Meinung

Texte, die nach Sperma riechen

„Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“
(Peter Handke, Oktober 2019)

Solche Fragen sind nämlich unter der Würde eines Peter Handke. Fragen wie die, was er von denjenigen hält, die die Verleihung des Literaturnobelpreis an Peter Handke kritisieren. Da reagiert ein Peter Handke dann schon mal beleidigt. Das passt zu jemandem, der sich völlig ironiefrei auf eine Stufe mit den Größten Schriftstellern der Geschichte stellt.

Handke ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als er in der taz verarscht wurde. Irgendeiner der Autoren der Satireseite „Die Wahrheit“ hatte Handkes Stil nachgeahmt, und ich dachte nur: Das gibt´s doch nicht, das jemand so schreibt. Gibt´s aber doch. Handke schreibt endlose Bandwurmsätze über Trivialitäten.

Beispiel gefällig? Hier. Herr Handke steht, warum auch immer, im Garten und guckt, ob am Baum noch eine Quitte hängt. Das ist alles. In Handkes Sprache wird daraus:

„Jetzt werde ich sie entdecken, die eine, bisher übersehene Frucht im scheinbar Fruchtleeren Baum“ – noch eine Steigerung, Schritt für Schritt um den Quittenbaum herumgehend, innehaltend, den Kopf hebend, äugend, vor und zurück gehend, und so fort, steigerte sich mein Vorsatz, zu erblicken, zu einem wilden Willen, mit nichts als den eigenen Augen die fehlende Frucht in die Leere über mir hineinzuschauen, alleine Kraft meines Blicks dort oben aus all den zugespitzten Blätterlanzetten in einem, und wenn auch noch so kleinem Zwischenräumchen „diejenige Welche“ hervor ans Licht zu treten, sich jetzt, jetzt vorwölben und rund zu machen. Und für den Bruchteil eines Augenblicks schien der Zauber zu gelingen, Da hing sie, die Frucht, so schwer wie duftig.

Das ist keine sinnstiftende Literatur, dass ist Zeitverschwendung im grauen Raum der eigenen Tristesse. Handkes Texte sind wortverkleisterte Allgemeinheiten, die sich eigentlich immer nur um eines drehen: Um ihn selbst.

Peter Handke schreibt stets über Peter Handke. Die Welt um ihn herum ist ein Spiegel, den er nur für eines nutzt: Sich selbst darin zu betrachten.

Das ist eine besonders klebrige Form von literarischer Onanie, die sich oben drauf noch einer unangenehm manierierten Schreibweise bedient. Jeder triviale Scheiss wird zu einer dem Autor huldigenden Erektion aufgeblasen, deren Lusttröpfchen in jede Ritze suppen bis der ganze Text nach kaltem Peter-Handke-Sperma riecht.

Natürlich nimmt sich Peter Handke überaus ernst, immerhin ist er der wichtigste Mensch in der Welt, ach was, des Universums! des Peter Handke.

In den 80ern und 90ern machte der Peter Handke einige Pauschalreisen, pinselte seine Beobachtungen in ein Reisetagebuch und nannte das dann – nein, nicht „Peter Handkes Reisetagebuch“, sondern „Das Gewicht der Welt“. Darunter macht ein Peter Handke es nicht.

Die Beobachtungen eines Peter Handkes über andere Ländern sind dann aber hauptsächlich Beobachtungen über Peter Handke selbst. Aber auch die sind wieder trivial, vom Kaliber:

„Die Welt im Gehen, Schauen, Bedenken, Betrachten stellt sich anders dar als die Welt in den Zeitungen“

„Nein!“ – „Doch! – „OH!“

Ich kenne nicht viele „großen, wichtigen“ Autoren des absurd selbstreferentiellen Literaturbetriebs, und die meisten von denen, die ich kenne – wie den unvermeidbaren Günther Grass – finde ich schwer erträglich. Es ist viel zu oft eitle Altmännerlitertur aus einer vergangenen Epoche, aber Handke, Handke ist mit dem was er schreibt und wie er es schreibt wirklich herausragend unerträglich.

Vollends eklig wurde Handke, nachdem er Mitte der 90er zwei Kurztrips nach Serbien gemacht hatte. In „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ von Peter Handke verharmlost Peter Handke serbische Kriegsverbrechen.

Handke guckte in die serbische Landschaft, sah das Leben der einfachen Leute und beschieht, dass Menschen, die Barfuß laufen, keine Kriegsverbrechen begangen haben können. Der Mutlifunktionskünstler Wiglaf Droste beschieht Handke dafür einen veritablen Dachschaden, aber erstaunlicherweise lasen einige Leute immer noch seine schwiemligen Texte. Zumindest im Feuilleton, auch wenn die „Zeit“ sich zwischenzeitlich leicht enttäuscht zeigte:

„Man erfährt, dass Peter Handke in Serbien ein gern gesehener Gast ist – er darf umsonst tanken, man reicht ihm dort bei Bombenalarm bereitwillig Äpfel, und einfache Zimmermädchen sagen ihm Dank, „für das Wort, das ich meinerseits für sie und ihr Land, für ihr Land, für sie, eingelegt habe“

In einem Land, in dem einem Peter Handke so gehuldigt wurde, hatte Peter Handle seine Bestimmung gefunden. Während ihn in seinem Heimatland niemand mehr wollte, verstand er sich fortan als „Freund des serbischen Volkes“. Er kumpelte mit Slobodan Milošević herum, den Handke im Gefängnis besuchte, öffentlich verteidigte und dessen Völkermord er bis heute leugnet. Handke tingelte durch die Welt und machte Werbung für einen Völkermörder, gab Tips wen die Serben bei Wahlen wählen sollten, trat der Serbisch-orthodoxen Kirche bei und reagierte beleidigt, als das nicht alle im Literaturbetrieb so töfte fanden.

2014 war er immer noch so eingeschnappt, dass er anregte „Den Literaturnobelpreis sollte man endlich abschaffen“. Die diesjährige Entscheidung des Nobelpreiskommitees, ausgerechnet Peter Handke auszuzeichnen, ist für alle Menschen außer Peter Handke völlig unverständlich.

Verständlich ist hingegen, das Peter Handke den Preis, den er unbedingt abschaffen wollte, in dem Moment wieder toll findet, wo er ihn verliehen bekommt. Peter Handke nimmt den Preis an und streicht das Preisgeld ein. Kritik an seiner Geschwiemel wischt er mit dem Verweis, dass er in der Tradition der größten Schriftsteller der Geschichte steht, einfach weg – als wäre das, selbst wenn es stimmen würde, eine Erklärung für dünnhäutige Wutausbrüche.

Das passt genau in das Muster einer eingebildeten, eitlen Wurst, wie Peter Handke eine ist.

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Nicht politikverdrossen genug

Ein junger Mann setzt sich hin, guckt sich mal die Politik der letzten 20 Jahre an, und was er findet, regt ihn einigermaßen auf. Darüber macht er ein Video, in dem er über die, in seinen Augen, wichtigsten Verfehlungen spricht. Da ein Großteil davon die CDU/CSU zu verantworten hat, trägt das Video den Titel „Die Zerstörung der CDU“, Jugendsprache für „Kritik an der CDU“. Sechs Tage später und drei Tage vor der Europawahl hat das Video fast acht Millionen Aufrufe und 150.000 Kommentare.

Auch SPD und AfD bekommen darin ihr Fett weg, aber tatsächlich dreht sich er Großteil um die CDU. Die Kritik bezieht sich auf Klimaschutz, Umverteilung und die offensichtliche Inkompetenz von Politikerinnen, die nicht mal rudimentäres Verständnis von ihrem Aufgabengebiet mitbringen und dennoch Ministerin sind. Das trägt Rezo, wie sich der junge Mann nennt, sachlich und ruhig vor. Jede einzelne Aussage, die er trifft, ist mit einer Quelle hinterlegt und verlinkt, die meisten Aussagen sind mit einem entsprechenden Videausschnitt versehen.

Und obwohl das Video mit einer Stunde Laufzeit eigentlich zu lang ist für die Plattform Youtube, wo Videos meist nicht länger als 8 Minuten dauern, erreicht es innerhalb von 6 Tagen sieben Millionen Aufrufe. Hier ist es:

Interessant ist die Reaktion der CDU. Die reagiert nämlich, für Internetverhältnisse, lange Zeit gar nicht. Als die Reichweite des Videos steigt und es immer öfter geteilt wird, beginnen einzelne Politiker damit rumzupöbeln, beschimpfen das Video als „Fake News“ und machen sich über Rezos blaue Haare lustig, nach dem Motto „Der Youtube-Vogel hat doch eh keine Ahnung“. Das war erwartbar, denn das ist auch einer der Punkte, die Rezo beklagt: Der respektlose Umgang der CDU mit politikinteressierten Jugendlichen, wie er gerade erst in der EU-Urheberrechtsdebatte zu bemerken war. Statt Argumente auszutauschen, fingen gestandene Politikerinnen von CDU und sogar den Grünen an, laut und hysterisch herumzupöbeln und persönlich zu werden.

So machte es auch die CDU-Vorsitzende Kramp-Karrenbauer, die nicht inhaltlich auf das Video eingeht, sondern miesepetrig raunzte „Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab.“ Für eine CHRISTLICHE Politikerin ein erstaunliches Unwissen, es waren immerhin 10 Plagen.

Nach 5 Tagen kündigte die CDU an, mit einem eigenen Video antworten zu wollen. Man setzte den jüngsten Bundestagsabgeordneten vor die Kamera, drehte einen Tag lang, Schnitt eine ganze Nacht durch – und warf das Ergebnis am Ende in die Tonne. Das „Amthor-Video“ wird auf Twitter schon als ähnlich mysteriös besprochen wie das Bernsteinzimmer: Niemand wird es jemals sehen.

Stattdessen veröffentlichte man einen offenen Brief, in dem in typischen Nullsätzen geschwurbelt und Rezo „zum Dialog“ eingeladen wurde. Kann man machen, muss man aber ganz klar sehen: Thema verfehlt. Denn das ist genau der Punkt von Rezos Video: In Dingen wie dem Klimawandel gibt es keine zwei Meinungen, die man ausdiskutieren kann. Damit macht er sich unangreifbar, und die CDU kann dagegen nicht an – wie genau soll sie denn begründen, dass sie Kohlekraftwerke bis 2038 laufen lassen will, um 20.000 Arbeitsplätze zu retten, wenn sie in den letzten Jahren durch ihre Politik 80.000 Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien vernichtet hat?

