Reisen

Reisetagebuch Motorradherbst (8): Asche und Phönix

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit einem kauzigen Gast, unangenehmen Entdeckungen und deutlich überschrittender Geschwindigkeit.

Mittwoch, 30. September 2020, La vecchia Fontana, Roccafinadamo
Zwei kleine Hunde liegen in der Morgensonne vor der Vecchia Fontana, als ich die Koffer zum Motorrad trage. „Wo habt ihr denn Jack gelassen?“, frage ich, bekomme aber keine sinnvolle Antwort. Die beiden tanzen mir um die Beine und freuen sich so ausgelassen, wie das nur Hunde tun, die ein gutes Leben haben.

Neugierig schnüffeln sie an der Motorradkombi herum, die ich bereits trage. Das war die letzte Nacht auf „La Vecchia Fontana“, heute geht es weiter. Schade, an die Einsamkeit des Bergbauernhofs und Signora Annas Kochkünste könnte ich mich gewöhnen.

Die Koffer sind schon am Motorrad befestigt. Als ich die Gaststube betrete, sitzt an einem der Tische ein hagerer Mann und mustert mich mit großen Augen.

Mauro hatte gestern Abend erwähnt, dass sich noch spontan über Booking.com ein Gast angekündigt hat. Der muss dann aber erst sehr spät angekommen sein. Kein Wunder, der Hof hier ist schwer zu finden, erst recht im Dunkeln.

Der Mann ist vielleicht Mitte 60 und so dürr, dass sein Kopf zu groß für den Körper wirkt. Das graue Haar ist von den Seiten quer über kahlen Kopf gekämmt, wogegen es sich heftig wehrt und zerzauselt in alle Richtungen absteht. Der Mann trägt einen roten Pullunder, der seltsamerweise farblich gut zu seinem Gesicht passt und eine Nickelbrille, durch die er auf eine Art schaut, die ihn gleichzeitig erschrocken und zum Einschlafen gelangweilt wirken lassen.

„Giorno!“, ruft Signora Anna, als sie durch die Schwingtür zur Küche kracht, in einer Hand ein abgedecktes Körbchen, in der anderen eine Kaffeekanne. Sie stellt beides auf einen Tisch und verschwindet wieder.

Ich nehme Platz und untersuche den Inhalt des Körbchens. Die Inspektion fördert ein warmes Croissant zu Tage. Ich nehme meine FFP2-Maske ab und konzentriere mich darauf, einen Löffel von dem guten Honig-Apfelgelee aus dem Glas zu dem zerteilten Cornetto zu balancieren.

Das dürre Männlein starrt mich an uns sagt: „Jaa, Maske bringt nichts, muss man eh absetzen, sonst kann man nicht essen“. Meine Laune fällt schlagartig unter den Gefrierpunkt. Von fremden Leuten vor dem ersten Caffé angelabert werden ist schon schlimm genug, aber von einem Maskenverweigerer? Womit habe ich denn das verdient? Und was ist denn das überhaupt die Argumentation? „Jaja, Maske bringt nichts, weil sie den Weg zur Futterluke versperrt“, und das ist seine Entschuldigung warum er gleich überhaupt keine dabei hat, oder was?

Ich habe sowas von keinen Bock auf ein Gespräch. „Hm.“, mache ich und versuche dabei FrauZimt zu imitieren, die die Kunst beherrscht, ein simples „Hm“ in einem so herablassenden Tonfall von sich zu geben, dass es beim Gegenüber ankommt als „Alles was Du sagst ist uninteressant und irrelevant und Du hast Glück, wenn ich Dir für die Unverschämtheit mich angesprochen zu haben nicht den Kopf abreiße.“ .

„Aaah“, sagt das Männlein und glotzt mich unverfroren weiter an. „Sie verstehen mich. Mir wurde schon gesagt, dass ich heute Morgen Deutsch sprechen könnte“, sagt er so langsam, als ob er beim Sprechen gleich einschläft.

„HM.“, versuche ich es noch einmal. Aber meine Zimtpower ist nicht stark genug oder der Typ ist merkbefreit oder beides.

„Ich…“, sagt das Männlein langsam und beginnt in seiner Jackentasche zu wühlen. Als er gefunden hat was er sucht, hält er mir einen Reisepass hin. Sollen das jetzt? „…habe zu Hause ja nur Deutsch gesprochen. Aber im Kindergarten musste ich dann italienisch lernen.“ Ach Gotte, auf dem Reisepass ist ein Österreichischer Bundesadler. Aber italienisch im Kindergarten? Er kommt also gebürtig aus Südtirol.

„Zu Hause immer Deutsch, aber dann im Kindergarten…“, hebt das Männlein wieder an. „Sie kommen aus Südtirol“, kürze ich ab. „Ja genau… darauf wollte ich hinaus…“, sagt das Männlein und wirkt leicht beleidigt, als hätte ich ihm die Pointe zu einem spitzenmäßigen Witz geklaut. Ich habe heute Morgen aber echt keine Geduld für jemanden der meint, mir seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen, nur um auszudrücken, dass er Deutsch und Italienisch beherrscht.

Ich esse schweigend weiter. Anna werkelt in der Küche, im Gastraum hängt eine aggressive Stille.

Der Mann glotzt eine zeitlang Löcher in die Luft, dann legt er sich die Fingerspitzen beider Hände auf´s Gesicht und tastet darin herum. Dann schaut er herüber, um zu sehen ob ich das bemerkt habe und mich jetzt wundere, was er da macht. Ich tue ihm aber nicht den Gefallen zu fragen, also kommt er von sich aus damit raus.

„Ich war auf dem Monte Vettorio“, sagt er und macht eine Pause, als ob er jetzt Applaus erwartet oder eine Nachfrage, was das wohl ist. Oder wo der ist. Der Monte Vettorio nämlich nicht hier in der Nähe. Aber auch diesen Gefallen tue ich ihm nicht. Ich WEISS wo dieser Berg ist, und wer da hochmarschiert ist selbst schuld.

„Da lag schon Schnee. Ich bin das gar nicht gewohnt. Nie habe ich in der Höhe Probleme, aber die Sonne hat geschienen und dann der Schnee und dann hat es länger gedauert als gedacht. Der Weg ist ja ganz schön…“

„Sie sind auf einen schneebedeckten Zweieinhalbtausender gewandert und haben die Sonnencreme vergessen?“, kürze ich das Ganze ab. „Die brauche ich sonst nie“, verteidigt sich das Männlein schwach, seufzt resigniert und befühlt weiter sein sonnenverbranntes Gesicht.

„Aber das ist eh nicht mein Jahr. Ich bin ja mit dem Auto da draußen gekommen“, sagt er und deutet durchs Fenster. Draußen steht ein Fiat Doblo Maxi, ein kleiner Transporter, ähnlich einem VW Caddy.

„Da habe ich mir eine Matratze reingelegt und jetzt kann ich da auch drin schlafen wenn ich mag!“, sagt der Mann stolz. „Und ich hatte Photovoltaik auf´s Dach gemacht.“ Ich gucke nochmal raus, aber der Doblo hat keine Solarzellen auf dem Dach, nur seltsam verbogen aussehende Halterungen über der A-Säule. „Naja, jedenfalls, jetzt kann ich nicht mehr darin schlafen, weil hinten drin die ganze Photovoltaik liegt.“

Das Männlein erzählt seine Geschichten wirklich so unfassbar langsam, dass für mich ein Ratespiel daraus wird… was ist wohl passiert? Schaffe ich es zu erraten worauf er hinauswill, bevor er mit seiner Geschichte am Ende ist?

„Ist abgefallen?“, rate ich etwas vorschnell.
„Als ich auf die Autobahn gefahren bin“, sagt das Männlein fröhlich, „Da hat sich alles hochgewölbt und dann ist es weggeflogen“.
„Argh, watten schiet“, sage ich und lege die Serviette weg, „OK, muss los“.
„Wo geht´s hin?“, fragt das Männlein.
„Marken“, sage ich, „über Castelluccio“.

„Aber da komme ich ja…“, hebt der Mann an.
„…gerade her, ich weiß“, sage ich.

Der Monte Vettorio ist nämlich der Hausberg von Castelluccio, einem winzigen Bergdorf in den sibellinischen Bergen. Auf dem Weg zum Monte Vettorio liegt der „Pilatus-See“, an dem angeblich Pontius Pilatus nach seiner Flucht gestorben sein soll.

Ach, Castelluccio. Habe ich schöne Erinnerungen dran. Ich habe da oben in einem kleinen Gasthof mal drei Tage lang ein episches Wetter ausgesessen. Das war gemütlich, trotz Magenverstimmung.

Ich lege meine FFP-Maske wieder an, stehe auf und gehe Richtung Küche. Das hagere Männlein guckt mir verwundert durch seine Nickelbrille nach und sagt dann: „Aber da steht doch nun wirklich gar nichts mehr!“

Ich erstarre in der Bewegung und drehe mich wieder zu ihm um. „Was?!“

„Ja, da steht nichts mehr. Ein Haus am anderen, alles kaputt. Kannst durch die Mauern bis ins Kaschtel gucken (gemeint ist ein Schrank, Anm. S.), da ist Geschirr und alles noch drin, aber darf halt keiner mehr rein in das Haus und es rausholen, weil alles jederzeit einstürzen kann. Beim Erdbeben vernichtet, das auch L´Aquila zerstört hat“.

