Momentaufnahme

Momentaufnahme: September 2021

Herr Silencer im September2021

Wort des Monats:

Wetter: Der Monat beginnt einstellig kalt und neblig. Das fühlt sich schon sehr nach Herbst an. Bis Monatsmitte tagsüber nochmal über 20, aber morgens jeweils so um die 10 Grad. Alles leugnen hilft nichts: Der Sommer ist vorbei. Ab dem 20. bin ich in Südeuropa: Auch hier nachts schon recht kühl, tagsüber stürmisch und etwas über 20 Grad.


Lesen:

Andy Weir: Project Hail Mary

Ein Mann wacht an Bord eines Raumschiffs auf. Allein, ohne Erinnerung, aber mit guten Mathekenntnissen. Nach und nach rechnet er sich zusammen was er da macht und warum er die letzte Chance der Menschheit ist.

Eine allerletzte Chance auf einen Treffer im Baseball wird im amerikanischen „Hail Mary“ genannt, und man muss sich kulturell schon gut auskennen, um als nicht-Ami diese Bedeutung des Buchtitels zu verstehen. Genauso sperrig wie der Titel gibt sich zunächst auch der Inhalt, denn so fein es ist, dass der Protagonist weiß wie man Entfernungen und Schwerkraft berechnet, ihn Seitenweise dabei zu begleiten ist dann nicht so die Lesefreude.

Aber dann stellt sich raus: Das war nur ein sehr sorgfältiges Setup, um eine Bombe von einer Story von der Leine zu lassen. Plötzlich passieren Dinge, die mir den Mund haben offen stehen lassen. Mehrfach. Dann die Erkenntnis: Die Geschichte ist meisterlich gebaut. Handwerklich und kreativ ist das hier ein Niveau, bei dem man niederknien muss.

Ich habe dieses Buch verschlungen, und sowas ist mit schon sehr lange nicht mehr passiert. Das hier ist Science Fiction in ihrer puren Form. Science, weil alles, was da zusammenfiktionalisert wird, wissenschaftlich so funktionieren könnte. Ein wirklich, wirklich gutes Buch. Jeder, der Wissenschaft im Weltall mag, muss dieses Buch gelesen haben.

Im Deutschen heißt das Werk übrigens „der Astronaut“, vermutlich weil der Titel eine schöne Reihung zum Vorgänger, „Der Marsianer“, ergibt.


Hören:

Gamespodcast: Mass Effect Madness!
Jochen Gebauer und André Peschke spielen alle drei Teile von „Mass Effect“ und besprechen die in einem 30-teiligen „En Detail“.

Großer Spaß: Ich spiele selbst Mass Effect und höre danach, was die beiden Spielejournalisten so erlebt haben. Das beschreiben sie detailliert und äußerst kurzweilig, auch wenn die beiden nicht immer richtig liegen. Aber allein das Projekt, Mass Effect 1 bis 3 in einer so um die 50 Stunden dauernden Detailrezension zu besprechen – großartig! Solchen Journalismus finanziere ich gerne.


Sehen:

Joker [2019, Netflix]
Arthur Fleck neigt zu Gewalt, hat Daddy-Issues, Zwangsstörungen, ist ein Arschloch und hat generell nicht alle Latten am Zaun, will aber Comedian werden. Als das nicht klappt, schießt er um sich.

Unerträglich prätentiöse Darstellung von Joaquin Phoenix, der jede Gelegenheit nutzt, um das komplette Übungsrepertoire an Grimassen und expressionistischen Verrenkungen aus der Schauspielschule auf- und seinen halbnackten Körper vorzuführen. Ein Schauspieler-Vehikel, und zwar eines von der richtig ekligen Sorte. Story ist völlig vorhersehbar, generell alles totlangweilig und banal, verpackt in leicht kryptische Darstellung. Merke: Wenn etwas unverständlich ist, muss es nicht Kunst sein – es kann auch einfach nur dämlich sein. Das ist dieser „Joker“. Keine Ahnung, warum dieser Film so abgefeiert wurde

Reality Bites [1994, DVD]
Winona Ryder hat ihren Uniabschluss in der Tasche, hangelt sich von Praktikum zu Praktikum und wohnt in einer WG mit Freunden, die alle eigene Probleme haben.

Handlung: Belanglos. Was hier interessant ist: Der Film zeigt sehr zugespitzt das Dilemma meiner Generation, der Generation X.

Gut ausgebildet gestartet und mit großen Ambitionen ausgestattet, die letztlich aber für viele von uns eingedampft wurden. Die übermächtigen Boomer hatten ihre Strukturen und nutzen die zur Ausbeutung, was am Ende zur Erkenntnis führte: Wir sind die erste Nachkriegskohorte, die weniger soziale und berufliche Chancen haben würde als unsere Vorgänger. Das erklärt der Film sehr schön und macht deutlich, warum viele von uns eine pessimistische Weltsicht pflegen und sich in Sarkasmus und schlechte Laune geflüchtet haben.

Achso, und natürlich: Winona Ryder. Eine der vier schönsten Schauspielerinnen der Welt. „Wenn Sie spielt, sieht man ihre Seele in ihren Augen“ hat mal jemand gesagt und ja, das stimmt.

Sneakers [1992, BluRay]
Robert Redford und Dan Akroyd sind Sicherheitsspezialisten mit shady Vergangenheit und auf der Jagd nach einem McGuffin. Kaum haben sie ihn, werden sie selbst gejagt.

Seltsamer kleiner Film. Schön gespielt, mäßig spannend, teils unerträgliche unpassende Düdelmusik. Aber: Interessant, weil er Themen vorweg nimmt, die 5 Jahre später erst so richtig gegriffen hätten. Der Film dreht sich nämlich ums hacken, und das in einer Zeit, als es kein ziviles Internet oder vernetzte Geräte gab. Folgerichtig wird analog gehackt, mit Tonbändern und Charme. Das ist nostalgisch anzusehen.


Spielen:

Mass Effect 3 [PS5, 2021 Remaster]
Die Reaper sind da! Die hochhausgroßen Maschinenwesen überfallen… Vancouver? Dooferweise hat sich niemand auf die Ankunft der Maschinenwesen, die alle 50.000 Jahre das Leben in unserer Galaxis ernten, vorbereitet.

Nun ist es an Shepherd, die Verteidigung zu übernehmen. Dazu muss eine Allianz aus allen Spezies geformt werden, und da jede Rasse gerade mit sich beschäftigt ist, stellt sich das als nicht so einfach heraus. Zum Glück ist da noch ein McGuffin, von dem niemand weiß, was er eigentlich macht, der aber unbedingt gebaut werden muss.

Ach man. Ich wusste nichts mehr von ME3, außer, dass das Ende so schlecht war, dass es mir die ganze Trilogie versaut hat. Da traf man im Verlauf von drei Spielen hammerschwere moralische Entscheidungen, die allesamt Auswirkungen haben sollten – und dann stand man am Ende vor der Wahl einen von drei Schaltern zu drücken und damit die gleiche Cutscene in blau, rot oder grün zu hinterlegen.

Da im Verlauf des Spiels auch deutlich wurde, das die (neuen) Autoren ihre eigene Story oder der Lore der Vorgängerspiele und -bücher nicht mehr interessierte, fühlte sich das so billig und enttäuschend an, dass ich das Game nach dem ersten Spielen 2012 nie wieder angefasst habe.

Hätte ich es mal getan, denn nachdem Hersteller Bioware einen Shitstorm aus o.g. Gründen erlebte, wurde schnell DLC nachgeschoben, in dem das Ende und die Story besser erklärt wurden. Diese Zusatzpakete sind in der „Legendary Edition“ enthalten und machen das Spiel wirklich wesentlich besser.

Klar, das Ende ist immer noch abrupt, fühlt sich aber sinnvoller an. Der Hintergrund der Reaper wird besser erklärt. Die Gefährten erhalten wertvollere Momente. Und man wird nicht mehr gezwungen, den Multiplayernmodus zu spielen, den gibt es schlicht nicht mehr.

Auch wenn die Story damit immer noch schwächer ist als von Teil 1 und 2: Rein vom Gameplay und von der Inszenierung ist „ME3“ klar das beste Spiel der Shepherd-Trilogie. Statt einem Deckungsshooter hat man hier einen sehr guten Third-Person-RPG-Shooter mit filmischer Inszenierung. Von daher ein unterhaltsamer und mittlerweile guter Abschluss von Shepherds Geschichte.


Machen:
Arbeit-Arbeit-Arbeit. Und dann geht es los in den Motorradherbst, der leider nass beginnt, sich dann aber steigert.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Momentaufnahme: August 2021

Herr Silencer im August 2021

Erkenntnis des Monats:Dieses Jahr dauert gleichzeitig ewig und rast vorbei wie nichts

Wetter: Kalt. Kalt und nass. Nachts teils einstellig, tagsüber selten an 20 Grad.


Lesen:


Hören:

Podcast-Schmodcast
Ich mag Etienne Gardé, der mal die Rocket Beans mitgegründet hat. Ich liebe Katjana Gerz, die in „Gute Arbeit Originals“ gezeigt hat, das sie eine begnadete und sehr lustige Schauspielerin ist. Nun machen die beiden mit „podcast-Schmodcast“ einen Impro-Podcast. Kein Thema, einfach nur loslabern und gucken wo die Reise hingeht.

Sowas funktioniert selten gut, und hier leider gar nicht. Zumindest die ersten zwei Episoden bestehen zur Hälfte aus Gestammel, in der anderen Hälfte lachen sich die beiden über sich selbst kaputt. Typischer Fall von „ist wohl nur lustig wenn man dabei war“.

Das kann noch besser werden, wenn die beiden von dieser zwangslustigen Impro-Nummer runterkommen, denn beide sind interessante Charaktere und haben durchaus was zu erzählen. Das blitzt bislang selten durch, ewa wenn Katjana erzählt, wie sie versehentlich in einer Superbowl-Werbung für Scientology gelandet ist. Bislang ist der Podcast durch ständiges Kichern und Prusten leider nahezu unhörbar.


Sehen:

Über Grenzen – Der Film einer langen Reise
Nordhessen: Rentnerin Margot hat zwar keinen Motorradführerschein und auch keine Erfahrung mit Moppeds, steigt aber dennoch mit 64 Jahren auf eine 125er und fährt einfach mal los gen Osten, bis nach China und wieder zurück.

Wow, mit 64 Jahren und als Frau ganz allein auf dem Motorrad um die halbe Welt, das klingt nach richtig großem Abenteuer! Ist es auch, aber anders, als man es sich vorstellt.

Als Zuschauer kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, wenn man der Protagonistin dabei zusieht, wie sie einfach mal beschliesst in die Welt hinauszufahren, und das scheinbar völlig ahnungslos tut. Vorher schon mal auf eine Motorradtour gemacht? Fehlanzeige. Motorradführerschein? Nicht vorherhanden, der alte graue Lappen reicht rechtlich ja aus. Körperliche Fitness für so eine Grenzerfahrung? Auch nicht vorhanden.

Kaum aus Nordhessen raus und noch in urbanem Gebiet beginnt das ganze mit einem ersten Sturz, der mit der überraschenden Erkenntnis endet: Kupplungshebel können abbrechen! Und was macht man dann? Hilflos mit den Ärmchen rudern und andere um Hilfe bitten. Diesem ersten Sturz folgen viele, viele weitere.

Irgendwann stösst Margots Enkel zu ihr und unterstützt sie mit einem Begleitfahrzeug. Ab diesem Moment gibt es dann auch andere als Aufnahmen als nur die Wackelfilmchen aus Margots Handy. Neben schönen Drohnenshots der Mongolei wird nun aber das ganze Elend sichtbar. Gefühlt alle paar Meter kippt die Rentnerin um und fällt aus dem Sattel, teils wegen des Geländes, teils vor Schwäche. Dabei verletzt sie sich auch schon mal nicht unerheblich, weiter geht es nur dank polnischen Moppedfahrern mit gut sortierter Bordapotheke und der Hilfe des Enkels und dessen Kumpel, die die Dame immer wieder in den Sattel heben.

Das klingt jetzt reichlich miesepetrig, aber dieser Reisefilm ist für mich stellenweise wirklich unangenehm anzusehen. Für das Publikum ist eine Heldenreise, bei der die Protagonisten Hindernisse überwinden müssen, immer interessant. Dachte ich. Bei diesem Film habe ich aber vor Fremdscham teilweise nicht mehr zuschauen können. Das liegt vor allem in der – zumindest scheinbaren – Naivität und Sturköpfigkeit der Protagonistin. Spätestens wenn Margot gegen den Rat von Einheimischen versucht, bei starkem Schneefall und Wind einen verschlammten Gebirgspass zu queren und praktisch nur noch im Matsch liegt, möchte man sich abwenden.

Margot Flügel-Anhalt wird in der Moppedreiseszene viel herumgereicht und meist als Rolemodel und Heldin besprochen. Ich muss sagen: Ja, sie hat Mut bewiesen. Aber WAS sie da macht ist dann einfach so naiv und jenseits von Gut und Böse, dass es an Dummheit grenzt. Ihr zähes Festhalten kann man als „eisernen Willen“ begreifen, aber auch als „nordhessischen Dickschädel“. Ich finde es zudem leicht anmaßend darauf zu setzen, dass einem ständig jemand hilft. Im Film wirkt die Reise es stellenweise wie betreutes Fahren, bei dem sich jemand von einem hilfsbereiten Menschen zum nächsten auf seinem Mopped durch die Welt schieben oder tragen lässt.

Aus irgendeinem Grund gibt es den ganzen Film in zwei Teilen auch als Doku des SWR, hier auf YT:

Über Grenzen, Teil 1
Über Grenzen, Teil 2

Restoration Videos
Niemand spricht, man sieht nur zwei Hände, die ein altes, rostiges Blechspielzeug, oder eine Kaffeemühle, oder ein Käseschneidedings etc. demontieren, reinigen, reparieren, lackieren und wieder zusammensetzen.



Diese Art Video ist mittlerweile ein eigenes Genre auf Youtube. Ich verstehe auch warum: Es hat etwas seltsam beruhigendes dabei zuzusehen, wie alte Gegenstände Stück für Stück liebevoll restauriert werden. Vorsichtig werden an teils über 100 Jahre alten Gegenständen Schrauben gelöst, alte Farbschichten abgetragen, gesandstrahlt, pulverbeschichtet, und am Ende sieht der alte Gegenstand aus wie gerade frisch gekauft. Könnte ich stundenlang gucken.

Justice League [2021, BluRay]
Irgend ein Hoppepeter sucht leuchtende Schachteln, und wenn er drei davon hat geht die Welt kaputt, oder so. Batman gefällt das nicht und klöppelt sich ein eigenes Avengers-Team zusammen: Die Liga der Selbstgerechten.

„Justice League“ kam vor vier Jahren raus, damals befand ich ihn als „zusammenhanglose Aneinanderreihung von dummen Szenen“, die keinen Sinn ergaben (ganze Rezension hier).

Das lag auch an der Produktionsgeschichte: Zac Snyder, der Mann mit den Nazi-Eulen, der noch nie einen guten Film gemacht hat, stieg damals kurz vor Fertigstellung aus und „Avengers“-Regisseur Joss Whedon übernahm und ordnete Nachdrehs an. Das Ergebnis war eine Katastrophe, und in der Folge hieß es immer wieder, Snyders ursprüngliche Fassung hätte die bessere sein können. Nach genügend Rumquengelei durch die Fanbase investierte das Studio nun tatsächlich nochmal ein paar Millionen, um einen „Snyder Cut“ von Justice League fertig zu stellen – und das Ergebnis ist verblüffend.

Verblüffend zum einen, weil diese Fassung wenig mit der Kinoversion zu tun hat und tatsächlich der bessere Film ist. Das hätte ich Snyder nicht zugetraut, aber es ist so: Figuren werden gut eingeführt, entwickeln sich, die Story wird gut hergeleitet.

Verblüffend aber auch, weil dieser Film ein Testament des Irrsinns ist – er ist viereinhalb Stunden lang und in 4:3 Format. Das lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Snyder-Filme sind normalerweise auch deshalb so schlecht, weil er keine Ahnung hat, wieviel in einen 100 Minuten Film eigentlich reinpasst.

„Justice League“ ist auch im Snyder-Cut kein filmisches Meisterwerk, aber zumindest wird hier eine zusammenhängende Geschichte in teils wirklich großen Bildern erzählt.


Spielen:

Mass Effect 2 [PS5, 2021 Remaster]
Unmittelbar nach dem Ende von Mass Effect 1: Heldin (oder Held) Shepherd sucht nach Möglichkeiten, um zukünftige Attacken von Maschinenwesen und letztlich den Genozid an allem organischem Leben zu verhindern. Da kommt es eher ungelegen, das ihr Schiff bei einem Angriff zerschnitten wird und Shepherd stirbt.

Zwei Jahre ersteht sie wieder von den Toten auf, wiederbelebt von einer sinistren und xenophoben Geheimorganisation. In deren Auftrag zieht Shepherd los und stellt ein Team zusammen, das den Maschinenwesen etwas entgegensetzen soll.

Was für ein schockierender Moment zu Beginn des Spiels, wenn die aus Teil 1 liebgewonnene (und mitsamt Erfahrung und Aussehen von dort importierte) Figur stirbt – und was für eine dumme Idee, sie ausgerechnet für die Space Nazis aus Teil 1 arbeiten zu lassen. Aber auch wenn die Grundprämisse Banane ist, macht ME2 einfach viel richtig. Die vielen Einzelmissionen sind, wie die Figuren und Dialoge, meist richtig gut geschrieben, die Geschichte ist faszinierend und die Spielmechaniken funktionieren weitaus besser als in Teil 1.

Besonders gut: Das eigene Handeln hat Konsequenzen. Je nachdem, wie man mit den Charakteren umgeht und sich ihnen gegenüber verhält, ändert sich der Ausgang des Spiels. Sind alle Figuren motiviert und fühlen sich Shepherd verpflichtet, laufen sie zu Höchstleistungen auf und überstehen die „Suicide Mission“ am Ende der Handlung. Sind sie dagegen von Shepherd enttäuscht, werden einige oder sogar alle der liebgewonnenen Charaktere umkommen. Das Wissen um diese Konsequenzen verleihen den Dialogen zwischen den Actionsequenzen Bedeutung und Schwere.

Mass Effect 2 ist ein echter Spieleklassiker, der 2010 für die XBOX 360 erschien und der im Remaster nicht groß verändert wurde – leider! Gerade den Charaktermodellen und Gesichtern hätten besser überarbeitete Texturen gut gestanden. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, Mass Effect 2 ist einfach eine erzählerische Wucht, die auch in Actionpassagen gut funktioniert.


Machen:
Arbeit-Arbeit-Arbeit. Aber immerhin mit Moppedzwerch und Albrecht getroffen. Das war beides schön!


Neues Spielzeug:

Nüscht

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Momentaufnahme: Juli 2021 (2)

Herr Silencer im Juli 2021
Erstaunlich viel Medienkonsum diesen Monat, deshalb dieses Mal in zwei Teilen. Das hier ist Teil 2, Teil 1 erschien vor zwei Wochen.

Wort des Monats: „Halssalz“

Wetter: Nass und kühl. Nach der Sintflut zur Monatsmitte nun zwar etwas trockener und wärmer, aber immer noch bedeckt/regnerisch und meist Temperaturen zwischen 14 ud 21 Grad.


Lesen:


Hören:

Cui Bono: WTF happend to Ken Jebsen? [ARD Mediathek oder sonst überall wo es Podcasts gibt]
Ken Jebsen war mal ein innovativer, frischer, geradezu avantgardistischer Radiomoderator, bis er sich in Verschwörungsgeschichten verstrickte. Als „KenFM“ erreichte er mit denen auf Youtube ein breites Publikum, bis er dort gesperrt wurde.

Von einem antisemitischen Verstolperer über erste Verschwörungsmythen und Werbeshows für Russland hin zum Coronoaleugner und selbsternannten Verfolgten, der die Demokratie in Deutschland brennen sehen will: Der Podcast zeichnet nicht nur Aufstieg und Abdriften Jebsens nach, er sucht auch nach Vorbildern in der US-Medienszene und verknüpft Jebsens Fall mit rechten Akteuren und Einflussnahme durch Russland.

Darüber hinaus geht er der Frage nach, was diese Verschwörungsmythen eigentlich für Auswirkungen auf unser aller Alltag haben – etwa, wenn ein Familienmitglied nach Jebsens Videos in Youbes Kaninchenbau fällt und als Impfverweigerer oder Reichsbürger wieder rauskommt.

Mir persönlich ist der Podcast zu verspielt und kumpelhaft, dabei hätte er Audiogimmicks gar nicht nötig und könnte sich rein auf Erzählung, Recherche und O-Töne verlassen. Aber gut, Zielgruppe sind auch deutlich jüngere Hörer als ich. In der Summe ist der sechsteilige Podcast mit seinen je ca. 40minütigen Folgen sehr informativ und kurzweilig. Klare Hörempfehlung für Podcast-Fans!


Sehen:

Black Widow [2020, Disney+]
Während der „Civil War“-Nachwehen und vor dem „Infinity War“: Scarlett Johannson taucht in Osteuropa unter und stolpert darüber, dass die „Black Widow“-Organisation, die junge Frauen entführt, missbraucht und zu Killerinnen indoktriniert, immer noch im Verborgenen existiert.

Hätte so schön sein können: Ein Marvel-Film mit einer weiblichen Heldin, der statt auf bombastischen Bumm-Bratz auf Thrillerspannung im Agentenmilieu setzt. Tatsächlich fühlt sich „Black Widow“ zu Beginn an wie ein „Bourne“-Film oder wie „Red Sparrow“: Kalt, schmutzig, brutal.

Statt dann aber wirklich den „Red Sparrow“ zu machen und auf eine clevere Story um Überbleibsel des KGB zu setzen oder ein Psychogramm der Protagonistin zu zeigen, versteigt sich der Film dann doch wieder in Krach-Bumm.

Das Scarlett Johannson offensichtlich keinen Bock hat und ihre Rolle nur durchtelefoniert, macht das nicht besser. Der Film ist so leer wie die Blicke der Protagonistin, während sie Oneliner aufsagt.

How to Sell Drugs online (fast), Staffel 3 [2021, Netflix]
Schüler Moritz hat Stress: Er steckt mitten im Abi, hat Knatsch mit seinem besten Freund, trauert seiner Verflossenen hinterher und hat einem Drogenring versprochen, einen sensationellen Onlineshop in neuer Version an den Start zu bringen. Leider will vue.JS nicht so wie er will, die Polizei ist ihm auf den Fersen und „die Holländer“ werden immer ungemütlicher. Moritz hat also allen Grund kleine Brötchen zu backen, dabei würde er doch so gerne mit seinem geheimen Doppelleben prahlen.

Dritte und vermutlich letzte Staffel über einen Schüler, der aus dem Kinderzimmer zum Drogenbaron Europas wird. In sechs Episoden kurzweilig und mit tollen Dialogen, die aus tollen Schauspieler fallen, zu einem runden Ende erzählt.


