Reisen

Reisetagebuch Motorradherbst (3): Unter dem Marmorberg

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im September des ersten Pandemiejahres. Nur an Orte, deren Risiko einschätzbar ist. Heute warte ich den ganzen Tag auf schlechtes Wetter und verfahre mich unter einen Berg.

Dienstag, 22. September 2020
Trout Lodge, Collagna

Gestern Abend bin ich so schnell eingeschlafen als hätte mich jemand ausgeknockt, dafür bin ich nun um kurz nach 5 Uhr schon wieder wach. Ich gucke auf die Uhr, dann drehe ich mich nochmal um und genieße bettwarmen Halbschlaf. Habe ich echt schon wieder von der Arbeit geträumt? Man. Offensichtlich fällt es mir schwer die aus dem Kopf zu bekommen. Ein sicheres Zeichen dafür, wie tief die gerade noch in meinem Kopf steckt.

Ich dämmere noch einmal weg. Erst zwei Stunden später schwinge ich die Beine aus dem Bett und öffne die Tür der Hütte. Die Sonne schiebt sich gerade über Berge von Collagna, und die Barocca wird von den ersten Sonnenstrahlen umschmeichelt.

Tief atme ich die kühle Waldluft ein. Es hat heute Nacht geregnet, die Luft ist feucht und frisch.

Ich schiebe das Motorrad rückwärts unter dem Vordach der Hütte hervor, hänge die Koffer ein und bin damit schon abreisefertig.

Das Twin Peaks Zimmer hat in einer Ecke einen kleinen Anbau. Das ist ein Durchgang, dessen Tür aber abgeschlossen ist.

Einer der Schlüssel am Bund mit der Holzforelle passt zwar, lässt sich aber nicht drehen. Als ich jetzt versuche ihn ins Schloss zu stecken, höre ich eine weibliche Stimme hinter der Tür. „Nein, lass, das geht nur von dieser Seite!“, tönt es auf italienisch. Okay.

Ich warte, dann höre ich einen Schlüssel im Schloss und die Tür springt auf. Direkt dahinter steht eine blonde Frau mit Mundschutz und sagt „Nicoletta hatte gestern fest abgeschlossen, weil sie noch Freunde da hatte. Ich bin Roberta. Komm rein! Verstehst Du meine Sprache?“ Ich nicke. „Gott sei´s gedankt! Englisch ist doch, naja, beh.“

Ich folge Roberta und stehe im Aufenthalts- und Frühstücksraum der Lodge. An einer Wand ist eine kleine Einbauküche eingelassen, davor ein Tresen, der in diesem Jahr wegen Corona von einer Plexiglasscheibe geschützt wird.

Er biegt sich förmlich unter all den leckeren Sachen, die darauf stehen:

  • Ein Teller mit Pizzastücken.
  • Eine Schale mit Croissants.
  • Apfelkuchen.
  • Pfirsichkuchen.
  • Kirschkuchen.
  • Eine undefinierbare, aber sehr bunte und hohe Torte mit Tonnen von Zuckerguss.
  • Mehrere Schalen mit verschiedenen Sorten Keksen.
  • Ein ganzes Blech mit unterschiedlichen Teilchen, Berlinern, Apfeltaschen und noch vielem mehr.

Ich kann mich daran erinnern, dass bei meinem ersten Besuch auch so krass viel aufgefahren war. Roberta bemerkt mein Gesicht angesichts dieser Auswahl und lacht „Hat alles Nicos Mama gebacken. Die steht den ganzen Tag in der Küche.“ „Äh, ok“, sag ich und nehme ein Teilchen, das mit Fiore di Latte, einer sämigen Milchcreme, gefüllt ist.

„Was trinkst Du?“, fragt Roberta, die viel redefreudiger ist als es irgendjemandem um diese Zeit gut tut. „Hättest Du einen…“, setze ich an. „Cappuccino! Klar, kommt sofort“, ruft Roberta. Man muss Roberta wohl schnell antworten, sonst übernimmt sie das Reden für einen gleich mit. „Nein!“, rufe ich „Caffé! Kein Cappuccino! Nur Caffé. Und Doppio, bitte“. Cappuccino, brr. „Junge, Kaffee ist kein Mixgetränk“, wie unser alter Hausmeister immer zu sagen pflegte.

Ich nehme an einem Tisch Platz und meine Maske ab. Roberta lehnt sich an den Türrahmen und sagt „Wir haben noch einen deutschen Gast“. Ah, stimmt. Ich habe gestern Abend jemanden auf deutsch telefonieren hören. „Ist der noch da?“, frage ich. „Ja, der schläft länger. Und er will draußen essen“, sagt Roberta, greift sich eine Tischdecke und Besteck, geht damit auf die kleine Terrasse vor die Lodge und deckt einen Tisch ein.

Als sie wieder reinkommt, fährt sie fort: „Ist schon auffällig: Gerade kommen nur Männer hier her, und alle reisen allein.“ Kann ich verstehen, gehöre ich auch zu. Das ist Roberta nicht entgangen. „Warum bist Du allein hier?“, fragt sie.

Tja. Gute Frage. Weil ich ohnehin am liebsten allein reise? Aber das ist nicht der alleinige Grund, der mich hierhin, an den Arsch der Welt, verschlagen hat.

Da ist noch etwas anderes. Einen guten Teil dieses Jahres fühlte ich mich, als würde ich die Last der Welt auf meinen Schultern tragen. Wenn ich ernsthaft im Stress stecke, merke ich das selbst meist sehr spät, wenn der Körper Beschwerden meldet oder andere sagen „Mensch, Du siehst aber nicht gut aus“. In diesem, sehr speziellen Jahr war selbst mir bewusst, dass alles ein Bisschen zu viel auf einmal war. Aber weniger tun ging nicht, ich trage Verantwortung, und die vernachlässigen kann ich nicht. Vieles kannst Du, will´s die Pflicht, wie der alte Poesiealbumspruch weiß.

Aber manchmal ist es so viel auf einmal, dass ich mich sehr einsam fühle. Eine Einsamkeit, die sich dumpf und hohl anfühlt und alle Energie verschlingt. Einsamkeit, die aber bitte nicht mit „allein sein“ verwechselt werden darf. Allein zu sein macht mir nichts, das kommt meiner Einzelgängernatur entgegen. Einsamkeit dagegen ist „allein sein“ plus Verzweiflung.

Unter starkem und langem Stress werde ich manchmal, ganz plötzlich und nur für einen kurzen Moment, von einer alles umfassenden Verzweiflung überrollt, die aus dem Nichts wie eine Welle über mir zusammenschlägt. In solchen Momenten fühlt sich einfach alles nach „zu viel“ an und ich mich ganz klein und einsam. Das sind Momente, in denen mir vor Verzweiflung die Tränen in die Augen steigen, weil ich nicht weiß, wie ich alles schaffen soll.

Diese Welle der Verzweiflung schlägt immer in ruhigen Momenten zu, etwa wenn ich nach einem langen Tag allein im Auto auf dem Weg nach Hause bin. Urplötzlich fühle ich mich dann leer, mut- und kraftlos, und ich muss mit den Tränen kämpfen. Das dauert nur einen kurzen Augenblick, und objektiv gibt es dafür keinen Grund, weil ich eben doch fast immer doch alles im Griff habe. Aber solche Momente gab es in den vergangenen Wochen sehr häufig, ein deutlich Zeichen, dass ich in sehr ungesundem Maß und über einen langen Zeitraum Stress hatte. Die natürliche Reaktion darauf ist ein Fluchtreflex: Ich wollte eigentlich nur noch, dass das alles aufhört, das die Welt mich in Ruhe lässt, und wenn das nicht geht, wollte ich wenigstens einfach weg und von niemandem gefunden werden.

Ja, das ist es: Ich bin hier, auf dieser Forellenfarm mitten im Nirgendwo, in Bergen, von denen noch nie jemand was gehört hat, weil ich mich vor der Welt verstecken will.

„Hey?! Warum bist Du hier, so alleine?“, fragt Roberta noch einmal und reißt mich aus meinen Gedanken. „Naja, weil das hier ein schöner Ort ist, mit netten Leuten“, sage ich, „Perfekt zum Entspannen. Und weil man wird hier…“ ich mache eine Armbewegung in Richtung des durchgebogenen Tresens „…so lecker umsorgt wird“.

