Corona-Tagebuch

Corona-Tagebuch (28): Ich verstehe es nicht mehr


Weltweit: 132.456.676 Infektionen, 2.873.821 Todesfälle
Deutschland: 2.909.902 Infektionen, 77.401 Todesfälle

Tag 390 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ich verstehe es nicht mehr. Ich verstehe nicht mehr, was hier passiert.

Da warnen Wissenschaftler:innen seit Anfang des Jahres vor einer dritten Welle und sagen das Szenario ganz exakt voraus: Sobald die Alten geimpft sind, besteht die Gefahr und die Verlockung leichtsinnig zu werden, vorschnell Öffnungen voran zu treiben und DANN werden die Fallzahlen durch die Decke gehen und die medizinischen Kapazitäten überlastet sein. Genau in dieser Phase sind wir gerade, das ist die dritte Welle, weiter angefeuert durch immer ansteckendere Virusmutanten.

Aber was machen die Landespolitiker? Beschließen keine härteren Maßnahmen. Keine Homeoffice-Pflicht. Keine Mobilitätseinschränkungen. Stattdessen stellen die sich hin und handeln exakt entgegen aller Empfehlungen. Faseln trotz steigender Fallzahlen von Öffnungen und richten Modellregionen ein. Man brauche nur genug testen, dann könnte man alles wieder aufmachen. Klappt nur nicht, auch in den Modellregionen gehen die Fallzahlen hoch, stärker noch als anderswo. Ich verstehe es nicht.

Angesicht steigender Fallzahlen rudern Gestalten wie Armin Laschet nun mit den Ärmchen, machen dicke Backen und verkünden, dass mit einer dritten Welle ja niemand rechnen konnte, keiner konnte das wissen! Alle sind ja so überrascht! Und wenn ihm jetzt mal einer sagen könnte was man noch tun kann um die Pandemie einzudämmen, dann würde er, Armin Laschet, CDU-Chef und Ministerpräsident von NRW, vielleicht drüber nachdenken.

Das sorgte unter dem Hashtag #Laschetdenktnach für feinen Spott auf Twitter. Rausgekommen ist bei dem Nachdenken ohne hin nur ein neues Wort, das wohl Laschets PR-Berater erfunden haben: Brücken-Lockdown. So wie ein normaler Lockdown, nur, öhm, anders benannt. Darüber wolle er auf einer Ministerpräsidentenkonferenz sprechen, die er – MAN HALTE SICH FEST! – in Präsenz abhalten will, weil „online nicht funktioniert“. Ich verstehe es nicht.

Es ist zum Heulen. Was wir bräuchten ist ein echter Lockdown, bei dem auch Büros und Betriebe zugemacht werden, bei dem es Ausgangssperren auch tagsüber gibt. Damit könnte man die Fallzahlen runterbekommen. Dreiviertel der Bevölkerung befürworten dieses Vorgehen. Und was machen die Bundesländer? Das Saarland öffnet komplett. Niedersachsen macht nüscht. Alle anderen irrlichtern irgendwo dazwischen rum. Ich verstehe es nicht.

Über die Osterfeiertage wurde wenig getestet und vielerorts die Testzahlen nicht weitergeleitet, weil in den zuständigen Stellen niemand gearbeitet hat. Was machen Städte wie München? „Oh, die Fallzahlen sind ja voll niedrig, gleich mal Öffnungen einleiten“. Ich verstehe es nicht.

An den Wochenenden fahren immer die gleichen Esoteriker, Neonazis und Spinner mit Bussen in immer andere Städte, marodieren unter dem Deckmäntelchen einer „Querdenker-Demo“ ohne Masken und Abstand herum und die Polizei ist jedes Mal überfordert, weicht zurück, zeigt Sympathien. Die Lokalpolitik gibt anschliessend zu Protokoll, dass ja NIEMAND damit rechnen konnte, dass die Infektionsschutzauflagen verletzt oder Journalisten bedroht wurden. Ich verstehe es nicht, denn diese demoktatiezersetzenden Quatschdemos muss man nicht stattfinden lassen. Ja, Versammlungsfreiheit ist ein Grundrecht und ein hohes Gut, aber es kann eingeschränkt werden – wenn die Maßnahmen erforderlich und angemessen sind, und das geben die Infektionsschutzgesetze her. Das man die nicht einsetzt sondern JEDE WOCHE WIEDER überrascht ist wie gewalttätig diese Superspreaderevents sind – ich verstehe es nicht.

Eine Krankheit verhandelt nicht. Was sagt der regierende Bürgermeister von Berlin, auf die Frage warum er sich angesichts durch die Decke knallender Infektionszahlen weigert, die zuvor verabredeten Maßnahmen umzusetzen? Er fände es nicht gut, die in den letzten Wochen so hart erkämpften Freiheiten jetzt wieder zurück zu nehmen. Ich verstehe es nicht.

Die Politik, vor allem die Konservative, scheint überall genau das Gegenteil von dem zu tun, das die Wissenschaft sagt und die Mehrheit der Bevölkerung unterstützen würden. Warum ist das so?

Vielleicht wird tatsächlich nur ein Schuh draus, wenn man sieht, mit welcher Intensität und Lautstärke Wirtschaftsverbände in den Nachrichten vorkommen und Geld/Öffnungen/keine Maßnahmen fordern. Allein die Unverschämtheit, mit der die Vorsitzende des Gaststättenverbandes Forderungen und Drohungen ausstösst, würde jede Schuldeneintreiber rot werden lassen. Wirklich, wenn ich die Frau sehe, denke ich immer nur: Die geht über Leichen, für die sind ihre Klientel wichtiger als Menschenleben.

Man neigt dazu, schnell in den Bereich der Verschwörungstheorien abzukippen, aber angesichts der Tatsache, dass sich die Politikfamilienclans, von den Kohls über die Straußs bis hin zu den Gauweilers alle an der Krise bereichert haben, liegt die Vermutung nahe, dass der Einfluss der Wirtschaft für die Politik einen viel höheren Stellenwert hat als Menschenleben. Vielleicht ist das wirklich die Erklärung.

Achso, Impftechnisch geht es gefühlt auch nicht voran. Immerhin dürften jetzt Hausärzt:innen impfen, wenn sie Impfstoff bekämen. Das ist gut, Hausärzt:innen kennen ihre Patienten und können die Reihenfolge selbst am Besten festlegen. Da passt es ja voll supi, dass meine Hausärztin vorvergangene Woche beschlossen hat, dass es genau jetzt ein guter Zeitpunkt wäre in Rente zu gehen. Ich verstehe es nicht.

Zu Abschluss Rezo. Nicht in einem seiner legendären Recherchevideos, sondern im offenen Talk:

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Corona-Tagebuch (27): Ich habe um Verzeihung gebeten!

Weltweit: 124.795.168 Infektionen, 2.744.102 Todesfälle
Deutschland: 2.713.180 Infektionen, 75.440 Todesfälle

Tag 378 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

In der Welt erholen sich die USA unter Biden im Turbotempo. Impfungen gibt es mittlerweile in Drive-Thrus und Schreibwarengeschäften, der Impffortschritt ist gewaltig, bis Ende April sollen alle impfwilligen Amerikaner:innen über 18 ein Vakzin erhalten haben. Und es sieht so aus, als schafften sie das.

In Kassel protestierten am vergangenen Wochenende 20.000 Menschen gegen Coronamaßnahmen und Impfungen. Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Anstand, dafür aber in drollige Herzchen- oder Alfkostüme gewandet, mit Judensternen mit der Aufschrift „Ungeimpft“ am Revers und/oder mit Reichsflaggen. Das Ganze weitgehend unbehelligt von der Polizei, obwohl zuvor über alle Social-Media-Kanäle die Ankündigung und auch Verhaltensanweisungen rauschten. Darunter auch sowas wie „Frauen mit Babys nach vorne, das gibt geile Bilder, wenn die Polizei die angreift“.

Guckt man sich die Filme von der Demo an, fällt schnell auf: Diese Menschen sehen sich als Bewahrer der Demokratie, als Verteidiger der Gesundheit, als Widerstand gegen einen oppressiven Staat.

Was außerdem auffällt: Keiner von denen hat noch alle Latten am Zaun. Egal ob das die älteren AFD-Herren sind, die offensichtlich Bücher aus dem Kopp-Verlag lesen oder Verschwörungsvideos gucken, die Esoteriker-Mamas und Omas, die keifen und schreien und spucken und schlagen, während sie Pace-Flaggen und Herzchenluftballons hinter sich herziehen, oder die Neonazis, die Gegendemonstranten zusammentreten: Diese Coronademos ziehen den Bodensatz der Gesellschaft an, auch wenn der sich als bürgerlich verkleidet.

Der Polizei muss man den Vorwurf machen SCHON WIEDER kein ordentliches Konzept gehabt zu haben, obwohl der Querdenker-Demo in Kassel welche in Dresden und Berlin vorangegangen sind und klar war, was passieren wird. Allerdings: Die Wirksamkeit der Polizei beruht auf der gesellschaftlichen Konvention, dass die Polizei respektiert wird. Das tun diese Leute aber nicht, und damit ist die Polizei immer in der Unterzahl und kann nur begrenzt durchgreifen.

Auf den Balearen toben die Deutschen rum. Die Inseln wurden zum Niedrigrisikogebiet erklärt, am nächsten Tag setzten die Airlines zusätzliche Flieger aufs Programm. Dem Vernehmen nach alle voll besetzt, Tausende von Deutschen fliegen in den Osterurlaub nach Malle. Das ist völlig unverständlich, zumal selbst Spanier keinen Urlaub in Spanien machen dürfen.

In Deutschland regiert… ja, wer eigentlich? Der letzte Tagebucheintrag schloss mit „erbärmlich“ in Bezug auf das Handeln der Bundesregierung, und seitdem ist es nicht besser geworden.

