Historisches

Zu faul um unordentlich zu sein

Ich bin zu faul um unordentlich zu sein. Das hört sich wie ein Wiederspruch an, ist es aber nicht.

Früher, da sah es bei mir nach fünf Minuten aus wie auf dem Schlachtfeld. Alles lag kreuz und quer, Papiere wurden chronologisch in Haufen abgelegt und allein der Schreibtisch war von mehreren Sedimentschichten bedeckt. Resultat war natürlich: Sucherei. Immer. Einkommensteuererklärung vom letzten Jahr? Vielleicht in dem Haufen hinterm Bücherregal, etwa unteres Drittel. Oder woanders.

Im Laufe der Zeit habe ich aber mitbekommen, dass es viel einfacher und das Leben stressfreier ist, wenn ich Ordnung halte und alles an seinem Platz ist. Das erspart elendige Sucherei und beugt abgenutzten Nerven vor. Man könnte auch sagen: Ich habe meine beiden Schwächen, Faulheit und Unordentlichkeit, gegeneinander in Stellung gebracht und sie aufeinander losgelassen. Faulheit hat gewonnen, das Resultat ist eine aufgeräumt Wohnung.

Vielleicht stimmt es auch, was ich vor langer Zeit mal gesagt bekam: Das der Zustand der Wohnung das innere Seelenleben wiederspiegelt. Fühlt man sich chaotisch, sehen auch die eigenen vier Wände so aus. Wenn dem so ist, bin ich gerade sehr mit mir im Reinen.

Bis es soweit kam war es aber ein langer Weg. Zunächst war ich gernervt davon, dass ich ständig Dinge suchen musste. Schlüssel gehörten witzigerweise nie dazu, aber so gut wie alles andere. Ein Griff… undie Sucherei ging los. Irgendwann ging mir das so dermaßen auf den Saque, dass ich mir kleine Rituale angewöhnte, um Dinge an ihren Platz zu legen. Mit der Zeit schliffen sich diese kleinen Ordnungsabläufe ein. Heute hat alles seinen Platz, ohne überreguliert zu sein. Ich bin kein Ordnungsfetischist, brauche aber nichts lange suchen. Ich bin ein Kerl, der weiß wo sein Kram ist, wenn Sie wissen was ich meine.

Umso mehr warf es mich dann heute Morgen aus der Bahn, als ich schnell zu ebenjener musste, die Kopfhörer aber nicht an ihrem Platz in der linken Jackentasche waren. Da sind sie normalerweise immer, vor langen Zugfahrten nehme ich sie da raus und packe sie in die linke Hosentasche, damit sie griffbereit sind, während die Jacke in der Gepäckablage liegt. Und heute morgen? Ist die Jackentasche leer.

Wo habe ich die Dinger zuletzt benutzt? Hm. Fällt mir nicht ein. Sind sie im Motorradrucksack? Nee. In der Tasche mit den Netzteilen? Nee. In der Aktentasche? Ach nicht. Shitshitshit. Reservekopfhörer habe ich auch gerade keine. Mist. Das wird eine LANGE Bahnfahrt, und ohne Ohrstöpsel muss ich mir den Quark der Businesskasper anhören, die wichtig-wichtig machen.
Vielleicht sind die Kopfhörer in der anderen Jacke? Nee.
Im Citybag? Neee, auch nicht.

Mist, ich muss los.
Ab in die Bahn, ohne Entertainmentbeschallung. Den ganzen Morgen zermartere ich mir das Hirn, wo die Teile wohl abgeblieben sind.
Nachmittags stehe ich grummelnd vor der Tür eines Restaurants. Es ist kalt, ich ziehe die Schultern hoch und stecke die Hände in die Hosentaschen. Und darin sind… die Ohrhörer!

Habe ich die im Halbschlaf schon reisefertig sortiert. Offensichtlich haben sich manche Ordnungsabläufe schon so tief eingeschliffen, dass ich sie nichtmal mehr mitbekomme.

Kategorien: Betrachtung, Historisches | 4 Kommentare

Kein schönes Wochenende

Ich wünsche übrigens am Samstag keiner Verkäuferin, keinem Kellner und keiner Tankwartin ein schönes Wochenende. Grundsätzlich nicht. Nicht, weil ich es ihnen nicht gönnen würde oder weil ich so ein schlechter Mensch bin. Wünschen würde ich es ihnen schon, aber ich sage die Floskel deswegen nicht, weil man in Hardcore-Dienstleistungsberufen kein Wochenende hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man ständig Samstag und Sonntag arbeiten muss. Und wenn man dann ein „Schönes Wochenende“ gewünscht bekommt, dann hört sich das wie Hohn an. Zumindest, wenn das von Leuten mit einem Montag-bis-Samstag-Nine-to-Five-Job kommt. Dann denkt man nur „Wochenende? Was für ein Wochenende? Mein Wochende ist Arbeit, damit DU einkaufen/essen/tanken kannst.“

Oft kann man das „Wochenende“ nicht mal in der Woche nachholen, zumindest nicht in Form von zwei freien Tagen ab Stück. Die gesetzlichen Regelungen lassen sich nämlich durchaus so auslegen, dass man einen Tag frei hat, dann fast zwei Wochen am Stück arbeitet und am Ende wieder einen Tag frei hat. In der Woche drauf müsste man dann theoretisch drei Tage frei haben, aber gerade in Dienstleistungsberufen klappt sowas oft nicht.

Am geilsten fand ich ja immer die Leute, die einen Riesenterz gemacht haben, wenn entweder unsere Wochenendbesetzung mitten mal wieder durch Krankheit oder schönes Wetter etwas reduziert war und die Wartezeiten daher ein wenig länger. Da gab es dann durchaus Spezialisten, die sich lauthals beschwerten und dabei Worte verwenden wie „faules Pack“, um DANN in Auto zu steigen, an dessen Kofferaum den Gewerkschaftsaufkleber mit dem alten Slogan „Samstag gehört der Vati uns“ pappte. Da Sonntags nicht gearbeitet wurde, ist in der Denke dieser Leute ja ohnehin klar. Am Sonntag arbeitet nur, wer es nicht besser verdient hat, logo. Die haben es dann auch verdient, dass sie von „hart arbeitenden Leuten“ beschimpft werden. Oder höhnisch ein „schönes Wochenende“ gewünscht bekommen.