Ok, jetzt weiß ich, dass er Unfug erzählt. „Bei allem Respekt, aber L´Aquila war 2009, und ich war zuletzt 2016 in Casteluccio, da stand noch alles“, herrsche ich ihn an. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf springt eine kleine Erinnerung auf und ab und will Aufmerksamkeit, weil sie meint, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu der Story des Österreichers zu passen.

Sie hat sogar recht, sofort nachdem ich ihr Beachtung geschenkt habe, dämmert es mir – der Österreicher hat L´Aquila mit Amatrice verwechselt, und DAS Erdbeben war im Januar 2017 und hat in der Region gigantische Schäden angerichtet. Aber Castelluccio? Das liegt doch so weit oben und außerdem hätte ich das doch bestimmt mitbekommen!

„Ich muss weg“, sage ich. Der Mann tippt gerade quälend langsam „E-R-D-B-E-B-E-N L-A-Q-U-I-L-A“ in sein Smartphone ein.

Ich stecke den Kopf durch die Schwingtür zur Küche. „Signora Anna?“

Anna legt einen Lappen zur Seite und fragt „Willst Du schon los?“
„Ich muss. Ich hoffe, dass ich nicht wieder sieben Jahre brauche, um das nächste Mal hier her zu kommen. Für eine Rückkehr gibt es so viele Gründe, das Haus, das tolle Essen…“
„Und die Freunde!“, sagt Anna und strahlt, „Du hast jetzt hier Freunde! Vergiss das nicht! Das ist der beste Grund um wieder zu kommen!“
Umarmung muss ausfallen wegen Corona, also nicke ich einfach und gehe.

Im Rausgehen höre ich das Männlein rufen „Ich habe es gefunden! Es war 2017!“ Ich beschleunige meine Schritte. Jetzt habe ich es eilig. Castelluccio zerstört? Das KANN doch nicht sein.

Ich springe in den Sattel und steuere die V-Strom über den Sandweg und die kaputte Bröckelstecke den Berg hinauf. Auf der Straße gebe ihr die Sporen und heize durch die Berge Richtung Teramo. Es ist ein schöner Morgen, aber ich nehme mir nicht viel Zeit um die Schönheit der Abruzzen zu bewundern.


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Reisetagebuch Motorradherbst (7): Echos der Vergangenheit

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nur an ablegene Orte, am Besten ohne Menschen. Heute mit einer Spurensuche in der Vergangenheit und mit Kühen. VIELEN Kühen.

Dienstag, 29. September 2020, Bauernhof La Vecchia Fontana, Roccafinadamo

Signora Anna, die Besitzerin von La Vecchia Fontana, werkelt an den Tischen im Gastraum und erzählt dabei vor sich hin. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Zum einen, weil ich ihren abruzzesischen Dialekt nicht gut verstehe, zum anderen, weil ich gerade versuche einen Löffel Apfelgelee vom Glas zu einem recht mürben Keks zu balancieren ohne dabei Schweinerei anzurichten. Das ist viel schwieriger als es sich anhört. Vor Konzentration klemmt mir die Zungenspitze im Mundwinkel.

„Hm?, mache ich, ohne die Augen von der Wabbelmasse zu lassen, als ich meinen Namen höre. Die Signora spricht mich direkt und deutlich an und deutet dabei auf ein Bild an der Wand. „Ob Du was von der Tragödie mitbekommen hast, will ich wissen“, sagt sie.

Ich werfe einen flüchtigen Blick in die angezeigte Richtung. Das Bild ist eine Collage und zeigt ein großes Gebäude. Mit Weichzeichner ist das Portrait eines Mannes in seinen 50ern darübergelegt. Er lächelt mild in die Kamera. Daneben ist ein Hund eingefügt und in einem dieser typischen 3D-Fonts aus der Word-Billigkiste steht „Robertos Traum“ darunter.

„War dass das mit dem Hotel? 2017?“, frage ich. Großartig, jetzt habe ich es geschafft mir den Apfelgelee gleichzeitig an die Finger und in den Bart zu schmieren. Muss man auch erstmal hinkriegen.

Anna nickt. „Roberto del Rosso war der Besitzer. Wir kannten ihn gut, meine Nichte hat am Empfang gearbeitet. Sie hat überlebt, aber Roberto hatte nicht so viel Glück“. Anscheinend hat sich das Unglück wie ein kollektives Trauma bei den Leuten hier eingegraben, Mauro hat es gestern auch schon erwähnt.

Draußen scheint die Sonne, und der Berghang wirkt wieder so perfekt und grün, dass ich ganz genau hinhöre, ob nicht doch irgendwo die Startmelodie von Windows XP ertönt.

Anna, die Motorrad-KI, hat ebenfalls gute Laune. „Keine Verzögerungen auf Ihrer Route“, sagt sie. „Na, das is´ ja toll“, sage ich, während ich die V-Strom für einen Tagesauflug bepacke. Die Route, das ist heute nur ein kleiner Ausflug durch die Berge, würde mich wundern wenn Anna überhaupt Infos über diese Region hat. Aber vielleicht ist ihr einfach nach reden.

„Hit the Road, Jack“, rufe ich, aber Jack interessiert das nicht wirklich.

Die Barocca pflügt durch die schlammigen Passagen des kaputten Wegs, klettert dann das steile letzte Stück bis zur Straße hinauf und steuert dann Richtung Süden.

Über die kleinen Bergstraßen zu kurven macht einen diebischen Spaß, auch wenn die hier unheimlich schlecht sind. Egal. Der Ausblick entschädigt ohnehin für alles. Meist ist der Ausblick weit, über Felder und Berge. Und da wo er nicht weit ist, blickt man auf das Massiv des Gran Sasso, das schon mit Schnee bedeckt ist.

„Warnung“, sagt Anna und schreckt mich auf. Schnell checke ich die Reifendruckanzeige. Auf dem Display leuchtet das Hinterrad der V-Strom rot. Aber nicht weil der Luftdruck nicht stimmt, sondern weil die Verbindung zum Reifendrucksensor schon wieder weg ist. Ach je, wenn es weiter nichts ist. Ich habe sogar Ersatz für den dabei, aber ob ich Lust habe den zu montieren und dann den ganzen Firlefanz mit der Kalibration zu machen, das muss ich mir noch überlegen. Derweil genieße ich weiter den Ausblick und die Straße.

Eine halbe Stunde später signalisiert Anna, dass wir an einem besonderen Ort angekommen sind. Ich halte an und bugsiere die V-Strom an der Zufahrt zu einer Weide hinter die Leitplanke, dann hänge ich den Helm an den Lenker und inspiziere eine Einfahrt, die auf der anderen Straßenseite in den Wald hinab führt.


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Reisetagebuch Motorradherbst (6): Ascolana Tenera

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit dicken Dingern und einem Leck in der V-Strom.

Montag, 28. September 2020, „La Vecchia Fontana“, Roccafinadamo

Die Abruzzen sind von den 20 Regionen, aus denen Italien besteht, mit Sicherheit eine der interessantesten. Sie liegt mitten in Italien, aber die Italiener:innen denken von ihr als dem Norden – dem Norden von Süditalien. Die Region erstreckt sich vom Latium, kurz hinter Rom, bis zur Adria im Osten und von den Marken im Norden bis zum Molise, was quasi niemand kennt, im Süden.

Karte: Wikimedia, CC BY SA NorNordWest

So richtig besiedelt sind die Abruzzen nur an der Küste, wo auch die Großstadt Pescara liegt. In der Mitte liegen die Berge des Apennin und der Grand Sasso, ein großes Bergmassiv. In diesen Gebirgsregionen gibt es große Gebiete, die als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, u.a. der Grand-Sasso Nationalpark, der Abruzzesische Nationalpark, der Nationalpark Majella und noch weitere Regional- und Nationnalparks. Allein die drei größten haben zusammen eine Fläche von 280.000 Hektar, was rund 400.000 Fußballfeldern entspricht, oder 1,08 Saarland (Saarländern?).

Weil es so viele Naturschutzgebiete gibt und die Gegend rau ist, ist das Innere der Abruzzen die am wenigsten besiedelte Region Europas. Nur wegen der weitgehenden Abwesenheit von Menschen gibt es hier noch rund 100 europäische Braunbären, mehre Rudel aus rund 40 Apennin-Wölfen, dazu europäische Wildkatzen, Stachelschweine, Dachse, Luchse oder Rothirsche. Wegen der Abwesenheit von Menschen bin auch ich hier, und wegen der Landschaft.

Schon kurz nach dem Aufstehen packt mich die Begeisterung, als ich auf der Terrasse des kleinen Gasthauses „La Vecchia Fontana“ stehe. Obwohl Oktober ist, ist die Landschaft hier noch satt grün, und als die Morgensonne auf die Berge fällt erwarte ich unwillkürlich den Startsound von Windows XP zu hören.

