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Archiv der Kategorie: Event

Bundestagswahl 2017

„Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen und uns unser Land und unser Volk zurückholen!“

– Alexander Gauland, Führer der Nazi-Partei AfD, kurz nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen

Das Ergebnis der Bundestagswahl ist da, und es ist leider so ausgefallen wir befürchtet. Die AfD zieht zweistellig in den Bundestag ein und beginnt gleich mit Nazidrohungen (s.o.),  auch die FDP ist mit über 10 Prozent dabei. Bei der letzten Wahl 2013 waren beide an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Zugelegt haben auch die Linken und die Grünen. Letztere hatten Beobachter bei unter 5 Prozent gesehen, ich dagegen hatte mit noch stärkeren Zuwächsen gerechnet.

Der Grund dafür: Es war klar, dass es keine Wechselstimmung im Land gibt, weil Merkel sich tatsächlich alternativlos gemacht hat. Es gibt unter ihr keinen frischen Nachwuchs in der CDU, und die SPD hat sich durch die Zusammenarbeit mit der CDU und einen desaströs fehlgelaufenen Wahlkampf selbst demontiert. Martin Schulz ist dabei noch die geringste Schuld anzulasten, er war die Idealbesetzung, denn als Europapolitiker trug er keine Schuld an dem, was Gabriel, Oppermann und Konsorten mit der SPD angerichtet hatten. Die hatten 2013 schon die SPD versenkt, sich dann in die Regierung gelogen und die Zwischenzeit kein Stück genutzt um sich sauber aufzustellen.

Nun also Schulz. Seine Schuld ist es, dass er sich auf diesen Uralt-Wahlkampf eingelassennhat. Er, ein glühender Verfechter von Europa, thematisierte dies im Wahlkampf  kein Stück – genausowenig wie z.B. die Verteidigung der Grundrechte oder Digitalisierung. Stattdessen machte er lieber Wahlkampf für… ja, wen eigentlich? Nach meinem Gefühl für Bergleute und Kohlekumpels, also einem Milieu, was so schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr vorhanden ist.

„Soziale Gerechtigkeit“ ist nett, aber zu abstrakt, und ich würde mal behaupten, dass die SPD einen Großteil der Leute in ihrer Lebenswirklichkeit schlicht nicht erreicht hat.

Dass nun die Randparteien, und insbesondere die Nazis von der AfD, so abgeräumt haben, ist ein sehr deutliches Signal. In meinen Augen ein Signal, dass eine quasi oppositionslose Große Koalition, die tun und lassen konnte was sie wollte und das auch gemacht hat, gerade NICHT dem Wählerwillen entsprach. Das hätte man der SPD auch schon sagen können, als Gabriel sich diese irre Idee aus dem Hintern zog. Es ist außerdem ein Signal dafür, dieses visionslose, pragmatische und vollkommen entkoppelte Reagieren von Merkel so nicht weiter laufen darf. Das wurde schon bei der letzten Wahl deutlich, und diese hier ist ein extrem lauter Schuß vor den Bug. 

Was schon sehr lange gebraucht wird ist eine Politik mit einer Vision, die alle einbindet – national und international. Genau das kann Merkel nicht. Sie steht für den Erhalt des Status Quo, für ein von-links-nach-rechts verwalten und etwas tun, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden. Eine Machtfrau in ihrem Machtvakuum.

Das kann nicht gesund sein und ist es auch nicht. Die Visionslosigkeit der deutschen Politik und die Weigerung, die Integrationsrolle auszufüllen, hat erst Europa an den Rand des Zerbrechens gebracht, und nun Nazis in den Bundestag.

Fassen wir zusammen: Die CDU wird visionslos bleiben, die SPD ist mit dem jetzigen Personal komplett unglaubwürdig und liegt auf absehbare Zeit in rauchenden Trümmern. Die Grünen sind personell mit einem nicht vermittelbaren Hofreiter schlecht aufgestellt, haben aber einen guten Stand. Genauso wie diese Partei, die nur noch aus Sarah Wagenknecht besteht. Oder diese andere Partei, die nur noch aus diesem miesepetrigen Fotomodell und dem Graubart aus Schleswig-Holstein besteht. Und wir haben nun Nazis im Parlament. Damit sollte die Demokratie wieder erheblich spannender werden, und alle Beteiligten müssen sich endlich mal wieder richtig anstrengen. Von daher: Auch wenn das Wahlergebnis niederschmetternd und nicht schön zu saufen ist: Im großen Zusammenhang ist es ein guter Tag für die Demokratie.

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass Politik und Gesellschaft zwei Systeme sind, die einander bedingen und beeinflussen, aber nicht 1:1. Was das gute Abschneiden der Nazis über unsere Gesellschaft aussagt, dass müssen jetzt meine Kollegen von den Sozialwissenschaften schnellstens aufarbeiten und Empfehlungen an die Politik weitergeben. Politischer Unterricht als Pflichtfach sollte dazugehören. was ich nicht hoffen will, ist, dass die Nazis auch in der Gesellschaft schamlos wiedererstarken. Denn unsere Erinnerungskultur ist eine der größten Stärken der Deutschen, und wenn die Nazi-AfD ihr erklärtes Ziel umsetzt und es schafft die auszuhöhlen, lächerlich zu machen und letztlich abzuschaffen, DANN haben wir ein echtes Problem.

 
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Verfasst von - 24. September 2017 in Betrachtung, Event, Politik

 

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Saturday Night Fever (2017)

Alle Jahre wieder Gandersheimer Domfestspiele. Nach Evita und „Maria, ihm schmeckt´s nicht!“ (beide 2014), „Highway to Hellas“ (2016) verschlug es mich wieder ins Open-Air-Theater, diesmal zur Musicalversion von „Saturday Night Fever“.

Über SNF wusste ich bislang nur, das John Travolta in der Filmversion einen weißen Polyesteranzug trägt und zum Gequieke der BeeGees komisch tanzt. Deshalb hatte ich eigentlich eine locker-leichte-Feelgood-Geschichte erwarte und war ziemlich erstaunt, dass das Stück im Kern eigentlich sehr sozialkritisch ist:

Der gerade 19jährige Tony hat es nicht leicht. Die Arbeit in einem Farbengeschäft ist schlecht bezahlt, seine fromme Familie arm. Wenn er nicht arbeitet, hängt Tony mit seinen Kumpels ab, die immer wieder in Prügeleien mit Gangs aus der Nachbarschaft verwickelt werden. Nicht gerade das rosigste Leben. Aber ein Mal die Woche, Samstag Abends, ist Tony oben auf: Auf dem Tanzboden seiner Diskothek ist er der König. Als ein Tanzwettbewerb ausgeschrieben wird, wittert Tony eine Chance auf schnelles Geld. Leider geht auf dem Weg dahin alles den Bach runter: Das Mädchen, dass ihn anhimmelt, wird vergewaltigt, einer seiner Kumpels begeht Selbstmord, er verliert seinen Job und wird bei einer Schlägerei verletzt. Am Ende ist der Sieg beim Wettbewerb das Symbol für alles, was in seinem Leben schief läuft. Tony gibt des ersten Platz ab und verlässt die Stadt.

Ich muss sagen: So eine heftige Story hätte ich im Leben nicht erwartet. Dass der Film keinen Ruf als Sozialdrama hat, ist sicherlich auch der Tatsache zu verdanken, dass er in Europa nur in einer gekürzten Fassung in die Kinos kam – gerade die Vergewaltigungen und die Gangproblematik wurden schlicht herausgeschnitten.

In der Inszenierung der Domfestspiele sind diese Themen enthalten, wenn auch oft nur angedeutet. Dennoch mutig, dafür muss man die Macher genauso loben wie für die Besetzung. Das gesamte Ensemble singt und tanzt auf Profiniveau, da kann nicht mal seltsame Verhalten des älteren Publikums den zauber brechen, das darauf besteht zu jedem Song mit zu klatschen, den Zauber brechen. Wie die Klatschaffen!

