Momentaufnahme

Das war das Jahr, das war (2020)

Am Jahresende traditionell die Rückschau. Dieses Mal recht umfangreich. Der Text ist irgendwie gewuchert, bildet aber immer noch nur einen Teil dieses irren Jahres ab.

Lage der Welt:
Es war das Jahr der Pandemie. Mitte März kam die Welt knirschend zum Stillstand. Ich hätte nicht für möglich gehalten, aber es passierte wirklich. Keine Flug- oder Bahnreisen, starke Verzögerungen in globalen Produktions- und Lieferketten, vor Ort geschlossene Geschäfte, die Straßen nahezu menschenleer. In Kombination mit Knappheit bei manchen Medikamenten, nicht-Verfügbarkeit von Masken und Desinfektionsmitteln und Lieferzeiten von 10 Tagen bei Onlinehändlern fühlt sich das fast apokalyptisch an.

Apokalyptisch auch die Szenen aus den USA. Bewaffnete Milizen und hoch gerüstete Polizeikräfte machten Jagd auf friedliche Demonstranten, maskierte Uniformierte ohne Abzeichen verschleppten Menschen und marschierten am Washington Memorial auf. Die USA in Jahr 4 unter Trump produzierten die Bilder eines faschistischen Regimes. Die Republikanische Partei steht geschlossen hinter ihrem Führer, auch wenn es für jeden sichtbar ist, dass er lügt und die Demokratie schädigt. Die GOP versucht aktuell immer noch mit allen Mitteln den Auswahl der Präsidentenwahlen zu manipulieren. Soviel also zur Theorie der „Einhegung“, dass Trump ruhiger würde, wenn er in der Politik ankommt. Das Gegenteil ist der Fall.

Immerhin wurde Trump abgewählt, auch wenn er sich immer noch weigert das anzuerkennen. Aber machen wir uns nichts vor, binnen 4 Jahren wurde fast eine demokratische Weltmacht in eine faschistische Diktatur umgebaut, mit vielen, vielen Helfern auf allen Ebenen, und am Ende ist das Land nur knapp am Bürgerkrieg vorbeigeschliddert.

Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht wie das weitergehen soll, wenn sich in einem Zweiparteiensystem eine Partei von den demokratischen Grundwerten verabschiedet – und das tun die Republikaner seit Jahren, schon vor Trump.

USA und Corona, mehr Themen fanden dieses Jahr kaum medial statt. An ihren Außengrenzen verletzt die EU nach wie vor Menschenrechte, und Polen und Ungarn werden weiter unbeeindruckt in Diktaturen umgebaut. Die EU zeigt sich schwach, nicht mal ein Bekenntnis zu demokratischen Grundrechten kann sie gegenüber den angehenden Diktaturen durchsetzen, und selbst beim Brexit knickt sie ein. Für den gibt es Weihnachten(!) erst eine Lösung, auf die letzte Sekunde, genau wie Boris Johnson gepokert hat. Erbärmlich, ich hätte den Briten nach vier Jahren Lügen, Nichtstun und Vertragsbruch einen harten Brexit mit all seinen negativen Folgen mehr als gewünscht.

Am Ende des Jahres dann endlich Hoffnung: Gleich mehrere Impfstoffe sind entwickelt, zwar nur gegen COVID-19 und nicht gegen Faschismus, aber immerhin.


Lage der Nation:
Corona ist natürlich das beherrschende Thema. Es spaltet die Gesellschaft in zwei Lager: Die, die dem Thema mit angemessenem Ernst und großer Disziplin begegnen und denen, die COVID-19 nur für eine Art Grippe halten und so tun, als würde das Tragen einer Maske sie in ihrem Persönlichkeitsrecht einschränken. Das Lager der Corona-Leugner radikalisiert sich in Teilen und bringt Verschwörungsgeschichten ein, nach denen der Virus wahlweise eine Maßnahme zur Umvolkung/Bevölkerungsreduktion/Gedankenkontrolle/Währungstausch ist. Seite an Seite und ungeschützt marschieren Rechtsextreme mit Reichsflaggen, Impfverweigerer:innen, Aluhutträger:innen, besorgte Mütter und bongospielende Esoteriker:innen zu Zehntausenden durch die Städte. Organisiert wird das von Rechten und von skrupellosen Geschäftemachern, die daran ordentlich verdienen.

Die Politik guckt dem Treiben größtenteils tatenlos zu und bezieht lange keine Stellung, weil Coronaleugner zwar eine Minderheit sind, aber eine sehr laute – mit denen will man sich nicht anlegen. Auch deshalb wird nur zögerlich gehandelt, die Maßnahmen in Deutschland sind lascher als in anderen Ländern. Erstaunlicherweise kommt das Land dennoch ganz gut durch die erste Welle. Mensch des Jahres ist der Virologe Christian Drosten, der täglich in einem Podcast die Lage erklärt, ganz ruhig und unaufgeregt.

Im Herbst läuft, wie von Drosten vorhergesagt und in jedem Geschichtsbuch über die Spanische Grippe nachzulesen, die zweite Welle los. Aber anstatt das jetzt entschieden gehandelt wird, eiern die Bundesländer wochenlang herum. Anscheinend hat kein Schwein über den Sommer Pläne gemacht.

Immerhin: Ein-Themen-Parteien, wie FDP oder AFD, finden plötzlich medial nicht mehr statt. Die AFD versucht sich erst in der Rolle der Beschützerin und fordert härtere Regelungen zur Eindämmung der Infektionen, dann schlagen sich weite Teile der Rechtsextremen plötzlich auf die Seite der Coronaleugner. Intern hat die Partei Angst vor der überfälligen Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Apropos Verfassungsschutz: Dessen Ex-Chef ist nach seiner Entlassung tief im rechten Sumpf versunken, der Nachfolger erkennt Rechtsterrorismus wenigstens als Problem an.

Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer etwas sagt oder entscheidet, kann man sicher sein, dass so gut wie immer das Gegenteil richtig oder sinnvoll ist. Nachdem sie sich auch innerhalb ihrer eigenen Partei überhaupt nicht mehr durchsetzen kann, verzichtet die zuvor als nächste Kanzlerin gehandelte CDU-Vorsitzende ab 2021 auf ihren Posten. Um ihre Nachfolge bewerben sich: Armin Laschet, der aussieht wie ein älterer Vertriebler von Faxgeräten und der als Ministerpräsident von NRW in der Pandemie clowneske Entscheidungen fällt, Norbert Röttgen, von dem niemand weiß wofür er eigentlich steht, und eine Gestalt aus dem Gruselkabinett der 90er Jahre: Friedrich Merz.

Der von der „Titanic“ einst wegen seiner Frisur „Fotzenfritz“ getaufte Black Rock-Vorstand wird von alten Herren in der Partei, die immer unter Merkels sozialdemokratischer Politik gelitten haben, ins Boot geholt. Merz, der sich politisch nie bewiesen hat, dient fortan als Projektionsfläche für die feuchten Träume alter weißer Männer. Der rechtskonservative Backlash in der CDU, er heißt Merz und sieht aus wie Mr. Burns. Dank der Pandemie findet auch dieses Gruselkabinett kaum medial statt, aber man muss sich schon fragen: DAS ist das beste, was die CDU anzubieten hat?

Immerhin sorgt die SPD noch für Lacher. Die fast in die Einstelligkeit abgestürzte Umfaller-Partei wird sogar von Nervtröten wie Nahles oder Gabriel verlassen, ist aber trotzdem der Meinung, einen Kanzlerkandidaten küren zu müssen. Dafür nimmt sie allen Ernstes einen Mann, der einen Charakter wie Wellpappe hat und einen ähnlichen Unterhaltungswert besitzt: Olaf Scholz. Buahahaha! Aber auch von dem hört man nix, zum einen muss er den Wirecard-Skandal aussitzen, zum anderen Pandemie, wissen schon.

Während der sozialromantische Teil der SPD noch vor sich hin träumt, hilft ihr Law-and-Order-Flügel dabei, den Bürger:innen die Grundrechte wegzunehmen. Trojanereinsatz, anlasslose Massenüberwachung, Uploadfilter – all das bringt die Große Koalition auf den weg. Es ist zum Kotzen, und gegen diesen ECHTEN Verlust von Grundrechten geht niemand auf die Straße. Aber wegen einer Maskenpflicht. Jaja.

Für Deutschland ist die Pandemie sogar auf manchen Gebieten ein Gewinn. Digitalisierung und Medienkompetenz werden aus purer Notwendigkeit mit Macht nach vorne geschubst, die Bedeutung von schnellem Internet auch auf dem Dorf endlich begriffen. Homeoffice wird von Unternehmen als Arbeitsform nicht nur skeptisch beäugt, sondern ist vielerorts als Arbeitsform plötzlich alternativlos. Schulen sind endlich gezwungen sich mit digitaler Lehre zu beschäftigen.

Digitale Infrastrukturen, die es sei Jahren gebraucht hätte, entstehen innerhalb kürzester Zeit. Andere Mobilitätskonzepte werden nicht nur denkbar, sondern lassen sich sogar begutachten – und manchen gefallen weniger dichter Straßenverkehr und autofreie Städte, nicht jeder vermisst tagelange Dienstreisen, die sich auch durch ein paar Videokonferenzen substituieren lassen. Der Einzelhandel erkennt die Wichtigkeit eines Onlinestandbeins.

Ich hoffe stark, dass die ein oder andere Erkenntnis, dass andere Wege in Sachen Wirtschaft, Mobilität und Work/Life nicht nur Fantasien, sondern machbar sind, ein wenig erhalten bleibt.


Ich Ich Ich
2019 war zermürbend? Hold my beer. Nach zwei beruflich wirklich richtig anstrengenden Jahre wollte ich 2020 endlich mal kürzer treten. Tatsächlich fing das Jahr entschleunigt an, wenn auch nicht ganz freiwillig: Ich musste meinen Führerschein abgeben.

Neben mehr Bewegung dank zu Fuß Gehens an der frischen Luft bedeutete das auch: Pünktlich Feierabend machen, um noch den Bus zu bekommen. Das hat mir sogar ganz gut gefallen, und der Januar 2020 war der erste Monat seit 15 Jahren, in dem ich nur eine einzige Überstunde gemacht habe. Aber dann. Am 07. März war ich das letzte Mal auf einer Dienstreise und einer Tagung. Schon mit schlechtem Gefühl, weil vor einem neuen Virus gewarnt wurde, aber Händewaschen sollte ja als Schutz ausreichen.

Bei der Arbeit nahmen wir das ganze wesentlich ernster. Ab der zweiten Märzwoche waren nahezu alle Mitarbeiter:innen im Homeoffice, und sind das teils bis heute. Ich war und bin einer der letzten, die im Firmengebäude arbeiten. Teilweise bin ich wochenlang allein auf einer ganzen Etage gewesen und telefonierend durch die leeren Büros gewandert. Organisieren, Telefonanrufe weitergeben, Kunden betreuen, neue Kunden gewinnen, Lösungen ausdenken, daneben Desinfektionsmittel und Masken besorgen und zusehen, dass die zu unseren Leuten kommen. Über 7-Tage-Wochen und hohe Stundenzahlen will ich nicht klagen. Ich kann froh sein, dass das Geschäft nicht durch die Pandemie gelitten hat und es den Mitarbeiter:innen den Umständen entsprechend gut geht.

In der Rückschau wurde sogar Großes geleistet, aber die Mehrarbeit, das kann ich ohne Jammern zu wollen sagen, war über jegliche Grenze hinaus. Meine Resilienz ist hoch, war aber an manchen Tagen völlig zerbröselt, und am Ende des Jahres stehen doch wieder dreihundert Überstunden auf der Uhr. Ich hatte das Gefühl für alle anderen stark sein zu müssen, und nun bin ich sehr müde. Das ging jetzt nicht nur an die Substanz, das hat Substanz vernichtet.

Auch wenn ich zur Arbeit gefahren bin, das „Draußen“ habe ich so gut es ging gemieden. Dazu gehörte es, erst in der Nacht, kurz vor Ladenschluss, einkaufen zu gehen und praktisch alles andere zu meiden. Damit ging und geht es mir durchaus gut – ich bin gerne allein, und auf die Einladungen zu sozialen Aktivitäten, die in die Kategorie „ungeliebt“ fallen, mit einem „Sorry, wir können und nicht treffen, Pandemie, wissen schon“ reagieren zu können ist der Traum jedes Introverts. Ansonsten waren das aber alles keine Einschränkungen, die mir zu schaffen gemacht hätten. Im Gegenteil, mal nirgends hin zu müssen weil man nirgends hin kann, das war auch entschleunigend und ein Ausgleich zum Stress bei der Arbeit.

Das Jahr fühlte sich seltsamer Weise endlos an, und ging dann doch ganz schnell vorbei.

Vermisst habe ich ein wenig das Reisen, eine geplante lange Fahrt Ende Mai, Anfang Juni musste ausfallen. Aber das ist ein Luxusproblem und wurde außerdem durch gleich zwei längere Moppedfahrten im Juli und September kompensiert. Letztere führte nur in bekannte Gefilde, weil ich da das Risiko bewerten konnte, aber befreiend war es trotzdem.

In der Summe war das also für mich kein schlechtes Jahr, es war nur wahnsinnig anstrengend.


Und sonst noch? Hier die immer weiter mutierende Form des Bloggerdorf-Fragebogens.

Wort des Jahres: Da gibt es gleich drei. Auf Platz 1: „Wohlstandsverwahrlost“, Platz 2: „Doomscrolling“, Platz 3: „Inzidenzwert“.

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen.

Mehr ausgegeben oder weniger? Weniger.

Am meisten ausgegeben für… Campingkram.

Die teuerste Anschaffung? Eine neue Matratze. Endlich! Das war aber auch eine Odyssee, davon erzähle ich später mal.

Mehr bewegt oder weniger? Weniger, zwangsweise.

Die hirnrissigste Unternehmung? Die Matratzenkaufgeschichte.

Ort des Jahres? Roccafinadamo.

Das leckerste Essen? Annas Salsicce in „La Vecchia Fontana“.

2020 zum ersten Mal getan? Um meinen Wohnort herum spazieren gegangen. Erkenntnis: Voll schön hier. Und: Einen Monat auf´s Auto verzichtet.

2020 endlich getan? Mal hinter den Schrank geguckt ob da Schimmel ist. Ist nicht. Gut so.

Gesundheit? Ist in Ordnung. Unfit, aber bis auf Blutdruck alles OK.

Ein Ding, auf das ich gut hätte verzichten mögen? Todesfälle im Kollegen- und Bekanntenkreis.

Gereist? Oh ja. Im Juli durch den Osten und im September in den Süden.

Film des Jahres: 1917 – Handlung nicht die dollste, aber mit Filmen ohne Schnitt kriegt man mich immer.

Theaterstück des Jahres: Entfällt

Musical des Jahres: Entfällt

Spiel des Jahres: Das schwer erträgliche „The Last of Us II“ zeigt mal eben im Alleingang, wie hoch emotionales Erzählen in Videospielen aussehen kann. Es teilt sich den Thron mit meinem persönlichen Highlight: „Persona 5“, so cooles Gameplay habe ich selten gesehen.

Serie des Jahres: The Mandalorian. Bestes Star Wars seit „Imperium schlägt zurück“

Buch des Jahres: Nicht viel Bücher gelesen dieses Jahr, und was ich gelesen habe sind keine großen Kunstwerke und nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Beim politischen Sachbuch war „Rage“ von Bob Woodward.

Ding des Jahres: Nuud.

Spielzeug des Jahres: Ein Gerber Concertina Wirecutter zum Schneiden von Nato-Draht. Fragen sie nicht.

Enttäuschung des Jahres: „Cyberpunk 2077“, nach 8 Jahren Entwicklungszeit unfertig und bis zu Unspielbarkeit verbuggt.

Die schönste Zeit verbracht damit…? Ohne Menschen zu sein.

Vorherrschendes Gefühl 2020? Ich werde um diese Welt trauern.

Erkenntnis(se) des Jahres: Deutschland hat einen Rust-Belt (Lausitz) und drei Bible-Belts (Erzgebirge, Eichsfeld und Schwaben)

In diesem Sinne: Ich wünsche einen guten Start in ein tolles 2021! Ihr seid eine tolle Leser:innenschaft und ich bin immer wieder sehr froh und stolz darauf, wer sich hier so tummelt. Ich lerne viel von Euch, und das ist super.

Nekrolog:

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Momentaufnahme: Dezember 2020

Herr Silencer im Dezember 2020

Echt, das Jahr ist rum?

Wetter: Der Jahreszeit entsprechend kühl bei 0-6 Grad und oft Regen bis Monatsmitte. Kurz vor Weihnachten kommt warme Luft und es regnet bei 10 Grad, dann stürmt es und die Temperaturen sinken wieder auf den Gefrierpunkt.


Lesen:

Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0
20 Minuten in der Zukunft: Das der dritte Weltkrieg von Maschinen in nur 8 Minuten ausgefochten wurde und keine ernsthaften Konsequenzen hatte, erfahren die Menschen nur aus den Medien. Peter Arbeitsloser ist einer von denen. Der Protagonist des ersten Buchs ist nun Roboterpsychologe und behandelt Drohnen mit Flugangst und Knuddelbären mit Berührungsängsten. Unversehens kommt er mit Jeff Bezos in Kontakt. Der will gerne Präsident werden, und ein „Mann aus dem Volk“ soll ihn beraten. Leider hat Peter gerade ganz andere Probleme.

Das erste „Qualityland“-Buch war banal und etwas naiv. Es war sich genug damit, den jetzt-Zustand der Digitalisierung mit einem Schuss „Black Mirror“ zu mixen und dann zu rufen „Hier! Algorithmen! Staunt!“ – als jemand, der nur halbwegs versteht wie Internetplattformen funktionieren, war das alles banal und wenig eigenständig. Klings naiver Schreibstil, der so gut in den Känguru-Geschichten funktioniert, wirkte dabei seltsam deplatziert.

Teil zwei ist immer noch kein literarisches Meisterwerk, bringt aber zumindest interessante und lustige eigene Ideen mit und hat vor allem eine Geschichte zu erzählen. Damit sind die Romanfiguren nicht mehr ausschließlich dazu da, eine digitalisierte Welt ungelenk zu erklären, sondern die Welt ist Kulisse und Stichwortgeber für die Handlungen der Figuren. Das ist wesentlich besser lesbar und kurzweilig, leider endet die Geschichte mittendrin mit einem Cliffhanger.


Hören:


Sehen:

Willkommen in Marwen [Prime]
Der belgische Ort Marwen im zweiten Weltkrieg: Böse Nazis sind hinter Captain Hoagie her, aber der wird zum Glück von den Frauen von Marwen, schwer bewaffneten Resistance-Kämpferinnen, verteidigt. Der Gag daran: Marwen ist nur ein Miniatur-Puppendorf, in dem Fotograf Steve Carrell seine Geschichten um Captain Hoagie mit Versatzstücken aus der Realität in Szene setzt. Er tut das, um mit seinen Ängsten fertig zu werden – seitdem er von Hooligans halb tot geprügelt wurde, lebt Carell in der Fantasiewelt von Marwen und mit und durch seine Puppengeschichten.

Bezaubernder und beeindruckender Film von Robert Zemeckis (Zurück in die Zukunft, Forrest Gump). Technisch ist der Film irre, so etwas wie die Marwenpuppen hat man noch nicht gesehen. Die Geschichte ist so berührend wie schön erzählt, und das sie wahr ist, verleiht dem Ganzen eine besondere Bitterkeit. Der Film hat zwischendurch leider immer wieder kleine Längen, aber über die hilft das intensive Spiel der DarstellerInnen hinweg. Ist gerade bei Amazon Prime enthalten, anschauen lohnt sich.


The Mandalorian Season 2
Der Mandalorianer ist immer noch mit dem Kind unterwegs und sucht Jedi, denen er es aufdrücken kann. Dabei trifft er auf alte Verbündete und neue Feinde.

„Es ist unmöglich, Star Wars-Fans der alten Fanbase zufrieden zu stellen und gleichzeitig ein neues Publikum zu erreichen“, sagte JJ Abrams mal. Und dann kamen Dave Filoni und Jon Favreau und schufen mit „Mandalorian“ etwas, das alle, von fünfjährigen Mädchen bis zu Männern im Rentenalter, total begeistert.

Hier stimmt einfach alles, von den Figuren über die Effekte bis hin zu den Geschichten. Meinen Hut ziehe ich vor den Autoren, denn die Geschichten sind nach allen Regeln der narrativen Künste gebaut und teils genial clever. Teils hat jede Dialogzeile, jeder Seitenblick und jede Figur eine Bedeutung und ist ein Baustein im Gesamtkunstwerk. Die Produktionsqualität ist dabei auf Kinoniveau, damit ist Staffel 2 ein 8 Stunden langer und sehr gute Film.

Abseits vom Handwerklichen: Ich liebe diese Serie aus vielen Gründen, aber vor allem weil sie ihre Charaktere respektiert und ihnen Bedeutung verleiht. Damit werden retrograd die Filme, die Serien wie Clone Wars und Rebels, Spiele wie „Jedi Knight“ und sogar altes Star Wars-Spielzeug aus den 80ern aufwertet. Endlich sehen wir Dinge, die sich Star Wars-Fans bislang nur vorgestellt haben: Wie bad-ass Mandalorianer drauf sind, wie Gesellschaften in Star Wars funktionieren, wie gefährlich Strumtruppen wirklich sind, wenn man gerade kein Jedi ist. Dazu kommen feinere Nuancen, etwa wenn am Rand beschrieben wird, welche Auswirkungen die Zerstörung von Alderaan auf Hinterbliebenen hatte.

„Mandalorian“ ist die beste Serie seit der ersten Staffel „Game of Thrones“ und ist beste Stück Star Wars seit „Empire“. Wer Star War früher mal mochte, dann aber seit den Prequels die Freude dran verloren hat, sollte das anschauen. Und alle anderen auch.


TENET [BluRay]
Kenneth Branagh ist böse und macht, das sich Dinge rückwärts durch die Zeit bewegen. So ein Typ und dieser Robert Pattison aus den Vampirfilmen finden das nicht so dufte.

Christopher Nolan ist einer der größten Regisseure unserer Zeit, und TENET ist Nolan in Reinform – mit all seinen Stärken und Schwächen: Superkomplexe Grundidee, große Bilder, tolle Actionsequenzen, hervorragende Schauspieler, treibender Score. Gleichzeitig bedeutet das aber auch eine Erzählung, die komplizierter inszeniert ist als nötig, dürftig verborgene Plotholes, keine Emotionen und null Interesse an den Charakteren. Das geht dieses Mal sogar so weit, dass der zentrale Charakter nicht mal einen Namen hat, was bewirkt, dass der Film trotz seiner Größe leer und seelenlos wirkt.

TENET ein hirnverbiegendes Puzzle und unterhält auch dann noch, wenn man nicht alles versteht. Die Grundidee selbst ist brillant und erschließt sich erst ganz, wenn man im Nachgang noch ein wenig darüber nachdenkt. Das ist ein Kompliment für den Film, aber man muss dafür bereit sein, die ungeteilte Aufmerksamkeit für 150 Minuten zu investieren.