Roberta grient unter ihrer Maske, das sieht man an ihren Augen. Was ich natürlich auch nicht sage: Das erste Mal war ich 2017 vor allem deswegen hier, weil hier eine Übernachtung inklusive dieses opulenten Frühstücks gerade mal 25 Euro kostet. Dieses Mal hätte ich mit Vergnügen auch deutlich mehr gezahlt, nur um noch einmal hier sein zu dürfen, aber die Preise sind nach wie vor so super fair.

„Habt ihr sonst eher Familien hier?“, frage ich. „Oh ja, dieses Jahr im Sommer ging es hier richtig ab“, sagt Roberta. „Juli und August, da waren hier so viele Gäste wie noch nie, vor allem Familien mit Kindern. Auch wegen COVID. An den Stränden liegt man ja eng gepackt, also sind jetzt viele in die Berge gefahren. Puh, wir hatten wirklich VIEL Arbeit.“

„Gut so“, sage ich. „Ihr macht hier einen tollen Job, ich wünsche Euch den Erfolg!“ „Nicht reden! Gute Bewertung bei Booking.com schreiben!“, sagt Roberta und lacht. „Mache ich“, sage ich im Aufstehen, dann sage ich noch schnell Nicoletta ´Tschüss und kurz darauf steuert die Barocca durch den kleinen Nadelwald zur Ausfahrt der Trout Lodge.


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Reisetagebuch Motorradherbst (2): Von den Wolken zu den Fischen

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im September des Pandemiejahres. Nur an Orte, deren Risiko einschätzbar ist. Heute geht es gleich zwei Mal in die Berge, Dick & Doof nerven, ich bekomme einen Wutanfall und brülle jemanden aus vollem Hals an, und am Ende wird´s fischig.

Montag, 21. September 2020, Pension Jaqueline, Sölden, Tirol, Österreich

Der Frühstücksraum ist perfekt, wie alles in der Pension Jaqueline. Frau Wilhelm, die Gastwirtin, werkelt mit einem Gesichtsschild am Buffet. Sie bemerkt trotz der FFP3-Maske, die ich trage, dass ich breit grinse. „Alles gut?“, fragt sie. „Ach, ich freu mich“, sage. „Seitdem ich das erste Mal hier war, wollte ich gerne wiederkommen, in dieses Haus, und es ist schön, dass das dieses Jahr noch geklappt hat. Tatsächlich mache ich nur Station in Sölden, um noch ein mal hier sein zu können“ Sie schaut ein wenig verwundert und fragt „Wieso?“.

„Naja, das mag sich jetzt doof anhören, aber: Zum einen, weil hier einfach alles so perfekt ist. Die Zimmer sind groß. Alles ist Motorradfahrerfreundlich. Aber der wahre Grund sind sie.“ „Ich?!“, fragt sie erstaunt. „Ja“, sage ich, „Man merkt ihnen an, dass sie entweder schon das halbe Leben in der Hotellerie sind oder es einfach im Blut haben. Wie auch immer, sie managen das hier so mühelos, da ist es eine Freude, Gast sein zu dürfen.“ Und das ist die Wahrheit. Bei meiner ersten Übernachtung hier, vor drei Jahren, hat mich die Professionalität dieser Frau einfach umgehauen. Das musste ich ihr einfach mal sagen. Ich war selbst Jahrelang in einem Gewerbe mit Gästen unterwegs und weiß, wie echtes Profitum aussieht, und diese Frau ist Profi durch und durch.

Sie freut sich sichtlich. Wir plaudern noch ein wenig, dann lässt sie mich in Ruhe Frühstücken.

Zahlen, Gepäck an´s Motorrad hängen, dann geht es raus in die kühle Bergluft. Sechs Grad, mehr sind es heute morgen nicht. Aber wenigstens regnet es nicht. Als ich 2017 im September hier war, war es bedeutend nasser. Und kälter. So kalt, dass nur ein wenig höher in den Bergen schon Schnee fiel. Die geplante Fahrt über das Timmelsjoch musste damals ausfallen, stattdessen bin ich zurück nach Innsbruck und dann über den Brenner gekurvt. Aber nicht heute, heute geht es in die Berge!

Es geht hinaus aus Sölden, vorbei an Bettenburgen und Skipalästen. Es ist sehr deutlich zu sehen, dass Sölden ein Wintersportmekka und ein Partyort ist, ein Ballermann der Alpen. Bereits nächste Woche, hat Frau Wilhelm gesagt, geht die Saison los und die ersten Übungs-Skigruppen und Partytouristen kommen in den Bergort. Ob das wirklich so eine gute Idee ist, so mitten in der Pandemie? Ich wage das zu bezweifeln.

Tatsächlich wird drei Tage nach meiner Abreise ganz Tirol zum Risikogebiet erklärt werden, und Mitte November hat Österreich dann praktisch die Kontrolle über die Pandemie verloren. Aber das weiß ich noch nicht, als ich jetzt, im September, die Straßen in die Alpen hinein schieße.

Der Himmel ist bedeckt und in den Tälern stehen noch die Schatten, Überbleibsel der Nacht. Die Sonne schiebt sich gerade erst über die Berggipfel des engen Tals.

Es ist schon gut was los an diesem Morgen, vor allem langsame SUVs und LKW mit Baumaterial sind auf der Straße und verhindern zügiges Fahren. Es macht einfach keinen Spaß, hinter einem mit Stahlteilen beladenen Lastwagen mit Tempo 20 her zu zockeln.

An einer Baustellenampel mogele ich mich nach vorne, vor alle PKW und LKW, und stehe hinter zwei Moppedfahrern. Beide hocken auf kleinen Sportmaschinen, eine mit einem Insbrucker Kennzeichen, eine aus Aalen.

Der Einheimische ist dünn, von Kopf bis Fuß in knallbunter und unbenutzt aussehende Rennkombi gekleidet und hampelt an der Ampel so auf seiner Karre rum, dass er fast umfällt. Der Deutsche trägt anscheinend einen Hoodie und… Jogginghose? Sieht zumindest so aus, und außerdem hängt links und rechts von der kleinen Rennmaschine eine fette Arschbacke herunter. Fast wirkt es, als hätte sich ein Zirkusmensch ein Minimotorrad in die Poritze geklemmt.


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Reisetagebuch Motorradherbst (1): Südwärts

Samstag, 19.09.2020
Gerade nochmal ein wenig Hand an die Motorräder gelegt. Die ZZR ist jetzt abgedeckt und die Vergaser abgelassen, die macht schon Winterschlaf. Die V-Strom dagegen hat noch was vor sich, sie steht mit gepackten Koffern und startbereit da.

Ich wische mit einem Lappen an meinen Händen rum, verteile damit das Öl aber nur noch sorgfältiger. Gott, was freue ich mich, endlich rauszukommen. Die kleine Rundfahrt durch den Osten ist schon wieder drei Monate her, und auch wenn 2020 insgesamt kein Spaziergang ist, waren die letzten Wochen ganz besonders fordernd. Zehn bis zwölf-Stunden Tage, sieben Tage die Woche, keine Verschnaufpause, keine Ruhe.

Es war alles ein Bißchen viel auf einmal: Ein Trauerfall, Beerdigung, Vorstellungsgespräche, Jahresabschluss im Unternehmen, Neuerfinden einer Tagung, das alles neben der normalen Arbeit, und dann natürlich noch die Pandemie – wie hält man einen Laden zusammen, wenn die Mitarbeiter:innen sich alle nicht sehen dürfen und Homeoffice angesagt ist?

Besonders die letzte Woche habe ich viel zu wenig geschlafen, was in ziemlicher Dünnhäutigkeit resultierte. Immerhin, 5 Kilo weniger auf den Rippen, auch gut. Ich habe schlicht an manchen Tagen vergessen was zu essen, an anderen hatte ich einfach keinen Appetit. Ja, es war viel auf einmal.

Die Reise steht unter keinem guten Stern. Seit gestern ist der Stress eigentlich vorbei, und natürlich habe ich seit gestern eine zuhe Nase und huste dauernd. Die oberen Atemwege kribbeln, sicheres Zeichen für eine Infektion. Covid-19? Hoffentlich nicht. Die Fallzahlen gehen gerade wieder überall durch die Decke. Wo vor vier Wochen zwei- bis dreihundert Neuinfektionen pro Tag normal waren, sind es gerade zehn mal so viele, schon über 2.200*. 

