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Archiv der Kategorie: Historische Anekdoten

0177

„Sie können Ihre Handynummer AUSWENDIG?“, fragt die Dame am Empfangstresen mit hochgezogenenen Augenbrauen, als ich ohne Gedenkpause die Nummer aufsage.

Natürlich kann ich das. 20 Jahre sind wir jetzt schon zusammen, meine Rufnummer und ich. Heute spielt ja die Telefonnummer nur eine untergeordnete Rolle, Hauptsache, man ist per Messenger erreichbar. Aber 1997 gab es sowas noch nicht. Was es gab, waren die klassischen Mobiltelephone für Anrufe und SMS. Einige Jahre vorher waren die noch unbezahlbar gewesen, Handys galten als Statussymbole, die nur von Egomanen mit sich rumgetragen wurden und für Normalsterbliche unbezahlbar waren.

1997 schickte sich ePlus an, Mobiltelefone in die Breite zu bringen. Das Unternehmen, das sich betont jung gab (und damit seinen schlechten Netzausbau rechtfertigte), bot unter anderem einen Studententarif an. Für pauschal 25 D-Mark pro Monat bekam man 20 Telefonminuten und 15 SMS. Ein Spitzenangebot, denn normalerweise wurde erst eine Grundgebühr fällig und dann nach Minuten und Einzel-SMS abgerechnet. In der „Hauptzeit“ kostete ein Anruf ins Festnetz oder ein anderes Netz 1,99 DM pro Minute, günstiger waren mit 0,59 DM nur Anrufe innerhalb des ePlus-Netzes. In der Nebenzeit kosteten alle Anrufe 0,39 DM pro Minute.

In dieser Zeit war es, dass ich urplötzlich den Gedanken attraktiv fand, ein tragbares Telefon zu besitzen. Keine Ahnung warum, gebraucht hätte ich es nicht. Irgendwie war die Zeit reif. Nach langem Zaudern setzte ich dann einen Fuß in den ePlus-Laden in Göttingen und verließ in wenig später mit klopfendem Herzen und einem ePlus-Karton. Darin: Meine 0177-Rufnummer und ein brandneues Nokia 5110.

Nokias Mobiltelefone waren sehr verbreitet. Man spielte hautpsächlich Snake damit oder kaufte Wechselcover dafür, denn telefonieren war halt zu teuer. In den Speicher passten theoretisch 10 SMS, praktisch aber weniger, denn auf 3 bis 6 Speicherplätzen hob man die ganz besonderen SMS von der Liebsten auf, die man nie, NIE! löschen würde.

Wenn ich Anfangs meine Rufnummer aufsagen musste, fragten die Leute noch oft nach. Denn ePlus mit seiner 0177-Vorwahl war unbekannt, kennen tat man nur 0171 für das D1-Netz und 0172 für D2. Andere Netzvorwahlen gab es nicht. Das Handy durfte ich eigentlich auch niemandem zeigen, denn dann kamen gleich höhnische Sprüche. „Guck an, der Herr Student hält sich für wichtig, der muss jetzt ein Handy haben. Immer erreichbar, was, höhö.“

Das änderte sich im Lauf der Jahre. Was sich nicht änderte, war meine Rufnummer. Die wanderte vom Nokia 5110 zum Nokia 3310, dann auf ein No-Name-Aldi-Klapptelefon (das dauernd abstürzte, aber hey, KLAPPTELEFON!!) und dann ein Philips-Klapptelefon (das winzig war und an den Rändern blau leuchtete wenn ein Anruf kam).

2005 übernahm mein Arbeitgeber meine Telefonnummer. Als Firmenhandy gab es ein QTEK 9090, ein von ePlus als „PDA 3“ vermarktetes Smartphone von HTC mit ausziehbarer Tastatur und Windows drauf. Damit konnte man alles Mögliche machen, auch Snake spielen. Nur telefonieren konnte man damit nicht, weil die Software kaputt war und man für das Gegenüber klang, als würde man mit einem Blecheimer über dem Kopf sprechen. Der Hersteller hatte das Problem schnell gefixt, aber ePlus rollte den Patch nicht aus, weil sie nicht begriffen, dass für diese Art Geräte kontinuierliche Pflege auch nach dem Verkauf nötig ist. So hatte ich 2 Jahre ein Handy praktisch ohne Telefonfunktion.

Damit hatte es ePlus vergurkt, meine Firma wechselte zur Telekom, und meine Rufnummer auch. Auf ein Motorola RAZR V3. Ein äußerst stabiles Klapphandy, dessen farbiger Plasmabildschirm leise zischte. Was doof ist, wenn man den zum Telefonieren ans Ohr halten muss.

2009 kam dann ein iPhone 3G, und die Rufnummer wechselte auch darauf mit. Es folgten iPhone 4s, 5s und 6s. Die Geräte änderten sich, was blieb, war stets die Rufnummer.

20 Jahre.
Eine lange Zeit für eine kleine Rufnummer.

 
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Verfasst von - 26. April 2017 in Historische Anekdoten

 

Trauriger Tag: Goodbye, UK

„Und hier befinden Sie sich im Oberhaus, im House of Lords“, sagt der Butler.

Er ist natürlich kein echter Butler,  mit seiner steifen Haltung und der grauen Uniform wirkt er nur so. Er ist ein Guide, der mich durch den Westminster Palace führt.  In dessen Nordflügel liegt das House of Commons. Genau gegenüber des Gebäudezentrums, am Ende eines langen Gangs, liegt das House of Lords.

Im „Unterhaus“, den Commons, arbeiten Berufspolitiker, erläutert der Butler. „Aber hier“, sagt er und schwenkt den ausgestreckten Arm über die roten Ledersofas, „hier arbeiten Experten“. Ich gucke ihn schief an, was er bemerkt und seine These ausführt. „Ich weiß, was Sie denken. Im allgemeinen werden die Lords für Snobs gehalten. Das war früher vielleicht mal so, heute sind es einzigartige Experten. Lords werden auf Lebenszeit ernannt, können aber ihren Titel nicht vererben. Hier, im Oberhaus, beschäftigen Sie sich dann mit Themen, die ihrer Profession nahestehen. Mit anderen Worten: Hier kommen Leute hin, weil sie auf ihrem Gebiet außergewöhnliches geleistet haben, und hier können sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten zum Wohle des Königreichs einsetzen. Für musikbezogene Fragen haben wir z.B.Sir Andrew lloyd WEbber, für bauliche Fragen Sir Norman Foster, und Sir Richard Attenbourough hat in allen möglichen Ausschüssen mitgearbeitet.“

Außerdem, so führt er weiter aus, sind Lords nicht weisunggebunden. Es gibt keinen Fraktionszwang und keine feste Parteizugehörigkeit.Vielleicht genau aus diesen Gründen – kein Fraktionszzwang, nicht vom Volk gewählt – können die Lords nach Wissen und Gewissen entscheiden. Und tatsächlich waren es ausgerechnet die Lords, die gegen den Brexit gestimmt haben, dann an Art. 50 Garantien für die Bürger knüpfen wollten. Damit sind sie gescheitert und haben auch noch Schelte bekommen, aber dennoch muss man in diesem Brexit-Irrsinn mal deutlich sagen: Die Adeligen waren die EINZIGEN, die sich hier anständig verhalten haben.

„Ich unterzeichne dieses Dokument an diesem historischen Tag, weil das der Wille des Volkes ist“, sagte Theresa May, als sie den Austrtittsbrief an die EU unterzeichnete und Artikel 50 damit heute auslöste.

Nur: Das Volk ist scheissend dumm. Das ist genau der Grund, warum wir eine represenative Demokratie haben: Damit hochbezahlte Spezialauskenner Dinge aushandeln, und nicht, das der Kalle von der Trinkhalle über Europapolitik entscheidet. „Das Volk hat es so gewollt“ wird Großbritannien zerreissen, und die dortigen Politiker sind zu feige zu sagen „Schön, das etwas mehr als die Hälfte des Volks aus der EU will, aber das machen wir jetzt mal nicht, das ist nämlich dämlich“. Tja. Übrigens hantiert gerade noch einer laufend mit der „Das Volk will es so“-Argumentation herum. Kollege Erdogan hat angekündigt, sich dem Volkswillen zu beugen, wenn die Todesstrafe verlangt wird.

