbluttrinker-Unfug radikalisiert hätte – er denkt ja ohnehin schon, das „die“, also irgendwelche Eliten, ihm nur Böses wollen. DIE machen ja sogar das Deutsche Museum zu! Muss man sich mal vorstellen! Kann sich aber keiner vorstellen! Ist nämlich unvorstellbar, sowas!

Frühere Dialoge:
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

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Corona-Tagebuch (25): An die Kette und die Sache mit der Solidarität

Weltweit: 82.022.480 Infektionen, 1.791.243 Todesfälle
Deutschland: 1.695.364 Infektionen, 32.267 Todesfälle

Tag 292 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Hat man in Göttingen und Umgebung ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen EIC vor sich, gehen sofort die Alarmglocken an und der Sicherheitsabstand wird auf das dreifache vergrößert. EIC steht für Eichsfeld, einem sehr ländlich geprägten Landkreis im nordwestlichen Thüringen, was direkt an Südniedersachsen angrenzt. Eichsfelder verhalten sich im Straßenverkehr völlig erratisch und machen Dinge wie extremes Langsamfahren (vermutlich weil ihnen sonst das Telefonbuch vom Schoß fällt), nach links blinken/nach rechts abbiegen, Vollbremsung ohne erkennbaren Grund oder Parken auf Abbiegespuren. Außerdem ist das Eichsfeld für drei Dinge bekannt:

  1. Als erzkatholische Exklave inmitten eines protestantischen Landstrichs, inkl. Papstbesuch und Kruzifixen
  2. Eichsfelder Stracke, eine Wurst
  3. Eigenwilligkeit

Punkt 3 bemerkt man in Göttingen an der Fahrweise und besonders dann, wenn dank Punkt 1 die Eichsfelder einen katholischen Feiertag begehen, den wir im protestantischen Niedersachsen nicht kennen. Dann steht die ganze Stadt voller EICs, Stau Galore, nichts geht mehr.

Im Eichsfeld haben sich auch rechtsextreme Strukturen stärker verfestigt als anderswo, da leben reihenweise Nazis. Auch rechtsextreme Prominenz, wie Bernd Höcke oder Thorsten Heise. Die fühlen sich da vielleicht auch deshalb so wohl, weil ihre Ansichten im Eichsfeld auf einen guten Nährboden fallen: Hier wird oft eher simples Denken kombiniert mit einem „Interessiert uns nicht was andere sagen, diedaohm belügen uns sowieso“. Und damit schließe ich den weiten Bogen mal und komme zum Punkt:

Gläubig, simpel, rechts, das ist die ideale Kombination für Corona-Leugnung, das haben wir in Sachsen auch schon gesehen. Schon seit einiger Zeit regen sich im Netz diverse Göttinger Gruppen (no pun intended) darüber auf, dass Eichsfelder ohne Abstand und Masken und in Gruppen durch die Stadt marodieren.

Doof verhalten kann sich ja jeder, aber wenn Eichsfelder das machen, dann tun sie es gleich richtig. Jetzt haben sie ihre eigenen Inzidenzzahlen so dermaßen überrissen, dass es erst ein Maskentragegebot auch für draußen gab (mit der erwartbaren Reaktion: „Interessiert uns nicht was andere sagen, diedaohm belügen uns sowieso“) und nun ein echtes Ausgangsverbot.

Der Landkreis Eichsfeld hat also jetzt als erste Region in Deutschland überhaupt einen echten Lockdown. Raus auf die Straße darf nur noch, wer Lebensmittel oder Medikamente braucht, medizinische Not- oder Pflegefälle hat, zur Arbeit oder dem Lebenspartner muss oder Tiere oder Angehörige zu versorgen hat. Wischiwaschi-Gründe wie körperliche Ertüchtigung oder innere Unruhe zählen nicht mehr.

Die Eichsfelder an der Kette. Ich finde: Richtig so, würde mir auch wünschen dass das kontrolliert und Verstöße hart sanktioniert werden.