Es ist kühl, aber die Sonne scheint, und das ist viel besser als der Eisregen und das Unwetter gestern. Nach einem kleinen Frühstück sattele ich die V-Strom und lasse den Motor an. Die Maschine ist sofort da, anscheinend hat sie die Sintflut von gestern gut überstanden. Haushund Jack guckt mir gelassen bei den Startvorbereitungen zu.

Zur Hauptstraße führt ein Feldweg, der abwechselnd aus zerbröckeltem Asphalt und festgestampfter Erde besteht und der heute morgen zwar schon wieder weitgehend trocken ist, aber durch das Wetter gestern teilweise von Sand und Erde überspült ist. Ein wettergegerbter Bauer kommt mir entgegen und grüßt freundlich. Die letzten Meter des Wegs sind recht steil, aber weder der Schlamm noch die Steigung stellen für die Suzuki ein Problem dar. Das Motorrad wühlt sich den Berg hoch und biegt oben auf eine geteerte Straße ab.

Die Straßen in den Abruzzen sind scheiße, muss man einfach so sagen.

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Reisetagebuch Motorradherbst (5): Hände wie Mülltüten

Reisetegabuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute leidet die Barocca, ich habe Hände wie Mülltüten und der Helm stirbt.

Sonntag, 27. September 2020, San Vincenzo

Über der Bergkette vor San Vincenzo geht eine violette Sonne inmitten von Wolkentürmen auf. Das Unwetter hat die ganze Nacht hindurch gewütet. Das Regengebiet, das vom Meer über San Vincenzo hinweggezogen ist, hat den Sturm mit vorher nicht dagewesener Intensität wiederbelebt und Unmengen an Regen mitgebracht. Fast die ganze Nacht klapperten die Fensterländen von I Papaveri, Wasser rauschte durch die Dachrinnen und Regen klatschte draußen auf´s Pflaster. Im Wohnzimmer ist wieder Wasser durch die geschlossenen Türen gedrückt worden. Erst vor einer Stunde hat es aufgehört zu regnen. Jetzt stürmt es nur noch, und über dem Meer ballt sich schon die nächste Regenfront zusammen.

Die Temperatur ist über Nacht um fast 15 Grad gefallen und hängt nun bei einstelligen 8 Grad. Brrr. Und nicht nur das: Über ganz Mittelitalien zeigt die Wettervorhersage eine dicke Wolkendecke und Regen. Nunja, das werden wir sehen. Ich fahre heute einmal quer über den Stiefel und durch Bergregionen, da kann es ja nicht die ganze Zeit regnen, oder? Oder??

Ich mache mich fertig, schiebe das Motorrad vor das Tor und hänge das Gepäck ein, dann folgt ein letzter Rundgang durch La Conchiglia und ein Blick vom vorderen Balkon auf die startbereite V-Strom.

Schließlich lege ich die Schlüssel zum Appartement sorgfältig auf den Küchentisch und ziehe die Tür zu.

Vor dem Tor klettere ich in den Sattel. Ich entscheide mich dagegen die Regenkombi anzuziehen. Irgendwann heute werde ich nicht drum rumkommen, aber mal schauen, wie lange ich es rauszögern kann.


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Reisetagebuch Motorradherbst (4): Philipp Lahm aus dem Senegal

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute ohne Motorrad und ohne Abenteuer, dafür gibt es Sturm, Lasagne und Philipp Lahm.

Mittwoch, 23.09.2020
Ah, diese Ruhe auf I Papaveri.

Ich verschlafe den halben Vormittag und bin dann mild überrascht: Das Wetter ist ja doch ganz okay! Das ist nett, denn eigentlich sollte EXAKT an dem Zeitpunkt, als ich hier ankam der Weltuntergang beginnen. Dauerregen und Sturm, sagt die Wetterapp, und zwar genau so lange bis ich wieder abreise! Unfair!

Normalerweise ist der September in San Vincenzo noch ein Spätsommer (außer 2017, als ich hier war und das der kälteste September seit 40 Jahren war). Tatsächlich war die vergangenen Wochen hier jeden Tag Sonnenschein und Temperaturen um die 25 Grad, aber jetzt, wo ich hier bin, sieht es so aus: Jeden. Tag. Regen.

Heute habe ich aber Glück, der Regen zieht gerade im Norden und Süden an San Vincenzo vorbei. Ich packe ein Handtuch ein, kaufe im Chinaladen einen billigen Sonnenschirm und Badelatschen und fahre an den Strand.

Zwei Mal schaffe ich es ins Wasser zu springen, aber nach einer Stunde fallen dann doch die ersten Tropfen. Ich fahre zurück, lungere etwas im Appartment herum und hole Tagebuchschreiben von gestern nach. Was schön ist: Franca hat mir einen Schreibtisch in die Wohnung gestellt. „Du schreibst doch immer so viel“, hat sie per Whatsapp getextet, als ich mich dafür bedankt habe. „Aber nicht über uns schreiben!“ kam noch eine Nachricht hinterher. Nein, natürlich nicht.

Vor dem Fenster kann man Elba erkennen.


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Reisetagebuch Motorradherbst (3): Unter dem Marmorberg

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im September des ersten Pandemiejahres. Nur an Orte, deren Risiko einschätzbar ist. Heute warte ich den ganzen Tag auf schlechtes Wetter und verfahre mich unter einen Berg.

Dienstag, 22. September 2020
Trout Lodge, Collagna

Gestern Abend bin ich so schnell eingeschlafen als hätte mich jemand ausgeknockt, dafür bin ich nun um kurz nach 5 Uhr schon wieder wach. Ich gucke auf die Uhr, dann drehe ich mich nochmal um und genieße bettwarmen Halbschlaf. Habe ich echt schon wieder von der Arbeit geträumt? Man. Offensichtlich fällt es mir schwer die aus dem Kopf zu bekommen. Ein sicheres Zeichen dafür, wie tief die gerade noch in meinem Kopf steckt.

Ich dämmere noch einmal weg. Erst zwei Stunden später schwinge ich die Beine aus dem Bett und öffne die Tür der Hütte. Die Sonne schiebt sich gerade über Berge von Collagna, und die Barocca wird von den ersten Sonnenstrahlen umschmeichelt.

Tief atme ich die kühle Waldluft ein. Es hat heute Nacht geregnet, die Luft ist feucht und frisch.

Ich schiebe das Motorrad rückwärts unter dem Vordach der Hütte hervor, hänge die Koffer ein und bin damit schon abreisefertig.

Das Twin Peaks Zimmer hat in einer Ecke einen kleinen Anbau. Das ist ein Durchgang, dessen Tür aber abgeschlossen ist.

Einer der Schlüssel am Bund mit der Holzforelle passt zwar, lässt sich aber nicht drehen. Als ich jetzt versuche ihn ins Schloss zu stecken, höre ich eine weibliche Stimme hinter der Tür. „Nein, lass, das geht nur von dieser Seite!“, tönt es auf italienisch. Okay.

Ich warte, dann höre ich einen Schlüssel im Schloss und die Tür springt auf. Direkt dahinter steht eine blonde Frau mit Mundschutz und sagt „Nicoletta hatte gestern fest abgeschlossen, weil sie noch Freunde da hatte. Ich bin Roberta. Komm rein! Verstehst Du meine Sprache?“ Ich nicke. „Gott sei´s gedankt! Englisch ist doch, naja, beh.“

Ich folge Roberta und stehe im Aufenthalts- und Frühstücksraum der Lodge. An einer Wand ist eine kleine Einbauküche eingelassen, davor ein Tresen, der in diesem Jahr wegen Corona von einer Plexiglasscheibe geschützt wird.

Er biegt sich förmlich unter all den leckeren Sachen, die darauf stehen:

  • Ein Teller mit Pizzastücken.
  • Eine Schale mit Croissants.
  • Apfelkuchen.
  • Pfirsichkuchen.
  • Kirschkuchen.
  • Eine undefinierbare, aber sehr bunte und hohe Torte mit Tonnen von Zuckerguss.
  • Mehrere Schalen mit verschiedenen Sorten Keksen.
  • Ein ganzes Blech mit unterschiedlichen Teilchen, Berlinern, Apfeltaschen und noch vielem mehr.

Ich kann mich daran erinnern, dass bei meinem ersten Besuch auch so krass viel aufgefahren war. Roberta bemerkt mein Gesicht angesichts dieser Auswahl und lacht „Hat alles Nicos Mama gebacken. Die steht den ganzen Tag in der Küche.“ „Äh, ok“, sag ich und nehme ein Teilchen, das mit Fiore di Latte, einer sämigen Milchcreme, gefüllt ist.

„Was trinkst Du?“, fragt Roberta, die viel redefreudiger ist als es irgendjemandem um diese Zeit gut tut. „Hättest Du einen…“, setze ich an. „Cappuccino! Klar, kommt sofort“, ruft Roberta. Man muss Roberta wohl schnell antworten, sonst übernimmt sie das Reden für einen gleich mit. „Nein!“, rufe ich „Caffé! Kein Cappuccino! Nur Caffé. Und Doppio, bitte“. Cappuccino, brr. „Junge, Kaffee ist kein Mixgetränk“, wie unser alter Hausmeister immer zu sagen pflegte.

