Reisen

Reisetagebuch (11): Split

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es von Dubrovnik nach Split und dabei ganz kurz durch Bosnien-Herzegowina.

Samstag, 30.06.2018, Dubrovnik
Die „Villa Dubrovnik Gardens“ heißt nicht umsonst so. Das Steinhaus liegt in einem großen Garten, der mit seinen Bäumen und hohen Büschen das Äußere zuverlässig abschirmt. Ein kleiner, grüner Urwald, bevölkert von Gartenzwergen und Katzen, direkt über der Altstadt von Dubrovnik.

Was den Garten noch besser macht: Hier servieren Anita und Marjana, die beiden Haushälterinnen, das Frühstück. Ein „Alles, was man sich wünschen kann“-Frühstück. Es gibt Rührei, gebratene Würstchen und Pilze, dazu Toast, eine Aufschnittbuffet, und am Platz wartet ein warmes Schokocroissant. Garten Eden? Dicht dran!

Eine kleine Katze guckt mir beim Frühstück zu und versucht zwischendurch mit einem gezielten Sprung in den Joghurtteller etwas davon zu erhaschen.

Danach schleppe ich die Koffer zum Motorrad und stelle dabei erstaunt fest, dass die Frühstückskatz noch eine Schwester hat. Auf dem Rückweg sind es schon drei. Diese Katzen vermehren sich schneller als Tribbles!

Ich verabschiede mich von Anita und Marjana, dann stürze ich mich in den Stadtverkehr von Dubrovnik.

Geht nicht anders. Eigentlich will ich ja nur raus aus der Stadt, und die Ausfallstraße liegt nur eine Straße und damit 50 Meter über der, in der ich mich gerade befinde… aber leider hat Dubrovnik ein superkomplexes System aus Einbahnstraßen.

So muss ich erst einmal ganz hinunter in die Stadt und um die Festung herum, durch den Busbahnhof, über den LKW-Zubringer zum Hafen und bin dann FAST wieder da wo ich vorher war – nur, dass ich jetzt auf die Küstenstraße stadtauswärts einbiegen kann.

Bild: Google Earth 2018

Der Verkehr auf der Küstenstraße ist recht dicht, aber das gibt sich bald. Je weiter ich nach Norden komme, desto weniger wird der Verkehr.

Ich kann der V-Strom die Sporen geben, und auf dieser Straße ist das Fahren die wahre Wonne. Tief duckt sich die Maschine in die Kurven, während sie auf den wenigen geraden Abschnitten geradezu dahingleitet. Schneller als 80 ist zwar nicht erlaubt, aber das ist auch gut so – ab und an sind hier Wohnmobile unterwegs, die tauchen auch gerne mal unvermittelt hinter Kurven auf. Es ist ein sportliches, aber entspanntes Fahren. Herrlich!


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Tips für London 2019


Wissenswerte Dinge für den Besuch der britischen Hauptstadt:

1. Gute Tage, schlechte Tage
Anders als in anderen Ländern ist Montags nicht generell Ruhetag, auch die meisten Museen haben dann geöffnet. An Wochenenden und Feiertagen ist es in Central London ruhiger als unter der Woche – im Zentrum wohnt halt niemand mehr, da arbeitet man nur noch. Illusionen muss man sich freilich nicht machen. In London ist immer Touristensaison (wir befinden uns noch vor dem Brexit), so dass die touristischen Sehenswürdigkeiten ab ca. 11:00 Uhr zu jeder Jahreszeit recht voll sind. Am besten früher hingehen.

2. Essen und Trinken
Man geht im Restaurant auf das Personal zu und lässt sich platzieren, einfach irgendwo hinsetzen ist nicht üblich.
Trinkgeld gibt man in Pubs nicht. In Restaurant muss man genau hingucken. Manchmal schon ein vorgeschlagenes Trinkgeld auf der Rechnung hinzuaddiert, manchmal ist „Bediengeld“ speziell ausgewiesen. Ist beides nicht der Fall, packt man 10 Prozent drauf, aber nur wenn der Service wirklich gut war.

3. Anreise

  • Anreise per Flugzeug geht, allerdings sind die Flughäfen weit draußen. Bis man dann mit Bus oder Bahn in der Stadt ist, dauert das seine Zeit. Von Heathrow gibt es den „Heathrow Express Zug“ nach Paddington.
  • Anreise per Bahn ist aus Deutschland eine gute Alternative, in 8 Stunden kann man in London sein. Von Deutschland aus nach Brüssel oder Paris, von dort mit dem Eurostar durch den Tunnel und zum Bahnhof St. Pancras. Karten kosten als „Europaticket“ 79,00 Euro
  • Mit dem eigenen Auto nach London zu fahren ist Quatsch. Parkplätze gibt es nicht, dafür eine Citymaut und wild gewordene Taxifahrer.
  • Tube: Die U-Bahn ist das Verkehrsmittel der Wahl. Das Liniensystem ist farb- und nummerncodiert, die Richtungen sind nach den Endstationen benannt. Einfacher geht es nicht. Unbedingt einen Plan besorgen (gibt es an den Infohäusschen gratis), der ist der wichtigste Ausrüstungsgegenstand bei einer Londonreise.

4. Tips für die U-Bahn

  • Tageskarten gibt es in verschiedenen Formen. Stressfrei ist die Travelcard, das ist ein Papierticket mit einer Gültigkeit von 1 oder 7 Tagen, die Zahl der gültigen Zonen legt man selbst fest. Als normaler Besucher benötigt man nur Zone 1-2, mit einer Gültigkeit von 7 Tagen kostet das 41,50 Euro/36 Pfund.
  • Alternativ: Die Visitor Oystercard. Das ist eine Plastikkarte, die mit einem Geldbetrag von 15, 20, 30, 40 oder 50 Pfund aufgeladen wird und die heftigen Rabatt auslöst. Einzelfahrten kosten statt 4,80 Pfund nur noch 2,40. Maximal zahlt man pro Tag so viel wie mit einer Travelcard, alles darüber hinaus ist kostenlos. Mit anderen Worten: Man zahlt nie mehr als 7,00 Pfund pro Tag, egal wieviel man fährt. Von Montag bis Sonntag wird auf maximal 36 Pfund beschränkt, d.h. man bekommt zwei Tage umsonst und in exakt diesem Zeitraum kostet die Oyster soviel wie eine 7-Tage-Travelcard. Hat man allerdings mehr als einen Tag Versatz drin (Aufenthalt von Dienstag bis Montag o.ä.) ist es sinnvoll eine elektronische Travelcard auf die Oyster zu laden. Mit der fährt man sieben Tage, unabhängig von der Kalenderwoche, für 36 Pfund. Zum Geldbetrag, den man auf die Oysterkarte bucht, kommen 5 Pfund als Pfand für die Plastikkarte selbst, sowie 3 Pfund Aktivierungsgebühr. Diese RFID-Karte lässt sich immer wieder an Automaten oder einem von 3.700 Oystershops (erkennbar an dem Schild „Transport for London“, TfL) aufladen oder nach Gebrauch zurückgeben, dann wird der Pfand erstattet.
  • Die TFL Oyster-App ist ein Goldstück, mit der kann man (bei hinterlegter Kreditkarte) ad hoc Geld auf seine Oystercard laden. Aber Achtung: Man muss den Aufladungsbetrag „einsammeln“, in dem man binnen 3 Tagen die Karte in der U-Bahn oder einem Bus vor Ort nutzt. Ansonsten wird das Guthaben wieder auf die Kreditkarte zurückgebucht.
  • Travelcards aus Papier gibt es in Oystershops und an Automaten, Oystercards aus Plastik nur in den Ticketshops an Bahnhöfen.
  • Eine Kreditkarte mit kontaktloser Bezahlfunktion (zu erkennen an dem NFC-Symbol auf der Karte) oder Applepay funktionieren wie eine Oystercard. Einfach beim Betreten und Verlassen von U-Bahnen, Bussen oder Stadtbahnen Karte oder Gerät an ein Lesegerät halten, fertig. Vorteil: Man braucht nichts aufzuladen oder sich Gedanken um Tarife machen, man braucht keine Registierung und das „Daily Cap“, die Kappungsgrenze von 7,00 Pfund pro Tag, zählt auch hier. Aber Achtung: Bei Kreditkarten aus Deutschland kommt dann noch eine Auslandseinsatzgebühr von der Bank oben drauf, je nach Geldinstitut 1,75 bis 4 Prozent. Das macht die Fahrt teurer als mit einer Oyster. Wichtig: Immer mit derselben Karte auschecken, mit der man eingecheckt hat, sonst kostet das 8,20 Pfund Strafe.
  • Über Streiks und baubedingte Ausfälle informiert man sich auf den Seiten der Transport for London.
  • London ist in 6 Zonen aufgeteilt. Die ganze Innenstadt ist in Zone 1 und 2 (mehr braucht man als Tourist nicht), Zone 6 ist Heathrow.
  • Greenwich ist Zone 3. Um mit einem Zone 2 Ticket trotzdem dorthin zu gelangen fährt man mit der Tube bis Canarys Wharf, von dort aus dann mit dem Zug (DLR, District Light Railway) nach Süden bis Island Gardens. Von dort nimmt man den alten Fußgängertunnel, der direkt vor dem Bahnhof ist, unter der Themse hindurch und ist 10 Minuten später in Greenwich.
  • Der Kauf von Einzelfahrscheinen ist nicht empfehlenswert, die sind sehr teuer (eine Fahrt 4,80 Pfund)

