Reisen

Reisemotorrad, Version 2018

„This Girl is going Places“

Es ist wieder soweit. Bald geht es auf großte Tour, auch in diesem Jahr wieder mit der Suzuki V-Strom DL 650 „Barocca“. Nach dem Kettendesaster im vergangenen Herbst ist die Maschine voll durchgewartet, alle Verschleissteile wurden getauscht, von den Bremsen bis zur Kette. Auch nagelneue Reife sind drauf, wieder die guten Metzeler Tourance Next. Die 2010er V-Strom ist von Haus aus ein sehr gutes Reisemotorrad, und durch einige Umbauten wurde sie noch besser.

Schon im vergangenen Jahr bekam die Tourerin eine Tieferlegung von Alpha, einen breiteren Seitenständerfuß von SW Motech, ein elektronisches Kettenschmiersystem von CLS, ordentlich Sturzbügel von Givi, einen SW-Motech Kofferträger, eine Werkzeugrolle und Madstad-Scheibenhalter verpasst.

Die Pumpe, die Heiko Höbelt von CLS erfunden hat.

Martialisch: Struzbügel von Givi.

Rechts Auspuff, links Tooltube.

Aus den USA importiert: Scheibenhalterung.

Nachlesen kann man die Änderungen des vergangenen Jahres hier: Fernreisetauglich 2017

Auf Reisen würde ich nichts anderes mitnehmen als die superleichten und unkaputtbaren Givi E45-Koffer mit dem starken Reflexsystem und Topcase. Das hat eine Ausstattung mit Wasserflaschen und Ausrüstungstaschen sowie einem doppelten Boden, unter dem eine Warnweste liegt. In diesem Jahr eine echte Moppedweste von XL Moto (Danke für den Hinweis, 600ccm.info!)

Natürlich würde ich auch nicht ohne das Garmin ZUMO 590 fahren, das mit dem Helm, dem Smartphone und dem Reifendruckkontrollsystem gekoppelt ist.

Außerdem verfügt die V-Strom noch über die ein oder andere Spielerei in der Elektrik, wie einen WLAN-Accesspoint und einen Tracker.

Was im Verglich zum letzten Jahr anders geworden ist: Der Unterfahrschutz wurde wieder entfernt. Mit dem habe ich in Kurven aufgesetzt, vermutlich wegen der Tieferlegung. Außerdem röhrte die Strom damit wie irre. Bilder des zerschrappten Teils hier.

Außerdem wurde der Seitenständer nochmal um 2 Zentimeter gekürzt. Die Maschine stand vorher zu aufrecht. Nun hat sie 13 Grad Schlagseite. Das ist immer noch weniger als die meisten anderen Moppeds (die, so ergab eine Feldstudie, meist so um die 15 Grad Neigungswinkel haben), aber einigermaßen OK.

Neu ist eine kurze Scheibe, eine Adventure Sports von Powerbronze. Über die habe ich hier ausführlich geschrieben.

Ebenfalls neu ist dieser Gasgrifffeststeller, quasi ein Tempomat. Den lassen die Weltreisenden bei Time2Ride unter dem Namen „Cruisy Evo“ aus dem 3D-Drucker. Die Gashilfe (im Vordergrund) bei der man mit dem Handballen Gas geben kann, mag ich ja schon seit vielen Jahren nicht missen. Was der „Cruisy“ kann, wird sich noch zeigen. Der Feststeller ist vermutlich genau das richtige für endlose Highways, in Deutschland aber natürlich streng verboten.

Ansonsten wurde ein wenig aufgerüstet: Statt einer Kamera hat das Motorrad nun bis zu drei, an fünf unterschiedlichen Haltepunkten. Zwar hat Garmin mit dem letzten Softwareupdate die Fernsteuerung mehrer VIRBs kaputt bekommen, dennoch finde ich die VIRB XE nach wie vor super.

Die beste Modifikation ever ist nach wie vor die handgefertigte Sitzbank mit dem Gelkissen. Damit habe ich schon 1.100 Kilometer an einem Tag zurückgelegt.

So, und damit kann es dann in einer Woche losgehen. Die längste Reise steht kurz bevor. Wenn ich allein an die zu bewältigende Strecke denke, wird mir ein wenig anders. Aber ich sehe es mal so, wenn ich es dieses Jahr weiter als bis zum ersten Tankstopp komme, kann kaum noch was passieren. Dann geht es Stück für Stück vorwärts und wird schon. Ähem.

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Reisetagebuch Städtetour (7): Peak Kunst in Disneyland

Februar 2018: Tag sieben Städtereise südlich der Alpen. Heute mit Glitzereinhörnern, Barockkatzen, Brillenmädchen und Peak-Kunst.

15. Februar 2018, Venedig
Es gibt immer wieder warnende Stimmen, die um die „Disneylandisierierung“ von Venedig fürchten. Sie warnen davor, dass die Stadt zu einer Kulisse für posierende Touristen verkommt. Eine Kulisse ohne echte Einwohner, weil die sich den Wohnraum nicht mehr leisten können. Diese Stimmen haben alles eines gemein: Sie sind zu spät.

Venedig ist schon lange das Äquivalent zu Disneyland in Europa, zumindest für Asiaten, und hier ganz besonders Chinesen. Tagestouristen fluten jeden Vormittag die Stadt, posieren, lassen sich in Gondeln durch die Stadt fahren, kaufen nachgemachten Glasschmuck aus China (mit Aufklebern „Made in Venice“) bei einem von hunderten Händlern und verschwinden wieder. Andere bleiben ein paar Tage länger, in der Innenstadt, in der die meisten Wohnungen nur noch für Vermietung über Air BNB angeboten werden. Menschen, die in der Stadt leben wollen, finden keinen Wohnraum mehr – kein Wunder, die Vermietung einer Wohnung an Touristen bringt 10 Mal so viel wie ein fester Mieter.

Im Sommer sieht man an jeder Ecke Brautpaare, die sich auf den Brücke und vor den Palazzi fotografieren lassen. Die Wasserstadt ist dabei nur exotische Kulisse für die Selbstinszenierung.

Und auch jetzt, im Winter, ist die Stadt voller chinesischer Besucher, die sich hier entweder lautstark für die Kamera inszenieren oder mit laufenden Videokameras durch die Museen rennen und alles im Schnelldurchlauf abfilmen, während sie nur auf ihre Handydisplays starren. Ob die sich diese verwackelten Videos wirklich zu Hause in Ruhe angucken? Ich bezweifle das.