Kategorien: Historisches | 4 Kommentare

Zeitreise in die Niveadimension

Neulich, als ich mal wieder in K. an der L. war, zog ich aus dem Müllhaufen meines Elternhauses das hier heraus:

Das ist eine Tasche, die Mitte der 90er während Reisen auf dem Motorrad montiert war. Da war so Kleinkram drin, der nicht in die Taschen der Lederjacke passten. Seit 15 Jahren ist diese Tasche nicht mehr geöffnet worden, und ich war sehr gespannt drauf, was da so drin sein mochte.

Als erstes purzelte eine Dose Pfeffer und ein Paar Schuheinlagen heraus. Die habe ich gleich entsorgt, darum keine Bilder davon. Aber es fanden sich noch andere Dinge darin:

Von oben links nach unten rechts:

Kohledrehfilter
Ja, ich habe mal geraucht.

„Los Würzos“
Von McDonalds. Das gab es währen der „Los Wochos“ und funktionierte so: Pommes in eine Tüte, Gewürz dazu, Tüte zu, schütteln – ergab Pommes mit scharfen Gewürz. Ich habe das Zeug geliebt, es bestand aus Chilipulver, verschiedenen Pfeffersorten, Zwiebackpulver und Oregano. Ich habe das Kram vor allem über Nudeln gemacht. Monatelang. Wir hatten ja nix, damals, als Studis.

Kassenbon
Von 1997, über ein Päckchen Tabak für 5,80 DM. Ich glaube, das gleiche Päckchen kostet heute 7 Euro.

Zettel
Offensichtlich eine Nachricht, die offensichtlich ein weibliches Wesen aus meiner damaligen WG mir aufgrund eines verpassten Anrufes eines anderen weiblichen Wesens hinterlassen hat. Nur: Wer ist Christiane??

Außerdem gefunden:

Ein Kassenbon vom 04.08.1997. Offensichtlich habe ich damals CDs gekauft – zum Wahnsinnspreis von 29,95 DM pro Stück. Ich weiß auch, warum ich die bei Marktkauf, eigentlich einem Lebensmittelladen, gekauft habe – überall sonst waren die NOCH teurer.

Das nächste Fundstück ist aber richtig super:

Anscheinend wollte ich damals einen PC bauen. Das sollten die Teile sein:

Pentium 200 Prozessor 599,- DM
Motherboard 259,- DM
2,1 GB Festplatte 429,- DM
NoName 3D-Karte, also eine Lizenzproduktion der Voodoo-Karten oder eine S3: 109,- DM

Mach zusammen fast 1.400,- DM. Das waren bei der Euroeinführung 715 Euro.
Heute bezahlt man für solchen Kram gerade mal 400 Euro.

Und dann war in der Tasche noch DIE NIVEADOSE:

Zumindest vermute ich, dass es DIE NIVEADOSE ist. Oder sein könnte. Niveadosen trug ich damals dauernd mit mir rum, weil durch die Arbeit im Studijob bei McDonalds, wo man sich alle paar Minuten die Hände desinfizieren musste, die Haut ganz trocken war. DIE NIVEADOSE hatte ich in der Armeetasche, als ich mit dem Motorrad in den Bergen hinter Cortina unterwegs war – und es mir plötzlich das Vorderrad weghaute. Wumms, schlitterte das Motorrad auf der Seite über den Asphalt. Auf DER Seite, an der die Tasche befestigt war. Darin: DIE NIVEADOSE. Die war anschliessend nur leicht ramponiert, obwohl ein Motorrad (und der Fahrer) auf ihr lag.
In meiner Erinnerung war die aber doch noch etwas kaputter, also ist sie es vermutlich nicht. Aber egal, trotzdem war das eine lustige Zeitreise.

Kategorien: Historisches | 2 Kommentare

Dorfkino

Früher, da gab es nicht nur das eine Multiplexkino in der Stadt, Kilometer entfernt. Früher, da gab es diese kleinen Dorfkinos mit nur einem Saal, die teilweise nur zwei Filme pro Woche zeigten – dann aber abgesprochen mit den Kinos mit den umliegenden Dörfern. So konnte man in Bad Gandersheim „Zurück in die Zukunft“ sehen, während in Einbeck „Die Farbe Lila“ lief.

Ich wurde in den Residenz-Lichtspielen in Bad Gandersheim sozialisiert. Aufgewachsen bin ich in einem Nachbarort, aber nachdem ich dort 1980 „Krieg der Sterne“ gesehen hatte (Ich war 5!) haben die zugemacht.

Das Kinosterben hatte damals schon begonnen, was aber zum Teil auch an den wirklich schlecht geführten Häusern lag. Wenn über Jahrzehnte nichts investiert wurde, die Lautsprecheranlage auf dem technischen Stand von 1938 hängen geblieben war und die Sitze so durchgesessen, dass einem die Federn eine Lumbalpunktion verpassten, dann wollte man da nicht unbedingt rein. Aber es gab auch die anderen, die ihr Kino mit Herz und Liebe, aber meist ohne viel Geld führten. Für die meisten Kinobetreiber war es ohnehin ein Nebenhergeschäft: Tagesüber Fleischer, Abends Kinobetreiber. Das musste nicht schlimm sein – die Leute machten Kino teilweise nicht weil sie mussten, sondern weil sie Kino liebten. Vor allem liebten Sie IHR Kino.

Ein Dorfkino, das war in der Regel ein Saal mit vielleicht 100 Plätzen vor, ganz steampunkmäßig alt (30er-50er Jahre)eingerichtet, teilweise mit Plüsch u.ä. Manchmal sogar mit Tischen und Bedienung am Platz, in manchen durfte man noch rauchen. Vor dem Film wurden 5 Minuten handcolorierte Dias von Geschäften im Ort gezeigt und ein(!) Werbespot. Im Winter für Kopfhörer, im Sommer für Langneseeis. Dann ging schon die Trailershow los. Damals hieß das nicht Trailer, sonder Vorschau. Woanders als im Kino konnte man keine Vorschauen sehen. Dann ging auch schon der Film los.