Schnelle Reaktion

In Österreichs Skigebieten ist teils Business as Usual. Hotels ignorieren, dass sie eigentlich keine Touristen beherbergen dürfen („Naa, I hab mi nett g´wundert, dass der Herr G´schäftsreisende Brettl dabeigehoabt het“) und vor den Skiliften bilden sich Menschentrauben ohne Abstand und teils ohne Masken. Große Empörung von nicht-Wintersportlern. Immerhin, dieser Bergbahnbetreiber hat sofort reagiert.

UND SEINE WEBCAM EINFACH ANDERS AUSGERICHTET, DAMIT DAS ELEND NICHT MEHR JEDER SIEHT.

Warum haben die Seilbahnen überhaupt noch offen? Das der oberste Vertreter der Seilbahnwirtschaft für die ÖVP im Nationalrat sitzt, hat nichts damit zu tun, oder? Na, dann ist ja gut.

BTW: In Deutschland sieht es nicht besser aus, das Winterberg im Sauerland oder der Harz waren auch völlig überlaufen. Wir haben in Deutschland nur weniger Skilifte.

Scheindebatten

Zwischen den Jahren führt man in Deutschland Scheindebatten. Sollen bereits geimpfte Personen Sonderrechte erhalten? Antwort: Geht von staatlicher Seite aus überhaupt nicht, Grundgesetz und so, wissen schon. Im privatwirtschaftlichen Bereich wird es der Markt schon regeln. Wer will denn einer Fluglinie verbieten, den Nachweis einer Impfung sehen zu wollen, bevor sie Leute an Bord lässt?

Hätte man für Deutschland mehr Impfstoff bestellen können? Sollte Deutschland vom guten, deutschen Impfstoff nicht mehr bekommen? Nein, das nicht die reichsten Länder in Europa den Impfstoff schneller und mehr davon bekommen ist Teil der europäischen Solidarität. Sollen Hausärzte impfen dürfen, wie die FDP fordert? Ja, natürlich. Sobald ein Impfstoff zugelassen ist, der nicht supertiefgekühlt bei minus 70 Grad aufbewahrt wird. Das ist auch völlig unstrittig. Aber die FDP macht halt symbolische Klientelpolitik, und zu der Klientel gehören auch niedergelassene Ärzte. Oder, wie @Sixtus so schön schreibt: „Würden zur Klientel der FDP Clowns gehören, Lindner würde Impfungen auf Kindergeburtstagen fordern“.

Solidarität

2021 wird das Jahr der Verteilungkämpfe oder zumindest der Verteilungsneiderei, das ist absehbar. Zur gesellschaftlichen Solidarität gehört es nun auch, dass man wartet, bis man an der Reihe ist.

Das wird zu weiten Teilen auch gar kein Problem sein. Trotz der krassen Einzelfälle: In der deutschen Bevölkerung ist viel Solidarität vorhanden. Sie wird nur überhaupt nicht genutzt.

Ein schönes Beispiel: Wie in der ersten Welle Nachbarn füreinander einkaufen gegangen sind. Über den Sommer ist das eingeschlafen, und das liegt auch daran, dass Solidarität von der Politik gar nicht genutzt wurde. Das ist schade, denn durch Aktivierung der Solidarität hätte man manche Dinge einfacher machen UND den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken UND den Menschen das Gefühl der Selbstwirksamkeit geben können.

Ein denkbares Beispiel: Die Verteilung von FFP2-Masken an Rentner:innen. Anfang Dezember wurde angekündigt, dass Alte und Angehörige von Risikogruppen pro Person 3 Masken in irgendeiner Apotheke abholen könnten. War eine Hauruck-Aktion und ging sofort schief. Wenn eine Apotheke überhaupt was von der Aktion wusste, waren die Masken praktisch binnen zwei Minuten vergriffen, und vor den völlig überrannten Apotheken standen sich die Alten die Beine in den Bauch.