Ich nehme an einem Tisch Platz und meine Maske ab. Roberta lehnt sich an den Türrahmen und sagt „Wir haben noch einen deutschen Gast“. Ah, stimmt. Ich habe gestern Abend jemanden auf deutsch telefonieren hören. „Ist der noch da?“, frage ich. „Ja, der schläft länger. Und er will draußen essen“, sagt Roberta, greift sich eine Tischdecke und Besteck, geht damit auf die kleine Terrasse vor die Lodge und deckt einen Tisch ein.

Als sie wieder reinkommt, fährt sie fort: „Ist schon auffällig: Gerade kommen nur Männer hier her, und alle reisen allein.“ Kann ich verstehen, gehöre ich auch zu. Das ist Roberta nicht entgangen. „Warum bist Du allein hier?“, fragt sie.

Tja. Gute Frage. Weil ich ohnehin am liebsten allein reise? Aber das ist nicht der alleinige Grund, der mich hierhin, an den Arsch der Welt, verschlagen hat.

Da ist noch etwas anderes. Einen guten Teil dieses Jahres fühlte ich mich, als würde ich die Last der Welt auf meinen Schultern tragen. Wenn ich ernsthaft im Stress stecke, merke ich das selbst meist sehr spät, wenn der Körper Beschwerden meldet oder andere sagen „Mensch, Du siehst aber nicht gut aus“. In diesem, sehr speziellen Jahr war selbst mir bewusst, dass alles ein Bisschen zu viel auf einmal war. Aber weniger tun ging nicht, ich trage Verantwortung, und die vernachlässigen kann ich nicht. Vieles kannst Du, will´s die Pflicht, wie der alte Poesiealbumspruch weiß.

Aber manchmal ist es so viel auf einmal, dass ich mich sehr einsam fühle. Eine Einsamkeit, die sich dumpf und hohl anfühlt und alle Energie verschlingt. Einsamkeit, die aber bitte nicht mit „allein sein“ verwechselt werden darf. Allein zu sein macht mir nichts, das kommt meiner Einzelgängernatur entgegen. Einsamkeit dagegen ist „allein sein“ plus Verzweiflung.

Unter starkem und langem Stress werde ich manchmal, ganz plötzlich und nur für einen kurzen Moment, von einer alles umfassenden Verzweiflung überrollt, die aus dem Nichts wie eine Welle über mir zusammenschlägt. In solchen Momenten fühlt sich einfach alles nach „zu viel“ an und ich mich ganz klein und einsam. Das sind Momente, in denen mir vor Verzweiflung die Tränen in die Augen steigen, weil ich nicht weiß, wie ich alles schaffen soll.

Diese Welle der Verzweiflung schlägt immer in ruhigen Momenten zu, etwa wenn ich nach einem langen Tag allein im Auto auf dem Weg nach Hause bin. Urplötzlich fühle ich mich dann leer, mut- und kraftlos, und ich muss mit den Tränen kämpfen. Das dauert nur einen kurzen Augenblick, und objektiv gibt es dafür keinen Grund, weil ich eben doch fast immer doch alles im Griff habe. Aber solche Momente gab es in den vergangenen Wochen sehr häufig, ein deutlich Zeichen, dass ich in sehr ungesundem Maß und über einen langen Zeitraum Stress hatte. Die natürliche Reaktion darauf ist ein Fluchtreflex: Ich wollte eigentlich nur noch, dass das alles aufhört, das die Welt mich in Ruhe lässt, und wenn das nicht geht, wollte ich wenigstens einfach weg und von niemandem gefunden werden.

Ja, das ist es: Ich bin hier, auf dieser Forellenfarm mitten im Nirgendwo, in Bergen, von denen noch nie jemand was gehört hat, weil ich mich vor der Welt verstecken will.

„Hey?! Warum bist Du hier, so alleine?“, fragt Roberta noch einmal und reißt mich aus meinen Gedanken. „Naja, weil das hier ein schöner Ort ist, mit netten Leuten“, sage ich, „Perfekt zum Entspannen. Und weil man wird hier…“ ich mache eine Armbewegung in Richtung des durchgebogenen Tresens „…so lecker umsorgt wird“.

Roberta grient unter ihrer Maske, das sieht man an ihren Augen. Was ich natürlich auch nicht sage: Das erste Mal war ich 2017 vor allem deswegen hier, weil hier eine Übernachtung inklusive dieses opulenten Frühstücks gerade mal 25 Euro kostet. Dieses Mal hätte ich mit Vergnügen auch deutlich mehr gezahlt, nur um noch einmal hier sein zu dürfen, aber die Preise sind nach wie vor so super fair.

„Habt ihr sonst eher Familien hier?“, frage ich. „Oh ja, dieses Jahr im Sommer ging es hier richtig ab“, sagt Roberta. „Juli und August, da waren hier so viele Gäste wie noch nie, vor allem Familien mit Kindern. Auch wegen COVID. An den Stränden liegt man ja eng gepackt, also sind jetzt viele in die Berge gefahren. Puh, wir hatten wirklich VIEL Arbeit.“

„Gut so“, sage ich. „Ihr macht hier einen tollen Job, ich wünsche Euch den Erfolg!“ „Nicht reden! Gute Bewertung bei Booking.com schreiben!“, sagt Roberta und lacht. „Mache ich“, sage ich im Aufstehen, dann sage ich noch schnell Nicoletta ´Tschüss und kurz darauf steuert die Barocca durch den kleinen Nadelwald zur Ausfahrt der Trout Lodge.


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Reisetagebuch Motorradherbst (2): Von den Wolken zu den Fischen

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im September des Pandemiejahres. Nur an Orte, deren Risiko einschätzbar ist. Heute geht es gleich zwei Mal in die Berge, Dick & Doof nerven, ich bekomme einen Wutanfall und brülle jemanden aus vollem Hals an, und am Ende wird´s fischig.

Montag, 21. September 2020, Pension Jaqueline, Sölden, Tirol, Österreich

Der Frühstücksraum ist perfekt, wie alles in der Pension Jaqueline. Frau Wilhelm, die Gastwirtin, werkelt mit einem Gesichtsschild am Buffet. Sie bemerkt trotz der FFP3-Maske, die ich trage, dass ich breit grinse. „Alles gut?“, fragt sie. „Ach, ich freu mich“, sage. „Seitdem ich das erste Mal hier war, wollte ich gerne wiederkommen, in dieses Haus, und es ist schön, dass das dieses Jahr noch geklappt hat. Tatsächlich mache ich nur Station in Sölden, um noch ein mal hier sein zu können“ Sie schaut ein wenig verwundert und fragt „Wieso?“.

„Naja, das mag sich jetzt doof anhören, aber: Zum einen, weil hier einfach alles so perfekt ist. Die Zimmer sind groß. Alles ist Motorradfahrerfreundlich. Aber der wahre Grund sind sie.“ „Ich?!“, fragt sie erstaunt. „Ja“, sage ich, „Man merkt ihnen an, dass sie entweder schon das halbe Leben in der Hotellerie sind oder es einfach im Blut haben. Wie auch immer, sie managen das hier so mühelos, da ist es eine Freude, Gast sein zu dürfen.“ Und das ist die Wahrheit. Bei meiner ersten Übernachtung hier, vor drei Jahren, hat mich die Professionalität dieser Frau einfach umgehauen. Das musste ich ihr einfach mal sagen. Ich war selbst Jahrelang in einem Gewerbe mit Gästen unterwegs und weiß, wie echtes Profitum aussieht, und diese Frau ist Profi durch und durch.

Sie freut sich sichtlich. Wir plaudern noch ein wenig, dann lässt sie mich in Ruhe Frühstücken.

Zahlen, Gepäck an´s Motorrad hängen, dann geht es raus in die kühle Bergluft. Sechs Grad, mehr sind es heute morgen nicht. Aber wenigstens regnet es nicht. Als ich 2017 im September hier war, war es bedeutend nasser. Und kälter. So kalt, dass nur ein wenig höher in den Bergen schon Schnee fiel. Die geplante Fahrt über das Timmelsjoch musste damals ausfallen, stattdessen bin ich zurück nach Innsbruck und dann über den Brenner gekurvt. Aber nicht heute, heute geht es in die Berge!

Es geht hinaus aus Sölden, vorbei an Bettenburgen und Skipalästen. Es ist sehr deutlich zu sehen, dass Sölden ein Wintersportmekka und ein Partyort ist, ein Ballermann der Alpen. Bereits nächste Woche, hat Frau Wilhelm gesagt, geht die Saison los und die ersten Übungs-Skigruppen und Partytouristen kommen in den Bergort. Ob das wirklich so eine gute Idee ist, so mitten in der Pandemie? Ich wage das zu bezweifeln.

Tatsächlich wird drei Tage nach meiner Abreise ganz Tirol zum Risikogebiet erklärt werden, und Mitte November hat Österreich dann praktisch die Kontrolle über die Pandemie verloren. Aber das weiß ich noch nicht, als ich jetzt, im September, die Straßen in die Alpen hinein schieße.

Der Himmel ist bedeckt und in den Tälern stehen noch die Schatten, Überbleibsel der Nacht. Die Sonne schiebt sich gerade erst über die Berggipfel des engen Tals.