Höhe- oder besser vorläufiger Tiefpunkt war dann am Mittwoch dieser Woche erreicht. Zuvor hatten die Runde aus Bund und Ministerpräsidenten 13 Stunden und bis Nachts um drei Uhr über das weitere Vorgehen verhandelt. Die Gemengelage war wohl unübersichtlich, angesichts der Mallorca-Geschichten wollten einige MPs wohl Urlaub im eigenen Bundesland ermöglichen. Angesichts der Ausbreitung der ansteckenderen und tödlicheren Virusvariante B1.1.7 keine gute Idee, eigentlich müssten die Maßnahmen verschärft werden. Da man aber den Leuten seit Monaten erzählt, sie seien ja schon in einem „Lockdown“ hatte man wohl Angst tatsächlich Büros zu schließen oder Ausgangssperren zu verhängen.

Irgendwann um drei Uhr Nachts hielt es die Runde dann kollektiv für eine gute Idee, einen „harten Lockdown“ in einer „erweiterten Ruhezeit“ zu machen, sprich: Den Gründonnerstag in der kommenden Woche wie einen Feiertag zu behandeln und damit 5 Tage alles geschlossen zu halten. Also, bis auf die Supermärkte am Samstag.

Kaum wurde die Entscheidung verkündet, gab es große Verwirrung – wie soll das gehen, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?? Dann gab es noch einen Auto-Gipfel im Kanzleramt und einen Tag später stand Merkel vor der Presse und warf sich in die Schußlinie vor die Ministerpräsidentenbagage um davon zu fabulieren, dass man den Kurz-Hard-Lockdown nun doch nicht machen würde, dass sei allein ihr Fehler gewesen das vorzuschlagen und sie bitte um Verzeihung. Auf Nachfragen reagiert sie patzig, weil: Sie hat doch schon um Verzeihung gebeten, und damit muss auch mal gut sein.

Wie es weitergeht weiß offiziell niemand. Von der letzten MPK-Runde bleibt jetzt nur die „Bitte zu Hause zu bleiben“ – keine Maßnahmen, keine Büroschließungen, nichts.

Aber es wird noch besser: Merkels Entschuldigung führt dazu, dass einige Bundesländer nun machen, was sie wollen. Das Saarland bspw. plant, nach Ostern Einzelhandel, Fitnessstudios und Hotels, also: ALLES wieder komplett zu öffnen. Das halte ich, gelinde gesagt, für Wahnsinn. Wir sind in der B1.1.7 induzierten dritten Welle, die Fallzahlen steigen exponentiell, und wovon noch niemand spricht ist P.1, eine brasilianische Mutante – noch ansteckender, noch tödlicher und: Anscheinend helfen die bisherigen Impfungen dagegen nicht.

Da zeichnet sich eine echte Katastrophe ab, die Intensivbetten werden jetzt schon knapp. Die „Zeit“ und Armin Laschet stellen sogar schon Fragen in den Raum wie „muss wirklich jeder 90jährige mit normaler Lungenentzündung auf die Intensiv“. Dahinter steckt nicht weniger als eine Vordiskussion um den bisherigen gesellschaftlichen Konsens, das jedes Leben gleich zählt, zu kippen. Aber gut, für alles andere hätte man rechtzeitig Regeln und Kriterien definieren müssen, und auch das hat die Politik verschlafen.

Da unter anderem auch versäumt wurde verbindliche Triage-Kriterien zu definieren, kann ich es keinem Intensivmediziner verübeln, wenn er demnächst nicht mehr zum Dienst geht – einfach weil er nicht entscheiden kann oder will wer leben darf und wer sterben muss. Im Schlimmsten Fall müssen Ärzte bei sowas sogar noch mit einer Anzeige wegen Totschlags rechnen.

Ganz persönlich: Ich hatte angenommen, dass ich mir bis zum Herbst diesen Jahres, in dem ich hoffentlich geimpft werden kann, nichts vorzunehmen brauche und bis dahin ohne soziale Kontakte herumhocken werde. Von daher bin ich jetzt von all diesem hin und her nicht überrascht, ich sitze hier einfach meine Zeit ab und bin darüber mal froh und mal nicht so froh und tue mir ein wenig selbst Leid wegen der hohen Arbeitsbelastung. Ich bin der letzte, der noch in der Firma arbeitet und hier neben meinem eigenen Kram für alle Kolleg:innen im Homeoffice sogar die Anrufe annehmen muss, weil Rufumleitungen nicht möglich sind(!) Das wird noch ein halbes Jahr so weitergehen, mindestens, ich mache mir da keine Illusionen.

Ich kann aber die Leute verstehen, die nicht so abgefeimt sind und immer noch Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zum normalen Leben an die hohlen Worte knüpfen, die von Lockerungen fabulieren. Diese Menschen werden wieder und wieder enttäuscht und müssen über alle Maßen frustriert sein.

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Corona-Tagebuch (27): Was die Leude woll´n


Weltweit: 115.199.608 Infektionen, 2.560.287 Todesfälle
Deutschland: 2.242.913 Infektionen, 71.289 Todesfälle

Tag 356 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Öffnungen!

Öffnungen! Yay! Gerade waren wir noch im „Lockdown“ (ohne inländische Mobilitätsbeschränkungen, Lebensmittelhandel geöffnet, etc. – also weit von einem echten Lockdown entfernt), nun gibt es Lockerungen. Schulen auf! Buchhandlungen auf! Gartencenter auf! Supi!

Problem ist nur: Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Begründung. Im Gegenteil. Die ansteckenden Virusmutationen breiten sich rasant aus, Ansteckungszahlen sind erst auf hohem Niveau verharrt, jetzt steigen sie wieder.

Der angepeilte Inzidenzwert von 35, den der Bund vorgeschlagen hat, kann nicht erreicht werden, nicht mal der Wert von 50 aus dem ersten Lockdown ist in Sichtweite. Wir baumeln so um die 64, Tendenz steigend.

Aber jetzt gibt es Lockerungen. Und warum ist das so?

Was die Leude woll´n

„Das ist das, was die Leute von uns erwarten“ sagt Hamburgs Bürgermeister Tschentscher. Mit anderen Worten: Wir wissen dass das alles jetzt Mumpitz ist und viele Menschen das Leben kosten wird. Aber wir haben Druck und deshalb lockern wir jetzt.

Das ist erbärmlich. Politik soll nicht machen, was sie denkt was die Leute erwarten, sondern was die Menschen brauchen. Ich will jetzt aber nicht schon über diese Politikergeneration schimpfen, die denkt, dass ihr Job darin besteht Symbolpolitik zu machen und diese an Umfrageergebnissen auszurichten. Das haben die halt in den Merkeljahrzehnten nicht anders gelernt. Keine Visionen, keine Führungsstärke, nur Machterhalt. Nein, ich würde mir gerne mal angucken wollen woher die Zahlen kommen, nach denen Leute wie Tschentscher ihre Politik glauben ausrichten zu müssen.

Dreiviertelmehrheit

Interessant ist nämlich: Nach aktuellen Umfragen denken zwischen 71 und 79 Prozent der Befragten, die Maßnahmen seien angemessen oder noch nicht stark genug und das erst gelockert werden sollte, wenn die Fallzahlen nicht zu stark steigen.

Der Wert erodiert langsam, aber gut, wir sind alle Pandemiemüde. Aber: Lediglich 24 bis 27 Prozent gehen die Maßnahmen zu weit. Und wie verteilen sich diese Maßnahmen auf Parteipräferenzen?

Guck mal an. Die Rufe, dass jetzt unbedingt gelockert werden muss, kommen am lautesten aus der AFD und der FDP und aus der Linken. Also Rechtsextremen, die aus Prinzip gegen alles sind, Esoterikern und Vertretern der Clientelwirtschaft, die ihre Nasen tief im Hintern der Hotellobby haben. Das sind übrigens die gleichen Leute die es super finden, das aktuell der Buchhändler Thalia, Gartenmärkte und Elektrohändler gegen die Coronamaßnahmen klagen. Moment, Buchhändler? Sind das nicht die, die wieder öffnen dürfen?

Könnte es sein, dass die Ministerpräsident:innen der Länder ihre Politik nicht an der Mehrheit dessen, was „die Leude“ wollen ausrichten, sondern nur an denen, die am lautesten schreien und die dickste Lobby haben?

Es geht nicht voran

Angeblich stehen in manchen Regionen Ladungen an Impfstoff unverimpft herum, weil manche Sorten einen schlechten Ruf haben oder die Orga nicht in die Pötte kommt. In anderen Regionen stehen die Impfzentren leer, weil es keinen Impfstoff gibt. Aktuell werden angeblich die über 80jährigen außerhalb von Heimen geimpft, aber im Schneckentempo.

Während die USA zuversichtlich sind bis Ende Mai die Impfwilligen unter ihren 332 Millionen Einwohner durchgeimpft zu haben, wird es bei uns in diesem Tempo bis ins nächste Jahr rein dauern. Oder, wie jemand auf Twitter so schön schrieb: Nach den Erfolgsgeschichten von BER und Elbphilharmonie nimmt sich Deutschland jetzt mit gleicher Kompetenz dem Großprojekt Massenimpfung an.

Und während die 1918 die Spanische Grippe nur drei Wellen hatte (die dritte genau jetzt, im März/April), können wir uns auf weitere Ausschläge im Herbst freuen.

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Corona-Tagebuch (26): IKEA vs. Resignation

Weltweit: 111.415.030 Infektionen, 2.467.200 Todesfälle
Deutschland: 2.396.050 Infektionen, ???? Todesfälle

Tag 347 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Lage der Dinge

Einzelhandel und Gastronomie geschlossen, Schulen geschlossen, Büros und Lebensmittelhandel geöffnet. Anscheinend leiden gerade viele darunter, dass die Friseur:innen geschlossen haben. Spontaner Gedanke: Kann es sein, dass es auch deshalb so vielen Menschen in der Pandemie schlecht geht, weil sie sich über Außendarstellung definieren und ihnen die Bestätigung von anderen extrem fehlt?

Home Improvement

Sperrmüll! Überall, an jeder Straßenecke und im Wochentakt: Überall steht Sperrmüll! Anscheinend nutzen viele die Pandemie für Home Improvement und misten gnadenlos aus und stellen sich neuen Krempel in die Bude. Dazu passt, dass IKEAS angesagtes „Kallax“-Regal bundesweit ausverkauft ist. Lediglich in Leipzig und in Dortmund, sagt ein Bekannter, ist es noch zu haben, ansonsten: Die Regale mit dem zukünftigen Sperrmüll sind leergefegt.