5. Rabatte und Touristenkarten
Es gibt einen „Londonpass“, der freien oder reduzierten Eintritt ermöglicht. Gültigkeitsdauer 1 bis 6 Tage, kostet zwischen 88,00 und 186,50 Euro. Eintrittspreise in London sind sehr hoch, auch für Kirchen. Daher KANN sich der Londonpass rechnen, muss aber nicht. Man sollte sich vorab die Mühe machen und sich überlegen was man besichtigen möchte, und dann auf dieser Seite schauen, ob sich ein Londonpass wirklich lohnt. In der Regel tut er das eher nicht, zumal er nicht mit Onlinebuchungen zusammen funktioniert (siehe 6.).

6. Hotels
Sind in London sehr teuer. Zur Hauptsaison zahlt man in der Innenstadt 120 Euro und mehr pro Nacht. Ein gutes und günstiges Viertel habe ich um den Bahnhof Paddington herum gefunden, nördlich der Kensington Gardens. Dort gibt es in der London Street und im Norfolk Square schöne und günstige Hotels. Von dort ist man zu Fuß in 30 Minuten und mit der Tube in 15 Minuten an der Themse, Zimmerpreise gehen bei 54 Euro los. Mehr auf der Karte.

7. Online buchen
Generell ist es immer eine gute Empfehlung vor der Reise online Tickets zu kaufen. Gerade in London sind die Warteschlangen oft SEHR lang. Onlinetickets sind günstiger und ermöglichen das Überspringen der normalen Warteschlangen, allerdings muss man sich oft auf eine Zeit festlegen. Die erste Adresse für alle möglichen Buchungen, Infos und Karten ist http://www.visitlondon.com

8. Handy und Internet
Hotel-WLANs sind vielerorts Glückssache. EU-Roaming ist in der Theorie ja kein Problem mehr, in der Praxis drosseln die großen Netzbetreiber, allen voran O2-UK, roamende Festlandeuorpäer auf 3G-Schneckentempo runter. Es empfiehlt sich daher eine SIM-Karte von Three oder EE, die haben eine gute Abdeckung und ein schnelles Netz, dass sie für ihre eigenen Karten auch nicht drosseln. Die Karten kann man in Kiosken vor Ort für wenig Geld kaufen oder schon vor der Reise ab 1 Cent bei Amazon bestellen. Eine Registrierung ist nicht nötig. Vor Ort muss die Karte dann noch aufgeladen werden. Das macht man in Kiosken mit einem „Top Up“-Symbol. Hier zieht man entweder die Top-Up-Karte, die der SIM beiliegt, durch ein Lesegerät oder man bekommt einen Voucher mit einem Code, den man per SMS einlöst. ODER man nutzt die Apps der Hersteller, um per Kreditkarte eine Aufladung vorzunehmen. Sehr komfortable. Nach einem halben Jahr der Nicht-Nutzung deaktiviert sich die Karte.

9. Reisezeit
Im Oktober und November sowie Januar und Februar sind selbst die Touristenattraktionen nicht all zu sehr überlaufen.

10. Briefmarken kaufen
Briefmarken kauft man in Postfilialen, es gibt sie aber auch in „Corner Shops“ (haben dann einen Aufkleber mit einem stilisierten Briefmarkenheftchen im Schaufenster oder an der Tür) oder beim Zeitschriftenhändler „WHSmith“ (der überall Filialen hat, insb. in Bahnhöfen). Postkarten und Briefe (maximale Maße 24×16,50×0,5 cm, bis 20 Gramm) nach Deutschland kosten Anfang 2019 1,25 Pfund im Tarif „International Standard“ (Zustellung in 3-5 Tagen). Es gibt noch „International Economy“, das kostet 81P, dauert aber bis zu mehreren Wochen bis es ankommt. Aktuelle Preisauskünfte gib es mit dem Online-Pricefinder der Royal Mail: http://www.royalmail.com/price-finder
Theoretisch gibt es die Möglichkeit vorab das Porto selbst zu drucken, ausprobiert habe ich das aber nicht: https://www.royalmail.com/discounts-payment/online-postage/home

Die Briefkästen in London sind knallrot und tragen das Wappen ER II (Für Elisabeth die II. Ist ja immerhin die ROYAL Mail).

11. Museen, Kirchen, Sehenswürdigkeiten
Auf der Insel ist alles anders als im Rest der Welt. Generell ist der Besuch der staatlichen Museen kostenlos, lediglich die privaten Sammlungen verlangen ein (niedriges) Eintrittsgeld. Dafür kostet der Besuch von Kirchen etwas, und das nicht zu knapp: Um einen Blick in Westminster Abbey werfen zu dürfen, werden 20 Pfund fällig. Noch krasser sind die Besuche von Sehenswürdigkeiten wie The Eye oder The Shard – hier ist mit Preisen zwischen 25 und 30 Pfund zu rechnen. Auch hier kann man etwas Rabatt durch Onlinebuchung bei Festlegung auf eine Besuchszeit bekommen.

12. Tips für Besichtigungstouren
…finden sich im Reisetagebuch London:

04.-12. Februar 2017

06.-13. Februar 2016

Februar 2014

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Reisetagebuch (10): Game of Schweiß

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute betrete ich ein neues Land, treffe einen alten Freund und merke, wie meine Zeit sehr schnell abläuft.

Freitag, 29.06.2018, adriatische See
Das tiefe Dröhnen der Schiffsdiesel wirkt sich positiv auf meine Nachtruhe aus. Ich schlafe ausgezeichnet, bis gegen 5:30 Uhr die Morgensonne durch das Bullauge meiner Kabine an Bord der DubrovniK scheint.

Ich dämmere noch ein wenig im Halbschlaf vor mich hin, aber kurz nach 6 stehe ich doch auf, kleide mich an und gehe an Deck. Zu meiner großen Überraschung ist das Schiff schon kurz vor der Küste.

Ist das schon Kroatien? Muss es sein, oder? Aber wir sollten doch erst um 8 Uhr hier sein, das ist doch noch zwei Stunden hin!

Von Bari nach Dubrovnik in einer Nacht.
Bild: Google Earth 2018

Kein Irrtum möglich – die Dubrovnik läuft tatsächlich schon in Dubrovnik ein! Vor einer großen Brücke dreht das Schiff und legt dann Rückwärts am Hafen an.

Bild: Google Earth 2018


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Reisetagebuch (9): Die Hölle vor Tor 3

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute gibt es Furbo, es geht es unter die Erde und am Ende wird es sehr kalt.

Donnerstag, 28.06.2018, Grotta Castelana, Apulien

Oh, wie sie mir auf die Nerven gehen! Die Hölle, das sind die anderen.

Diese anderen und ich, wir warten vor Tor 3. Tor 3 ist der Einlass für alle, die an der nächsten Führung auf italienisch durch die Grotta Castellana, eine der größten Höhlen Italiens, teilnehmen wollen. Tor 2 ist für englischsprachige Besucher, Tor 1 für Gruppen aus Reisebussen. Vor den Toren ist ein kleiner Platz, auf dem schon mehr als 50 Menschen dicht gedrängt stehen, hauptsächlich Familien mit Kindern.

