Motorrad

Reisetagebuch Motorradtour 2019 (8): Bloß weg hier

Mittwoch, 19.06.19, Agerola, Amalfiküste

Die Straße vom B&B zurück nach Agerola ist supersteil, eng und verdreht. Wer hier nicht Bergkurven fahren kann, und das superlangsam, fällt erst um und dann den Berg runter. Gut, dass ich das alles sicher beherrsche – ein lautes HA! ins Gesicht von allen, die meinen diese ADAC-Trainings, wo extremes Langsamfahren oder Anfahren mit Volleinschlag bis zum Erbrechen geübt werden, würden nichts bringen. Für hier und jetzt ist das sehr realitätsnah!

Sofort nach Agerola geht es wieder nur im Schrittempo voran. Den Weg von dem Bergort hinab nach Amalfi habe ich einen Oppa vor mir, der in Rechtskurven fast bis zum Stillstand abbremst, so dass ich einmal doch ins Kippeln komme – am Scheitelpunkt einer Kehre mit ordentlich Gefälle kann man nun mal nicht einfach so abrupt anhalten.

Von Maria B&B „Casanova“ zurück auf die Amalfitana. Dauert schon mal etwas länger.
Bild: Google Earth 2019

Wieder geht es auf die Amalfitana. 50 Kilometer lang ist die „Traumstraße“, ungefähr die Hälfte habe ich gestern zurückgelegt. Wieder ist der Verkehr dicht und das, obwohl es erst kurz nach 08:00 Uhr ist.

Die Straße ist so eng und so überlaufen, das kaum noch was geht. Wird nicht besser durch Spinner wie den Oppa, der nur in einer Unterhose bekleidet mitten auf der Straße joggt. Eine amerikanische Touristin tut es im gleich. Verrückte. Und wenn dann nichts mehr voran geht, stehen Fußgänger, Rollerfahrer, Radrennfahrer (ARSCHLOCH!), Autos, LKW, Busse und Esel doof auf der Straße rum. Und ich mitten drin.

Die Amalfitana, stelle ich wieder fest, ist keine Traumstraße. Vielleicht war sie es mal, früher, als hier nur ganz wenige Autos unterwegs waren. Vielleicht war sie es auch nie, und ein Journalist hat sich das in einer rotweinseeligen Nacht in einem Ristorante hier zusammenfantasiert, und alle anderen Reiseführer haben es dann abgeschrieben. Ja, die Konstruktion der Straße, so in den Felsen, ist beeindruckend. Und die Kurvenschwünge sind nett. Hat man aber nichts von, wenn man die nicht fahren kann, weil hier so viel los ist. Vielleicht war das früher anders.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (7): Die Hölle der Amalfitana

Dienstag, 18.06.19, Faicchio, Kampanien

Die Amalfitana gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Warum eigentlich?
Das frage ich mich schon, seitdem ich das erste Mal da war. 2011 war das, mit Modnerd am Steuer eines Mietwagens, ich saß als Beifahrer daneben.

Amalfitana? Was ist das denn?

Südlich von Neapel liegt der Ort Amalfi direkt am Meer, weshalb die Gegend dort auch Amalfiküste heißt. Es ist eine Steilküste, deren grobe Felsen senkrecht ins Meer fallen. In diese Felsen sind auf Terrassen ganze Orte gebaut, mit klingenden Namen wie Positano, Ravello oder Maiori. Die Orte sind durch eine Straße verbunden, die kunstvoll und in mühsamer Arbeit aus dem Felsen gehauen und gesprengt wurde.

Diese Straße trägt die nüchterne Bezeichnung SS163, aber unter diesem Namen kennt sie niemand. Wenn aber ihr Spitzname fällt, dann seufzen die Menschen und gucken sehnsüchtig in die Ferne. „Amalfitana! Ahhh!“ Warum? Weil die Amalfitana eben einen Ruf als eine der schönsten Straßen der Welt hat. Aber als schöne Straße habe ich sie bislang nicht erlebt.

Die Lage der Amalfitana: Auf der Südseite einer Landzunge, auf der auch Sorrento und vor dessen Küste Capri liegt.
Bild: Google Maps 2020.

In meiner Erinnerung ist die Amalfitana über weite Strecken mehr Gasse als Straße. Eine enge Gasse, die sich Lastwagen, Busse, PKW, Motorradfahrer, Radfahrer, Esel (die werden als Transport zu den Häusern im Hang benutzt) und Fußgänger teilen.

Sie führt in absurden Kurven und Knicken um Felsen und Häuser herum – so absurd, dass ein Bus, der um eine enge Kurve fährt, auf die andere Fahrbahnseite schwenkt und dabei den Gegenverkehr blockiert – was andere aber nicht von dem Versuch abhält, sich doch noch irgendwie vorbei zu quetschen.

Das Resultat ist so, wie man es erwarten kann: Nichts geht mehr, die Fahrzeuge blockieren sich gegenseitig und müssen dann zentimeterweise vor- und zurückmanövrieren, um irgendwie aus diesem Deadlock wieder rauszukommen. Dieses Blockadespielchen schien bei meinem ersten Besuch eher Regel als Ausnahme zu sein. Gefühlt stand der Verkehr an jeder zweiten Kurve. Wenn er dann doch mal etwas schneller floss, wurde unser Mietwagen in halsbrecherischen Manövern auf nicht einsehbaren Abschnitten von Minibussen überholt, was für mehr als einen Schreckmoment sorgte.

Eng.
Laut.
Überfüllt.
Die aufgeheizte Luft voller Abgase.
An jeder Ecke klemmten Reisebusse oder LKW in Kurven fest.

Nein, die Amalfitana hat keinen guten ersten Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht mal die Aussicht war supertoll, was aber auch daran lag, dass ich wenig davon sah – wir fuhren die Straße nämlich in der verkehrten Richtung, von Süden nach Norden und von Osten nach Westen, also auf der Fahrspur, die an den Felsen entlangführt. Rechts Felsen, links eine endlose Schlange Fahrzeuge, von vorne und hinten Kamikazebusse. Nein, das machte damals alles keinen Spaß, nicht mal als Beifahrer.

Jetzt, mit mehr deutlich mehr Erfahrung und im Sattel des Motorrads, will ich nachsehen ob mein damaliger Eindruck vielleicht verkehrt war. Auf jeden Fall bereite ich mich mental für heute schon mal auf auf das Schlimmste vor, als ich am Morgen in Faicchio unter einem Kastanienbaum noch schnell einen Caffé trinke.

Als ich in den Sattel der Barocca klettere, steht Alberto schon mit Schubkarre und Strohhut wieder vor seinen Beeten und ruft „Buon viaggio!“, gute Fahrt.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (6): Die schönste Straße Italiens

Montag, 17.06.2019, Siena

Die Morgensonne tastet sich in die verwilderte Senke hinter der Villa Allgeria vor. Es ist 05:30 Uhr

Ich springe aus dem Bett, putze mir schnell die Zähne, steige in die Motorradklamotten und trage die bereits fertig gepackten Koffer zum Motorrad, das an der Straße vor dem Haus steht.

Für Frühstück ist es zu früh, und von Cecilia und Francesco habe ich mich gestern Abend schon verabschiedet. Alles, um wirklich ganz früh los zu kommen. Der Grund: Heute habe ich einen wirklich weiten Weg vor mir. Über 500 Kilometer durch die Berge, das ist selbst für meine Verhältnisse viel. Anna prognostiziert eine Netto-Fahrzeit von 10 Stunden, da kann man dann locker nochmal zwei Stunden draufrechnen, für Verzögerungen im Betriebsablauf wie Staus oder kleine Pausen oder Fotostops.

Um 6:30 Uhr rollt die Barocca aus der Via Portogallo, fädelt auf die Landstraße Richtung Siena und biegt dann nach Osten ab.

Die Straße liegt im Morgenlicht und ist noch angenehm wenig befahren. Es ist kühl, nur um die 12 Grad, aber das wird nicht lange so bleiben.

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Einen Monat ohne (1): Lappenlos

Das neue Jahr ist da, und ich mache jetzt mal ernst mit einem Monat Enthaltsamkeit. Ich werde einen Monat lang statt des Autos oder eines Motorrads nur Füße, Fahrrad, Busse und Bahn nutzen.

Kann man ja mal machen. Für den Klimaschutz?

Äh, ja…. ganz genau. Ich möchte mehr für den, äh, Klimaschutz machen. Sicher. Diese Erkenntnis kam quasi blitzartig über mich.
Blitzartig, kurz vor Halle in Westfalen.

Ich war auf der Landstraße unterwegs und gerade aus einem Ort rausgefahren. Etwas in Gedanken hatte ich nicht darauf geachtet, wie schnell man da eigentlich fahren durfte, und über einen längeren Abschnitt kam dann auch kein Geschwindigkeitsschild mehr. „100“, zeigte das Navi des Mietwagens an. Na dann.

Aber irgendwas fühlte sich komisch an, und deshalb fuhr ich langsamer. Deutlich langsamer zuerst. Ich hatte ja Zeit, Arbeitstag war vorbei. Im Laufe der Strecke – breit, gut ausgebaut, übersichtlich – ließ ich den Audi wieder schneller rollen.

BLITZ.

Ok, das war jetzt doof. Da war ein Blitzanhänger hinter einem Baum auf der linken Fahrbahnseite. Aber wie schnell durfte man denn jetzt hier eigentlich fahren?

Das erfuhr ich zwei Wochen später, als ich ein Schreiben vom Landkreis Gütersloh im Briefkasten hatte. Weil weiter vorne eine Baustelle war, hatte man offensichtlich auf der Strecke temporär ein Limit von 50 km/h eingerichtet. Ich lag exakt 41 km/h drüber. Das ist ziemlich unglücklich, denn bis 40 Stundenkilometern drüber gibt es nur eine Geldstrafe, ab dem 41. Kilometer ist aber der Lappen einen Monat weg.

Ob ich zum Sachverhalt eine Aussage machen wollte, fragte Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh. Ich schrieb ihr einen netten Brief, in dem ich ihr darlegte, dass ich das wohl war, aber nur unglücklich vor mich hin geträumt hatte. Hätte ich rasen wollen, wäre ich schneller gewesen. Ob wohl dieser nicht vorhandene Vorsatz ein Grund wäre, vielleicht noch mal einen Stundenkilometer abzuziehen und auf 40 km/h drüber zu kommen?