Ich nehme mich davon nicht aus. Zwar kann ich Ikea-Gelumpe bis auf IVAR nicht leiden, aber die Woche Urlaub habe auch ich zum Entrümpeln und Verschönern genutzt. Alte Bücher weg, verranzte Möbel aufbereitet.

Resignation

Die Impfstoffe sind da, es gibt nur nicht genug. In den Meiden wird jeden Tag höchst erregt durchgekaut, wer nun wieviel von was verkehrt bestellt hat, ob der Impfstoff einer Firma besser ist als der andere und und und. Mir ist das mittlerweile alles egal, ich verfolge das gar nicht mehr. Ich sitze nur noch meine Zeit bis zur Impfung ab und versuche mich bis dahin nirgendwo anzustecken. Meine Impfung wird irgendwann im Herbst erfolgen. Dann werde ich eineinhalb Jahre zu Hause gesessen haben. Und ich werde nicht einen Moment Langeweile gehabt haben.

Die dritte Welle

1918 kam die dritte Welle der Pandemie im Ende März Anfang April, und auch bei uns läuft die sich schon warm. Die mutierten Versionen des Corona-Virus aus Sudafrika und Großbritannien sind wesentlich ansteckender als die herkömmliche Variante, d.h. bei unveränderten Lockdownmaßnahmen steigen die Fallzahlen. Trotzdem öffnen gerade wieder die Schulen. Das passt ins Bild: Die Politik reagiert zunehmend erratisch. Von Agieren wollen wir gar nicht sprechen, das hat schon im Herbst nicht geklappt.

Die zweite Welle kam mit Macht, es gab keine Pläne dagegen und bis heute sind weder ausreichend Masken noch Schnelltests vorhanden. Warum das so ist? Das erklärt Wirtschaftsminister Altmeier im Internview mit der Zeit so:

Mit anderen Worten: Wenn jemand tatsächlich mal einen Plan machen würde, könnte das Menschen beunruhigen und vielleicht findet den nicht jeder gut.

Na, dann kann man wohl nichts machen. Nicht mal als Regierung eines der reichsten Länder der Welt.
Erbärmlich.

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Familiäre Dialoge -XIII-

Am Telefon, erstes Telefonat mit meinem Vater seit März 2020.

Vater: „Ich habe gerade mit Deiner Schwester telefoniert. Weißte was! Die haben das Deutsche Museum zugemacht! Das muss man sich mal vorstellen!“

Wirklich, unfassbare Nachrichten. Seit seinem Besuch dort im Jahr 1963 ist das Deutsche Museum für meinen Vater, den ehemaligen Maschinenbauingenieur, sowas wie ein mit heiligen Gralen und Bundesladen vollgestopftes Paradies auf Erden. Wie können „DIE“ es wagen das zu zumachen?!

Vater: „Ist bei euch auch alles zu?“

Ich: „Ja sicher. Überall ist alles zu. Wegen der Pandemie“

„Also, bei UNS hat der Rewe offen.“

„Ja, Lebensmittelgeschäfte haben geöffnet, aber alles was mit Kunst und Kultur zu tun hat ist geschlossen. Überall, auch bei uns“

„Ihr habt doch gar kein Deutsches Museum. Deine Schwester wohnt in einer richtigen Stadt. Du ja nicht, ne.“

„Aber wenn Göttingen ein Deutsches Museum hätte, dann wäre es jetzt genauso geschlossen wie das in München.“

„Der Aldi bei uns ist auch offen.“

„Jaha.“

„Aber das mit den Masken ist ja auch ein technischer Witz, die bringen ja gar nichts.“

„Hä?“

„Ja die schützen einen ja gar nicht. Du erstickst an deinem eigenen CO2 und gleichzeitig atmest Du den Mist von anderen ein. Völliger Quatsch.“

„Bist Du irgendwie an Schrödingers Maske gekommen oder was? So lange keiner unter die Maske guckt atmest Du Luft von Außen und erstickst dabei oder wie?“

„Was?“

„Warum bindest Du dir überhaupt noch diese Stofffetzen um den Rüssel? Warum hast Du Dir noch keine FFP2-Masken geholt?“

„Sohn, hör doch mal zu, die bringen doch nichts!“

Was erzählst Du denn da? FFP2-Masken haben im Inneren ein elektrostatisch geladenen Filz, der bindet Aerosole! Natürlich schützen die!“

Vater: (…)

Vater: „Das weiß ich natürlich. Ab weißt DU eigentlich, was diese Verbrecher da an Geld für haben wollen!?! Die sind sauteuer, dafür können die die behalten, die wollte ich nicht mal geschenkt!“

Geh in eine Apotheke, da kriegst Du drei Stück kostenlos.“

Vater (plötzlich interessiert): „Wieso ist das so?“

„Weil der Bund Rentnern drei Stück umsonst gibt. Und dann investier bitte nochmal 10 Euro und kauf Dir ein paar mehr, die bringen es echt“.

„Ich war neulich beim Arzt, da haben mir die das nicht angeboten!“

„Arzt und Apotheke sind auch zwei unterschiedliche Dinge. Und Deiner Ärztin kannst Du nicht vorwerfen, dass sie dir nicht den Hintern hinterher trägt. Jedes mal wenn Sie Dir was rät oder einen Vorschlag macht, drohst Du ihr mit einer Anzeige wegen Nötigung oder Körperverletzung oder wer weiß was dir noch gerade einfällt!

Vater: „…“

Vater (versucht das Thema zu wechseln): „Aber das mit der Impfung ist ja auch ein technischer Witz. Die bringt ja auch nichts.“

Ich: „Was?!“

„Ja, wenn Du Dich impfen lässt, bist Du immer noch nicht vor Ansteckung geschützt. Musst Du Dir mal vorstellen! Die spritzen dir diesen Mist und du kannst Dich immer noch anstecken! Ist doch Nonsens.“

„He?“

„Ich kenne auch gar keinen der sich hat Impfen lassen. Geht doch auch so. Vor Grippe lässt sich doch auch keiner Impfen.“

„VATER! Aktuell ist niemand geimpft den Du kennst, weil es schlicht zu wenig Impfstoff gibt! Ab Ende Januar geht´s für Leute über 80 außerhalb von Heimen los, dann für die über Siebzigjährigen, da bist Du gleich mit dabei.“

Vater (beleidigt): „Du bist ein technischer Witzbold, woher willst DU denn das wissen? Also mir hat keiner Bescheid gesagt.“

„Die schreiben Dich an. Also wenn Du demnächst einen Brief vom Land oder von der Gemeinde bekommst, mach den Mal zur Abwechselung mal auf und guck´ was drinsteht!“

„Du würdest Dich doch auch nicht impfen lassen, ne? Ne?!“

„Doch natürlich!! Ich würde mich sofort impfen lassen. Aber bis ich dran bin, wird es noch dauern. Ich stelle mich gerade darauf ein, dass ich erst im Herbst wieder ein normales Leben führen werde. So lange kann ich nicht groß raus.“

Vater (hämisch): „Oooooh, armes Hascherl!“

„WIE BITTE?“

„Hehe! Bis Herbst nicht raus? Hat der kleine Silencer Angst vor dem bösen Virus? Hast Du auch Angst vor der Grippe? Oder einer Erkältung?“

„Ja, ich nehme das Ernst! Ich bleibe schön zu Hause, nur noch alle paar Wochen gehe ich mal Einkaufen raus, ansonsten habe ich keinen Kontakt zu Menschen.“

Vater (heroisch): „Naja. Also, ICH fahre dann jetzt mal zu Rewe. Und danach zu Aldi.“

Rewe UND Aldi. Einfach, weil er es kann! Mein Vater, der furchtlose Held.

Aber mal ernsthaft: Mein Vater gehört zu den Menschen, die sich nur mit halbem Ohr über das Fernsehen informieren. Offensichtlich kommt in dem sich täglich ändernden Wirrwarr die Regelungen, die für das einzelne Bundesland und die einzelne Region gelten, bei dieser Gruppe Menschen gar nicht mehr das für sie relevante an.

Klar, so schnell wie sich alles ändert, ist eigentlich das Internet die wichtigste Quelle. Mein Vater hat zwar einen Glasfaseranschluss, auf den er sehr stolz ist und mir ständig unter die Nase reibt das ich keinen habe, aber er besitzt kein internetfähiges Gerät, weil er das für zu kompliziert hält und auch den Nutzen nicht erkennt. Andererseits bin ich da ganz froh drüber, dass mein Vater nicht im Netz ist. Bei ihm, dem alten Erich-von-Däniken-Fan, würde es kein zwei Minuten dauern, bis er sich durch unbeaufsichtigte Internetnutzung mit Reichsbürger-Chemtrail-Coronaleugner-Hohlerde-Kinderbluttrinker-Unfug radikalisiert hätte – er denkt ja ohnehin schon, das „die“, also irgendwelche Eliten, ihm nur Böses wollen. DIE machen ja sogar das Deutsche Museum zu! Muss man sich mal vorstellen! Kann sich aber keiner vorstellen! Ist nämlich unvorstellbar, sowas!

Frühere Dialoge:
Corona-Dialog
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Nächtlicher Dialog
Spontaner Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Corona-Tagebuch, Familienbande | 10 Kommentare

Corona-Tagebuch (25): An die Kette und die Sache mit der Solidarität

Weltweit: 82.022.480 Infektionen, 1.791.243 Todesfälle
Deutschland: 1.695.364 Infektionen, 32.267 Todesfälle

Tag 292 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Hat man in Göttingen und Umgebung ein Fahrzeug mit dem Kennzeichen EIC vor sich, gehen sofort die Alarmglocken an und der Sicherheitsabstand wird auf das dreifache vergrößert. EIC steht für Eichsfeld, einem sehr ländlich geprägten Landkreis im nordwestlichen Thüringen, was direkt an Südniedersachsen angrenzt. Eichsfelder verhalten sich im Straßenverkehr völlig erratisch und machen Dinge wie extremes Langsamfahren (vermutlich weil ihnen sonst das Telefonbuch vom Schoß fällt), nach links blinken/nach rechts abbiegen, Vollbremsung ohne erkennbaren Grund oder Parken auf Abbiegespuren. Außerdem ist das Eichsfeld für drei Dinge bekannt:

  1. Als erzkatholische Exklave inmitten eines protestantischen Landstrichs, inkl. Papstbesuch und Kruzifixen
  2. Eichsfelder Stracke, eine Wurst
  3. Eigenwilligkeit

Punkt 3 bemerkt man in Göttingen an der Fahrweise und besonders dann, wenn dank Punkt 1 die Eichsfelder einen katholischen Feiertag begehen, den wir im protestantischen Niedersachsen nicht kennen. Dann steht die ganze Stadt voller EICs, Stau Galore, nichts geht mehr.