Es ist schon gut was los an diesem Morgen, vor allem langsame SUVs und LKW mit Baumaterial sind auf der Straße und verhindern zügiges Fahren. Es macht einfach keinen Spaß, hinter einem mit Stahlteilen beladenen Lastwagen mit Tempo 20 her zu zockeln.

An einer Baustellenampel mogele ich mich nach vorne, vor alle PKW und LKW, und stehe hinter zwei Moppedfahrern. Beide hocken auf kleinen Sportmaschinen, eine mit einem Insbrucker Kennzeichen, eine aus Aalen.

Der Einheimische ist dünn, von Kopf bis Fuß in knallbunter und unbenutzt aussehende Rennkombi gekleidet und hampelt an der Ampel so auf seiner Karre rum, dass er fast umfällt. Der Deutsche trägt anscheinend einen Hoodie und… Jogginghose? Sieht zumindest so aus, und außerdem hängt links und rechts von der kleinen Rennmaschine eine fette Arschbacke herunter. Fast wirkt es, als hätte sich ein Zirkusmensch ein Minimotorrad in die Poritze geklemmt.


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Reisetagebuch Motorradherbst (1): Südwärts

Samstag, 19.09.2020
Gerade nochmal ein wenig Hand an die Motorräder gelegt. Die ZZR ist jetzt abgedeckt und die Vergaser abgelassen, die macht schon Winterschlaf. Die V-Strom dagegen hat noch was vor sich, sie steht mit gepackten Koffern und startbereit da.

Ich wische mit einem Lappen an meinen Händen rum, verteile damit das Öl aber nur noch sorgfältiger. Gott, was freue ich mich, endlich rauszukommen. Die kleine Rundfahrt durch den Osten ist schon wieder drei Monate her, und auch wenn 2020 insgesamt kein Spaziergang ist, waren die letzten Wochen ganz besonders fordernd. Zehn bis zwölf-Stunden Tage, sieben Tage die Woche, keine Verschnaufpause, keine Ruhe.

Es war alles ein Bißchen viel auf einmal: Ein Trauerfall, Beerdigung, Vorstellungsgespräche, Jahresabschluss im Unternehmen, Neuerfinden einer Tagung, das alles neben der normalen Arbeit, und dann natürlich noch die Pandemie – wie hält man einen Laden zusammen, wenn die Mitarbeiter:innen sich alle nicht sehen dürfen und Homeoffice angesagt ist?

Besonders die letzte Woche habe ich viel zu wenig geschlafen, was in ziemlicher Dünnhäutigkeit resultierte. Immerhin, 5 Kilo weniger auf den Rippen, auch gut. Ich habe schlicht an manchen Tagen vergessen was zu essen, an anderen hatte ich einfach keinen Appetit. Ja, es war viel auf einmal.

Die Reise steht unter keinem guten Stern. Seit gestern ist der Stress eigentlich vorbei, und natürlich habe ich seit gestern eine zuhe Nase und huste dauernd. Die oberen Atemwege kribbeln, sicheres Zeichen für eine Infektion. Covid-19? Hoffentlich nicht. Die Fallzahlen gehen gerade wieder überall durch die Decke. Wo vor vier Wochen zwei- bis dreihundert Neuinfektionen pro Tag normal waren, sind es gerade zehn mal so viele, schon über 2.200*. 

Gestern Abend hat sich eine Herberge aus Österreich gemeldet, in die ich will. „Wir werden mit Sicherheit Sonntag oder Montag zum Risikogebiet. Wenn sie dann herkommen, werden die bei der Rückfahrt in Quarantäne müssen“, schrieb die Gastwirtin.

Ich will nicht darüber Nachdenken, ob ich den Coronavirus habe. Vielleicht kommt das Kribbeln in den Bronchien ja einfach davon, dass ich die letzten Tage viel geredet habe, und das in sehr trockenen Räumen. Ja genau, das muss es sein. Und es spielt keine Rolle, ob Tirol Risikogebiet wird. Ich will da ja nicht Ski fahren. Dann  gehe ich halt einfach nicht unter Menschen. So einfach ist das. Positiv denken, und nicht zu weit nach vorne. Ich mache das jetzt einfach, ich muss nämlich hier raus. Dringend. 

Sonntag, 20.09.2020
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker viel zu früh. „Oi Siri, Außentemperatur“, nuschele ich unter der Decke hervor. „Es sind 5 Grad“, entgegnet das iphone. Ich stöhne gequält auf. wo sind die 17 Grad hin, die wir gestern morgen hatten?

Immerhin scheint die Sonne, stelle ich fest, als ich fröstelnd mit einem Becher Kaffee in der Hand auf dem Balkon stehe. Es wird langsam Herbst. Der Apfelbaum hängt schon voller Früchte, aber noch hat er grüne Blätter.

Ich mache mich abreisebereit und brauche dafür genau eine Stunde, dann knipse ich die Sicherungen der Wohnung raus und ziehe die Tür zu. Weg hier!

Trotz 5 Kilo weniger auf den Hüften habe ich Mühe, die ohnehin körperbetont geschnittene Motorradjacke über die Fleecejacke zu bekommen, aber irgendwann habe ich mich hineingewunden und alle Reißverschlüsse zugezogen.

„Wo geht´s hin, Anna?“, frage ich, als ich das Geräusch im Helm vernehme, das bestätigt, dass das Garmin Zumo 590 jetzt mit Motorrad und mir verbunden ist. „Biegen Sie links ab und folgen sie de Straßenverlauf für 660 Kilometer“, sagt meine virtuelle Copilotin. „Das bekomme ich hin“, sage ich, lasse den Motor an und die V-Strom aus der Garage rollen. Karten lesen und dieses Abbiegen nach links oder rechts überfordern mich manchmal, aber einfach nur dem Straßenverlauf folgen, das kriege ich hin. 

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (7): Das Plastinarium

Freitag, 03. Juli 2020, „Fuchsbergklause“ Dresden

Früh und schnell frühstücke ich in der Fuchsbergklause in Klotzsche, dem unappetitlich klingenden Vorort von Dresden, dann bringe ich die V-Strom auf die Straße.

Es geht nach Norden, weg von Dresden und auf Bundes- und Landstraßen durch Waldgebiete. Das hier ist die Lausitz. Schilder weisen den Weg zu Orten wie Bautzen, Bischofswerda, Hoyerswerda oder Cottbus. Wenn diese Namen in den Nachrichten auftauchen, stehen die meist im  direkten Zusammenhang mit Rechtsradikalen, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus.

Eine tiefe Verbitterung und Abneigung gegen alles Fremde (und, wenn gerade nichts Fremdes da ist, dann gegeneinander), das scheint in den Menschen hier ganz tief verwurzelt zu sein.

 

Ich erinnere mich daran, dass ich 1987 einen Schüleraustausch mitgemacht habe, zwischen meinem Gymnasium in Bad Gandersheim und dem in Pirna, was direkt vor Dresden liegt. Ich weiß davon nicht mehr viel, die prägendsten Erinnerungen sind aber:

  1. Wie der Lehrer der Austauschklasse sich bei einer Wanderung in die Sächsische Schweiz auf einen riesigen Findling stellte, der bestimmt drei Meter hoch und fünf Meter breit war, und den durch bloße Gewichtsverlagerung ein wenig von der einen auf die andere Seite kippen lassen konnte. „Das ist der legendäre Wackelstein“, proklamierte der Lehrer, „Der ist überall bekannt, der liegt hier seit Tausenden von Jahren und  ist ein Spaß für jung und alt! Von weit kommen die Leute hier her um den  Stein zu wackeln“. Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da gab es ein lautes Knirschen und der riesige Felds brach in der Mitte durch. Der Lehrer guckte fassungslos und trieb uns schnell weiter. Das war das Ende des berühmten Wackelsteins.

     

  2. Wie toxisch sich die Menschen in Pirna verhielten. Ich kannte das Wort natürlich noch nicht, aber die vergiftete Atmosphäre in meiner Gastfamilie, im Ort Pirna und der Schule nahm ich durchaus wahr. Die Toxizität galt nicht mir, der Hass richtete sich an unmittelbare Nachbarn („faules Lumpenpack“), Mitarbeiter und Kollegen („verdammte Fidschis“) und gegen die Nachbarn hinter der Landesgrenze („dumme Polen und klauende Tschechen“). Pirna liegt dicht an der tschechischen und polnischen Grenze, und ich weiß noch, dass ich es völlig seltsam fand, dass der Gastvater erst die Märkte dort lobte, weil er – ganz der clevere Sachse – dort billige Zigaretten und illegales Feuerwerk kaufen konnte, und im nächsten Moment abgrundtiefe Verachtung für die Menschen dort rausrotzte.

Verachtung und vergiftetes Denken, das ist mir noch von Pirna im Jahr 1987 im Gedächtnis. Und es war verbreitet, kein Einzelfall. Als würden die Menschen hier vom Hass angetrieben, so wirkte das auf mich damals. 

