Reisen

Reisetagebuch Griechenland (16): Saubere Sache

Tagebuch einer kleinen Motorradtour durch Griechenland. Heute wird es nass.

Freitag, 08. Oktober 2021, Pirgoi Edem
Wenn ich unterwegs bin, habe ich meist eine Reisebegleitung aus der Ferne. So wie Svendura von ihrer Claudia begleitet wird, habe ich – zumindest virtuell – Albrecht an meiner Seite. Der alte Haudegen, hier in den Kommentaren als „Ali“ bekannt, begleitet meine Fahrt per Whatsapp, von Zuhause aus. Er kommentiert, gibt Tips und gibt Bescheid, wenn er etwas Besonders auf meiner Reiseroute entdeckt. Manchmal will er mich auch einfach nur foppen.

Gestern Abend raunte „Das Wetterorakel von Niederburgtal“ von Weltuntergang:
„Regnet noch nicht? Das Regenband kommt. Keine Sorge. Wenn Du auf den Überblick gehst, siehst Du, wie das über Dir kreist. Schön Violett, hehe.“

„Wollte eigentlich die nächsten Tage im Meer baden, nicht im Sattel“, antwortete ich kurz vor dem Einschlafen.

Tatsächlich wache ich mitten in der Nacht auf. Ein Sturm heult um den steinernen Turm, in dem ich übernachte, und lässt die Fensterläden klappern.

Ich trete an die Tür und blicke hinaus. In der Dunkelheit sehen die Olivenbäume vor dem Haus aus, als wären sie lebendig. Der Sturm peitscht die Äste und gegen den grauen Himmel wirkt es, als ob eine Armee seltsamer Monster vor dem Turm aufmarschiert ist und wütend mit dürren Armen um sich schlägt. Regnen tut es aber nicht. Ich schließe die Tür, mummele mich wieder ins Bett und schlafe weiter.

Um kurz nach Sieben höre ich keinen Sturm mehr, dafür aber Regen. Draußen pladdert es jetzt. Das war zu erwarten gewesen, mal gucken wie schlimm es ist. Steht die Baugrube neben dem Steinturm schon unter Wasser?

Zu meiner Überraschung ist es gar nicht so wild. Ja, es hat viel geregnet, überall stehen jetzt Pfützen, aber im Moment nieselt es nur. Weltuntergang sieht anders aus.

Ich ziehe mir die Jacke der Stormchaser über und stapfe hinüber ins Haupthaus. Hier sitzt Gastwirtin Kalliope bereits beim Kaffee mit einer anderen Frau. Die ist mittelalt, hat fettiges Haar, ein verlebtes Gesicht und trägt einen Snoopy-Onesie. Hm. Erstaunlich, manchen Leuten ist halt alles egal.

Der Frühstücksraum ist, wie alles hier, aus Naturstein.

Es gibt frittierte Teigfladen, die man sowohl mit Käse als auch mit Konfitüre oder mit Honig essen kann. Nur mehr als einen kann ich davon nicht essen, bei so fettigem Kram mag mein Magen nicht mitspielen.

Draußen wird der Regen stärker. Ich checke ich die Wettervorhersage. Mit etwas Glück wird es in einer Stunde aufhören zu regnen, und ich frage Kalliope, ob ich noch etwas bleiben kann. Kein Problem, sagt sie.

Kurz darauf liege ich wieder in meinem Steinturmzimmer auf dem Bett und spiele verschiedene Route durch, die ich jetzt fahren könnte. Vor dem Zimmer, unter einem Vordach, sitzt die Onesie-Frau mit einer Freundin. Beide mit einem Buch in der linken und einer Zigarette in der rechten Hand.

Nach einer Stunde hört der Regen abrupt auf. Die Wetter-App meint zwar, wir seien noch mitten im Starkregengebiet, aber der blaue Himmel, der gerade durch die Wolken scheint, spricht eine andere Sprache. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust loszufahren, aber es hilft ja nichts.

Ich werfe mich in die Regenklamotten, was schon beim Anziehen eine Tortur ist. Es sind über 20 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, und ich trage am Ende drei Schichten Klamotten. Puh, heiß. Egal, los geht´s!
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Reisetagebuch Griechenland (15): Abgewrackt

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 19 mit vielen Olivenbäumen, der wilden Mani, Kalliope und einem Wrack.

Donnerstag, 07. Oktober 2021, Mystras
Draußen dämmert der Tag herauf, im Inneren des Steinhauses in Mystras liege ich im Bett und lausche gebannt ins Halbdunkel.
Kein Regen zu hören.
Das ist gut, dann ist das angekündigte Unwetter noch nicht hier.

Schnell mache ich mich fertig. Frühstück bietet das Haus nicht an, ein Instantkaffee mit lauwarmem Wasser aus dem Badezimmer muss reichen.

Alle anderen Gäste im Haus schlafen noch, auch die Amerikanerin Rebecca. Die hatte ohnehin angekündigt noch bleiben zu wollen. Wenigstens so lange, bis sie sich einen Busfahrplan organisiert hat. Die Dame, die schon stark auf die 80 zugeht, ist mit Bus und Bahn unterwegs, was ich sehr lobenswert und machbar finde. Sie ist aber auch ohne Smartphone unterwegs, nutzt das Internet nicht und erledigt alles auf Papier und mit Telefonzellen – was ich für ignorant befinde.

Ob das keine Probleme gäbe, habe ich sie gestern Abend gefragt.
„Nein, das geht schon. Ich komme schon durch, irgendwie geht es immer noch oldschool. Heute hat ja jeder ein Smartphone, also außer mir, da kann ich ja jeden fragen.“ – Ok. Es geht also eigentlich doch nicht ohne Smartphone, sie lässt sich nur von anderen Leuten bedienen und verklärt das als „geht ja auch so“. Andererseits: Sie nutzt so die Gelegenheit, ins Gespräch mit Menschen zu kommen. Auch ein interessanter Ansatz. Einsamkeit auf Reisen, das kann ja auch ein Faktor sein. Ob das bei ihr der Fall sei, habe ich Rebecca gestern gefragt.

Daraufhin hat sie abgewunken. „Ach, allein unterwegs sein, das macht mir nichts. MEIN Problem ist, dass ich all diese Abenteuer erlebe, tolle Orte und wunderbare Menschen treffe und anschließend diese Erlebnisse mit niemandem teilen kann. Seit mein Mann tot ist, reise ich alleine, und zu Hause kann ich auch niemandem davon erzählen. DAS macht mir wirklich zu schaffen, ich fühle mich dann ganz einsam und elend, weil sich das alles so sinnlos anfühlt. All meine Erinnerungen werden verloren sein, wenn ich mal nicht mehr bin, und niemand weiß davon.“

Das fand ich wiederum hoch interessant, denn diese Problematik war mir bislang gänzlich unbekannt. Aber klar, ich habe nicht nur zu Hause Personen, denen ich was erzählen kann, ich habe vor allem auch dieses Blog hier. Alles was ich unterwegs erlebe, schreibe ich hier auf. Das Blog ist mittlerweile das Wertvollste, was ich besitze. Es ist meine Erinnerung, und ich teile sie mit der ganzen Welt. Also, vorausgesetzt die Welt hat Bock das hier zu lesen, aber das tun einige Hundert Leute ja durchaus regelmäßig. Aber das ist durchaus ein Faktor, den ich bislang kaum begriffen habe: Alles, was ich erlebe, teile ich mit vielen anderen Menschen, obwohl ich es im Endeffekt nur für mich aufschreibe. Aber allein die Gewissheit, dass ich es aufschreiben werde und es so nicht in Vergessenheit gerät, gibt jedem Moment eine Bedeutung im Strom der Zeit.