Gestern Abend hat sich eine Herberge aus Österreich gemeldet, in die ich will. „Wir werden mit Sicherheit Sonntag oder Montag zum Risikogebiet. Wenn sie dann herkommen, werden die bei der Rückfahrt in Quarantäne müssen“, schrieb die Gastwirtin.

Ich will nicht darüber Nachdenken, ob ich den Coronavirus habe. Vielleicht kommt das Kribbeln in den Bronchien ja einfach davon, dass ich die letzten Tage viel geredet habe, und das in sehr trockenen Räumen. Ja genau, das muss es sein. Und es spielt keine Rolle, ob Tirol Risikogebiet wird. Ich will da ja nicht Ski fahren. Dann  gehe ich halt einfach nicht unter Menschen. So einfach ist das. Positiv denken, und nicht zu weit nach vorne. Ich mache das jetzt einfach, ich muss nämlich hier raus. Dringend. 

Sonntag, 20.09.2020
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker viel zu früh. „Oi Siri, Außentemperatur“, nuschele ich unter der Decke hervor. „Es sind 5 Grad“, entgegnet das iphone. Ich stöhne gequält auf. wo sind die 17 Grad hin, die wir gestern morgen hatten?

Immerhin scheint die Sonne, stelle ich fest, als ich fröstelnd mit einem Becher Kaffee in der Hand auf dem Balkon stehe. Es wird langsam Herbst. Der Apfelbaum hängt schon voller Früchte, aber noch hat er grüne Blätter.

Ich mache mich abreisebereit und brauche dafür genau eine Stunde, dann knipse ich die Sicherungen der Wohnung raus und ziehe die Tür zu. Weg hier!

Trotz 5 Kilo weniger auf den Hüften habe ich Mühe, die ohnehin körperbetont geschnittene Motorradjacke über die Fleecejacke zu bekommen, aber irgendwann habe ich mich hineingewunden und alle Reißverschlüsse zugezogen.

„Wo geht´s hin, Anna?“, frage ich, als ich das Geräusch im Helm vernehme, das bestätigt, dass das Garmin Zumo 590 jetzt mit Motorrad und mir verbunden ist. „Biegen Sie links ab und folgen sie de Straßenverlauf für 660 Kilometer“, sagt meine virtuelle Copilotin. „Das bekomme ich hin“, sage ich, lasse den Motor an und die V-Strom aus der Garage rollen. Karten lesen und dieses Abbiegen nach links oder rechts überfordern mich manchmal, aber einfach nur dem Straßenverlauf folgen, das kriege ich hin. 

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (7): Das Plastinarium

Freitag, 03. Juli 2020, „Fuchsbergklause“ Dresden

Früh und schnell frühstücke ich in der Fuchsbergklause in Klotzsche, dem unappetitlich klingenden Vorort von Dresden, dann bringe ich die V-Strom auf die Straße.

Es geht nach Norden, weg von Dresden und auf Bundes- und Landstraßen durch Waldgebiete. Das hier ist die Lausitz. Schilder weisen den Weg zu Orten wie Bautzen, Bischofswerda, Hoyerswerda oder Cottbus. Wenn diese Namen in den Nachrichten auftauchen, stehen die meist im  direkten Zusammenhang mit Rechtsradikalen, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus.

Eine tiefe Verbitterung und Abneigung gegen alles Fremde (und, wenn gerade nichts Fremdes da ist, dann gegeneinander), das scheint in den Menschen hier ganz tief verwurzelt zu sein.

 

Ich erinnere mich daran, dass ich 1987 einen Schüleraustausch mitgemacht habe, zwischen meinem Gymnasium in Bad Gandersheim und dem in Pirna, was direkt vor Dresden liegt. Ich weiß davon nicht mehr viel, die prägendsten Erinnerungen sind aber:

  1. Wie der Lehrer der Austauschklasse sich bei einer Wanderung in die Sächsische Schweiz auf einen riesigen Findling stellte, der bestimmt drei Meter hoch und fünf Meter breit war, und den durch bloße Gewichtsverlagerung ein wenig von der einen auf die andere Seite kippen lassen konnte. „Das ist der legendäre Wackelstein“, proklamierte der Lehrer, „Der ist überall bekannt, der liegt hier seit Tausenden von Jahren und  ist ein Spaß für jung und alt! Von weit kommen die Leute hier her um den  Stein zu wackeln“. Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da gab es ein lautes Knirschen und der riesige Felds brach in der Mitte durch. Der Lehrer guckte fassungslos und trieb uns schnell weiter. Das war das Ende des berühmten Wackelsteins.

     

  2. Wie toxisch sich die Menschen in Pirna verhielten. Ich kannte das Wort natürlich noch nicht, aber die vergiftete Atmosphäre in meiner Gastfamilie, im Ort Pirna und der Schule nahm ich durchaus wahr. Die Toxizität galt nicht mir, der Hass richtete sich an unmittelbare Nachbarn („faules Lumpenpack“), Mitarbeiter und Kollegen („verdammte Fidschis“) und gegen die Nachbarn hinter der Landesgrenze („dumme Polen und klauende Tschechen“). Pirna liegt dicht an der tschechischen und polnischen Grenze, und ich weiß noch, dass ich es völlig seltsam fand, dass der Gastvater erst die Märkte dort lobte, weil er – ganz der clevere Sachse – dort billige Zigaretten und illegales Feuerwerk kaufen konnte, und im nächsten Moment abgrundtiefe Verachtung für die Menschen dort rausrotzte.

Verachtung und vergiftetes Denken, das ist mir noch von Pirna im Jahr 1987 im Gedächtnis. Und es war verbreitet, kein Einzelfall. Als würden die Menschen hier vom Hass angetrieben, so wirkte das auf mich damals. 

Zur sächsischen Gemütshaltung gehört die permanente Vermutung, dass alle anderen einen nur belügen und betrügen, und um den zuvorzukommen, hält man alle anderen von sich weg. Natürlich fühlen sich Teile von Sachsen auch heute, 30 Jahre nach der Wende, benachteiligt. Vertreter der der Lausitz, bspw., gebärden sich gerade so, als würde der Energiewandel nur gemacht, um ihnen persönlich eines auszuwischen, weil Braunkohle hier eine große Rolle spielte. Reste des Tagebaus sind noch überall zu sehen. Aber anstatt sich über die zerstörte Landschaft zu ärgern, sind die Leute hier auch noch stolz darauf.

Wohlgemerkt, der Tagebau SPIELTE eine Rolle, Vergangenheitsform. Schon heute arbeiten nur noch knapp 8.000 Personen in der Branche. Das ist nicht nichts, aber auch nicht so viel, dass es ein ganzes Bundesland in die Politikverdrossenheit führen sollte. Und doch passiert gerade genau das. Die AFD fuhr 2019 mit ihrem Gesellschaftszersetzenden Programm in Sachsen satte 28,4 Prozent ein, und an den Wochenende stehen hier an den Bundesstraßen Reichsbürger, schwenken Reichsflaggen und fordern das Ende der „Diktatur Merkel“. Wenn Deutschland einen „Rust Belt“ hat, dann ist das hier.

Möglicherweise haben die Leute hier alle tief sitzende und kollektive Neurosen. Auf solch einem Grund gedeiht Ausländerhass besonders gut, und das PeGiDA in Dresden seinen Ursprung hatte, wundert mich überhaupt nicht. Vielleicht entspringt dieses Verhalten einer tiefen Unsicherheit, denn diese Region wurden immer mal wieder von dem einen oder anderen Reich erobert. Erst „August der Starke“ gab den Sachsen hier ein wenig Selbstbewusstsein zurück, weshalb er bis heute auf eine fast kindliche Weise angehimmelt und verehrt wird.

In starkem Kontrast zu der Behauptung, von allen vergessen und immer benachteiligt zu sein steht der Zustand der nagelneu wirkenden Straßen und der schnieke herausgeputzten Dörfchen, durch die die v-Strom brummt. Nach gut einer Stunde komme ich in einer Stadt mit zwei Namen an. Mitten hindurch fliesst die Neiße und teilt den Ort in die polnische Hälfte Gubin und deutschen Ortsteil Guben.

Ich halte vor einem großen Fabrikgebäude aus Backstein und stelle die Barocca ab.

