Motorrad

Impressionen eines Wochenendes (22): Herbstfahrt

Morgens.
3 Grad.
Sonnig, aber kalt.
Kaffee hilft gegen Morgen, dicke Klamotten gegen kalt. Los geht´s. Einen Freund in der Klinik besuchen. Kaltes Morgenlicht auf gepflügten Feldern. Alles grau und leer. Das Land ist bereit für den Winter.

Eine Runde um den Edersee. Andere Motorradfahrer verachten. Nebenarme des Stauwerks führen kein Wasser mehr. Auf dem Grund hat sich leichte Vegetation angesiedelt. Genau wie in den leeren Harzsperren. Die Pflanzen werden dumm gucken, wenn das Wasser wiederkommt.

Kurorte. Die letzten Orte auf der Welt wo es „Tanzlokale“ gibt. In den Toiletten hängen Hinweise, dass man es hier nicht mit seinem Kurschatten treiben soll. Bin überrascht, wieviel Libido so alte Leute noch haben. Das erklärt die geschmacklosen Schilder und Witze. Zeitreise in die 60er Jahre.

Am Tag darauf. Eine kurze Runde durch den Solling. Abseits der Hauptstrecken menschenleer. An den Mauern von Landmaschinenverleihern verwittern Originalschilder von Afri-Cola und Bluna. Strukturschwach, diese Region. Meine Heimat. Zonenrandgebiet. Wir hatten nichts und haben nichts.

Abends wirft die Sonne mit goldenem Licht um sich. Herbstlaub leuchtet gegen blauen Himmel. Kitschig.

Den Benzinhahn zudrehen. Die ZZR bockt und tritt und spuckt auf den letzten Metern. Als sie in die Garage rollt, stirbt der Motor. Tot und mit leeren Vergasern steht sie da.
Unsere letzte Fahrt.
Für dieses Jahr.
Das Schöne am Sterben liegt in der Tatsache begründet, dass eigentlich nichts verloren ist.*


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Impressionen eines Wochenendes (21): Herbsttreffen des ZZR-Forums

Jedes Jahr im Juni treffen sich Fahrerinnen und Fahrer von ZZR 600s aus ganz Deutschland vor meiner Haustür, im Harz. Noch nie habe ich daran teilgenommen. Das hat zwei Gründe: Zum einen kann ich die allermeisten anderen Motorradfahrer nicht ausstehen, zum anderen hatte ich im Juni stets Urlaub und war deshalb zum Zeitpunkt des Treffens außer Landes.

In diesem Jahr gab es nun zusätzlich ein „kleines“ Herbsttreffen in Hohegeiß, im Gasthaus Silbertanne.

Da habe ich mich tatsächlich blicken lassen und war SEHR überrascht. Die Leute, die da waren, hatten allesamt keinen Nagel im Kopf. „Nagel im Kopf“ ist ein Synonym für „Leute, die angeben an wie tausend Flöhe, auf der letzten Rille durch die Landschaft rasen und generell Menschen, mit denen ich nichts zu tun haben möchte.“ Gab es hier aber nicht.

Nein, die kleine Truppe war echt voll in Ordnung. Auf Anhieb prima mit allen verstanden, und viel gelernt habe ich auch. Nicht nur über die ZZR. Was mich außerdem beeindruckt hat: Keine ZZR ist gleich, jede sieht anders aus und hat einen anderen Charakter.

Ich hatte auch Gelegenheit den „Caspar“ kennen zu lernen. Das ist quasi eine Legende, eine perfekt in blau abgestimmte und mit mit Airbrush verzierte ZZR, die man in ganz Deutschland kennt.

Kurios: Zur gemeinsamen Ausfahrt wollte der Tourguide auf einer Triumph Sprint ST 1050 unterwegs sein – und bei der drehte sich nach dem ersten Tankstopp das Hinterrad nicht mehr. Vermutlich gebrochenes Hinterradlager. Resultat: Heimreise per ADAC. Armer Kerl.

Trotzdem kam noch eine gemeinsame Ausfahrt zustande.

Bei der kleinen Tour habe ich gemerkt, wie sehr sich mein Fahrstil von dem des Guides unterscheidet. Er war sehr zügig unterwegs, schneller, als ich normalerweise fahren würde. Ich hatte aber keine Probleme dran zu bleiben. Ich war gefordert, aber nicht überfordert. Das hat Spaß gemacht, und ist für eine kurze Tour OK. Dauernd geht das aber nicht. Wenn man so schnell unterwegs ist, konzentriert man sich ausschließlich auf die Straße. Dadurch bekommt man von der Landschaft nur sehr wenig mit, und so ein Level an Konzentration hält man nicht den ganzen Tag. Das ist halt der Unterschied zwischen Spaß-Fahrt und Motorradreise.

Kennengelernt: Kalotta, DeWahat, MeBo_23, Roadrunner91, Mirkomotorrad, Leo77, Pinklady, Korn21, Maddin_HH, Quertreiber318, Mel, Rody0507 und Bratkartoffelsuppe. Letztere ist kein Nickname, aber sehr lecker.

Bei der Rückkehr nach Mumpfelhausen dann noch eine Überraschung. Das GANZE DORF war ein großer Flohmarkt, und was die Bewohnerinnen aus ihren Kellern geholt und nun im Vorgarten zum Verkauf anboten, war eine echte Schau. Tolle Dinge wurden ebenso angeboten wie ausgestopfte Wiesel und… Apfelkuchen! Das war interessant, bot es doch auch Gelgenheit, sich mal näher kennen zu lernen. Ist echt ein tolles Dorf hier.

Skurril auch der Mann, der einen Wetterhahn mit sich rumschleppte.

Manche Leute haben ja auch lustige Hobbies. Wie der Mann zwei Straßen weiter, der den ganzen Winter über Grillzangen bastelt. Eine nach der anderen, und dann weiß er am Ende nicht, was er damit machen soll. Jetzt hat er sie verkauft, und ich habe eine.

In der Summe: Tolles Septemberwochenende. Voll ausgenutzt. Jetzt kann die Oktoberliebe kommen.

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Achtundachtzigtausendachthundertachtundachtzig. (Komma Acht).

Ich verpasse ja historische Kilometerstände normalerweise. Gerade noch gedacht „Ach guck, in 63 Kilometern haben wir die x0.000 voll“ und wusch, schon steht der Zähler auf x0.004 oder so. Aber dieses Mal nicht.

Yeah! Die Renaissance hat die 88.888 Kilometer voll!

Das ist für eine Maschine dieser Klasse durchaus beachtlich, damit ist sie eine der ZZR 600s in Deutschland mit den meisten Kilometern auf der Uhr. Der Kilometerstand markiert auch noch ein anderes Jubiläum. 2012 habe ich die Kiste mit 38tausendundeinKeks Kilometern übernommen, d.h. wir haben jetzt 50.000 Kilometer gemeinsam zurückgelegt, den Löwenanteil davon in nur 5 Jahren. Wenn das nicht ein Grund für einen Blogpost ist!

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Impressionen eines Wochenendes (20): Kleine Harzrunde

Ich habe den Harz vor der Haustür. Gerade einmal 30 Minuten braucht es, bis ich von Götham aus am Mittelgebirge bin. Und doch bin ich sehr selten dort unterwegs. Wer hier schon eine Weile mitliest, kann sich den Grund denken: Ich kann die meisten anderen Motorradfahrer nicht ausstehen, und natürlich ziehen ziehen die einzigen vernünftigen Berge in ganz Nord- und Mitteldeutschland Moppedfahrer aus dem ganzen Norden sowie aus den Niederlanden und Frankreich an. Gerade im Sommer und am Wochenende ist der Harz voll von Spacken auf zwei Rädern, die die Landstraßen mit Rennstrecken verwechseln. In halsbrecherischen Überholmanövern und mit Drehzahlen im fünfstelligen Bereich heizen die Pfosten von einem Eiscafé zum nächsten und kommen sich dabei vor wie die Helden. Ich ertrage das nur ganz schwer.

Plötzlich die Idee: Wenn ich GANZ FRÜH losfahre, dann habe ich den Harz vielleicht ein paar Stunden für mich und kann mir vielleicht mal die Hängebrücke über der Rappbodetalsperre ansehen. Gesagt, getan. Der neue Helm musste eh Probe gefahren werden, warum also nicht dafür mal etwas eher aufstehen.

Es ging über Bad Lauterberg nach Braunlage, Elbingerode, Rottleberode, Nordhausen und wieder zurück.

Der Harz hat mich überrascht. Durch die Dürre sind die Laubbäume vielerorts so vertrocknet, das die Wälder schon nach Herbst aussehen.

BAROCCA-CAM01

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Die Talsperren sind, wen wundert´s, ziemlich runter mit dem Pegel. Vermutlich müsste es jetzt ein Jahr lang regnen UND einen Winter mit viel Schnee geben, um die wieder ganz aufzufüllen.

Die Harzwasserwerke schreiben:

Die hohen Temperaturen führen auch zu einer hohen Verdunstung in unseren Talsperren im Westharz. Rund 50.000 Kubikmeter Rohwasser gehen so verloren – am Tag. Das entspricht dem täglichen Wasserverbrauch von rund 400.000 Personen.

Allein an der Granetalsperre, der größten Trinkwassertalsperre der Harzwasserwerke, verdunsten rund 15.000 Kubikmeter Rohwasser am Tag. Im Zeitraum von Februar bis Juli 2018 sind im Oberharz nur 297 Millimeter Niederschlag von den Harzwasserwerken gemessen worden. Damit ist dieser Zeitraum der trockenste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen der Harzwasserwerke 1857. Im Juli sind nur 19 Millimeter an der Messstation in Clausthal- Zellerfeld im Harz verzeichnet worden. Er ist damit der zweitrockenste seit 1857.

Die Harzwasserwerke versorgen übrigens mit Fernleitungen sogar Bremen mit Wasser und sind einer der wichtigsten Wasserlieferanten in Deutschland.

Das mit dem „Früh-aufstehen-und-und-vor-allen-anderen-an-der-Talsperre-sein“ ging leider nicht so ganz auf: Als ich um halb Zehn an der Rappbodetalsperre ankam, war die schon überlaufen. Hunderte von Menschen waren hier schon unterwegs, beide Parkplätze belegt, die Zufahrtsstraßen zugeparkt. Ich verlor spontan die Lust und fuhr nach Hause.

BAROCCA-CAM01

Trotzdem ein netter 200 km-Trip.

BAROCCA-CAM01

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Nachtflug in die Vergangenheit

Unterwegs mit der ZZR in einer heißen Hochsommernacht.

Die Vorstellung ist vorbei, die Menschen strömen aus dem Theater und hinaus in die warme Sommernacht. In den Straßen der Innenstadt sind vereinzelt Stehtische aufgebaut, an denen die Festspielbesucher noch schnell einen Sekt oder einen Wein nehmen, um dann langsam zurück zu ihren Autos zu schlendern.

In einer Seitengasse wartet unter einem Torbogen die Renaissance. Die geduckte Silhouette der ZZR 600 sieht ein wenig aus wie ein Tier in Lauerstellung. Ich kicke den Seitenständer weg und und drücke den Startknopf. Der Motor erwacht zum Leben und brummelt vor sich hin. Vorsichtig lenke ich das Motorrad hinaus auf die Straße, dabei leicht schwankenden Fußgängern ausweichend.