Was aber wäre gewesen, hätten die Lokalpolitiker einen Aufruf verbreitet nach dem Motto „Wir suchen Freiwillige, die von Haus zu Haus gehen und Masken an Bedürftige verteilen?“ Ich wette es hätten sich SOFORT in mehr als ausreichender Menge Leute gefunden die das machen, und sei es nur, dass sie endlich das Gefühl bekommen, doch was gegen die Pandemie tun zu können und nicht völlig hilf- und tatenlos zu sein. Lokalpolitiker, baut auf Solidarität! (und ja, ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich das mal sage).

Krankenwagen

So viele Krankenwagen. Gefühlt an jeder Ecke kommen mir Krankenwagen entgegen, und schon morgens auf dem Weg zur Arbeit sehe ich den Rettungshubschrauber über dem Klinikum. Immer hoffe ich, dass das nur Leute sind, die sich an Weihnachtsplätzchen überfressen haben.

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Corona-Tagebuch (24): Verzweiflung und Hoffnung liegen dicht beieinander

Weltweit: 77.517.453 Infektionen, 1.705.654 Todesfälle
Deutschland: 1.542.570 Infektionen, 27.156 Todesfälle

Tag 255 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Der letzte Corona-Eintrag ist einen Monat her, und man, ist seitdem viel passiert. In Deutschland haben sich binnen vier Wochen eine halbe Million Menschen neu infiziert, die Zahl der Todesfälle hat sich verdoppelt.

Verzweiflung.

So emotional habe ich Angela Merkel noch nie erlebt. Ihre Stimme überschlägt sich und die Verzweiflung ist ihr anzumerken, als sie im Bundestag an die Abgeordneten und an die Ministerpräsidenten der Länder appelliert endlich zu handeln. Der „Lockdown Light“ hat zwar den exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen gestoppt, aber die haben sich auf einem Niveau von 20.000 am Tag eingependelt. Viel zu viel.

Die Inzidenz sollte am Besten weit unter 50 Neuansteckungen die Woche auf 100.000 Einwohner liegen, aktuell ist sie regional bei fast 700. Die Landesoberhäupter haben versucht sich darum rumzuwurschteln, und Ausgangssperren ab 22 Uhr verhängt und so einen Quatsch, als ob im Dezember und bei geschlossener Gastronomie noch jemand freiwillig um diese Zeit unterwegs wäre. Die Schulen dagegen, die Infektionsmultiplikatoren schlechthin, sind bis zum letzten Tag offen geblieben, und auch das ach so wichtige Weihnachtsgeschäft sollte noch mitgenommen werden.

Erst als die Wissenschaftsakademie Leopoldina einen Brandbrief an die Politik schrieb und die Zahl der Neuinfektionen immer weiter stieg, hatten die Landesfürsten ein Einsehen und machten den Einzelhandel zu. Das war zu bräsig und zu langsam, jetzt haben wir aktuell 600 Tote am Tag, die Krankenhäuser sind am Limit und die wirkliche Welle steht uns nach den Feiertagen noch bevor. Das war alles absehbar und mit Ansage, schon im April hat Christian Drosten exakt diese Situation vorhergesagt. Aber klar, man kann das alles ignorieren, sich von lautstarken Corona-Leugnern treiben lassen und sich dann, wie Sachsens Ministerpäsident Kretschmer, hinstellen und sagen „Wir alle haben dieses Virus unterschätzt“. Nee, nicht „wir alle“.

Mittlerweile ist es so schlimm, dass sich selbst Menschen infizieren, die seit dem Frühjahr praktisch keinen Kontakt mehr mit anderen haben und nur mit FFP2-Maske und nur zum Einkaufen rausgehen. Derweil wurde in England eine Virusmutation gefunden, die um 70 Prozent ansteckender sein soll und zeitgleich tanzen noch „Protestierende“ ohne Masken durch Geschäfte im Prenzlauer Berg und singen „Ein Bißchen SARS muss sein“. Kannste an der Menschheit verzweifeln, ob solcher Nachrichten.

