Serena (Silencers Blog feat. …)
Der Regen rauscht mit ungeheurer Wucht und Lautstärke vom Himmel herab.
Es ist Ende Mai, aber davon ist nichts zu bemerken.
Die sommerliche Wärme der vergangenen Tage ist einer klammen Kühle gewichen.
Der plötzliche Wetterwechsel hat einige Überraschungen im Gepäck: Eben hat es gehagelt, jetzt rauscht der Starkregen.
Giulietta trägt eine Teddy-Jacke, die so weit ist, als hätte sie sich in eine Sofadecke eingewickelt.
Wir sitzen dicht zusammen unter dem kleinen Vordach von Annamarias Eisstand, teilen die Teddywärme und schauen dabei zu, wie sich die Gästeterrasse und der Weg davor in eine Seenlandschaft verwandeln.
“Ist es Dir schwer gefallen? Loszulassen?”, frage ich.
“Um Himmels Willen NEIN!”, sagt Giulie, entschlossen und ohne eine Sekunde zu zögern.
“Ich habe 15 Jahre lang jeden Tag, jedes Wochenende gearbeitet. Ich habe mir mein Leben VERDIENT, und ich will es JETZT. ORA è il momento del cambiamento”.
JETZT ist die Zeit des Wandels.
Für einen Moment sehen wir schweigend hinaus in den Regen, der donnert und rauscht.
Ich suche nach Worten.
“Es tut Dir gut”, sage ich dann. “Vergangenes Jahr warst Du müde. Erschöpft. Hektisch. Manchmal wütend. Ma ora sembri… piú soddisfatto?”, kämpfe ich mit der Sprache. Jetzt wirkst Du zufriedener, will ich sagen.
“Serena”, korrigiert Giulie und lacht.
Serena – gelassener.
“Jetzt bin ich frei. Jetzt muss ich nur noch für mich da sein. Ich kann kann tun was ich möchte. Jetzt kann ich mich ganz auf meine Kunst konzentrieren”, sagt sie.
Ihre Kunst: Gesang und Akustikgitarre.
2012 hat sie sich damit in eine Casting-Show ins italienische Fernsehen gewagt und wurde von der Jury so zerlegt, dass sie jahrelang nicht mehr vor anderen singen mochte.
Jetzt hängt sie sich da wieder voll rein.
Letzte Nacht habe ich sie üben hören, drüben, im Haupthaus der Farm. Der Wind hat den Gesang bis zur Hütte getragen.
Der Regen rauscht.
“Ich liebe… Deine Stimme”, sage ich.
“Grazie”, sagt Giulie und schlägt die Augen nieder, nur um dann, schlecht getarnt in einem gekünstelten Huster, “ruffiano!” hervorzustoßen.
“Ich bin kein Schmeichler”, protestiere ich. “È la verita!”
Hier ist der Beweis.