Wenige Minuten später lässt die Kawasaki die kleine Stadt hinter sich. Das hier ist Harzvorland – bergig, von Landwirtschaft geprägt. Hinter der dunklen Silhouette einer waldbekrönten Bergkette ist noch ein letzter Schimmer von Sonnenuntergang zu erahnen, aber über die Ebene vor mir hat sich schon die Nacht gesenkt. Die Welt besteht nur noch aus Dunkel, in verschiedenen Grauabstufungen.

Ich drehe am Gasgriff, und das Motorrad beschleunigt und schießt über die Bundesstraße. Die ZZR kennt zwei Betriebsmodi: Unter 5.000 Touren brummt der Motor sanft vor sich hin, darüber beginnt er plötzlich zu brüllen. Jetzt brummt sie, energiegeladen, kultiviert, elegant.

Es ist kurz nach 22 Uhr, was in diesem Sommer bedeutet: Die Temperaturen sinken gerade erst langsam unter 30 Grad. Der Fahrtwind ist warm, es fühlt sich fast an, als ob man sich einen Föhn ins Gesicht hält.

Links und rechts fliegen die Getreidefelder an mir vorbei, im Dunkel nur durch die gleichmäßigen Hügel zu erahnen. Ich atme tief ein. Es riecht nach warmem Asphalt, nach Staub und nach geschnittenem Korn. Die Gerüche und die warme Nachtluft rufen Bilder wach. Meine Güte, wie lange ist es her, dass ich das letzte Mal um diese Zeit hier mit dem Motorrad lang gefahren bin?

Kurzentschlossen biege ich auf eine kleine Landstraße ab. In einiger Entfernung rumpelt ein Mähdrescher durch die Feldmark. Der Ernter ist rundherum mit Scheinwerfern bestückt. Im Flutlicht sieht man, das die Maschine eine riesige Staubwolke um sich herum produziert. Es sieht aus, als würde sie in einer eigenem Blase aus körnigem Licht in einer See aus Schatten existieren.

Die Gegend hier ist voller kleiner Dörfer. Alte Bauerndörfer, die oft nur aus wenigen Höfen bestehen. Heute werden die meisten davon nicht mehr bewirtschaftet. Wenn ich nicht wüsste, dass jetzt so ein Winz-Ort vor mir liegt, dann würde ich den nicht mal richtig wahrnehmen, so schnell ist die Kawasaki auf der einen Seite rein und auf der anderen Seite schon wieder raus.

Die Landstraße ist übersät mit Schlaglöchern. Sie führt den Bergkamm hinauf und in den Wald hinein. Hier ist es kühler. Die Straße wird schmaler und windet sich in einige Serpentinen. Ich nehme die Geschwindigkeit zurück. In diesen Wäldern gibt es noch jede Menge Rehe, mit denen würde ich Tuchfühlung gerne vermeiden.

Nach wenigen Minuten öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf das Leinetal frei. Vor mir liegt mein alter Heimatort. Früher hat der bei Nacht gestrahlt. Die Natriumdampflampen der Bahnstrecke und des Güterbahnhofs, das große Postzentrum, die erleuchteten Häusern des Ortes, das alles füllte das Tal mit hellen Lichtern. Ich habe den Anblick geliebt, besonders von dieser Straße aus.

Jetzt strahlt der Ort nicht mehr. Nur vereinzelt leuchten Straßenlampen und Häuser an den Berghängen und bilden einen Flickenteppich aus Lichtern, in dem große Stücke zu fehlen scheinen. Kein Wunder. Das Postzentrum ist schon lange geschlossen, und seit dem Neubau der ICE-Trasse, die über das Tal hinweg statt durch es hindurch führt, und der Automatisierung, spielt der Bahnverkehr kaum noch eine Rolle.

Vor 30 Jahren war das eine Katastrophe, fast der ganze Ort war auf einen Schlag arbeitslos. Wer konnte zog weg, die Alten blieben. Heute siedeln sich vereinzelt wieder junge Familien hier an. Menschen, die woanders arbeiten, aber die Lebensqualität des Wohnens auf dem Dorf schätzen. Von den jungen Familien sind viele aber gerade viele in den Sommerferien, und so liegt der Ort heute Nacht da, als würde er schlafen.

Ich lenke das Motorrad die Straße zum Dorf hinab und spüre, wie ich dabei wieder in die warme, abgestandene Luftschicht komme, die im Tal steht. Ich biege nach Süden ab, dem Verlauf des Leinetals folgend, unter der hohen ICE-Brücke hindurch und weiter die Landstraße entlang. Die Bäume stehen hier in einer engen Allee. Es ist in diesem Sommer schon so lange so heiß, dass das Laub der Bäume vertrocknet und abfällt. Die Renaissance zieht einen Wirbel aus Staub und trockenen Blättern hinter sich her, aber im Dunkeln sieht das niemand.

Als Stadtmensch vergisst man ja gerne, wie dunkel so eine Nacht ist. In der Stadt gibt es immer eine Straßenbeleuchtung, die den Namen auch verdient. Aber hier, auf dem Land, ist es stockduster auf den Straßen zwischen den Orten. Hier braucht man wirklich noch das Fernlicht um etwas zu sehen – das benutze ich sonst nie. In den kleinen Dörfern ist es nicht viel besser. In den meisten hängen noch ganz alte Straßenlaternen mit Quecksilberdampflampen. Die machen kein Licht, die erzeugen nur Schatten.

Als Stadtmensch vergisst man, wie dunkel so eine Nacht auf dem Dorf sein kann.

Immerhin tun sie das mittlerweile die ganze Nacht hindurch. Ich kenne noch die Zeit, als um ein Uhr alle Straßenlaternen auf dem Dorf abgeschaltet wurde. Dann war die Welt wirklich stockduster.

Ich brauche auf diesen Straßen keine gute Beleuchtung. Das hier ist MEINE Strecke. Hunderte Male bin ich hier bei Nacht lang gefahren, zum und vom Dienst in der Nachschicht eines Schnellrestaurants in der Kreisstadt. Erst als Schüler, mit meiner Simson, später als Student mit der 450er Honda. Ich kenne hier jede Kurve, jeden Hügel.

Ich fluche, als unvermittelt eine Fahrbahnverschwenkung mit einer Verkehrsinsel aus dem Dunkel auftaucht. Muss neu sein, gebaut irgendwann in den letzten 15 Jahren. Soll wohl verhindern, dass man mit Tempo 100 in das nächste Dorf reinballert. Tja, klappt nicht.

Die Kawasaki fliegt weiter durch die Nacht. Ein Hase bricht aus dem Gebüsch links der Straße, springt mit langen Sätzen durch das Scheinwerferlicht und verschwindet auf der anderen Straßenseite in einem Feld. Von einer weiteren Bergkuppe aus kann man ein halbes Dutzend der kleinen Dörfer auf den umliegenden Bergen glimmen sehen, wie abgestürzte Glühwürmchen. Zwischen ihnen kriechen Erntemaschinen in ihren staubgefüllten Lichtblasen herum.

Die Nacht riecht. Vorhin nach Getreide und Staub, dazwischen nach warmem Asphalt und jetzt nach Gülle. Die Bauern hier in der Region treiben seit Jahrzehnten mit Schweingülle die Nitratwerte des Grundwassers in schwindelerregende Höhen. Wenn die Güllebecken besonders voll sind, kippen sie die Schweinescheisse mehrfach am Tag auf die Felder – auch heimlich, in der Nacht.

Wenige Minuten später zieht die ZZR über den Stadtring der Kreisstadt. Nur wenige Autos sind noch unterwegs. Aus purer Nostalgie fahre ich meinen alten Arbeitsweg aus Studentenzeiten bis zum Ende. Da liegt es, das Schnellrestaurant. Es hat einen neuen Anstrich bekommen, ansonsten hat sich nichts geändert. Noch immer stehen Jugendliche mit ihren tiefergelegten Autos davor.

Wieviel Lebenszeit habe ich hier verbracht? Ich kenne noch jede Ecke. HIER ist der kleine Vorsprung, unter dem ich immer mein Motorrad geparkt habe und DORT der Eingang zur Papierpresse und DA ist die Tür zum „Fettraum“.

Die Terrasse ist voll besetzt, und das um diese Zeit. Es sind halt Ferien. Das goldene „M“ spiegelt sich im silbernen Lack der Renaissance, als das Motorrad langsam um das Gebäude herumrollt. Der Fahrer eines VW UP fühlt sich davon wohl proviziert. Er startet den Motor und hängt sich an mein Heck. Ich sehe in den Rückspiegel. Das Wägelchen liegt so tief auf dem Asphalt, dass es aussieht, als ob es aufliegt. Dazu De-Branding, Breitreifen, Spoiler, Effektlackierung, Überrollkäfig. Der Fahrer lässt den Motor aufheulen. Ich verdrehe die Augen und setze in Gedanken einen Sportaufpuff auf die Liste, vermutlich mit entferntem Mittelschalldämpfer. Meine Güte. Die Kiste sieht super albern aus, und vermutlich kommt sie allein wegen der Breitreifen kaum von der Stelle. Und diese Kasperkiste will sich mit einem Sportmotorrad messen?

Ich setze den Blinker und biege auf die Bundesstraße ab. Hinter mir gibt die gummibereifte Kasperbude Gas und rutscht im Slide um die Kurve, dann drückt der Fahrer voll auf die Tube. Im Rückspiegel sehe ich das Autochen auf mich zuschießen und zum Überholen ansetzen. Zum „Verblasen“, wie die Spinner hier das nennen. Sie begreifen alle anderen Fahrzeuge als Duellanten, die es zu besiegen gilt. Sieg durch Verblasen. Hatte ich verdrängt, aber natürlich gehört auch DAS zu meiner Vergangenheit. Die nächtlichen Auseinandersetzung mit widerlich dummen Vollpfosten, die nur eine große Klappe und getunte Autos haben, sonst aber nichts im Leben.

Ich mache mir nicht mal die Mühe mich an den Tank zu ducken, sondern schalte fast geistesabwesend einen Gang runter und drehe am Gasgriff. Der Drehzahlmesser springt über 5.000 Touren, die Renaissance spannt die Muskeln, dann brüllt sie auf, beschleunigt und schießt davon ins Dunkel jenseits des Ortsschilds. Im Rückspiegel sieht es so aus, als ob der Up plötzlich steht – das Autochen wird kleiner und kleiner und ist schon aus dem Sichtfeld verschwunden. Das Ganze hat nur wenige Sekunden gedauert, aber das hat gereicht – der Tacho steht fast bei 200, und der Drehzahlmesser wütet im fünfstelligen Bereich herum. Ich trete auf die Bremse und schalte wieder in den sechsten Gang. Die ZZR scheint in sich zusammen zu sinken, sich zu entspannen, und das Brüllen des Motors weicht wieder dem kultivierten Brummen.

Der Tacho geht nicht aus Spaß an der Freud so weit.

Die Renaissance fliegt über die Bundesstraße, von der ich auch hier jede Kurve aus dem Gedächtnis fahren könnte. Einen Hügel weiter sehe ich schon die Lichter von Götham, und die Straße macht eine Biegung, die es früher so nicht gab. Das hier ist die NEUE Bundesstraße, die alte führt weiter westlich entlang und ist jetzt verkehrsberuhigt. Schade, war immer angenehm zu fahren, auch nachts. Immerhin ist auf der neuen Tempo 120 erlaubt, und die ZZR saugt gierig die Nachtluft in ihre Lufteinlässe und macht dabei manchmal Geräusche wie Airwolf. Also, wie der Hubschrauber „Airwolf“ aus der alten Fernsehserie, nicht wie die alterschwachen Händetrockner.