Guben war ab der Zeit der Industrialisierung bekannt für seine Tuchfabriken, und das hier ist eine davon. Genauer gesagt: Hier wurden Gubener Hüte produziert, garantiert wasserdichte Wollfilzhüte. „Gubener Hüte – weltbekannt durch ihre Güte“ war vor dem zweiten Weltkrieg ein bekannter Slogan. Im Krieg wurde die Stadt zu 90 Prozent zerstört, nach der Wende ging es wirtschaftlich bergab. Erst 2006 geriet Guben wieder in den Fokus, als ein Unternehmer hier einen Betrieb eröffnen wollte, den er zuvor in China aufgebaut hatte und dessen Ansiedlung ihm in Polen untersagt wurde – wegen Störung der Totenruhe und Leichenschändung.

 

(Achtung, nach dem Klick gibt es Bilder von Störung der Totenruhe, Leichenschändung und Käsekuchen.)

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (6): „Ich habe ein Attest!“

Donnerstag, 02. Juli 2020, Jablonec

Untergeschoß der Pension, Eier, Petr.

„Weißt du, früher haben die Kommunisten die Leute verhaftet und in die Fabrik gebracht um arbeiten zu gehen“, sagt Petr und stochert in seinem Ei.

„Was für Fabriken denn?“, frage ich, „was haben die produziert?“ Ich will das ernsthaft wissen. Auf meinen Touren durch Riesengebirge habe ich viele kleine und mittelständische Unternehmen gesehen, große Fabrikanagen aber standen verfallen am Wegesrand.

Petr zuckt mit den Achseln. „Na, so Fabriken halt.“
Aha. Na dann.

Alle Wege führen nach Liberec, der größte Stadt der Region, aber aus Jablonec oder Liberec wegzukommen, das ist gar nicht so einfach. Überall gibt es Straßensperrungen und Bauarbeiten, und eine geschlagene Stunde dreht die Barocca Schleifen über die Dörfer. Immer wieder tauchen Wegweiser auf, die signalisieren, dass wir in Richtung Jablonec fahren statt davon weg, wie in einer billigen Twilight-Folge. Am Ende dauert es über eine Stunde, bis wir den Großraum der Stadt endlich hinter uns haben.

Bild: Google Earth

Der Weg führt nach  nach Westen, Richtung Dresden. Eigentlich ein Katzensprung, aber Anna hat auf meinen Wunsch hin die romantische Route gerechnet. Statt über die gut ausgebauten Schnellstraßen geht es über kleine Landstraßen, durch grüne Alleen und Wälder und immer wieder kleine und allerkleinste Dörfer, die manchmal nur aus zwei Häusern und einem Schuppen bestehen. Für die 180 Kilometer bis nach Dresden brauchen wir so geschlagene vier Stunden, aber: Landschaft!.

Gegen Mittag rollt die Barocca über die Brücken von Dresden in Richtung Innenstadt.


Der Stadtverkehr ist dicht, und die Stadt ist ein krasser Gegensatz zu der entschleunigten Leere des dörflichen Tschechiens in den vergangenen Tagen. Immerhin, auf Anhieb findet sich der zuvor ausgeguckte Parkplatz. Diese Motorradparkplätze direkt am Zentrum von Dresden sind nirgends ausgeschildert, und man muss über einen kostenpflichtigen Autoparkplatz, dann von dem runter und quer über einen Fußweg um sie zu erreichen, aber sie sind praktisch direkt an der Innenstadt und null frequentiert.

Versteckter Motorradparkplatz am Rathausplatz. Bild: Google Earth.


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Reisetagebuch Motorradtour Ost (5): Bond-Bösewicht in Rübezahls Reich

Mittwoch, 01. Juli 2020, Jablonec nad Nisou

Im Erdgschoss der Pension im tschechischen Jablonec im Riesengebirge. Auch heute bin ich in dem großen Gästeraum der einzige Gast. Alle Tische sind leer, die Buffettwagen mit Stofftüchern abgedeckt. Wieder ist die Situation leicht surreal.

Ich setze mich an den Tisch am Fenster, auf dem heute schon ein Krug mit heißem Wasser und einem Strunk Minze drin steht. Kurz darauf kommt Gastwirt Petr mit zwei dampfenden Tellern aus der Küche, stellt einen davon vor mich hin und nimmt dann mir gegenüber Platz. Ich beäuge das Ding auf dem Teller. So ein Ei habe ich noch nie gesehen.

„Heißt „Gelegtes Ei*“, glaube ich, auf Deutsch“, sagt er. Habe ich noch nie gehört. „Wird so mit Essigwasser gemacht und gewirbelt“, sagt Petr. Aha. Sieht interessant aus.

„Weißt Du“, sagt Petr, „das es hier riesige, russische Militärflughäfen gibt? Die nicht mehr benutzt werden und langsam verfallen?“ Ich horche auf. Lost Places! Das ist spannend! „Werden nicht mehr für Flugverkehr benutzt“, fährt Petr fort, „aber sie sind noch da.“ Wo? Wo? Wo? ruft meine Innere Stimme. „Manchmal machen die Russen da komische Sachen“, sagt Petr. „Was denn so?“, frage ich. Petr zuckt mit den Achseln. „Wer weiß? Kommt man ja nicht hin! Ist aber alles abgesperrt und gesichert, also muss es geheim sein.“ Ich bin mild enttäuscht.

Kurze Zeit später brummt die V-Strom über Land- und Dorfstraßen und dann SCHON WIEDER nach Liberec und die Kurvenstrecke hoch. Das ist jetzt das dritte mal in drei Tagen das ich hier lang fahre, aber mein Gott, gibt Schlimmeres als eine tolle Kurvenstrecke mit dem Motorrad zu fahren.

Kurz bevor die Straße auf der anderen Bergseite wieder ins Tal führt biege ich nach links auf eine kleine, aber gute geteerte Straße ab, die in den Wald und den Berg Ještěd hinauf führt. Unterwegs überhole ich Wanderer und Radfahrer, die ebenfalls auf dem Weg nach oben, aber mehr dafür zu leisten bereit sind.

Nach einigen Kilometern erreiche ich einen großen Parkplatz, auf den ich gegen zwei Euro die Barocca zurücklassen kann. Aus den Seitentaschen es Topcase fuddele ich ein winziges Knäuel, das sich zu einem ganzen Rucksack aus Ripstop-Supersil auseinanderfalten lässt. In den Rucksack werfe ich eine Wasserflasche und die Kamera hinein und töffele los, weiter den Berg hoch.

Mein Ziel liegt auf dem Berggipfel, der nur einen Kilometer entfernt ist,  aber 100 Meter höher liegt. Die Steigung ist ganz ordentlich, und mit den dicken Stiefeln, der Lederhose und der schweren Jacke bin ich bald ordentlich am Schnaufen. Aber ich habe das Ziel schon vor Augen, und das sieht aus wie das Hauptquartier eines James-Bond-Bösewichts: Der Fernsehturm Ještěd, der genauso heißt wie der Berg auf dem er steht.

Der Turm stammt aus den 60ern und frühen 70ern, zufällig genau den goldenen Zeiten für absurdes Setdesign in Bondfilmen (vgl. „man lebt nur zweimal“ oder „Feuerball“), und weist eine ungewöhnliche Form auf, die eines Rotationshyperboloiden (ja, das heißt wirklich so!). Der Turm steht auf ca. 1.000 Metern, ist selbst rund 100 Meter hoch und in seinen unteren Stockwerken sind ein Restaurant mit 300 Plätzen und ein Hotel mit 14 Zimmern untergebracht.


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Reisetagebuch Motorradtour (4): Die Knochenkirche

Dienstag, 30. Juni 2020, Jablonec

„Hallo?“
Ich tappe durch das Halbdunkel im Kellergeschoss der Pension in Jablonec.

„Halloooo?“, frage ich noch einmal vorsichtig. Ich sehe mich um. Das hier ist ein großer Raum, der für Hochzeiten und andere Feiern genutzt wird. Praktisch ein großes Restaurant, mit einer Ecke für Buffets und einem weiten Raum mit Vierertischen. Hier passen bestimmt 50 bis 60 Personen rein. Eine große Fensterfront bietet eine fantastische Aussicht über den ganzen Ort Gablonz.

„Hallo!“, kommt es aus einer Ecke hinter dem Tresen der Bar, dann taucht ein Kopf auf.

Petr hantiert an einer Kaffeemaschine herum, die er konzentriert anstarrt. Ich sehe ihm einen Augenblick dabei zu und komme mir irgendwie fehl am Platz vor. „Ich habe gut geschlafen“, sage ich dann, weil ich nicht weiß was ich sonst sagen soll.
„Freut mich“, sagt Petr ohne aufzusehen und hantiert weiter.

