Motorrad

Airbag-Schutzkleidung: Stand der Dinge 2022

Seit Ende 2017 fahre ich mit einem Airbagsystem am Körper Motorrad. Vor fünf Jahren war diese Technik nicht überall erhältlich, teuer und schwer. Was hat sich in der Zwischenzeit getan, was hat sich geändert? Eine kleine Marktbeschau.

Als ich das 2017 das „Tech Air“-System des italienischen Herstellers Alpine Stars gekauft habe, gab es dazu wenig Konkurrenz. Zur Anschaffung musste ich mich überwinden: Das „Tech Air Street“ trägt ordentlich auf, ist relativ schwer (Zusammen mit der Jacke rund 5,5 Kilogramm) und nicht atmungsaktiv.

Vor allem war es vor 5 Jahren eines: Teuer. Rund 1.200 Euro kostete die Airbagweste. Die dazu passende und zwingend notwendige Spezialjacke schlug noch einmal mit 600 Euro zu buche, machte. zusammen also rund 1.800 Euro. Für diese Anschaffung waren mehrere Fahrten nach Hannover nötig, wo eine von bundesweit nur fünf Louis-Filialen war, die diese Sachen verkaufen durften. Weil nur dort ein (also wirklich: Anzahl: 1) Verkäufer arbeitete, der die dafür notwendige Ausbildung vom Hersteller hatte. Onlinekauf war nicht möglich.

Das Chassis, die eigentliche Weste mit Airbag und Computer.

Ich habe es trotz dieser Unannehmlichkeiten und trotz des hohen Preises gekauft. Zum einen, weil ich die Technik faszinierend fand und die Investition in persönliche Schutzausrüstung für sinnvoller erachtete als den Kauf des hundertsten Chromteils oder eines vergoldeten Tankdeckels für das Motorrad. Zum anderen aber auch, weil ich ein Zeichen setzen wollte: Liebe Hersteller, es gibt einen Markt für sowas, forscht bitte in diese Richtung weiter.

Das haben die getan, mit dem Ergebnis, dass es nun leichtere und günstigere Airbagsysteme am Markt gibt, aber auch spookigen Wildwuchs bei den Geschäftsmodellen.

Was sich recht schnell beim Blick auf den Markt im Jahr 2022 feststellen lässt: Es gibt jetzt weitaus mehr Hersteller und Modelle als noch vor einigen Jahren, und die Ausrüstung kann man mittlerweile ganz normal Online oder im Moppedladen nebenan kaufen.

Neben der besseren Verfügbarkeit geht der Trend zu maximaler Flexibilität. Nahezu jedes Modell, das neu rauskommt, funktioniert autonom und unabhängig von der sonstigen Bekleidung oder vom verwendeten Motorrad. Das bedeutet auch ein Nischensterben.

Nischensterben
Zu den besseren Ergebnissen der Marktentwicklung gehört, dass es kaum noch Systeme gibt, die nur mit bestimmter Oberbekleidung funktioniert oder bei denen am Motorrad eine Modifikation vorgenommen werden muss. Es gibt noch vereinzelt Kombinationen aus einem Sensor, der an der Motorradgabel angebracht wird und einer Airbagweste, die dann wirklich nur an dieser einen Maschine funktioniert. Diese Konstruktionsweise ist unflexibel und teuer und stirbt zu recht aus, Motorradsensoren sind jetzt höchstens noch eine zusätzliche Option.

Gefragt sind autonome Systeme, und die gibt es in zwei Ausprägungen: Mit mechanischer oder mit elektronischer Auslösung.

Mechanische Auslösung
Mechanische Systeme verfügen meist über eine Reißleine, die am Motorrad eingehakt wird und den Airbag auslöst, wenn sich die Fahrerin vom Ride trennt.

Diese Airbagwesten sehen aus wie Schwimmwesten und werden über der eigentlichen Motorradbeleidung getragen. Aktuell gibt es sieben Hersteller solcher Westen, neben dem Frühstarter Helite mit seiner beliebten „Turtle“ u.a. auch Held, Büse oder Spidi.

Helite Turtle 2. Bild: Helite.

Vorteil der Reißleinensysteme: Sie lassen sich über jeder Bekleidung tragen. Der entscheidende Nachteil: Sie sind langsam.

Laut ADAC dauert es bei einem typischen Unfall, bei dem einem Innerorts bei 50 km/h ein Auto die Vorfahrt nimmt, nur rund 120 Millisekunden, bis der Motorradfahrer in das Auto einschlägt. Die Auslösezeiten der besten Reißleinensysteme liegen mehr als doppelt so hoch, bei rund 240 bis 300 Millisekunden. Die helfen also nur noch beim Sekundäreinschlag, wenn man also vom gegnerischen Auto runterpurzelt und auf die Straße fällt. Oder wenn man in einer Kurve wegrutscht und über den Asphalt schliddert, auch dann funktionieren und schützen diese Art Airbags gut.

Elektronische Systeme
Systeme mit elektronischem Auslöser haben einen kleinen Computer verbaut. An dem hängen Sensoren, die ständig Messwerte zu Beschleunigung und Lage melden. Der Computer vergleicht diese Informationen permanent mit Referenzwerten von Unfallszenarien.

Bild: Alpine Stars.

Findet der Rechner eine ausreichende Übereinstimmung bei den Referenzdaten, nimmt er an, dass es einen Unfall gibt und löst mit einer kleinen Pyroladung den Airbag aus. Das passiert bei den Systemen von Dainese und Alpine Stars binnen 80 Millisekunden und damit in oben beschrieben Szenario noch vor dem Ersteinschlag – ein deutlich anderer und besserer Schutz als ihn die Reißleinensysteme bieten können.

Die Algorithmen, die ermitteln ob ein Unfall vorliegt oder nicht, sind der Kronschatz der Hersteller, entscheiden sie doch darüber, ob ein solches Produkt überhaupt funktioniert. Die Abstimmung muss wirklich fein sein, denn immerhin möchte man ja nicht, dass eine Airbagweste auslöst, wenn man mit ihr eine Treppe hinunterspringt oder jemand einem auf den Rücken schlägt.

Die Algorithmen für Straßennutzung und für die Rennstrecke sind stark unterschiedlich, weil die Unfallszenarien ganz andere sind. Manche Systeme lassen sich per App von Straßen- auf Rennstreckenbenutzung umstellen und haben dann sogar zwei Auslösungen statt nur einer.

Vor einigen Jahren dominierten die italienischen Firmen Dainese und Alpine Stars den Markt der autonomen elektronischen Systeme. Mittlerweile bieten auch Held und Helite solche Systeme an. Die kommen allesamt als Weste daher, die entweder unter der Motorradkleidung (Alpine Stars Tech Air 5, Held eVest), darüber (Helite E-Turtle) oder nach belieben drunter oder drüber (Dainese Smart Jacket, Alpine Stars Tech Air 3) getragen werden können. Manche bieten nette Zusatzfeatures. Die Weste von Held bspw. lässt sich nach eigenem Bedürfnis mit zusätzlichen Brust- und Rippenprotektoren nachrüsten. Trägt man eine Weste unter einer normalen Motorradjacke, sollte die mindestens 4 Zentimeter Platz bieten. Also die Jacke eine Nummer größer kaufen oder die Faustregel anwenden: Kann man zwischen Brustkorb und Jacke seine eigene Faust schieben, ist genug Platz für den Airbag.

Mit rund 1,3 bis 1,9 Kilo sind diese Westen recht leicht, rund ein halbes Kilo leichter als mein altes Tech Air Street. Sie sind auch weniger voluminös und atmungsaktiver, so das man in der Praxis gar nicht mehr bemerkt, was man da am Körper trägt. Zumal man sich bei allen einen separaten Rückenprotektor spart – mindestens ein Level-1-Protektor ist bei allen fest verbaut und schützt so auch ohne Airbag.

Die elektronischen Systeme bekommen gelegentlich Softwareupdates, die per App eingespielt werden können. Diese Updates erhöhen den Bestand an Referenzdaten oder steigern die Schnelligkeit von Kalibrierungen oder verbessern die Kommunikation mit anderen Geräten. Bei den meisten Herstellern gehören diese Updates zum Service. Aber nicht bei allen.

Heiße Preise
Trotz des großen Nachteils der langsamen Auslösung sind die Reißleinensysteme noch beliebt, neben der Flexibilität beim Tragen vor allem aus Kostengründen. Bis vor Kurzem war der Anschaffungspreis von „nur“ 500 bis 700 Euro unschlagbar günstig, gerade im Vergleich mit den o.g. 1.800 Euro für ein elektronisches System. Dieser Preisvorteil ist aber mittlerweile dahin. Heute bekommt man die elektronischen und autonomen Systeme bereits für 650 bis 700 Euro.

Unterschiede bei den Kosten gibt es tatsächlich bei der Wiederinbetriebnahme nach einer Auslösung. Bei den Reißleinensysteme oder auch den Westen mit dem In&motion-System (siehe unten) kann nach einer Auslösung die CO2-Gaspatrone vom Besitzer selbst gewechselt werden. Die Ersatzkartusche kostet rund 100 Euro.

Die Westen von Dainese und Alpine Stars müssen nach dem Auslösen beim Hersteller geprüft und wiederbefüllt werden. Das hat zwei Gründe: 1. Haben diese Westen zwei Gaspatronen, die aus Platzgründen stark integriert sind. Für den Wechsel müssen die Systeme geöffnet und zerlegt werden. 2. Nutzen zumindest Alpine Stars und Dainese Argon statt CO2 als Gas um den Airbag zu füllen. Das tun sie, weil Argon im Gegensatz zu CO2 unter stärkerem Druck gelagert werden kann. Bedeutet: Kleinere Kartuschen und im Falle eines Unfalls eine schnellere Befüllung des Airbags, aber dafür dürfen Endanwender halt nicht dran rumfummeln. Die Überholung beim Hersteller kostet rund 300 Euro, beinhaltet aber dann auch eine komplette Prüfung des Systems.*

Abomodell
Einigermaßen erstaunt war ich über ein Abomodell, das sich in der Branche breit gemacht hat. Daraus gestoßen war ich bei Held. Die verkaufen ihre „eVest“-Airbagweste für konkurrenzlos günstige 350 Euro. Mit der allein kann man allerdings nicht viel anfangen, denn der Steuercomputer mit den nötigen Algorithmen fehlt, also genau das Teil, in dem bei den elektronischen Systemen die Magie stattfindet.