Interessant ist jetzt die Reaktion der klassischen, CDU-nahen Printmedien. Die FAZ stellt Rezo in die rechte Ecke und spricht von „Propaganda“. Damit unterstellt sie direkt mal, dass das Video aus Falschinformationen besteht, und Rezos Handeln gelenkt wird. Noch besser aber ein Kommentar, in dem Autor, der das Video offensichtlich nicht gesehen hat, sinngemäß herumheult, das „Immer der Beifall bekäme, der rumpöbelt, und wer am lautesten pöbelt, der kommt ins Fernsehen“.

Rezos Video hat aktuell fast acht Millionen Aufrufe. Darauf kommt die Tagesschau an sehr guten Tagen. Aber das Jugend von heute sich tatsächlich für Politik interessiert und dafür weder Fernsehen noch gedruckte Zeitungen braucht, das kommt im Weltbild von Politikern und Journalisten wohl nicht vor.

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Review: Nolan N100-5 mit N-Com B901L

Nolan hat 2018 einen neuen Tourenklapphelm rausgebracht, den N100-5. Dazu passend: Das B901L, die nächster Iteration des Kommunikationslösung mit Rücklicht im Helm. Ich habe mir beides im August vergangenen Jahres zugelegt und eine Meinung dazu.

Was jeder von einem Helm erwarten kann:

  1. Sicherheit
  2. Bequemer Sitz

Was ich persönlich noch möchte:

  1. Klappmechanismus
  2. Pinlock-Visier
  3. Sonnenblende
  4. Bluetooth
  5. möglichst leise

Bei Klapphelmen gelten allgemein die teureren Helme der Firma Schuberth als Referenz. Leider habe ich keinen Schuberth-Kopf, die Dinger passen mir einfach nicht. Perfekt passen dagegen die Helme der italienischen Traditionsfirma Nolan. So landete ich 2012 bei einem N90, einem günstigen Klapphelm, der aber eigentlich für die Stadt und nicht für Touren gemacht ist. 2016 waren dessen Visierdichtungen hinüber, und so gesellte Sich ein N104 Tourenhelm der zweiten Generation, der N104 Evo mit einem B5L N-Com, dazu (Review dazu hier). Fortan nutzte ich den N90 für kurze Strecken, den N104 für Reisen.

Richtig warm geworden bin ich mit dem N104 aber nie. Das liegt nicht nur an dem gewöhnungsbedürftigen Design der Front, mit dem der Helm irgendwie aussieht wie ein Fisch, der bekifft vor sich hin grinst.

Vor allem mag ich den N104 deswegen nur so mittel, weil ich gerne mit leicht offenem Visier fahre. Das geht mit dem N104 ab einer bestimmten Geschwindigkeit schlicht nicht. Dessen Visier ist nämlich riesig und rund und instabil. Ab ca. 80 km/h beginnt es zu schwingen. Dann wird die Sicht so verzerrt, dass man es komplett schließen muss. Macht man das nicht, schlägt es irgendwann mit einem Knall von alleine zu.

Nolan hat den N104 seit 2012 in drei Revisionen angeboten (Original, Evo und Absolute), wobei bei jeder Iteration die Schalldämpfung verbessert wurde. Anfang 2018 kam nun der echte Nachfolger des 104, der N100-5. Wieder ein Tourenklapphelm, aber in neuem Design, mit neuer Technik und vor allem, so Hersteller und Fachpresse: Noch leiser! Aber: Stimmt das?
(Hinweis: Wenn in Überschriften von Zeitungsartikeln Fragen gestellt werden, lautet die Antwort in 99 Prozent aller Fälle: Nein. Hier verhält es sich ähnlich.)

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Das Alpine Stars Tech Air-System in der Praxis: 7.500 Kilometer Update

Wie fühlt es sich eigentlich an, auf einem Motorrad mit einer Jacke zu fahren, die rund herum einen Airbag eingearbeitet hat? Wie ist es, auf dem Rücken Gaskartuschen und einen Computer durch die Gegend zu tragen? Irritiert es, das am Unterarm Status-LEDs leuchten? Und am wichtigsten: Ist das alltagstauglich? Ich habe in den vergangenen zwei Monaten rund 7.500 Kilometer Erfahrung mit dem Tech Air-System von Alpine Stars gesammelt, im Alltag, auf Kurzstrecken und während einer Fernreise nach Südeuropa. Jetzt bin ich von der Reise zurück, aber das Tech Air hat es nicht mit mir zusammen nach Hause geschafft. Das kam so.

Disclaimer: Ich habe den Tech-Air-Kram selbst und ganz regulär zum Ladenpreis gekauft. Ich habe keine Geschäftsbeziehungen zu Alpine Stars, und dies ist auch kein Kooperations- oder Werbartikel. Sowas verpöne ich.

Seit Mitte Mai bin ich Besitzer eines Tech-Air-Systems. Das besteht aus zwei Teilen: Einer Tourenjacke und einer Airbagweste. Die Jacke ist ein fast ganz normales Kleidungsstück aus Polyamid und Leder, mit einem herausnehmbaren Membran- und einem Thermofutter.

Ganz genauso wie fast alle anderen Tourenjacken auch. Die Unterschiede zu normalen Kleidungsstücken sind kaum sichtbar: Die Jacke hat im Rückenteil zwei Datenkabel, am Frontreissverschluss einen Magnetschalter und linken Unterarm drei Status-LEDs.

Das eigentlich aufregende ist das „Chassis“, wie Alpine Stars die Weste mit dem Airbag nennt. Die wird in die Jacke eingeknöpft und mit den Kabeln verbunden und fühlt sich erstmal an wie eine normale Protektorenweste. Der Rückenprotektor trägt ein wenig auf, genau wie die bekannten „Schildkröten“, die umschnallbaren Schaum- oder Hartschalenprotektoren.

Im Chassis steckt rund herum der eigentliche Airbag, der Brust, Bauch, Nieren, Seiten, Rücken und Oberarme schützt. Im Rückenpanzer stecken zwei Gaskartuschen und der Rechner samt Steuergeräten sowie ein Gyroskop, an jeder Schulter der Weste sitzt ein Beschleunigungssensor.

Wenn man die Jacke schließt, wird damit auch der Magnetsensor am vorderen Reißverschluss aktiviert. Jetzt beginnen die LEDs am Jackenärmel zu blinken und zeigen nacheinander Funktionsbereitschaft und Ladestand der Batterie. Dann beginnt das System mit einem Startcheck und einer Kalibrierung. Während der Kalibrierung sollte man nicht still stehen, aber auch keine Treppe runterspringen, denn der Computer prüft nun die Sensoren und ermittelt so Lage und „Normalzustand“ des Systems.

Nach 20 bis 60 Sekunden ist alles eingepegelt und das System ist einsatzbereit. Ist der Magnetschalter am Frontreissverschluss nicht geschlossen oder die Kalibrierung schlägt fehl oder einer der Sensoren meldet Merkwürdigkeiten, ist der Airbag nicht aktiv. Es kann also nicht passieren, dass man unversehens zum Michelinmännchen wird, weil das System versehentlich auslöst.

Bei Trockenübungen im heimischen Wohnzimmer dauerte die Kalibration oft sehr lange und klappte nur in 80 Prozent der Fälle, weshalb ich schon argwöhnte, dass das ein Nervfaktor sein könnte. Deshalb war ich gespannt, wie sich das Tech Air in der Praxis macht.

Ich habe Jacke und Chassis nun in unterschiedlichsten Situationen und auf zwei verschiedenen Motorrädern getragen. Zum einen auf einer sportlichen ZZR 600, mit der ich 1.000 km kurze Strecken in der Stadt und auf dem Land und Tagestouren gefahren bin, zum anderen auf einer Reiseenduro, mit der ich 1.000 km so rumgekurvt bin und mit der es dann auf eine wochenlange Fernreise in den Süden ging. Da hieß es: Jeden Tag ein Dutzend mal Jacke auf, Jacke zu. Über eine Fahrstrecke von 5.500 Kilometern. Mit Regenkombi. Ohne Regenkombi. Bei Temperaturen von fünf Grad in Regen und Nebel bis hin zu 40 Grad in sengender Sonne. In sehr trockene Luft genauso wie bei Luftfeuchtigkeiten von 100 Prozent, dazu Höhenwechsel von zweitausend Metern binnen kurzer Zeit, und und und.

Ich bin in der Jacke unter allen Bedingungen gefahren, dazu damit gewandert, auf Stadtmauern rumgerannt und durch Höhlen geklettert. Drei Wochen lang habe ich das Tech Air jeden Tag fünf bis 10 Stunden getragen. Ein echter Härtetest, und bei Dauernutzung würde sich selbst die kleinste Kleinigkeit, die nicht hundert Pro passt, zum handfesten Ärgernis auswachsen. Ich hatte im Vorfeld ein wenig bedenken, dass ich über irgend was stolpere, das mich ärgert oder Aufwand verursacht. Als bequemer Mensch wäre ich dann vermutlich sehr schnell wieder bei normalen Protektoren gelandet. Aber:

Good News, everyone!

Die gute Nachricht: Die Elektronik in der Jacke nervt in der Praxis nicht.

Überhaupt kein Problem ist die Akkulaufzeit. Der Akku hält mit einer Ladung sogar länger als die von Alpine Stars angegebenen 25 Stunden. Ich bin einmal über 30 Stunden gefahren und hätte noch Reserve für mindesten 4 Stunden gehabt. Selbst wenn man pro Tag 8 bis 10 Stunden fährt, muss man damit nur alle 3 Tage ans Aufladen denken.

Auch die Status-LEDs, die mir durch vermeindlich übertriebene Helligkeit unangenehm aufgefallen waren, stellten sich als praktisch heraus. Die hohe Leuchtstärke sorgt dafür, dass selbst bei direkter Sonneneinstrahlung oder durch die Regenkombi hindurch der Status des Systems ablesbar ist.

Das vermeintliche Sorgenkind, der Kalibrationsvorgang, funktioniert im Alltag zuverlässig. Sehr schnell hat sich bei mir ein Automatismus eingeschliffen, dass ich lediglich beim Schließen der Jacke ein mal auf den Ärmel gucke ob die LEDs aufleuchten, ansonsten kann man das System weitgehend ignorieren.

Das Aufblinken der LEDS ist das ist das Zeichen, dass der Magnetschalter in der Reißverschlussleiste richtig geschlossen ist – meine Jacke hat noch nicht, wie bei den späteren Modellen, einen gelben Klettverschluss an dieser Stelle. Mit Klettverschluss entfällt vermutlich sogar dieser Prüfblick. Ist die Jacke zu, startet die Kalibrierung. Ist die erfolgreich, leuchtet ein grünes Licht und alles ist gut. Im Alltag klappt die Kalibrierung in nahezu hundert Prozent aller Fälle.

Hell wie eine Taschenlampe.