Die Galleria dell´Accademia

Ich habe kaum die Galleria dell´Accademia betreten, als wieder ein Chinese an mir vorbeieilt, während er mit ausgestrecktem Arm ein Handy an einem Triptychon von Hieronymus Bosch vorbeiführt. Er filmt die gesamte Ausstellung ab, ohne sie sich anzusehen.

An einer anderen Ecke des Raumes macht es Lautstark Klickgeräusche. Eine chinesische Mutti fotografiert jedes Gemälde, ebenfalls ohne es sich anzusehen, hat dabei ihr XioMi aber auf volle Lautstärke gestellt und Tastentöne und Kamerageräusche aktiviert. Daher kann ich genau hören, wo genau in der Ausstellung in der Accademia dell´Arte Sie herumirrt. Das macht mich geringfügig wahnsinnig, denn die Galleria ist eigentlich ein Ort der Ruhe. Den Tastentonterror nehme ich als grobe Unizivilisiertheit wahr, die die Kontemplation der Ausstellung stört und mir den Blutdruck nach oben treibt.

Die Galerie hat viel zu bieten, fängt aber uninteressant an – Ikonenmalerei des 14. Jahrhunderts finde ich totlangweilig, auch wenn der Audioguide sich alle Mühe gibt, das ein oder andere kuriose Detail einzuflechten.


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New Gear: Ausrüstung 2018

So, der letzte Teil über Klamotten, dann haben wir´s hinter uns. Material altert und leidet, auch wenn man es ihm nicht ansieht. In diesem Jahr habe ich den Austausch aller wichtigen Klamotten beendet. Das war Pain in the Ass, aber vermutlich sinnvoll. Das hier ist, womit ich 2018 fahre.

Helm: Nolan N104 B5 NCOM mit ESS

Tourenhelm vom italienischen Hersteller Nolan. Ein Klapphelm, bei dem die ganze Frontpartie nach oben schwenkt. In der Liga gibt es sonst nur noch Schuberth, aber die passen mir nicht. Der 104 hat ein riesiges Gesichtsfeld, eine Sonnenblende, ein nie beschlagendes Pinlock-Visier, eine Multi-Bluetooth-Anbindung an Helm und Motorrad und eine Notbremsleuchte, die anspringt, wenn ich eine Vollbremsung mache. Ach ja, Radio hat er auch, aber wer will sowas. Mehr lesen…

Der Helm ist laut, besonders bei hohen Geschwindigkeiten. Ist mir aber egal, ich habe fast immer einen Alpine Moto Gehörschutz in den Ohren, und zwar die Race-Variante. Die Ohrstöpsel filtern die tiefen Frequenzen des Windrauschens weg, aber den Motor, Naviansagen und den ganzen Rest vom Straßenverkehr höre ich nahezu ungedämpft.

Jacke: Alpine Stars Valparaiso Tech Air

Bild: Louis.de

Tourenjacke mit Lederbesatz an den sturzgefährdeten Stellen und Level II-Protektoren. Membran- und Thermo-Innenjacke, enthält außerdem ein Airbagsystem. Super Verarbeitung, tolle Lüftung, durch die verbaute Technik aber auch schwer. Mehr lesen…

Hose: Held Matata II

Bild: Held

Leicht, viele Lüftungsöffnungen, Level II-Protektoren an Steißbein, Knien und Hüfte. Passform und Verarbeitung gehen so. Mehr lesen…

Stiefel: Alpine Stars Web Gore Tex

Die Füße stecken in Alpinestars Web-Stiefeln mit Goretex-Membran. Die sind absolut wasserdicht und so sicher, dass sie sogar als Schutzausrüstung für die Rennstrecke zugelassen, dabei aber nicht so klobig wie andere Stiefel. Die passen auch mal unter Jeans und gehen dann als gedeckte Schuhe durch. Außerdem sind sie so leicht, dass man auf Reisen damit auch mal durch Städte laufen oder wandern kann. Ist schon das zweite Paar, weil ich die Sohlen abgelaufen hatte. Mehr lesen…

Handschuhe: Vanucci VTEC und Reusch Summer
Der eine wasserdicht, warm, mit Keramikbesatz und gut gepolstert, der andere aus Leder und für den Sommer gemacht. Gibt es so nicht mehr zu kaufen, deshalb keine weitere Beschreibung. Aber zwei Paar Handschuhe müssen immer mit auf Tour, es gibt keinen Handschuh, der alles kann.

Regenklamotten: FLM Stromchaser

Bild: polo-motorrad.de

Es gibt m.W. keine besseren Regensachen am Markt als die Stormchaser von Polo. Das Zeug ist aus Membrankram, absolut wasserdicht, aber man schwitzt sich darin nicht tot. Gibt es auch als Einteiler, ich fahre aber mit separater Jacke und Hose. Weite Hosenbeine erleichtern den Einstieg, Feststeller sorgen dafür, das wenig flattert, Gummibesatz am Hosenboden für sicheren Sitz. Darin ist man absolut geschützt und super sichtbar, auch wenn ich mir wünschen würde, dass es die Kombi statt in elegantem Schwarz-Weiß auch mal in Neongelb gäbe. Aber nun. Ist schon meine zweite, die erste war nach sieben Jahren zwar noch dicht, aber leicht angegilbt.

Und, wie eingangs beschrieben: Material altert. Aktuell verkauft Polo die Kombi nicht unter dem griffigen Namen „Stormchaser“ sondern unter der sperrigen Bezeichnung „FLM Sports Membran Regenjacke 1.0 Weiss“. Aha.

Unterwäsche: Rukka Moody

Bild: Louis.de

Lange Unterwäsche unter einem Fahreranzug ist Pflicht. Das Merinokram scheint zwar arg teuer, ABER: Es wärmt bei Kälte, es kühlt im Sommer und dank der bakterientötenden Eigenschaften der Merinowolle fängt das Zeug nicht an zu riechen! In Funktionswäsche aus Polyester müffelt man nach einem Tag wie das Wiesel, aber Merinozeug lüftet man kurz aus, und es riecht nach nichts. Einmal Merinozeugs gekauft spart 5 Sätze Funktionsklamotten aus Erdöl. Das Rukka Moody.Kram ist zudem noch günstiger als ähnliches aus dem Outdoor-Segment.