Seltsam ist Nolans lautstarkes Wutgeheul, er mache seine Filme nur für´s Kino. „TENET“ wirkt auch auf Heimkinoanlagen, und ich würde mal behaupten, auch auf großen Fernsehern. Und, ganz ehrlich, ungeteilte Aufmerksamkeit, die bekommen Filme auch im Kino schon lange nicht mehr – man sehe sich in Multiplexkinos einfach mal an, wieviele Leute am Handy hängen statt auf die Leinwand zu achten.


Spielen:

Cyberpunk 2077 [PS4]

Kennt jemand den Begriff „Belohnungsaufschub“ aus der Psychologie? Das bedeutet den kurzfristigen Verzicht auf eine kleine Belohnung, um langfristig eine umso größere einzustreichen. Also quasi der Fachbegriff für „Wenn Du das Überraschungsei jetzt nicht sofort auffrisst, sondern 15 Minuten wartest, bekommst Du ein zweites“. „Cyberpunk 2077“ ist der ultimative Belohnungsaufschubs-Test für Erwachsene.

Mit „The Witcher 3“ hat das polnische Studio CD Projekt Red in 2012 einen echten Knaller hingelegt. Schöne Spielwelt, tolle Geschichten, faire DLC-Politik. Das Studio wurde so zum Liebling der Gamer, und vom Witcher-Nachfolgertitel erwartete man Großes. Nach acht Jahren Entwicklungszeit und etlichen Verschiebungen ist nun „Cyberpunk 2077“ erschienen, und es ist leider kein Knaller. Es ist nicht mal mittelmäßig. Es ist eine Katastrophe, und das unabhängig von der Plattform.

Ich hatte mich von den Kaufwarnungen vor der PS4-Version nicht beeindrucken lassen, ab und an einbrechende Frameraten oder aufploppende Texturen stören mich nicht so. Aber Cyberpunk ist wirklich nicht spielbar. Auf der PS4 mit Patchstand 1.03 stürzt das Spiel alle 10 Minuten ab, die Performance ist schwach und grafisch ist das ganze nett, aber kein Knaller. Gut, rein technische Probleme lassen sich mit Patches, die aktuell alle drei Tage erscheinen, in den Griff bekommen.

„Cyberpunk“ versagt aber auch in anderen Disziplinen, und das lässt sich nicht so einfach nachträglich fixen. Das Gameplay aus der Egoperspektive ist an vielen Stellen fummelig und ungenau, das Inventar unübersichtlich und kaum benutzbar, die Interfaces sind allesamt aus der Hölle und Spielsysteme sind überkomplex, untererklärt und greifen nicht ineinander. Manchmal fehlen selbst basale Funktionen, wie ein Navi, das bei schneller Fahrt rauszoomt. Narrativ hängen manche Geschichten einfach in der Luft, und dem Vernehmen nach fehlt am Ende ein Großteil des dritten Akts.

Hübsch ist dagegen die Architektur der Stadt und generell dieses Cyberpunk-Design, wie man sich das in den 80ern halt vorstellte. Aber mehr als Stadt bauen und Assets designen scheint das Studio die letzten 8 Jahre nicht gemacht zu haben.

Cyberpunk Stand jetzt ist unfertig und definitiv zu früh rausgekommen, und zwar nicht ein paar Monate, sondern ein bis zwei Jahre. CD Projekt Red wird nun über einen langen Zeitraum am Spiel herumpatchen. Das hat bei diesem Studio Tradition, auch der „Witcher“ bekam erst per Patch ein brauchbares Inventar.

Damit sind wir wieder beim Anfang: Cyberpunk kann noch ein sehr gutes Spiel werden, so in ein oder zwei Jahren, als Game of the Year Edition und dann vielleicht auf einer NextGen-Konsole. Wer es schafft, so lange zu warten, wird reich belohnt werden. Wer das Überraschungsei jetzt frisst, wird keine Freude haben.


1979 Revolution: Black Friday [PS4]
Iran, 1980: Der junge Fotograf Reza sitzt in einem Gefängnis des iranischen Geheimdiensts und wird gefoltert. Sein Peiniger will wissen, welche Rolle Reza in den Protesten gegen den Sha im Herbst 1979 spielte. Reza erinnert sich in spielbaren Sequenzen an die Demonstrationen, die friedlich begannen und in einem Blutbad endeten.

Sieht aus wie ein Dontnod-Titel, spielt sich auch so ähnlich: Entscheidungen in Dialogen müssen unter Zeitdruck getroffen werden, je nach Entscheidung ändert sich geringfügig die Story. Das spielt sich trivial, ist aber so intendiert, immerhin sollen so auch nicht-Gamer an die Materie herangeführt werden. Die Materie ist selbst ist dann tatsächlich ein dickes Brett: Die Revolution im Iran nicht als Hintergrund für eine Handlung zu nehmen, sondern die quasi in den Mittelpunkt zu stellen, ist schon eine gewagte Designentscheidung, die auch nicht immer funktioniert.

Durch Rezas Augen sieht man den Iran als dem Westen gegenüber offenes und durchaus modernes Land, das aber unter dem allmächtigen Sha leidet und arm gehalten wird. Dem gegenüber die Protestgruppen aus Modernisierern, Mudschaheddin und religiösen Führern. Das soll verdeutlichen, an welchem Scheideweg der Iran sich 1979 befand und wie explosiv die Lage war.

Hinter den kurzen Spielsequenzen liegen jeweils Tonnen an zusätzlichen Infos in Form von Fotos und Texten, aus denen man wirklich interessantes lernen kann. Wer hätte gewusst, das Ende der 70er revolutionäre Botschaften über heimlich verteilte Toncassetten verbreitet wurden? Wer wirklich ernsthaft in das Thema einsteigen will, findet hier einen guten Einstieg. Alle anderen werden keine Freude an dem grafisch und spielerisch schlichten Titel haben, der sich über Teile seiner drei Stunden Laufzeit auch noch wie Propaganda anfühlt.


Assassins Creed Valhalla (2/2) [PS4]
Norwegen ist karg und langweilig, also macht sich Wikingerin Eivor im 9. Jahrhundert auf und erobert England. Dabei trifft sie natürlich auf den Order of the Ancient, den Vorläufer der Templer, aber der interessiert die Kriegerin nicht. Sie kümmert sich um den Aufbau einer Siedlung für ihren Stamm und geht eher der Frage nach, was ihre Visionen über Asgard, den Lebensbaum und über Odin und Loki bedeuten.

Derweil erlebt im Jahr 2020 ein Assassinenteam die Erinnerungen von Eivor nach um eine drohende Katastrophe zu verhindern. Als Eivors Geheimnis entschlüsselt ist, führt der Weg nach Norwegen – wo sich die Zukunft für immer verändert.

Tja, so kann man sich täuschen. Als ich die ersten 5 Stunden von AC:V gespielt hatte, war ich genervt. Schon wieder eine riesige und schön gestaltete Welt, die vollgestopft ist bis zum Abwinken mit langweiligen und repetitiven Aufgaben. Das sah mehr nach Arbeit als nach Spaß aus. Das stimmt aber nur zum Teil. England ist aufgeteilt in einzelne Shires, die es zu erobern gilt. Anstatt das über immer gleiche Aktivitäten zu tun, wie in „Syndicate“, sind es hier aber Storymissionen, die zum Erfolg führen. Die sind meist gut geschrieben und unterhaltsam, so dass man sie gerne erlebt. Längst nicht alle Elemente funktionieren wie intendiert – zu meiner Siedlung und ihren Bewohnerinnen habe ich nie ein inniges Verhältnis aufgebaut, und auch die Romanzen sind auch ein Witz.

Umgehauen hat mich dann aber das Ende. Die letzten Stunden vermischen sich Vergangenheits- und Gegenwartsstory auf eine Weise, wie ich es seit „Revelations“ nicht mehr gesehen habe, und der Aha-Effekt entspricht in etwa dem am Ende von AC II. Echt, bislang hatte ich keine gute Meinung über Lead-Writer Darby McDevitt, aber was hier an Story aufgefahren wird, lässt einem die Kinnlade offen stehen und ergibt absolut Sinn.

Dumm nur, das die Hälfte der wirklich guten Geschichte in einem optionalen Nebenstrang versteckt ist, und die Auflösung der drängendsten Frage in freiwilligen Rätseln. Und: Bis man an den Punkt kommt wo es cool wird, muss man geschlagene 85 Stunden Gedöhns machen. Gutes Gedöhns, aber halt 85 Stunden davon und damit mindestens 40 zu viel. Wenn man AC: Valhalla also etwas vorwerfen kann, dann das gleiche wie schon dem Vorgänger „Odyssey“: Es ist zu lang und schleppt zu viel Open-World-Ballast mit sich rum.

Immerhin bin ich endlich mal wieder gespannt wie es mit Assassins Creeds lange vernachlässigter Gegenwartsstory weitergeht. Ich hoffe, Ubisoft hat dieses mal einen Plan wo sie mit der Serie hin wollen, und fahren sie nicht wieder so an die Wand wie 2012 in ACIII.

Machen:

Weihnachten auf der Couch.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Momentaufnahme: November 2020

Herr Silencer im November 2020

Grau, nass und kalt

Wetter: Anfang des Monats noch Wechselspiel zwischen nach 6 Grad nachts und und bis zu 20 Grad tagsüber, ab dem 05. dann Frost, Nebel und schlagartig sind alle Bäume kahl. Ende des Monats trocken, aber grau und Temperaturen tags um den Gefrierpunkt, nachts bis minus fünf. Ja, das ist November.


Lesen:

Jasper Fforde: The constant Rabbit (2/2)
Wales, 1965: Ein „Antromorphisierendes Ereignis“ sorgt dafür, das 9 Kaninchen, 3 Füchse, 6 Meerschweinchen und ein Dachs zu sprechenden, menschengroßen Wesen werden, wie aus einer Tierfabel.

40 Jahre später haben sich die Kaninchen vermehrt wie, nun, die Kaninchen, und versuchen sich in die britische Gesellschaft zu integrieren. Das ist nicht einfach, denn die meisten Menschen verachten Kaninchen und haben die Füchse zu Überwachern gemacht.

Wie schon im vergangenen Monat gesagt: Fforde ist Spezialist darin, absurde und bis ins Detail durchdachte Welten zu erfinden, in denen dann aber leider völlig belangloses Personal herumtappt und aneinandergereihte Szenen, aber keine echte Geschichte erlebt. Meist endet dann noch alles mit einem Cliffhanger zu einer Fortsetzung, die dann aber nie kommt.

„Constant Rabbit“ ist nicht ganz so schlimm und zumindest in sich abgeschlossen, allerdings wirkt das letzte Kapitel auch wie hingehuddelt. Nachdem der Autor den großen Schirm aufklappt und Rassismus und Faschismus mit einer Tierfabel erklärt, klappt er ihn auf die letzten Seiten mit einer Deus-Ex-Machina-Lösung einfach wieder zu. Ein billiger Trick, aber immerhin bleibt das halb vergnügliche Buch so nicht in schlechter Erinnerung.


Hören:

Shakira Laundry Service
Ich liebe diese Scheibe, musste aber bei der Digitalisierungsaktion neulich feststellen, dass ich die gar nicht besitze! Tatsächlich hatte meine Schwester das Album 2001 zu Weihnachten bekommen, und ich habe es mir dauernd ausgeliehen, weil ich es so toll fand. Jetzt gebraucht für 41 Cent gekauft und freue mich wieder über „Underneath your Skin“ und „Tango Objection“ oder „Whenever, wherever“, dessen Video ich in seiner Absurdität und Ästhetik für eines für eines der besten Musikvideos aller Zeiten halte.

Assassins Creed Valhalla OST
Einar Selvik ist eigentlich Black-Metaler, seit 2003 macht er außerdem Nordic Folk, der u.a. in der TV-Serie „Vikings“ zu hören ist. Für Assassins Creed gestaltet er zusammen mit Jesper Kyd (der das erste Mal seit „Brotherhood“ wieder dabei ist!) und Ubisoft-Hofkomponistin Sarah Schachtner nordische Welten. Mit dem vielen Gegröhle und Getrommel nicht so meins, aber auch mal interessant.


Sehen:

Patrik Pacard (1984) [DVD]

Der 16jährige Patrik Pacard macht mit seinen Eltern Urlaub in einem Fjord und trifft dort auf einen schrulligen Professor. Wenig später sind KGB, CIA und afrikanische Rebellen hinter ihm her. Was Patrick nicht weiß: Der Professor hat eine Formel gefunden, die das Erbgut von Pflanzen so verändert, dass sie überall wachsen können – Ananas auf einem Gletscher oder Weizen in der Wüste sind damit kein Problem. Dummerweise hat der Spion Dimitri die Formel gestohlen und heimlich mit einem Laser in Patricks Fußsohle eingebrannt. Die Situation spitzt sich zu, als Patriks Mutter entführt wird und er selbst droht zu erblinden, denn bei der Fußsohlenaktion ist der Laser abgerutscht und hat ihm die Netzhaut verbrannt.

1984 war Patrick Pacard ein „Weihnachtsmehrteiler“ im ZDF, eine sechsteilige Miniserie, die über Weihnachten und zwischen den Jahren ausgestrahlt wurde. Das wurde seit 1978 jedes Jahr als Fernsehevent so gemacht, und von den Miniserien, die damals entstanden sind, war „Patrik Pacard“ neben „Anna“ sicher die beste. Diese Weihnachtsmehrteiler waren tatsächlich Must-Sees für uns Kinder. Ja, es handelt sich hier um Familienunterhaltung, die Eltern und Kinder ansprechen sollte, aber das bedeutet nicht, dass das Niveau bei „Doof“ anfängt – ganz im Gegenteil, die Story ist eine Herausforderung, und Kinder finden es gut, wenn sie ernst genommen und gefordert werden.

„Patrick Pacard“ ist eigentlich ein internationaler Spionagethriller mit Actionsequenzen und sehr erwachsener und verwickelter Geschichte, die sich Zeit für ihre Charaktere nimmt und die geradezu liebevoll herausarbeitet. Für damalige Verhältnisse wird die Geschichte rasant erzählt, und als internationale Coproduktion ist sie sehr aufwendig umgesetzt.

Kann man auch heute noch gut gucken, lediglich zwei Dinge fallen mit 36 Jahren Abstand als ungewöhnlich auf: Erstens wird wirklich alles zu einem Ende geführt – selbst interessante Figuren wie Dimitri sind am Ende unwiederbringlich auserzählt. Heute würde man das für eine zweite Staffel oder ein Spin-Off offenhalten. Zweitens: Der erotische Subtext zwischen dem 16jährigen Patrick und der erwachsenen Wissenschaftlerin Giovanna Castelli trifft zwar genau die Begierde- und Fantasiewelt von pubertierenden Jungen, die alle von einer Einführung in die körperliche Liebe durch ältere Frauen träumen – aber heute hat man begriffen, dass auch solche Fantasien Unzucht mit Minderjährigen darstellen.

Also: Spannende Geschichte mit tollen Schauspielerinnen. Die teils hölzernen Dialoge stören nur minimal, und wer die Serie sehen möchte: Die gibt es komplett auf Youtube, in der gleichen (miesen VHS-) Qualität wie die DVD-Fassung.

Der Tod steht ihr gut (1992) [Prime]
1978: Die Schauspielerin Meryl Streep schnappt ihrer alten Jugendfreundin Goldie Hawn den Bruce Willis als Verlobten weg. Hawn dreht daraufhin völlig durch, verwahrlost und hegt Mordphantasien. 15 Jahre später ist die Ehe von Streep am Ende, und karrieretechnisch läuft bei der alternden Diva auch nicht mehr viel. Da taucht plötzlich eine seltsame Frau auf, die ihr einen Zaubertrank für ewige Jugend anbietet. Streep nimmt an und wird wieder jung und schön. Der Pakt ist allerdings ein teuflischer, mit einem riesigen Haken: Streep lebt vielleicht ewig, aber ihr Körper kann sterben. Das merkt sie, als sie sich das Genick bricht. Nun ist ihr Körper tot und verwest langsam, aber sie lebt weiter. Und nicht nur das: Auch Goldie Hawn hat vom Zaubertrank gekostet.

„Zombie! Zombie!“ möchte man heute rufen, aber ach, DAMALSTM wussten wir ja gar nicht, was Zombies sind. 28 Jahre nachdem ich diesen Zemeckis-Film zum ersten Mal in den Kinos gesehen habe, habe ich ihn nun im Originalton geschaut und muss sagen: Au Backe, Kind, (Oh boy, dear) ist die deutsche Synchro vermurkst.

Der Film wirkt heute auf mich anders, und das hängt auch damit zusammen, dass ich selbst älter geworden bin. Vielleicht fand ich früher den verdrehten Kopf von Meryl Streep lustig, heute zucke ich beim Anblick ausgerenkter Wirbel und knirschender Gelenke zusammen. Der Film ist ohnehin erstaunlich düster und gewalttätig, das würde man sich heute nicht mehr trauen – schon gar nicht, wenn das Ding eigentlich eine Komödie sein soll.

Abseits der hanebüchenen Geschichte ist es vor allem die Leistung der Schauspielerinnen, die bemerkenswert ist: Meryl Streep und Goldie Hawn haben erkennbar Spass an ihren Rollen, und Isabeblla Rosselini als geheimnisvolle Lisle Von Rhoman ist absolut fantastisch. Lediglich Bruce Willis ist überfordert, aber das ist er bei allem, was über ernst gucken hinausgeht. Schön ist das Ende des Films: Während die Zaubertranknutzerinnen ihr Leben als Fluch ertragen müssen, findet einzig Bruce Willis´ Figur das Geheimnis von Glück und ewiger Jugend – ein Kniff, den man schnell vergisst, der den Film aber zu etwas Besonderem macht.


Spielen:

Assassins Creed Valhalla (1/2) [PS4]
Die Welt im Jahr 2020 steht am Abgrund: Das Magnetfeld der Erde kollabiert, Satelliten fallen vom Himmel, das Klima geht vor die Hunde. Um die Katastrophe abzuwenden gilt es mal wieder einen alten Isu-Tempel zu finden, und vorher ein Rätsel zu lösen: Wie kann es sein, dass in einem 1.000 Jahre alten Grab in Nordamerika das Skelett einer Wikingerin liegt? Die Assassinen haben ein neues Team gebildet, Layla Hassan hat nun Unterstützung von Shawn und Rebecca bekommen. Layla springt in die DNA der Wikingerkriegerin und erforscht die Vergangenheit.

„Argh nicht schon WIEDER dieser Kram“ war mein erster Reflex nach 5 Stunden mit AC:V. Es gilt nämlich schon wieder eine große Karte aufzudecken und sich durch die Gegend zu prügeln, in diesem Fall England im Jahr neunhundertirgendwas.

Die Handschrift von Game Director Ashraf Ismael, von dem schon „Black Flag (2013)“ und „Origins (2017)“ stammen, ist deutlich zu erkennen: Mit Assassinen und Stealth-Mechanken hat das Ganze praktisch nichts mehr zu tun, statdessen sind doofe Mechaniken aus „Origins“ wieder da, wie Schilde und Erzschürfen, die im direkten Vorgänger „Odyssey“ zugunsten eines fokussierteren Spielerlebnisses bereits über Bord geworfen wurden. Genau dummes Kram wie aufrüstbare Waffen, dumme Charaktere, ein völlig nutzloser Luftaufklärer, miese Animationen und strunzdumme Seitenmissionen. Die sind wirklich selten dämlich, so muss bspw. eine alte Frau in einer Sammelquest mit Schlangeneiern versorgt werden. Bekommt sie genug davon, isst sie die alle und pupst dann so ekelhaft, dass allen Umstehenstehenden schlecht wird. Von diesem Kaliber gibt es so etliche Nebenquest. Sogar das unausstehliche Kind aus dem alten Ägypten ist aus irgendeinem Grund wieder da!

Der Ersteindruck war wirklich miserabel, aber nach einer Zeit habe ich doch angefangen mich in „Valhalla“ zu verlieren. Das liegt zum einen an der wirklich tollen Landschaft, denn England im Jahr 1.000 ist wirklich toll modelliert. Das liegt aber auch daran, dass alle Aktionen des CoreGameloops über eine zusammenhängende Geschichte verbunden ist, die sich in kleine Kapitel aufteilt, wobei jedes Kapitel einer geografischen Region entspricht. So muss erst in Oxenfordshire einem neuen König auf den Thron geholfen werden, bevor unsere Wikingerdame genug Verbündete hat um nach Lundinium zu ziehen. „Dame“? Oh ja, man kann wieder entscheiden ob die eigene Spielfigur männlich oder weiblich sein soll, wobei die Wikingerin im Original die bessere Vertonung hat.

Taugt das Ganze nun was? Wird sich zeigen. Einerseits gibt sich Valhalla oberflächlich sehr dumm, andererseits ist die Geschichte bislang recht clever ausgedacht, geht nur viel zu langsam voran. Die Gameprogression ist wirklich erbärmlich langsam und quält sich dahin, nach fast 40 Stunden habe ich erst ca. 1/3 gesehen.


Machen:

Pandemiebedingt nix, außer Arbeiten.


Neues Spielzeug: Invoxia GPS Tracker

GPS-Tracker ohne SIM-Karte, Batterie hält angeblich sechs Monate. Mehr dazu in Kürze.

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Momentaufnahme: Oktober 2020

Herr Silencer im Oktober 2020

Einmuckeln

Wetter: Herbst, halt. Nass, 10 Grad. Ab dem 20. schlagartig kalt (0-4 Grad nachts) und die schön gefärbten Bäume verlieren ihre Blätter praktisch von einem Tag auf den anderen im Zeitraffer.


Lesen:

Jasper Fforde: The constant Rabbit
Wales, 1965: Ein „Antromorphisierendes Ereignis“ sorgt dafür, das 9 Kaninchen, 3 Füchse, 6 Meerschweinchen und ein Dachs zu sprechenden, menschengroßen Wesen werden, wie aus einer Tierfabel.

40 Jahre später haben sich die Kaninchen vermehrt wie, nun, die Kaninchen, und versuchen sich in die britische Gesellschaft zu integrieren. Was zu Spannungen führt, zumal die Regierung die Füchse als Leiter der Kaninchenbehörde einsetzt. Ausgrenzungen und Anfeindungen durch Menschen gehören für die friedlichen Nager zum Alltag, von den Füchsen droht Todesgefahr. Wie kann so eine Gesellschaft funktionieren?

Seltsame Kreuzung aus „A Watership Down“ und „1984“, schrieb der Guardian. Im Prinzip eine Parabel auf Rassismus. Noch nicht zu Ende gelesen, aber es zeichnet sich schon wieder das Muster ab, das typisch für Jasper Fforde ist: Er hat eine hervorragende Grundidee, baut darum eine detailliert ausgedachte Welt und malt sich sehr genau aus, wie die Gesellschaft funktioniert – und dann setzt er völlig egale Charaktere hinein und lässt sich strunzlangweilige und unplausible Geschichten erleben. Das scheint beim „Constant Rabbit“ nicht so schlimm zu sein wie dem direkten Vorgänger, „Early Riser„, ärgerlich ist es aber schon. Mal gucken, ob er im letzten Drittel des Buchs noch die Kurve kriegt.