Im Eichsfeld haben sich auch rechtsextreme Strukturen stärker verfestigt als anderswo, da leben reihenweise Nazis. Auch rechtsextreme Prominenz, wie Bernd Höcke oder Thorsten Heise. Die fühlen sich da vielleicht auch deshalb so wohl, weil ihre Ansichten im Eichsfeld auf einen guten Nährboden fallen: Hier wird oft eher simples Denken kombiniert mit einem „Interessiert uns nicht was andere sagen, diedaohm belügen uns sowieso“. Und damit schließe ich den weiten Bogen mal und komme zum Punkt:

Gläubig, simpel, rechts, das ist die ideale Kombination für Corona-Leugnung, das haben wir in Sachsen auch schon gesehen. Schon seit einiger Zeit regen sich im Netz diverse Göttinger Gruppen (no pun intended) darüber auf, dass Eichsfelder ohne Abstand und Masken und in Gruppen durch die Stadt marodieren.

Doof verhalten kann sich ja jeder, aber wenn Eichsfelder das machen, dann tun sie es gleich richtig. Jetzt haben sie ihre eigenen Inzidenzzahlen so dermaßen überrissen, dass es erst ein Maskentragegebot auch für draußen gab (mit der erwartbaren Reaktion: „Interessiert uns nicht was andere sagen, diedaohm belügen uns sowieso“) und nun ein echtes Ausgangsverbot.

Der Landkreis Eichsfeld hat also jetzt als erste Region in Deutschland überhaupt einen echten Lockdown. Raus auf die Straße darf nur noch, wer Lebensmittel oder Medikamente braucht, medizinische Not- oder Pflegefälle hat, zur Arbeit oder dem Lebenspartner muss oder Tiere oder Angehörige zu versorgen hat. Wischiwaschi-Gründe wie körperliche Ertüchtigung oder innere Unruhe zählen nicht mehr.

Die Eichsfelder an der Kette. Ich finde: Richtig so, würde mir auch wünschen dass das kontrolliert und Verstöße hart sanktioniert werden.

Schnelle Reaktion

In Österreichs Skigebieten ist teils Business as Usual. Hotels ignorieren, dass sie eigentlich keine Touristen beherbergen dürfen („Naa, I hab mi nett g´wundert, dass der Herr G´schäftsreisende Brettl dabeigehoabt het“) und vor den Skiliften bilden sich Menschentrauben ohne Abstand und teils ohne Masken. Große Empörung von nicht-Wintersportlern. Immerhin, dieser Bergbahnbetreiber hat sofort reagiert.

UND SEINE WEBCAM EINFACH ANDERS AUSGERICHTET, DAMIT DAS ELEND NICHT MEHR JEDER SIEHT.

Warum haben die Seilbahnen überhaupt noch offen? Das der oberste Vertreter der Seilbahnwirtschaft für die ÖVP im Nationalrat sitzt, hat nichts damit zu tun, oder? Na, dann ist ja gut.

BTW: In Deutschland sieht es nicht besser aus, das Winterberg im Sauerland oder der Harz waren auch völlig überlaufen. Wir haben in Deutschland nur weniger Skilifte.

Scheindebatten

Zwischen den Jahren führt man in Deutschland Scheindebatten. Sollen bereits geimpfte Personen Sonderrechte erhalten? Antwort: Geht von staatlicher Seite aus überhaupt nicht, Grundgesetz und so, wissen schon. Im privatwirtschaftlichen Bereich wird es der Markt schon regeln. Wer will denn einer Fluglinie verbieten, den Nachweis einer Impfung sehen zu wollen, bevor sie Leute an Bord lässt?

Hätte man für Deutschland mehr Impfstoff bestellen können? Sollte Deutschland vom guten, deutschen Impfstoff nicht mehr bekommen? Nein, das nicht die reichsten Länder in Europa den Impfstoff schneller und mehr davon bekommen ist Teil der europäischen Solidarität. Sollen Hausärzte impfen dürfen, wie die FDP fordert? Ja, natürlich. Sobald ein Impfstoff zugelassen ist, der nicht supertiefgekühlt bei minus 70 Grad aufbewahrt wird. Das ist auch völlig unstrittig. Aber die FDP macht halt symbolische Klientelpolitik, und zu der Klientel gehören auch niedergelassene Ärzte. Oder, wie @Sixtus so schön schreibt: „Würden zur Klientel der FDP Clowns gehören, Lindner würde Impfungen auf Kindergeburtstagen fordern“.

Solidarität

2021 wird das Jahr der Verteilungkämpfe oder zumindest der Verteilungsneiderei, das ist absehbar. Zur gesellschaftlichen Solidarität gehört es nun auch, dass man wartet, bis man an der Reihe ist.

Das wird zu weiten Teilen auch gar kein Problem sein. Trotz der krassen Einzelfälle: In der deutschen Bevölkerung ist viel Solidarität vorhanden. Sie wird nur überhaupt nicht genutzt.

Ein schönes Beispiel: Wie in der ersten Welle Nachbarn füreinander einkaufen gegangen sind. Über den Sommer ist das eingeschlafen, und das liegt auch daran, dass Solidarität von der Politik gar nicht genutzt wurde. Das ist schade, denn durch Aktivierung der Solidarität hätte man manche Dinge einfacher machen UND den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken UND den Menschen das Gefühl der Selbstwirksamkeit geben können.

Ein denkbares Beispiel: Die Verteilung von FFP2-Masken an Rentner:innen. Anfang Dezember wurde angekündigt, dass Alte und Angehörige von Risikogruppen pro Person 3 Masken in irgendeiner Apotheke abholen könnten. War eine Hauruck-Aktion und ging sofort schief. Wenn eine Apotheke überhaupt was von der Aktion wusste, waren die Masken praktisch binnen zwei Minuten vergriffen, und vor den völlig überrannten Apotheken standen sich die Alten die Beine in den Bauch.

Was aber wäre gewesen, hätten die Lokalpolitiker einen Aufruf verbreitet nach dem Motto „Wir suchen Freiwillige, die von Haus zu Haus gehen und Masken an Bedürftige verteilen?“ Ich wette es hätten sich SOFORT in mehr als ausreichender Menge Leute gefunden die das machen, und sei es nur, dass sie endlich das Gefühl bekommen, doch was gegen die Pandemie tun zu können und nicht völlig hilf- und tatenlos zu sein. Lokalpolitiker, baut auf Solidarität! (und ja, ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich das mal sage).

Krankenwagen

So viele Krankenwagen. Gefühlt an jeder Ecke kommen mir Krankenwagen entgegen, und schon morgens auf dem Weg zur Arbeit sehe ich den Rettungshubschrauber über dem Klinikum. Immer hoffe ich, dass das nur Leute sind, die sich an Weihnachtsplätzchen überfressen haben.

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Kategorien: Corona-Tagebuch | 2 Kommentare

Corona-Tagebuch (24): Verzweiflung und Hoffnung liegen dicht beieinander

Weltweit: 77.517.453 Infektionen, 1.705.654 Todesfälle
Deutschland: 1.542.570 Infektionen, 27.156 Todesfälle

Tag 255 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Der letzte Corona-Eintrag ist einen Monat her, und man, ist seitdem viel passiert. In Deutschland haben sich binnen vier Wochen eine halbe Million Menschen neu infiziert, die Zahl der Todesfälle hat sich verdoppelt.

Verzweiflung.

So emotional habe ich Angela Merkel noch nie erlebt. Ihre Stimme überschlägt sich und die Verzweiflung ist ihr anzumerken, als sie im Bundestag an die Abgeordneten und an die Ministerpräsidenten der Länder appelliert endlich zu handeln. Der „Lockdown Light“ hat zwar den exponentiellen Anstieg der Neuinfektionen gestoppt, aber die haben sich auf einem Niveau von 20.000 am Tag eingependelt. Viel zu viel.

Die Inzidenz sollte am Besten weit unter 50 Neuansteckungen die Woche auf 100.000 Einwohner liegen, aktuell ist sie regional bei fast 700. Die Landesoberhäupter haben versucht sich darum rumzuwurschteln, und Ausgangssperren ab 22 Uhr verhängt und so einen Quatsch, als ob im Dezember und bei geschlossener Gastronomie noch jemand freiwillig um diese Zeit unterwegs wäre. Die Schulen dagegen, die Infektionsmultiplikatoren schlechthin, sind bis zum letzten Tag offen geblieben, und auch das ach so wichtige Weihnachtsgeschäft sollte noch mitgenommen werden.

Erst als die Wissenschaftsakademie Leopoldina einen Brandbrief an die Politik schrieb und die Zahl der Neuinfektionen immer weiter stieg, hatten die Landesfürsten ein Einsehen und machten den Einzelhandel zu. Das war zu bräsig und zu langsam, jetzt haben wir aktuell 600 Tote am Tag, die Krankenhäuser sind am Limit und die wirkliche Welle steht uns nach den Feiertagen noch bevor. Das war alles absehbar und mit Ansage, schon im April hat Christian Drosten exakt diese Situation vorhergesagt. Aber klar, man kann das alles ignorieren, sich von lautstarken Corona-Leugnern treiben lassen und sich dann, wie Sachsens Ministerpäsident Kretschmer, hinstellen und sagen „Wir alle haben dieses Virus unterschätzt“. Nee, nicht „wir alle“.

Mittlerweile ist es so schlimm, dass sich selbst Menschen infizieren, die seit dem Frühjahr praktisch keinen Kontakt mehr mit anderen haben und nur mit FFP2-Maske und nur zum Einkaufen rausgehen. Derweil wurde in England eine Virusmutation gefunden, die um 70 Prozent ansteckender sein soll und zeitgleich tanzen noch „Protestierende“ ohne Masken durch Geschäfte im Prenzlauer Berg und singen „Ein Bißchen SARS muss sein“. Kannste an der Menschheit verzweifeln, ob solcher Nachrichten.