Neben mit steht ein Typ im besten Midlife-Crisis-Alter. Er hat einen blauen Lacoste-Pulli um die Schultern geknotet und hält von hinten eine überschminkte Blondine in den Armen, die er geradezu agressiv hin- und herwiegt. Freundin? Sekretärin? rätsele ich noch, da haut mir der Schunkler schon einen Ellenbogen in die Seite. Ich gehe ich ein Stück weg, er schunkelt hinterher und haut mir wieder den Arm in die Seite. Was stimmt mit dem nicht, denke ich noch, da rammt mir von vorne eine Frau ihren Rucksack in den Bauch. Von hinten hustet mir ein älterer Herr in den Nacken.

Von links schrammelt ein Opa auf einer Gitarre undefinierbares Zeug. Vermutlich bildet er sich ein, dass er ein Musik macht und dazu singt, aber aus dem Gitarrengequietsche lässt sich ein Lied nur erahnen, während der „Gesang“ klingt, als ob er sporadisch Stichworte ruft und zwischendurch hustet.

Von rechts hält ein anderer Opa dagegen. Allerdings ist bei ihm nicht mal mehr rudimentär eine Melodie zu erkennen, er brüllt und schreit nur wild vor sich hin und schlägt dabei mit den Fäusten auf seine Gitarre ein. Alle irre hier.

Es geht den beiden Opas gar nicht darum die Gunst des Publikums zu erringen. Es geht nur darum lauter zu schreien, lauter zu klampfen und lauter zu husten als der Kontrahent auf der anderen Seite der wartenden Menschen, die ihrerseits wegen des Lärms immer lauter reden und immer gereizter werden.

Grotta Castellana. Der Ort heißt so wie die Höhle.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.

Zur Gereiztheit trägt auch das Wetter bei. Es ist mit über 25 Grad sehr warm, gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Urwaldklima. Außerdem kommen immer mehr Menschen auf den Platz, alles drängt sich zusammen und reibt sich aneinander und schubst und redet laut aufeinander ein und dazu brüllen und schreien die Opas von beiden Seite. Eine Kakophonie des Grauens.
ALLE IRRE HIER. Viele, laute Menschen, die sich benehmen wie eine Herde Affen auf einem Felsen. Meine persönliche Hölle.

Zum Glück öffnet sich jetzt Tor 3, noch viel länger hätte ich das nicht ausgehalten ohne dem Schunkler seinen Pulli über die Ohren zu ziehen und die „Musiker“ umzuschubsen.

Jetzt geht es also durch den Eingang, und der Schunkler erweist sich als das, was Italiener Furbo nennen, einen Schlaufuchs. Er umrundet einfach die Schlange der Eintretenden und mogelt sich an den Anfang der Gruppe. Das ist Furbo: Immer andere austricksen, immer Löcher im System finden. Italiener können Furbos nicht leiden, bewundern sie aber dennoch insgeheim. Seine Aktion bringt ihm zwar nichts, aber das ist Furbo egal.

Eine Gruppe von bestimmt 70 Personen steigt nun hinab in die Grotta Castellana. Furbo und seine Freundin stehen ganz vorn und labern die Höhlenführerin zu, was den Start der Tour verzögert. Die Tour sei den beiden irgendwie zu lang, ob die Führerin das mal abkürzen könnte. So eine halbe Stunde würde ihnen gut passen. Die Nerven von dem Typen! Es gibt so Menschen, die denken, dass sich die ganze Welt nur um sie dreht. Ich hasse den Furbo inbrünstig. Zum Glück winkt die Höhlenführerin ab und meint, sie wird hier nach Stunden bezahlt.

Nach ewigem, umständlichen Rumgeeumele geht sie dann doch los, die schlechteste Tour, die ich je erlebt habe. Leider führt diese schlechteste aller Touren durch die zweitschönste aller Höhlen, die ich je gesehen habe. Fotografieren darf man leider nur in der Vorhöhle, nicht in der eigentlichen Höhle. Aber schon der Vorraum ist beeindruckend: Ein hoher Felsendom, dessen Decke eingestürzt ist. Durch das Loch scheint Licht hinab. Funfact: Die Leute hier in der Region kennen das Loch schon seit Ewigkeiten, und verwendeten es als Müllhalde. Erst 1938 kam jemand auf die Idee mal nachzugucken, ob darunter vielleicht noch eine Höhle ist.


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Reisetagebuch (8): Wenn der Regen Blasen wirft

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es nach Lecce, eine Frau wird hysterisch und ich erfinde die komplizierteste Methode der Welt um den den Ölstand zu messen.

27.06.2018
„Wenn der Regen Blasen wirft, ist er bald vorbei“, wird mehrfach in dem Buch „Herr Lehmann“ behauptet. Das fällt mir in dem Moment ein, wo die Fahrbahn nur noch aus Blasen zu bestehen scheint. Der Regen fällt mit solcher Heftigkeit in das Wasser, dass es aussieht, als ob die ganze Fahrbahn kocht und brodelt. Dann geht die Welt richtig unter, und die Sintflut schwappt über mir zusammen.

Tricase in Apulien.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.


„Schon 10 Tage schlechtes Wetter hier“, hatte am Vorabend Salvatore, der Kellner im „Grotta Matrona“ gesagt. „Aber morgen wird es besser, glaube ich.“

Nun, das Glauben hat nicht viel gebracht. Das denke ich schon am Morgen, als ich auf der Terrasse des Lavaturi frühstücke. Adelheid macht Omelette und zeigt mir dann, wie man es auf italienisch isst: Um eine Scheibe Brot gewickelt. Dazu gibt es frisches Obst aus dem Garten. Ich bin als erster am Frühstückstisch und zum Glück schon fast fertig, als die anderen Gäste eintreffen.

Die anderen, das sind zwei ältere Damen und ein Mann in den Siebzigern mit einem riesigen Schnäuzer im Gesicht. Offensichtlich wohlsituiert, aber anstrengend. Die Frauen sehen verhärmt aus und machen aus allem eine Wissenschaft und ein Drama. Schon als sie die winzige Knuddelkatz von Adelaide sehen, fängt eine der beiden an zu kreischen und zu zucken, die andere möchte über jedes Stück Obst diskutieren und genau wissen, wie Adelaide ihr Omelett macht.

Der Schnäuzermann ist dagegen ruhig und abgestumpft bis an den Rand der Debilität. Der kriegt nix mit. Das weiß ich, weil er gestern Abend plötzlich bei mir im Zimmer stand, während ich mich gerade umzog. Hat er halt nicht mitgekriegt, dass das nicht seins war. Und auch meine lauten Rufe „Signore! DAS HIER IST NICHT IHR ZIMMER“, nahm er lange nicht zur Kenntnis und war dann regelrecht erstaunt, als ich ihn am Arm packte und kurzerhand rauswarf.

Egal, die drei Vollpfosten bin ich ja gleich los. Ich verabschiede mich von Adelaide und trage die Koffer zur V-Strom, die die Nacht unter einem Pflaumenbaum verbracht hat. Dabei spüre ich erste Regentropfen auf dem Kopf. Nicht schon wieder. Egal. Los jetzt. 


Da ich die Grotta Zinzulusa, die einzige große Sehenswürdigkeit in dieser Gegend, gestern schon gemacht habe, fahre ich heute morgen einfach die Küstenstraße entlang nach Norden und um den Hacken Italiens herum. Die Straße ist schön geschwungen und bietet einige tolle Ausblicke.

Bild: Google Earth 2018

Was traumhaft sein könnte, artet schnell in Arbeit aus, denn es stürmt wie irre, und ich muss mich sehr auf´s Fahren konzentrieren. Meine Kopf-Jukebox spielt „Riders of the Storm“. Wie passend.

Bei Otranto halte ich an und mache einen kleinen Spaziergang an der Küste entlang. Der Wind peitscht das Meer gegen die Klippen, Gischt nebelt bis weit in die Landzunge hinein. Ich stehe kurz am Wasser und lasse mich vom Wind durchschütteln, dann gehe ich zurück zum Motorrad.

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Reisetagebuch (7): StormChaser

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute fällt der Tag ins Wasser.