Die Algorithmen und die Referenzwerte für Unfallszenarien sind der eigentliche Schatz der Hersteller, und es kostet viel Zeit und Aufwand die Referenzdaten zu generieren und die Software abzustimmen. Das kann also nicht jeder, und stellt sich raus: Held auch nicht.

Die haben stattdessen Rechner und Algorithmen von der französischen Firma „In&motion Airbag“ zugekauft. Das ist jetzt per se nicht verwerflich, denn wie geschrieben: Die Technologie beherrscht nicht jeder. Zudem ist Technologiezukauf in fast jeder Branche völlig normal. In der Regel passiert das aber durch entsprechende Lizensierungen der Technik, damit ein Hersteller die Technologie eines anderen in seine Produkte integrieren kann.

Hier wird aber der Weg gegangen, den Kunden der Textilhersteller direkt ein Abomodell eines anderen Unternehmens anzubieten, ohne das dass gekaufte Produkt nicht funktioniert. Das ist mindestens ungewöhnlich.

Für 350 Euro bekommt man von den Textilherstellern eine Stoffweste mit einer Plastiktüte und Gaskartuschen drin. Das Steuerungsteil muss für 120 Euro von inmotion gemietet werden. Bedeutet: Kaufpreis plus Jahresmiete macht im ersten Jahr schon 470 Euro, in Jahr 2 zahlt man noch einmal 120 Euro, in Jahr drei hat man nach weiteren 120 Euro mit insgesamt 710 Euro schon mehr gezahlt als bei den anderen Herstellern, und in Jahr 4 darf man die Box dann für 99 Euro kaufen – macht zusammen über 800 Euro. Alternativ kann man die Box auch gleich für 400 Euro kaufen und liegt damit in Summe bei 750 Euro – und damit rund 100 Euro über den aktuellen Preispunkten der Konkurrenz. Falls man vorhat ins Gelände oder auf die Rennstrecke zu fahren, kostet das übrigens noch einmal extra – das Abo der dafür notwendigen Algorithmen kostet jeweils 8 Euro pro Monat oder 25 Euro im Jahr.

Wo kommen diese Algorithmen eigentlich her? Die Pioniere Dainese und Alpine Stars haben 20 Jahre und viele, viele Moto-GPs und Chrashtests gebraucht, bis sie genügend Daten und trainierte Algorithmen hatten, um ein Produkt für Endanwender auf der Straße rauszubringen.

in&motion dagegen wurde 2014 von drei jungen Ingenieuren als Startup gegründet und ging einen anderen Weg. Basierend auf einem vergleichsweise geringen Datenbestand von Skifahrern gaben sie 2017 500 Testwesten an Motorradfahrer aus und sammelten deren Daten sechs Monate lang. Diese Daten schickten sie in Machine Learning Modelle, die daraus versuchen Unfallzustände zu extrapolieren. Die daraus enstandenen Szenarien steckten die Firma in ein Produkt, dass sie in den Markt schoben – und das weiterhin beständig weiter Daten sammelt und bei jedem Ladevorgang an In&Motion schickt. Damit halten sie auch nicht hinter dem Berg, sondern hauen regelmäßig Mitteilungen dazu raus („Jetzt sind unsere Anwender schon 40 Millionen Kilometer gefahren! Wir erkennen nur 90 Prozent alle Unfälle! Bald werden es 100 sein!“).

Das hörte sich jetzt vielleicht sehr technisch an. Festzuhalten bleibt: Das Unternehmen hat ein Airbagsystem rausgebracht, das erst noch beständig lernt, was ein Unfall ist – und zwar durch die Nutzung und damit auch der Unfälle der eigenen Kundschaft. Überspitzt gesagt hat das einen Geschmack von „wir schieben ein unfertiges Produkt in den Markt, überwachen unsere Nutzer und werden mit jedem Unfall, den die haben, besser“.

Kann man machen, aus einer Ingenieurssicht. Persönlich finde ich es ein wenig gruselig, das hier ein Startup mit heute 20 Mitarbeitern den Aufwand von umfangreichen Crashtests quasi outsourced. Sicher, auch Dainese oder Alpinestars nutzen echte Unfalldaten zur Verbesserung ihrer Systeme – aber die haben halt mit einem, in der Rennpraxis bewährten, System und mit einem großen Datenbestand aus Tests und Rennen begonnen.

Ich möchte aber über die Datensammelei und auch über dieses Abomodell nicht urteilen. Falls die Technik funktioniert, ist sie das Geld wert – und die leichte Verfügbarkeit und die Integration in Produkte anderer Hersteller sorgen dafür, dass Airbagkleidung eine weitere Verbreitung erfährt, und dagegen kann nun niemand etwas haben. Die Technik und damit auch das Abomodell von In&motion steckt nicht nur in der Airbagweste von Held, sondern auch in den Produkten von Tuscano Urbani, Furygan, RST, Klim und Ixon.

Trends
Airbagsysteme sind günstiger und leichter geworden und besser verfügbar. Dieser Trend setzt sich fort, das fördert die Verbreitung. Trend Nummer zwei versucht Alpine Stars gerade zu setzen: Diversifizierung.

Ja, es ist nett, wenn ich ein Airbagsystem für die Straße auch auf der Rennstrecke nutzen kann, aber die Anforderungen unterscheiden sich dann doch je nach Nutzung des motorisierten Zweirads. Auf der Rennstrecke sind Unterleibsverletzungen wohl nicht ganz selten, während Systeme, die vor allen im Stadtverkehr bei 30-50 km/h auf dem täglichen Weg zu Arbeit getragen werden, vielleicht keinen perfekten Rundumschutz benötigen. Und wer gerne im Gelände unterwegs ist, der hat bis vor kurzem ganz in die Röhre geguckt, denn mehr als Schotterstrecken waren mit keinem System nutzbar (auch nicht mit In&Motions Zusatzverkauf).

Im Januar 2022 stellt der Alpine Stars gleich drei neue Produkte vor. Neben dem Tech Air 5, das seit 2020 als Universalweste und für Tourenfahrer beworben wird, gibt es nun das Tech-Air 10. Das ist für die Rennstrecke gedacht und ein Airbag-Anzug, der auch Unterleib und Oberschenkel schützt. Es ist bereits erhältlich, kostet rund 1.000 Euro und lässt sich unter jeder Lederkombi tragen, die mindestens 4 Zentimeter Luft am Brustkorb und 2 Zentimeter am Unterbauch lässt.

Bild: Alpine Star

Das Tech Air Outdoor wurde als Reaktion auf die schlimmen Unfälle bei Rallyes entwickelt und hat deutlich mehr Körperpanzerung als die anderen Systeme.

Bild: Alpine Star

Das Tech Air 3 schließlich, der letzte Neuzugang für 2022, ist sehr leicht und hat keine Ärmel (wie auch nahezu alle Westen der Mitbewerber). Es soll vor allem urbane Pendler ansprechen, die z.b. mit einem Roller im Berufsverkehr unterwegs sind, und kann sowohl unter als auch über der normalen Kleidung getragen werden. Der Preis ist noch nicht bekannt, er dürfte sich aber unter dem des Tech Air 5 bewegen, das aktuell zum Straßenpreis von 650 Euro erhältlich ist.

Bild: Alpine Star

Zusammengefasst: Im Markt der Airbagschutzkleidung zum Motorradfahren hat sich in den letzten Jahren mächtig was getan. Die Technik ist kleiner, leichter und handhabbarer geworden, die Preise für die vollintegrierten, elektronischen Systeme sind extrem gefallen und die Verfügbarkeit hat sich massiv verbessert. Um neue Zielgruppen anszusprechen, beginnen erste Hersteller spezifisch auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Produkte anzubieten. Damit kommt Airbag-Kleidung hoffentlich raus aus der exotischen Nerd-Ecke, in der sie lange steckte.

Heute ist die Anschaffung einer Airbagweste, insbesondere einer autonomen, ein echter No-Brainer – für jedes Bedürfnis gibt es das passende Modell, und die Preise sind bezahlbar. Das ist super – in einigen Jahren werden Airbagklamotten damit hoffentlich so selbstverständlich sein wie das Tragen eines Helms. Wer eh ‚ eine neue Jacke braucht, sollte eine Airbagweste ernsthaft in Erwägung ziehen.


*) Ich bin der Meinung, dass das Einbeziehen dieser Art von „Folgekosten“ bei der Überlegung über eine Anschaffung einer Airbagweste keine Rolle spielen sollte. Der Gedanke „Hey, in das System kann ich selbst eine neue Gaspatrone reindrehen, ist so einfach wie der Wechsel einer Glühbirne“ halte ich für ein wenig abseitig. So ein Airbag wird nicht jede Woche ausgelöst, sondern im besten Fall nie. Und wenn er ausgelöst wird, dann geht damit eine mechanische Belastung einher, nach der man vielleicht doch das ganze System von Fachleuten geprüft haben möchte.

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Impressionen eines Wochenendes (32): Lieblos (ADAC Intensivtraining 2022)

„Und, wo bist Du an Ostern?“ – Die Frage hörte man vor dem Wochenende ständig. Klar, Corona ist per Dekret beendet, warum soll man Ostern zu Hause hocken? Folgerichtig fröhnte man auf bundesdeutschen Autobahnen der beliebten Tradition des Osterstaus. Ich setzte eine andere Tradition fort: Den Ostersonntag im Kreis fahren und mich dabei anschreien lassen.

Wobei, ganz so schlimm war es nicht. Zwanzig Kilometer Luftlinie von Hanau entfernt liegt der Ort Gründau-Lieblos, und der sieht es so aus, wie der Name vermuten lässt. Etwas außerhalb von Lieblos ist nichts, außer einem Golfplatz und grünen Feldern, weshalb der ADAC da sein Fahrsicherheitszentrum für Hessen und Thüringen hingebaut hat.