Nur selten funktioniert die Kalibrierung nicht auf Anhieb. Dann muss man sie noch einmal neu starten, indem man die Jacke öffnet und wieder schließt. Mit der Zeit merkt man schon, was man in der Kalibrierungsphase machen darf und was nicht. Typische Fälle, in denen die Kalibration ziemlich sicher nicht klappt: Situationen, in denen man sich um mehrere Achsen bewegt. Beispiel: Wenn man auf dem Bike sitzend die Jacke aktiviert und sofort eine sehr kurvige Straße mit schnellen Richtungswechseln fährt. Oder wenn man während der Kalibrierung eine Wendeltreppe runter läuft. Oder sich währenddessen bückt, um noch mal schnell den Zustand der Kette zu prüfen. Das sind so Bewegungen, wo man nach einiger Zeit schon ahnt, dass das jetzt nicht geklappt haben kann.

Ich hatte damit aber keine Probleme. Mein Standardablauf ist: Jacke schließen, prüfender Blick auf die LEDs, dann Helm aufsetzen, Handschuhe anziehen. Meist ist die Kalibrierung jetzt schon erfolgreich abgeschlossen. Falls nicht, egal – ich setze mich auf´s Motorrad und fahre los (wenn die Straße nicht gerade superkurvig ist). Spätestens nach ein paar hundert Metern ist das System dann fertig kalibriert und läuft. Anfangs habe ich immer nochmal in den Rückspiegel geschaut, ob an meinem Unterarm die grüne LED leuchtet. Da sie das nahezu immer tut, habe ich diesen zweiten Kontrollblick immer öfter vergessen.

Ein Blick beim Anziehen, mehr Aufmerksamkeit erfordert das Tech Air nicht.

Die Kalibrierung nervt also nicht, und die Jacke ist bequem. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass sie im Vergleich zu meiner alten Jacke sehr eng sitzt, aber das muss so und ist Konzept.

Die vielen Taschen sind für Reisen ideal, und die wasserdichten Reißverschlusstaschen sind auch WIRKLICH wasserdicht (für Sie getestet, bitte gerne).

Wasserdichte Innentasche. Zwei der „WP Compartments“ gibt es auch Außen.

Dank der wirklich guten Belüftung schwitzte ich während der Fahrt auch bei hohen Temperaturen nicht mal richtig. Es gibt aber auch keinen spürbaren Luftzug in der Jacke, da das Chassis wie eine zusätzliche Weste wirkt – Jacke und Airbagweste sind sehr gut aufeinander abgestimmt.

Belüftung auf der Brust.

Armlüftung.

Bei sportlicher, nach vorne geneigter Sitzhaltung, wie auf der ZZR, funktioniert die Lüftung übrigens einen Tucken besser, weil mehr Luft in die Armöffnungen einströmen kann. Das geht bei der aufrechteren Sitzhaltung und dem besseren Windschutz auf der V-Strom nur in geringerem Umfang, reicht aber immer noch aus. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Entsorgung der Abwärme problematisch werden kann, wenn das Motorrad ein so großes Windschild hat, das dahinter gar kein Fahrtwind mehr zu spüren ist. Aber wer so eine rollende Schrankwand fährt, will das auch so.

In der Summe ist das Zusammenspiel und der Sitz von Jacke und Chassis so gut und angenehm, dass ich nach kurzer Zeit vergessen hatte, dass ich einen Airbag am Körper habe. Prüfblick beim Anziehen, dann Vergessen das ich es trage.

Das ist, glaube ich, das Beste, was man über das Tech Air-System sagen kann: Man vergisst, das man es trägt. Es macht keinen Aufwand, es stört nicht, aber es ist da, wenn es gebraucht wird.

The good, the bad and the stinky

Nun gehöre zu den Tourenfahrern, die sich auf Reisen gerne Dinge angucken. Ich strolche in Museen und Burgen rum, ich gehe in meinen Motorradklamotten spazieren, gucke mir Städte an, manchmal klettere ich damit sogar auf Berge. Zugegeben, sehr kleine Berge, aber immerhin. Bei solchen Aktivitäten macht sich das Tech Air dann unangenehm bemerkbar. Zum einen ist da das Gewicht. Die Valparaiso-Jacke wiegt ohne Chassis und ohne Thermo- und Membranfutter, aber mit Protektoren, nur rund 1.800 Gramm. Das ist sehr leicht.

Das Chassis dagegen wiegt rund 2 Kilogramm. Noch hier ein Bißchen Geraffel in den Jackentaschen und dort einen Schlüsselbund und das Handy und zack, trägt man viereinhalb bis fünf Kilo Jacke am Körper. Ich kann Gewicht durchaus ab, was mich aber richtig stört ist die Hitze im Inneren der Jacke. Sicher war die Situation auf der gerade absolvierten Reise extrem, denn wir reden hier von Außentemperaturen von über 30 Grad, bei denen ich in der prallen Sonne rumgelaufen bin. Das ist mit dem Tech Air eine Tortur. Das Chassis enthält halt rundum einen Airbag aus Polyamid und hat damit die Atmungsaktivität einer Plastiktüte.

Auch wenn rundum Mesh ist, nach kurzer Zeit kocht man im eigenen Saft, wenn die Belüftung durch den Fahrtwind fehlt. Anziehen kann man die Jacke bei solchen Temperaturen und bei körperlichen Aktivitäten eigentlich nicht. Sie zu tragen ist aber auch nicht einfach, denn durch das hohe Gewicht und den breiten Rückenprotektor lässt sie sich auch nicht einfach über die Schulter hängen oder über dem Arm tragen. Man schleppt sich im wahrsten Sinne daran kaputt. In ein Topcase passt sie wegen des festen Rückenteils aber auch nicht, und ich bin nicht jemand, der seine Jacke auf dem Motorrad lässt – auch dann nicht, wenn sie mit einem Stahlkabelschloss gesichert ist. Zumal Jacke und Chassis zusammen rund 1.900 Euro kosten, sowas lässt man nicht einfach rumliegen.

Separat aufgehängt: Oben Jacke, unten Chassis.

Ich habe mir also täglich einen abgeschleppt und wirklich literweise Schweiß in das Chassis geschwitzt, das nach wenigen Tagen anfing zu riechen wie ein Berg alter Socken. Nach zwei Wochen, in denen ich es jeden Tag 5-10 Stunden und bei hohen Temperaturen trug, roch es wie ein ganzer Schweinestall, in dem die Güllepumpe explodiert ist. Wirklich, der Geruch war abartig. Ich habe am Ende das Chassis abends aus der Jacke ausgebaut und auf den Balkon zum Auslüften gehängt, aber das brachte irgendwann auch nur noch bedingt was. Das Mesh und die Innenpolsterung sind aus Polyester, und das hält den Schweißgeruch zuverlässig mehrere Tage. Das hat mich etwas erstaunt, bei dem Preis hätte ich Material mit Anti-Müffel-Ionen oder sowas erwartet.

Ich möchte aber betonen: Bei normaler Nutzung auf dem Motorrad und in unseren Breitengraden hatte ich mit Schweißgeruch keinerlei Probleme. Das Chassis fing erst an zu müffeln, als ich bei sehr hohen Außentemperaturen Dinge darin anstellte, für die es nicht gemacht ist.

Fehlfunktionen

Mein Tech Air ist tatsächlich kaputt gegangen. Es sich begann nach zweieinhalb Wochen auf Reisen, dass plötzlich dauernd die rote LED ansprang und damit zeigte, dass sich das System abgeschaltet hatte. Entweder direkt nach Beginn der Kalibrierung oder während der Fahrt wechselte das System von Grün auf Rot. Plötzlich merkte ich sehr deutlich, wie angenehm und unkompliziert die Handhabung vorher war, denn nun musste ich ständig nachschauen, ob das Ding wirklich noch lief oder schon wieder rumzickte. Das nervte tierisch, aber dass das nicht normal war, war mir schnell klar.

Nun hat das Chassis am Rücken einen Mikro-USB-Port, der nicht nur zum Aufladen dient, sondern auch zur Diagnose.

Jedes TechAir-Chassis wird auf seinen Besitzer registriert. Als Kunde habe ich Zugriff auf ein Serviceportal, in dem mir auch eine Diagnosesoftware (nur Windows) zur Verfügung gestellt wird. Die hatte ich auf meinem Netbook.

Also Rechner an das Chassis angeschlossen und die Daten ausgelesen. Im Ernst, im Jahr 2018 schließe ich einen Computer an meine Kleidung an, um deren Fehlerspeicher auszulesen.

Neben Infos zu meiner Person, bei welchem Händler ich das Chassis gekauft habe und aktuellen Messwerten gibt es auch ein Errorlog, in dem das TechAir-System Fehler speichert. Hier war dann sehr deutlich zu sehen, dass der Sensor in der linken Schulter Fehler produzierte. Das tat er einmal recht am Anfang, als das Chassis fast neu war, ab Betriebsstunde 82 kamen die Fehler dann aber massiv und gehäuft.

„Bei Alpine Stars bist Du jetzt Premiumkunde“, hatte mir der Händler beim Kauf erklärt, und ich hatte das als dummes Gelaber abgetan. Dennoch wollte ich jetzt mal wissen, wie gut der Support für das TechAir wirklich ist.

Tech Air Support

Ich schickte an einem Sonntag Abend um 22:00 Uhr eine Mail an die, im Serviceportal angegebene, Adresse. In der beschrieb ich den Fehler und hängte das Errorlog an. Montag Morgen um 07:30 Uhr, also quasi unmittelbar und sofort, hatte ich eine Antwort: Ich möge bitte das Chassis einschicken, Alpine Stars wolle gerne eine Inspektion machen. Nun sitzt Alpine Stars in Norditalien, und da ich eh gerade für zwei Tage in der Region war, fragte ich an, ob ich nicht vorbeikommen könnte. Innerhalb von Minuten kam die Antwort vom Support: Man habe keine Vor-Ort-annahme für Endkunden, aber ich könne gerne vorbeikommen und man würde versuchen, innerhalb der zwei Tage, die ich in der Region wäre, das Chassis zu prüfen und zu reparieren.

Gesagt, getan. Also in den heiligen Hallen der Alpine Stars-Zentrale vorbeigefahren, die erstaunlicherweise – obwohl es sich mittlerweile um ein Weltunternehmen handelt – relativ klein wirken.

Der Umgang in der Firmenzentrale ist familiär, aber auch hoch professionell. Ich traf mich mit einem Supportmitarbeiter, der das Chassis entgegennahm und mir für die Zwischenzeit einen normalen Rückenprotektor lieh – dadurch, dass die keinen Endkundenservice in der Zentrale haben, war kein Austausch-Chassis verfügbar.

