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Archiv der Kategorie: Historisches

Die Barbari-Karte

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Von manchen Personen findet man immer wieder Spuren in der Geschichte, auch wenn sie selbst gar nicht berühmt sind. Die Namen werden kurz erwähnt, verschwinden, tauchen an anderer Stelle wieder auf. Solche Personen scheinen keine bedeutende Rolle zu spielen, aber sie sind bei bedeutenden Anlässen zugegen oder lösen sie sogar erst aus. Diese Personen stehen nicht im Rampenlicht der Bühne der Geschichte, sondern etwas versteckt in den Kulissen. Sie sind Mentoren oder Schüler oder Kollegen, die tragende Nebenrollen spielen und Katalysatoren sein können.

Eine dieser Figuren ist Jacopo de´ Barbari. Er wurde in den 1460er Jahren in Venedig geboren und war Kupferstecher. So weit, so egal, auch zu seiner Zeit.

Interessant ist aber sein Arbeitsleben. Im Jahr 1500 reiste Barbari nach Norden und arbeitete in Deutschland als Hofmaler. Die Renaissance war in vollem Gang, und er wurde bekannt mit perspektivisch korrekten und fast fotorealistischen Bildern. Seine Arbeit hinterliess Spuren, und er prägte Menschen.

Am königlichen Hof zu Nürnberg traf Barbari auf einen jungen Mann, der ihn sofort sehr bewunderte und versuchte ihm nachzueifern. Der Name des jungen Mannes war Albrecht Dürer, aus ihm wurde später der bekannteste deutsche Maler der Renaissance. Ein anderer Fan Barbaris war Hans von Kulmbach, der ebenfalls später ein bedeutender Grafiker wurde.

Später war Jacopo de Barbari Hofmaler in Sachsen. Sein Nachfolger in dem Job wurde ein gewisser Lucas Cranach der Ältere.

Das bekannteste Werk Barbaris ist aber kein Gemälde, sondern eine Karte. Im Jahr 1498 setzte er sich hin und gravierte einen dreidimensionalen Stadtplan von Venedig. Diese Karte ist ein Meisterwerk. Sie ist perspektivisch korrekt und unfassbar detailliert – jedes einzelne Haus der Stadt ist auf dem Plan maßstabsgetreu wiedergegeben. Da sich in Venedig selten etwas ändert, ist der Plan auch heute noch in weiten Teilen korrekt.

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Der Markusplatz mit dem Dogenpalast und der Kirche.

Der Markusplatz mit dem Dogenpalast und der Kirche.

Wahnsinn: Auf der Barbari-Karte ist das Gebäude eingezeichnet, in dem ich 512 Jahre später übernachtet habe. Ok, vielleicht ist es nicht das selbe Haus, aber zumindest steht es am gleichen Fleck.

Wahnsinn: Auf der Barbari-Karte ist das Gebäude eingezeichnet, in dem ich 512 Jahre später übernachtet habe. Ok, vielleicht ist es nicht das selbe Haus, aber zumindest steht es am gleichen Fleck.

Die Karte selbst ist riesig: 140 mal 280 Zentimeter, zusammengesetzt aus sechs hölzernen Druckplatten. Die wurden 300 Jahre lang verwendet, heute sind sie im Museo Correr am Markusplatz in Venedig ausgestellt.

Ich finde die Barbari-Karte fasziniered. Irgendwann hatte ich die in einem Buchgesehen und mich voll in sie reinverliebt. Bei meinem ersten Besuch in Venedig hatte ich das Glück eine Reproduktion in einem Geschäft für Künstlerbedarf ergattern zu können. Nicht in Originalgröße, aber immerhin fast einen Meter breit und einen halben Meter hoch. Schon deshalb war es schwierig, die Karte unverknickt im Rucksack über die Alpen zu bringen. Seitdem verreise ich nur noch mit einer Dokumentenrolle im Gepäck.

Gibt es heute noch im gleichen Geschäft zu kaufen: Künstlerladen neben dem Hard Rock Café.

Gibt es heute noch im gleichen Geschäft zu kaufen: Künstlerladen neben dem Hard Rock Café.

Wieder zu Hause nahm ich mir vor, das schöne Stück zu Rahmen und an die Wand zu hängen. Leider kam dann schnell die Ernüchterung: Rahmen in der Größe sind Maßanfertigungen, und ein Geschäft hier vor Ort schrieb was von 200 bis 300 Euro in den Kostenvoranschlag. Irgendwann, sagte ich mir, wenn ich mal zu viel Geld hätte, würde ich einen Rahmen für die schöne Karte machen lassen.

Leider kam der Tag nie. Seit 2012 lag die Barbari-Karte im Regal. Fünf Jahre lang fiel regelmäßig mein sehnsüchtiger Blick darauf. Wie gerne hätte ich die an der Wand gehabt!

Dann stolperte ich dieser Tage über ein glattgestreamtes Hipster-StartUp-Onlinedings mit dem komischen Namen http://www.perfekte-bilderrahmen.de

Auf der schicken Website kann man sich einfach einen Wunschrahmen zusammenklicken, eine Schreinerei in Merseburg stellt den dann her und versendet ihn, das ganze für überaus kleines Geld. Der Trick, um die Kosten gering zu halten: Statt echtem Glas verwenden die dicke Acrylfolie. Das ist mir sehr recht, denn dadurch ist der Rahmen federleicht und hält sogar an meinen maroden Rigips-Wänden.

Nun hat sie endlich einen Platz an der Wand, die Barbari-Karte, und Jacopo de´ Barbari hat eine weitere Spur in der Geschichte hinterlassen – meiner Geschichte.

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Verfasst von - 12. August 2016 in Historisches

 

Ghostbusters 3 kostenlos ansehen

(Ja, sorry für die SEO-Überschrift.)

In Kürze kommt „Ghostbusters – Answer the Call“ in die Kinos. Ein Reboot des ersten Films, der mit leichten Variationen einfach neu verfilmt wurde. Eine der Variationen ist, das nun alle Ghostbusters weiblich sind. Das Gejaule der Fanboys über diese Entscheidung war so laut, dass es bei der Bekanntgabe eine Erschütterung in der Macht auslöste. Ich finde es cool. Ich sehe generell lieber Frauen als Männer an, deshalb kommt mir das entgegen.

Der Zeitpunkt kurz vor dem Kinostart ist günstig um mal darauf hinzuweisen, dass es einen „echten“ Ghostbusters III gibt. Keinen Reboot, sondern die Fortsetzung von Ghostbusters II von 1989. Der der Original Cast spielt mit (inkl. Bill Murray! Und Harold Ramis!) und das Drehbuch stammt von den Originalautoren.

Die Geschichte spielt 1991, zwei Jahre nach Ghostbusters II, und greift die Ereignisse der ersten beiden Filme auf. Die Geisterjäger sind nun offiziell von der Stadt New York bestellt und kümmern sich – in Zusammenarbeit mit Walter Peck, dem Ex-Umweltinspektor – um rauhbatzige Geister in der Stadt.

Merkwürdige Ereignisse in einem Museum und ein Hinweis von Alyssa Milano bringen die Geisterjäger darauf, dass Ivan Shandor (der Architekt des Gozer-Gebäzudes aus Teil 1) auch ein Netz von Tunneln unter der Stadt gebaut hat, das ectoplasmischen Schleim und seine Wirkung kanalisiert. Die Ghostbusters legen das Netzwerk lahm, ziehen damit allerdings den Zorn von Shandors Geist auf sich, der daraufhin ein riesiges Mausoleum im Central Park erscheinen lässt, die Toten erweckt, die Geisterlagereinheit sprengt und die Stadt ins Chaos stürzt.