Socken: Pharaoh & Coolmax

Bild: Polo-Motorrad.de

Kniestrümpfe, bedecken den ganzen Unterschenkel, ideal zum Fahren. Die Trekkingsocken haben Silberfäden eingearbeitet, die kann man auch etliche Male tragen, bevor die anfangen zu müffeln. Gibt es schon ewig bei Polo, sehr gutes Material.

So, damit wäre die Ausrüstung einmal durchgetauscht. Vor zwei Jahren neue Stiefel und neuer Helm, dieses Jahr neue Jacke, neue Hose und neue Regenkombi. Damit sollte jetzt erstmal Ruhe sein, und ich hoffe, dass die neuen Klamotten lange halten – und ich ihre aktiven und passiven Sicherheitssysteme nie auf die Probe stellen muss.

KlopfaufHolz

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Reisetagebuch Städtetour (6): Unfinished Business mit Jessica Rabbit

Februar 2018: Tag sechs einer Städtereise südlich der Alpen. Heute geht es nach Turin, wo ich meinen Onkel aufgeben möchte und Jessica Rabbit aus dem Jahr 200 v.C. begegne.

Mittwoch, 14. Februar 2018, Genua
Als ich um kurz nach Acht die Tür von Lo Zenzero hinter mir zuziehe, fühlt sich das seltsam an – als würde ich zu früh von hier weggehen.

Leicht melancholisch, aber gespannt auf den Tag trabe ich die hundert Meter die Straße runter, an deren Ende sich der Bahnhof Brignole befindet.

Als sich die Türen des Regionale Veloce, der mich aus der Stadt bringen wird, schließen, fühlt sich das auch nicht wie ein Abschied an – ich werde bestimmt mal wieder nach Genua kommen, das weiß ich jetzt schon.

Der Zug rumpelt unter Genua hindurch, sieht am Bahnhof Principe nochmal kurz Tageslicht, dann macht er sich auf seinen langen Weg durch die Tunnel der umliegenden Berge.

Bei Roncio kommt er dauerhaft wieder an die Oberfläche. Hier sind die Berge schneebeckt, und alles ist übergefroren.


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Kategorien: Ganz Kurz, Reisen | 4 Kommentare

Reisetagebuch Städtetour (5): Wolfsoniana und der ängstliche Löwe

Februar 2018: Tag fünf einer Städtereise südlich der Alpen. Heute mit aufdringlichen Wächtern, einer schönen Frau, die unbedingt in mein Bett will, und dem einen oder anderen Mißverständnis. Außerdem: Warum alles nach Gorgonzola riecht.

13. Februar 2018, Genua
Heute schlafe ich aus.
Völlig ohne schlechtes Gewissen.
Wofür habe ich ein eigenes Appartement, wenn ich darin nicht mal faul rumliegen kann? Feste Termine stehen nicht auf dem Programm, Tickets mit vorher gebuchten Eintrittszeiten habe ich auch nicht in der Tasche. Heute möchte ich nur ein paar Museen besuchen. Aus irgendeinem Grund sind die vor die Stadt verbannt worden. Nach Nervi, einen Vorort von Genua. Oder ist das einfach ein weit entferntes Stadtviertel? Schwer zu sagen bei einer Stadt, deren Ausdehnung 35 Kilometer umfasst. Wie auch immer, abgelegene Museen in Februar, da wird sich der Andrang in Grenzen halten. Ich drehe mich nochmal rum und schlafe eine halbe Stunde weiter.

Vom Bahnhof Brignole aus kommt man in weniger als 20 Minuten nach Nervi, die 100-Minuten-U-Bahn/Bus/Fahrstuhltickets sind auch dafür gültig. Auch hier gilt wieder: Entwerten vor Besteigen des Zugs, mit einem der Trenitalia-Stempler, Ticket ganz links einführen.

Das Wetter ist grandios, Sonnenschein und 10 Grad, und als ich gegen 10:00 Uhr in Nervi aus dem Zug falle, habe ich spontan gute Laune. Der blaue Himmel und das glitzernde Meer sind nur ein Vorgeschmack auf einen schönen Tag.

Hinter dem Bahnhof beginnen große Parkanlagen. Palmen wiegen sich im leichten Wind, ein paar Rentner sitzen auf Bänken, eine Mutter spielt auf den Wiesen mit ihren Kindern. Idyllisch. Zumal, was man nicht vergessen darf, es gerade Mitte Februar ist. Zuhause haben wir Minusgrade, und tagsüber wird es kaum richtig hell.

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Reisetagebuch Städtetour (4): Goethe vs. Altered Carbon oder „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

Februar 2018: Tag vier einer Städtereise südlich der Alpen. Heute besuche ich alte Freunde, entdecke Orte, von denen sich M.C. Escher inspirieren ließ und habe überraschende Erkenntnisse.

Montag, 12. Februar 2018, Genua

Das Elternhaus der Jugend.
Die erste eigene Wohnung.
Der Ort, an dem man seine erste Liebe geküsst hat.

Von wie vielen Orten kann man sagen, dass sie einen nie wieder los lassen und für den Rest des Lebens begleiten werden? Einer der Orte, die sich in mein Herz gebrannt haben, ist unzweifelhaft Staglieno. Oder genauer: Der Cimitero Monumentale di Staglieno.

Gelegen etwas oberhalb im östlichen Tal von Genua, links und rechts des Sturzbachbetts des Bisangno, ist die Ortschaft Staglieno eine der ältesten Siedlungen Italiens. Aus ihr entwickelte sich Genua, von dem Staglieno heute ein Stadtteil ist. Hier liegt auch der Cimitero Monumentale, der Monumentalfriedhof.

Das erste Mal war ich 2012 hier, und damals bin weggefahren mit dem Gefühl zu wenig gesehen zu haben. Deshalb habe ich mir drei Jahre später ein Hotel in Genua genommen und bin einen halben Tag auf Staglieno rumgelaufen. Und jetzt, wieder drei Jahre später, zieht es mich wieder hier hin.

Als ich aus dem Bus der Linie 13 nach Prato steige, schiebt sich die Morgensonne gerade erst über den Bergkamm.

Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, als ich mich dem Eingang nähere. Endlich wieder hier… es ist, als ob ich alte Bekannte besuchen würde.

Am Eingang des Geländes spreche ich einen der Pförtner an. Ein alter Brummbär mit Bart und Brille, der aussieht wie ein ergrauter Bud Spencer. Er sieht mich sofort missmutig an, aber davon lasse ich mich nicht abschrecken. „Hätten Sie vielleicht eine Karte für mich?“, frage ich, und der Brummbär guckt mich an, dann lächelt er. „Natürlich, natürlich“, sagt er und bittet mich in das kleine Pförtnerbüro, dass ich schon kenne.

Er kramt hinter dem Tresen herum und holt eine Karte heraus. Offensichtlich muss selbst die Genueser Verwaltung sparen. Die Karte ist aus billigem Papier, viel weniger wertig als die lackierte Karte, die ich von meinem letzten Besuch noch im Rucksack habe.

Ein anderer Friedhofswächter kommt vorbei, stoppt kurz, sieht mich direkt an, kneift die Augen zusammen, dann verschwindet er wieder. Ich muss ein Grinsen unterdrücken. Ich hatte gehofft den hier zu treffen!

„Interessiert Sie etwas besonders?“, fragt der Brummbär hinter dem Tresen. „Ähm, ja, das Grab der Familie Riba-Udo“, sage ich. Der Brummbär guckt einem Moment verwirrt, dann sagt er, „Ach, Riba_udo“.

Mist, leicht verkehrt ausgesprochen und schon versteht es keiner mehr. „Joy Division!“, sagt der Brummbär, und jetzt leuchten seinen Augen richtig. Offensichtlich freut er sich, dass ich Interesse an seinem Arbeitsort zeige.

Er holt einen Ordner unter dem Tresen hervor und schlägt ihn auf. Er ist voller alter Fotos von Grabstätten, sorgfältig per Hand beschriftet und in Klarsichthüllen untergebracht. „Hier, das hier war das zweite Albumcover von Joy Division“, sagt er und erklärt mir dann ganz genau den Weg dahin. Einen Weg, den ich schon im Schlaf finden würde. Wieder kommt der andere Pförtner vorbei, guckt mich einen Moment an, kneift die Augen zusammen, als ob er sich an etwas zu erinnern versucht und haut wieder ab. Ein kleiner, drahtiger Mann Anfang 50, mit grauen Haaren. Er wirkt etwas schmutzig, aber das sind Pigmentstörungen.

„Wie sind sie auf Staglieno gekommen? Über das Internet, was?“, fragt der Brummbär. „Jaja“, sage ich. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein, immerhin bin ich es , der das Internet mit Sachen über Staglieno vollschreibt und durchaus schon andere zum Besuch motiviert hat.

Ich bedanke mich bei dem Brummbären, der nun fast im Kreis grinst, weil er mir so toll helfen konnte, dann trete ich ins Sonnenlicht vor dem Büro. Der andere Pförtner wartet draußen und fängt mich ab. „Sind sie Engländer?“, fragt er und schiebt seine Brille auf die Stirn. „Nein… Moment… Sie sind Deutscher!“, sagt er und zuckt kurz mit dem Gesicht, wodurch seine Brille wieder auf der Nase landet. Er macht das dauernd.

Ich nicke und sage dann auf Deutsch: „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

„…der weiß nichts über seine eigene“ vollendet der Pförtner das Zitat von Goethe und guckt leicht verblüfft, dann müssen wir beide lachen. „Wir sind uns schon begegnet“, sage ich. Vor drei Jahren hat der Mann mich mit seinen Sprachkenntnissen beeindruckt, und mit eben diesem Zitat, das mich seitdem begleitet.

„Kennen sie auch die italienische Übersetzung? Chi non conosce le lingue straniere non sa nulla del proprio! Man muss seine Sprache propria beherrschen!“ ich grinse. Jetzt habe ich die Gelegenheit die Fragen beantwortet zu bekommen, die ich vor drei Jahren nicht stellen konnte. „Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“, frage ich. „Ich spreche nicht nur deutsch. Auch englisch, französisch und spanisch spreche ich auf diesem Niveau“, sagt er und beantwortet die Frage damit genau: Gar nicht. „Weil es so ein Vergnügen ist, Sprachen zu erlernen“ Er ergreift meine Hand. „Ich bin Giovanni. Oder Hans, auf Deutsch. Oder Jean, auf französisch!“ „Angenehm“, lache ich und erkläre, woher mein Name kommt, und das es für mich eine Qual ist Sprachen zu lernen und ich überhaupt kein Talent dafür habe. Aber Italienisch fasziniert mich, weil die Sprachmelodie einfach schön ist. Wir sprechen über dies und das, aber wie und wo Giovanni-Jean-Hans nun Deutsch gelernt hat, bekomme ich nicht aus ihm heraus.

„Haben sie schon unseren illegalen Führer getroffen?“, fragt Giovanni. „Ein Rentner, schon seit 25 Jahren. Er bittet um ein paar Euro für eine Führung. Ist natürlich illegal.“ „Klar“, sage ich und weiß nicht, ob Giovanni mich vor einem Nervfaktor warnen oder Werbung machen will.

„Ich habe noch ein Geschenk für Sie“, sagt Giovanni dann. „Und noch eines“. Er verschwindet kurz im Friedhofsbüro, dann kommt er mit zwei kleinen Büchern wieder. „Berühmte Persönlichkeiten im Pantheon“ und „Tourenempfehlungen für Staglieno“. Das ist toll, diese Bücher hat nicht jeder. Zusammen mit dem „Kunstführungen auf Staglieno“, das ich vom letzten Mal noch habe, besitze ich jetzt Werke, die nicht jeder hat.

Eines der Werke ist auf italienisch. „Super, dann kann ich üben“, sage ich und schüttele zum Abschied die Hand dieses ungewöhnlichen Mannes.

Dann trete ich durch den unscheinbaren Torbogen. Wie überall blättert auch hier die Farbe von den Wänden. Das gehört zu Staglieno, das gehört zu Genua. Beautiful Decay.

Ich betrete den ersten von mehreren Gängen. Grabnischen ziehen sich den den Gängen entlang, jede mit einer Marmorplatte davor. Der Gang ist dunkel und wirkt unheimlich, aber das sind nur die ersten Meter.