Der Filmvorführer gab sich die größte Mühe, alles aus Bild und Ton rauszuholen, während seine Mutter oder die Ehefrau im Foyer Süßigkeiten einzeln verkaufte. Und nach der letzten Vorstellung konnte man die Kinoposter mitnehmen, einfach so. Das waren Dorfkinos. Besser als Multiplexe. Leider halt aber auch Altmodisch. Als die Multiplexe aufkamen, starben viele der Dorfkinos an Altersschwäche – in moderne Speicher- und Projektionsverfahren und ordentliche Soundsysteme konnten und wollten viele Betreiber nicht investieren. As wäre aber nötig gewesen, um in der Publikumsgunst mit den modernen Multiplexen mithalten zu können. Von vielen Dorfkinos sind die Räume sogar noch erhalten, aber sie werden seit vielen Jahren nicht mehr bewirtschaftet. Ich habe mir voll den Ast gefreut als ich gesehen habe, das mein Lieblingsdorfkino seit einem Jahr wieder offen hat – getragen von einem Verein der Filmfreunde. Die machen sogar 3D.
Da muss ich unbedingt hin. Was habe ich damals dieses Kino geliebt. Dort habe ich alle wichtigen Filme gesehen, von „Top Gun“ über „Zurück in die Zukunft“, „Ghostbusters“ bis hin zu „Cap & Capper“. Anfangs nur mit Eltern, später durfte ich allein mit dem Zug fahren (einen halben Tag unterwegs für einen Film, aber das war ABENTEUER) und irgendwann hatte ich eine Simson und konnte fahren wann ich wollte. Das habe ich weitlich ausgenutzt: Allein „Terminator 2“ habe ich bestimmt ein Dutzend mal in diesem Kino gesehen. Konnte ich mir auch leisten: 2,50 DM die Schülerkarte.

Kino ist etwas, das im Leben zählt. Wenn Liebe drin steckt. Und das Publikum nicht nur reingeht, um die Zeit bis zur Kneipe zu überbrücken, oder um die Schnalle im Nebensitz ins Bett zu kriegen.

Kategorien: Betrachtung, Historisches | 10 Kommentare

Katalogartikel

Früher, als es noch kein Internet gab, da konnte man absolut sicher sein, dass wirklich JEDER dörfliche Haushalt im Besitz von ca. 6 Kilo Katalogen war. Ich fand die Dinger als Kind ja doof. Die Spielzeuge waren immer nur auf wenigen Seiten, und Star Wars-Sachen sogar nur auf einer halben. Stattdessen viel zu viel Anziehsachen und merkwürdige Dinge wie „Massagestäbe“ („Entspannung pur für SIE“ – hihi, ich hätte fast mal meiner Mutter einen zu Weihnachten geschenkt, weil sie immer so einen verspannten Rücken hatte. Na, DAS wäre eine Bescherung geworden).

Neckermann, Otto und Quelle gehörten einfach zum Leben dazu, denn Kaufhäuser gab es nur in der Kreisstadt, und die war eine Tagesreise entfernt und wurde nur alle paar Monate mal besucht. Oder nie, denn ich kenne tatsächlich noch Frauen (ja, ALLE waren Personen weiblichen Geschlechts), die aus diesen Katalogen lebten. Da wurde dann hemmungslos bestellt, gern auch das gleiche Kleid in 5 verschiedenen Größen und 3 Farben, dann zu Hause in Ruhe anprobiert und Probegetragen, und am Ende alles bis auf eines wieder zurückgeschickt. Oder ALLES zurückgeschickt, weil „bei dem Licht im Wohnzimmer das ganz anders wirkt als im Katalog“. Ach, aber beim Sommerfest, bei dem das Kleid getragen wurde, war das Licht OK oder wie?

Ich fand die Praxis des massenhaft bestellens-und-sieben-Achtel-zurückschickens wieder ja immer ein wenig merkwürdig. Mir liegt das nicht. Wenn ich was bestelle, bezahle und behalte ich das. Meine sechzigseitige Amazon-History (letzte 24 Monate) spricht da Bände. Dementsprechend unwohl war mir, als ich vorhin Handschuhe im Wert von über 400 Euro bestellt habe:

Natürlich brauch ich nur ein Paar, aber was soll ich machen? In den Filialen war ständig eine Größe oder ein Modell nicht da, und je nach Uhrzeit und Tagesform sind meine Finger mal dicker und mal schlanker. Also habe ich zum ersten Mal Zeugs bestellt, von dem vier Fünftel wieder zurückgehen werden. Aber die nette Dame an der Bestellhotline meinte, das sei Gang und Gäbe und sie könne nur jedem raten das so zu machen. Trotzdem: Ungutes Gefühl. Hoffentlich geht das glatt, ich habe keine Lust ein paar Hundert Euro für ein verlorenes Paket zu bezahlen.

Kategorien: Gnadenloses Leben, Historisches | Hinterlasse einen Kommentar

Heizung an!

Und dann war da noch Runger. Den nannten wir so, weil das sein Nachname ist.
Runger fuhr, noch bis vor Kurzem, einen Golf II „Memphis“, den er Anfang der Neunziger mal von seinen Eltern geliehen und dann vergessen hatte zurück zu geben. Der Golf war ursprünglich in der Farbe „Tornadorot“ ausgeliefert worden, aber wie das mit der Haltbarkeit der VW-Lacke zu der Zeit so war: Denen konnte man beim Verwittern zugucken. Als ich Runger kennenlernte war der Golf deshalb schon nicht mehr rot, sondern hatte eine hellrosa Färbung ausgenommen. Runger fuhr in einem Barbiebomber durch die Gegend.