Hoffnung.

Immerhin, es gibt auch gute Nachrichten. Die Impfstoffe sind gefunden und wirksamer als gehofft. Großbritannien impft schon, die EU noch nicht. Grund: Man hat sich zwei Wochen Zeit genommen und genauer geprüft und dann dem Biontech-Impfstoff eine bedingte Zulassung erteilt, während auf der Brexit-Insel per Notzulassung geimpft wird. Hört sich nach Wortklauberei an, hat aber entscheidende Unterschiede. Bei einer Notzulassung haftet der Hersteller nämlich für nichts, bei der bedingten Zulassung dagegen sehr wohl. Damit ist für die Konzerne eine starke Motivation geschaffen den Impfstoff ordentlich zu produzieren. Gute EU!

Verzweiflung.

In Deutschland sind die Impfzentren vielerorts fertig eingerichtet, bei uns in Götham in einem alten Asybewerberheim. Sobald am 27.12. der Impfstoff ausgeliefert wird, können die Impfungen starten. Zuerst die alten und Risikogruppen, dann besondere Berufsgruppen, dann der Rest. Bis Herbst 2021 sollten dann hoffentlich alle durch sein. Das ist noch eine Ewigkeit hin.

Aber vielleicht geht das mit den Impfungen auch schneller. Aktuell ist der Anteil der Impfwilligen gering, je nach Umfrage sagen nur 30-60 Prozent, dass sie sich impfen lassen wollen. Das reicht nicht für eine Herdenimmunität.

Hoffnung.

Was es jetzt braucht ist eine ordentliche Marketingkampagne für die Impfung. So wie in Italien. Da läuft eine breit angelegte Werbekampagne für die Impfung. Das Motto ist „L´Italia rinasce con un fiore Vaccinazione“, „Italien wird wiederbelebt mit einer (Impf-)blume“. Das Logo ist eine Blume, und die Impfzentren sind auch wie eine Blume designt. Zumindest als Mockup im Werbspot der Kampagne. Viel positiver und hoffnungsvoller geht es kaum.

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Corona-Tagebuch (23): Rezos Zerstörung der Idioten

Weltweit: 58.900.313 Infektionen, 1.392.213 Todesfälle
Deutschland: 944.984 Infektionen, 14.258 Todesfälle

Tag 255 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Der Lockdown Light bringt´s nicht, die Fallzahlen steigen weiter (obwohl weniger getestet wird), die Todeszahlen auch. Aber noch immer will niemand Schulen schließen. Stattdessen sollen private Kontakte weiter eingeschränkt werden, so ein Vorschlag der Länder. „Welche privaten Kontakte“, fragt da jetzt so mancher mit einem bitteren Unterton, denn die Allermeisten von uns haben sich seit März nicht mehr mit Freunden getroffen, sind Essen oder ins Theater gegangen.

Die Hauptgründe für die steigenden Fall- und Todeszahlen dürften zwei Dinge sein: Offene Schulen und Superspreaderevents, bei denen viele Menschen zusammen kommen und dort rasend schnell das Virus von einem zum anderen verbreiten. Moment mal, Großveranstaltungen? Die gibt´s doch gar nicht mehr?

Doch, in Form von Demos. Es gibt Menschen, die gegen den Corona-Virus auf die Straßen gehen. Das ist ein bunt gemischter Haufen: Manche beklagen die Grundrechtseingriffe, manche sind so in ihrer Existenz bedroht, das sie vor Angst auf die Straße gehen. So weit, so verständlich. Was dann weniger verständlich ist, ist, dass diese Menschen Demos zusammen mit Esoterikern und Verschwörungsgläubigen machen, die behaupten es gäbe Corona gar nicht, das sei eine Erfindung der Regierung, um einer „Elite“ zu ermöglichen bei Zwangsimpfungen 5G-Chips in die Hirne der Menschen zu spritzen, damit die BRD GmbH… Naja, undsoweiter.

Anfangs wurden diese Leute als „Covidioten“ tituliert, mittlerweile wird es aber gefährlich. Denn stramm rechte und Neonazis organisieren und vernetzen unter dem Titel „Querdenken“, melden Demos an und verbreiten die Märchen, dass man sich hier „im Widerstand“ gegen „das Regime“ befinde. Das treibt absonderliche Blüten, wie am Wochenende schön zu beobachten war. Da stellte sich „die Jana aus Kassel“ bei einer „Querdenken“-Demo am Wochenende in Hannover auf eine Bühne und verkündete, sie fühle sich wie Sophie Scholl, weil sie auch im Widerstand sei und Flugblätter verteilt.

An Jana aus Kassel sieht man zwei Dinge sehr schön:

  1. An Schulbildung sparen rächt sich gesamtgesellschaftlich, immer.

  2. Wie Gunnar Lott so schön schreibt: „Die Janas dieser Welt sind so wohlstandsverwahrlost, dass sie etwas brauchen, was nur Verschwörungstheoretiker und Nazis bieten, dieses einfache Absolution „Du kannst weiter egoistisch sein, musst Dicg um nichts kümmern, musst keine Solidarität zeigen, aber trotzdem sind alle anderen Schuld an allem. Es gibt keine christliche und auch keine linke Erzählung, die es dem Rezipienten ähnlich einfach macht. Religionen und humanistische Bewegungen fangen nämlich immer beim „Ich“ an, bei der Eigenverantwortung.“

So kommt es, das wohlstandverwahrloste (dieses Wort!) Janas Seite an Seite mit Nazis, Rechten, Spinnern und Leuten mit viel Angst zusammen und natürlich ohne Masken oder Abstand durch deutsche Innenstädte marodieren. Das Konzept der Polizei bislang: Hartes Vorgehen mit Wasserwerfern – aber nur gegen die Gegendemonstranten. Die Corona-Nazis haben nämlich Kinder als Schutzschilde dabei, während die Menschen, die gegen die Coronaleugner aufstehen, weggekärchert werden.

Warum DAS ein Problem ist und bedeutet, hat Rezo sehr schön in seinem neuestem Video aufgearbeitet. Das sind 18 Minuten die sich lohnen, und natürlich ist wieder jeder Satz mit Quellen belegt.

Zum Schluss noch was Lustiges: Das hier hatte ich heute im Briefkasten. Lustige Printpublikationen bringt die Pandemie hervor.

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Corona-Tagebuch (22): Föderalismus, du dumme Nuss

Weltweit: 55.736.846 Infektionen, 1.390.900 Todesfälle
Deutschland: 843.757 Infektionen, 13.159 Todesfälle

Tag 251 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Ganz zu Beginn der Pandemie hörte ich im Radio die Ansage eines Epidemiologen, dass Schulen die Orte seien, die die Ausbreitung von Krankheiten massiv beschleunigen und vorantreiben. Das klingt logisch und kann jeder bestätigen, der selbst Kinder in Kitas oder Schule hat. Die Lütten sind immer alle kollektiv verrotzt, haben gemeinsam Läuse oder Magen-Darm. Deshalb war es auch Folgerichtig, dass im Frühjahr die Schulen geschlossen wurden, um the curve zu flatten.

Für diese effiziente Maßnahme haben einige Landespolitiker aber wohl so dermaßen Schelte bezogen, dass sie sich das nun nicht mehr trauen. Der „Lockdown Light“ heißt ja auch deshalb so, weil Schulen und Geschäfte weiterhin geöffnet sind.

Bringen tut er freilich wenig. Zwar sind die Rate der Neuansteckungen nicht mehr exponentiell, aber krass linear und die Intensivstationen fast voll. Der Bundeskanzler Frau Merkel drängt auf strengere Maßnahmen, aber die Landeschefs mauern, fühlen sich vom Kanzleramt überrumpelt und wollen lieber, äh, irgendwas anderes machen. Förderalismus is a bitch.

Das sind übrigens dieselben Bundesländer, die – so weiß ich aus dem eigenen Bekanntenkreis, in dem sich auch Schulleiter tummeln – alle Vorschläge für Hybridunterricht, Klassenteilungen und schichtweisen Unterricht, die die Schulen über den Sommer erarbeitet haben und im Herbst umsetzen wollten, schlicht abgelehnt haben. Weil: Lüften reicht ja. Arbeitsverweigerung bis zur Verantwortungslosigkeit.

Wie es weitergeht, sieht man schon in Österreich und der Schweiz. Horrende Todeszahlen, Triage, harter Lockdown. Also das, was uns in Deutschland in Kürze auch bevorsteht.

Good News, everyone!

Sieht aus, als wären nicht nur ein, sondern zwei wirksame Impfstoffe gefunden worden. Bis das bestätigt ist, ggf. der Kram ausreichend produziert und alle geimpft worden sind, wird es vermutlich Ende 2021. Aber immerhin.

Ausland

Alles erbärmlich: In den USA weigert sich der abgewählte Trump auch wirklich abzutreten und konzentriert alle Energie darauf, die Wahl juristisch zu kippen. Gegen die Pandemie macht seine Regierung genau nüscht und sagt das auch so. Der neu gewählte Präsident kann aber noch keine Planung für seine Anti-Corona-Maßnahmen aufstellen, weil Trump ihm Zugang zu Infos verweigert.

Derweil, in Europa, dachte die Leyen-Kommission allen Ernstes es sei voll clever, die Abstimmung über den Haushalt der kommenden sieben Jahre plus 1,8 Billionen Corona-Hilfen an die Einhaltung von rechtstaatlichen Grundregeln zu knüpfen. Ja, nee, sagen da Polen und Ungarn und nun sind alle fürchterlich überrascht und im Krisenmodus. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Diktator Orban und die traurige, alte Kartoffel Kacynski machen immer genau das, was sie vorher ansagen. Rechtsstaatlichkeit bedeutet freie Presse und unabhängige Justiz, und das können sie nicht brauchen. Das man ihnen dann nicht zutraut gegen Hilfen zu stimmen, von denen beide Länder massiv profitieren, ist naiv. Denn egal was die beiden tun: Sie profitieren immer davon, im Zweifel durch eine Opferhaltung und indem sie die EU als böse darstellen. Und während die Ost-Könige weiter ihre Demokratien zerstören, gehen die südeuropäischen Länder vor die Hunde, die die Hilfen dringend bräuchten.