Spielen:

Metro Exodus [2018, PS4]
Im Jahr 2035: Drei Jahrzehnte nach einem Atomschlag über Russland verstecken sich die letzten Überlebenden in der Moskauer U-Bahn. Jede größere Metrostation hat eine eigene gesellschaftliche Ordnung, die einzelnen Linien bekriegen sich untereinander, alle zusammen wehren sich gegen mutierte Tiere. Die Oberfläche gilt als lebensfeindlich, der Rest der Welt als tot. Bis eines Tages der Soldat Artyom entdeckt, das dem nicht so ist. Gemeinsam mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe macht er sich in einer Dampflokomotive auf die Suche nach neuem Lebensraum.

Das ukrainische Entwicklungsstudio 4A Games hat aus den russischen „Metro“-Romanen einen Shooter gemacht und den in eine faszinierende, morbid-schöne Welt gepflanzt. Grafikassets, Artdesign, Lichtstimmungen, das steht alles westlichen Triple-A-Großproduktionen in nichts nach und schafft eine faszinierende Atmosphäre. Dazu kommt die interessante Idee mit dem Dampfzug, der Episoden in unterschiedlichen Gegenden möglich macht und als social Hub dient, um die anderen Figuren kennen zu lernen.

Hört sich super an, das Problem ist nur: Das macht alles überhaupt keinen Spaß. Die Story ist schlecht erzählt, überhastet und voller Lücken. Die Orientierung ist durch das Fehlen von Markern schwierig. Die Munition ist ständig aus. Die Shootermechaniken sind quirky. Stealth funktioniert schlecht.

Und: Die Charaktere labern einem bei jeder Gelegenheit ein Wurstbrot ans Ohr. „Metro“ ist das erste Spiel, von dem ich sagen würde, das es „overwritten“ ist. Schön, das man sich zu jedem Nebencharakter eine Backgroundstory ausgedacht hat. Aber warum müssen die mir das als Expositionsdump alles auf einmal und denkbar ungeschickt an den Kopf kotzen?

Beispiel: Wenn in einem Feuergefecht ein NPC ruft „Spring in das Auto“ und dann erstmal nostalgisch wird und anfängt verträumt zu erzählen, dass sein Großvater, damals, in Smolansk, auch so ein Auto hatte, mit dem er jeden Samstag auf den Markt gefahren ist um Birnen für Tante Marta zu kaufen und wie die Sitze im Sommer dufteten, dann ist das so unpassend, dass es die Immersion bricht.

Und so geht das bei jeder Kleinigkeit, alles ist overwritten und leidet unter schlechtem Pacing. Selbst über ein simples Feuerzeug erzählen die Charaktere einen Roman von Tolstoi. Dafür braucht man sie nicht mal ansprechen, manchmal quasseln NPCs auch von sich aus los und erzählen ungefragt ihre halbe Lebensgeschichte, gerne auch während eines Feuergefechts, bis man nur noch „Halt´s Maul“ schreien möchte.

Dealbreaker ist aber das schlecht balancierte uns lökerige Gameplay. Schon auf normalem Schwierigkeitsgrad steht man permanent ohne Munition da. Die liegt nämlich selten einfach in der Landschaft rum, jede Patrone will an einer Werkbank von Hand gefertigt werden. Da Rohmaterial knapp, die Tragekapazität begrenzt, die Werkbänke sehr selten und manche Gegner Bullettsponges sind, die auch mal mehrere Kopfschüsse einfach wegstecken, ist man häufig „out of ammo“ und stürzt sich mit den Fäusten in den Kampf.

Das geht so weit, dass man selbst in gescripteten Gefechten neben seinen dauerfeuernden Computerkollegen steht und praktisch nicht mitspielen kann, sondern nur traurig Klick-Klick macht und zuguckt.

Ich verstehe schon, was das Spiel möchte: Es will signalisieren, das Überleben ein Kampf ist gewaltfreies und heimliches Vorgehen belohnen, was in der Theorie auch nett ist, in der Praxis aber auch dort scheitert. Denn Schleichen ist kaum möglich, wenn einen Gegner auch im Dunkeln aus 100 Metern Entfernung ausmachen oder gescriptet Rudel mutierter Tiere oder Bossgegner auftauchen. Gerade auf letztere bereitet einen das Spiel nicht vor und sorgt nicht dafür, dass man eine Chance hat – und wenn man einmal ohne Munition einem mutierten Killerbären gegenübersteht, geht´s nicht mehr weiter.

Dass man mangels Missionsmarkern oft gar nicht weiß, wo man hin muss oder was man tun soll, macht das Ganze nicht besser.

Dem Spielspaß abträglich sind zudem die Ladezeiten. Bis die Welt initial geladen ist, dauert es auf der Standard PS4 fünfeinhalb(!) Minuten, das Laden eines Spielstands dann jedes mal rund zwei Minuten. Sowas geht nicht. (Auf der PS5 sind es initial 2 Minuten und beim Reload 30 Sekunden, immer noch viel aber erträglich).

So stolpert man planlos durch dunkle Levels und wird dabei von Monstern angegriffen, gegen die man sich nicht wehren kann, während gleichzeitig über Funk ein NPC gerade wieder von seinem schönsten Ferienerlebnis erzählt. Nach nach ständigem, plötzlichem und sehr schnellem Ableben wartet man dann minutenlang bis es weitergeht.

„Metro: Exodus“ ist atmosphärisch eine Wucht, aber es ist leider vom Gameplay so schlecht und narrativ so dumm, dass das in Summe eine Sperrigkeit ergibt, mit der ich nichts anfangen kann. Sicherlich können sich geduldigere Gamer damit anfreunden, denn wenn man das Spiel als Stealth mit ständigem Backtracking spielt und viel Zeit in Erkundung und das auswendig lernen der Macken investiert – dann ist „Metro“ sicher nett. Aber wenn man so viel Zeit in der Hand eines quirky Games verbringt, entwickelt man auch eine Art von Stockholm-Syndrom, und ich möchte mit einem simplen Game nicht so viel Zeit verbringen wie mit „Krieg und Frieden“.

Spider-Man: Miles Morales [2020, PS5]
Peter Parker macht Ferien, aber das bedeutet nicht, das New York ohne Spider-Man ist: Auch der Teenager Miles Morales wurde von einer Spinne gebissen und hat jetzt Superfähigkeiten. Die sind auch dringend nötig, denn ein sinisterer Energiekonzern und eine High-Tech-Anarcho-Gang bekriegen sich in den Straßen der Großstadt.

Das 2018er „Spider-Man“ für die PS4 war wegen seiner Gameplay-Mechaniken herausragend: Stealth und Freeflow-Combat funktionierten fast auf dem Niveau der „Arkham“-Spiele, und die Fortbewegung per Spinnennetz durch die Straßenschluchten machte auch nach dutzenden Spielstunden noch einen Heidenspaß. Diese Mechaniken sowie die Großstadt und viele andere Assets werden hier 1:1 recycled, weshalb sich „Miles Morales“ eher wie ein sehr großer DLC als ein eigenes Spiel anfühlt.

Eigenständige Ideen sucht man hier vergebens, aber immerhin ist die Umsetzung wieder schön gemacht, die Charaktere sind OK und die Story gewinnt zwar keinen Literaturpreis, geht aber in Ordnung. Auf der PS5 fällt auf, das es praktisch keine Ladezeiten gibt, die Stadt viel detaillierter ist und dank Raytracing auch hübscher aussieht als auf der alten Konsole.

Mass Effect [2007, PS5]
Die Menschheit fliegt zum Mars und findet dort ein seltsam Ding, das mittels eines „Masseneffekts“ überlichtschnelles Reisen ermöglicht. Fünfundzwanzig Jahre später haben die Menschen Kontakt zu einer Allianz aus dutzenden Spezies aufgenommen, die ebenfalls dank der überall verstreuten und uralten Artefakte das All erobert haben.

Die Menschen sind die „Neuen“ in diesem Weltenbund, müssen sich erst noch beweisen und werden auf skeptischer Distanz gehalten. Da ist es nicht verwunderlich, das erstmal kollektiv mit den Augen und Sehstielen gerollt wird, als ausgerechnet ein Mensch mit schier unglaublichen Nachrichten kommt: Innerhalb der Allianz soll es eine Verschwörung geben, die eine 50.000 Jahre alte Maschinenrasse wiederbeleben will. Beweise gibt es für diese ungeheuerliche Behauptung nicht, und so macht sich der Mensch allein auf die Suche nach den Hintergründen.

„Mass Effect“ als dreiteiliges Gesamtwerk ist ein Meilenstein der Erzählkunst, der immer wegen seines vergurkten Endes in schlechter Erinnerung bleiben wird. Aber bis zu diesem Ende zog sich eine fantastische Geschichte über drei Spiele hin, die ursprünglich für die XBOX 360 erschienenen sind. Nun liegt die Reihe in einer remasterten Version für aktuelle Konsolen und PCs vor, und der Überarbeiteten Version hätte zumindest in Bezug auf Teil 1 mehr Liebe gut getan.

Zwar gibt es signifikante Verbesserungen in der Optik und kleinere im Gameplay, aber richtig schlimme Dinge wurden nur kosmetisch behandelt und nicht grundlegend überarbeitet. So ist das Inventar immer noch ähnlich fummelig wie 2007, Physik und Steuerung des Bodenfahrzeugs „Mako“ sind nach wie vor ein ärgerlicher Witz und die automatische Deckung funktioniert nach wie vor eher selten – was für ein Spiel, das in seinen Actionsequenzen ein Deckungsshooter sein möchte, ziemlich schlecht ist.

Wäre nicht schlimm, denn groß ist „Mass Effect“ immer dann, wenn es um die Geschichte und Charaktere geht. Letztere sind zwar immer noch blockig animiert, sehen aber mit höher aufgelösten Texturen in den Gesprächssequenzen wenigstens besser aus. Nur: Auf der PS5 gibt es einen Bug, durch den, wenn die Konsole per HDMI an einem AV-Receiver mit 5.1/7.1-Lautsprechersetup hängt, Gesprächsdialoge aus den hinteren Boxen kommen. Das macht das Spiel unerträglich, und manche Gamer werden auch das Ende nie sehen.

Es gibt nämlich nach wie vor einen Bug, durch den sich das Game mitten im Endkampf (ich hasse Bosskämpfe!) reproduzierbar weghängt. Absturz! Auf einer Konsole! Durch einen Gamestopper-Bug, der SEIT VIERZEHN JAHREN BEKANNT IST!

So gut Mass Effect 1 also als große Sci-Fi-Geschichte immer noch ist, die remasterte Version ist lieblos und bestenfalls halb gar.


Machen:
Planen, für einen Moppedherbst.


Neues Spielzeug:
Eine Regenkombi. Wieder eine Stormchaser von FLM, aber dieses Mal als Einteiler.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 2 Kommentare

Momentaufnahme: Juli 2021 (1)

Herr Silencer im Juli 2021
Erstaunlich viel Medienkonsum dank schlechtem Wetter und neuem Spielzeug, deshalb der Rückblick auf den Monat in zwei Teilen. Das hier ist Teil 1.

Sprachbild des Monats:„Das war ein Feigenblatt, aus dem sich manche Leute Lorbeerkränze geflochten haben“

Wetter: Erstaunlich viel Regen, Temperaturen bis Monatsmitte Nachts 15, tags um 20 Grad. Mitte des Monats Sintflut in Westdeutschland.


Lesen:

Mitzi Irsaj: Nix mit Amore [2019, Kindle]
Wahre Geschichte: Ehrgeizige Studentin zieht zu ihrem Freund nach Italien. Dort angekommen zerbricht die Beziehung, und sie muss sich entscheiden: Allein Fuß fassen in dem fremden Land, oder zurück zu den Eltern? Sie entscheidet sich zu bleiben, und verzweifelt bald an der Sprache, italienischen Behörden, Parkgewohnheiten und Wohnungen ohne Fenster.

Originelle und erfrischender Bericht einer Auswandererin, der humorvoll die Hindernisse und Schwierigkeiten beim Aufbau eines neuen Lebens in einem anderen Land beschreibt. Locker zu lesende 128 Seiten Kulturclash, sehr kurzweilig.


Hören:


Sehen:

Veronica Mars: Spring Break Forever [2019, Joyn]
Veronica Mars arbeitet wieder als Privatdetektivin in der Küstenstadt Neptune, Kalifornien. Neben Fällen für reiche Klientinnen kümmert sie sich um ihren Vater, der fürchtet Demenzkrank zu sein. Als während der Spring Break-Partys Bombenexplosionen und mexikanische Killerkommandos für Chaos sorgen, ist es mit der Ruhe vorbei.

15 Jahre nach der dritten Staffel und 5 Jahre nach dem crowdfinanzierten und eher mittelmäßigem Kinofilm nun noch eine neue Staffel Veronic Mars – kann das gut gehen? Braucht es das?

Um es kurz zu machen: JA! Ich bin völlig begeistert von dieser Eigenproduktion des Streamingkanals Hulu. Die acht Episoden sind straff durchinszeniert und schaffen das, was der Kinofilm nicht hin bekam: Genau den richtigen Ton zu treffen, um den alten „Veronice Mars“-Zauber zurückzubringen und eine neue Geschichte spannend zu erzählen. Es ist eine Freude, der stoischen und oft einsilbigen, aber immer kompetenten Veronica beim Lösen der komplexen Fälle zuzusehen. Das die Serie eine deutlich feministische Botschaft hat, macht sie nur besser – das hier ist eine zeitgemäße und sehr spannende Krimiserie.

„Veronica Mars“ hat eine treue Fangemeinde, die mit der Serie erwachsen geworden sind. Das wissen die Macher und nutzen das auch. Die Serie war schon immer ernst und sogar düster, aber die neue Staffel bedient sogar Sehgewohnheiten, die von Serien wie „Breaking Bad“ oder „Sherlock“ oder Filmen wie „Saw“ abgehärtet sind.

Das Ergebnis ist überaus erwachsen, spannend, unterhaltsam, überraschend und emotional. Wer Ms. Mars früher schon mal gut fand, sollte hier auf jeden Fall reingucken.

Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes und Die Rückkehr des Dr. Phibes [1971/1972, DVD]
London, 1921: Mehrere Ärzte kommem unter seltsamen Umständen ums Leben. Einer wird in seinem Schlafzimmer von Fledermäusen ausgesaugt, ein anderer von einer todbringenden Froschmaske zerquetscht, wieder ein anderer wird inmitten seines Blutes gefunden – hübsch abgefüllt in Flaschen.

Tatsächlich ist es ein Rachefeldzug des genialen wie skrupellosen Dr. Phibes, der neun Ärzten die Schuld am Tod seiner Frau gibt und diese nun nach den alttestamentarischen Motiven der 10 Plagen ermordet. Scotland Yard kommt hinter das Geheimnis, kann Phibes aber nicht stoppen.

Fünf Jahre später reist Phibes nach Ägypten, um dort in einem Pharaonengrab seine geliebte Frau wieder zu beleben. Dabei kommt ihm eine Gruppe Briten in die Quere, die wiederum auf originelle Arten aus dem Leben scheiden.

Uh, was habe ich mich als Kind vor Dr. Phibes gegruselt! Aber wie befriedigend war es damals schon, auf welche geniale Weise er seine Pläne umsetzt! Retrospektiv sind die Filme immer noch der Wahnsinn. Das Art Deco-Design und die surreale Inszenierung haben nicht von ihrer verstörenden Kraft verloren.

So wird in den ersten 10 Minuten des ersten Filmes kein Wort gesprochen, minutenlange Tanz- und Orgeleinlagen schaffen eine morbide Atmosphäre und Vincent Price spielt teils nur über seine Augen – großartig! Das sich die Filme dabei nicht zu ernst nehmen, macht sie fast zeitlos. Das merkt man auch daran, dass sie Vorbild für spätere, erfolgreiche Filme waren. Mindestens „Sieben“ und alle „Saw“-Filme, aber auch die „Final Destination“-Filme sind deutlich durch „Phibes“ inspiriert.


Sörensen hat Angst [2020, ARD, Netflix]
Polizist Bjarne Mädel hat eine Angststörung. Um seine Ruhe zu haben, lässt er sich in ein Kaff nach Friesland versetzen. Da hat er aber sofort einen Mord am Hals.

Ich mag Bjarne Mädels irritiertes und irritierendes Spiel (Tatortreiniger, Stromberg) ja sehr, und da er diesen Film mit produziert und die Regie geführt hat, kommt das voll zum Tragen. Zusammen mit unprätentiös norddeutschem Flair in mild absurden Situationen hat der Film ab Minute eins einen spröden wie erfrischenden Charme.


Neues Spielzeug:
Eine PS5! Ein kleines Einzelhandelsgeschäft bei Passau hat das geschafft, was die großen Handelsketten nicht hinbekommen: Eine Warteliste für die rare Konsole zu führen. Über die konnte ich nun eine der wenigen ausgelieferten Konsolen bekommen. Leider nur als riesiges Bundle mit allen möglichen uninteressanten Spielen und Headset, aber der überflüssige Kram ist schon wieder auf Ebay verkauft.

Erster Eindruck: Die Konsole ist RIESIG, über 40 cm hoch, und wenn man sie horizontal aufstellt, sieht sie aus wie ein gelandetes Raumschiff. Außer HDMI und LAN gibt es keine Anschlüsse mehr. Betriebsgeräusche produziert sie praktisch keine. Die Benutzeroberfläche ist komplizierter als beim Vorgängermodell, nahezu jede Aktion benötigt mehr Klicks als auf der PS4. Liebgewonnene Funktionen wie Ordner, Medienserver und Webbrowser fehlen (noch).

Performance und Ladezeiten sind toll, und davon profitieren dank Abwärtskompatibilität auch PS4-Titel – „Metro Exodus“ lädt hier statt fünfeinhalb nur zwei Minuten.

Der Controller mit seinem haptischen Feedback ist der Wahnsinn. Was nervt: Die Lightshow von Steuer- und Statusanzeigen an Konsole und Controller, die sehr hell sind und sich nicht abschalten lassen.

Nicht gut ist das 3D-Pulse Headset, das wirkt billig und der 3D-Sound ist zwar präzise im Raum verortbar, aber mangels Bass wenig druckvoll.


Spielen:

Astros Playroom [2020 PS5]
Ein knuddeliger Roboter hüpft und springt durch das Innere der PS5 und sammelt Artefakte aus früheren Playstation-Zeiten.

„Astro“ liegt jeder PS5 bei und ist eigentlich ein Showcase für die Fähigkeiten des neuen Controllers. Der kann Dank Motoren den Widerstand der Triggertasten anpassen und taktiles Feedback geben, und zwar wesentlich genauer als die „vibriert oder vibriert nicht“-Funktionen früherer Generationen. Die Wirkung ist wirklich erstaunlich, man meint tatsächlich in der Hand die Beschaffenheit der Untergründe zu spüren, über die Astro läuft, von Metall bis hin zu Gras.

Das Game selbst ist ein knapp drei Stunden kurzes und sehr gelungenes 3D-Hüpfspiel, das liebevoll und niedlich inszeniert ist und einen zum Schmunzeln und Staunen bringt.

Ratchet & Clank: Rift Apart [2020, PS5]
Roboter Clank baut ein Gerät, mit dem man Risse in andere Dimensionen öffnen kann. Doof nur, dass das fast augenblicklich vom bösen Dr. Nefarious geklaut wird. Der stellt damit Unfug an und lässt die Dimensionen zersplittern. Clank und sein Kumpel, der Weltraumfuchs Ratchett, müssen versuchen den Schaden rückgängig zu machen.

Knallbunter 3D-Shooter, richtet sich an eine kindliche/jugendliche Zielgruppe. Hier sind die Bösen noch böse und sehen auch so aus, und da Armin Shimermann (Quark aus Deeps Space 9) die spricht, hören sie sich auch so an.

Technisch kracht es auf der PS5 so richtig, sowohl der neue Controller mit seinem taktilen Feedback als auch Grafik und das Speichermanagement werden gut eingesetzt. So wechselt man ohne Ladezeiten durch Dimensionsrisse von einem Level in den nächsten, und in großen Schlachten sind so viele detaillierte Objekte und Effekte auf dem Bildschirm, dass man fast die Übersicht verliert. Dabei läuft alles stets butterweich und ohne ins Stocken zu kommen. Ein schöner Launchtitel, der zeigt, wo bei der neuen Konsolengeneration die Reise hingeht.

Das Gameplay ist ok, nervig ist nur die ständige Munitionsknappheit. Klar, die soll dazu führen, dass man mit dem gesamten, skurrilen Waffenarsenal experimentieren muss – in dem sich so seltsame Dinge befinden wie eine Bombe, die Gegner in blühende Büsche verwandelt. Trotzdem nervt es, wenn man zum Ende hin mit einem Schraubenschlüssel auf den Bossgegner einschlagen muss, weil alle Kniften leer sind.


Machen:
Zweite Impfung, und planen für einen Moppedherbst.


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Momentaufnahme: Juni 2021

Herr Silencer im Juni 2021

Gefühl des Monats: Delta? ECHT JETZT? Hört das nie auf?!

Wetter: Monatsanfang Nachts immer noch einstellige Temperaturen, aber immerhin tagsüber Sonne und an 20 Grad. Ab der ersten Woche plötzlich schlagartig Temperaturen von 25 bis 35 Grad – vom Herbst direkt in den Hochsommer, was recht erschöpfend ist. Ab der vierten Woche dann plötzlich über Nacht wieder nur noch 12 bis 14 Grad und Wolken.


Lesen:

Erik Peters: Oman – Island
Erik Peters mag es zu reisen, und einige Jahre nach seiner ersten großen, aber motorradtechnisch gescheiterten, Reise von Köln nach Shanghai soll es nun von Oman am persischen Golf bis nach Island gehen.

Mit Kumpel Carsten reist Peters auf die arabische Halbinsel, aber dort nimmt das Ungemach schon seinen Lauf: Motorradpannen und Temperaturen um die 50 Grad machen die Reise zur Qual, Visaprobleme sorgen für tagelangen Arrest in Dubai und unwillige Fährschiffer verkrüppeln die Bikes. Später wird es nicht besser, zu technischen Problemen, vergessenen Papieren und einem Diebstahl kommen persönliche Dinge, die dazu führen, das Carsten irgendwann völlig derangiert ist und fast ums Leben kommt. Dass die beiden es dennoch bis nach Island schaffen, zeugt von einer enormen Zähigkeit.

Trotz all dieser Widrigkeiten beschreibt Erik Peters seine Reise als etwas, das vor kleinen, glücksseligen Momenten strotzt – etwa, wenn er im Iran einen leidenschaftlichen Moppedschrauber trifft, es in der Türkei ein kaltes Bier gibt oder wenn er auf den Azoren Papageientaucher entdeckt. Ein sehr spannendes, gut geschriebenes und nur stellenweise adjektivüberladenes Buch, das die Licht- und Schattenseiten einer Motorradfernreise genau beschreibt, dabei aber immer – anders als bei anderen Motorradreiseberichten – einen positiven Grundton beibehält.