Tatsächlich ist die Geschichte spannend erzählt, verbindet die Ereignisse aus den ersten beiden Kinofilmen und bringt alles zu einem sinnvollen Ende.

Warum die Story niemand kennt? Weil sie 2009 nicht ins Kino kam, sondern als Videospiel erschien.

In dem begleitet der Spieler als neuer Mitarbeiter die Geistertruppe und erlebt so die Geschichte mittendrin. Das klappt erstaunlich gut, das Geisterjagen mit zwirbelnden Protonenstrahlen ist spaßig, und es ist cool, Orte aus den Filmen zu besuchen. Außerdem strotzt das spielt vor liebevollen Details und schönen Gags. So erfährt man u.a. auch, dass es den Ghostbusters nie gelang, den allerersten Geist, den aus der Bibliothek, selbst zu fangen. Das erledigt man dann mal als Spieler.

Die gute Nachricht ist nun: Jemand hat das Vidospiel zu einem Film zusammengschnitten. Jetzt kann man sich also ganz entspannt zurücklehnen und Ghostbusters III gucken. Ohne den Adrenalinrausch, den man beim Spielen erlebt, verliert das Ganze zwar etwas, aber die Story kann man so auch genießen.
Ist eine nette Überbrückung bis die Geisterjägerinnen ins Kino kommen.

Hier ist der Film:

 
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Verfasst von - 14. Juli 2016 in Games, Historisches

 

Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

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„Lieblingsschuhe sind so eine Sache, auch bei Männern, sie werden gepflegt und wenn die ersten Alterserscheinungen auftreten, schaut man wohlwollend darüber hinweg. Dann kommt irgendwann der Punkt, wo sie keinen näheren Blick mehr standhalten, aber mann ist noch nicht soweit. Und dann wird es nur noch peinlich.“

Rüdiger, Thatblog.de

Oh, Rüdiger hat ja so recht. Meine Lieblingsschuhe sind die auf dem Bild oben. Trekkinghalbschuhe von Bama, waren vor drei Jahren ein gigantischer Glücksgriff (sieht man davon ab, dass ich sie zuerst in der verkehrten Größe gekauft habe und damit doppelt bezahlt habe). Leder,leicht, bequem, stabil und mit funktionierender Klimamembran, was bei Bama nicht selbstverständlich ist. Die graue, mit braun abgesetzte Farbe ist nicht der Brüller, aber immerhin sind sie dezent und nicht bunt. Schuhe für jedes Wetter, jede Jahreszeit und jede Gelegenheit. Egal ob Städtetour, Motorradfahrt oder Bergwanderung: Die Bamas haben es weggesteckt. Tausende von Kilometern bin ich darin gelaufem. Dabei sahen sie so dezent aus, dass ich sie auch im Alltag ständig trug.

Als die ersten Auflösungserscheinungen auftraten, passierte das in Form aufgeribbelter Nähte. Nichts, was mein persönlicher Q und Ausrüstungshersteller nicht wieder hinbekommen hätte. Insgesamt waren sie bestimmt 4 oder 5 Mal bei Meister Neda, der hochkonzentriert und mit der Zunge in den Mundwinkeln Reparaturen vornahm.

Vor zwei Wochen begannen der linke Schuh plötzlich zu zischen, und meine schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Die Sohle, deren Profil u.a. in den Straßen von Florenz, Rom, Barcelona und London abgelaufen wurde, hat einen Riss. Das ist definitiv irreparabel.

Also hieß es: Neue Schuhe kaufen. Vorzugsweise wieder ein fester Halbschuh, mit Membran, in Größe 41. Und weil ich immer nur ein paar Schuhe mit auf Reisen nehme, bitte wieder möglichst Dezent. Ich mag es, wenn die Schuhe zwar funktional sind, dabei aber so unauffällig, dass ich damit Notfall auch in die Oper käme.

Nun gab es zwei Probleme: 1. Ich mag es nicht, Schuhe zu kaufen. 2. Der deutsche Einzelhandel, wieder mal

Es stellte sich nämlich als schlicht unmöglich heraus, in Götham Trekking- oder Hikinghalbschuhe mit Membran und in gedeckter Farbe zum Preis von um die 100 Euro in Größe 41 zu kaufen. In zwei Wochen der Suche führte mich meine Odysee…

  • …in den Trekkingladen, der NUR Schuhe in den Größen 37/38 und 45-56 verkaufte. Quasi Rudis Resterampe.
  • …in einem Sport- und Bergwanderladen, der was leidlich ansprechendes rumstehen hatte, in dem das Personal aber lieber Stundenlang quatschend in der Ecke stand und auch auf Anfrage nicht behilflich sein wollte. Sowas toleriere ich nicht mehr, da gehe ich einfach.
  • …in einem Karstadt-Instore, dessen Aushilfsverkäuferin sich meine Anforderungen genau anhörte, um sie dann zu ignorieren und Glattlederhalbschuhe mit glatter Ledersohle zu empfehlen. Ich suche zivilisierte Wanderschuhe, sie empfiehlt Tanzschuhe.
  • …vor einer Reno-Filiale (die Bama verkaufen). Reingehen konnte ich leider nicht, wegen Umbau sind die frür vier Wochen geschlossen. Die Reno-Website wiederum ist so kaputt, dass ich nichtmal sehen kann, ob die gerade was ansprechendes im Programm haben.
  • …in einem Nobelschuhgeschäft, dass mir allen Ernstes und trotz vorher geäußerter Preisvorstellung Schuhe aus Yakleder für 260,- Euro verkaufen wollte. Immerhin: Die passten super.
  • …in einem Schuhgeschäft, in dem die Verkäuferin fragte, was eine Membran sein und was ich damit wolle. Sie hätte keine Schuhe damit, aber sie könnte mal gucken, ob man die als Zubehör extra bestellen könnte.
  • …in dem Schuhgeschäft mit dem Nummerngirl, das bei Zalando bestellt.
  • …in vielen, vielen Schuhgeschäften in denen es nur quietschbunten Scheiß gab. Vermutlich wollen Schuhdesigner ausprobieren, mit welchen Hässlichkeiten Menschen wohl noch rumzulaufen bereit sind.
  • Während dieser kleinen Odysee habe ich ernsthaft das Gefühl, dass in Schuh- und Klamottenläden mehrheitlich nummernhörige Kundenvergrämerinnen arbeiten.

    Am Ende hatte ich dank Internet meine Suche auf zwei Modelle des Herstellers Ecco eingegrenzt. Die konnte ich sogar in einem Eccoladen vor Ort anprobieren, vor den Augen einer Verkäuferin, die die meiste Zeit glotzend in der Gegend stand und sich im „Verkaufsgespräch“ sichtlich keine Mühe gab. „Nä, wenn die jetzt nicht passen wird das auch nix mehr, die weiten sich nicht“, oder „Nä, in Schwarz und Größe 7 kann ich die nicht bestellen“. Trotzdem habe ich dort ein Paar „Xpedition II“ gekauft. Für 13 Euro mehr als im Internet, DENN ICH WILL JA DEN LOKALEN EINZELHANDEL UNTERSTÜTZEN. Wollen mal hoffen, dass sich die Eccos noch ein wenig einlaufen und das Zwicken an der Ferse und der Druck auf dem Spann im Laufe der Zeit nachlässt. Ach, ich werde nie mehr solche Schuhe finden wie meine Bamas. Ich weiß es.