Der Brief sorgte offensichtlich für Erheiterung bei Frau Webermann. Sie bedankte sich für die „längliche Darstellung des Sachverhalts“ und wies darauf hin, das, sollte ich ein Härtefall sein und den Führerschein un-un-unbedingt brauchen, das ja darlegen könne. Dann könnte sie vielleicht das Fahrverbot in eine höhere Geldstrafe umwandeln. Ich bräuchte dafür aber ein Schreiben meines Arbeitgebers, dass ich ohne Lappen quasi meinen Job los wäre.

Ansonsten könnte ich mir aber in einem Viermonatsfenster aussuchen, wann ich zu Fuß gehen wollte, und ich sollte ich doch zusehen, dass ich die führerscheinlose Zeit doch vielleicht in den Urlaub legen sollte. Haha. Ausgerechnet. Wo mein Urlaubskonzept doch gerade von Individualbmobilität geprägt ist. Klar, 3 Wochen Japan, das hätte schon gepasst. Leider wollte ich da auch gerne Auto fahren, wenn auch nur zwei, drei Mal, aber genau für den Zweck hatte ich schon eine Übersetzung meines Führerscheins ins Japanische anfertigen lassen, und war nicht bereit die einfach so abzuschreiben.

Bin ich ein Härtefall, der den Führerschein unbedingt braucht? Ich bin recht häufig auf Dienstreisen, aber meist mit der Bahn. Mietwagen sind da die Ausnahme. Also eher nicht.

Ich hätte natürlich so tun können und dann vor Frau Webermann rumflennen, dass ich armer Mensch ohne Führerschein praktisch nicht mehr lebensfähig bin, aber wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich die Einstellung vertrete, dass man nicht lang jammern soll, wenn man Mist gebaut hat, sondern die Strafe gefälligst ertragen soll. Aus einem Vergehen rauswieseln, das ist nicht mein Ding.

So kommt es, dass ich jetzt zum ersten Mal seit meinem 16. Lebensjahr einen Monat ohne motorisiertes Fahrzeug unterwegs sein werde und hier begleitend aufschreibe, wie das so ist.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich schreibe das hier nicht um rumzujammern, sondern weil ich selbst gespannt bin, wie das wird. Vermutlich unspektakulär, aber man weiß ja nie – ich wohne auf dem Dorf. Nicht weit auf dem Land, aber immerhin. Mobilität war als Ressource für mich die letzten 28 Jahre, mit einer kurzen Ausnahme, praktisch rund um die Uhr verfügbar und selbstverständlich, da wird es vielleicht schon spannend mal zu gucken, wie das ist, wenn etwas selbstverständliches einfach weg ist.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (5): Abschiedstour durch die Toskana

Auf Sommerreise mit der V-Strom. Heute mit einer Pause in der Toskana.

Pfingstmontag, 10. bis Montag, 18. Juni 2019

Ich schlafe bis Mittags, tappe ein wenig in der Wohnung auf „I Papaveri“ herum, falle wieder um und schlafe weiter. Die letzten Tage, ach was, die letzten Wochen und Monate waren anstrengend, das signalisiert mir mein Körper jetzt sehr deutlich. Wenn er Gelegenheit zum Abschalten hat, macht er das auch, und bei mir bricht die angeborene Faulheit durch.

Erst am späten Nachmittag schaffe ich es mich aufzuraffen und in den Sattel der Barocca zu klettern. Ich fahre die Küste runter bis nach Venturina. In dem acht Kilometer entfernten Ort ist ein Geschäft der Telekom Italia Mobile, der TIM. Es ist Pfingstmontag, aber in Italien ist das kein Feiertag.

Zur Telekom muss ich, weil ich eine neue SIM brauche. Die Datenkarte, die ich seit drei Jahren nutze, wurde immer von einem Serviceunternehmen in Meran betreut. Denen konnte ich sagen was ich möchte, dann habe ich denen Geld per Paypal überwiesen und die haben dann für mich mein TIM-Kundenkonto benutzt und das richtige gebucht. Das machen die aber jetzt nicht mehr, wegen „EU“ und „Datenschutz“. Das ist eine dumme Ausrede und sehr schade – ich fand es immer toll, gegen 99 Euro für das ganze Jahr 50 GB Daten zur Hand zu haben, zumal das 4G Netz in Italien irrsinnig gut ausgebaut und schnell ist.

Das TIM-Kundenkonto selbst zu nutzen ist keine Option. Das fängt schon damit an, dass man aus dem Ausland kein Geld einzahlen kann. Offiziell geht das, aber sowohl Kreditkarten- als auch Paypalbezahlung mit ausländischen Konten werfen Fehlermeldungen, seit Jahren schon.

Mit dem Webservice „Xoom“ hätte ich es schaffen können die Blockade der TIM gegen Ausländer zu umgehen, aber ganz ehrlich: Ein Blick in das Backend meines TIM-Kundenkontos hat mich verzweifeln lassen. Es gibt keinen einfachen Knopf um die SIM-Karte für ein Jahr mit dem vorhergehenden Tarif zu verlängern. Stattdessen gibt es dutzende von Checkboxen und Schaltflächen, die versuchen einem tausend Optionen aufzuquatschen, alles auf Behördenitalienisch.

Dazu kommt, dass die Hälfte der Schaltflächen kaputt ist oder was ganz anderes tun als sie sollen. Die Gefahr ist hoch, mit einem unvorsichtigen Klick versehentlich einen Festnetzanschluss oder ein Faxgerät zu bestellen.

Immerhin gibt es seit diesem Jahr gibt es nun das Angebot „TIM Tourist“. Als Besucher erhält man darüber 15 GB, für 30 Euro. Das ist nicht schlecht, aber auch nur ein Mal buchbar und nur 30 Tage gültig. Egal, dieses Jahr bin ich nur ein Mal in Italien.

Die TIM-Niederlassung in Venturina ist modern eingerichtet. Zwischen Designermöbeln und Ausstellungsflächen mit den neuesten Smartphones stehen Monitore, auf denen lachende Menschen über den Bildschirm tanzen. Vor den Monitoren stehen wütende und aufgebrachte Menschen. Das überrascht mich nicht, sondern entspricht dem, was ich bislang über die Telekom gelesen habe. Deren Service ist unterirdisch, Unfähigkeit an der Tagesordnung, und zuständig ist sowieso niemand. Das ist sytembedingt. Die Angestellten hier im Laden tun nichts weiter, als mit toten Augen und traurigen Mienen zuzuhören und ab und an bedauernd den Kopf zu schütteln. Sie sind Notfallseelsorger für den Unfall namens TIM, wirklich machen können sie auch nichts. Einem besonders aufgebrachten Kunden wird sogar ein Telefon gereicht, damit er seinen Kampf mit der Telekom-Hotline persönlich ausfechten kann.

Als ich dran bin, lege ich einen Zettel auf den Tresen und ernte von der Angestellten einen irritierten Blick. Das Blatt Papier ist ein Ausdruck eines Gutscheins für die Touristenkarte. Habe ich schon zuhause gebucht und bezahlt.

Sie kennt das offensichtlich nicht, macht sich gleich aber erstmal im Backoffice schlau. Dort thront anscheinend eine Art graue Eminenz, die alles weiß und schon allein deshalb keinen Kontakt zu Kunden nötig hat. Ich höre schnelle Gespräche, dann kommt die Angestellte wieder, verlangt meinen Ausweis, kopiert ihn un und tippt dann in ihrem Computer rum. Dann tippt sie noch etwas länger im Computer rum.

Ein Kollege in TIM-Polohemd kommt mit besonders trauriger Miene vorbei und guckt, was sie da macht. Er besieht sich meinen Voucher, fährt die Logos darauf mit dem Finger ab und sagt. „Ach, guck. Ist ja toll, was wir alles so haben. 15 Gigabyte. 4G. Mit Whatsapp. Sogar mit SIM inklusive“.

Ja, das steht da. So hatte ich das im Internet auch verstanden: Alles inklusive, keine Extrakosten. Ich hatte allerdings in Foren auch gelesen, das insbesondere die TIM-Partneragenturen die SIM nicht ohne Extragebühr rausrücken, weil sie sonst nichts verdienen. Aber das hier ist ein Original TIM-Geschäft, die werden vom Staat bezahlt. Der traurige Typ geht wieder, die Frau tippt weiter im Computer rum. Dann noch länger. Dann sagt sie: „das macht 10 Euro für die SIM“.

„Ach“, sage ich. Ich drehe den Voucher zu mir und lese vor „Inclusiva data, whatsapp and SIM“. „Ach, sie haben da schon was für bezahlt?“, sagt die Frau. „Ja“, sage ich. „SIM kostet trotzdem extra“, sagt die Frau. „Nein, ist inklusive“, sage ich. „OK“, sagt die Frau und reicht mir eine SIM, die ich sofort untersuche.

Größe stimmt, 4G stimmt auch, PIN und PUK sind auch drauf. Sehr gut. „A posto“, sagt die Frau wieder, und „OK“. „Ok“ sage ich und will gehen. „Das macht 10 Euro“, sagt die Frau. Was soll denn das jetzt? Will die unbedingt Ärger oder was? „Aber im Internet stand, SIM Inclusive“, sage ich. Dann deute ich auf den Voucher, wo auch TIM SIM steht. Sie zuckt die Schultern und sagt „A Posto“. Das heißt so viel wie „in Ordnung“.

„A…. Posto…“, sage ich und drehe mich langsam Richtung Ausgang, wobei ich die Frau aus den Augenwinkeln im Blick behalte. „10 Euro“, sagt sie. Man, das GIBT ES doch nicht! Was denn nun? „In Ordnung“ oder 10 Euro? „Tutto insieme!“, sage ich. „A posto“, sagt die Frau. Ich wende mich zum Gehen. „10 Euro!“ ARGH!

In dem Moment dröhnt die graue Eminenz aus dem Back Office „ist inklusive!“ Die Angestellte zuckt mit den Schultern und geht weg. Ich rufe ihr und der grauen Eminenz im Back Office ein danke zu, dann stecke ich die SIM ein und flüchte. Meine Güte, bin ich froh italienisch zu sprechen, englisch kann hier nämlich vermutlich niemand und ich mag mir gar nicht ausmalen was für ein Drama dann diese seltsamen Verhandlungen gewesen wären.