Hoffnung.

Immerhin, es gibt auch gute Nachrichten. Die Impfstoffe sind gefunden und wirksamer als gehofft. Großbritannien impft schon, die EU noch nicht. Grund: Man hat sich zwei Wochen Zeit genommen und genauer geprüft und dann dem Biontech-Impfstoff eine bedingte Zulassung erteilt, während auf der Brexit-Insel per Notzulassung geimpft wird. Hört sich nach Wortklauberei an, hat aber entscheidende Unterschiede. Bei einer Notzulassung haftet der Hersteller nämlich für nichts, bei der bedingten Zulassung dagegen sehr wohl. Damit ist für die Konzerne eine starke Motivation geschaffen den Impfstoff ordentlich zu produzieren. Gute EU!

Verzweiflung.

In Deutschland sind die Impfzentren vielerorts fertig eingerichtet, bei uns in Götham in einem alten Asybewerberheim. Sobald am 27.12. der Impfstoff ausgeliefert wird, können die Impfungen starten. Zuerst die alten und Risikogruppen, dann besondere Berufsgruppen, dann der Rest. Bis Herbst 2021 sollten dann hoffentlich alle durch sein. Das ist noch eine Ewigkeit hin.

Aber vielleicht geht das mit den Impfungen auch schneller. Aktuell ist der Anteil der Impfwilligen gering, je nach Umfrage sagen nur 30-60 Prozent, dass sie sich impfen lassen wollen. Das reicht nicht für eine Herdenimmunität.

Hoffnung.

Was es jetzt braucht ist eine ordentliche Marketingkampagne für die Impfung. So wie in Italien. Da läuft eine breit angelegte Werbekampagne für die Impfung. Das Motto ist „L´Italia rinasce con un fiore Vaccinazione“, „Italien wird wiederbelebt mit einer (Impf-)blume“. Das Logo ist eine Blume, und die Impfzentren sind auch wie eine Blume designt. Zumindest als Mockup im Werbspot der Kampagne. Viel positiver und hoffnungsvoller geht es kaum.

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Corona-Tagebuch (23): Rezos Zerstörung der Idioten

Weltweit: 58.900.313 Infektionen, 1.392.213 Todesfälle
Deutschland: 944.984 Infektionen, 14.258 Todesfälle

Tag 255 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Der Lockdown Light bringt´s nicht, die Fallzahlen steigen weiter (obwohl weniger getestet wird), die Todeszahlen auch. Aber noch immer will niemand Schulen schließen. Stattdessen sollen private Kontakte weiter eingeschränkt werden, so ein Vorschlag der Länder. „Welche privaten Kontakte“, fragt da jetzt so mancher mit einem bitteren Unterton, denn die Allermeisten von uns haben sich seit März nicht mehr mit Freunden getroffen, sind Essen oder ins Theater gegangen.

Die Hauptgründe für die steigenden Fall- und Todeszahlen dürften zwei Dinge sein: Offene Schulen und Superspreaderevents, bei denen viele Menschen zusammen kommen und dort rasend schnell das Virus von einem zum anderen verbreiten. Moment mal, Großveranstaltungen? Die gibt´s doch gar nicht mehr?

Doch, in Form von Demos. Es gibt Menschen, die gegen den Corona-Virus auf die Straßen gehen. Das ist ein bunt gemischter Haufen: Manche beklagen die Grundrechtseingriffe, manche sind so in ihrer Existenz bedroht, das sie vor Angst auf die Straße gehen. So weit, so verständlich. Was dann weniger verständlich ist, ist, dass diese Menschen Demos zusammen mit Esoterikern und Verschwörungsgläubigen machen, die behaupten es gäbe Corona gar nicht, das sei eine Erfindung der Regierung, um einer „Elite“ zu ermöglichen bei Zwangsimpfungen 5G-Chips in die Hirne der Menschen zu spritzen, damit die BRD GmbH… Naja, undsoweiter.