Ich packe meine Sachen und schleiche, um Rebecca und die anderen Gäste nicht zu wecken, leise mit den Koffern zur Haustür.

Elena und ihr Mann, der Marineoffizier a.D., sind bereits im Vorgarten und sitzen unter ihrem Orangenbaum. „Es gibt Regen“, sagt sie.
„Ich weiß“, sage ich und grinse schief.

Sie deutet in Richtung der Berge, wo auf Höhe der alten Ruinen dicke Regenwolken hängen. „Das sind Wolken die zeigen, dass sich das Wetter ändert. Das ist gut“.

Ihr Mann nickt und sagt „Θα βρέξει σύντομα. Κακό για τους μοτοσυκλετιστές“.

Ich zucke die Achseln, weil ich kein Wort verstehe. Er pflückt eine Orange vom Baum. Es ist die einzige, die zumindest zart orangefarben ist, alle anderen sind noch grün. Die Frucht ist bereits geplatzt, und der Captain zerdrückt sie mit zwei Finger. Die ist nicht mal richtig reif, aber schon total matschig und riecht vergoren.

„Η φύση χρειάζεται βροχή. Δεν έβρεξε για μήνα, οι καρποί σαπίζουν στα δέντρα“, sagt der Captain. Ich gucke fragend.

Elena übersetzt: „Es wird bald regnen, sagt er. Doof für Dich als Motorradfahrer, aber die Natur braucht das. Es hat hier seit April nicht mehr geregnet, und durch die Hitze verfaulen die Früchte in den Bäumen bevor sie reif sind. So etwas hat es hier noch nie gegeben. Bislang haben sich die Leute hier keine Sorgen wegen des Klimawandels gemacht. Jetzt schon.“

Betreten sehen wir uns an. Kein schönes Thema.
„Ich hätte eher kommen sollen“, sage ich und deute auf die Wolken, „Ich bin ein Regenbringer“.
Elena lacht, der Captain guckt fragend – jetzt hat er kein Wort verstanden.

Tatsache ist, das ich bislang verdammt Glück gehabt habe mit dem Wetter. Im Vorfeld sah es ja so aus als ob, egal wo ich hinkomme, dort immer Regen sei, und zwar für genau die Dauer, in der ich da bin. Nun, Regen gab es bislang so gut wir gar nicht – aber dafür war es kühl und stürmisch.

Aber nun scheint mich das Wetter gefunden zu haben, von Italien aus zieht ein Riesenschwung Regen und Unwetter über das Meer und wird heute ankommen. Zum Glück etwas später als befürchtet, was bedeutet: Meine heutige Tour kann ich noch wie geplant durchziehen.

Die heutige Tour, die führt von Sparta, das am Fuß der Berge liegt, in denen Mystras thront, gen Süden.


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Reisetagebuch Griechenland (14): DAS! IST! POTTENHÄSSLICH!!

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 18 mit den merkwürdigen Bauten seltsamer Einsiedler, einer überaus hässlichen Stadt und ikonischen Momenten.

Mittwoch, 06. Oktober 2021, Nafplio
Schnorchelgrhmwas schon Zeit zum Aufstehen? Noch im Halbschlaf zerre ich das Handy vor die Nase, dann schließe ich beruhigt noch einmal die Augen. Die Barocca steht noch dort, wo sie sein sollte.

Ich lasse die Kiste nicht gerne in städtischen Gebieten rumstehen. Zwar habe ich die V-Strom auch deswegen gewählt, weil sie nichts hermacht und kein profesioneller Dieb mit einem Funken Stolz das alte Modell klauen würde (die osteuropäischen Banden, die auf Bestellung im Mittelmeerraum stehlen, stehlen hauptsächlich neue BMW GS), aber man weiß ja nie.

Die Barocca verfügt über gleich zwei Trackingsysteme, deren Position sich per App abrufen lässt. In der Frontverkleidung steckt ein normaler GPS-Tracker, der die Position über das Mobilfunknetz sendet. Der ist präzise, braucht aber viel Strom. Die Batterie hält bestenfalls drei Tage, deshlab mache ich das Ding nur an, wenn ich wirklich mal an seltsamen Orten parke.

Am Rahmen verborgen ist ein Lora-Tracker, der das Low-Power-Internet of Things nutzt, um unauffällig und energiesparsam seine Position mitzuteilen. Der aktualisiert sich weniger häufig und braucht länger um seinen Standort zu bestimmen, dafür sendet er drei Monate am Stück.

Beide Systeme melden: Das Motorrad steht noch an der Straße unter dem Hotelfenster. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, dass das stimmt. Nicht geklaut, und kein Auto hat es beim Ein- und Ausparken umgerammelt. Was auch zu sehen ist: Die mächtige Palamidis-Festung, die auf dem Berg über Nafplio in der Morgensonne leuchtet. Beides sehr schön.

Ich verlasse Nafplio in Richtung Westen. Erst bleiben die Gewerbegebiete zurück, dann die Felder, und schließlich geht es in die Berge auf einer der vielen Halbinseln Griechenlands.


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Reisetagebuch Griechenland (13): Wunderblumen

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 17 mit nassen Füßen, Orangenhainen, verschwundenen Gräbern und einem ausgemachten Otto.

Dienstag, 05. Oktober 2021, Delfi
Es ist erst kurz vor Sieben, als ich im Halbdunkel und auf dem Bett sitzend die Socken anpfriemele, die Beine aus dem Bett schwinge und IEH! KALT UND NASS! WAS IST DAS DENN?

Ich knipse das Licht an und begutachte den Boden. Vor dem Bett steht eine Pfütze, und in der stehe ich jetzt, mit klitschnassen Socken. Wo kommt denn das Wasser her?!

Dann sehe ich es. Der Bungalow hat einen Kühlschrank, der gestern laut gebrummt und geklappert hat. Sowas kann ich nicht in dem Raum haben in dem ich schlafe, genauso wenig wie tickende Uhren. Also habe ich dem Kühlschrank den Stecker gezogen.

Dooferweise, und das habe ich übersehen, hat der ein Tiefkühlfach. Das habe ich offensichtlich fachmännisch abgetaut, und das Wasser hat sich über die Fugen der Bodenfliesen im ganzen Bungalow verteilt. Suuuper. Fluchend hole ich einen Lappen und beginne aufzuwischen.

Aus dem Wasserhahn im Badezimmer kommt kochend heißes Wasser, damit mache ich mir einen Instantkaffee. Mit dem dampfenden Becher in der Hand stehe ich auf der Terrasse vor dem Bungalow und blicke über die Ebene vor dem Golf von Korinth.