Also: Saturday Night Fever ist Unbedingt empfehlenswert! Es gibt einige Restkarten und Zusatzzvorstellungen, alle Infos unter http://domfestspiele-gandersheim.de/

 
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Verfasst von - 13. Juli 2017 in Event

 

Arschkrampen: Das Leben ist eine Deponie

Arschkrampen! Das sind Kurt und Gürgen, alias Oliver Kalkofe und Dietmar Wischmeyer. Versifft und abgenuffelt römern die beiden den ganzen Tach inne Getrud rum, prengeln gen Wakaluba, kratzen sich den Zopp ausse Kimme oder seiern über Eilat das Arschloch, Wuggi oder Zasta Krockett, den alten Rochen. Dabei wird Ballerbrühe in den grindigen Schacht verklappt, denn ohne gewinnt Brettermeier die Oberhand.

Alles klar? Nicht? Nun. Einem guten Teil des Publikums im Deutschen Theater am Dienstag Abend ging es ebenso. Dabei warnte Kalkofe noch im Vorfeld, dass Leute mit Kulturabo, die unter dem Titel „Das Leben ist eine Deponie“ ein sozialkritisches Theaterstück erwarten, möglicherweise leicht überrascht sein würden.

Danach berichteten die beiden „Witzautoren“, wie sie gerne genannt werden (Kalkofe: „Kabarettisten sind intellektuell, aber nicht lustig, Bei Comedians ist es umgekehrt. Witzautor trifft uns am Besten“) über die Genese der versifften Kunstfiguren. Damals, 1988, musste die Sendezeit beim neuentstandenen Privatrundfunk in Niedersachsen irgendwie gefüllt werden, und die beiden konnten quasi machen was sie wollten. Denn: „Gab ja keine Mediathek, kein Internet. Du hast den Kram ausgestrahlt, und das war´s. Konnte später keiner mehr nachhören und sich dan aufregen. Das versendete sich alles“, so Wischmeyer.

Neben Anekdoten aus der Anfangszeit lasen die beiden in der ersten Stunde der Veranstaltung alte Arschkrampen-Folgen, wie die legendäre Episode Nr. 1. „In der Folge, da war alles drin: Sozialkritik. Philosophie. Existenialistische Fragen. Mehr ging nicht!“, so Wischmeyer. Aber: „Dann wurde uns der Erfolg zum Verhängnis. Wir brauchten mehr Material und hatten keine Ahnung zu was. Und dann fanden wir unser Thema: Saufen“.

Dieses Leitmotiv trage die Serie jetzt seit 30 Jahren, kokettierten die beiden. Stimmt natürlich nicht, denn „Arschkrampen“ sind immer auch feinste Beobachtungen zwischenmenschlicher Interaktion und skurrile Zirkelschlüsse, die zvilisatorische Abgründe und die Absurditäten der Existenz aufzeigen.

Nach einer Pause ging es dann weiter mit neuem Material. Wischmeyer und Kalkofe, inzwischen voll in Kostüm und in den Rollen, hockten am Tresen der Schankwirtschaft „Bei Gertrud“, kippten Bier mit Zaziki resp. Erdbeerjoghurt und redeten Unappetitliches von ihrem letzten Album, das sinnigerweise so heisst wie die Tour.

Gerade diese neuen Nummern sind zum Schreien komisch. Als ich das Album vor einem Jahr zum ersten mal hörte, war ich skeptisch – ja, meine Generation ist mit den Arschkrampen groß geworden, aber so vieles von damals funktioniert heute einfach nicht mehr. Die Arschkrampen funktionieren aber immer noch – ich habe vor Lachen am Boden gelegen, und ein alter Klassenkamerad, den ich nach 15 Jahren(!) bei der Lesung wiedergetroffen habe, ebenfalls.

Vielen Zuschauern ging aber der Spaß merklich ab, denn die Arschkrampen sind in der Wahl ihrer Worte nicht zimperlich. Das muss man schon kennen und mögen, konsensfähiges Mainstreamgefasel a la Mario Barth ist das jedenfalls nicht. Vielleicht blieben deshalb nach der Pause erstaunlich viele Plätze frei, etliche Besucher kamen nicht wieder. Und während der Vorstellung flüsterte der Student neben mir seiner Begleiterin entsetzt zu: „Hat der gerade Menschen weiblichen Geschlechts „ROCHEN“ genannt? Das ist ja un-er-träglich!“. Tja. Solche Leute müssen sich dann vielleicht doch in ihren Safe Space zurückziehen, so lange die Arschkrampen auf der Bühne rumsallern. Sonst gibt´s nachher noch Gurkenrost oder Bregenfäule, und das will ja keiner.

 
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Verfasst von - 6. April 2017 in Event

 

Intensivstation

Am Sonntag war die NDR-„Intensivstation“, der „satirische Monatsrückblick“ im PS-Speicher in Einbeck zu Gast. Da ich war noch nie bei der Aufzeichnung einer Fernsehsendung dabei, bin ich da mal hingefahren. War schon interessant, die ganze Orga zu sehen und die Technik und wie man eine Sendung so aufzeichnet, dass man sie am Ende für Radio und Fernsehen verwursten kann.

Das Programm ist inhaltlich nicht zur Gänze schlecht, das Publikum ist gewogen und auch in meine Gesichtszüge schleicht sich ab und zu ein Schmunzeln. Die meisten Gags sind aber eher slow-clap würdig, vorausgesetzt, die „Satiriker“ kommen überhaupt bis zur Pointe und verstammeln die nicht vorher, was des öfteren passiert.

Gut, Livesituationen sind nicht einfach, aber generell muss man doch mal die Frage stellen, was wirklich der Anspruch an aktuelle und lustige Satire ist. Satire im Öffentlich-Rechtlichen, das sind auch im Jahr 2017 noch stotternde Pullunderträger, die durch ein Zeitloch direkt aus Heinz-Erhardt-Zeiten gefallen sind, Moderatoren in glänzenden Jacken und Komiker, die aussehen als wären sie technische Zeichner und hätten nur sich auf die Bühne verlaufen – was direkt auf den Humor durchschlägt. Über Berliner Eigenarten zu referieren hat halt außerhalb des selbstreferenziellen Berlins nur begrenzten Unterhaltungswert, und das als Ausrede für das Absingen eines, mindestens 3 Strophen zu langen, Lobeslieds auf Bad Harzburg herzunehmen, tut den Ohren schon arg weh. Gerechterweise muss man sagen, dass das in der Pre-Show war und im Fernsehen nicht zu sehen sein wird.

Der amerikanische Gast hatte einen guten Einstieg, liess dann aber stark nach und verstolperte seine Pointen. Er sollte zukünftig als Mitch McConnell-Lookalike gehen, damit wäre er der Hit. Lichtblick war Antonia von Romatowski, die nicht nur ihre Paraderolle, die Frau Merkel, gab, sondern auch gleich noch als Hannelore Kraft, Flintenuschi, die Pretzel-Petry und die Wagenknecht auftrat. Äußerlich zum verwechseln ähnlich zurechtgeschminkt, inhaltlich leider auch sehr platt – eine Politikerin macht mehr aus als nur ein nerviger Nöhlton. Wäre Romatowski keine Frau, man würde ihr Frauenfeindlichkeit vorwerfen.

Öffentlich-rechtlicher Humor verlangt leider auch immer zwingend eine Jazzband, die zwischen den Akts röddelt und knötert und „lustige“ Jingles spielt. „Warum???“, möchte man da rufen, „Wer hat das erfunden? Warum findet das jemand gut?“. In der „Knoff Hoff Show“ in den 80ern war das schon irritiertend, 30 Jahre später versteht man es gar nicht mehr.

Ich verstehe es nicht, die Redakteure der Sendung sind alle so Mitte 40, machen aber Satire, die eine Patina aus den 50er Jahren trägt. Woher kommt das? Wird man im Rundfunk so sozialisiert? Oder richtet sich das Progamm nach der Zielgruppe? Das würde einiges erklären, ich war nämlich tatsächlich einer der jüngsten an dem Abend. Der Rest des Publikums war im Schnitt weit schon über die Pensionierung hinaus. So wie dieser Ü-Wagen:

Die Sendung „NDR Intensivstation“ mit der Aufzeichnung aus Einbeck läuft am Donnerstag, den 06.04. um 23.30 Uhr im NDR.