Hören:


Sehen:

Borat Subsequent Moviefilm: Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan [Prime]

Journalist Borat Sagdiyev sitzt nach den Ereignissen von „Borat“ schon seit 14 Jahren im Gulag, weil er der großen Nation von Kasachstan Schande bereitet hat. Dennoch wird er eines Tages überraschend freigelassen und erhält vom kasachischen Präsidenten den Auftrag, dem amerikanischen Präsidenten ein Geschenk zu überreichen. Borat reist also wieder in die USA, trifft dort auf seine Tochter und Figuren wie Rudy Giuliani und Mike Pence.

Ich habe schon lange nicht mehr so viel gelacht! Der erste „Borat“ war eine Mockumentary: Die Kunstfigur Borat traf auf echte Interviewpartner. Das schockte, weil so Rassismus und Wahn in den USA unverhohlen darstellte. Dem radebrechenden Journalisten aus dem Ostblock erzählten die Amerikaner Dinge, die einem als zivilisierten Zuschauer die Kinnlade runterfallen ließen.

Seitdem ist viel passiert, die Grenzen des sagbaren sind weit, weit nach rechts verschoben. Zum Glück versucht „Borat 2“ gar nicht die Tricks von früher zu wiederholen. Stattdessen ist es dieses Mal sehr clever Borats Tochter oder sein Umgang mit ihr und die Reaktionen der echten Menschen darauf, die schocken. Aber trotz allem gibt es hier viel zu lachen, weil die Story intelligent gebaut ist und dank der Pandemie sogar ein irres Ende hat. Angucken!

Weathering with you [Amazon Prime]

Der fünfzehnjährige Hodaka reisst von zu Hause aus und taucht in Tokio unter. Neben der Einsamkeit in der großen Stadt macht ihm vor allem das Wetter zu schaffen, es regnet nämlich ohne Unterbrechung. Doch dann findet der Junge ein „Sonnenmädchen“, das die Gabe hat, mit ihrem Willen das Wetter zu beeinflussen. Aber das hat seinen Preis.

Vom gleichen Studio wie der großartige „Your Name“ ist auch „Weathering with you“ reine Poesie mit wunderschönen, so noch nicht gesehenen Bildern und einem verblüffenden „Das haben die jetzt nicht wirklich gemacht“-Twist kurz vor dem Ende. Wunderschön!

The Boys, Staffel 2 [2020, Prime]

Superhelden werden nicht geboren, sie werden von einem Konzern mittels Drogen geschaffen – das ist die Enthüllung, mit der Staffel 2 der bitter-makabren Superheldenfarce startet. Noch geheim bleibt, dass der selbstverliebte Superman-Klon „Homelander“ mittels der Drogen „Superterroristen“ erschaffen hat, die nun angeblich Amerika bedrohen, weswegen seine Superheldentruppe dringend Regierungserlaubnisse braucht. Die „Boys“ kommen nicht darum herum, dagegen in den Kampf zu ziehen – und decken noch viel schlimmere Geheimnisse auf.

Wie bitterböse diese Serie ist! Die vermeintlichen Superwesen sind allesamt ranzblöde Arschkrampen, die entweder Narzissten, Psychopathen oder Rassisten sind, und alle Nase lang wird es extrem blutig. Kurz: Das Unterhaltsamste, was Amazon Originals zu bieten hat.

Long Way Up [Apple TV+]
2004 fuhren Charley Boorman und Ewan McGregor auf Motorrädern ein Mal um die Welt („Long Way Round“), 2007 einmal von Europa längs durch Afrika bis Kapstadt („Long Way Down“). Nun geht es auf dem amerikanischen Kontinent von Feuerland aus nach Norden, bis Kalifornien, und für den „Long Way Up“ haben sich die beiden elektrische Motorräder und Begleitfahrzeuge ausgesucht.

Es ist zu merken, dass der Fokus bei „Up“ ein anderer ist. In den beiden Vorgängern stand die Erfahrung körperlicher Grenzen sehr im Vordergrund. Charly Boorman ging dabei so weit, dass ich ihn als „verrückt“ einordnete, weil er aus meiner Sicht der Show wegen völlig unnötige Risiken bei Motorradfahren einging und bei einer Gelegenheit sogar fast den Kameramann getötet hätte. In den Jahren zwischen den Staffeln hat Boorman die Quittung dafür bekommen. Zahlreiche Unfälle mit schweren Verletzungen und Knochenbrüchen haben dafür gesorgt, das er heute kaum noch selbst auf sein Bike kommt und dicht an der Abwrackprämie entlang schrammt.

Folgerichtig haben die Herausforderungen in „A long way up“ weniger mit körperlicher Kraft zu tun, sondern liegen eher in der Kategorie „Wer wird Höhenkrank“ oder „Schaffen wir es mit 3 Prozent Akku noch bis zu nächsten Ladestation“ oder „Was tun, wenn die Software des Motorrads sich weghängt und die Kiste nicht mehr vom Fleck kommt?“ Das ist auch nicht unvergnüglich inszeniert, die Reisevorbereitungen sind spannend, und die ganze Fahrt selbst von Kameraman Claudio von Plata wieder wunderschön eingefangen worden. Allein die Drohnenaufnahmen der Wüsten und Gebirge Südamerikas sind eine Schau!

Apple TV+ kostet übrigens 4,99 im Monat. Apple ist aber so dankbar über jeden einzelnen Zuschauer, das zumindest ich nach 4 Wochen drei Monate lang jeden Monat eine Gutschrift über 4,99 bekomme, warum auch immer. Damit lässt sich „Long Way Up“ kostenneutral schauen.

Spielen:

Yakuza 4 [PS4]

Kamurocho, Tokyo: Ein ungewöhnlicher Finanzdienstleister trifft eine außergewöhnliche Frau. Ein zum Tode Verurteilter bricht aus dem Gefängnis aus. Ein Straßenpolizist ist auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters. Irgendwo eiert Kiryu Kazuma rum. Und alles hängt mit einem Ereignis im Jahr 1985 zusammen.

Die letzten Spielstunden führen die Handlungsstränge zusammen und führen Sie zu einem okayen Ende, bis zum Schluss macht aber das Kampfsystem mit seiner schwammigen, ungenauen Steuerung und den ärgerlich langen Animationen überhaupt keinen Spaß. Dazu kommen langweilige Missionen und eine ärgerlich designte Spielwelt: Mit einem unterirdischen Kaufhaus und Tiefgaragen gibt es jetzt eine Ebene von Kamurocho unter der Erde, dazu eine eine Ebene über den Dächern, beide als Labyrinth gebaut. Das macht die Spielwelt ZU groß, zumal die Ebenen nur für langweilige Füllmissionen genutzt werden. Nein, das war Quälerei, selbst auf die skurrilen Nebenaufgaben hatte ich keine Lust.


The Complex [PS4]

Ein Konzern forscht an Nanozellen. Dummerweise will eine Terrorgruppe die klauen, und so findet sich die Chefwissenschaftlerin unversehens eingeschlossen in einem Hochsicherheitslabor, dem namensgebenden Complex, belagert von Fieslingen. Und nicht nur das, anscheinend hat die Konzernleitung auch Interessen, dass die gefährliche Nanotechnologie in die Hand von Diktatoren gelangt.

„The Complex“ ist ein interaktiver Film mit echten Schauspielerinnen, den man sich anschaut und nur an gewissen Stellen „A oder B“-Entscheidungen fällt. Das ist leidlich spannend, weil das Skript etwas verquast und die Handlung simpel und unspannend ist. Die Leistung der Schauspieler ist aber durchgehend gut, und es gibt krass unterschiedliche Enden. Was es nicht gibt: Die Option, an einer gewissen Stelle der Handlung neu zu starten und dann andere Entscheidungen auszuprobieren. Das senkt den Wiederspielwert, denn einen vollen Spieldurchgang – der rund 100 Minuten entspricht – will man nicht jedes mal machen, zumal sich viele Szenen immer wiederholen.


Machen:

Motorradherbst!


Neues Spielzeug:

Teurer Monat: Das Kleine Gelbe AutoTM hat neue Winterreifen bekommen, Conti Winter Contact TS860. Die Barocca hat eine Wartung und neue Reifen gebraucht. Und das Synology NAS wurde aufgerüstet, statt 2×4GBTB stecken nun 2×12GBTB WD Red Pro und weitere 4GB Hauptspeicher im zunehmend wichtiger werdenden Wohnzimmerserver.

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Momentaufnahme: September 2020

Herr Silencer im September 2020

Einen Monat keinen Blogeintrag? Gibt es auch selten.

Wetter: Als hätte jemand mit dem Finger geschnippt ist sofort am 01. September der Sommer vorbei. Mit morgens 9 Grad, Frühnebel und tagsüber 17 Grad fühlt sich alles nach Herbst an. Eben noch Hochsommer, jetzt fast Winter. Mitte des Monats wird es dann kreislaufstressig: Morgens nur 9 Grad, Nachmittags plötzlich über 30. Aber auch diese Hitzewelle geht vorbei, und dann kommt der Hebst wirklich.


Lesen:

Stephen King: If it bleeds
Vier Kurzgeschichten, die vierte davon ist „Rat“. Eine klassische Pakt-mit-dem-Teufel-Geschichte, aber in diesem Band die atmosphärisch dichteste Story. King beobachtet hier genau das Innere eines Schriftstellers, der so gerne einen Roman schreiben möchte, aber daran schon mehrfach gescheitert ist und Angst hat, dass sich das wiederholt – obwohl er doch dieses Mal so eine tolle Story im Kopf hat. Wenn da nicht die vielen Wörter wären!

Bob Woodward: Rage
"Fear" war Woodwards letztes Buch, und an dem verweigerte Trump die Mitarbeit. Das hat er wohl später bereut, weshalb er Anfang des Jahres dauernd bei Woodward anrief und ihn Stundenlang zutextete. Eine er Erkenntnisse: Trump wusste schon im Januar, dass COVID-19 über die Luft übertragbar ist, und er hat auch verstanden was das bedeutet – er hatte nur schlicht keinen Bock, sich damit zu beschäftigen.

Zwei Fragen: Wie schafft es Watergate-Urgestein Woodward immer wieder, intime Einblicke ins Weiße Haus zu bekommen und darüber brisante Bücher zu verfassen? Und: Wie schafft Trump es Kraft seines Willens, eine Paralelrealität zu erschaffen, in der er wirklich machen und sagen was er will und es ist egal? Darauf liefert auch dieses Buch keine Antwort.


Hören:


Sehen:

The good Liar [2019, Prime]

Ian McKellen ist ein Gentleman-Trickbetrüger, der auch vor brutaler Gewalt nicht zurückschreckt. Sein letzter großer Coup soll die Witwe Helen Mirren werden. Er umgarnt sie, erst auf Datingportalen, dann im echten Leben, und ehe man sich versieht wohnt er in ihrem langweiligen Londoner Reihenhaus und schlägt vor, ein gemeinsames Konto zur Alterssicherung anzulegen. Aber dann.

Am Ende fragt man sich, was man da gerade gesehen hat. Der im Deutschen mit „Das alte böse“ passend, aber ungelenk betitelte Film beginnt wie ein Gentlemen-Heist-Movie, überrascht zwischendurch mit krass grausamen Szenen und wird in seinem letzten Drittel so dunkel und bitter, dass man als Zuschauer ob der emotionalen Gemengelage leicht verwirrt zurückbleibt. Durch seine seltsame Kombination und die Art, wie die beiden Protagonisten in Szene gesetzt werden, wirkt der Film unfokussiert und als wüsste er nicht, was er sein möchte. Außerdem hätte aus geschichtlichen Gründen die Geschichte in den frühen 2000ern spielen müssen. So verkörpert die 71 jährige Helen Mirren und der 81jährige Ian McKellen Charaktere, die beide über 90 sein müssten, was nicht funktioniert. Immerhin sind die beiden Schauspieler, die hier erstmals gemeinsam vor der Kamera stehen, absolut großartig, genau sowie die Aufnahmen von London.

They Shall not Grow Old [Prime]
Sie zogen in den ersten weltweiten Krieg, der für die meisten an der Frontlinie zwischen Frankreich und Deutschland in blutigem Brei endete. 1918 gab es schon Filmaufnahmen, und nun hat Peter Jackson die genommen, colorieren und auf HD-Qualität mit 25 Frames pro Sekunde umrechnen lassen. Nun sieht man junge Männer, britische Freiwillige, die aussehen wie die Dorfdeppen von nebenan, die unbefangen und nichtsahnend in den Krieg ziehen, sicher, dass man binnen zwei Wochen wieder zu Hause sei. Dann gehen sie durch die Hölle, und die, die wiederkommen, sind Wracks und finden nicht mehr ins Leben zurück.

Die Originalbilder mit dem Voiceover der Veteranen hat erstaunlich wenig Impact bei mir gehabt. Aber gut, zum einen habe ich mich mit dem Thema schon lang und breit beschäftigt, zum anderen erkenne ich halt, wenn zum Dritten Mal die gleiche Sequenz in anderer Skalierung verwendet wird, weil sie so gut zur Erzählung passt. Technisch beeindruckend, sonst aber nicht.

Das letzte Wort [Netflix]
Gerade noch singt Anke Engelke „Ich kenn´Dich besser als Du Dich selbst“ auf der Geburtstagsfeier Ihres Mannes, da liegt der auch schon tot am Boden – und es stellt sich raus, das sie ihn gar nicht kannte. Nicht nur, das er ein Doppelleben führte, die Familie ist auch faktisch pleite. Engelke versucht sich daraufhin als Trauerrednerin bei einem Bestatter, der aber selbst Probleme hat.

Ja, hm. Einerseits nett gemacht und gut gespielt mit schönen Szenen, andererseits weiß die Serie nicht, wo sie in den ersten 5 Folgen, aus der die Staffel besteht eigentlich hin will. Ist das alles nur Setup für Staffel zwei? Oder hat hier wirklich einfach jemand „Six Feet Under“ und das „Bestatterweblog“ in den Mixer geworfen und hatte keinen Plan was ihn erwartet? Das Ergebnis ist auf jeden Fall weichgespült und belanglos, kein Faden wird zu einem Ende geführt. Es wird deutlich, dass die Hauptfiguren alle ihre Arten von Trauer entdecken, aber dann versackt alles. Staffel zwei sollte dringend ein Ziel haben – und Anke Engelke bitte Augenbrauen, ohne sieht sie extrem seltsam aus. Wunsch Nummer drei: Schluss mit der verdammten Quarzerei. Ich haben mal nachgezählt, bis auf den minderjährigen Sohn rauchen praktisch alle Hauptcharaktere und zahlreiche Nebenfiguren. Das geht nicht.

Der Spion von Nebenan [Prime]
Dave Bautista ist sein Leben lang Soldat gewesen, nun arbeitet er für die CIA – und ist richtig schlecht in seinem Job. Darum wird er zur Überwachung einer langweiligen Sache abgeschoben, doch auch die kriegt er nicht hin. Und dann wird er noch von der achtjährigen Tochter des Zielobjekts erpresst.

Lockerer Spaßfilm, der mich ein paar Mal sehr zum Lachen gebracht hat. Das liegt vor allen an den Hauptdarstellern. Dem Hünen Bautista nimmt man den grimmen Soldaten genauso ab wie dem Kind seine Cleverness, und zwar ohne das es nervt.

Bad Boys for Life [Prime]
Irgendwas mit Will Smith, war nicht gut und hat mich auch nicht wirklich interessiert.

Dr. Doolittle [Prime]
Dr. Doolittle und seine Tiere müssen die englische Königin retten und dafür eine Frucht finden die nur an einem Baum auf einer weit entfernten Insel wächst.

Zu wenig Pinguine (Lies: Gar Keine!) – das geht gar nicht! Immerhin, der Eisbär ist niedlich. Und die Geschichte fantasievoll, aber definitiv für kleine Kinder. Die haben ihren Spass dran, alle anderen sind genervt von den ADHS-Viechern.


Spielen:

Yakuza 4 [PS4]

Kamurocho, Tokyo: Ein ungewöhnlicher Finanzdienstleister trifft eine außergewöhnliche Frau. Ein zum Tode Verurteilter bricht aus dem Gefängnis aus. Ein Straßenpolizist ist auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters. Irgendwo eiert Kiryu Kazuma rum. Und alles hängt mit einem Ereignis im Jahr 1985 zusammen.

Der Remaster von Yakuza-Teil 4, der im Original für die PS3 im Jahr 2009 erschien. Sieht nicht so fürchterlich Grütze aus wie Teil 3. Die Story ist elaboriert und dreht sich zum Glück nicht mehr darum, hinter Arschlochkindern auf Okinawa herzulaufen. Stattdessen gibt es wieder eine düstere Erzählung in den Straßen Tokios.

Ich sehe, was die Macher hier versucht haben, als sie mit gleich vier Protagonisten rumjonglierten. Allein: Die Technik gab das damals nicht her, und der Remaster ändert daran leider nichts. Außer 1080P-Auflösung gibt es hier nichts Neues, im Untergrund werkelt die alte, kaputte Engine. Das ist schade, denn so machen die Spielsequenzen schlicht keinen Spaß. Was nützen die schönsten Zwischensequenzen, wenn sich die Spielfiguren in den Kampfsequenzen allesamt steuern wie Tanker, auf Eingaben nicht oder zu spät reagieren und streckenweise einfach unspielbar lahm sind? Dass diese fiesen Schnitzer im Remaster nicht behoben wurden ist eine Schande. Bislang zu zwei Dritteln durch, mal sehen, wie das endet.


Machen:

ArbeitArbeitArbeit, nebenbei Maßstäbe in Sachen Online-Kongresse gesetzt und zum Streaming-Experten geworden, dann: Motorradherbst!


Neues Spielzeug:

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Momentaufnahme: August 2020

Herr Silencer im August 2020

Keine Lust zu bloggen

Wetter: Mitte des Monats Hitzwelle mit teils über 30 Grad, dann unerträglich schwül. In der letzten Woche kühlt es sich merklich ab.


Lesen:

Stephen King: If it bleeds
Vier Kurzgeschichten: Ein iPhone als Verbindung in die Welt der Toten, der Geist eines Mannes als Universum, andere Outsider wie ES.

Schon lange keinen King mehr gelesen und nach dem Film „Dr. Sleep“ (s. vergangenen Monat) mal wieder lust drauf gehabt. „If it bleeds“ enthält vier Novellen, von denen ich drei gelesen habe und die mal mehr, mal weniger gut funktionieren. Totalausfall für mich war eine Story, die von einem Amerika erzählt, dass durch Klimawandel und faschistische Politik in sich zusammenbricht, und es den handelnden Personen schlicht egal ist. Das klingt nach einer Situationsbeschreibung im Jahr 2020, und gewinnt weder durch den im Vorfeld lange durchtelegraphierten Twist noch dadurch, dass die Geschichte rückwärts erzählt wird. Eine andere Geschichte ist nett, trägt aber zu viel Speck mit sich rum und langweilt durch elendig lange Abschweifung. Insgesamt ein nettes Buch, dem etwas mehr Lektorat gut getan hätte, das aber auch zeigt, dass Stephen King auch mit seinen mittlerweile 72 Jahren in der heutigen Zeit lebt und immer noch Lust auf Experimente hat.


Hören:


Sehen:

Bombshell [2019, Prime Video]
1996 startet Roger Ailes den Sender „Fox News“, der fortan „alternative Fakten“ aus einem straff konservativen Paralleluniversum in die Welt posaunt. Um die Zuschauer bei Laune zu halten, setzt Ailes auf die weiblichen Reize von hübschen, jungen Moderatorinnen. Frauen sind Eye Candy und Zierrat, und so werden sie auch behandelt.

2016 wagt eine von ihnen aufzubegehren und zieht gegen Ailes vor Gericht. Dessen Verbündete, allen voran „Richterin“ Geannine Shapiro und die stramm rechten Moderatoren wie Sean Hannigan oder Lou Dobbs, stellen sich vor Ailes und organisieren sogar eine „Women for Fox News“-Kampagne. Durch mehrere Zufälle beginnt die Mauer des Schweigens dann aber doch zu bröckeln und legt ein toxisches Arbeitsklima frei, in dem Frauen freiwillig oder unfreiwillig Sex gegen Karrieren eintauschen. Am Ende ist Ailes als Chef von Fox News für Rupert Murdoch nicht mehr zu halten.

Spannend! Ein Blick hinter die Kulissen von Trumps Propagandasender, mit erfrischenden Details. So erfährt man, dass Fox News oft und gerne mit der von Ailes erfundenen „Leg Cam“ die Beine der Moderatorinnen in Szene setzt, oder dass das Tragen von Hosen für Frauen lange verboten war. Highlight des Films sind aber die Lookalikes der Personen, die man real aus Fox-Ausschnitten kennt. Dabei sind das weniger die männlichen Moderatoren, denn die Darsteller von Widerlingen wie Tucker Carlson oder Sean Hannity haben wenig mit den Originalen gemein. Es sind aber Charlize Theron als Megyn Kelly und Nicole Kidman als Gretchen Carlson, die auf den Punkt wie die Vorbilder zurechtgemacht sind und hervorragend spielen. Dazu kommt ein hervorragender Malcolm McDowell als ein absolut genialer Rupert Murdoch und John Lithgow als Roger Ailes. Sehenswert!

Her [2019, Prime]
Joaquin Phoenix ist ein empfindsamer Mensch, lebt gerade in Scheidung und wird damit nicht so einfach fertig. Zur Ablenkung installiert er ein neues, KI-getriebenes Betriebssystem auf seinem Rechner, dass ihn fortan als Stimme im Ohr überall hin begleitet. Schnell baut er eine emotionale Beziehung zu der körperlosen Präsenz auf.

Schöne Ideen, gut gespielt. Der Film spielt 5 Minuten in der Zukunft und wirkt wie eine überlange „Black Mirror“-Folge, wenn er Menschen zu Postkartenschreibern degradiert, während KIs die wirklich anspruchsvollen und wichtigen Dinge leisten. Oder wenn er große Themen aufmacht wie Transhumanismus, Liebe in Zeiten von körperlosen Bewusstseinsformen und letztlich der Frage, was menschlich ist. Allzu viel beantwortet er davon nicht, stattdessen kneift er auf der Zielgraden den Schwanz ein und biegt in die Büsche ab. Trotzdem originell und schön anzusehen.