Hören:


Sehen:

Clarksons Farm [Amazon Prime]
Jeremy Clarkson, der pöbelnde, ungehobelte, erzkonservative ehemalige Moderator von „Top Gear“ und „Grand Tour“, kauft sich eine Farm in den Cotswolds, im Südwesten Englands. Die will er selbst bewirtschaften. Das Problem ist nur: Der bekennende „Petrolhead“ hat zwar von Supersportwagen Ahnung, aber nicht von Landwirtschaft.

Man kann ja vieles über Jeremy Clarkson sagen, aber nicht, das er kein Gespür für Timing hat. Benzintriefende und Abgaslastige Automagazine im TV sind nicht mehr zeitgemäß, und Clarkson hat genau im richtigen Moment den Absprung geschafft. Nun steht er also in Gummistiefeln auf seiner Farm und versucht als Stadtmensch mit dem Landleben klarzukommen.

Ein Jahr lang begleitet ihn dabei die Kamera, von den ersten Versuchen Traktor zu fahren im Oktober 2019 bis zum Erntedankfest im September 2020. Dabei herausgekommen sind 8 kurze Episoden, in denen Clarkson sich unterschiedlichsten Herausforderungen gegenüber sieht – mal versinken Maschinen im Regen, mal versucht er Schafe mit einer Drohne zu hüten, mal vernichten Dürre und Käfer ganze Felder.

Anders als bei Clarksons Kollegen Richard Hammond, der in seiner Solo-Serie auf Amazon Prime nur dummen, geskripteten Quatsch macht, ist „Clarksons Farm“ auf berührende Weise authentisch. Es ist immer zu merken, dass Clarkson es Ernst meint mit diesem Projekt, und er sich wirklich Mühe gibt. The Struggle is real, und wird unterhaltsam durch die auftauchenden Nebencharaktere, bei denen Clarkson Hilfe sucht und die schon ziemliche Originale sind. Der unverständlich brabbelnde Gerald, der respektlose Traktorist Kaleb, die starke Schäferin Ellen und Clarkson Freundin Lisa sind die eigentlichen Stars der Show.

Besonders faszinierend ist aber, Clarkson bei einer Veränderung zu beobachten. Der großmäulige Egomane wird im Laufe des Jahres durch die harte Arbeit nicht nur dünner, sondern auch – demütig. Wenn Clarkson den Klimawandel auf dem eigenen Boden erlebt und begreift was das bedeutet, wenn er sich über Kleinigkeiten wie bunte Hühnerställe freut oder traurig ist, wenn ein Lamm stirbt, dem er auf die Welt geholfen hat – dann wirkt das echt, und der Clarkson am Ende der Serie ist ein bescheidenerer Mensch, dem man abnimmt, dass er begriffen hat, dass sich die Welt nicht nur um ihn dreht. Fast schon rührend das Fazit: „Es war das härteste Jahr meines Lebens, aber nie war ich glücklicher als hier“.

Zusammengefasst: Clarksons Farm ist das beste Stück TV-Unterhaltung, was sich seit sehr langer Zeit gesehen habe.

Luca [Disney+]
Italien in den 50er Jahren: Vor der ligurischen Küsten, tief im Meer, verstecken sich humanoide Meerwesen vor den Menschen an Land. Eines Tages gelangt der Meeresjunge Luca aus Versehen an Land und stellt fest, das er dort wie ein normaler Mensch aussieht – so lange er nicht mit Wasser in Berührung kommt. Die Welt der Landbewohner ist so faszinierend, das Luca von zu Hause ausreisst und sich mit dem an Land lebenden Meerjungen Alberto und dem Menschenmädchen Giulia anfreundet. Ihr größter Traum: Ein Mal eine Vespa fahren!

Feiner, unspektakulärer Coming-of-Age Film. „Unspektakulär“ ist hier aber positiv gemeint, denn Zeichentrickproduktionen neigen gelegentlich zu solcher Überdrehtheit, dass man ihnen Ritalin verpassen möchte. Das passiert hier nicht, „Luca“ hat ein sehr angenehmes Erzähltempo und lässt seinen Charakteren Raum, um sich zu entfalten. Außerdem ist „Luca“ ein überlanger Werbesport für Piaggio – ich hoffe, die haben das gut bezahlt.


Spielen:

Resident Evil 5 [PS4]
Irgendein weißer Muckimann wird in einem Kaff in Afrika abgesetzt, schlurft mit einer Knarre in der Hand durch die Gegend und knallt die schwarze Bevölkerung ab.

Das Spiel ist 2009 für die PS3 erschienen und wurde damals als sehr gutes Spiel bejubelt. Aus heutiger Sicht ist es erzählerisch und spielerisch eine Katastrophe. Es bedient die kulturell tief verwurzelte Xenophobie vieler Japaner auf denkbar unangenehmste Weise: Jeder Farbige im Spiel ist automatisch böse (bzw. mit einem Virus infiziert) und kann sofort erschossen werden. Das ist rundheraus rassistisch.

Spielerisch ist RE5 eine Katastrophe, weil hier eine Engine genommen wird, die ursprünglich für enge Räume und langsame Schleichbewegungen gemacht wurde, die aber hier für einen 3rd-Person-Shooter eingesetzt wird. Resultat: Die eigene Spielfigur steuert sich so lahm, als hätte sie Betonbrocken an den Füßen. Selbst in hektischen Bosskämpfen bewegt sich der angebliche Held gerade mal so schnell wie der Auszubildende beim Fliesenleger und schlufft gemütlich um das Monster herum.

Dazu kommt anderes Gedöns, das den Spielspaß verleidet: Zum Waffenwechsel muss man dann ins Inventar, was so fummelig ist, dass man während des Waffenwechsels tausend mal stirbt. Nachladen und gleichzeitig laufen ist undenkbar. Texturen sind matschig, die Grafik hässlich, Animationen blockig und das seltsame Buddy-System ist für zwei Spieler vielleicht interessant, für Solo-Abenteurer aber maximal irritierend. In der Summe: Resident Evil 5 ist Grütze aus der Hölle, die heute niemand mehr braucht.

Resident Evil 6 [PS4]
Der Muckimann aus Afrika kann jetzt etwas schneller laufen und strolcht erst durch diverse Schauplätze. Dann kommt ein egaler Lockenträger, der an exakt den gleichen Schauplätzen rumstrolcht und teils sogar den Muckimann beobachtet. Dann kommt eine Frau mit einem egalen Glatzkopf, die an den exakt gleichen Schauplätzen rumstrolchen und den Muckimann und den Lockenträger treffen. Dann komme eine egale Frau die…usw.

Kein Scherz: Resident Evil 6, das sind 4 Spiele, die die gleiche Story aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Immer wieder kreuzen sich die Handlungsstränge und die insgesamt 7 Spielcharaktere begegnen einander, helfen sich oder machen sich das Leben schwer. Mit jedem Handlungsstrang werden Lücken in der Geschichte geschlossen, und erst nach der 4. Kampagne ergibt alles einen Sinn. Das klingt erzählerisch superinteressant, dem entgegen steht leider eine unterkomplexe Geschichte, die diese Strukturen nicht zu tragen vermag.

Spielerisch ist das ermüdend, weil halt immer die gleichen Schauplätze vorkommen und Bosskämpfe (ich HASSE Bosskämpfe!) teils mehrfach bestanden werden müssen. Zumindest ist das Gameplay besser, anscheinend kommt eine Engine zum Einsatz, die nicht für langsame Bewegungen konzipiert war. Das macht es aber nicht besser, denn RE6 dreht alle Regler auf 11. Statt Horror- oder Gruselstimmung möchte das Game ein Shooter im Stile der frühen „Medal of Honor“ sein und verkommt darüber zu Actionschießbude. Dauernd explodieren Dinge, es gibt Verfolgungsjagden mit Autos, Motorrädern, Helikoptern und Flugzeugen, Die Monster sind gigantisch und die Helden fallen dauernd irgendwo runter, so das man kaum noch weiß wo oben und unten ist. Dazu kommen nervig-doofe Passagen, die man auch bis zu vier Mal spielen muss. Schön gemachte, aber seelenlose, inhaltsarme und repetitive Blockbusteraction mit einem schrägen Storykonzept.


Machen:
Warten, auf das Ende der Pandemie.


Neues Spielzeug:

Eine Lampe, eine Feuerhand Baby Special 276 STK 70 von 1965. Macht mit einer Tankfüllung 70 Stunden flackerfreies Licht, das wärmer und schöner ist als das von LEDs. Als ich gaaaanz klein war, hingen Lampen von Feuerhand, befeuert mit Öl oder Kerzen(!), noch als Beleuchtung an Baustellen.

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Momentaufnahme: Mai 2021

Herr Silencer im Mai 2021

Gefühl des Monats: Fernweh

Wetter: Die erste Maiwoche ist noch so einstellig-kalt, dass die Heizung weiter laufen muss. Die Natur bekommt nicht mal ihr Maigrün pünktlich zum 01. hin, das verzögert sich um satte 10 Tage. Dann kommt überfallartig der Sommer, mit fast 30 Grad – aber nur an zwei Tagen, dann regnet es. Dann stürmt es. Dann wird es kalt. Dann regnet es noch mehr. Warum ist das so? Weil die Sommerhochs in der Arktis weilen und dort für 30 Grad(!!!) sorgen. Aber hier: Bis zum Monatsende nachts einstellige Temperaturen und tagsüber dunkler Himmel. Der Winter schein nicht enden zu wollen, aber immerhin: Endlich, endlich haben die Bäume wieder grüne Blätter.


Lesen:

Jason Schreier: Press Reset
Die Vidogamesindustrie ist geprägt von ständigem Kommen und Gehen. Studios werden eröffnet, wachsen, werden verkauft und dann oft ohne Vorwarnung geschlossen. Jason Schreier, DER Journalist der Spieleszene, beschreibt die Schließungen von etablierten Studios wie Origin, Ion Storm, Mythic oder 38 Studios. Dabei gewährt er Einblick hinter die Kulissen und geht der Frage nach, was diese Hire&Fire-Politik mit den Menschen in der Branche macht und ob es Alternativen gibt.

Für den Nachfolger zu „Blood, Sweat and Pixels“, dem sehr gutem Erstlingswerk über die Hintergründe großer Spieleproduktionen, hat sich Schreier ein Thema ausgesucht, dass eine Nummer zu groß für ihn ist. Seine Stärke ist das Erzählen von persönlichen Geschichten, die von der Einzelperson zum großen Ganzen führt. Das funktioniert in „Press Reset“ aber nicht besonders gut.

Zum einen geben die Einblicke von einigen, wenigen Personen, die in einer Firmenhierarchie maximal in der Mitte der Leiter standen, keinen gesicherten Einblick in die Geschehnisse, sondern erlauben bestenfalls „educated guesses“. Die reichert Schreier immerhin mit Fakten an, trotzdem wird daraus bestenfalls eine subjektiv geprägte Geschichte, aber keine neutrale Berichterstattung.

Zum anderen passt sein Erzählstil nicht zu den Erfordernissen des Themas. Ein Buch aus persönlichen Geschichten funktioniert nur schwer, wenn es zu viele davon gibt und nebenbei noch Abstecher ins Land der Zahlen gemacht werden müssen. So ist man als Leser gezwungen sich in jedem neuen Kapitel durch einen Wust an Namen, Zahlen und Daten arbeiten. Die Stories dahinter mäandern etwas ziellos in der Gegend herum, und das letzte Kapitel – in dem die Frage nach Alternativen zum Schweinesystem aufgeworfen wird – wirkt angeflanscht, hingeschludert und gezwungen, als hätte Schreier eine Idee gehabt, die er für so brillant hält, dass er sie unbedingt noch reinbiegen will. Ein durchaus interessantes Buch, wenn man sich für die Spiele- oder Softwareindustrie interessiert, aber deutlich schwächer und weniger packend als der Vorgänger.


Hören:


Sehen:

972 Breakdowns [2020, DVD]
Eine Künstlerkommune macht sich von Halle an der Saale auf den Weg nach New York, auf dem Landweg und auf Ural-Motorrädern. Was die jungen Schöngeister können: Zeichnen, singen, klatschen. Was sie nicht können: Auf Erfahrungen mit Motorrädern zurückgreifen oder Ortskundigen zuhören, die ausdrücklich sagen „da geht´s nicht weiter“.

Das hier ist nicht die normale Doku einer Weltreise. Dieser Film will Kunst sein, das tropft ihm aus jeder Pore. Stellenweise gelingt das sehr gut, etwa wenn plötzlich die Risszeichnungen im Bordbuch der Ural zum animierten Leben erwachen oder eine toll gestaltete Weltkarte auf sehr originelle Weise stückweise aufgedeckt wird.

Meist gelingt das aber weniger gut, denn eine geradezu präteniöse Bildauswahl und Erzählung führt dazu, dass einem die Protagonistinnen nicht nahegebracht werden. Wir lernen die handelnden Personen nie wirklich kennen, erfahren nichts aus ihrem Leben oder was sie fühlen oder wie es ihnen geht.

Man erfährt auch wenig über die besuchten Orte. Nicht mal über die Ural, die hier eine Protagonistin ist, erfährt man etwas. Immer bleibt der Film an der Oberfläche der Dinge, er taucht nie in irgendwas ein, und durch diese Distanz fühlt er sich leblos an. Da die Motivationen nicht deutlich werden, scheinen manche Dinge einfach grenzenlos… dumm.

Beispiel: Wenn man die „Road of Bones“ in Sibirien fährt, weiß man spätestens seit „Long way round“ wie schlimm es dort ist. Wenn man dann noch beschließt die Straße zu verlassen und querfeldein zu fahren, dann ist das… dumm.

Originell sind immerhin die Konstruktionen. Schwimmende Urals hat noch niemand gesehen, aber schwimmende Urals mit einem Antrieb aus Fahrradteilen zu versehen ist halt auch schon wieder ein Bißchen… dumm.

Nun habe ich ein großes Herz für naive Biker, aber was hier gemacht wird grenzt an Cringe und ist mir persönlich etwas zu Artsy auf Kosten dessen, was eine gute Reiseerzählung ausmacht. Aber das hier ist halt auch eher ein Kunstprojekt als ein Reisebericht. Wer keine Angst vor Fremdscham hat guckt mal rein, wobei das gar nicht so einfach ist: Weil der Film erst noch bei Kunstfestivals laufen soll, bekommt man ihn aktuell nur in Deutschland und nur auf DVD.

Ausgerechnet Alaska [1990-95, BluRay]
Joel Fleischman kommt gerade frisch von der Uni, wo er seinen Doktor in Medizin gemacht hat. Das Studium wurde ihm finanziert vom Staat Alaska, und im Gegenzug hat sich Fleischman verpflichtet dort vier Jahre zu praktizieren. Als er statt in die Großstadt Anchorhead in das abgelegene Kaff Cisely versetzt wird, rastet Fleischman aus. Der neurotische New Yorker kommt nicht mit der ruhigen Art der Einwohnern zurecht. Das unter denen so verschrobene Gestalten wie ein Millionär und Ex-Astronaut, ein filmverrückter Indianer, ein metaphysischer Radiomoderator oder ein Sternekoch, der sich barfuß im Wald versteckt sind, macht die Sache nicht einfacher.

„Ausgerechnet Alaska“ oder „Northern Exposure“, wie es im Original hieß, ist eine liebevolle und fast Twin-Peakseske kleine Serie von Anfang der 90er. Ich hatte mir die vor Jahren mal auf DVD importiert, aber die nordamerikanische Fassung hat ein mieses, verrauschtes Bild und nur englischen Ton. Das spielt bei der Serie durchaus eine Rolle, denn die deutsche Synchro ist hier besser als das Original: Die Stimme von Fleischman überschlägt sich und kiekst, wenn er wieder einmal einen cholerischen Anfall bekommt, während Maggie ruhig und rauchig gesprochen ist. Im Original ist es andersrum, und das wirkt seltsam.

Die BluRay-Box von Turbine Media rettet die Serie. Hier gibt es scharfes SD-4:3 Bild, mehrere Tonspuren und Outtakes aus jeder Folge. So macht Alaska wieder Spaß – Danke an Mittenmank für den Tip!


Spielen:

Days Gone [PS4, 2019]
Eine globale Pandemie tötet drei Viertel der Menschen, fast der gesamte Rest wird zu reißenden, bösartigen Bestien. Zwei Jahre später streift Deacon St. John mit seinem Motorrad durch die Wälder Oregons und versucht zu überleben und herauszufinden, wie seine Frau gestorben ist.

„The Last of Us“ mit Motorrädern? Count me in!

Auf Metacritic dümpelt die PS4-Fassung von Days Gone bei 71 Punkten rum, und nachdem ich es jetzt durch habe muss ich sagen: Unverdient! Das Spiel bietet zusammen mit „Horizon Zero Dawn“ locker die schönste Open World dieser Konsolengeneration und gehört zu den Top-3-Games auf der PS4. Der schlechte Score lässt sich auf drei Dinge zurückführen:

  1. Irreführende Werbung: Vor dem Release wurde Days Gone als Actionlastiger Shooter promotet. Das ist es nicht, das Gameplay ist sehr entschleunigt. Wer eine agile Zombiemezelei erwartet hat, wurde enttäuscht.

  2. Ein verhunzter Einstieg: Das Spiel wirft einen zu Beginn in eine Region, die keinen Spaß macht, setzt einem Charaktere vor die Nase, die einem zu dem Zeitpunkt völlig egal sind und haut einen mit langweiligen Aufträgen zu. Erst nach rund 10 Stunden wird das schlagartig besser, und danach völlig großartig – aber soweit muss man erstmal kommen.

  3. Technische Probleme: Zum Start war das Game buggy as hell und auf normalen PS4 kaum lauffähig. Das hat sich mittlerweile geändert.

Wer bereit ist, sich durch den leicht dummen Anfang zu kämpfen, wird mit einer großartigen und wendungsreichen Geschichte belohnt, die ähnlich sorgfältig geschrieben ist wie „Horizon“ und Charaktere aufführt, die man nie wieder vergessen wird. Klare Empfehlung, ab diesem Monat gibt es „Days Gone“ auch für den PC.

Ryse:- Son of Rome [2013 XBOX One]

Der Römer Marius Dingenskirchen wird Legionär und als solcher nach Brittanien entsendet. Dort erlebt er, wie scheißig sich Kaiser Nero und seine verzogenen Söhne benehmen. Zurück in Rom muss er die ewige Stadt gegen Barbaren verteidigen und nimmt sich Nero persönlich vor.

Mangels Nachschub an neuen Konsolen oder Spielen hole ich gerade altes Zeug nach. „Ryse“ gehörte 2013 zum Start-Lineup der XBOX One. Produziert wurde es von den Frankfurter Unternehmen Crytek, und das sieht man: Das Game wirkt wie eine überlange Demo der Cry Engine und sieht grafisch immer noch überwältigend gut aus. Gerade in den Zwischensequenzen wirken die Figuren Fotorealistisch -da fällt dann umso mehr auf, dass der Sprecher der Hauptfigur bei einem Teil der Aufnahmen offensichtlich schweren Schnupfen hatte. Das Gameplay ist leider repetitiv, man verprügelt einfach immer die gleichen vier Gegnertypen mit einer Kombination aus Angriff und Blocken.

Spaß macht es trotzdem, denn das Game ist mit 6-8 Stunden kurz genug um nicht langweilig zu werden, die Geschichte ist gut geschrieben und wird in großen Actionsequenzen erzählt. Das sie am Ende eine verblüffende gelungene Ellipse ergibt, macht den Abschluss noch befriedigenderer.

Resident Evil 7: Biohazard [XBOX One]
Drei Jahre, nachdem sie spurlos verschwunden ist, erhält Ethan Winters einen Hilferuf von seiner Frau Mia. Er macht sich sofort auf die Suche und reist nach Louisiana. Dort findet er ein heruntergekommenes Herrenhaus, in dem eine verrückte Hillbilly-Familie haust.

Kannte ich noch gar nicht, dieses Resident Evil Kram, obwohl es die japanische Spieleserie schon seit 25 Jahren gibt. „Biohazard“ gilt als Reboot und schien mir deshalb ein guter Einstiegspunkt zu sein. Mich hat die Mischung überrascht. Das Spiel ist zum Teil gruseliger Walking Simulator, zum Teil Survival Horror, zum Teil Shooter. Eines ist es während der rund 9 Stunden Spielzeit aber immer: Spannend. Das liegt an der extrem gut geschriebenen Geschichte, von der man immer wissen will, wie sie weitergeht, aber auch an den Gruselmomenten und der Optik: Die Sümpfe des Bayou und das Spukhaus wirken so echt, dass man meint den Verfall und den Moder durch die Leinwand zu riechen. Sehr feines Spiel.

Resident Evil Village [PS4]
Nach den Ereignissen von Resident Evil 7 ist Ethan Winters untergetaucht und lebt nun mit Frau Mia und Töchterchen Rose in Europa. Die Familienidylle wird abrupt gestört, wenig später findet sich Winters in einem verlassenen Dorf in den Karpaten wieder. Hier macht er schnell Bekanntschaft mit Werwölfen und Vampiren.

Gut, ich gebe es zu, Teil 7 haben ich nur gespielt um die Vorgeschichte zu „Village“ zu erfahren, und mit dem ganzen Resident Evil Kram habe ich mich nur beschäftigt, weil ich das Marketing mit einer drei Meter großen Vampirgräfin so toll fand. Das ist zwar ein wenig eine Mogelpackung – Lady Dimitrescu ist gar nicht die große Bösewichtin (no pun intended) – aber das Spiel spaßiger Abenteuerquatsch. Skurrile Figuren, Mutationen, ein Schuß Wolfenstein, dazu ein wenig Van Helsing – Capcom bedient sich bei Gruselklassikern des Filmgenres. Horror ist das nicht mehr, aber spannend gemacht und dank Fotogrammetrie sieht alles selbst auf der alten PS4 super aus. Rund 12 Stunden gepflegter Grusel mit einer tollen, wenn auch untererklärten Geschichte.


Machen:
Warten, auf das Ende der Pandemie.


Neues Spielzeug:

Neue Batterie für die ZZR, eine Yuasa YTX12-BS, die neuerdings ohne den Zusatz „BS“ verkauft wird. Und gucke an, die Renaissance springt jetzt viel besser an. Die alte Batterie, die mir damals die Werkstatt in Nizza aufgeschwatzt hat, hatte also entweder von Anfang an einen Hau wegen der kaputten Lichtmaschine, oder die war nach 5 Jahren einfach fertig.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Gnadenloses Leben, Momentaufnahme | 4 Kommentare

Momentaufnahme: April 2021

Herr Silencer im April 2021

Wort des Monats: Kurzfrustig

Wetter: Bis auf wenige Ausnahmen durchgehend kalt (-3 bis max. 11 Grad), ordentlich viel Schnee in der ersten Monatshälfte, wenig Regen in der zweiten. Die Talsperren im Harz sind so leer wie selten, trotz des Niederschlags im Januar und Februar.