 
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Verfasst von - 4. April 2017 in Event

 

Literaturherbst 2016

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Zum 25. Mal fand in diesem Jahr in Göttingen der Literaturherbst statt. Das ist jedes Jahr etwas besonderes, denn 10 Tage lang kommen Autorinnen und Autoren von Rang und Namen in die Stadt, um aus ihren Werken zu lesen und mit dem Publikum zu diskutieren. Nirgedwo sonst kann man so viel geballte Literaturprominenz für wenig Geld erleben.

Litertaurherbst, dass ist für mich immer was besonderes. Als Student, in den 90ern, habe ich Douglas Adams und Terry Pratchett im Rahmen des Literaturherbstes treffen konnte. Zwischenzeitlich habe ich das Ganze ein wenig aus den Augen verloren, weil über Jahre nur Autoren von uninteressanten Nischen eingeladen wurden, aber seit einiger Zeit ist das Programm wieder besser.

In diesem Jahr war das Programm wieder überbordend, zum einen wegen des Jubiläums, zum anderen weil der Litertuarherbst nun auch von einem ehemaligen NDR-Redakteur gemacht wird, der beste Verbindungen zu Kultur und Politik hat. Über 70 Lesungen an 30 Orten waren angesetzt, sowohl aus der Belestristik als auch der Wissenschaft und allem dazwischen. Dem guten Kontakt des Festivalmachers zur Politik ist sicherlich auch die Videobotschaft zu verdanken, in der sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier dafür entschuldigte, dass die Autorin Katharina Hagena nicht wie geplant in Göttingen sein konnte – er hatte sie kurzfristig auf eine außenpolitische Mission nach Nordkorea mitgenommen.

Hagena hätte mich ohnehin nicht interessiert. Ich habe den Literaturherbst genutzt um mir mal Hein Strunk aus der Nähe anzusehen, der mich seit Jahren mit Büchern wie „Fleisch ist mein Gemüse“, „Fleckenteufel“ und „Junge rettet Freund aus Teich“ begeistert. Allerdings nur in der Hörfassung, die er selbst mit prägnantem, harburger Nuscheln liest.

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Beim Literturherbst las er nicht nur, er flötete auch was.

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Es gibt so Sätze, da setzt bei mir ein Fluchtreflex ein. Dazu gehört sowas wie „Meine Jugend in Pommern“ oder „Erinnerungen an Königsberg“ – da will ich sofort weglaufen. Gut, dass ich es nicht getan habe, denn die Erinnerungen des Sozialphilosophen Oskar Negt waren dann doch interessant.

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Gekommen war ich aber wegen Gerhad schröder, der von Negts Einfluss auf die SPD berichtete. „Uns´Gerd“ konnte es dann nicht lassen, einige Seitenhiebe in die aktuelle Politik zu verteilen. „Der Satz „Wir schaffen das“ war ja richtig, aber dann muss man doch auch was tun“, sagte er und verwies auf die Einwanderungs- und Integrationsprojekte, die seine rot-grüne Regierung angeschoben hatte und die beim Regierungswechsel schnell von der CDU beerdigt wurden.

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Überhaupt schien Schröder die Untätigkeit der GroKo aufzuregen. Ja, Hartz-4, über das er sich mit Negt viel gestritten habe, sei hart, aber zu seiner Zeit das richtige Instrument gewesen. Allerdings hätte man es nicht so lassen dürfen, sondern nachjustieren und anpassen, als klar war, dass das Land wieder wettbewerbsfähig war. Aber statt nun in neue Richtungen zu gehen, halte man an der Symbolpolitik der schwarzen Null statt und verwalte das Land ohne Vision, zu Lasten der kommenden Generationen.

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Einer der roten Mitverwalter der schwarzen Nullen stand in Alfeld am Rednderpult. SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann, den ich allgemein nicht besonders schätze, trug eine interessante und kenntnisreich wirkende Einführung zu Walter Gropius, dem Bauhaus-Stil und den Fagus Werken in Alfeld vor. Das war wirklich gut, und wirkte als hätte er wirklich Ahnung von dem, was er erzählt.

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Die Fagus-Werke in Alfeld stellten Leisten für die Schuhmacherei her und tun das auch heute noch. Die Fabrik war Gropius erstes großes Bauprojekt und prägend für den Bauhaus-Stil. Heute ist die Fabrik immer noch in Betrieb und ganz nebenbei UNESCO-Weltkuturerbe.

"Fagus" heißt Buche, und aus der sind die Leisten.

„Fagus“ heißt Buche, und aus der sind die Leisten.

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Herr Schünemann arbeitet selbst seit fast 50 Jahren im Fagus-Werk und macht heute Besucherführungen.

Herr Schünemann arbeitet selbst seit fast 50 Jahren im Fagus-Werk und macht heute Besucherführungen.

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Markant und seinerzeit revolutionär: Fehlende Eckstützen.

Markant und seinerzeit revolutionär: Fehlende Eckstützen.

Anlass der Lesung in den Werken war ein Buch über Bauhaus-Architekten, die vor dem Krieg in die UDSSR gingen um dort sozialistische Planstädte zu entwerfen, dann aber bitterlich scheiterten und am Ende als Feinde des Kommunismus verfolgt wurden. Die Lesung war recht unspannend, vermutlich ist die Autorin besser beim Schreiben als beim Präsentieren.

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Ganz daneben war leider die Präsentation der Leiterin des Museums „Het Ship“ in Amsterdam, weil der zuständige Techniker es nicht hin bekam, die Präsentation auf den angefügten Bildschirm zu bekommen. Als Präsentationsprofi möchte ich da ja immer aufspringen und ihm die nötigen Mausklicks zeigen, konnte mich aber gerade noch beherrschen.

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Besser war da schon die Ausstellung, die die Museumsleiterin mitgebracht hatte. Anhand von Büchern, Lampen und anderen Exponaten zeigte sie die Auswirkungen von Architektur und deren Design auf andere Gegenstände und Lebensbereiche, insbesondere auf die Gestaltung von Büchern und Zeitschriften.

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Ohne Exponate kamen Jakob Augstein und Nikolaus Blome zurecht. Der eine ist der Sohn von Martin Walser und Rudolf Augstein (Fragen Sie nicht!), Verleger der Zeitschrift „Der Freitag“ (die am Donnerstag erscheint, fragen Sie nicht!) und stramm links. Der andere, Blome, ist stellvertretender Chefredakteur der Bild Zeitung, Autor einer Merkelbiografie und stramm konservativ. Beide haben seit Jahren eine kleine Fernsehsendung auf Arte, in der sie sich über Themen streiten. Diese Streitgespräche gibt es nun in Buchform, und daraus versuchten die beiden zu lesen. Versuchten deshalb, weil sie immer wieder anfingen, sich abseits des gedruckten Textes zu kabbeln, Kontext hinzuzufügen oder ihre Position weiter zu verteidigen.

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Das war, in der Summe, das beeindruckende Bild zweier überaus intelligenter und belesener Männer, die die Welt aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen sehen und sich darüber zivilisiert streiten können. Schön, dass es das noch gibt.

 
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Verfasst von - 1. November 2016 in Event

 

Schöne Ecken 100

Was sich anhört wie ein Feld auf der Ratewand von „Der große Preis“ ist in Wirklichkeit eine Jubiläumsfeier. „Schöne Ecken“, einer meiner Lieblingspodcasts und der Podcast für urbane Betrachtungen, feiert seine einhundertste Folge, und das vor Livepublikum im Astor Grandcinema in Hannover.

Ich mag den Podcast ja wirklich gerne. Konzept ist es, anders als bei anderen Podcasts, draußen unterwegs zu sein, Orte zu entdecken, Atmosphäre einzufangen und auch mal Experimente zu wagen. Ursprünglich sollte es auch mal um Architektur gehen, aber so richtig Ahnung hat keiner der drei Macher davon. Cornelis hat Interesse an interessanten Bauwerken und bewertet sie nach persönlicher Gefälligkeit, Sven hat Spaß am Entdecken und Helge ist Fachmann für kulinarisches und redet ansonsten am liebsten über Dinge, die ihm gerade so einfallen – auch, wenn er dem Thema fern ist. In solchen Fällen stellt er dann gerne „begründete Vermutungen“ an, mit denen er oft meilenweit daneben liegt, sie aber im Brustton der Überzeugung kund tut.