The good Place, Staffel 4 [2020, Prime]
Vor vier Jahren ist Kristen Bell gestorben und kam in den „Good Place“, eine idyllische Nachbarschaft im Leben nach dem Tod, die von Ted Danson geleitet wird. Das Problem dabei: Sie war zu Lebzeiten ein richtig schlechter Mensch und ist nur aus Versehen im „Himmel“ gelandet, der sich gegen die Anwesenheit der verkommenen Seele wehrt und auseinanderfällt. Später stellt sich raus, dass der „Good Place“ nur eine besonders perfide Art der Folter und Ted Danson ein Dämon ist. Irgendwann geht das Ganze hin und her im Leben nach dem Tod einer allmächtigen Richterin so auf die Nerven, dass sie erst Kirsten Bell experimentell die Leitung des „Good Place“ überträgt, nach dem Resultat aber die Menschheit auslöschen will.

Ach, ich mag diese knuffige, kleine Serie, die seit vier Jahren zuverlässig in der Sommerpause mit 10 bis 12 neuen, je rund 25 Minuten langen Folgen aufpoppt. Sie ist witzig, extrem gut geschrieben und macht in jeder Staffel eine andere Frage auf, zum Beispiel: Können moderne Menschen heute noch so Leben, dass ihr Karma unbelastet bleibt, wenn globale Zusammenhänge doch dafür sorgen, dass es am Ende immer jemandem schlecht geht? Die vierte Staffel bringt das philosophische hin und her zu einem sehr befriedigendem Ende.

Last Samurai [2003, BluRay]
Das Abschlachten von Ureiwnohnern und das Massaker am Little Big Horn haben US-Armee-Captain Tom Cruise so traumatisiert, das zu einem versoffenen und zynischen Wrack geworden ist. Trotzdem gilt er als Kriegsheld und wird deshalb 1877 vom japanischen Kaiser angeheuert. Der will sein Land nach Jahrhunderten der Isolation modernisieren, aber dabei stehen ihm die Überreste des feudalen Systems, oder besser: Dessen Samurai, im Weg. Tom Cruise soll nun kaiserliche Truppen an Schußwaffen ausbilden und damit gegen die Schwertkämpfer vorgehen. Kaum in Japan, wird er aber von Samurai entführt und lernt ihre Lebensart kennen.

Wenn es den Aufstand der Samurai nicht wirklich gegeben hätte, wirkte die Story als an den Haaren herbeigezogen. Gut, zumindest der Tom Cruise Teil ist das auch, und natürlich ist alles vorhersehbar. Ändert aber nichts daran das der Film toll gespielt und schön fotografiert ist: Tolle Schauspieler, wundervolle Landschaften, knallige Szenen. Alles an diesem Film strotzt vor Detailreichtum. Das Beste aber: Er ist der vermutlich letzte Film mit Tom Cruise, der kein Tom-Crouise-Vehikel ist. Seine Figur steht zwar im Mittelpunkt, aber hier ist er eben nicht der Sonnyboy-Superheld.

Der Leuchtturm [2019, Prime]
Robert Pattinson und Daniel Defoe sind Leuchturmwärter und schieben Dienst auf einer abgelegenen Inseln. Beide haben ihre Geheimnisse und sind ungehobelt, es kommt zu Spannungen und Psychospielchen. Als ein Unwetter das Verlassen der Insel unmöglich macht, liegen die Nerven blank und es kommt zu surrealen Ereignissen und blutiger Gewalt.

Viel gelobter Horrorfilm, mit dem ich Null anfangen kann. Er beginnt langsam, schleift einen dicken Mittelteilbauch durch die Gegend, um am Ende metaphysisch zu werden und sich in Sagenbildern zu ergehen. Das alles ist mal überdreht, mal holzschnittartig inszeniert und ergibt in der Summe wenig Unterhaltung. Ist was für Pseudointellektuelle mit Horrorneigung, die ungewaschene Schauspieler, schwarzweiß-Bilder und reingeprügelte Motive der griechischen Mythologie für Kunst halten.

Birds od Prey – The fabulous emancipation of one Harley Quinn [2020, Prime]
Something something somethin Harley Quinn.

Absurder Müll. Wirklich. Ich mag Filme mit emanzipatorischen Themen und starken Frauenfiguren, ich mag Action- und Superheldenfilme. „Birds of Prey“ ist nur leider nichts davon. Die Charaktere sind egal, durchgehend alle Männer sind böse, die Story ist wurscht und, die Action und die Kameraarbeit auf dem Niveau einer billigen Fernsehserie. Einzig Margot Robbie und Ewan McGregor sind Lichtblicke. Und ich meine die Schauspieler, nicht die Charaktere, die sie verkörpern. Die Schauspieler wissen genau, wo sie in diesem Film gelandet sind und overacten wie Hölle, weil halt einfach alles egal ist. Die Charaktere können einem dagegen Leid tun – Victor Zsasz in seinem ersten und vermutlich einzigen Auftritt in einem DC-Film zu einem schwulen Comicrelief zu machen, ist genauso ein Tritt in die Eier wie der ganze Film. Nicht angucken, ist genau so eine Lebenszeitverschwendung wie „Suicide Squad“.


Spielen:

Ghost of Tsushima [PS4]
Im Jahr 1274 greift eine mongolische Armee Japan an und erobert als erstes Tsushima, die große Insel zwischen dem chinesischen Festland und den japanischen Hauptinseln.
Schon beim ersten Angriff werden die Samurai, die Beschützer der Insel, abgeschlachtet, weil die Mongolen sich nicht an die Regeln des „ehrenvollen Kampfes“ halten. Nur einer der Samurai überlebt schwer verletzt und versucht nach seiner Genesung die Insel zu befreien. Da er allein ist, muss er zu Guerillataktiken greifen. Die sind eines Samuraikriegers eigentlich unwürdig, aber effektiv. Als ungesehener Meuchelmörder wird er zum namensgebenden Geist von Tsushima, dessen bloße Erwähnung die mongolischen Besatzer zittern lässt.

Ein Assassins Creed im feudalen Japan, aber ohne die AC-typischen Altlasten und must-Haves. Das fühlt sich befreit und leicht an. Weniger leicht ist der knackige Schwierigkeitsgrad in den ersten Stunden und die Überladene und gewöhnungsbedürftige Steuerung sowie die störrische Kamera, die immer wieder in Bäumen und Gebäuden hängenbleibt. Das Game ist nicht so poliert, wie man es von Sony-eigenen Studios kennt. Animationen sind manchmal blockig, Charaktere haben Botox-Gesichter, es gibt gelegentlich Clippingfehler und die Texturen sind auch nicht die Welt.

Trotzdem wurde die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Das Kampfsystem ist gut und die Progression und Fähigkeiten steigen bis zum Ende, was motivierend und kurzweilig ist. Weitere Pluspunkte: Die schönen, japanischen Landschaften und eine sehr gelungene Darstellung der historischen Ereignisse: Hier die mongolische Armee, die mit geschlossenen Reihen, Gift- und Feuerpfeilen und Knallkörpern vorrückt, dort die japanischen Samurai, die auf einen „ehrenvollen“ Kampf Mann gegen Mann vorbereitet sind und in der Folge wie die Fliegen fallen, dazwischen der Protagonist, der immer wieder damit zu kämpfen hat, dass seine Methoden als „Geist“ unehrenhaft und eines Japaners nicht würdig sind.

Tolles Spiel mit simpler Geschichte und etwas langem Mittelteil, aber einem süchtig machendem Gameloop aus Exploration, sehr einfachem Stealth und Kampf, der bis zum Ende hin immer noch Neues bietet und darum motiviert. Toll.


Machen:

Planen.


Neues Spielzeug:

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Momentaufnahme: Juli 2020

Herr Silencer im Juli 2020

Was soll das heißen, das Jahr ist zu mehr als der Hälfte rum?!

Wetter: Anfang des Monats regnerisch bei Temperaturen um 14 Grad. Zweite Monatshälfte durchwachsen mit Tendenz zu sonnig, aber mit 12-23 Grad auch nicht übermäßig warm.


Lesen:

Sid Jacobson & Ernie Colón: Anne Frank. The Authorised Graphic Biography
Otto und Edith Frank geht es super: Die beiden haben gerade geheiratet, die kleine Familienbank läuft und langsam arbeiten sich die beiden in die Oberschicht von Frankfurt vor. Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Der Rassismus zwingt die Franks 1934 nach Amsterdam auszuwandern. Otto leitet dort erfolgreich ein Gewürzgeschäft, obwohl der Rassismus die Gesellschaft auch in den Niederlanden toxisch werden lässt. Erst als Edith Frank 1942 einen Deportationsbefehl erhält, wird die Situation untragbar. Die Franks tun so, als wären sie ins Ausland geflüchtet, tatsächlich verstecken sie sich in aber in einem Hinterhausanbau mitten in Amsterdam.

Acht Personen leben dort auf 50 Quadratmetern, und das drei Jahre lang. Es gibt Reibungen und Spannungen. Insbesondere die jüngste Tochter, Anne, streitet permanent mit ihrer Mutter und wird im Laufe der Zeit sogar depressiv. Kurz vor Kriegsende werden die Franks verraten und in die Konzentrationslager Ausschwitz und Bergen-Belsen deportiert. Anne Frank und ihre Schwester verhungern in dem Lager kurz hinter Hannover, als der Krieg praktisch schon vorbei ist. Otto überlebt als einziger und hat fortan ein Ziel: Er möchte den Traum seiner Tochter, eine Schriftstellerin zu werden, erfüllen. Also veröffentlicht er „Das Tagebuch der Anne Frank“.

Illustrierte Biographie von Anne Frank. Toll ist der Kontext, den das Buch gibt. Immer wieder werden in kurzen Einschüben politische und gesellschaftliche Entwicklungen erklärt. Zudem erfährt man viel über die Charaktere und Konstellationen der „Hinterhäusler“, wodurch die Konflikte und Belastungen während des Lockdowns umso greifbarer werden. Die Aufarbeitung als Graphic Novel bringt als Mehrwert mit, das die Bilder eine sehr genaue Darstellung geben wie räumliche Verhältnisse aussahen – von der palastartigen, ersten Wohnung der Franks über Risszeichnungen, über den Aufbau des Amsterdamer Hinterhauses bis hin zu der beklemmenden Enge der kleinen Zimmer sorgen die Zeichnungen für Klarheit. Der unprätentiöse Zeichenstil ist dem Thema angemessen. Sehr gutes Buch für alle, denen (wie mir) Anne Frank außer „hat Tagebuch geschrieben und sich hinter einem Schrank versteckt“ nichts sagt.


Hören:

Kid Kasino: Slaughter in the Suburbs
Caro Emerald hat praktisch im Alleingang eine neue Musikrichtung geschaffen: Electric Swing. Das ist Gesang, der klingt als ob er aus den 50ern kommt, dazu aber moderne Rythmen und Soundsamples. Mittlerweile gibt es zahlreiche Bands die diesen Stil kopieren, Kid Kasino ist eine der besseren – zumindest im Zusammenspiel mit Sängerin Shea.

Hört sich gut an, und die Texte sind teils bitterböse – was Titel wie „I wanna be Evil“ oder „Headless Horseman“ erahnen lassen. Letztern habe ich – wie passend – zuerst in Kutna Hora gehört. Kid Kasino sind für mich also ein Reisemitbringsel.


Sehen:

Warrior Nun [Netflix]
Seit Jahrhunderten schützt ein Orden von Kriegernonnen die Welt vor dem Bösen. Bei einem Überfall auf das spanische Kloster, das als Trainingslager und Hauptquartier dient, wird die Anführerin der Nonnen lebensgefährlich verletzt, worauf eine heilige Reliquie Gefahr läuft, in die Hände der Dämonen zu fallen. Bei der Relique handelt es sich um einen Heiligenschein, den eine Nonne auf der Flucht ausgerechnet in einer Leiche einer behinderten Teenagerin versteckt. Die erwacht daraufhin wieder zum Leben, was zu mehr als einem Problem führt. Der Pater des Klosters hält sie für eine Auserwählte, die Nonnen für eine Konkurrenz und der Vatikan für eine Gefahr. Ungeachtet dessen muss sich die Teenagerin erst einmal selbst finden, und sich so ganz nebenbei mit Dämonen prügeln.

Ui, das ist mal originell. Eine spanische Serie, die eine coole Grundidee, ausgearbeitete Charaktere und gute Schauspieler hat und dazu ordentlich Anleihen bei „Buffy“ nimmt, das hatten wir noch nicht. Leider hat die erste Staffel das typische Netflix-Problem: Zäher Anfang, wer bis Folge drei durchhält kriegt furiose Dinge zu sehen, dann Durchhänger von 5 Folgen, bis es am Ende wieder spannend wird. Das nervt.

Dennoch: Tolle Schauspielerinnen, der Cast ist fast durchgehend weiblich und divers, dazu frische Ideen und tolle Bilder von Spanien. Kann man gucken.

Doctor Sleeps Erwachen [Amazon Video]
Danny hat das „Shining“, eine Art Drittes Auge. Als Kind sah er die Geister, die seinen Vater im Spukhotel verrückt gemacht haben. 35 Jahre später ist Dan schwerer Alkoholiker, der versucht sein Shining mit Whiskey zu betäuben. Als er begreift, dass er ein Wrack ist, versucht er sein Leben in den Griff zu bekommen. Dadurch gerät er in den Fokus einer Bande von Tramps, die Menschen mit Shining töten und sich von dessen Lebensenergie ernähren. Zusammen mit der Teenagerin Abra, die ebenfalls ein starkes Shining hat und auf der Speisekarte der Tramps steht, dreht Dan den Spieß jedoch um: Die Jäger werden zu den Gejagten, und die finale Falle ist das Overlook-Hotel, in dem Jack Nicholson geduldig seit 40 Jahren wartet.

Eine Fortsetzung von „Shining“? Dem Stanley-Kubrik-Film aus dem Jahr 1980 nach der Buchvorlage von Stephen King, die ich beide fürchterlich langweilig fand? Hat mich nicht wirklich in Erregung versetzt, von „Doctor Sleep“ habe ich null erwartet. Tatsächlich ist das aber ein sehr guter und völlig unterschätzter Film, der mit einer coolen Geschichte daher kommt und exzellent gespielt ist – alleine Ewan McGregor als Dan Torrance ist eine Wucht. Besonders mag ich die Idee, dass die „Guten“ so viel Schlimmes erlebt haben, dass sie den „Bösen“ Angst machen können. Sehr toll.

Gemini Man [Prime Video]

Will Smith ist ein alternder Auftragsmörder. Als er in Rente gehen will, wird er von einem anderen Auftragskiller gejagt – der sich als sein jüngeres Ich herausstellt. Irgend jemand züchtet Klone.

High Concept-Film, der aus seiner Grundidee nichts, aber auch gar nichts macht. Nachdem man sich durch 30 totlangweilige erste Minuten gequält hat, mutiert dieser Müll zu einem generischen Actionprügler. Völlig Banane, und den jungen Will Smith komplett im Computer zu generieren war eine bescheuerte Idee – man sieht das einfach in jeder Szene.

The Old Guard [Netflix]
Charlize Theron führt eine Söldnerbande an. Das Besondere: Weder sie noch ihre Männer können sterben oder altern. Durch die Jahrhunderte tun die Unsterbliche Gutes, bis sie in unserer Gegenwart in eine Falle laufen. Ein Pharmahersteller will das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit entschlüsseln und macht Jagd auf Theron. Die hat in ihren Reihen einen Verräter, der nur eines möchte: Endlich sterben.

Die Parallelen zu „Gemini Man“ sind frappierend: Hier wie da ein High Concept Film mit viel Action. Aber wo „Gemini Man“ seine Prämisse nach zwei Minuten vergisst und in der Folge alles verschenkt, dreht „The Old Guard“ die richtigen Räder. Was der Film macht, kann nur mit dem Konzept Unsterblichkeit funktionieren. Egal ob Charlize Theron wie in „Live – Die – Repeat“ zig mal umgebracht wird und immer wieder zum Leben erwacht, ob sie sich aus Situationen befreit in dem sie ein Flugzeug abstürzen lässt und als einzige überlebt oder ob sie als Mentorin einer neuen Unsterblichen per Kopfschuss eine Lektion erteilt – „Old Guard“ ist permanent erfrischende, weil besondere, Action. Die findet nie zum Selbstzweck statt, sondern trägt den Film, ist toll choreografiert, sauber geschnitten, und Charlize Theron mit ihren 45 Jahren kicked Ass wie keine Zweite.

Hat man sich als Zuschauer daran gewöhnt, dass die Heldin nicht sterben kann, legt der Film eine Schippe drauf und zeigt, was schlimmer ist als der Tod – und sofort ist der Einsatz wieder so hoch, dass man mitfiebert. Gelungener Film, der endlich mal wieder aus der alten „Highlander“-Idee – was macht es mit Menschen, wenn sie nicht sterben können? – was Ordentliches macht.


Spielen:

Persona 5 Royal [2019, PS4]
(Fortsetzung der von Mai und Juni). Das Ende der alten Version von „Persona 5“ ist der Anfang der Erweiterung der 2019er Royal-Version: Kaum haben die Phantom Thieves ihr großes Abenteuer bestanden, geht es mit einem noch größeren weiter. Irgendeine mysteriöse Macht hat die Realität verändert – und zwar zum Besseren! Fortan leben alle Menschen in einer für sie perfekten Welt, ohne Verletzungen, ohne Verluste, ohne Enttäuschungen. Aber ist das wirklich das, was Menschen brauchen? Machen uns nicht gerade Verlust und Trauer aus? Schweren Herzens ziehen die Phantom Thieves los, um wieder Leid in die Wrlt zu bringen und ein allerletztes Mal ein Herz zu stehlen – ausgerechnet das eines alten Freundes.

Ohne Atempause geht es weiter, und das fühlt sich seltsam an. Der Endkampf der normalen „Persona 5“ Edition ist sehr schwer und sehr lang, und anstatt den Sieg angemessen zu feiern und erstmal durchzuatmen, geht es sofort mit der „Royal“-Erweiterung weiter. Da fehlt ein wenig die Belohnung. Aber sei´s drum, die Erweiterung ist natürlich auch sehr cool, bietet eine tolle Story und neue und schwere Gegner. Von daher alles OK, und wenn die Geschichte dann wirklich endet, gibt es auch lange und emotionale Abschiede.

Die sind mir tatsächlich nicht leicht gefallen. Bombige 135 Stunden habe ich am Ende mit Persona 5 Royal verbracht, und es hätten noch mehr sein dürfen. Sämtliche Spielmechaniken machen auch nach über 100 Stunden noch Spaß, und von den Geschichten der Personen bekommt man auch nicht genug. Hänger gab es zwischendurch wenig, ich war nur an zwei Stellen von einem Levelgrind angenervt, der aber nicht nötig gewesen wäre und den ich mir selbst auferlegt habe. Ein so gut geschriebenes und umgesetztes Spiel wie Persona 5 ist sehr, sehr selten. In meinen persönlichen Top Ten der besten Spiele aller Zeiten ist es auf Platz 3, gleich nach „Horizon: Zero Dawn“ und „Assassins Creed 2“.

The Last of Us Part II [2020, PS4]
Die Welt 25 Jahre nach Ausbruch einer Pandemie: Die letzten Menschen kämpfen bis auf´s Blut, entweder gegeneinander oder gegen mutierte Infizierte. Nach ihrer Reise durch die USA in „The Last of Us“ leben Ellie und Joel in einem relativ geschützten Ort in den Bergen von Montana. Das ändert sich, als ein Gewaltverbrechen Ellie dazu bringt, auf einen blutigen Rachefeldzug zu gehen.

Ich möchte bitte nie wieder eine Rachegeschichte spielen müssen. Normalerweise wird in Spielen Rache als starke Motivation des Hauptcharakters die Grundlage für heroische Taten. In „The Last of Us Part 2“ verschlingt Rache die Menschen, zerstört ihr Leben und alle Personen die ihnen wichtig sind. Dieses Spiel zeigt Trauer, die tiefe Verzweifelung und das Leid, das aus Rache und Gewalt entsteht und wiederum für mehr Leid sorgt. Das macht gerade zum Ende hin wenig Spaß, zumal ein narrativer Kniff dafür sorgt, dass man als Spieler aus anderer Perspektive miterlebt, was die eigenen Taten für Folgen haben.

Die Geschichte ist schwierig und sperrig, die Motivationen der einzelnen Charaktere im ersten Moment nicht immer nachvollziehbar und die Darstellung von Gewalt teilweise unerträglich. „The Last of Us Part 2“ kann erzählerisch und emotional seinem Vorgänger nicht das Wasser reichen. Beides sind Spiele, in denen es im Kern um die Beziehung zwischen Menschen geht, und letztlich um Liebe. Wo der erste Teil die Verbindung von Liebe und Trauer verhandelte, geht es nun um Liebe und Zorn. Das ist psychisch alles andere als schön, aber Part II ist es ein erzählerisch wichtiges Werk und technisch sogar eine Meisterleistung, da es wohl eines der grafisch schönsten Spiele für die PS4 ist.


Machen:

Kleine Moppedtour durch den Osten, 2.200 Kilometer.


Neues Spielzeug:

Ein neues Netbook, ein Akoya E2292 (Süd) Convertible von Medion. „Akoya“ ist eine japanische Perle, und das Alu-Netbook schimmert tatsächlich recht hübsch. Außerdem ist es mit 11,6 Zoll klein, leicht, lüfterlos und mit 249 Euro vor allem: Günstig.

Ob es mein geliebtes ASUS XT201 von 2014 als Reisenetbook ablösen kann, dessen 32 GB eMMC-Speicher für den Betrieb von Windows kaum noch ausreicht, wird sich zeigen – das Akoya ist zwar besser ausgestattet (4GB Hauptspeicher, 128 GB SSD, schnellerer Prozessor) als das ASUS, aber die Tastatur ist signifikant schlechter, der Akku hält statt 12 nur 7 Stunden, der Sound ist indiskutabel und durch den Touchscreen wiegt es mit 1.140 Gramm rund 200 Gramm mehr als das Asus.

Diese 200 Gramm machen erstaunlicherweise den Unterschied zwischen „ist federleicht“ und „Wer soll das alles schleppen“. Es ist witzigerweise das erste Gerät, auf dem ich mal „Cortana“, die Sprachassistentin von Microsoft, ausprobiert habe, und sagen wir mal so: Ich werde nie wieder was gegen Siri sagen.

„Cortana, wie wird das Wetter morgen?“ – „Ich habe diesen Wikipediaeintrag über Wetter gefunden“.

Ein Soundcore Flare 2 von Anker. Netter 360-Grad Bluetoothlautsprecher, wasserdicht, 12 Stunden Laufzeit. Hat ordentlich Bass trotz geringer Größe, klingt aber in den Mitten etwas dumpf und den Höhen unsauber. Ist aber OK zum Podcast und gelegentlich Musik hören. Die LED-Lichtshow ist Quatsch und nervt schnell, lässt sich aber zum Glück abschalten.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 3 Kommentare

Momentaufnahme: Juni 2020

Herr Silencer im Juni 2020

Wetter: Gemischt, immer mal wieder sonnig, dann Wochenweise auch starker Regen. Temperaturen zwischen 10 und 30 Grad.