So ungefähr alle zwei Jahre gucken ein paar Freunde und ich da mal vorbei und fahren unter den kritischen Augen eines Instruktors wechselnder Güte im Kreis und üben Extremsituationen. Wieder und wieder. Bis es einem zum Hals raushängt. Am Ende fährt man nach acht Stunden vom Platz und ist völlig erschöpft, hat aber über sich und sein Motorrad wieder ein wenig mehr gelernt und beides besser im Griff.

Dieses Mal gab es mal wieder ein Intensivtraining. Die Abstufung beim ADAC ist: Basistraining, Intensivtraining, Perfektionstraining. Das Intensivtraining hat mehr Praxisanteile und bietet mehr Gelegenheit zum Üben als die anderen, deshalb eignet sich das gut, um nach der Winterpause wieder rein zu kommen. Unter den elf Teilnehmenden waren dieses Mal zwei Frauen, an Fahrzeugen waren neben meiner Suzuki eine 650er Honda (einzige Maschine ohne ABS), eine Yamaha und eine Harley. Der komplette Rest waren BMWs, darunter 2 GS. In anderen Gruppen war es noch krasser – Deutschland, BMW-Land.

Das Training bestand aus verschiedenen Modulen:

Warmfahren durch einen Slalomparcours:

  • im Sitzen
  • im Stehen
  • je ein Bein über Sitzbank
  • dieses Mal nicht, aber sonst immer: Im Stehen beide Beine auf je einer Seite

Dann eine Lektion über langsam Fahren durch konstantes Gasgeben, dabei Fuß auf der Bremse, mit der Kupplung spielen. Dadurch stabilisiert sich die Maschine bei extrem langsamer Fahrt. Lebensretter, wenn vor einem ein Bus oder SUV durch die Serpentinen kriecht.

Mit dieser Technik dann:

  • geradeaus fahren
  • Wenden mit extrem kleinen Wendekreis
  • kleine Achten durch einen Pylonenparkour fahren

Danach: Verschiedene Kurventechniken und eine Lektion über den paradoxen Lenkimpuls, der neuerdings bzw. bei diesem Trainer „musste am Lenker schieben“ heißt. Nunja.

Mit diesem neu erworbenen Wissen ging es an Ausweichübungen, zunächst ohne zu bremsen und ohne auszukuppeln.

Nächste Lektion: Blockiert ein Vorderrad bei heftigem, superkurzem Bremsen? Stellt sich raus: Ja, auch bei Maschinen mit ABS, zumindest im ersten Sekundenbruchteil. Also progressives Bremsen bis ins ABS hinein üben, bei Gefahrenbremsungen geradeaus von wechselnden Geschwindigkeiten bis auf Null. Erst nur Vorderradbremse, dann beide Bremsen, dann nur Hinterrad. Danach bremsen und ausweichen, dann Gefahrenbremsung auf nasser Fahrbahn. Zum Abschluss die Belehrung: Bremsweg aus Tempo 30 um die 5 Meter, Reaktionszeit eine Sekunde, bei Tempo 50 signifikant weiter, bei Tempo 70 bis zu 70 Metern.

Nach einer kleinen Pause ging dann die Sonne unter, und im Dunkeln wurden Schräglagen auf der Kreisbahn geübt. Anders als noch 2019 bekam ich die V-Strom dieses Mal nicht bis zum Aufsetzen runtergedrückt, was aber gut ist – damals war sie tiefergelegt, und das „Krunsch“-Geräusch beim Aufsetzen kam viel zu früh. Jetzt steht die Lady wieder auf hohen Beinen, und damit haben wir beide in Kurven mehr Freiheit.

Letzte Lektion unter einem vollen Mond:  Bremsen und ausweichen, ausweichen in Kurven, bremsen in Kurven bei Schräglage. Um 22:45 Uhr endete das Ganze mit der Ausgabe der Teilnahmebescheinigungen, die bei manchen Versicherungen eine Beitragsreduktion ermöglichen. Ich war ganz froh, als das Nachtraining endete. Meine Konzentration war am Ende, und mittlerweile war es wieder einstellig kalt geworden.

Was ich beim Training gelernt habe:

  • Ich kann mittlerweile nahezu alles, was da gefordert wird. Und ich kann es gut und aus dem Handgelenk, und das erstaunt mich ein wenig. Als ich mit dieser Art Training angefangen habe, war ich unsicher und habe viel falsch gemacht. Damit bin ich auch ganz offen umgegangen. Umso mehr freut es mich, dass mit Fleiß und Übung eine deutliche Besserung meines fahrerischen Könnens zu bemerken ist, im Alltag und auch auf dem Trainingsplatz. Deswegen wurde ich tatsächlich auch gar nicht angebrüllt. Wenn der Trainer mich wirklich mal für Feedback rangewunken hat, dann war das in mehr als der Hälfte der Fälle für – Lob! Ich war erstaunt.
  • Blickführung ist bei mir immer noch ein Thema, aber nicht mehr beim Kurvenfahren, sondern beim Bremsen. Tatsächlich habe ich die Hälfte der Zeit auf die Streckenpylone geglotzt, weil ich wissen wollte, was die V-Strom an Bremsleistung auf den Asphalt bringt. Stellt sich raus: Wenig. Ich wusste, dass die Bremsen schwammig sind, aber gerade im Vergleich zu den mitfahrenden BMWs ist die Bremsleistung der Suzuki sehr meh. Für die Straße ist sie Ok, aber für Extremsituationen… Hm.
  • Wie es GS-Fahrer schaffen zu nerven, Teil 847: Wenn der Instruktor sagt „Gibt es noch Fragen“ und dann der GS-Fahrer mit 2.000 Kilometer Jahresleistung in acht verschiedenen Varianten wissen will, warum seine 1250er das geilste Motorrad auf der ganzen, weiten Welt ist und was eigentlich Leute machen, die keine haben.
  • Meine neuen Klamotten taugen für Dauerfahrten um die 10 Grad oder leicht drunter, das wird dieses Jahr noch wichtig.
  • Ich liebe meine V-Strom. Die passt wie ein Handschuh, ich habe sie absolut im Griff und kann sie souverän und sehr sicher bewegen.

Frisst 1.200er GS-en zum Frühstück: V-Strom 650.

Am Ostermontag verabschiedete ich mich noch von Ludwig Anton von Witzighausen, einem westsibirischen Laika. Diese Hunde sind mit den Huskys verwandet, aber anders als diese nicht als Lasttiere, sondern speziell auf Jagd hin gezüchtet und werden in ihrer Heimat zum Kampf gegen Bären eingesetzt. Ludwig hat die Barocca vor dem Gasthof in Mömbris bewacht und gegen Bären verteidigt.

Dann ging es über Bundesstraßen wieder nach Hause, wo die V-Strom und ich eintrafen, bevor die  Osterstaufestivitäten zum Höhepunkt aufliefen.

Zusammengefasst: Ein anstrengendes Wochenende, aber auch ein sehr schönes. Mal gucken, was sich nächstes Jahr so anbietet – vielleicht nach dem Fiasko in Hechlingen doch nochmal ein Endurotraining?

Alte Trainings, soweit das Blog und ich mich dran erinnern:
2019 Intensivtraining in Gründau (erstmals mit der V-Strom)
2016 Perfektionstraining in Gründau
2014 Intensivtraining in Gründau
2013 Endurotraining in Hechlingen
2012 Kurventraining B bei ps-motorradtraining.de
2012 ADAC Basistraining in Malsfeld
2012 Kurventraining A bei ps-motorradtraining.de
2012 Bei-jeder-Witterung-stattfindendes-ADAC-Training-das-wegen-Witterung-ausfiel

Andere Wochenendimpressionen

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Reisetagebuch: Motorradherbst 2021 in 3:48 Minuten

Das war die Motorradtour nach und durch Griechenland im Herbst 2021. Irgendwie immer noch im Schatten der Pandemie, aber da ich so viel allein unterwegs war, und das in einsamen Gegenden, ist mir das gar nicht so aufgefallen.

Hier eine Übersicht aller Tagebucheinträge.

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Reisetagebuch Griechenland (21): Eingefroren

Tagebuch einer Motorradtour im Herbst 2021. Heute: Tag 27 mit dem Ende.
Freitag, 15. Oktober 2022, Tarvisio

Ich wache auf, als der Kirchturm neben meinem Zimmerfenster anfängt loszudöngeln. Die Nacht über war der zum Glück ausgeschaltet, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund beginnen die christlichen Taliban zur schrägen Uhrzeit von 06:20 Uhr mit ihrem akustischen Terror.

Egal, ich habe eh´ schlecht geschlafen. Ich bin gefühlt ständig aufgewacht, einfach weil mir kalt war – obwohl ich in Fleecejacke und der langen Motorradunterwäsche geschlafen habe. „Zimmer wird gleich warm“, jaja, von wegen.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett und merke sofort, wie kalt es im Zimmer ist. Knapp zweistellige Temperatur, zehn Grad vielleicht, mehr wird es nicht sein.

Eine Katzenwäsche später habe ich schon die Motorradklamotten an und merke die Kälte nicht mehr. Als ich aus der Zimmertür trete, laufe ich in eine Wand warmer Luft. In den Gängen funktionieren die Heizungen offensichtlich, und das Haus ist gut eingeheizt. Ich hätte bei offener Tür schlafen sollen!

Ich trage die Koffer über drei Etagen hinunter zum Parkplatz, vorbei an einem gemütliche Lesezimmer und einer Sauna und einem Pool, beides im zweiten Untergeschoss. In diesem Hotel einzuschneien muss die pure Wonne sein. Lange dauert es auch nicht mehr bis zum ersten Schneefall. Weiter oben sind die Berggipfel schon weiß, und für morgen ist auch für die Höhenlage von Tarvisio Schnee angesagt. Wie gut, das der nicht heute Nacht gefallen ist, dann hätte ich jetzt ein echtes Problem.