Anfangs wurden diese Leute als „Covidioten“ tituliert, mittlerweile wird es aber gefährlich. Denn stramm rechte und Neonazis organisieren und vernetzen unter dem Titel „Querdenken“, melden Demos an und verbreiten die Märchen, dass man sich hier „im Widerstand“ gegen „das Regime“ befinde. Das treibt absonderliche Blüten, wie am Wochenende schön zu beobachten war. Da stellte sich „die Jana aus Kassel“ bei einer „Querdenken“-Demo am Wochenende in Hannover auf eine Bühne und verkündete, sie fühle sich wie Sophie Scholl, weil sie auch im Widerstand sei und Flugblätter verteilt.

An Jana aus Kassel sieht man zwei Dinge sehr schön:

  1. An Schulbildung sparen rächt sich gesamtgesellschaftlich, immer.

  2. Wie Gunnar Lott so schön schreibt: „Die Janas dieser Welt sind so wohlstandsverwahrlost, dass sie etwas brauchen, was nur Verschwörungstheoretiker und Nazis bieten, dieses einfache Absolution „Du kannst weiter egoistisch sein, musst Dicg um nichts kümmern, musst keine Solidarität zeigen, aber trotzdem sind alle anderen Schuld an allem. Es gibt keine christliche und auch keine linke Erzählung, die es dem Rezipienten ähnlich einfach macht. Religionen und humanistische Bewegungen fangen nämlich immer beim „Ich“ an, bei der Eigenverantwortung.“

So kommt es, das wohlstandverwahrloste (dieses Wort!) Janas Seite an Seite mit Nazis, Rechten, Spinnern und Leuten mit viel Angst zusammen und natürlich ohne Masken oder Abstand durch deutsche Innenstädte marodieren. Das Konzept der Polizei bislang: Hartes Vorgehen mit Wasserwerfern – aber nur gegen die Gegendemonstranten. Die Corona-Nazis haben nämlich Kinder als Schutzschilde dabei, während die Menschen, die gegen die Coronaleugner aufstehen, weggekärchert werden.

Warum DAS ein Problem ist und bedeutet, hat Rezo sehr schön in seinem neuestem Video aufgearbeitet. Das sind 18 Minuten die sich lohnen, und natürlich ist wieder jeder Satz mit Quellen belegt.

Zum Schluss noch was Lustiges: Das hier hatte ich heute im Briefkasten. Lustige Printpublikationen bringt die Pandemie hervor.

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Corona-Tagebuch (22): Föderalismus, du dumme Nuss

Weltweit: 55.736.846 Infektionen, 1.390.900 Todesfälle
Deutschland: 843.757 Infektionen, 13.159 Todesfälle

Tag 251 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ganz zu Beginn der Pandemie hörte ich im Radio die Ansage eines Epidemiologen, dass Schulen die Orte seien, die die Ausbreitung von Krankheiten massiv beschleunigen und vorantreiben. Das klingt logisch und kann jeder bestätigen, der selbst Kinder in Kitas oder Schule hat. Die Lütten sind immer alle kollektiv verrotzt, haben gemeinsam Läuse oder Magen-Darm. Deshalb war es auch Folgerichtig, dass im Frühjahr die Schulen geschlossen wurden, um the curve zu flatten.

Für diese effiziente Maßnahme haben einige Landespolitiker aber wohl so dermaßen Schelte bezogen, dass sie sich das nun nicht mehr trauen. Der „Lockdown Light“ heißt ja auch deshalb so, weil Schulen und Geschäfte weiterhin geöffnet sind.