Verbesserungsvorschläge

Im Gespräch konnte ich dann gleich noch ein paar Anregungen loswerden, basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Wochen. Zuvorderst: MACHT VERSION 2 AUS MATERIAL, DAS NICHT NACH EINIGEN TAGEN ANFÄNGT ZU STINKEN WIE EIN PFERD AUS DEM HINTERN.

Und: Der Ladeport muss definitiv anders platziert werden, so dass er besser erreichbar ist. Oder das Ladesystem muss generell anders, denn der Mikro-USB-Anschluss ist zu fummelig. Der sitzt nämlich versenkt zwischen den beiden Datenkabeln zur Jacke. Damit ist er schwer zu erreichen, und man läuft Gefahr in den fragilen Datenkabeln hängen zu bleiben und sie aus den Stecker zu reißen.

Ich habe mir, nach Anregung von Kalesco, ein Magsafe-System da dran gebastelt.

Es gibt mittlerweile Magneteinsätze für Mikro-USB-Ports. Ein Teil kommt in die Buchse und bleibt dort, auf den USB-Stecker kommt ein Magnetaufsatz. Ab dem Moment braucht man das Ladekabel nur noch in die ungefähre Nähe des Ports bringen, dann klickt das von alleine ein, wie rum ist egal. Zum Aufladen reicht das, für Datenübertragung aber leider nicht – zumindest mein Rechner erkennt kein USB-Gerät, wenn der Magsafe-Anschluss an einem zwei Meter langen Kabel sitzt.

Mit dem Support vereinbarte ich dann, dass sie sich Zeit lassen sollten für Prüfung und Reparatur des Chassis und es mir dann nach Hause schicken. Ich bin dann mit dem geliehenen Rückenprotektor nach Deutschland zurückgekehrt. Über das Kundenportal konnte ich sehen, das unmittelbar am Tag nach meinem Besuch schon mit der Reparatur begonnen wurde, und sogar, welcher Techniker welches Teil ausgetauscht hat. Alpine Stars macht dabei keine Gefangenen, im Sinne von: Die doktorn daran irgendwie rum und tauschen nur ein Teil aus. Nein, nicht nur der defekte Beschleunigungsmesser wurde ausgetauscht, sondern gleich alle Schultersensoren, und das Steuergerät gleich noch dazu. Und wo man schon mal dabei war, wurde auch gleich noch die neue Firmware aufgespielt und das Ganze 24 Stunden getestet.

Eine Woche später wurde mir das Chassis per UPS geliefert.

Auch hier ist nochmal dokumentiert was gemacht wurde. Gereinigt wurde es leider nicht, es müffelt immer noch ein wenig, aber das man muss schon sehr genau hinriechen um das zu merken. Der Schweißgeruch verfliegt also nach einer Zeit.

Über den Hardwaredefekt habe ich mich gar nicht groß geärgert, gab er mir doch die Gelegenheit den Service von Alpine Stars auszuprobieren. Für einen Praxistest war das fast ein Glücksfall. Technik kann immer mal kaputt gehen, und wie das Log deutlich zeigt, hatte der Sensor von Anfang an einen weg. Daraus würde ich nicht generell auf die Qualität der verbauten Komponenten schließen wollen. Technik kann kaputt gehen, und die Qualität eines Dings macht sich heute auch daran fest, wie der Hersteller dann mit dem Defekt umgeht.

Alpine Stars geht damit vorbildlich um, besser kann man es eigentlich nicht machen. Die Responsezeiten des Tech Air-Supports sind erstklassig, ich bekam keine Textbausteine und kein Geschwafel zurück, die Kommunikation ist direkt und persönlich und am anderen Ende sitzt Fachpersonal, das sich wirklich auskennt. Die Reparatur ging superfix, und da es innerhalb der zweijährigen Garantie war, war das auch alles kostenlos.

Die Garantie verlängert sich übrigens um 24 Monate, wenn man einen Inspektionsservice bei Alpine Stars durchführen lässt. Bei dem werden alle Komponenten gecheckt und das Chassis gereinigt. Kostet 99 Euro, dafür hat man dann die Gewissheit, dass alles OK ist und jegliches Problem auf Kosten von Alpine Stars behoben wird. Bis zu fünf mal lässt sich die Garantie verlängern, damit kommt man in Summe auf 10 Jahre Herstellergarantie. Alpine Stars begreift Tech Air als eine Kombination aus Hardware und Dienstleistung, und die Dienstleistung hat ordentlich durchdefinierte Prozesse.

Erkenntnisse

Meine Meinung nach zwei Monaten und insgesamt 7.500 Kilometern mit dem Tech Air: Das Ding ist praxistauglich, ohne Frage. Es sitzt bequem, es nervt nicht, man vergisst nach einiger Zeit, dass man es trägt. Beim Motorradfahren spürt man es nicht mal. Das ist super, besser geht es eigentlich kaum.

In unseren Breitengraden, bei normalen Außentemperaturen und für kurze und mittlere Fahrten sehe ich überhaupt keine Einschränkungen oder Probleme.

Man erkauft sich mit dem Tech Air ein Mehr an Sicherheit, das mit wenig zusätzlichem Aufwand verbunden ist. Den prüfenden Blick beim Schließen der Jacke, ansonsten ab und zu aufladen, das war es. Das der Ladeanschluss fummelig ist, lässt sich mit einem Magnetconnector für 5 Euro ausgleichen.

Das Tech Air ist absolut geeignet für fast alles, was mit Motorradfahren zusammenhängt. Kurztourer, Schön-Wetter-Biker, Brot&Butter-Fahrer und Leute, die gelegentlich die Rennstrecke besuchen, werden damit sehr glücklich. Langstreckentourer mit Hang zu südlichen Ländern und einer Affinität zu Aktivitäten ohne Motorrad sollten sich vorher sehr gut überlegen, ob sie mit dem hohen Gewicht, ggf. starker Wärme klarkommen. Für die meisten Motorradreisenden wird das eher nichts sein.

Nicht oder nur eingeschränkt geeignet sind die Klamotten, um am Ziel einer Fahrt kilometerweit darin zu wandern oder in den Bergen rumzuklettern, schon gar nicht bei Temperaturen jenseits der 30 Grad Marke. Tut man das trotzdem, schwitzt man sich darin kaputt oder schleppt sich einen Wolf. Vermutlich ist das aber ein Randgruppenproblem. Gibt ja nicht viele Bescheuerte, die in Motorradklamotten so bewegungsintensiven Quatsch machen, und bei normaler Nutzung fängt das Chassis nicht an unangenehm zu riechen.

Von daher: Ich kann für mich sagen, dass das Tech Air absolut OK für mich ist. Es gibt während der Fahrt nichts, was mich stören oder Aufwand verursachen würde, weshalb die alte Jacke mit den Standardprotektoren im Schrank bleibt. ABER: Wenn ich aber nochmal vorhabe in den Bergen rumzuwandern, werde ich aber zusehen, dass ich vorher eine Möglichkeit finde die Jacke nicht mitschleppen zu müssen.

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Murmeltiertag

Merkel ernennt Steinmeier zum Bundespräsidenten, Steinmeier ernennt Merkel zur Bundeskanzlerin. Und egal was man wählt, am Ende kommt eine GroKo bei raus. Murmeltiertag in Deutschland.

Es.
Ist.
Zum.
Haareraufen.

Wenn ich nicht resistent dagegen wäre, JETZT würde ich Politikverdrossen werden.

Wirklich, ich fasse es einfach nicht, dass wir schon wieder eine Große Koalition haben. Das Merkel nur auf Machterhalt aus ist, ist dabei wenig überraschend. Das ist ihr ganzes Konzept der Politikgestaltung seit 2005 – sie handelt nur dann und dann so, wie es dem Erhalt ihrer Macht dient. Keine Vision, kein Gestaltungswillen, nicht im eigenen Land, nicht in Europa.

Die letzten Jahre der GroKo haben diesen Stillstand zementiert, denn wie der Grüne Konstantin von Notz richtig sagte: Faktisch gab es keine Opposition in Berlin. Umso mehr freute mich die Ankündigung von Schulz am Abend der Wahl, jetzt mal wieder ordentliche Oppositionsarbeit zu machen.

Denn davon lebt Demokratie. Demokratie braucht gegeneinander arbeitende Kräfte, die ein gemeinsames Wertesystem eint. Kleinster gemeinsamer Nenner ist dabei im Zweifel die Wertschätzung für die Demokratie selbst, und genau aus diesem Grund fällt für mich die AFD da raus. Die Partei – oder zumindest laute Teile davon – arbeiten auf die Abschaffung der Demokratie hin. Aber das ist ein anderes Thema.

Was mich so frustriert, ist der nun wieder in einem Koalitionsvertrag festgeschriebene Stillstand. Damit, dass die SPD in eine Große Koalition eingewilligt hat, dürfte sie sich selbst in die Bedeutungslosigkeit demontiert haben. Das wäre mir egal, denn das ist nur ein Kollateralschaden. Was aber viel schlimmer ist: Durch die GroKo wird SCHON wieder die Demokratie nachhaltig beschädigt.

Die Quittung bekommen wir bei den nächsten Wahlen. GroKos stärken IMMER die extremen Positionen an beiden Rändern. Entweder die AFD wird 2021 stärkste Kraft im Bundestag – oder jemand wie Macron kommt in der Zwischenzeit vorbei und dreht die Parteienlandschaft auf links.

So oder so, die erneute GroKo und nochmal vier Jahren Merkel werden niemandem gut tun. Also, außer Merkel.

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Geschichten machen Geschichte

Warnung: Text macht schlechte Laune.

Ich kann sie nicht mehr hören, diese ewig gleichen Statements deutscher Politiker über die Wahl von Trump. „Das ist ein Schock, den wir erst mal verdauen müssen“ oder „das ist ein Warnsignal“. Ich fürchte, dass die Phase der Warnsignale und der Aufrüttelei und dem Überdenkens des eigenen Verhaltens schon über den Punkt hinaus ist, an dem sich noch irgend etwas ändern ließe.

Trump ist nur die neueste Figur in einem Spiel, bei dem alle paar Jahrzehnte eine neue Partie gespielt wird. Die letzte Partie endete vor etwas über 70 Jahren. Genug Zeit, um aus den Familiengedächtnissen zu verschwinden. Sieht man in die Geschichte, dann bekommt man durchaus einen Blick für das, was nun passiert.