Als die Renaissance in die Stadt hineinrollt, muss ich kurz gegen den Drang ankämpfen in die Innenstadt zu fahren, wo ich als Student mal gewohnt habe. Da gibt es eine Wohnung, an die habe ich heute noch tolle Erinnerungen an warme Sommernächte. Mein Gott, das ist nun auch schon über 20 Jahre her…
Ich werde alt. Und als alter Mann muss man früh ins Bett. Ich ziehe die Kawasaki auf einen Zubringer und bin eine Viertelstunde später zu Hause.

Das Motorrad kühlt mit leisem Knacken ab, als ich das Garagentor zuziehe. Ich bin in nachdenklicher Stimmung, versunken in Erinnerungen. Interessant, wie eine Sommernacht Dinge an die Oberfläche spült, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Auf einem Motorrad erlebt man die Umgebung und Eindrücke viel intensiver als in einem Auto, und so kann eine einfache Heimfahrt zu einer Reise in die eigene Vergangenheit werden.

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Das Alpine Stars Tech Air-System in der Praxis: 7.500 Kilometer Update

Wie fühlt es sich eigentlich an, auf einem Motorrad mit einer Jacke zu fahren, die rund herum einen Airbag eingearbeitet hat? Wie ist es, auf dem Rücken Gaskartuschen und einen Computer durch die Gegend zu tragen? Irritiert es, das am Unterarm Status-LEDs leuchten? Und am wichtigsten: Ist das alltagstauglich? Ich habe in den vergangenen zwei Monaten rund 7.500 Kilometer Erfahrung mit dem Tech Air-System von Alpine Stars gesammelt, im Alltag, auf Kurzstrecken und während einer Fernreise nach Südeuropa. Jetzt bin ich von der Reise zurück, aber das Tech Air hat es nicht mit mir zusammen nach Hause geschafft. Das kam so.

Disclaimer: Ich habe den Tech-Air-Kram selbst und ganz regulär zum Ladenpreis gekauft. Ich habe keine Geschäftsbeziehungen zu Alpine Stars, und dies ist auch kein Kooperations- oder Werbartikel. Sowas verpöne ich.

Seit Mitte Mai bin ich Besitzer eines Tech-Air-Systems. Das besteht aus zwei Teilen: Einer Tourenjacke und einer Airbagweste. Die Jacke ist ein fast ganz normales Kleidungsstück aus Polyamid und Leder, mit einem herausnehmbaren Membran- und einem Thermofutter.

Ganz genauso wie fast alle anderen Tourenjacken auch. Die Unterschiede zu normalen Kleidungsstücken sind kaum sichtbar: Die Jacke hat im Rückenteil zwei Datenkabel, am Frontreissverschluss einen Magnetschalter und linken Unterarm drei Status-LEDs.

Das eigentlich aufregende ist das „Chassis“, wie Alpine Stars die Weste mit dem Airbag nennt. Die wird in die Jacke eingeknöpft und mit den Kabeln verbunden und fühlt sich erstmal an wie eine normale Protektorenweste. Der Rückenprotektor trägt ein wenig auf, genau wie die bekannten „Schildkröten“, die umschnallbaren Schaum- oder Hartschalenprotektoren.

Im Chassis steckt rund herum der eigentliche Airbag, der Brust, Bauch, Nieren, Seiten, Rücken und Oberarme schützt. Im Rückenpanzer stecken zwei Gaskartuschen und der Rechner samt Steuergeräten sowie ein Gyroskop, an jeder Schulter der Weste sitzt ein Beschleunigungssensor.

Wenn man die Jacke schließt, wird damit auch der Magnetsensor am vorderen Reißverschluss aktiviert. Jetzt beginnen die LEDs am Jackenärmel zu blinken und zeigen nacheinander Funktionsbereitschaft und Ladestand der Batterie. Dann beginnt das System mit einem Startcheck und einer Kalibrierung. Während der Kalibrierung sollte man nicht still stehen, aber auch keine Treppe runterspringen, denn der Computer prüft nun die Sensoren und ermittelt so Lage und „Normalzustand“ des Systems.

Nach 20 bis 60 Sekunden ist alles eingepegelt und das System ist einsatzbereit. Ist der Magnetschalter am Frontreissverschluss nicht geschlossen oder die Kalibrierung schlägt fehl oder einer der Sensoren meldet Merkwürdigkeiten, ist der Airbag nicht aktiv. Es kann also nicht passieren, dass man unversehens zum Michelinmännchen wird, weil das System versehentlich auslöst.

Bei Trockenübungen im heimischen Wohnzimmer dauerte die Kalibration oft sehr lange und klappte nur in 80 Prozent der Fälle, weshalb ich schon argwöhnte, dass das ein Nervfaktor sein könnte. Deshalb war ich gespannt, wie sich das Tech Air in der Praxis macht.

Ich habe Jacke und Chassis nun in unterschiedlichsten Situationen und auf zwei verschiedenen Motorrädern getragen. Zum einen auf einer sportlichen ZZR 600, mit der ich 1.000 km kurze Strecken in der Stadt und auf dem Land und Tagestouren gefahren bin, zum anderen auf einer Reiseenduro, mit der ich 1.000 km so rumgekurvt bin und mit der es dann auf eine wochenlange Fernreise in den Süden ging. Da hieß es: Jeden Tag ein Dutzend mal Jacke auf, Jacke zu. Über eine Fahrstrecke von 5.500 Kilometern. Mit Regenkombi. Ohne Regenkombi. Bei Temperaturen von fünf Grad in Regen und Nebel bis hin zu 40 Grad in sengender Sonne. In sehr trockene Luft genauso wie bei Luftfeuchtigkeiten von 100 Prozent, dazu Höhenwechsel von zweitausend Metern binnen kurzer Zeit, und und und.

Ich bin in der Jacke unter allen Bedingungen gefahren, dazu damit gewandert, auf Stadtmauern rumgerannt und durch Höhlen geklettert. Drei Wochen lang habe ich das Tech Air jeden Tag fünf bis 10 Stunden getragen. Ein echter Härtetest, und bei Dauernutzung würde sich selbst die kleinste Kleinigkeit, die nicht hundert Pro passt, zum handfesten Ärgernis auswachsen. Ich hatte im Vorfeld ein wenig bedenken, dass ich über irgend was stolpere, das mich ärgert oder Aufwand verursacht. Als bequemer Mensch wäre ich dann vermutlich sehr schnell wieder bei normalen Protektoren gelandet. Aber:

Good News, everyone!

Die gute Nachricht: Die Elektronik in der Jacke nervt in der Praxis nicht.

Überhaupt kein Problem ist die Akkulaufzeit. Der Akku hält mit einer Ladung sogar länger als die von Alpine Stars angegebenen 25 Stunden. Ich bin einmal über 30 Stunden gefahren und hätte noch Reserve für mindesten 4 Stunden gehabt. Selbst wenn man pro Tag 8 bis 10 Stunden fährt, muss man damit nur alle 3 Tage ans Aufladen denken.

Auch die Status-LEDs, die mir durch vermeindlich übertriebene Helligkeit unangenehm aufgefallen waren, stellten sich als praktisch heraus. Die hohe Leuchtstärke sorgt dafür, dass selbst bei direkter Sonneneinstrahlung oder durch die Regenkombi hindurch der Status des Systems ablesbar ist.

Das vermeintliche Sorgenkind, der Kalibrationsvorgang, funktioniert im Alltag zuverlässig. Sehr schnell hat sich bei mir ein Automatismus eingeschliffen, dass ich lediglich beim Schließen der Jacke ein mal auf den Ärmel gucke ob die LEDs aufleuchten, ansonsten kann man das System weitgehend ignorieren.

Das Aufblinken der LEDS ist das ist das Zeichen, dass der Magnetschalter in der Reißverschlussleiste richtig geschlossen ist – meine Jacke hat noch nicht, wie bei den späteren Modellen, einen gelben Klettverschluss an dieser Stelle. Mit Klettverschluss entfällt vermutlich sogar dieser Prüfblick. Ist die Jacke zu, startet die Kalibrierung. Ist die erfolgreich, leuchtet ein grünes Licht und alles ist gut. Im Alltag klappt die Kalibrierung in nahezu hundert Prozent aller Fälle.

Hell wie eine Taschenlampe.

Nur selten funktioniert die Kalibrierung nicht auf Anhieb. Dann muss man sie noch einmal neu starten, indem man die Jacke öffnet und wieder schließt. Mit der Zeit merkt man schon, was man in der Kalibrierungsphase machen darf und was nicht. Typische Fälle, in denen die Kalibration ziemlich sicher nicht klappt: Situationen, in denen man sich um mehrere Achsen bewegt. Beispiel: Wenn man auf dem Bike sitzend die Jacke aktiviert und sofort eine sehr kurvige Straße mit schnellen Richtungswechseln fährt. Oder wenn man während der Kalibrierung eine Wendeltreppe runter läuft. Oder sich währenddessen bückt, um noch mal schnell den Zustand der Kette zu prüfen. Das sind so Bewegungen, wo man nach einiger Zeit schon ahnt, dass das jetzt nicht geklappt haben kann.

Ich hatte damit aber keine Probleme. Mein Standardablauf ist: Jacke schließen, prüfender Blick auf die LEDs, dann Helm aufsetzen, Handschuhe anziehen. Meist ist die Kalibrierung jetzt schon erfolgreich abgeschlossen. Falls nicht, egal – ich setze mich auf´s Motorrad und fahre los (wenn die Straße nicht gerade superkurvig ist). Spätestens nach ein paar hundert Metern ist das System dann fertig kalibriert und läuft. Anfangs habe ich immer nochmal in den Rückspiegel geschaut, ob an meinem Unterarm die grüne LED leuchtet. Da sie das nahezu immer tut, habe ich diesen zweiten Kontrollblick immer öfter vergessen.

Ein Blick beim Anziehen, mehr Aufmerksamkeit erfordert das Tech Air nicht.

Die Kalibrierung nervt also nicht, und die Jacke ist bequem. Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass sie im Vergleich zu meiner alten Jacke sehr eng sitzt, aber das muss so und ist Konzept.

Die vielen Taschen sind für Reisen ideal, und die wasserdichten Reißverschlusstaschen sind auch WIRKLICH wasserdicht (für Sie getestet, bitte gerne).

Wasserdichte Innentasche. Zwei der „WP Compartments“ gibt es auch Außen.

Dank der wirklich guten Belüftung schwitzte ich während der Fahrt auch bei hohen Temperaturen nicht mal richtig. Es gibt aber auch keinen spürbaren Luftzug in der Jacke, da das Chassis wie eine zusätzliche Weste wirkt – Jacke und Airbagweste sind sehr gut aufeinander abgestimmt.

Belüftung auf der Brust.

Armlüftung.

Bei sportlicher, nach vorne geneigter Sitzhaltung, wie auf der ZZR, funktioniert die Lüftung übrigens einen Tucken besser, weil mehr Luft in die Armöffnungen einströmen kann. Das geht bei der aufrechteren Sitzhaltung und dem besseren Windschutz auf der V-Strom nur in geringerem Umfang, reicht aber immer noch aus. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Entsorgung der Abwärme problematisch werden kann, wenn das Motorrad ein so großes Windschild hat, das dahinter gar kein Fahrtwind mehr zu spüren ist. Aber wer so eine rollende Schrankwand fährt, will das auch so.