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    Obwohl. Ich glaube, die Bamas haben anfangs auch gedrückt. Von daher könnte das Nicht-Passen das Zeichen für den Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein. Oder dafür, dass ich aus schlichtem Unwillen, noch länger nach Schuhen zu suchen, gerade 125 Euro zum Fenster rausgeworfen habe.

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

     

    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe kaufen

    Nicht viel besser als bei der Mauveerkundung läuft es beim Kauf von Schuhen.

    Ich will einfach nur robuste Halbschuhe, vorzugsweise mit Klimamembran, in gedeckter Farbe, Größe 41. Kein quietschbunter Bergsteigermist, sondern Schuhe, die für Städtetouren tauglich sind und mit denen ich auch ins Theater gehen kann, die aber auch mal eine Wanderung im Gelände aushalten. Je nach Hersteller sind das dann bessere Sneaker oder was aus dem Hiking- oder Trekkingsegment.

    Nachdem ich ein Dutzend Geschäfte in drei Orten abgeklappert hatte, kenne ich das Angebot auf dem Markt besser als die meisten Verkäufer/-innen. Zusammen mit ein wenig Internetrecherche weiß ich bereits, dass für mich nur eines von zwei Modellen eines bestimmten Herstellerin Frage kommen – so schlecht ist die Auswahl gerade. Im Internet bestellen wäre schell und einfach, aber nun, lokale Wirtschaft unterstützen und so, wissen schon. Und Zalando darf man nun schon mal gar nicht unterstützen, großer Konzern, Samwer-Brüder, usw.

    Also ab in den größten Schuhladen von Götham City, der laut Website zumindest den Hersteller der Schuhe von Interesse führt.“Guten Tag, ich hätte gerne Mal die Modelle „Xpedtion II“ und „Light III“ von Ecco gesehen“, spreche ich eine eine lächelnde, mittelalte Dame in mauvefarbenem Kleid* an.

    Sie starrt mich groß an, mit eingefrorenem Lächeln. Gut, damit habe ich gerechnet, man kann nicht voraussetzen, dass das Personal alle Modellnamen im Kopf hat.

    „Das sind so Trekkinghalbschuhe, von Ecco“, versuchte ich zu erklären.
    Jetzt kommt wieder Bewegung in die Mimik der Verkäuferin. Die Mundwinkel sacken gen Fußboden, wodurch sie ein wenig wie ein Merkel aussieht.

    „Mit diesen Fantasienamen der Hersteller können wir hier nichts anfangen“, sagt sie spitz, „Für uns sind Schuhe nur unter der Nummer des Systems bekannt“. Sie spricht das System fast ehrfürchtig aus.
    „Ja, OK“, sage ich, „Die Nummer in Ihrer Warenwirtschaft kenne ich jetzt nicht, wenn Sie mir einfach zeigen wie die Eccos stehen, ich erkenne die Modelle dann schon“.

    „Wenn sie die Nummer kennen würden, würde ihnen das auch nichts nützen. Das ist ja eine andere Nummer als die vom Hersteller“, sagt die Verkäuferin und sieht mich schräg an, „Oder von Karstadt. Es kommen ja oft Leute, die wollen die Nummer von einem Schuh wissen und den dann bei Karstadt kaufen. Dabei hat Karstadt ja ganz andere Nummern.“
    „Äh, die Nummer ist mir eigentlich egal, ich will doch nur….“, entgegnete ich ein wenig hilflos, in vollem Gewahr, das unter der explodierten Dauerwelle wohl gerade etwas ausgehakt. Ich blicke mich im Laden um und gehe ein paar Schritte auf eine Präsentationsfläche zu. Die Verkäuferin trippelt mir hinterher.

    „Unsere Nummern sind auch anders als die vom Internet, Wenn sie die bei Google eingeben, kommt da nichts“, sagt die Verkäuferin, und fast schwingt sowas wie Stolz in ihrer Stimme mit. „Und unsere Nummern sind anders als von anderen Schuhgeschäften.“
    „Ja….“ „
    Nur innerhalb UNSERES Unternehmens und des Systems sind die Nummern die selben.“
    „Aha.“
    „Wissen Sie, hier habe ich im System für einen Schuh die gleiche Nummer wie unsere Filiale am Kornmarkt“
    „Aha“
    Sie legt den Kopf schief und scheit zu überlegen. „Und wie in der Filiale in Hannover. Wo immer sie hingehen in unsere Filialen, immer die gleichen Nummern.“
    „Aha“
    „Und wie…“
    „Ich bin mir sicher das SIE die schönstem Nummern haben“, unterbreche ich diese Monty Pythoneske Vorstellung der Dauerwelle, „Wo sind denn jetzt Herrenschuhe in 41?“.
    „Wenn Sie die Nummer haben wollten, kann ich ihnen die geben, aber die wird ihnen halt nichts nützen!“, sagt die Verkäuferin, jetzt leicht wütend wegen meines offensichtlichen Nummernfetischismus, den sie so gar nicht versteht.

    Mir reicht es jetzt. Ich drehe den Spieß um und spiele auch ein Zahlenspiel.
    „Außer in der Filiale am Kornmarkt“
    „Was?“
    „Sie sagten, die Nummer nütze mir nichts. Aber in der Filiale am Kornmarkt, da gilt die Nummer auch, weil die auch DAS SYSTEM haben“.
    „Ja.“
    „Und in der Filiale in Hannover gilt die doch auch?“
    „Ja,aber…“
    „Ach wissen sie“, sage ich, „Ich habe es mir überlegt. Extra nach Hannover fahren ist mir jetzt zu anstrengend. Schönen Tag noch.“

    Wir schütteln beide den Kopf und gehen in unterschiedliche Richtungen davon. Im Rausgehen sehe ich, wie Ware geliefert wird. Darunter mehrere große Kartons von…. ZALANDO!
    Oh. Mein. Gott.

    Der deutsche Einzelhandel. Steigert jetzt sogar den Umsatz der erklärten Konkurrenz, gegen die sie sich eigentlich durch Service, Fachberatung und Präsenz zur Wehr setzen müssten.

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

    ———————————————–
    * Zumindest war es wage Violett. Mit einem Schuß Curry abgesetzt. Hey, wenn man Fremdworte schon kennt, muss man se auch benutzen.

     

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve

    Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Das eine kann Kleidung und Schuhe kaufen nicht leiden und versucht diesen Vorgang auf ein Minimum zu reduzieren , deshalb juckt der Klickfinger stets in Richtung Internetbestellung. Das andere Herz möchte gerne den lokalen Einzelhandel unterstützen, weil hey, das hier ist meine Stadt und unsere Arbeitsplätze und es ist nicht gut, wenn man die kleinen Geschäfte aktiv kaputt macht, indem man alles nur noch über Internet macht.

    In Götham City gibt es 8.342 Schuhläden. Da mich Schuhe nicht interessieren, überblendet mein Hirn die Info „Hier ist ein Schuhladen“ mit einem grauen Rauschen. Ich nehme die gar nicht war. Es ist, als hätte ich einen zuschaltbaren blinden Fleck, der Schuhläden einfach aus meinem Sichtfeld entfernt. Das gleiche passiert mit Modeläden, Drogerien und Kaffeeshops, weswegen die meisten Innenstädte durch meine Augen gähnend leer sind. Wenn ich dann den blinden Fleck ausschalte, weil ich halt Schuhe oder was anderes brauche, dann bin ich immer wieder überrascht, was es nicht alles für Geschäfte gibt. Noch überraschter bin ich aber davon, was in diesen Geschäften für Leuten arbeiten.