Lesen:

Jiro Taniguchi: Venedig

Seine Mutter ist gestorben. Beim Durchwühlen ihres Nachlasses fällt dem Sohn eine Schatulle mit alten Fotos in die Hände. Die Aufnahmen zeigen ihn als Kleinkind, seine Mutter und seinen Vater in Venedig. Der Mann macht sich von Japan aus auf in die Lagunenstadt und begibt sich auf Spurensuche.

Wunderschöne Aquarellzeichnungen von Stadtansichten, Bilder, die für sich stehen und nicht von Worten oder einer Erzählung zusammengehalten werden – Taniguchis „Venedig“ möchte mit Impressionen aus Venedig verzaubern und schafft das auch ganz gut. Die Entdeckungsreise durch die Gassen und Märkte aus der Sicht eines Japaners ist fast magisch. Taniguchi fertigte das Buch als Auftragsarbeit für Louis Vuittons Reisebuchserie an, trotzdem lebt und atmet es viel Seele.


Hören:

Persona 5 OST
Größtenteils feiner, entspannter Jazz, auf englisch von einer Japanerin eingesungen. Die musikalische Untermalung von „Persona 5“ ist ein Meisterwerk, die auch ohne Spiel funktioniert.


Sehen:

Highlander [1986, BluRay]

1536 wird Connor McLeod bei einem Kampf in den schottischen Highlands durch den Schwertstreich eines fremden Kriegers getötet. Zu seiner eigenen und der Überraschung seiner Familie bleibt Connor aber nicht lange tot, sondern steht wieder auf, weshalb sein Clan ihn als Dämon brandmarkt und verstößt.

Im Exil begegnet der Ex-Highlander Sean Connery, der ihm offenbart, dass er zu einer kleinen Gruppe Unsterblicher gehört – nur eine Enthauptung ist das sichere Ende, ansonsten kann ihm keiner was. Enthauptungen sind ein großer Sport unter Unsterblichen, denn am Ende „kann es nur einen geben“. 250 Jahre später, im New York des Jahres 1986, kommt es zum Showdown der letzten Unsterblichen.

Woah, der Film hat echt schon 34 Jahre auf dem Buckel, und ich sage mal so: Der ist zwar gut gealtert, aber da er von Anfang an ziemlicher B-Movie-Trash war, ist er nun alter B-Movie-Trash.

Die Tricks waren damals wie heute unterirdisch, nach der Verpflichtung von Sean Connery war für gute Schauspieler kein Geld mehr da, die Beleuchtung gehört zum Miesesten was man je sah und die Story ist, trotz der genialen Grundidee, an sich ziemlich Banane. Alles an diesem Film schreit „BILLIGER TRASH“. Da passt es auch, dass das Casting irgendwie völlig durchgedreht ist. Der Schotte Connery spielt einen Spanier(!), der kaum englisch sprechende Franzose Christopher Lambert aber einen Schotten mit weirdem Akzent. Trash as Trash can, dazu 80er Jahre Haarfrisuren.

Warum sich „Highlander“ aber doch noch lohnt, ist die Kreativität und die Handwerkskunst, die da reingeflossen sind. Die banale Story wird nicht-linear und unterbrochen durch Zeitsprünge in die Vergangenheit erzählt, die Kameraarbeit ist hervorragend und die Musik ist fast durchgehend von Queen. DAS macht den Film zu einem Erlebnis, das nicht mal Holzfiguren wie Christopher Lambert kaputt kriegen (Der Franzose kann nicht nur nicht schottisch sprechen, er kann auch nicht schwertkämpfen, weil er stark kurzsichtig ist.) Das macht „Highlander“ nicht zu einem Meisterwerk, aber zu einem sehr guten schlechten Film – dessen Grundidee so stark ist, dass sie 4 Fortsetzungen und eine Serie nach sich zog.

Schindlers Liste [1993, BluRay]

1937 kommt Oskar Schindler nach Krakau. Der Unternehmer ist ein Lebemann und eine Verkäuferseele, der sich bei den deutschen Besatzern einschmeichelt und so billig eine Emaillewarenfabrik bekommt, die er als „kriegswichtig“ deklarieren lässt um bessere Geschäfte mit den Nazis zu machen. Aus Kostengründen beschäftigt Schindler in seiner Fabrik jüdische Gefangene aus einem nahegelegenen Konzentrationslager. Mit den Gewinnen aus der Ausbeutung macht sich Schindler die Taschen voll, lebt in Saus und Braus und macht gerne Party mit seinen NSDAP-Parteigenossen. Als deren Vernichtungszug gegen die Juden immer harscher wird, bekommt Schindler Gewissensbisse. Er sorgt dafür, dass er ein KZ-Außenlager in seine Firma bekommt, in der die Menschen würdig behandelt werden. So rettet er 1.100 Menschen vor der Ermordung, wird aber am Ende selbst als Kriegsgewinnler gejagt.

Es ist bestimmt 25 Jahre her, das ich „Schindlers Liste“ das letzte Mal gesehen habe. Sein Alter ist ihm tatsächlich anzumerken. Regisseur Steven Spielberg vertut an etlichen Stellen Chancen, leistet sich handwerkliche oder inhaltliche Schnitzer oder ergeht sich in Pathos, der eigentlich nicht Not tut und der der wahren Geschichte nur die Fahrt und die Wucht nimmt. Das würde er heute anders und besser machen.

Aber sei es drum, auch ein grimassierender Ben Kingsley, ein Liam Neeson der nicht schauspielert und eine unstringente Erzählung der Geschichte von Amon Göth können nicht verhindern, das „Schindlers Liste“ ein großes Werk und ein anrührender Film ist. Einen Gutteil seiner emotionalen Wirkung holt dabei das Ende wieder raus, wenn die überlebenden „Schindlerjuden“ und ihre Nachfahren dem Geschäftsmann gedenken.

L.A. Crash [2004, DVD]
Los Angeles, Anfang der 2000er. Mehrere Personen machen Erfahrungen mit Rassismus. Ihre Geschichten vermischen sich und lösen eine Spirale aus, die auf Gewalt hinausläuft.

Ein sehr cleverer Episodenfilm, toll besetzt und gut gespielt. Sein größter Verdienst ist aber sicher das Drama, das er bereits auf dem Cover verspricht, in der Form nicht durchzuziehen, sondern kurz vorher abzubiegen und quasi zu rufen: Seht ihr, das hätte passieren können! – Diesen Moment der Katharsis vergisst man nicht mehr.


Spielen:

Persona 5 Royal [2019, PS4]

(Fortsetzung vom vergangenen Monat) Der tyrannische Sportlehrer war nur einer kleiner Fisch. Nachdem drei Schüler einer japanischen Highschool festgestellt haben, dass sie in die eine Parallelwelt reisen und dort das Verhalten anderer Leute ändern können, kommen immer größere Ziele auf die „Phantom Thieves“ zu. Der berühmte Kunstmaler, der die Arbeiten seiner Schüler als seine verkauft. Der Großindustrielle, der seine Mitarbeiter ausbeutet. Die Phantom Thieves nehmen sich solcher Fälle an und ändern diese Menschen. Dadurch werden sie berühmt und finden weitere Mitstreiter. Doch dann wird ihnen eine Falle gestellt: Eines ihrer Opfer stirbt, der Anführer der Thieves wird verhaftet. Wer steckt hinter diesem Komplott? Und was hat es mit dem Velvet Room auf sich, einem Ort zwischen Traum und Realität?

100 Stunden habe ich mit der Hauptstory von Persona 5 verbracht und hatte keine Minute Langeweile, jetzt spiele ich noch im Addendum „das dritte Semester“ der Royal-Version herum. „Persona“ ist zur Hälfte Simulator eines japanischen Schulalltags und zur Hälfte rundenbasiertes Actionrollenspiel. Beides wird durch überbordende Fantasie und eine tolle Geschichte zusammengehalten. Die kommt sehr erwachsen daher und scheut auch vor ernsten Themen nicht zurück. Häusliche Gewalt, sexueller Mißbrauch und Suizid werden ebenso ohne Scheu und angemessen ernsthaft behandelt wie Fragen nach Schuld und Sühne.

Ab und zu wird es natürlich Quirky. Da ist z.B. eine Lehrerin, sich nebenbei als Maid betätigt. Das ist an sich schon seltsam, aber da man sie auch noch als Beziehung gewinnen kann und die eigene Spielfigur ein 17jähriger Junge ist, kann man sich im Spiel streng genommen einen Fall von Unzucht mit Minderjährigen schaffen.

Rein Spielerisch ist es auch tatsächlich möglich sich zu verskillen und Charaktere zu schaffen, mit denen man einen bestimmten Gegner, der auch noch völlig neue Gamemechaniken mitbringt, nicht mehr schaffen kann. Das merkt man dann aber erst so um Spielstunde 60 herum, und dann noch mal von Vorne anzufangen wird kaum jemand tun. Ein derber und frustrierender Schnitzer, den die „Royal“-Version eigentlich ausbügeln müsste.

Trotzdem: Tolles Spiel, exzellentes Writing, bombige Spielmechaniken und das ganze Artwork und Design eine Augenweide. Dazu kommt die tolle Lernkurve und die stetige Steigerung von praktisch allen Elementen, bis am Ende sämtliche Regler auf 11 stehen. Dabei ist Persona bis auf diese eine Stellt so gut wie nie unfair, sondern lässt einen stets total zufrieden zurück. Ein Spiel das ernste, erwachsene Themen erzählt und dabei einfach nur Spaß macht – ein echtes Meisterwerk, in meinen Top Ten der besten Spiele ganz vorne mit dabei.


Machen:


Neues Spielzeug:

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Momentaufnahme: Mai 2020

Herr Silencer im Mai 2020

Wetter: Anfang des Monats nachts kalt, mit -1 Grad, tagsüber dafür dann bis über 20. Ab Mitte des Monats moderate Temperaturen, zum Monatsende hin erst frühsommerlich warm, dann wieder kühl. So gut wie kein Regen.


Lesen:


Hören:


Sehen:

Last Action Hero [1993, BluRay]
Danny ist 11 Jahre alt und verbringt jede freie Sekunde in einem alten Kino. Am Liebsten guckt er die „Jack Slater“-Actionfilme, in denen der Schauspieler Arnold Schwarzenegger einen wortkargen Superpolizisten spielt. Eines Tages schenkt ein alter Filmvorführer Danny ein magisches Kinoticket.

Mit dem findet sich der Schüler unversehens mitten im neuesten „Jack Slater“-Film wieder und damit in einer Filmversion von Los Angeles, in der immer alles perfekt ist, Autos beim ersten Schuss explodieren, Helden immer nur Fleischwunden davontragen und die Bösen immer verlieren. Doch dann kommt einer der Filmbösewichte an das Zauberticket und landet damit im New York der realen Welt. Schnell merkt er, dass in der echten Welt nicht automatisch die Guten gewinnen, und da er als brillanter Bösewicht geschrieben ist, macht er nun Jagd auf den Schauspieler Arnold Schwarzenegger, damit es keinen Jack Slater mehr gibt.

1993 war Schwarzenegger auf dem Höhepunkt seiner Filmkarriere und suchte nach Stoffen, die abseits seines Terminator-Images lagen. „Last Action Hero“ passte da perfekt, denn der Film ist absolut clever konstruiert: Die „Film-in-Film“-Erzählung kann gleichzeitig Schwarzeneggers Actionklischees persiflieren und eine ernstere Note anschlagen. Das war so unerwartet, das Kritiker den Film verrissen und das Publikum ihn verschmähte, „Last Action Hero“ wurde Schwarzeneggers größter Flop. Zu Unrecht – denn neben einem überaus cleveren und überraschenden Plot und dem großartigen Cast (u.a. Charles Dance als Bösewicht) hat man als Filmfan einfach nur Spaß an den Dutzenden Gastauftritten.

Im Film-Los Angeles kommt Sharon Stone gerade im weißen Kleid aus dem Verhörraum, der T-1000 bahnt sich seinen Weg aus dem Polizeirevier, Tina Turner spielt eine aufgeregte Bürgermeisterin, Maria Shriver ermahnt Schwarzenegger keine Werbung für seine Restaurants zu machen und und und. Schönste Szene: Als Danny versucht Slater klar zu machen, das er in einem Film ist und ihm einen Pappaufsteller von „Terminator 2“ zeigen will und dann feststellt, dass in der Filmwelt die Hauptrolle von Sylvester Stallone gespielt wird:

Stallone bedankte sich für diese Würdigung mit der „Präsident Schwarzenegger Bibliothek“, die in „Demolition Man“ auftaucht. Ach, die 90er.

Wer Last Action Hero nicht kennt: Angucken, großer, ironischer Filmspaß.

1917 [2020, Bluray]
Der erste Weltkrieg, Frankreich. Zwei junge, britische Soldaten bekommen den Auftrag, einem Regiment einen Befehl zu überbringen. Das Ziel liegt 14 Kilometer entfernt, dafür haben sie acht Stunden Zeit. Problem: Um die Nachricht zu überbringen, müssen sie durch das Niemandsland und die Frontlinie. Versagen sie, sterben 1.600 Männer.

Wie macht man eine sehr einfache Story zu einer intensiven und emotionalen Erfahrung? Regisseur Sam Mendes wählte dazu die Form des Continous Shots. Der Film wirkt, als sei er in einer einzigen, langen Plansequenz ohne einen Schnitt gedreht worden. Der Effekt ist verblüffend und hat mich schon bei „Birdman“ beeindruckt, „1917“ geht da aber noch viel weiter. Die Kamera bleibt ständig an den Protagonisten, folgt ihnen durch Stacheldrahverhaue, durch Schützengräben, Flüsse, Häuser – scheinbar ohne auch nur ein Mal zu stoppen. Das ist faszinierend anzusehen, immer wieder fragt man sich: Wie haben die das gemacht? Der Ablauf der Story in Echtzeit macht die Geschichte, die angeblich auf den Erfahrungen von Mendes´Großvater im ersten Weltkrieg basiert, greifbar. Ganz große Filmkunst.


Spielen:

Persona 5 Royal [2019, PS4]

Ein Schüler wird in einer Provinzstadt wegen Körperverletzung verurteilt und ob dieser Schande zu seinem Onkel nach Tokio geschickt. Der Neustart dort knirscht und rumpelt: An der neuen Schule hat ein tyrannischer Sportlehrer das Sagen, der seine Schüler körperlich züchtigt und Schülerinnen sexuell belästigt.

Durch eine Reihe seltsamer Ereignisse erhält der Schüler die Möglichkeit, in die Gedankenwelt des Lehrers einzudringen, in der dieser die Schule als seinen Palast und sich selbst als den König sieht. Zusammen mit einigen Mitschülern fasst der Schüler einen Plan: Er wird den Wesenskern des Lehrer aus dessen Gedankenpalast stehlen und so sein Verhalten ändern. Das Vorhaben gelingt, der Lehrer zeigt Reue und schämt sich.

Das ist aber erst der Anfang – immer häufiger müssen die „Phantom Thieves“ von der realen Welt in das „Metaverse“ wechseln und dort die dunklen Seiten menschlicher Seelen bekämpfen.

Sehr seltsames Spiel. „Persona“ ist sowohl Simulator des Alltags eines japanischen Schülers als auch ein Action-Rollenspiel mit rundenbasierten Kämpfen. Das ist typisch Japan-RPG, und Persona 5 soll das beste von allen sein. Ich kannte sowas nicht und war erstmal von allem irritiert. Der Einstieg ist zudem äußerst langsam gestaltet und schon deshalb etwas sperrig, weil sich das Spiel viiiiiiel Zeit für Erklärungen lässt einen mit Text nur so zulabert.

Mit etwas Orientierung entfaltet sich dann ein ganz besonderer Zauber. In dem Teil des Spiels, das den Alltag eines japanischen Schülers simuliert, muss man die Schulbank drücken und überlegen was man nach der Schule tut – Abhängen mit Freunden, soziale Bindungen festigen, lernen oder doch lieber einen Nebenjob ausüben? Für all diese Tätigkeiten gibt es Erfahrungspunkte, aber die Zeit pro Tag und pro Spieldurchlauf ist begrenzt, so dass man nie alles tun kann.

Die Skills, die man in der Story in der realen Welt sammelt, kommen in der Gedankenwelt dann in den rundenbasierten Kämpfen zum Einsatz. Die sind äußerst ausgewogen gestaltet, fordernd und belohnend zu gleich, mit einer befriedigenden Lernkurve.

Die Story ist manchmal etwas zäh, aber immer wieder überraschend. Vor allem aber ist sie LANG. Nach über 40 Stunden habe ich das Gefühl, nur an der Oberfläche gekratzt zu haben.


Machen:


Neues Spielzeug:

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Momentaufnahme: April 2020 (2)

Herr Silencer im April 2020

Teil 2 des monatlichen Medienkonsums. Teil 1 war gestern.

Lesen:

Oskar Ludwig Possinger 5.000 km Urlaub und 390 Euro
Freundin weg, keine Kohle, aber das dringende Bedürfnis raus zu kommen: Oscar-L. Possinger setzt sich einen Rucksack auf, schwingt sich auf einen kleinen 50ccm Motorroller namens „Black Blunzie“ und fährt mit maximal 70 km/h von Österreich nach Griechenland, dreht dort eine Runde und kurvt dann über den Balkan wieder zurück. Unterwegs übernachtet er auf Feldwegen und an Stränden, begegnet skurrilen und netten Menschen und findet interessante Orte.

Ein Buch! Ein echtes, physisches Buch, verfasst von jemandem, den Leserinnen und Leser dieses Blogs vielleicht als Kommentator kennen! Und ich habe die Ehre und ein Exemplar aus einer Kleinauflage im Selbstverlag bekommen. Danke, Oskar-Ludwig Possinger!

Die beschriebene Reise ist skurril und absolut ungewöhnlich. Mit einem Kleinstroller, der für den Stadtverkehr gemacht ist, quer durch Europa zu fahren, praktisch ohne Budget – von sowas liest man nicht oft.

Eigentlich sind die Reiseerzählungen genau das, was ich verschlingen würde. Stattdessen habe ich das Buch in kleinen Teilen lesen müssen und dafür satte 4 Monate gebraucht.

Der Grund dafür ist die Sprache. Die kommt äußerst gestelzt daher und wird nicht verwendet um Dinge zu benennen, sondern um sie maximal kompliziert zu umschreiben – mit Referenzen, Anspielungen, Doppeldeutigkeiten, Fremdsprachen, Wortspielen oder in Bildern.

Beispiel: Es wird „der Körper dem salzigen H2O“ überantwortet statt einfach ins Meer gesprungen, statt einer Postkarte werden „Postversandgeeignete Bildprodukte“ erstanden, und das obwohl die „Hendimania“ verdächtig ist, Schuld daran zu sein, dass durch sie „täglich Milliarden digitaler Ein- und Ausdrücke, oft mit kabelgefaßter Lichtgeschwindigkeit punktgenau an die Empfänger persönlich zugestellt werden, ein Großteil der Menschen nicht eben im Begriff ist, das Schreiben auf physikalischen Stoffen zu verlernen“. Oder doch nicht?

Resultat: Bei nahezu jedem Satz muss ich erstmal darüber nachdenken, was mir der Autor eigentlich sagen will. Sowas kann man natürlich bewusst als Stilmittel einsetzen und sich dann einreden damit „Bonmots“ produziert zu haben – tatsächlich hat man damit aber lediglich einen schwer lesbaren Text zusammengeschraubt. Das manche Sätze zusätzlich an Verbandwurmung leiden und sich schon mal über eine halbe Seite ziehen, macht es nicht einfacher.

Die vielen Umschreibungen und Bilder erfordern zudem viel Hintergrundwissen, ohne das man den Sinn der Sätze manchmal schlicht nicht dekodieren kann. Mir fehlt dieses Wissen gelegentlich, denn wenn man nicht aus dem gleichen geographischen und kulturellen Raum und der gleichen Alterskohorte wie der Autor kommt, teilt man den Zeichenvorrat der Kommunikation nur zum Teil. In solchen Fällen liest man die Worte, kann den Sinn aber nicht verstehen.

Nicht falsch verstehen: Die Abenteuer in diesem Buch sind großartig, die Reise etwas ganz Besonderes und Ungewöhnliches und ich freue mich, eines der Bücher aus der kleinen Auflage im Selbstverlag geschenkt bekommen zu haben. Wer mit der Sperrigkeit des Schreibstils kein Problem hat, der kann beim Lesen an einem echten Abenteuer teilhaben. Ich mag das Buch, kann es aufgrund der beschriebenen Probleme allerdings nur in kleinen Dosen genießen. Aber vielleicht war das ja auch die Intention des Autors.


Hören:


Spielen:

The Last of Us [PS4, 2019]

Eine weltweite Pandemie hat die menschliche Gesellschaft zerstört. Die letzten Menschen vegetieren in Quarantänezonen vor sich hin, die Polizei exekutiert Menschen beim ersten Anzeichen einer Infektion auf offener Straße. In diese Welt wird der alternde Schmuggler Joel beauftragt, ein besonderes Paket an eine Miliz zu liefern. Das Paket entpuppt sich als 12jähriges Mädchen mit dem Namen Ellie, und sie ist als einziger Mensch immun gegen die Infektion. Widerwillig verlassen die beiden die Quarantänezone und beginnen eine Reise durch die Überreste der USA, die ein Jahr dauern wird.

Keine Hoffnung, nirgendwo. „The Last of Us“ schafft es mich zum Weinen zu bringen, noch bevor der Vorspann läuft. Die Welt des Spiels ist eine ohne Menschlichkeit. Menschen sind entweder aggressive Infizierte oder gnadenlose Plünderer. Was gut oder unschuldig ist, stirbt einen grausamen Tod.

Dabei ist diese Welt nicht ohne Schönheit: Nach zwanzig Jahren im Lockdown hat sich die Natur die Städte zurückerobert und bietet eine morbide Schönheit. Moosüberzogene Autowracks rosten vor sich hin, Straßen sind eingestürzt und zu Seen geworden, von Wolkenkratzern ist nicht viel übrig, Zootiere ziehen in Rudeln umher und die Sonne geht über sauberen Gewässern auf.

Das Besondere ist aber die Beziehung zwischen Joel und Ellie. Das Mädchen ist Joels Auftrag, und im Laufe des Spiels erringt sie zwar nicht seine Sympathie, aber zumindest seinen Respekt. Die Geschichte ist emotional sehr fordernd, und das Ende überrascht dann doppelt. Es gibt nämlich kein Happy End, im Gegenteil.

Der eigene Spielercharakter Joel nimmt der Welt die letzte Hoffnung mit einer so gigantischen Lüge, dass einem der Mund offen stehen bleibt. Ein sehr mutiges Spiel, das an die eigene Substanz geht und Roger Eberts Verdikt, das Spiele „keine Kunst sind und niemals sein werden“ Lügen straft. „The Last of Us“ ist ein Meisterwerk, dass man gespielt haben muss.

Die remasterte PS4-Version ist geringfügig schöner als die PS3-Version von 2013, läuft durchgehend bei 60FPS und hat schärfere Texturen, riesig sind die Unterschiede aber nicht. Hier zu meiner ausführlicheren Originalrezension von 2013. Am 19.06. erscheint „The Last of Us – Part II“.