Das störte ihn aber gar nicht, er war da sehr stoisch. Das galt auch für die anderen Macken, die der Wagen über die Zeit an den Tag legte. Runger fand immer eine Möglichkeit, sich mit den Fehlfunktionen zu arrangieren oder möglichst wenig zu investieren. Beispiel: Als bei einem verunglückten Aufbruchsversuch das Türschloss auf der Fahrerseite zerstochen wurde, stieg er halt immer auf der Beifahrerseite ein und ruckelte sich rüber auf den Fahrersitz. Als dann das Schloss auf der Beifahrerseite kaputt ging, kletterte er wochenlang durch den Kofferraum. Und als die letzte Glühbirne der Armaturenbrettbeleuchtung ihr Leben mit einem funzeligen Glimmen aushauchte und dadurch der Tacho im Dunkeln nicht mehr ablesbar war, fuhr Runger über Land nach Gehör („Man kennt doch sein Auto“) und in der Stadt mit einer Taschenlampe, die er über ins Armaturenbrett geklemmt hatte. Diese Beispiele vermitteln einem den Kern von Rungers Charakter: Eine unerbittliche Sturheit, gepaart mit schwarzem Humor.

Er kam mit diesen Nummern irgendwie auch immer durch, dank schweinemäßigem Glück.
Bis heute legendär ist der Abend, an dem wir von der Polizei angehalten wurden. Runger hatte zu viel getrunken, die Kennzeichenbeleuchtung war nur mit einem beherzten Tritt zu aktivieren, die Reifen waren abgefahren, die Blinker auf der linken Seite funktionierten nicht und auf dem Armaturenbrett rollte die Taschenlampe hin- und her. Wie wir aus der Kontrolle nur mit der Ermahnung, uns mal um die Kennzeichenbeleuchtung zu kümmern, rausgekommen sind, weiß ich bis heute nicht.

Die Hauptmacke des Golf war aber eine andere. Die Heizung. Die, nun, sagen wir mal, roch. Auch damit hatte Runger sich arrangiert: Er benutzte sie einfach nicht. Bei Fahrten im Winter packte er sich einfach dick ein. Anorak, Winterstiefel, Skihandschuhe, und bei Minusgraden setzte er einfach eine Sturmhaube auf. So eine schwarze Vollmaske, wie sie von Verbrechern im Film bei Banküberfällen tragen. So eierte er dann bei Minusgraden in voller Verbrechervermummung, mit einer Taschenlampe hantierend, in seinem rosa Golf durch die Gegend. Das dürfte mehr als einmal zu Schrecken bei Leuten geführt haben, die an der roten Ampel zufällig rüberblickten.

Bei Temperaturen wie aktuell gerade, also zweistellig im Minusbereich, führte die Nichtbenutzung der Heizung bei anderen Fahrzeuginsassen zu Irritationen. Während der Fahrer in Vollvermummung und mit dicken Skihandschuhen da saß, fror man sich als Beifahrer sonstwas ab.

Die Situation war dann immer die gleiche:

Beifahrer: „Alter, jetzt mach die Heizung an, ich sterbe hier!“
Runger: „Bist Du da wirklich sicher?“
Beifahrer: „JAAAAA! Oder ist die kaputt?“
Runger: „Nö, die funktioniert.“
Beifahrer: „Dann MACH DAS DING AN!“
Runger: „Willst Du das wirklich, Dave?“
Beifahrer: „Ja! Jetzt hör auf „2001“ zu zitieren! HEIZUNG AN!“ (Zähneklapper)

Heizung an.
Schweigen.
Fünf Sekunden später:

Beifahrer: „Machst Du die Heizung bitte wieder aus?“

ALLES war nämlich besser, als diesen infernalischen Gestank des rosa Boliden zu ertragen. Auch erfrieren.
Sobald man die Heizung aktivierte, stank es im Wagen schlagartig nach verbranntem Kunststoff in Tateinheit mit verwesendem Fisch. Keine Ahnung, wie VW DAS gemacht hat, aber es war eine ingenieurtechnische Meisterleistung, die keine Werkstatt beheben konnte.

Ich glaube, im Laufe der Zeit hat jeder, der bei Runger mitgefahren ist, irgendwann einmal das Einschalten der Heizung gefordert. Einfach weil man die eigenen Finger nicht mehr spürte und ALLES BESSER SEIN MUSSTE als diese verdammte Kälte! Und dann wurde man eines besseren belehrt.

Runger, der diese Nummer mit seinen Beifahrern dauernd erlebte, hatte das breiteste Grinsen überhaupt im Gesicht. Da bin ich mir sicher, auch wenn ich es durch die Sturmhaube nicht sehen konnte.

Kategorien: Historisches | 13 Kommentare

Träume aus anderen Zeiten: Die Dampfmaschin´

Wat is´n Dampfmaschin?
Da stellen wa uns ma janz dumm und sag´n: Ne Dampfmaschin, des is ne jroße, runde, schwarze Raum. Und der jroße, runde, schwarze Raum, der hat zwe Löcher. Det eene Loch, da kömmt de Dampfe rein. Und det anere Loch, des kriegn wa später.

– Die Feuerzangenbowle, 1944

Dampfmaschinen faszinieren Jungen und Männer. Oder besser: Sie taten es, früher. Da träumten die Jungen von diesen kleinen Heizkesseln, in denen man Wasser mit einem kleinen Esbitriegel erhitze und es dann zischte es und pfiff und irgendwas passierte. Als ich klein war, träumte ich nicht von Dampmaschinen. Ich war schon eine andere Generation. Aber im Spielwarenladen im Dorf, da stand noch eine im Schaufenster. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich immer fragte, was dieses ernst und würdevoll und wertig ausschauende Metallding wohl machte, das da zwischen all den billigen Plastikspielzeugen stand. Obwohl ich nicht wusste was es war, und obwohl ich nicht mehr zu der Generation von Jungen gehörte, die sich nichts sehnlicher wünschten, übte die Dampfmaschine eine Faszination aus.

Dampfmaschinen gab es in allen möglichen Größen und das Zubehör, dass man daran anschließen konnte, war äussert vielfältig. Das Schicksal wollte es, dass ich mal eine Dampfmaschine erbte. Wenn ich die Geschichte richtig in Erinnerung habe, wurde sie von Arbeitern in einem Werk von Bayer angefertigt, für einen Vorgesetzten, als der 1978 in Rente ging. So deute ich zumindest das Schild mit eingeschlagenen Buchstaben „7801“.