Das Morgenlicht ist hier fast genauso magisch wie das Abendlicht. Das Sonnenlicht ergießt sich in großen, deutlich sichtbaren Strahlen in die dunklen Ebene, in der die Autos noch mit Licht fahren.

Es wirkt, als habe das Licht Substanz. „Volumetrisches Licht“ heißen solche Lichtbalken in Computerspielen. Vermutlich kommt dieses Phänomen, dass die Lichtstrahlen hier Masse zu haben scheinen, einfach von dem Dunst über dem nahegelegenen Meer.

Ich finde eine andere Erklärung aber schöner. Terry Pratchett hat mal geschrieben, das Licht stark abgebremst wird, wenn es auf ein thaumaturgisches Feld trifft. Da Energie nicht verloren gehen kann, wandelt sich die Geschwindigkeit in Masse um. Das finde ich die schönere Erklärung: Dieser Ort hier ist magisch, und dadurch gewinnt das Licht an Substanz.

Ich sattele die V-Strom und manövriere vom Gelände des Campingplatzes. Zu meinem großen Erstaunen sind die Terrassen in den Berghängen, die zum Abstellen von Wohnmobilen gedacht sind, leer.

Die deutschen Camper, die hier gestern Abend standen, sind verschwunden. Oberanführer Rolf und seine Gruppe müssen also schon lange vor dem Sonnenaufgang das Feld geräumt haben. Und zwar generalsstabmäßig und so leise, das ich nichts davon mitbekommen habe. Selbst Revoluzzer Wolfgang ist weg. Cool. Rücksichtnahme von Deutschen im Ausland, das ist unerwartet.

Ich fahre über die Olivenbaumebene in Richtung des Golfs von Korinth, biege kurz vor dem Küstenort Itea nach Osten ab und scheuche die V-Strom über die Küstenstraße, die dicht am Wasser entlangführt.

Die Sonne schiebt sich hier gerade über die Berge und wirft diese Lichtbalken in die Landschaft, die auch von Nahem so dreidimensional wirken, als könne man sie anfassen.


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Reisetagebuch Griechenland (12): Strauchwatte & Donnerfurz*

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit einer Elster, Ziegenregen, bildungsfernen Amerikanern und den Verschwörungen deutscher Impfgegner im Ausland. Und es passiert Magie.

04. Oktober 2021, Volos
So doof der gestrige Tag mit dem Scheißberg auch war, der heutige schickt sich schon früh an für die Quälerei zu entschädigen. Gleich nach dem kleinen Frühstück geht es wieder in den Sattel des Motorrads und dann los, raus aus Volos, die Morgensonne im Rücken.

Sobald die Barocca den Speckgürtel der Hafenstadt hinter sich lässt, wird alles sehr ländlich. Felder, soweit das Auge reicht. Bereits umgepflügte Getreidefelder, aber auch immer wieder Baumwollfelder. Die finde ich ja völlig faszinierend und muss anhalten, um die angemessen zu bestaunen. Die V-Strom bleibt an der Straße stehen, während ich neben den Pflanzen knie, um sie zu betrachten.

Bike for Scale

Der Name „Baumwolle“ ist eigentlich gelogen. Baumwolle, zumindest in der Form in der sie hier wächst, ist gar kein Baum. Es ist nicht mal ein hüfthoher Busch, wie ich das aus Filmen in Erinnerung habe. Nein, das hier ist nur ein kniehoher Strauch. Die Wolle selbst fühlt sich an und sieht aus wie Watte. Aber der Name „Strauchwatte“ hat sich wohl nicht durchgesetzt.

Ich pflücke ein wenig Baumwolle. Fühlt sich echt exakt an wie die Watte, die man in der Drogerie kaufen kann. Ob die natürliche Baumwolle hier wohl schimmelt, wenn man sie nicht behandelt? Ich beschließe Wissenschaft zu machen und stecke aus Erkenntnisinteresse den Wattebausch in eine Tasche der Motorradkombi. Mal gucken, ob der in ein paar Tagen zu gammeligem Matsch wird.

Es geht nach Nordwesten, und dieses Mal versuche ich nicht clever zu sein und die Route auf kleinste Nebenstraßen zu zwingen. Ich folge Annas Berechnungen und genieße es, über die breiten und doch kurvigen Straßen zu cruisen. Hier ist superwenig los, man kann kilometerweit über die Felder schauen, und ich habe echt das Gefühl allein auf der Welt zu sein.

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Reisetagebuch Griechenland (11): Der Scheißberg

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 15 fängt entspannt an, aber das muss ja nicht so bleiben.

Sonntag, 03. Oktober 2021, Litochoro
Die Nacht war unruhig. Nachdem ich nach dem Abendessen wie ausgeschaltet eingeschlafen war, kamen kurz vor Mitternacht gut hörbar die Zimmernachbarn nach Hause, während auf dem nahegelegenen Parkplatz – wo die Barocca stand – eine lautstarke Auseinandersetzung unter Jugendlichen begann, begleitet von der ein oder anderen Rangelei. Als endlich alles still war, bin ich nochmal aus dem Zimmer und habe nach der Suzuki gesehen. Alles Ok. Aber man weiß ja nie. Wie auch immer, heute morgen bin ich noch ziemlich verpennt.

„Gut geschlafen?“, fragt die kleine Frau im Eingangsbereich des kleinen Familienhotels. Durch die FFP2-Maske, die sie trägt, halte ich sie im ersten Moment für Ioanna. In diesem Moment guckt Ioanna um die Ecke und winkt. Ich bin wohl sichtlich irritiert es mit zwei identischen, mittelgroßen, schlanken, schwarzhaarigen und sogar ähnlich gekleideten Frauen zu tun zu haben, weshalb die zweite Ioanna fröhlich sagt: „Darf ich vorstellen: Meine Mama!“.

Verblüffend. Die Mutter sieht exakt wie ein Duplikat von Ioanna aus, gleiche Größe, gleiche Figur, nur etwas älter. Aber das sieht man durch die Gesichtsmaske halt nicht.

Die Frau winkt kurz, dann kommt sie ohne Umschweife zur Sache. „Also, ich habe Apfelkuchen gebacken und das hier“, sie deutet auf ein kleines Buffet, „sind griechische Törtchen, Bätterteig mit feta drin, hier frisch gebackene Croissants und das da sind frisch belegte Sandwiches und außerdem haben wir jede Menge Obst und ich könnte noch Eier….“
„Nein, danke, reicht“, wehre ich lachend ab. „Den Apfelkuchen bitte“.

Der Frühstücksraum des Enipeas ist gleichzeitig auch der Eingang und Windfang zu dem kleinen Hotel. Seltsame Bauform, aber der Ausblick durch die rundum laufenden Fenster ist fantastisch. Die Sonne geht gerade auf und taucht die Berggipfel links und rechts der Enipeas-Schlucht in warmes Licht.

Ioannas Mutter setzt sich an einen Tisch mir gegenüber. „Ich bin Stavroula“, sagt sie auf englisch.
„Ich bin…“, setze ich an.
„Ich weiß“, sagt sie, „ich lese die Formulare von den Menschen, die bei mir übernachten. Gefällt dir das Haus?“ „Fantastisch“, sage ich. Naja, bis auf die Schalldämmung. Man hört ALLES von den Nachbarzimmern. Also, WIRKLICH alles.