Gears of War 4 [XBOX One]
Irgendwas mit dicken Wummen und ekligen Außerirdischen.

Simple Ballerei. Seit zwei Jahren spiele ich an diesem Kram rum, weil er mich so langweilt, dass ich den nie lange am Stück ertragen habe. Nun bin ich endlich durch. „Gears 4“ ist durchaus abwechselungsreich und bietet neben Schauwerten auch hübsche Taktikelemente. Trotzdem finde ich das anspruchslose „Renne von A nach B und wemse alles um“-Prinzip ermüdend. Aber gut, Zielgruppe sind auch Teenies, und ich muss ja nicht alles gut finden.

Catherine: Full Body [PS4]
Vincent Brooks ist ein verpeilter Großstadtslacker Anfang 30. Tagsüber macht er irgendwas mit Programmieren, abends sitzt er mit seinen Kumpels in einer Bar. Seit zig Jahren ist er mit Katherine (mit K!) zusammen, konnte sich aber bislang nicht mal überwinden, mit ihr in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Dass Katherine neuerdings andeutet, dass sie vielleicht gerne heiraten würde, ignoriert Vincent geflissentlich.

Eines Abends lernt Vincent in der Bar Catherine (mit C!) kennen. Die junge Frau ist atemberaubend schön und völlig unkompliziert, und einige Drinks und eine Nacht später wachen die beiden nackt nebeneinander auf. Ab diesem Moment ist Vincents normales Leben vorbei.

Fortan quälen ihn nachts fürchterliche Albträume, in denen er ein Schaf ist und mit anderen Schafen eine endlose Ansammlung von aufeinandergestapelten Blöcken erklimmen muss. Am Ende einer solchen Albtraumnacht wacht Vincent stets neben Catherine auf, während Katherine ihm gesteht, dass sie schwanger ist und mit ihm eine Familie gründen will. Und als ob das nicht reicht, gibt es in der Stadt eine Serie von Todesfällen: Junge Männer, die von Schafen geträumt haben, sind im Schlaf verstorben.

Ich liebe Videospiele wenn sie das tun, was nur Videospiele können: Geschichten erzählen, indem sie unterschiedliche Medien und Mechaniken zusammenbringen. „Catherine“ ist ein tolles Beispiel dafür. Während Vincents Albträumen spielt man einen komplexen Plattformpuzzler mit einfachen Regeln, ansonsten erlebt man die Handlung über einen Walkingsimulator, in dem man Vincent durch die Bar steuert und mit Personen sprechen lässt. Eingefasst werden diese unterschiedlichen Spielmechaniken durch Zeichentricksequenzen. Die sind manchmal langatmig, oft aber sehr gut und wendungsreich geschrieben.

So sieht das aus:

Es ist zudem schön, dass sich „Catherine“ erwachsenen Themen annimmt, wie z.B. der Frage des Erwachsenwerdens, wann man(n) Verantwortung übernehmen muss und welche Folgen das eigene Handeln für andere hat. Je nachdem wie man Vincent spielt, endet das Spiel gänzlich unterschiedlich – von der Familiengründung mit Kathrine über teufliche Orgien mit Catherine bis hin zum Blutbad ist alles drin.

Die „Full Body“-Version ist übrigens ein Remaster für die PS4 und den PC, das Original erschien schon 2011 für die PS3. Die Remasterversion bietet leichte Schwierigkeitsgrade und Hilfe bei den Puzzlesequenzen, was gerade in späteren Levels auch sehr willkommen ist, sowie eine neue Hauptfigur – mit „Qatherine“ wird aus dem Dreiecks- ein Vierecksspiel. Sehr unterhaltsam und gerne kaufen, wenn es einem für weniger als 20 Euro im Sale begegnet. Den Vollpreis ist es mir persönlich, der Puzzles nicht mag, nicht wert.


Machen:
Haferschleim. Und ich lerne gerade neue Skills.


Neues Spielzeug:

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Momentaufnahme: April 2020 (1)

Herr Silencer im April 2020

We are in this together

Der monatliche Rückblick, aufgrund fortgesetzt hohen Medienkonsums wieder in zwei Teilen.

Wetter: Seit Mitte März schon wieder kein Regen. Anfang des Monats morgens -7 Grad, ab der zweiten Woche wieder mit 10-25 Grad eher vorsommerlich, dann 7 bis 25 Grad. Jeden Tag strahlender Sonnenschein und wolkenloser Himmel. Ein Elend. Seit Anfang März kein Regen mehr, Waldbrandgefahr, Dürre. Im April!


Sehen:

Picard [Amazon Prime]
Jean-Luc Picard, einst Captain des Raumschiffs Enterprise, ist mittlerweile Admiral außer Dienst. Der Achtzigjährige vertreibt sich seine Tage, in dem er grummelnd durch die Weinberge des Familienanwesens in Frankreich schlufft. Das ändert sich, als eine junge Frau auftaucht und ihn um Hilfe bittet. Picard bemüht sich, aber da er bei der Sternenflotte nicht mehr gerne gesehen ist, kann er die Frau nicht schützen. Im Nachgang zu einem Attentat stellt sich heraus, dass sie eine Androidin war – vielleicht sogar Datas Tochter? Androiden sind mittlerweile nach einem Angriff auf den Mars streng verboten, deshalb stellt sich die Frage: Wer hat diesen hergestellt? Und wer wollte unbedingt seine Zerstörung? Picard sucht nach Antworten.

Tja, hm. Was war das denn jetzt? Ich stand der Idee, den fast 80jährigen Patrick Stewart nochmal als Picard auf den Bildschirm zu holen, sehr skeptisch gegenüber. Tatsächlich ist er selbst aber noch fitter als seine deutsche Synchronstimme, die brüchig klingt und die Betonungen nicht mehr hinbekommt.

Dann wurde ich positiv überrascht: „Picard“ ist nicht der mittlerweile bräsig wirkende 80er-Jahre TNG-Star Trek. Den fand ich zu seiner Zeit super, aber „zu seiner Zeit“ war ich halt 11 Jahre alt. Die Geschichte von „Picard“ ist dagegen wendungsreich, hat schöne Ideen und behandelt spannende Themen wie den Umgang mit Flüchtlingen. Zudem lässt sie rätseln: Warum ist Picard bei der Sternenflotte und in der Öffentlichkeit in Ungnade gefallen? Woher kommt die Roboterfrau?

Dermaßen angefixt wartete ich auf Enthüllungen.
Und wartete.
Und wartete.

„Picard“ kommt nämlich einfach nicht aus dem Quark und walzt eine Handlung, die gerade mal für einen Spielfilm reicht, auf 10 Serienfolgen aus und tritt deshalb bei 7 davon auf der Stelle. Fast fürchtete ich, das der greise Patrick Stewart das Ende der ersten Staffel seiner eigenen Serie nicht mehr erlebt.

In der Summe: Interessant, aber zäh. Immerhin: Jeri Ryan macht als Seven of Nine-Borgqueen eine fantastische Figur.

Bild: NDR

Tatort: National Feminin
Eine rechte Youtuberin wird ermordet. Scully und die Frau aus Black Panther ermitteln im Göttinger Rechtenmilieu zwischen Identitären und Antifeministinnen.

Noch ein „Tatort“, der in meiner Wohnstadt Göttingen spielt. Anders als der enttäuschende und absurde „Krieg im Kopf“ im vergangenen Monat, der Cyber-Cyber auf Faxgeräten versuchte und Drehbuchtechnisch an Arbeitsverweigerung grenzte, ist „National Feminin“ ein krasses Stück.

Die Machenschaften der „Identitären“ und ihrer stramm rechten Ideologie aus krankem Patriotismus und „Frauen an den Herd“ werden hier tatsächlich so authentisch dargestellt, dass während der Ausstrahlung im linearen Fernsehen am Sonntag Abend den ganzen kleinen Nazis auf Twitter einer abging. Streckenweise wirkte der Film sogar wie ein Werbeclip für die neue Generation der Rechtsradikalen.

Man muss diesen Tatort aber als das sehen, was er sein will: Ein Aufklärungsstück, das den älteren Zuschauern des ARD-Krimis, die sich nicht im Internet bewegen und die weder Youtube noch Twitter kennen, zeigt, mit welchen Methoden und welchen Formen der Propaganda der neue Faschismus arbeite. Nicht auszuschließen, dass diese Ideen und Bildästhetik dann halt einige Zuschauer gut finden, aber das Risiko ist man hier eingegangen.

Ein mutiger, sehenswerter und nicht unspannender Film mit zwei anbetungswürdigen Frauen in den Hauptrollen, noch bis 26.10.20 in der ARD Mediathek zu sehen.

Bild: RBB

Die Getriebenen
Sommer 2015. Zehntausende Flüchtlinge machen sich auf den Weg nach Europa. Viktor Orban sieht eine Chance seine Macht auszubauen und treibt Deutschland und Österreich politisch vor sich her. In diesen Ländern sind es wiederum Rechtskonservative wie Sebastian Kern oder Markus Söder, die das Thema Flüchtlinge nutzen um die alten Eliten ihrer Parteien vor sich herzutreiben.

Der zweistündige Spielfilm basiert auf einem Buch von Robin Alexander und arbeitet die Ereignisse des Sommers 2015 minutiös auf. Mut zur Lücke gibt es dabei freilich nicht. Schauspieler, die teilweise dem Original sehr nahe kommen, spielen immer wieder in Szenen die plausibel sind, für deren Authentizität es aber keinen Beleg gibt.

Dennoch ist es interessant all die Handlungsebenen, die man sich damals aus den Nachrichten zusammensuchen musste, zusammengefasst zu sehen. Merkels Versuche, die Sache auszusitzen und wie ihr das auf die Füße fällt. Orbans gnadenloses Spiel mit Menschenleben. Gabriels schmierlappige Schadenfreude. Seehofers Hilflosigkeit im Umgang mit der Situation und der Rückfall in alte Lösungsmuster, die so aber im 21. Jahrhundert nicht mehr funktionieren.

Funfact: Der Drehbuchautor für „die Getriebenen“ hat auch „National Feminin“ geschrieben.

Unbedingt sehenswert, noch bis 15.07.20 in der ARD-Mediathek

Aquaman
Kal Drogho ist der uneheliche Sohn von Jango Fett und Nicole Kidmann und damit Prinz von Atlantis. Damit hat sein arischer Halbbruder Probleme, das wiederum geht der rothaarigen Exfreundin von Johnny Depp gegen den Strich und schon knallt´s unter Wasser.

Endlich mal ein Film aus dem DC-Universe der wirklich in großem Maßstab funktioniert und eine Superheldengenese ordentlich durchdekliniert. Es passiert so viel auf der Leinwand, dass das Hirn gar nicht hinterherkommt und irgendwann nur noch staunt „oooooh, bunt!“.

Macht sehr viel Spaß, toll besetzt, prima Worldbuilding, funktioniert bis zum Schluss. Was wieder zeigt: Lässt man passionerte Filmemacher ran, und nicht Zac Snyder, den Mann mit den Nazieulen, dann funktionieren selbst alberne Comicfiguren wie Aquaman oder Wonder Woman.

Terminator SCC: The Sarah Connor Chronicles [BluRay]
Sarah Connor versucht ihren Sohn John aufzuziehen. Der wird irgendwann der Anführer der letzten Menschen im Krieg gegen die Maschinen sein, und deshalb bildet sie ihn geradezu versessen aus, während sie auf der Flucht vor immer neuen Terminatoren sind. Unterstützung erhält sie dabei von einem weiblichen Terminator und dem Schwippschager vom Bruder von Johns Vater, Kyle Reese.

Irgendwann kam jemand auf die Idee die Jahre zwischen T1 und T2 als Serie zu verfilmen. Schöne Einfälle wie ein Zeitsprung ins Jahr 2008 oder ein Terminator, der einen Schönheitschirurgen überfällt, damit der ihm wieder Fleisch auf´s Endoskelett züchtet, wechseln sich ab mit banalen Handlungsbögen um Schachcomputer mit KI oder campy Folgen um baletttanzende Terminateusen.

Da auch der Ton der Serie von bedrohlich-erwachsen in Richtung High-School-Coming-of-Age-Story kippte, war nach 31 Folgen in zwei Staffeln Schluss. Einzig wegen der Hauptdarstellerinnen ist das Ganze überhaupt erträglich. Lena Headey (Cersi Lannister aus Game of Thrones) gibt eine tolle Sarah Connor, und Summer Glau als Terminatrix macht ebenfalls viel Spaß.

The Mandalorian
Nach dem Ereignissen von “ Die Rückkehr der Jedi-Ritter“: Die neue Republik ist gerade um Aufbau, es gibt aber noch Widerstandsnester von Anhängern des untergegangenen Imperiums. In dieser aufregenden Zeit wird ein mandalorianischer Kopfgeldjäger angeheuert, um ein Paket abzuholen und an einen imperialen Offizier zu liefern. Das Paket entpuppt sich als machtbegabtes Kind, und der Kopfgeldjäger bringt es nicht übers Herz es auszuliefern. Dafür wird er von allen gejagt.

Sabber-Sabber-Sabber. „The Mandalorian“ ist das Star Wars, was ich mir als Kind immer gewünscht habe. Simple Geschichten, einsame Helden, böse Wichte als Gegenspieler. Das alles technisch und schauspielerisch (Werner Herzog! Nick Nolte! Emily Swallow!) toll umgesetzt. Die Episoden sind zu kurz um narrativ durchzuhängen und bieten dermaßen viel Schauwerte, dass gar nicht auffällt, wie dünn die Stories eigentlich sind.

„Mandalorian“ macht keinen Hehl daraus, dass sein Vorbild klassische Western sind. Die Serie stellt Szenen aus alten Westernfilmen teils Bild für Bild nach und bedient sich an den Strukturen von Abenteuerfilmen wie „Indiana Jones“.

Dabei zieht sie ihren Reiz aus neuen Figuren, über die man nicht viel erfährt. Das macht sie geheimnisvoll und frisch. Wer möchte nicht so sein wie der coole, namenlose Held, der aus jeder Situation rauskommt und nie die Nerven verliert? Das funktioniert mit dem gesichts- und namenlosen Helden in „Mandalorian“ viel besser als mit Boba Fett, über den man einfach schon zu viel weiß.

Ohnehin geht Showrunner John Favreau nie den ganz einfachen und offensichtlichen Weg, sondern häkelt immer Besonderheiten ein. Und er hat ein großes Herz für winzige Eastereggs, mit denen er im Nachgang Dinge aufwertet. Beispiel dafür ist die Eismaschine, mit der in „Empire“ während der Evakuierung von Bespin ein Arbeiter durch einen Gang rennt. Das war jahrelang ein Witz unter Fans: Rettet das Erdbeereis! In „Mandalorian“ kommt das Ding wieder vor, und jetzt sieht man, dass der Behälter ein Hochsicherheitssafe für ungewöhnlich wertvolle Dinge sein soll.

Selbst alberne Kenner-Spielzeuge aus den späten 70ern wie den Roboter IG-88 oder der imperiale „Truppentransporter“ werden durch ihre Darstellung im Mandalorian aufgewertet – verdammt, dass war das erste mal, das ich selbst vor den albernen AT-STs Respekt hatte!

Das alles lässt mein kleines Fanherz hüpfen. Wer also mit einsamen Gunslingern nichts am Hut hat, wird mit dieser Serie nichts anfangen können. Ich mag „Mandalorian“ sehr, aber ich habe in „Star Wars“ auch nie den Sinn des Lebens gesucht.

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Momentaufnahme: März 2020 (2)

Herr Silencer im März 2020

Krisenbedingt viel Medienkonsum, deshalb hier Teil 2 der monatlichen Rückschau.
Hier ist Teil 1.

Sehen:

Terminator: Dark Fate [Bluray]
30 Jahre Nach den Ereignissen von „Terminator 2“: Skynet wird es nie geben, aber dafür wird andere KI die Menschheit jagen. Nur: Dieses Mal haben die Menschen keinen John Connor als Erlöserfigur, denn der wurde tatsächlich noch in den 90ern von willkürlich im Zeitstrom abgesetzten Maschinenkillern terminiert. Diese versprengten Terminatoren jagt nun eine alte, verbitterte und vor Paranoia halb irre Sarah Connor, bis sie über ein ungleiches Gespann stolpert: Eine Mexikanerin, die von einer Soldatin aus der Zukunft begleitet wird, und die beide einen hartnäckigen Verfolger haben.

Noch so ein Terminator-Film, nach dem niemand gefragt hat. Die Grundprämisse von „Deadpool“-Regisseur Tim Miller klingt nicht uninteressant: Er ignoriert die letzten drei Filme („Rebellion der Maschinen“, „Salvation“ und den grottigen „GeniSys“) und setzt „T2“ von 1991 fort. Nur: Das passiert mit einer Ausnahme völlig mutlos.

Statt auf frische Ideen setzt Miller auf das „Force Awakens“ Prinzip und verfilmt hier praktisch Terminator 2 einfach noch einmal. Ein paar Figuren haben ein nun anderes Geschlecht oder eine andere Hautfarbe, aber die Storybeats sind die gleichen. Das ist OK umgesetzt und unterhält so mittel: Man kennt halt alles, das hat man alles schon gesehen. Ich würde mich ja mal über neue Geschichten im Franchise freuen. Sowas wie: Mensch aus der Gegenwart reist in die Zukunft um die Vergangenheit zu ändern, oder so. Aber nicht immer den gleichen Käse, auch wenn er kurzweilig und mit starken Frauen inszeniert ist.

On the Milky Road [2016, DVD]
Im jugoslawischen Bürgerkrieg bringt Milchmann Kosta jeden Tag Milch auf seinem Eselchen über die Frontlinie. Kosta ist ein Glückspilz: Nicht nur, das er nie von Kugeln getroffen wird, bald wird er auch die Dorfschönheit heiraten. Da tritt eine italienische Flüchtlingsfrau (Monica Bellucci) in sein Leben. Kosta verliebt sich in die geheimnisvolle Frau, aber die ist schon einem anderen versprochen und hat einen Ex-Mann, der Killerkommandos hinter ihr her hetzt.

Emil Kusturicas erster Film seit Ewigkeiten. Der Film ist dreigeteilt, aber kein klassischer Dreiakter. Teil 1 beginnt lustig und kauzig-skurril, wandelt sich aber im zweiten Teil zum surrealen Drama mit bizarr-grausamen Momenten. Spätestens wenn Schafe in einem Minenfeld im die Wette explodieren, weiß man nicht mehr, ob man darüber lachen kann. Teil drei ist dann die Rückschau eines alten Kosta, der zum Eremiten geworden ist.
Das ganze ist ein filmisches Erlebnis, Sinn ergibt es aber nicht unbedingt.

Wie sehr liebst Du mich? [2013, DVD]
Ein kleiner Büroangestellter hat 4 Millionen Euro in der Lotterie gewonnen. Damit geht er zu der schönen Prostituierten Daniela (Monica Bellucci) und bietet an, ihr jeden Monat 100.000 Euro zu zahlen, bis das Geld alle ist. Dafür soll sie so tun, als sei sie seine Frau. Der Deal steht, fällt aber nach kurzer Zeit schon wieder auseinander. Daniela fürchtet plötzlich, dass die Schatten ihrer Lebenswelt, in der sie sich wohl fühlt, den braven Typen in einen Abgrund ziehen. Dafür taucht plötzlich ihr Zuhälter und echter Ehemann (Gerard Depardieu) auf und will die 4 Millionen.

Fürchterlich verbimmelter Film, der zu keinem Zeitpunkt auf eine Erzählung fokussiert, sondern mal hierhin und mal dorthin kippt und ab der Hälfte einfach narrativ rückwärts auf den Boden fällt und den Rest der Laufzeit nur noch zuckt. Dramatische Probleme werden aufgemacht, um dann 5 Minuten später vergessen zu werden. Lediglich Monica Bellucci ist fantastisch, weil ihr Charakter im Film dem entspricht, was sie gut spielen kann: Eine Projektionsfläche für Begierden.

Don´t look back [BluRay]
Sophie Marceau lebt mit Mann und Kindern in Paris. In ihrem Alltag stellt sie merkwürdige Veränderungen fest. Erst sind es Kleinigkeiten: Ein Küchentisch, der nicht mehr an der richtigen Stelle steht, oder ein umgeräumter Kleiderschrank. Das steigert sich aber schnell. Plötzlich kommt nicht mehr ihr Ehemann nach Hause, sondern ein Fremder. Und auch die Kinder sind nicht mehr ihre eigen. Schließlich muss sie im Spiegel mit ansehen, wie sie selbst sich in eine andere Frau (Monica Bellucci) verwandelt. Verwirrt macht sie sich auf die Suche nach dem Grund dieser Geschehnisse und findet ihn in Süditalien.

Noch so ein verquaster Arthouse-Quatsch. Viel zu lang zieht sich die Geschichte im Mittelteil, um dann mit einer geradezu einfältigen Auflösung um die Ecke zu kommen, die zu dem Zeitpunkt aber schon niemanden mehr interessiert. Als Zuschauer hat man sich nach dem gemächlichen Einstieg schon das Bild gemacht, das die Protagonistin geistig Krank ist, da erwartet man dann auch keine Erklärung mehr für. Und die „Erklärung“, die dann kommt ist genauso hanebüchen wir naiv.

Meine Güte, Sophie Marceau UND Monica Bellucci, DIE europäischen Göttinnen, zusammen in einem Film, kann man das versauen? Man kann, „Don´t look back“ ist der Beweis. Hätte als Kurzfilm funktioniert, auf Spielfilmlänge ist es Folter.

Stan & Olli [Prime Video]
1937 lag die Welt dem Komikerduo Laurel und Hardy zu Füßen. Ein paar Jahre später tingeln sie auf einer Tour durch England und spielen in halbleeren Pubs. Während Laurel davon träumt, noch einen großen „Stan & Olli“-Film zu machen, hat Hardy Probleme mit Ehefrauen, Spielsucht und seiner Gesundheit.

Langsam und gemächlich trottet dieser Film daher. Beeindrucken tut weniger die kaum vorhandene Geschichte, als vielmehr die Maske und wie die beiden Hauptdarsteller Stan & Olli channeln. Die Charakterstudien sind interessant anzusehen und zeigen die Menschen hinter „Dick und Doof“, Spektakel oder Drama darf man aber nicht erwarten.

Bild: NDR

Tatort: Gewitter im Kopf (ARD)
Ein Typ dreht durch und nimmt Kommissarin Lindholm als Geisel. Nur das beherzte Eingreifen von Kollegin Schmitz rettet der Kommissarin das Leben. Aber warum ist der Ex-Soldat ausgerastet? Und ist es wirklich eine Folge der posttraumatischen Belastungsstörung, das Schmitz den von ihr Getöteten immer wieder vor sich sieht? Gemeinsam ermitteln die beiden Frauen. Die Spur führt an die Göttinger Uni.