Volkes Willen, my Ass.

Ich werde in ein paar Jahren die Insel wieder besuchen. Vermutlich sind von Großbritannien dann gerade noch Wales und England übrig, beide wirtschaftlich am Ende. Ein lebendes Mahnmal, wohin Isolationismus führen kann.

 
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Verfasst von - 29. März 2017 in Betrachtung, Historische Anekdoten

 

Schraubeneumel

Und dann war da noch der Prof für Betriebswirtschaftslehre. Ein ganz seltsamer Mensch, der durch ständiges Beleidigtsein, BMW-fahren und das Tragen von Hochwasserhosen auffiel. Die zu kurzen Hosen in Tateinheit mit bunten Socken und einem feuchten Sprachfehler gaben ihm ein ulkiges Auftreten. Das wurde aber dadurch relativiert, dass er oft und gerne gemein war. Einfach gemein.
Wenn er sich mal wieder von etwas beleidigt fühlte, was häufig vorkam, dann machte er bevorzugt kleine Studentinnen zur Schnecke, in seiner Vorlesung, vor ein paar hundert Leuten. Und zwar so richtig widerlich, bis die Studentinnen heulend rausliefen. Er gefiel sich in der Rolle eines arroganten Arschlochs und lebte das gerne aus.

Ein dunkelblauer BMW war sein ein und alles. Die Kiste war ein Sportcoupé, tiefergelegt und verspoilert und immer auf Hochglanz poliert. Das war an der Uni auch bekannt, und so war es nicht verwunderlich, als dem Prof jemand Schrauben in die Reifen drehte. An dem Tag war er mal wieder besonders widerlich zu einer Studentin gewesen, und abends hatte sein BMW vier Plattfüße. Darüber bewahrte er Stillschweigen. Vier Wochen später kanzelte er wieder eine Studentin ab und zweifelte öffentlich an ihrer persönlichen Befäigung eine Hochschule zu besuchen. Abends hatte der BMW wieder Schrauben in allen Reifen. Wieder blieb der Prof still. Bis sich das Spiel ungefähr einen Monat später nochmal wiederholte. Vormittags Wutausbruch in der Vorlesung, abends vier Platte.

Diesmal wollte der Prof das nicht auf sich sitzen lassen. In der nächsten Vorlesung trat er ganz ruhig ans Pult, drehte das Mikro auf 11 und spuckte hinein: „Ich weisch nischt, was Sssie mit diesem Mumpitsch bezwecken wollen, aber lassen sie sisch eines gesagt sein!“,
…dramatische Pause…
„ICH habe Geld für mehr neue Reifen als SIE sich Schrauben leisten können!“

Ja, der Mann war ein Arsch. Aber diese Aktion mussten wir Studis dann Respekt ob der Coolness zollen. Er schlug uns Arroganz um die Ohren, und das beeindruckte wider Willen.

Geholfen hat´s freilich nix, am Abend waren die Reifen des BMW platt.

 
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Verfasst von - 20. Dezember 2016 in Historische Anekdoten

 

Sommer ´94

1994 begann seltsam. Erst starb Telly Savalas, dann Jackie Kennedy. Curt Kobain schoss sich den Kopf weg. Solche persönlichen Schicksale dominierten die Nachrichten, denn die großen Themen waren abstrakt und fanden weit weg statt. Die Apartheid endete, Ayrton Senner starb und Politiker unterschrieben Vereinbarungen, aber das alles passierte am anderen Ende der Welt.

Meine eigene Welt wurde währenddessen immer kleiner. Erst war sie wochenlang von Büffeln geprägt, dann bestand sie nur noch aus Nervosität und Anspannung während der Abiprüfungen, und danach war alles… Leere.

Die letzten Monate der Schulzeit verbrachte ich mit dem Warten auf die Abiturnoten und dem diffusen Gefühl, dass ein großer Lebensabschnitt sich dem Ende zuneigte, aber etwas anderes noch nicht begonnen hatte. April und Mai 1994 waren ein Limbo, ein Leben zwischen den Welten.

Das änderte sich, als mir im Juni endlich das Abiturzeugnis in die Hand gedrückt wurde. Das war wie eine Befreiung, der Fahrschein in eine neue Welt. Ich wollte ab Oktober in Göttingen, der nächsten Stadt mit einer Uni, studieren. Bis dahin waren es noch vier Monate, und um studieren zu können brauchte ich eine Wohnung – und einen Computer.

1994, das ist schon 22 Jahre her. Eine andere Zeit, eine andere Welt.
Kein Internet.
Keine Smartphones.
Keine Mobiltelefone.
Kaum Rechner, wenn man von Heimcomputern wie dem Amiga absah.
Eine unvernetzte Welt.

Computer waren unfassbar teuer – ein 486 DXII-66 mit einer 40 Megabyte Festplatte und Monitor kostete mindestens 2.700 DM. Das war auch der Grund, weshalb ich in diesem Sommer fast jeden Tag in einem Schnellrestaurant arbeitete. Einer der wenigen Jobs, den es in unserer strukturschwachen Region für Schüler und Studenten gab, und der dazu gut bezahlt wurde.

Ab Juni machte ich fast jeden Tag Früh-, Tages- oder Nachtschichten, immer so, wie es gerade gebraucht wurde. Mal begannen meine Tage um 04.30 morgens, mal waren sie von Schichten von 12.00 Uhr bis 20.30 Uhr regelrecht zerstückelt, mal kam ich erst um drei Uhr nachts nach Hause. Die Arbeit war zwar nicht so schwer wie z.B. auf dem Bau, aber schon anstrengend. Am Ende einer 8,5-Stunden-Schicht (die an Tagen mit hohem Krankenstand in der Belegschaft auch schon mal 10 oder 12 Stunden lang werden konnte) hatte ich manchmal keinerlei Kraft mehr im Körper. Gute, ehrliche Arbeit macht sowas.

Dazu kam das Wetter. Es war heiß. Im Juni, Juli und August schien fast jeden Tag die Sonne, die Temperaturen kletterten regelmäßig über 30 Grad, und in drei Monaten fiel kaum mal mehr als ein kleiner Regenschauer. Bei der Arbeit in der Restaurantküche, zwischen heißen Grills und Friteusen, konnte man literweise Wasser trinken und musste trotzdem stundenlang nicht auf´s Klo.

Eine Klimaanlage gab es nicht, aber wenigstens eine Radio. Je nachdem, wer gerade Schichtleiter war, lief dort ein anderer Radiosender. Ich mochte NDR2 oder FFN. Die spielten zwar viel zu viel altes Zeug aus den achtzigern, aber immer wieder lief auch mal was, womit ich was anfangen konnte: Die 4Non Blondes mit „What´s going on“, die Crash Test Dummies mit „Mmm mmm mmm“, die Spin Doctors mit „2Princes“ oder auch Lucilectric, die davon sang, dass sie so froh sei ein Mädchen zu sein.

Nicht ausstehen konnte ich N-Joy. Der Radiosender war vor zwei Monaten erst an den Start gegangen und spielte rund um die Uhr Kindertecho, sowas wir Marc Ohs „Hörst Du mich“, Maruschas „Over the Rainbow“ oder Scooters „Hyper Hyper“. Sowas konnte doch niemand ernsthaft gut finden!

Wenn ich es mir aussuchen konnte, hörte ich eh´ ganz andere Dinge. Portishead waren super, aber für´s Radio natürlich viel zu düster und zu langsam. Aerosmith´ „Get a Grip“ hatte ich gerade erst im Bertelsmann Buchclub als Quartalskauf erstanden. Darauf war“Living in the edge“, was im CD-Player auf repeat-one lief, und auch „Cryin“ und „Crazy“, denn zu denen es tolle Videos gab. Musikvideos waren die neue Form des Erzählens in Bildern, und Künstler wie Aerosmith oder R.E.M. erzählten in vier Minuten komplexe Geschichten. Die besten Videos liefen auf MTV, wo sie von coolen Typen wie Ray Cokes angesagt wurden. Man mustse natürlich Glück haben und zufällig gerade vor dem Fenrseher sitzen, dann konnte man vielleicht sein Lieblingsvideo sehen. Wenigstens lernte man nebenbei von den Moderatoren englisch, denn MTV auf Deutsch gab es nicht.