„Schöne Ecken“ ist ein toller Podcast und immer dann am Besten, wenn die Macher dahin gehen, wo es wehtut. Etwa, wenn sie sich vornehmen bei fremden Leuten zu klingeln und davor fast vor Scham sterben. Oder wenn Cornelis mit einer Kapuze auf dem Kopf versucht, blind durch den Hannoveraner Hauptbahnhof zu navigieren. Oder wenn sie an Orten unterwegs sind, die sie entweder hassen (Fußballspiel) oder gar nicht sein dürften (Versorgungstunnel eines Krankenhauses).

Für den runden Geburtstag hat Schöne Ecken das angeblich schönste und neuste Kino Deutschlands übernommen, das Astor Grand Cinema. Der Kartenvorverkauf ist gestartet – wer also eine Podcastfolge mal Live erleben und die Macher (und mich) in echt treffen möchte, kann sich hier informieren: Schöne Ecken wird 100

Update: Ich werde dann doch nicht dabei sein.

 
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Verfasst von - 20. Februar 2015 in Event

 

TOAZ: Literaturherbst mit der Titanic Boygroup

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Thomas Gsella, Oliver Maria Schmitt und Martin Sonnenborn sind ehemalige Chefredakteure des Satiremagzins Titanic. Zusammen sind sie die Titanic-Boygroup und gehen als diese seit ein paar Jahren auf Lesetour. Das diesjährige Gastspiel beim Literaturherbst war angekündigt mit „Abschiedstournee“, und nach dem ich sie all die Jahre ignoriert hatte, nahm ich nun die letzte Gelegenheit wahr, die Herren live zu sehen.

„Wir zeigen hier übrigens NICHT den Film. Wer gekommen ist um den Film „Titanic“ zu sehen ist hier falsch!“

Wie es sich für die Chefs a.D. des „endgültigen Satiremagazins“ (Titanic über Titanic) gehört, geschah die Lesung im prunkvollen Deutschen Theater in Göttingen.

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Um 21.00 Uhr, als die Lesung eigentlich beginnen sollte, waren die Türen noch verschlossen. Die Schlange der Wartenden war mehrere hundert Meter lang. Aber als es dann aber endlich losging, rockten die drei die Bühne.

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Oliver Maria Schmitt ließ die schönsten Titelblätter aus dreieinhalb Jahrzehnten Titanic Revue passieren, darunter solche Klassiker wie „Zonengabi: Meine erste Banane“ oder „Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt“. Er zeigte auch die Titel, für die die Titanic verklagt wurde – immer wieder übrigens von der SPD, u.a. für ein Bild von Volker Beck als Problembär.

„Liebe Frau Rammelt, könnten Sie bitte eine Autorengemeinschaft mit Gisela von Hinten eingehen? Zu gerne würde wir auf einem Buchcover lesen: Rita Rammelt Gisela von Hinten“

Dann wurden „Briefe an die Leser“ verlesen, ebenfalls beginnend mit Klassikern – die aber zum Teil so abgehangen waren, das sie nicht mehr zündeten (s.o.)

Thomas Gsella, angekündigt als Alterspräsident, verlas Weisheiten von Fußballreportern, die man auf Alltagssituationen münzen kann. Komplett unlustig, wurde dann zum Glück auch von einer Raucherpause unterbrochen.

„Wer hat mich hier gewählt?“

Interessanter war da schon Martin Sonneborns Tätigkeit für das ZDF, aus dem er Auszugsweise berichtetet und zu dem auch Filme gezeigt wurden – z.B. wie Sonneborn an Berliner Häusern klingelt und behauptet, das Wohnzimmer für Google Homeview fotografieren zu müssen. Oder ein Interview mit der Deutschen Bank, bei dem die Bank Fragen und Antworten vorab geschickt hatte:

Spannend war Sonneborns nüchterne Darstellung der Gründung DER PARTEI, die durch den Wegfall von Hürden im Lübecker Stadtrat sitzt („Wahlversprechen: Eine U-Bahn für Lübeck und das Lübeck Hauptstadt von Schleswig-Holstein wird“). Große Lacher gab es bei Bildern aus dem Europawahlkampf, bei dem DIE PARTEI die Wahlplakate anderer Parteien geschickt und spaßig sabotierte. Einige der eigenen Wahlplakate musste sie entfernen („Merkel ist doof – Wählen Sie DIE PARTEI, die ist sehr gut“), andere durften hängenbleiben („Merkel ist dick“). Ärger gab es ebenfalls bei Werbespots: Der Spot zur Familienplanung etwa wurde von Youtube wegen zu viel Sex gelöscht. Dann habe man ihn halt auf Youporn hochgeladen. „Wir hatten erst Angst, dass er da wegen zu viel Politik gelöscht wird. Aber er ist noch da“, so Sonneborn.

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Zu seiner eigenen Überraschung ist Sonneborn ins Europaparlament eingezogen. Ein Bild zeigt ihn mit einem „DIE PARTEI“-Handtuch im Plenarsaal. „Ich war ganz früh am Morgen da, noch vor den Briten, und habe mir einen guten Platz gesichert“, sagt Sonneborn stolz. Und weiter:

„Ich habe drei Ziele für Europa:
1. Der Amazon-freie Mittwoch. Einfach um die zu ärgern.
2. Die Wiedereinführung der Gurkenkrümmungsverordnung und deren Anwendung auf deutsche Waffenexporte. Jeder Gewehrlauf soll nach Norm gekrümmt sein.
3. Die Schaffung eines Kerneuropas mit 27 Satellitenstaaten. Engländern und Schweizern verstehen sofort, wie das funktionieren soll.“

Martin Sonneborn leistet aber auch echte Arbeit, etwa bei der Befragung der designierten Kommissare der neuen Kommission. Günther Oettinger fragt er etwa danach, wie er verhindern will, dass das Internet dessen Versuch, mittelalterliche Inkunabeln zu verhökern, vergisst – und was das überhaupt sei.

Im Anschluss berichtete Oliver Maria Schmitt von seine Facebook-Freund Kai Diekmann und fantasierte darüber, was wohl bei einem Abendessen zwischen dem und dem Ehepaar Kohl passiert sei, bevor Thomas Gsella noch ein wenig Gedichte vortragen durfte.

„Es ist der Traum jedes Göttingers, ein Mal nach Berlin zu kommen. Und dann da zu bleiben.“

Nach einer kleinen Zugabe wurde der Abend geschlossen – die Boygroup blieb aber noch ein wenig, um „Dinge in Bücher reinzuschreiben. Unsere Namen. Oder auch ihren Namen, wenn sie den mal geschrieben sehen wollen“, wie Schmitt sagte. „Und danach reißen wir uns die Kleider vom Leib, bilden einen Polonäsewurm und ziehen tanzend mit ihnen durch die Gassen der Spaßmetropole Göttingen.“

Da musste ich dann doch passen, tanzen ist nicht so meins. Auch wenn nicht jeder Gag zündete: Lustig war der Abend aber allemal – und das dies wirklich die „Abschiedstour“ der Titanic Boygroup war, glaube ich nicht. Es war allerdings die letzte Veranstaltung des Literaturherbsts. Für dieses Jahr.

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Verfasst von - 20. Oktober 2014 in Event, TOAZ

 

TOAZ: MPI für Sonnensystemforschung

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Im fiktiven Städtchen Eureka leben nur Wissenschaftler, von denen jeder an seinem eigenen Projekt arbeitet. So ähnlich muss man sich das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung vorstellen: Ein ganzes Haus voller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die alle an ihrem eigenen Ding arbeiten. Hier jagt einer Mikroben, ein Labor weiter wird mit einem Seismographen gemessen ob der Stadtbus pünktlich ist, in einem Nebenraum wickelt der Chef des Instituts noch selbst die Heizspulen für einen neuen Ofen, und im Hangar gegenüber arbeiten Leute in Reinraumanzügen an einem neuen Satelliten, der vielleicht später mal für ähnliche Schlagzeilen sorgen wird wie der Solar Orbiter oder Rosetta, der gerade im Moment den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko umkreist.