Zur sächsischen Gemütshaltung gehört die permanente Vermutung, dass alle anderen einen nur belügen und betrügen, und um den zuvorzukommen, hält man alle anderen von sich weg. Natürlich fühlen sich Teile von Sachsen auch heute, 30 Jahre nach der Wende, benachteiligt. Vertreter der der Lausitz, bspw., gebärden sich gerade so, als würde der Energiewandel nur gemacht, um ihnen persönlich eines auszuwischen, weil Braunkohle hier eine große Rolle spielte. Reste des Tagebaus sind noch überall zu sehen. Aber anstatt sich über die zerstörte Landschaft zu ärgern, sind die Leute hier auch noch stolz darauf.

Wohlgemerkt, der Tagebau SPIELTE eine Rolle, Vergangenheitsform. Schon heute arbeiten nur noch knapp 8.000 Personen in der Branche. Das ist nicht nichts, aber auch nicht so viel, dass es ein ganzes Bundesland in die Politikverdrossenheit führen sollte. Und doch passiert gerade genau das. Die AFD fuhr 2019 mit ihrem Gesellschaftszersetzenden Programm in Sachsen satte 28,4 Prozent ein, und an den Wochenende stehen hier an den Bundesstraßen Reichsbürger, schwenken Reichsflaggen und fordern das Ende der „Diktatur Merkel“. Wenn Deutschland einen „Rust Belt“ hat, dann ist das hier.

Möglicherweise haben die Leute hier alle tief sitzende und kollektive Neurosen. Auf solch einem Grund gedeiht Ausländerhass besonders gut, und das PeGiDA in Dresden seinen Ursprung hatte, wundert mich überhaupt nicht. Vielleicht entspringt dieses Verhalten einer tiefen Unsicherheit, denn diese Region wurden immer mal wieder von dem einen oder anderen Reich erobert. Erst „August der Starke“ gab den Sachsen hier ein wenig Selbstbewusstsein zurück, weshalb er bis heute auf eine fast kindliche Weise angehimmelt und verehrt wird.

In starkem Kontrast zu der Behauptung, von allen vergessen und immer benachteiligt zu sein steht der Zustand der nagelneu wirkenden Straßen und der schnieke herausgeputzten Dörfchen, durch die die v-Strom brummt. Nach gut einer Stunde komme ich in einer Stadt mit zwei Namen an. Mitten hindurch fliesst die Neiße und teilt den Ort in die polnische Hälfte Gubin und deutschen Ortsteil Guben.

Ich halte vor einem großen Fabrikgebäude aus Backstein und stelle die Barocca ab.

Guben war ab der Zeit der Industrialisierung bekannt für seine Tuchfabriken, und das hier ist eine davon. Genauer gesagt: Hier wurden Gubener Hüte produziert, garantiert wasserdichte Wollfilzhüte. „Gubener Hüte – weltbekannt durch ihre Güte“ war vor dem zweiten Weltkrieg ein bekannter Slogan. Im Krieg wurde die Stadt zu 90 Prozent zerstört, nach der Wende ging es wirtschaftlich bergab. Erst 2006 geriet Guben wieder in den Fokus, als ein Unternehmer hier einen Betrieb eröffnen wollte, den er zuvor in China aufgebaut hatte und dessen Ansiedlung ihm in Polen untersagt wurde – wegen Störung der Totenruhe und Leichenschändung.

 

(Achtung, nach dem Klick gibt es Bilder von Störung der Totenruhe, Leichenschändung und Käsekuchen.)

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (6): „Ich habe ein Attest!“

Donnerstag, 02. Juli 2020, Jablonec

Untergeschoß der Pension, Eier, Petr.

„Weißt du, früher haben die Kommunisten die Leute verhaftet und in die Fabrik gebracht um arbeiten zu gehen“, sagt Petr und stochert in seinem Ei.

„Was für Fabriken denn?“, frage ich, „was haben die produziert?“ Ich will das ernsthaft wissen. Auf meinen Touren durch Riesengebirge habe ich viele kleine und mittelständische Unternehmen gesehen, große Fabrikanagen aber standen verfallen am Wegesrand.

Petr zuckt mit den Achseln. „Na, so Fabriken halt.“
Aha. Na dann.

Alle Wege führen nach Liberec, der größte Stadt der Region, aber aus Jablonec oder Liberec wegzukommen, das ist gar nicht so einfach. Überall gibt es Straßensperrungen und Bauarbeiten, und eine geschlagene Stunde dreht die Barocca Schleifen über die Dörfer. Immer wieder tauchen Wegweiser auf, die signalisieren, dass wir in Richtung Jablonec fahren statt davon weg, wie in einer billigen Twilight-Folge. Am Ende dauert es über eine Stunde, bis wir den Großraum der Stadt endlich hinter uns haben.

Bild: Google Earth

Der Weg führt nach  nach Westen, Richtung Dresden. Eigentlich ein Katzensprung, aber Anna hat auf meinen Wunsch hin die romantische Route gerechnet. Statt über die gut ausgebauten Schnellstraßen geht es über kleine Landstraßen, durch grüne Alleen und Wälder und immer wieder kleine und allerkleinste Dörfer, die manchmal nur aus zwei Häusern und einem Schuppen bestehen. Für die 180 Kilometer bis nach Dresden brauchen wir so geschlagene vier Stunden, aber: Landschaft!.

Gegen Mittag rollt die Barocca über die Brücken von Dresden in Richtung Innenstadt.


Der Stadtverkehr ist dicht, und die Stadt ist ein krasser Gegensatz zu der entschleunigten Leere des dörflichen Tschechiens in den vergangenen Tagen. Immerhin, auf Anhieb findet sich der zuvor ausgeguckte Parkplatz. Diese Motorradparkplätze direkt am Zentrum von Dresden sind nirgends ausgeschildert, und man muss über einen kostenpflichtigen Autoparkplatz, dann von dem runter und quer über einen Fußweg um sie zu erreichen, aber sie sind praktisch direkt an der Innenstadt und null frequentiert.

Versteckter Motorradparkplatz am Rathausplatz. Bild: Google Earth.


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Reisetagebuch Motorradtour Ost (5): Bond-Bösewicht in Rübezahls Reich

Mittwoch, 01. Juli 2020, Jablonec nad Nisou

Im Erdgschoss der Pension im tschechischen Jablonec im Riesengebirge. Auch heute bin ich in dem großen Gästeraum der einzige Gast. Alle Tische sind leer, die Buffettwagen mit Stofftüchern abgedeckt. Wieder ist die Situation leicht surreal.

Ich setze mich an den Tisch am Fenster, auf dem heute schon ein Krug mit heißem Wasser und einem Strunk Minze drin steht. Kurz darauf kommt Gastwirt Petr mit zwei dampfenden Tellern aus der Küche, stellt einen davon vor mich hin und nimmt dann mir gegenüber Platz. Ich beäuge das Ding auf dem Teller. So ein Ei habe ich noch nie gesehen.

„Heißt „Gelegtes Ei*“, glaube ich, auf Deutsch“, sagt er. Habe ich noch nie gehört. „Wird so mit Essigwasser gemacht und gewirbelt“, sagt Petr. Aha. Sieht interessant aus.

„Weißt Du“, sagt Petr, „das es hier riesige, russische Militärflughäfen gibt? Die nicht mehr benutzt werden und langsam verfallen?“ Ich horche auf. Lost Places! Das ist spannend! „Werden nicht mehr für Flugverkehr benutzt“, fährt Petr fort, „aber sie sind noch da.“ Wo? Wo? Wo? ruft meine Innere Stimme. „Manchmal machen die Russen da komische Sachen“, sagt Petr. „Was denn so?“, frage ich. Petr zuckt mit den Achseln. „Wer weiß? Kommt man ja nicht hin! Ist aber alles abgesperrt und gesichert, also muss es geheim sein.“ Ich bin mild enttäuscht.

Kurze Zeit später brummt die V-Strom über Land- und Dorfstraßen und dann SCHON WIEDER nach Liberec und die Kurvenstrecke hoch. Das ist jetzt das dritte mal in drei Tagen das ich hier lang fahre, aber mein Gott, gibt Schlimmeres als eine tolle Kurvenstrecke mit dem Motorrad zu fahren.

Kurz bevor die Straße auf der anderen Bergseite wieder ins Tal führt biege ich nach links auf eine kleine, aber gute geteerte Straße ab, die in den Wald und den Berg Ještěd hinauf führt. Unterwegs überhole ich Wanderer und Radfahrer, die ebenfalls auf dem Weg nach oben, aber mehr dafür zu leisten bereit sind.

Nach einigen Kilometern erreiche ich einen großen Parkplatz, auf den ich gegen zwei Euro die Barocca zurücklassen kann. Aus den Seitentaschen es Topcase fuddele ich ein winziges Knäuel, das sich zu einem ganzen Rucksack aus Ripstop-Supersil auseinanderfalten lässt. In den Rucksack werfe ich eine Wasserflasche und die Kamera hinein und töffele los, weiter den Berg hoch.

Mein Ziel liegt auf dem Berggipfel, der nur einen Kilometer entfernt ist,  aber 100 Meter höher liegt. Die Steigung ist ganz ordentlich, und mit den dicken Stiefeln, der Lederhose und der schweren Jacke bin ich bald ordentlich am Schnaufen. Aber ich habe das Ziel schon vor Augen, und das sieht aus wie das Hauptquartier eines James-Bond-Bösewichts: Der Fernsehturm Ještěd, der genauso heißt wie der Berg auf dem er steht.