„Wo kann ich mich denn mal hinsetzen?“ frage ich. „Da“, sagt Petr und zeigt ohne hinzusehen in Richtung eines Tisches am Fenster, auf dem eine Kaffeetasse steht, aber sonst nichts.

Um den Tisch herum sind Buffettwagen, aber alle sind leer und abgedeckt. Ob´s wohl Frühstück gibt?

Ich blicke aus dem Fenster und genieße den Blick über Gablonz. Keine Spur mehr vom Regen, der die ganze Nacht gepladdert hat, stattdessen blauer Himmel und ein paar Schäfchenwölkchen. Am Hang vor dem Fenster guckt ein Reh aus den Büschen. Als ich die Kamera bereit habe, ist es aber schon wieder weg.

„So, bitte“, sagt Petr, stellt einen Krug voller Gestrüpp auf den Tisch und gießt heißes Wasser darüber. Ich schnuppere. „Frische Minze aus dem eigenen Garten?“, frage ich. „Genau!“, sagt Petr und verschwindet. Und kommt nicht mehr wieder. Ich höre ihn irgendwas schneiden und brutzeln, aber für mehr als 20 Minuten ward er nicht mehr gesehen.


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Reisetagebuch Motorradtour (3): Ich lohn´ mich einfach nicht

Montag, 29. Juni 2020
Pension Kapellenstein am Knochen, Sachsen

Noch im Halbschlaf packe ich die Koffer. Wie das geht und was wo hingehört damit am Ende alles perfekt ausbalanciert ist, darüber muss ich gar nicht nachdenken. Obwohl ich jetzt länger als ein Jahr nicht mehr auf Tour war, erinnert sich der Körper noch genau an jede Bewegung. Ich trete auf die Terrasse der Pension, zirkele mit den Koffern in den Händen um die Au0enbestuhlung und gehe die Stufen zum Motorrad hinunter.

Jeder Handgriff um die Koffer anzubringen und zu sichern sitzt noch, jeder prüfende Blick erfolgt automatisch. Es hat die ganze Nacht geregnet, die Maschine ist nass.

Mit einem kleinen Mikrofaserhandtuch aus dem Topcase reibe ich Sattel und Instrumente trocken. Uh, kühl ist es. 14 Grad ist für Juni mal nicht viel.

Ach, eine Sache mehr als sonst haben wir noch. In einer der vorderen Bremsscheiben der Suzuki steckt ein Bremsscheibenschloss. Das benutze ich sehr selten, aber gestern Abend erschien es mir für den Ort hier angemessen. Wie auch immer, es sollte besser ab, sonst fährt die Maschine keinen Meter.

Ich stecke den Schlüssel in das aufbohrsichere Schloss und drehe ihn herum. Einmal. Nochmal. Ich ziehe ihn wieder raus, gucke ihn verwundert an, stecke ihn wieder rein und drehe ihn wieder.

Keinerlei Widerstand.

Der Schlüssel greift nicht.

Ab diesem Moment bin ich hellwach, als ich begreife, dass ich mein Motorrad nicht von der Stelle bekommen werde. Der Schlüssel dreht leer im Zylinder, aber das Schloss geht nicht auf. Wieder ziehe ich ihn raus, stecke ihn wieder rein, wackele daran herum. Nichts. Er greift nicht. Ich sehe mich schon Frau Gastwirtin bitten, einen Handwerker mit einer Flex zu bestellen.

Ich benutze das Bremsscheibenschloss sonst nie, warum habe ich das gestern Abend überhaupt angebracht? Ist doch gottverlassen hier im Erzgebirge. Ich fluche und drehe und stochere und dann rutscht der Schlüssel noch einen Millimeter tiefer hinein und das Scheißding geht endlich auf. Meine Fresse. Das Teil werde ich nicht wieder benutzen.

Unter einem bleigrauen, regenschweren Himmel geht es durchs Erzgebirge. Die Suzuki rollt über schmale Landstraßen und pöttert durch kleine Dörfer, oft nicht mehr als eine handvoll Häuser, in denen das Leben anscheinend von Weihnachten geprägt ist: In jedem Ort gibt es mindestens einen Betrieb, der Räuchermännchen oder Schwibbögen herstellt. Wundert mich nicht, seitdem ich weiß das der Kram sogar auf echten, deutschen Weihnachtsmärkten in Japan verkauft wird. Von hier aus wird deutsches Weihnachten in die Welt exportiert! In manchen Dörfern duftet es sogar ganz intensiv nach Räucherkerzen.

Roadside attraction ist ein Räuchermännchenmuseum, vor dem der zweitgrößte Räucherkegel qualmt, den ich je gesehen habe.


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Reisetagebuch Motorradtour (2): Ostwärts


Statt langer Sommerreise in ferne Länder nur eine Fahrt durch den Osten. Immerhin wird es eine Woche durch Erz- und Riesengebirge gehen und haufenweise Leichen meinen Weg pflastern.

Sonntag, 28. Juni 2020

Ich halte es nicht mehr aus.
Ich muss hier raus, ich muss hier weg. Mit dem Motorrad auf die Straße und weg, weg, weg, am Besten irgendwo hin wo alles anders ist als hier. Wind um die Nase, Asphalt unter den Reifen und was anderes sehen, aber bitte keine Menschen.

Die kurze Fahrt nach Weimar ist zwei Wochen her, aber zwei Tage in Thüringen und anschließend drei Tage Rumgammelei zu Hause, das reicht nicht, um den Stress des Jahres aus dem Kopf zu kriegen.

Das vergangene Jahr im Job war schon heftig, aber seit März ist die Arbeitsbelastung nochmal förmlich explodiert. Während fast alle Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice waren und dort versuchten Arbeit, Pandemie und Kinder irgendwie unter einen Hut zu kriegen, habe ich im Firmengebäude die Stellung gehalten.

Teils war ich tagelang alleine auf einer ganzen Etage in der Firma, außer mir nur ein bis zwei Personen im ganzen Haus. Das Telefon am Ohr bin ich durch die leeren Büros gewandert. Alles koordinieren, organisieren, den Laden irgendwie zusammenhalten, telefonieren, telefonieren, telefonieren, weil die Kollegen zu Hause halt nicht anrufbar waren. Teils alle 10 Minuten ein anderes Gespräch, andere Menschen, in anderen Notlagen, die Notwendigkeit anders auf die Leute einzugehen, eine endlose Abfolge von Zuhören, Erklären, Anweisen, Weitergeben.

Mein offizieller Rekord liegt jetzt bei 13 Stunden am Tag Dauersabbeln, zwischendurch war an solchen Marathontagen sogar der Akku des DECT-Telefons leer, genauso wie mein eigener. In den kommenden Wochen, das ist absehbar, wird die Arbeitslast NOCH größer. Wenn ich also noch eine Auszeit nehmen will, dann jetzt.

Deshalb mache ich noch eine Woche Urlaub und tue das, was mir dabei hilft, den Kopf frei zu kriegen: Wegfahren, was anderes sehen.

In der Garage steht die ZZR 600 startbereit, aber nach kurzer Rücksprache mit Leuten die wissen, wie im Osten die Straßen aktuell sind, nehme ich heute doch lieber die andere Maschine. Das Sportfahrwerk der Renaissance würde mir im Osten keine Freude machen.

Neben der Kawasaki steht die Barocca, die schwarze Suzuki DL 650 V-Strom, mein Motorrad für Fernreisen. Die Maschine ist perfekt durchgewartet und hat nagelneue Reifen drauf. Von denen ist nicht mal der Glitschmodder komplett runter, so wenig bin ich seit Oktober letzten Jahres gefahren.

Unsere große Reise dieses Jahr ist wegen Corona ausgefallen, nun geht es also gemeinsam auf eine kurze Tour. Die Suzuki trägt nur die kleinen Givi-Koffer. 36 Liter auf jeder Seite, dazu ein Topcase und einen Neuzugang: Eine kleine Tasche auf dem Soziasitz, in der die Regenkombi verstaut ist.

Ich schiebe die Maschine aus der Garage und verriegele das Tor, dann wuchte ich mich in den Sattel und versuche die V-Strom auf der abschüssige Straße vom Seitenständer zu heben. Scheiße, ist die hoch.