Gelacht

Laut gelacht habe ich, als ich das hier im Edeka um die Ecke sah: Hamstern von Klopapier wird bestraft, die Einnahmen aus den Strafzahlungen an die Tafeln gespendet. Sehr gut!

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Corona-Tagebuch (21): Lockdown Light vs. Primateninstinkte

Weltweit: 46.519.618 Infektionen, 1.200.471 Todesfälle
Deutschland: 522.060 Infektionen, 10.541 Todesfälle

Tag 234 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Seit heute ist es soweit, es gibt wieder verschärfte Maßnahmen, umgangssprachlich „zweiter Lockdown“, von der Politik „Lockdown Light“ genannt. Keine privaten Feiern, private Kontakte eingeschränkt, Freizeitbereich wie Fitnessstudios, Kinos und Restaurants wieder zu. Offen bleiben dagegen Schulen und Kitas und der komplette Einzelhandel. Ob das was bringt? Wir werden es sehen.

Nicht gebracht hat es das Konzept der Eigenverantwortung. Ja, viele Leute waren vernünftig, haben überall Maske getragen und unnötige Kontakte vermieden. Aber eine wesentlich größere Anzahl hat das eben nicht getan, und selbst kurz vor dem zweiten Lockdown wurden noch, so ist den Medien zu entnehmen, allerorts kleinere und größere Halloweenpartys gemacht.

Die zweite Welle war vorhersehbar, wenn man mal in die Geschichte schaut. Diese Grafik hier

bildet nicht etwa die aktuelle Situation ab. Die zeigt die Todeszahlen pro 1.000 Personen bei der Spanischen Grippe von 1918 in Großbritannien.

Und das hier sind die Infektionszahlen in Deutschland. Sieht ähnlich aus?

Was stimmt mit den Leuten nicht?, fragt man sich da, und tatsächlich sind die Mechanismen hinter dem Verhalten komplex UND interessant. Zwei der Wichtigsten:

1. Belohnung. „Ich habe doch so lange auf dies und das verzichtet, nun darf ich auch mal über die Stränge schlagen“ – kennt jeder, der nach dem Fitnessstudiobesuch mal eine Tafel Schokolade gefressen hat. Nur: Im Falle der Pandemie ist das wie „Ich habe so lange ein Kondom benutzt, jetzt darf ich auch mal ohne“.

2. Kaputte Freund-Feind-Erkennung Es ist in unseren Primatenhirnen tief verwurzelt, dass wir Freunde und Familie nicht als Gefahr ansehen. Deshalb neigen wir dazu, in Bezug auf Freunde unvorsichtig zu werden. „Ist doch nur Omma, die steckt uns schon nicht an, bei der brauche ich keine Maske“. Ja, nee. Dagegen hilft ein Trick: Man muss so tun, als sie man SELBST infiziert und müsste Omma schützen. Damit umgeht man seinen Primateninstinkt.

Fünfundsiebzig Prozent
Restaurants bekommen jetzt 75% des Umsatzes des Novembers des Vorjahres ausgezahlt. Von mir aus sollen sie, Hauptsache ich muss diese DeHoga-Tante nicht mehr sehen, der Geschäft über Menschenleben geht.

Ich frage mich nur zwei Dinge:

  1. Was hilft das neuen Restaurants, die noch kein Jahr am Markt sind? und

  2. ECHT JETZT? FÜNFUNDSIEBZIG PROZENT DES UMSATZES? GEHT ES NOCH? In der Gastronomie gibt es drei Hauptsäulen von Kosten: Miete, Personal, Rohmaterial. Klar, wenn die Miete weiterläuft bei Null Einnahmen ist das Doof. Aber was muss man genau NICHT kaufen wenn es keine Gäste gibt? Genau, Rohmaterial. Und was machen Gastronomiemenschen als erstes, wenn es nicht dolle läuft? Sie werfen das Personal raus, das in der Regel eh nur befristete Aushilfsverträge hat. Für viele Betriebe in der Gastronomie ist das hier also ein Geldregen: Kaum Kosten, aber 75 Prozent des Umsatzes UND den ganzen Tag Netflix gucken. Geilo.

Die weiteren Aussichten

Ich will jetzt keine schlechte Laune machen, aber die schweren Verläufe der jetzt neu Infizierten landen erst in 10 Tagen in den Intensivstationen der Krankenhäuser, die jetzt schon zur Hälfte belegt sind. In Schweiz musste bereits mit der Triage begonnen werden. Da wir in Deutschland dafür keine gesellschaftliche Vereinbarung haben, wie C. Drosten schön erklärte, muss die Entscheidung, wer beatmet wird und wer nicht, das medizinische Personal im Einzelfall treffen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was das mit den Menschen macht. In den USA zählt man einfach die „Years lost“, damit ist ein klares Selektionskriterium gegeben: Jüngere, mit einer noch höheren Lebenserwartung und mehr Lebensjahren, die sie verlieren könnten, werden eher betreut als Alte.

1918 ging es in Großbritannien übrigens so weiter. Mit einer dritten Welle im März.

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Corona-Tagebuch (20): Die zweite Welle ist da

Weltweit: 40.485.384 Infektionen, 1.119.545 Todesfälle
Deutschland: 377.068 Infektionen, 9.844 Todesfälle

Tag 222 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Das Problem an vorbeugenden Schutzmaßnahmen: Wenn sie wirksam sind, wird im Nachgang gerne so getan als wären Sie überflüssig gewesen. So auch hier und jetzt, mitten in der Pandemie. Über den Sommer hat sich in vielen Köpfen festgesetzt das es einen „Lockdown“ gegeben habe und der übertrieben gewesen sein muss, weil: Wir leben ja noch und guck, alles wieder offen.

Nun gab es zum einen aber gar keinen „Lockdown“, und zum anderen: Wer auch nur den Wikipediaartikel zur Spanischen Grippe von 1918 gelesen hat, konnte ganz sicher sein, dass im Herbst eine zweite Welle kommen würde. Und nun ist sie da:

Von weniger als 300 Neuinfektionen pro Tag im Juli auf 8.500 jetzt. Muss man auch erstmal hinkriegen, wobei es besonders die ganz Jungen und die Älteren sind, die das Risiko nach wie vor nicht ernst nehmen. Ich musste am Freitag mein Auto von einer Werkstatt abholen und habe dafür spät am Abend den Nachtbus genommen, um möglichst wenig Leuten zu begegnen. Obwohl Bus und Stadt eigentlich leer waren: Wo Menschen unterwegs waren, klumpten die dicht zusammen und hatten keine Masken auf.

Wobei Deutschland im europäischen Vergleich noch gut da steht, andernorts sind die Infektionszahlen viel höher. Wer einmal eine französische Schulklasse auf Klassenausflug gesehen hat, ahnt auch, woher das kommt. Sport der Kids war es, sich von Angesicht zu Angesicht aufzustellen und sich gegenseitig in den offenen Mund zu spucken oder zu husten. E-kel-haft.

Non sole mio

Nun komme ich gerade aus Italien zurück. Die Menschen dort haben ihre Lektion auf die harte Tour gelernt, Italien hatte nämlich wirklich einen Lockdown. Vier Monate durften die Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen. In den Straßen patrouillierte Polizei und Militär, und wer ohne Grund außerhalb seiner vier Wände unterwegs war, bekam eine Anzeige und wanderte im Wiederholungsfall oder bei „Coronaleugnung“ schlicht in den Bau.

Resultat: In Italien trägt jeder Einwohner seine Maske, vom Kind bis zum Greis, über Mund UND Nase, und selbstverständlich auch draußen und in den Straßen. Das wird gar nicht diskutiert, Maskenverweigerer sieht man nicht. Nur deutsche und britische Touristen erkennt man sofort. Die Deutschen tragen gar keine Maske und die Briten tragen Masken als Einstecktuch oder am Revers spazieren oder setzen sie sich – LUSTIG LUSTIG – auf den Kopf. Als ob Corona im Urlaub Pause hätte.

U-S-A!

In den USA melden Kliniken jetzt nicht mehr die Fallzahlen an das Gesundheitszentrum, sondern an das Weiße Haus. Das „bereinigt“ dann die Daten veröffentlicht sie erst dann. Prompt sanken seitdem die Infektionszahlen, aber seitdem es Trump selbst und mit ihm das halbe Weiße Haus erwischte, steigen selbst die gelogenen Zahlen wieder. Trump spinnt daraus aber eine Heilandserzählung: Er habe überlebt und an ihm wurden neue Medikamente getestet, die er nun dem Volk schenkt. Krass, wie schlimm das gerade alles entgleist.

„Nicht ausreichend“

Nochmal zurück nach Deutschland: Während die Länderchefs sich im Klein-Klein verlieren und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband reihenweise Schutzmaßnahmen wegklagt, weil Umsatz wichtiger ist als Menschenleben, warnt der Bundeskanzler Frau Merkel davor, dass die verabredeten Maßnahmen „nicht ausreichend seien um Unheil abzuwenden“ und das alles „zu keinem guten Ende führe“.

Konservative Kommentatoren, die in gerade in Deutschland an einer ähnlichen Spaltung der Gesellschaft arbeiten wie in den USA, verspotten sie dafür als „Schreckgespenst“ (Nikolaus Blome auf Spiegel Online).

Vernünftigen Menschen fällt dagegen jetzt noch einmal verstärkt auf, wie schlimm Merkel mit Sprache umgeht, und das sie nie agiert als habe sie Macht und Gestaltungsspielraum. Stattdessen richtet sie ihre Politik immer nach Umfragen und Zahlen aus, und die Zahlen sagen gerade: Was noch kommt wird richtig Scheiße.

Der Bundeskanzler Frau Merkel weiß das. Die Altherrenrunde der Kanzlerkandidaten ignoriert es und tut so, als könnten sie Covid-19 mit bloßen Händen besiegen. Deppen.

Deppen

Apropos Deppen: Die Deutschen hamstern schon wieder. Vielerorts sind die Klopapierregale erschreckend leer.