Diese Dampfmaschin schlummerte jahrelang im Verborgenen, weil sie so groß ist, das ich in meinen Wohnungen nie Platz dafür hatte.. Gerade gestern habe ich nun das Schmuckstück aus den zerfallenden Katakomben des einstigen Zentralarchivs, in dem meine Jugend eingelagert war, geborgen.

Die Perspektive täuscht über die Maße hinweg: Die Platte hat eine Länge von über 50 Zentimetern.


Das Herzstück: Die eigentliche Dampfmaschine mit dem Druckkessel, unter dem mit Spirituswürfeln ein Feuer entflammt wird.



Das Dings, das aus Dampf Bewegung macht: Laut Feuerzangenbowle ist es "De Kolben".


Mit dran angeschlossen über einen Transmissionsriemen: Ein kleiner Generator, der eine Taschenlampenbirne mit Strom versorgen kann.


Ebenfalls über die Transmissionsriemenbrücke verbunden: Ein Hammerwerk und ein Klopfwerk.

Wer mitspielen möchte kann vorbeikommen.

Kategorien: Historisches | 4 Kommentare

Nummernboy

Ich mache mich ja immer über Leute lustig, die auf die Frage nach der Nummer ihres Mobiltelefons erst einmal panisch mit den Augen rollen und dann in ihrem eigenen Handy nach ihrer eigenen Rufnummer gucken müssen. Ich meine, wie peinlich ist DAS denn? Und was machen diese Leute wenn sie sich mal selbst anrufen müssen, z.B. weil sie das Telefon verlegt haben?

Also, MIR würde das ja NIE passieren. ICH kann meine Mobiltelefonnummer im Schlaf aufsagen. Ich habe die ja auch erst 14 Jahre. Damals, in den Neunzigern bekommen. Als ich noch jung war, und mir das auswendig lernen von Telefonnummern noch leicht fiel, weil man das ja immer und ständig machen musste. Ich hatte von allen Bekannten die Nummern im Kopf. Die speicherte man sonst ja auch nirgendwo, allerhöchstens schrieb man sie in dicke Organizer aus Papier rein, aber immer wenn man das Ding brauchte, hatte man es nicht dabei. Also, DAMALSTM saugte mein Hirn Nummern auf wie ein Schwamm und konnte die beliebig wieder aufspeichern.

Mittlerweile fehlt mir da aber wohl die Übung drin. Dachte ich neulich so, als ich nach meiner FESTNETZNUMMER gefragt wurde, worauf ich panisch mit den Augen rollte und erst einmal das Mobiltelefon konsultieren musste…

Kategorien: Gnadenloses Leben, Historisches | 3 Kommentare

Ruhe in Frieden, Talent von Amy Winehouse

Als ich 2008 das erste mal ein Stück von Amy Winehouse hörte, war ich spontan hin und weg. Das Album „Back to Black“ war großartig, fast jedes stück darauf nach meinem Gusto. Dummerweise ist Frau Weinhaus unmittelbar nach Diktat ins Drogiland verreist und sehr lange nur in den Schlagzeilen gewesen, wenn sie wieder mal in aller Öffentlichkeit zusammengebrochen war. Aus der aufstrebenden Sängerin war binnem kurzem ein Methgesicht geworden, und zwar auf ekelhafteste Weise. Ich beschloss, mich über ihr bisheriges Werk zu freuen, uns ansonsten so zu tun, als sei Amy Winehouse irgendwann 2009 verstorben. Lies: Bloss nichts mehr von ihr zu erwarten.

Ich glaube, das ist die richtige Einstellung. Die Tante ist gerade auf Tour gegangen, und lt. Berichten stolperte sie beim Konzert in Belgrad auf der Bühne rum, fiel in die Kulissen und konnte sich nicht an Texte erinnern. Leider keine Erfindung der Medien, wie das folgende Video zeigt.

Ruhe in Frieden, talentierte Sängerin.

Kategorien: Betrachtung, Historisches | 6 Kommentare

Zugeparkt

Beamte und Angestellte des öffentlichen Diensts des Landkreises haben es mal wieder geschafft Herrn Silencer derart zu verblüffen, dass er das Geschehene sofort aufschreiben muss, weil er es sonst morgen selber nicht mehr glaubt.

„Bitte beachten sie unser neues Abfertigungssystem“ – ja, auch im Kreishaus muss man jetzt eine Marke ziehen und dann auf einen Monitor glotzen, bis da die Nummer angezeigt wird. Neu ist, dass man schon beim Marke ziehen entscheiden muss, ob man eine KFZ- oder eine Führerscheinangelegenheit vorbringen möchte. Für Führerscheinangelegenheiten wird man dann in obskure Räume mit Phantasienummern gerufen, die irgendwo auf einer ganz anderen Etage liegen. Das sagt einem aber keiner.

In der Folge irrt dann die junge Frau mit der Nummer Z00014 auf der Suche nach Raum S028-3 zunehmend verzweifelt durch die langen Gänge mit Türen, die dick mit Zettelschichten aus verschiedenen Jahren behangen sind. Auf den Zetteln steht sowas wie „Heute nicht hier“, Wegen Krankheit heute kein Service“ oder „Bin in Urlaub, Vertretung erfolgt in Raum S08-4“ oder „Sprechzeiten ungültig, rufen Sie an für Terminvereinbarung“ aber ohne Angabe einer Telefonnummer.
Ja, das Kreishaus, der Ort wo der Landkreis seine Geschäfte erledigt, ist ein Ort, der normale Leute irre macht.

Mich nicht. Ich bin jetzt den dritten Tag in Folge da und kenne hier den normalen Schwachsinn. Ich bin Profi. Ich möchte gerne das Mopped ummelden. Vorgestern ging das nicht weil die EVB-Pin fehlte, gestern fehlte die TÜV-Bescheinigung („Wie, das steht nicht auf unserer Checkliste im Internet? Muss da auch nicht stehen, sowas WEISS MAN DOCH!“), aber heute wird es klappen. Auch, wenn die neue Aberfertigungsanlage kaputt ist. Sie piept noch, aber der Monitor zeigt nur manchmal Schalternummern oder Phantasieräume an.