Es ist nämlich nicht zum ersten Mal, dass westliche Demokratien erstarrt sind. Ihre führenden Politiker begeistern nicht mehr, sie vermitteln nicht, dass sie Ideen oder Ideale oder auch nur ein Ziel haben, außer dem eigenen Machterhalt. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass nur von links nach rechts verwaltet wird. Jetzt folgt der Auftritt von Rechtspopulisten, die behaupten, sie würden verkrustete Strukturen aufbrechen und dafür Sorgen, dass es „dem Volk“ besser gehen wird, weil man was gegen „die da oben“ oder „die anderen“ unternehmen wird. Kaum an der Macht weht ein stark nationalistischer Wind, es werden demokratische Freiheiten beschnitten und das Land in eine Autokratie umgebaut. Und dann? Dann knallt es.

Auch das zeigt die Geschichte: Krieg ist eigentlich der Normalzustand, Frieden ist die Ausnahme. Um Frieden zu erhalten sind große und gemeinsame Anstrengungen nötig. Warnsignale hätten schrillen müssen, als Orbán und Kacynzki die Macht in Ungarn und Polen übernommen haben. Ein Schock hätte sein müssen, dass Nationalisten das Vereinigte Königreich aus der EU katapultiert haben. Zu verhindern wäre gewesen, dass die Türkei zu einer faschistischen Diktatur wurde.

Nun ist es, fürchte ich, zu spät. In den Niederlanden bläst Geert Wilders zum Sturm, in Deutschland steht die AfD bereit, in Frankreich haben sich die etablierten Parteien so sehr selbst zerlegt, dass Marie Le Pen von der Nationalfront nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich geworden ist. Die EU ist geschwächt und splittert hörbar, und nun ist die größte Demokratie der Welt in die Hände eines rassistischen Faschisten mit psychopathischen Zügen gefallen.

Die Figuren stehen schon auf dem Spielfeld, mehr kommen in Kürze dazu. Die Stimmung wird immer weiter nationalistisch aufgeheizt werden, die Töne immer schriller. In dieser hasserfüllten Atmosphäre braucht es dann nur noch einen Funken, einen Franz-Ferdinand-Moment, ein relativ kleines Ereignis, dass einen Flächenbrand auslöst. Dann beginnt der Zyklus von neuem und eine lange Phase des Friedens in Europa geht zu Ende.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so in Sorge um die Zukunft der Welt gewesen zu sein. Es ist bitter, dass all die jetzigen Geschehnisse, zumindest die in Europa, so mutwillig von genau der Politikergeneration herbeigeführt wurde, die nun um ihre Hintern fürchten muss. Einer Generation, die Frieden für etwas selbstverständliches hingenommen haben. Einer Generation, die sich keinerlei Mühe gegeben hat ein vernünftiges Narrativ für ihr Tun zu bauen, eine gute Geschichte zu erzählen die die Leute begeistert.

Das Entstehen von Europa ist eine mitreissende Story voller Visionen und Zukunftsglauben und dem Wirken von Freiheit, nur leider hat sie schon sehr lange niemand glaubwürdig erzählt. Stattdessen wird Europa als Geschichte von hemmungsloser Bürokratie, geheimen Abkommen und undemokratischen Prozessen erzählt. Da haben es die Rechten leicht dazwischen zu flanken, mit ihren Erzählungen von der Schuld der anderen, den Geschichten, in denen früher alles besser war, als man noch abgeschottet und isoliert lebte.

Ja, wirklich. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt sehr deutlich, was als nächstes passieren wird. Die Welt wird in längst überkommen geglaubte Konflikte zurückfallen. Lässt sich dagegen etwas machen? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Der liberale und aufgeklärte Teil der Bevölkerung hat zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte solche Entwicklungen wieder einfangen können.

Alles, was jeder einzelne tun kann, ist immer wieder die Geschichte von Frieden, Nächstenliebe und Miteinander zu erzählen. Dem latenten Hass jeden Tag zu begegnen, im eigenen Freundes- und Familienkreis. Engagement zeigen, bei sozialen Projekten. Menschen, die Hassprediger wie die von der AfD wählen, sind nicht alle Dumm. Die meisten sind einfach wütend und haben Angst. Angst ist nur teilweise rational.

Erzählt Geschichten gegen die Angst der anderen.

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Das ist nur ihre Meinung!

Die Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es Informationen zu sammeln über:

  • Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung oder
  • gegen den Bestand und die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder
  • durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen auswärtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gefährden oder
  • gegen den Gedanken der Völkerverständigung (Art. 9 Abs. 2 GG), insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der Völker gerichtet sind.

Kann man dann davon ausgehen, dass die CSU vom Verfassungsschutz beobachtet wird? Die Seehofersche Kasperltruppe fällt aktuell mal wieder besonders unangenehm auf. Die von ihr vehement geforderte Obergrenze für Flüchtlinge verstösst genauso gegen das Grundgesetz wie der „Vorrang für Zuwanderer aus unserem christlich-abendländischen Kulturkreis“. Zu letzterem sagt das Grundgesetzt nämlich was eindeutiges: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

Und was sagt die CSU dazu? Die pulled einen Didi und sagt: „Das ist nur ihre Meinung.“

 

Nein, ehrlich! Hier, im Interview mit der ARD stellt sich Andreas Scheuer, der Generalsekretär, hin und sagt exakt das:

Moderatorin: „Also es steht die Obergrenze natürlich automatisch wieder drin, klar, obwohl das Grundgesetz sagt, wer politisch verfolgt ist, genießt Asyl. Da ist keine Rede von einer Obergrenze.“

Scheuer: „Das ist Ihre Meinung.“

Moderatorin: „Nee, das ist das Grundgesetz.“

Scheuer: „Nee, das ist Ihre Meinung.“

 

Nun muss Scheuer anscheinend die alte Frisur von Guttenberg auftragen, und unter der kann es schon mal heiß werden, aber wie notieren mal: Die bayerischen Gurkenköpfe halten UNSER GRUNDGESETZ FÜR EINE UNVERBINDLICHE EMPFEHLUNG, DIE MAN EINFACH IGNORIEREN KANN.

Wenn das keine zersetzenden Bestrebungen gegen unsere Grundordnung ist, dann weiß ich auch nicht. Verfassungsschutz, übernehmen Sie!

Und abseits davon: Wie dumm kann man denn bitte noch sein? Anscheinend ist die Seehofer-Skala nach oben hin offen, wenn die CSU allen Ernstes mit Slogans in den Wahlkampf zieht, die genau so auch von der AFD kommen könnten. 

Dabei zeigt uns die Geschichte, vor allem die jüngste in Österreich, doch klar eins: Wenn die Wähler merken, dass die Mainstream-Parteien den Rechten hinterherlaufen oder deren Ziele umsetzen, dann wählen sie beim nächsten mal gleich rechts. Von daher: Wenn es im Land nach rechts ruckt, dann dürfen wir uns dafür auch bei diesen Weißwurschtkaspern bedanken.

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Brexit

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Haha, die Briten wieder. Dem komischen Inselvolk geht die „Regelungswut“ der EU zu weit. Als ob die wüssten was das ist! Mich würde ja mal interessieren, was geschehen würde, wenn mal jemand hingeht und sagt:

„So, passt mal auf, Freunde. Wir sorgen jetzt mal dafür, dass diese Insel hier nicht bei jedem Pups einen Sonderweg geht. Ab nächstem Montag ist Schluss mit lebensgefährlicher Linksfahrerei, es wird gefälligst rechts gefahren. Der Quatsch mit den dreipoligen Monsterstromsteckern hört dann auch auf, ihr nehmt gefälligst die zweipoligen Stecker, wie der Rest der Welt.

Das metrische System wird flächendeckend eingeführt, dieser Unsinn mit Feet und Pint und Tuppence und whatknot ist dann offiziell vorbei. Außerdem bekommt ihre eine vernünftige Währung, den Euro. Der Rest der Welt hat nämlich die Schnauze voll von euren abzockerischen Wechselstuben.

Diese beiden Wasserhähne, aus denen entweder kochend heißes oder eiskaltes Wasser kommt, bekommen einen Preis für „dämlichste Idee ever“, dann werden sie demontiert und durch vernünftige Mischarmaturen ersetzt. Bettdecken werden nicht mehr rundrum am Bett festgetackert. Schuluniformen mit Miniröcken werden abgeschafft, das ist sexistische Kackscheiße die sich notgeile, alte Männer ausgedacht haben.

An Ampeln gibt es ein explizites grün, und nicht nur rot und orange, ihr habt doch ohnehin nie kapiert wann ihr fahren dürft. Außerdem gilt ab kommender Woche: Alles was kein Pudding ist, darf nicht als Pudding bezeichnet werden. Und die Zubereitung von Haggis wird als terroristischer Akt betrachtet!“

DAS wäre mal Regelungswut. Ich wette, mindestens die Hälfte der Briten würde bei so einer Proklamation sofort vor Empörung implodieren (normale Menschen würden vor Wut explodieren, aber in GB ist halt alles anders).

Ein stolzes Wappen mit.... zungerausstreckenden Einhörnern? WER SOLL EUCH DENN ERNST NEHMEN?

Ein stolzes Wappen mit…. zungerausstreckenden Einhörnern? WER SOLL EUCH DENN ERNST NEHMEN?

Dabei wäre ein solches Aufräumen ganz dringend nötig. England war zwar vor 150 Jahren die Speerspitze der industriellen Revolution, seitdem hat man sich aber komplett abgekoppelt und macht ALLES anders als im Rest der Welt. In Großbritanien ist jeden Tag Gegenteiltag. Dort isst man ja auch das Mittagessen zum Frühstück. Und nun wollen die also aus der EU, von der sie nie richtig Teil waren, ausscheren. Vielleicht. Aber warum? Und:Muss uns das kratzen?

David Cameron war lange Zeit der gefährlichste Mann in Europas (bis die Flüchtlingskrise kam und er den Titel an die Orbans und Kasczynskinskis dieser Union abgeben musste). Seine Innenpolitik beschränkte sich über weite Strecken darauf, ein diffuses „Wir“-Gefühl unter den Briten zu erzeugen, in dem man gegen „die“ war. Die, das war und ist die EU. Der drohte er mit dem „Brexit“, dem British Exit, der Ausstieg der Briten aus der EU, wenn diese nicht Zugeständnisse machen würde.

Was als kalkulierte Provokation und als Schmierentheater zur Stärkung der Innenpolitik begann, ist Camerons Kontrolle mittlerweile entglitten. Andere Politiker haben ihn rechts überholt und nutzen die, von Cameron angefachte, euroskeptische Stimmung um ihren eigenen Populismus an den Mann zu bringen. Cameron selbst findet sich ungewollter Weise in der Rolle der EU-Verteidiger wieder. Vermutlich verflucht er jeden Tag die Geister, die er rief.