Was es auf deutsch gab war „VIVA“. Das war ein ganz neuer Musiksender, den ich inbrünstig verachtete. Bei Viva moderierten ausschließlich nervige Arschgeigen, die wie auf Koks Unsinn plapperten und die ich keine zwei Minuten ertrug. Außerdem wurde auf VIVA nur Kindertechno oder unsäglicher Europop gespielt. Sowas wie Dr. Albans „What is love“. Ace of Base gehörten gerade noch zu den erträglicheren Nummern, aber ich hatte mich festgelegt, ich guckte gerne MTV. Die hatten nicht nur die besseren Moderatoren, sondern zeigten auch die cooleren Videos.

War aber eigentlich auch egal was da draußen gesendet und gespielt wurde. Ich konnte in meinen vier Wänden hören und sehen was ich wollte. „Meine vier Wände“, woah, wie das schon klang! MEINE VIER WÄNDE! Ja, ich hatte vier Wände ganz für mich allein. Zusammen mit einer Arbeitskollegin aus dem Restaurant, die ebenfalls im Herbst ein Studium beginnen wollte, hatte ich eine Wohnung angemietet.

Der Wohnungsmarkt in Göttingen war schlimm. Es gab viel zu wenige Wohnungen für die vielen Studierenden, und die Mieten waren exorbitant. Sowas wie 1994 schafften später nicht mal doppelte Abiturjahrgänge: Hausbesitzer vermieteten selbst breitere Flure als Durchgangszimmer oder fensterlose Abstellräume im Keller voller verdreckter Gartenmöbel als „möblierte 1-Zimmer Appartements“. Mehrere hundert D-Mark sollte man dafür hinlegen, und tatsächlich konnten sich die Vermieter vor dem Ansturm auf diese Unverschämtheiten kaum retten.

Deshalb hatte ich mich mit Sandra zusammengetan. Wir hegten keine besonderen Sympathien füreinander, aber als Wohngemeinschaft würden wir uns mit dem, was wir im Schnellrestaurant verdienten, zumindest eine ordentliche Wohnung leisten können. Ordentlich hieß: Ein zwei Zimmer-Appartement in einem riesigen Plattenbau, in dem links die Nazis, rechts die Punks und in der Mitte die Studis wohnten. Aber wenigstens hatte das Ding alle Wände, dichte Fenster und einen funktionierenden Telefonanschluss.

Sandras Zimmer war 10 Quadratmeter groß, meines 16. Dafür war in meinem Zimmer die Kochnische und der Kühlschrank, der laut vor sich hinsummte und ab und zu quiekte. Aber das war mir alles egal, denn zum einen wollten wir eh nur ein Jahr hier wohnen, in der Zeit was anderes suchen und dann die WG auflösen. Viel wichtiger aber: Mit Unterzeichnung des Mietvertrags waren das hier MEINE eigenen vier Wände geworden. Okay, UNSERE, aber Sandra würde erst im Herbst hier einziehen. Den Sommer über hatte ich die Wohnung ganz für mich allein.

Das Schnellrestaurant lag genau auf halber Strecke zwischen meinem Elternhaus und Göttingen, ich konnte mir also nach jeder Schicht aussuchen wohin ich fuhr. Nach sehr kurzer Zeit steuerte ich nicht mehr nach Hause zu meinen Eltern, sondern in die Wohnung in der Stadt.

Die Einrichtung bestand in den ersten Wochen nur aus einer alten Matratze, die direkt auf dem Boden lag. Ihr gegenüber stand ein kleiner schwarzweiß-Fernseher auf einem Tomatenkarton. Sehr spartanisch, aber für mich Luxus, denn das war etwas eigenes, ganz für mich.

Wenn ich mitten in der Nacht nach Hause kam, nach Friteusenfett stinkend und durchgeschwitzt, konnte ich ohne Wartezeit in ein Badezimmer, dass ich mit niemandem teilen musste. Dann warf ich eine Tiefkühlpizza in den Backofen, was auch um 3 Uhr niemanden störte, und hockte mich in Unterwäsche vor den Röhrenfernseher. Dann guckte ich MTV oder RTLplus, wo im Nachtprogramm „Verrückt nach Dir“ lief oder „Eine schrecklich nette Familie“, oder Pro Sieben, wo Wiederholungen von „Roseanne“ gesendet wurden. Dazwischen priesen nervige Werbspots „Punica“ an, oder „Wick Rachendrachen“. In Villariba oder in Villabajo (ich vergesse immer wo) wurde Fairy Ultra verwendet um die Paellapfannen schneller sauber zu bekommen als im Nachbardorf, nichts ging über Bärenmarke und bei Milka pries ein Almöhi mit Sonnenbrille etwas mit den Worten „Aber vorsicht, it´s cool man“ an und blieb damit besser in Erinnerung als das Produkt selbst (Milka Mint Crisp).

In diesem Sommer wurde es auch Nachts nicht kühler. Eine willkommene Ausrede um Eis in rauen Mengen zu verschlingen. Von Schöller gab es „Manhattan“, ein Vanilleeis mit Fruchteinrührung in den Sorten „Strawberry Swirl“ und „Apple Fudge“. So eine 1,5 Liter-Packung überlebte meist nur einen Abend.

In diesen warmen Nächten strahlte durch das Fenster des Appartements orangefarbenes Licht vom Rangierbahnhof, an dem es lag. Die ganze Nacht wurden da Züge bewegt, aber das störte mich nicht. Ich war mit dem Geräusch von Bahnen aufgewachsen und nahm das Rumpeln auf den Gleisen als beruhigend, ja einschläfernd wahr.

Arbeiten bis zur Erschöpfung, dann total kaputt nach Hause kommen, dann vor dem Fernseher die Nacht verdahmeln. Für mich war es der Himmel auf Erden.

Über den Sommer brachte ich immer mehr Dinge in diese eigene Wohnung. Aus einer Arbeitsplatte und zwei angemalten Sägeböcken wurde ein Schreibtisch. Aus Kellerregalen wurden Bücherregale. An die leeren Wände kamen Poster. Unter anderem Ansichten von New York bei Nacht und ein selbstgmaltes, auf den ich mit Edding den Text von R.E.M. „Losing my Religion“ geschrieben hatte. Das Video zum Song hatte mich nachhaltig beeindruckt, und mir kam es sehr erwachsen vor, so tolle Liedtexte an der Wand zu haben. In erster Linie wollte ich damit natürlich zeigen was für ein deeper Typ ich war und Frauen beeindrucken. Das funktionierte auch, sogar besser als ich erwartete. Bis eine Eroberung anmerkte, das ich „Losing“ schon in der Überschrift falsch, nämlich mit zwei „o“ geschrieben hatte. Das Poster verschwand sofort und wurde nie wieder aufgehängt, aber weggeworfen habe ich es auch nicht. In irgendeiner Ecke im Keller muss es noch liegen.

Wenn ich nicht arbeiten musste, ging ich abends ins Kino. Da meine ehemaligen Klassenkameraden den Sommer über nichts zu tun hatten, war ich dabei nie allein.

Etwas zum Ansehen fand sich immer, denn 1994 war ein exzellentes Kinojahr. Während in den Straßen noch die warme Luft stand, lümmelten wir uns in den Sesseln der vielen kleinen Kinos, die damals noch nicht vom Cinemaxx plattgemacht waren. Unsinn wie „Police Academy 7“ oder „Beverly Hilly Cop III“ guckten wir natürlich nicht an. Wir amüsierten uns bei Leslie Nielsens „Die nackte Kanone 33 1/3“, vergötterten Una Thurmann in „Pulp Fiction“, waren nachhaltig beeindruckt von Brandon Lees „The Crow“ und holten uns schmerzende Hintern auf den Holzstühlen im „Cinema“, weil „Forrest Gump“ fast drei Stunden lief.

Danach ging es meist noch in „Thanners Tag- und Nachtschänke“ auf ein Bier. Warum auch nicht, ich musste ja nicht mehr fahren, denn ich WOHNTE ja nun in der großen Stadt. Der Weg nach Hause war nicht lang, und wenn ich nachts durch die Straßen streifte, die in der warmen Sommerluft immer noch belebt waren, hatte ich meist ein breites Grinsen im Gesicht. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen, und der Anfang war genau nach meinem Geschmack.