Nein, heute habe ich ein gutes Gefühl. Und ein leicht unruhiges. Ich habe nämlich auf dem Kreishausparkplatz geparkt und war so stolz darauf, den letzten Parkplatz, gaaaaanz hinten, am Zaun, gefunden zu haben, dass ich erst jetzt, 10 Minuten später begriffen, habe, was die vier unterschiedlichen Schilder besagen wollten. Jetzt hat mein Hirn die unterschiedlichen Infos enttüddelt, dass man dort Di und Do ab 15 und Fr ab 12 Sowie werktags ab 19 Uhr da mit Parkschein parken darf und ansonsten die Parkscheibe reicht, aber nur auf zwei Parkplätzen, und mit Parkausweis zu spnstigen Zeiten. Mit anderen Worten: Die Parkscheibe, die ich vorne ins Auto gepackt habe, und die 50 Cent für den Parkschein im Automaten waren überflüssig, weil ich da jetzt gerade trotzdem nicht parken darf. Naja, es ist kurz nach 8, da trinkt das Ordnungsamt noch Kaffee, oder? Wird schon gut gehen.

Tatsächlich habe ich nach 20 Minuten einen neuen Stempel im Fahrzeugbrief, bin um 41,- Euro (!) ärmer und eile gen Auto.
Schon aus der Ferne sehe ich, dass da was nicht stimmt. Zwar steht da kein Abschleppwagen, aber ich wurde zugeparkt! Beim Näherkommen sehe ich, das sich gleich drei Autos mit offiziellen Parkausweisen des Kreises hinter das Kleine Gelbe AutoTM gekeilt haben. Super.

Und nun? Haben die Doofbratzen mich zugeparkt, um das Corpus Delicti des Falschparkens gleichsam festzuhalten? Ist vielleicht schon ein Abschleppwagen, das Ordnungsamt oder ein SEK unterwegs? Grrrrh.

Da sehe ich aus den Augenwinkeln, wie am anderen Ende des Parkplatzes ein Passatfahrer gleich drei Autos zuparkt, aussteigt und deren Windschutzscheiben beglotzt und sich dabei was notiert. Noch ein Kreisdjango, der das Parkraumrecht in eigene Hände nimmt?

„Hallo, entschuldigung“, rufe ich ihn an, „Sie gehören doch hier sicherlich dazu. Ich bin da vorne zugeparkt worden – was mache ich denn da jetzt?“
„Oh, das ist ganz einfach“, sagt der Mittvierziger mit der Nickelbrille und dem kleinkarierten Hemd freundlich, „Sehen Sie, wir haben hier alle so Parkausweise vorne drin. Da steht unsere Durchwahl drauf. Ich habe die Kollegen jetzt hier zugeparkt und notiere mir ihre Durchwahlen, damit ich sie gleich anrufen und ihnen sagen kann, dass ich sie zugeparkt habe.“ Ich glotze ihn fassungslos an. „In Ihrem Fall machen Sie es anders rum: Sie gucken nach den Durchwahlen der Leute die SIE zugeparkt haben, und rufen die an. Die kommen dann und fahren Ihre Wagen weg.“ Ich kann immer noch nicht glauben was ich da höre. „Ist das das ÜBLICHE System hier?“, frage ich. „Ja, es gibt halt zu wenig Parkplätze. Da vorne im Gebäude hängt ein Diensttelefon, das dürfen Sie kostenfrei benutzen.“

Wenige Minuten nach einem kurzen Anruf („Hallo? Ich hätte da einen Parkplatz für sie, sie müssen mich nur rauslassen“) später ist Frau Poppe da und fährt ihren Golf weg, was mir ein milimeterweises rauszirkeln aus der Parklücke ermöglicht. Endlich frei erfolgt der überfällige Facepalm. Meine Güte, man stelle sich das vor: Da verbringt ein Teil der Kreisangestellten einen nicht unerheblichen Teil der Arbeistzeit damit, sich gegenseitig zuzuparken, sich anzurufen und sich über die Zuparkerei zu informieren oder einen Anruf entgegenzunehmen, um dann aufzuspringen, den Arbeitsplatz zu verlassen, zum Parkplatz zu rennen und umzuparken. Was, bei der Größe der Liegenschaft, vermutlich durchaus mal 15 bis 20 Minuten dauern kann.
Unfassbar, oder? Unglaublich, dass sowas überhaupt erlaubt ist. Noch unglaublicher, dass dies das System ist, das laut dem Kleinkarierten „vom Landrat selbst eingeführt wurde“. Unfassbar.

Das fällt in die Kategorie „Ich schreib das mal besser auf, morgen glaube ich das selbst nicht mehr“.

Kategorien: Gnadenloses Leben, Historisches, Kurz notiert, Skurril | 4 Kommentare

Notiz an mich selbst

Vorsicht mit der Batterie! Rot ist Minus und kommt nach vorne!!

Meistens fluche ich ja über mein Vergangenheits-Ich, weil ICH die Dinge aufarbeiten muss, die ER prokrastiniert hat. Manchmal, ganz selten allerdings, freue ich mich dann doch, weil mein Vergangenheits-Ich mir Nachrichten schickt, die mich an wichtige Dinge erinnern.

Der obige Zettel klebte auf dem Ladegerät für die Motorradbatterie. Und in der Tat hatte ich über den Winter die komische Schaltung vergessen und „Plus“ natürlich an das rote Kabel angeschlossen. Wäre nicht die Notiz meines Vergangenheits-Ichs gewesen, hätte es einen saftigen Kurzen gegeben.

Kategorien: Fun, Gnadenloses Leben, Historisches | Hinterlasse einen Kommentar

Auf Butterfahrt beim Zahnarzt

Herr Silencer hatte ein Erlebnis beim Zahnarzt das er unbedingt mitteilen muss. Dabei geht es um marode Zähne, marode Gesundheitswesen und Nuffelmuffen. Am Ende kommt der Autor zu einer erstaunlichen, ja lebensverändernden Einsicht. Aber bis dahin wird keiner lesen, denn der Text ist viel zu lang und sollte von Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne nicht angeguckt werden. Ach, am besten guckt niemand den Text an, in seinen Lücken hängen noch Speisereste.