Bringen tut er freilich wenig. Zwar sind die Rate der Neuansteckungen nicht mehr exponentiell, aber krass linear und die Intensivstationen fast voll. Der Bundeskanzler Frau Merkel drängt auf strengere Maßnahmen, aber die Landeschefs mauern, fühlen sich vom Kanzleramt überrumpelt und wollen lieber, äh, irgendwas anderes machen. Förderalismus is a bitch.

Das sind übrigens dieselben Bundesländer, die – so weiß ich aus dem eigenen Bekanntenkreis, in dem sich auch Schulleiter tummeln – alle Vorschläge für Hybridunterricht, Klassenteilungen und schichtweisen Unterricht, die die Schulen über den Sommer erarbeitet haben und im Herbst umsetzen wollten, schlicht abgelehnt haben. Weil: Lüften reicht ja. Arbeitsverweigerung bis zur Verantwortungslosigkeit.

Wie es weitergeht, sieht man schon in Österreich und der Schweiz. Horrende Todeszahlen, Triage, harter Lockdown. Also das, was uns in Deutschland in Kürze auch bevorsteht.

Good News, everyone!

Sieht aus, als wären nicht nur ein, sondern zwei wirksame Impfstoffe gefunden worden. Bis das bestätigt ist, ggf. der Kram ausreichend produziert und alle geimpft worden sind, wird es vermutlich Ende 2021. Aber immerhin.

Ausland

Alles erbärmlich: In den USA weigert sich der abgewählte Trump auch wirklich abzutreten und konzentriert alle Energie darauf, die Wahl juristisch zu kippen. Gegen die Pandemie macht seine Regierung genau nüscht und sagt das auch so. Der neu gewählte Präsident kann aber noch keine Planung für seine Anti-Corona-Maßnahmen aufstellen, weil Trump ihm Zugang zu Infos verweigert.

Derweil, in Europa, dachte die Leyen-Kommission allen Ernstes es sei voll clever, die Abstimmung über den Haushalt der kommenden sieben Jahre plus 1,8 Billionen Corona-Hilfen an die Einhaltung von rechtstaatlichen Grundregeln zu knüpfen. Ja, nee, sagen da Polen und Ungarn und nun sind alle fürchterlich überrascht und im Krisenmodus. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Diktator Orban und die traurige, alte Kartoffel Kacynski machen immer genau das, was sie vorher ansagen. Rechtsstaatlichkeit bedeutet freie Presse und unabhängige Justiz, und das können sie nicht brauchen. Das man ihnen dann nicht zutraut gegen Hilfen zu stimmen, von denen beide Länder massiv profitieren, ist naiv. Denn egal was die beiden tun: Sie profitieren immer davon, im Zweifel durch eine Opferhaltung und indem sie die EU als böse darstellen. Und während die Ost-Könige weiter ihre Demokratien zerstören, gehen die südeuropäischen Länder vor die Hunde, die die Hilfen dringend bräuchten.

Gelacht

Laut gelacht habe ich, als ich das hier im Edeka um die Ecke sah: Hamstern von Klopapier wird bestraft, die Einnahmen aus den Strafzahlungen an die Tafeln gespendet. Sehr gut!

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Corona-Tagebuch (21): Lockdown Light vs. Primateninstinkte

Weltweit: 46.519.618 Infektionen, 1.200.471 Todesfälle
Deutschland: 522.060 Infektionen, 10.541 Todesfälle

Tag 234 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Seit heute ist es soweit, es gibt wieder verschärfte Maßnahmen, umgangssprachlich „zweiter Lockdown“, von der Politik „Lockdown Light“ genannt. Keine privaten Feiern, private Kontakte eingeschränkt, Freizeitbereich wie Fitnessstudios, Kinos und Restaurants wieder zu. Offen bleiben dagegen Schulen und Kitas und der komplette Einzelhandel. Ob das was bringt? Wir werden es sehen.