Sie nickt. „Haben wir alles neu renoviert. Familiengeführtes Haus.“
„Sowas liebe ich“, sage ich und meine es auch so. „Familienhäuser sind meist viel besser als andere Hotels, weil den Betreibern etwas an dem liegt, was sie tun. Und es gibt Leuten wie mir, die allein unterwegs sind, die Gelegenheit sich zu unterhalten und etwas zu lernen.“

Stavroula zieht die Augenbrauen hoch und sagt „Ist das nicht fein, wir ergänzen uns. Ich begreife unsere Aufgabe nämlich so, dass wir unseren Gästen immer auch etwas über unsere Kultur beibringen. Der Apfelkuchen, den Du gerade isst… der ist mit Nüssen und nach einem ganz traditionellen Rezept. Ich bin um 5 Uhr aufgestanden um den zu backen.“

„Großartig“ nuschele ich mit vollem Mund.
„Ich kann Dir sagen, so ein Hotel ist viel Arbeit. Viele Gäste sind seltsam, aber man kann denen ja nicht in den Kopf gucken. Aber ich habe Hilfe. Vier Kinder, alle helfen. Ioanna hier hat Erziehungswissenschaften studiert. Nur ihr englisch… Du hast sie gestern verkehrt verstanden, du hättest Dein Motorrad genau vor dem Zimmer parken können.“
Ach. Das hätte einiges an Aufregung vermieden.

Nach der Verabschiedung belade ich das Motorrad und lasse es rückwärts aus dem Parkplatz rollen, wende und starte dann den Motor.

Die sechs Grad Außentemperatur, die Anna vermeldet, sind recht kühl, aber die Sonne scheint und ich atme die Morgenluft tief ein und genieße sie. Den Rest des Jahres habe ich in staubigen Büros verbracht, da ist so frische, klare Luft etwas, was ich bewusst wahrnehme und schätze.

Vom Bergmassiv geht es hinab zum Meer, bis mir im Rückspiegel auffällt, dass heute keine Wolken da sind. Ich wende und fahre den Berg wieder hinauf und mache ein Foto vom unverschleierten Olymp in der Morgensonne.


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Reisetagebuch Griechenland (10): Enipeas

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 14 mit einem schlafenden Fluss, einer magnetischen Straße und zwei Schwestern in Bayern.

Samstag, 02. Oktober 2021, Vourvourou
Etwas missmutig packe ich meine Sachen zusammen. Heute heißt es Abschied nehmen von dem kleinen, etwas verranzten Häuschen am Strand. Nicht, dass ich von dem viel gehabt hätte.

Die letzten fünf Tage hat es ständig gestürmt oder geregnet, und die Luft war richtig kühl. Die Einheimischen feiern das, denn in den Wochen und Monaten zuvor hat es in Griechenland kaum geregnet, eine Hitzeglocke lag über dem Land und überall tobten Waldbrände.

Von der Hitze hätte ich mir nur ein kleines Bisschen gewünscht und vielleicht ein, zwei richtig sonnige Tage, um mal am hauseigenen Strand zu baden. Allein, es hat nicht sollen sein. Nunja. Auf dieser Reise habe ich noch zwei Mal die Chance auf ein Bad im Meer. Das klappt schon noch. Genauso wie Gyros essen. Das hat bislang nämlich auch nicht sollen sein.

Immerhin bin ich durch das erzwungene Nichtstun ausgeruht und entspannt. Das waren die ersten richtig ruhigen Tage seit Herbst letzten Jahres. Mir geht´s körperlich besser, ich träume nicht mehr von der Arbeit, und mein Magen hat sich auch eingekriegt – das allerdings schon kurz nach der Abfahrt von zu Hause, der monatelange Dünnpfiff war von jetzt auf gleich verschwunden.
Ja, mal rauszukommen ist gesund.

Ich trage die Koffer zur V-Strom. Die Maschine ist mit einem Salzschleier überzogen. Kein Wunder, das Motorrad stand auf der Sandwiese vor dem Haus, die ist nur rund 100 Meter vom Meer entfernt.

Mehrfach checke ich die Räume des Appartements und gucke überall nach, ob ich auch ja nichts vergessen habe. Dabei finde ich in der Ritze zwischen Sofa und Wand den Riegel der Moskitotür wieder, der bei der doofen Aktion am ersten Tag abgerissen und in hohem Bogen weggeflogen ist. Hatte mich schon gefragt wo der hin ist.

Schließlich stecke ich den Schlüssel von Innen an die Tür und texte meinem unbekannten Gastwirt „Leaving. Everything ok, key is in door. Had a relaxed time here, thank you.“

Relaxed stimmt auch, aber anders als gedacht. Fünf Tage im Bett und auf der Couch rumliegen, dafür fährt man eigentlich nicht nach Griechenland. Ich hatte zwischendurch sogar überlegt zu arbeiten. Arbeiten am Netbook, im Strandhaus, mit Blick auf´s Meer! Ich konnte mich dann gerade noch beherrschen, aber die Idee mal als Digitalnomade von Sonstwo auf der Welt zu arbeiten, das ist schon verlockend. Gut, geht in meinem Job nicht wirklich gut, aber wenn es ginge, würde ich es probieren.

Die DL650 springt auch nach den fünf Tagen in Salz und Regen sofort an. Ich steuere sie auf die Straße hinaus und gen Norden, runter von der ChaldiKidi…. Chalkididi.. Chalkidiki-Halbinsel und Richtung Thessaloniki. Statt von vornherein die mehrspurige Schnellstraße zur Stadt zu nehmen, steuere ich die Barocca erst einmal in die Berge östlich und nördlich von Thessaloniki.

Hier geht es auf einer Landstraße durch Weinberge und kleine Orte, das ist viel schöner zu fahre, wenn auch nicht spektakulär. Was es aber ist: Kalt. 13 Grad an der Küste, sagt Anna, und die Berge gehen teils auf 600 Meter hoch – mehr als sieben oder acht Grad dürften das hier oben nicht sein. Mir wird kalt in den Sommerhandschuhen, und starker Wind reißt an der Maschine herum.

Schließlich trifft die Landstraße doch wieder auf die Schnellstraße. Dieses Mal begehe ich nicht den Fehler und versuche mich durch Thessaloniki zu kämpfen, sondern nehme gleich die „Ring Road“, die Schnellstraße um die Stadt herum und über sie hinweg. Allerdings ist heute selbst die Ring Road fürchterlich. Der Samstag wird anscheinend genutzt um Wartungsarbeiten und Reparaturen an der Asphaltdecke sowie Baumschnitt durchzuführen, und das alles gleichzeitig. Mehrfach stehe ich im Stau und freue mich, als ich endlich aus der Stadt raus bin und die Landstraße erreiche, die wieder rechts und links voller weißer Flocken liegt und über die Traktoren mit frisch geernteter Baumwolle zockeln.


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Reisetagebuch Griechenland 2021 (9): Ausgesperrt (Das Haus am Meer)

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mache ich dumme Dinge, und das gleich mehrfach.