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Corona (19): Alltagsmüdigkeit vs. Reiselust

Weltweit: 24.446.482 Infektionen, 831.827 Todesfälle
Deutschland: 240.573 Infektionen, 9.293 Todesfälle

Tag 169 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Seit dem letzten Blogeintrag zur Pandemie sind zwei Monate vergangen. Seitdem ist die Zahl der Infizierten von unter 10 Millionen auf 25 Millionen gesprungen, die der Toten hat sich verdoppelt. Nach wie vor sind die USA am Schlimmsten betroffen, politisch gibt es da auch immer noch keine Strategie. Es ist Wahlkampf, und Trump wurde gerade beim Parteitag der Republikaner als derjenige gefeiert, der durch sein schnelles und entschlossenes Eingreifen das Schlimmste verhindert hat. Wirklich, die Republikaner erklären Corona für besiegt und tun so, als ob es die bislang 180.000 Toten in den USA nicht gäbe. Stattdessen wurden die Testprozedere gerändert, und neuerdings erfolgt Reporting direkt an die Trump-Regierung und nur das Weiße Haus, nicht mehr das Gesundheitsamt, veröffentlicht Statistiken. Man kann sich vorstellen, was passiert: Die Zahl der Infektionen sinkt urplötzlich. Ein Wunder.

COVIDioten

In Deutschland sieht es besser aus, hier frisiert die Politik keine Zahlen, und in den letzten zwei Monaten gab es gerade mal 300 Todesfälle. Das Infektionsgeschehen ändert sich aber gerade, zum Schlechteren. Das liegt nicht in erster Linie an den „COVIDioten“, die für sich ein Phänomen sind: Da marschieren stramm Linke, Hippies, Esoteriker und Bildungsbürger Seite an Seite mit Reichsbürgern und Neonazis gemeinsam auf „Hygiene-Demos“ herum, aus Protest gegen die Anordnungen zum Tragen von Masken. Das deuten Sie als Einschränkung der Meinungsfreiheit oder ihrer freien Entfaltung oder wasweißich.

Sie alle eint das diffuse Gefühl, dass „die da oben“ in der Pandemie machen was sie wollen, und wittern überall Verschwörungen. Das ist eine normale, menschliche Reaktion: Die Bedrohung ist so groß und so wenig fassbar, dass der menschliche Geist es nicht begreift und annimmt, dass da mehr dahinterstecken muss als ein unsichtbarer Virus. In der Außenansicht ist es natürlich absurd dumm, ändert aber nichts daran, dass Verschwörungstheorien gerade starken Zulauf haben, und sich die Rechtsradikalen auf dieses Thema setzen. Die Politik ist in einer Zwickmühle: Damit nicht wieder 20.000 maskenverweigernde Covidioten unter der Führung von „Querdenkern“ aus Stuttgart durch Berlin marschieren, muss tatsächlich ein Grundrecht eingeschränkt werden: Das der Demonstrationsfreiheit. JETZT, wo keine Rechten Verschwörungsgläubigen mehr unter den Linden marschieren dürfen, jault sogar die BILD und fährt eine Kampagne dagegen, aber als die Demo zum Gedenken der Opfer des rechten Attentats von Hanau trotz Hygienekonzept abgesagt wurde: Schweigen im Wald.

Reiserückkehrer

Nein, die wahre Gefahr geht von den Reiserückkehrern aus. Viele, viele Menschen sind den Sommer über zu Hause geblieben, waren vorsichtig und haben lieber eine Veranda gebaut als weg zu fahren, aber eine ordentliche Zahl ist doch in den Sommerferien ins Ausland geflogen oder war in der Bahn unterwegs. Genau das sind für mich die kritischen Punkte. Die Züge sind schon wieder überfüllt und die Bahn nicht Willens Abstandsregeln einzuhalten und die Maskenpflicht durchzusetzen. Das hat dazu geführt, dass meine Firma die Bahncards der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gekündigt hat. Nicht viel besser ist es in Flugzeugen. Auch hier sitzen die Leute dicht an dicht, und Aerosole werden über die Umluft der Kabine flächendeckend verteilt. Wenn man dann noch so Spezialisten da rumhocken hat, die „Ich habe ein Attest“ spielen oder den ganzen Flug über an einem Stück Brotrinde rumkauen weil „Zum Essen muss ich keine Maske tragen“, dann kann man sich denken, was passiert.

Und tatsächlich sind die Zahlen an Neuinfektionen stark gestiegen, seitdem die Leute aus den Ferien zurückkommen. Hatten wir im Juli tageweise nur 200 Neuinfektionen, sind es nun 1.500 bis 2.000. Das entspricht dem Stand vom April.

Reiselust

Aber ach, man kann es ja niemandem verdenken, dass es einen in die Ferne zieht. Geht mir ja nicht anders. Nachdem die lange Sommertour mit dem Motorrad ausgefallen ist, hatte ich mit der Idee geliebäugelt, im September nach Rumänien zu fahren und endlich den Transfagarsan-Pass zu sehen. Wochenlang habe ich zu Rumänien recherchiert und eine geile Tour geplant. Kaum war die Planung fertig und die ersten Unterkünfte gebucht, gab es einen heftigen Ausbruch der Seuche und Rumänien wurde zum Krisengebiet. Also wieder verworfen. Und nun plagt mich Reisesehnsucht, verbunden mit einer tiefen Alltagsmüdigkeit. Ich habe zu nichts Lust, nicht mal zum bloggen. Ist schon oft gesagt worden: Dieses Jahr fühlt sich an wie der längste März aller Zeiten. Das jetzt schon Herbst sein soll kann ich kaum glauben.

Lasst mich hier liegen, ohne mich schafft ihr es vielleicht.

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Corona (18): Hotspots

Weltweit: 9.150.271 Infektionen, 472.856 Todesfälle
Deutschland: 192.480 Infektionen, 8.914 Todesfälle

Tag 103 der Corona-Maßnahmen.

Back to Normal, aber bitte mit Abstand und Maske. Das bringt anscheinend wirklich etwas, die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist in Deutschland gering. Oder sie war es zumindest, die Zahlen sind gerade schlagartig gestiegen. Grund: Schlechte Hygienemaßnahmen in einem Schlachtbetrieb in Gütersloh und Masseninfektionen in den beiden großen Wohnblocks in Göttingen. Der Landkreis Gütersloh, der ja Anfang des Jahres meinen Führerschein einkassierte, ist nun wieder im Lockdown, Gütersloher dürfen in Bayern keine Hotels besuchen.

Im Fall der Groner Landstr. 9a geht die Stadt mit unverständlicher Härte vor: Man hat einfach einen Zaun rings ums Gebäude gestellt und lässt den bewachen, Niemand darf rein oder raus. Das ist schon krass, denn das Haus ist ein Bunker mit winzigen Wohnungen, in denen Teils große Familien leben. Klar, das sowas eskaliert, und prompt wurde die Polizei angegriffen.

Funfact: Ich habe selbst mal in dem Haus gewohnt. Das ist aber nichts besonderes, gefühlt hat JEDER schon mal dort gewohnt. Zumindest jeder Student, der in den Neunzigern nach Göttingen kam. Damals wie heute gab es keinen bezahlbaren Wohnraum in der Universitätsstadt, und so blieb nur die Groner Land. Das ist ein Komplex mit mehreren Gebäudeteilen, und damals wohnten im linken Flügel die Punks, rechts die Nazis und im Wohnturm in der Mitte die Studis. Ich hatte das Glück in einem relativ abgeschlossenen Teil nach hinten raus zu wohnen, mit Blick auf den Rangierbahnhof. In den 12 Monaten, die ich da gewohnt habe, habe ich in den Fluren nie eine Menschenseele gesehen. Nur der Geruch nach gekochtem Kohl verriet die Anwesenheit menschlichen Lebens.

Die Welt

Die Staaten mit einem autoritärem Rechtsregime, wie die USA, UK und Brasilien, haben lange die Realität geleugnet und tun das auch weiterhin. Nach langem Zögern folgten einige Wischi-Waschi-Pseudo-Maßnähmchen, dann zurück zum Alltag. Die Zahl der Neuinfektionen ist in Deutschland eine flache Kurve, für die Welte eine Gerade im 45 Grad Winkel. Wirtschaft ist wichtiger als Menschenleben, die Quittung sind Hunderttausende Tote. Brasilien ist das freilich völlig egal, die Nutzen die Pandemie um ungescholten den Regenwald abzuholzen.

Die Aussicht

Ich denke nach wie vor, dass uns die Maßnahmen noch lange begleiten werden. Das es bisher in Deutschland glimpflich gelaufen ist sorgt zudem nun dafür, dass die Leute sorglos werden und keine Masken mehr tragen oder sie nicht richtig einsetzen. Außerdem freuen sich viele auf den Urlaub – der Aufenthalt in Flugzeugen und Bahnen wird aber nicht dazu beitragen, Neuinfektionen zu verhindern. Bad Ischgl ist überall.

Ich Ich Ich

Morgen die erste Dienstreise seit dem 07. März. Ein merkwürdiges Gefühl. Privat habe ich mich schon eher rausgetraut, wollte eine Moppedtour durch Ostdeutschland machen. Da kam dann aber Starkregen dazwischen. War ja klar.

Alle Folgen des Coronatagebuchs

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Corono (18): Es ist vorbei. (nicht).

Weltweit: 3.866.642 Infektionen, 270.118 Todesfälle
Deutschland: 169.430 Infektionen, 7.392 Todesfälle

Nachdem sich in der vergangenen Woche die Länderchefs in Sachen Lockerungen ohne große Abstimmung überboten haben, trat nun auch der Bundeskanzler Frau Merkel vor die Presse, lobte das Verhalten der Menschen bis hier her und erklärte die erste Welle der Pandemie für überstanden. Man habe erfolgreich die Überlastung der Gesundheitssysteme verhindert. Und nun? Weiter wie gehabt, alles öffnet Stückweise wieder. Mir fehlt schon lange ein Ziel, oder ein Plan. Der „Hammer & Dance“-Entwurf würde vorsehen, dass nach Rückgang der Neuinfektionen rigoros und in Massen getestet und Infektionsketten nachverfolgt werden. Das macht die Regierung aber nicht. Es scheint keinen Masterplan zu geben. Stattdessen wurschtelt jedes Bundesland irgendwie rum, und alle hoffen das es gut geht.