Bei meinen Eltern war ich nur noch ab und zu, um ein paar Sachen zu holen oder um Wäsche zu waschen. Viel zu sehr genoss ich das Gefühl der Freiheit, dass mit dem Leben in den eigenen vier Wänden und in der Stadt einher ging. Die kleine Wohnung hatte mein Leben plötzlich sehr viel größer gemacht, und mit dem Sommer 1994 verbinde ich nicht nur heiße Tage und warme Nächte, sondern vor allem das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

In der Rückschau verschwimmen die meisten Sommer zu einem Amalgam aus Eindrücken, bei dem einzelne Ereignisse nicht mehr einem Jahr zuzuordnen sind. Aber dieser eine Sommer, der wird mir in Erinnerung bleiben.

 
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Verfasst von - 19. Juli 2016 in Historische Anekdoten

 

Vintage Balkonien

Herr Silencer erzählt eine bittersüße Geschichte aus seiner Jugend. Die ist wieder mal viel zu lang, aber dafür kommen Drogen drin vor.

Ist übrigens gar nicht das erste Mal, dass ich einen Balkon habe. 1997, als Student, zog ich in die Innenstadt. Das „Zimmer“ das ich dort hatte war winzig, gerade mal 20 Quadratmeter. Dabei lag es noch in einem Dachgiebel, das hieß: fieseste Dachschrägen an zwei Seiten, von den 20 Quadratmetern waren höchstens 10 aufrecht stehend nutzbar. Und diese 10 Quadratmeter waren auch noch geteilt, denn Irgendwer war auf die Idee gekommen, aus dem einen Dachgiebel zwei Zimmer zu machen.

Weil das Dach halt ein Dach war, war es dort im Winter eisekalt. Im Sommer wurde es dagegen so heiß, dass ich tagsüber den Computer nicht anmachen konnte, weil der sofort überhitzte. Warum ich dennoch dort einzog? Weil zu dem Winzzimmer ein Balkon gehörte, wobei die Bezeichnung fast ein wenig zu bescheiden ist. Sie gibt nämlich nicht wieder, wie unglaublich riesig und grandios das Ding war. Der Balkon war nämlich größer als das Zimmer. Mehr als 20 Quadratmeter war die Dachterasse groß, und das im vierten Stock! Das hieß, ich konnte von dort aus über alle anderen Häuser der Innenstadt gucken. Herrlich!

Zwei Jahre lang genoss ich das Refugium sehr. Ich war zu der Zeit eher düster drauf, Keramiktotenköpfe und Flaschen mit Tropfkerzen drauf gehörten zur Inneneinrichtung wie Scheiben von den Cranberries und REM in den CD-Player. Durch so eine Phase muss jeder Student mal durch. Aber beim Balkon, da sollte alles sonnig und ein Idyll wie in der Rama-Werbung sein. Auf meinem Balkon gab es sogar einen weiß-gelb gestreiften Sonnensschirm.

Wie es immer so ist sind die Hölle die anderen, in diesem Fall: Meine Mitbewohnerinnen. Auch wenn der Balkon meiner war, ich wohnte da oben nicht allein. Ich war in eine Zweck-WG aus insgesamt vier Personen, zwei Männern und zwei Frauen, gezogen, und eine Zeit lang lief das auch total gut. Aber dann zogen die beiden Mitbewohnerinnen aus und zwei neue ein, und von den beiden hatte eine, nennen wir sie mal Sevda, einen Knall. Muss man leider so sagen.

In meiner Abwesenheit nutzten meine Mitbewohner gerne den Balkon, was abgesprochen und vollkommen OK war, auch, wenn sie dafür durch mein Zimmer mussten. Das hatte bislang nie Probleme gegeben, aber mit Sevdas Einzug änderte sich das.

Als erstes kam der Sonnenschirm abhanden, den sie offen stehen gelassen hatte, kurz bevor ein Unwetter kam. Schwupp, war er weggeflogen und tauchte nie wieder auf. Dann passierten so Kleinigkeiten, wie, dass in meinem Zimmer Dinge umgestoßen waren. Vermutlich weil jemand bekifft da durchgestolpert war und dabei die Cranberries-CD im Öl einer umgeworfenen Duftlampe ertränkt hatte.

Später zeigte Sevda den Mitbewohnern und mir ganz stolz ihr neues Fahrrad, ein sehr teures und giftgrünes Mountainbike. Ich bewunderte das gebührend, fand es aber merkwürdig, dass die Fliesen des Balkons neuerdings ein giftgrünes Muster aufwiesen. Es sah aus, als hätte jemand einen Fahrradrahmen auf die Fliesen gelegt und mit einer Spraydose draufgehalten. Ich verbat mir für die Zukunft jegliche Umlackieraktionen gestohlener Fahrräder, aber es war zu spät: Der Balkon hatte Sevdas Liebe auf sich gezogen, und ich ihren Hass.

Fortan machte sie mir das Leben in der WG zu Hölle. Mit den anderen verstand sie sich blendend, und wenn ich nicht dabei war, zog sie über mich her und dichtete mir sonstwas für Dinge an. Das führte dazu, dass ich in kürzester Zeit spürbar ausgegrenzt wurde. Manchmal mochte ich gar nicht nach Hause gehen, weil ich das Gefühl hatte, ein Mienenfeld zu betreten.

Dann kam der nächste Sommer, und der Mitbewohner fragte, ob er auf den Balkon wohl ein paar Pflanzen stellen dürfte, ich wäre ja eh selten zu Hause und die würden auch nicht viel Platz wegnehmen und keinen stören. Klar durfte er. In seinem Zimmer hatte er so kleine Kakteen, vermutlich wollte er die an die Sonne stellen. Warum nicht, dachte ich, dann fuhr ich in Urlaub.

Als ich wiederkam, war mein Balkon verschwunden. Hinter einer grünen Wand. Der Mitbewohner hatte gar nicht für seine eigenen Pflanzen gefragt, sondern für Sevdas, die zu dem Zeitpunkt aber schon nicht mehr mit mir redete. Sevda hielt den Riesenbalkon, den man von nirgendwo einsehen konnte und der eine wunderbar sonnige Lage hatte, für den perfekten Ort, um ein wenig Gras anzupflanzen. Wobei es weder wenig noch Gras im Wortsinn war: Die Dachterasse war jetzt vollgestellt mit 15 riesigen Kunststoffwannen, wie man sie zum händischen Anmischen von Beton verwendet. Da drin: Hanfpflanzen, die offensichtlich noch jung, aber schon fast zwei Meter hoch waren. Keinen Schritt konnte man mehr auf dem Balkon machen, und in genau diesem Moment, als ich fassungslos vor diesem Kifferparadies stand, wurde mir schlagartig klar:

1. Ich muss hier ausziehen, sofort.
2. Ich ziehe nie wieder in eine WG.

Und so kam es dann auch. Ich fand zum Glück schnell eine Wohnung auf dem Dorf, weit weg von der Innenstadt, ohne schräge Mitbewohner, ohne Dachschrägen, aber leider auch ohne Balkon. In einer Nacht- und Nebelaktion zog ich von einem Tag auf den anderen aus (damals passten all meine Besitztümer noch in drei PKW), dann strich ich das Zimmer mit den billigsten, hässlichsten und, für Fußleisten und Türrahmen, lösungsmittelhaltigsten Farben, die es im Billigmarkt gab, und damit war ich verschwunden. Noch bevor die Farbe trocken war standen schon Sevdas Sachen in meinem ehemaligen Zimmer.

Später stand ich noch mit der Vermieterin in Kontakt. Nachmieterin Sevda hatte sich über Farbgeruch und Kopfschmerzen beklagt, aber hey, der Mietvertrag sagte nur, dass ich bei Auszug streichen muss, nicht mit welchen Farben. Außerdem erzählte mir die Vermieterin, das sie auf ihrem Balkon (der sich genau unter meinem, jetzt Sevdas, Balkon befand) Blätter gefunden habe. Die hätten so merkwürdig sternförmig und gezackt ausgesehen, und von unten könne man sehen, dass auf dem Balkon Pflanzen stünden, die bestimmt an die drei Meter hoch seien.

Die Vermieterin hätte daraufhin die WG zur Rede gestellt, die sich damit rauszureden versuchte, dass das Tomatenpflanzen seien. Die Vermieterin war aber nicht doof, und setzte ein Ultimatum, dass die Pflanzen bis Ende der Woche zu verschwinden hätten.