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Im Norden von Göttingen ist in den letzten 20 Jahren ein ganz neuer, naturwissenschaftlicher Campus entstanden. Stück für Stück ziehen die naturwissenschaftlichen Institute aus der Innenstadt auf den neuen Campus (nur die Mathematiker nicht, weil Mathematiker NIE machen was man ihnen sagt). Der neueste Zugang ist das Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung.

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Die Max-Planck-Gesellschaft ist ein Verein, der in München sitzt und 83 Institute in ganz Deutschland unterhält. Zweck des Ganzen ist die Grundlagenforschung, die Finanzierung kommt zum Großteil von Bund und Ländern. Den Verein gibt es seit 1948. Der erste Präsident war der berühmte Chemiker Otto Hahn, der aktuelle heißt Martin Stratmann. Das Logo zeigt übrigens Minerva, die Göttin der Weisheit.

Das neue Institut in Göttingen ist ein architektonisch beeindruckender Bau, sowohl was Größe als auch Design des Innenraums angeht. Das Foyer sieht aus wie eine Mischung aus Guggenheim und Zentrale der Men in Black. Der Eindruck verstärkt sich sogar noch, wenn man weiß, was hinter der Designerfassade vor sich geht.

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Das MPI für Sonnensystemforschung residierte bis vor kurzem in Lindau. Lindau ist ein Dorf irgendwo hinter Northeim, und von dem weiß auch schon niemand wo es liegt. Was macht so ein Institut mitten im Nirgendwo?

„Das ist eine interessante Geschichte!“, sagt Herbert Kreuznacher, während hinter uns eine schwere Doppeltür zufällt und wir einen weißen, sterilen Gang entlanggehen. Der Doktor der Biologie führt eine Gruppe von Alumni der Universität Göttingen durch das Gebäude. „Das Institut hat sich ja hochgearbeitet. Erst haben wir nur Athmosphärenforschung gemacht. Das war im zweiten Weltkrieg wichtig, weil man Langstreckenfunk nutzen wollte. Dabei strahlt man Funksprüche hoch in den Himmel. An der Ionosphäre werden sie reflektiert und kommen zurück zur Erde, und zack, konnte man mit Goebbels in Afrika reden, ohne das die Alliierten mithören konnten. Die Ionosphäre verändert sich dauernd, und das Institut berechnete täglich die erforderlichen Wellenlängen und Abstrahlwinkel. “

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Wir biegen um eine Ecke. Auch dieser Gang ist strahlend weiß, aber hier stehen überall noch unausgepackte Umzugskartons herum.

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Kreuznacher fährt fort „Das Institut wurde in Mecklenburg gegründet, aber weil es so wichtig war für die Nationalsozialisten, nach Wien verlegt. Nach Kriegsende sollten die Wissenschaftler in die britische Besatzungszone verlegt werden, aber niemand wusste, wohin. Nach langen Diskussionen riss einem General der Geduldsfaden, und er tippte blind irgendwo auf die Landkarte. Sein Finger zeigte auf Katlenburg-Lindau. Dann sollten fünf Lastwagen bereitgestellt werden, um nur das wissenschaftliche Personal nach Lindau zu bringen. Der Soldat, der die Papiere fertigmachte, vertat sich aber um eine Null. Statt 5 standen am Tag der Abreise 50 Lastwagen vor der Tür. Die Wissenschaftler konnten ihr Glück kaum fassen, denn so konnten sie alle Geräte aus Wien mitnehmen und in Lindau, quasi auf dem Acker, arbeiten.“

Kreuznacher wedelt mit seinem Schlüssel über eine Metallplatte, das Türschloß klickt, und wir betreten einen Raum, der bis unter die Decke vollgestopft ist mit Instrumenten, deren Zweck ich nicht mal raten kann. Im Hintergrund dröhnen Pumpen. Sie erzeugen in verschiedenen Kammern ein Vakuum.

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Verfasst von - 19. Oktober 2014 in Event

 

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TOAZ: Keilereck

Essen gehen mit guten Freunden, in einem abgelegenen Landgasthof, um den Kaninchen herumhoppeln. So ein Treffen muss auch mal zelebriert werden, zumal, wenn wir uns nur alle halbe Jahr mal sehen. Der Gasthof liegt in einer Senke, die am Ende des Abends mit Nebel gefüllt war. Das Licht der wenigen Autos strahlte so dramatisch durch die Bäume, dass man sofort eine Folge „Akte X“ hätte drehen können.

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Verfasst von - 14. Oktober 2014 in Event

 

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TOAZ: Literaturherbst mit Katrin Bauerfeind

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„Ich bin Raucherin. Ja, ich rauche. Wir reden hier nicht von der Gelegenheitszigarette, oder der Zigarette danach. Wir reden er von der Zigarette währendessen. Ehrlich, ich gehöre zu den Menschen, die Probleme bekommen, wenn das mit dem Sex zu lange dauert.“

Es ist wieder Literaturherbst in Göttingen. Jedes Jahr im Oktober gibt es ca. eine Woche lang täglich drei bis vier Lesungen mit bekannten und weniger bekannten Autorinnen und Autoren. Der Literaturherbst ist das Projekt eines einzelnen Mannes, der der es irgendwie geschafft hat, kleine und große Autorinnen und Autoren nach Göttingen zu holen. Der Student Christoph Reisner organisierte 1991 den ersten Literaturherbst, und irgendwie wurde das Ganze von Jahr zu Jahr größer. Dank des Litertaurherbstes habe ich Autoren wie Douglas Adams, Terry Pratchett, Robert Gernhardt, Wiglaf Droste, Friedrich Küppersbusch und viele andere erleben dürfen. In diesem Jahr findet die Lesereihe ohne Christoph Reisner statt. Er ist Anfang des Jahres im Alter von 48 Jahren verstorben. Aber sein Projekt lebt weiter, und das Programm in diesem Jahr ist spannend: Roger Willemsen, Martin Sonneborn, Axel Hacke, Ferdinand von Schirach und Max Goldt sind nur einige der vielen Highlights.

Poster des 23. Literaturherbstes. Quell: Literaturherbst.

Poster des 23. Literaturherbstes. Quelle: Literaturherbst.com.

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Die erste Lesung in diesem Jahr findet im Alten Rathaus in Göttingen statt. Vor dem ausverkauften Saal stellt Katrin Bauerfeind ihr Buch „Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag vor“. Ich kenne Bauerfeind noch aus „Ehrensenf“. Das war von 2005 bis 2011 eine tägliche Websendung über das Netzgeschehen. Dort fiel sie durch intelligente, schnelle und manchmal absurde Moderationen auf (Hier ein Beispiel).

Nach Ehrensenf machte sie Karriere im Fernsehen. Erst als Assistentin von Harald Schmidt, dann als Moderatorin verschiedener Kulturformate und heute als Universalmoderatorin mit festen Sendungen auf 3SAT („Bauerfeind“) und RTL („Was wäre wenn?“). Zwar ist sie in Livesituationen nicht so schnell und eloquent wie in Aufzeichnungen, und insbesondere Interviews geraten gerne mal stotterig, aber dennoch ist sie besser als das meiste, was man so im TV sieht.

Nun also ein Buch von Bauerfeind. Aber nicht über das Geheimnis ihres Erfolgs, sondern über das Scheitern. Das Scheitern auf niedrigem Niveau, wie sie betont, denn „Scheitern ist ja kein Wettkampf“. Und BER würde ja auch nicht wegen großer Dinge Scheitern, immerhin sei ja keine Rollbahn vergessen worden, sondern wegen der 70.000 kleinen Fehlern, wegen der vergessenen Schraube hier und dem nicht schiefen Geländer dort.

Das Buch ist eine Ansammlung von Alltagsbeobachtungen und Erinnerungen, von denen Bauerfeind an diesem Abend einige vorträgt. Die Sache mit ihrem Heimatort Aalen und dem schwäbischen Lokalstolz, beispielsweise. Sie hat sich nämlich vor Jahren mal, in einer nahezu unbekannten Sendung mitten in der Nacht, dazu hinreißen lassen, Aalen als provinziell zu bezeichnen. Am nächsten Tag rief der Bürgermeister bei ihrer Mutter an und beschwerte sich, dass „Die Katrin im Fernsehe drin so daherschwätze täte“. In anderen Anekdoten geht es um Haarpflege. „Ich habe kein anderes Hobby als meine Haare. Ich habe alles durch“, sagt Bauerfeind. „Sogar die Olivenöl-Kur. Um das Öl aus den Haaren zu bekommen muss man Mehl einmassieren. Danach hätten auf meinem Kopf sehr kleine Menschen eine Pizzeria eröffnen können. Wenn Tierversuche verboten werden: Ich stelle mich freiwillig als Testobjekt zur Verfügung“.