Als ich den Gang gequert habe, öffnet sich das Bauwerk zu einem Säulengang, einer Arkade, die an einer Seite offen ist und von Sonnenlicht geflutet wird. Zu beiden Seiten stehen, sitzen, liegen und schweben menschengroße Figuren.

“Città delle ombre”, Stadt der Schatten, oder “Città senza tempo”, Stadt ohne Zeit, so nennen die Italiener Staglieno.

Mark Twain schrieb über den Monumentalfriedhof: „An diesen Ort werde ich mich erinnern, selbst wenn ich die Paläste vergessen habe. Ein breiter Säulengang aus Marmor umgibt eine große leere rechteckige Fläche; auch der Boden ist aus Marmor, und auf jeder einzelnen Platte ist eine Inschrift. Auf beiden Seiten entlang des Ganges kann man Denkmäler, Grabmäler und Skulpturen bewundern, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind und Harmonie und Schönheit ausstrahlen.“

Herr Twain hat recht.
Auch für mich ist dieser Ort einer der besondersten auf der Welt. Dieser Ort ist ein Teil von mir geworden, in genau dem Moment, als ich ihn das erste mal betrat. Vielleicht, weil er das schon immer war. Es hört sich dumm an, aber schon die erste Begegnung fühlte sich an wie nach Hause kommen. Staglieno ist ein ruhiger, stiller, in sich gekehrter Ort voller Reflexion. Ganz allein durch schier endlosen die Säulengänge zu laufen und Szenen aus dem Leben zu sehen, fühlt sich ein wenig an, als ob ich durch einen Teil meines Geistes laufe. Eben auch den stillen, reflektierten Teil, der den Kern meiner Persönlichkeit ausmacht.

Das hier ist Staglieno für mich:

und hier noch ein längeres Video von 2015:

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Reisetagebuch Städtetour (3): Alles rund ums Wasser

Februar 2018: Tag drei einer Städtereise südlich der Alpen. Heute gibt es Duschkopfdesaster, Aquarien und Meeresgeschichte.

11. Februar 2018, Genua
Lo Zenzero, mein Appartement in Genua, ist super, aber auch etwas in die Jahre gekommen. Man merkt, dass das hier eine echte Wohnung ist, in der immer echte Menschen gelebt haben. Sie wurde wohl zuletzt Ende der 80er saniert, und gerade im Bad ist das zu merken.

Die Gastherme liefert nur so lange warmes Wasser, wie man den Duschkopf nicht über 1,5 Meter hoch hebt. Jedes Mal, wenn ich den Duschkopf über Brusthöhe hebe, wird das Wasser eiskalt und schießt seitlich aus der Brause und irgendwo hin, ohne dabei vorher den Umweg über meinen Körper zu nehmen. Nunja. Davon lasse ich mir die Laune bestimmt nicht verderben.

Kurz nachdem ich die Tür der Haus Nummer 13 hinter mir zugezogen habe ist mir auch schon zu warm. Die Sonne scheint an diesem 11. Februar aus allen Knopflöchern, und mit 10 Grad sind die Temperaturen nicht wirklich winterlich. Ich stecke die Wollmütze und die Lederhandschuhe in den Rucksack und trabe in die Stadt.

Der Bahnhof Brignole, hinter dem Lo Zenzero liegt.

Schließlich komme ich am Hafen an und stehe vor dem Aquarium, dem zweitgrößten Europas.


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Reisetagebuch Städtetour (2): Supermodel-Samstag

Februar 2018: Tag zwei einer Städtereise südlich der Alpen. Heute mit Euphemismen in Verona, einer duftenden Überschwemmung und einer schlimmen Befürchtung.

Samstag, 10.02.2018, Verona
Langsam strampele ich mich aus der erholsamen Dunkelheit eines tiefen Schlafes frei und lasse mich mit der Strömung an die Oberfläche des Wachseins treiben. Ausreichend guter, tiefer Schlaf, der hat mir die letzten Tage gefehlt. Vor 05:00 Uhr aufzustehen bekomme ich zwar hin, was ich aber meist eher nicht hin bekomme ist das zugehörige frühe ins Bett gehen. Auf Dauer laugt das aus. Aber jetzt ist es kurz nach Acht, ich habe eine Nacht erholsamen Schlafes hinter mir, die Energie ist wieder da.

In dem riesigen Badezimmer des B&B Lady Verona nehme ich eine ausgedehnte Dusche, dann packe ich meine Sachen zusammen und schaue in den Frühstücksraum. Anna, die Rezeptionistin von gestern, wirbelt hier schon zwischen den Frühstückstischen herum. Dazu trägt sie wieder die hochhackigen Overknee-Stiefel von gestern, dazu ein hautenges, gänzlich schwarzes Ensemble inklusive Lederjacke. Interessante Arbeitskleidung für die Tätigkeit in einem B&B. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln stellt sie mir einen Caffé Doppio hin.

Ich bin erstaunt. Der Anzahl der Tische nach muss das B&B Kapazität für rund 20 Gäste haben. So groß hätte ich das Haus gar nicht geschätzt. Aber tatsächlich trudeln nach und nach immer mehr Personen ein. Italienische Pärchen, chinesische und britische Touristen, japanische Studentinnen. Binnen Kurzem ist fast jeder Tisch besetzt und vielsprachiges Schnattern erfüllt die Luft. Ich trinke meinen Caffé aus, drücke der Lady Verona meinen Zimmerschlüssel in die Hand und verabschiede mich.

Vor dem Stadhaus trete ich in den Sonnenschein auf die Straße. Es ist kühl, aber der Himmel ist strahlend blau, kein Wölkchen zu sehe. Ich schließe für einen Moment die Augen und spüre die Wärme auf dem Gesicht. Die Sonne hat noch nicht viel Kraft, aber man, wie ich die vermisst habe!

Meine Hand wirft einen Schatten! Das… das muss dieses „Sonne“ sein, von dem meine Großmutter immer erzählte!

Die Innenstadt von Verona liegt in einer Schleife der Etsch, und die Lady Verona liegt genau an einer der Brücken über den Fluß. Dumme Witze a la „livin´on the Etsch“ erspart mir mein Hirn zum Glück in diesem Moment, da kommt es erst später drauf. Im Moment ist es viel zu sehr damit beschäftigt, die wirklich tolle Kulisse zu bestaunen. Der Fluß im Sonnenlicht, die großen Statuen an der Brücke, das Römerkastell in der nächsten Flußbiegung, das sind schon beeindruckende Bilder.