    Ich brauchte nicht nur Schuhe, sondern auch ein neues Hemd. Als ungern-Kleidungskaufer kenne ich meine Größen ganz exakt, immerhin will ich schnell wieder aus dem Geschäft raus. Was ich nicht kannte war der Farbton „Mauve“ meines bevorzugten Hemdenherstellers, und den wollte ich mir im Einzelhandel mal angucken. So nahm das Drama seinen Lauf.

    „Guten Tag, ich würde in der Herbstkollektion der Luxor-Hemden gerne mal den Farbton Mauve sehen“, spreche ich die Verkäuferin an, eine Frau in den Vierzigern, im schwarzen Kostüm und glatten, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren.
    „Die Luxor gibt es nur in Modern Fit oder Comfort“, flötet Sie zurück.
    „Genau. Hätte ich gerne Mal in Mauve gesehen“, antworte ich, etwas lauter, in der Annahme, dass sie mich vorher nicht richtig verstanden hat. In Ihrem Blick liegt plötzlich Unsicherheit.
    „Wir, äh, gehen da nur nach Produktnummern und von den Herstellern bekommen wir nur Codes, so Zahlen halt.“
    Ich gucke sie verständnislos an. Sagt die Frau mir gerade, dass sie nicht weiß, was Mauve ist? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es auch nicht, deshalb bin ich ja hier, im Fachgeschäft. Nunja, zumindest in der Herrenabteilung von Karstadt. Ich habe eine diffuse Vorstellung eines Violetttons im Hinterkopf, aber vielleicht ist das nur wegen der lautmalerischen Nähe von Mauve zu Malve. Aber hey, MEIN Job ist es ja auch nicht, jeden Tag Kleidung in tollen Farben zu verkaufen. Wenn er es aber wäre, dann wüsste ich schon was ein Mauve ist.

    „Ah, hier, das hier könnte Mauve sein“, sagt die Verkäuferin und zieht ein x-beliebiges Hemd aus einem Fach, das gerade in Reichweite ist.
    „Nein“, sage ich, „ich weiß zwar nicht wie Mauve aussieht, aber DAS ist Limette“. „Ja. Oder Curry“, kichert die Blonde, guckt sich dann suchend um und verschwindet, als sie nichts anderes Mauve-Verdächtiges entdecken kann, mit den Worten „Ich frage aber mal die Kollegin, Momentchen“ in der Auslage.

    Als sie nach drei Minuten wiederkommt, habe ich schon was gefunden, was Mauve sein könnte. Ein Violett, halt.
    Die Blonde sagt nun sehr ernst: „Die Kollegin guckt jetzt mal. Mauve ist ja… so ein Grauton. Davon gibt´s ja mehrere.“
    „Mauve ist mit Sicherheit KEIN Grauton“, sage ich. Langsam finde ich das hier nicht mehr witzig. Soll sie halt sagen, wenn sie nicht weiß was das ist, aber mich nicht verarschen.
    „Ham wa nicht“, schrillt es plötzlich durch die Abteilung. Die Kollegin oder Vorgesetzte der Blonden kommt auf uns zugesteuert.
    „Wir ham keine Namen für die Farbtöne. Bei uns geht das nur nach Nummern. Kennense die Nummer von dem Farbton?“, fragt die Schrille. „Was?!“, entfährt es mir, „Ich will doch nur wissen wie der Farbton Mauve aussieht – ob das jetzt ein Gelb oder ein Violett oder sonstwas ist!“. „Nein“, sagt die Schrille, „Ohne Nummer können wir Ihnen nicht helfen.“

    Im Weggehen ruft mir die Blonde mit einem vorwurfsvollen Unterton hinterher: „Sagen sie mal… haben Sie kein Internet, dass sie Mauve mal googeln können?“

     

    Abgrundbeleuchtung (1): Mauve
    Abgrundbeleuchtung (2): Schuhe Kaufen I
    Abgrundbeleuchtung (3): Schuhe kaufen II

     
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    Verfasst von - 25. August 2014 in Historisches, Uncategorized

     

    Rauchen Sie?

    Es erfüllt mich mit großer Genugtuung, auf diese Frage mit „Nein, nicht mehr“ antworten zu können. Diese Selbstsicherheit leiste ich mir heute, auf den Tag genau fünf Jahre nachdem ich am 01.06.2009 meine letzte Zigarette geraucht habe.

    Fünf Jahre. Dabei war ich mir so sicher, nie ohne Zigarette sein zu können. Wie sollte das auch gehen, immerhin brauchte ich die zum Kaffee, nach dem Essen, zur Beruhigung, zum wachwerden, um besondere Momente zu zelebrieren, um mal Pause zu machen, oder einfach so. Ich habe meine Raucherkarriere sehr spät begonnen, und wie so oft aus den falschen Gründen – ich wollte einer Frau imponieren und bei der Arbeit Raucherpausen machen dürfen. Anfangs dachte ich immer, ich könnte jederzeit aufhören. Vielleicht stimmte das auch mal, aber irgendwann war der Punkt überschritten und die Sucht eingeprägt. Mehr als 10 Jahre, am Ende an schlechten Tagen um die 35 Selbstgedrehte. Nie würde ich damit aufhören können, das war eine traurige Gewissheit. Bis ich eine Zigarette rauchte, von der ich nicht wusste, dass sie meine letzte war. Nach der fasste ich nie wieder einen Glimmstengel an.

    Geholfen hat mir dabei ein Selbsthilfevideo, in dem die Hintergründe und Mechanismen der Sucht erklärt wurden. Das ist eine Methode, die der Amerikaner Alan Carr erfunden hat: Ganz langsam und unaufgeregt wird erklärt, was die Sucht ist, was sie mit Körper und Geist macht und das sie eigentlich nur in unserem Kopf steckt. Die Botschaft kam an. Mein Intellekt fühlte sich beleidigt von der Erkenntnis, wie er nach Strich und Faden verarscht wurde, und schaltete die Sucht quasi von jetzt auf gleich ab. Einfach so.
    Ich wusste, wie alles funktioniert, also konnte ich einen Schraubenschlüssel in die Zahnräder werfen. Knirsch, und das Rauchen war vorbei.

    Schon nach einer Woche war die Gier nach einer Zigarette weg. Zugenommen habe ich nicht, weil ich nichts zu kompensieren hatte. Und immer wenn ich gefragt wurde „Rauchst Du nicht“? Sagte ich: Heute nicht. Denn ich konnte nicht ausschließen, dass ich eines Tages einen Rückfall haben würde, und ich wollte nicht an meinen eigenen Ansprüchen scheitern. Deshalb das bescheidene „Heute nicht“. Das zog witzigerweise Kreise. Freudin und Arbeitskollege, beide mit einer längeren Raucherkarriere als ich, hörten auch plötzlich auf. Ich bilde mir gerne ein, dass ich vielleicht ein wenig Vorbild war, nach dem Motto „Wenn der das kann…“

    „Heute rauche ich nicht.“ Dabei war mir sehr bald klar, dass ich nie wieder rauchen wollte. Drei Monate nach dem Ende konnte ich tiefer Atem holen. Mein Körper wurde kräftiger. Und mein Geruchssinn kehrte zurück. Es war wie die Entdeckung einer neuen Welt. Meine Nase, die Jahrelang nichts gerochen hatte, nahm schnell wieder feinste Gerüche wahre. Heute kann ich in leeren Räumen riechen, ob sich kurz zuvor ein Raucher darin aufgehalten hat, auch wenn er nicht darin geraucht hat. Ich kann Pflanzen am Geruch erkennen, auch wenn sie nicht blühen. Und so weiter.
    Nach sechs Monaten war der morgendliche Husten weg und ich wusste nicht wohin mit meiner Energie. Nichtrauchen ist geil, das ist so.