„Aha. Hm-Hm. 7.1 C, 7.2 C“, murmelt der Zahnarzt vor sich hin, während er mit Spiegel und Haken in meinem Mund rumstochert. Es ist das erste Mal das ich in dieser Praxis bin. Mich plagen stechende Zahnschmerzen in einem Backenzahn, fühlt sich nach einem Loch an.

Den neuen Zahnarzt habe ich aus Faulheit gewählt. Er hat seine Praxis quasi im Nachbarhaus. Das ist bequem, und auch wenn Zahnarztauswahl gemeinhin als Vertrauenssache gilt. Zahnärztewahlen sind etwas sehr intimes, aber witzigerweise weniger intim als die Wahl anderer Fachärzte. Mich hat noch niemand gefragt, ob ich einen guten Proktologen kenne. Die sucht man wohl eher über´s Telefonbuch, als jemand anders wissen zu lassen, das man da Hinten/Untenrum beschwerden hat.

Aber bei Zahnärzten sieht das anderes aus. Sucht man einen Zahnarzt, dann fragt man im Bekanntenkreis rum und lässt sich Empfehlungen geben. Witzigerweise hat fast jeder Bekannte den „besten Zahnarzt der Stadt“ und weiß dafür drei „Pfuscher, die überhaupt keine Ahnung haben“ – wobei der gleiche Arzt, je nachdem wen man fragt, mal in die eine und mal in die andere Kategorie fällt.

Zahnarztwahl ist also Vertrauenssache. Aber warum nur? Das fragte ich mich, als ich meinen neuen Arzt nach der Entfernung auswählte. Immerhin ist es letztlich zum großen Teil Handwerk, und das muss jeder Zahnarzt beherrschen. Der Leistungskatalog und die Vergütung wird von den Krankenkassen vorgegeben. Müsste es nicht eine Niveauangleichung gegeben haben, die Zahnärzte letztlich… austauschbar macht? Hat in unserem Gesundheitssystem so etwas wie „Vertrauen“ noch einen Platz und, falls ja, noch Berechtigung, oder ist das ein überholtes Konzept?

„8.1 ist da. Ansonsten sind die dritten Molaren noch nicht durchgebrochen“
„Wai i kai´e ha´e“, stosse ich hervor
„Wie bitte?“, fragt der Arzt und zieht seine Werkzeuge aus meinem Mund.
„Weil ich keine weiteren Weisheitszähne habe. Ich habe nur den einen“, sage ich etwas deutlicher.
„Das kann gar nicht sein, das sollten wir röntgen. Das wollte ich eigentlich vermeiden, ich möchte eigentlich nur Dinge machen, die wirklich notwendig sind“, erwidert der Arzt.
„Das hört sich gut an.“
„Und bei Ihnen ist eine ganze Menge zu machen“, sagt er ernst.
Jetzt ist es an mir, laut „Wie BITTE?“ zu sagen.

Ich bin nicht ganz unstolz auf meine Zähne. Trotz jahrelanger Raucherei und fortgesetzten Kaffeekonsums sind sie nicht verfärbt, Zahnstein ist gänzlich unbekannt und gegen die Karies putze ich zwei, manchmal dreimal am Tag an und verwende bei Bedarf Zahnseide. Abgesehen von Füllungen in den Backenzähnen, die noch aus jungen Jahren stammen und immer wieder Einfallstor für kleinere Löcher sind, ist mein Gebiß in einem guten Zustand. Dachte ich. Bis jetzt.

Pinguine sehen Dich an. (Selbstgemaltes) Bild unter der Decke der *guten* Zahnarztpraxis.

„Ja, sehen sie“, fährt der neue Zahnarzt fort, „Sie haben Karies hier, hier und hier. Hier beginnt was. Und dort liegt ein Zahnhals frei, das kann zu Parodontose führen.

Hä? Ich habe den ganzen Mund voller Karies? Wie konnte denn das passieren?!? Gut, ich war jetzt schon drei Jahre nicht mehr zur Kontrolle, aber…

„Und hier, da habe ich was entdeckt, gucken sie mal selbst, nehmen sie mal den Spiegel, ich zeige ihnen das, damit sie es auch glauben“, spricht der Arzt und drückt mir einen Handspiegel in selbige. Gemeinsam gucken wir einen Zahn an, den er von hinten beleuchtet und der daraufhin fast transparent scheint. „Sehen sie das? Das dunkle da im Zahninneren? Das ist unter einer Kunststofffüllung. Das ist eine riesige Karies. Oder, haha, die Reste einer alten Füllung. Nee, im Ernst, das wird es kaum sein. Das ist Karies. Riesig. Haben sie da keine Schmerzen? Nein? Wahrscheinlich ist die Wurzel schon tot. Muss trotzdem die ganze Füllung raus.“

OMG. Die Kunststofffüllung hatte mein letzter Arzt gemacht. Den hielt ich für ganz fähig, wie konnte der nur so rumpfuschen?

Moment mal… „Ich zeige ihnen das Mal, damit sie´s selbst sehen…“ Das habe ich zuletzt in einer Autowerkstatt gehört. Danach hatte der Techniker auf eine Irgendwas an der Radaufhängung gedeutet und gesagt: „Die Hinterachsbuchsen sind so runter, mit denen kann ich sie gar nicht vom Hof lassen. Die müssen gemacht werden. Wenn sie das nicht machen, fahren sie auf eigene Verantwortung. Eigentlich müsste ich den Wagen stilllegen.“

Ich als Laie sehe da halt dann dieses Dings, diese Nuffelmuffen-or-whatnot, das ist schwarz, und wenn der Mann-der-Ahnung-hat mich vor dem sicheren Tod durch Nuffelmuffenabnutzung retten kann, dann muss ich ihm doch dankbar sein und ihm sofort die 800 Euro dafür geben, oder? Oder?
Weiterlesen

Kategorien: Betrachtung, Gnadenloses Leben, Historisches, Rant | 5 Kommentare

Nach der Wahl in Baden-Württemberg

Sonntagabend, 18.49 Uhr. Laut Hochrechnungen der Forschungsgruppe Wahlen und Umfragen von Infratest Dimap wurde die Stefan Mappus vernichtend geschlagen.
Die Wähler sprachen ihr Vertrauen einer Partei aus, die bisher im „Ländle“ überhaupt keine Rolle gespielt hat. Diese Partei stellt auch den neuen Ministerpräsidenten: Einen Yeti.