Lesen:

Lucifer: The Wild Hunt / The Devil at Heart (Sandman Universe)
Bd. 3: Die Wilde Jagd, eine Ansammlung von anthropomorphen Personifizierungen von Angst, Mordlust usw. macht seit Äonen Jagd auf den Gott der Flucht. Nun wurde Lucifer prophezeit, dass er wieder die Herrschaft über die Hölle übernehmen wird, wenn die Jagd erfolgreich sein sollte. Da der Teufel auf Hölle so überhaupt keinen Bock hat setzt er alles daran, den Gott, der ohne Gedächtnis in einer mittelalten amerikanischen Hausfrau inkarniert ist, zu retten.

Bd. 4: Lucifer ist müde. Er sucht Destiny of the Endless auf und streicht sich selbst aus dem Buch des Schicksals. Die Folge: Es gibt nicht nur keinen Teufel mehr, es gab ihn auch nie. Die Folge: Die Menschheit hat sich ganz anders entwickelt, Gott hört auf zu existieren und Himmel und Hölle werden eins.

OK, diese Spin-off Serie des neuen Sandman-Universums vergessen wir mal ganz schnell wieder. Hinter jedem der vier Bände steckt genau EINE gute Idee, die wird aber unter endlos viel drum herum, langweiligem Gelaber und unverständlichen Szenen begraben. Das der Zeichenstil bis zum Ende unattraktiv schmuddelig und die Charaktere hässlich bleiben ist ein weiterer Grund, diesen Kram weiträumig zu umfahren.

House of Whispers: The Power Divided (Sandman Universe)
Eine alte Voodoo-Göttin wird aus der Welt gerissen und strandet mit ihrem Hausboot an der Küste ihres Bayou. Allerdings fließt der Fluß plötzlich nicht mehr in Louisiana, sondern durch das Traumreich The Dreaming. Währenddessen greift in der wachen Welt eine Pandemie um sich: Infizierte Menschen verlieren ihre Seele und spüren, dass sie tot sind, leben aber weiter. Dafür ist vermutlich ein irrer Voodoo-Gott verantwortlich, aber gestrandet in der Traumwelt und abgeschnitten von ihren Gläubigen ist die Göttin zu schwach, um ihn in die Schranken zu weisen.

„House of Whispers“ ist wieder ein Spin-Off vom Sandman Universum, und wieder ist die Handschrift Neil Gaimans deutlich zu spüren. Alte Götter und ihre Probleme mit Gläubigen und anderen Göttern sind seine Spezialität, und nach der nordischen und amerikanischen Mythologie widmet er sich nun weniger bekannten Pantheons. Das die afrikanische Mythologie der Dahomey oder die Figuren nicht erklärt werden, macht den Einstieg schwer und das Lesen anspruchsvoll.

Wer nicht zumindest von Voodoo und Loas schon mal ganz grob etwas gehört hat oder The Dreaming nicht kennt, wird hier null verstehen. Und selbst wenn man die Vorkenntnisse hat, bleibt der Band bis zur Mitte völlig rätselhaft – man versteht schlicht kaum, wer die Handelnden sind und was da passiert. Ein wenig mehr Exposition wäre da schon nett gewesen. Wer sich durch die erste Hälfte quält, wird danach aber mit einer spannenden und sehr großen Geschichte belohnt. Nicht für jeden, aber ziemlich gut.


Hören:


Sehen:

Beforeigners [ARD Mediathek, leider nur bis 12.04.21]
2016: Überall auf der Welt tauchen Menschen aus vergangenen Epochen auf, von der Steinzeit bis zum 19. Jahrhundert.

Fünf Jahre später: Die moderne Gesellschaft versucht die Integration der Neuankömmlinge, die nun „Beforeigners“ (Mischung aus „before“ und „foreigners“, „Zeitausländer“) genannt werden. Das führt von Spannungen bis zu offenem Beforeigner-Hass. Ein Integrationprojekt ist die Aufnahme einer Wikingerin in die Norwegische Polizei. Was niemand weiß: Sie war früher eine Schildmaid, eine Kriegerin, und hat mit einigen Vorfahren in der Jetztzeit noch das ein oder andere Hühnchen zu rupfen.

Superinteressante Idee, die diese HBO-Nordic Serie da mitbringt. Leider wird stellenweise zu wenig daraus gemacht. So nachvollziehbar es ist, dass es zu Spannungen führt, wenn im Stadtparkt plötzlich Höhlenmenschen in den Bäumen hocken oder Nachbarn aus dem Mittelalter im Hochhaus Ziegen züchten, so dumm und sinnlos sind manchmal die Ideen der Drehbuchschreiber, wenn es um die Protagonistin geht. Das sie sich Moos in den Schritt stopft wenn sie ihre Tage hat oder schlecht mit einer Pistole hantiert wäre sicher nachvollziehbar wenn sie gerade erst in der Jetztzeit angekommen wäre, aber nicht, wenn sie schon jahrelang die Polizeiakademie besucht hat. Sowas passiert leider sehr häufig, zwischen hanebüchenem Blödsinn und versiebten Ideen gibt es aber immer wieder Geistesblitze und Cliffhanger, die dazu führen, dass man immer wissen möchte, wie es weitergeht. Und zack, sind die sechs Folgen der ersten Staffel auch schon weggeguckt, auch wenn es am Ende völlig unnötig in den Fantasysbereich abrutscht. Danke an FrauZimt für den Tip!


Spielen:

Days Gone [PS4, 2019]
Eine globale Pandemie tötet drei Viertel der Menschen, fast der gesamte Rest wird zu reißenden, bösartigen Bestien. Zwei Jahre später streift Deacon St. John mit seinem Motorrad durch die Wälder Oregons und versucht zu überleben und herauszufinden, wie seine Frau gestorben ist.

„The Last of Us“ mit Motorrädern? Count me in!

Beim Release vor zwei Jahren erhielt Days Gone viel Kritik, vor allem, weil es von technischen Problemen geplagt wurde. Nach drei großen Patches ist der Titel nun aber in einem sehr guten Zustand, selbst auf der Standard-PS4 läuft er meistens flüssig, es gibt kaum noch Ton- oder Grafikfehler.

Besonders beeindruckend ist die offene Welt. Das virtuelle Oregon mit seinen Bergen und Wäldern ist wunderschön und lebendig in Szene gesetzt. Mal regnet es, mal schneit es, mal scheint die Sonne. Das sieht einfach nur großartig aus, genau wie die Charaktermodelle in den Zwischensequenzen. Hautporen, kleinste Augenbewegungen – alles perfekt eingefangen und sehr glaubwürdig.

Schön auch, dass diese Welt nicht zugemüllt ist mit hunderten von Markern mit typischem Open-World-Gedöns wie Sammelaufgaben und Challenges. Stattdessen IST die Welt die Herausforderung, denn so schön sie ist, so gefährlich ist sie auch. Wilde Tiere, Banditen, Zombies – gerade zum Einstieg ist allein das Überleben in der Post-Pandemie-Welt frustrierend schwer. Das Systeme nicht ordentlich erklärt werden tut sein übriges zum Frustlevel, wobei der Schwierigkeitsgrad gar nicht mal besonders hoch ist.

In der Welt gibt es ein geradezu geniales Storysystem, was geschickt verschiedene Handlungsstränge verknüpft. Die Geschichten an sich ist leider etwas inkonsequent erzählt: Teilweise gibt es sehr emotionale und packende Szenen, teils fizzeln ganze Handlungsstränge einfach aus oder kommen gar nicht zu einem Abschluss.

Dazu kommt: Viele Aufgaben sind repetitiv und manches einfach schlecht balanciert. In einer Welt, in der permanent Ressourcenknappheit herrscht und jede Kugel zählt ist es nachgerade ärgerlich, wenn unbekleidete Gegner ein halbes Dutzend Kopfschüsse aushalten. Völlig enervierend auch, dass das eigene Motorrad zu Anfang nicht mal 3 Minuten fährt, bevor man es nachtanken muss.

Macht Days Gone trotzdem Spaß? Durchaus. Man muss sich aber auf ein sehr entschleunigtes Spielerlebnis einstellen, schnelles und actionsreiches Vorgehen funktioniert selten. Hat man sich darin eingewöhnt – was bei mir rund 10 Stunden gedauert hat – wird man mit einem interessanten Hauptcharakter belohnt, bei dem zumindest ich immer wissen will, wie es mit ihm und seiner Geschichte weiter geht.


Machen:
Warten, auf das Ende der Pandemie.


Neues Spielzeug:

Ein schweizer Taschenmesser mit dem Namen „Huntsman“ von Victorinox, allerdings nicht in diesem billigen Plastiklook, sondern in Nussbaumholz. Das ist zwar auch keine Schönheit, fasst sich aber besser als die glatten und irgendwie billig wirkenden Kunststoffschalen. 3mm schlanker als die Plastikvariante, dafür muss man auf Zahnstocher und Pinzette verzichten.

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Momentaufnahme: März 2021

Herr Silencer im März 2021

Clownesk!

Wetter: Anfang des Monats zwischen Null und 8 Grad schwankend und trocken. Monatsmitte mehrere Tage schwere Stürme und Dauerregen, dann wieder Temperaturen um die Null bis -5 Grad, dabei Regen und Schnee, dann bei 0 bis 5 Grad bis zum Monatsende. Die letzten paar Tage sonnig und bis 20 Grad.


Lesen:

Lucifer: The Infernal Comedy / The Divine Tragedy
Bd. 1: Lucifer findet sich an einem Ort zwischen den Welten wieder. Ein Gefängnisort, entsprungen einem Fiebertaum. Schwach, ohne Gedächtnis und misshandelt von Mitgefangenen sucht er nach einem Ausweg. Bd. 2: Lucifers Sohn Caliban ist auf der Suche nach seinem Vater, findet aber keinen Zugang zur Hölle – von der Lucifer feststellt, dass er dort nicht mehr das Sagen und auch keine Anhänger mehr hat.

Schwer erträglich, diese Geschichte aus dem neuen und erweiterten „Sandman“-Universum. Das liegt an der Story, die langatmig, langweilig und völlig wirr erzählt wird, das liegt aber auch am schmutzigen Look der Zeichnungen und am Charakterdesign, das ich persönlich grottenhässlich finde.

Die originale „Lucifer“-Serie war ein Spin-Off von „Sandman“ und lief von 2000 bis 2006. Sie drehte sich darum, das der Fürst der Hölle eben selbige verlässt und in Rente geht. Anders als in der gleichnamigen TV-Serie macht er dann aber keinen auf Privatdetektiv, sondern versucht Gott und der Schöpfung zu entkommen. Das war eine fantastische Geschichte und Lucifer ein eleganter und undurchsichtiger Charakter. In der neuen Serie wirkt er wie ein androgynes Laufstegmodel mit permanent schlechter Laune.

Neil Gaiman: The Books of Magic
Einem 12jährigen Jungen mit einer großen Brille wird eines Nachts eröffnet, dass er der weltgrößte Zauberer werden kann. Er bekommt eine Eule und wird vor eine Entscheidung gestellt: Will Magie in sein Leben lassen? Oder lieber ein normales Leben führen?

Klingt nach Harry Potter, und tatsächlich gibt es heftige Parallelen bei Alter und Aussehen der Protagonisten. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten, denn während Harry Potter nach Hogwarts kommt, geht Tim Hunter, die Hauptperson dieser Geschichte, auf eine Reise mit vier mysteriösen Trenchcoatträgern. Die zeigen ihm unterschiedliche Aspekte der Magie und machen deutlich, dass deren Nutzung äußerst gefährlich sein kann. Tim kann sogar zum Zerstörer der Welt werden, sein Weg ist nicht vorgezeichnet.

Das die Hauptperson mal kein „guter Auserwählter“ ist, sondern nur irre mächtig, wenn er es denn will, und damit möglicherweise auch böse und gefährlich – das ist erfrischend anders und fühlt sich spannend an, zumal auch die Trenchcoatträger nicht unbedingt nur wohlgesonnen sind – einer versucht sogar den Jungen am Ende der Zeit zu begraben, wo es dann ein Crossover mit den „Sandman“-Geschichten gibt und Tim auf die „Endless“ trifft. Ein fantastisches Abenteuer.

Die Grafic Novel ist toll gezeichnet, schön erzählt und macht Lust auf mehr – wird sich Tim am Ende für die Magie entscheiden? Oder davon absehen, um nicht zum Vernichter von Welten zu werden? BTW: Die „Bücher der Magie“ wurden schon 1994 veröffentlicht, wenn überhaupt hat sich also J.K. Rowlings inspirieren lassen.

Petra Reski: Als ich einmal in den Canale Grande fiel: Vom Leben in Venedig
Venedig. Eine Stadt, an deren Untergang nicht nur das Meer arbeitet. Petra Reski lebt seit 30 Jahren in Venedig und berichtet hier von ihrem Leben in der Stadt. Von kleinen Anekdoten, ihrer tiefen Liebe zu dieser unwirklichen Stadt, aber auch von den Folgen der jährlich 30 Millionen Touristen, Korruption, Kreuzfahrtschiffen, was mit einer Stadt passiert, wenn Wohnungen nur noch als Air BNB vermietet werden und wie Corona die Stadt verändert.

Petra Reski ist eine der bewundernswertesten Journalistinnen, die zu lesen ich das Vergnügen habe. Bewundernswert, weil sie nie aufzugeben scheint – trotz aller Ungerechtigkeiten schreibt und kämpft sie immer weiter, auch wenn Sie für ihre Mafiarecherchen schon mal von deutschen Geschäftsleuten verklagt und dabei von Jakob Augstein im Regen stehen gelassen wird.

Ich lese Petra Reskis Blog schon lange und kenne deshalb ihren berechtigten wie bitteren Abgesang auf die Stadt. Der Tenor ist: Die Stadt stirbt seit den Neunzigern, weil einfach jeder daran verdient. Die Politiker, die die Immobilien der Stadt an die Benettons oder an die Chinesen verkaufen. Die Wohnungsbesitzer, die mit AirBNB Kohle machen. Die Gemüsehändler, die plötzlich lieber Plastikgondeln an Touristen als Tomaten an Einwohner verkaufen. Selbst die Gondoliere, die dank des Massentourismus locker 1.000 Euro am Tag(!) machen.

Im Blog ist das alles sehr konzentriert und deshalb schwer erträglich, weil es wütend und traurig macht. Das vorliegende Buch funktioniert aber anders, weil es die permanente Ungerechtigkeit in dieser Stadt vermischt mit Reskis großer Liebe zu Venedig und den Einheimischen, für die sie unnachgiebig kämpft – zuletzt hat sie sich sogar im Wahlkampf aufstellen lassen.

Das Buch ist eine leichter zu ertragende Mischung als das Blog. Es ist eine bittere Liebeserklärung an eine wunderbare Stadt, die täglich mißhandelt wird und die es so schon bald nicht mehr geben wird.


Hören:


Sehen:

Raees [2017, BluRay]
In den 70ern lernt der kleine Raees den Alkoholschmuggel in der Prohibition in einem indischen Bundesstaat. Als Erwachsener wird er selbst zum Chef einer Schmugglerorganisation und dabei von korrupten Polizisten und Politikern unterstützt. Mit seinen Profiten hilft Raees immer wieder der armen Bevölkerung – aber dann bekommt er es mit einem unbestechlichen Polizisten zu tun.

Toll ausgestattet und inszeniert, aber auch sehr düster. Sha Rhuk Khan spielt intensiv, der Rest des Casts bleibt dagegen eher blass. Gute, aber grimmige Gangsterunterhaltung

Wandavision [2020, Disney+]
Marvel-Cinematic Universe, nach „Endgame“: Wanda und Vision leben in einer Sitcom, die in den 50ern beginnt und von Folge zu Folge ein Jahrzehnt nach vorne springt. Anfangs noch in Schwarz-weiß, ab den späten 60ern dann in Farbe. In den 70ern wird Wanda unvermittelt schwanger. Maximale Verwirrung.

Hä? Ist Vision nicht gestorben? Was soll das mit den Sitcoms? Wieso das alles? „Wandavision“ zieht seinen großen Reiz aus dem Geheimnis, das nach 9 Folgen befriedigend aufgelöst wird. Gute Miniserie, schöner Einstieg in MCU Phase 4. Aber: Ohne Vorkenntnisse keine Chance zu verstehen was da abgeht.

Der Prinz aus Zamunda II [2021, Prime]
Akeem ist König von Zamunda und hat drei clevere Töchter, Thronfolger soll aber sein unehelicher Sohn aus New York werden.

Lang, nur begrenzt witzig. Braucht es „Zamunda 2“, satte 33 Jahre nach dem Original? Nein, natürlich nicht. Mochte ich ihn trotzdem? Zum Teil. Das liegt an der Nostalgie. Meine Generation feiert den ersten Teil total ab, alleine „McDowells“ ist in meinem Bekanntenkreis ein immer noch benutzter Insidergag. Genau solche Nostalgiker hat der Film im Fokus und überschüttet sie mit Tonnen von Reminiszenzen, die er dann unerträglich lang auswalzt. Dazu kommt eine Nummernrevue alter Bands wie En Vogue, Salt´n´Pepa oder Glady Knight. Das ist alles ein wenig zu viel und wird nicht durch eine Story getragen, die den Namen auch nur im Ansatz verdient. Kein guter Film, kurz Schmunzeln musste ich trotzdem.

Das Hausboot [2020, Netflix]
Olli Schulz und Fynn Kliemann kaufen das alte Hausboot von Gunther Gabriel, um daraus eine schwimmende Party- und Musiklocation zu machen. Was als „Och ja, bisschen Farbe und Rest bleibt so“ beginnt, wächst sich schnell zu einem Mammutunternehmen aus, denn der Kahn ist bis auf die Grundplatten verrottet und muss komplett neu gebaut werden. Am Ende arbeitet das Team zwei Jahre an der Kiste herum und muss diese Doku für Netflix drehen, um die Finanzierung stemmen zu können.

Hört sich alles erst einmal super interessant an, ist es aber nicht. Fynn macht halt sein übliches Ding, wie man es von Youtube kennt, Olli Schulz hat Recht früh keinen Bock mehr. Ab einem Punkt X übernimmt dann ein junger Bootsbauer, der sich bis zur Erschöpfung selbst ausbeutet, während Schulz und Kliemann nur ab und an vorbeigucken um in die Kamera zu sabbeln.

Das gibt kein gutes Bild ab, spiegelt aber vermutlich ganz gut die Realität wieder: Kliemann ist halt mittlerweile großer Medienunternehmer mit zig parallelen Projekten, Olli Schulz ein cholerischer und schnell beleidigter Mensch. Die Miniserie hat zum Glück nur vier Teile, und selbst die sind zu lang.

Das wandelnde Schloss [2004, Netflix]
Eine junge Hutmacherin wird von einer bösen Hexe verflucht und zu einer 90 Jahre alten Frau. Sie flieht aus ihrer Stadt und sucht mit Hilfe einer magischen Vogelscheuche Zuflucht im Haus eines Kriegsmagiers, wo sie sich mit einem Feuerdämon anfreundet.

Was für ein grandioser Quatsch! Jede Szene wird nur immer noch absurder, da ist ein Haus auf Beinen echt noch das normalste. Überbordende Fantasie quillt hier aus jeder zauberhaften Ecke. Ein Film zum Träumen, gleichzeitig spannend und mitreissend – ganz große Kunst vom japanischen Studio Ghibli.


Spielen:

Persona 5 Strikers [2020, PS4]
Ein halbes Jahr nach den Ereignissen von Persona 5 kommen Joker, Ann, Makoto, Riyuji, Mona, Futaba und die beiden Unwichtigen wieder zusammen. Der Plan: Gemeinsam die Sommerferien verleben. Klappt leider nicht, eine Künstliche Intelligenz und die kognitive Welt kommen dazwischen, und die Gruppe muss noch einmal als „Phantom Thieves“ losziehen und die Welt retten.

„Persona 5, Teil 2“ könnte „Strikers“ auch benannt sein. Das hat man sich wohl nicht getraut, weil die Gamemechanik komplett ausgetauscht wurde. Es gibt keine zeitgetaktete Lebenssimulation mehr, und auch die rundenbasierten Kämpfe finden nicht mehr statt. Stattdessen gibt es Echtzeithauereien mit teils Dutzenden von Gegnern gleichzeitig. Das ist anders, aber durchaus launig – und sehr, sehr schwer. Denn in den Gegnermassen stecken immer wieder Zwischenbosse, denen in endlos langen Gefechten nur mit speziellen Fähigkeiten beizukommen ist, und deren Nutzung ist gerade am Anfang stark limitiert.

Für mich war das gerade zu Beginn auf Schwierigkeitsgrad „Normal“ tatsächlich frustrierend und teils zu schwer, „Einfach“ aber keine wirkliche Herausforderung mehr – das Kampfsystem erfordert also Einarbeitung und Können. Immerhin, Story und Artwork sind hundertprozentig Persona 5 und damit schön und spannend.


Machen:

HU für die V-Strom, sonst: Nüscht. Die Pandemie gibt halt nochmal richtig Gas gerade, das ist nicht die Zeit um was zu machen.


Neues Spielzeug:

Bild: Bosch

Eine „Easy pump“ von Bosch. 430 Gramm leicht, leise, akkubetrieben, reicht für 4 Autoreifen. Einfach Zielluftdruck einstellen, ansetzen, Knöppsche drücken, fertig. Wird über USB geladen.

Hört sich super an, aber ich weiß aber noch nicht, ob ich die behalte – bin eigentlich kein Freund von diesen Lithium-Ionen-betriebenen Spielzeugen ohne wechselbaren Akku. Die sind nicht nachhaltig und werden nur toll gefunden, weil sie so bequem sind – typische Boomerspielzeuge.

Andererseits… ist halt nett, Auto-, Fahrrad- und Moppedreifen mal schnell aufpumpen zu können, ohne jedes mal die Fußpumpe rauszuholen. Und im vergangenen Jahr, bei der Reifenpanne, war die Fußluftpumpe auch einfach zu langsam… Ach, auch ich bin vor Faulheit nicht gefeit.

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Momentaufnahme: Februar 2021

Herr Silencer im Februar 2021

Der erste ernsthafte Winter seit 10 Jahren!

Wetter: Anfang des Monats Temperaturen von -20 Grad und ein halber Meter Schnee, ab der dritten Woche frühlingshafte +20 Grad. Krasse Steigerung.


Lesen:


Terry Pratchett: Night Watch
Commander Vimes verfolgt einen Mörder durch die Straßen Ankh-Morporks, als ein Unfall passiert und beide 30 Jahre in die Vergangenheit transportiert. Hier steht die Stadt kurz vor einer Revolution, die die Geschichte verändern wird. Vimes muss sich nun überlegen, ob er die Rolle spielen will, die ihm die Geschichtsbücher vorschreiben – oder ob er alles verändert und damit die Zukunft, so wie er sie kennt, verliert.