    Dabei hatte ich lange Zeit noch Albträume, in denen ich rückfällig wurde. Früher träumte ich, ich müsse das Abi nochmal schreiben. Nach dem Ende des Rauchens träumte ich, dass ich plötzlich eine Zigarette in der Hand hätte. Zum Glück nur Albträume. Im wachen Zustand ertrage ich es nichtmal mehr mit Rauchern in einem Raum zu sein. Ich mäkele nicht an ihnen herum – ich vermeide die Situation nur solche Situationen.

    Fünf Jahre.
    Das sind unfassbare 45.600 nicht gerauchte Zigaretten, über 5.700 gesparte Euro (bei den damaligen Preisen). Rein statistisch lebe ich jetzt 183 Tage länger als wenn ich noch rauchen würde. Das Risiko eines Herzinfarkts liegt noch bei 51% im Vergleich zu dem bevor ich aufgehört habe, das einer Lungenkrebserkrankung bei 75% (das ist nur die Risikoverbesserung, keine Ahnung wie hoch vorher mein Gesamtrisiko war). Noch ein paar Jahre, und es wird so sein als hätte ich nie geraucht. In diesen 5 Jahren sind statistisch gesehen 17.490.000 Menschen weltweit an rauchbedingten Krankheiten gestorben.

    Fünf Jahre, und es werden mehr. Ich erlaube mir, mich darüber zu freuen.

     
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    Verfasst von - 1. Juni 2014 in Historisches

     

    Pitje Puck

    Manchmal, wenn mein Bewusstsein beim Aufwachen aus den Niederungen des Traumreichs wieder an die Oberfläche des Hier-und-Jetzt klettert, bringt es Dinge mit. Wie eine Katze, die einem eine tote Maus vor die Haustür legt und dann stolz guckt, legt es mir manchmal irgendwelche Fragmente vor die Nase. Das sind oft Songs, gelegentlich Erinnerungen an Personen oder Dinge, an die ich schon seit Jahren nicht gedacht habe.

    Heute Morgen wachte ich auf und hatte den Namen Pitje Puck im Kopf. Pitje Puck?
    Hm. Das war eine Serie von Kinderbüchern, die ich gerne las als ich so ca. 8 Jahre alt war. Pitje ist ein Briefträger, der sich dadurch auszeichnet das er a. clever und b.“stets gut gelaunt“ ist, was sich durch gelegentliches Reimen äußerte und bedeutet, dass er aus heutiger Sicht eine fürchterliche Nervensäge war.

    pitpuc

    Pitje wohnt in Kesseldorf, zusammen mit seinem Papagei Lorchen, seinem Hund Schlappohr und der Katze Dickerchen. Sein bester Freund ist der Bäcker Windbeutel, während ihn mit Wachtmeister Knurrhahn eine herzliche Abneigung verbindet.

    Das hört sich alles fürchterlich altbacken an, was daran liegt, dass die ersten Bücher schon 1958 entstanden sind, also vor ca. 200 Jahren. Ja, richtig gelesen, das ist 200 Jahre her. Seitdem es Internet gibt vergeht nämlich die Zeit schneller. Aber als ich die Bücher Anfang der 80er gelesen habe, da war 1958, zumindest auf dem Dorf, erst 5 Jahre her. Solche Charaktere wie den Arzt Pillendreher, den Metzger Fleischkloß und den Kleinkriminellen Dauerklau gab es wirklich – jeder im Dorf kannte sie und in den Pitje Puck-Geschichten wurden sie mit einem Wort, nämlich ihrem Namen, absolut treffend charaktierisiert. Man muss über einen Metzger der Fleischkloß heißt nicht mehr wissen als seinen Namen. Das Bild im Kopf ist sofort da.

    Pitje Puck macht dauernd irgendwelche Dinge, die man auf dem Dorf so macht. Ein ganzes Buch dreht sich nur darum das er angeln geht, ein anderes davon, wie er in die Stadt fährt und sich eine Bootsausstellung anguckt. Die hiess HoWaSpo, Abkürzung für „Hoch dem Wassersport“, das ist das einzige, an das ich mich überhaupt noch von Pitje Puck erinnern kann. Der Name einer Ausstellung.
    Seltsam, wie das Gedächtnis funktioniert.

    Pitje Puck in der Wikipedia

     
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    Verfasst von - 20. November 2013 in Historisches

     
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    Ich kann es noch

    Ich kann es noch: Ein ganzes Kilo Kirschen auf einmal fressen und dann mit Bauchschmerzen in der Gegend rumliegen, aber dabei seelig sein wie ein kleines Kind.

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    Gut, damalsTM habe ich die Kirschen direkt im Baum gemampft („Eine in den Eimer, zwei in den Mund“), heute kaufe ich sie auf dem Markt. Aber glücklich machen sie mich immer noch. Kirschen sind Rumklettern im Baum, kurze Jeanshosen, aufgeschürfte Knie, der Geruch von gemähtem Gras, Sandalen, Sonne, Buden bauen, spät-reinkommen-und-noch-später-ins-Bett-gehen-weil-Ferien-sind und keine Sorge wegen nichts. Mit Kirschen geht´s mir gut.

     
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    Verfasst von - 13. Juli 2013 in Ganz Kurz, Historisches

     

    Engelspapst

    Soso, der zurückgetretene Papst Ratzinger/Benedikt darf jetzt also in einem Klostergebäude im Vatikan wohnen, im Hinterhaus des amtierenden Papstes, sozusagen. Da kann er aber froh sein, dass in diesem Fall die Kirche mal nicht an Traditionen festhält.

    Das letzte (und erste) Mal, dass ein Papst zurücktrat, war das im Jahr 1294. Damals hatte die Kurie als Nachfolger einen Mann vom Lande auserkoren, der neue Stellvertreter Christi auf Erden zu werden: Pietro de Morrone aus der Region L´Aquila in Umbrien. Eine raue Gegend, in der Pietro aufwuchs und früh Mönch wurde. Als er davon hörte das er Papst werden sollte, packte er mitten in der Nacht sein Maultier und floh. Der Gedanke, Oberhaupt der katholischen Kirche zu werden, versetzte ihn in Panik. Die Kurie jedoch ließ ihn verfolgen und überredete ihn irgendwann doch, das Amt anzunehmen. Auf seinem Maultier ritt er in L´Aquila ein, wurde zum Papst ernannt und trug fortan den Namen Cölestin der Fünfte.

    Ganze 20 Wochen dauerte die Amtszeit von Papst Cölestin V. Dann schmiss er hin, angewidert von den Intrigen der Kirche und der Unmoral der Geistlichen in Rom. Er legte sein Amt nieder und zog sich in ein kleines Kloster im Latium zurück. Dummerweise war sein Nachfolger im Amt der Meinung, dass die Aktion mit der Amtsniederlegung-aus-moralischen-Gründen durchaus Sympathien im gemeinen Volk weckte. „Engelspapst“, so nannte man ihn schon voller Bewunderung. Der Nachfolgepapst war kein Engel. Bonifaz der Dritte fürchtete, dass die Bewunderung des Volks für seinen Vorgänger zu einer Spaltung der Kirche führen könnte. Deshalb ließ er den alten Papst festnehmen und in der Festung Fumone einsperren.