Immerhin funktioniert die Karte auf Anhieb. Ich fummele die SIM in das kleine Gerät im Topcase, das Display leuchtet auf und „Connected“ erscheint. Internet! Yay! Ab jetzt ist die Barocca ein fahrender Accesspoint. Wir machen unser eigenes WLAN.

In den folgenden Tage dödele ich in der Toskana herum. Die Sonne scheint und es ist warm, meist um die 25 Grad, aber auch sehr windig. Am Strand von San Vincenzo zu liegen macht bei dem Wetter keinen Spaß, da wird man gesandstrahlt und der Sonnenschirm fliegt weg. Aber Nichtstun und Motorradfahren, das macht Spaß, und deshalb tue ich das sehr ausgiebig.


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Motorradsaison 2019: Top 3 gute Dinge

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Die Highlights (SIC!) des Jahres.

3. Rok Straps
Ein Packgurt mit einem elastischen Mittelteil, ein Klickverschluss, an jedem Ende eine Schlaufe. Mehr sind Rokstraps nicht, aber damit sind sie endlos praktisch und viel leichter zu handhaben als ein normaler Spanngurt. Statt endloser Rumfuddelei und losen Enden, die im Wind flattern, einfach drumschlingen, zusammenklicken, fertig. Egal ob die Gepäckrolle für die lange Reise gesichert wird oder nur der Einkauf vom Supermarkt auf die Rückbank soll, Rokstraps befestigen alles, schnell und unkompliziert. Durch den elastischen Gummiteil halten sie die Spannung und lösen sich nicht. Und notfalls kann man damit sogar das Mopped auf einer Fähre sichern. Ich habe mittlerweile je einen als zusätzlich Sicherung um Koffer und Topcase.

2. Sena Prism Tube Wifi
Ich bringe gerne Videos von Fahrten mit zurück. Dafür nutzte ich bislang am Liebsten die wasserdichte VIRBE XE. Die ist aber zu klobig um sie seitlich am Helm zu befestigen, und AUF den Helm werde ich sie mir nicht kleben – ich bin doch kein Teletubbie!

Auftritt der Prism Tube Wifi. Eine simple und winzige Kamera. Ist nicht wasserdicht (Hersteller: „Wasserbeständig“, haha!) und kann nichts als Videos aufzeichnen (2K). Das Bild ist besser als die FullHD-Virb XE, aber doch am Ende lediglich gut – Bitrate und Farben sind zwar okay, aber für meinen Geschmack ist alles zu überschärft.

Der Charme der Prism Tube liegt aber woanders, nämlich in der Form, der Bedienung und dem Durchhaltevermögen. Die Kamera ist zylinderförmig und schlank und fällt am Helm nicht auf. Der Akku hält gefühlt endlos, die zwei Stunden, die der Hersteller angibt, sind nicht maßlos übertrieben. Das Tollste: Sie hat nur ein Bedienelement, einen umlaufenden Ring. Wird der nach vorne gezogen, zeichnet sie auf. Alle anderen Einstellungen nimmt man über eine App vor, wobei es da auch kaum Optionen gibt. Aufzeichnen, mehr kann die Prism Tube nicht, aber das macht sie über Stunden und zuverlässig. Vlogger können sich noch Lautsprecher und Mikro in den Helm kleben und damit Tagebuch sprechen.

Ähnlich puristisch ist das Zubehör: Es gibt nur eine Klebehalterung für einen Helm, für andere Anwendungen gibt´s nichts und nicht mal eine zweite Helmhalterung bekommt man einzeln. Schade, aber weil mir das Ding so großen Spaß macht, reicht´s noch für Platz 2.

1. Osram Nightracer 110
Die Nightracer-Serie sind H4/H7-Leuchtmittel, die Hersteller Osram mit einer signifikant höheren Lichtausbeute bewirbt. Die geht allerdings auf Kosten der Lebenszeit. Nachdem ich nun zwei Jahre lang mit Nightracer 50 (50 Prozent mehr Licht, leicht reduzierte Lebensdauer) gefahren bin, folgte im April der Umstieg auf die Nightracer 110 (110 Prozent mehr Licht, signifikant verkürzte Lebensdauer).

Ob die 110 Prozent stimmen, weiß ich nicht. Die Leuchtmittel sind aber tatsächlich wesentlich heller und weißer als die Standard-H4-Lampen in V-Strom und ZZR, gegen das Licht der Nightracer wirken die Standardbirnen wie Funzeln. Man sieht damit definitiv mehr und wird auch besser gesehen. In der Suzuki haben die Lampen selbst die an Erschütterungen nicht armen Fahrten im Sommer gut überstanden. Die verkürzte Lebensdauer ficht mich nicht an. Sollte die Lampe doch mal auf Reisen ausfallen, spielt das keine Rolle. Die V-Strom hat ohnehin zwei Scheinwerfer, eben für den Fall, dass einer ausfällt, und ist so gebaut, dass man die Lampen per Hand und ohne Demontage von Leuchte oder Verkleidung hinbekommt.

Einfaches und effizientes „tuning“ für läppische 12 Euro pro Lampe. Mehr Sicherheit für praktisch kein Geld: Das ist ein verdienter Platz Nummer 1.

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Motorradsaison 2019: Flop 3 Ärgernisse

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Das Schlechteste des Jahres 2019.

3. Daytona Road Stars in der falschen Größe
Daytona Stiefel sind toll, aber nur wenn sie passen. Eine Nummer zu groß, und sie sind Hölle auf Erden. Immerhin: Es lag nicht an ihnen, es lag an mir. Ich habe gerade bei allem Zwischengrößen. Egal ob Stiefel, Jacke oder Hose: In einer Nummer sind sie zu klein, eine Nummer größer fallen sie mir vom Hintern. Schlimm.

2. ProAntis Handschuhe
Handschuhe einer chinesischen „Marke“ bei einem dieser schnellwachsenden Onlineversender bestellt, ausgepackt, angeguckt, weggeschmissen.

Es gibt Dutzende Motorradfahrer, die in Foren vom „tollen Griffgefühl“ und „ausgezeichneter Lüftung“ schwärmen. Da möchte ich mal fragen: Was stimmt mit Euch nicht? Fahrt ihr nur ein Mal im Jahr zur Eisdiele, oder wie kommt ihr zu dem Urteil?

Ja klar haben die Handschuhe ein tolles Griffgefühl. Ist ja auch kein Wunder, wenn die Handfläche aus milimeterdünnem Kunstleder besteht. Ja klar haben die eine tolle Lüftung. Ist auch kein Wunder, wenn die Nähte praktisch nur aufgemalt sind und schon nach der zweiten Benutzung aufgehen. Dazu kommt ein Knöchelschutz der aussieht wie Carbon, aber aus billigster Plaste besteht, die man mit den Fingern eindrücken kann. Die Schutzwirkung dieser Dinger dürfte irgendwo zwischen „nicht vorhanden“ und „ähnlich eines selbstgehäkelten Topflappens“ liegen. Zum Moppedfahren sollte man sowas auf keinen Fall tragen.

Ich habe dann noch versucht sie zum Radfahren zu verwenden und stellte dabei fest, dass die Teile abfärben und nach der dritten Benutzung völlig auseinanderfallen. SchlimmSchlimm.

1. Tieferlegung der V-Strom
Ich habe die Tieferlegung der Suzuki zwei Jahre lang ziemlich abgefeiert, ermöglicht sie mir doch mit 1,70 Körpergröße die große Maschine sicher zu rangieren. Dafür musste ich Kompromisse eingehen: Der Seitenständer war verstümmelt, der Hauptständer musste demontiert werden, der Motorschutz passte nicht mehr drunter und in scharfen Kurven setzte die Maschine mit Seitenständer oder Auspuff auf. Habe ich alles ertragen. In diesem Jahr ist mir dann aber doch der Arsch geplatzt, als die Maschine an moderaten Kanten hängen blieb und die Umlenkhebel bei Bodenwellen aufsetzten. Nee, so nicht. Raus damit!

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (4): Motorrad-Tourette

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einer Traumfrau, einem räuberischem Fürstentum und vielen Kraftausdrücken.

Sonntag, 09. Juni 2019, Asprémont, Frankreich

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Ein gewaltiger Donner rollt durch die Täler hinter Nizza. Das Gewitter muss direkt über Asprémont sein, Regen trommelt auf das Dach des Hotels.

Ich blicke auf die Uhr. Kurz nach 4. Ich versuche noch einmal einzuschlafen, aber so ganz will mir das nicht gelingen, draußen kracht und rumpelt es im Sekundentakt. Wieso gibt es überhaupt Gewitter, also, jetzt? Gestern Abend war davon nicht zu sehen.

Nach zwei schlaflosen Stunden werfe ich um kurz vor sechs einen Blick auf die Wetterkarte. Darauf ist zu sehen, wie sich gegen zwei Uhr nachts praktisch spontan und aus dem Nichts ein Tiefdruckgebiet gebildet hat, direkt über Asprémont. Und nicht nur das: Ab sieben Uhr wird es weiterziehen, und zwar exakt auf meiner Reiseroute und auch nur da. Ich bin wohl doch ein Wettergott.

Ächzend quäle ich mich aus dem Bett. Meine Füße tun immer noch weh. Die Blasenpflaster werfen jetzt selbst monströse Blasen, während sie versuchen die nässenden Löcher in meinen Fersen abzudecken.

Es ist Pfingstsonntag, aber selbst heute und um kurz vor sieben Uhr ist Sabine schon wach und unterwegs. Während ich die Koffer zum Motorrad trage, höre ich die Sächsin in der Küche werkeln.

Die Barocca durfte die Nacht über auf der Terrasse stehen und ist noch nass vom Wolkenbruch. Nass und… dreckig? Tatsächlich. Der Regen war voller Sand. Wüstenstaub, wahrscheinlich. Den hat wohl der Mistral Scirocco, wie man in Frankreich den starken Wind aus Süden nennt, aus Afrika rübergeweht. Das schwarze Motorrad hat nun ein sandfarbenes Tupfenmuster und sieht aus, als wäre es gerade eine Wüstenrallye gefahren.

Ich hänge die Koffer an das Motorrad und schiebe es vor das Tor, dann leiste ich Sabine an der Kaffeebar im Erdgeschoss ihres Hotels Gesellschaft. Die Leipzigerin trägt heute Morgen das platinblonde Haar zu einem Pferdeschanz gebunden. Zusammen mit einer ärmellosen, weißen und tief dekolletierten Bluse sieht sie ein wenig aus wie ein Filmstar aus den Fünfzigern.