Was dann passierte, dass kann ich nur raten. Die Pflanzen standen ohnehin kurz vor der Ernte und ich stelle mir vor, dass nun eine hektische Verkostung stattfand und die Blüten schon für OK befunden wurden. Also wurden sie abgeerntet, kleingeschnitten und dann… Tja, wohin mit einem riesigen Berg illegalem Biomaterial? Ganz klar: In den Biocontainer des Stadtviertels! Die drei müssen bekifft gewesen sein, anders ist diese Idee nicht zu erklären.

Nicht zu erklären ist auch der Umstand, dass sie dabei nicht gerade sorgfältig zu Werke gingen, denn in der kommenden Woche war in der Lokalzeitung zu lesen, dass die Polizei eine erhebliche Menge Gras in der Göttinger Innenstadt beschlagnahmt hatte. Dabei war den Polizisten der Zufall zur Hilfe gekommen. Einer Streife war aufgefallen, dass ein Biocontainer mit offenem Deckel herumstand, weil er übervoll war. Mit Hanfpflanzen. Vom Biocontainer führte eine Spur aus Hanfblättern weg, durch mehrere Straßen und bis zu einem Haus in der Nähe, dann durch das Treppenhaus bis in den vierten Stock. Dort hatte die Polizei nicht nur Dutzende Müllsäcke voller Cannabisblüten gefunden, sondern auch eine Werkstatt zum Umlackieren gestohlener Fahrräder, die auf einer Dachterasse eingerichtet worden war.

Den Balkon hatte ich verloren, aber mit dieser Meldung hatte ich ein Stück Seelenfrieden zurückgewonnen.

 
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Verfasst von - 17. Mai 2015 in Historische Anekdoten

 

Abgesagt

Eigentlich sollte es morgen zu einem Sicherheitstraining für Motorradfahrer gehen. Mache ich ja gerne am Beginn einer Saison, weil man da einen Tag so intensiv begutachtet und trainiert wird, dass man danach wieder ein Stück besser fährt. Da die Aktion in Hessen stattfinden sollte, wäre das ganze verbunden gewesen mit einem schönen 200 km-Auslflug, Übernachtung in einem netten Hotel und Abends lecker Schnitzelessen.

Aber ach, gerade wurde das gestrichen. Also, das Training findet schon statt, aber ich habe es abgesagt. Das Wetter spielt nicht mit. Ich fahre ja bei fast jeder Witterung, unabhängig von Temperatur und Feuchtigkeitsgehalt der Luft, aber bei Schnee dann doch nicht.

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Tatsächlich ist hier gestern morgen mehr Schnee gefallen als sonst im ganzen Winter vorher. Der blieb tatsächlich bis zum Abend liegen. Nee, auf sowas habe ich keine Lust.

Ich hatte so eine unklare Wettersituation schonmal. Damals habe ich im 20 km entfernten Nachbarsort gearbeitet. Morgens war alles OK, also mit Mopped zur Arbeit gefahren. Nach der Arbeit noch mit Kollegen verquatscht und nicht ganz rechtzeitig losgekommen, und prompt fing es an zu regnen. Also, im Nachbarort fing es an zu regnen. 10 Kilometer weiter graupelte es. Weitere 10 Kilometer weiter war geschlossene Scheedecke auf der Straße.

Ich fluchte und fuhr im ersten Gang, ganz langsam. Das ging exakt so lange gut, wie ich nur geradeaus fahren musste. Dann kam eine rote Ampel, ich musste die Bremse betätigen, und KLAPP lag ich schneller auf der Schnauze als ich gucken konnte. Mitten auf einer mehrspurigen Straße. Der Autofahrer, der mir hochhalf, fragte dann auch berechtigterweise „Mensch, was fährste denn auch bei dem Wetter mit dem Mopped?“

Tja. Und das war das. Seitdem bin ich ein wenig mißtrauisch bei solchem Mischwetter.

 
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Verfasst von - 3. April 2015 in Historische Anekdoten

 

Terry Pratchett

„Was der Unterschied zwischen Douglas Adams und mir ist, werde ich oft gefragt. Nun. Er schreibt Science Fiction, ich Fantasy. Abgesehen davon bin ich fleissiger als er“

– den Satz von Terry Pratchett hätte Adams, der Autor des „Anhalters durch die Galaxis“ sicherlich unterschrieben, denn er bezeichnete sich gerne selbst als faule Sau. Abgesehen davon war die Schreibe der beiden sehr ähnlich, zumindest in Pratchetts Anfangsjahren. Adams´ Geschichten spielten im Weltraum, die von Pratchett auf der Scheibenwelt, einer flachen Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten ruht, die von einer Schildkröte durchs All getragen wird – „Eine Welt, so unwahrscheinlich, dass sie mit Sicherheit existiert“.

Die Scheibenwelt eine Persiflage auf die üblichen Fantasywelten war. Zaubberer (Sic!) waren feige, Cohen der Barbar (Sic!) 90 Jahre alt und Gepäckstücke hatten hunderte Füßchen und trampelten damit Leute platt. Das war in den 1980ern, und wenn ich das heute lese, finde ich die Geschichten und den Humor ziemlich platt, genau wie die Welt, auf der sie spielen.

Aber Pratchett entwickelte sich und seine Welt. In den 90ern wurden die Charaktere besser und unvergesslich: Die clevere Hexe Esmé Weatherwax, die ständig aufpassen muss nicht böse zu werden. Der zynische Alkoholiker Sam Vimes, Hauptmann der Stadtwache. Die Schülerin Tiffany Aching. Der Trickbetrüger Lipwig van Moist. In den letzten 15 Jahren wurden die Geschichten tiefer und die Handlung immer komplexer: Wie ensteht eine Nation? Wie reagiert die Gesellschaft auf Veränderungen? Statt Comedy gab es tiefe Weisheiten und Einsichten in unterhaltsamer Form.

„The truth isn’t easily pinned to a page. In the bathtub of history the truth is harder to hold than the soap, and much more difficult to find…“
– Terry Pratchett, „Sorcery“

Am Ende waren Pratchetts Bücher Lehrstücke über unsere eigene Geschichte und die Entwicklung der Menschheit, aber immer mit dem besonderen Dreh, den Pratchett „The Lion Upside Down“ nannte.

Er erzählte mir* mal, dass das Sternbild Löwe sein liebstes sei. Hunderte Male hatte er es am Nachthimmel gesehen. Dann war er in Australien, und der Löwe stand auf dem Kopf und plötzlich kam ihm das langweilig Vertraute wunderbar und fremdartig vor. Das war es, was Terry Pratchetts Bücher so besonders macht. Er nahm etwas Vertrautes, und gab dem mit den Mitteln seiner Scheibenwelt etwas fremdartiges und wunderbares.

Terry Pratchett ist heute von uns gegangen, aber seine Welt bleibt in den Büchern lebendig. Und „The Lion Upside Down“ wird mir immer in Erinnerung bleiben.

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* und 1.000 anderen Studenten, bei einer Lesung im Rahmen des Göttinger Literaturherbstes Ende der 90er.

 
 

9. November

Ich habe in meinem Leben drei Tage bewusst erlebt, nach denen die Welt eine andere war: Der 11. September, der Tag an dem Snowdens Enthüllungen bekannt wurden und der 09. November 1989. Schon während der Ereignisse dieser Tage wurde mir klar, dass das was hier passierte, in die Geschichtsbücher eingehen und das Leben vieler Menschen verändern würde.

Am 09. November 1989 saß ich nachmittags bei meiner Französischnachhilfelehrerin. Sie war eine alte Dame, die auf ihrem Sofa thronte, während ich am Kaffeetisch Aufgaben lösen musste. Gemeinsam hatten wir im Radio immer neuen Nachrichten zum Fall der Mauer gehört, aber Punkt 16.00 Uhr hatte sie das gerät ausgeschaltet und mit der Nachhilfestunde beginnen. „Aber dieser Tag wird in die Geschichte eingehen!“, versuchte ich fast flehentlich noch mehr Zeit zu schinden. Es nützte nichts. Der 09. November ist als der Tag in die Geschichte eingegangen, an dem ich Französichnahhilfe hatte.