Dienstag, 26.06.2018, Pomarico, Basilikata
Ein Fauchen und Rauschen weckt mich aus dem Schlaf. Uh, das hört sich aber gar nicht gut an. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt die Befürchtung: Es regnet, und die Bäume vor dem Haus werden von einem heftigen Sturm hin- und hergepeitscht.

Ein schnelles Frühstück später trage ich die Koffer zur V-Strom und mache dann die Vakuumrolle mit den Regensachen auf. Ist das erste Mal, das ich die auf dieser Fahrt brauche. Immerhin. Ein schlechter Tag kann gerne mal dabei sein.

Sorgfältig lege ich die „StormChaser“-Regenkombi an und ziehe die Riemen fest, dann streife ich die wasserdichten Handschuhe über. Jetzt kann es losgehen. Die V-Strom röhrt aus dem Unterstand, in dem sie die Nacht verbracht hat, und schlittert über den unbefestigten Hinterhof, der sich über Nacht in ein Schlammfeld verwandelt hat. Außerdem ist er übersät von Maschinenteilen: Alte Quads, Kühlmaschinen aus der Gastronomie und landwirtschaftliches Zeug in verschiedenen Stadien der Zerlegung stehen und liegen hier rum. Sieht mehr wie eine Müllhalde aus hier als wie ein Hotelbetrieb. Egal, das Colle di Siesto ist eine tolle Unterkunft, lass es doch unterm Sofa wie bei Hempels aussehen.

Dann geht es hinaus auf die Bergstraßen und runter von dem Felsmassiv, auf dem Pomarico liegt.


Bild: Google Earth 2018

//BAROCCA_CAM01

Von weiter unten kann ich den Berg sehen, auf dem der Gasthof liegt.

Der Himmel ist dunkel und der Regen wird immer stärker. Ich lasse das Garmin die Wettervorhersage für die geplante Route anzeigen. Die sieht so gemischt aus, leichte und schwere Schauer sollen sich abwechseln. Ich fahre erstmal weiter, ein Auge immer am Horizont. Der sieht dunkel aus.

Dann meldet sich meine virtuelle Copilotin im Helm. „Es wurden Meldungen für die aktuelle Route gefunden“, verkündet Anna und fängt an vorzulesen, was sie an Infos aus dem Netz gezogen hat. „Straßensperrung auf E90. Stau auf 5 Kilometern Länge auf Strada Statale 57. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Statale 57. Unfall auf Strada Provinziale 359. Der Verkehr wird einseitig umgeleitet, Staulänge 7 Kilometer. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Provinziale 359. Unfall auf…“ Ich breche die Tirade ab. Mittlerweile regnet es stark, und es ist so dunkel als wäre späte Dämmerung.

Ich lasse Anna das Wetterradar starten. Der Bildschirm im Cockpit der V-Strom springt von der Navigationsansicht auf eine Karte der Region um, über die sich langsam Wetterdaten legen, die die rudimentäre KI des Geräts aus dem aus dem Netz holt. Je nach Stärke des Niederschlags färbt sich die Karte ein. Blaue Einfärbungen sind Nieselregen, grüne und gelbe leichter bis mittlerer Regen, und so weiter. Die Umgebung auf der Karte glüht tiefrot, teilweise sogar lila! Offensichtlich ein Starkregengebiet, das über Tarent dreht – ausgerechnet der Stadt, in die ich jetzt eigentlich wollte.

Starkregen erklärt auch die etwas kryptische Meldung des „unsicheren Fahrbahnzustands“, die Anna so gehäuft gefunden hat. Die Straßen, die ich geplant hatte, sind nicht groß und vermutlich stark von LKW frequentiert. Das bedeutet: Spurrinnen und Gummiabrieb, dazu der Staub des süditalienischen Sommers. Das ergibt in Kombination mit Regen eine glitschige Mischung. Wenn dann die Fahrbahn noch mit Bitumen geflickt wird, hat sie ähnliche Reibwerte wie Glatteis. Die zahlreichen Unfälle auf der Strecke legen nahe, dass ich mit diesen Überlegungen nicht ganz falsch liege.

Nein, so ein Abenteuer brauche ich nicht. Ich lasse Anna alternative Wege zur heutigen Unterkunft suchen, und unter den drei Routen, die sie rechnet, ist auch eine, die über die großen und gut ausgebauten Strada Statales führt. Langweilig zu fahren, aber wenigstens sicher. Bei dem Wetter will ich nicht durch Orte und über kurvige und kaputte Regionalstraßen gurken. Bei so einem Wetter will ich mir auch nichts ansehen. Lieber liege ich den Rest des Tages in der Unterkunft auf dem Bett und lese, als das ich mir hier weiter den Regen um die Ohren klatschen lasse. Ich gebe Gas und steuere die Barocca zügig in das Regengebiet. Der Wind frischt weiter auf. “ So muss es sich anfühlen, durch einen Tropensturm zu fahren“, denke ich, während das Motorrad ordentlich durchgeschüttelt wird.
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Reisetagebuch Motorradtour (6): Mach Deine Hausaufgaben

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es durch die Basilicata, die V-Strom sprüht Funke, eine Straße geht steil und nebenbei werden die Lieblingswerkzeuge zu Reisevorbereitung vorgestellt.

Gott, bin ich müde! Beim Schreiben dieser Zeilen fallen mir die Augen zu. War aber auch ein langer Tag und vorher schon klar. Ich plane ja sowas. Intensiv. Always do your resarch, mach Deine Hausaufgaben! Je mehr Zeit man in die Vorbereitung investiert, desto weniger Stress hat man später, und umso mehr hat man von der Reise. Ich nehme mir damit keine Spontanität, ich steigere mit Planung die Intensität. Bis zur Erschöpfung.

25.06.2018, Monte Sant´Angelo, Apulien
Zwölf Stunden früher: Im Zimmer ramentert es, was mich aus dem Schlaf reisst. Ich bin nicht ganz sicher, ob mich das Ehepaar im Zimmer nebenan geweckt hat, das sich anscheinend über das Fernsehprogramm streitt, oder ob es das Wiesel ist, das seine verfilzte Nase in die Morgenluft über dem Golf von Manfredonia hält.

Zu meiner Überraschung hat sich die Geburtstagsgesellschaft, die bis spät in die Nacht vor meinem Hotelzimmer gefeiert hat, komplett aufgelöst und ist verschwunden. Im Frühstückssaal bin ich nämlich allein. Interessant, die die haben gefeiert bis in die Puppen, aber übernachtet hat hier anscheinend keiner der Partygäste.

Sind die etwa alle letzte Nacht noch besoffen nach Hause gefahren? Ich lasse die Kuchengabel fallen und renne vor´s Haus. Puh, die V-Strom steht noch in der Zufahrt des Parkplatzes, ohne einen Kratzer. Hätte mir noch gefehlt, das ein Partygast die Karre umfährt.

Zwischen Monte Sant´Angelo und meinem ersten Ziel an diesem Tag liegen nur 30 Kilometer. Es ist warm, und die V-Strom summt in einem Tal im Bergmassiv des Gargano entlang und zum nächsten größeren Ort. Die Gegend hier ist ziemlich verlassen, nur ein paar Schafe gucken dem Motorrad hinterher.

//BAROCCA_CAM 01

Bei dem Ort, zu dem ich nun will, handelt sich um San Giovanni Rotondo. Das ist eine kleine Stadt, aber einer der bekanntesten Orte Italiens. Kennt aber außerhalb des Landes kaum jemand. Solche Orte findet man, wenn man seine Hausaufgaben macht. So nenne ich die Vorbereitung einer Reise.

Von Monte Sant´Angelo im Osten nach San Giovanni Rotunda, rund 30 Kilometer.
Bild: Google Maps

Unter „Hausaufgaben machen“ gehört die Beschäftigung mit Land oder Region und den jeweiligen Eigenarten. Dabei helfen mir oft klassische Reiseführer, also gedruckte Bücher auf Papier(!). In den vergangenen Jahren haben sich aber auch Bild- und Fotobände bewährt, um Ziele zu finden, wo ich dann spontan sage: Da möchte ich hin!

Bei den elektronischen Medien nutze ich das bekannte Trip Advisor witzigerweise so gut wie gar nicht. Zu verschieden sind meine Vorlieben und die Empfehlungen der Masse, die Trip Advisor abbildet, darum finde ich nur selten Orte und Aktivitäten darin, die mich ansprechen.