Die meisten kennen die „Scheibenwelt“-Bücher von Terry Pratchett nur als „Per Anhalter durch die Galaxis im Fantasygenre“. Das trifft aber nur auf die ersten Bücher zu, die noch in den 80ern enstanden sind. Das hier ist der ältere, weisere Pratchett, der eigenständige Geschichten ohne Slapstick erzählt.

„Night Watch“ handelt davon, wie sich ein Mann entscheidet, der ganz auf sich zurückgeworfen ist und der weiß, wie seine Zukunft aussehen kann. Das ist nicht witzig, aber spannend, unterhaltsam und gespickt mit Erkenntnissen über menschliche Handlungsweisen. Definitiv das Beste Buch der „Stadtwachen“-Serie.


The Dreaming: Pathways and Emanations / Empty Shells / One Magical Movement
Dream of the Endless ist die Personifizierung aller Träume und Geschichten im Universum. Jetzt ist Dream verschwunden, und das hat Konsequenzen: Die Menschen werden wahnsinnig, weil sie im Schlaf nicht mehr richtig träumen, und die Märchenwesen und ihre Geschichten lösen sich auf und das Traumreich „the Dreaming“ zerfällt. Aber warum ist das so?

War mir bislang durchgerutscht, aber es gibt tatsächlich seit einigen Jahren eine Fortsetzung von Neil Gaimans „Sandman“-Epos. Die originale Reihe entstand zwischen 1988 und 1996 und erzählt auf 2.000 Grafikseiten die Geschichte von Dream und seinen Geschwistern Destiny, Death, Delirirum, Destruction, Desire und Despair. Dieses Werk ist so umfangreich und fantastisch, dass es bis zu „Mouse“ die einzige Graphic Novel war, die es je in die Beststellerlisten geschafft hat. Danach gab es einige Spin-Offs, von denen aber nur „Lucifer“ wirklich Erfolg hatte.

Zum 30jährigen Bestehen hat DC Black, der Nachfolger des geschätzten Vertigo-Labels, gleich mehrere Reihen gestartet, die die Geschichte des Sandman-Universums fortsetzen. An jeder Reihe arbeitet ein handverlesenes Team unter der Aufsicht von Neil Gaiman, und das ist zu merken. „The Dreaming“ ist vermutlich die dramatischste der neuen Reihen und startet tatsächlich als Sequel zu den Ereignissen in 1996. Mit dabei sind bekannte Charaktere wie Rose Walker, Lucien, Kürbis Merv und Raben Matthew, aber auch neuen Figuren wie der geheimnisvollen Dora, die selbst nicht weiß was sie ist oder wieso sie zwischen Dimensionen springen kann.

Aus der Ausgangssituation „Traum ist verschwunden“ ergibt sich eine verwickelte und überaus intelligente Geschichte, die auch für Neueinsteiger geeignet ist und die einem bis zum Ende immer wieder den Mund offen stehen lässt. Das wird dramatisch und wirklich innovativ erzählt, und damit ist das neue „The Dreaming“ genauso gut wie die Originalreihe. Sie ist allerdings schöner gezeichnet, den unsauberen Look der 80er kann man ja heute nur noch schwer ertragen.


Hören:

Tom Petty: The Best of Everything 1976-2016

Einfach mal wieder Lust drauf gehabt. Muss man nicht viel zu sagen: Tom Petty


Sehen:

Erik Peters: Abenteuer Südostasien [BluRay]
Fantastisch fotografierter Trip. Peters verschweigt dabei nicht die Probleme mit Visum und Zoll bei der Einreise. Schön anzusehen und kurzweilig, und was mir halt an Peters gefällt: Er ist immer neugierig und akzeptiert, dass es in der Ferne anders ist als in Köln.

Erik Peters: Vamos Cuba [2017, BluRay]
Ein Motorrad auf Kuba mieten? Unmöglich. Also verschifft Peters sein Bike auf die Insel und erlebt dort drei Monate auf den Spuren Fidel Castros. Ebenfalls sehr wunderbare Momente und tolle Bilder. Leider mit nur 84 Minuten zu kurz.


Spielen:

Yakuza: Like a Dragon [2019, PS4]

Einige Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 6: Der Tojo-Clan existiert nicht mehr, die rivalisierende Omi-Allianz hat das Tokioter Vergnügungsviertel Kamurocho übernommen. Das haut Ichiban aus den Socken, als er nach 19 Jahre aus dem Gefängnis frei kommt und nun in eine Welt ohne Yakuza, aber mit Smartphones stolpert. Noch verwirrender ist, dass sein Tojo-Patriarch und Ziehvater nun bei den Omi ist und ihn bei Sichtkontakt niederschießt. Ichiban versteckt sich in Yokohama und versucht mit Hilfe eines Obdachlosen, einer Hostess und eines alten Beamten herauszufinden, was genau in den vergangenen Jahren passiert ist. Gemeinsam kommen sie einer gigantischen Verschwörung auf die Spur.

Neues Spiel, neuer Hauptcharakter und neues Spielsystem. Vorbei sind die Zeiten von Kiryu Kazuma und seinen Prügeleien. Neben Ichiban befehligt man bis zu drei andere Spielfiguren in rundenbasierten Kämpfen a la Persona. Das funktioniert erstaunlich gut mit dem Yakuza-Konzept und in der bewährten Dragon-Engine, spielt sich aber weniger crisp als „Persona 5“, das hier deutlich Vorbild war. Zusätzlich ist ein Rollenspielsystem mit Charakterklassen integriert. Das ist zwar originell, bedingt aber langen Grind. Ohne den geht es eh nicht, in der Mitte sagt das Spiel einfach mal: „Verdiene 3 Millionen Geld, dann gehts weiter“ – zu einem Zeitpunkt, an dem man froh ist 10.000 Geld zu haben. Sobald man die Kohle dann zusammen hat, macht das Spiel ein neues Areal auf und überschüttet einen mit Geld. Das ist ärgerlich, passiert aber gleich noch einmal: Das Spiel setzt einem einen Boss-Gegner vor die Nase, der übermächtig stark ist und für den man wieder das eigene Level hochgrinden muss, was zu dem Zeitpunkt nur sehr langsam möglich ist. Hat man es einmal geschafft, gibt es neue Areale und man wird mit Leveln überschüttet. Was soll sowas? Das macht keinen guten Eindruck und ist langweilig.

Letztlich reissen es Story und Charaktere wieder raus. Die Geschichte ist Yakuza-typisch episch, verworren und filmisch erzählt, braucht aber lange um in Fahrt zu kommen enthält wieder ausufernde und häufige Zwischensequenzen.

Dass das seltsame Gemisch aus Rollenspiel, Rundenkampf und Yakuza-Geschichte nicht zwischendurch absäuft ist hohe Erzählkunst und auch dem neuen Charakter geschuldet: Ichiban ist liebenswert und durchgeknallt und damit genau das Gegenteil des wortkargen Desperados Kiryu. Ein guter Neustart der Reihe, wenn das Spiel auch viel mehr Längen hat als nötig. Für Haupt- und einige Nebenquests habe ich 57 Stunden gebraucht, 40 hätten mehr als gereicht.


Machen:

Bücherregale entrümpeln.


Neues Spielzeug:
Mehr gutes Werkzeug!

Und ein Schlafsack, ein Carinthian Tropen.
Vermutlich Kompensationskauf wegen Fernwehs.

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Momentaufnahme: Januar 2021 (2/2)

Herr Silencer im Januar 2021, Part II

Dieses Mal mit heftigem Medienkonsum, daher die monatliche Rückschau in zwei Teilen. Teil 1 war vorgestern. Kleinen Retro-Anfall gehabt:

Sehen:


Eine Frage der Ehre [1992, BluRay]
Die US-Militärbasis Guantanamo in den 90er Jahren: Ein junger Marine wird von zwei Kameraden ermordet. Anscheinend wollten sie ihm eine Lektion in Sachen Kameradschaft erteilen – oder steckt doch mehr dahinter? Demi Moore ist junge Anwältin der Navy und würde der Sache gerne nachgehen, wird aber lediglich als Assistentin dem Frischling und Hotshot-Rechtsverdreher Tom Cruise zur Seite gestellt. Der noch nie einen Gerichtssaal von Innen gesehen, und trotzdem legen sich die beiden mit Jack Nicholson, Kevin Bacon und Kiefer Sutherland an.

Gerichtsdrama mit vorhersehbarem Plot, aber sehr gut gespielt. Demi Moore und Tom Cruise geben sich hier ausnahmsweise mal richtig Mühe, kommen aber nicht an die intensive Leistung von Kiefer Sutherland und Jack Nicholson dran. Ich glaube, die spielen da auch gar nicht, die SIND so. Und das ist schon beim Ansehen beängstigend.


The Joneses [2011, Prime]
Familie Jones zieht in ein neues Haus in einer reichen, amerikanischen Kleinstadt. Während Vater Jones (David Duchovny) viel Zeit auf dem Golfplatz verbringt, lässt sich Mutter Jones (Demi Moore) in Schönheitssalons verwöhnen, Tochter Jones (Amber Heard) tauscht an der Highschool Make-Up mit Klassenkameradinnen und Sohn Jones (Irgenwer) geht skaten und hängt mit Kumpels vor Spielekonsolen. Also alles normal? Nicht ganz. Denn die Joneses sind gar keine Familie, sondern zusammengecastete Schauspieler, die als Influencer Produkte bewerben.

Ein visionärer Film: 2011 gab es noch keine Influencer, heute sind selbst Influencerfamilien dank Instagram Realität. Das gab es vor 10 Jahren noch nicht, und daher ist die Idee, den David Duchovny als Fachverkäufer für Golfschläger, schnelle Autos und Rasenmäher und die Demi Moore als MILF einzusetzen, die bei Cocktailparties Werbung für Parfum, Tiefkühlkost und Reisebüros macht, spaßig anzusehen. Außerdem ergeben sich aus der Konstellation interessante Probleme, z.B. wenn die Tochter-Darstellerin, die auf ältere Männer steht, plötzlich an ihrem „Vater“ gefallen findet und versucht den zu verführen.

Nach hinten raus kippt der Film leider ein wenig. Er weiß zwar, was er aussagen möchte – das rein konsumgestützte Fassaden schlecht sind und die Leute unglücklich machen – kommt damit aber so abrupt um die Ecke und ist so wenig überzeugend gespielt, dass es unglaubwürdig und irgendwie drangestückelt wirkt. Hier hätte mehr Charakterentwicklung Not und eine längere Laufzeit als nur 90 Minuten gut getan. So bleibt der Film trotz seiner tollen Idee nur „nett“ und kurzweilig.


Der Junge muss an die frische Luft [Netflix]
Anfang der 70er: Die Familie des jungen Hans-Peter zieht vom Land in das Haus der Großeltern in Recklinghausen. Das Zusammenleben klappt nicht immer reibungslos, ist aber geprägt von großer Herzlichkeit und Wärme. Dann verliert sich Hans-Peters Mutter in Depressionen. Für den jungen wird das zu einem traumatischen Ereignis, und fortan wird er von seinen Großeltern aufgezogen.

Der Trailer nervt wie Sau, hat aber zum Glück mit dem Film wenig zu tun:

Wer sich jetzt fragt was Hape Kerkeling heute macht: Der hat sich nach fast 30 Jahren von seinem Partner getrennt und lebt in einer neuen Beziehung in Umbrien. Seine Showkarriere hat er 2014 für beendet erklärt. Aber zum Film:

Ich gucke keine Filme mit Kindern auf dem Filmposter. Kinder nerven, immer. Also, außer hier. Julius Weckauf sieht nicht nur aus Hape Kerkeling, er spielt auch brillant ohne dabei zu nerven.

Dabei hilft natürlich die Konstruktion des Films: Hape ist zwar der zentrale Charakter, aber bei Ereignissen ist er meist nur Zuschauer und nicht der Auslösende oder Handelnde. Das macht den Film angenehm subtil und umso wirkvoller, wenn man dabei zusieht, welche große Traurigkeit ein Mensch erleiden muss, um die Fähigkeit, andere aufzuheitern, zur Kunst zu entwickeln.

Umgehauen hat mich die Ausstattung. Ich bin in den Siebzigern geboren, und bei uns auf dem Dorf sah es in vielen Details EXAKT so aus wie im Film. Der verklinkerte Kaufmannsladen. Spargel aus der Dose. Wie klein Autos waren. Wie Küchen und Möbel aussahen. Beim Anschauen konnte ich praktisch wieder fühlen, wie sich die Polyesterkleider oder Flusenpullis der Tanten und Ommas anfühlten. Ich hätte es nicht gedacht, aber der Film ist ruhig und sensibel und bringt Erinnerungen zurück – Anschauempfehlung für ältere Semester! Gibt es gerade bei Netflix, war 2018 der erfolgreichste deutsche Film.


Tödliche Weihnachten [1996 BluRay]
Geena Davis hat ihr Gedächtnis verloren, Samuel L. Jackson hilft ihr beim Suchen. Was sie finden ist nicht unbedingt sympathisch.

Der Plot ist etwas komplexer als sonst bei Actionfilmen aus den 90ern üblich: Am Ende geht es hier um einen Geheimdienst, der einen Terroranschlag plant, um ein besseres Budget zu bekommen. Das wirkt als Auflösung unfreiwillig komisch, genau wie Geena Davis krasses Overacting. Ist aber egal, alle Beteiligten haben offensichtlich großen Spaß bei der Sache, weil sie genau wissen, in was für einem Quatschfilm sie hier mitspielen. Ich meine, allein dieses Gesicht von Samuel L. Jackson wenn Geena Davis ihn davon ablenkt, dass sie ihm gleich ein Pflaster abreißen wird, ist allein den Film schon wert:

Dazu kommen noch so feine Onliner wie „Soll ich mir die Pistole in die Hose stecken und mir die Eier wegschießen?“ – „Sind sie denn Scharfschütze??“. In der Summe: Netter Spaß mit ein paar Längen. Belanglose Actionunterhaltung, die man immer wieder mal schauen kann.


Tränen der Sonne [2003, BluRay]
Bruce Willis ist ein wortkarger, ultraharter Marine, Monica Bellucci eine Ärztin im Dschungel von Nigeria. Als ein Bürgerkrieg ausbricht und Gruppen von „ethnischen Säuberern“ massenmordend durch das Land zieht, soll der Willis die Monica da rausholen. Die will aber die Patienten ihres Urwaldkrankenhauses nicht im Stich lassen, und so macht sich eine Gruppe von 40 Personen auf die Flucht ins benachbarte Kamerun.

Der Legende nach lag Bruce Willis so viel an dem Stoff, das er den Film nicht nur produzierte, sondern dem Studio auch den Namen abkaufte, der eigentlich der Untertitel für „Stirb Langsam 4“ hätte sein sollen. Dieses Engagement in allen Ehren, ein wenig mehr Augenmerk auf´s Drehbuch wäre schon nett gewesen. So mäandert der Film orientierungslos durch die Gegen und weiß nicht, was er eigentlich will. Ethische Säuberungen dokumentiert er ultrabrutal und geht damit fast in Richtung Doku, irrwitzige Ballerei, Soldatenglorifizierung und unlogische Plotdevices stammen dagegen aus dem Actionfilmbaulasten.

Immerhin sind die Rollen von Bellucci und Willis perfekt für die beiden geeignet: Sie brauchen nur ausdruckslos in die Kamera gucken, Schauspielerei wird dankenswerterweise nicht verlangt. In der Summe leider kein guter oder auch nur anschauenswerter Film.


Striptease [1996, VoD]
Robert Patrik klaut Rollstühle von kleinen Kindern um sie weiter zu verhökern. Aus Protest dagegen und wegen irgendwas mit Sorgerecht strippt seine Ex-Frau Demi Moore, aber nur zu Musik von Annie Lennox. Dabei verliebt sich Burt Reynolds in sie und reibt sich mit Vaseline ein, währen Ving Rhames Joghurt rührt und Anwälten damit droht, ihre Möbel mit einem Akkuschrauber zu verkratzen. Zwischendurch hoppelt Pandora Peaks durch die Szenarie und am Ende fällt ein Berg Zucker vom Himmel und erschlägt die Bösen. Kein Witz.

„Striptease“ ist eine ganz seltene Kategorie Film: Triple-A-Trash! Ich stelle mir die Entstehung so vor: Ein sehr pubertierender 14jähriger hat sich ein Fantasie über Demi Moore aus der Feder geschüttelt. Zufällig ist sein Papa Milliardär und kann es sich leisten, die Wichsvorlage in einen Film zu verwandeln.

„Papa, kannst du der Demi Moore vorher noch die Titten machen lassen?“ – „OK, Sohn“. „Papaaaa, kann der T-1000 den Ex-Ehemann spielen?“ „Kein Problem, mein Sohn“. „Papaaaaaa, kann die Frau mit den größten Brüsten der Welt ab und an durch den Hintergrund hoppeln?“ „Aber sicher, Sohnemann!“ „Papaaaa, ich kann Burt Reynolds nicht leiden, kann der einen irren Perversen spielen der, der… Flusen aus dem Wäschetrockner schnüffelt?“ „Na aber sicher“

Irgendwie so muss das abgelaufen sein. Da fast ALLE Stars wissen, in was für einem Müll sie hier gegen ihre astronomische Gage mitspielen, gibt sich auch keiner wirklich Mühe. Alle machen einfach irgendeinen Quatsch und grimassieren sich die Seele aus dem Leib.

Außer Demi Moore, die hat anscheinend an anderes Drehbuch bekommen und nimmt den Blödsinn wirklich ernst. Nicht nur, dass die Figur der alleinerziehenden Mutter viel zu ernst für den ganzen anderen Unfug angelegt und gespielt ist, Moore hat sich vor dem Dreh auch Brustimplantate einsetzen lassen, die danach wieder entfernt wurden, ihren Körper in perfekte Form gebracht und richtig komplizierte Stripmoves gelernt. Die führt sie aber mit so großer Verbissenheit und roboterhafter Perfektion vor, dass das NIE, aber auch nicht im ANSATZ sexy ist. Für diesen Kram hat Moore die höchste Gage bekommen, die bis dahin jemals an eine Schauspielerin gezahlt wurde, dafür hat er ihre Karriere auf Talfahrt geschickt.

Der ganze Film ist hingestümperter Schwachsinn, und trotzdem ist es lustig ihn anzugucken. Weil er so absoluter Müll ist, weil er mit Stars gespickt ist die das alles gar nicht nötig hatten und weil es so erheiternd ist sich vorzustellen, wie ein 14jähriger Milliardärssohn sich seinen Traum einer nackigen Demi Moore erfüllt hat.


Ghost – Nachricht von Sam [1990, VoD]
Patrick Swayze ist ein hackedummer Banker. Als er stirbt, ist er sogar zu doof den Weg ins Jenseits zu finden. Stattdessen spukt er lieber um seine Verlobte Demi Moore herum und geht dem Medium Whoopie Goldberg auf die Nüsse.

Ach Gott, was hat mich der Patrick Schweizer in meiner Jugend genervt. Der hat 1987 genau diesen einen Tanzfilm gemacht den alle gut fanden, und danach tapszierte (wie wir im Leinetal sagen) eine ganze Generation von Mädchen ihre Zimmer mit Bravo-Starschnitten und Poster von dem Schergen. Dummerweise waren das genau die Mädchen in meinem Alter und wir waren alle in der Pubertät, und mit einem Mal musste man sich als Junge vom Dorf mit Patrick-verflucht-Swayze vergleichen lassen. Als hätte das nicht ausgereicht, war Swayze omnipräsent. Egal ob „Fackeln im Sturm“, „Steel Dawn“, „Dirty Tiger“… Swayze spielte zwischen 1987 und 1993 in 11 Filmen mit. Ich hasste ihn.

Nun stelle ich fest: Der Mann konnte nicht mal schauspielern. Was er hier abliefert ist krass albernes Overacting. „Patrick, mach mal erschrocken“ – und Swayze reisst die Augen und macht mit dem Mund ein „O“ als sei er ein grenzdebiler Pantomime. Demi Moore hat hier auch nicht viel mehr zu tun als waidwund zu gucken, und Whoopie Goldberg ist hier einfach Whoopie Goldberg und macht, was Whoopie Goldberg immer in Filmen tut. Erstaunlich, dass die Leute für sowas damals ins Kino gegangen sind.

Noch erstaunlicher, dass „Ghost“ im kollektiven Gedächtnis als guter Film in Erinnerung geblieben ist. Ist er nicht. Er ist das perfekte Mittelmaß. Er ist ein Bisschen lustig, ein Bisschen spannend, ganz doll schmalzig und sogar ein klein wenig gruselig. Dadurch bietet er von allem ein wenig und bildet damit den kleinsten gemeinsamen Nenner des Zeitgeschmacks ab – und das ist eine große Basis. Kann man sich übrigens auch heute noch angucken, weil er so ein wilder Mischmasch ist, wirkt der Film kurzweilig.


Erik Peters: Himalaya Calling [2020, BluRay]

„Der Motorradreisende“ Erik Peters bricht von Köln auf und fährt mit dem Motorrad bis in den Himalaya. Begleitet wird er von seinem alten Kumpel Alain. Gemeinsam nehmen die beiden auf ihren Super Ténérés einige der gefährlichsten Straßen der Welt in Angriff und fahren von der Türkei über den Kaukasus bis nach Pakistan und Indien. Geplatzte Ölfilter, Schneestürme und Reifenzerfetzer inklusive.

Ich kenne schon einige Filme von Peters, der seine Hobbies Reisen und Motorradfahren zum Beruf gemacht hat und sich nun durch Filme, Bücher und Vorträge finanziert. Bislang fand ich seine Sachen gut, aber nicht überragend. Das hat sich jetzt geändert: „Himalaya Calling“ ist der Hammer. Professionell gefilmt, nie langweilig – ganz große klasse. Wunderschöne Bilder, die einem hautnahe Eindrücke von den Wundern und Entbehrungen einer solchen Reise bieten. Nur die kölsche Rumflucherei von Reisekumpel Alain und die immer gleichen Szenen, in denen die beiden sich Abklatschen oder in die Ferne deutend am Wegesrand stehen, hätte es nicht gebraucht – das ist gestellt und sieht auch so aus.

Besonders schön finde ich, das Peters mit einer raubatzigen Neugier und immer offen für neue Eindrücke an alles herangeht. Dabei ist drängt er sich als Person aber nie in den Vordergrund. Er ist ein Beobachter und lässt uns daran teilhaben, wie er Wunder erlebt. Das ist durch und durch positiv und ganz anders als bspw. die Reisebücher der „Kradvagabunden“, deren permanente Klagen über alles und jeden ich mittlerweile nicht mehr ertrage.

Die Gesamtlaufzeit von „Himalaya Calling“ beträgt fast 4 Stunden, das ist viel Reisefilm für´s Geld, das hier definitiv besser aufgehoben ist als bei der Konkurrenz. Egal ob das wehleidige und auf Kommerz getrimmte „Egal was kommt“ oder das fremdschämige „Über Grenzen“, die können alle Peters Art des Reiseberichts nicht im Ansatz das Wasser reichen.