Das ist der zweite Tatort, der in meinem Wohnort Göttingen spielt. Die Stadt kommt aber praktisch nicht vor, und das ist auch gut so. Denn mit diesem Schund möchte niemand assoziiert werden. Spätestens wenn ein UniProf eine querschnittsgelähmte Bundeswehrsoldatin im Rollstuhl in den Hörsaal rollt und ernst verkündet „ihr Hirnimplantat kommuniziert mit Sensoren unterhalb der Fraktur, mit Bluetooth UND Infrarot“ hegt man den Verdacht, dass das Drehbuch nicht zu den allerbesten gehört.

Diese Vermutung verfestigt sich dann schnell zu der Gewissheit: Dieser „Tatort“ möchte ein Tech-Thriller sein, aber das Drehbuch wurde von einem Autor verfasst, der bis an die Arbeitsverweigerung faul ist, der keinen Bock hatte sich mit der Materie zu beschäftigen, der auf dem technischen Wissensstand von ungefähr 1987 ist und Physik immer geschwänzt hat.

Ständig fallen Sätze wie „Das ist gerichteter Schall. Der ist quasi wie Licht“, es wird mit USB-Sticks und Disketten hantiert und die fiesen Bösewichte fummeln in dunklen Räumen im Licht von blauen Monitoren an Joysticks herum. Dieser Tatort will Cyberpunk sein, muffelt aber nach Faxgerät. Selbst die besten Schauspielerinnen können die Szenen nicht glaubhaft spielen, die so unwürdig albern sind wie die Dialoge zum Fremdschämen hanebüchen. Das auf jeder Drehbuchseite ganz unmotiviert mindestens ein englischer Satz fallen muss, vermutlich weil der Autor das für töfte, freche Sprache hält, hilft auch nicht wirklich. Ich habe keine Ahnung wie so ein Drehbuchautor mit dem Grimmepreis ausgezeichnet werden konnte.

Zum Fremdschämen schlecht geschrieben und hölzern umgesetzt – nein, mit diesem miesen Dreck will man als Stadt nicht in Verbindung gebracht werden. Immerhin: Göttingen hat die beiden tollsten Kommissarinnen im deutschen Fernsehen. Hoffentlich bekommen sie in ihrem, bereits abgedrehten, dritten Fall eine Chance auch zu zeigen, was sie können.


Spielen:

Judgment [PS4]
Immer noch „Judgment“ (s. vergangener Monat). Das Spiel verkackt leider sein Pacing nach hinten raus.

Ab Stunde 23 wird die Hauptstory öde, weil sie darauf besteht, satte VIER MAL alle Sachverhalte nochmal auszuwalzen, bis auch der Dümmste den Plot verstanden hat. Die Erklärbärnummer zieht das Spiel drei Stunden durch, bis es endlich in das zweistündige Finale startet – was auch kein Höhepunkt der Unterhaltung mehr ist, sondern unverhältnismäßig lang gestreckt wirkt und im Verhältnis zu allen sonstigen Abschnitten sehr schwer ist.

Dank des vergurkten letzten Viertels behält man das Spiel als schleppend und langweilig in Erinnerung. Das tut ihm als Gesamtkunstwerk ein wenig Unrecht, ist aber leider eine Tatsache.

Draugen [PS4]
Norwegen, 1923. Ein Ruderboot gleitet durch einen stillen Fjord. An Bord: Der Amerikaner Edward Harder und sein Mündel Alice. Die beiden sind auf der Suche nach Edwards Schwester, die zuletzt in den kleinen Ort Graavik wollte. Als Edward und Alice in dem winzigen Ort eintreffen, finden sie ihn verlassen vor. Was ist hier passiert? Gemeinsam sammeln sie Hinweise und puzzlen so Stück für Stück die Chronologie einer Tragödie und ihrer eigenen Geschichte zusammen.

Ich schätze den Autor Ragnar Thornquist sehr. Der Kopf hinter „The Longest Journey“ und „The Secret World“ hat tolle Ideen und schreibt wirklich gute Geschichten, die meist sehr behäbig und textlastig daherkommen. Eigentlich genau das richtige für das Genre der Walking-Simulatoren, wie Draugen einer ist. Es gibt kein echtes Gameplay oder Rätsel, man folgt einfach wie auf Schienen der Erzählung. Das Indie-Spiel verlässt sich dabei ganz auf die Dialoge zwischen den Hauptfiguren und die Geschichte.

Leider hat der narrative Aufbau schwere Fehler. Weder Edward, durch dessen Augen wir die Geschichte erleben, noch Alice lernen wir zu Beginn kennen. Das ist Teil des Konzepts von Draugen, führte aber dazu, dass mir der Charakter der Alice von Anfang an egal war und im Verlauf nur begann zu nerven. Wenn die wichtigste Figur der Erzählung zu einem nervigen Faktor wird, funktioniert sie schon nicht mehr. Das im Mittelteil das Pacing noch auseinanderfällt, hilft ebenfalls nicht. Nach einer behäbigen Einleitung werden hier absurde Dinge am Stück rausgehauen, in denen dann die eigentliche Geschichte des Geheimnis von Graavik untergeht. Das Ende des überraschend kurzen Spiels präsentiert sich dann auch noch äußerst schwach und bietet keine definitiven Antworten auf die Frage, was wirklich in Graavik passiert. Das darf man sich selbst zurechtlegen, aber darum geht es zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr.

Kein Meilenstein der Erzählkunst also, und wegen der überaus kurzen Spielzeit von 3 bis 4 Stunden die 20 Euro im Vollpreis nicht wert. Im Sale kann man aber einen Blick drauf werfen.


Machen:
Motorrad wieder einwintern. Ansonsten: Isolation dank Corona.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Momentaufnahme: März 2020 (1)

Herr Silencer im März 2020

Die Welt fährt runter.

Coronabedingt sehr viel Medienkonsum diesen Monat, deshalb erstmalig die „Momentaufnahme“ in zwei Teilen.

Wetter: Bis Mitte des Monats mild und recht viel Regen, dann kein Niederschlag mehr und sehr sonnig, dafür abwechselnd brüllend warm (tagsüber 18 Grad) und sehr kalt (Monatsende nachts -7).


Lesen:

Frank Panthöfer: Winterflucht – Eine Motorradreise durch Spanien, Portugal und Marokko. [Kindle]
Die Kradvagebunden sind wieder unterwegs. Nach Ende ihrer Weltreise, die sie in zwei Büchern aufgearbeitet haben, versuchen Frank „Panny“ Panthöfer und Simone „Simon“ Dörner für sechs Monate dem Deutschen Winter zu entkommen. Im November geht´s los, bis ins Atlasgebirge von Marokko.

Nach den beiden Vorgängerbüchern „Licht- und Schattenseiten einer Weltreise“ wollte ich nie wieder was von den Kradvagabunden lesen. Jetzt bin ich doch schwach geworden und wurde schnell daran erinnert, warum ich mich verweigern wollte.

Frank Panthöfer, der sich zwischenzeitlich vorgenommen hat seinen Lebensunterhalt als Reisejournalist verdienen zu wollen, schreibt ernsthaft seine Reiseberichte so, dass ich davon schlechte Laune bekomme – das muss man auch erstmal hinkriegen.

Sowohl sein Schreibstil als auch über was er schreibt gefällt mir überhaupt nicht. Als Leser sieht man die Welt immer durch das Hirn des Autors, und das macht den Charme von Reiseberichten aus – wie erlebt der Autor Situationen? Wie reagiert er auf das Fremde, wie wirkt das auf ihn?

Leider steht in Panthöfers Welt ausschließlich Panthöfer im Mittelpunkt, und zwar primär seine körperlichen Bedürfnisse. Häufig geht es um wenig mehr als „Wo gibt´s Alkohol?“, „Wie war das Scheißhaus?“ und „Wie schlimm sind mir andere Menschen aus den Sack gegangen“. Für die eigentliche Reisebeschreibung bleibt oft nur ein Hinweis auf´s Wetter und ein „Ist schön hier“ – was genau daran jetzt aber toll ist, das wird nicht beschrieben. Die eigentlichen Fahrten werden häufig zusammengefasst mit „wir fressen Kilometer“, um dann am Ziel festzustellen „Ist vom Feinsten hier“. Aha. Reiseorga, Landschaften, Kultur oder Begegnungen mit anderen Menschen kommen bei Panthöfer nur am Rande oder gar nicht vor.

Klar, kann man machen, liest sich dann raubatzig. Das mag eingangs erfrischend sein, ist schnell aber nur ermüdend. Richtig ärgerlich ist dann aber die engstirnige Haltung, die durch die Texte immer wieder auf das Unangenehmste durchschimmert. Der Autor kann im richtigen Leben so eigentlich nicht sein, aber seine Texte lassen ihn an vielen Stellen als verbitterten Blockwart scheinen, dem andere Menschen in der Hauptsache auf die Nerven gehen – ganz egal ob europäische Wohnmobilbesitzer, einheimische Händler oder ausländische Autofahrer, alle sind unfähig und nerven. Die Wohnmobilfahrer stehen auch alle viel zu spät auf, und das, wo man von ihnen doch heißes Wasser für den Kaffee schnorren will. Ja, um sowas drehen sich die Texte ernsthaft. Da auch jeglicher Humor völlig abwesend ist, wirkt das unangenehm verbittert.

Die letzten 10 Prozent des Buchs drehen sich nur noch darum, das Panthöfer ja von überall arbeiten kann, weil er ja Reisejournalist ist und für Motorradzeitschriften schreibt und Vorträge hält. Und das man sein Buch doch bitte bei ihm kaufen soll, und nicht bei Amazon. Weil er ja Reisejournalist ist, und Geld brauchen kann, weil er ja alles selber machen muss. Das erklärt vielleicht auch die schlechte Formatierung des eBooks, dessen Fotos nicht skalieren und die Überschriften mit merkwürdigem Kontrast hinterlegt sind.

Die Kradvagabunden werden allerorten für ihre Werke bejubelt und hoch gelobt, ich bin von Panthöfer angenervt. Schreibstil, Themenauswahl, die völlig Abwesenheit von Humor und Emotionen (mit Ausnahme von Verbitterung und Ärger über andere), wenig relevante Informationen für eigene Reisen außer bereits veralteten Preisangaben – nein, ich wüsste nicht, warum jemand dieses Buch lesen sollte.

Wer gute Texte sucht, die einen auf Reisen mitnehmen, bei denen man vielleicht noch was lernt, aus denen man etwas über Menschen und Länder erfährt und bei dem der Autor sich auch mal doof anstellt oder Hindernisse überwinden muss, der liest sowas wie Lea Riecks „Sag dem Abenteuer, ich komme“. Oder verfolgt Nicki und Moe auf Moppedhiker. Oder dieses Blog hier. Immerhin schreibe ich genau so, wie ich mir Texte vorstelle, die ich gerne lesen würde. Klingt überheblich, ist aber so.


Hören:


Sehen:

Die Känguru Chroniken [Kino]
Marc-Uwe lebt mit einem Känguru zusammen. Das behauptet Kommunist zu sein, verhaut gerne Nazis und tritt nervige Hunde durch den Park. Gemeinsam verteidigen sie ihren Berliner Kietz gegen die Pläne eines Baumoguls, der nebenbei der Führer der rechtsextremen AZD ist.

Ich kann sagen: Ich habe den Film im Kino gesehen! Das haben nicht viele geschafft, oder, wie Autor Marc-UweKling es ausdrückt: „Das war der schlechteste Zeitpunkt für einen Filmstart seit dem zweiten Weltkrieg“. Auf Youtube spielt er deshalb den Film in einer angepassten „Coronoa-Version“ nach:

Ich liebe die mittlerweile vier Bücher um das Känguru, insbesondere die von Marc-Uwe Kling selbst gesprochenen Hörbücher. Die beinhalten Kurzgeschichten, die oft auf eine sehr clevere und sozialkritische Pointe hinauslaufen. Die Kunstform des Kängurus ist das Episodische. Kann das nun in einen Film übertragen werden?

In Erwartung von cringiger Fremdscham ging ich ins Kino, und wurde halb-positiv überrascht. Positiv, weil Kling und Regisseur Levi es geschafft haben, Elemente aus den Büchern in eine halbwegs kohärente Story zu packen, das computergenerierte Känguru OK umgesetzt ist und eine Metaebene eingezogen wurde, die, ähnlich den Fußnoten in den Büchern, öfter mal die vierte Wand durchlässig macht und stellenweise sehr spassig ist – etwa, wenn Känguru und Marc-Uwe sich im Off streiten und der Hauptdarsteller einfach mal den Audiokommentar abstellt. Oder wenn zur Vermeidung von Markenproblemen auf Gegenständen wie einer Milchtüte einfach „Filmmilch“ steht.

Nur so halb positiv war das Erleben, weil das Ganze dann doch extrem holpert und der Film sich auf zwei Elemente stützt, die im Buch kurz vorkommen, hier aber zum tragenden und durchgehenden Storybogen ausgebaut werden. Das funktioniert nur so mittel, zu überdreht und albern gibt Henry Hübchen dafür den rechtspopulistischen Baumogul Jörg Dwix und zu harmlos kommt das Ganze daher. Das Känguru in dieser Fassung ist genau das, was es in den Büchern immer befürchtet hat: Kein kommunistisches Känguru, sondern eher ein gemäßigt sozialdemokratisches Beuteltier. Immerhin schön: die vielen FCK A*D-Aufkleber im Film. Die werden unsere Faschos im Lande ärgern. Aber die sind eh nicht die Zielgruppe.

Parasite [Prime Video]
Südkorea. Ein junger Mann lebt mit Freundin und Familie in einem schäbigen Kellerloch. Die Sippe hängt vor ihren Handys, gammelt durch den Tag und hält sich durch das Falten von Pizzakartons über Wasser. Durch Zufall gelangt der junge Mann an eine Stelle als Englischlehrer im Haus eines reichen Geschäftsmannes. Die Chance nutzt er, um Stück für Stück seine Flodder-Familie in Positionen im Haushalt der Reichen unterzubringen.

Der Film kokettiert mit überraschenden Wendungen, die tonale Schwankungen mit sich bringen. Eben ist der Film noch Sozialdrama am Rand der Komödie, zwei Szenen weiter kommen Horrorelemente. Richtig sympathisch ist keine der Figuren, weder die satten Reichen noch die erfinderischen Habenichtse. Die dadurch entstehende, emotionale Distanz zum Zuschauer ist etwas Gutes – nur so kann der Film seine Wirkung entfalten, die als soziales Experiment zu beginnen scheint, ab der Mitte des Filmes aber in ungeahnte Richtungen abbiegt. Das Fehlen jeglichen moralischen Überbaus oder Zeigefingers macht den Film mindestens so erfrischend wie der Genremix. In meinen Augen keine vier Oscars wert, unterhaltsam aber alle mal.

Die Fahrt von London nach Peking [Prime Video]
Eine Gruppe Motorradfahrer bucht eine geführte Tour und fährt von London nach Peking. In 5 Episoden wird ihre Geschichte im Stil von „A long Way Round“ erzählt, nur scheißiger.

Ich finde diese Miniserie tief verstörend. Normalerweise finde ich es toll, Motorradreisenden auf Weltreise zuzusehen, aber dieses Ding hier verursacht körperliche Schmerzen. Das beginnt schon bei der Idee hinter der Reise: Da buchen Typen aus der ganzen Welt bei einem britischen Unternehmer eine geführte Fahrt und gehen dann tatsächlich mit der Grundhaltung „Ich habe hier bezahlt, ich will unterhalten werden“ da ran.

Die Teilnehmenden sind entweder wirklich alte Männer in ihren Sechzigern oder junge Arschgeigen, die sich benehmen wie die Axt im Walde. Die permanente „Paaart-teeeey!!!!“-Attitüde der Twentysomethings und des Organisators nervt ab Minute 1 und wächst sich schnell zu Fremdscham aus.

Klar zeigt ein Reisefilm immer nur Momentaufnahmen und arbeitet mit Vereinfachungen, aber die hier als unausstehliche Flötenköppe gezeigten Personen sind tatsächlich widerliche Flitzpiepen. Respektlos gegenüber anderen Menschen und Kulturen verarschen die Hohlbirnen Einheimische in der Mongolei, bringen Menschen in Usbekistan in Gefahr und belästigen Frauen in Tibet.

Dazu kommt: Bis auf den Fahrer des Versorgungsfahrzeugs und den Organisator selbst scheint keiner der Teilnehmenden auf die Herausforderungen vorbereitet zu sein, länger als 5 Minuten im Voraus zu planen oder auch nur Grundzüge von Kompetenz zu besitzen. Da wird absichtlich durch schlimmste Stromschnellen oder als unpassierbar gemeldete Pässe gefahren, versucht Bargeld zu schmuggeln oder Medikamente gegen Höhenkrankheit werden nicht genommen, um sich dann über Ausfälle an Maschinen und Menschen zu beklagen. Permanent bringen die inkompetenten Kretins sich und andere in Gefahr. Das ist so verantwortungslos und dumm, das es ganz, ganz schlimm ist. So sollte eine Weltreise nicht aussehen.

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Momentaufnahme: Februar 2020

Herr Silencer im Februar 2020

Schnief Röchel Krank

Wetter: Bedeckt, grau, Regen, aber auch durchgehend sehr warm bei 6 bis 18 Grad. Ein Winter ohne Schnee, sieht man mal von drei Flöckchen ab.


Lesen:

Shaun Tan: The Arrival
Auf die Häuser der Stadt fallen die Schatten von Monstern. Der Mann nimmt schweren Herzens Abschied von der Frau und dem Kind und reist auf einem Migrantenschiff in ein neues Land. Hier ist nichts so, wie er es kennt – statt Brot essen die Leute seltsam geformtes Gemüse, vierbeinige Maushunde werden in Blumentöpfen gehalten, und in Fabriken werden Seile um Katzenstatuen geknotet. Alles ist seltsam und beängstigend, und da der Mann die Sprache nicht beherrscht, kann er nur raten, was das alles bedeutet und imitieren, was er sieht. Im Laufe der Zeit findet er andere Ausgewanderte, die ihm ihre Geschichten von Krieg und Leid berichten.

Wenn man die Kurzzusammenfassung so liest, scheint die Geschichte sehr klar zu sein. Nur: Beim Lesen des Buches ist sie das nicht, denn die Geschichte wird ohne einen Buchstaben Text erzählt. Nur mit Bildern begleitet man den Mann auf seiner Reise in eine seltsame Bizarrowelt, die einem selbst genauso fremd ist wie dem Mann und die erst einmal überhaupt keinen Sinn ergibt.

Wenn man ohne Vorwissen an das Buch geht, begreift man erst im Laufe der Zeit: Was hier erzählt wird und was man gemeinsam mit dem Mann durchlebt, ist die universelle Geschichte aller Migrantinnen und Migranten. Die Heimat, die nicht mehr sicher ist. Das Zurücklassen geliebter Menschen. Der Versuch der Orientierung in einer Welt, in der alles fremd ist. Diese Geschichte erzählt „The Arrival“ in bizarr-abstrakten und trotzdem einfühlsamen Bildern, bei denen man manchmal schon zweimal überlegen muss, was einem der Autor jetzt wohl sagen wollte.

Wichtig an der Geschichte ist gar nicht das Happy End, sondern die Reise, die man als Leser mitmacht. Die führt einem im wahrsten Wortsinne vor Augen, wie es ist in eine Welt geworfen zu werden, die man mit seinem erlernten Wissen nicht dekodieren kann. Das ist oft frustrierend, manchmal lustig, vor allem aber nie langweilig. Ein lehrreiches und kluges Buch.


Hören:


Sehen:

Bin krank gewesen, deshalb Zeit gehabt viel zu gucken – u.a. 150 Folgen einer alten Serie:

Malcolm mittendrin [Amazon Prime]
Malcolm ist hochbegabt, was ihn in seiner Familie zum Außenseiter macht. Seine drei Brüder sind entweder Faulpelze, Schläger oder schräg drauf, Mama Louis ist eine dauerwütende Furie, die irgendwie versucht die Familie über Wasser zu halten und Vater Hal ist ein Tagträumer. Malcolm ist ein Teil dieser Familie, sehnt sicher aber nach was besserem. Als ihm das in Form einer Begabtenförderung ermöglicht wird, fühlt er sich dort aber auch fehl am Platz. Malcolm herausstechendster Charakterzug: Er kann mit allem und immer unzufrieden sein.

Als ich im Jahr 2000 das erste Mal eine Episode von „Malcolm“ sah, war ich sofort fasziniert. Die Serie ist schnell geschnitten, wie ein Spielfilm gefilmt und überaus clever geschrieben. Das besondere: Sie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Geht es in der ersten Staffel hauptsächlich um Malcolm, rückt der Fokus schnell von ihm. Im Laufe von 7 Staffeln und 151 Episoden geht es immer wieder um den Freundeskreis, Nachbarn, die Großeltern oder die Kollegen von Mutter Louis. Im Mittelpunkt steht immer Malcolms Nachnamenlose Familie, und von der lebt die Serie. Obwohl überzogen, sind die Figuren echte Charaktere mit tiefen Überzeugungen, für die der Zusammenhalt nie in Frage gestellt wird. Die Art und Weise der Umsetzung sucht man bei TV-Serien sonst vergeblich, und zudem gehen die Drehbücher geradezu liebevoll mit ihren Figuren um. So wird im Verlauf der Serie auch klar, dass Malcolm eben nicht das einzige Genie der Familie ist, oder das Hal seiner Louis bedingungslos verfallen ist, was sich in tapsiger Hilflosigkeit manifestiert.

Dazu kommen exzellente Schauspieler. Gerade Bryan Cranston fällt hier auf, und wenn man weiß, dass er einige Zeit später den vielschichtigen und skrupelosen „Heisenberg“ in Breaking Bad spielen wird, kann man seinen trotteligen Familienvater noch mehr genießen.

Tolle Serie, die wirklich permanent und bis zum Ende interessant und lustig ist.

Solino (2002) [DVD]
1964: Die junge Familie Amato zieht vom bitterarmen Apulien ins Ruhrgebiet und versucht sich dort eine Existenz aufzubauen. Für den Vater ist bald klar: Unter Tage im Dreck schuften, das ist nichts für ihn. Aber seine Ehefrau ist eine gute Köchin und das Ruhrgebiet ist voller italienischer Gastarbeiter, die keine Frauen haben, die sie „richtig“ bekochen. So eröffnet die Familie ein Restaurant, das sie nach ihrem Heimatort „Solino“ benennen. Die Jahre vergehen, die beiden Söhne der Familie werden erwachsen. Während der eine nur Knepe im Kopf hat, will der andere Filmemacher werden. Aber es kommt andersrum.

Er sehe seine Filme und sich selbst „zwischen Arthaus und Mainstream“, sagte Fatih Akin einmal in einem Interview. Das klingt sehr nett, bedeutet aber im Kern „Kann nichts richtig und gibt sich dabei auch noch nicht mal Mühe“.