In der Summe ist das Zusammenspiel und der Sitz von Jacke und Chassis so gut und angenehm, dass ich nach kurzer Zeit vergessen hatte, dass ich einen Airbag am Körper habe. Prüfblick beim Anziehen, dann Vergessen das ich es trage.

Das ist, glaube ich, das Beste, was man über das Tech Air-System sagen kann: Man vergisst, das man es trägt. Es macht keinen Aufwand, es stört nicht, aber es ist da, wenn es gebraucht wird.

The good, the bad and the stinky

Nun gehöre zu den Tourenfahrern, die sich auf Reisen gerne Dinge angucken. Ich strolche in Museen und Burgen rum, ich gehe in meinen Motorradklamotten spazieren, gucke mir Städte an, manchmal klettere ich damit sogar auf Berge. Zugegeben, sehr kleine Berge, aber immerhin. Bei solchen Aktivitäten macht sich das Tech Air dann unangenehm bemerkbar. Zum einen ist da das Gewicht. Die Valparaiso-Jacke wiegt ohne Chassis und ohne Thermo- und Membranfutter, aber mit Protektoren, nur rund 1.800 Gramm. Das ist sehr leicht.

Das Chassis dagegen wiegt rund 2 Kilogramm. Noch hier ein Bißchen Geraffel in den Jackentaschen und dort einen Schlüsselbund und das Handy und zack, trägt man viereinhalb bis fünf Kilo Jacke am Körper. Ich kann Gewicht durchaus ab, was mich aber richtig stört ist die Hitze im Inneren der Jacke. Sicher war die Situation auf der gerade absolvierten Reise extrem, denn wir reden hier von Außentemperaturen von über 30 Grad, bei denen ich in der prallen Sonne rumgelaufen bin. Das ist mit dem Tech Air eine Tortur. Das Chassis enthält halt rundum einen Airbag aus Polyamid und hat damit die Atmungsaktivität einer Plastiktüte.

Auch wenn rundum Mesh ist, nach kurzer Zeit kocht man im eigenen Saft, wenn die Belüftung durch den Fahrtwind fehlt. Anziehen kann man die Jacke bei solchen Temperaturen und bei körperlichen Aktivitäten eigentlich nicht. Sie zu tragen ist aber auch nicht einfach, denn durch das hohe Gewicht und den breiten Rückenprotektor lässt sie sich auch nicht einfach über die Schulter hängen oder über dem Arm tragen. Man schleppt sich im wahrsten Sinne daran kaputt. In ein Topcase passt sie wegen des festen Rückenteils aber auch nicht, und ich bin nicht jemand, der seine Jacke auf dem Motorrad lässt – auch dann nicht, wenn sie mit einem Stahlkabelschloss gesichert ist. Zumal Jacke und Chassis zusammen rund 1.900 Euro kosten, sowas lässt man nicht einfach rumliegen.

Separat aufgehängt: Oben Jacke, unten Chassis.

Ich habe mir also täglich einen abgeschleppt und wirklich literweise Schweiß in das Chassis geschwitzt, das nach wenigen Tagen anfing zu riechen wie ein Berg alter Socken. Nach zwei Wochen, in denen ich es jeden Tag 5-10 Stunden und bei hohen Temperaturen trug, roch es wie ein ganzer Schweinestall, in dem die Güllepumpe explodiert ist. Wirklich, der Geruch war abartig. Ich habe am Ende das Chassis abends aus der Jacke ausgebaut und auf den Balkon zum Auslüften gehängt, aber das brachte irgendwann auch nur noch bedingt was. Das Mesh und die Innenpolsterung sind aus Polyester, und das hält den Schweißgeruch zuverlässig mehrere Tage. Das hat mich etwas erstaunt, bei dem Preis hätte ich Material mit Anti-Müffel-Ionen oder sowas erwartet.

Ich möchte aber betonen: Bei normaler Nutzung auf dem Motorrad und in unseren Breitengraden hatte ich mit Schweißgeruch keinerlei Probleme. Das Chassis fing erst an zu müffeln, als ich bei sehr hohen Außentemperaturen Dinge darin anstellte, für die es nicht gemacht ist.

Fehlfunktionen

Mein Tech Air ist tatsächlich kaputt gegangen. Es sich begann nach zweieinhalb Wochen auf Reisen, dass plötzlich dauernd die rote LED ansprang und damit zeigte, dass sich das System abgeschaltet hatte. Entweder direkt nach Beginn der Kalibrierung oder während der Fahrt wechselte das System von Grün auf Rot. Plötzlich merkte ich sehr deutlich, wie angenehm und unkompliziert die Handhabung vorher war, denn nun musste ich ständig nachschauen, ob das Ding wirklich noch lief oder schon wieder rumzickte. Das nervte tierisch, aber dass das nicht normal war, war mir schnell klar.

Nun hat das Chassis am Rücken einen Mikro-USB-Port, der nicht nur zum Aufladen dient, sondern auch zur Diagnose.

Jedes TechAir-Chassis wird auf seinen Besitzer registriert. Als Kunde habe ich Zugriff auf ein Serviceportal, in dem mir auch eine Diagnosesoftware (nur Windows) zur Verfügung gestellt wird. Die hatte ich auf meinem Netbook.

Also Rechner an das Chassis angeschlossen und die Daten ausgelesen. Im Ernst, im Jahr 2018 schließe ich einen Computer an meine Kleidung an, um deren Fehlerspeicher auszulesen.

Neben Infos zu meiner Person, bei welchem Händler ich das Chassis gekauft habe und aktuellen Messwerten gibt es auch ein Errorlog, in dem das TechAir-System Fehler speichert. Hier war dann sehr deutlich zu sehen, dass der Sensor in der linken Schulter Fehler produzierte. Das tat er einmal recht am Anfang, als das Chassis fast neu war, ab Betriebsstunde 82 kamen die Fehler dann aber massiv und gehäuft.

„Bei Alpine Stars bist Du jetzt Premiumkunde“, hatte mir der Händler beim Kauf erklärt, und ich hatte das als dummes Gelaber abgetan. Dennoch wollte ich jetzt mal wissen, wie gut der Support für das TechAir wirklich ist.

Tech Air Support

Ich schickte an einem Sonntag Abend um 22:00 Uhr eine Mail an die, im Serviceportal angegebene, Adresse. In der beschrieb ich den Fehler und hängte das Errorlog an. Montag Morgen um 07:30 Uhr, also quasi unmittelbar und sofort, hatte ich eine Antwort: Ich möge bitte das Chassis einschicken, Alpine Stars wolle gerne eine Inspektion machen. Nun sitzt Alpine Stars in Norditalien, und da ich eh gerade für zwei Tage in der Region war, fragte ich an, ob ich nicht vorbeikommen könnte. Innerhalb von Minuten kam die Antwort vom Support: Man habe keine Vor-Ort-annahme für Endkunden, aber ich könne gerne vorbeikommen und man würde versuchen, innerhalb der zwei Tage, die ich in der Region wäre, das Chassis zu prüfen und zu reparieren.

Gesagt, getan. Also in den heiligen Hallen der Alpine Stars-Zentrale vorbeigefahren, die erstaunlicherweise – obwohl es sich mittlerweile um ein Weltunternehmen handelt – relativ klein wirken.

Der Umgang in der Firmenzentrale ist familiär, aber auch hoch professionell. Ich traf mich mit einem Supportmitarbeiter, der das Chassis entgegennahm und mir für die Zwischenzeit einen normalen Rückenprotektor lieh – dadurch, dass die keinen Endkundenservice in der Zentrale haben, war kein Austausch-Chassis verfügbar.

Verbesserungsvorschläge

Im Gespräch konnte ich dann gleich noch ein paar Anregungen loswerden, basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Wochen. Zuvorderst: MACHT VERSION 2 AUS MATERIAL, DAS NICHT NACH EINIGEN TAGEN ANFÄNGT ZU STINKEN WIE EIN PFERD AUS DEM HINTERN.

Und: Der Ladeport muss definitiv anders platziert werden, so dass er besser erreichbar ist. Oder das Ladesystem muss generell anders, denn der Mikro-USB-Anschluss ist zu fummelig. Der sitzt nämlich versenkt zwischen den beiden Datenkabeln zur Jacke. Damit ist er schwer zu erreichen, und man läuft Gefahr in den fragilen Datenkabeln hängen zu bleiben und sie aus den Stecker zu reißen.

Ich habe mir, nach Anregung von Kalesco, ein Magsafe-System da dran gebastelt.

Es gibt mittlerweile Magneteinsätze für Mikro-USB-Ports. Ein Teil kommt in die Buchse und bleibt dort, auf den USB-Stecker kommt ein Magnetaufsatz. Ab dem Moment braucht man das Ladekabel nur noch in die ungefähre Nähe des Ports bringen, dann klickt das von alleine ein, wie rum ist egal. Zum Aufladen reicht das, für Datenübertragung aber leider nicht – zumindest mein Rechner erkennt kein USB-Gerät, wenn der Magsafe-Anschluss an einem zwei Meter langen Kabel sitzt.

Mit dem Support vereinbarte ich dann, dass sie sich Zeit lassen sollten für Prüfung und Reparatur des Chassis und es mir dann nach Hause schicken. Ich bin dann mit dem geliehenen Rückenprotektor nach Deutschland zurückgekehrt. Über das Kundenportal konnte ich sehen, das unmittelbar am Tag nach meinem Besuch schon mit der Reparatur begonnen wurde, und sogar, welcher Techniker welches Teil ausgetauscht hat. Alpine Stars macht dabei keine Gefangenen, im Sinne von: Die doktorn daran irgendwie rum und tauschen nur ein Teil aus. Nein, nicht nur der defekte Beschleunigungsmesser wurde ausgetauscht, sondern gleich alle Schultersensoren, und das Steuergerät gleich noch dazu. Und wo man schon mal dabei war, wurde auch gleich noch die neue Firmware aufgespielt und das Ganze 24 Stunden getestet.

Eine Woche später wurde mir das Chassis per UPS geliefert.

Auch hier ist nochmal dokumentiert was gemacht wurde. Gereinigt wurde es leider nicht, es müffelt immer noch ein wenig, aber das man muss schon sehr genau hinriechen um das zu merken. Der Schweißgeruch verfliegt also nach einer Zeit.

Über den Hardwaredefekt habe ich mich gar nicht groß geärgert, gab er mir doch die Gelegenheit den Service von Alpine Stars auszuprobieren. Für einen Praxistest war das fast ein Glücksfall. Technik kann immer mal kaputt gehen, und wie das Log deutlich zeigt, hatte der Sensor von Anfang an einen weg. Daraus würde ich nicht generell auf die Qualität der verbauten Komponenten schließen wollen. Technik kann kaputt gehen, und die Qualität eines Dings macht sich heute auch daran fest, wie der Hersteller dann mit dem Defekt umgeht.

Alpine Stars geht damit vorbildlich um, besser kann man es eigentlich nicht machen. Die Responsezeiten des Tech Air-Supports sind erstklassig, ich bekam keine Textbausteine und kein Geschwafel zurück, die Kommunikation ist direkt und persönlich und am anderen Ende sitzt Fachpersonal, das sich wirklich auskennt. Die Reparatur ging superfix, und da es innerhalb der zweijährigen Garantie war, war das auch alles kostenlos.