Sehr cool und von mir gerne benutzt ist hingegen der Atlas Obscura, eine Sammlung von Orten, die von ungewöhnlich über skurril bis hin zu eklig reichen. Mein allerwichtigstes Planungstool ist Google Maps. Damit berechne ich nicht nur Etappen, damit suche ich auch, in der Satelitenansicht, nach interessanten Orten. Spätestens damit wäre mir San Giovanni Rotondo aufgefallen, denn mitten in dem Dorf steht das hier:

Bild: Google Maps 2018

Das will ich mir jetzt ansehen!

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Reisetagebuch Motorradtour (5): Das platte Land

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es in den Mezzogiorno und in den Umbrawald, wo die Umbrahexen wohnen.

Sonntag, 24.06.2018, Hotel Tremonti, Popoli
Es ist kurz nach sechs, und die beiden alten Männer im Nebenraum ratschen wie die Waschweiber. Kaum sind sie wach, was leider sehr früh ist, quatschen sich die beiden eine Naht zusammen. Durch die Verbindungstür zwischen unseren Zimmern klingt es, als ob die beiden links und rechts an meinem Bett stehen und sich über mir unterhalten. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, das Gesabbel geht selbst durch die Ohrenstöpsel. Ich seufze, setze mich auf und blicke auf die Uhr. Scheiße. Ich wollte zwar früh los, aber doch nicht SO früh.

Als ich in den Frühstücksraum komme, wartet die nächste unangenehme Überraschung. Trotz der frühen Uhrzeit ist das Buffet schon leergefressen. Die Buslandung Rentner, die gestern Abend eingetroffen ist, hat sich wie ein Schwarm Heuschrecken darüber hergemacht und in Rekordzeit alles vertilgt. Jetzt stehen überall widerlich gutgelaunte, sportlich aktive und in Membranklamotten eingeschweißte Senioren herum und schnattern. Mißmutig ignoriere ich die letzten Kuchenkrümel, die wie die Überbleibsel eines Schlachtfelds auf verwüsteten Tellern herumliegen, nehme mir einen Espresso, stürze den runter und trage dann die Koffer zum Motorrad.

Sofort steht eine Traube Senioren um das Motorrad und inspiziert meine Startvorbereitungen. Ich lasse mich davon nicht aus der Ruhe bringen und gehe meine Pre-Start Checkliste durch.

Koffer fest in Halterung und gesichert? – Check.
Topcase verschlossen und fest in Halterung? – Check.
Bremsscheibenschloss ab? – Check.
Navi fest in Halterung? – Check.
Helm eingeschaltet? – Check.
Jacke geschlossen und Kalibrierung läuft? – Check.
Handy, Portemonnaie, Schlüssel und Tracker sind alle da und stecken in den richtigen Taschen? – Check.

Jeder Handgriff sitzt, kein prüfender Blick ist überflüssig. Ich brauche dieses bewusste Durchgehen, nur für mich selbst. Wenn ich jetzt nicht bewusst diese Sachen prüfe, werde ich spätestens nach einem Kilometer auf der Straße denken „Sitzt das Topcase WIRKLICH fest?“ oder „Habe ich den Schlüssel wirklich dabei?“ – und dann werde ich wieder anhalten, absteigen und nachgucken. Besser jetzt all dieser Sachen versichern und beruhigt losfahren.

Ich lasse den Motor an und hebe das Motorrad vom Ständer.

Seitenständer weg? – Check.
Navi läuft und Route für heute ist geladen? – Check.
Bluetoothverbindungen zwischen Motorrad, Navi und Helm stehen? – Check.
Jacke ist kalibriert und Airbagsystem läuft? -Check.
Reifendruck OK? – Meeep, nein.

Anna meldet sich in meinem Helm. Der Reifendruck ist zu niedrig, signalisiert sie. Ich ignoriere das und fahre los, steuere um die Absperrung der Hoteleinfahrt und lasse die Aktivsenioren hinter mit zurück.

Das mit dem Reifendruck ist OK so. Ich habe den eingestellt als draußen 25 Grad waren. Diese Temperaturen werden ich in den kommenden Tagen auch wieder erleben. Aber heute Morgen, hier oben in den Bergen, haben wir gerade 10 Grad. Da darf der Druck etwas zu niedrig sein. Sobald ich aus den Bergen raus bin und es wieder wärmer wird, passt alles wieder.

Popoli liegt zwar nur 250 Meter über dem Meeresspiegel, aber in den Ausläufern der Abbruzzen, des großen Gebirges in der Mitte Italiens. Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0

Ich gebe Gas und fahre die Staatsstraße Richtung Pescara. Das Navi besteht darauf, auf die Autobahn zu wollen, aber ich bleibe stur auf der SS05. Das beschert uns schöne Anblicke von Weinbergen und eine nette Kurverei. „Sie befinden sich nicht auf der schnellsten Route. Bitte wenden sie“, nörgelt mir die virtuelle Copilotin ins Ohr. „Anna, sie haben eindeutig zu wenig Sinn für Romantik“, erwidere ich und ziehe die V-Strom der Morgensonne entgegen.

//BAROCCA CAM01

Immer neben der Autobahn her: Kurvige und schöne Staatsstraße. Bild: Google Earth 2018.

Vor Pescara biege ich ab. Jetzt geht es nach Süden, die Küste hinunter.

Bild: Google Earth 2018.

Das macht so mittelviel Freude, wie fast überall in Italien ist auch hier die Küste so eng bebaut, das man vom Meer nur selten etwas sieht. Dafür fährt man an endlosen Reihen von Restaurants und Fertighäusern vorbei. Aber manchmal blitzt doch das Meer zwischen ihnen durch, und dann fühlt sich das hier auch an wie eine Küstenstraße.

Bei Marina di San Vito halte ich an und stelle die Barocca an der Strandpromenade ab.


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Reisetagebuch Motorradtour (4): Ich war im Himmel, dort ist es sehr kalt

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Nach einer Woche Pause geht es heute weiter, in einer Gewalttour von der nördlichen Toskana bis hinter die Abbruzzen.

Samstag, 23.06.2018
Und dann ist die Woche auf I Papaveri schon wieder vorbei. Sieben Tage lang „Alls kann, nichts muss“. Sieben Tage, in denen ich hauptsächlich am Strand rumlag, ein wenig Motorradfahren geübt und ansonsten nichts getan habe, aber das bei strahlendem Wetter. Jetzt packe ich meine Sachen zusammen und verstaue sie sorgfältig in den Seitenkoffern. Die Koffer werden in die Kofferhalter am Motorrad eingeklickt, und dann mit Rok Straps gesichert. Die Gurte sind neu, eine Last Minute Ergänzung vor der Abreise.

Givi Koffer, hatte ich immer gedacht, können schon aufgrund ihrer genialen, selbstsicherenden Konstruktion gar nicht währen der Fahrt abhanden kommen. Bis X-Fish mich eines bessern belehrte, anscheinend ist es unter gewissen Umständen doch möglich, Givis zu verlieren.

Ob das nun stimmt oder nicht spielt keine Rolle: Die neuen Gurte geben mir mehr Sicherheit. Ich muss nun auf Rumpelstrecken nicht dauernd in die Rückspiegel gucken, ob das Gepäck noch da ist. Und da die Gurte am Motorrad bleiben, macht die zusätzliche Sicherung wenig Aufwand, und ich kann sie sogar verwenden, um damit Dinge auf der Sitzbank festzuzurren.

Es ist Samstag, und schon um kurz vor Sieben steht die Barocca fertig beladen vor dem Tor.

Ein kurzer Blick zurück, dann geht es los. Von Franca und Licio habe ich mich gestern schon verabschiedet. Die alten Herrschaften sind zwar Frühaufsteher, aber so früh dann doch nicht. Freiwillig wäre ich auch nicht um 6 Uhr aufgestanden, aber nach einer Woche Stillstand liegt heute eine lange Reiseetappe vor mir. Die ist selbst nach meinen Maßstäben ordentlich.