Für meine 1,70 Meter Körpergröße hatte ich die große Maschine 2017 tieferlegen lassen. Das hat allerdings die Fahreigenschaften so negativ beeinflusst, dass im vergangenen Herbst die Tieferlegung wieder ausgebaut wurde. Seitdem bin ich die Barocca praktisch nicht mehr gefahren und muss mich an die neue Höhe erst einmal gewöhnen.

Unter lautem Ächzen habe ich die Kiste dann irgendwann vom Seitenständer. Meine Fresse, was bin ich unfit. Coronabedingt zu wenig Bewegung, fühlt sich an, als ob ich kaum noch Muskeln habe. Egal, los jetzt.

Ich drücke den Starter, rolle die Straße runter und bin weg.

Kurz darauf fängt es ein wenig an zu regnen, aber das ist mir egal. Ich bin einfach nur glücklich, endlich wieder unterwegs sein zu können. Mein Gott, wie hat mir das gefehlt. Der Kurztrip neulich nach Weimar war nett, aber keine Erholung. Ständig habe ich an die Arbeit gedacht und Gedanken gewälzt. Ich bin anscheinend nicht der Typ für Balkonien, ich muss weg, damit der Kopf raus aus allem kommt. Nicht weit weg, aber weg, und am Besten im Sattel eines Motorrads.

Die V-Strom brummt über die Bundesstraße aus Göttingen raus, dann nach Duderstadt und hinein ins Eichsfeld. Die Menschen hier haben nicht viel Fantasie, und das merkt man an den Ortsnamen. Worbis. Breitenworbis. Kirchworbis.

Es geht nach Mühlhausen, dann nach Gotha, Ilmena, durch das ländliche Thüringen. Kornfelder, oft bis zum Horizont.

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (1): Die finstere Seite des Ettersbergs

Herr Silencer startet zu einer, äh, Motorradtour. Nur leider ohne Motorrad. Dabei stößt er auf sehr finstere Geschichten und gewinnt dadurch für seine Verhältnisse erstaunliche Erkenntnisse. Vorsicht, langer Text, der zudem noch schlechte Laune macht. Menschen, die von zu vielen Buchstaben getriggert werden, seien hiermit gewarnt.

15. Juni 2020
So richtig Urlaub mit mehrwöchiger Motorradreise fällt in diesem Jahr leider aus. Coronabedingt, warum auch sonst. Aber wenigstens eine kurze Tour in Deutschland will ich stattdessen machen. Ein Paar Tage mit der Kawasaki ZZR 600 nach Ostdeutschland, da kenne ich so viel noch nicht.

Das Motorrad steht schon gepackt unten in der Garage, aber ich sitze mit miesepetrigem Gesicht am Schreibtisch im Arbeitszimmer und starre aus dem Fenster.
Draußen reget es Bindfäden.

Wochenlang war es trocken und sonnig und JETZT, wo ich eine Woche Urlaub habe, da gibt es „ergiebigen Landregen, stellenweise auch Starkregen“ mit 50 Litern pro Quadratmeter, und das soll über Tage so gehen. Mir macht Wetter auf Motorradreisen nicht viel, aber diese Scheiße hier, eine Woche lang?

Ich überlege mehrere Stunden und starre dabei abwechselnd in den Regen und auf die Wettervorhersage, aber es wird nicht besser. Schließlich storniere ich einige der geplanten Unterkünfte und hinunter in die Garage, die in den Berg unter dem Haus eingelassen ist wie Höhle. Darin steht die silberglänzende ZZR neben der schwarzen V-Strom.

Beide Maschinen sind frisch gewartet, sauber geputzt und haben noch nagelneue Reifen, denn in diesem seltsamen Jahr waren sie bislang kaum ein paar Kilometer auf der Straße.

Mit der Hand fahre ich an der polierten Seite der Kawasaki entlang, blicke nach draußen in den pladdernden Regen und sage schließlich „Nicht heute“, als ich eine Entscheidung gefällt habe. Ich klinke die Seitenkoffer aus, trage sie ein Mal um die Ecke und wuchte sie in den Kofferraum des Autos. Statt also mit dem Motorrad mehrere Tage durch die Gegend zu kurven, fahre ich nun mit dem Auto von Göttingen aus 150 Kilometer nach Südwesten.

Der Weg führt bei Duderstadt über die ehemalige deutsch/deutsche Grenze, dann durch das erzkatholische Eichsfeld, und dann südlich vom Harz durch grüne Getreidefelder bis in eine Region, in der ganz geballt Orte mit bekannten Namen liegen wie Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar und Jena. Willkommen in Thüringen, dem Bundesland mit den wenigsten COVID-19-Infektionen.

Starkregen lässt sich im Auto, so die erste Erkenntnis der Fahrt, viel angenehmer ignorieren als auf dem Motorrad.

Auch 30 Jahre nach der Wende gibt es hier noch überall Straßen mit Kopfsteinpflaster. Das Kleine Gelbe AutoTM hat ein Sportfahrwerk, und ich werde erst ordentlich durchgeschüttelt und dann klappert irgendein Blech im Unterboden, dass sich abvibriert hat. Die Straßen sind für Trabbis gemacht, nicht für spanische Autos.

Mitten in Thüringen habe ich mir einen schönen Bauernhof gesucht, wo ich einer Knechtkate übernachte und mir zwei Tage lang Weimar angucken kann.

Weimar, das ist die Stadt von Bauhaus, der kantigen Architektur- und Designphilosophie. Deshalb gibt es hier auch ein großes Museum dafür, aber das hat natürlich gerade dann Ruhetag, wenn ich es besuchen will. Ruhetag am Dienstag ist eher ungewöhnlich.

Immerhin steht hier der zweitgrößte Stuhl, den ich je gesehen habe.

Weimar ist auch die Stadt dieser beiden Herren: Goethe und Schiller.

Die Beiden grüßen an jeder Ecke. Also, an WIRKLICH jeder Ecke.

Wirklich, Goethe und Schiller sind überall. Bis zum Erbrechen. In fast jeder der schmucken Gassen in der Innenstadt befindet sich irgendwas mit Goethe und/oder Schiller Bezug, und sei er noch so konstruiert. Aber egal, Weimars Altstadt ist wirklich hübsch.

Das Essen ist auch toll. Man isst hier, natürlich, Thüringer Bratwurst oder Thüringer Brät mit Bratkartoffeln.

Zum Nachtisch gibt es dann aber wieder Goethe und Schiller.

Wenn nicht gerade Goethe & Schiller vermarktet werden, dann geht es bestimmt um den Philosophen Herder. Ich muss gestehen: Das interessiert mich alles nicht die Bohne. Ich habe da keinen Bezug zu, wie zum gesamten klassischen Bildungskanon.

Die Sprache des „Dichterfürsten“ verstehe ich kaum, die Themen gehen mir ab. Ich gehöre nicht dem Bildungsbürgertum an, und von dem ist Weimar die Welthauptstadt.

Goethe, Schiller, Kulturstadt. Jaja, das stimmt ja auch. Vor ein paar hundert Jahren war Weimar die Kultur- und Bildungsstadt von Weltruf. Im 17. Jahrhhundert wirkten hier die Cranachs, im 18. Jahrhundert Bach, im 19. unter anderem Franz Liszt, Richard Strauß, oder Friedrich Nietzsche. Das Weimar eine Stadt der Hochkultur war, war auch der Grund, dass hier nach dem ersten Weltkrieg die Weimarer Republik ausgerufen wurde. Darauf ist man in Weimar heute noch stolz.

Weimars Geschichte hat aber noch eine andere Seite, und die ist sehr finster. Sie ist zugleich ein Lehrstück dafür, wie das Bürgertum mit Faschismus umgeht, ihn lebt und eher bereit ist, mit einer Lebenslüge zu leben, als sich damit auseinander zu setzen. Diese Geschichte kann uns viel über unsere eigene Gegenwart verraten.

Um mehr darüber zu erfahren, setze ich mich in das klappernde Kleine Gelbe AutoTM und fahre von Weimar aus zehn Kilometer nach Norden. Hier liegt der große Ettersberg, mit 480 Metern die höchste Erhebung im Thüringer Becken. Die Südseite ist dicht bewaldet, auf der Westseite schmiegen sich Felder an die Bergflanken. Mitte Juni sind die bedeckt sind mit grünem Getreide und manchmal mit schon gelben Feldern mit ganz viel Mohnblumen darin. Schön sieht das aus.


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Reisetagebuch Japan (19): Montag ist Ruhetag!

Reise nach Japan. Heute mit einer Übernachtung in einem Kapselhotel und dem Ende einer Reise.