Bei der Bevölkerung wird das leider vielfach interpretiert als: „Es ist vorbei, wir haben es geschafft“. Dabei ist das grob falsch, und deshalb bleiben auch essentielle Maßnahmen wie das Abstandsgebot oder die Pflicht zum Tragen von Masken über Mund und Nase bestehen. Das erzeugt nun eine komische Situation: Einerseits hängt in den Köpfen von vielen Leuten der Gedanke „es ist vorbei“, andererseits bestehen solche Pflichten. Das… kann doch nur Gängelei sein!!

Tatsächlich wird die Aluhutträgerfraktion gerade stark. Menschen, die nicht glauben, das so etwas Kleines wie ein Virus solche starken Veränderungen auslösen kann. Da muss doch mehr dahinterstecken! Deshalb blühen allerorten absurde Theorien wie die, dass Bill Gates den Virus erfunden hat, damit er uns ein Gegenmittel als Zwangsimpfung verabreichen kann in dem dann 5G-Chips enthalten sind.

„Promis“ wie der Rassist Xavier Naidoo, der rechte Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen oder obskure Gestalten wie Attila Hildmann raunen von großen Verschwörungen, und die Aluhutträger folgen ihnen und bilden sogar eine neue Partei: „Widerstand 2020“. Da Verschwörungs- und Esoterikglauben und rechte Ideologie gerne mal Hand in Hand gehen, winkt aus der Ferne schon mal die zweite Reihe der AfD in Richtung Neupartei und organisiert gemeinsam Demos. Muss man sich mal reintun: „Coronaskeptiker“ gehen auf „Hygienedemos“, um gegen Sicherheitsregeln zu protestieren. Dabei stellen sich dann Leute hin die sich vor dem Besuch eines Supermarktes angemalte Tampons in die Nase stecken und so tun, als hätten sie gerade eine Nasen-OP hinter sich, damit sie keine Maske tragen müssen. Meine Fresse. Bildungsniveau Wie im finstren Mittelalter. Dabei hatten wir hier nicht mal harte Maßnahmen wie in Frankreich, Italien oder Spanien, wo man nur mit Passierschein aus dem Haus durfte.

Die Springer-Presse macht da begeistert mit und lässt „Experten“ im Blatt zu Wort kommen, die erzählen dürfen, dass der Lockdown ja ein Fehler gewesen sei. Man hätte es doch wie in Schweden machen sollen. Nur: Schweden war in Sachen Maßnahmen von Deutschland nicht weit weg, hat nur die Schulen und die Gastronomie offengelassen. Das Ergebnis: 290 Tote auf eine Million Einwohner. In Deutschland sind es 89. Wo genau war der Lockdown also ein Fehler?

Rest der Welt

Trump zerlegt die USA, Teil 9.789: „Das Land muss endlich wieder öffnen“, tönt es aus dem orangenen Hohlkopf, dabei ist der Anstieg eder Fall und Todeszahlen unverändert hoch. In den USA gab es gar keine harten Maßnahmen, aber die unsichtbare Hand des Marktes hat schon mal geregelt: 30 Millionen Arbeitslose gibt es jetzt. Und wie in einem Land der dritten Welt kein Sozialnetz und praktisch keine Krankenversicherung. „Ich sehe unsere Bürger auch als Krieger“, sagt Trump. Will heißen: Es wird Tote geben. Noch mehr davon. 76.000 gibt es schon. Oder, wie Naomi Wu es gegenüber ihren Hatern ausdrückt, die sie immer als Kommunistin anfeindend: „Ich beneide die USA um ihre Freiheit. Ihr habt die Wahl entweder in Euren Wohnungen zu hocken bis ihr verhungert und für die Oligarchen, die Euch regieren, arbeiten zu gehen bis ihr Blut hustet“. Krass zugespitzt, aber wahr.

Weil Trump ja nie für irgendwas Verantwortung übernimmt, versucht er die seinem Amtsvorgänger in die Schuhe zu schieben. „Die Schränke mit der medizinischen Ausrüstung waren leer“, jammert Trump. Das ist natürlich gelogen. Neue medzinische Ausrüstung sollen jetzt vor allem Staaten bekommen, die Trump huldigen. Für seine tolle Arbeit. Weil 3.000 Tote pro Tag eine Erfolgsstory sind.

Neben den Unvereinigten Staaten von Amerika gibt es ja auch noch das Unvereinigte Königreich. Das zerlegt sich gerade durch Johnsons Fehlpolitik. Zu spät hat das Land reagiert, und dann noch Falsch. Senioren wurden erst in Krankenhäuser evakuiert, dann zurück in Altenheime geschickt. Mangels Ausrüstung hatten sie sich aber in der Zwischenzeit infiziert, und so geht der Tod in Brittanien um: über 30.000 Tote bislang, mehr als in Italien, und kein Ende in Sicht.

Hersteller von Omma-Muff suchen neue Absatzmärkte.

Ich Ich Ich

Ich gehe weiterhin meinem gewohnten Leben nach. Morgens zur Arbeit, extrem viel zu tun, Abends nach Hause und kaputt. Mir fehlt Moppedfahren und Reisen und Theaterbesuche, aber das sind Luxusprobleme und alles nicht schlimm. Außerdem habe ich nie Langeweile. Geändert hat sich, dass ich wirklich nur maximal ein Mal pro Woche einkaufen fahre, spät abends, in einen dann praktisch leeren Supermarkt auf dem Land. Das werde ich auch noch eine Weile so weitermachen, denn es würde mich sehr überraschen, wenn die Fallzahlen nicht wieder steigen würden.

Alle Folgen des Coronatagebuchs

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Corona (17): Esst mehr Trump!

Weltweit: 2.973.264 Infektionen (+ 315.202) 206.569 (+21.926 in den letzten vier Tagen) Todesfälle
Deutschland: 157.781 Infektionen (+6.759), 5.976 (+622 in den letzten vier Tagen) Todesfälle

Kein Zweifel, es ist „Back to Normal“. In Deutschland gibt es immer noch 2.000 Neuinfektionen und 200 Tote am Tag, aber die Länder: Volle Straßen und Geschäfte, Schlangen vor den Bäckereien. Immerhin gibt es bei unter 800qm eine Höchstzahl an Personen, die in einem Geschäft sein dürfen. Die wird in manche Geschäfte über abgezählte Einkaufskörbe oder -wagen geregelt, andere haben vor ihrem Lädchen Gummienten abgelegt, und nur wer eine Ente hat, darf in den Laden

Immerhin: Die Leute tragen alle Schutzmasken. „Aber die helfen doch gar nicht“ jammern jetzt einige. Das wurde uns tatsächlich auch wochenlang erzählt, zur großen Verwunderung der Asiaten. Denn was die wissen, wurde bei uns verkürzt dargestellt oder unterschlagen: Die Masken helfen nicht dabei sich selbst zu schützen. Sie schützen aber andere. Und wenn jeder eine trägt, sind alle geschützt.

Oder, für WhatsApp-Nutzer:

Quelle: Internet.

Da mittlerweile vermutet wird, dass der Virus nicht nur durch Husten oder Niesen, sondern schon durch sprechen übertragen werden kann, ist eine Maske natürlich sinnvoll.
Hier wird gezeigt, wie jemand im Licht eines Laser „Stay Healthy“ sagt, ein Mal ohne und einmal mit Maske. Der Unterschied ist deutlich.

Vor Ort

Mittlerweile habe ich ein wenig das Zeitgefühl verloren. Ist das die sechste oder schon die siebte Woche, die wir die Firma in Homeoffice haben? Keine Ahnung. Ich habe irrsinnig viel zu tun, lange Tage, lange Wochen, deshalb habe ich kaum Zeitgefühl. Was ich auch erst nicht bemerkt habe: Die Isolation macht unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zunehmend zu schaffen. Da bröckelt es gerade an manchen Stellen, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie sich das auffangen lässt.

Fuck yeah, America!

Trump hält jetzt jeden Tag ein „Corona Briefing“, das sind schamlose Wahlkampfveranstaltungen zur Prime Time im Fernsehen. Ende letzter Woche sagten medizinische Berater in der Trump-Show nochmal das Selbstverständliche an, nämlich das Desinfektionsmittel und UV-Licht den Virus töten.

Man konnte während der Sendung sehen, wie es in Trumps hohlem Kopf arbeitete, und dann trat er ans Rednerpult und verkündete einen genialen Einfall: Man sollte doch den Körper mit starken UV-Licht bestrahlen, das Licht in den Körper bringen und überlegen, sich Desinfektionsmittel zu spritzen. Keiner der „Medical Experts“ auf der Bühne widersprach sofort, und Trump verlangte, das seine „Idee“ wissenschaftlich untersucht werde. Später ruderte er dann zurück und behauptete, das sei ja alles „Sarkasmus“ gewesen.

Davon ließen sich aber einige Internet-Wissenschaftler nicht abhalten:

Quelle: Fake News.

Wer bis dahin noch dachte, Trump sei halbwegs bei Sinnen: Nein, ist er nicht. Aber die Leute hängen an seinen Lippen, und am Wochenende wurde kolportiert, dass die Zahl der Vergiftungen dramatisch gestiegen sei, weil Leute versuchten Desinfektionsmittel zu trinken oder Rohrreiniger zu essen oder ähnliche Späße. So lange es nur seine Anhänger betrifft: Sollen die man machen.

Der Darwin-Award 2020 geht an die USA als Ganzes.

Drinnen – im Internet sind alle gleich

ZDF Neo hat eine Corona-Serie im Angebot. Charlotte sitzt zu Hause vor dem Rechner und versucht in Videomeetings ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Das ist als fixe Einstellung aus der Sicht der Webcam gedreht und so authentisch, dass es zuerst fast langweilig ist – es bildet EXAKT die aktuelle Heimarbeit ab.

Das dreht dann aber langsam in richtig Dramedy. Sehr geil. Einmal mit angefangen kann man nicht mehr aufhören. Pro Folge 9-12 Minuten, 15 Folgen gesamt. Kann man gut weggucken. Danke an Modnerd für den Tip!

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