Yakuza 6: The Song of Life [PS4]
Vier Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 5: Haruka, Ziehtochter von Ex-Yakuza Kazuma Kiryu, wird in Tokio Opfer eines Attentats. Dabei stellt sich raus: Sie hatte einen kleinen Sohn. Kiryu, frisch aus dem Gefängnis entlassen, kümmert sich um das Baby und versucht die Hintergründe des Attenats herauszufinden. Dabei stolpert er vom Nachtleben Tokios in die Kleinstadt Onomichi. Diese Stadt birgt ein Geheimnis, das so groß ist, dass Mitglieder der japanischen Regierung dafür töten, um es zu bewahren.

Wow. Das Spiel startet mit einem Schocker und fährt dann eine Story auf, die selbst für die verwickelten Geschichten der Yakuza-Reihe komplex ist – und irrsinnig gut! Exzellent geschrieben, tolle Charaktere – hier passt alles zusammen und es bleibt spannend bis zum Ende. Das ganze ist hervorragend in Szene gesetzt – der Fischerort mit seinen winkenden Austernverkäufern und den etwas abgeranzten Lädchen ist so detailliert gestaltet, dass man die Seeluft zu riechen glaubt.

Die Dragon-Engine zaubert Charaktere auf den Bildschirm, bei denen man jede Pore und Barstoppel sieht, und das bei praktisch keinen Ladezeiten. Das Gameplay wurde entschlackt, statt der fünf Protagonisten, wie im Vorgänger, gibt es wieder nur einen spielbaren Charakter, und die meisten Minispielchen und Nebentätigkeiten sind weggefallen. Yakuza 6 will, dass man sich auf seine Hauptgeschichte konzentriert, und das ist gut so.

Kleiner Wermutstropfen: Die Geschichte wird hauptsächlich in Cutscenes erzählt, und davon gibt es sehr, sehr, also wirklich SEHR viele. Teilweise schließen Cutscenes an Cutscenes an oder werden durch Cutscenes unterbrochen. Kein Witz.

Dadurch wirkt das Spiel noch mehr wie ein sehr atmosphärisch inszenierter Film, verdammt einen aber oft zum Zugucken und ist nach 20 Stunden vorbei. Die Kürze ist kein Nachteil. Yakuza 6 hat etwas zu erzählen, und das tut es konzentriert und sehr gut. Ein würdiges letztes Kapitel und das Ende der Geschichte von Kiryu, dem Drachen von Dojima, den die Yakuza-Hauptreihe jetzt in sieben Spielen begleitet hat.

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Momentaufnahme: Januar 2021 (1/2)

Herr Silencer im Januar 2021

Diesen Monat kaum was anderes getan als zu arbeiten und danach todmüde Medien zu konsumieren – so viel, dass die monatliche Rückschau in zwei Teilen daherkommt. Dies ist Teil 1.

Wetter: Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt und vereinzelt, aber immer wieder Schneefall. Am Monatsende Sintflutregen und SChneeschmelze – gut so, die Talsperren können das brauchen.


Lesen:

Christopher Tauber (Autor) Hanna Wenzel (Illustratorin): Rocky Beach
Vor 30 Jahren hat Peter Shaw seinen Heimatort Rocky Beach verlassen und bei einer Versicherung in Boston Karriere gemacht. Um einen Versicherungsfall zu untersuchen, kehrt Shaw an den Ort zurück, an dem er mit Justus Jonas und Bob Andrews einer der drei ??? war. Dort begibt er sich auf Spurensuche.

Graphic Novel, das die „drei Detektive“ dreißig Jahre später zeigt und dabei einen Nebencharakter der Hörspiele in den Mittelpunkt rückt: Rocky Beach selbst.

Die Kleinstadt im sonnigen Kalifornien wird ganz in der Tradition des Film Noir als Ansammlung aus Bars, runtergekommenen Buchläden und korrupten Polizisten beschrieben. Dazu passt, dass die spannende Geschichte in oft düsteren Schwarz-Weiß-Panels erzählt wird.

Richtig interessant ist aber, dass das auch die drei ehemaligen Detektive ihr Päckchen zu tragen haben. Seit einem schicksalshaften Ereignis haben die drei sich nicht mehr viel zu sagen, Justus ist sogar depressiv. Das passt vielen Fanboys der Serie natürlich gar nicht, aber ich finde die Idee super und wollte bis zum Schluss wissen, was da eigentlich los war.


Hören:


Sehen:

The Hunt [2020, BluRay]
Eine Gruppe von 12 Menschen wacht auf einer Wiese auf. Offenbar sind alle entführt worden. Neben ihnen steht einer Kiste voller Waffen, kurze Zeit später eröffnet jemand das Feuer auf sie. Warum passiert das? Alle Gejagten sind typische Trump-Wähler – Erzkonservativ, verschwörungsgläubig, rassistisch – ansonsten scheinen sie keine Gemeinsamkeiten zu haben. Und wieso haben ihre Jäger seltsame Schlachtrufe wie „Klimawandel ist real, Bitch!“

„Guck den Film, da wirst Du viel Spaß damit haben“, meinte ein Freund, und er hatte recht. „The Hunt“ ist zuvorderst ein Actionfilm, der bereits in den ersten Minuten ultrabrutal daher kommt. Die Gewaltdarstellungen sind dabei aber so comichaft überzeichnet und die Situationen so absurd, das sie zum Lachen sind – dennoch ist ein gefestigter Magen von Vorteil. Dabei ist der Film kein doofer Actionklopper, sondern eine sehr geschickt verpackte Parabel mit einem cooolen Twist, die der Frage nachgeht was passiert, wenn eine Gesellschaft durch das Internet so tief gespalten wird, das beide Lager nicht mal mehr die gleiche Sprache sprechen. Da passt es, dass der Film in den USA aus den Kinos verbannt wurde.

Sehr unterhaltsam, überraschend, dazu mysteriös und actionreich und die dabei coolsten und schrägsten Hauptdarstellerinen seit gefühlt ewig – „The Hunt“ ist keine Familienunterhaltung, aber eine klare Anschauempfehlung und vielleicht jetzt schon mein Film des Jahres 2021. Zumindest der erste Streifen seit langer Zeit, den ich wirklich zwei Mal hintereinander geschaut habe, weil er so krass clever ist.


Die entfesselte Silvesternacht [1998, DVD]
Der Silvesterabend in einem Wohnblock in der Vorstadt von Rom: Monica Belucci bereitet eine Silvesterparty vor und findet dabei heraus, dass ihr Mann sie betrügt. Zwei Jugendliche kiffen und schnüffeln sich das Hirn weg und hantieren mit Dynamit. Eine alte Dame erhält unerwarteten Besuch von einem Gigolo. Ein Rechtsanwalt zieht sich Damenunterwäsche an und wird von Einbrechern überrascht. Am Ende sterben alle.

Ich verstehe ja die italienische Art Filme zu machen nicht wirklich, aber „L´Ultimo Capoanno“ will auch gar nicht verstanden werden – er ist einfach grandioser Quatsch, der einen auf die verkehrte Fährte lotst. Der Film tut so, als sei er ein typischer heile-Welt-Episodenfilm, zeigt dann aber absurde Dinge und wird auf die letzten 15 Minuten eine Mischung aus [beliebigen Tarantino-Film hier einsetzen] und „Gabelstaplerfahrer Bernd“, bei dem alle Protagonisten einen blutigen Tod sterben.


Happy Go Lucky [Prime VOD]

Poppy ist Kindergärtnerin in London und immer gut drauf.

Argh! Wieso war DAS DENN einer der erfolgreichsten Filme 2008?! „Happy Go Lucky“ ist eine unzusammenhängende Aneinanderreihung von Szenen, die die Schauspieler ganz offensichtlich irgendwie hinimprovisert haben – und das nicht besonders gut machen.

So guckt man geschlagene 120 Minuten dabei zu wie Mülltüten mit Tusche angemalt werden, Poppy Fahr- und Flamencostunden nimmt oder sich einen Wirbel ausrenkt.

Das ist genauso interessant wie es klingt, zumal alle Charaktere Abziehbilder gutgelaunter Nervtröten sind, die in jedem Frauenfilm der 90er immer um Couchtische getanzt sind. Poppys Frohnatur erschöpft sich in Dauergrinsen und nervtötend schrillem Gekichere (das in der deutschen Synchro noch einmal schlimmer ist), so dass einem die Figur schon nach zwei Sekunden auf den Sacque geht. Einzig die Figur des cholerischen und rassistischen Fahrlehrers könnte interessant sein, ist aber so überzogen nach improv-Theater, dass man nach der ersten Szene schon denkt „ach nee, lass mal“. In der Summe sind „Happy Go Lucky“ zwei Stunden verschwendete Lebenszeit, die ich nie zurückbekommen werde.


The Shape of Water [Netflix]
Baltimore, 1962: Eine stumme Putzfrau arbeitet in einem streng geheimen Forschungslabor, in das eines Tages eine seltsame Wasserkreatur gebracht wird. Die Putzfrau freundet sich mit der Kreatur an und beschließt, sie zu befreien.

Ich mag Guilliermo del Toros Bildwelten ja sehr, und „Shape of Water“ steht hier seinen früheren Werken wie „Hellboy“ oder „Pans Labyrinth“ in nichts nach. Wunderschöne Bilder, perfekt in Szene gesetzt. Großartig auch die Schauspieler: Sally Hawkins, die als „Poppy“ in „Happy Go Lucky“ einfach nur nervt, macht hier genau so einen fantastischen Job wie Doug Jones (Saru aus „Star Trek Discovery“) als Fischwesen und Michael Shannon (Zod aus „Man of Steel“) als sadistischer Sicherheitschef.


Spielen:

Yakuza 5 Remastered [PS4]

Einige Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 4: Ex-Yakuza Kiryu Kazuma hat Okinawa verlassen und verdingt sich unter falschem Namen als Taxifahrer in Fukuoka, als seine alten Weggefährten ihn aufspüren und um Hilfe in einer Yakuza-Sache bitten.

Schnitt.

Taiga Saejima verbüsst die letzten Woche seiner Haftstrafe, als ihn ein Gefängnisaufstand zwingt auszubrechen. In Sapporo kommt er einer Intrige auf die Spur.

Schnitt.

Haruka Sawamura, die Adoptivtochter von Kiryu Kazuma, trainiert in Osaka dafür ein Idol zu werden, als ein Mord geschieht und sie sich fragen muss, ob sie ihren Traum weiter verfolgen soll.

Schnitt.

Shun Akiyama, der wohl ungewöhnlichste Pfandleiher der Welt, hält sich zur Zeit des Mords in Osaka auf und wird in die Geschehnisse hineingezogen.

Schnitt.

Und dann ist da noch Tatsuo Shinada, der früher ein großer Baseball-Star hätte werden können und der nun in der Toyota-Stadt Nagoya am Rande des Existenzminimums rumknapst.

Größer, besser, schöner: Yakuza 5 fährt gleich fünf Städte aus unterschiedlichsten Regionen Japans auf und hat fünf Protagonisten, deren Schicksale miteinander verwoben werden. Das ganze ist so umfang- und abwechslungsreich, das die Geschichte jedes einzelnen Charakters ein eigenes Spiel für sich ist. So muss man mit Kiryu Taxikunden sicher ans Ziel bringen und Autorennen fahren, mit Häftling Saejima in einem Survival-Hunting-Abschnitt in einem verschneiten Bergdorf auf Bärenjagd gehen oder Haruka mit Rythmusspielchen im Singen und Tanzen zum Idol trainieren. Vielfalt und Abwechselung sind fast erschlagend, aber immer sinnvoll herbeierzählt.

Die Yakuza-Reihe wird manchmal mit der amerikanischen Grand Theft Auto-Reihe verglichen, aber das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Yakuza brilliert nämlich da, wo GTA völlig versagt: Im Erzählen von erwachsenen Geschichten. Wo sich GTA 5 in Pipi-Kacka-Sperma-Humor und launigen Banküberfällen ergeht, verhandelt Yakuza auf erzählerischer Ebene menschliche Geschichten und schreckt dabei selbst vor Themen wie Mißbrauch oder Suizid nicht zurück.

Vordergründig wirkt Yakuza wie ein Prügelspiel, aber in Wahrheit ist es ein sehr langer, wirklich exzellent erzählter Film. Daneben stehen dann wieder völlig absurde Seitenmissionen oder Nebentätigkeiten wie das Taxifahren: Hier muss man sich – auch anders als bei GTA – an alle Verkehrsregeln halten, auf Fußgänger aufpassen und sogar den Blinker setzen, sonst gibt es Punktabzug. Dass das alles nicht auseinanderfällt, ist der große Charme.

Nach dem grottigen Yakuza 3 (das sich nur um das Hüten von nervigen Arschlochkindern drehte) und dem quälend schlechten Yakuza 4 (das eine völlig vergurkte Steuerung und viele Längen hatte) ist Yakuza 5 wieder ein echtes Highlight und genauso toll wie der überragende zweite Teil.

Technisch ist Yakuza 5, das im Original 2012 erschien, endlich auf der PS3(sic!) angekommen und verwendet eine leistungsfähigere Engine, natürlichere Darstellung der Charaktere und Motion Capturing. Die remasterte PS4-Fassung legt schönere Texturen und höhere Auflösung drauf, so dass Yakuza 5 viel besser aussieht als die anderen Teile der Yakuza Kollektion 3-5 für PS4 und XBOX One.


Machen:

Den Pilotenschein für Drohnen in den offenen Klassen A1 und A3.


Neues Spielzeug: Neues Werkzeug! Ich habe lang genug mit Werkzeug rumgefummelt, dass ich geerbt oder bei Wiglo Wunderland gekauft habe. Jetzt bin ich offenbar in einem Alter, in dem ich Freude an wertigem Werkzeug habe, und deshalb gab es in diesem Monat Zangen von Knipex und Inbusschlüssel von S&R. Stilgerecht gelagert wird der Kram jetzt in der Motorradgarage, in einem zwar billigen, aber okayen Werkstattwagen von Mesko. Ich freu mich!

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Das war das Jahr, das war (2020)

Am Jahresende traditionell die Rückschau. Dieses Mal recht umfangreich. Der Text ist irgendwie gewuchert, bildet aber immer noch nur einen Teil dieses irren Jahres ab.

Lage der Welt:
Es war das Jahr der Pandemie. Mitte März kam die Welt knirschend zum Stillstand. Ich hätte nicht für möglich gehalten, aber es passierte wirklich. Keine Flug- oder Bahnreisen, starke Verzögerungen in globalen Produktions- und Lieferketten, vor Ort geschlossene Geschäfte, die Straßen nahezu menschenleer. In Kombination mit Knappheit bei manchen Medikamenten, nicht-Verfügbarkeit von Masken und Desinfektionsmitteln und Lieferzeiten von 10 Tagen bei Onlinehändlern fühlt sich das fast apokalyptisch an.

Apokalyptisch auch die Szenen aus den USA. Bewaffnete Milizen und hoch gerüstete Polizeikräfte machten Jagd auf friedliche Demonstranten, maskierte Uniformierte ohne Abzeichen verschleppten Menschen und marschierten am Washington Memorial auf. Die USA in Jahr 4 unter Trump produzierten die Bilder eines faschistischen Regimes. Die Republikanische Partei steht geschlossen hinter ihrem Führer, auch wenn es für jeden sichtbar ist, dass er lügt und die Demokratie schädigt. Die GOP versucht aktuell immer noch mit allen Mitteln den Auswahl der Präsidentenwahlen zu manipulieren. Soviel also zur Theorie der „Einhegung“, dass Trump ruhiger würde, wenn er in der Politik ankommt. Das Gegenteil ist der Fall.

Immerhin wurde Trump abgewählt, auch wenn er sich immer noch weigert das anzuerkennen. Aber machen wir uns nichts vor, binnen 4 Jahren wurde fast eine demokratische Weltmacht in eine faschistische Diktatur umgebaut, mit vielen, vielen Helfern auf allen Ebenen, und am Ende ist das Land nur knapp am Bürgerkrieg vorbeigeschliddert.

Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht wie das weitergehen soll, wenn sich in einem Zweiparteiensystem eine Partei von den demokratischen Grundwerten verabschiedet – und das tun die Republikaner seit Jahren, schon vor Trump.

USA und Corona, mehr Themen fanden dieses Jahr kaum medial statt. An ihren Außengrenzen verletzt die EU nach wie vor Menschenrechte, und Polen und Ungarn werden weiter unbeeindruckt in Diktaturen umgebaut. Die EU zeigt sich schwach, nicht mal ein Bekenntnis zu demokratischen Grundrechten kann sie gegenüber den angehenden Diktaturen durchsetzen, und selbst beim Brexit knickt sie ein. Für den gibt es Weihnachten(!) erst eine Lösung, auf die letzte Sekunde, genau wie Boris Johnson gepokert hat. Erbärmlich, ich hätte den Briten nach vier Jahren Lügen, Nichtstun und Vertragsbruch einen harten Brexit mit all seinen negativen Folgen mehr als gewünscht.

Am Ende des Jahres dann endlich Hoffnung: Gleich mehrere Impfstoffe sind entwickelt, zwar nur gegen COVID-19 und nicht gegen Faschismus, aber immerhin.


Lage der Nation:
Corona ist natürlich das beherrschende Thema. Es spaltet die Gesellschaft in zwei Lager: Die, die dem Thema mit angemessenem Ernst und großer Disziplin begegnen und denen, die COVID-19 nur für eine Art Grippe halten und so tun, als würde das Tragen einer Maske sie in ihrem Persönlichkeitsrecht einschränken. Das Lager der Corona-Leugner radikalisiert sich in Teilen und bringt Verschwörungsgeschichten ein, nach denen der Virus wahlweise eine Maßnahme zur Umvolkung/Bevölkerungsreduktion/Gedankenkontrolle/Währungstausch ist. Seite an Seite und ungeschützt marschieren Rechtsextreme mit Reichsflaggen, Impfverweigerer:innen, Aluhutträger:innen, besorgte Mütter und bongospielende Esoteriker:innen zu Zehntausenden durch die Städte. Organisiert wird das von Rechten und von skrupellosen Geschäftemachern, die daran ordentlich verdienen.

Die Politik guckt dem Treiben größtenteils tatenlos zu und bezieht lange keine Stellung, weil Coronaleugner zwar eine Minderheit sind, aber eine sehr laute – mit denen will man sich nicht anlegen. Auch deshalb wird nur zögerlich gehandelt, die Maßnahmen in Deutschland sind lascher als in anderen Ländern. Erstaunlicherweise kommt das Land dennoch ganz gut durch die erste Welle. Mensch des Jahres ist der Virologe Christian Drosten, der täglich in einem Podcast die Lage erklärt, ganz ruhig und unaufgeregt.

Im Herbst läuft, wie von Drosten vorhergesagt und in jedem Geschichtsbuch über die Spanische Grippe nachzulesen, die zweite Welle los. Aber anstatt das jetzt entschieden gehandelt wird, eiern die Bundesländer wochenlang herum. Anscheinend hat kein Schwein über den Sommer Pläne gemacht.

Immerhin: Ein-Themen-Parteien, wie FDP oder AFD, finden plötzlich medial nicht mehr statt. Die AFD versucht sich erst in der Rolle der Beschützerin und fordert härtere Regelungen zur Eindämmung der Infektionen, dann schlagen sich weite Teile der Rechtsextremen plötzlich auf die Seite der Coronaleugner. Intern hat die Partei Angst vor der überfälligen Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Apropos Verfassungsschutz: Dessen Ex-Chef ist nach seiner Entlassung tief im rechten Sumpf versunken, der Nachfolger erkennt Rechtsterrorismus wenigstens als Problem an.

Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer etwas sagt oder entscheidet, kann man sicher sein, dass so gut wie immer das Gegenteil richtig oder sinnvoll ist. Nachdem sie sich auch innerhalb ihrer eigenen Partei überhaupt nicht mehr durchsetzen kann, verzichtet die zuvor als nächste Kanzlerin gehandelte CDU-Vorsitzende ab 2021 auf ihren Posten. Um ihre Nachfolge bewerben sich: Armin Laschet, der aussieht wie ein älterer Vertriebler von Faxgeräten und der als Ministerpräsident von NRW in der Pandemie clowneske Entscheidungen fällt, Norbert Röttgen, von dem niemand weiß wofür er eigentlich steht, und eine Gestalt aus dem Gruselkabinett der 90er Jahre: Friedrich Merz.

Der von der „Titanic“ einst wegen seiner Frisur „Fotzenfritz“ getaufte Black Rock-Vorstand wird von alten Herren in der Partei, die immer unter Merkels sozialdemokratischer Politik gelitten haben, ins Boot geholt. Merz, der sich politisch nie bewiesen hat, dient fortan als Projektionsfläche für die feuchten Träume alter weißer Männer. Der rechtskonservative Backlash in der CDU, er heißt Merz und sieht aus wie Mr. Burns. Dank der Pandemie findet auch dieses Gruselkabinett kaum medial statt, aber man muss sich schon fragen: DAS ist das beste, was die CDU anzubieten hat?

Immerhin sorgt die SPD noch für Lacher. Die fast in die Einstelligkeit abgestürzte Umfaller-Partei wird sogar von Nervtröten wie Nahles oder Gabriel verlassen, ist aber trotzdem der Meinung, einen Kanzlerkandidaten küren zu müssen. Dafür nimmt sie allen Ernstes einen Mann, der einen Charakter wie Wellpappe hat und einen ähnlichen Unterhaltungswert besitzt: Olaf Scholz. Buahahaha! Aber auch von dem hört man nix, zum einen muss er den Wirecard-Skandal aussitzen, zum anderen Pandemie, wissen schon.

Während der sozialromantische Teil der SPD noch vor sich hin träumt, hilft ihr Law-and-Order-Flügel dabei, den Bürger:innen die Grundrechte wegzunehmen. Trojanereinsatz, anlasslose Massenüberwachung, Uploadfilter – all das bringt die Große Koalition auf den weg. Es ist zum Kotzen, und gegen diesen ECHTEN Verlust von Grundrechten geht niemand auf die Straße. Aber wegen einer Maskenpflicht. Jaja.

Für Deutschland ist die Pandemie sogar auf manchen Gebieten ein Gewinn. Digitalisierung und Medienkompetenz werden aus purer Notwendigkeit mit Macht nach vorne geschubst, die Bedeutung von schnellem Internet auch auf dem Dorf endlich begriffen. Homeoffice wird von Unternehmen als Arbeitsform nicht nur skeptisch beäugt, sondern ist vielerorts als Arbeitsform plötzlich alternativlos. Schulen sind endlich gezwungen sich mit digitaler Lehre zu beschäftigen.