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Reisetagebuch Städtetour 2018 (1): Die Lady Verona

Freitag, 09. Februar 2018
Der Wecker klingelt. Ich öffne ein Auge und schiele auf´s Display.
4:45 Uhr.
Unfair.
Aber ich habe es ja nicht anders gewollt.

Um 5:00 Uhr stehe ich auf, schiebe mir die Zahnbürste zwischen die Zähne und kleide mich an. Dann regele ich die Heizung der Wohnung runter und schalte alle Sicherungen aus. Das Wiesel hebt kurz den Kopf und guckt mich desinteressiert an, dann rollt es sich wieder zusammen und schnarcht weiter. Winterschlaf muss toll sein. Ich schultere den Reiserucksack, dann ziehe ich die Haustür ins Schloss und trete hinaus in die Kälte.

Als ich das Haus verlasse, schlage ich den Kragen der Jacke hoch und ziehe die Mütze über die Ohren. Es ist kalt. Schweinemäßig kalt, in den letzten Tagen hatten wir minus 10 Grad, und das tagsüber, nachts fielen die Temerperaturen noch viel tiefer. Jetzt sind es „nur“ minus sieben Grad. Autos, Gehwege und Bäume sind weiß übergefroren.

So geht das schon seit Wochen. Es ist alles kalt und dunkel. Ich neige nicht zu Winterdepressionen, schon gar nicht wenn ich ständig beschäftigt bin. Und in den letzten Monaten war wirklich viel zu tun. Jetzt ist mir nach Abwechselung. Statt Arbeit bitte Kultur, statt kalt und dunkel zumindest etwas Sonne und frische Luft. Was bietet sich da besseres an als eine kleine Städtereise?

Der Bus bringt mich direkt bis zum Bahnhof, und kurz darauf sitze ich im ICE nach München. Die Welt, die am Fenster vorbeizieht, ist wie erstarrt. Oder wie eingefroren. Auf den Feldern liegt Schnee, Bäume sind mit Rauhreif überzogen.

Bei Fulda wird es langsam hell, aber die blasse Wintersonne schafft es nicht durch die Wolkendecke. Das Licht bleibt fahl und die Welt farblos.

Ich dämmere ein. Müdigkeit ist ohnehin gerade mein ständiger Begleiter. In den letzten Tagen habe ich mich beim Aufstehen schon darauf gefreut wieder nach Hause zu kommen, um dann früh ins Bett gehen zu können. Eine Art von Wintermüdigkeit, so energielos wie die fahle Welt da draußen bin auch ich.

Erst kurz vor München werde ich wieder wach. Hier habe ich eine Stunde Aufenthalt. Ich wandere auf dem kalten Bahnsteig herum und versuche die Zeit rumzukriegen. Ein italienischer Markt steht in der Vorhalle und verkauft Spezialitäten aus Südtirol und dem Aostatal. Käse, Wurst, Schinken.

Eine Werbung fällt mir ins Auge. Ein Süßigkeitenhersteller wirbt mit einem muslimischen Model. Gefällt mir. In einer Zeit, in der die rechtsradikale AFD im Bundestag sitzt und Hetze gegen Muslime zur Normalität zu werden scheint, begrüße ich solche eindeutigen Zeichen. Und sei es nur von einer Süßwarenfirma.

Als der Eurocity endlich in den Bahnhof einfährt, bin ich froh. Endlich wieder sitzen und weiterdämmern. Gott, bin ich müde.

Der Eurocity über die Alpen wird mittlerweile von der ÖBB betrieben. Wie so viele Verbindungen, die die Deutsche Bahn nicht mehr wollte. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren von allem möglichen getrennt: Autozüge, Nachtzüge, Eurocities… das alles gibt es nicht mehr, zumindest nicht von der Deutschen Bahn. Damit geht auch eine besondere Kultur des Reisens verloren. Früher stieg ich in München in den Nachtzug, legte mich ins Bett, und war am kommenden Morgen südlich der Alpen. HEUTE verfrachtet einen die Deutsche Bahn in einen DB-Fernbus, der einen sitzend über den Brenner fährt und viel länger braucht. Was soll sowas?

Immerhin: Einige Strecken hat die Österreichische Bundesbahn übernommen, und darüber bin ich gerade mal wieder sehr glücklich. Der Eurocity, in den ich nun einsteige, ist zwar alt, aber gut gewartet und bequem.

Die Fahrt geht zuerst nach Rosenheim, quasi einem Vorort von München. Dann geht es über Kufstein und Insbruck in die Alpen.

Skifahrer steigen ein und aus und haben Probleme ihr Sportgerät zu bugsieren, alle naselang fällt ein Bündel Skier um oder ein Rucksack aus der Gepäckablage. Ich sitze am Fenster, höre Podcasts und schaue dabei zu, wie vor dem Fenster eine aufregend bergige Landschaft vorbeizieht.

Gegen Mittag fährt der Zug über den Brenner. Ich mag die Strecke über den Brenner ja sehr, und das ist jetzt das erste Mal, dass ich sie mit dem Zug und bei Tageslicht fahre und wirklich Zeit habe mir die Landschaft anzusehen.

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Teaser

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Reisetagebuch London (11): Goldbarren, Custard und das Rennen nach Hause

Die kleine Reise nach London ist fast vorbei. Heute gibt es nur noch einen Geburtstagsapfelkuchen, ich hantiere mit Goldbarren rum, laufe 30 Kilometer durch die Stadt und mache mich dann auf den Weg nach Hause – was sich aber unerwartet schwierig gestaltet und in ein Abenteuer mit einer Wanderdüne ausartet.

Samstag, 11. Februar 2017
Der Tag beginnt frustig – es ist Wochenende, und Transport for London, die Behörde, die für Busse und U-Bahn zuständig ist, hat die wichtige „Circle Line“ der U-Bahn für Wartungsarbeiten stillgelegt. Statt 10 Minuten brauche ich fast eine Stunde, bis ich endlich bei Speedys bin.