Der Turm stammt aus den 60ern und frühen 70ern, zufällig genau den goldenen Zeiten für absurdes Setdesign in Bondfilmen (vgl. „man lebt nur zweimal“ oder „Feuerball“), und weist eine ungewöhnliche Form auf, die eines Rotationshyperboloiden (ja, das heißt wirklich so!). Der Turm steht auf ca. 1.000 Metern, ist selbst rund 100 Meter hoch und in seinen unteren Stockwerken sind ein Restaurant mit 300 Plätzen und ein Hotel mit 14 Zimmern untergebracht.


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Reisetagebuch Motorradtour (4): Die Knochenkirche

Dienstag, 30. Juni 2020, Jablonec

„Hallo?“
Ich tappe durch das Halbdunkel im Kellergeschoss der Pension in Jablonec.

„Halloooo?“, frage ich noch einmal vorsichtig. Ich sehe mich um. Das hier ist ein großer Raum, der für Hochzeiten und andere Feiern genutzt wird. Praktisch ein großes Restaurant, mit einer Ecke für Buffets und einem weiten Raum mit Vierertischen. Hier passen bestimmt 50 bis 60 Personen rein. Eine große Fensterfront bietet eine fantastische Aussicht über den ganzen Ort Gablonz.

„Hallo!“, kommt es aus einer Ecke hinter dem Tresen der Bar, dann taucht ein Kopf auf.

Petr hantiert an einer Kaffeemaschine herum, die er konzentriert anstarrt. Ich sehe ihm einen Augenblick dabei zu und komme mir irgendwie fehl am Platz vor. „Ich habe gut geschlafen“, sage ich dann, weil ich nicht weiß was ich sonst sagen soll.
„Freut mich“, sagt Petr ohne aufzusehen und hantiert weiter.

„Wo kann ich mich denn mal hinsetzen?“ frage ich. „Da“, sagt Petr und zeigt ohne hinzusehen in Richtung eines Tisches am Fenster, auf dem eine Kaffeetasse steht, aber sonst nichts.

Um den Tisch herum sind Buffettwagen, aber alle sind leer und abgedeckt. Ob´s wohl Frühstück gibt?

Ich blicke aus dem Fenster und genieße den Blick über Gablonz. Keine Spur mehr vom Regen, der die ganze Nacht gepladdert hat, stattdessen blauer Himmel und ein paar Schäfchenwölkchen. Am Hang vor dem Fenster guckt ein Reh aus den Büschen. Als ich die Kamera bereit habe, ist es aber schon wieder weg.

„So, bitte“, sagt Petr, stellt einen Krug voller Gestrüpp auf den Tisch und gießt heißes Wasser darüber. Ich schnuppere. „Frische Minze aus dem eigenen Garten?“, frage ich. „Genau!“, sagt Petr und verschwindet. Und kommt nicht mehr wieder. Ich höre ihn irgendwas schneiden und brutzeln, aber für mehr als 20 Minuten ward er nicht mehr gesehen.


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Reisetagebuch Motorradtour (3): Ich lohn´ mich einfach nicht

Montag, 29. Juni 2020
Pension Kapellenstein am Knochen, Sachsen

Noch im Halbschlaf packe ich die Koffer. Wie das geht und was wo hingehört damit am Ende alles perfekt ausbalanciert ist, darüber muss ich gar nicht nachdenken. Obwohl ich jetzt länger als ein Jahr nicht mehr auf Tour war, erinnert sich der Körper noch genau an jede Bewegung. Ich trete auf die Terrasse der Pension, zirkele mit den Koffern in den Händen um die Au0enbestuhlung und gehe die Stufen zum Motorrad hinunter.

Jeder Handgriff um die Koffer anzubringen und zu sichern sitzt noch, jeder prüfende Blick erfolgt automatisch. Es hat die ganze Nacht geregnet, die Maschine ist nass.

Mit einem kleinen Mikrofaserhandtuch aus dem Topcase reibe ich Sattel und Instrumente trocken. Uh, kühl ist es. 14 Grad ist für Juni mal nicht viel.

Ach, eine Sache mehr als sonst haben wir noch. In einer der vorderen Bremsscheiben der Suzuki steckt ein Bremsscheibenschloss. Das benutze ich sehr selten, aber gestern Abend erschien es mir für den Ort hier angemessen. Wie auch immer, es sollte besser ab, sonst fährt die Maschine keinen Meter.

Ich stecke den Schlüssel in das aufbohrsichere Schloss und drehe ihn herum. Einmal. Nochmal. Ich ziehe ihn wieder raus, gucke ihn verwundert an, stecke ihn wieder rein und drehe ihn wieder.

Keinerlei Widerstand.

Der Schlüssel greift nicht.

Ab diesem Moment bin ich hellwach, als ich begreife, dass ich mein Motorrad nicht von der Stelle bekommen werde. Der Schlüssel dreht leer im Zylinder, aber das Schloss geht nicht auf. Wieder ziehe ich ihn raus, stecke ihn wieder rein, wackele daran herum. Nichts. Er greift nicht. Ich sehe mich schon Frau Gastwirtin bitten, einen Handwerker mit einer Flex zu bestellen.

Ich benutze das Bremsscheibenschloss sonst nie, warum habe ich das gestern Abend überhaupt angebracht? Ist doch gottverlassen hier im Erzgebirge. Ich fluche und drehe und stochere und dann rutscht der Schlüssel noch einen Millimeter tiefer hinein und das Scheißding geht endlich auf. Meine Fresse. Das Teil werde ich nicht wieder benutzen.

Unter einem bleigrauen, regenschweren Himmel geht es durchs Erzgebirge. Die Suzuki rollt über schmale Landstraßen und pöttert durch kleine Dörfer, oft nicht mehr als eine handvoll Häuser, in denen das Leben anscheinend von Weihnachten geprägt ist: In jedem Ort gibt es mindestens einen Betrieb, der Räuchermännchen oder Schwibbögen herstellt. Wundert mich nicht, seitdem ich weiß das der Kram sogar auf echten, deutschen Weihnachtsmärkten in Japan verkauft wird. Von hier aus wird deutsches Weihnachten in die Welt exportiert! In manchen Dörfern duftet es sogar ganz intensiv nach Räucherkerzen.

Roadside attraction ist ein Räuchermännchenmuseum, vor dem der zweitgrößte Räucherkegel qualmt, den ich je gesehen habe.


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Reisetagebuch Motorradtour (2): Ostwärts


Statt langer Sommerreise in ferne Länder nur eine Fahrt durch den Osten. Immerhin wird es eine Woche durch Erz- und Riesengebirge gehen und haufenweise Leichen meinen Weg pflastern.

Sonntag, 28. Juni 2020

Ich halte es nicht mehr aus.
Ich muss hier raus, ich muss hier weg. Mit dem Motorrad auf die Straße und weg, weg, weg, am Besten irgendwo hin wo alles anders ist als hier. Wind um die Nase, Asphalt unter den Reifen und was anderes sehen, aber bitte keine Menschen.

Die kurze Fahrt nach Weimar ist zwei Wochen her, aber zwei Tage in Thüringen und anschließend drei Tage Rumgammelei zu Hause, das reicht nicht, um den Stress des Jahres aus dem Kopf zu kriegen.

Das vergangene Jahr im Job war schon heftig, aber seit März ist die Arbeitsbelastung nochmal förmlich explodiert. Während fast alle Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice waren und dort versuchten Arbeit, Pandemie und Kinder irgendwie unter einen Hut zu kriegen, habe ich im Firmengebäude die Stellung gehalten.

Teils war ich tagelang alleine auf einer ganzen Etage in der Firma, außer mir nur ein bis zwei Personen im ganzen Haus. Das Telefon am Ohr bin ich durch die leeren Büros gewandert. Alles koordinieren, organisieren, den Laden irgendwie zusammenhalten, telefonieren, telefonieren, telefonieren, weil die Kollegen zu Hause halt nicht anrufbar waren. Teils alle 10 Minuten ein anderes Gespräch, andere Menschen, in anderen Notlagen, die Notwendigkeit anders auf die Leute einzugehen, eine endlose Abfolge von Zuhören, Erklären, Anweisen, Weitergeben.

Mein offizieller Rekord liegt jetzt bei 13 Stunden am Tag Dauersabbeln, zwischendurch war an solchen Marathontagen sogar der Akku des DECT-Telefons leer, genauso wie mein eigener. In den kommenden Wochen, das ist absehbar, wird die Arbeitslast NOCH größer. Wenn ich also noch eine Auszeit nehmen will, dann jetzt.

Deshalb mache ich noch eine Woche Urlaub und tue das, was mir dabei hilft, den Kopf frei zu kriegen: Wegfahren, was anderes sehen.

In der Garage steht die ZZR 600 startbereit, aber nach kurzer Rücksprache mit Leuten die wissen, wie im Osten die Straßen aktuell sind, nehme ich heute doch lieber die andere Maschine. Das Sportfahrwerk der Renaissance würde mir im Osten keine Freude machen.

Neben der Kawasaki steht die Barocca, die schwarze Suzuki DL 650 V-Strom, mein Motorrad für Fernreisen. Die Maschine ist perfekt durchgewartet und hat nagelneue Reifen drauf. Von denen ist nicht mal der Glitschmodder komplett runter, so wenig bin ich seit Oktober letzten Jahres gefahren.