Dabei ist Bauerfeind nicht nur lustig-lieb, sondern stellenweise auch ganz schön lustig-böse, etwa als sie ein flammendes Plädoyer für das Rauchen hält („Das unterscheidet uns von Tieren!“) oder feststellt, das junge Eltern nicht für sinnvolle Kommunikation geeignet sind.

Katrin Bauerfeind demonstriert Handtuchwickeltechniken.

Katrin Bauerfeind demonstriert Handtuchwickeltechniken.

Den meisten Applaus gibt es für eine tragikomische Geschichte über die Großmutter, die trotz hohem Alter, Kurzsichtigkeit und Demenz immer noch Auto fuhr. Dabei kam es immer wieder zu Parkremplern – an die sich Oma aber nie lange erinnerte, was zur Folge hatte, dass sie einmal pro Woche bei Katrin Bauerfeind anrief: „Du Katrin – Du häscht Dir doch das Auto geliehe. Des ist jetzt rundrum ganz verbeult. Katrin, Du musst mir das jetzt zugebe, sonst muss ich die Polizei rufe“. Die Geschichte endet mit der Feststellung, dass man sich beim Tod eines demenzkranken Menschen an den erinnert, der er einmal war – und nicht die leere Hülle, die in der Zeit vor dem Tod noch in dieser Welt weilte.

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Nach etwa eineinhalb Stunden ist die Lesung leider schon vorbei – die sichtlich gut aufgelegte Bauerfeind hängt allerdings noch eine Signierstunde an. Sie befindet sich gerade auf Lesereise durch Deutschland. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich ruhig mal eine Lesung mit Katrin Bauerfeind geben. S´Luschtig.

Aktuelle Tourdaten HIER

 
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Verfasst von - 13. Oktober 2014 in Event, TOAZ

 

TOAZ!

Ich mag den Oktober, schon immer. Ich mag es, wenn es morgens schon kalt und tagsüber nochmal richtig warm ist. Ich mag das goldene und rote Laub der Bäume und den typischen Herbstgeruch.

Jetzt beginnt einer der besten Monate des Jahres! Der Oktober ist nicht mehr Sommer, aber noch nicht der naßgraue Winter. Der Oktober ist golden, und er ist toll. Bei mir war es jetzt zwar eher zufällig so, aber tatsächlich ist mein Oktober wieder so vollgepackt mit tollen Dinge, dass ich hiermit den

TOLLSTEN OKTOBER ALLER ZEITEN
(Edition 2014)

ausrufe! Den Oktober nochmal mit ordentlich schönen Dingen voll zu packen liegt in der Verantwortung jeder und jedes einzelnen. Klar sollte sein: Macht alle mit: JETZT ODER NIE! Genießt diesen goldenen Monat in allen Zügen! Geht raus, macht Dinge, ladet Leute ein, fahrt auf Ausflüge oder in Urlaub oder tut sonstiges, was Euch gut tut, aber macht diesen Oktober zu Eurem TOLLSTEN OKTOBER ALLER ZEITEN! Zelebriert ihn in vollen Zügen und bloggt darüber!!

Wer ein Banner für den TOAZ braucht, kann sich hier gerne bedienen.
Ansonsten: Schlagwort und Hashtag: #TOAZ14

 
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Verfasst von - 1. Oktober 2014 in Event, Gnadenloses Leben

 

Maria, ihm schmeckt´s nicht! (2014)

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Jan möchte Sara heiraten. Sara ist Halbitalienerin, und für ihren Bappo Antonio steht sofort fest: Die Hochzeit muss in Italia stattfinden! Inmitten von Oma, Opa, Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Nachbarn… eben der ganzen Familie! Das italienische Familienleben mit ausgedehnten Strandbesuchen, verrückten Geschäftsideen, toten Opas und andauernden Freßorgien geht Jan schon nach kurzer Zeit auf den Geist, was die zukünftige Verwandtschaft vermuten lässt, dass es ihm nicht schmeckt. Dann brennt Sara auch noch mit ihrer Jugendliebe durch, und für Jan steht fest: Er fährt zurück nach Krefeld, weil es da normaler ist als in Campobasso.

Das Buch von Jan Weiler war vor einigen Jahren der Sommerhit auf den Büchertischen. Es war so erfolgreich, dass das ZDF 2011 einen Film produzierte, in dem ein fehlbesetzter Cast um einen desorientierten Christian Ulmen den Stoff gegen die Wand fuhr. Für die Adaption bei den Domfestspielen orientierte man sich auch nicht am Film und nicht im Detail am Buch. Stattdessen wurden Schlüsselszenen zu Musicaleinlagen umgearbeitet – und was für welchen! „Maria“ als Musical – das gibt es NUR in Bad Gandersheim. Schon zum zweiten Mal: Nach dem großen Erfolg im vergangenen Jahr wurde „Maria“ extra noch einmal ins Programm genommen.

Nochmal Domfestspiele.

Nochmal Domfestspiele.

Ich kann ja über die Produktion der Domfestspiele in Bad Gandersheim nur staunen. Das Niveau, auf dem hier geschrieben und umgesetzt wird, hätte ich hier nicht erwartet. Nachdem Evita schon beeindruckend war, hat mich „Maria…“ echt von den Socken gehauen. Das Stück ist mit ziemlicher Geschwindigkeit inszeniert, hat ordentliche Musik und feine Texte. Auch ein wenig Klamauk kommt vor, aber die Essenz des Buchs wird sehr eindrücklich erzählt. Letztlich dreht sich alles darum, dass Jan, der Deutsche in Italien, begreift, was es heißt fremd zu sein und wie man dies übersteht. Dabei wird geschickt und auf zwei Zeitebenen die Lebensgeschichte des Schwiegervaters erzählt, der in den 60ern in Deutschland Gastarbeiter war und Vorurteile gegenüber Italienern aushalten musste.

Meine Tastatur. Hübsch, nicht? Sie wird leider zum Teil vom Programmheft verdeckt, auf dessen linker Seite Tabea als Sara, Ulf Schmitt als Jan und Hans-Jörg Frey als Antonio Marcipane zu sehen sind. Recht: Jan mit Nonna Chiara (Christine Dorner).

Meine Tastatur. Hübsch, nicht? Sie wird leider zum Teil vom Programmheft verdeckt, auf dessen linker Seite Tabea als Sara, Ulf Schmitt als Jan und Hans-Jörg Frey als Antonio Marcipane zu sehen sind. Recht: Jan mit Nonna Chiara (Christine Dorner).

Die Inszenierung ist Bad Gandersheim ist nicht nur toll geschrieben, sondern auch durchgehend super besetzt. Besonders Hans-Jörg Frey als Antonio und Tabea Scholz als Sara glänzen in ihren Rollen. Frey gibt den komisch-vertrottelt wirkenden Antonio herrlich schlitzorig, und Tabea singt und spielt sich die Seele aus dem Leib. Und das sogar im strömenden Regen, den leider hatte ich bei der Aufführung am gestrigen Abend Pech:

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Pünktlich zu Beginn der Vorstellung begann es zu nieseln, was sich im Verlauf der folgenden zwei Stunden zu einem veritablen Wolkenbruch steigerte. Ich rechnete jeden Moment mit Abbruch, aber das Ensemble spielte und tanzte und sang im 14 Grad kalten Regen weiter, als wäre nichts dabei. Dafür gebührt ihnen allergrößter Respekt.

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Am Ende wird, vollkommen durchnässt, doch noch geheiratet.