Montag, 18. November 2019, Osaka

Kurz nach halb fünf. Der Wecker klingelt praktisch mitten in der Nacht. Rasch und ohne viel Worte zu wechseln packen Modnerd und ich unsere letzten Dinge zusammen, dann verlassen wir das kleine Appartment in Süd-Osaka und fahren mit der U-Bahn bis zum Fernbahnhof Shin-Osaka.

Wir trinken schnell noch gemeinsam einen Kaffee…

…dann springe ich in einen Shinkansen-Schnellzug. Modnerd bleibt in Osaka – er will sich heute einen Spa-Tag in eine Badehaus mit mehreren Sentos gönnen, die alle unterschiedliche Themen haben. Die Website sieht schon echt verlockend aus…

…aber letztlich habe ich mich dagegen entschieden mit zu gehen. Die Zeit hier in Japan ist mir zu wertvoll, als das ich einen ganzen Tag in der Badewanne verbringen wollen würde. Der Zug schießt Richtung Nordosten aus der Stadt heraus, zischt an Kyoto vorbei und biegt dann nach Südosten ab und hält in Nagoya, einer weiteren Mega-Stadt an Japans Küsten.

Als ich den Zug verlasse, stehe ich gleich erstmal vor einem Problem. Ich möchte meinen Rucksack einschließen, aber es gibt kein einziges freies Schließfach im Schließfachraum. Ich schaue auf eine elektronische Karte des Bahnhofs. Dankenswerterweise gibt es mehrere Räume mit Gepäckaufbewahrung, und es wird sogar die Auslatung angezeigt. Hm. Seltsam. Die meisten Räume sind gesperrt, die wenigen offenen sind fast voll belegt. Nur in einem einzigen scheint es noch ein paar freie Fächer zu geben.

Ich stürme los und schaffe es mit meinem unnachahmlichen Orientierungsinn erst einmal in die verkehrte Richtung zu laufen. Ok, andersum. Und dann da und jetzt hier und unter dem Säulengang durch und – äh. Hier bin ich doch hergekommen? Tatsächlich, ich stehe wieder vor der elektronischen Karte. Ach, Mist. Ich nehme mit etwas mehr Zeit um mit den Weg einzuprägen, dann gehe ich überlegt los und finde am Ende tatsächlich den letzten Schließfachraum in einem etwas runtergekommenen Kellergeschoss, hinter einer Baustelle. Aber auch hier scheint alles belegt zu sein, an jedem Fach ist ein rotes „belegt“-Zeichen.

„Das ist so nervig“, sagt eine ältere Dame, die plötzlich neben mir steht. Sie hatte mit mir zusammen auf die elektronische Karte geguckt und sucht wohl auch ein Schließfach. „Alles nur wegen G20!“. Was? Ich brauche einen Moment, dann fällt der Groschen. Klar, das hatte ich doch gelesen – nächste Woche ist der G20-Gipfel in der Stadt. Und deswegen sperren die jetzt schon alle Schließfachräume?

Am Ende finde ich noch genau ein freies Schließfach.

Leider ist es eines von den winzigen, aber allzu viele große Fächer gibt es ohnehin nie. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich den im Frühjahr neu gekauften Rollkoffer nicht benutze: Es gibt einfach zu wenige Schließfächer, hatte ich bei der Vorrecherche herausgefunden, in die der reinpasst. Der Hauptgrund ist allerdings, dass ich Rollkoffer nicht ausstehen kann und Rucksäcke schon deshalb mag, weil sie leicht und leise sind und man die Hände frei hat. Hier, in dieser Situation, ist es nun ein weiterer Vorteil, das ich mit Minimalgepäck reise. Der Cabinmax passt tatsächlich locker in das kleine Schließfach.

So, das wäre erledigt. Ich trete vor den Bahnhof und bin gleich erstmal erschlagen. Hier gibt es viele futuristisch anmutende Neubauten. Eckige, runde, in sich verdrehte oder kühn geschwungene Gebäude aus Glas und Stahl erheben sich in den Himmel. Oder, wie Modnerd sagen würde: Hier hat´s krasse Architektur.


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Reisetagebuch Japan (18): Coney Island, bei Paris

Reise nach Japan. Heute mit den Hinterlassenschaften einer Weltausstellung.

Sonntag, 17. November 2019, Wohnung in Osaka

Den Luxus eines eigenen Appartements nutze ich, um zu Wäsche waschen. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise, immerhin ist mein Reisekonzept: Wenig Klamotten mitnehmen, dafür dann aber mal waschen. Modnerd reist anders, er nimmt immer Wäsche für die komplette Reise mit. Ich bin halt lieber leicht unterwegs und mache dafür ab und an mal Haushaltsarbeiten.

Ein guter Teil meiner Leibwäsche, also Unterhemden, -hosen und Socken, ist eh aus Merinowolle. Die müssen selten gewaschen werden, weil die Wolle selbst antibakteriell ist und deshalb nicht nach Schweiß riecht. Wäscht man sie doch mal, trocknet sie schnell. Außerdem trage ich gerne Hemden aus Baumwolle, die sind auch leicht und trocknen gut.

Normalerweise ziehe ich meine Wäsche ein Mal mit Rei-in-der-Tube durch das Waschbecken, aber das Appartement in Osaka verfügt sogar über eine Waschmaschine. Die ist, wie in Japan üblich, ein Toploader, wird also von oben befüllt.

Ebenfalls wie in Japan üblich wäscht sie nur ganz kurz und nur mit kaltem Wasser. Danach hänge ich die gewaschene Wäsche in das fensterlose Badezimmer und stelle dessen Lüftung auf „Trocknen“ ein. Ein heißer Luftstrom vom Typ Scirocco fegt nun wie ein Föhn durch die Naßzelle, die keine separate Dusche hat. Der ganze Raum IST die Dusche. Die heiße Trocknungsluft trocknet im Nu das Duschwasser weg und auch meine Hemden sind in null Komma nix trocken.

Nach diesen morgendlichen Hausarbeiten wandern Modnerd und ich noch einmal durch Osaka. Zuerst durch die runtergekommene Einkaufspassage von gestern Abend. Die wirkt bei Tageslicht nicht mehr ganz so gruselig, an der Runtergekommenheit ändert aber auch der sonnige Sonntag Morgen nichts.

Hinter dem Einkaufszentrum liegt das Viertel Abenobashi, ein Geschäftsviertel mit, äh, krasser Architektur.

Mittendrin steht der Abeno Harukas, ein Wolkenkratzer.

Mit exakt 300 Metern Höhe ist er das höchste Bürohaus Japans. In dem wird auch am Sonntag gearbeitet, und Modnerd und ich fahren hoch in den 95. Stock und schauen von einer Aussichtsplattform auf Osaka hinab.


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Reisetagebuch Japan (17): Das Erklär-Schnabeltier*, das Kontaktlinsenküken* und Crêpes mit Durchfall

Reise nach Japan. Heute mit Erklärschnabeltier, Kontaktlinsenküken und Schulmädchenunterwäsche aus Automaten.

Samstag, 16. November 2019, Osaka
Das Appartement, in dem Modnerd und ich wohnen, liegt in einem modernen, zehnstöckigen Wohnhaus, das umgeben ist von kleinen, zweigeschossigen Häuschen.

Das weiße Haus in der Mitte.

Die Etage, auf der wir uns befinden, wirkt vom Flur her eher wie ein Gefängnis: Schwere Türen, unverputzter Beton.

Aber die Béton-Brut-Anmutung ist Show. Das ist kein echter Beton, sondern Kunststoffverkleidungen, die auf die Wand aufgeklebt sind. Selbst einige der Bohrlöcher sind nur Aufkleber. In Japan werden Dinge bis zur Perfektion gestaltet, und echter Sichtbeton wirkt wohl nicht echt genug.

Was lustig ist, ist das seltsame Erklärschnabeltier*. Das Haus ist auf Vermietung an Touristen eingestellt, und deshalb gibt es überall Erklärungstexte, die von einem unterwürfigen Comic-Platypus präsentiert werden.

* Anm.: Leser oder Leserin Snoeksen weißt darauf hin, dass es sich hier nicht um ein Schnabeltier handelt, sondern um die Comicversion eines Kappa, eines Wassergeistes. Der ist in Japan voll bekannt und in den letzten Jahren so zum Kult geworden, dass er jetzt sowas wie ein Maskottchen des Landes geworden ist. Tatsächlich ergibt ein Comic-Kappa viel mehr Sinn als ein Schnabeltier. Danke, Snoeksen! Das finde ich am Reisetagebuch so toll: Im Nachgang einer Reise lerne ich immer noch dazu.