Digitale Infrastrukturen, die es sei Jahren gebraucht hätte, entstehen innerhalb kürzester Zeit. Andere Mobilitätskonzepte werden nicht nur denkbar, sondern lassen sich sogar begutachten – und manchen gefallen weniger dichter Straßenverkehr und autofreie Städte, nicht jeder vermisst tagelange Dienstreisen, die sich auch durch ein paar Videokonferenzen substituieren lassen. Der Einzelhandel erkennt die Wichtigkeit eines Onlinestandbeins.

Ich hoffe stark, dass die ein oder andere Erkenntnis, dass andere Wege in Sachen Wirtschaft, Mobilität und Work/Life nicht nur Fantasien, sondern machbar sind, ein wenig erhalten bleibt.


Ich Ich Ich
2019 war zermürbend? Hold my beer. Nach zwei beruflich wirklich richtig anstrengenden Jahre wollte ich 2020 endlich mal kürzer treten. Tatsächlich fing das Jahr entschleunigt an, wenn auch nicht ganz freiwillig: Ich musste meinen Führerschein abgeben.

Neben mehr Bewegung dank zu Fuß Gehens an der frischen Luft bedeutete das auch: Pünktlich Feierabend machen, um noch den Bus zu bekommen. Das hat mir sogar ganz gut gefallen, und der Januar 2020 war der erste Monat seit 15 Jahren, in dem ich nur eine einzige Überstunde gemacht habe. Aber dann. Am 07. März war ich das letzte Mal auf einer Dienstreise und einer Tagung. Schon mit schlechtem Gefühl, weil vor einem neuen Virus gewarnt wurde, aber Händewaschen sollte ja als Schutz ausreichen.

Bei der Arbeit nahmen wir das ganze wesentlich ernster. Ab der zweiten Märzwoche waren nahezu alle Mitarbeiter:innen im Homeoffice, und sind das teils bis heute. Ich war und bin einer der letzten, die im Firmengebäude arbeiten. Teilweise bin ich wochenlang allein auf einer ganzen Etage gewesen und telefonierend durch die leeren Büros gewandert. Organisieren, Telefonanrufe weitergeben, Kunden betreuen, neue Kunden gewinnen, Lösungen ausdenken, daneben Desinfektionsmittel und Masken besorgen und zusehen, dass die zu unseren Leuten kommen. Über 7-Tage-Wochen und hohe Stundenzahlen will ich nicht klagen. Ich kann froh sein, dass das Geschäft nicht durch die Pandemie gelitten hat und es den Mitarbeiter:innen den Umständen entsprechend gut geht.

In der Rückschau wurde sogar Großes geleistet, aber die Mehrarbeit, das kann ich ohne Jammern zu wollen sagen, war über jegliche Grenze hinaus. Meine Resilienz ist hoch, war aber an manchen Tagen völlig zerbröselt, und am Ende des Jahres stehen doch wieder dreihundert Überstunden auf der Uhr. Ich hatte das Gefühl für alle anderen stark sein zu müssen, und nun bin ich sehr müde. Das ging jetzt nicht nur an die Substanz, das hat Substanz vernichtet.

Auch wenn ich zur Arbeit gefahren bin, das „Draußen“ habe ich so gut es ging gemieden. Dazu gehörte es, erst in der Nacht, kurz vor Ladenschluss, einkaufen zu gehen und praktisch alles andere zu meiden. Damit ging und geht es mir durchaus gut – ich bin gerne allein, und auf die Einladungen zu sozialen Aktivitäten, die in die Kategorie „ungeliebt“ fallen, mit einem „Sorry, wir können und nicht treffen, Pandemie, wissen schon“ reagieren zu können ist der Traum jedes Introverts. Ansonsten waren das aber alles keine Einschränkungen, die mir zu schaffen gemacht hätten. Im Gegenteil, mal nirgends hin zu müssen weil man nirgends hin kann, das war auch entschleunigend und ein Ausgleich zum Stress bei der Arbeit.

Das Jahr fühlte sich seltsamer Weise endlos an, und ging dann doch ganz schnell vorbei.

Vermisst habe ich ein wenig das Reisen, eine geplante lange Fahrt Ende Mai, Anfang Juni musste ausfallen. Aber das ist ein Luxusproblem und wurde außerdem durch gleich zwei längere Moppedfahrten im Juli und September kompensiert. Letztere führte nur in bekannte Gefilde, weil ich da das Risiko bewerten konnte, aber befreiend war es trotzdem.

In der Summe war das also für mich kein schlechtes Jahr, es war nur wahnsinnig anstrengend.


Und sonst noch? Hier die immer weiter mutierende Form des Bloggerdorf-Fragebogens.

Wort des Jahres: Da gibt es gleich drei. Auf Platz 1: „Wohlstandsverwahrlost“, Platz 2: „Doomscrolling“, Platz 3: „Inzidenzwert“.

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen.

Mehr ausgegeben oder weniger? Weniger.

Am meisten ausgegeben für… Campingkram.

Die teuerste Anschaffung? Eine neue Matratze. Endlich! Das war aber auch eine Odyssee, davon erzähle ich später mal.

Mehr bewegt oder weniger? Weniger, zwangsweise.

Die hirnrissigste Unternehmung? Die Matratzenkaufgeschichte.

Ort des Jahres? Roccafinadamo.

Das leckerste Essen? Annas Salsicce in „La Vecchia Fontana“.

2020 zum ersten Mal getan? Um meinen Wohnort herum spazieren gegangen. Erkenntnis: Voll schön hier. Und: Einen Monat auf´s Auto verzichtet.

2020 endlich getan? Mal hinter den Schrank geguckt ob da Schimmel ist. Ist nicht. Gut so.

Gesundheit? Ist in Ordnung. Unfit, aber bis auf Blutdruck alles OK.

Ein Ding, auf das ich gut hätte verzichten mögen? Todesfälle im Kollegen- und Bekanntenkreis.

Gereist? Oh ja. Im Juli durch den Osten und im September in den Süden.

Film des Jahres: 1917 – Handlung nicht die dollste, aber mit Filmen ohne Schnitt kriegt man mich immer.

Theaterstück des Jahres: Entfällt

Musical des Jahres: Entfällt

Spiel des Jahres: Das schwer erträgliche „The Last of Us II“ zeigt mal eben im Alleingang, wie hoch emotionales Erzählen in Videospielen aussehen kann. Es teilt sich den Thron mit meinem persönlichen Highlight: „Persona 5“, so cooles Gameplay habe ich selten gesehen.

Serie des Jahres: The Mandalorian. Bestes Star Wars seit „Imperium schlägt zurück“

Buch des Jahres: Nicht viel Bücher gelesen dieses Jahr, und was ich gelesen habe sind keine großen Kunstwerke und nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Beim politischen Sachbuch war „Rage“ von Bob Woodward.

Ding des Jahres: Nuud.

Spielzeug des Jahres: Ein Gerber Concertina Wirecutter zum Schneiden von Nato-Draht. Fragen sie nicht.

Enttäuschung des Jahres: „Cyberpunk 2077“, nach 8 Jahren Entwicklungszeit unfertig und bis zu Unspielbarkeit verbuggt.

Die schönste Zeit verbracht damit…? Ohne Menschen zu sein.

Vorherrschendes Gefühl 2020? Ich werde um diese Welt trauern.

Erkenntnis(se) des Jahres: Deutschland hat einen Rust-Belt (Lausitz) und drei Bible-Belts (Erzgebirge, Eichsfeld und Schwaben)

In diesem Sinne: Ich wünsche einen guten Start in ein tolles 2021! Ihr seid eine tolle Leser:innenschaft und ich bin immer wieder sehr froh und stolz darauf, wer sich hier so tummelt. Ich lerne viel von Euch, und das ist super.

Nekrolog:

Weiterlesen

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Momentaufnahme: Dezember 2020

Herr Silencer im Dezember 2020

Echt, das Jahr ist rum?

Wetter: Der Jahreszeit entsprechend kühl bei 0-6 Grad und oft Regen bis Monatsmitte. Kurz vor Weihnachten kommt warme Luft und es regnet bei 10 Grad, dann stürmt es und die Temperaturen sinken wieder auf den Gefrierpunkt.


Lesen:

Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0
20 Minuten in der Zukunft: Das der dritte Weltkrieg von Maschinen in nur 8 Minuten ausgefochten wurde und keine ernsthaften Konsequenzen hatte, erfahren die Menschen nur aus den Medien. Peter Arbeitsloser ist einer von denen. Der Protagonist des ersten Buchs ist nun Roboterpsychologe und behandelt Drohnen mit Flugangst und Knuddelbären mit Berührungsängsten. Unversehens kommt er mit Jeff Bezos in Kontakt. Der will gerne Präsident werden, und ein „Mann aus dem Volk“ soll ihn beraten. Leider hat Peter gerade ganz andere Probleme.

Das erste „Qualityland“-Buch war banal und etwas naiv. Es war sich genug damit, den jetzt-Zustand der Digitalisierung mit einem Schuss „Black Mirror“ zu mixen und dann zu rufen „Hier! Algorithmen! Staunt!“ – als jemand, der nur halbwegs versteht wie Internetplattformen funktionieren, war das alles banal und wenig eigenständig. Klings naiver Schreibstil, der so gut in den Känguru-Geschichten funktioniert, wirkte dabei seltsam deplatziert.

Teil zwei ist immer noch kein literarisches Meisterwerk, bringt aber zumindest interessante und lustige eigene Ideen mit und hat vor allem eine Geschichte zu erzählen. Damit sind die Romanfiguren nicht mehr ausschließlich dazu da, eine digitalisierte Welt ungelenk zu erklären, sondern die Welt ist Kulisse und Stichwortgeber für die Handlungen der Figuren. Das ist wesentlich besser lesbar und kurzweilig, leider endet die Geschichte mittendrin mit einem Cliffhanger.


Hören:


Sehen:

Willkommen in Marwen [Prime]
Der belgische Ort Marwen im zweiten Weltkrieg: Böse Nazis sind hinter Captain Hoagie her, aber der wird zum Glück von den Frauen von Marwen, schwer bewaffneten Resistance-Kämpferinnen, verteidigt. Der Gag daran: Marwen ist nur ein Miniatur-Puppendorf, in dem Fotograf Steve Carrell seine Geschichten um Captain Hoagie mit Versatzstücken aus der Realität in Szene setzt. Er tut das, um mit seinen Ängsten fertig zu werden – seitdem er von Hooligans halb tot geprügelt wurde, lebt Carell in der Fantasiewelt von Marwen und mit und durch seine Puppengeschichten.

Bezaubernder und beeindruckender Film von Robert Zemeckis (Zurück in die Zukunft, Forrest Gump). Technisch ist der Film irre, so etwas wie die Marwenpuppen hat man noch nicht gesehen. Die Geschichte ist so berührend wie schön erzählt, und das sie wahr ist, verleiht dem Ganzen eine besondere Bitterkeit. Der Film hat zwischendurch leider immer wieder kleine Längen, aber über die hilft das intensive Spiel der DarstellerInnen hinweg. Ist gerade bei Amazon Prime enthalten, anschauen lohnt sich.


The Mandalorian Season 2
Der Mandalorianer ist immer noch mit dem Kind unterwegs und sucht Jedi, denen er es aufdrücken kann. Dabei trifft er auf alte Verbündete und neue Feinde.

„Es ist unmöglich, Star Wars-Fans der alten Fanbase zufrieden zu stellen und gleichzeitig ein neues Publikum zu erreichen“, sagte JJ Abrams mal. Und dann kamen Dave Filoni und Jon Favreau und schufen mit „Mandalorian“ etwas, das alle, von fünfjährigen Mädchen bis zu Männern im Rentenalter, total begeistert.

Hier stimmt einfach alles, von den Figuren über die Effekte bis hin zu den Geschichten. Meinen Hut ziehe ich vor den Autoren, denn die Geschichten sind nach allen Regeln der narrativen Künste gebaut und teils genial clever. Teils hat jede Dialogzeile, jeder Seitenblick und jede Figur eine Bedeutung und ist ein Baustein im Gesamtkunstwerk. Die Produktionsqualität ist dabei auf Kinoniveau, damit ist Staffel 2 ein 8 Stunden langer und sehr gute Film.

Abseits vom Handwerklichen: Ich liebe diese Serie aus vielen Gründen, aber vor allem weil sie ihre Charaktere respektiert und ihnen Bedeutung verleiht. Damit werden retrograd die Filme, die Serien wie Clone Wars und Rebels, Spiele wie „Jedi Knight“ und sogar altes Star Wars-Spielzeug aus den 80ern aufwertet. Endlich sehen wir Dinge, die sich Star Wars-Fans bislang nur vorgestellt haben: Wie bad-ass Mandalorianer drauf sind, wie Gesellschaften in Star Wars funktionieren, wie gefährlich Strumtruppen wirklich sind, wenn man gerade kein Jedi ist. Dazu kommen feinere Nuancen, etwa wenn am Rand beschrieben wird, welche Auswirkungen die Zerstörung von Alderaan auf Hinterbliebenen hatte.

„Mandalorian“ ist die beste Serie seit der ersten Staffel „Game of Thrones“ und ist beste Stück Star Wars seit „Empire“. Wer Star War früher mal mochte, dann aber seit den Prequels die Freude dran verloren hat, sollte das anschauen. Und alle anderen auch.


TENET [BluRay]
Kenneth Branagh ist böse und macht, das sich Dinge rückwärts durch die Zeit bewegen. So ein Typ und dieser Robert Pattison aus den Vampirfilmen finden das nicht so dufte.

Christopher Nolan ist einer der größten Regisseure unserer Zeit, und TENET ist Nolan in Reinform – mit all seinen Stärken und Schwächen: Superkomplexe Grundidee, große Bilder, tolle Actionsequenzen, hervorragende Schauspieler, treibender Score. Gleichzeitig bedeutet das aber auch eine Erzählung, die komplizierter inszeniert ist als nötig, dürftig verborgene Plotholes, keine Emotionen und null Interesse an den Charakteren. Das geht dieses Mal sogar so weit, dass der zentrale Charakter nicht mal einen Namen hat, was bewirkt, dass der Film trotz seiner Größe leer und seelenlos wirkt.

TENET ein hirnverbiegendes Puzzle und unterhält auch dann noch, wenn man nicht alles versteht. Die Grundidee selbst ist brillant und erschließt sich erst ganz, wenn man im Nachgang noch ein wenig darüber nachdenkt. Das ist ein Kompliment für den Film, aber man muss dafür bereit sein, die ungeteilte Aufmerksamkeit für 150 Minuten zu investieren.

Seltsam ist Nolans lautstarkes Wutgeheul, er mache seine Filme nur für´s Kino. „TENET“ wirkt auch auf Heimkinoanlagen, und ich würde mal behaupten, auch auf großen Fernsehern. Und, ganz ehrlich, ungeteilte Aufmerksamkeit, die bekommen Filme auch im Kino schon lange nicht mehr – man sehe sich in Multiplexkinos einfach mal an, wieviele Leute am Handy hängen statt auf die Leinwand zu achten.


Spielen:

Cyberpunk 2077 [PS4]

Kennt jemand den Begriff „Belohnungsaufschub“ aus der Psychologie? Das bedeutet den kurzfristigen Verzicht auf eine kleine Belohnung, um langfristig eine umso größere einzustreichen. Also quasi der Fachbegriff für „Wenn Du das Überraschungsei jetzt nicht sofort auffrisst, sondern 15 Minuten wartest, bekommst Du ein zweites“. „Cyberpunk 2077“ ist der ultimative Belohnungsaufschubs-Test für Erwachsene.

Mit „The Witcher 3“ hat das polnische Studio CD Projekt Red in 2012 einen echten Knaller hingelegt. Schöne Spielwelt, tolle Geschichten, faire DLC-Politik. Das Studio wurde so zum Liebling der Gamer, und vom Witcher-Nachfolgertitel erwartete man Großes. Nach acht Jahren Entwicklungszeit und etlichen Verschiebungen ist nun „Cyberpunk 2077“ erschienen, und es ist leider kein Knaller. Es ist nicht mal mittelmäßig. Es ist eine Katastrophe, und das unabhängig von der Plattform.

Ich hatte mich von den Kaufwarnungen vor der PS4-Version nicht beeindrucken lassen, ab und an einbrechende Frameraten oder aufploppende Texturen stören mich nicht so. Aber Cyberpunk ist wirklich nicht spielbar. Auf der PS4 mit Patchstand 1.03 stürzt das Spiel alle 10 Minuten ab, die Performance ist schwach und grafisch ist das ganze nett, aber kein Knaller. Gut, rein technische Probleme lassen sich mit Patches, die aktuell alle drei Tage erscheinen, in den Griff bekommen.

„Cyberpunk“ versagt aber auch in anderen Disziplinen, und das lässt sich nicht so einfach nachträglich fixen. Das Gameplay aus der Egoperspektive ist an vielen Stellen fummelig und ungenau, das Inventar unübersichtlich und kaum benutzbar, die Interfaces sind allesamt aus der Hölle und Spielsysteme sind überkomplex, untererklärt und greifen nicht ineinander. Manchmal fehlen selbst basale Funktionen, wie ein Navi, das bei schneller Fahrt rauszoomt. Narrativ hängen manche Geschichten einfach in der Luft, und dem Vernehmen nach fehlt am Ende ein Großteil des dritten Akts.

Hübsch ist dagegen die Architektur der Stadt und generell dieses Cyberpunk-Design, wie man sich das in den 80ern halt vorstellte. Aber mehr als Stadt bauen und Assets designen scheint das Studio die letzten 8 Jahre nicht gemacht zu haben.

Cyberpunk Stand jetzt ist unfertig und definitiv zu früh rausgekommen, und zwar nicht ein paar Monate, sondern ein bis zwei Jahre. CD Projekt Red wird nun über einen langen Zeitraum am Spiel herumpatchen. Das hat bei diesem Studio Tradition, auch der „Witcher“ bekam erst per Patch ein brauchbares Inventar.

Damit sind wir wieder beim Anfang: Cyberpunk kann noch ein sehr gutes Spiel werden, so in ein oder zwei Jahren, als Game of the Year Edition und dann vielleicht auf einer NextGen-Konsole. Wer es schafft, so lange zu warten, wird reich belohnt werden. Wer das Überraschungsei jetzt frisst, wird keine Freude haben.


1979 Revolution: Black Friday [PS4]
Iran, 1980: Der junge Fotograf Reza sitzt in einem Gefängnis des iranischen Geheimdiensts und wird gefoltert. Sein Peiniger will wissen, welche Rolle Reza in den Protesten gegen den Sha im Herbst 1979 spielte. Reza erinnert sich in spielbaren Sequenzen an die Demonstrationen, die friedlich begannen und in einem Blutbad endeten.

Sieht aus wie ein Dontnod-Titel, spielt sich auch so ähnlich: Entscheidungen in Dialogen müssen unter Zeitdruck getroffen werden, je nach Entscheidung ändert sich geringfügig die Story. Das spielt sich trivial, ist aber so intendiert, immerhin sollen so auch nicht-Gamer an die Materie herangeführt werden. Die Materie ist selbst ist dann tatsächlich ein dickes Brett: Die Revolution im Iran nicht als Hintergrund für eine Handlung zu nehmen, sondern die quasi in den Mittelpunkt zu stellen, ist schon eine gewagte Designentscheidung, die auch nicht immer funktioniert.

Durch Rezas Augen sieht man den Iran als dem Westen gegenüber offenes und durchaus modernes Land, das aber unter dem allmächtigen Sha leidet und arm gehalten wird. Dem gegenüber die Protestgruppen aus Modernisierern, Mudschaheddin und religiösen Führern. Das soll verdeutlichen, an welchem Scheideweg der Iran sich 1979 befand und wie explosiv die Lage war.

Hinter den kurzen Spielsequenzen liegen jeweils Tonnen an zusätzlichen Infos in Form von Fotos und Texten, aus denen man wirklich interessantes lernen kann. Wer hätte gewusst, das Ende der 70er revolutionäre Botschaften über heimlich verteilte Toncassetten verbreitet wurden? Wer wirklich ernsthaft in das Thema einsteigen will, findet hier einen guten Einstieg. Alle anderen werden keine Freude an dem grafisch und spielerisch schlichten Titel haben, der sich über Teile seiner drei Stunden Laufzeit auch noch wie Propaganda anfühlt.


Assassins Creed Valhalla (2/2) [PS4]
Norwegen ist karg und langweilig, also macht sich Wikingerin Eivor im 9. Jahrhundert auf und erobert England. Dabei trifft sie natürlich auf den Order of the Ancient, den Vorläufer der Templer, aber der interessiert die Kriegerin nicht. Sie kümmert sich um den Aufbau einer Siedlung für ihren Stamm und geht eher der Frage nach, was ihre Visionen über Asgard, den Lebensbaum und über Odin und Loki bedeuten.

Derweil erlebt im Jahr 2020 ein Assassinenteam die Erinnerungen von Eivor nach um eine drohende Katastrophe zu verhindern. Als Eivors Geheimnis entschlüsselt ist, führt der Weg nach Norwegen – wo sich die Zukunft für immer verändert.

Tja, so kann man sich täuschen. Als ich die ersten 5 Stunden von AC:V gespielt hatte, war ich genervt. Schon wieder eine riesige und schön gestaltete Welt, die vollgestopft ist bis zum Abwinken mit langweiligen und repetitiven Aufgaben. Das sah mehr nach Arbeit als nach Spaß aus. Das stimmt aber nur zum Teil. England ist aufgeteilt in einzelne Shires, die es zu erobern gilt. Anstatt das über immer gleiche Aktivitäten zu tun, wie in „Syndicate“, sind es hier aber Storymissionen, die zum Erfolg führen. Die sind meist gut geschrieben und unterhaltsam, so dass man sie gerne erlebt. Längst nicht alle Elemente funktionieren wie intendiert – zu meiner Siedlung und ihren Bewohnerinnen habe ich nie ein inniges Verhältnis aufgebaut, und auch die Romanzen sind auch ein Witz.

Umgehauen hat mich dann aber das Ende. Die letzten Stunden vermischen sich Vergangenheits- und Gegenwartsstory auf eine Weise, wie ich es seit „Revelations“ nicht mehr gesehen habe, und der Aha-Effekt entspricht in etwa dem am Ende von AC II. Echt, bislang hatte ich keine gute Meinung über Lead-Writer Darby McDevitt, aber was hier an Story aufgefahren wird, lässt einem die Kinnlade offen stehen und ergibt absolut Sinn.

Dumm nur, das die Hälfte der wirklich guten Geschichte in einem optionalen Nebenstrang versteckt ist, und die Auflösung der drängendsten Frage in freiwilligen Rätseln. Und: Bis man an den Punkt kommt wo es cool wird, muss man geschlagene 85 Stunden Gedöhns machen. Gutes Gedöhns, aber halt 85 Stunden davon und damit mindestens 40 zu viel. Wenn man AC: Valhalla also etwas vorwerfen kann, dann das gleiche wie schon dem Vorgänger „Odyssey“: Es ist zu lang und schleppt zu viel Open-World-Ballast mit sich rum.