Wer Besitzer Chris kennt, weiß, dass Speedy sein Spitzname ist – und pure Ironie. Denn Chris ist vieles, der Schnellste ist er aber nicht. Er nimmt sich gerne viel Zeit, und hat mir schon mal die Vorzüge von langsam gebrauten Café auseinandergesetzt und für diese Erklärung gute drei Minuten gebraucht – länger als besagter Kaffee. Rasend schnell sind aber seine Angestellten, die einem in Rekordzeit Frühstück zaubern.

Heute gibt es den „Full Monty“, ein komplettes Frühstück inkl. „Black Pudding“, gebratenem Kartoffelpüree, Bohnen, Speck, Ei und einer sorgfältig getöteten Tomate, die als Alibi für Gemüse herhalten muss.

Black Pudding ist wohl sowas wie gebratene Blutwurst. Kannte ich beides nicht, weder den Schwarzen Pudding noch Blutwurst, deshalb musste ich das jetzt mal probieren, weil ich mich schon beim Gedanken an eingekochtes Blut ekele. Aber warum reist man? Um neue Dinge kennen zu lernen und sich Sachen zu stellen, die man normalerweise nicht machen würden. Um sich zu überwinden. Erstaunlicherweise schmeckt der Blutpudding dann aber nicht so schlimm wie erwartet. Nochmal brauche ich das aber auch nicht.

Danach gibt es noch einen Geburtstagsapfelkuchen mit Custard, und weil ich diesmal um die Gefährlichkeit der klebrigen Vanillepuddingsauce weiß, halte ich sie weit von meinem Telefon entfernt.

…to me!

Danach laufe ich durch südlich gelegene das Univiertel und bewundere mit mildem Interesse die alten Bauwerke.


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Reisetagebuch London (10): Im Wohnzimmer der Windsors

Im Februar 2017 sind Silencer und das Wiesel in London unterwegs. Heute machen die beiden einen Ausflug nach Außerhalb.

Freitag, 10. Februar 2017
Nach einem schnellen Frühstück, dass die fleissigen Polinnen im Keller des Belvedere gezaubert haben, stehe ich um kurz vor Acht am Bahnsteig 3 vom Bahnhof Paddington.

Ein Zug der „First Grand Union“ rollt ein. Der Name ist irritierend, denn auch auf jeder Tür an den Wagen steht er mal dick „FIRST“ – was es schwer macht zu sehen, ob es sich jetzt um ein First-Class-Wagen oder um die zweite Klasse handelt. Das sich Bahngesellschaften heutzutage überhaupt noch die erste Klasse leisten und damit den Luxus, mehrere Wagen praktisch leer durch die Welt fahren zu lassen, will mir ohnehin nicht in den Kopf. Und in England schon mal gar nicht, denn hier sind die Ticketpreise ohnehin irre teuer. Auch das sind Folgen der Privatisierung: Teure Tickets, trotzdem kaputtes Bahnnetz.

Der Zug bringt mich ins 15 Minuten entfernte Slough.

Hier muss ich umsteigen, und nach weiteren 10 Minuten bin ich in der Grafschaft Berkshire, im Ort Windsor.

Der Bahnhof liegt in einer beeindruckenden, weil viktorianischen, Shoppingmall. Schon seltsam,in der schmiedeeisernen Konstruktion moderne Geschäfte zu sehen.

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Reisetagebuch London (9): Der traurigste Teddy der Welt

„…seit 64 Jahren ist er ganz allein. Der Bär sitzt einsam in einer Glasvitrine, weil er einmal einem Genie gehörte. Ob er seinen menschlichen Begleiter vermisst? Natürlich nicht, er ist nur ein Stück Stoff und Holzwolle. Und trotzdem spüre ich wie mir jetzt, beim Aufschreiben seiner Geschichte, Tränen in die Augen steigen. Ich habe eine Schwäche für Teddybären, die beste Freunde für ihre menschlichen Begleiter waren.“

Unterwegs in London und Umgebung. Heute gibt es einen Ausflug nach Bletchley Park, ich bin erstaunt über die Rolle der Frauen und am Ende des Tages wird die Frage beantwortet: What could possibly go wrong? (Spoiler: Fucking everything)

Mittwoch, 8. Februar 2017

Was Engländer gut können: Schlange stehen. Wirklich, niemand beherrscht das so wie die. Es gibt meistens eine Schlange vor mehreren Kassen, und wenn eine Kasse frei wird, geht der erste in der Schlange da hin.

Sowas versucht in Deutschland zum Beispiel auch Saturn, scheitert aber zumindest in unserer lokalen Filiale daran, dass ausgerechnet das Personal das System nicht kapiert – sobald niemand an ihrer Kasse ansteht, drehen sich die Kassiererinnen weg, spielen an ihren Handys rum oder verstecken sich im Personalbereich. Kein Witz.

In Deutschland haben wir ja meist mehrere Kassen mit jeweils eigenen Schlangen. Wird eine zusätzliche Kasse geöffnet, dann setzt in Deutschland eine Stampede ein: Von allen anderen Kassen stürzen Leute nach vorne, für kurze Zeit herrscht das Recht der Stärkeren und Schnelleren, Hauen und Stechen, und wenn sich der Staub gelegt hat, triumphieren die Sieger über die Besiegten, dann müssen die Alten und Schwachen ihren Platz in der Rudelordnung anerkennen.

Nicht so in England, hier gehen ganz selbstverständlich die, die an den anderen Kassen weit vorne standen, auch als erstes an die neue Kasse, ohne Diskussion und ohne Kampf.

Was Engländer nicht können: Geradeaus laufen. Das scheitert in London schon daran, dass eigentlich auch Fußgänger sich an den Linksverkehr halten müssen, die Regel aber in sich aufgeweicht ist (auf der Rolltreppe wird recht gestanden und links überholt, wie bei uns) und dazu die rechtsorientierten Touris alles durcheinanderbringen.

Ich verdrehe die Augen, als vor mir eine die Rolltreppe zum Bahnhof entlangstolpert. Kurz darauf sitze ich in einem Zug nach Norden. Ich mache ja gerne Tagesausflüge in die Umgebung wenn ich auf Städtreisen bin.

Von Rom aus ist man mit dem Zug schnell in Neapel, von London aus ist man fix in Stonehenge oder… Bletchley Park. Muss man nicht kennen, ist aber ein sehr bedeutender Ort in der kleinen Stadt Milton Keynes, rund 70 Kilometer nordwestlich von London. Auf dem Weg dahin kommt man durch Watford Junction, wo ich im vergangenen Jahr die Leavsden Studios besucht habe.


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Reisetagebuch London (8): Zwei Madames

Dienstag, 07.Februar 2017

Es ist kurz vor neun, und ich wandere die Straßen nach Marleybone entlang. Das Viertel ist null touristisch, hier passiert einfach das ganz normale Vormittagsleben einer Großstadt. Menschen kaufen ein, gehen ihren Geschäften nach, manche vertreiben sich die Zeit.

Wenig später komme ich an der Baker Street vorbei, deren bekanntester nicht existenter Bewohner auf einem Denkmal verewigt ist.

Er bewacht zudem einen unterirdischen Fußgängertunnel, der etwas anders aussieht als ein normaler Tunnel.

Auf der anderen Seite des Tunnels liegt ein großer Gebäudekomplex mit einer skurrilen, riesigen Kuppel.


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Neun Dinge, ohne die ich nie verreise

Ich habe schon ewig nicht mehr bei Aktionen in der Blogcommunity mitgemacht. Heute ist es mal wieder soweit: Bei Marco von Blindschleiche.ch bin ich auf die Blogparade von 2ontheGo.de aufmerksam geworden. Thema: 9 Dinge, die nicht selbstverständlich sind (wie Reisepass o.ä.) und die mit auf jede Reise kommen.

Einige Dinge, die mir wichtig sind (Ersatzbrille! Zweitschlüssel! EBookreader!“) sind in der Blogparade schon häufig genannt worden und deshalb hier nicht vertreten, obwohl sie recht weit oben auf meiner Liste rangieren. Übrig bleiben diese neun Dinge, ohne die ich nicht aus dem Haus gehe. Zumindest nicht für mehrere Tage.

Bei mir sind das:

1. Smartphone mit Hülle

Hört sich trivial an, aber das ist mein allerwichtigstes Reiseutensil. Im Gerät selbst sind Landkarten, Reiseführer, Buchungen, Eintrittskarten, Zugriff auf den Heimserver, es ist Kommunikationsmittel usw.

Die Hülle ist keine spezielle Hülle, einfach eine ganz simple aus Leder, ohne Magnetverschluss. Darin ist mein Personalausweis, eine Kreditkarte, medizinische Kontaktdaten und ein Organspendeausweis. Hört sich doof an, aber: Man darf mir alles klauen, Gepäck, Motorrad, Portemonnaie… so lange ich noch das Smartphone, Kreditkarte und Ausweis habe, bin ich noch handlungsfähig.

2. Ohrenstöpsel

Niemals ohne! Brauche ich praktisch ständig, deshalb habe ich immer mehrere Paare Ohropax dabei. Ja, ich bin ein Ohrenbär. Mich nervt schon das Ticken einer Uhr im Zimmer. Zusammenrollen, in den Gehörgangstecken, warten,… Ruhe.

3. Müll- und Gefrierbeutel

Vergesst die teuren Kompressionsbeutel der Outdoorhersteller, Müllsäcke tun es genauso und sind viel leichter! Wäsche rein, Luft raus pressen, schon sind die Klamotten wasserdicht verpackt, nehmen weniger Platz ein und sorgen für Ordnung im Rucksack. Außerdem kann man die als alles mögliche verwenden, sogar um Müll rein zu tun! (vorher Wäsche entnehmen)

Die Gefrierbeutel haben einen Ziploc-Verschluss und sind perfekt geeignet für Kleinteile wie Speicherkarten, Kabelgedöns oder Hygieneartikel.

4. Mehrfachstecker

Es gibt nie genug Steckdosen. NIE. Dieser superkleine und -leichte Stecker von Kopp mit selbst abgeschliffenen Kanten macht aus einer Steckdose drei. Der landesspezifische Reiseadapter hinten drauf fällt gar nicht weiter auf.

5. Selbstaufrollende Multikabel

Für jedes Dingelchen muss man ein Ladegerät mitschleppen, und jedes Gerät will ein eigenes Kabel, die sich im Reisegepäck unentwirrbar verknoten. Mit den Multikabeln passiert das nicht. Sie bringen Mini-USB-Anschluss, Mikro-USB und Lightningstecker mit und ersetzen damit bis zu drei Kabel. Nach der Benutzung zupft man kurz dran, zack, rollen sie sich von selbst auf. Sehr cool.

6. Spork

Wenn ich unterwegs bin, halte ich mich oft nicht lange mit Essen auf. Das Schälchen Tabouleh oder kalte Fertigsuppe aus dem Supermarkt reicht mir, dafür brauche ich den Löffel-Gabel-Hybriden.

7. Reiseapotheke

Nie ohne Reiseapotheke. In dem kleinen Beutel sind sorgfältig ausgesuchte Zutaten für fast jede Situation, u.a. Blasenpflaster, Wundverschluss, Aspirin, Antikotz, Antidurchfall, und einiger exotischerer Kram wie ein Stichheiler. Damit kann ich vom Pickel über einen Sonnenstich bis hin zum Haifischbiss alles verarzten.

8. Schallzahnbürste

Ich lege sehr viel Wert auf Zahnhygiene. Allerdings neige dazu, mir mit normalen Handzahnbürsten das Zahnfleisch kaputt zu machen. Zu Hause habe ich daher eine elektrische Zahnbürste mit mechanischem Bürstenkopf, die ist für Reisen aber viel zu groß und zu schwer. Für unterwegs begeistert mich seit neuestem eine Schallzahnbürste von NewGenMedicals. Kaum größer als die manuelle Klappzahnbürste ich ich vorher hatte, nur 45 Gramm leicht, Aufladung per Mikro-USB-Anschluss. Eine Akkuladung hält über einen Monat(!).

Der Bürstenkopf vibriert 28.000 Mal in der Sekunde – die Zähne werden damit ordentlich sauber, und das Zahnfleisch bleibt heil. Und für 16 Euro ist das Ding praktisch geschenkt.

9. Nagelschere

Eine zusammenfaltbare Nagelschere von Coghlans, mit der man alles schneiden kann. Auch Klebeband, lose Fäden, den eigenen Bart, fremde Bärte, Verpackungen, you name it. Hat bislang auf Flügen keine Probleme bereitet, und selbst wenn: Für knapp 6 Euro wäre das ein lässlicher Verlust.

 

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