Gerade schraubt und schaltet sie an einer schrankwandgroßen Espressomaschine herum. „Die braucht noch einen Moment zum Aufwärmen, aber ich habe uns schon mal deutschen Kaffee gemacht“, sagt sie und gießt mir einen Filterkaffee ein. Ich habe kein Frühstück gebucht, aber ohne einen Kaffee auf den Weg lässt sie mich nicht weg. Der Preis dafür ist eine kleine Plauderei, und Sabine kann ohne Punkt und Komma reden.

Da habe ich aber überhaupt nichts gegen, denn sie ist eine sehr angenehme Gesellschaft und eine kluge und erfahrene Frau, von der man selbst in kurzen Gesprächen viel lernen. Die Hotelierin war nach der Wende als Reiseleiterin mit „Studiosus“ in ganz Europa unterwegs, spricht mehrere Sprachen fließend und hat letztlich der Liebe wegen in Asprémont Wurzeln geschlagen.

Sie hat mir vor drei Jahren bei einem kurzen Frühstückskaffee mehr über Frankreich beigebracht als Ulrich Wickert in drei Büchern. Die er übrigens, zumindest zum Teil, genau hier verfasst hat: An dem Fenstertisch da hinten rechts, im Restaurant in diesem Hotel.

„Wissen sie“, sagt Sabine, „ich komme mir hier gerade vor wie in einer Diktatur. Ich bin in eine Diktatur hineingeboren worden und manchmal fühlt es sich so an, als sei ich nie aus der DDR rausgekommen.“

Jetzt sind sie aber ein wenig hart“, sage ich und nippe am Kaffee. „Nein, gar nicht“, sagt sie. „Ich meine das ernst. Ein Beispiel: Die Gelbwestenproteste, davon hat man doch plötzlich nichts mehr in den Medien gehört, oder? Die waren von jetzt auf gleich kein Thema mehr in den Nachrichten.“ Da hat sie recht. „Wissen sie, warum?“, fragt sie.
Ich schüttele den Kopf.

„Weil die französische Regierung das Militär gegen die Demonstranten eingesetzt hat! Hier in Nizza hatte die Bewegung ja ihren Ausgangspunkt, und hier ist allen Ernstes das Militär aufmarschiert, im Verhältnis fünf zu eins. Die Soldaten haben dann nichts gemacht, die standen nur zu Hunderten am Rande der Kundgebungen mit umgehängten Waffen, aber alleine ihre Präsenz war so einschüchternd, dass die Gelbwesten weggeblieben sind.“

Sabine gießt sich selbst einen Kaffee ein und reicht mir ein Körbchen über den Tresen „Hier, nehmen Sie ein Schokocroissant. Ach, es ist gerade kompliziert. Überall. Ich habe ja gute Freunde in Russland und mache da regelmäßig Urlaub, auch im Winter. Gerne auch mal weiter im Osten, am Baikalsee und so. Wussten sie, das Russland das christliche Land mit den meisten Muslimen ist?“
Ich mümmele am Schokocroissant herum und mache „ne“.

„Aber die machen das anders, statt Integration setzt Russland auf Enklaven. Jeder für sich. Es gibt prachtvolle muslimische Städte in Russland, bewohnt nur von Muslimen. Die werden dort auch völlig in Ruhe gelassen. Aber wenn von dort jemand nach Moskau will, dann wird er sehr genau kontrolliert. Und das funktioniert, es ist alles friedlich.“

Na, ich weiß ja nicht. Egal ob man es Enklave nennt oder die kleinere Version davon Ghetto: Die Isolation von Bevölkerungsgruppen war noch nie eine gute Idee. Mir ist eine integrierte Gesellschaft lieber, und das sage ich ihr auch.

Sabine guckt kurz in die Ferne, dann sagt sie „Naja, jedenfalls: Ich bin der Meinung, dass einer der Hauptfehler der EU die überhastete Osterweiterung war.“

Ich nicke. Das denke ich auch. Sie fährt fort: „Man hätte erstmal eine Nord- und eine Süd-EU machen sollen, und erst dann vielleicht eine separate Ost-EU, und dann alles langsam annähern. Der zweite Fehler der EU ist dieses bedingungslose Festhalten an den USA und das Verteufeln von Putin. Man mag denken was man will, aber durch die Abschottung des Westens steuert Putin jetzt Russland in Richtung China. Auch die Mongolei orientiert sich an China. Das sind starke Partner, da kann Europa nicht gegen an, dafür ist es einfach zu klein. Europa wird zerrieben, und in Italien nimmt es gerade seinen Anfang.“ „Die neue Seidenstraße?“, frage ich und nehme noch einen Schluck Kaffee.

Sabine nickt. „Genau, die neue Seidenstraße. Der Hafen von Triest ist schon komplett an die Chinesen verkauft, und aktuell diskutiert man, ob auch Genua und einige andere Häfen und Infrastrukturprojekte wie Brücken oder Straßen von den Chinesen übernommen werden sollen. Der Faschist Salvini, der tut ja immer so als wäre er Patriot, aber er betreibt gerade einen Ausverkauf seines Landes. 340 Milliarden pro Jahr, so munkelt man, soll China nach Italien bringen. Verstehen sie, was das heißt?“, fragt Sabine mit finsterer Miene.

Ich überlege. Dann geht mir ein Licht auf. „Bei der Menge an Geld… braucht Salvini die EU nicht mehr.“ Sabine lächelt grimmig. „Ganz genau. Salvini macht seinen rechtspopulistischen Schwachsinn wahr und zeigt der EU den Finger, und das kann er, weil er sich an die Chinesen prostituiert.“

Alter Falter. Das war mir gar nicht bewusst. Reisen bildet, auch politisch. Und meine Güte, wie toll ist diese Frau eigentlich, dass die mir quasi so nebenbei in 10 Minuten die Weltpolitik erklären kann? Ich glaube, ich bin verliebt.

In dem Moment rollt wieder ein Donnergrollen durch das Tal. Wolken ziehen rasant schnell an der Fensterfront des Frühstücksraums vorbei.

„Verdammt, das ist die Nachhut des Gewitters“, sage ich und trinke den Rest Kaffee in einem Schluck aus. „Ich muss los, so Leid mir das auch tut“.
Sabine begleitet mich zum Motorrad. Erste Regentropfen beginnen zu fallen. „Sie kommen aber wieder, oder?“, fragt sie.
„Aber sicher“, sage ich, „aber nur wenn Sie dann noch hier sind, Sabine“.- Sie lächelt und eilt zurück ins Hotel, wo die ersten Gäste schlaftrunken in die Lobby wanken.

Ich hoffe sehr, dass ich diese außergewöhnliche Frau tatsächlich noch einmal wieder sehen werde.

Der Regen legt jetzt so richtig los. Ich ziehe Regenhose und -Jacke aus dem Seitenkoffer und versuche mich da hineinzwinden. Gar nicht so einfach, in voller Schutzkleidung den Einstieg in die Regenklamotten hin zu bekommen. Ich verhake mich erst beim Anziehen im Innenfutter der Hose und hüpfe fluchend auf einem Bein im Kreis bis ich fast umfalle, dann vernüddelt sich der Ärmel der Jacke irgendwo hinter meinem Rücken. Würde man diese Nummer aufzeichnen und das Video rückwärts ablaufen lassen, sehe ich vermutlich aus wie Houdini, der sich aus einer Zwangsjacke befreit. So sehe ich nur aus wie ein Depp.

Zu den Regenklamotten, die mich gerade ärgern, kommt die Luft: Es sind 24 Grad, sagt das Thermometer, und die Luftfeuchtigkeit ist tropisch. In solcher Luft fällt das Atmen schwer, und ich schwitze schon wieder wie ein Üchel.

Als endlich alles sitzt, hört der Regen so abrupt auf wie er begonnen hat. Leicht fassungslos gucke ich zum Himmel und denke laut „Arschloch“. Halb aus Trotz und halb aus der Befürchtung, das ich den Regen gleich wieder einhole, behalte ich die Regenklamotten an.

Ich steuere das Motorrad über die nassen Straßen und aus den Bergen hinab in die Großstadt. Eigentlich möchte ich da nicht hin, aber um aus Asprémont weg zu kommen muss ich hinab ins Tal, durch die Stadt und dann über eine weitere Bergkette wieder raus.

Wer sich heute morgen selbst übertrifft, ist meine virtuelle Copilotin. Motorrad-KI Anna hat Sprachalgorithmen, die auf lokalen Informationen rumrechnen, um möglichst natürliche Anweisungen geben zu können. Für Nizza gibt es davon offensichtlich sehr viele, und die nutzt sie reichlich. Ich bin erstaunt als ich ein ums andere Mal Sätze höre wie „Biegen sie am verspiegelten Gebäude links ab“ oder „An der Ampel vor dem würfelförmigem Gebäude rechts“ oder „Neben dem Kiosk rechts rein“ höre. Es ist wirklich so als hätte ich eine echte Beifahrerin in meinem Helm, die mir unerschütterlich ruhig ins Ohr wispert wo ich hin muss.

Die Barocca rollt durch die Straßen von Nizza. Es ist ja erst halb acht am Sonntag, deshalb gibt es noch keinen Stau, aber es ist doch schon mehr los als ich gedacht hätte. Autos und Motorroller flitzen durch die Straßen, und auch Fußgänger sind schon unterwegs.

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Geliebte Feindin: Auf Kriegsfuß mit der Pinlock-Scheibe

Ich bin ein großer Fan von Pinlock. Das ist ein System für Motorradhelme und besteht aus zwei Teilen: Einer Halterung und einer Scheibe.

Die Halterung, das sind zwei kleine Nöppel links und rechts im Inneren eines Motorradvisiers. Zwischen die beiden Nöppeln wird eine durchsichtige Scheibe, das Pinlock-Visier, gespannt. Das sitzt dann bombenfest auf der Innenseite des eigentlichen Visiers.

Der Trick ist nun: Die Pinlockscheibe hat eine hauchfeine, umlaufende Silikonlippe, so dass zwischen Außen- und Pinlockvisier ein kleiner Spalt bleibt.