27. September 2021, Meteora
Vor dem Gasthaus parkt mein Motorrad, gegenüber stehen zwei Wohnmobile. In der offenen Tür des einen steht der schwäbische Mathelehrer. Das dürre Männlein schüttelt aufgeregt die Fäustchen und trägt einer Frau, die im anderen Wohnmobil gerade Bettdecken ausklopft, lautstark seine Abenteuer vom gestrigen Abend vor.

„Un´ dann hat der uns von unsere Plätze vertriebe! Des müssen´se sich einmal vorstelle! Einfach umgesetzt, obwohl mir Spit-zen-plätze hadde!“, greint er.

Ich hänge die Koffer in die Maschine ein, ziehe die Sicherungsgurte fest und starte Anna. „Route steht“, meldet sich meine Copilotin im Helm und ich denke nur Bloß weg hier, damit ich dieses Elend nicht noch länger mit anhören muss.

Schnell ist die V-Strom auf der Straße, kurvt durch den noch verschlafenen Ort Kalambaka und am örtlichen LIDL vorbei auf die Landstraße. Wenig später verschwinden die Metéorafelsen im Rückspiegel.

Östlich von Kalambaka sieht die Landschaft so aus, wie ich mir manche Gegenden in den USA vorstelle. Dünn besiedelt, karges Land, endlose Straßen. Diese Gedanken drängen bei diesen Bildern geradezu auf:

Fehlen nur noch Kakteen am Straßenrand. Oh, wie ich das genieße.

Allein.
Keine anderen Menschen.
Keine Autos
.

Na gut, Viecher gibt es. Aber Viecher sind okay. Viecher nerven mich nicht, auch nicht, wenn sie sowas machen:


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Reisetagebuch Griechenland 2021 (8): Metéora

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit Klöstern, Papper und Schwaben. Ausgerechnet Schwaben.

Tag 8: Sonntag, 26. September 2021, Kalambaka
„My mother makes breakfast“, schnauft Nikos, „my mother is best“. Auch heute morgen hat er wieder das karierte Hemd mit den Wolfsapplikationen an und watschelt zwischen den Tischen im Frühstücksraum herum. Ich bin der erste Gast und er stellt mir einen Teller nach dem nächsten hin, mit Wurst, Käse und Joghurt. Ich habe überhaupt keinen Appetit, bin noch voll vom gestrigen Abendessen.

Ich stürze nur einen Kaffee herunter, dann gehe ich hinaus zum Motorrad. Das Gepäck bleibt im Gasthaus, ich werde hier noch eine weitere Nacht verbringen.

Die V-Strom steht in der Morgensonne. Über ihr, in zwei, drei Kilometern Entfernung, stemmt sich eine große Sandsteinklippe aus einem Bergausläufer. Auf ihrer äußersten Kante liegt ein großes Gebäude, das von hier aus wie eine Burg aussieht. Es ist ein Kloster, und das will ich mir ansehen.

Ein Druck auf den Anlasser und der V-Twin erwacht zum Leben. Die V-Strom giert nach Strecke, aber heute wird es nur kurze Hüpfer geben. Ich steuere die Barocca hinaus auf die Rundstraße, die einmal um die Meteora-Felsen herumführt.

Mir fällt wieder ein wie ich das erste Mal hier war, vor sechs Jahren. Damals mit Modnerd, als Beifahrer im Mietwagen, bestaunte ich den makellosen Asphalt und die perfekten Kurven dieser nagelneuen Straße und dachte: „Hier würde ich so gern mal mit einem Motorrad entlangfahren“ – und jetzt bin ich hier!

Die V-Strom brummt die Bergstraße hinauf. Das Bergmassiv bildet hier einen Halbkreis, in dem die Felssäulen aus dem Boden ragen und vor die sich der Ort Kalambaka kuschelt. Eine seltsame Gegend, die die Menschen schon immer fasziniert hat. Einsiedler, Hippies und anderes durchgeknalltes Volk – also genau das Material, aus denen Religionen gemacht sind – ziehen diese Naturmonumente magnetisch an, schon seit ewigen Zeiten. Kein Wunder das erst Einsiedler, dann religiöse Orden hier die Metéora-Klöster in die Felsen gebaut haben.

„Metéora“ kommt von metéōros, dem altgriechischen Wort für „In der Luft schwebend“. Mindestens seit dem 11. Jahrhundert gab es auf den Spitzen der bis zu 300 Meter hohen Felsen Einsiedeleien.

Ist fast eine Ironie: Da will man als Einsiedler seine Ruhe haben und sucht sich den abgelegensten und am schwersten zugänglichen Ort der Welt – und stellt DANN fest, dass eines morgens von der Felsnadel gegenüber jemand herüberwinkt, der da über Nacht eingezogen ist. Und zwei Felsen weiter wohnt plötzlich auch ein Einsiedler. Auf dem im Hinterhof auch! Und weiter unten am Berg wohnt auch ein Eremit! Quasi eine Siedlung von Einsiedlern!

„Die auf dem Felsen da hinten, ne? ALLES SPALTER!“ (Aufnahme aus Varlaám)

Die Felssäulen von Metéora waren bei Religionsvolk so beliebt, das hier ab dem 15. Jahrhundert im Akkord Klöster gebaut wurden. Insgesamt vierundzwanzig waren es zu der Zeit, als es gerade total Mode war ein Metéora-Kloster zu haben.

Heute sind die meisten verfallen und unbewohnt. Nur sechs Klosteranlagen sind noch in Funktion, zwei für Frauen, vier für Männer. 2015 lebten auf den Felsen 41 Nonnen und 15 Mönche, neuere offizielle Zahlen gibt es nicht. Die sechs Klöster lassen sich allesamt besichtigen und sind über die Rundstraße verbunden. Nikos hat mir eine Karte mitgegeben. Darauf sind alle Felsen, die Rundwege und die Klöster eingetragen.

Die Karte mit ihren bescheidenen zwei Dimensionen gibt natürlich nicht im Ansatz wieder, wie spektakulär die Klöster auf den Felsen thronen (Klick macht groß):


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Reisetagebuch Griechenland 2021 (7): The Best

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit ähnlichem Mist wie gestern und einem vergessenen Prominenten.

Samstag, 25. September 2021, Sidirochoro
Die Sonne scheint durch´s Fenster und lässt das Holz der Zimmereinrichtung in einem warmen Ton leuchten. Sonne auf Holz. Der Inbegriff von Gemütlichkeit. Eigentlich will ich hier gar nicht mehr weg.

„My friend, all goode?“, poltert in der Gaststube Dimitrios mit seiner Dr. House-Reibeisenstimme und seinem russisch klingenden Englisch.
„Slept goode? Or dogs crying?“

„Barking. All. Night. Long.“, sage ich und reibe an den Schatten unter meinen Augen herum. Dank Ohrenstöpseln habe ich zumindest ein wenig Schlaf bekommen, aber die hysterische Nachbarstöle kläfft in einer so nervenzersägenden Frequenz, dass die sogar durch die guten Ohropax zu hören ist.