Das Glückspilzgefühl lässt abrupt nach, als ich die schwere Tür zum Parkplatz aufstemme und mir ein Schwall kalter Luft entgegenfaucht. Die Kälte fühlt sich im Gesicht wie Eisnadeln an. Ich gehe zum Motorrad und kriege den Mund nicht mehr zu. Die ganze V-Strom ist übergefroren!

Sattel, Satteltasche, Windschild… sogar auf den Instrumenten hat sich eine Eisschicht gebildet.

Anscheinend ist erst überall Luftfeuchtigkeit kondensiert, dann übergeforen. Minus 4 Grad sind es jetzt, d.h. die Temperatur ist in der Nacht um fast zehn Grad gefallen!

Schiet. Nicht, dass ich nicht mit einer solchen Möglichkeit gerechnet hätte – der Parkplatz hat ein leichtes Gefälle, und ich habe die Maschine gestern Abend extra genau so geparkt, dass ich sie anlaufen lassen kann, sollte es arg kalt werden und sie nicht anspringen wollen oder sogar wieder KLONK machen. Aber das es friert war ein unwahrscheinliches Worst-Case-Szenario, und das es tatsächlich eingetreten ist, schockt mich gerade ein wenig. Schnee wäre übrigens der GAU gewesen.
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Reisetagebuch Griechenland (20): Alte Bekannte

Tagebuch einer kleinen Motorradtour bis nach Griechenland. Heute mit alten Bekannten auf der Heimreise durch Italien.
Mittwoch, 13. Oktober 2022, Fähre Florencia, mitten in der Ägäis

Ich träume.
Seltsame Träume.

Kurz aufwachen, umdrehen, wieder einschlafen, weiterträumen.

Einige Zeit später bin ich wach. Nicht, weil mich etwas geweckt hätte, sondern weil mir der Schlaf ausgegangen ist und sich freundlich verabschiedet hat. Ich bin einfach ausgeruht und deswegen aufgewacht. Fühlt sich gut an.

Wie spät mag es wohl sein? Die Kabine hat kein Fenster, und außer einem schmalen Spalt Kunstlicht, das durch den Türrahmen fällt, ist es dunkel. Ich sehe auf die Uhr. Viertel nach Neun erst! Naja, eigentlich Viertel nach Zehn. Immerhin habe ich eine Zeitzone gequert, die Uhr ist eine Stunde zurückgesprungen.

Zehn Stunden geschlafen. Meine Güte, ich muss müde gewesen sein. Und die Träume haben sich nicht um die Arbeit gedreht oder um Arbeitskollegen. Das ist gut. Jetzt, nach mehr als drei Wochen, habe ich die Arbeit endlich aus dem Kopf.

Ich bleibe noch etwas in der Koje liegen und lese. Ganz traditionell eReader. Wifi gibt es auf dem Schiff nicht, alles ist offline.

Irgendwann stehe ich auf und laufe kurz durch das Schiff. Die Florencia gleitet durch eine recht ruhige See, aber es ist kühl und die Aussicht uninteressant.

Ich kann die Küste nicht ausmachen und weiß nicht, wo wir sind. Egal.

Lesen. Warten.

Ich hole mir einen kleinen Kaffee, für den satte 4 Euro veranschlagt werden, fülle den Becher in der Kabine aber zwei Mal mit Instantkaffee und kaltem Wasser wieder auf.

Lesen. Warten.

Gegen Mittag verzehre ich die zweite der Fertigmahlzeiten. Zum Rausgehen habe ich nach wie vor keine große Lust.

Die Florencia rollt etwas.

Lesen. Warten.

Ich gehe doch mal kurz raus. Jetzt kann ich die Küstenlinie sehen und weiß sofort, wo wir sind.

Das ist das Profil des Gran Sasso Gebirges: wir sind also schon auf der Höhe der Abruzzen, jetzt ist es nicht mehr weit bis Ancona.

Lesen. Warten.
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Reisetagebuch Griechenland (19): KLONK

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 24 mit – oh Wunder! – schlechtem Wetter und einem Jubiläum.

Dienstag, 12. Oktober 2022, Granítsa

Es regnet.
Immer noch.
Oder schon wieder.

Wie auch immer, es regnet. Nicht nur ein Bißchen, sondern ordentlich. Gegen 2:30 Uhr bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil der Regen wie mit Fäusten auf das Dach des Zimmers im „Hotel Panorama“ getrommelt hat. Jetzt hängen die Regenwolken in den Bergen und lassen laufen. Also Abreise im strömenden Regen, wie befürchtet.

Aber erstmal ein lecker Frühstück, dann freundliche Verabschiedung von Nikos und Annecka.

Als ich bereit zu Abreise bin, macht der Regen freundlicherweise eine Pause. Sogar die Sonne scheint kurz durch die dunklen Wolken.

Schnell mache ich mich fertig. Die Koffer sind schon gepackt, ich muss mich nur noch in die Regenkombi werfen.

Dann schnappe ich mir die Koffer und trage sie die Straße hoch, am Motorrad vorbei, und stelle sie an einen Zaun.

Warum ich die Koffer da hinstelle? Weil genau dort das einzig gerade und ebene Stück Straße ist.

Für die Abeise habe ich mir einen genauen Plan zurechtgelegt:
1. Zuerst die V-Strom starten und rückwärts von ihrem Parkplatz unter dem Feigenbaum rausschieben
2. Die Straße hoch fahren, dort wo es etwas breiter und wenig abschüssig ist wenden
3. Auf dem einzigen geraden Stück halten, Motor laufen lassen, dann erst Gepäck anbringen.

Warum so kompliziert? Weil es halt WIRKLICH erschwerte Bedingungen sind. Die V-Strom parkt auf einer Fläche, die leicht abschüssig nach vorne ist. Der Betonboden ist bedeckt vom Matsch verfaulter Feigen. Es wird sicheren Stand und Kraft brauchen, um die Maschine vom Ständer hochzubekommen und dann gegen das Gefälle und rückwärts über die kleine Betonkante zu schieben. Ohne das Gewicht des Gepäcks wird es wesentlich einfacher sein, die Maschine auf Zehenspitzen rückwärts und bergauf zu schieben.

Dann, so kann ich mir vorstellen, will der Motor nach zwei Tagen im kalten Regen vielleicht nicht an- und gleich wieder ausgemacht werden, darum will ich ihn laufen lassen. Das geht aber nur, wenn die Maschine gerade steht. Sehen sie?
Alles nicht so einfach.
Aber einfach kann ja jeder.

Das ich mir diese Hindernisse nicht einbilde merke ich schnell als ich in den Sattel klettere und versuche, die Maschine hoch zu bekommen. Beim ersten Versuch glitsche ich mit dem Stiefel auf dem Feigenschlamm weg und muss wieder etwas aus dem Sattel, damit ich genug Kraft aufbringen kann um die Suzuki vom Seitenständer hoch zu bekommen.

So, und nun: Spannung! Wird sie anspringen? Aber warum sollte sie nicht? Die V-Strom hat noch NIE Probleme gemacht, was das angeht. Die ist zuverlässig wie ein Uhrwerk. Auch unter solch widrigen Umständen. Denn aktuell sind nur knapp über Null Grad und damit rund 15 Grad weniger als an dem Tag, an dem wir in Granítsa ankamen, dazu kommt die Nässe der letzten Tage. Die ZZR600, da bin ich sehr sicher, würde jetzt lange rumorgeln und vielleicht sogar streiken. Aber nicht die Suzuki.

Ich drücke auf auf den Starter, und fast sofort ist der Motor da. Ich gebe Gas, und ein Grinsen macht sich in meinem Gesicht breit. Gutes Motorra…. KLONK.

Die Maschine schüttelt sich kurz, dann ist der Motor ist aus. Was? Wieso Klonk? Die V-Strom hat doch noch NIE Klonk gemacht!

Ich drücke nochmal auf den Starter. Der Motor kommt, ich gebe etwas Gas und…. KLONK.

Ein Schütteln geht durch den Rahmen und es hört sich so an, als ob tief im Motor zwei Metallteile miteinander kollidieren, sich gegenseitig mit einem KLONK blockieren und dann geht nichts mehr.

Das gibt es doch nicht! Barocca, du lässt mich doch nicht ausgerechnet heute und in diesem abgelegenen Nest im Stich, oder?!

Ich drücke nochmal auf den Starter. Der orgelt und orgelt, aber der Motor springt nicht an. Abgesoffen. Die LED-Anzeige der Instrumente wird bereits schwächer. Ist jetzt etwa schon die Batterie am Ende? Das kann doch alles nicht wahr sein, die habe ich doch im Sommer erst ausgetauscht!

„Bittebittebitte“ murmele ich durch zusammengebissene Zähne, und nach endlosen Sekunden keucht und schnauft der Motor und springt wieder an. Ich drehe am Gashahn und dieses Mal macht es nicht KLONK, sondern er dreht brav hoch. Etwas rauh und holperig, aber das ist halt der Charme des V-Twins, besonders wenn er kalt ist.

Ich stemme die Zehen in den Feigenschlamm und wuchte die Maschine Zentimeter für Zentimeter rückwärts. Mehrfach glitschen mir die Füße weg, dann ist das Hinterrad an einer Betonschwelle. Die sieht nach nichts aus, aber weil die V-Strom so groß ist, ich nur mit den Zehenspitzen an den Boden komme und ich gegen eine Steigung anschieben muss, ist es echt nicht einfach, die Maschine da drüber zu bekommen.

Irgendwann habe ich die V-Strom soweit auf die Straße gezerrt, dass ich das geplante Wendemanöver fahren kann. Immer schön vorsichtig, die Straße ist bröckelig, abschüssig und nass. Der Rest klappt aber wie geplant, und zum Glück macht die V-Strom nicht nochmal KLONK.


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Schnappdreieck

Für einen motorisierten Verkehrsteilnehmer ist es immer eine gute Idee, die Sicherheitstrias aus Warnweste, Verbandskasten und Warndreieck mitzuführen. Beim Motorrad ist der Platz dafür aber stark beschränkt, weswegen die Sachen möglichst klein und leicht sein müssen. Bei Verbandskästen gibt es zum Glück mittlerweile einen miniaturisierten de-Facto Standard, der zumindest die basalen Verbandsmaterialien so zusammenschrumpft, dass sie unter eine Motorradsitzbank passen (wie das viel cooler geht steht hier: Taktisches IFAK für Motorrad).