Wir wohnten im Zonenrandgebiet, wie man das damals nannte, deshalb bekamen wir hautnah mit, wie die Ossis einfielen. Und wir freuten uns darüber. Verwandte in der DDR hatten wir nicht, aber Bekannte. Meine Schwester hatte bei einem Schulfest eine Postkarte mit ihrer Adresse an einen Ballon geknotet und aufsteigen lassen, und der Ballon war in der Nähe von Wernigerode runtergekommen. Seitdem pflegte sie eine Brieffreundschaft mit Familie Pankowski. Kaum war die Grenze ein paar Tage offen, kam ein Trabbi bei uns vorbeigeknattert. Die Pankowskis stellten sich als ganz liebe Leute heraus, die sich ebenso sehr freuten uns kennen zu lernen wir wir sie.

Aus diesem Treffen entwickelte sich eine lange andauernde Freundschaft, die erst endete, als sich Vater Pankowski ein Auto kaufte, das größer war als das meines Vaters. Bis dahin besuchten wir uns alle paar Wochen gegenseitig, und dank den Vermittlungen der Pankowskis konnte ich mir eine Simson kaufen – eines der kleinen, zuverlässigen Mopeds aus DDR-Produktion. Kurz nach der Wende wollte die keiner mehr haben, deshalb konnte ich mir von dem Geld, dass ich mit dem Austragen von Zeitungen verdiente, eine gebrauchte S51b leisten. Die musste gelegentlich, so alle 9 Monate, mal in die Werkstatt nach Wernigerode, und bei jedem Besuch sah die Stadt anders aus. Wie in Zeitraffer schossen erst Autohäuser, dann Baumärkte aus dem Boden. Erst waren die Straßen wie Feldwege, wenige Monate später besser als die im Westen. Der Osten entwickelte sich nicht nur rasant, er galoppierte. In den 90ern verdiente sich so mancher Geschäftsmann, der in unserer bis dahin strukturschwachen Region rumgeknappst hatte, eine goldene Nase mit Filialen im Osten. Plötzlich waren wir nicht mehr Zonenrandgebiet, sondern im Herzen des wiedervereinigten Deutschlands. Darüber freue ich mich damals wie heute, denn das war, beim besten Willen, am 09. November 1989 nicht abzusehen.

 
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Verfasst von - 9. November 2014 in Historische Anekdoten

 

Schweinische Nachbarschaft

Tritt man aus meiner Haustür und geht eine Minute geradeaus, steht man inmitten von hügeligen Wiesen, von denen einen Pferde doof anglotzen. Hält man sich rechts und geht an den Galloway-Rindern vorbei und Richtung Fluß, führt der Weg nach 5 Minuten leicht bergan und in den Wald. Die Wälder hier sind voller Wildschweine und Rehe, und weiter oben am Weg hat man ein Stück Wald eingezäunt. Dort kann man eine ganze Rotte sehen und auch füttern, ab März auch mit ihren Frischlingen.

Vor Jahren ist einer dieser Frischlinge verloren gegangen. Das passiert dauernd, und normalerweise tauchen die irgendwann wieder auf*. Dieser besondere Frischling hat es aber irgendwie ins Dorf geschafft, sich dort durch eine offene Kellertür geschlichen und es sich dann im Körbchen eines Dackelwelpen bequem gemacht. Als die Besitzerin des Dackels das kleine Schweinchen entdeckte, brachte sie es nicht über Herz es zu töten. Das Wildschwein wuchs gemeinsam mit dem Dackel auf, und lernte Dinge wie Stubenreinheit, Gehorsam und Tricks wesentlich schneller als er.

Das war vor 10 Jahren, und wenn ich heute aus dem Küchenfenster blicke, dann bietet sich mir manchmal so ein Anblick:

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Nun haben aber Wildschweine die Eigenschaft recht groß, um nicht zu sagen: furchteinflößend groß, zu werden. So auch dieses Wildschwein, das jetzt eine Höhe von ca. 120 Zentimetern hat. Da seine Besitzerin selbst nur um die 1,55 m ist, bieten die beiden ein skurriles Bild, wenn sie gemeinsam unterwegs sind: Ein Schwein, das fast größer ist als seine Besitzerin. Gefolgt von einem Dackel. Willkommen in Mumpfelhausen.

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* In den meisten Fällen an der Seite von Rotkohl und Kartoffeln im örtlichen Landgasthof.

 
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Verfasst von - 30. September 2014 in Gnadenloses Leben, Historische Anekdoten

 

Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

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„Lieblingsschuhe sind so eine Sache, auch bei Männern, sie werden gepflegt und wenn die ersten Alterserscheinungen auftreten, schaut man wohlwollend darüber hinweg. Dann kommt irgendwann der Punkt, wo sie keinen näheren Blick mehr standhalten, aber mann ist noch nicht soweit. Und dann wird es nur noch peinlich.“

Rüdiger, Thatblog.de

Oh, Rüdiger hat ja so recht. Meine Lieblingsschuhe sind die auf dem Bild oben. Trekkinghalbschuhe von Bama, waren vor drei Jahren ein gigantischer Glücksgriff (sieht man davon ab, dass ich sie zuerst in der verkehrten Größe gekauft habe und damit doppelt bezahlt habe). Leder,leicht, bequem, stabil und mit funktionierender Klimamembran, was bei Bama nicht selbstverständlich ist. Die graue, mit braun abgesetzte Farbe ist nicht der Brüller, aber immerhin sind sie dezent und nicht bunt. Schuhe für jedes Wetter, jede Jahreszeit und jede Gelegenheit. Egal ob Städtetour, Motorradfahrt oder Bergwanderung: Die Bamas haben es weggesteckt. Tausende von Kilometern bin ich darin gelaufem. Dabei sahen sie so dezent aus, dass ich sie auch im Alltag ständig trug.

Als die ersten Auflösungserscheinungen auftraten, passierte das in Form aufgeribbelter Nähte. Nichts, was mein persönlicher Q und Ausrüstungshersteller nicht wieder hinbekommen hätte. Insgesamt waren sie bestimmt 4 oder 5 Mal bei Meister Neda, der hochkonzentriert und mit der Zunge in den Mundwinkeln Reparaturen vornahm.

Vor zwei Wochen begannen der linke Schuh plötzlich zu zischen, und meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Die Sohle, deren Profil u.a. in den Straßen von Florenz, Rom, Barcelona und London abgelaufen wurde, hat einen Riss. Das ist definitiv irreparabel.

Also hieß es: Neue Schuhe kaufen. Vorzugsweise wieder ein fester Halbschuh, mit Membran, in Größe 41. Und weil ich immer nur ein paar Schuhe mit auf Reisen nehme, bitte wieder möglichst Dezent. Ich mag es, wenn die Schuhe zwar funktional sind, dabei aber so unauffällig, dass ich damit Notfall auch in die Oper käme.

Nun gab es zwei Probleme: 1. Ich mag es nicht, Schuhe zu kaufen. 2. Der deutsche Einzelhandel, wieder mal

Es stellte sich nämlich als schlicht unmöglich heraus, in Götham Trekking- oder Hikinghalbschuhe mit Membran und in gedeckter Farbe zum Preis von um die 100 Euro in Größe 41 zu kaufen. In zwei Wochen der Suche führte mich meine Odysee…

  • …in den Trekkingladen, der NUR Schuhe in den Größen 37/38 und 45-56 verkaufte. Quasi Rudis Resterampe.
  • …in einem Sport- und Bergwanderladen, der was leidlich ansprechendes rumstehen hatte, in dem das Personal aber lieber Stundenlang quatschend in der Ecke stand und auch auf Anfrage nicht behilflich sein wollte. Sowas toleriere ich nicht mehr, da gehe ich einfach.
  • …in einem Karstadt-Instore, dessen Aushilfsverkäuferin sich meine Anforderungen genau anhörte, um sie dann zu ignorieren und Glattlederhalbschuhe mit glatter Ledersohle zu empfehlen. Ich suche zivilisierte Wanderschuhe, sie empfiehlt Tanzschuhe.
  • …vor einer Reno-Filiale (die Bama verkaufen). Reingehen konnte ich leider nicht, wegen Umbau sind die frür vier Wochen geschlossen. Die Reno-Website wiederum ist so kaputt, dass ich nichtmal sehen kann, ob die gerade was ansprechendes im Programm haben.
  • …in einem Nobelschuhgeschäft, dass mir allen Ernstes und trotz vorher geäußerter Preisvorstellung Schuhe aus Yakleder für 260,- Euro verkaufen wollte. Immerhin: Die passten super.
  • …in einem Schuhgeschäft, in dem die Verkäuferin fragte, was eine Membran sein und was ich damit wolle. Sie hätte keine Schuhe damit, aber sie könnte mal gucken, ob man die als Zubehör extra bestellen könnte.
  • …in dem Schuhgeschäft mit dem Nummerngirl, das bei Zalando bestellt.
  • …in vielen, vielen Schuhgeschäften in denen es nur quietschbunten Scheiß gab. Vermutlich wollen Schuhdesigner ausprobieren, mit welchen Hässlichkeiten Menschen wohl noch rumzulaufen bereit sind.
  • Während dieser kleinen Odysee habe ich ernsthaft das Gefühl, dass in Schuh- und Klamottenläden mehrheitlich nummernhörige Kundenvergrämerinnen arbeiten.

    Am Ende hatte ich dank Internet meine Suche auf zwei Modelle des Herstellers Ecco eingegrenzt. Die konnte ich sogar in einem Eccoladen vor Ort anprobieren, vor den Augen einer Verkäuferin, die die meiste Zeit glotzend in der Gegend stand und sich im „Verkaufsgespräch“ sichtlich keine Mühe gab. „Nä, wenn die jetzt nicht passen wird das auch nix mehr, die weiten sich nicht“, oder „Nä, in Schwarz und Größe 7 kann ich die nicht bestellen“. Trotzdem habe ich dort ein Paar „Xpedition II“ gekauft. Für 13 Euro mehr als im Internet, DENN ICH WILL JA DEN LOKALEN EINZELHANDEL UNTERSTÜTZEN. Wollen mal hoffen, dass sich die Eccos noch ein wenig einlaufen und das Zwicken an der Ferse und der Druck auf dem Spann im Laufe der Zeit nachlässt. Ach, ich werde nie mehr solche Schuhe finden wie meine Bamas. Ich weiß es.

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    Obwohl. Ich glaube, die Bamas haben anfangs auch gedrückt. Von daher könnte das Nicht-Passen das Zeichen für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein. Oder dafür, dass ich aus schlichtem Unwillen, noch länger nach Schuhen zu suchen, gerade 125 Euro zum Fenster rausgeworfen habe.

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

     

    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe kaufen

    Nicht viel besser als bei der Mauveerkundung läuft es beim Kauf von Schuhen.

    Ich will einfach nur robuste Halbschuhe, vorzugsweise mit Klimamembran, in gedeckter Farbe, Größe 41. Kein quietschbunter Bergsteigermist, sondern Schuhe, die für Städtetouren tauglich sind und mit denen ich auch ins Theater gehen kann, die aber auch mal eine Wanderung im Gelände aushalten. Je nach Hersteller sind das dann bessere Sneaker oder was aus dem Hiking- oder Trekkingsegment.

    Nachdem ich ein Dutzend Geschäfte in drei Orten abgeklappert hatte, kenne ich das Angebot auf dem Markt besser als die meisten Verkäufer/-innen. Zusammen mit ein wenig Internetrecherche weiß ich bereits, dass für mich nur eines von zwei Modellen eines bestimmten Herstellerin Frage kommen – so schlecht ist die Auswahl gerade. Im Internet bestellen wäre schell und einfach, aber nun, lokale Wirtschaft unterstützen und so, wissen schon. Und Zalando darf man nun schon mal gar nicht unterstützen, großer Konzern, Samwer-Brüder, usw.

    Also ab in den größten Schuhladen von Götham City, der laut Website zumindest den Hersteller der Schuhe von Interesse führt.“Guten Tag, ich hätte gerne Mal die Modelle „Xpedtion II“ und „Light III“ von Ecco gesehen“, spreche ich eine eine lächelnde, mittelalte Dame in mauvefarbenem Kleid* an.

    Sie starrt mich groß an, mit eingefrorenem Lächeln. Gut, damit habe ich gerechnet, man kann nicht voraussetzen, dass das Personal alle Modellnamen im Kopf hat.

    „Das sind so Trekkinghalbschuhe, von Ecco“, versuchte ich zu erklären.
    Jetzt kommt wieder Bewegung in die Mimik der Verkäuferin. Die Mundwinkel sacken gen Fußboden, wodurch sie ein wenig wie ein Merkel aussieht.

    „Mit diesen Fantasienamen der Hersteller können wir hier nichts anfangen“, sagt sie spitz, „Für uns sind Schuhe nur unter der Nummer des Systems bekannt“. Sie spricht das System fast ehrfürchtig aus.
    „Ja, OK“, sage ich, „Die Nummer in Ihrer Warenwirtschaft kenne ich jetzt nicht, wenn Sie mir einfach zeigen wie die Eccos stehen, ich erkenne die Modelle dann schon“.

    „Wenn sie die Nummer kennen würden, würde ihnen das auch nichts nützen. Das ist ja eine andere Nummer als die vom Hersteller“, sagt die Verkäuferin und sieht mich schräg an, „Oder von Karstadt. Es kommen ja oft Leute, die wollen die Nummer von einem Schuh wissen und den dann bei Karstadt kaufen. Dabei hat Karstadt ja ganz andere Nummern.“
    „Äh, die Nummer ist mir eigentlich egal, ich will doch nur….“, entgegnete ich ein wenig hilflos, in vollem Gewahr, das unter der explodierten Dauerwelle wohl gerade etwas ausgehakt. Ich blicke mich im Laden um und gehe ein paar Schritte auf eine Präsentationsfläche zu. Die Verkäuferin trippelt mir hinterher.

    „Unsere Nummern sind auch anders als die vom Internet, Wenn sie die bei Google eingeben, kommt da nichts“, sagt die Verkäuferin, und fast schwingt sowas wie Stolz in ihrer Stimme mit. „Und unsere Nummern sind anders als von anderen Schuhgeschäften.“
    „Ja….“ „
    Nur innerhalb UNSERES Unternehmens und des Systems sind die Nummern die selben.“
    „Aha.“
    „Wissen Sie, hier habe ich im System für einen Schuh die gleiche Nummer wie unsere Filiale am Kornmarkt“
    „Aha“
    Sie legt den Kopf schief und scheit zu überlegen. „Und wie in der Filiale in Hannover. Wo immer sie hingehen in unsere Filialen, immer die gleichen Nummern.“
    „Aha“
    „Und wie…“
    „Ich bin mir sicher das SIE die schönstem Nummern haben“, unterbreche ich diese Monty Pythoneske Vorstellung der Dauerwelle, „Wo sind denn jetzt Herrenschuhe in 41?“.
    „Wenn Sie die Nummer haben wollten, kann ich ihnen die geben, aber die wird ihnen halt nichts nützen!“, sagt die Verkäuferin, jetzt leicht wütend wegen meines offensichtlichen Nummernfetischismus, den sie so gar nicht versteht.

    Mir reicht es jetzt. Ich drehe den Spieß um und spiele auch ein Zahlenspiel.
    „Außer in der Filiale am Kornmarkt“
    „Was?“
    „Sie sagten, die Nummer nütze mir nichts. Aber in der Filiale am Kornmarkt, da gilt die Nummer auch, weil die auch DAS SYSTEM haben“.
    „Ja.“
    „Und in der Filiale in Hannover gilt die doch auch?“
    „Ja,aber…“
    „Ach wissen sie“, sage ich, „Ich habe es mir überlegt. Extra nach Hannover fahren ist mir jetzt zu anstrengend. Schönen Tag noch.“

    Wir schütteln beide den Kopf und gehen in unterschiedliche Richtungen davon. Im Rausgehen sehe ich, wie Ware geliefert wird. Darunter mehrere große Kartons von…. ZALANDO!
    Oh. Mein. Gott.

    Der deutsche Einzelhandel. Steigert jetzt sogar den Umsatz der erklärten Konkurrenz, gegen die sie sich eigentlich durch Service, Fachberatung und Präsenz zur Wehr setzen müssten.

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

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    * Zumindest war es wage Violett. Mit einem Schuß Curry abgesetzt. Hey, wenn man Fremdworte schon kennt, muss man se auch benutzen.

     

    Französisch & Ich

    Ich war ein nicht sonderlich fleisssiger Schüler, zumindest in meiner Erinnerung. Ich tat halt das notwendige. Die meisten Anforderungen erreichte ich mit wenig Anstrengung, zwar meist nicht mit Spitzenergebnissen, aber so um die Note 2 oszillierend. Lediglich Schönschrift war ein echtes Problem, aber das gibt es ja nur in der Grundschule, also Wurst. Und dann traf ich eines Tages, in der 7. Klasse, aus meine Nemesis. FRANZÖSISCH. Ich weiß nicht mehr genau wann ich den Anschluß verloren habe, aber es muss so in der ersten oder zweiten Stunde gewesen sein. Plötzlich hatte ich in der Klassenarbeit eine 5. Die erste fünf meines Lebens! Ich war am Boden zerstört und investierte mal ein wenig Arbeitszeit in die merkwürdige Sprache, denn für mich war klar: Noch eine fünf, dass kommt nicht in Frage! Tatsächlich war die nächste Arbeit keine Fünf.
    Es war eine Sechs.
    Das muss man auch erstmal hinkriegen: So dermaßen zu versagen, in einem ganz neuen Fach, in dem man sich auf einem Niveau befindet, auf dem quasi nur „Frere Jaques“ gesungen und bis drei gezählt wird.

    Leider ging es so weiter. Die nächste Klassenarbeit war wieder eine Steigerung (eine Fünf), aber das gab plötzlich eine Fünf AUF DEM ZEUGNIS! Ich konnte es nicht fassen. Französisch hatte mich degradiert, zerstört und ausgelacht.

    Ich bekam Nachhilfe, von einer netten, alten Dame bei uns im Dorf, deren Wohnung nach dem Urin ihres inkontinenten Hundes stank. Zumindest hoffe ich, dass es der Urin des Hundes war. Mit ihrer Hilfe kam ich zumindest auf eine Vier im nächsten Zeugnis, das ansonsten nur aus Einsen, Zweien und einer Drei in Sport bestand und deshalb immer noch nach unten heraus stak. Französisch und ich, wir kamen nicht miteinander klar. Dabei wollte ich so gerne lernen, ich verstand bloß den ganzen Kram nicht. Das lag wohl auch daran, dass ich die deutschen Grammatikregeln nicht wirklich sicher drauf hatte (und bis heute nicht drauf habe) und daher auch keinen Transfer in eine andere Sprache leisten konnte.

    In der 11. Klasse wechselte ich die Schule, und das erste was ich tun wollte, war, Französisch abzuwählen und mit Spanisch neu zu beginnen. Das wollte allerdings eine junge, ambitionierte und ziemlich blonde Französischlehrerin nicht. Sie bat mich, an ihrem Unterricht teilzunehmen und versprach mir, dass – wenn ich nur regelmäßig am Unterricht teilnehmen würde – Sie dafür sorgen würde, dass ich zumindest eine vier im Zeugnis hätte. Widerstrebend willigte ich ein.

    In den folgenden zwei Jahren hatte ich tatsächlich sowas wie Spaß an Französisch. Also, jetzt nicht direkt Freude, aber es war auch kein teifes Leid mehr. Das lag an der Art der Lehrerin, aber auch daran, dass wir ein technisches Gymnasium waren, und dort die Ansprüche in den Sprachfächern geringer waren als auf dem Allgemeinbildenden. Die vier war da, aber sie war erarbeitet und nicht geschenkt. Trotzdem war ich froh als es vorbei war und ich in der 13. Französisch abwählen konnte.

    Und jetzt? Jetzt will ich es noch einmal wissen. Deutschland hat dieses einzigartige System der Volkshochschulen. Nirgendwo auf der Welt ist es für Erwachsene einfacher und günstiger sich weiterzubilden. Die Anforderungen sind dabei ganz anders als in der Schule. Wo in der Schule Grammatik abgeprüft wurde und jeder kleine Fehler bestraft wurde, geht es in der Erwachsenenbildung darum, im Supermarkt einen Rettich zu kaufen oder im Hotel kund zu tun, dass der Wasserhahn tropft. Es geht um Verstehen und sich verständlich machen, und wenn mal eine Verbform nicht stimmt, wird man dafür nicht bestraft. Das wichtigste: Niemand ZWINGT mich dazu die Sprache zu lernen, ich bin dort, weil ich es will.*

    Also komm, Französisch, jetzt will ich es nochmal wissen!

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    * Das Erwachsenenbildung auf Freiwilligkeit beruht, hatte die leicht verrückte Frau in meinem VHS-Kurs nicht verstanden, die in der ersten Stunde empört aufsprang und schrie „Sie können sich ihren Knoblauch sonstwohin stecken! Wieso soll ich im Supermarkt Knoblauch kaufen, den mag ich nichtmal, ich habe das alles hier nicht nötig“ und dann wutschnaubend den Raum verließ.

     
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    Verfasst von - 25. Februar 2014 in Historische Anekdoten

     

    Buona Befana!

    Andere Länder, andere Sitten. In Neapel zum Beispiel, ist man völlig verrückt nach Rumböllerei. Aber nicht gekauftes Knallkram, Che Mancherebbe, das fehlte noch. Wie anderswo das Keksebacken zum Weihnachtsfest gehört, gehört es in Neapel zu Silvester dazu, selbst aus Sprengstoff Böller zu mischen. Dabei kommt Zeugs heraus, dass jedes Jahr bis zu 100 Menschen das Leben kostet.

    Andere Regionen Italiens lassen es da ruhiger angehen, hier Silvester nicht so wild. Und bis vor einigen Jahrzehnten spielten auch Heiligabend und Weihnachten keine große Rolle. Stattdessen wurde die Befana gefeiert. Befana, das ist eine alte Frau, bei der eines Abends drei Wanderer klopften. Sie liess sie bei sich übernachten, und als die drei am nächsten Morgen weiterziehen wollten, luden sie Befana ein mitzukommen. Sie wollten zur Geburt eines Kindes reisen, dass etwas ganz besonderes sein sollte. Aber Befana war eine fleissige Alte Frau, die nur an ihre Pflichten dachte, und lehnte deshalb ab. Als sie am Abend des langen Arbeitstages vor ihrem Häuschen stand, sah sie einen geschweiften Stern am Himmel. Sie nahm das als Zeichen und überlegte es sich anders. Schnell packte sie ein paar Süßigkeiten, die sie gerade gebacken hatte, als Geschenk zur Geburt ein, dann schwang sie sich auf ihren Besen und flog über die Wälder. Befana war nämlich eine Hexe.

    Aber im Dunkel fand sie den Stall nicht, der der Geburtsort des Kindes sein sollte. Eine ganze Nacht flog sie über das Land, aber ohne erfolg. Sie fand weder den Stall, noch das Kind oder die drei Weisen aus dem Morgenland, dass waren die Männer nämlich gewesen, wieder. In ihrer Verzweiflung kletterte Befana am Ende einfach bei jedem Haus, in dem Kinder wohnten, durch den Kamin und hinterliess dort Süßigkeiten. Und das macht sie seitdem jedes Jahr in der Nacht vom 05. auf den 06. Januar, wobei sie mittlerweile differenziert: Brave Kinder bekommen Süßigkeiten, unartige ein Stück Kohle. Das nutzen manche Zuckerbäcker aus und versuchen Süßigkeiten in Form von Kohle zu verkaufen. Vermutlich waren die früher selbst unartige Kinder.

    Es gibt verschiedene Varianten der Befana-Legende, aber die obige gefällt mir persönlich am Besten. Angeblich geht Befana auf die römische Göttin des Jahresendes und ihr Name auf Epiphanias, die Erlösung, zurück, aber wo auch immer die Anfänge liegen: Ich finde es bemerkenswert, dass es schon Jahrhunderte vor dem Weihnachtsmann eine anthropomorphe Personifizierung des Jahresendes in Einheit mit der Christussage gab. Und dass auch noch in weiblicher Form. Wie unfassbar viel sexier ist das als ein dicker alter Mann mit weißem Bart? Hätten die Werbefuzzis von Coca-Cola in den 1930er, als sie Santa Claus erfanden, von Befana gewusst, würde unser Weihnachtmaskottchen jetzt so aussehen:

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    Verfasst von - 6. Januar 2014 in Historische Anekdoten, Kurz notiert

     
     
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