„Maaaany wolves and bears here“, grinst Dimitrios und stellt fest „You like white Mushroom, Yes“ um dann wieder so ein geiles Frühstück wie gestern zu machen – Omelett mit frischen Kräutern und Pilzen, gebackener Toast, dazu Brot und im Ort hergestellte Butter und Konfitüre. Im Duett schlürfen wir dazu griechischen Kaffee, ich an meinem Tisch, Dimitrios gedankenversunken am anderen Ende des Raumes hinter seiner Theke.

Als das Geschlürfe ein Ende gefunden hat, verabschiede ich mich. Im Rausgehen sage ich noch „Mir gefällt Dein Auto“.
Dimitrios guckt irritiert. „Aaaah, is nothing special. Is small and olde. Why you like?“.
„Ich mag die Farbe“, sage ich und ziehe die Tür zum Gasthaus zu.

Die Nacht war wieder kalt, so um die 3 Grad, und ich bin tatsächlich sogar irgendwann vor Kälte aufgewacht und habe mir eine zweite Decke aus dem Schrank geholt.

Auch jetzt ist die Luft noch kühl, vielleicht so sechs, sieben Grad, aber in der Sonne ist es schön und warm. Ich scheuche ein paar spielende Hunde aus dem Weg und beginne den Tag im Sattel des Motorrads.

Erst einmal geht es runter vom Berg, dann über die Ebene am See von Kastoria und durch die großen Apfelplantagen, wo gerade die Ernte in vollem Gang ist. Dahinter führt die Straße führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft. Sie schlängelt sich zwischen den Bergen hindurch und führt immer wieder zwischen kleinen Feldern entlang.

Erneut stelle ich fest, wie herrlich es sich in Nordgriechenland fahren lässt. Die Straßen sind praktisch leer, vielleicht alle fünf bis zehn Minuten begegnet mir ein Fahrzeug. Eine so geringe Verkehrsdichte, das kennt man aus Deutschland nicht mal mehr aus den ländlichen Gebieten.


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Reisetagebuch Griechenland 2021 (6): Very Traditional!

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit einem kleinen Ausflug in einen Nationalpark und in ein sehr besonderes Dorf. Außerdem wird etwas verbeult.

Freitag, 24. September 2021, Sidirochori
Um kurz nach 8 Uhr betrete ich den Gastraum. Ich bin froh den gefunden zu haben, denn die alte Taverna hat in ihrer bestimmt 150jährigen Geschichte so viele An- und Umbauten erfahren, dass ihr Inneres nun einem Labyrinth gleicht. Das aus Naturstein und Holz gebaute Gasthaus besteht aus einer Vielzahl kleiner Treppenhäuser, großer Vorräume und schmaler Gänge, die alle durch dicke Türen voneinander getrennt sind. Bei all den geschlossenen Türen und Abzweigungen verliert man dann schnell die Orientierung. Andererseits ist das natürlich gut so, dann hält sich die Wärme besser. Ist halt doch zu merken, dass das hier etwas höher in den Bergen liegt, auch letzte Nacht ist es einstellig kalt geworden.

Im Gastraum ist es heute morgen muckelig warm, hier läuft irgendwo ein Ofen. Das hier alles aus Holz und Naturstein gebaut ist, trägt zur inneren Wärme bei. Sonne filtert durch die Scheiben und taucht den Raum in warme Farben. Neben dem großen Bereich mit den Esstischen gibt es tatsächlich auch eine Leseecke rund um einen gemauerten Kamin, mit gemütlich wirkenden Sofas und Bücherregalen!

Das ich hier bin, geht übrigens auf Modnerd zurück. Der hat hier vor vielen Jahren mal Station gemacht, und ich hatte damals sdie Bilder dieses gemütlichen Natursteinhauses gesehen und gedacht: Da muss ich mal hin! Und jetzt bin ich hier, und es ist noch toller als ich es mir vorgestellt hatte.

Aus seiner Nische hinter der Bar lugt Dimitrios, der Gastwirt, hervor und ruft mit rauer und lauter Stimme „Ah my friend you are here, goode! goode!!”

Wegen seiner schlacksigen Statur hat Dimitrios mich gestern abend an James Cromwell erinnert, der u.a. den Farmer in „Schweinchen Babe“ gespielt hat. Aber nun fällt mir auf: Er spricht wie ein Russe, zumindest hört sich das abgehackte, harte Englisch für meine Ohren wie ein russischer Akzent an. In Kombination mit der rauen Reibeisenstimme, die wie „Dr. House“ klingt, und der Lautstärke wirkt Dimitrios nun eher wie Lev, der polterige russische Kosmonaut aus dem Film „Armageddon“, der seine Raumstation mit mit Klebeband zusammengehalten hat.

Bild: „Armageddon“ (1998). Lev Andropov wird gespielt von Peter Stormare.

Na danke, Hirn. Jetzt kriege ich das Bild nicht mehr aus dem Kopf, das Lev hier Gastwirt ist. Und da wir alle Mund-Nase-Masken tragen und ich von Dimitrios Gesicht nur die Augen sehe, hält sich diese Illusion auch standhaft.

Von hinter dem Tresen poltert es: “You want Coffee? I make Coffee. And I have Mushroom. White Mushroom. You like?“ – „Äh, ja“, sage ich. „Goode. Goode. Take seat. I make Breakfast“.

Das macht er dann und man, ist das mächtig und gut.

Es gibt griechischen Kaffee, dazu Omelett mit Pilzen und Kräutern, gebratenen Toast mit geschmolzenem Käse und Schinken, frisches Brot und dazu Butter vom Bauern nebenan und verschiedene, handgemachte Konfitüren. Großartig!

Ich haue rein und lasse es mir schmecken, während Dimitrios hinter seinem Tresen steht und einen Kaffee unter lautem Schlürfen und in kleinen Schlucken trinkt. Ich mache das nach und merke schnell: Dadurch schmeckt griechischer Kaffee gleich nochmal besser, und man trinkt keinen Kaffeesatz mit. So schlürfen wir in angenehmer Stille, an entgegengesetzten Enden des Raumes.

Der Kaffee vertreibt auch die Müdigkeit ein wenig. Die Nacht war unruhig, direkt unter meinem Zimmerfenster hat der Hund der Nachbarin die ganze Nacht gebellt. Dimitrios grinst. „You now, here we say: When the dogs are crying, wolves and bears are near. Many wolves in the woods. Big wolves.“ Aha. Ich persönlich glaube eher, dass die Töle nebenan neurotisch ist und alle anderen Hunde im Dorf gleich mit irre macht, aber gut.

„I show you where you go today“, sagt Dimitrios resolut und nimmt mir mein Smartphone aus der Hand, öffnet Google Maps und zoomt bis auf Feldwege hinunter.
„You are afraid of mountains?“, fragt er und fährt, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „You go up there. Broken road. Very good for motorbike. Then go there – you are afraid of mountains?“
„Äh, nee“, sage ich. Wieso sollte ich Angst vor Bergen haben, wir SIND hier auf einem Berg.
„Goode, goode. Lots of mountain up there, but okay. Ah, Word is not mountain… I need word. Many stones. On Road.“

“Gravel?”, schlage ich vor, Schotter.
“Right, Gravel.” Aha. Jetzt ergibt das mehr Sinn.
„Is gravel. Or mud. Depends. Sometimes road is washed, maybe some trees have fallen. You will see. Then you go there…” er zoomt auf einen Wald, “and then there. Little village. Very beautiful! Very traditional! Many bears! You go there. Understood?“

„Viele Bären?“, frage ich.
„Yes! Yes! Many bears. Wild bears, circus bears, from all country. Life there.“ Ah, ein Bärenschutzreservat.
“Anyway, you go there! Very traditional!“, sagt Dimitrios. „Okay“, sage ich und ergänze in Gedanken meine skizzierte Tagestour.