Das frühe Unterwegs sein hat noch einen anderen Nebeneffekt: Um diese Zeit ist es noch nicht so brütend heiß, dass macht es einfacher, die fast leere SS01 zu fahren. Parallel zu Küste geht es nach Süden, 130 Kilometer, an Grossetto vorbei und auf der Höhe von Capalbio von der Schnellstraße runter und ins Landesinnere.

Es ist sehr stürmisch, und die Fahrt dementsprechend unruhig. Immer wieder wird die Barocca von Windböen gepackt und durchgeschüttelt. Die große Maschine bietet dem Sturm ordentliche Angriffsflächen, bleibt aber immer beherrschbar. Dunkle Wolkenbänder ziehen über den Himmel, aber regnen tut es zum Glück nicht.

Sonnig, aber stürmisch.

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Reisetagebuch Motorradtour 2018 (3): Interludium

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Eigentlich. Heute gibt es eine Unterbrechung.

17.-22.06.2018, „I Papaveri“, San Vincenzo
Eine Woche werde ich auf I Papaveri sein. Ging nicht anders, so kurz vor der Hauptsaison vermieten Licio und Franca ihr Appartement „La Conchiglia“ nur noch wochenweise. Fand ich erst ein wenig doof, weil ich dieses Mal gerne nur kurz Zwischenstation hier gemacht hätte. Drei, vier Tage Pause würden reichen, dachte ich.

Denkste.

Mein Körper sagt jetzt etwas anderes. Er erinnert mich daran, wie anstrengend die letzten Monate waren, und dass es gerade alles genug war und ein wenig Ruhe nicht schlecht wäre. Ich gebe dem nach, und bevor ich mich versehe, schlafe und schlafe und schlafe ich.

Ich schlafe morgens lange und quäle mich erst gegen Mittag aus dem Bett, dann fahre ich an den Strand im Nachbarort Castagneto Carducci. Kaum dort angekommen und einmal ins Wasser gehüpft, schlafe ich unter dem Sonnenschirm ein.

Wieder auf I Papaveri bin ich so kaputt, dass ich auf der Couch einschlafe. Dabei träume ich oft und viel und am Anfang von der Arbeit, aber das wird immer weniger. Es ist, als ob ich den Stress der letzten Monate im Unterbewusstsein aufarbeite und wegschlafe.

Wenn ich wach bin, mache ich nur profane Dinge, wie zum Markt fahren und einkaufen oder kochen oder lesen.

Kochen ja, aber nichts Aufwendiges.

Anfangs kommt mir das ein wenig wie Verschwendung vor. Ich habe Urlaub, bin mit dem Motorrad in Italien, und was tue ich? Pennen und Hausarbeit. Erst langsam dämmert mir, dass ich diese Ruhe bitter nötig habe. In den vergangenen Wochen fühlte ich mich oft schlagartig hohl und leer, und in diese Leere schlichen sich Traurigkeit und ein tiefes Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung.

Für diese Gefühle gab es objektiv keinerlei Grund, privat und auf der Arbeit läuft alles super, und dennoch kamen diese Attacken aus dem Nichts immer häufiger. Jedes Mal hatte ich trotzig die Lippen zusammengepresst und die Traurigkeit Mal um Mal beiseite geschoben. Aber oft genug hätte ich einfach losweinen können. Dazu kam die andauernde Müdigkeit. Das ganze erste Halbjahr war ich müde und kraftlos und musste mich oft zusammenreissen, um morgens überhaupt aufzustehen.

So ein Mix aus tiefer Erschöpfung und den Gefühlen von Hoffnungslosigkeit, Leere und Trauer gibt es in der geistigen Welt jedes Menschen. Es ist die Grenze zwischen normalem und zu viel Stress. Ich stelle es mir wie ein graues Band vor, das in der Peripherie lauert, ganz am Rand der eigenen Wahrnehmung. Wenn ich dauerhaft Stress ausgesetzt bin, wächst das graue Band, es wird breiter und verengt erst meinen Blick, dann mein Leben.

Am Ende schaue ich wie mit einem Tunnelblick in die Welt. Das ist natürlich nicht gesund, aber das Schlimme ist: Ich merke das manchmal nicht. Dann sagt mir mein Körper irgendwann, dass es jetzt reicht. Ich werde zwar so gut wie nie krank, aber wenn ich sowas passiert wie die Panikattacke neulich, dann weiß ich: Jetzt ist das Limit erreicht, noch Bißchen weiter, und ich bin über die Grenze. Soweit war es jetzt zum Glück noch nicht, aber an dieser Grenze war ich viel zu dicht und ungesund lange.

Aaah, schwimmen im Meer.

Ab dem dritten Tag fühle ich mich fitter und schlafe weniger. Jetzt schwimme ich viel im Meer, und das warme Wasser und die Wellen spülen über meinen Körper. Jeder Schwimmzug wäscht die Gedanken und Sorgen, die Traumfetzen und die Verspannungen Stück für Stück weg. Ich muss an nichts denken, niemand zwingt mich irgend etwas zu tun. Entscheiden muss ich nur, was es heute zum Abendessen gibt.

Jedes Mal, wenn ich aus dem Wasser steige, bin ich ein Bißchen mehr wieder ich selbst. Ich finde meine Ruhe wieder, und mein Selbstvertrauen, und meine Souveränität wieder.

Wie ich dieses Wetter genieße! In den vergangenen drei Jahren war das Wetter in San Vincenzo immer schlecht, wenn ich hier war, nun ist es fantastisch: Bei fast 30 Grad brennt die Sonne herab, aber am Strand wird die Hitze durch eine angenehme Brise erträglich, und das Appartement ist auch kühl.

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Reisetagebuch Motorradtour (2): Die geheime Festung

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht´s tief in die Berge, eine Wurst geht auf den Sack und wir erfahren den wahren Grund für die V-Strom.

Samstag, 16. Juni 2018, Gotthard-Pass, Schweiz
„Prooobleeeeme?“, sagt eine Stimme mit einem einem langsamen, schweizer Einschlag. Diesem Einschlag, der das „R“ rollt und jeden Digraph (das ch, den reibungslosen Stimmlaut im Hochdeutschen) in krächzige Hustlaute verwandelt. Ich blicke unter der V-Strom hoch. Über mir steht ein großer Mann mittleren Alters. Unter einem grauen Stoppelhaarschnitt gucken zwei Augen hervor, deren Lider auf Halbmast gezogen sind. Der Mann spricht nicht nur wie in Zeitlupe, er guckt auch ein wenig wie ein Rindvieh. Er trägt eine neongelbe Warnweste, in deren Brustfenster eine Pappkarte mit dem Logo des Motorradherstellers Triumph gesteckt.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, beißt der Mann in eine fette Bratwurst, Seine Kiefer beginnen mit Mahlbewegungen, die aussehen, als wollte er die Wurst wiederkäuen. Bratwurst zum Frühstück, interessante Wahl.

„Nee“, sag ich. „Keine Probleme“. Dann wende ich mich wieder der V-Strom zu, ziehe die letzte Schraube fest und gehe zur anderen Seite hinüber. Sofort steht ein kleiner Mann neben dem Motorrad und deutet auf einen Schraubendreher, den ich auf der anderen Seite habe liegen lassen. Aufgeregt hüpft er auf uns ab und deutet auf das Werkzeug. „Aber den nich´vergessen, nä?“. „Nein, den vergesse ich schon nicht. Danke.“, sage ich durch zusammengebissene Zähne. Der kleine Mann hoppelt mit einem seltsamen Hüpfgang davon.

Derweil hat sich das Rindvieh in eine eigene Welt hineingekäut. In dieser Welt führen wir offensichtlich eine Konversation, denn unvermittelt und für Außenstehende völlig zusammenhanglos bricht es aus ihm hervor „Du, wenn du Käse magst, empfehle ich Dir das Muggschä.“

Ich blicke in irritiert an und sage „Danke“.

Was ist nur mit den Moppedfahrern los, dass die sich immer in Gruppen zusammeklumpen müssen? Ich meine, es ist ja schön, wenn Gleichgesinnte sich zuammenfinden und gerne Touren gemeinsam machen, aber diese spontane Rudelbildung ist es, die mir missfällt. Ich will nicht bei jedem Halt von fremden Leuten angequatscht werden, nur, weil wir zufällig beide benzingetriebene und zweirädrige Fahrzeuge dabei haben. Das reicht nicht für eine tiefere Verbindung. Zumal meine Vorstellung vom Moppedfahren eh eine andere ist als die der meisten anderen.