Ich lehne mich da ja mal anz entspannt zurück, denn die Chancen für einen Ausstieg aus der EU sind verschwindend gering. Die Wirtschaft weiß, dass die UK ohne die EU nicht kann, nicht umsonst sprechen Londoner und Frankfurter Börse über eine Fusion. Lediglich EINE von einem Dutzend Studien kommt zu dem Ergebnis, dass die UK ohne die EU besser dran ist. Die Studie geht allerdings von der Prämisse aus, dass die EU komplett zerbricht und in Chaos versinkt und verliebene Investoren dann nach London flüchten. Die feuchten Träume der Londoner Banker.

Selbst WENN eine Mehrzahl der Briten beim Referendum am 23. Juni für einen Ausstieg stimmt und die Insel sich weiter abspaltet – so what? Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass die Wirtschaft so in sich zusammenbricht, dass der Urlaub in Great Britain billiger wird. Wahrscheinlicher ist aber: Die Integration Europas passiert nach einem Brexit schneller, weil keine Rücksicht mehr auf die Rückgratlosen Insellullis und ihre Marotten genommen werden muss. In diesem Sinne: Das Thema „Brexit“ kann man dieser Tage getrost ignorieren, gibt wichtigeres.

Kategorien: Betrachtung, Meinung, Politik | Schlagwörter: | 4 Kommentare

Bizarrowelt

Herr Silencer zur Lage der Welt.


Als ich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich die Welt außerhalb meines Bettes verwandelt. Alles war vertauscht – gut war böse, weiß war schwarz und nichts so, wie ich es kannte. Ich fand mich wieder in… der Bizarrowelt.

Gut, so über Nacht war die Entwicklung jetzt nicht. Europa ächzt schon länger unter den Folgen protektionistischer Politik. Dennoch fühlt sich gerade alles nach Bizarrowelt an. Zur Erläuterung: „Bizarrowelt“ nennt man in der Popkultur Filme/Serienfolgen/Bücher, die mit der Idee spielen, dass den Rezipienten bekannte Personen/Orte auftauchen, aber alles anders ist als gewohnt. Der böse Spock aus Star Trek oder der zynische Superman, der Eisenbahnen entgleisen lässt, das sind Bizarroepisoden. So eine macht die Welt gerade durch, und das in einer Intensität, dass ich gerade mit dem Begreifen kaum hinterherkomme. Nur ein paar Beispiele:

Unser Nachbarland Polen wird in atemberaubenden Tempo in eine Diktatur nach ungarischem Vorbild umgebaut, Grundrechte über Bord geworfen und Medien gleichgeschaltet. Gleichzeitig wird eine Allianz der Ostländer geschmiedet, die vor allem eines eint: Der Haß auf die deutsche Flüchtlingspoolitik und deren Symbolfigur, Angela Merkel. Die wird in polnischen Medien bereits wieder als Hitler dargestellt, der mit Armeen aus Flüchtlingen die armen Oststaaten überrennen will. Oststaaten, die es vehement ablehnen Flüchtlinge aufzunehmen, und sie lieber vor ihren stacheldrahtgeschützten Grenzen verhungern lassen.

Humanitäres Denken oder gar Unterstützung? Naive Vorstellungen, in der Krise ist sich doch jeder selbst der nächste, so die Argumentation der EU-Osterweiterung-(plus-Dänemark). Wer sich dem nicht anschließt, ist ein „Gutmensch“, was in Bizarrowelt synonym für naiv und weltfremd ist. Europa war mal eine Solidar- und Wertegemeinschaft, aber davon ist wenig übrig.

Bei unseren westlichen Nachbarn geht es kaum weniger bizarr zu. 2011, nach dem Massenmord durch Breivik, bewunderten alle die ruhige Fassung, mit der Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg das Land durch die Ereignisse leitete. Damals gab es tiefe Trauer allerorten, und Stoltenberg lebte diese Trauer und schöpfte daraus Stärke für das ganze Land. Stärke, die aus sozialen Werten bestand und blinden Aktionismus ablehnte. „Seht her“, war die Botschaft, „Ja, wir sind tief getroffen, aber wir werden uns der Angst nicht beugen. Wir sind besser als das“. Vor fünf Jahren erntete Norwegen für diese Leistung viel Achtung.

Der Umgang von Norwegen mit der Krise wäre in einer vernünftigen Welt eine Blaupause für den Umgang mit ähnlichen Ereignissen. In Bizarrowelt aber wird das genaue Gegenteil getan. Nach den Anschlägen von Paris faselte der Premier sofort etwas von einem „Krieg“, und in den ist Frankreich sofort gezogen, außerdem wurden – in blindem Aktionismus – „Sicherheitsmaßnahmen“ galore beschlossen, inklusive Verhängung des Ausnahmezustands und Gepäckscannern in Zügen. Die Hersteller dieser Geräte wird es freuen.

In Deutschland haben wir nun Köln. Allein der Name ist ein Synonym. Für mich ohnehin schon länger als Begriff für „runtergekommene Stadt voller unfreundlicher Leute“ (Anwesende ausgenommen), für die Welt steht er nun stellvertretend für „Asylanten belästigen Frauen“. Das die Vorgänge in der Silvesternacht widerwärtig und verurteilenswert sind, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Man muss sie auch gar nicht relativieren, in dem man darauf verweist, dass so eine Scheiße an nahezu jedem Silvester oder Karneval und jedem Schützen- und Oktoberfest in nahezu jeder Stadt passiert.

In einer vernünftigen Welt würden solche Vorfälle kollektiv verurteilt und eine gesellschaftliche Sensibilisierung gegenüber sexueller Belästigung würde einsetzen. In Bizarrowelt dagegen wird das Ganze auf „Asylanten sind hinter deutschen Frauen her“ reduziert. Der Kölner Polizeipräsident wusste sehr genau, was eine ungefilterte Weitergabe der Protokolle jener Nacht bewirken würde. Man müsste dem Mann zu seinem Feingefühl gratulieren. Allein, in Bizarrowelt wird er gefeuert, und die Konsequenzen sind fürchterlich: Braune Mobs toben durch Innenstädte und skandieren die Verteidigung deutscher Frauen und Werte, während sie alles kurz und klein schlagen. Die Bürgerinnen und Bürger bewaffnen sich mit allem, was man legal und auch illegal in die Hände bekommen kann, vielerorts sind Pfeffersprays und Schreckschusswaffen ausverkauft, Behörden werden überschwemmt von Anträgen für Waffenbesitz.

Hätte man Köln verhindern können? Vielleicht. Mit mehr Personal bei der Polizei. Das wird aber seit Jahren abgebaut, Videoüberwachung ist billiger als Menschen. Aus Köln könnte man die Lehre ziehen, dass der Streifenpolizist vor Ort durch nichts zu ersetzen ist und Videoüberwachung nichts bringt. In Bizarrowelt wird daraus aber das genaue Gegenteil. Die Politik argumentiert, dass nicht genug überwacht wurde und fordert:

  • die Verschärfung von Schutzparagraf 112
  • die Einschränkung des Demonstrationsrecht
  • die anlasslose Schleierfahndung
  • Zugriff der Geheimdienste auf Vorratsdaten
  • ein Ein- und Aureiseregister
  • die Erweiterung Befugnisse von Europol,
  • den erweiterten Einsatz des großen Lauschangriffs per Trojaner
  • Vorratsdatenspeicherung von Fluggastdaten
  • Ausweisung bei Verurteilung zu Bewährungsstrafe
  • Abschiebung ohne Prozess

Das ein Teil dieser Forderungen bereits vom Verfassungsgericht als nicht Grundgesetzkonform kassiert wurde, und andere nur schwer mit einem Rechtsstaat vereinbar sind, ficht die Politiker der Bizarrowelt nicht an. Wer vom Aktionismus getrieben wird, bei dem ist der Lack der Rechtsstaatlichkeit dünn. Und schärfere Gesetze und Einschränkung von Grundrechten sind billig, Polizisten dagegen teuer.

Diese Bizarrowelt, in der die Menschen durch Angst gefügig sind und sich bewaffenen, in der braune Mobs durch die Straßen drängen, in der faschistische Regierungen humanitäres Engagement verhöhnen – das alles ist nicht die Welt, in der ich leben will. Das alles zeigt Menschen meiner Generation, dass Antifaschismus und weitgehend friedliches Zusammenleben eben keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern etwas, wofür die oft belächelten 68er hart gekämpft haben.

Ohne ständigen Einsatz für die freiheitlichen und friedlichen Grundwerte, ohne Besonnenheit und Vernunft und ohne ein aktives Engagement in den Krisen, in denen sich die Menschen Europas in den vergangenen Jahren fanden, zerbricht die Welt, wie wir sie kannten. Zurück bleibt nur noch ein bizzarres Zerrbild, dass alle sozialen Werte, alle Normen unserer Gesellschaft und jeglichen Humanitarismus ins Gegenteil verkehrt.

Ein neues Mittelalter.

Dabei sind wir besser als das, sowohl als Personen, als auch als Land oder als Staatenverbund. Das zeigt unsere unmittelbare Vergangenheit. Wir können friedlich Zusammenleben, ohne in jeder Krise unsere Grundrechte weiter einzuschränken und unsere Grundwerte über Bord zu werfen. Es ist an jedem einzelnen, diese Grundwerte in sich zu tragen und sie zu leben. Dazu gehört auch: Sich keine Angst machen zu lassen. Weder durch ferne Bedrohungen wie den IS noch durch das Wiedererstarken des Protektionismus und seines fiesen Bruders, des Faschismus.

Ich will wieder besonnene Worte hören, gesprochen mit der Stimme der Vernunft, von Menschen, die nicht in blindem Aktionismus verhaftet sind. So ein Mensch kann jeder von uns sein.
Wir dürfen uns nur nicht einschüchtern lassen.

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Star Wars VII: The Force Awakens (2015)

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Herr Silencer hat den neuen Star Wars schon gesehen und bietet eine spoilerfreie Meinung dazu an.

Mit 6 Jahren sah ich das erste Mal „Krieg der Sterne“ im Dorfkino und war dem Film sofort verfallen. Ab dem Moment sammelte ich alles darüber was ich finden konnte, aber das war nicht besonders viel: Der Star Wars-Hype war schon ein paar Jahre vorbei, und man musste schon großes Glück haben, um auf dem Flohmarkt mal die ein oder andere Spielfigur zu finden. Star Wars begleitete mich von der Kindheit bis zum Teenageralter, aber irgendwann wurden die Spielfiguren für das erste Moped verkauft, und dann geriet alles ein wenig in Vergessenheit.

Das änderte sich erst 1999, als die Prequeltrilogie anlief. Aber so sehr ich die mögen wollte, es gelang mir nicht wirklich. Damals verteidigte ich sogar noch „Phantom Menace“ als Grundstein für große, zu erwartende Ereignisse – die dann in den Filmen nie passierten. Episode I bis III zeigten letztlich nur eines: Das George Lucas ein verdammt schlechter Filmemacher ist, der keine Ahnung vom Geschichtenerzählen hat.