Bei Warndreiecken gab es bislang nur eine Lösung, und zwar in Form einer Stoffhülle, auf die eine reflektierende Folie in Form eines Warnzeichens genäht ist. In Notfällen zieht man diese Hülle über den Helm und stellt den in ausreichender Entfernung* vor der Unfallstelle an den Straßenrand.

Diese Art von „Warndreieck“ hat den Vorteil, das sie klein und extrem leicht ist – ich führe sowas im Deckel meiner Tooltube mit. Der Nachteil ist die Sichtbarkeit, meist nur so mittel ist.

Der Hersteller SecureYOU hat sich nun etwas neues überlegt. Der Hersteller aus Hilden hat ein Warndreieck herausgebracht, das aus sehr leichtem Stoff und vorgespannten Metalldrähten besteht. Das lässt sich klein zusammenlegen und stehen dann unter Spannung. Nimmt man die raus, schnappt es in seine ursprüngliche Form zurück.

Sowas kenn man von Wurfzelten, die sich quasi selbst aufbauen, und genauso funktioniert das auch hier. Man nimmt das Warndreieck aus seiner Hülle, entfernt das Sicherungsgummi und PLOPP steht ein Warndreieck vor einem.

Das Warndreieck ist aus sehr leichtem Stoff gefertigt und hat umlaufend Reflexband, so das es auch im Dunkeln sehr gut zu sehen ist. Eine Alternative für´s Auto ist das Pop-Up-Dreieck übrigens nicht, es erfüllt nicht die einschlägige Norm.

Am unteren Ende sind vier kleine Stoffbeutelchen eingearbeitet, in denen Gewichte stecken. Die sollen, in Kombination mit den Öffnungen im Stoff, verhindern, dass die ganze Konstruktion beim ersten Windstoß wegfliegt.

Genau hier beginnen meine Probleme mit dem „Throwguard“, wie das Pop-Up-Warndreieck heißt. So schön es auch ist, mit seinem Gewicht von 490 Gramm ist es vermutlich nicht schwer genug, um es bei norddeutschem Wetter wirklich an Ort und Stelle zu bleiben, gleichzeitig ist es damit aber auch einen Tucken zu schwer und zu groß, um als „überall-dabei-Leichtgewicht“ durch zu gehen.

Um es mitzuführen, bedarf es eines echt großen Sitzbankfachs oder einem Platz im Gepäck.

Wäre ich ein Tourguide, der ohnehin einen Koffer nur mit Notfallausrüstung mit sich führt, dann wäre das Throwguard mit Sicherheit neuer, fester Bestandteil meiner Ausrüstung. Aber für normale Touren oder den Alltag? Dafür ist es mir persönlich zu groß und vor allem: Zu schwer.

An der Größe kann ich nicht viel machen, am Gewicht aber schon. Ich habe einfach mal rumgebastelt und die Gewichte aus den Beutelchen entfernt.

Ein Original-Throwguard wiegt fast 500 Gramm, ein entkerntes ist wesentlich leichter:

Danach habe ich über Kreuz Gurte eingezogen.

Das Ergebnis ist ein (geringfügig) kleineres, aber signifikant leichteres Päckchen. Da ich auf Touren immer etwas dabeihabe, der sich zum Beschweren eignet – hier zum Beispiel eine Wasserflasche – steht das Silencer´sche Schnappdreieck sogar sicherer als die Originalversion mit den Minigewichten.

Richtig leuchtend wird es dann, wenn die kleine Warnleuchte – die ich immer im Topcase habe – mit dem Throwguard kombiniert wird.

Ok, darf man jetzt auch niemandem erzählen, das ich jetzt quasi einen beleuchteten Pylon im Mopped spazieren fahre.

Das Throwguard gibt es für 20 Euro im Internet zu kaufen. Alternativ kann man auch eines gewinnen. Das Kradblatt verlost gerade eines, bis 31.03.22 kann man teilnehmen: Zum Kradblatt.


*) In der Stadt 50 Meter, Landstraße 150 Meter, Autobahn 250 Meter. Na, wer hätte das noch gewusst? 😉

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Reisetagebuch Griechenland (18): Verständnislose Ommas

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tage 22 und 23 mit toller Landschaft und miesem Wetter.

Sonntag, 10. Oktober 2021, Kourouta

Für heute ist Weltuntergang angesagt. Ein großes Tiefdruckgebiet steuert vom Meer auf die Westküste von Griechenland zu. Es bringt unglaubliche Regenmassen mit sich, ein richtiges Wettermonster, und es wird mich genau erwischen wenn ich unterwegs bin – sagt zumindest die Wettervorhersage.

Aber so schlimm sieht es noch gar nicht aus, als ich zum ersten Mal um halb acht aus dem Fenster blicke. Ich mache mir einen Instantkaffe, dann trage ich die Koffer zum Motorrad. Als ich einen Fuß aus der Haustür setze, beginnt es zu tröpfeln. Fünf Minuten später regnet es.

Okay, dann jetzt gleich in die Regenkombi. Als ich gerade mal die Hose angezogen habe, setzt draußen der RICHTIGE Regen ein. Meine Güte, das macht so runter, dass ich kaum noch die Häuser am anderen Ende der Brache sehen kann. Lieber noch einen Moment warten.

Halb in Regenklamotten liege ich rücklinks auf dem Bett und scrolle durch Social Media. Draußen ändert sich das Wetter im Minutentakt, mal regnet es stärker und mal nicht so stark.

Oh, der Regen lässt etwas nach. Dann schnell die Regenjacke an und… ach, jetzt gibt es wieder die Urwalddusche. Meine Fresse.

Irgendwann ist mir das alles egal. Los jetzt, findet die Abfahrt halt im Starkregen statt. Was soll´s.

Es ist warm, und durch die vielen Schichten Motorradkleidung läuft mir schon der Schweiß in die Augen, als ich endlich auf der Suzuki sitze.

Anna rechnet die heutige und Route und teilt nach einer laaaaaangen Denkpause mit, das wir bereits gegen 13:30 Uhr am Ziel ankommen. Hä? Wieso so schnell?

Oh, 13:30 Uhr am morgigen Tag. HÄ?? Wieso sollen wir für eine Strecke von schlappen 250 kilometern 29 Stunden brauchen?

Ah, okay, sehe schon. Meine virtuelle Copilotin hat sich streng an die Vorgaben gehalten und Mautstraßen komplett ausgespart. Die Strecke, die sie sich ausgeknobelt hat, führt daher einmal auf kleinen Feldwegen um den Golf von Korinth herum. Nein, eine Mautstraße sei heute ausnahmsweise mal erlaubt. Die führt über eine mautpflichtige Brücke, aber das ist Okay. Anna rechnet noch einmal und kommt auf eine Ankunftszeit von 15:30 Uhr, aber am heutigen Tag. Gut, das passt besser.

Durch den strömenden Regen geht es nach Norden, immer parallel zur Küste. Dieser Teil des Peloponnes ist flach, landwirtschaftlich geprägt und langweilig zu fahren.

Erst als ich in die Hafenstadt Patras komme, wird die Fahrt etwas interessanter. Patras liegt an der Rio-Andirrio-Meerenge auf dem Peloponnes, also der südlichen Halbinsel von Festland-Griechenland. Nordgriechenland ist hier gerade einmal 2,5 Kilometer entfernt, aber dazwischen liegt viel Wasser, nämlich der Golf von Korinth bzw. der Golf von Patras, wie er hier manchmal genannt wird.

Das Wasser ist hier 65 Meter tief, der Meeresgrund ist wabbelig und instabil und die ganze Region ist ein Erdbebengebiet, weshalb der Bau einer Brücke an dieser Stelle lange Zeit als völlig unmöglich galt. Im Jahr 2000 wagte man es aber doch, und verwendete dabei Technologien aus von Offshore-Ölplattformen: Man stabilisierte den Grund, in dem man 30 Meter lange Stahlrohre in den Boden rammte. Darauf schüttete man Steine, und auf dieses Bett stellte man dann ganz locker die Pylonen, damit die im Falle eines Erdbebens ein wenig hin- und hergleiten können.

In die Pylone eingehängt sind Stahlseile, die vier Fahrbahnen tragen. Insgesamt ist die Brücke fast zweieinhalb Kilometer Lang und damit die zweitlängste Schrägseilbrücke der Welt. Die längste ist übrigens die Brücke von Millau, wo ich auch schon war und die ich für eine der schönsten Brücken der Welt halte. Auch die Charilaos-Trikoupis-Brücke, wie die Patras-Brücke offiziell heißt, ist wunderschön. Hier ein Foto bei gutem Wetter. Deswegen natürlich nicht von mir.

CC BY 3.0 Szandras

Besonders gut wirkt sie natürlich aus der Ferne, aber auch beim drüberfahren ist es ein Ehrfurcht einflößendes Gefühl.

Nicht witzig fanden übrigens die Fährschiffer die neue Brücke, die ihnen das Geschäft kaputt zu machen drohte. Nach langem Hin und Her einigte man sich auf folgenden Kompromiss: 1. Die Brückenmaut wird teuer, sehr viel teurer als eine Fähre und 2. die Fährschiffe bekommen Subventionen. Ironie der Geschichte: Viele Touristen nehmen heute nur deshalb eine Fähre, weil sie eine Aussicht auf die schöne Brücke ermöglicht.

Ich nehme die Brücke weil es am Schnellsten geht und ich im strömenden Regen nicht auf Fähren rumeiern möchte. Die Einfahrt auf die Brücke erfolgt ohn Beschränkungen, aber an ihrem Ende muss ich an einem Mautschalter halten. Hier sind die Preise angeschlagen. Autos bezahlen 16,50 Euro, Gespanne 22 Euro und Motorräder… ich fummele ein zwei Euro Stück aus der Brusttasche der Regenkombi und reiche sie der jungen Frau im Mautschalter. Ich bekomme sogar noch 10 Cent wieder. So ist das gut.