Dieser Spalt zwischen den Visieren ist luftdicht und dadurch, DamenundHerren, kann der Helm nicht mehr von Innen beschlagen! Ganz egal wie warm oder kalt oder nass es ist und wieviel man im Helm rumatmet: Das Visier beschlägt nicht mehr.

Fantastisch, oder? Ich liebe Pinlock und fahre nicht mehr ohne. Ich habe schon genug damit zu kämpfen, das die Brille unter extremen Bedingungen beschlägt, da soll wenigstens das Visier verlässlich freie Sicht bieten.

Das Problem bei der Sache, und dafür hasse ich Pinlock inbrünstig: Die Scheiben sind irrsinnig empfindlich und sehr teuer.

Ich hatte es nun schon zwei Mal, dass frisch gekaufte Pinlockscheiben heftige Kratzer aufwiesen. Kratzer zu produzieren geht schnell: Die Scheiben sind aus hauchdünnem und leicht beschichtetem Kunststoff gefertigt und nur auf einer Seite mit einer Schutzfolie versehen.

Im Versand beim Einpacken mit langen Fingernägeln angefasst oder im Motorradgeschäft im Lager einen Karton drauf abgestellt und ZACK, Kratzer. Das Dumme ist: Die Kratzer kann man vor dem Kauf im Geschäft nicht sehen, denn auf einer (und NUR einer) Seite klebt eine Schutzfolie, durch die man kleine Kratzer nicht erkennen kann.

Bei einem Helmvisier sorgen aber selbst allerkleinste Kratzer im Sichtfeld dafür, dass das Licht gebrochen wird und man nichts mehr sieht. Dazu kommt, dass die flimmsigen Plastescheiben kein Wegwerfartikel sind. Über dreißig Euro kostet ein neues Pinlock! Also wirklich NUR die Innenscheibe, das eigentlich Helmvisier schlägt nochmal mit 40 bis 50 Euro zu buche.

Sonnenvsier, Pinlock und normales Visier des Motorradhelms. Die paar Plastikteile kosten zusammen über 100 Euro. Die alle paar Jahre auszutauschen ist aber Pflicht, wegen der Sicherheit.

Ich kaufe die Dinger immer dann, wenn Louis oder Polo gerade Rabattaktionen haben, und lege mir die auf Vorrat ins Regal. Mitsamt Kassenbon, um sie – falls ich beim Einbau feststelle, dass sie verkratzt sind – wieder umtauschen zu können. Das hat bisher auch immer geklappt, nur eine Louis-Mitarbeiterin war mal am Rumnöckeln „Den Kratzer haste ja vielleicht selbst reingemacht“.

Hatte ich nicht, aber natürlich hat die Dame recht: Hätte sein können. Denn natürlich kann man auch beim Einbau (den man bei Louis auch vom Personal vornehmen lassen kann) Kratzer hinterlassen.

Meine Spezialität beim Einbau ist aber eine andere. Pinlockscheiben sind nämlich nicht nur kratzempfindlich, auf ihnen bleibt auch Hautfett zurück, und das bekommt man nicht mehr ab.

Vor zwei Jahren habe ich es geschafft, beim prüfenden Blick durch ein frisch eingebautes Pinlock einen Nasenabdruck auf der Scheibe zu hinterlassen. Hautfett auf Helmvisier, das wirft beim Durchgucken Regenbogenfarben. Dennoch blieb der Nasenabdruck da, denn wenn man versucht ein Pinlockvisier zu reinigen, verkratzt man es sofort mit mikroskopischen kleinen Kratzern, die das Licht noch schlimmer brechen.

Beim Visierbau in diesem Jahr war ich gaaaaanz vorsichtig. Ich habe mit der Nase weiten Abstand gewahrt und sogar Latexhandschuhe angezogen, um keine bloß Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nun muss man aber für den Einbau sehr beherzt das äußere Helmvisier auseinanderbiegen und gleichzeitig die Pinlockscheibe in die Nöppel fummeln. Dafür braucht man entweder drei Hände oder man nimmt den Ellenbogen zur Hilfe.

Es kam, wie es kommen musste: Einmal kurz abgerutscht, schon hatte ich den Abdruck meines Ellenbogens auf dem Pinlock hinterlassen. Ich habe dann gaaanz vorsichtig versucht mit Seifenlauge und dem zartesten aller vierlagigen Tissues den Fettfleck weg zu bekommen, aber ohne Erfolg. Die fettige Stelle blieb, wo das Tüchlein das Pinlock berührte, blieben Mikrokratzer zurück. Dreißig Euro für die Tonne.

Also eine neue Pinlockscheibe gekauft und eingebaut, dabei Nase, Ellenbogen und Finger gut verhüllt und die Schutzfolie erst nach dem Einbau abgezogen und bemerkt: DIESES Pinlock ist wohl zu warm gelagert worden. Die Schutzfolie hat einen blasigen, kaum sichtbaren Schleier hinterlassen. Das ist noch eine ganz neue Dimension von Arschigkeit. Außerdem sind an einer Stelle Kratzer, als wäre da was drübergeschabt. Ärgerlich, aber wenigstens sind die Kratzer außerhalb des Sichtfelds, und wegen des Schleiers habe jetzt keinen Nerv mit dem Geschäft rumzudiskutieren.

Also: Pinlock ist vom Prinzip her eine tolle Sache, beschlagfreie Sicht will ich nicht missen. Aber die Pinlockscheibe als solche ist ein garstiges Mistvieh, unverschämt teuer und praktisch sofort kaputt, wenn man sie auspackt oder scharf anguckt. Ihre Konstrukteure seien geheiligt und sollen in der Hölle schmoren.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (3): Bis auf´s Fleisch

Samstag, 08. Juni 2019, in der Nähe von Embrun, Frankreich

Ein Dachfenster über´m Bett, das hört sich ja total romantisch an. Beim Einschlafen in die Sterne gucken und so. Die Realität sieht aber anders aus, besonders wenn man schlechte Augen hat und sich das Dachfenster nicht verdunkeln lässt.

Mit meinen schlechten Augen sehe ich beim Einschlafen nämlich nur einen grauen Fleck, und ab vier Uhr wird aus dem grauen Fleck ein strahlend heller, blauer Fleck. Die Sonne scheint zum Fenster rein wie der Laser des Todesterns und hobelt mir durch die geschlossenen Augenlider die Netzhaut weg. Ich kann nicht schlafen wenn es hell ist. Seufzend schwinge ich mich aus dem Bett und tappe in das kleine Badezimmer, wo ich eine winzige, zusammenrollbare Schlafmaske aus dem Allzweckbeutel fummele. Mit der auf den Augen drehe mich noch einmal um und ich schwebe in einen ganz wohlig warmen Halbschlaf davon.

Das Bett in meinem Zimmer im Inneren der Riesenscheune „La Grande Ferme“ ist warm und weich, es fällt mir nicht leicht mich von ihm zu trennen, als um kurz nach sieben der Wecker summt. Trotzdem schaffe ich es, um kurz nach 8 die Koffer zum Motorrad zu tragen und mich dann ins Restaurant im Keller zu begeben, wo Nicolette schon arbeitet.

„Bin ich der einzige Gast heute morgen?“, frage ich auf deutsch. „Derr einzige, der SO frü´ essen möschte“, sagt sie gespielt tadelnd und mit runtergezogenen Mundwinkeln. Ich muss grinsen. Es gibt getoastetes Graubrot und selbstgemachte Konfiture. Dann packe ich meine Sachen und staune noch einmal, wie groß diese Scheune ist. Es gibt auf den einzelnen Wohnungen, die wie Starenkästen an der Innenwand hängen, sogar sowas wie kleine Veranden.

Eine Viertelstunde später stehe ich in der Morgenluft vor La Grande Ferme. Es ist noch ein wenig frisch, aber nicht kalt. Die Sonne strahlt durch die Bäume und der Kies knirscht unter meinen Stiefeln, als ich die Koffer zum Motorrad trage.

Chaia, der Hofhund, läuft die Straße vor der Scheune herunter und niest mehrfach herzhaft. „A votre Santé“ rufe ich ihr hinterher, während ich die Rokk Straps um das Topcase festziehe. Eine neue Vorsichtsmaßnahme, ich vermute auf dieser Fahrt extrem schlechte Straßen und fahre einfach beruhigter, wenn ich weiß, dass die Kiste am Heck mit Spanngurten gesichert ist und keinen Abgang machen kann.

Dann rollt die Barocca den Berg hinab. Ich checke im Cockpit schnell Reifendruck….

… dann konzentriere ich mich ganz auf die Straße. Das tut auch Not, denn vor mir eiert ein Radrennfahrer herum. Zu schnell, als das ich ihn bequem überholen könnte, aber zu langsam, als das ich ihn aus den Augen lassen wollte. Als ich ihn endlich gefahrlos überholen kann, bin ich entspannter und kann die Aussicht genießen. Zarte Morgenwölkchen hängen an den Spitzen der Berge, die die weiten Täler säumen.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (2): Scheunenspuk

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute geht es weiter nach Süden, in eine interessante Scheune.

07. Juni 2019, Domaine de Fontenelay, Gezier-et-Fontenelay, Frankreich

Kein Klopapier.
Na super.

Gestern kein Wasser in der Dusche und ein zugemülltes Bad, heute kein Klopapier. Gut, dass mir das noch auffällt bevor ich es brauche. Es ist seltsam: Augenscheinlich hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, um das alte Bauernhaus an der Domaine de Fonteneley zu einem Ort zu machen, an dem sich Gäste wohlfühlen können – es gibt liebevoll gearbeitete Holzschilder mit Hinweisen, Schiefertafeln mit Willlkommensgrüßen, in den Gästezimmern stehen neue Möbel und anscheinend gibt es sogar irgendwo einen Pool für Gäste. Aber dieser gastfreundliche jemand, so macht es den Eindruck, ist gerade nicht da, und die Vertretung hat erkennbar keinen Bock.

Im Untergeschoss des alten Bauernhauses fällt Sonnenschein durch die hohen Fenster. Staub tanzt durch die Luft, und noch jemand macht bei dem Tanz mit.