Die Garantie verlängert sich übrigens um 24 Monate, wenn man einen Inspektionsservice bei Alpine Stars durchführen lässt. Bei dem werden alle Komponenten gecheckt und das Chassis gereinigt. Kostet 99 Euro, dafür hat man dann die Gewissheit, dass alles OK ist und jegliches Problem auf Kosten von Alpine Stars behoben wird. Bis zu fünf mal lässt sich die Garantie verlängern, damit kommt man in Summe auf 10 Jahre Herstellergarantie. Alpine Stars begreift Tech Air als eine Kombination aus Hardware und Dienstleistung, und die Dienstleistung hat ordentlich durchdefinierte Prozesse.

Erkenntnisse

Meine Meinung nach zwei Monaten und insgesamt 7.500 Kilometern mit dem Tech Air: Das Ding ist praxistauglich, ohne Frage. Es sitzt bequem, es nervt nicht, man vergisst nach einiger Zeit, dass man es trägt. Beim Motorradfahren spürt man es nicht mal. Das ist super, besser geht es eigentlich kaum.

In unseren Breitengraden, bei normalen Außentemperaturen und für kurze und mittlere Fahrten sehe ich überhaupt keine Einschränkungen oder Probleme.

Man erkauft sich mit dem Tech Air ein Mehr an Sicherheit, das mit wenig zusätzlichem Aufwand verbunden ist. Den prüfenden Blick beim Schließen der Jacke, ansonsten ab und zu aufladen, das war es. Das der Ladeanschluss fummelig ist, lässt sich mit einem Magnetconnector für 5 Euro ausgleichen.

Das Tech Air ist absolut geeignet für fast alles, was mit Motorradfahren zusammenhängt. Kurztourer, Schön-Wetter-Biker, Brot&Butter-Fahrer und Leute, die gelegentlich die Rennstrecke besuchen, werden damit sehr glücklich. Langstreckentourer mit Hang zu südlichen Ländern und einer Affinität zu Aktivitäten ohne Motorrad sollten sich vorher sehr gut überlegen, ob sie mit dem hohen Gewicht, ggf. starker Wärme klarkommen. Für die meisten Motorradreisenden wird das eher nichts sein.

Nicht oder nur eingeschränkt geeignet sind die Klamotten, um am Ziel einer Fahrt kilometerweit darin zu wandern oder in den Bergen rumzuklettern, schon gar nicht bei Temperaturen jenseits der 30 Grad Marke. Tut man das trotzdem, schwitzt man sich darin kaputt oder schleppt sich einen Wolf. Vermutlich ist das aber ein Randgruppenproblem. Gibt ja nicht viele Bescheuerte, die in Motorradklamotten so bewegungsintensiven Quatsch machen, und bei normaler Nutzung fängt das Chassis nicht an unangenehm zu riechen.

Von daher: Ich kann für mich sagen, dass das Tech Air absolut OK für mich ist. Es gibt während der Fahrt nichts, was mich stören oder Aufwand verursachen würde, weshalb die alte Jacke mit den Standardprotektoren im Schrank bleibt. ABER: Wenn ich aber nochmal vorhabe in den Bergen rumzuwandern, werde ich aber zusehen, dass ich vorher eine Möglichkeit finde die Jacke nicht mitschleppen zu müssen.

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6.737

So, ich wäre dann auch mal wieder da. 6.737 Kilometer habe ich in den letzten Wochen auf dem Motorrad. Ich hatte mit einem höheren Kilometerstand gerechnet, aber das hier war tatsächlich nur die drittlängste Reise, sagt das Blog. Egal, es war trotzdem toll, dreieinhalb Wochen in sieben Ländern unterwegs zu sein.

Dabei habe ich interessante Menschen getroffen und seltsame Dinge besucht, wobei die Adjektive tauschbar sind. Dabei ging es durch sengende Hitze genauso wie durch Wolken und die Mutter aller Starkregengebiete, das sogar meine garantiert wasserdichten Stiefel versenkt hat.

Unfälle oder Pannen hat es dieses Mal zum Glück nicht gegeben – das Motorrad ist wohlauf und hat nicht rumgezickt. Wunderbar zuverlässig, die V-Strom. Ist auch gut so, sonst wäre das jetzt das vierte Jahr in Folge mit Problemen gewesen, und dann hätte ich vermutlich die Lust an Motorradreisen verloren.

Auf der Strecke geblieben ist nur ein Ding: Ausgerechnet das Innenleben der Tech Air-Jacke hat es nicht zurück nach Hause geschafft. Warum und wieso, das erzähle ich demnächst hier im Blog. Genau wie alles andere auch. Jetzt muss ich erstmal auspacken und Wäsche waschen und sowas.

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Reisetagebuch Shorties (5): Toxische Hassbayern und Geisterglocken

Auf Fernreise mit der Barocca.

  • Plötzlich tauchte bei 5.000 Touren ein helles Klingeln auf, das mich fast wahnsinnig werden liess. Was ist das? Die Ventile? Irgendwas lose? Kurze Zeit später war dann Eigenfacepalmierung angesagt, hatte ich doch schlicht vergessen, dass seit Neuestem die Guardian Bell am Gepäckträger hängt.

    Die kleine Glocke sorgt dafür, das böse Geister, die sich am Motorrad festsaugen, durch das Gebimmel irre werden und abfallen. Immer wenn ein Moppedgeist auf den Asphalt aufschlägt, hinterlässt er ein Schlagloch. Es gibt viele Schlaglöcher hier. Guardian Bells soll man nicht kaufen, man muss sie geschenkt bekommen. Wie gut, dass mein Sternzeichen Wassermann ist. Wassermänner sind nicht abergläubisch 🙂 Danke für das Geschenk, Mobbedzwerch!

  • Am Strand. Nebenan hat eine Familie aus Bayern drei Generationen an stattlichen Wampen in Liegestühlen geparkt. Die Sonne scheint, ein mildes Lüftchen weht, das Meer lädt zum Baden ein. Ein Tag zum Entspannen und genießen. Was macht die Familie? Die sicher 80jährige Oma Wampe erklärt über Stunden und lang und breit, welchen Nachbarn sie wegen welcher Kleinigkeit angezeigt hat, mit welchem Anwalt, wie ihre Versicherung für alles zahlt, und wer im Dorf als nächster dran ist. Sohn Wampe, irgendwo in den 50ern, bekräftigt minütlich, dass das „Recht so“ sei. Und Enkel wampe, sicher auch schon in den 20ern, glotzt ungeniert und minutenlang Leute an. Weil eine Sonnenbrille ja unsichtbar macht. Wie kann man so leben? Wie halten die es mit sich selbst aus? Müssten die Leute nicht an dem Hass, den sie permanent versprühen, selbst ersticken?

    Das sind toxische Menschen, von sowas muss man sich fernhalten, sonst wird allein vom Anhören dieses ganzen Hasses die eigene Seele schmutzig.

  • Auch in Italien gibt es OBI:

    Dort werden hemmungslos deutsche Waren mit deutschen Verpackungstexten und ohne Übersetzung verkauft. Ratlose Italiener stehen vor Regalen und befragen ihre Smartphones, was wohl ein „Filzzuschnitt selbstklebend“ ist.

  • Ich fand diesen Laden ja schon immer super gruselig:

    Vorne Süßwarenautomaten und Reittiere und Musik aus den 80ern, dahinter ein schummriger Laden, der sich irgendwo im Dunkel verliert. Sieht aus wie eine Fassade, um Kinder in die Untiefen des Hauses zu locken, auf das sie nie mehr gesehen werden.

    Nun ist wenige Meter entfernt ein zweiter Laden aufgepoppt.

    Was ist das? Eine Phänomen a la „Needful Things“? Oder eine Lebensform, die sich von Kindern ernährt und aussieht wie ein Laden? Stephen King, übernehmen Sie!

  • Die Vorliebe der Italiener für deutsche Worte kennt keine Grenzen. Neu: Das Modelabel „Doppelgänger“, das gerade rapide expandiert.

    Das Wort mögen die Amis auch, aber die nutzen das nicht für Mode, sondern für Stephen King Geschichten.

  • Apropos Amis: Die exportieren mittlerweile ihren Hass. So wie die Amerikanerin, die sich mitten in Florenz über eine Frau mit Kopftuch beklagte. Ob es denn hier keine Security gäbe, oder warum könnten Muslime sich hier, mitten in einer Touristenstadt, frei bewegen? Ich wollte gerade was sagen, dann holte ich innerlich das Popcorn raus und wartete, bis die vermeintliche Muslima sich umdrehte. Zum Glück hatte die ältere Nonne die Hassrede nicht gehört. Ich ergriff dann die Gelegenheit, die der Amerikanerin ohnehin gerade etwas peinlich war, um ihr zu erklären, dass sie hier nicht in Trumpland ist und SELBSTVERSTÄNDLICH auch Muslime sich frei bewegen dürfen, auch zwischen texanischen Wabbelärschen.
  • Nachdem meine Tankbuch-App nicht mehr supported wird, bin ich mit der ganzen Baggage zu Spritmonitor.de umgezogen. Das ist ein nettes Tankbuch, das on the fly brauchbare Statistiken rauswirft. Das Besondere: Die Plattform dazu vergleicht Modellübergreifend den Verbrauch und ordnet den ein. Die Barocca liegt da nur so mittel, aber die große Überraschung ist die Renaissance: Von allen registrierten ZZR600 (mindestens 60) ist meine Maschine mit 4,25 Litern auf 100 km die mit dem geringsten Verbrauch. Der größte Heizer im Vergleich braucht mit 9,86 Litern mehr als doppelt so viel.

    Kann man mal sehen, was vorausschauendes Fahren, viel Landstraße und ein gut gepflegter Motor so ausmachen.

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Reisemotorrad, Version 2018

„This Girl is going Places“

Es ist wieder soweit. Bald geht es auf großte Tour, auch in diesem Jahr wieder mit der Suzuki V-Strom DL 650 „Barocca“. Nach dem Kettendesaster im vergangenen Herbst ist die Maschine voll durchgewartet, alle Verschleissteile wurden getauscht, von den Bremsen bis zur Kette. Auch nagelneue Reife sind drauf, wieder die guten Metzeler Tourance Next. Die 2010er V-Strom ist von Haus aus ein sehr gutes Reisemotorrad, und durch einige Umbauten wurde sie noch besser.

Schon im vergangenen Jahr bekam die Tourerin eine Tieferlegung von Alpha, einen breiteren Seitenständerfuß von SW Motech, ein elektronisches Kettenschmiersystem von CLS, ordentlich Sturzbügel von Givi, einen SW-Motech Kofferträger, eine Werkzeugrolle und Madstad-Scheibenhalter verpasst.

Die Pumpe, die Heiko Höbelt von CLS erfunden hat.

Martialisch: Struzbügel von Givi.

Rechts Auspuff, links Tooltube.

Aus den USA importiert: Scheibenhalterung.

Nachlesen kann man die Änderungen des vergangenen Jahres hier: Fernreisetauglich 2017

Auf Reisen würde ich nichts anderes mitnehmen als die superleichten und unkaputtbaren Givi E45-Koffer mit dem starken Reflexsystem und Topcase. Das hat eine Ausstattung mit Wasserflaschen und Ausrüstungstaschen sowie einem doppelten Boden, unter dem eine Warnweste liegt. In diesem Jahr eine echte Moppedweste von XL Moto (Danke für den Hinweis, 600ccm.info!)

Natürlich würde ich auch nicht ohne das Garmin ZUMO 590 fahren, das mit dem Helm, dem Smartphone und dem Reifendruckkontrollsystem gekoppelt ist.

Außerdem verfügt die V-Strom noch über die ein oder andere Spielerei in der Elektrik, wie einen WLAN-Accesspoint und einen Tracker.

Was im Verglich zum letzten Jahr anders geworden ist: Der Unterfahrschutz wurde wieder entfernt. Mit dem habe ich in Kurven aufgesetzt, vermutlich wegen der Tieferlegung. Außerdem röhrte die Strom damit wie irre. Bilder des zerschrappten Teils hier.

Außerdem wurde der Seitenständer nochmal um 2 Zentimeter gekürzt. Die Maschine stand vorher zu aufrecht. Nun hat sie 13 Grad Schlagseite. Das ist immer noch weniger als die meisten anderen Moppeds (die, so ergab eine Feldstudie, meist so um die 15 Grad Neigungswinkel haben), aber einigermaßen OK.

Neu ist eine kurze Scheibe, eine Adventure Sports von Powerbronze. Über die habe ich hier ausführlich geschrieben.

Ebenfalls neu ist dieser Gasgrifffeststeller, quasi ein Tempomat. Den lassen die Weltreisenden bei Time2Ride unter dem Namen „Cruisy Evo“ aus dem 3D-Drucker. Die Gashilfe (im Vordergrund) bei der man mit dem Handballen Gas geben kann, mag ich ja schon seit vielen Jahren nicht missen. Was der „Cruisy“ kann, wird sich noch zeigen. Der Feststeller ist vermutlich genau das richtige für endlose Highways, in Deutschland aber natürlich streng verboten.

Ansonsten wurde ein wenig aufgerüstet: Statt einer Kamera hat das Motorrad nun bis zu drei, an fünf unterschiedlichen Haltepunkten. Zwar hat Garmin mit dem letzten Softwareupdate die Fernsteuerung mehrer VIRBs kaputt bekommen, dennoch finde ich die VIRB XE nach wie vor super.

Die beste Modifikation ever ist nach wie vor die handgefertigte Sitzbank mit dem Gelkissen. Damit habe ich schon 1.100 Kilometer an einem Tag zurückgelegt.

So, und damit kann es dann in einer Woche losgehen. Die längste Reise steht kurz bevor. Wenn ich allein an die zu bewältigende Strecke denke, wird mir ein wenig anders. Aber ich sehe es mal so, wenn ich es dieses Jahr weiter als bis zum ersten Tankstopp komme, kann kaum noch was passieren. Dann geht es Stück für Stück vorwärts und wird schon. Ähem.

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New Gear: Ausrüstung 2018

So, der letzte Teil über Klamotten, dann haben wir´s hinter uns. Material altert und leidet, auch wenn man es ihm nicht ansieht. In diesem Jahr habe ich den Austausch aller wichtigen Klamotten beendet. Das war Pain in the Ass, aber vermutlich sinnvoll. Das hier ist, womit ich 2018 fahre.

Helm: Nolan N104 B5 NCOM mit ESS

Tourenhelm vom italienischen Hersteller Nolan. Ein Klapphelm, bei dem die ganze Frontpartie nach oben schwenkt. In der Liga gibt es sonst nur noch Schuberth, aber die passen mir nicht. Der 104 hat ein riesiges Gesichtsfeld, eine Sonnenblende, ein nie beschlagendes Pinlock-Visier, eine Multi-Bluetooth-Anbindung an Helm und Motorrad und eine Notbremsleuchte, die anspringt, wenn ich eine Vollbremsung mache. Ach ja, Radio hat er auch, aber wer will sowas. Mehr lesen…

Der Helm ist laut, besonders bei hohen Geschwindigkeiten. Ist mir aber egal, ich habe fast immer einen Alpine Moto Gehörschutz in den Ohren, und zwar die Race-Variante. Die Ohrstöpsel filtern die tiefen Frequenzen des Windrauschens weg, aber den Motor, Naviansagen und den ganzen Rest vom Straßenverkehr höre ich nahezu ungedämpft.

Jacke: Alpine Stars Valparaiso Tech Air

Bild: Louis.de

Tourenjacke mit Lederbesatz an den sturzgefährdeten Stellen und Level II-Protektoren. Membran- und Thermo-Innenjacke, enthält außerdem ein Airbagsystem. Super Verarbeitung, tolle Lüftung, durch die verbaute Technik aber auch schwer. Mehr lesen…

Hose: Held Matata II

Bild: Held

Leicht, viele Lüftungsöffnungen, Level II-Protektoren an Steißbein, Knien und Hüfte. Passform und Verarbeitung gehen so. Mehr lesen…

Stiefel: Alpine Stars Web Gore Tex

Die Füße stecken in Alpinestars Web-Stiefeln mit Goretex-Membran. Die sind absolut wasserdicht und so sicher, dass sie sogar als Schutzausrüstung für die Rennstrecke zugelassen, dabei aber nicht so klobig wie andere Stiefel. Die passen auch mal unter Jeans und gehen dann als gedeckte Schuhe durch. Außerdem sind sie so leicht, dass man auf Reisen damit auch mal durch Städte laufen oder wandern kann. Ist schon das zweite Paar, weil ich die Sohlen abgelaufen hatte. Mehr lesen…

Handschuhe: Vanucci VTEC und Reusch Summer
Der eine wasserdicht, warm, mit Keramikbesatz und gut gepolstert, der andere aus Leder und für den Sommer gemacht. Gibt es so nicht mehr zu kaufen, deshalb keine weitere Beschreibung. Aber zwei Paar Handschuhe müssen immer mit auf Tour, es gibt keinen Handschuh, der alles kann.

Regenklamotten: FLM Stromchaser

Bild: polo-motorrad.de

Es gibt m.W. keine besseren Regensachen am Markt als die Stormchaser von Polo. Das Zeug ist aus Membrankram, absolut wasserdicht, aber man schwitzt sich darin nicht tot. Gibt es auch als Einteiler, ich fahre aber mit separater Jacke und Hose. Weite Hosenbeine erleichtern den Einstieg, Feststeller sorgen dafür, das wenig flattert, Gummibesatz am Hosenboden für sicheren Sitz. Darin ist man absolut geschützt und super sichtbar, auch wenn ich mir wünschen würde, dass es die Kombi statt in elegantem Schwarz-Weiß auch mal in Neongelb gäbe. Aber nun. Ist schon meine zweite, die erste war nach sieben Jahren zwar noch dicht, aber leicht angegilbt.

Und, wie eingangs beschrieben: Material altert. Aktuell verkauft Polo die Kombi nicht unter dem griffigen Namen „Stormchaser“ sondern unter der sperrigen Bezeichnung „FLM Sports Membran Regenjacke 1.0 Weiss“. Aha.

Unterwäsche: Rukka Moody

Bild: Louis.de

Lange Unterwäsche unter einem Fahreranzug ist Pflicht. Das Merinokram scheint zwar arg teuer, ABER: Es wärmt bei Kälte, es kühlt im Sommer und dank der bakterientötenden Eigenschaften der Merinowolle fängt das Zeug nicht an zu riechen! In Funktionswäsche aus Polyester müffelt man nach einem Tag wie das Wiesel, aber Merinozeug lüftet man kurz aus, und es riecht nach nichts. Einmal Merinozeugs gekauft spart 5 Sätze Funktionsklamotten aus Erdöl. Das Rukka Moody.Kram ist zudem noch günstiger als ähnliches aus dem Outdoor-Segment.

Socken: Pharaoh & Coolmax

Bild: Polo-Motorrad.de

Kniestrümpfe, bedecken den ganzen Unterschenkel, ideal zum Fahren. Die Trekkingsocken haben Silberfäden eingearbeitet, die kann man auch etliche Male tragen, bevor die anfangen zu müffeln. Gibt es schon ewig bei Polo, sehr gutes Material.

So, damit wäre die Ausrüstung einmal durchgetauscht. Vor zwei Jahren neue Stiefel und neuer Helm, dieses Jahr neue Jacke, neue Hose und neue Regenkombi. Damit sollte jetzt erstmal Ruhe sein, und ich hoffe, dass die neuen Klamotten lange halten – und ich ihre aktiven und passiven Sicherheitssysteme nie auf die Probe stellen muss.

KlopfaufHolz

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Albtraumhosenkauf

Die Überschrift ist doppeldeutig. Wer hier ein Drama erwartet wie bei dem Elend des Jackenkaufs, das sich drei Monate hinzog, der wird enttäuscht werden. Die Anschaffung einer neuen Hose ging erstaunlich schnell. Der Hosenkauf war also kein Albtraum, ein Albtraum sind aber die gerade am Markt verfügbaren Hosen. Völlig erstaunlich, was sich die Hersteller trauen für einen Müll in die Geschäfte zu hängen. Gibt es in deren Designabteilungen keine Tourenfahrer? Ich habe mich durch einige Hosen probiert und eine wütende Meinung dazu.

Hintergrund: Nach sieben Jahren in Wind, Wetter und Sonne sollte nun auch meine treue Mohawk Hose in der Sympatex-Version ersetzt werden. Nach Möglichkeit wieder eine Textilhose, nach Möglichkeit wieder mit Leder an den sturzgefährdeten Stellen. Allerdings nicht nochmal eine Mohawk. Grund: Die hat zwar dickes Leder an den Knien, Hüften und am Hintern, was bei einem Unfall und beim Rutschen über den Asphalt die Haut ganz gut schützen sollte.

Der Schwachpunkt sind aber die Übergänge, insb. die Nähte unter und über de Knie, die Leder und Polyamid verbinden. Die doppelten Nähte und das dicke Leder sehen stabil aus, sind es aber an genau diesen Nahstellen nicht unbedingt: In Foren habe ich unschöne Bilder gefunden, die Mohawks zeigen, bei denen beim Sturz das Leder aus dem Cordura oder direkt an den Nähten gerissen ist. Nachdem sich dann die Hose aufgelöst hatte, pellte sich dann Haut und Fleisch wie eine Mandarine vom Knie des Fahrers. Merke: Niemals Materialmix und Nähte unmittelbar vor Gelenken und quer zur Sturzrichtung!

Da Leder-/Textil-Kombis gerade total out sind, gibt es gar nicht all zu viel Auswahl. In der örtlichen Polo-Filiale probierte ich mich dann durch diverse Modelle.

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Erste Erfahrungen mit Airbagkleidung: Alpine Stars Valparaiso mit Tech Air Street

Secret Confession: Ich HASSE es, Klamotten zu kaufen. Das Drama um die Anschaffung einer neuen Motorradjacke werde ich mit Sicherheit nie vergessen, so abgrundtief verabscheuenswert war das Ganze. Am Ende hat es fast drei Monate gedauert. Warum ich jetzt eine Jacke trage, die mehr wert ist als meine ZZR 600, wieso ein Stück Technik aus der Zukunft gefallen ist und warum es trotzdem nervt, erzähle ich hier.
Hinweis: Mittlerweile gibt es ein Update zu diesem Artikel, in dem ich berichte, welche Erfahrungen ich mit dem Airbagsystem im Alltag und auf einer Fernreise gemacht habe. Hier geht es zum 7.500 km-Update.

Es begab sich vor zwei Jahren, das ich dachte: Mensch, meine Mohawk Sympatex-Kombi, die hat schon ordentlich was mitgemacht. Regen, Wind, wochenlange Touren in salziger Luft, teils extreme UV-Einstrahlung, hohe Temperaturen… wer weiß wie lange der Kunststoffkram das aushält. Spätestens 2018, wenn es in die siebte Saison geht, sollte ich die mal austauschen.

Was ich wollte, stand schnell fest…

Also begann ich nach einer Nachfolgerin für die Mohawk zu suchen. Es sollte wieder eine Textilkombi sein, die ich hauptsächlich auf Reisen tragen würden. Sie sollte tauglich sein um damit zu fahren, aber auch um damit bei großer Hitze durch Städte zu laufen, auf Berge zu steigen oder in Höhlen herumzuklettern. Das bedeutete: Außen Cordura oder etwas in der Art, aber die sturzgefährdeten Stellen sollten bitte wieder mit Leder verstärkt sein. Membran wünschenswert, Thermofutter nicht nötig.

Schnell stellte sich raus: Leder/Textil-Kombis waren gerade total out. Das, was ich wollte, gab es in ansprechender Qualität nur von der Firma Alpine Stars. Das ist nicht schlimm, die genießen einen hervorragenden Ruf und statten in der Moto GP jeden zweiten Fahrer aus. Die erstklassige Qualität lassen sie sich auch angemessen vergüten, die Jacke, die ich wollte, sollte 700 Steine kosten. Aber nun, ich hatte noch zwei Jahre Zeit bis zur Neuanschaffung, also fing ich an zu sparen. Auf eine Alpine Stars Valparaiso-Jacke.

Bild: Louis.de

Dann kam der Unfall im vergangenen Jahr, bei dem zum Glück nicht viel passiert ist, der mich aber zum Nachdenken brachte. Ich ertappte mich dabei, wie ich ernsthaft abwog, ob ich von meiner Wunschjacke nicht das Sondermodell nehmen sollte. Die Valparaiso gibt es nämlich auch in einer Ausführung, in der sie für die Aufnahme eines Airbagsystems vorbereitet ist.

Airbags bei Motorrädern sind noch sehr selten. Das merkt man schon an den Diskussionen, die darum noch geführt werden. „Airbagjacken sind für Pussies“ hört man genauso oft wie „Die verleiten zu falschem Sicherheitsdenken! Wer sowas trägt, geht nur noch höhere Risiken ein“ oder „die schränken mich nur ein, ohne das Kram bin ich effizienter“. Das sind natürlich genau die Art von Blödargumenten, die wir schon bei der Einführung der Helmpflicht gehört haben. Oder, die Älteren erinnern sich, als bei Autos die ersten Airbags aufkamen. Oder noch früher, als Sicherheitsgurte und Kopfstützen Pflicht wurden. Immer die selben, dummen Sätze, immer die gleichen Pseudoargumente. Darf man gar nicht hinhören, kriegt man nur Blutdruck von.

Tragbare Airbagsysteme sind heute technisch möglich, und sie werden sich nur noch weiter verbreiten. Aktuell gibt es im Einsteigersegment schon Systeme, die man wie Rettungswesten über dem Fahreranzug trägt und die mit einer Reissleine oder einem Sensor ans Motorrad gekoppelt werden. Die Idee dabei: Macht man einen Abflug über den Lenker, soll die Leine oder der Sensor die Weste auslösen. Problem dabei: Die Auslösezeit ist mit gemessenen rund 200 Millisekunden sehr lang. In der Zeit kann es sein, dass schon ein Einschlag stattgefunden hat und man muss sich wirklich schon im Flug befinden. Dafür sind diese Systeme recht günstig, rund 500 Euro muss man für so ein Ding in Schwimmwestenoptik hinlegen..

Ästhetischer sind die Systeme, die gleich in die Klamotten eingebaut werden. Die lösen über Sensoren und einen Computer im Inneren aus, und zwar wesentlich schneller als die Reissleinenkollegen. Problem dabei: Die Teile gibt es nur von zwei Herstellern und sind unfassbar teuer.

Bild: Alpine Stars.

Mir sagte das Airbag-System der italienischen Firma Alpine Stars sehr zu. Das „Tech Air“ ist komplett autark, also unabhängig vom Motorrad. Außerdem ist es modular: Der ganze Airbagkram steckt in einer Weste, dem sogenannten Chassis, und das kann in verschiedene Jackenmodelle eingesetzt werden. Wie in die Valparaiso, in die ich mich ja ohnehin verguckt hatte.

Ein weiteres Jahr, eine kleine Steuerrückzahlung und gespartes Weihnachtsgeld später stand die Entscheidung fest: Ich wollte so ein Airbagdingens.

Damit fingen die Probleme an, denn die Teile kann man nicht einfach online bestellen. Airbags enthalten immerhin pyrotechnische Ladungen, Lithium-Ionen-Akkus und und Gaskartuschen, die explosionsartig ihre Inhalt freigeben. Sowas wird nicht verschickt. Man kann sie aber auch nicht einfach überall kaufen; Jeder Verkäufer muss von Alpine Stars an dem System geschult werden.

Louis, eine der führenden Ketten für Motorradbekleidung und Zubehör, hat in Deutschland nur sechs Filialen, in denen sie das Tech Air-System verkaufen, und nur eine davon ist in Mittel- bzw. Norddeutschland.

Glücklicherweise ist die nächste Filiale von meinem Wohnort aus „nur“ 130 Kilometer entfernt, das hätte schlimmer kommen können. So kam es, dass ich mich eines Samstag morgens im Februar ziemlich spontan auf den Weg nach Hannover machte, denn Louis hatte genau die Jacke, die ich wollte, an diesem Wochenende im Preis gesenkt. Dazu kam eine Gutscheinaktion und irgendwelches Bonuspunktegehökere und am Ende sollte das Ding 330 Euro kosten. Also, nur die Jacke, ohne Airbag. 330 Euro für ein Kleidungsstrück, das ist viel Geld, aber hört sich schon anders an als 700.

Die Odyssee begann

Vor Ort musste ich dann erst mal eine Stunde warten, bis der einzige Verkäufer, der dort die Airbag-Ausbildung hat, zum Dienst kam. Dann begann der Teil am Klamottenkaufen, den ich so sehr hasse. Denn ich wusste zwar welche Jacke ich wollte, aber nicht in welcher Größe.

Das Problem mit der Größe hat drei Facetten. Zunächst mal: Mein Körperbau ist ziemlich dumm. Ich bin mit 1,70 m nicht groß. Dick bin ich auch nicht, aber ein wenig füllig, und vor allem habe ich einen breiten Brustkorb. Ich bin halt kein schlanker Athlet, sondern eher ein Shetlandpony – klein, kräftig und ausdauernd. Das war Problem Nummer eins.

Problem Nummer zwei ist, das bei Alpine Stars in der Schneidereiabteilung alle durchgeknallt sind. Anders ist es nicht zu erklären, das eine Größe auf „Bella Figura“ getrimmt ist, eine Größe drüber aber auf „nasser Sack“.

Problem Nummer drei ist der Schichtaufbau der Valparaiso-Jacke. Die besteht nämlich aus drei Einzeljacken: Unter die eigentliche Lederjacke kommt eine Jacke aus Membranmaterial, und darunter bei kaltem Wetter noch ein Thermofutter. Und DARUNTER noch der Airbageinsatz.

Schichtkuchen. Thermofutter in Membranfutter in Jacke, darunter noch der Airbag. Ächz.

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Follow me! Der Trackimo

Trackingtechnologie finde ich faszinierend. Vielleicht, weil sie wie für mich gemacht ist. Zu meinen geheimen Superkräften gehört es ja, dass ich mich überall verlaufen kann, selbst im kleinsten Ort. Seitdem ich einen kleinen Tracker mit mir rumtrage, ärgere ich mich in solchen Situationen nicht mehr, sondern denke nur noch „Na, das wird später ein interessantes Bild abgeben“. Abends gucke ich mir dann am Rechner an, wie und wo ich mich verlaufen oder verfahren habe. Meist muss ich dann selbst schmunzeln, wenn ich sehe, wo genau ich nun wieder vom rechten Weg abgekommen und überall rumgeeiert bin.

Auf Reisen begleitet mich immer ein kleiner Tracker der BT-Baureihe. Gibt es schon lange nicht mehr neu zu kaufen.

Der Hauptvorteil ist, dass der Nokia-Akku mehr als 24 Stunden durchhält, während der Tracker alle 5 Sekunden Koordinaten, Richtung und Geschwindigkeit speichert. Der Nachtteil: Um diese Infos auszulesen, muss das Gerät per Kabel an einen Rechner geklemmt werden.

Mittlerweile gibt es kleinere Tracker, die ihren Standort online mitteilen. Einer der besten, laut c´t, ist der Trackimo. Da das Ding mit knapp 70 Euro sehr günstig ist, habe ich mir mal einen bestellt. Der deutsche Importeur reagiert schnell und freundlich. Das er Schwabe ist, merkt man SEHR deutlich am Dialekt. Das er dennoch die Werbevideos von Trackimo selbst übersetzt und vertont, hat bei mir für ein breites Grinsen gesorgt.

Fix flatterte der winzige Karton hier ein, wobei kleiner = besser ist. Der Trackimo ist tatsächlich winzig, gerade mal 47x40x17 mm groß und dabei 42 Gramm leicht.

In der Schachtel befindet sich noch eine Silikonhülle, eine Rückseite mit Klettverschluss sowie passende Klett-Klebepads, ein Klett-Magnet und ein Micro-USB-Kabel.

Der Silikonüberzieher wird bei Outdooreinsätzen als Spritzwasserschutz benötigt. Wasserdicht ist der Trackimo nämlich nicht.

Im Inneren des Trackimos werkelt eine SIM-Karte. Genau die ist auch der Grund, weshalb man unbedingt vom Importeur kaufen sollte, und nicht über Amazon oder ähnliches. Dem Vernehmen nach ist bei Drittanbietern die Chance relativ hoch z.B. einen polnischen Trackimo zu bekommen, der sich in Deutschland nicht oder nur unter Würgen aktivieren lässt.

Das der Trackimo über ein eigenes GSM-Modul verfügt, hat zwei Vorteile:
1. kann er zur Standortbestimmung Funkzellen auswerten, was die Ortung schneller und genauer macht und
2. kann er damit nach Hause telefonieren.

Das Gerät meldet seine Daten ständig an den Trackimo-Server, die Meldeintervalle lassen sich zwischen 1 mal pro Minute bis 1 Mal alle zwei Stunden einstellen. Je nachdem hält der Akku zwischen 3 und 5 Tagen.

Einmal registriert, kann man sich als Anwender in eine App auf dem Smartphine (iOS/Android) oder auf einer Website einloggen. Dort werden die Standortdaten, Akkuladung und die Geschwindigkeit angezeigt. Der Verlauf lässt sich Tage- oder Stundenweise aufrufen, so lässt sich genau sehen, wann der Trackimo wo war. Je nach Vorliebe kann man die Website mit Open Street Maps, Map Box oder Google Maps und Google Satellite nutzen, wo vorhanden funktioniert sogar Street View.

In der Weboberfläche lassen sich Geofences anlegen, bei deren Überschreitung der Tracker eine Infomail an eine zuvor definierte Webadresse sendet. Ebenso lässt sich ein Bewegungsalarm einstellen. Bewegt sich der Tracker bei aktiviertem Alarm, versendet er eine SMS an eine zuvor hinterlegte Telefonnummer.

Auch die drei Tasten auf der Vorderseite lassen sich mit Telefonnummern vorkonfigurieren.

Ein Druck auf den „SOS“-Button in der Mitte oder die beiden Seitentasten löst dann eine SMS mit einem vorher festgelegten Hilfetext und den Koordinaten aus. Bis zu 10 SMS pro Monat sind im Service enthalten. Der ist im ersten Jahr ab Aktivierung kostenlos und kostet danach 5 Dollar pro Monat.

Die Standortbestimmung nach dem Einschalten ist dank der Funkzellenpeilung rasant, teilweise hat das Gerät schon 10 Sekunden nach dem Einschalten seine Position gefunden. Die Positionsbestimmung ist für ein Gerät von der Preisklasse OK, in bebauten Gebieten liegt sie bei rund 5-10 Metern.

Die eigene Datenverbindung macht den Trackimo als Tracker in vielen Situationen nützlich. Besitzer renitenter Haustiere können den Vierbeiner damit verfolgen (es gibt spezielle Halsbänder), auf Flugreisen lassen sich Koffer tracken und Helikoptereltern können die Kinder verwanzen. Mein Anwendungsfall ist naturgemäß ein anderer, bei mir kommt der Trackimo in den fahrbaren Untersatz.

Ich mache mir dabei gar keine Illusionen; Ich fahre keine neuen Motorräder, dementsprechend gering ist auch die Wahrscheinlichkeit, das eines meiner Moppeds gestohlen wird. Welcher professionelle Dieb klaut eine 7 Jahre alte Suzuki, wenn der Schwarzmarkt nach brandneuen BMWs giert?

Trotzdem mag ich es, immer noch ein Ass im Ärmel zu haben. Es gibt halt auch genügend unprofessionelle Diebe. Die Renaissance hat deshalb einen versteckten Hauptschalter, mit dem man die gesamte Elektrik der Maschine einfach abschalten kann. Das ist das kleine Quentchen mehr an Beruhigung, das ich möchte wenn die Maschine in zwielichtigen Hafengegenden am Mittelmeer parkt.

Die V-Strom hat sowas nicht, was aber beide Maschinen haben ist eine Halterung für das Garmin ZUMO. Die bringt einen ziemlichen Kabelbaum mit, in dem unter anderem auch ein wassergeschützter USB-Anschluss ist.

Damit ist es ein leichtes, den Trackimo mit Ladestrom zu versorgen und ihn unauffällig in eine Seitenverkleidung zu stopfen. Unauffälliger als hier, das war nur zur Probe.

Damit kann ich sehen wo ich mit dem Motorrad war. Parkt es in zwielichtigen Gegenden, kann ich den Bewegungsalarm aktivieren. Wird es gestohlen, bekomme ich sofort eine SMS und kann sehen wo es sich befindet.

Der Trackimo im Motorrad ist hoffentlich nur ein Gimmick, das nie im Ernstfall gebraucht wird. Man kann das natürlich zu recht albern finden, aber wie ich eingangs schrieb: Trackingtechnologie fasziniert mich.

Worüber man sich vor dem Kauf im Klaren sein sollte: Vermutlich ist der Trackimo-Webservice billig zusammengeklebter Kram, der irgendwo in der AWS-Wolke läuft und von Chinesen kontrolliert und von der NSA abgeschnorchelt wird. Man sollte sich vorher bewusst machen, dass man hier persönlichste Bewegungsprofile aus der Hand gibt. Zum einen werden diese Daten irgendwann abhanden kommen, zum anderen hat der Trackimo im Gehäuse auch Löcher, die verdächtig nach Mikrofonöffnungen aussehen. Wer also solchen Dingen mißtraut, sollte die Finger davon lassen. Dafür ist der Trackimo mit seinen Webservices bequemer als einen eigenen Trackingserver aufzusetzen. Muss letztlich jeder selbst wissen, meine Kinder würde ich damit aber sicher nicht tracken.

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Scheibenkleister: Powerbronze Adventure an V-Strom 650

Machen wir uns nichts vor, einen Schönheitspreis wird die erste Ausgabe der V-Strom 650 nie bekommen. Ist aber auch egal, die kleine Reisetourerin hat ganz andere, hervorragende Qualitäten. Oder anders rum: Sie hat funktional praktisch kaum eine Schwäche. Für mich sogar genau nur eine, und das ist die Scheibe. Im Auslieferungszustand ist die so mittelhoch und ziemlich problematisch, denn dahinter bilden sich Luftwirbel, die dem Fahrer genau auf den Helm ballern. Keine Ahnung wie sowas passieren kann, es wirkt, als hätten die Konstrukteure die Kiste nie in einem Windkanal getestet. ODER sie haben Testfahrer da drauf gehabt, die gerade mal einen Meter groß waren.

Wie auch immer, die Standardscheibe ist großer Mist und der Abstand Fahrzeugfront/Fahrer so seltsam, dass man die Luftwirbel nie ganz loswerden wird. Es gibt nun zwei Möglichkeiten das in den Griff zu bekommen:

1. Anderer Neigungswinkel der Scheibe.
2. Andere Scheibe montieren.

Um den Winkel zu verändern baut Ingenieur Mark Stadnyk verstellbare Halterungen. Die sind gut und bringen was. Bei mir ist es allerdings so, dass der Winkel der Standardscheibe so flach sein muss, dass es nicht mehr praktikabel ist.

Bei den Scheiben gibt es nun zwei Geschmacksrichtungen. Man kann den Anspruch verfolgen möglichst wind- und wettergeschützt zu sitzen, dann wird man eine hohe Scheibe mit einem Spoiler verwenden. Sowas wie das hier:

Die „Airflow“-Scheibe von Givi ist hier Maß der Dinge. Der Vorteil ist klar: Wetterschutz par Excellence. Die Nachteile: Das Mopped sieht aus wie eine rollende Schrankwand, man hat die Scheibenkante und das Spoilergedöns im Sichtfeld, und auch bei heißem Wetter bekommt man keinen Fahrtwind mehr ab. Damit funktioniert auch die Helmlüftung nicht mehr.

Ich komme eher aus der anderen Richtung. Die ZZR ist eine Sporttourerin, die kann gar keinen Wetterschutz bieten. Die Scheibe dient bei der dazu, die Luft über die Schultern des Fahrers zu lenken. Damit sind Brust und Arme vom Winddruck entlastet, und idealerweise liegt der Helm ohne Verwirbelungen im Windstrom und wird gut belüftet. Der Nachteil ist natürlich: Wetterschutz gibt´s nicht, Regen, Nebel und alles andere geht direkt auf den Helm.

Um so ein Sporttourverhalten bei der V-Strom hinzubekommen gibt es nicht viele Möglichkeiten. Ganz mutige setzen den Dremel an und kürzen ihre Originalscheibe, was natürlich verboten ist. Aber Not macht halt erfinderisch. Von Suzuki gab es nur mal für ganz kurze Zeit eine dunkle Sportscheibe her, die signifikant kürzer war, die aber schon lange nicht mehr verkauft wird.

Sportscheibe vs. Standardscheibe.

Die ist nicht schlecht, leider aber nicht kurz genug und dazu recht schmal: Bei Touren bekommen meine Schultern Windwirbel ab. Das nervt auf Dauer, weshalb ich die erste größere Tour im vergangenen Jahr doch mit der Standardscheibe gefahren bin.

Hellhörig wurde ich, als ein geneigter Leser mich auf die Adventurescheibe der englischen Firma Powerbronze hinwies. Die hat die Breite der Orginalscheibe, ist aber kürzer als die Sportscheibe.

Links die Standardscheibe, Mitte die Powerbronze Adventure, rechts die Suzuki Sportscheibe.

Montiert sieht das Ganze so aus:

Meine Scheibe ist dunkel getönt, es gibt sie aber in über 20 Farben von gelb bis eis blau.

Die Bestellung erfolgt über die Webseite des deutschen Importeurs, dann heißt es warten – die Scheibe wird extra gefertigt. Je nachdem ob die Auftragsübermittlung zeitnah geklappt hat und der Importeur die Ware auch gleich weiterschickt, kommt nach 4 Wochen (Zeit lt. Website) und 12 Wochen (in meinem Fall) eine Scheibe ins Haus. Der liegt ein Kantenschutz und ein Aufkleber mit einer KBA-Nummer bei, der angebracht werden muss. Das entsprechende TÜV-Gutachten dazu kann man sich auf der Website von Powerbronze runterladen und muss es ausgedruckt mitführen.

Die Passform der Scheibe ist so làlà – die Bohrungen sind leicht versetzt. Man bekommt sie fest, aber Hochpräzision sieht anders aus. Was auffällt: Die „Adventure“ ist wirklich der Minirock unter den Scheiben. Sie ist schon fast albern kurz, ein paar Zentimeter mehr hätte nicht geschadet. Weil sie so kurz ist, verträgt sie sich auch mit dem Madstad-Halter nicht hundertprozentig: Der guckt nämlich oben raus.

Nichtsdestotrotz ist das Fahren mit der Scheibe angenehm. Keine Verwirbelungen, die an den Schultern zuppeln, und kein Geballer am Helm. Allenfalls noch leichtes Rauschen und Flappern, aber damit kann ich leben. Vermutlich. Ein wenig Arbeit an den Einstellungsmöglichkeiten mit Höhe und Neigungswinkel wird noch zu tun sein, aber in der Summe ist die Adventure die Scheibe, die meinen Vorstellungen bislang am Nächsten kommt.

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Frühling! Saisonstart!

Höret und preiset das Frühlingswiesel! Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist! Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison! Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht! Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Das Wiesel ist ja ohnehin ein faules Viech, aber in diesem Jahr war es besonders schlimm. Längerer Winterschlaf als sonst, dann hat es Ewigkeiten im Badezimmer verbracht, schließlich musste es noch ein Nickerchen machen… aber nun ist es soweit, jetzt macht das Frühlingswiesel den Frühling!

Am heutigen Nachmittag zumindest mal die V-Strom ausgewintert. War erstaunlich unspektakulär. Statt elendigem Rumgeorgel, Chokegeziehe, Gasspielen, Rumhusten und irgendwann leistungslosem Anspringen (wie bei Vergasermoppeds üblich) einfach nur: Batterie eingesetzt, auf den Starter gedrückt, läuft.
Sollen das? Was mache ich denn jetzt mit dem angebrochenenen Nachmittag? Ach, einfach mal draufsetzen und losfahren. Die ersten 50 Kilometer. Ganz vorsichtig, trotzdem Heidenspaß gehabt.

Die Strom ist ja im Herbst aus der Inspektion gekommen und direkt ins Winterlager gegangen. Jetzt mit einem perfekt gewarteten Mopped in die Saison starten zu können ist einfach nur schön. Und die Barocca läuft auf den neuen Reifen, mit der neuen Kette, mit gemachten Bremsen und allen Verschleißteilen ausgetauscht wie eine Göttin.

Das ist auch gut so, denn eine weite Reise steht an. Hoffentlich komme ich dieses Jahr weiter als nur bis zum ersten Tankstopp.

Noch ein ernsthaftes Wort: Nach einem halben Jahr Pause muss man sich erst wieder an die völlig andere Fahrphysik und Handling gewöhnen.

Für Moppedfahrer heißt das: Sich langsam und vorsichtig rantasten und wieder eingewöhnen, nicht gleich wie geisteskrank am Hahn reissen und Augen auf die Straße, die Dosenfahrer leiden an Aufmerksamkeitsdefizit.

Für Autofahrer heißt das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen – die Schergen sind zum Teil noch so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man doppelt aufpassen muss. Achja, und blinken, blinken ist auch gut. Das gilt für alle.

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