Habe ich heute morgen erst wieder gemerkt, als ich vom Brünigpass aufgebrochen bin. Dort hatte ich mich in aller Frühe von Gaby verabschiedet, um vor allen anderen – so dachte ich – auf der Straße zu sein.

Die Barocca hatte die Nacht, in der es ordentlich gestürmt hatte, gut hinter dem Gasthaus verbracht.

Der Brünigpass liegt zwar nur auf 1.000 Meter Höhe, aber 9 Grad war es nicht gerade warm (vom Motorradthermometer muss man immer 4 Grad abziehen).

Spielte aber keine Rolle, denn kalt war mir keinen Moment – die Sonne schien schon aus allen Knopflöchern. Sie blendete geradezu vom Himmel herab, im wahrsten Sinne des Wortes: Gegen die Sonne zu fahren, das kam an diesem Morgen an einigen Stellen einem Blindflug gleich. Trotz Sonnenschild im Helm.


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Reisetagebuch Motorradtour 2018 (1): Das Vitra, der Muger und die Gaby

Freitag, 15.06.2018, Klein-Kems bei Basel

Klein-Kembs? Kleinkems? Klein Chems? Lustig, allein an der Verwirrtheit des Ortes über seinen Namen lässt sich schon ablesen, wo ich hier bin: In der Nähe von Basel, genau im Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Hier ist nicht nur alles mehrfach benamst, es ist auch das Bermudadreieck der Telekommunikation, wahlweise weißer Fleck auf der Karte der Funkabdeckung oder schwarzes Loch, was Empfang angeht.

In der Gaststube des „Blume“, in der gestern Abend die Einheimischen noch launig die Bierhumpen weggezecht haben, gibt es ein bodenständiges Frühstück. Dazu bodenständiges WLAN, das heute sogar am Internet hängt. Ich halte mich nicht lange auf, schlinge ein Brötchen herunter, kippe einen Kaffee hinterher und schwinge mich dann sofort auf die V-Strom. Es ist nicht mal acht Uhr, als die Maschine aus Klein-Kembs(?) herausrollt.

Anna bootet sich in meinen Helm und meldet Einsatzbereitschaft. Anna ist die Stimme des Garmin-Navigationsgeräts, das vor mir an der Gabelbrücke befestigt ist. Es kann ein wenig mehr als normale Navis. Unter anderem ist es mit Sensoren an den Reifen vernetzt, es hat crowdgesourcte Datenbanken über Verkehrsüberwachungen eingepatcht, und es hängt am Internet, aus dem es Verkehrs- und Wettermeldungen entlang der Reiseroute fischt und diese bei Bedarf anpasst. Dieses Level an „Intelligenz“ und die Tatsache, dass die Stimme des Navis manchmal Tage- und wochenlang die einzige ist, die mit mir deutsch spricht, führt dazu, dass ich dazu neige, das ZUMO zu vermenschlichen und von der Stimme in meinem Helm als virtuelle Copilotin zu denken. Die nenne ich, nach der Bezeichnung der deutschen Stimmsynthese, eben Anna.

Ich lasse Anna nach einer Tankstelle suchen. Sie findet eine, die 2,5 km Luftlinie entfernt ist. In der Gegend wird aber sehr viel gebaut, weshalb ich gestern schon recht lange durch die Weinberge zirkuliert bin, bis ich endlich die einzige noch offene Straße nach Klein_Chems(?) gefunden hatte. Auch heute muss ich einen riesigen Umweg fahren, erst 16 Kilometer nach Norden, dann wieder 15 nach Süden – so werden aus 2,5 km Luftlinie schnell über 30 Kilometer Wegstrecke.

Wurscht, der kleine Umweg führt über die alte Weinstraße, und die verläuft, wie der Name schon andeutet, durch Weinberge am Rhein entlang. Ich muss ans Büro denken und bin froh, dass ich heute an einem sonnigen Morgen an grünen Berghängen entlangfahren kann und nicht am Schreibtisch sitzen muss.

Frisch aufgetankt stürze ich mich dann in den Baseler Stadtverkehr. Der ist eine ziemliche Katastrophe, denn auch in der Stadt sind viele Straßen gesperrt, auch hier wird überall gebaut. Zwar findet Anna souverän immer neue Wege, aber ich habe Mühe, den Vorgaben des Navis zu folgen – die Straßen in Basel sind durchzogen von Straßenbahnschienen, und ich muss immer wieder aufpassen, dass mir das schlanke Vorderrad der V-Strom nicht in eine Schiene oder Weiche hineingerät.

Am Rand von Basel, auf der anderen Seite der Stadt, liegt der Campus des Vitra-Designmuseums. Das ist ein großes Areal mitten im Grünen, auf dem skurril anmutende Gebäude herumstehen. Die hat die Firma Vitra, ein Möbelunternehmen, hier von einigen der bedeutendsten Designerinnen und Architektinnen der Welt hinbauen lassen, u.a. Frank Gehry und Zara Hadid.

Die Feuerwache von Zara Hadid:

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Kategorien: Motorrad, Reisen, Wiesel | 9 Kommentare

Teaser

Der Herbst geht, das Reisetagebuch kehrt zurück. Hier ein kleiner Ausblick auf die Orte, an die es das Motorrad und mich in den kommenden Wochen verschlägt.

Der Prolog ist schon online, richtig los geht´s am kommenden Samstag.

Verpassen Sie nicht spannende Folgen wie:
Teil 1: Das Vitra, der Muger und die Gaby
Teil 2: Die geheime Festung
Teil 3: Interludium
Teil 4: Im war im Himmel, dort ist es sehr kalt
Teil 5: Das flache Land
Teil 6: Mach Deine Hausaufgaben
Teil 7: Sturmjäger
Teil 8: Wenn der Regen Blasen wirft
Teil 9: Die Hölle vor Tor 3
Teil 10: Game of Schweiß
Teil 11: Küstenträume
Teil 12: Linker Schulter Fehler
Teil 13: Cabin in the Woods
Teil 14: Disneylands Unterwelt
Teil 15: In heiligen Hallen
Teil 16: Das Ende einer Reise

Mit besten Dank an ssuchi für die Drohnenaufnahmen!

Frühere Werke der Videokunst

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Reisetagebuch (Prolog): Nur in meinem Kopf

Dienstag, 12.06.2018
Plötzlich beginnt meine Haut zu kribbeln. Wie eine kalte Welle breitet sich die Erkenntnis aus: „Der Kupplungszug ist fertig, der muss getauscht werden!“. Gleich darauf beginnt sich das Karussell in meinem Kopf zu drehen „….ich muss nochmal in die Werkstatt… wie bringe ich das jetzt noch unter, zwischen der Projektbesprechung und der Telefonkonferenz und…“.

Ich stehe in der Garage neben der V-Strom. Es Juni und hochsommerlich heiß, aber schlagartig ist mir kalt. Ich zittere und Gedankenfetzen zucken durch meinen Kopf. Wie mache ich das… wie kriege ich das unter… kann ich überhaupt wegfahren… Brauche ich noch ein Ersatzteil….

Ich springe zum Werkstattcomputer, rufe eine Ersatzteilseite von Suzuki auf und klicke mich hektisch durch die Baupläne der V-Strom bis zum Kupplungszug.

Als ich auf „bestellen“ klicke, weiß ich eigentlich schon, dass es zu spät ist. Der Kupplungszug wird nicht mehr rechtzeitig vor Reisebeginn ankommen. Was soll ich nur machen?

Wieder fühle ich kalte Schauer auf der Haut. Meine Knie werden weich. Es ist gerade zu viel. Alles.
Ich halte mich an der Werkbank fest und sinke langsam in die Hocke, bis ich schief an der Wand lehne. Mein Herz hämmert. Das Blut rauscht mir in den Ohren. Ich schließe die Augen.

Langsam sickert die Erkenntnis durch: Es reicht.
Jetzt. Reicht. Es.