Ja, die allgegenwärtigen Feuermelder sollte man nicht einfach so angrabbeln.

Der morgendliche Blick über die Dächer der kleinen Häuschen. Die sehen echt schäbig aus, sind aber eigentlich gut gepflegt. Das slummige Aussehen kommt daher, dass jedes Häuschen anders gebaut ist und weil sie so eng zusammenstehen und weil in Japan halt nicht für die Ewigkeit gebaut wird. Wohnhäuser bestehen aus leichten Materialien und werden alle paar Jahrzehnte abgerissen und neu gebaut.

Nach einem Instant-Kaffee laufen Modnerd und ich los, zunächst durch die Wohnviertel in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Es ist faszinierend einfach die schmalen Straßen entlang zu schlendern und dabei alltägliche Dinge an zu schauen. Wie dieser alte Herr hier in seiner winzigen Werkstatt, ein Bild wie ein Gemälde oder zumindest aus einer anderen Zeit.


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Reisetagebuch Japan (16): Willkommen zum Weihnachtsmarkt

Reise nach Japan. Heute mit einer Kirche in luftiger Höhe und überraschenden Erkenntnissen.

15. November 2019, Iya Valley, Guesthouse Yoki

Sehr früh klingelt der Wecker. Es ist erst kurz vor 6:00 Uhr, aber heute haben Modnerd und ich einen weiten Weg vor uns. Ich halte die Nase aus dem Federbett. Uh, kalt. Wo ist meine Brille? Ich schaue aus dem Fenster. Die Welt außerhalb des kleinen Zimmers ist noch dunkel und wirkt ein wenig eingefroren, so kalt ist es. Oder scheint es zumindest, denn es sind noch 3 Grad – aber die Luft hier oben, im Iya Valleys, ist sehr feucht und fühlt sich dadurch noch kälter an.

Es ist früh, kalt und dunkel, aber Gott, hilft ja nichts. Wir werden abreisen, noch bevor unsere Gastgeberin aufsteht. Als Usin gestern erfahren hat, wann wir los müssen, hat sie ein empörtes Gesicht aufgesetzt und sowas gesagt wie „Na, wenn ihr meint so früh los zu müssen, macht das, aber ohne mich“. Verständlich, Frühstück gibt´s normalerweise nicht vor 08:00 Uhr. Rasch packen Modnerd und ich unser Kram zusammen.

Wieder einmal fühlt sich alles so seltsam normal an, und da trifft mich unvermittelt eine Erkenntnis, die aus unsortierten und noch wirr von Träumen der Nacht durcheinandergewürfelten Träumen entspringt: Die meisten Vorurteile der Europäer gegenüber Japan stammen aus den den 80ern, als die japanische Wirtschaft durch die Decke ging und boomte wie irre.

Damals wurde alles auf einen Schlag modernisiert, denn das Land hatte viel aufzuholen. Daher stammen auch viele der Bilder über Japan, mit denen ich aufgewachsen bin und die mein Bild über Japan geprägt haben: Das es ein überdrehtes, technikbesessenes Land sei, voller immer lächelnder, aber leider verrückter Menschen, die europäische Produkte kopieren, aber das ganz kompetent hinbekommen.

Diese Bilder haben natürlich auch die Journalisten aus meiner Generation geprägt, die heute über Japan berichten – und für ihre Berichte genau wegen dieser Vorprägung oft überdrehte Einzelfälle suchen und die verallgemeinert darstellen, um zu zeigen, wie crazy Japan doch ist. Damit bestätigen sie wiederum genau meine Vorurteile.

In den 80ern war Japan das verrückte Zukunftsland, guckt man sich heute Dokus über Japan an, gewinnt man schnell den Eindruck, dass jeder zweite hier verkleidet als Animefigur durch die Gegend springt, Sex mit Robotern will oder gleich gar nicht mehr aus seiner Wohnung kommt. Dabei ist Japan, da bin ich mir nach mehr als zwei Wochen hier sehr sicher, nicht überdrehter als Deutschland. Im Gegenteil.

Als Modnerd und ich abreisebereit und mit dem Gepäck in den Händen die kleine Gaststube von „Yokis Guesthouse“ betreten, sehen wir Usin zusammengesunken auf einem Hocker an der Bar sitzen, den Kopf auf die Arme gebettet. Als sie uns hört, richtet sie sich auf. Sie ist offensichtlich kurz vorher aus dem Bett gefallen, die Haare sind noch ganz verstrubbelt und stehen nach allen Seiten ab. Schlaftrunken blickt sie Modnerd und mich an und nuschelt: „Ich habe Euch doch Kaffee gemacht, auch wenn ihr verrückt seid“. Ihre Stimme klingt noch rauchiger als gestern.

„Du bist ein Engel!“, sage ich und könnte sie jetzt umarmen. Sie lacht und meint „Das höre ich gerne. Los, mach mir mehr Komplimente“. Wir plaudern noch kurz über die anderen Gäste (Usin: „Chinesen! Habt ihr das gehört? Die haben eine Drohne in ihrem Zimmer fliegen lassen! EINE DROHNE!“), dann verabschieden wir uns. Usin geht nochmal schlafen, Modnerd und ich steigen in den Mietwagen.

Während Modnerd den Demio über die engen Straßen steuert, schiebt sich langsam die Sonne über den Rand der Berge. Bis das Licht im Tal ankommt, dauert es aber noch ein wenig. Die Lichtgeschwindigkeit ist hier geringer, das Licht schwappt über die Berge und füllt ganz langsam die Täler. Während oben am Berg schon die Sonne scheint, liegt der Fuß noch im Dunkel. Gerade beginnen die Berggipfel beginnen zu leuchten, während der Mond noch scheint.

Die Täler hängen voller Morgennebel.

Die Fahrt geht, wie gestern, über die größte Doppelstockbrücke der Welt, wieder kostet die Maut über 40 Euro. Bereuen tun diese Ausgabe weder Modnerd noch ich, wie wir uns gegenseitig versichern.


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Reisetagebuch Japan (15): Iya Valley

Reise durch Japan. Heute gehen Modnerd und Silencer sich gegenseitig auf die Nerven. Außerdem: Es gibt mehrere POMPPFs, aber kein KLONK, dafür eine Reise in ein Tal mit Geisterdörfern und ganz besonderen Brücken.

Donnerstag, 14. November 2019, Hiroshima, Hotel Vista

Es ist kaum kurz vor Acht, als Modnerd und ich das ungeliebte Hotel hinter uns lassen und die Straße zum Bahnhof von Hiroshima laufen. Modnerds Rollkoffer rumpelt durch die Straßen, ich huste bei jedem dritten Schritt. Immerhin fühlt sich mein Hals definitiv besser an, und die erhöhte Temperatur ist ganz weg. Nochmal Glück gehabt, es hat mich nicht richtig erwischt.

Auf die Minute pünktlich fahren die Züge hier, und sie fahren auf den Meter exakt von der richtigen Stelle am Bahnsteig ab und immer in der richtigen Wagenreihung. Und wenn das einen Deutschen noch nicht genug verwirrt, dann wird er bestimmt beim Anblick des rosafarbenen Hello Kitty-Shinkansen konfus.

Seltsame Kombination, ein High-Tech-Zug der aussieht wie ein Raumschiff, aber in rosa und mit einer Comickatze. Aber nun, Japan halt, hier gibt es ALLES mit Hello Kitty-Motiven.

Wir nehmen heute Morgen einen etwas älteren Shinkansen. Der sieht von außen aus wie eine Ente, im Inneren wie Wohnzimmer von Omma.

Wieder bewundere ich das japanische System, am Endbahnhof nicht den Zug, sondern die Sitze herumzudrehen – so schauen alle immer in Fahrtrichtung und die Beschriftung der Wagendiagramme stimmt auch immer.

Der Shinkansen bläst uns in 30 Minuten von Hiroshima nach Okayama. Das sind rund 150 Kilometer. Dieses Mal ist der Bullett Train wirklich rasend schnell unterwegs, auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke, die wie mit dem Lineal zwischen die beiden Orte gezogen ist.

Bild: Google Earth 2020.

In Okayama angekommen laufen wir mitsamt Gepäck eine Straße hinunter.


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