Immerhin bin ich endlich mal wieder gespannt wie es mit Assassins Creeds lange vernachlässigter Gegenwartsstory weitergeht. Ich hoffe, Ubisoft hat dieses mal einen Plan wo sie mit der Serie hin wollen, und fahren sie nicht wieder so an die Wand wie 2012 in ACIII.

Machen:

Weihnachten auf der Couch.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Momentaufnahme: November 2020

Herr Silencer im November 2020

Grau, nass und kalt

Wetter: Anfang des Monats noch Wechselspiel zwischen nach 6 Grad nachts und und bis zu 20 Grad tagsüber, ab dem 05. dann Frost, Nebel und schlagartig sind alle Bäume kahl. Ende des Monats trocken, aber grau und Temperaturen tags um den Gefrierpunkt, nachts bis minus fünf. Ja, das ist November.


Lesen:

Jasper Fforde: The constant Rabbit (2/2)
Wales, 1965: Ein „Antromorphisierendes Ereignis“ sorgt dafür, das 9 Kaninchen, 3 Füchse, 6 Meerschweinchen und ein Dachs zu sprechenden, menschengroßen Wesen werden, wie aus einer Tierfabel.

40 Jahre später haben sich die Kaninchen vermehrt wie, nun, die Kaninchen, und versuchen sich in die britische Gesellschaft zu integrieren. Das ist nicht einfach, denn die meisten Menschen verachten Kaninchen und haben die Füchse zu Überwachern gemacht.

Wie schon im vergangenen Monat gesagt: Fforde ist Spezialist darin, absurde und bis ins Detail durchdachte Welten zu erfinden, in denen dann aber leider völlig belangloses Personal herumtappt und aneinandergereihte Szenen, aber keine echte Geschichte erlebt. Meist endet dann noch alles mit einem Cliffhanger zu einer Fortsetzung, die dann aber nie kommt.

„Constant Rabbit“ ist nicht ganz so schlimm und zumindest in sich abgeschlossen, allerdings wirkt das letzte Kapitel auch wie hingehuddelt. Nachdem der Autor den großen Schirm aufklappt und Rassismus und Faschismus mit einer Tierfabel erklärt, klappt er ihn auf die letzten Seiten mit einer Deus-Ex-Machina-Lösung einfach wieder zu. Ein billiger Trick, aber immerhin bleibt das halb vergnügliche Buch so nicht in schlechter Erinnerung.


Hören:

Shakira Laundry Service
Ich liebe diese Scheibe, musste aber bei der Digitalisierungsaktion neulich feststellen, dass ich die gar nicht besitze! Tatsächlich hatte meine Schwester das Album 2001 zu Weihnachten bekommen, und ich habe es mir dauernd ausgeliehen, weil ich es so toll fand. Jetzt gebraucht für 41 Cent gekauft und freue mich wieder über „Underneath your Skin“ und „Tango Objection“ oder „Whenever, wherever“, dessen Video ich in seiner Absurdität und Ästhetik für eines für eines der besten Musikvideos aller Zeiten halte.

Assassins Creed Valhalla OST
Einar Selvik ist eigentlich Black-Metaler, seit 2003 macht er außerdem Nordic Folk, der u.a. in der TV-Serie „Vikings“ zu hören ist. Für Assassins Creed gestaltet er zusammen mit Jesper Kyd (der das erste Mal seit „Brotherhood“ wieder dabei ist!) und Ubisoft-Hofkomponistin Sarah Schachtner nordische Welten. Mit dem vielen Gegröhle und Getrommel nicht so meins, aber auch mal interessant.


Sehen:

Patrik Pacard (1984) [DVD]

Der 16jährige Patrik Pacard macht mit seinen Eltern Urlaub in einem Fjord und trifft dort auf einen schrulligen Professor. Wenig später sind KGB, CIA und afrikanische Rebellen hinter ihm her. Was Patrick nicht weiß: Der Professor hat eine Formel gefunden, die das Erbgut von Pflanzen so verändert, dass sie überall wachsen können – Ananas auf einem Gletscher oder Weizen in der Wüste sind damit kein Problem. Dummerweise hat der Spion Dimitri die Formel gestohlen und heimlich mit einem Laser in Patricks Fußsohle eingebrannt. Die Situation spitzt sich zu, als Patriks Mutter entführt wird und er selbst droht zu erblinden, denn bei der Fußsohlenaktion ist der Laser abgerutscht und hat ihm die Netzhaut verbrannt.

1984 war Patrick Pacard ein „Weihnachtsmehrteiler“ im ZDF, eine sechsteilige Miniserie, die über Weihnachten und zwischen den Jahren ausgestrahlt wurde. Das wurde seit 1978 jedes Jahr als Fernsehevent so gemacht, und von den Miniserien, die damals entstanden sind, war „Patrik Pacard“ neben „Anna“ sicher die beste. Diese Weihnachtsmehrteiler waren tatsächlich Must-Sees für uns Kinder. Ja, es handelt sich hier um Familienunterhaltung, die Eltern und Kinder ansprechen sollte, aber das bedeutet nicht, dass das Niveau bei „Doof“ anfängt – ganz im Gegenteil, die Story ist eine Herausforderung, und Kinder finden es gut, wenn sie ernst genommen und gefordert werden.

„Patrick Pacard“ ist eigentlich ein internationaler Spionagethriller mit Actionsequenzen und sehr erwachsener und verwickelter Geschichte, die sich Zeit für ihre Charaktere nimmt und die geradezu liebevoll herausarbeitet. Für damalige Verhältnisse wird die Geschichte rasant erzählt, und als internationale Coproduktion ist sie sehr aufwendig umgesetzt.

Kann man auch heute noch gut gucken, lediglich zwei Dinge fallen mit 36 Jahren Abstand als ungewöhnlich auf: Erstens wird wirklich alles zu einem Ende geführt – selbst interessante Figuren wie Dimitri sind am Ende unwiederbringlich auserzählt. Heute würde man das für eine zweite Staffel oder ein Spin-Off offenhalten. Zweitens: Der erotische Subtext zwischen dem 16jährigen Patrick und der erwachsenen Wissenschaftlerin Giovanna Castelli trifft zwar genau die Begierde- und Fantasiewelt von pubertierenden Jungen, die alle von einer Einführung in die körperliche Liebe durch ältere Frauen träumen – aber heute hat man begriffen, dass auch solche Fantasien Unzucht mit Minderjährigen darstellen.

Also: Spannende Geschichte mit tollen Schauspielerinnen. Die teils hölzernen Dialoge stören nur minimal, und wer die Serie sehen möchte: Die gibt es komplett auf Youtube, in der gleichen (miesen VHS-) Qualität wie die DVD-Fassung.

Der Tod steht ihr gut (1992) [Prime]
1978: Die Schauspielerin Meryl Streep schnappt ihrer alten Jugendfreundin Goldie Hawn den Bruce Willis als Verlobten weg. Hawn dreht daraufhin völlig durch, verwahrlost und hegt Mordphantasien. 15 Jahre später ist die Ehe von Streep am Ende, und karrieretechnisch läuft bei der alternden Diva auch nicht mehr viel. Da taucht plötzlich eine seltsame Frau auf, die ihr einen Zaubertrank für ewige Jugend anbietet. Streep nimmt an und wird wieder jung und schön. Der Pakt ist allerdings ein teuflischer, mit einem riesigen Haken: Streep lebt vielleicht ewig, aber ihr Körper kann sterben. Das merkt sie, als sie sich das Genick bricht. Nun ist ihr Körper tot und verwest langsam, aber sie lebt weiter. Und nicht nur das: Auch Goldie Hawn hat vom Zaubertrank gekostet.

„Zombie! Zombie!“ möchte man heute rufen, aber ach, DAMALSTM wussten wir ja gar nicht, was Zombies sind. 28 Jahre nachdem ich diesen Zemeckis-Film zum ersten Mal in den Kinos gesehen habe, habe ich ihn nun im Originalton geschaut und muss sagen: Au Backe, Kind, (Oh boy, dear) ist die deutsche Synchro vermurkst.

Der Film wirkt heute auf mich anders, und das hängt auch damit zusammen, dass ich selbst älter geworden bin. Vielleicht fand ich früher den verdrehten Kopf von Meryl Streep lustig, heute zucke ich beim Anblick ausgerenkter Wirbel und knirschender Gelenke zusammen. Der Film ist ohnehin erstaunlich düster und gewalttätig, das würde man sich heute nicht mehr trauen – schon gar nicht, wenn das Ding eigentlich eine Komödie sein soll.

Abseits der hanebüchenen Geschichte ist es vor allem die Leistung der Schauspielerinnen, die bemerkenswert ist: Meryl Streep und Goldie Hawn haben erkennbar Spass an ihren Rollen, und Isabeblla Rosselini als geheimnisvolle Lisle Von Rhoman ist absolut fantastisch. Lediglich Bruce Willis ist überfordert, aber das ist er bei allem, was über ernst gucken hinausgeht. Schön ist das Ende des Films: Während die Zaubertranknutzerinnen ihr Leben als Fluch ertragen müssen, findet einzig Bruce Willis´ Figur das Geheimnis von Glück und ewiger Jugend – ein Kniff, den man schnell vergisst, der den Film aber zu etwas Besonderem macht.


Spielen:

Assassins Creed Valhalla (1/2) [PS4]
Die Welt im Jahr 2020 steht am Abgrund: Das Magnetfeld der Erde kollabiert, Satelliten fallen vom Himmel, das Klima geht vor die Hunde. Um die Katastrophe abzuwenden gilt es mal wieder einen alten Isu-Tempel zu finden, und vorher ein Rätsel zu lösen: Wie kann es sein, dass in einem 1.000 Jahre alten Grab in Nordamerika das Skelett einer Wikingerin liegt? Die Assassinen haben ein neues Team gebildet, Layla Hassan hat nun Unterstützung von Shawn und Rebecca bekommen. Layla springt in die DNA der Wikingerkriegerin und erforscht die Vergangenheit.

„Argh nicht schon WIEDER dieser Kram“ war mein erster Reflex nach 5 Stunden mit AC:V. Es gilt nämlich schon wieder eine große Karte aufzudecken und sich durch die Gegend zu prügeln, in diesem Fall England im Jahr neunhundertirgendwas.

Die Handschrift von Game Director Ashraf Ismael, von dem schon „Black Flag (2013)“ und „Origins (2017)“ stammen, ist deutlich zu erkennen: Mit Assassinen und Stealth-Mechanken hat das Ganze praktisch nichts mehr zu tun, statdessen sind doofe Mechaniken aus „Origins“ wieder da, wie Schilde und Erzschürfen, die im direkten Vorgänger „Odyssey“ zugunsten eines fokussierteren Spielerlebnisses bereits über Bord geworfen wurden. Genau dummes Kram wie aufrüstbare Waffen, dumme Charaktere, ein völlig nutzloser Luftaufklärer, miese Animationen und strunzdumme Seitenmissionen. Die sind wirklich selten dämlich, so muss bspw. eine alte Frau in einer Sammelquest mit Schlangeneiern versorgt werden. Bekommt sie genug davon, isst sie die alle und pupst dann so ekelhaft, dass allen Umstehenstehenden schlecht wird. Von diesem Kaliber gibt es so etliche Nebenquest. Sogar das unausstehliche Kind aus dem alten Ägypten ist aus irgendeinem Grund wieder da!

Der Ersteindruck war wirklich miserabel, aber nach einer Zeit habe ich doch angefangen mich in „Valhalla“ zu verlieren. Das liegt zum einen an der wirklich tollen Landschaft, denn England im Jahr 1.000 ist wirklich toll modelliert. Das liegt aber auch daran, dass alle Aktionen des CoreGameloops über eine zusammenhängende Geschichte verbunden ist, die sich in kleine Kapitel aufteilt, wobei jedes Kapitel einer geografischen Region entspricht. So muss erst in Oxenfordshire einem neuen König auf den Thron geholfen werden, bevor unsere Wikingerdame genug Verbündete hat um nach Lundinium zu ziehen. „Dame“? Oh ja, man kann wieder entscheiden ob die eigene Spielfigur männlich oder weiblich sein soll, wobei die Wikingerin im Original die bessere Vertonung hat.

Taugt das Ganze nun was? Wird sich zeigen. Einerseits gibt sich Valhalla oberflächlich sehr dumm, andererseits ist die Geschichte bislang recht clever ausgedacht, geht nur viel zu langsam voran. Die Gameprogression ist wirklich erbärmlich langsam und quält sich dahin, nach fast 40 Stunden habe ich erst ca. 1/3 gesehen.


Machen:

Pandemiebedingt nix, außer Arbeiten.


Neues Spielzeug: Invoxia GPS Tracker

GPS-Tracker ohne SIM-Karte, Batterie hält angeblich sechs Monate. Mehr dazu in Kürze.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 2 Kommentare

Momentaufnahme: Oktober 2020

Herr Silencer im Oktober 2020

Einmuckeln

Wetter: Herbst, halt. Nass, 10 Grad. Ab dem 20. schlagartig kalt (0-4 Grad nachts) und die schön gefärbten Bäume verlieren ihre Blätter praktisch von einem Tag auf den anderen im Zeitraffer.


Lesen:

Jasper Fforde: The constant Rabbit
Wales, 1965: Ein „Antromorphisierendes Ereignis“ sorgt dafür, das 9 Kaninchen, 3 Füchse, 6 Meerschweinchen und ein Dachs zu sprechenden, menschengroßen Wesen werden, wie aus einer Tierfabel.

40 Jahre später haben sich die Kaninchen vermehrt wie, nun, die Kaninchen, und versuchen sich in die britische Gesellschaft zu integrieren. Was zu Spannungen führt, zumal die Regierung die Füchse als Leiter der Kaninchenbehörde einsetzt. Ausgrenzungen und Anfeindungen durch Menschen gehören für die friedlichen Nager zum Alltag, von den Füchsen droht Todesgefahr. Wie kann so eine Gesellschaft funktionieren?

Seltsame Kreuzung aus „A Watership Down“ und „1984“, schrieb der Guardian. Im Prinzip eine Parabel auf Rassismus. Noch nicht zu Ende gelesen, aber es zeichnet sich schon wieder das Muster ab, das typisch für Jasper Fforde ist: Er hat eine hervorragende Grundidee, baut darum eine detailliert ausgedachte Welt und malt sich sehr genau aus, wie die Gesellschaft funktioniert – und dann setzt er völlig egale Charaktere hinein und lässt sich strunzlangweilige und unplausible Geschichten erleben. Das scheint beim „Constant Rabbit“ nicht so schlimm zu sein wie dem direkten Vorgänger, „Early Riser„, ärgerlich ist es aber schon. Mal gucken, ob er im letzten Drittel des Buchs noch die Kurve kriegt.


Hören:


Sehen:

Borat Subsequent Moviefilm: Delivery of Prodigious Bribe to American Regime for Make Benefit Once Glorious Nation of Kazakhstan [Prime]

Journalist Borat Sagdiyev sitzt nach den Ereignissen von „Borat“ schon seit 14 Jahren im Gulag, weil er der großen Nation von Kasachstan Schande bereitet hat. Dennoch wird er eines Tages überraschend freigelassen und erhält vom kasachischen Präsidenten den Auftrag, dem amerikanischen Präsidenten ein Geschenk zu überreichen. Borat reist also wieder in die USA, trifft dort auf seine Tochter und Figuren wie Rudy Giuliani und Mike Pence.

Ich habe schon lange nicht mehr so viel gelacht! Der erste „Borat“ war eine Mockumentary: Die Kunstfigur Borat traf auf echte Interviewpartner. Das schockte, weil so Rassismus und Wahn in den USA unverhohlen darstellte. Dem radebrechenden Journalisten aus dem Ostblock erzählten die Amerikaner Dinge, die einem als zivilisierten Zuschauer die Kinnlade runterfallen ließen.

Seitdem ist viel passiert, die Grenzen des sagbaren sind weit, weit nach rechts verschoben. Zum Glück versucht „Borat 2“ gar nicht die Tricks von früher zu wiederholen. Stattdessen ist es dieses Mal sehr clever Borats Tochter oder sein Umgang mit ihr und die Reaktionen der echten Menschen darauf, die schocken. Aber trotz allem gibt es hier viel zu lachen, weil die Story intelligent gebaut ist und dank der Pandemie sogar ein irres Ende hat. Angucken!

Weathering with you [Amazon Prime]

Der fünfzehnjährige Hodaka reisst von zu Hause aus und taucht in Tokio unter. Neben der Einsamkeit in der großen Stadt macht ihm vor allem das Wetter zu schaffen, es regnet nämlich ohne Unterbrechung. Doch dann findet der Junge ein „Sonnenmädchen“, das die Gabe hat, mit ihrem Willen das Wetter zu beeinflussen. Aber das hat seinen Preis.

Vom gleichen Studio wie der großartige „Your Name“ ist auch „Weathering with you“ reine Poesie mit wunderschönen, so noch nicht gesehenen Bildern und einem verblüffenden „Das haben die jetzt nicht wirklich gemacht“-Twist kurz vor dem Ende. Wunderschön!

The Boys, Staffel 2 [2020, Prime]

Superhelden werden nicht geboren, sie werden von einem Konzern mittels Drogen geschaffen – das ist die Enthüllung, mit der Staffel 2 der bitter-makabren Superheldenfarce startet. Noch geheim bleibt, dass der selbstverliebte Superman-Klon „Homelander“ mittels der Drogen „Superterroristen“ erschaffen hat, die nun angeblich Amerika bedrohen, weswegen seine Superheldentruppe dringend Regierungserlaubnisse braucht. Die „Boys“ kommen nicht darum herum, dagegen in den Kampf zu ziehen – und decken noch viel schlimmere Geheimnisse auf.

Wie bitterböse diese Serie ist! Die vermeintlichen Superwesen sind allesamt ranzblöde Arschkrampen, die entweder Narzissten, Psychopathen oder Rassisten sind, und alle Nase lang wird es extrem blutig. Kurz: Das Unterhaltsamste, was Amazon Originals zu bieten hat.

Long Way Up [Apple TV+]
2004 fuhren Charley Boorman und Ewan McGregor auf Motorrädern ein Mal um die Welt („Long Way Round“), 2007 einmal von Europa längs durch Afrika bis Kapstadt („Long Way Down“). Nun geht es auf dem amerikanischen Kontinent von Feuerland aus nach Norden, bis Kalifornien, und für den „Long Way Up“ haben sich die beiden elektrische Motorräder und Begleitfahrzeuge ausgesucht.

Es ist zu merken, dass der Fokus bei „Up“ ein anderer ist. In den beiden Vorgängern stand die Erfahrung körperlicher Grenzen sehr im Vordergrund. Charly Boorman ging dabei so weit, dass ich ihn als „verrückt“ einordnete, weil er aus meiner Sicht der Show wegen völlig unnötige Risiken bei Motorradfahren einging und bei einer Gelegenheit sogar fast den Kameramann getötet hätte. In den Jahren zwischen den Staffeln hat Boorman die Quittung dafür bekommen. Zahlreiche Unfälle mit schweren Verletzungen und Knochenbrüchen haben dafür gesorgt, das er heute kaum noch selbst auf sein Bike kommt und dicht an der Abwrackprämie entlang schrammt.

Folgerichtig haben die Herausforderungen in „A long way up“ weniger mit körperlicher Kraft zu tun, sondern liegen eher in der Kategorie „Wer wird Höhenkrank“ oder „Schaffen wir es mit 3 Prozent Akku noch bis zu nächsten Ladestation“ oder „Was tun, wenn die Software des Motorrads sich weghängt und die Kiste nicht mehr vom Fleck kommt?“ Das ist auch nicht unvergnüglich inszeniert, die Reisevorbereitungen sind spannend, und die ganze Fahrt selbst von Kameraman Claudio von Plata wieder wunderschön eingefangen worden. Allein die Drohnenaufnahmen der Wüsten und Gebirge Südamerikas sind eine Schau!

Apple TV+ kostet übrigens 4,99 im Monat. Apple ist aber so dankbar über jeden einzelnen Zuschauer, das zumindest ich nach 4 Wochen drei Monate lang jeden Monat eine Gutschrift über 4,99 bekomme, warum auch immer. Damit lässt sich „Long Way Up“ kostenneutral schauen.

Spielen:

Yakuza 4 [PS4]

Kamurocho, Tokyo: Ein ungewöhnlicher Finanzdienstleister trifft eine außergewöhnliche Frau. Ein zum Tode Verurteilter bricht aus dem Gefängnis aus. Ein Straßenpolizist ist auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters. Irgendwo eiert Kiryu Kazuma rum. Und alles hängt mit einem Ereignis im Jahr 1985 zusammen.

Die letzten Spielstunden führen die Handlungsstränge zusammen und führen Sie zu einem okayen Ende, bis zum Schluss macht aber das Kampfsystem mit seiner schwammigen, ungenauen Steuerung und den ärgerlich langen Animationen überhaupt keinen Spaß. Dazu kommen langweilige Missionen und eine ärgerlich designte Spielwelt: Mit einem unterirdischen Kaufhaus und Tiefgaragen gibt es jetzt eine Ebene von Kamurocho unter der Erde, dazu eine eine Ebene über den Dächern, beide als Labyrinth gebaut. Das macht die Spielwelt ZU groß, zumal die Ebenen nur für langweilige Füllmissionen genutzt werden. Nein, das war Quälerei, selbst auf die skurrilen Nebenaufgaben hatte ich keine Lust.


The Complex [PS4]

Ein Konzern forscht an Nanozellen. Dummerweise will eine Terrorgruppe die klauen, und so findet sich die Chefwissenschaftlerin unversehens eingeschlossen in einem Hochsicherheitslabor, dem namensgebenden Complex, belagert von Fieslingen. Und nicht nur das, anscheinend hat die Konzernleitung auch Interessen, dass die gefährliche Nanotechnologie in die Hand von Diktatoren gelangt.

„The Complex“ ist ein interaktiver Film mit echten Schauspielerinnen, den man sich anschaut und nur an gewissen Stellen „A oder B“-Entscheidungen fällt. Das ist leidlich spannend, weil das Skript etwas verquast und die Handlung simpel und unspannend ist. Die Leistung der Schauspieler ist aber durchgehend gut, und es gibt krass unterschiedliche Enden. Was es nicht gibt: Die Option, an einer gewissen Stelle der Handlung neu zu starten und dann andere Entscheidungen auszuprobieren. Das senkt den Wiederspielwert, denn einen vollen Spieldurchgang – der rund 100 Minuten entspricht – will man nicht jedes mal machen, zumal sich viele Szenen immer wiederholen.


Machen:

Motorradherbst!


Neues Spielzeug:

Teurer Monat: Das Kleine Gelbe AutoTM hat neue Winterreifen bekommen, Conti Winter Contact TS860. Die Barocca hat eine Wartung und neue Reifen gebraucht. Und das Synology NAS wurde aufgerüstet, statt 2×4GBTB stecken nun 2×12GBTB WD Red Pro und weitere 4GB Hauptspeicher im zunehmend wichtiger werdenden Wohnzimmerserver.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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