Unsere große Reise dieses Jahr ist wegen Corona ausgefallen, nun geht es also gemeinsam auf eine kurze Tour. Die Suzuki trägt nur die kleinen Givi-Koffer. 36 Liter auf jeder Seite, dazu ein Topcase und einen Neuzugang: Eine kleine Tasche auf dem Soziasitz, in der die Regenkombi verstaut ist.

Ich schiebe die Maschine aus der Garage und verriegele das Tor, dann wuchte ich mich in den Sattel und versuche die V-Strom auf der abschüssige Straße vom Seitenständer zu heben. Scheiße, ist die hoch.

Für meine 1,70 Meter Körpergröße hatte ich die große Maschine 2017 tieferlegen lassen. Das hat allerdings die Fahreigenschaften so negativ beeinflusst, dass im vergangenen Herbst die Tieferlegung wieder ausgebaut wurde. Seitdem bin ich die Barocca praktisch nicht mehr gefahren und muss mich an die neue Höhe erst einmal gewöhnen.

Unter lautem Ächzen habe ich die Kiste dann irgendwann vom Seitenständer. Meine Fresse, was bin ich unfit. Coronabedingt zu wenig Bewegung, fühlt sich an, als ob ich kaum noch Muskeln habe. Egal, los jetzt.

Ich drücke den Starter, rolle die Straße runter und bin weg.

Kurz darauf fängt es ein wenig an zu regnen, aber das ist mir egal. Ich bin einfach nur glücklich, endlich wieder unterwegs sein zu können. Mein Gott, wie hat mir das gefehlt. Der Kurztrip neulich nach Weimar war nett, aber keine Erholung. Ständig habe ich an die Arbeit gedacht und Gedanken gewälzt. Ich bin anscheinend nicht der Typ für Balkonien, ich muss weg, damit der Kopf raus aus allem kommt. Nicht weit weg, aber weg, und am Besten im Sattel eines Motorrads.

Die V-Strom brummt über die Bundesstraße aus Göttingen raus, dann nach Duderstadt und hinein ins Eichsfeld. Die Menschen hier haben nicht viel Fantasie, und das merkt man an den Ortsnamen. Worbis. Breitenworbis. Kirchworbis.

Es geht nach Mühlhausen, dann nach Gotha, Ilmena, durch das ländliche Thüringen. Kornfelder, oft bis zum Horizont.

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (1): Die finstere Seite des Ettersbergs

Herr Silencer startet zu einer, äh, Motorradtour. Nur leider ohne Motorrad. Dabei stößt er auf sehr finstere Geschichten und gewinnt dadurch für seine Verhältnisse erstaunliche Erkenntnisse. Vorsicht, langer Text, der zudem noch schlechte Laune macht. Menschen, die von zu vielen Buchstaben getriggert werden, seien hiermit gewarnt.

15. Juni 2020
So richtig Urlaub mit mehrwöchiger Motorradreise fällt in diesem Jahr leider aus. Coronabedingt, warum auch sonst. Aber wenigstens eine kurze Tour in Deutschland will ich stattdessen machen. Ein Paar Tage mit der Kawasaki ZZR 600 nach Ostdeutschland, da kenne ich so viel noch nicht.

Das Motorrad steht schon gepackt unten in der Garage, aber ich sitze mit miesepetrigem Gesicht am Schreibtisch im Arbeitszimmer und starre aus dem Fenster.
Draußen reget es Bindfäden.

Wochenlang war es trocken und sonnig und JETZT, wo ich eine Woche Urlaub habe, da gibt es „ergiebigen Landregen, stellenweise auch Starkregen“ mit 50 Litern pro Quadratmeter, und das soll über Tage so gehen. Mir macht Wetter auf Motorradreisen nicht viel, aber diese Scheiße hier, eine Woche lang?

Ich überlege mehrere Stunden und starre dabei abwechselnd in den Regen und auf die Wettervorhersage, aber es wird nicht besser. Schließlich storniere ich einige der geplanten Unterkünfte und hinunter in die Garage, die in den Berg unter dem Haus eingelassen ist wie Höhle. Darin steht die silberglänzende ZZR neben der schwarzen V-Strom.

Beide Maschinen sind frisch gewartet, sauber geputzt und haben noch nagelneue Reifen, denn in diesem seltsamen Jahr waren sie bislang kaum ein paar Kilometer auf der Straße.

Mit der Hand fahre ich an der polierten Seite der Kawasaki entlang, blicke nach draußen in den pladdernden Regen und sage schließlich „Nicht heute“, als ich eine Entscheidung gefällt habe. Ich klinke die Seitenkoffer aus, trage sie ein Mal um die Ecke und wuchte sie in den Kofferraum des Autos. Statt also mit dem Motorrad mehrere Tage durch die Gegend zu kurven, fahre ich nun mit dem Auto von Göttingen aus 150 Kilometer nach Südwesten.

Der Weg führt bei Duderstadt über die ehemalige deutsch/deutsche Grenze, dann durch das erzkatholische Eichsfeld, und dann südlich vom Harz durch grüne Getreidefelder bis in eine Region, in der ganz geballt Orte mit bekannten Namen liegen wie Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar und Jena. Willkommen in Thüringen, dem Bundesland mit den wenigsten COVID-19-Infektionen.

Starkregen lässt sich im Auto, so die erste Erkenntnis der Fahrt, viel angenehmer ignorieren als auf dem Motorrad.

Auch 30 Jahre nach der Wende gibt es hier noch überall Straßen mit Kopfsteinpflaster. Das Kleine Gelbe AutoTM hat ein Sportfahrwerk, und ich werde erst ordentlich durchgeschüttelt und dann klappert irgendein Blech im Unterboden, dass sich abvibriert hat. Die Straßen sind für Trabbis gemacht, nicht für spanische Autos.

Mitten in Thüringen habe ich mir einen schönen Bauernhof gesucht, wo ich einer Knechtkate übernachte und mir zwei Tage lang Weimar angucken kann.

Weimar, das ist die Stadt von Bauhaus, der kantigen Architektur- und Designphilosophie. Deshalb gibt es hier auch ein großes Museum dafür, aber das hat natürlich gerade dann Ruhetag, wenn ich es besuchen will. Ruhetag am Dienstag ist eher ungewöhnlich.

Immerhin steht hier der zweitgrößte Stuhl, den ich je gesehen habe.

Weimar ist auch die Stadt dieser beiden Herren: Goethe und Schiller.

Die Beiden grüßen an jeder Ecke. Also, an WIRKLICH jeder Ecke.

Wirklich, Goethe und Schiller sind überall. Bis zum Erbrechen. In fast jeder der schmucken Gassen in der Innenstadt befindet sich irgendwas mit Goethe und/oder Schiller Bezug, und sei er noch so konstruiert. Aber egal, Weimars Altstadt ist wirklich hübsch.

Das Essen ist auch toll. Man isst hier, natürlich, Thüringer Bratwurst oder Thüringer Brät mit Bratkartoffeln.

Zum Nachtisch gibt es dann aber wieder Goethe und Schiller.

Wenn nicht gerade Goethe & Schiller vermarktet werden, dann geht es bestimmt um den Philosophen Herder. Ich muss gestehen: Das interessiert mich alles nicht die Bohne. Ich habe da keinen Bezug zu, wie zum gesamten klassischen Bildungskanon.

Die Sprache des „Dichterfürsten“ verstehe ich kaum, die Themen gehen mir ab. Ich gehöre nicht dem Bildungsbürgertum an, und von dem ist Weimar die Welthauptstadt.

Goethe, Schiller, Kulturstadt. Jaja, das stimmt ja auch. Vor ein paar hundert Jahren war Weimar die Kultur- und Bildungsstadt von Weltruf. Im 17. Jahrhhundert wirkten hier die Cranachs, im 18. Jahrhundert Bach, im 19. unter anderem Franz Liszt, Richard Strauß, oder Friedrich Nietzsche. Das Weimar eine Stadt der Hochkultur war, war auch der Grund, dass hier nach dem ersten Weltkrieg die Weimarer Republik ausgerufen wurde. Darauf ist man in Weimar heute noch stolz.

Weimars Geschichte hat aber noch eine andere Seite, und die ist sehr finster. Sie ist zugleich ein Lehrstück dafür, wie das Bürgertum mit Faschismus umgeht, ihn lebt und eher bereit ist, mit einer Lebenslüge zu leben, als sich damit auseinander zu setzen. Diese Geschichte kann uns viel über unsere eigene Gegenwart verraten.

Um mehr darüber zu erfahren, setze ich mich in das klappernde Kleine Gelbe AutoTM und fahre von Weimar aus zehn Kilometer nach Norden. Hier liegt der große Ettersberg, mit 480 Metern die höchste Erhebung im Thüringer Becken. Die Südseite ist dicht bewaldet, auf der Westseite schmiegen sich Felder an die Bergflanken. Mitte Juni sind die bedeckt sind mit grünem Getreide und manchmal mit schon gelben Feldern mit ganz viel Mohnblumen darin. Schön sieht das aus.


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