Folgerichtig gehörte ich zu denen, die gewogen und interessiert den Verkauf des Franchises an Disney betrachteten. Lucas´ beleidigter Rückzug aus dem Blockbusterfilmbusiness kam meiner Überzeugung, dass man seine eigenen Geschichten vor ihm schützen müsste, sehr entgegen.

Mitternachtsprämiere: Die 501ste war auch da.

Mitternachtsprämiere: Die 501ste war auch da.

Weit weniger begeistert war ich von der Verpflichtung von J.J. Abrams für einen weiteren Star Wars-Film. Abrams war für meinen Geschmack ein Mal zu oft den Weg des geringsten Widerstands gegangen, wie man am uninspirierten Mission Impossibe III oder dem schlampigen und unoriginellen Star Trek Reboot sehen kann. Außerdem scheint es in Hollywood so zu sein, dass man bei seichten Nerdthemen sofort NUR Abrams anruft, niemanden anders. Ich war also skeptisch, und wurde bestätigt: Die alte Besetzung sollte reaktiviert werden. Da war er, der Weg des geringsten Widerstands, die vermeintlich sichere Bank. Ich war angenervt von diesem kalkulierten Fanservice. Wer will schon ernsthaft eine übergewichtige und Schönheitsoperierte Carrie Fisher sehen, oder einen mopsigen Mark Hamill, oder diesen halbtoten Harrison Ford, der in seinen letzten Filmen vorsätzliche Arbeitsverweigerung betrieben hat? Ich nicht!

Eine neue Hoffnung schöpfte ich aus den Bildern, die in den vergangenen zwei Jahren von den Sets kamen. Die sahen sehr nach Star Wars aus, zudem kam die Info, dass die alte Besetzung nur kurz auftauchen und eine Brücke zu einem neuen und interessanten Cast schlagen sollte. Heute Nacht war es nun soweit: Im gut gefüllten Multiplexkino konnte ich mir in der Mitternachtsprämiere selbst ein Bild von Abrams´ Version von Star Wars machen.

Das Multiplex war aufwendig dekoriert. Hier: Todesstern.

Das Multiplex war aufwendig dekoriert. Hier: Todesstern.

Das Ergebnis hat mich sehr begeistert, aber auch skeptisch zurückgelassen. „Das Erwachen der Macht“ zeigt, dass die Zerstörung eines Todessterns und eine Feier mit Ewoks nicht zwangläufig dafür sorgt, dass fortan alles gut läuft, sondern auch genau das Gegenteil passieren kann. Große Kriege sind nach 30 Jahren schon nicht mehr wahr, und selbst die größten Helden können in Vergessenheit geraten. Das ist ein interessanter Ansatz, der den Grundton für „Force Awakens“ vorgibt.

Die Macht ist stark in diesen beiden.

Die Macht ist stark in diesen beiden .

Inhaltlich lebt der Film von der Verquickung von Altem und Neuem. Herzschlagmomente gibt es dabei zuhauf. Die kommen zum Glück selten als platter Fanservice daher, sondern sind subtil oder gut in die Geschichte eingewoben. Dazu kommt die Rückkehr von Humor, der aus der Situation und den Charakteren entspringt – etwas, was in den Prequels total abhanden gekommen war. Apropos Charaktere: Alter und neuer Cast spielen einfach nur hervorragend. Selbst Ford hat offensichtlich Lust und liefert mit seinem Han Solo eine Darstellung ab, die absolut auf den Punkt ist.

Leider ist nicht alles supi, zwei der wichtigsten Charaktere in dem Film sind unverständlicherweise CGI auf Niveau von Dobby dem Hauself, was die Immersion sofort zusammenbrechen lässt, sobald sie im Bild sind. Das Pacing ist so rasant, dass es atemlos scheint – es gibt keine Minute Ruhe, ständig ist alles in Bewegung. Zusammen und dem wirklich gelungenen Look funktioniert diese Episode VII als Star Wars-Film, der die Prequels locker in die Tasche steckt. Im Ernst, schon in der ersten Filmminute ist „Erwachen der Macht“ mehr dunkle Bedrohung, als es „Phantom Menace“ je war.

Aber.

Das der Film so gut funktioniert liegt auch daran, dass er viele Dinge nicht erklärt und einfach in den Raum stellt. Ja, es sind interessante Brocken, die da hingeworfen werden und für die sich tolle Bilder finden lassen. Wenn „The First Order“ aufmarschiert oder Kylo Ren sein raues Kreuzschwert zückt, wenn Rey eine senkrechte Düne hinabrodelt und die Kamera über einen Islandplaneten schwebt, dann sind das große Szenen mit Erinnerungswert, die aber viele Fragen offen lassen. Woher kommt „The First Order“? Was geschah mit Ren in der Zeit zwischen Endor und jetzt? Und WTF Luke Skywalker?

Das sind Fragen, die J.J. Abrams nicht beantworten muss, mit Kontext und Folgeproblemen dürfen sich seine Nachfolger rumschlagen. Und genau da ist er wieder, der Abram´sche Weg des geringsten Widerstands. Genau so lief das schon bei „Lost“: Er liefert eine interessante Idee und macht eine tolle, erste Staffel – aber wie der darin angerissene Mumpitz und unzusammenhängende Setpieces zusammenpassen, das sollen doch bitte andere austüfteln. Wollen wir mal hoffen, dass das gelingt.

Für den Moment haben wie mit „The Force Awakens“ einen sehr guten Star Wars-Film. Ob er großartig ist, werden die nächsten Filme zeigen. Lust auf mehr macht er auf jeden Fall.

Wir ham´Polizei.

Wir ham´Polizei.

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Warum Journalisten keine offene Briefe schreiben sollten

Liebe Journalistinnen und Journalisten,

dieser Tage schreibt ihr sie wieder. So häufig, dass ich es nicht mehr ertrage. Die Rede ist von den euren „offenen Briefen“. Ihr schreibt sie gerade zuhauf, als ließe sich das Sommerloch allein damit stopfen.

Offene Briefe sind in bestimmten Bereichen was ganz Tolles. Ein offener Brief von einer Bürgerinitiative an die Politik, als Ausdruck der politischen Willensbildung? Super! Nichts gegen einzuwenden. Der offene Brief ist gut für Menschen, die ein echtes Anliegen haben und ansonsten kein Medium haben um Öffentlichkeit dafür zu generieren. Genau dazu gehören Journalisten aber per Definition nicht.

Was mir maßlos auf den Saque geht ist die massenhafte Verwendung von offenen Briefen im Journalismus. Da hat er nämlich überhaupt nichts zu suchen. Journalistinnen und Journalisten steht in der Regel ein Medium für die Erreichung der Öffentlichkeit und eine breite Palette an Darstellungsformen zur Verfügung. Der offene Brief gehört explizit nicht zum Handwerkszeug.

Warum liest man dann so viele „offene Briefe“ in Print und online? Weil er bequem ist. Der offene Brief lässt sich eben mal so runterschreiben. In einen offenen Brief kann man alles mögliche Reinpacken und muss es nicht mal belegen. Genau darin liegt aber die Gefahr. Der offene Brief als textuelle Chimäre erlaubt eine gefährliche Mischung aus Fakten, gefühlten Wahrheiten und persönlichen Befindlichkeiten, im schlimmsten Fall noch gemischt mit einer gezielten Attacke auf eine Person oder einen Kreis von Personen und einer gehörigen Portion Anmaßung.

Die Autorin oder der Autor tut sich damit nicht wirklich einen Gefallen, wenn die Intention des Textes nicht nur das Abgreifen von Kommentaren oder Likes ist. Der offene Brief wirkt nämlich oft albern aufgrund der Anmaßung, die ihm innewohnt. Wenn ein Lokaljournalist vom Dorf an den russischen Staatspräsidenten schreibt und dem erklärt wie die Welt geht, dann ist die Idee an sich schon unfreiwillig komisch, die Umsetzung aber nur anmaßend. Würde der Dorfjournalist im echten Leben Stift und Papier in die Hand nehmen, den Text verfassen und dann zur Post bringen? Natürlich nicht. Warum sollte er dann in der Zeitung landen? Sowas hat schon in Blogs nichts zu suchen, im Qualitätsjournalismus aber mal gleich gar nicht. Der offene Brief ist ein Synonym für „Ich hatte keine wirkliche Meinung und keine echte Idee was ich schreiben soll, also schwafele ich hier rum“. Er steht für Faulheit und schlechtes Handwerk.

Liebe Journalistin, lieber Journalist, wenn Du plötzlich den Gedanken hegst, einen offenen Brief schreiben zu müssen, halte einen Moment inne und überlege: Lässt sich das, was ausgedrückt werden soll, in eine Nachricht oder einen Bericht kondensieren? Wenn Du eine starke und pointierte Meinung hast – lässt sich die in einem Kommentar unterbringen, oder in einer Glosse? Falls Du diese Fragen mit ja beantworten kannst – dann wähle diese Darstellungsform! Falls nein – dann nimm Dir einen Stift, male Dir ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin faul“ und geh nach Hause, aber verschon uns mit einem offenen Brief.

Der einzige, der offene Briefe schreiben darf, ist der Wagner von der Bild.

Herzlichst,

S.

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Good morning, 1984

Ich halte David Cameron schon länger für den gefährlichsten Politiker in Europa, und hier ist wieder ein Beispiel warum. In einer Rede, in der der kürzlich wiedergewählte Regierungschef sein Programm für die nächsten 5 Jahre vorstellte, sagte er:

„For too long, we have been a passively tolerant society, saying to our citizens ‚as long as you obey the law, we will leave you alone‘.“

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Sich einfach nur an Recht und Gesetz halten soll nicht mehr reichen, die Polizei soll Befugnisse bekommen, alles und jeden aufgrund von „schädlichem Verhalten“ aus dem Verkehr zu ziehen. Dazu gehört „die Möglichkeit die öffentliche Ruhe zu beeinträchtigen“, das Ausgehen „der Möglichkeit einer Bedrohung“ oder das „Auslösen von Beunruhigung“.

Man muss sich mal vor Augen halten, dass insb. London schon aussieht wie ein Polizeistaat, mit allgegenwärtigen Sicherheitskontrollen, permanenter Polizeipräsenz und dutzenden Überwachungskameras an allen Ecken. Und nun soll es nicht mehr ausreichen, sich an die Gesetze zu halten. Wenn irgendjemand irgendwo denkt, sei es bei einem unbedachten Facebook-Posting oder einem merkwürdigen Gesichtsausdruck in der U-Bahn, soll man dafür verhaftet werden können.