„Fünf ist gesperrt. Andere Route“, sagt Anna, zeigt einen Erdrutsch auf der geplanten Strecke und sucht einen neuen Weg. Die neu berechnete Strecke dauert etwas länger und führt etwas um die Berge herum statt mitten hindurch, aber wenn durch den starken Regen noch mehr Erdrutsche ausgelöst wurden oder Unterspülungen passiert sind, hat es auch gar keinen Zweck da rumzueiern.

Stattdessen bin ich froh, dass das Garmin sich die Informationen selbstständig holt und darum herumrechnet. Denn in den Bergen gibt es nicht viele Straßen, und wenn man unvermittelt vor einem Erdrutsch steht kann es sein, dass man ein, zwei Stunden wieder den Weg zurück fahren muss, den man gekommen ist.

Hinter Patras hört der Regen auf, und als ich durch einen Canyon in die Berge hineinfahre, kommt sogar die Sonne raus.

Die Gegend ist ziemlich menschenleer, hier gibt es fast nur dicht bewaldete Berge. Die Bäume sind noch grün, aber die Sträucher und Büsche haben zum Teil schon ein herbstliches Rot angenommen.

Nach 200 Kilometern komme ich an einer der letzten Tankstellen in dieser Region vorbei. Der Tankwart steht gerade an der Straße und plaudert mit einem Polizisten, aber ich fahre trotzdem an eine der Säulen.

Vor dem Laden sitzt ein alter Mann mit einem Schlapphut in einem Schaukelstuhl in der Sonne und mustert mich durch zusammengekniffene Augen. Ich komme mir ein wenig wie in einem Western vor. Eine kleine, alte Dame kommt herangewackelt. „Είστε σίγουροι ότι θέλετε ντίζελ;“ sagt sie.

„Tut mir leid, ich spreche kein griechisch“, sage ich und mache mein dümmstes Gesicht. Sie lacht und schüttelt den Kopf, dann zupft sie mich am Ärmel und zeigt auf eine andere Säule. Ich rollere die Suzuki dorthin und Oma, die so klein und gebeugt ist, das sie kaum über den Tank gucken kann, beginnt die Maschine zu betanken. Schnell stoppt sie aber unvermittelt und viel zu früh wieder. Ah, sie hat nach Ästhetik des Preises getankt. Genau 10 Euro zeigt die Zapfsäule. Ich will aber keine schönen Preise, ich brauche einen vollen Tank.

„Mehr, bitte“, sage ich und mache entsprechende Gesten, aber das interpretiert sie als „Danke, reicht so“. Was ist das nur, das alte Damen mich hier einfach null verstehen?!

Ich nehme ihr freundlich, aber bestimmt die Zapfpistole weg und fülle weitere zweieinhalb Liter in den Tank, dann bedanke ich mich und reiche den Rüssel zurück. Aber jetzt ist Omas Ehrgeiz gepackt, denn ich habe für einen ungeraden Betrag getankt. Sie hält drauf und kriegt glatt noch einen halben Liter mehr rein und macht eine Punktlandung bei 15 Euro. Gut, jetzt haben wir beide was wir wollten. Einen vollen Tank und einen gefälligen Preis.

Zur Bezahlung muss ich in das kleine Tankstellengebäude. Hinter der Kasse sitzt eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, und spricht perfektes Englisch. Die Enkelin der Tankwartin.

Die Region, in der ich hier unterwegs bin, kenne ich bereits flüchtig. Bei meinem ersten Besuch in Griechenland, 2015, sind Modnerd und ich hier am ersten Tag durchgefahren. Damals ging schnell die Sonne unter, aber ich habe die ersten Ausblicke auf diese Landschaft nie vergessen – so wie diesen hier:

2015

Wirklich, seit sieben Jahren ist mir die Landschaft nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich wollte hier unbedingt noch einmal hin, und habe mir das quasi als Sahnestück bis fast zum Ende meiner Griechenland-Rundttour aufgehoben. Besonders um einen See wollte ich herumfahren, den ich damals nur aus der Ferne gesehen hatte.

Um den fahre ich jetzt herum und bekomme mich kaum noch ein, weil die Aussicht so fantastisch ist.

Wirklich, das hier ist die aufregendste und schönste Landschaft, die mir in Griechenland begegnet ist. Sicher, Wasser und Berge gibt es hier überall, aber die Kombination dieser zerklüfteten Felsen, der dichten Wälder und der Seen, das hat etwas ganz besonderes. Vielleicht spricht es mich auch nur deshalb so besonders an, weil ich im Harzvorland aufgewachsen bin, und das hier aussieht wie der Harz auf Steroiden.

Es ist deutlich zu sehen, wie sehr die Trockenheit der letzten Monate (und Jahre) den Pegel der gewaltigen Stauseen hat fallen lassen. Mindestens 15 Meter fehlen zum normalen Stand.

Zwanzig Kilometer vor dem Ziel klart es auf. Es ist warm und der Himmel so blau, dass ich beschließe die Regenkombi auszuziehen.

Sechzehn Kilometer vor dem Ziel beginnt es wieder zu regnen. Ach man, das war ja so klar.

Schnelles Vorankommen ist jetzt nicht mehr möglich, die Straßen sind klein und stellenweise voller Schlaglöcher und an anderen Stellen voller Ziegen.

Die letzten drei Kilometer sind mit das Heftigste, was ich bislang gefahren bin. Extrem steil windet sich die Straße den Berg empor. Die Kehren haben eine krasse Steigung bei gleichzeitig winzigem Radius, und die Fahrbahn ist nicht nur voller Risse, sie liegt auch stellenweise voller Steine und Äste oder ist bedeckt von einem glitschigen Teppich faulendem Laubs.


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Frühling 2022: Saisonstart!

Höret und preiset das Frühlingswiesel! Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist! Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison! Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht! Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Schnee und Eis gab es in diesem Winter nicht, aber es war – und ist! – teils bitterkalt. Am Wochenende war kalendarischer Frühlingsanfang, aber trotz strahlendem Sonnenschein konnte der noch nicht für´s Moppedfahren genutzt werden. Dazu war es zu stürmisch, und mit tags einstelligen Temperaturen und nachts um die Minus vier Grad war es schlicht zu unangenehm um durch meine Hood, das Weserbergland oder den Harz, zu düsen. Mal ganz abgesehen davon, dass die ZZR 600 „Renaissance“ sich bei kühleren Temperaturen auch als eine fürchterliche Diva gibt und nach der Winterpause nur schwer anspringt.

Aber nun, drei Tage später, ist es soweit. Die Temperaturen kletterten tags auf plus 18 Grad. Am Montag wurde die DL 650 „Barocca“ wiederbelebt, die beim ersten Druck auf den Starter sofort da war. Und heute dann die Renaissance, die dank der im vergangenen Jahr erneuerten Batterie nach einer halben Minute Georgel und moderatem Ziehen am Choke wieder zum Leben erwachte.

Beide Maschinen haben schon wieder Termine in der Werkstatt. Die ZZR kriegt einfach mal neues Öl und hat einen Schaden am Hinterreifen. Die V-Strom ist ja im Herbst aus der Inspektion gekommen, und ich musst mich jetzt entscheiden: Noch einmal ordentlich um die 2.000 Euro in die Investieren? Oder sie mit ihren 82.000 Kilometern so langsam in Richtung Rente schicken und ein neueres Möpp kaufen?

Schwierig. Nach reichlich abwägen und probesitzen würde eine neue Maschine vermutlich auch eine DL650 werden. Nur: An die muss wieder der ganze gute Kram angebaut werden, den ich nicht missen wollen würde – Heizgriffe, Kettenöler, Sturzbügel, Scheibe, Gepäcksystem, Maßsitzbank…

Den Aufwand und die Zeitinvestition scheue ich gerade. Mal abgesehen von der Tatsache, das vermutlich im Herbst ein Redesign der „Wee-Strom“ rauskommt. Die dann aber vermutlich entweder wegen Teilemangel nicht lieferbar ist. Oder es gibt kein Benzin mehr. Oder die Inflation hat meine Ersparnisse aus 4,50 Euro schrumpfen lassen. Ach wer weiß das schon.

Anyway, aufgrund meiner Unlust Rumzubasteln und mich mit einem neuen Möp rumzuschlagen, wo doch meine V-Strom gerade fast perfekt ist, fährt die Barocca einfach erst einmal weiter. Aber Anfang Mai dann mit neuen Reifen und neuer Kette und neuen Ölschläuchen.

Auch wenn der Krieg in Europa Planung gerade schwierig macht und niemand weiß, was in diesem Jahr noch auf uns zukommt: Ich habe mir ein paar Dinge vorgenommen. Dazu gehören auch Motorradtouren. Mal gucken, ob das was wird.

Jetzt muss ich mich erst einmal wieder auf Motorradfahren umstellen. Nach einem halben Jahr Pause muss man sich erst wieder an die völlig andere Fahrphysik und Handling gewöhnen, und das heißt in diesem Jahr für mich: Langsam und vorsichtig rantasten und wieder eingewöhnen und an Ostern ein ADAC-Training machen.

Das kann ich generell allen empfehlen, zusammen mit dem Tip: Nicht gleich wie geisteskrank am Hahn reissen und Augen auf die Straße, die Dosenfahrer leiden an Aufmerksamkeitsdefizit und ihr seid nicht fit.

Für Autofahrer heißt das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen – die Schergen sind zum Teil noch so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man doppelt aufpassen muss. Achja, und blinken, blinken ist auch gut. Das gilt für alle.

Ich wünsche allen eine unfallfreie Saison!

Ich starte mit folgenden Kilometerständen in ein Jahr, das hoffentlich nicht so seltsam weitergeht, wie es begonnen hat.

Kawasaki ZZR600 Renaissance: 93.8133
Suzuki DL650 V-Strom Barocca: 81.548

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Reisetagebuch Griechenland (17): Olympisches Wasserwerfen

Tagebuch einer Moppedtour durch Griechenland. Heute mit dem Sportteil, einem doppelten Lottchen und Nazis. Und ich muss die V-Strom blind fahren.

Samstag, 09. Oktober 2021, Kourouta
Kurz vor acht.
Wie ist wohl das Wetter? Regen? Sturm?

Hm. Sonnenschein! Ach, das ist ja mal eine gute Nachricht.

Die Sonne sollte ich besser ausnutzen. Auch wenn die Wetterapps meinen, dass das Wetter Nachmittags noch besser würde als morgens, so will ich doch jetzt gleich los. Packen muss ich nichts, ich komme nachher wieder und bleibe noch eine zweite Nacht in Kourouta.

Die V-Strom hat die Nacht überstanden, aber es war gut, dass ich die in der Nacht noch anders geparkt habe. An der Stelle, an der sie gestern Abend noch geparkt war, ist heute eine Seenlandschaft, die nur langsam wieder zurückgeht.

35 Kilometer von Amaliada liegt das antike Olympia. Als ich dort ankomme scheint die Sonne, es ist 25 Grad warm und die Luftfeuchtigkeit hoch.

Ich parke neben einer Schwestermaschine meiner V-Strom, auch einem schwarzen Modell L0 aus 2011. Ein Blick auf die Seriennummer zeigt, dass diese Maschine neunhundertfünzehn Fahrzeuge später als die Barocca vom gleichen Band gelaufen ist.

Die Barocca ist immer an der geileren Scheibe zu erkennen und daran, dass sie keinerlei Aufkleber trägt.

Olmypia ist heute ein sehr kleines Örtchen.

Schon die Mosaike in den Bürgersteigen und die Statuen am Wegesrand machen deutlich, wo man hier ist:


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Reisetagebuch Griechenland (16): Saubere Sache

Tagebuch einer kleinen Motorradtour durch Griechenland. Heute wird es nass.

Freitag, 08. Oktober 2021, Pirgoi Edem
Wenn ich unterwegs bin, habe ich meist eine Reisebegleitung aus der Ferne. So wie Svendura von ihrer Claudia begleitet wird, habe ich – zumindest virtuell – Albrecht an meiner Seite. Der alte Haudegen, hier in den Kommentaren als „Ali“ bekannt, begleitet meine Fahrt per Whatsapp, von Zuhause aus. Er kommentiert, gibt Tips und gibt Bescheid, wenn er etwas Besonders auf meiner Reiseroute entdeckt. Manchmal will er mich auch einfach nur foppen.

Gestern Abend raunte „Das Wetterorakel von Niederburgtal“ von Weltuntergang:
„Regnet noch nicht? Das Regenband kommt. Keine Sorge. Wenn Du auf den Überblick gehst, siehst Du, wie das über Dir kreist. Schön Violett, hehe.“

„Wollte eigentlich die nächsten Tage im Meer baden, nicht im Sattel“, antwortete ich kurz vor dem Einschlafen.

Tatsächlich wache ich mitten in der Nacht auf. Ein Sturm heult um den steinernen Turm, in dem ich übernachte, und lässt die Fensterläden klappern.

Ich trete an die Tür und blicke hinaus. In der Dunkelheit sehen die Olivenbäume vor dem Haus aus, als wären sie lebendig. Der Sturm peitscht die Äste und gegen den grauen Himmel wirkt es, als ob eine Armee seltsamer Monster vor dem Turm aufmarschiert ist und wütend mit dürren Armen um sich schlägt. Regnen tut es aber nicht. Ich schließe die Tür, mummele mich wieder ins Bett und schlafe weiter.

Um kurz nach Sieben höre ich keinen Sturm mehr, dafür aber Regen. Draußen pladdert es jetzt. Das war zu erwarten gewesen, mal gucken wie schlimm es ist. Steht die Baugrube neben dem Steinturm schon unter Wasser?

Zu meiner Überraschung ist es gar nicht so wild. Ja, es hat viel geregnet, überall stehen jetzt Pfützen, aber im Moment nieselt es nur. Weltuntergang sieht anders aus.

Ich ziehe mir die Jacke der Stormchaser über und stapfe hinüber ins Haupthaus. Hier sitzt Gastwirtin Kalliope bereits beim Kaffee mit einer anderen Frau. Die ist mittelalt, hat fettiges Haar, ein verlebtes Gesicht und trägt einen Snoopy-Onesie. Hm. Erstaunlich, manchen Leuten ist halt alles egal.

Der Frühstücksraum ist, wie alles hier, aus Naturstein.

Es gibt frittierte Teigfladen, die man sowohl mit Käse als auch mit Konfitüre oder mit Honig essen kann. Nur mehr als einen kann ich davon nicht essen, bei so fettigem Kram mag mein Magen nicht mitspielen.

Draußen wird der Regen stärker. Ich checke ich die Wettervorhersage. Mit etwas Glück wird es in einer Stunde aufhören zu regnen, und ich frage Kalliope, ob ich noch etwas bleiben kann. Kein Problem, sagt sie.

Kurz darauf liege ich wieder in meinem Steinturmzimmer auf dem Bett und spiele verschiedene Route durch, die ich jetzt fahren könnte. Vor dem Zimmer, unter einem Vordach, sitzt die Onesie-Frau mit einer Freundin. Beide mit einem Buch in der linken und einer Zigarette in der rechten Hand.

Nach einer Stunde hört der Regen abrupt auf. Die Wetter-App meint zwar, wir seien noch mitten im Starkregengebiet, aber der blaue Himmel, der gerade durch die Wolken scheint, spricht eine andere Sprache. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust loszufahren, aber es hilft ja nichts.

Ich werfe mich in die Regenklamotten, was schon beim Anziehen eine Tortur ist. Es sind über 20 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, und ich trage am Ende drei Schichten Klamotten. Puh, heiß. Egal, los geht´s!
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Reisetagebuch Griechenland (15): Abgewrackt

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 19 mit vielen Olivenbäumen, der wilden Mani, Kalliope und einem Wrack.

Donnerstag, 07. Oktober 2021, Mystras
Draußen dämmert der Tag herauf, im Inneren des Steinhauses in Mystras liege ich im Bett und lausche gebannt ins Halbdunkel.
Kein Regen zu hören.
Das ist gut, dann ist das angekündigte Unwetter noch nicht hier.

Schnell mache ich mich fertig. Frühstück bietet das Haus nicht an, ein Instantkaffee mit lauwarmem Wasser aus dem Badezimmer muss reichen.

Alle anderen Gäste im Haus schlafen noch, auch die Amerikanerin Rebecca. Die hatte ohnehin angekündigt noch bleiben zu wollen. Wenigstens so lange, bis sie sich einen Busfahrplan organisiert hat. Die Dame, die schon stark auf die 80 zugeht, ist mit Bus und Bahn unterwegs, was ich sehr lobenswert und machbar finde. Sie ist aber auch ohne Smartphone unterwegs, nutzt das Internet nicht und erledigt alles auf Papier und mit Telefonzellen – was ich für ignorant befinde.

Ob das keine Probleme gäbe, habe ich sie gestern Abend gefragt.
„Nein, das geht schon. Ich komme schon durch, irgendwie geht es immer noch oldschool. Heute hat ja jeder ein Smartphone, also außer mir, da kann ich ja jeden fragen.“ – Ok. Es geht also eigentlich doch nicht ohne Smartphone, sie lässt sich nur von anderen Leuten bedienen und verklärt das als „geht ja auch so“. Andererseits: Sie nutzt so die Gelegenheit, ins Gespräch mit Menschen zu kommen. Auch ein interessanter Ansatz. Einsamkeit auf Reisen, das kann ja auch ein Faktor sein. Ob das bei ihr der Fall sei, habe ich Rebecca gestern gefragt.

Daraufhin hat sie abgewunken. „Ach, allein unterwegs sein, das macht mir nichts. MEIN Problem ist, dass ich all diese Abenteuer erlebe, tolle Orte und wunderbare Menschen treffe und anschließend diese Erlebnisse mit niemandem teilen kann. Seit mein Mann tot ist, reise ich alleine, und zu Hause kann ich auch niemandem davon erzählen. DAS macht mir wirklich zu schaffen, ich fühle mich dann ganz einsam und elend, weil sich das alles so sinnlos anfühlt. All meine Erinnerungen werden verloren sein, wenn ich mal nicht mehr bin, und niemand weiß davon.“

Das fand ich wiederum hoch interessant, denn diese Problematik war mir bislang gänzlich unbekannt. Aber klar, ich habe nicht nur zu Hause Personen, denen ich was erzählen kann, ich habe vor allem auch dieses Blog hier. Alles was ich unterwegs erlebe, schreibe ich hier auf. Das Blog ist mittlerweile das Wertvollste, was ich besitze. Es ist meine Erinnerung, und ich teile sie mit der ganzen Welt. Also, vorausgesetzt die Welt hat Bock das hier zu lesen, aber das tun einige Hundert Leute ja durchaus regelmäßig. Aber das ist durchaus ein Faktor, den ich bislang kaum begriffen habe: Alles, was ich erlebe, teile ich mit vielen anderen Menschen, obwohl ich es im Endeffekt nur für mich aufschreibe. Aber allein die Gewissheit, dass ich es aufschreiben werde und es so nicht in Vergessenheit gerät, gibt jedem Moment eine Bedeutung im Strom der Zeit.

Ich packe meine Sachen und schleiche, um Rebecca und die anderen Gäste nicht zu wecken, leise mit den Koffern zur Haustür.

Elena und ihr Mann, der Marineoffizier a.D., sind bereits im Vorgarten und sitzen unter ihrem Orangenbaum. „Es gibt Regen“, sagt sie.
„Ich weiß“, sage ich und grinse schief.

Sie deutet in Richtung der Berge, wo auf Höhe der alten Ruinen dicke Regenwolken hängen. „Das sind Wolken die zeigen, dass sich das Wetter ändert. Das ist gut“.

Ihr Mann nickt und sagt „Θα βρέξει σύντομα. Κακό για τους μοτοσυκλετιστές“.

Ich zucke die Achseln, weil ich kein Wort verstehe. Er pflückt eine Orange vom Baum. Es ist die einzige, die zumindest zart orangefarben ist, alle anderen sind noch grün. Die Frucht ist bereits geplatzt, und der Captain zerdrückt sie mit zwei Finger. Die ist nicht mal richtig reif, aber schon total matschig und riecht vergoren.

„Η φύση χρειάζεται βροχή. Δεν έβρεξε για μήνα, οι καρποί σαπίζουν στα δέντρα“, sagt der Captain. Ich gucke fragend.

Elena übersetzt: „Es wird bald regnen, sagt er. Doof für Dich als Motorradfahrer, aber die Natur braucht das. Es hat hier seit April nicht mehr geregnet, und durch die Hitze verfaulen die Früchte in den Bäumen bevor sie reif sind. So etwas hat es hier noch nie gegeben. Bislang haben sich die Leute hier keine Sorgen wegen des Klimawandels gemacht. Jetzt schon.“

Betreten sehen wir uns an. Kein schönes Thema.
„Ich hätte eher kommen sollen“, sage ich und deute auf die Wolken, „Ich bin ein Regenbringer“.
Elena lacht, der Captain guckt fragend – jetzt hat er kein Wort verstanden.

Tatsache ist, das ich bislang verdammt Glück gehabt habe mit dem Wetter. Im Vorfeld sah es ja so aus als ob, egal wo ich hinkomme, dort immer Regen sei, und zwar für genau die Dauer, in der ich da bin. Nun, Regen gab es bislang so gut wir gar nicht – aber dafür war es kühl und stürmisch.

Aber nun scheint mich das Wetter gefunden zu haben, von Italien aus zieht ein Riesenschwung Regen und Unwetter über das Meer und wird heute ankommen. Zum Glück etwas später als befürchtet, was bedeutet: Meine heutige Tour kann ich noch wie geplant durchziehen.

Die heutige Tour, die führt von Sparta, das am Fuß der Berge liegt, in denen Mystras thront, gen Süden.


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Reisetagebuch Griechenland (14): DAS! IST! POTTENHÄSSLICH!!

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 18 mit den merkwürdigen Bauten seltsamer Einsiedler, einer überaus hässlichen Stadt und ikonischen Momenten.

Mittwoch, 06. Oktober 2021, Nafplio
Schnorchelgrhmwas schon Zeit zum Aufstehen? Noch im Halbschlaf zerre ich das Handy vor die Nase, dann schließe ich beruhigt noch einmal die Augen. Die Barocca steht noch dort, wo sie sein sollte.

Ich lasse die Kiste nicht gerne in städtischen Gebieten rumstehen. Zwar habe ich die V-Strom auch deswegen gewählt, weil sie nichts hermacht und kein profesioneller Dieb mit einem Funken Stolz das alte Modell klauen würde (die osteuropäischen Banden, die auf Bestellung im Mittelmeerraum stehlen, stehlen hauptsächlich neue BMW GS), aber man weiß ja nie.

Die Barocca verfügt über gleich zwei Trackingsysteme, deren Position sich per App abrufen lässt. In der Frontverkleidung steckt ein normaler GPS-Tracker, der die Position über das Mobilfunknetz sendet. Der ist präzise, braucht aber viel Strom. Die Batterie hält bestenfalls drei Tage, deshlab mache ich das Ding nur an, wenn ich wirklich mal an seltsamen Orten parke.

Am Rahmen verborgen ist ein Lora-Tracker, der das Low-Power-Internet of Things nutzt, um unauffällig und energiesparsam seine Position mitzuteilen. Der aktualisiert sich weniger häufig und braucht länger um seinen Standort zu bestimmen, dafür sendet er drei Monate am Stück.

Beide Systeme melden: Das Motorrad steht noch an der Straße unter dem Hotelfenster. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, dass das stimmt. Nicht geklaut, und kein Auto hat es beim Ein- und Ausparken umgerammelt. Was auch zu sehen ist: Die mächtige Palamidis-Festung, die auf dem Berg über Nafplio in der Morgensonne leuchtet. Beides sehr schön.

Ich verlasse Nafplio in Richtung Westen. Erst bleiben die Gewerbegebiete zurück, dann die Felder, und schließlich geht es in die Berge auf einer der vielen Halbinseln Griechenlands.


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Reisetagebuch Griechenland (13): Wunderblumen

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 17 mit nassen Füßen, Orangenhainen, verschwundenen Gräbern und einem ausgemachten Otto.

Dienstag, 05. Oktober 2021, Delfi
Es ist erst kurz vor Sieben, als ich im Halbdunkel und auf dem Bett sitzend die Socken anpfriemele, die Beine aus dem Bett schwinge und IEH! KALT UND NASS! WAS IST DAS DENN?

Ich knipse das Licht an und begutachte den Boden. Vor dem Bett steht eine Pfütze, und in der stehe ich jetzt, mit klitschnassen Socken. Wo kommt denn das Wasser her?!

Dann sehe ich es. Der Bungalow hat einen Kühlschrank, der gestern laut gebrummt und geklappert hat. Sowas kann ich nicht in dem Raum haben in dem ich schlafe, genauso wenig wie tickende Uhren. Also habe ich dem Kühlschrank den Stecker gezogen.

Dooferweise, und das habe ich übersehen, hat der ein Tiefkühlfach. Das habe ich offensichtlich fachmännisch abgetaut, und das Wasser hat sich über die Fugen der Bodenfliesen im ganzen Bungalow verteilt. Suuuper. Fluchend hole ich einen Lappen und beginne aufzuwischen.

Aus dem Wasserhahn im Badezimmer kommt kochend heißes Wasser, damit mache ich mir einen Instantkaffee. Mit dem dampfenden Becher in der Hand stehe ich auf der Terrasse vor dem Bungalow und blicke über die Ebene vor dem Golf von Korinth.

Das Morgenlicht ist hier fast genauso magisch wie das Abendlicht. Das Sonnenlicht ergießt sich in großen, deutlich sichtbaren Strahlen in die dunklen Ebene, in der die Autos noch mit Licht fahren.

Es wirkt, als habe das Licht Substanz. „Volumetrisches Licht“ heißen solche Lichtbalken in Computerspielen. Vermutlich kommt dieses Phänomen, dass die Lichtstrahlen hier Masse zu haben scheinen, einfach von dem Dunst über dem nahegelegenen Meer.

Ich finde eine andere Erklärung aber schöner. Terry Pratchett hat mal geschrieben, das Licht stark abgebremst wird, wenn es auf ein thaumaturgisches Feld trifft. Da Energie nicht verloren gehen kann, wandelt sich die Geschwindigkeit in Masse um. Das finde ich die schönere Erklärung: Dieser Ort hier ist magisch, und dadurch gewinnt das Licht an Substanz.

Ich sattele die V-Strom und manövriere vom Gelände des Campingplatzes. Zu meinem großen Erstaunen sind die Terrassen in den Berghängen, die zum Abstellen von Wohnmobilen gedacht sind, leer.

Die deutschen Camper, die hier gestern Abend standen, sind verschwunden. Oberanführer Rolf und seine Gruppe müssen also schon lange vor dem Sonnenaufgang das Feld geräumt haben. Und zwar generalsstabmäßig und so leise, das ich nichts davon mitbekommen habe. Selbst Revoluzzer Wolfgang ist weg. Cool. Rücksichtnahme von Deutschen im Ausland, das ist unerwartet.

Ich fahre über die Olivenbaumebene in Richtung des Golfs von Korinth, biege kurz vor dem Küstenort Itea nach Osten ab und scheuche die V-Strom über die Küstenstraße, die dicht am Wasser entlangführt.

Die Sonne schiebt sich hier gerade über die Berge und wirft diese Lichtbalken in die Landschaft, die auch von Nahem so dreidimensional wirken, als könne man sie anfassen.


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Reisetagebuch Griechenland (12): Strauchwatte & Donnerfurz*

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit einer Elster, Ziegenregen, bildungsfernen Amerikanern und den Verschwörungen deutscher Impfgegner im Ausland. Und es passiert Magie.

04. Oktober 2021, Volos
So doof der gestrige Tag mit dem Scheißberg auch war, der heutige schickt sich schon früh an für die Quälerei zu entschädigen. Gleich nach dem kleinen Frühstück geht es wieder in den Sattel des Motorrads und dann los, raus aus Volos, die Morgensonne im Rücken.

Sobald die Barocca den Speckgürtel der Hafenstadt hinter sich lässt, wird alles sehr ländlich. Felder, soweit das Auge reicht. Bereits umgepflügte Getreidefelder, aber auch immer wieder Baumwollfelder. Die finde ich ja völlig faszinierend und muss anhalten, um die angemessen zu bestaunen. Die V-Strom bleibt an der Straße stehen, während ich neben den Pflanzen knie, um sie zu betrachten.

Bike for Scale

Der Name „Baumwolle“ ist eigentlich gelogen. Baumwolle, zumindest in der Form in der sie hier wächst, ist gar kein Baum. Es ist nicht mal ein hüfthoher Busch, wie ich das aus Filmen in Erinnerung habe. Nein, das hier ist nur ein kniehoher Strauch. Die Wolle selbst fühlt sich an und sieht aus wie Watte. Aber der Name „Strauchwatte“ hat sich wohl nicht durchgesetzt.

Ich pflücke ein wenig Baumwolle. Fühlt sich echt exakt an wie die Watte, die man in der Drogerie kaufen kann. Ob die natürliche Baumwolle hier wohl schimmelt, wenn man sie nicht behandelt? Ich beschließe Wissenschaft zu machen und stecke aus Erkenntnisinteresse den Wattebausch in eine Tasche der Motorradkombi. Mal gucken, ob der in ein paar Tagen zu gammeligem Matsch wird.

Es geht nach Nordwesten, und dieses Mal versuche ich nicht clever zu sein und die Route auf kleinste Nebenstraßen zu zwingen. Ich folge Annas Berechnungen und genieße es, über die breiten und doch kurvigen Straßen zu cruisen. Hier ist superwenig los, man kann kilometerweit über die Felder schauen, und ich habe echt das Gefühl allein auf der Welt zu sein.

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