Der Yeti freut sich sehr darüber, die Politik des Bundeslandes in den nächsten fünf Jahren entscheidend mitgestalten zu dürfen.


Weiterlesen

Kategorien: Berufsleben, Historisches | 8 Kommentare

Volksprodukte

Über die Schwemme an Werbe Tie-Ins zwischen der BILD-„Zeitung“ und Gott und der Welt hatte ich mich an anderen Stellen schon genügend aufgeregt.

Es gilt die Regel: Irgend ein Kram + BILD-Werbung = Volksprodukt.

Kaffeemaschinen, Waschautomaten, Pizza, Versicherungen, Computer, Kameras, Schuhe, Alkoholika und alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird durch BILD zur Volkskaffeemaschine, Volkswaschmaschine, Volkspizza, Volks-PC, Volks-Notebook, Volkskamera, (…you get the idea…) „veredelt“.

Schlimm genug ist schon, dass die BILD regelmäßig die Trennung von Werbung und redaktionellem Teil vergisst. Eine Stufe schlimmer ist noch die Namensgebung der Aktionen. Mir wird regelmäßig übel wenn ich sowas sehe. Im Ernst, wer hat es sich ausgedacht, ausgerechnet ein „Volks-“ davorzuhängen? Hat ausser mir denn niemand Assoziationen bei denen der Begriff nicht positiv besetzt ist?

Musste ich neulich dran denken, als ich diesen Karton hier auf dem Dachboden gefunden im Museum gesehen habe:

Übrigens kann man sich dem Wahnsinn kaum entziehen. Selbst wenn man es eigentlich boykottiert.

Kategorien: Betrachtung, Historisches, Medienschau | Hinterlasse einen Kommentar

6 – Im Limbus

Neil Gaiman Death Src: David Mack, Davidmackguide.com

Ich hatte es vergessen, aber den Tag gab es ja gar nicht. Da war dieser Blick und das stumme Kopfschütteln. In dem Moment, oder eigentlich schon am Morgen, war die Welt ganz still, aber in dem Moment, da faltete sich alles zusammen, in mir und um mich herum, es fiel alles nach vorne und faltete und faltete und faltete sich und wurde immer kleiner und kleiner bis es weg war. Es blieb die Leere und die Stille, aber die Wirklichkeit war weg und alles war ersetzt durch was, was genauso aussah, aber nicht real war.

Die Welt hatte sich zusammengefaltet und sich im Verschlingen geübt, mit Haut und Haaren, und wieder ausgespuckt im Limbus, dem Ort zwischen den Welten, dem Vakuum zwischen Welt und Tod. Der Limbus sieht aus wie die echte Welt, dabei ist er nur eine fade Kopie. Nichts ist echt, alles fühlt sich falsch an.

Alles fühlte sich falsch an, und das ist richtig. Weil sowas nicht echt sein kann. Sowas kann nicht in Wirklichkeit passieren, weil es nicht passieren darf. Dann kroch dieKälte in die Stille. Die Kälte ist die Gewissheit. Die Kälte umklammerte das Herz. Geräusche kamen langsam wieder, wie durch Watte oder unter Wasser. Und es kamen die stummen Tränen und das stille Schluchzen.

Die Fahrt zurück und das ankommen in der Bedeutungslosigkeit und das dümpeln im Vakuum. Das nicht wahrhaben wollen und gleichzeitig wissen, dass es wahr ist.
Im Limbus zu wandeln nimmt einem alle Energie: Er saugt aus, bis nichts mehr von einem übrig ist als eine hohlwangige Hülle mit leeren Augen. Im Limbus gibt es keine Zeit: Die Sonne rast am Fenster vorbei, aber immer wenn man hinguckt ist Nacht. Also muss man sich Nachts rasieren und Zähneputzen aber Frühstücken geht nicht, wie auch, man kann ja nichts essen, nie wieder. Man kann sich nur in den Schlaf weinen und hoffen, dass der möglichst lange anhält, auch wenn er unruhig ist und die Träume falsch.

Der Rest ist eine Aneinanderreihung von Bildern. Wenn ich mich anstrenge, dann bekomme ich auch alles wieder präsent, jeden Schritt, jede Zigarette, jeden Weinkrampf. Das Gefühl der Hilflosigkeit und des stark sein müssens. Des Funktionierens und der Dinge, die da kamen. Der Matratze auf der Seite und des Türmchens in der Dämmerung. Die Erinnerungen sind da, aber sorgfältig eingepackt in einem Karton mit der Aufschrift „Nur unter Aufsicht öffnen“. Die Erinnerungen im Griff haben ist wichtig, denn sonst haben sie einen im Griff.

Der Tag verschwand im Limbus und ganz viele von denen die noch folgen sollten auch. Die Welt, ignorant wie immer, hielt nicht inne, aber das Leben lief woanders. Vom Limbus aus kann man es spüren, aber nicht daran teilhaben, und das ist die schlimmste Folter.

Der Weg aus dem Limbus heraus ist unsichtbar und sehr, sehr lang und keiner weiß, wo er ist. So sehr man es fühlt, wenn man im Limbus gefangen ist, so wenig merkt man es, wenn man wieder einen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat und die Welt wieder ein winzig kleines Stückchen realer geworden ist. Heute ist die Welt wieder wirklich, aber das hat gedauert. Und der Preis war hoch, das hat alles viel mehr gekostet als nur den einen Tag, diesen 13. März, der verschwunden ist oder nie war.

Kategorien: Gnadenloses Leben, Historisches | 2 Kommentare

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: