Manchmal werde ich mir ja selbst unheimlich. Wie heute morgen, als ich so im Bett rumlag und nicht aufstehen wollte. Während ich im Halbschlaf rumdämmerte, sinnierte ich darüber, dass alte Säcke wie ich (sprich: knapp über dreizig) ja nun irgenwie, äh, “in der Mitte der Gesellschaft ankommen” (Würg!). Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Videospiele, und dieser Begriff umfasst Konsolen- und Computerspiele, zum Massenmarkt geworden sind.
Wir haben auf dem Schulhof 3,5 Zoll-Disketten mit “Bubble Bobble” und jeder Menge Viren drauf getauscht, die wir mit XCOPY weiterkopierten. Wir hatten zu Hause einen Amiga oder Atari ST, was einer Glaubensfrage gleichkam. Wir guckten mitleidig auf die Spinner Generation vor uns, die nicht glauben wollte, dass ihr C128 tot war und der PC keine Zukunft als Spielemaschine hatte. Wir belächelten die Konsolenspieler mit ihren pixeligen Minispielchen auf dem Fernseher. Wir lehnten uns zurück und spielten “Indiana Jones und der letzte Kreuzzug”, ließen “Test Drive” über den 1084s-Monitor laufen und mogelten uns bei “Strip Poker” die Tussis nackig.
Mitte der Neunziger redeten wir dann nicht mehr über Homecomputer. Unsere Generation war beim PC angekommen, den brauchte man ja ohnehin für´s Studium. Sagten wir zumindest den Geldgebern (Oma, Eltern). Stimmte ja auch, irgendwie. Was wir unseren Sponsoren nicht sagten, war, das wir nächtelang an Autoexec.bats und config.sys rumschraubten, Interrupts hin- und herschoben, die Unterschiede zwischen Expanded Memory und Extended Memory lernten und Kanäle tauschten, damit aus der Roland- oder Soundblasterkarte (schon wieder eine Glaubensfrage!) Ton rauskam.
Dann kam Windows 95, und unser hart erarbeitetes Herrschaftswissen verlor rapide an Wert. Also suchten wir uns was neues und erarbeiteten uns diese neumodische Dings, dieses Internet. Das 28.8er Modem war von ELSA, machte die Geräusche einer Katze, die gerade überfahren wird, der Netscape Navigator war der beste Browser der Welt, AOL-Nutzer doof und das Web bestand aus genau 5 Seiten: Spiegel Online, der Homepage des Uni-Rechenzentrums, Yahoo und 2 so Pornodingern. Alles, was man als Studi braucht.
Dazu wurde Diablo, Wing Commander III und Star Craft gespielt, Command & Conquer gezockt und System Shock gedaddelt.
Phasenweise haben uns Videospiele nicht die Bohne interessiert, aber irgendwie sind wir doch immer mal wieder bei ihnen gelandet. Heute spielen wir vielleicht nicht mehr am PC, weil wir halt alte Sackgesichter sind, die zu faul sind um selbst an der Kiste rumzuschrauben. Oder weil wir begriffen haben, dass das Leben zu kurz ist, um sich mit Windows zu beschäftigen. Also nutzen wir stattdessen coole Apple-Produkte, auch für die Arbeit, und stellen uns zum Daddeln die Bude mit Konsolen und Full-HD-Glotzen voll. Egal, als Berufstätige können wir uns das ja jetzt leisten.
Wir waren in vielerlei Hinsicht Pioniere. So, wie sich die ersten Siedler Stück für Stück die neue Welt eroberten, haben wir uns Grundlagen und Wissen über Technik und Software erarbeitet. Wir haben Neuland betreten und mussten dafür nicht mal Eingeborene vertreiben. Wir haben Technologien und Märkte bei der Entstehung begleitet und manchmal auch wieder zu Grabe getragen. Wir haben Dinge erlebt, die es für die Generationen zuvor nicht gegeben hat und die für die Generationen nach uns anders, weil selbstverständlich ist. Selbstverständlich ist für uns nichts, wir begegnen allem Neuem mit Aufgeschlossenheit und Freude, fragen uns aber tief im Innern, ob es nicht doch wieder Treiber zu installieren gilt.