Nicht gebracht hat es das Konzept der Eigenverantwortung. Ja, viele Leute waren vernünftig, haben überall Maske getragen und unnötige Kontakte vermieden. Aber eine wesentlich größere Anzahl hat das eben nicht getan, und selbst kurz vor dem zweiten Lockdown wurden noch, so ist den Medien zu entnehmen, allerorts kleinere und größere Halloweenpartys gemacht.

Die zweite Welle war vorhersehbar, wenn man mal in die Geschichte schaut. Diese Grafik hier

bildet nicht etwa die aktuelle Situation ab. Die zeigt die Todeszahlen pro 1.000 Personen bei der Spanischen Grippe von 1918 in Großbritannien.

Und das hier sind die Infektionszahlen in Deutschland. Sieht ähnlich aus?

Was stimmt mit den Leuten nicht?, fragt man sich da, und tatsächlich sind die Mechanismen hinter dem Verhalten komplex UND interessant. Zwei der Wichtigsten:

1. Belohnung. „Ich habe doch so lange auf dies und das verzichtet, nun darf ich auch mal über die Stränge schlagen“ – kennt jeder, der nach dem Fitnessstudiobesuch mal eine Tafel Schokolade gefressen hat. Nur: Im Falle der Pandemie ist das wie „Ich habe so lange ein Kondom benutzt, jetzt darf ich auch mal ohne“.

2. Kaputte Freund-Feind-Erkennung Es ist in unseren Primatenhirnen tief verwurzelt, dass wir Freunde und Familie nicht als Gefahr ansehen. Deshalb neigen wir dazu, in Bezug auf Freunde unvorsichtig zu werden. „Ist doch nur Omma, die steckt uns schon nicht an, bei der brauche ich keine Maske“. Ja, nee. Dagegen hilft ein Trick: Man muss so tun, als sie man SELBST infiziert und müsste Omma schützen. Damit umgeht man seinen Primateninstinkt.

Fünfundsiebzig Prozent
Restaurants bekommen jetzt 75% des Umsatzes des Novembers des Vorjahres ausgezahlt. Von mir aus sollen sie, Hauptsache ich muss diese DeHoga-Tante nicht mehr sehen, der Geschäft über Menschenleben geht.

Ich frage mich nur zwei Dinge:

  1. Was hilft das neuen Restaurants, die noch kein Jahr am Markt sind? und

  2. ECHT JETZT? FÜNFUNDSIEBZIG PROZENT DES UMSATZES? GEHT ES NOCH? In der Gastronomie gibt es drei Hauptsäulen von Kosten: Miete, Personal, Rohmaterial. Klar, wenn die Miete weiterläuft bei Null Einnahmen ist das Doof. Aber was muss man genau NICHT kaufen wenn es keine Gäste gibt? Genau, Rohmaterial. Und was machen Gastronomiemenschen als erstes, wenn es nicht dolle läuft? Sie werfen das Personal raus, das in der Regel eh nur befristete Aushilfsverträge hat. Für viele Betriebe in der Gastronomie ist das hier also ein Geldregen: Kaum Kosten, aber 75 Prozent des Umsatzes UND den ganzen Tag Netflix gucken. Geilo.

Die weiteren Aussichten

Ich will jetzt keine schlechte Laune machen, aber die schweren Verläufe der jetzt neu Infizierten landen erst in 10 Tagen in den Intensivstationen der Krankenhäuser, die jetzt schon zur Hälfte belegt sind. In Schweiz musste bereits mit der Triage begonnen werden. Da wir in Deutschland dafür keine gesellschaftliche Vereinbarung haben, wie C. Drosten schön erklärte, muss die Entscheidung, wer beatmet wird und wer nicht, das medizinische Personal im Einzelfall treffen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was das mit den Menschen macht. In den USA zählt man einfach die „Years lost“, damit ist ein klares Selektionskriterium gegeben: Jüngere, mit einer noch höheren Lebenserwartung und mehr Lebensjahren, die sie verlieren könnten, werden eher betreut als Alte.

1918 ging es in Großbritannien übrigens so weiter. Mit einer dritten Welle im März.

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