Eine junge Frau in einem geblümten Sommerkleid tanzt zwischen Tischen mit Bügelwäsche herum und summt dabei ein Lied mit, das aus einem alten Radio scheppert. Sie ist schlank, trägt das blonde Haar in kleinen Locken und strahlt förmlich vor guter Laune. Anmutig wie eine Ballerina dreht sie mit ausgebreiteten Arme im Morgenlicht, während sie Wäsche sortiert. Ich räuspere mich und sage „Guten Morgen“. Sie blickt auf und antwortet „Guten Morgen“ auf französisch. „Ich bin Christelle. Möchtest Du frühstücken?“

Ich nicke. „Dann hier entlang, bitte“, sagt sie, macht eine kleine Ballerina-Verbeugung und deutet mit beiden Armen in Richtung eines Frühstücksraums.

Christelle macht mir einen frischen Kaffee. Der ist verdammt gut, daran kann nicht mal die Diddltasse was ändern, in dem er gereicht wird. Es gibt frisches Brot mit selbstgemachter Quittenkonfiture. Während ich esse, beobachtet mich Christelle. „Verreist Du?“, fragt sie. „Ja“, sage ich. „Und wohin willst Du?“, fragt sie. Für einen Moment muss ich überlegen und weiß selbst im ersten Moment nicht warum. „Nach Süden“, sage ich dann, ein wenig ausweichend.

Dann verstehe ich warum ich gezögert habe. Natürlich weiß ich, wie die Route der nächsten Wochen aussehen wird. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Wissen, wo man auf einer Reise langfährt“ und „Wissen, wo man auf einer Reise hin will“. In den letzten Jahren hatte jede meiner langen Motorradtouren ein Ziel, auf das alles hinführte. Eine Idee oder ein Kern, um den dann alles andere entstand. Ein Ort oder eine Person, die ich besuchen wollte, und um die alles andere herumgebaut wurde. Das habe ich dieses Mal nicht. Zumindest nicht richtig.

Ich habe eine grobe Idee von Fleischbällchen in Tomatensauce im Hinterkopf, aber um ehrlich zu sein: Ich hatte einfach keine Zeit, um mir in diesem Jahr so eine richtig tolle oder komplizierte Motorradreise in Europa zurecht zu legen. Die große und richtig aufregende Reise steht im Herbst erst an, und die Motorradtour wird darum dieses Jahr günstiger und verlässt die Komfortzone nicht wirklich. Was den Nachteil hat, dass ich die schon so sehr gut kenn. Ich bin jetzt zwar unterwegs, aber ich habe kein Ziel, auf das alles hinausläuft. Stattdessen will ich einfach nur unterwegs sein. Einfach nur fahren. Weg von der Arbeit, weg von zuhause, und dann mal gucken was passiert.

Christelle ist offensichtlich die, die Bock auf Gäste hat. Sie hat wohl längere Zeit im Ausland, vor allem Australien, verbracht und möchte nun, dass Menschen aus aller Welt nach Geziers kommen und hier ihre Gäste sind. Ein schönes Anliegen, das aber wohl nur verfolgt wird, wenn sie selbst auch da ist – und die letzten Tage war sie unterwegs.

Nach dem Frühstück trage ich die Koffer zum Motorrad. Die Morgenluft ist kühl und frisch, und die V-Strom ist vom Morgentau bedeckt. Ein Haufen Hühner (Schwarm? Rudel? Wie nennt man die Zusammenklumpung von Hühnern?) hühnert zwischen Büschen herum.
Ein Pony steht neben einer Scheune und beäugt mich skeptisch. Die etwas korpulente Brünette, die mich gestern Abend mit Schnellfeuerfranzösisch verwirrt hat, stapft griesgrämig über den Hof und zieht ein weinendes und erstaunlich schmutziges Kind an der Hand hinter sich her. Typisches Landleben hier. Ich zucke mit den Schultern zurre das Gepäck auf der V-Strom fest.

Als ich startklar bin, blicke ich mich nochmal um. Die korpulente Frau schimpft gerade das Kind aus, während Christelle am Steinbogen zur Küche einen riesigen Hahn mit beiden Händen packt und zum Hof hinausträgt. Ich muss grinsen. Seltsames Bild, wie die fragil scheinende Frau, barfuß und im Sommerkleidchen, so hemdsärmelig mit dem riesigen Tier hantiert.

Ich starte den Motor, hebe den Seitenständer aus dem weichen Schotter und drehe dann zum Wenden eine Runde um die große Linde in der Mitte des Hofs. Die Barocca rollt an Christelle und der schimpfenden Mama vorbei zur Ausfahrt. Das schmutzige Kind vergisst beim Anblick des Motorrads zu weinen, guckt mit großen Augen und steckt sich vor lauter Faszination einen Finger in die Nase.

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Es wird kalt, die Ausrüstung zieht gen Süden

Wenn es kalt wird in Deutschland, verlässt meine Motorradausrüstung ihr heimisches Gefilde und zieht gen Süden. Kein Witz.

Ein Teil meiner Sachen stammt von Familienbetrieben aus Italien, und die kümmern sich um die Sachen, die sie verkaufen. Im vorvergangenen Jahr ist mein N104-Helm gen Süden gereist, weil ich Doof einen Teil der Elektrik beschädigt hatte. Weniger Wochen später kam er zurück – kostenlos repariert.

Oder die TechAir-Jacke. Im letzten Jahr nach Asolo in Norditalien versendet, bekam sie da die Verbesserungen der aktuellen Generation verpasst – auch kostenlos. Weil der Firmensupport halt im Winter nicht viel zu tun hat und Zeit dafür war.

In diesem Jahr macht der Nolan Helm wieder einen Ausflug. Dieses Mal, weil im Sommer Sand in die Mechanik des Sonnenvisiers gekommen ist und es nicht mehr allein zurückspringt. In dem Zug bekommt der Helm gleich ein neues Visier, das ist beim Hersteller – wen wundert´s – günstiger als im Handel.

Auch das Innenleben der Airbagjacke geht wieder auf Reisen. Nach nun fast zwei Jahren im Einsatz wird die Weste gereinigt, die Dichtigkeit des Airbags und die Argonkartuschen und die Zünder geprüft und die Software auf Stand gebracht. Das kostet zwar 99,00 Euro, dafür verlängert sich aber die Herstellergarantie um weitere zwei Jahre.

Zuletzt geht noch die Sitzbank auf Reisen. Nicht nach Italien zwar, aber immerhin zum Sattlermeister Bernhard nach Hameln. Dort wird sie etwas verschlankt und in der Form verändert, damit sie besser zur höhergelegten V-Strom passt.

Ich will mal nur hoffen, dass bis zum Frühjahr alles den Weg zurück zu mir findet.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (1): Schmutziger Regen

Sommerreise mit dem Motorrad, einmal quer durch Europa. So zumindest der Plan. Heute soll es losgehen, aber ich stehe mir selbst im Weg. Mal wieder.

Donnerstag, 06. Juni 2019, Mumpfelhausen bei Götham

Ich sitze in langer Unterwäsche vor dem Rechner und mümmele Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Auf dem Bildschirm ist die aktuelle Stauprognose und das Reisewetter, denn heute soll es losgehen. Sommerreise 2019. Motorrad. Yay!

Deswegen trage ich auch schon den langen Merinozweiteiler. Ich bin kurz vor dem Abflug. Noch schnell die Kombi überwerfen, dann soll es losgehen.

Über dem Dorf stehen dunkle Wolken. Seltsam, gestern waren 32 Grad und Sonnenschein, und das war doch für heute auch angesagt? Egal, los jetzt.

Zwei Stimmen streiten, ach, in meinem Kopf, während der Rechner runterfährt und ich mich abreisefertig mache. Die eine Stimme will zum hundertsten Mal die Abreise verzögern, die andere will endlich los und Asphalt unter die Räder nehmen.

„Ist auch wirklich jedes Fenster zu?“

„Ja, hast Du doch schon kontrolliert.“

„Ich muss noch mal auf´s Klo!“

„Musst Du nicht, wir waren gerade. Da kommt kein Tropfen.“

„Sollen wir nicht nochmal nachgucken, ob der Herd auch aus ist?“

„Wie soll der denn an sein? Wir haben seit Wochen nichts gekocht, und außerdem sind die Sicherungen rausgedreht! Los, jetzt mach hin!“

Hilft ja alles nichts. Hose, Stiefel, Jacke, ein Blick zurück und…
Los geht´s.

In der Garage steht die Suzuki DL 650 V-Strom, Spitzname „Barocca“, schon fertig mit zwei Givi-Koffern und einem Topcase bepackt.

Ich kontrolliere nochmal die Halterungen der Koffer, dann lege ich ganz bewusst und Stück für Stück meine Schutzausrüstung an.

Eine leichte, aber etwas zu große Leder/Textilhose von Held trage ich bereits, darunter die lange Unterwäsche aus Merinowolle. An den Füßen sitzen schwere und brandneue Daytona-Stiefel, denen ich noch nicht ganz traue. Die sind ein wenig zu groß, zumindest im Moment. Aber die in einer Nummer kleiner haben mich neulich fast umgebracht, anscheinend schwellen meine Füße bei warmem Wetter mittlerweile heftig an. Seltsam, was der Körper sich so an Marotten ausdenkt, wenn er älter wird.

Sorgfältig klette ich die Jacke zu, deren Kalibrationslampen am Ärmel zu leuchten beginnen. Dann das Halstuch. Dann Gehörschutz. Dann der Helm. Er sitzt fester als sonst, hat letzten Winter ein neues Innenfutter bekommen. Fühlt sich seltsam an, als ich die Kinnlade herunterklappe. So, noch die Handschuhe, dann schiebe ich die V-Strom auf die Straße hinaus und schließe die Garage ab.

Ich schwinge mich in den Sattel und schalte die Elektrik ein. Sofort leuchtet das Display des Navigationsgeräts auf. Wie schön, das neue Relais für dessen Stromversorgung funktioniert. Ist gestern erst gekommen, war eine knappe Sache. Hätte das nicht geklappt, hätte ich das Garmin Zumo direkt an die Batterie anklemmen müssen.

Regentropfen fallen auf den Tank der V-Strom. Aber das wird sicher nur ein kurzes misseln sein, bestimmt gleich vorbei. Ich blicke auf den linken Unterarm, wo nun ein grünes Licht leuchtet. Das Airbagsystem meiner Jacke ist eingeschaltet und bereit.