Adios, Meinungsfreiheit und Freedom of Speech, hallo 1984.

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Zur Lage der Nation

Das größte Kunststück des Teufels ist es, die Welt glauben zu lassen, dass es ihn gar nicht gibt. Bis 2013 war die Welt noch in Ordnung: Geheimdienste, so glaubten wir, seien ein Relikt des kalten Krieges, eine aussterbende Art, die genauso wenig wie die Politik mit der vernetzten Gegenwart zurecht kommen. Dann zeigte Edward Snowden, wie es wirklich um die Welt steht. Die Geheimdienste hatten das Kunststück fertig gebracht, unbemerkt von der Bevölkerung und jenseits der Kontrolle durch die Politik jede Person auf dem Planeten über das Internet zu überwachen.

2015, zwei Jahre nachdem klar wurde, dass es den Teufel wirklich gibt und er in jedem Ding im Internet steckt, holpert die Politik der Realität immer noch hinterher. Allerdings nicht im Bemühen darum, die außer Kontrolle geratenen Geheimdienste in die Schranken zu weisen und die Bürgerrechte wieder her zu stellen. Das Gegenteil ist der Fall – die Politik versucht, dass verfassungsfeindliche Tun der Geheimdienste zu legitimieren und ihnen gleichzeitig noch größere Befugnisse einzuräumen. Als Beispiele seien die Nutzung der Mautanlagen zur Erstellung von Bewegungsprofilen oder die immer wieder die auftauchende Forderung nach Vorratsdatenspeicherung genannt. Das weckt auch auf anderen Ebenen Begehrlichkeiten, so möchten etwa die Polizeien der norddeutschen Länder ein gemeinsames Überwachungszentrum gründen. Währenddessen fordern auf EU-Ebene der Koordinator für Anti-Terrormaßnahmen und der Chef von Europol eine Einschränkung von Verschlüsselung. Bürger sollten doch bitte, wenn sie schon verschlüsseln, eine möglichst schwache Methode verwenden oder, besser noch, die Schlüssel beim Staat deponieren, damit der jederzeit reingucken kann. Zugleich ist geplant, die gesetzlichen Regelungen gegen Whistleblower einzuschränken. Geheimnisse sollen straffrei nur noch aufgearbeitet werden dürfen, wenn ein allgemeines Interesse besteht und Unternehmen nicht geschädigt werden.

Wem sowas jetzt bekannt vorkommt: Ja, das ist in weiten Teilen eine Neuauflage der Crypto-Kriege der 90er Jahre. Damals gab es ebenfalls Bestrebungen Verschlüsselung zu verbieten. Durch die Verbreitung des Internet geht es bei den Crypto-Wars II um viel mehr, und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass auch diesmal genug Männer und Frauen für ihre Freiheit aufstehen und das am Ende reicht, um den eingeschlagenen Weg in Richtung Polizeistaaten zu ändern.

Was machen eigentlich die Politiker, die unsere Rechte auch im Netz schützen sollen? Der hauptsächliche Teil der Netzpolitik befasst sich aktuell damit Gesetze für Konzerne zu schreiben und DEREN Rechte zu schützen. Die Bundesregierung hat sich gerade Dieter Gorny als netzpolitischen Berater an Bord geholt. Der frühere VIVA-Chef und Parteifreund von Sigmar Gabriel ist hauptberuflich Lobbyist der Musikindustrie. Genauso gut könnte man einen Strafgefangenen zum Gefängnisdirektor machen.

Zumindest im Nebenberuf scheint auch Günther Oettinger Lobbyist zu sein, auch wenn er eigentlich für Digitalisierung bei der EU-Kommission zuständig sein sollte. Oettinger fällt immer wieder durch erstaunliche Unkenntnis. Das begann schon in Deutschland, wo er irgendwann von seinen Parteifreunden nach Brüssel weggelobt wurde, damit er hier keinen Quatsch mehr macht.

Wenn man nur parteipolitischen Sondermüll nach Brüssel verklappt, braucht man sich nicht wundern, wenn von dort auch nur Müll zurückkommt. In Oettingers Fall sogar extrem. Bei seiner Berufung zum Digitalkommissar schien er genauso überrascht zu sein wie alle anderen und kündigte an, das sein Enkel ihm jetzt erstmal das Interweb erklären müssen. Viel hat sich seitdem nicht getan. Sein Weltbild oszilliert zwischen schwäbischen Vorgärten herum, und das merkt man sehr deutlich – nicht nur, wenn er Kritiker als Taliban bezeichnet oder stolz verkündet, dass man Netzpolitik nicht den Netzpolitikern überlassen dürfe.

Das merkt man vor allem auch daran, dass er den größten Rohrkrepierer in Gesetzesform, den es je gegeben hat, das „Leistungsschutzrecht“. Wir erinnern uns, dass ist das Gesetz, dass sich der Springer-Verlag hat schreiben lassen, damit seine Inhalte nicht bei Google auftauchen. JEDER jat im Vorfeld gesagt was für ein Unfug das ist, beschlossen wurde es trotzdem – gegen die BILD, das Sturmgeschütz des Diekmanns, will halt kein Politiker an. Kaum war das Gesetz in Kraft, brachen bei Springer die Zugriffszahlen ein, worauf hin man Google großzügig eine Sondererlaubnis zum anzeigen von Inhalten einräumte. Und dieses nicht-funktionierende Lobbyistengesetz, diese unfassbare Peinlichkeit als Symbol einer käuflichen Legislative, nennt Oettinger als leuchtendes Beispiel, dass man unbedingt auch nach Europa exportieren muss. Das sagt alles, was man über den Mann wissen muss.

Alternativen in Form einer Opposition gibt es leider nicht. Aus irgendeinem Grund sind sich alle Politiker parteiübergreifend einig, dass die allgegenwärtige Überwachung der richtige Ansatz ist, den es weiter zu verfolgen gilt. Haben die alle Angst, dass sie mal verantwortlich gemacht werden, falls es mal einen Anschlag gibt? Das wäre schlimm, denn solche Bewährungsproben muss Freiheit aushalten. Oder haben am Ende die Geheimdienste ihren jahrelangen Vorsprung genutzt, um über wirklich jeden Politiker Kompromat zu sammeln? Wir scheinen in einer Welt zu leben, in der jede Verschwörungstheorie war wird – und zumindest die Mittel für eine solche Aktion wären vorhanden.

was wir hier in jedem fall gerade beobachten können, ist ein massiver Umbau unserer Gesellschaft, und eine Wertverschiebung in eine Richtung, die man nicht gutheißen kann oder darf.

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Kein Engel Gabriel

Sigmar Gabriel ist ein dicker, aber kein dummer Mann. Dieser Tage muss man sich allerdings fragen für wen der SPD-Mann eigentlich arbeitet. Seine Vorstellung auf dem letzten Parteitag seiner Partei war schon einigermaßen bizarr. Er, der Vorsitzende der SPD, beginnt zwei Jahre vor der nächsten Bundestagswahl mit zersetzenden Maßnahmen und teilt den Genossinnen und Genossen mit, dass man gegen die herrliche CDU schlicht nicht gewinnen könne. Das mag ja stimmen, aber: WTF?

Dazu kommen noch urplötzliche Richtungsänderungen um je 180 Grad. TTIP? Mit ihm nicht zu machen / Unverzichtbar. Oder Vorratsdatenspeicherung: Nicht mit der SPD / Alternativlos. Gabriel ändert seine Meinung schneller als die Journalisten mit Aufschreiben hinterherkommen.

Bleibt die Frage: Wer hat eigentlich die Hand im Hintern der dicken Sprechpuppe? Die CDU? Oder hat die NSA Kompromat über Gabriel angehäuft und nutzt das, um ihn nach Belieben zu steuern? Oder hat sein Verhalten einfach, hüstel, wirtschaftliche Gründe? Wäre nicht das erste mal, dass ein Politiker seine Position nutzt um ein schönes Nest in der Wirtschaft zu bauen.

Was auch immer dahintersteckt: Mit gesundem Menschenverstand sind diese Kursänderungen nicht zu erklären. Oder ist Gabriel am Ende einfach in den, haha, Wechseljahren?

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Setzt bitte mal wer den Grube ab?

20 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr Fernbusse genutzt um von A nach B zu kommen (oft mit ungewollten Stops in C und merkwürdigen Erlebnissen in D). Grund dafür ist in 90 Prozent der Fälle der Preis. Die Bahn, ursprünglich mal das Fernreisemittel schlechthin, ist dermaßen teuer, dass man quasi einen Kredit aufnehmen muss, wenn man mit einer mehrköpfigen Familie verreisen will.

20 Millionen Menschen, das ist eine Hausnummer, auf die die Bahn nun neidisch schielt. Sie hat den Markt für günstige Fernreisen unterschätzt. Ist ja auch nicht einfach, wenn man mit Reisen so gar nichts zu tun hat und Neuland betritt. Was nun? Bahnchef Grube hat sich da mal von einer Berliner Wirtschaftsberatung beraten lassen, und, taadaa, die neue Strategie der Bahn ist: SELBST FERNBUSSE ANBIETEN.

Man fasst es nicht. Erst wird jahrzehntelang das Streckennetz beschnitten und die Bahn zu einer Art Fluglinie am Boden umstrukturiert, immer schön mit dem reisenden Businessman als Zielgruppe, und nun wundert sie sich, dass sie unattraktiv ist. Anstatt mal zu überlegen preislich attraktiver zu werden und damit den Fernbussen sofort die Luft rauszulassen, will die Bahn allen Ernstes und mit richtig Kohle in den Busmarkt rein.

Nochmal ganz langsam: Alle Welt hätte gerne das Produkt der Bahn: Bahnreisen. Die enthält sie den Leuten aufgrund des Preises vor und zwingt sie zur drittklassigen Alternative. Und die neue Strategie ist es nun, selbst drittklassig zu werden?

„Jaja“, sagt ein von Grube angeheuertes Consultantwürstchen in die Kameras, „die Bahn hat ja schon aufgrund des Streckennetzes ein Alleinstellungsmerkmal“, streicht sich durch den Milchbart und geht grienend ab. Streckennetz! BEI BUSSEN! ARGH!!!

Nun ist es nicht verwerflich, dass die Bahn sich beraten lässt. Auch nicht von solchen Leuten. Verwerflich ist, dass der Bahnchef solche krassen Fehlentscheidungen trifft und als Strategie fahren lässt. Nun sind schlechte Bahnchefs natürlich schon Tradition, aber gerade deswegen bin ich der festen Überzeugung, wird brauchen ein effizientes Kontrollgremium, was den Bahnchef sofort vor die Tür setzt, wenn er gegen die Interessen des Unternehmens handelt. Bei Grube wäre das dann jetzt soweit.

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