    Das ist die gleiche Festung, in hundert Jahre vorher der Gegenpapst Gregor VIII lebendig eingemauert wurde. Seitdem, so sagt man, hausen die Geister zweier Päpste in dem alten Gemäuer… ganz zu schweigen von der Schlossherrin, die hier des Nachts noch um ihren toten Sohn weint, und der Magd, die in einen Brunnen voller Messer gestossen wurde… Fumone ist ein Ort der Albträume. Wenn italienischem TV nichts mehr einfällt, sperren sie Models für eine Nacht in die Burg und filmen sie mit Nachtsichtkameras bei Panikanfällen. Kein Witz.

    Zusammengefasst: Vor Ratzinger hat nur ein Papst aus eigener Entscheidung hingeschmissen, und dem erging es nicht so gut. Und in Fumone möchte man nach Einbruch der Dunkelheit nicht unterwegs sein.

     
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    Verfasst von - 29. Mai 2013 in Historisches

     

    Das Briefmarkendesaster

    Zwei Dinge habe ich nie hinbekommen, und schaffe sie bis heute nicht: Briefmarken kaufen und Filme entwickeln lassen.

    Beides zieht sich durch mein Leben durch, wurde mir bewusst, als meine Schwester mir ein Fotoalbum zum Geburtstag schenkte. Darin: Bilder meines ersten Moppeds und eines Schüleraustauschs nach Paris im Jahr 1991, alle von mir selbst geknipst. Ich hatte es irendwie nur nie geschafft die Filme zur Entwicklung zu bringen, und Jahre später hatte meine neugierige Anverwandte die Dose mit dem guten Agfa 36er in meinem alten Schreibtisch in unserem Elternhaus entdeckt und entwickeln lassen, vermutlich in der Hoffnung auf belastendes Material.

    Noch schlimmer ist nur meine Briefmarkenschwäche. Postkarte kaufen oder Brief schreiben bekomme ich meist noch hin, aber an den Briefmarken scheitere ich regelmäßig, und zwar richtig schlimm. Und auch das zieht sich durch. Als ich 8 oder 9 Jahre alt war, machten meine Eltern eine Butterfahrt nach Helgoland. Auf dem Weg warf ich eine Flaschenpost über die Reling des Butterschiffs, eine kleine Graniniflasche mit einem Zettel drin: „Hallo, ich bin 8 Jahre alt und meine Hobbys sind lesen und Yps. Wer diese Post findet kann mir schreiben“, dazu meine Adresse und das Datum.

    Geschlagene 4 Jahre später kam ein Brief von einem 8jährigen Mädchen aus Schleswig-Holstein. Ein unheimlich lieber Brief, in dem sie schrieb, wie sie mit ihrem Vater am Strand spazieren gegangen war und dabei meine Flaschenpost gefunden hatte. Sie schrieb über ihre Hobbies und was sie gerne mochte und wie es so war, das leben an der Küste.

    Ich war Baff. Vier Jahre war die Flasche unterwegs gewesen, und dann war sie doch noch gefunden worden! Ich setzte mich sofort hin und schrieb einen langen Antwortbrief an das Mädchen. Über mich, meine Hobbies, und wie toll ich das fand das sie mir geschrieben hatte und ob wir nicht Brieffreunde werden wollten. Aber dazu kam es nicht. Denn die drei eng beschriebenen Blätter in einen Briefumschlag zu packen, DAS bekam ich gerade noch hin. Allein, der Versand des Briefes scheiterte am Kauf einer Briefmarke. Noch heute liegt der Brief in einer Schublade meines alten Schreibtischs im Haus meiner Eltern.

    Briefmarken und Filmentwicklung.
    Meine Nemesisi. Nemesisse. Nemississes? Meine Erzfeinde.

    Beides sind letztlich Probleme, die sich durch Technologie gelöst haben. Filme muss man heutzutage nicht mehr entwickeln, weil es nur noch Digitalkameras gibt. Und statt Briefen schreibt man Mails, und mein Familien- und Bekanntenkreis hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass sie keine Urlaubskarten von mir bekomme, oder ich sie allenfalls persönlich überreiche.

    Einmal allerdings, einmal habe ich im vergangenen Jahr innerlich gequält aufgeschrien, weil ich dachte, eine meiner Nemesisse hätte mich doch noch, im Zeitalter der von mir so geliebten Mails, erwischt. In mir zog sich alles zusammen, als ich auf der Cebit an jedem zweiten Stand plakatiert sah:

    „Vergessen sie die E-Mail. Jetzt kommt der e-Postbrief.“

    NEEEEEEIIIIIINNNNNNNNNNNNNNNN!!!!!!!!
    Vor meinem inneren Auge sah ich mich in dem Moment schon Korrespondenz von Jahren verschlüren, weil ich es nicht schaffen würde, e-Briefmarken für die e-Postbriefe zu kaufen…

     
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    Verfasst von - 12. Februar 2013 in Historisches

     

    Zu faul um unordentlich zu sein

    Ich bin zu faul um unordentlich zu sein. Das hört sich wie ein Wiederspruch an, ist es aber nicht.

    Früher, da sah es bei mir nach fünf Minuten aus wie auf dem Schlachtfeld. Alles lag kreuz und quer, Papiere wurden chronologisch in Haufen abgelegt und allein der Schreibtisch war von mehreren Sedimentschichten bedeckt. Resultat war natürlich: Sucherei. Immer. Einkommensteuererklärung vom letzten Jahr? Vielleicht in dem Haufen hinterm Bücherregal, etwa unteres Drittel. Oder woanders.

    Im Laufe der Zeit habe ich aber mitbekommen, dass es viel einfacher und das Leben stressfreier ist, wenn ich Ordnung halte und alles an seinem Platz ist. Das erspart elendige Sucherei und beugt abgenutzten Nerven vor. Man könnte auch sagen: Ich habe meine beiden Schwächen, Faulheit und Unordentlichkeit, gegeneinander in Stellung gebracht und sie aufeinander losgelassen. Faulheit hat gewonnen, das Resultat ist eine aufgeräumt Wohnung.

    Vielleicht stimmt es auch, was ich vor langer Zeit mal gesagt bekam: Das der Zustand der Wohnung das innere Seelenleben wiederspiegelt. Fühlt man sich chaotisch, sehen auch die eigenen vier Wände so aus. Wenn dem so ist, bin ich gerade sehr mit mir im Reinen.

    Bis es soweit kam war es aber ein langer Weg. Zunächst war ich gernervt davon, dass ich ständig Dinge suchen musste. Schlüssel gehörten witzigerweise nie dazu, aber so gut wie alles andere. Ein Griff… undie Sucherei ging los. Irgendwann ging mir das so dermaßen auf den Saque, dass ich mir kleine Rituale angewöhnte, um Dinge an ihren Platz zu legen. Mit der Zeit schliffen sich diese kleinen Ordnungsabläufe ein. Heute hat alles seinen Platz, ohne überreguliert zu sein. Ich bin kein Ordnungsfetischist, brauche aber nichts lange suchen. Ich bin ein Kerl, der weiß wo sein Kram ist, wenn Sie wissen was ich meine.

    Umso mehr warf es mich dann heute Morgen aus der Bahn, als ich schnell zu ebenjener musste, die Kopfhörer aber nicht an ihrem Platz in der linken Jackentasche waren. Da sind sie normalerweise immer, vor langen Zugfahrten nehme ich sie da raus und packe sie in die linke Hosentasche, damit sie griffbereit sind, während die Jacke in der Gepäckablage liegt. Und heute morgen? Ist die Jackentasche leer.

    Wo habe ich die Dinger zuletzt benutzt? Hm. Fällt mir nicht ein. Sind sie im Motorradrucksack? Nee. In der Tasche mit den Netzteilen? Nee. In der Aktentasche? Ach nicht. Shitshitshit. Reservekopfhörer habe ich auch gerade keine. Mist. Das wird eine LANGE Bahnfahrt, und ohne Ohrstöpsel muss ich mir den Quark der Businesskasper anhören, die wichtig-wichtig machen.
    Vielleicht sind die Kopfhörer in der anderen Jacke? Nee.
    Im Citybag? Neee, auch nicht.

    Mist, ich muss los.
    Ab in die Bahn, ohne Entertainmentbeschallung. Den ganzen Morgen zermartere ich mir das Hirn, wo die Teile wohl abgeblieben sind.
    Nachmittags stehe ich grummelnd vor der Tür eines Restaurants. Es ist kalt, ich ziehe die Schultern hoch und stecke die Hände in die Hosentaschen. Und darin sind… die Ohrhörer!

    Habe ich die im Halbschlaf schon reisefertig sortiert. Offensichtlich haben sich manche Ordnungsabläufe schon so tief eingeschliffen, dass ich sie nichtmal mehr mitbekomme.

     
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    Verfasst von - 24. November 2012 in Betrachtung, Historisches

     

    Kein schönes Wochenende

    Ich wünsche übrigens am Samstag keiner Verkäuferin, keinem Kellner und keiner Tankwartin ein schönes Wochenende. Grundsätzlich nicht. Nicht, weil ich es ihnen nicht gönnen würde oder weil ich so ein schlechter Mensch bin. Wünschen würde ich es ihnen schon, aber ich sage die Floskel deswegen nicht, weil man in Hardcore-Dienstleistungsberufen kein Wochenende hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man ständig Samstag und Sonntag arbeiten muss. Und wenn man dann ein „Schönes Wochenende“ gewünscht bekommt, dann hört sich das wie Hohn an. Zumindest, wenn das von Leuten mit einem Montag-bis-Samstag-Nine-to-Five-Job kommt. Dann denkt man nur „Wochenende? Was für ein Wochenende? Mein Wochende ist Arbeit, damit DU einkaufen/essen/tanken kannst.“

    Oft kann man das „Wochenende“ nicht mal in der Woche nachholen, zumindest nicht in Form von zwei freien Tagen ab Stück. Die gesetzlichen Regelungen lassen sich nämlich durchaus so auslegen, dass man einen Tag frei hat, dann fast zwei Wochen am Stück arbeitet und am Ende wieder einen Tag frei hat. In der Woche drauf müsste man dann theoretisch drei Tage frei haben, aber gerade in Dienstleistungsberufen klappt sowas oft nicht.

    Am geilsten fand ich ja immer die Leute, die einen Riesenterz gemacht haben, wenn entweder unsere Wochenendbesetzung mitten mal wieder durch Krankheit oder schönes Wetter etwas reduziert war und die Wartezeiten daher ein wenig länger. Da gab es dann durchaus Spezialisten, die sich lauthals beschwerten und dabei Worte verwenden wie „faules Pack“, um DANN in Auto zu steigen, an dessen Kofferaum den Gewerkschaftsaufkleber mit dem alten Slogan „Samstag gehört der Vati uns“ pappte. Da Sonntags nicht gearbeitet wurde, ist in der Denke dieser Leute ja ohnehin klar. Am Sonntag arbeitet nur, wer es nicht besser verdient hat, logo. Die haben es dann auch verdient, dass sie von „hart arbeitenden Leuten“ beschimpft werden. Oder höhnisch ein „schönes Wochenende“ gewünscht bekommen.

     
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    Verfasst von - 17. November 2012 in Historisches

     

    Zeitreise in die Niveadimension

    Neulich, als ich mal wieder in K. an der L. war, zog ich aus dem Müllhaufen meines Elternhauses das hier heraus:

    Das ist eine Tasche, die Mitte der 90er während Reisen auf dem Motorrad montiert war. Da war so Kleinkram drin, der nicht in die Taschen der Lederjacke passten. Seit 15 Jahren ist diese Tasche nicht mehr geöffnet worden, und ich war sehr gespannt drauf, was da so drin sein mochte.

    Als erstes purzelte eine Dose Pfeffer und ein Paar Schuheinlagen heraus. Die habe ich gleich entsorgt, darum keine Bilder davon. Aber es fanden sich noch andere Dinge darin:

    Von oben links nach unten rechts:

    Kohledrehfilter
    Ja, ich habe mal geraucht.

    „Los Würzos“
    Von McDonalds. Das gab es währen der „Los Wochos“ und funktionierte so: Pommes in eine Tüte, Gewürz dazu, Tüte zu, schütteln – ergab Pommes mit scharfen Gewürz. Ich habe das Zeug geliebt, es bestand aus Chilipulver, verschiedenen Pfeffersorten, Zwiebackpulver und Oregano. Ich habe das Kram vor allem über Nudeln gemacht. Monatelang. Wir hatten ja nix, damals, als Studis.

    Kassenbon
    Von 1997, über ein Päckchen Tabak für 5,80 DM. Ich glaube, das gleiche Päckchen kostet heute 7 Euro.

    Zettel
    Offensichtlich eine Nachricht, die offensichtlich ein weibliches Wesen aus meiner damaligen WG mir aufgrund eines verpassten Anrufes eines anderen weiblichen Wesens hinterlassen hat. Nur: Wer ist Christiane??

    Außerdem gefunden:

    Ein Kassenbon vom 04.08.1997. Offensichtlich habe ich damals CDs gekauft – zum Wahnsinnspreis von 29,95 DM pro Stück. Ich weiß auch, warum ich die bei Marktkauf, eigentlich einem Lebensmittelladen, gekauft habe – überall sonst waren die NOCH teurer.

    Das nächste Fundstück ist aber richtig super:

    Anscheinend wollte ich damals einen PC bauen. Das sollten die Teile sein:

    Pentium 200 Prozessor 599,- DM
    Motherboard 259,- DM
    2,1 GB Festplatte 429,- DM
    NoName 3D-Karte, also eine Lizenzproduktion der Voodoo-Karten oder eine S3: 109,- DM

    Mach zusammen fast 1.400,- DM. Das waren bei der Euroeinführung 715 Euro.
    Heute bezahlt man für solchen Kram gerade mal 400 Euro.

    Und dann war in der Tasche noch DIE NIVEADOSE:

    Zumindest vermute ich, dass es DIE NIVEADOSE ist. Oder sein könnte. Niveadosen trug ich damals dauernd mit mir rum, weil durch die Arbeit im Studijob bei McDonalds, wo man sich alle paar Minuten die Hände desinfizieren musste, die Haut ganz trocken war. DIE NIVEADOSE hatte ich in der Armeetasche, als ich mit dem Motorrad in den Bergen hinter Cortina unterwegs war – und es mir plötzlich das Vorderrad weghaute. Wumms, schlitterte das Motorrad auf der Seite über den Asphalt. Auf DER Seite, an der die Tasche befestigt war. Darin: DIE NIVEADOSE. Die war anschliessend nur leicht ramponiert, obwohl ein Motorrad (und der Fahrer) auf ihr lag.
    In meiner Erinnerung war die aber doch noch etwas kaputter, also ist sie es vermutlich nicht. Aber egal, trotzdem war das eine lustige Zeitreise.

     
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    Verfasst von - 18. August 2012 in Historisches

     

    Dorfkino

    Früher, da gab es nicht nur das eine Multiplexkino in der Stadt, Kilometer entfernt. Früher, da gab es diese kleinen Dorfkinos mit nur einem Saal, die teilweise nur zwei Filme pro Woche zeigten – dann aber abgesprochen mit den Kinos mit den umliegenden Dörfern. So konnte man in Bad Gandersheim „Zurück in die Zukunft“ sehen, während in Einbeck „Die Farbe Lila“ lief.

    Ich wurde in den Residenz-Lichtspielen in Bad Gandersheim sozialisiert. Aufgewachsen bin ich in einem Nachbarort, aber nachdem ich dort 1980 „Krieg der Sterne“ gesehen hatte (Ich war 5!) haben die zugemacht.

    Das Kinosterben hatte damals schon begonnen, was aber zum Teil auch an den wirklich schlecht geführten Häusern lag. Wenn über Jahrzehnte nichts investiert wurde, die Lautsprecheranlage auf dem technischen Stand von 1938 hängen geblieben war und die Sitze so durchgesessen, dass einem die Federn eine Lumbalpunktion verpassten, dann wollte man da nicht unbedingt rein. Aber es gab auch die anderen, die ihr Kino mit Herz und Liebe, aber meist ohne viel Geld führten. Für die meisten Kinobetreiber war es ohnehin ein Nebenhergeschäft: Tagesüber Fleischer, Abends Kinobetreiber. Das musste nicht schlimm sein – die Leute machten Kino teilweise nicht weil sie mussten, sondern weil sie Kino liebten. Vor allem liebten Sie IHR Kino.

    Ein Dorfkino, das war in der Regel ein Saal mit vielleicht 100 Plätzen vor, ganz steampunkmäßig alt (30er-50er Jahre)eingerichtet, teilweise mit Plüsch u.ä. Manchmal sogar mit Tischen und Bedienung am Platz, in manchen durfte man noch rauchen. Vor dem Film wurden 5 Minuten handcolorierte Dias von Geschäften im Ort gezeigt und ein(!) Werbespot. Im Winter für Kopfhörer, im Sommer für Langneseeis. Dann ging schon die Trailershow los. Damals hieß das nicht Trailer, sonder Vorschau. Woanders als im Kino konnte man keine Vorschauen sehen. Dann ging auch schon der Film los.

    Der Filmvorführer gab sich die größte Mühe, alles aus Bild und Ton rauszuholen, während seine Mutter oder die Ehefrau im Foyer Süßigkeiten einzeln verkaufte. Und nach der letzten Vorstellung konnte man die Kinoposter mitnehmen, einfach so. Das waren Dorfkinos. Besser als Multiplexe. Leider halt aber auch Altmodisch. Als die Multiplexe aufkamen, starben viele der Dorfkinos an Altersschwäche – in moderne Speicher- und Projektionsverfahren und ordentliche Soundsysteme konnten und wollten viele Betreiber nicht investieren. As wäre aber nötig gewesen, um in der Publikumsgunst mit den modernen Multiplexen mithalten zu können. Von vielen Dorfkinos sind die Räume sogar noch erhalten, aber sie werden seit vielen Jahren nicht mehr bewirtschaftet. Ich habe mir voll den Ast gefreut als ich gesehen habe, das mein Lieblingsdorfkino seit einem Jahr wieder offen hat – getragen von einem Verein der Filmfreunde. Die machen sogar 3D.
    Da muss ich unbedingt hin. Was habe ich damals dieses Kino geliebt. Dort habe ich alle wichtigen Filme gesehen, von „Top Gun“ über „Zurück in die Zukunft“, „Ghostbusters“ bis hin zu „Cap & Capper“. Anfangs nur mit Eltern, später durfte ich allein mit dem Zug fahren (einen halben Tag unterwegs für einen Film, aber das war ABENTEUER) und irgendwann hatte ich eine Simson und konnte fahren wann ich wollte. Das habe ich weitlich ausgenutzt: Allein „Terminator 2“ habe ich bestimmt ein Dutzend mal in diesem Kino gesehen. Konnte ich mir auch leisten: 2,50 DM die Schülerkarte.

    Kino ist etwas, das im Leben zählt. Wenn Liebe drin steckt. Und das Publikum nicht nur reingeht, um die Zeit bis zur Kneipe zu überbrücken, oder um die Schnalle im Nebensitz ins Bett zu kriegen.

     
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    Verfasst von - 6. August 2012 in Betrachtung, Historisches

     

    Katalogartikel

    Früher, als es noch kein Internet gab, da konnte man absolut sicher sein, dass wirklich JEDER dörfliche Haushalt im Besitz von ca. 6 Kilo Katalogen war. Ich fand die Dinger als Kind ja doof. Die Spielzeuge waren immer nur auf wenigen Seiten, und Star Wars-Sachen sogar nur auf einer halben. Stattdessen viel zu viel Anziehsachen und merkwürdige Dinge wie „Massagestäbe“ („Entspannung pur für SIE“ – hihi, ich hätte fast mal meiner Mutter einen zu Weihnachten geschenkt, weil sie immer so einen verspannten Rücken hatte. Na, DAS wäre eine Bescherung geworden).

    Neckermann, Otto und Quelle gehörten einfach zum Leben dazu, denn Kaufhäuser gab es nur in der Kreisstadt, und die war eine Tagesreise entfernt und wurde nur alle paar Monate mal besucht. Oder nie, denn ich kenne tatsächlich noch Frauen (ja, ALLE waren Personen weiblichen Geschlechts), die aus diesen Katalogen lebten. Da wurde dann hemmungslos bestellt, gern auch das gleiche Kleid in 5 verschiedenen Größen und 3 Farben, dann zu Hause in Ruhe anprobiert und Probegetragen, und am Ende alles bis auf eines wieder zurückgeschickt. Oder ALLES zurückgeschickt, weil „bei dem Licht im Wohnzimmer das ganz anders wirkt als im Katalog“. Ach, aber beim Sommerfest, bei dem das Kleid getragen wurde, war das Licht OK oder wie?

    Ich fand die Praxis des massenhaft bestellens-und-sieben-Achtel-zurückschickens wieder ja immer ein wenig merkwürdig. Mir liegt das nicht. Wenn ich was bestelle, bezahle und behalte ich das. Meine sechzigseitige Amazon-History (letzte 24 Monate) spricht da Bände. Dementsprechend unwohl war mir, als ich vorhin Handschuhe im Wert von über 400 Euro bestellt habe:

    Natürlich brauch ich nur ein Paar, aber was soll ich machen? In den Filialen war ständig eine Größe oder ein Modell nicht da, und je nach Uhrzeit und Tagesform sind meine Finger mal dicker und mal schlanker. Also habe ich zum ersten Mal Zeugs bestellt, von dem vier Fünftel wieder zurückgehen werden. Aber die nette Dame an der Bestellhotline meinte, das sei Gang und Gäbe und sie könne nur jedem raten das so zu machen. Trotzdem: Ungutes Gefühl. Hoffentlich geht das glatt, ich habe keine Lust ein paar Hundert Euro für ein verlorenes Paket zu bezahlen.

     
     
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