 
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Verfasst von - 14. August 2014 in Event, Kunst & Kultur

 

Tarja Live in Hannover 2014: The Colours in the Dark-Tour

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Ach ja, Hannover. Hauptstadt des Bundeslands Niedersachsen und wahrlich keine schöne Stadt. Um genau zu sein: Die zweithässlichste von Deutschland. Kann man aber trotzdem mal hinfahren, denn in Hannover gibt es auch Schöne Ecken, man kann so mittelgut Shoppen und gelegentlich gibt es ein Konzert zum angucken. Entweder in der Oper…

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…oder, wie ich gestern Abend, im Theater am Aegi:

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Ja, das ist von innen genauso hässlich wie von außen. Am 3. Mai spielte dort zunächst mal „The Name“, was ein denkbar bescheuerter Name für eine Band ist, die man im Internetzeitalter vielleicht auch mal über eine Suchmaschine finden möchte. „The Name“ machen so Kindergartenmetal auf Schulhofniveau, was durchaus passt, denn die Band sieht auch aus wie eine Horde Gymnasiasten. Auffälligstes Merkmal ist Sängerin Hadassa, die vor allem zwei Dinge kann: Gaaanz knappe Röckchen tragen und sich permanent über einen, auf der Bühne liegenden, Ventilator beugen. Dadurch sieht sie aus wie eine buckelige Medusa und bekommt dauernd Haare in den Mund und ins Gesicht, aber ihr macht das wohl Spaß, also sei´s drum.

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Main Act des Abends war aber jemand anders, nämlich Tarja. Die 1977 geborene Finnin war mal die Frontfrau von „Nightwish“. Seit 2005 frickelt sie allein vor sich hin. Heute lebt sie mit Mann und Kind in Argentinien und geht nur selten auf Tour. Und da ich die Möglichkeit hatte in der ersten Parkettreihe eine Karte zu bekommen… warum nicht, obwohl das eine Reise nach Hannover bedeutete.

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Skeptisch war ich vor allem deshalb, weil Tarja der Ruf einer Diva anhaftet. Bei Nightwish ist sie, angeblich wegen Divenhaftigkeit, rausgeflogen, und man war schnell bereit das der Band um Papa Schlumpf zu glauben – bis sich rausstellte, dass die alle Nase lang ihre Sängerinnen auf unfeinste Art und ohne ihnen was zu sagen abservieren. Auch wenn „Nightwish“ letztlich Arschlochfinnen sind, sie machen immerhin noch anhörbare Musik. Das ist bei Tarja nur noch bedingt so.

Drei Soloalben hat sie bislang rausgebracht: Das 2007 erschienene „My Winter Storm“ ist ein grandioses Konzeptalbum, dass ich immer wieder gerne höre, aber fast alles was danach kam, kann man leider getrost vergessen. Das 2010er „What lies behind“ scheint sich zum Großteil mit schmutziger Wäsche aus der „Nightwish“-Zeit zu befassen, und das 2013er Album „colours in the Dark“ ist hoffnungslos überproduziert. Tarja ist eine klassisch ausgebildete Sopranistin, deren Spezialität der Gesang zu Metalsongs ist. Die Musik lebt vom Gegensatz der klassischen Stimme zu eher harter Musik, und auf dem letzten Album stimmt das Verhältnis nicht mehr: Die Musik überklebt mit bombastischem Synthigeorgel und endlosen Gitarreneinsätzen den Gesang, und dadurch leidet das Gesamtkunstwerk.

Außerdem hatte ich im Vorfeld von gerade mal einstündigen Konzerten in halbvollen Häusern gelesen, was zusammen mit dem Bild der Diva den Eindruck einer zickigen Künstlerin vermittelt, die nichts mehr so richtig gebacken kriegt und sich von der Welt unverstanden fühlt. Das alles zusammen hatte meine Erwartungshaltung ziemlich runtergeschraubt, und ich war auf eine distanzierte Eiskönigin und einen mediokeren und unterkühlten Auftritt gefasst.

Tatsächlich war das, nicht gerade supergroße, Theater am Aegi nicht ausverkauft, mehr als die Hälfte der Ränge war frei – nicht gerade das beste Zeichen.
Umso überraschter war ich, als Tarja sich überaus gutgelaunt und springlebendig herausstellte, als sie nach rund einer Stunde nach Konzertbeginn die Bühne betrat. Wie ein Gummiball hüpfte die über die Bühne, lachte und freute sich und flirte von der ersten Sekunde an mit dem Publikum.

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Das Publikum war extrem gemischt: Von WIRKLICH alten Damen (mit Rollator!) über pubertierende Langhaarwürstchen, kuttentragende Metalzwerge und 150 Kilo-Gothmädchen in knapper Spitze bis zu dramatisch guckenden Magersuchtfrauen, die vermutlich in Tarjas schlechten Texten nach dem Sinn des Lebens suchen, war alles mit dabei. Aber alle hatten eines gemeinsam: Sie liebten Tarja. Schon nach dem ersten Lied standen alle und feierten die Sängerin ab, was dieser tatsächlich ein wenig die Tränen in die Augen trieb. Ich persönlich, als eher kleiner Mensch, finde die Rumsteherei in bestuhlten Locations immer eher doof, aber da ich wirklich weit vorne an der Bühne und Tarjas Bewegungsdrang ansteckend war, war das in diesem Fall OK.

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Zusammen mit einem faxenmachenden Punker am Schlagzeug, einer coolen Bassistin, einem Gitarristen, einem Cellisten und einem Mann an den Syntheziern heizte Tarja so richtig ein. Sie hat ohnehin eine sehr gute und klare Gesangsstimme, der man gut zuhören kann. Aber Sie kann noch weitaus mehr – wenn richtig intensive Passagen kommen, zündet Tarja ihren Sopran-Nachbrenner und singt mit der Kraft einer Opernsängerin gegen Gitarrenriffs und Schlagzeug an, und das auch live fehlerfrei, in erstaunlichen Höhen und mit einer Lautstärke, die in dem kleinen Theater fast die Lautsprecher überflüssig machte. Dafür, dass sie eine zierlich gebaute Frau ist, überrascht dieses Volumen doppelt.

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Gegeben wurde ein Mix der bisherigen Werke. Auch wenn Songs von „Colours in the Dark“ im Mittelpunkt standen, fanden sich von den älteren Werken auch immer mal wieder welche dazwischen, wie etwa das grandiose „I walk alone“ oder auch das absurde „Anteroom of Death“. Sogar ein Nightwish-Song hatte sich in die Setlist verirrt, „I Wish I had an Angel“.

Obwohl sie zwischen den Songs nicht viel redete, brachte Tarja trotzdem das Kunststück fertig zu vermitteln, dass SIE es war, die vom Publikum mit Anwesenheit geadelt wurde, nicht umgekehrt. Wirklich, ich habe noch nie erlebt, dass eine Künstlerin oder ein Künstler so dankbar für Publikum war und auch soviel physischen Kontakt suchte wie die vermutete Eiskönigin, die total sympathisch rüberkam.

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Nach 75 Minuten ging kurz das Licht an, die Zugabe kam kurz darauf und brachte die Gesamtlaufzeit (ohne Vorgruppe und halbstündige Pause) auf über 105 Minuten. Ein rundum gelungenes Konzert, bei dem lediglich das Konzept der Tour nicht griff. Das soll nämlich sein, dass man in edlen, bestuhlten Locations, ohne Festival- oder Arenaatmosphäre, Tarjas Musik genießen kann – vermutlich auch ein Zugeständnis an die vielen älteren Fans. Dadurch, dass es das Publikum nicht auf den Sitzen hielt, konnten natürlich gerade die älteren und kleineren nicht viel sehen – aber das kann man schwerlich der Künstlerin anlasten.

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Für die Show hat sich selbst die Reise nach Hannover gelohnt. Und genrell kann ich nun sagen: Ein Besuch bei Tarja lohnt schon wegen der energiegeladenen Performance und der großartigen Stimme, wenn man die Gelegenheit hat, sollte man ein Konzert besuchen – wer weiß, wann Tarja wiederkommt.

Karten gibt es ab 38 Euro. Die nächsten Termine:

05.05.14 Frankfurt, Batschkapp
06.05. Härterei, Zürich
08.05. Theaterhaus, Stuttgart
09.05. Alte Oper, Erfurt
11.05. Kurfürstliches Schloß, Mainz
14.05. Stahlwerk, Düsseldorf

 
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Verfasst von - 4. Mai 2014 in Event, Satire

 

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Das Phantom der Oper (2014)

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Das dritte Musical in diesem Jahr. Angestupst und in Begleitung von @FrauZimt ging es an diesem Wochenende nach Hamburg in die 2013er Auflage von Andrew Lloyd Webbers „Phantom der Oper“. Tatsächlich ist das Musical schon ziemlich alt – in Hamburg lief es von 1990 bis 2000. Seit Ende 2013 wird es wieder aufgeführt, in dem Haus, das extra dafür gebaut wurde: Der Neuen Flora.