Ich schalte den Helm ein. Die Notbremsleuchte am Hinterkopf blitzt kurz auf, dann sagt eine schleppende Stimme in meinem linken Ohr „Guten Morgen“. Mit ihrer Betonung klingt sie leicht doof, etwa so, wie man sich eine begriffsstutzige Sekretärin vorstellt. „Telefon verbunden“, sagt die Sekretärin und fügt nach kurzem Zögern hinzu „Anderes Gerät… verbunden“.

Dieses „andere Gerät“ ist das Garmin Zumo 590, das sich nun ebenfalls zu Wort meldet. Vom Tonfall her selbstbewusste Businesswoman. Mit einem „Guten Morgen“ oder ähnlichem Smalltalk hält sich das nicht auf. Ich höre mehrere Statustöne, als das Garmin beginnt sich mit dem Helm, den Sensoren am Motorrad und meinem Telefon zu vernetzen. Dann zieht es Informationen zu Wetter und Verkehrsmeldungen aus dem Netz und meldet schließlich Einsatzbereitschaft.

Wir Menschen neigen ohnehin dazu, Dinge oder Geräte mit antrophomorphen Charaktereigenschaften zu belegen. Die Bereitschaft zur Vermenschlichung steigt, je komplexer diese Geräte sind. Das Garmin ist sehr komplex, und durch seine Vernetzung mit Motorrad und Internet und seine begrenzte Fähigkeit, meine Vorlieben zu lernen, neige ich dazu es, es als rudenmentäre Künstliche Intelligenz zu betrachten. Deshalb nenne ich die Stimme in meinem Ohr Anna, nach dem Namen der Garmin-Sprachdatei. Anna ist meine virtuelle Copilotin und voraussichtlich die einzige deutsche Stimme, die ich in den kommenden Wochen hören werde.

„Guten Morgen, Anna. Wo fahren wir denn heute hin?“, frage ich in den Helm.

„Folgen sie der Straße bis zum Ende, dann biegen sie links ab“, höre ich im linken Ohr.

„Gut genug für mich“, sage ich und starte den Motor.

Ich gebe Gas, rolle die Dorfstraße herunter, biege links ab und bin weg.

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Alpine Stars Tech Air-System in der Praxis: Zwei Saisons-Update

Disclaimer: Ich habe den Tech-Air-Kram selbst und ganz regulär zum Ladenpreis gekauft. Ich habe keine Geschäftsbeziehungen zu Alpine Stars, und dies ist auch kein Kooperations- oder Werbartikel. Sowas verpöne ich.

Bereits erschienene Beiträge:

Das war nun die zweite Saison, die ich mit einem Airbagsystem am Körper Motorrad gefahren bin.

Funktionsweise
Zur Erinnerung: Das Tech Air von Alpine Stars besteht aus einer Weste mit einem Rückenpanzer. In diese Weste ist rundrum der Airbag eingearbeitet, im Rückenprotektor sitzen Gaspatronen, Akku, Sensoren und ein Rechner. Der wertet permanent die Daten von mehreren Sensoren im Rücken und an den Schultern aus. Stellt der Computer plötzliche Veränderungen von Lage und Beschleunigung fest, die dem Datenmodell eines Unfalls entsprechen, löst der Airbag aus und schützt den gesamten Oberkörper inkl. der Brust und dem Hals.

Das Chassis, die eigentliche Weste mit Airbag und Computer.

Die Weste kann nicht allein getragen werden, sondern muss in eine für das Tech-Air vorbereitete Jacke eingeknöpft werden. Es gibt verschiedene Modelle, von der Rennkombi bis hin zur Tourenjacke mit integriertem Trinksystem. Allen gemein ist, dass sie über Magnetschalter am Frontreissverschluss und drei LEDs am linken Ärmel verfügen. Der Magnetschalter teilt dem Rechner in der Airbagweste mit, dass die Jacke geschlossen ist und damit das System aktiviert werden kann. Die LED zeigen den Status des Systems (Aus/Kalibriert gerade/An/Störung) und den Batteriezustand an. Ich verwende das Tech Air in einer Valparaiso, das ist die leichte Tourenjacke von Alpine Stars. Hervorragend verarbeitet, Lederbesatz an sturzgefährdeten Stellen.

Im Gegensatz zu Airbagsystemen anderer Hersteller bietet das Tech Air einige Vorteile:

  • Keine Reißleine zum Motorrad (wie z.B. bei Helite), dadurch schnellere Auslösung bei Unfällen
  • Keine Sensoren am Motorrad (wie z.B. bei Dainese), mit einem Tech Air kann man jede Maschine fahren
  • Verschiedene Jackenmodelle verwendbar, je nach Geschmack und Einsatzzweck

Bei jede Start des Systems, also bei jedem Schließen der Jacke, prüft und kalibriert der Computer erst einmal alle Sensoren, dabei blinkt am linken Arm die grüne LED. Leuchtet sie dauerhaft, was in der Regel nach 15-45 Sekunden passiert, ist das System aktiviert. Der Akku hält rund 30 Stunden, selbst wenn man jeden Tag 8 Stunden fährt, muss er erst nach 3 Tagen ans Netz.

Soweit zur Funktionsweise, jetzt meine Erfahrungen mit dem Tech Air

Kilometer 0.000, Februar 2018: Anschaffung
Das Tech Air und ich hatten einen seltsamen Start. Erstmal habe ich ewig gebraucht, um die für mich passende Größe zu finden, denn die Jacken sind sehr körperbetont geschnitten und dementsprechend eng. Die Valparaiso hat zudem noch zwei Innenfutter (Membran und Thermofutter), die sie nochmal enger machen. Eine Nummer größer sieht dann aber gleich wieder aus wie ein Mehlsack, mit zu langen Armen und schlappernden Ärmeln. Das ganze Drama ist hier nachzulesen.

Kilometer 6.000, Juli 2018
Während der ersten Saison fiel das System nach rund 6.000 Kilometern aus. Der Rechner brach während der Kalibration ab, Grund dafür war ein ausgefallener Gyro-Sensor. Ärgerlich, aber eigentlich ein gutes Zeichen: Wenn das System sich nicht hundertprozentig sicher ist, dass alles funktioniert, dann startet es erst gar nicht.

Ich habe dann die Airbagweste bei Alpine Stars gelassen und bekam sie zwei Wochen später repariert und mit neuem Steuercomputer und verbesserter Software zurück.

Kilometer 8.000, Oktober 2018
Zum Saisonende 2018, auf meiner letzten Fahrt bevor die Motorräder eingewintert wurden, meldete wieder ein Sensor einen Fehler. Nur ein Mal, ansonsten funktionierte er. Ich fragte den Alpine Stars Tech Air Kundendienst, der superfix ist, nach seiner Meinung. Kein Grund zur Sorge, aber wenn ich Lust hätte, dann solle ich das Teil doch einschicken. Habe ich gemacht, mitsamt der Valparaiso Jacke.

Die bei Louis gekaufte Jacke nämlich noch von einer ersten Generation und hatte noch nicht den gelben Klettverschluss am Magnetschalter, der heute das Markenzeichen des Tech Air ist. Ohne den ist das Schließen des Magnetschalters aber eine ziemliche Fummelei.

Im Dezember 2018 kam ein Paket aus Italien zurück. Die Weste war überprüft worden. Fehler gab es keine, aber weil es mittlerweile eine bessere Akkuversion mit einem anderen Ausfallschutz gibt, hatte man mir den einfach mal eingebaut und die Software upgedatet. In die Valparaiso-Jacke hatte die Näherei von Alpine Stars einen Klettverschluss eingenäht. Alles kostenlos.

Kostenlos nachgerüstet: Klettverschluss über Magnetschalter.

Kilometer 15.000, Juni 2019
Es geht durch Regen. Es geht durch glühende Sonne bei Temperaturen über 40 Grad. Und dann geht es durchs Gelände und plötzlich so der Gedanke: Können heftige Stöße und Stürze bei niedrigen Geschwindigkeiten eigentlich den Airbag auslösen? Können sie nicht, bestätigt Alpine Stars später. Das System erkennt Geländefahrten und löst nicht bei Schlaglöchern aus, und auch Umfaller können haben keinen Effekt.

Kilometer 20.000, Oktober 2019
Das Tech Air hat die Saison 2019 ohne Probleme überstanden. Mit dabei: Eine Fernreise, die sowohl Regen bis auf die Haut als auch zwei Wochen Temperaturen weit über 30 Grad brachte. Jetzt geht die Weste zum Check, der alle zwei Jahre notwendig ist. Alpine Stars prüft dabei das gesamte System auf Dichtigkeit und Funktion und erneuert die Gaskartuschen. Das kostet 99 Euro bei denen, dafür verlängert sich dann die Herstellergarantie um zwei Jahre. Das geht maximal fünf mal, man hat also bei regelmäßigen Inspektionen 10 Jahre Herstellergarantie.

Meine Meinung nach zwei Saisons:
Das Alpine Stars Tech Air ist technisch auf einem guten Stand. Gerade für Gelegenheitsfahrer in Deutschland kann ich es uneingeschränkt empfehlen. Anfangs zieht man es an, guckt ob die Lampe grün ist und fährt los, später vergisst man sogar diesen Kontrollblick. Das ist sicherlich das Beste, was man über so eine Technik sagen kann: Man vergisst sie einfach. Das ist super.

Weniger super ist das System für Motorradreisende, gerade in warmen Gefilden. Die Weste wiegt zwei Kilo, die Jacke auch, mit ein wenig Geraffel in den Taschen hat man plötzlich 4,5 Kilo zusätzliches Gewicht, was man erstmal bewegen muss.

Beim Ausflug ins Eiscafe auf der Tagestour ist das nicht schlimm, wenn man damit aber im Hochsommer durch Städte wandert, dann merkt man das heftige Gewicht sehr deutlich.

Dazu kommt: Der Airbag staut wie eine Plastiktüte die Hitze in der Jacke. In Bewegung auf dem Motorrad ist das gerade noch erträglich, dank der guten Lüftung. Ist man aber zu Fuß unterwegs, stirbt man darin den Hitzetod.

Außerdem nimmt die Weste den Schweißgeruch an, der irgendwann auch nicht mehr rausgeht. Als Reisender stinkt man nach einigen Tagen wie eine Güllegrube. Klar, das kann auch bei anderen Jacken passieren, aber für den Preis möchte ich ein Innenfutter mit Antimüffelionen oder so.

Müffel-Müffel.

Von daher: Wer auf´s Geld achten muss oder Fernreisen unternimmt, für den ist das Tech Air nichts.