Die letzten Wochen, ach was, das ganze erste Halbjahr dieses Jahres hatte ich viel zu tun. So viel, dass die Wochen und Monate einfach durchgerauscht sind. Plötzlich war es März, jetzt ist es Juni. Wo ist die Zeit bloß hin? Dabei kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Im projektgetriebenen Geschäft muss man nun mal mehr arbeiten, wenn Gelegenheiten vorbeikommen. Meine Mehrarbeit hielt sich dabei zeitlich sogar in Grenzen. Anders als manch andere Leute musste ich keine 70 oder 80 Stunden die Woche kloppen, aber es war halt immer viel zu tun, viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. In den letzten Wochen kamen dann zu meiner normalen Arbeit noch Urlaubsvertretungen und parallel Vorbereitungen für den Herbst hinzu.

Das alles habe ich selbst nicht bewusst als Stress wahrgenommen. Aber jetzt gerade erlebe ich einen echten Kontrollverlust, mit dem mein Körper mir sagen will: Es reicht.

Ich habe meine innere Ruhe verloren. Irgendwie liege ich seelisch gerade so schief, dass ich bei einem so kleinen Anlass wie einem lökerigen Kupplungszug mit Panik reagiere. Dabei gibt es dazu objektiv gar keinen Grund. Ja, der Kupplungszug mag schon 50.000 km runter haben und jetzt etwas zu lang sein. Na und, so what?

Damit kann man problemlos fahren, sagt mein Verstand.
PANIK PANIK PANIK sagt der Körper.

Fast vier Wochen will ich in diesem Jahr unterwegs sein. 6.000 Kilometer soll die Tour mindestens lang werden, vermutlich werden es am Ende fast 9.000. Das wäre die bisher längste Motorradreise. Außerdem hat sie einige komplizierte Abschnitte drin. Das ist doch Irrsinn, was ich da vorhabe! Was da alles passieren kann, ruft eine Stimme in mir. Es passiert doch immer was! Unfälle, Umfälle, Defekte am Motorrad!

Ich kann nur noch daran denken, wie mir im vergangenen Jahr dieser Auffahrunfall passiert ist, oder wie mir das Motorrad vor einigen Jahen umfiel, oder die Kette ruckelte und Tacho und Lichtmaschine kaputt gingen. Sorgen, Nöte, Notfälle, Werkstätten. Jetzt habe ich Angst. Eigentlich möchte ich am liebsten sogar zu Hause bleiben.

Überhaupt war ich dieses Jahr gar nicht besonders motiviert eine Reise zu planen. Auch bedingt durch Arbeit war ich mit den Gedanken immer woanders, ich hatte kaum Lust und mir fast keine Zeit genommen, Reiseziele und -routen raus zu suchen. Keine Motivation im Vorfeld, und jetzt auch noch fertig mit den Nerven und voller Angst.
Das kann ja was werden.

Langsam klingt der Panikanfall, falls das einer war, ab. Ich ziehe mich auf die Füße und schließe das Garagentor, hinter dem die ZZR und die V-Strom im Dunkel zurückbleiben.
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Kategorien: Motorrad, Reisen | 6 Kommentare

Top 3 Roaming-Fallen in Europa

Wenn mal wieder jemand fragt, was die EU für uns getan hat, dann weise man diese Person bitte (als eines von VIELEN Beispielen) auf die Regelungen zum Roaming hin.

Bis vor wenigen Jahren konnte man sich in heftige Schulden katapultieren, wenn man sein Telefon zum Telefonieren oder für die Datennutzung im Ausland verwendete. War man damit zu sorglos, standen bei der Rückkehr schlimmstenfalls hunderte oder gar tausende Euro auf der Telefonrechnung. Die EU führte dann erst den „Kostenairbag“ ein, eine Obergrenze von ca. 60 Euro, bei deren Erreichen man deutlich informiert wurde. So wusste man wenigstens, dass man für das Abrufen von Mails und einmal Wetter-App öffnen gerade den Gegenwert eines luxuriösen Abendessens verbrannt hatte.

Seit Juni 2017 gibt es Obergrenzen für einzelne Leistungen und es gilt das RLAH-Prinzip, Roam-like-at-Home. Das besagt im Wesentlichen: Was man zu Hause an Vertragsleistungen inklusive hat, soll (mit wenigen Ausnahmen) auch im EU-Ausland gelten. Das heißt, man kann eigentlich in den Einstellungen von Smartphone und Tablet den „Roaming“-Knopf immer auf „an“ lassen, oder?

Leider nicht, denn es gibt immer noch Fallen. Bei einer Fahrt durch Europa kommt man durchaus in Ecken, die nicht Europa sind. Denkt man aber meist nicht dran, weil man sich ja so an eine Welt ohne Grenzen gewöhnt hatte. Ich persönlich kenne drei fiese Fallen, in die ich selbst, Freunde oder Bekannt getappt sind. Hier sind sie, geordnet nach Grad der Perfidität:

Platz 3: Die Schweiz
Die Schweiz ist nicht Europa. Ist eigentlich klar, denkt man vielleicht sogar noch dran. Aber: Schon im Dreiländereck bei Basel versagt die deutsche Telekom, und mein Telefon switchte auf Schweizer Mobilfunkbetreiber um. Vorher aber auf Französische. Mehrfach. Über jeden Switch gab es Info-SMS. Bei EU-Betreibern steht dann nur drin: Alles gut, kostet jetzt nicht so viel. Und zwischen all den „Alles gut“-SMS steckt dann eine von einem Schweizer Unternehmen. Übersieht man die, wird es Übel: 50 KB Daten kosten in der Schweiz 0,49 Euro. Das bedeutet: Ein Mal Spiegel Online aufrufen kostet 12 Euro. Halleluja! Hey Schweiz, die 90er haben angerufen, die wollen ihre Preise wiederhaben. Odr.

Platz 2: Fähren
Fährste auf ner Fähre von einem EU-Land ins andere, hast die ganze Zeit tollen Mobilfunkempfang eines Mobilfunkbetreibers aus der EU, kann gar nichts passieren, oder?
Denkste. Sobald sich das Schiff außerhalb der Sieben-Meilen-Zone bewegt, ist es in internationalen Gewässern und nicht mehr in der EU. Der gute Handyempfang kommt daher, dass das Schiff selbst einen GSM-/LTE-Mast mit sich rumfährt. Der hängt aber an einer Satellitenverbindung, und kann die Sache teuer machen. Ein Mal Wetterkarte geguckt, zack, 40 Euro weg. Man sieht das nicht mal, denn der Mobilfunkbetreiber des Mastens am Schiffs ist der gleiche wie auf dem Festland. Wer also auf einem Schiff ohne kostenloses WLAN auf dem Meer unterwegs ist, der sollte am Besten den Flugmodus von Telefon und Tablet nutzen.

Platz 1: Monaco
Ehrlich gesagt habe ich nie einen Gedanken daran verschwendet, dass die Stadtstaaten in Südeuropa eben nicht zu Europa gehören. Warum auch? San Marino, Seborga, der Vatikan und Monaco sind zu klein um relevant zu sein. Dementsprechend haben sie auch keine eigene Währung und keine eigene Infrastruktur. Sie nutzen die Infrastruktur der sie umgebenden Länder, dazu gehört auch der Mobilfunk. Im Fall von Monaco muss man allerdings die Vergangenheitsform verwenden, denn das pissige Mini-Herzogtum hat sein eigenes Mobilfunknetz hochgezogen. Schon 2016, was an mir völlig vorbeigegangen ist. Früher konnte man in dem zähflüssigen Verkehr aus Nobelkarossen, der den Felsen der Reichen und Adligen umschwappt wie Teer, einfach an Monaco vorbeieiern. Heute empfiehlt sich ein kurzer Stopp weit vor dem Felsen, um das Roaming abzuschalten. Ansonsten wird es schnell teuer: 1 MB GPRS-Verbindung kosten 10 Euro, und da jeder von uns in seinem Bekanntenkreis Spezialisten hat, die per Mail oder Whatsapp unkomprimierte, 5 Megabytegroße Bilder ihres Mittagessens oder HD-Videos ihrer brabbelnden Kinder versenden, wird eine Vorbeifahrt am Fürstentum recht schnell sehr teuer. Das Perfide: Man merkt den Landeswechsel ja nicht mal, denn Grenzen, die gibt es zumindest zu Monaco nicht mehr.

Kennt ihr weitere Roamingfallen? Ich bin gespannt auf Kommentare!

Kategorien: Reisen, Service | 7 Kommentare

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