Den Stoff kennt vermutlich jedes Kind, ich zumindest bin mit ihm schon früh in Kontakt gekommen: An der Pariser Oper des Jahres 1871 erhält die junge Sängerin Christine Daeé nächtlichen Besuch von einem Mann mit Maske, der sie heimlich in klassischem Operngesang ausbildet. Das entstellte Phantom lebt in Katakomben unterhalb der Oper und ist nicht nur Musiker, sondern auch ein genialer Techniker, Architekt und hat zudem nicht alle Latten am Zaun. Bevorzugt schreibt es Leuten merkwürdige Wünsch-Dir-Was-Zettelchen und schiebt ihnen die unter der Tür durch. Als das Phantom seinen Willen nicht bekommt wird aus dem Stalker ein Terrorist, and things escalate quickly.

Treppenhaus der Neuen Flora.

Treppenhaus der Neuen Flora.

Die Musik, zumindest das Main Theme, kennt jeder, der die letzten Jahrzehnte nicht mit Käse in den Ohren verbracht hat. Im Gegensatz zur Version aus den 80ern, die oft sehr düdelpoppig mit Synthiklängen herumspielte, hat die 2013er-Fassung eine leichte Modernisierung und Aufrüstung erfahren: Die Themen kommen durch ein größeres Orchester nun extrem bombastisch, und der Einsatz von E-Gitarren erweckt nicht nur den Eindruck von Größe, sondern erzeugt auch Gänsehaut. Insgesamt ist die neue Version härter, wie hier in der Aufführung aus der Royal Albert Hall zu hören ist:

Hier die Ouvertüre, allerdings in der Version von Nightwish und Tarja Turuunen, bei dem Papa Schlumpf den Part des Phantoms übernimmt, am Ende aber schlimmen Brechdurchfall bekommt :

Der Bühnenbau und die Technik ist überaus beeindruckend. Bühnenbilder wechseln oft in Sekunden, und mittels Hebebrücken und schwerer Technik im Bühnenboden wird die Bühne dreidimensional und über mehrere Stockwerke ausgenutzt – mit verblüffenden Effekten. Wenn das Phantom mit Christine durch einen Geheimgang flüchtet, sie durch das Labyrinth der Kellergeschosse führt und unter dem Opernhaus über einen unterirdischen See bis zu seinem Versteck rudert, dann ist das großartig in Szene gesetzt. Die Bühne IST in einem Moment das alte Gemäuer des Fundaments, im nächsten der unterirdische See und im übernächsten die schaurige Höhle. So schnell wie die Bilder wechseln ist auch die Inszenierung: Bis auf zwei Szenen, die etwas lang ausgespielt werden, ist das Pacing sehr flott. Ich habe mich in der zwei Stunden 15 langen Inszenierung keine Sekunde gelangweilt, was auch daran liegt, dass es so viel zu entdecken gibt: In nahezu jeder Szene versteckt sich irgendwo das Phanotm, auch wenn es nicht offensichtlich zu sehen ist. Aber wenn man genau hinguckt…

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Interessant ist übrigens, das es die Pariser Oper Garnier wirklich gibt, und auch der unterirdische See ist keine Erfindung. An der Stelle verläuft unterirdisch ein Arm der Seine, und im Fundament der Oper ist eine Zisterne angelegt. Auch die unterirdischen Kellerlabyrinthe sind keine Erfindung. Tatsächlich gabe es sogar merkwürdige Vorkommnisse in den 1890er Jahren: Merkwürdige Geräusche aus den Kellern und nicht zuletzt ein Unfall mit einem herabgestürzten Kronleuchter inspirierten den Schriftsteller Gaston Leroux zu einer Fortsetzungsgeschichte, die 1910 in der Zeitung abgedruckt wurde. Klassischer Fall von History-Fiction, wie ich sie sehr mag.

Perfekt wurde dieses Musical-Wochenende durch die perfekte Gastgeberin @FrauZimt und die überaus angenehme Begleitung durch die Wunderbare Welt des Wissens (Danke ihr beiden!) und das nicht minder Wunderbare Wiesel, das leider das Blogwiesel etwas vermisste, welches zur Zeit in Sonstwo rumstrolcht. Spätestens zum Weltwieseltag im August werden die beiden sich aber wiedersehen.

 
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Verfasst von - 23. März 2014 in Event, Reisen

 

Starlight Express (2014)

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Ich war noch nie in einem Musical – bis zu diesem Februar, nun gleich zwei Mal. Am letzten Wochenende verschlug es mich für einen Kurztrip nach Bochum, und dort in Starlight Express. Der Besuch war ein Geburtstagsgeschenk von lieben Leuten, das es nun abzufeiern galt.

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Und abgefeiert wurde, und zwar ordentlich. Starlight Express handelt im Kern von einem Jungen, der beim Spielen mit seinen Eisenbahnen unterbrochen wird und ins Bett muss. Im Traum werden die Züge und Waggons plötzlich lebendig und fahren Rennen gegeneinander. Die angeberische Diesellok Greaseball tritt gegen Gloria, die hochmoderne E-Lok an, und dann ist da noch die kleine Dampflok Rusty, die zwar gerne ein Rennen fahren würde, sich aber für hoffnungslos veraltet hält.

Gloria, die androgyne E-Lok.

Gloria, die androgyne E-Lok.

Der Rauchwagen.

Der Rauchwagen.

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Starlight Express ist nicht umsonst das erfolgreichste Musical der Welt und läuft seit 25 Jahren. Einen großen Anteil an dem Erfolg dürfte die Halle haben, denn das Gebäude in Bochum wurde extra für das Musical gebaut. Diese Halle ist ein Wunderwerk der Technik. Bahnen führen durch die Ränge der Zuschauer, und auf denen flitzen die Darstellerinnen und Darsteller während der Rennen mit zum Teil halsbrecherischer Geschwindigkeit herum.

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Dabei verändern sich die Strecken immer wieder: Elemente klappen aus oder falten sich zusammen, kombinieren sich neu, schweben von der Decke hinab und verschwinden wieder im Dunkel der Hallendecke, während um die Zuschauer mal Schutzgitter aus dem Boden fahren und dann wieder verschwinden. Hier ist auch die Bühne ein Star, und das ist WIRKLICH beeindruckend.

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Richtigen Respekt habe ich auch vor der Leistung der Darstellerinnen und Darsteller. Auf Rollschuhen tanzen, singen, rasen und das über 2,5 Stunden – irre. Das die Story natürlich am Ende ziemlich cheesy ist und einigen Dingen deutlich anzumerken ist, dass sie in den 80ern entstanden sind – Wurst! Etwas schade ist, dass der gesamte Cast aus englischen Muttersprachlerinnen besteht, die des Deutschen nicht mächtig sind. Das macht es manchmal sehr schwer, die (deutschen) Texte zu verstehe. Beim Darsteller der Gloria bspw. war mir nicht klar, ob der jetzt gerade was relevantes erklärt oder eine Burgerbestellung aufgibt, klang beides nach englischem Gemurmel. Aber auch das tat dem Spaß keinen Abbruch. [Nachtrag:] Starlight präsentiert eine ziemlich breite Palette an unterschiedlichen Musikstilen, die meist einer Person zugeordnet sind. Die Diesellok sieht nicht nur aus wie ein Rocker, sie singt auch Rocksongs, die e-Lok Elektropop, und die leicht verpeilte Dampflok versteigt sich in gerne in Pop-Balladen [/Nachtrag Ende]
Starlight Express ist ein ziemlich irrer Ritt, und ich hatte auf jeden Fall großen Spaß!

Die Vorhalle sieht aus wie ein viktorianischer Bahnhof.

Die Vorhalle sieht aus wie ein viktorianischer Bahnhof.

 
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Verfasst von - 2. März 2014 in Event, Reisen

 
 
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