Kurze Zeit später zirkelt die V-Strom auf einer schmalen Bergstraße um riesige Schlaglöcher herum. Dimitrios Anweisungen bin ich nicht gefolgt, sonst wäre ich jetzt schnell Richtung Osten unterwegs gewesen. Ich möchte aber erst einmal nach Norden.

Nicht weit entfernt sind die Grenzen zu Mazedonien und Albanien, und in diesem Dreiländereck liegt der Prespes Nationalpark. Zu dem gehören auch mehrere Seen, und einer davon, der kleine Prespes-See, weist eine Insel auf, die ich mir angucken möchte.
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Reisetagebuch Griechenland 2021 (5): Cthulhus Kinder

Tagebuch einer Motorradreise durch Griechenland im Herbst 2021. Heute begegne ich Chtulhus Kindern, jeder Menge Ziegen und dem Farmer aus „Schweinchen Babe“

Donnerstag, 23. September 2021, Perama, Ioannina
Spiros sieht aus wie eine eingelaufene Version von Ernest Borgnine, als der den Dominic Santini in der alten TV-Serie „Airt Wolf“ gespielt hat. Nur das Spiros keinen Hubschrauber fliegt, sondern das Café im Erdgeschoss der Unterkunft betreibt. Und was für ein wunderbares Café das ist! Der Laden sieht aus wie aus einem Konditoreifilm mit Juliette Binoche gefallen, so hell und freundlich und neckisch ist er eingerichtet. Hier gibt es Kuchen, frisch gebackene Waffeln, Joghurt, selbstgebackenes Brot…. das duftet einfach himmlisch!

Spiros freut sich, als ich nur griechische Dinge bei ihm bestelle, und kurz darauf stellt er mir einen griechischen Joghurt und einen griechischen Kaffee auf den Tisch.

Neugierig beäuge ich beides. Der Kaffee wird in einer kleinen Messingkanne mit einem langen Griff serviert, daneben steht ein großes Glas Wasser, eine Tasse und ein Stück rotes Dings mit Puderzucker drauf. Und nun? Das Wasser mit dem Kaffee selber Mischen? Nee, das Glas hat keinen Ausgießer. Also trink man das dazu. Vermutlich um die Geschmacksknopsen zu öffnen, ähnlich wie man in guten Kaffeehäusern auch ein Wasser zum Espresso bekommt. Der Kaffee ist hervorragend und lehrt mich: Griechischer Kaffee hat Bodensatz, deshalb sollte man die Kanne nie ganz leeren. Wenn er in der Tasse serviert wird, sollte man die nie einfach runterstürzen.

Der süße Joghurt dick mit Honig überzogen und mit Erdnüssen bestreut ist. Was für ein Overload an Süß!

Das rote Glibberdings heißt übrigens Loukoumi und ist eine Süßigkeit aus Zucker und Stärke, die ein wenig wie mürbes Weingummi schmeckt. Loukoumi kommt ursprünglich aus der Türkei, ist aber in ganz Griechenland zu finden. Das Ioannina osmanische Wurzeln hat, weil es früher mal Handelsstadt des osmanischen Reiches war, spielt da keine Rolle. Wie auch immer: Loukoumi ist lecker, aber auch ein Overload an Süß und der dauerhafte Genuss ein schneller Weg in eine Diabetes.

Ach, was geht´s mir gut. Ich sitze hier im Schein der Morgensonne, allein in einem herrlichen Café und darf unbekannte Köstlichkeiten entdecken. Sogar die Aussicht ist schön: Vor der Tür steht die Barrocca.


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Reisetagebuch Griechenland 2021 (4): Elláda!

Tagebuch einer kleinen Motorradtour. Heute mit einem neuen Land unter den Reifen.

Mittwoch, 22. September 2021, Fähre Florencia, irgendwo auf der Adria
Um 08:00 Uhr bin ich wach. Der Schlaf war unruhig, denn die 17 Jahre alte Florencia knarzt und klappert um mich herum. Irgendwo in der Wand schwingen Stahlseile gegen eine Verkleidung. Das hört sich an, als sitze in der Wand ein sehr wütender Gnom, der mit seinem Hammer mit voller Kraft auf eine Stelle neben meinem Kopf eindrischt.

Ob das wohl ein Grund ist den „ALLARM BOTTON“ neben dem Bett zu drücken? Vermutlich nicht.

Wann muss ich wohl aus der Kabine raus und auschecken? Was ist draußen wohl zu sehen? Ich schlüpfe in Motorradhose und Stiefel, werfe die Fleecejacke über und verlasse die Kabine, wandere zu einer der Außentüren und trete in die frische Morgenluft.

Draußen scheint die Sonne, und rechts vom Schiff (Backbord? Steuerbord? Ich kann mir das nie merken) zieht in fünfzehn Kilometern Entfernung eine Küstenlinie vorbei, an der ich große Tanks und einen Turm ausmachen kann. Mein Hirn fahndet nach Informationen, die Rückschlüsse auf den Ort zulassen, und wird sofort fündig. Ich mag bloß nicht an den Fund glauben.

Ich rühme mich mittlerweile gerne damit, nach zehn Jahren Reisen durch Italien nahezu jeden Ort auf dem Stiefel schon mal durchfahren zu haben oder zu erkennen oder zumindest verorten zu können, und wenn ich jetzt nicht völlig unter Selbstüberschätzung leide, dann würde ich sagen: Das da ist das Raffineriegebiet südlich von Brindisi, der Stadt an der Ferse des italienischen Stiefels.

Brindisi?! Aber das kann doch eigentlich nicht sein! Wir sind schon gute 14 Stunden unterwegs, da müssen wir doch mehr geschafft haben als die lumpigen, was sind es, vielleicht 450 Kilometer, zwischen Ancona und Brindisi, oder?

Leider gibt es keinen Empfang, ich kann also nicht mal schnell im Smartphone nachgucken wo wir sind. Aber ich kann den kleinen GPS-Recorder einschalten und später die Aufzeichnung angucken.

Stellt sich im Nachgang raus: Das an der Küste ist wirklich Brindisi, und das Schiff ist tatsächlich nur mit sagenhaften 17 Knoten oder 32 Km/h unterwegs.

Ich setze mich mit einem Buch auf die linke Seite des Schiffs in die Morgensonne. Auf der Außenplattform. ein Deck unter mir, diskutieren griechische Lastwagenfahrer über Dinge, über die griechische Lastwagenfahrer halt so diskutieren.