Im Fall von „Solino“ weiß ich gar nicht, wo ich mit der Kritik anfangen soll. Die Prämisse des Films ist hochinteressant – italienische Gastarbeiter in Deutschland. Was hätte man daraus machen können! Man hätte die Integrationsprobleme beleuchten können! Oder ergründen, was es mit Leuten macht, die aus ihrer Heimat weg müssen. Oder sich ansehen wie die Kinder damit umgehen, das sie besser integriert sind als die Eltern.

All das macht „Solino“ nicht, und ich habe keine Ahnung, was der Film eigentlich stattdessen will. Er interessiert sich nicht ernsthaft für die Migrationsgeschichte der Familie. Er legt aber auch keinen Wert auf seine Charaktere, von denen zumindest die Söhne fehlbesetzt sind – Moritz Bleibtreu spielt hier allen Ernstes mit 31 einen Anfang Zwanzigjährigen, und Barnaby Metschurat guckt die ganze Zeit über, als ob er selbst nicht weiß, was er in dem Film eigentlich soll. Dabei haben die Figuren keinerlei Tiefe, sondern behaupten stets nur Dinge oder handeln so stereotyp, das sie zum Klischee verkommen.

Die Geschichte ist nicht besser. Episodenhafte Szenen mäandern irgendwie hintereinander her, ohne Bezug, ohne erkennbare Entwicklung, ohne erzählerisches Gehalt. Eine Handlung gibt es kaum, der lose rote Faden kann einzelne Szenen selten zu etwas Sinnvollem verbinden. Gut sind einzig Ausstattung und Sets, die Zeitperioden 1964-1974-1984 sind gut dargestellt.

Ich glaube, das hier mal wieder eine gute Idee Filmförderung abgegriffen hat. Dann hat der Regisseur seine Lieblingsbuddies zusammengeholt, coole Sets bauen lassen und dann wurde mehr oder weniger irgendwas hinimprovisiert. Mit einem ausgefeilten und fokussierten Drehbuch hätte „Solino“ ein sehr cooler Film werden können. So ist er irgendwas zwischen den Stühlen – zu banal für Arthouse, zu langweilig für Mainstream.

Mr. & Mrs. Smith (2005) [Bluray]
Angelina Jolie und Brad Pitt leben den amerikanischen Vorort-Traum. Er ist Architekt, sie Rechtsanwältin, zusammen lebt das junge Paar in einem Haus, das direkt aus einem Werbekatalog gefallen sein könnte. Das perfekte Leben langweilt die beiden in die Paartherapie hinein. Bis sie herausfinden, dass der jeweils andere für einen Geheimdienst arbeitet. Jetzt versuchen die beiden sich umzubringen.

Dieser Film ist dumm. Kann man nicht anders sagen. Drehbuch: Dumm. Kamera: Dumm. Musik: Dumm. Aber Dumm knallt gut, und davon lebt „Mr & Mrs Smith“: Er vereint mit den beiden Hauptdarstellern die schönsten Menschen ihrer Zeit auf dem Zenit ihrer Laufbahnen und setzt sie wunderschön in Szene – um dann mit Genuß alles zu zerlegen. Einfamilienhäuser werden hier genauso in die Luft gejagt wie Shoppingmalls oder Geländewagen. Der Film lebt von einem „Brangelina“-Fetisch und der puren Lust an der Destruktion uramerikanicher Geborgenheitssymbole.

Knight & Day (2010) [Bluray]
Cameron Diaz besteigt ein Flugzeug. Sie geht kurz auf´s Klo, und als sie zurückkommt, sind alle an Bord bis auf Tom Cruise tot und das Flugzeug stürzt ab. Diaz überlebt, wird aber daraufhin von Tom Cruise gestalkt und Geheimdiensten verfolgt.

Seltsamer, kleiner Sommerblockbuster, der schon dadurch nervt, das Tom Cruise hier spielt, als hätte er wieder seine Glücklichpillen eingeworfen und wäre gerade fünf Minuten auf der Couch herumgehopst. So grimassiert er sich durch unglaubwürdige Actionszenen, während Cameron Diaz meist nur entgeistert guckt.
Interessant: Ich habe den Film jetzt schon zum dritten Mal gesehen und kann mir immer nicht behalten, um was es eigentlich geht. Spricht nicht für die Story.


Spielen:

Judgment [PS4]
Vor drei Jahren war Takayuki „Tak“ Yagami der gefeierte Shootingstar unter den Rechtsanwälten von Tokyo. Dann erwirkte er einen Freispruch für einen Mann, der unmittelbar nach seiner Entlassung seine Freundin ermordetet. Yagami gab sich daran die Schuld und legte seine Rechtsanwaltslizenz nieder.

Jetzt ist er ein Privatermittler, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Bei einem davon bewahrt er einen Yakuza-Captain vor einer Mordanklage, doch der eröffnet zum Dank die Jagd auf Yagami. Der Detektiv ermittelt auf eigene Faust weiter, aber noch bevor er einer riesigen Verschwörung rund um Alzheimermedikamente, Korruption und Bauspekulation auf die Spur kommen kann, gerät er selbst unter Mordverdacht. Nun sind sowohl Yakuza als auch Staatsanwaltschaft hinter ihm her.

Wieder in den Straßen von Tokios Rotlichtviertel Kamurocho, aber dieses Mal nicht als Ex-Yakuza Kiryu Kazuma. „Judgment“ ist ein Spin-Off der mittlerweile acht Spiele umfassenden „Yakuza“-Serie und teilt sich nur grundlegende Mechaniken und den Schauplatz mit der Hauptreihe. Der junge und agile Takayuki Yagami ist wirklich ein ganz anderer Charakter als der stoische Ex-Yakuza, der sich bewegt und verhält wie ein Panzer.

Zwar ist Yagamis Vorgschichte der von Billy Bob Thorntons Rechtsanwalt in der Serie „Goliath“ verdächtig ähnlich, aber es macht Spaß, den energiegeladenen, beinharten und überaus cleveren Jungspund zu spielen.

Das Stadtviertel ist natürlich wieder komplett Assetrecycling aus den neueren Yakuza-Teilen, aber das ist nicht schlimm. Ich mag die kleine Open-World von Kamurocho, das nur aus wenigen, aber lebendigen und detaillierten Straßenzügen besteht, lieber als die gigantischen Welten eines „Odyssey“, in denen nichts passiert. Schön auch, das neue Gameplayelemente eingeführt werden, die bei „Yakuza“ fehl am Platze wären, wie ein spielinternes Twitter, eine Überwachungsdrohne oder spannende Schleich- und Renneinlagen. Die Geschichte selbst ist interessant und voller Wendungen, wie ein guter, 25 Stunden langer Krimi. Sie zieht sich aber im Mittelteil teils sehr in die Länge. Hier fällt einfach zu viel „Legwork“ an, ständig rennt man von A nach B. Trotzdem lege ich mich mal fest: „Judgment“ ist atmosphärisch einer der dichtesten Teile des Yakuza-Universums, und das hängt maßgeblich an der ernsten Story und den gut ausgearbeiteten Charakteren.


Machen:
Die Sommerreise mit dem Motorrad planen.


Neues Spielzeug:

Eine Tasche für die Rückbank der V-Strom, ein Basepack XS der Schweizer Firma Enduristan. Nachdem ich im vergangenen Monat schon dachte, ich hätte genau die perfekte Tasche für meine Regenkombi gefunden, da machte mich Olpo mich hierauf aufmerksam.

Das Basepack ist mit 6,5 Litern Volumen sehr handlich. Es ist zwar nicht so flexibel wie die Ortlieb-Rolle, schließt auch nicht luftdicht und lässt sich nicht vakuumieren, hat dafür hat es eine bessere Befestigung und ist um Welten wertiger gearbeitet. Das rechtfertigt auch den ordentlichen Preis von fast 50 Euro. Zukünftig werden Pac-Netz, Luftpumpe und Regenkombi also darin auf dem Soziasitz mitreisen.

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Momentaufnahme: Januar 2020

Herr Silencer im Januar 2020

Wetter: Viel zu warm (wärmster Januar seit Beginn der Aufzeichnungen). Anfang des Monats 4 bis 10 Grad und regnerisch, in der zweiten Monatshälfte einige Tage mit bei -3 bis -5 Grad nachts moderat kalt, den Rest des Monats mit 6 bis 10 Grad wieder fast frühlingshaft. Kein Schnee.


Lesen:

Battle Angel Alita, Vol. 3, 4 & 5
Während Alitas Rollerball-Abenteuer ist ihr Berserker-Körper abhanden gekommen. Die mächtige Waffe gelangt dank Dr. Nova ausgerechnet in die Finger von Zapan, der mittlerweile vor Racheglüsten verrückt geworden ist. Beim Kampf gegen ihn wird Ziehvater Ido getötet und Alita zerstört. Kurz vor dem Hirntod wird sie von Zalem gerettet, muss zukünftig aber für die fliegende Stadt arbeiten. Das genießt sie sogar, als hochgerüstete Killermaschine gibt sie gerne ihren Kampfinstinkten nach und zerlegt mittels „Panzerkunst“ alle, die sich ihr auf der Jagd nach Dr. Nova in den Weg stellen. Bis sie in der Wüste jenseits des Schrottplatzes Rebellen findet, die einen Angriff auf Salem planen. Der geht schief. Kurze Zeit später explodiert Alita unvermittelt und ohne jegliche Motivation, und damit endet die Geschichte.

Ach je, was war DAS denn? Ab Band 3 verlässt man als Leser endgültig das Terrain, an dem sich der Film abgearbeitet hat. Nach dem mauen Beginn und dem langweiligen Ausflug in die Welt des Rollerball-Sports in den ersten beiden Büchern betritt nun eine neue Handlung unbekannte Gefilde und klappert der Reihe nach verschiedene Genres ab, wobei Einflüsse der Zeit stets zu spüren sind. Band 3 bspw. ist eine Körper-Horror-Story und bedient sich stark bei der Ästhetik von H.R. Giger und Aliens, Band 4 ist ein Roadtrip in der Wüste und kupfert bei bei Mad Max ab, Band 5 enthält eine Geschichte im genau kopierten Stil von Frank Millers „Sin City“. Grundlegende Probleme bleiben dabei – nach wie vor sind die Ideen, nicht aber deren Umsetzung gut. Und manches ist halt nur da, weil es cool ist, nicht, weil es Sinn ergibt – wie die Tatsache, dass Alita zu Beginn einer Story plötzlich Musikerin ist.

Ab Band Vier wird zumindest die ganz krude Stückelung etwas besser: Statt von Storybeats wird die Erzählung um die Rebellen und Alitas Jagd nach Idos Mörder charaktergetrieben erzählt. Ausrutscher gibt es dabei zwar immer noch („Alita in einem Hochzeitskleid, das wäre doch cool, wie verbiegen wir die Story so, dass wir dieses Bild hinbekommen?“), aber zumindest sind die in eine kontinuierliche Erzählung eingewoben und stehen als Selbstzweck nicht mehr völlig allein. Da jetzt auch die Zeichnungen auf einem vernünftigen Niveau angekommen sind, begann ich langsam zu begreifen, was die Fans in „Alita“ sehen – und dann war die Serie plötzlich und unvermittelt vorbei. Alita wird einfach gesprengt, aus die Maus.

Seinerzeit hatten sich wohl Verlag und Autor überworfen, der Zeichner bekam Burnout und alles musste schnell enden. In Band 5 wird die Story dann zwar noch kurz fortgesetzt, aber das recht seltsam und wohl auch nicht im Kanon, denn Jahre später kam mit „Last Order“ ein Sequel, das keinen Bezug mehr auf das Ende hier nimmt. Den Rest des Bandes 5 und den 6. Band füllen Anthologiestories, die aber allesamt doof oder langweilig sind oder die es nur gibt, weil der Zeichner mal Frank Miller nachmachen wollte.

In der Summe muss ich sagen: Das hat sich nicht gelohnt. Seit einem Monat lese ich an dem Kram rum, und weder die investierte Zeit noch der finanzielle Aufwand waren es wert. Obwohl „Alita“ seinerzeit als Zielgruppe japanische Büroangestellte Mitte 30 anvisierte, sind die Geschichten nicht erwachsen. Das ging auch damals schon anders, wie Neil Gaimans „Sandman“ zeigt. Die originale „Alita“ ist dagegen narrativ ein plan- und mutloses Durcheinander, das in seiner Naivität geradezu ärgerlich dumm daherkommt und handwerklich auf sehr bescheidenem Niveau umgesetzt wurde.


Hören:


Sehen:

Bild: RTL

Ich bin ein Star – holt mich hier raus! [TV]
Ein Mal im Jahr mache ich dann doch noch den Fernseher an! Allerdings war diese 14. Staffel des Dschungelcamps es kaum wert, den alten Röhrenfernseher anzuheizen.

Zu fixiert war die Regie von Anfang an auf Danni Büchner, eine unerträgliche Person, die sich nur über ihre Rollen als Mutter und Witwe definierte und als personifizierte Unfähigkeit und Wehleidigkeit daherkam. Permanent beteuerte sie „nur im Dschungel zu sein, weil sie ihrem verstorbenen Mann das auf dem Totenbett versprochen“ habe und „eine gute Mutter sein und Geld für ihre Kinder verdienen“ wolle. Gut, da fallen einem auf Anhieb 3.000 andere Möglichkeiten ein, aber nun.

Danni Büchner verkörpert alles, was ich an Charakterzügen in anderen Personen hasse: Ständiges sich-selbst-Bemitleiden in Kombination mit permanenter Jammerei, dass nur sie es so schwer habe und an ihrem Unglück stets jemand anders, aber nie sie selbst schuld hat. Quasi ein personifizierter Jammerlappen. Sowas kann ich ähnlich gut ertragen wie das Geräusch eines Bohrers beim Zahnarzt.

Blitzartig raus war Ex-Verkehrsminister Günther Krause. Bei dem verurteilten Betrüger und Steuerhinterzieher, der mittlerweile verrückt geworden ist und sich gerne mit „Herr Professor“ anreden lässt, fragte man sich ohnehin von Anfang an, was der da wollte. Allerdings nicht lange, denn aus gesundheitlichen Problemen war der 66jährige Insolvenzverschlepper schon vor der ersten regulären Folge wieder weg.

Sonja Kirchberger war vermutlich noch die bekannteste Person im Camp und sorgte für leidliches Amüsement, weil sich die mittlerweile 55jährige „Venusfalle“ als völlig verpeilte Esoterikerin rausstellte, die so weltfremd ist, dass sie nicht mal eine Schraubendreher als solchen erkennt.

Angenehmer Kontrapunkt in einem Camp, das sich in erster Linie um tränenreiche und jammerlappige Reflektion der eigenen Lebensumstände kümmerte (und schon deshalb wenig Unterhaltungswert bot) war Elena Miras, die sich über ein tiefes Dekolléte zwischen gut gemachten Brüsten und gelegentliche Wutausbrüche definierte, wegen fortgesetzten Kackgebratzes aber schon zur Mitte hin rausgewählt wurde. Schade.

Ansonsten gab es egale Charaktere, Irgendein Marco und diverse Raouls, Trödel-Ottos und Hab-ich-vergessen, eine farblose und radebrechende Instagrämerin, die Ex vom Wendler und Ex-Boxer Sven Ottke. Mit Toni Trips und „Prince Damien“ waren zudem zwei Personen dabei, die so schlichte und dabei gleichzeitig überdrehte Gemüter aufwiesen, dass man RTL darin erinnern möchte, dass es nicht statthaft ist, geistig Zurückgebliebene oder Kinder für Unterhaltungszwecke zu benutzen. Der Logik vergangener Staffeln folgend wurde am Ende der Mensch mit dem schlichtesten Wesen und dem niedigsten IQ, der stets gut gelaunte „Dämien“, Dschungelkönig.

Bild: Nicola Wefers / Theater im OP

Traumnovelle [Theater im OP]
Fridolin ist ein angesehener Arzt mit liebender Familie. Eines Nachts wird er zu einem Notfall gerufen, auf dem Nachhauseweg hat er eine Reihe seltsamer Begegnungen. Nachdem er Schlägern und Prostituierten über den Weg gelaufen ist, trifft er in einem Club einen alten Bekannten wieder. Der erzählt ihm von geheimnisvollen Maskenparties. Fridolin schleicht sich auf eine dieser Partya und wird Zeuge eines Sexkults, bei dem BDSM-Orgien sogar zu Toten führen. Fridolin entkommt und flieht zu seiner Frau, die ihm deutlich macht, dass seine Fürsorge sie entmündigt und sie ihn dafür verachtet.

Seltsames Ding, diese „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler. „Eyes Wide Shut“, die Verfilmung von Kubrik, habe ich nicht verstanden. Das ThOP-Stück ist da besser verständlich und schön inszeniert. Allein der Einsatz von Musik und Soundkulissen ist ungewöhnlich und erzeugt genau die intentierten Gefühle bei den Zuschauern. Das Stück wirkt beklemmend und düster in den Szenen, wo es das auch sein muss. Eine interpretatorische Deutung ist trotzdem nicht leicht, weil die Rahmenhandlung (die Ehe) nicht viel mit den Ereignissen der Nacht zu tun hat – und die Bezüge zueinander eher Twin-Peaksesk verwirrend sind.


Spielen:

Yakuza 3 [PS4]
Ein Jahr nach den Ereignissen von Yakuza 2: Kiryu Kazuma, der Yakuza-Aussteiger mit dem martialischen Beinamen „Drache von Dojima“, hat Tokyo den Rücken gekehrt und leitet nun ein kleines Waisenhaus auf der Insel Okinawa. Unversehens kommt er aber doch wieder in Kontakt mit der Unterwelt. Das Grundstück, auf dem Kiryus Waisenhaus steht, soll einer Militärbasis weichen. Da die Politiker der Insel gemeinsame Sache mit den Yakuza machen, muss Kiryu zurück nach Tokyo und mal klären, was da eigentlich Phase ist.

Yakuza 3 für die Playstation 4 ist leider kein Remake, wie die beiden direkten Vorgänger, sondern lediglich ein Remaster der 2009er Fassung für die PS3, und die galt bei Erscheinen schon als pottenhässlich und antiquiert.

Die 2019er-PS4 Version nutzt exakt die Engine und Assets der PS3, läuft aber nun auf 1080p bei 60 FPS. Das ändert aber nichts daran, dass die Texturen verwaschen und niedrig aufgelöst sind und alles comichaft und plasticky aussieht. In den 90ern wäre sowas toll gewesen, im neuen Jahrtausend nicht. Dazu nervt das Gameplay mit ungelenkem und trägem Kampfsystem.

Die Story ist normalerweise bei Yakuza-Spielen immer das Highlight, aber auch die ist bei „Yakuza 3“ nicht die dollste. Sie braucht Ewigkeiten um in Fahrt zu kommen, und bis endlich was passiert, muss sich der Hauptcharakter um die Belange und die Erziehung der Waisenkinder kümmern. Kochen, Hausaufgaben, erster Liebeskummer, Geldnöte, Baseballspielen, einen Hund dressieren… Das klingt nett, dauert aber viel zu lange.

Mehr als acht Spielstunden verbringt man mit Babysitten und Nebengeschichten, bis Kiryu endlich in das Rotlichtviertel von Tokyo zurückkehrt und die Story langsam losgeht. Die Intention ist klar: Die Ziehkinder sollen einem ans Herz wachsen und Kiryus fürsorgliche Seite charakterisiert werden. Nach 8 Stunden waren mir aber die nervigen Blagen nicht nur nicht ans Herz gewachsen, sondern ich habe sie inbrünstig gehasst und wollte nur noch, dass sie meine Spielfigur in Ruhe lassen. Aber anstatt das sich Kiryu einfach in den Flieger setzt und endlich abhaut, kommt jedes der doofen Arschlochkinder kurz vor dem Abflug nochmal mit einer zum erbrechen langen Questkette angeschissen, bis man die nur noch aus den Sandalen treten und „Lasst mich endlich in Ruhe!!!“ schreien möchte.

In der Summe ist „Yakuza 3“ anders als seine Vorgänger, aber anders heißt hier nicht besser, sondern ätzend nervig und langweilig.


Machen:
Die Sommerreise mit dem Motorrad planen, Bus fahren.


Neues Spielzeug:

Mich hat das Fernweh gepackt, das merkt man an den Anschaffungen.

PacSafe Netz
Von Pacsafe kannte ich bislang nur die drahtverstärkten und messerfesten Rucksäcke. Dass es von denen auch Netze aus Stahldraht gibt, die man über Gepäck legen kann, war mir neu, bis Olpo darauf hinwies. Nach einigen Fehlversuchen habe ich nun die richtige Größe gefunden. Damit kann die Airbagjacke in Zukunft gesichert am Motorrad zurückbleiben. Sehr schön!

Bild: Touratech

Touratech PS17 Gepäckrolle
Im vergangenen Jahr fand ich es schon ziemlich super, die Regenkombi zusammengerollt auf der Rückbank spazieren zu fahren. Eingepackt hatte ich die in einen transparenten Vakuumbeutel, der aber nicht für den Außeneinsatz gemacht war und die Sonne nicht abkonnte. Der kleine PS17-Beutel von Ortlieb fasst 13 Liter, hat einen Rollverschluss und ist wasser- und staubdicht. Da hinein kann die Regenkombi und das Pacsafe-Netz. Das Ganze wird dann von einem neuen Paar Rokstraps gesichert.

Bild: Heroclip

Heroclip
Ein Heroclip ist ein Karabinerhaken, der sich auseinander falten lässt. An den dadurch entstehenden, um 360 Grad drehbaren, S-Haken kann man allen möglichen Kram dranhängen. Sowas suche ich schon seit Ewigkeiten für meinen Kulturbeutel. Gibt es in drei Größen, von S für den Kulturbeutel über M zum Aufhängen ganzer Rucksäcke bis L, der so groß ist, dass man damit Fahräder an Mauern hängen könnte, wenn man das wollte.

Bild: Teufel.ch

Teufel Decoderstation 7
Seit 1997 schleppe ich ein 5.1 System aus einem Teufel Concept E und einer Decoderstation 3 mit mir rum. Und plötzlich, am vergangenen Freitag, sagt das Ding keinen Mucks mehr. Decoderstation ist tot. Die sorgte leider für alle Anschlüsse. Das hieß: Kein TV, keine PS4, kein Filmegucken. So ein Teil gibt es leider auch nicht mehr zu kaufen. Und nun? Ein moderner AV-Receiver kann zwar alles, was die Decoderstation konnte, aber dafür hätte ich mein ganzes Wohnzimmer neu verkabeln müssen. Also auf Ebay geguckt und den Ur-Ur-Urenkel, eine Decoderstation 7 von 2018, erstanden. Zwar ohne Antennen und Fernbedienung, aber funktionabel. Denn Film wird durch Ton erst richtig schön.

Bild: Nuud

Nuud
Seit Ende Dezember habe ich Nuud im Test, ein nicht riechendes Deo, aber kein Antitranspirant. Hat mich der Max drauf gebracht. Wer sich schon immer mal gefragt hat, was moderne Motorradfahrer so im Winter treiben: Sie tauschen sich über Deo aus. Demnächst mehr.

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