Für die normale Durchschnittsfahrerin oder den Durchschnittsfahrer ist das Tech air aber ein tolles Ding und vermutlich das am einfachsten zu nutzende System auf dem Markt. Der Anschaffungspreis ist hoch, dafür bekommt man aber erstklassige Qualität, Premiumerstellerservice und hohen Schutz.

Wer Geld in sein Hobby stecken kann, dem sei gesagt: Bevor Du Dir das dritte Paar LED-Scheinwerfer oder irgendwelchen Killefitt an Deine GS schraubst, denk doch mal über eine Investition in ein Tech Air nach.

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Barkbusters und Co: Im nächsten Jahr ist mein Motorrad ein Panzer

Motorräder lassen sich relativ einfach anpassen, sowohl an persönliche Vorlieben als auch an unterschiedliche Einsatzgebiete oder Anforderungen. Fahreigenschaften, Optik, Sound – das lässt sich alles fast beliebig und mit überschaubarem Aufwand ändern. Hier ein Gepäcksystem nachgerüstet, da andere Reifen drauf, dazu noch ein anderes Windschild – keine Maschine, die einige Jahre auf dem Buckel hat, ist noch so, wie sie einst aus der Fabrik gekommen ist.

Meine Barocca, die Suzuki V-Strom DL 650, ist ein 2010er Modelljahr. Als ich die 2017 gebraucht gekauft habe, war schon die Nachfolgerin draußen. Ich habe mich aber ganz bewusst für das alte Modell entschieden. Zum einen, weil sich Diebe nicht für alte Suzukis interessieren, zum anderen wollte ich die alte, weil dieses Modell von 2004 bis 2010 gebaut und in großen Stückzahlen verkauft wurde. Ersatzteile für die Kiste hat jeder Dorfschmied im Regal liegen.

Die Barocca ist außerdem aus dem letzten Modelljahr ihrer Generation, und das bedeutet: Die Kinderkrankheiten der Modellreihe, wie absaufende Zündkerzen, Kupplungskörbe mit Selbstzerstörung oder Lichtmaschinen, aus denen die Magneten fallen, sind allesamt behoben. Und: Es gibt eine GIGANTISCHE Auswahl an „Aftermarket“-Teilen von Drittanbietern, also Dinge zum Nach-, Auf- und Umrüsten.

Von denen hat die Barocca schon einige verbaut bekommen, vom Gepäckträger über einen verstellbaren Scheibenhalter (von einem Ingenieur aus den USA) mit einer Spezialscheibe (aus einer kleinen Manufaktur in England) bis hin zum Kettenölsystem (von einem schwäbischen Tüftler). Damit ist die V-Strom für mich zur Reisemaschine geworden.

Eine Reisemaschine zunächst für die Einsatzgebiete, wie ich sie mit der Vorgängerin, der Sporttourerin ZZR600, für mich erschlossen hatte. Das heißt: Weite Fahrten, aber ausschließlich auf befestigten Straßen.

Nun hat die V-Strom schon durch ihre Bauform meine Nutzung verändert. Ich fahre mittlerweile nicht mehr nur auf asphaltierten Wegen. In den letzten beiden Jahren ging es über weite Strecken über Schotter, Asphaltbrösel und Waldwege. Nicht richtig Offroad, so mit Schlamm, Sand und Felsen, dafür sind weder die V-Strom noch ich gemacht, aber schon raueres Terrain als echte Straße.

Jetzt, am Ende der Saison, habe ich etwas verwundert die Folgen dieser Ausflüge bemerkt. Der Kühler der Maschine weist zahlreiche Einschußlöcher auf, genau in der Einflugschneise zwischen Kotflügel und oberer Verkleidung. Da müssen Steine von vorausfahrenden Fahrzeugen eingeschlagen sein, stellenweise sind sogar die Lamellen beschädigt und bröseln weg.

Interessant. Und ich dachte immer, dass Schutzgitter für den Kühler Unfug sind, den sich nur GS-Fahrer aufschwatzen lassen, die nach dem Einbau des dritten Paares Zusatzscheinwerfer Langeweile haben.

Kurz überlegt, dann ist mir klar geworden: Bei dem, was 2020 auf dem Programm steht, wird es noch wesentlich rauer werden. Für das kommende Jahr möchte ich daher, dass mein Motorrad ein Panzer wird. Also, nicht wirklich, aber die Maschine sollte schon ein wenig geschützt sein.

Den ersten Schutz hat sie schon bekommen. Normalerweise ist der Motor der V-Strom ungeschützt, besonders der Ölfilter ist exponiert. Im Bezug auf Steinchenflug von Vorne ist das nicht schlimm, zumal eine Kotflügelverlängerung verhindert, dass das Vorderrad Dreck und Steine direkt auf den Motor ballert. Doof ist das aber, wenn man mit der Maschine über Kanten und Steine hoppelt.

FKK: Kühler und Ölfilter baumeln nackig im Wind.

Nachdem nun die Tieferlegung draußen ist, passt wieder ein Motorschutz unter die Maschine. Der wurde in einer tschechischen Schmiede gefertigt. Nicht schön und auch nicht so schlank wie die Version von SW-Motech, dafür passt er aber an die Sturzbügel von Givi und ist wirklich massiv.

Damit sind Ölwanne, Krümmer und Ölfilter geschützt.

Für den Kühler gibt es zahlreiche Angebote für günstige Schutzgitter. Teilweise sehr schöne gemacht, verchromt und lasergeschnitten mit tollen Mustern, Bildern und Schriftzügen. Diese Dinger sind mehr Schmuck als Schutz, und die meisten haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie sind untauglich als Kühlerschutz. Entweder sind die gelaserten Muster und Bilder so groß, dass kleine Steinchen da wieder problemlos durchfliegen können. Oder die Teile bestehen aus einem flächigen Blech mit Löchern. Sowas schützt fraglos, aber ich würde ernsthaft in Frage stellen, ob dadurch noch genug Luft an den Kühler kommt.

Ich habe mich deshalb für einen Kühlerschutz der deutschen Firma SW-Motech entschieden. Der ist zwar im Vergleich zu den chinesischen 13,95 Euro-Angeboten auf Ali Express fünf mal so teuer, dafür taugt er aber. Das Schutzgitter ist engmaschig, lässt aber viel Luft durch und liegt nicht direkt auf dem Kühler auf. An der oberen Kante gibt es Schutzpolster, die verhindern, dass der Kühler durchgescheuert wird. Die Passform ist exzellent und nutzt die drei vorhanden Schrauben der Kühlerbefestigung, so dass das Teil in 10 Minuten montiert ist.

Wegen mir hätte es den doofen „DL 650“-Schriftzug jetzt nicht gebraucht. Immerhin weiß ich, was ich fahre, aber nun.

Ein anderer Punkt, der mir im Sommer aufgefallen ist: Die Original-Handprotektoren der V-Strom schützen ganz gut gegen Wind und Wetter und auch bei Ablegern mit geringer Geschwindigkeit.

Allerdings ist die Schutzwirkung eher Glückssache als Garantie, denn die Dinger sind nicht die stabilsten. Das Material, dicker und halbflexibler Kunststoff, ist zwar ok, aber die Befestigung ist ein Witz: Genau eine kleine Schraube hält den Schutz an der Lenkerinnenseite, außen sind die nur zwischen Lenkergewichte und Lenker geklemmt. Besser als nichts, aber trauen tue ich den Dingern nicht.

Maß der Dinge bei Handprotektoren sind die Produkte der Firma Barkbusters. Die australische Manufaktur baut seit Jahrzehnten sowas in Handarbeit, zuerst für Rallyefahrer, mittlerweile für den Massenmarkt. Pavel hat die Firma während seines Australienurlaubs besucht und ein Video darüber gemacht. Das zeigt deutlich: Den Leuten liegt was an dem , was sie machen.

In Deutschland vertreibt SW-Motech motorradspezifische Barkbusters-Kits unter Eigennamen. Die Barkbusters-Protektoren sind wirklich massiv: Alubügel bilden den Unterbau, auf den dann verschiedene Griffschalen aus Kunsstoff aufgesetzt werden können. Je nach Vorlieben können die schlank, sportlich oder klobig sein und mit Extra-Windabweisern oder LED-Blinkern versehen werden.

Ich habe mich für die größten Schalen entschieden, die „Storm“. Die sind zwar eine ästhetische Zumutung im Vergleich zu den stromlinienförmigen Sportversionen, bieten aber den besten Wetterschutz. Die Trennung von Schale und Schutzbau finde ich super, weil nach kleinen Crashs einfach die Schale für einen 10er pro Stück getauscht werden kann. Die massiven Bügel schützen nicht nur die Hände sondern auch die Hebel. Abgrebrochene Kupplungs- und Bremshebel sollten damit der Vergangeneheit angehören.

Zur Montage müssen die alten Lenkergewichte raus. Das kann schon mal schwierig werden, weil tief im Lenker Gummihülsen stecken, die man mit rausziehen muss. Das heisst: Schraube am Lenkerende drei, vier Umdrehungen rausdrehen – NICHT weiter, weil sonst die Mutter im Lenkerinneren abfällt und verschütt geht! – dann am Besten Kriechöl reinsprühen, einwirken lassen, dann das ganze Lenkergewicht rausziehen:

Bei mir brauchte es nicht mal Kriechöl, die Gewichte waren total locker im Lenker und wurden letztlich nur von den Protektoren gehalten, die eigentlich von den Gewichten gehalten werden sollten. Was hält da was?

Die Barkbusters bringen eigene Lenkergewichte und Distanzhülsen mit. An denen wird der Metallbügel verschraubt.

Das andere Ende kommt an eine massive Halterung am Lenker. Ist ein wenig Gewurschtel mit den Zügen und Kabeln, ging aber eigentlich recht gut.

Sind die Bügel montiert, ist die Hauptarbeit getan.

Jetzt fehlen nur noch die Schalen. Die werden mit drei Schrauben auf dem Schutzbügel befestigt.

So sieht dann das Ergebnis aus.

So. Damit ist die V-Strom zwar nicht wirklich ein Panzer (sowas will dann halt doch niemand) aber zumindest ein wenig besser gerüstet für die raueren Passagen im kommenden Jahr.
Wenn das nur nicht noch so lange hin wäre!

Kategorien: Motorrad | 22 Kommentare

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