Das alles ging mir durch den Kopf als ich da so rumlag und zu dem Ergebnis kam: Eigentlich ist es nun an uns, den trägen Pioniersäcken, mal unsere Videospiele da ankommen zu lassen wo sie hingehören. Sie als ernsthaften Bestandteil von Kunst und Wissen zu einem akzeptierten Teil unserer Kultur zu machen.
Und wie tut man sowas, als faltiger Bildungsbürger? In dem man einen Kanon schreibt. Einen Kanon der Videospiele, die man gespielt haben muss, um mitreden und die Gesellschaft voranbringen zu können.
Eine Stunde später las ich Mensch2.0 Tweet, in dem er “Mafia” zum Teil des Kulturkanons erklärte. Das war der Punkt, an dem ich mir unheimlich wurde. Kann ich Tweets schon per Gedankenkraft empfangen? Habe ich am Ende schon ein Twitterimplantat?
Egal, ein Kanon will aufgestellt werden.
Ich fange hier einfach mal mit einigen Vorschlägen an. Ich kenne mich allerdings nicht in allen Genres gleich gut aus und halte Sportspielespieler für schräg, daher ist für die Vervollständigung INPUT erwünscht. Bitte schreibt Spieletitel mit Begründung, warum die in den Kanon müssen, in die Kommentare. Wir streiten uns dann darüber.
Adventures:
Maniac Mansions
Monkey Island I+II
Indiana Jones and the Fate of Atlantis
(MM definierte das Genre Point&Klick, ansonsten sämtlichst wegen der stark erzählten Stories, Humor und Ideen)
Shooter:
– Wolfenstein (ha!)
– Duke Nukem 3D (Humor! Schweinwachen! Schrumpfstrahler! Stripperinnen!)
– Doom (Die Mutter aller Egoshooter. Wolfenstein war de Großmutter.)
– Counterstrike (hier wurde aus Games “esport”)
– Rescue on Fractalus (Sidescroller Shooter)
Strategie:
– Dune (erstes Echtzeitstrategiespiel)
– Command & Conquer
– Star Craft
– Caesar III (wuselig, Aufbaupionier)
– Sim City (das erste Aufbauspiel)
– Civilisation
– Commandos (Schleich/Team-Strategie)
– der Patrizier
– Siedler
Rollenspiel:
– A Bards Tale
– Fall Out (Entscheidungen haben Auswirkungen auf das Leben anderer Leute!)
– Mass Effect (Weltraum- Action RPG und tolle Story)#
– World of Warcraft (Millionen Spieler/innen können nicht irren)
Actionspiel:
– Tomb Raider (definierte das Genre Action-Adventure)
– Tom Raider Underworld (Die Königin der Action-Adventures)
– System Shock 2
– Diablo II (Hack & Slay bis zur Sucht)
– Thief (erstes und bestes Schleichspiel)
– Deus Ex (erstes vernünftiges Action-RPG-Schleich-Shooter-Spiel mit zig Lösungsmöglichkeiten)
– Bioshock (dürftiges Moralmodell, toller Storytwist, irre Geschichte, Atmosphärisch ganz weit vorn)
– GTA IV (erstes vernünftiges Open World Spiel mit toller Story, eine ganze simulierte Stadt)
– Red Dead Redemption (Eine ganze Welt inkl. Flora und Fauna simuliert)
– Assassins Creed II (Ort der Handlung, Story)
– Mafia (??? Warum?)
– Wing Commander (definierte das Genre der Space Soap)
– Wing Commander III (Space Soap mit echten Schauspielern auf mehr als einer CD)
– Jedi Knight (Star Wars Shooter mit Lichtschwertern)
Sportspiel:
– NHL Hockey von EA
– Decathlon (Atari VCS 2600, eines der ersten Rüttelspiele. Nachfolger: Summer Games, Winter Games, California Games)
– Kick Off
Musikspiel:
– Rock Band 2 (Kennt man Rock Band, kennt man Guitar Hero und Singstar)
Simulation:
Strange:
– Die Sims (Digitale Puppenstube)