Nach zwei Stunden in er salzigen Seeluft ist mir kühl, und ich ziehe mich in die Kabine zurück. Hier stelle ich erst einmal die Uhr um. Wir schippern gerade in eine andere Zeitzone, ab jetzt ist es eine Stunde später. Oh, schon 12 Uhr? Hm. Da das Frühstück ob der heftigen Preise an Bord ausgefallen ist, läute ich dann einfach mal das Mittagessen ein.

Aber nicht im Bordrestaurant, zum einen hat das noch nicht offen und zum anderen sind die Preise da unverschämt – drei Euro für einen Espresso, WTF. Wenn man Lastwagenfahrer ist, bekommt man wohl alles für die Hälfte, was dann in akzeptablen Preisregionen liegt, aber als Normalmensch wirste da arm. Nein, da bleibe ich lieber bei meinem mitgebrachten Dosenfutter. Pasta aus dem Beutel, fertiges Knäckebrot und einen Müsliriegel. Wer hätte gedacht, dass es fertig belegtes und einzeln verpacktes Knäckebrot gibt?

Dann lege ich mich auf das Bett und lese und warte, während die Florencia weiter durch die See schaukelt.


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Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (3): PLF Florencia

Im Herbst 2021 bin ich unterwegs gen Süden. Heute mit mehrfachen Umwegen, Regen-aus-dem-Nichts, einer schönen Benzinaia und einem irritierenden Ausdruckstänzer. Ach ja, und vor mir geht ein Auto in Flammen auf.

Dienstag, 21. September 2021, San Biaggio di Callalta
Ein kurzes Frühstück im honigwarmen Frühstücksraum der Villa Maria Luigia, eine schnelle Verabschiedung von Sara und Francesco, und um kurz nach 8 Uhr rollt die Barocca durch den Ziergarten der Villa, zieht auf die Landstraße und pöttert durch das Veneto.

Der Himmel ist bedeckt und die Luft mit 15 Grad auch nicht besonders warm, aber immerhin: Es reicht für die Sommerhandschuhe und es regnet nicht. Man freut sich ja auch über Kleinigkeiten.

Dieser Landstrich ist so unsäglich langweilig, das mein Hirn fast sofort auf Autopilot schaltet. Gewerbegebiete reihen sich an Felder, auf denen vereinzelt Häuser rumstehen. Alles ist flächendeckend besiedelt, auch zerfranste Dörfer gehen ineinander über, und dazwischen stehen einzelne Wohnhäuser oder Mittelstandsunternehmen. Das Veneto und die im Westen angrenzende Lombardei sind das Mittelstands-Powerhouse Italiens. Hier sitzen viele der italienischen Weltmarken, die meist als Familienunternehmen angefangen haben oder es immer noch sind. Auch im Motorradbereich, Firmen wie Alpine Stars oder Nolan oder Dainese haben hier ihren Ursprung und meist noch ihre Firmenzentrale und, wenn auch nicht den Großteil der Fertigung (die wurde bei den Klamottenherstellern nach Vietnam ausgelagert, so doch mindestens ein Outlet, und auch viele Automobilzulieferer und so gut wie jede Outdoormarke hat hier ihre Verwaltung oder eine Verkaufsdependence.

Die dichte Besiedlung ist sogar aus dem Weltraum zu erkennen, diese Region leuchtet nachts heller als das Ruhrgebiet (Quelle: NASA).

Italien bei Nacht. Das hell leuchtende Dreieck im Norden ist im Osten das Veneto, im Westen die Lombardei.Ich bin gerade beim Pfeil.

Durch die Landschaft schneiden breite Straßen, die sich an unzähligen Kreiseln kreuzen. Anna hat ein Strecke Richtung Küste gerechnet, biegt aber kurz davor ab auf eine Staatsstraße. Nun geht es gen Westen, an der Lagune von Venedig entlang, deren Küste hier mit dem Flughafen Mestre und zahlreichen, ineinander verschmolzenen Industriegebieten zugebaut ist.

Mestre und Marghera, die beiden Petrochemie-Städte auf dem Festland, wo heute die meisten Venezianer leben, sind einfach nur Ausgeburten der Hässlichkeit. Geblendet von den Abscheulichkeiten am Wegesrand verfahre ich mich hier prompt – im Gewirr der Baustellen einmal falsch abgebogen, und schon bin ich plötzlich auf dem Weg über die Brücke, die in der Altstadt von Venedig, draußen in der Lagune, endet. Nein, das will ich heute nicht.

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Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (2): Mit Gyros repariert*

Tagebuch einer kleinen Motorradtour. Heute: Gen Italien. Achtung: In dieser Episode geht weder etwas kaputt noch gibt es Gyros. Was sehr schade ist. Zumindest letzteres.

Montag, 20.September 2021
Kein Regen zu hören, stelle ich noch im Halbschlaf fest, und freue mich ein wenig. Dann fällt mir ein, dass das gar nichts bedeuten muss. Die Fenster des Zimmers im Burgblick sind fast 10 Zentimeter dick und isolieren ALLES. Ein kurzer Blick hinaus zeigt: Die Burg ist noch da, aber Wolken ziehen dicht und sehr schnell über ihr entlang, und das mit dem „regnet nicht“ war nichts. Seufz.

Kurzes Frühstück, dann trage ich die Koffer zum Motorrad. Es regnet zum Glück nicht in Strömen, wie es angesagt war. Es nieselt nur. Erhöhte Luftfeuchtigkeit, wie man in Oldenburg sagt. Dazu kommt eine steife Brise und eine Temperatur von knapp neun Grad. Alles aushaltbar, aber auch nicht besonders angenehm, deshalb zwänge ich mich noch im Hotelzimmer in die Regenklamotten.

Als ich damit fertig bin mich in die Stormchaser hineinzuwinden und zu -zwängen, läuft mir der Schweiß den Nacken hinab. Hier im Haus ist alles schon wintermäßig beheizt, und ich trage jetzt lange Merinounterwäsche, darüber einen leichten Merinopullover, darüber die Kombi aus Cordura und Leder und darüber die winddichten Regenklamotten. Wurst in Pelle, aber vermutlich bin ich gleich froh über die Wärme, die sich gerade im Inneren meiner Wursthaut staut.

Dicke Regenwolken hängen über dem Tal. Vorsichtig steuere ich die Barocca vom Hof des Gasthauses und den Berg hinab und dann auf die Landstraße nach Süden. Kurz gerate ich mit Anna in Streit darüber, ob „Straßen ohne Maut“ auch bedeutet, dass sie die A10 meiden soll, aber zum Glück fällt mir ihr Fehlgriff noch auf, bevor ich auf die Autobahn gerate. Dafür drehen wir eine launige Schleife durch kleine Dörfchen, um wieder auf die normale Straße zu kommen. Keine Autobahn heute, nur Landstraße und kleine Bummelwege, bitte. Berg hoch und Berg runter, das möchte ich gerne, keine Kilometerfresserei.

Als es den ersten richtigen Berg hoch geht, wird der Regen stärker. Es beginnt zu pladdern, Regentropfen klopfen auf´s Helmvisier, und schlagartig fällt die Temperatur auf nur noch vier Grad, sagen das Navi und das Motorrad in seltener Übereinstimmung.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 2 Kommentare

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