Corona: Die Welt fährt runter


„Irgendwie ist die Welt kaputt.“
„Hört sich nach einem Virus an. Haben sie schon versucht sie runter- und wieder hoch zu fahren?“

Einfach nur aus Chronistenpflicht erfolgt dieser Tagebucheintrag.

Mitte Januar kamen die ersten Meldungen, dass sich ein neuer Virus in China verbreite. Aber ach, das war weit weg und die letzten Vorfälle in der Art, wie SARS (2003) oder H1N1 (2011) hatten auch keine gravierenden Auswirkungen.

Auch Anfang März, als China bereits zu martialisch anmutenden Maßnahmen gegriffen und ganze Städte abgeriegelt hatte und auch in Italien die Fallzahlen stiegen, machte ich mir noch keine großen Sorgen. Alle anderen auch nicht. „Ist wie eine Grippe, was soll daran schlimm sein?“, hörte ich allerorten.

Das änderte sich erst vor genau einer Woche, am 09. März. Da wurden schlagartig alle Konferenzen, auf die ich eigentlich hätte reisen wollen, abgesagt. Nach kurzem überlegen sagte ich dann auch eine Tagung ab, die ich selbst organisiert hatte und die eigentlich in dieser Woche stattfinden sollte.

War die richtige Entscheidung, denn nun überschlugen sich innerhalb weniger Tage die Ereignisse in die Deutschland. Von einem „Veranstaltung mit über 1.000 Teilnehmern sollten besser mal nicht stattfinden“ ging es über „Versuchen sie Reisen einzuschränken“ hin zu geschlossenen Schulen und Hochschulen für mindestens 5 Wochen, geschlossenen Grenzen sowie Empfehlungen, am Besten ganz zu Hause zu bleiben.

Corona und die durch den Virus ausgelöste Lungenkrankheit COVID19 sind nun eine weltweite Pandemie. Der Ausbruch ist nicht mehr zu stoppen, er ist bereits erfolgt. Am Ende werden geschätzt 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung daran erkranken, das ist nicht mehr zu ändern. Die allermeisten werden die Krankheit gut überstehen, aber besonders ältere Menschen laufen Gefahr ernsthaft krank zu werden und auf die Intensivstation zu müssen.

Das Corona-Info-Dashboard des John Hopkins Hospital, Stand 16.03.: In Deutschland 7.200 registrierte Infektionen, 14 Tote. In Italien 28.000 Infizierte, 2.200 Tote.

Flatten the Curve

Was man nun versucht: Die Zahl der Neuinfektionen über einen möglichst langen Zeitraum zu strecken, in dem das öffentliche Leben so weit wie möglich runtergefahren wird. Schulen, Kitas, Restaurants und Geschäfte schließen. Die Leute sollen, falls möglich, keine persönlichen, sozialen Kontakte pflegen und zu Hause bleiben. „Social Distancing“ heißt das auf Englisch. Die Fallzahlen werden dann am Ende die gleichen sein, aber eben nicht alle auf einmal.

Damit, so die Hoffnung, wird das Gesundheitssystem nicht schlagartig überlastet. Genau das ist in Italien passiert. Ca. 5 Prozent der COVID-Kranken brauchen künstliche Beatmung, und es gibt nicht genug Betten auf den Intensivstationen. Die Ärzte in Norditalien müssen nun selektieren, wem Geholfen wird und wem nicht. Aktuell (16.03.20) liegt dort Mortalitätsrate bei unglaublichen 8 Prozent der registrierten Fälle.

„Flatten the Curve“, heißt der Hashtag auf Twitter, unter dem dazu aufgerufen wird zu Hause zu bleiben. Er gilt weltweit, nur in Großbritannien nicht. Boris Johnson und seine konservativ-liberale Elitenregierung haben verkündet, Social Distancing sei Quatsch, und man „setze auf Herdenimmunität“. Was er nicht sagt: Für eine Herdenimmunität muss sich erst einmal die Herde zur Gänze infiziert haben. Zusammen mit dem Abbau des Gesundheitssystems, den seine Partei seit Jahren vorantreibt, nimmt Johnson damit eine hohe Todesrate in Kauf. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Bevölkerung von UK damit die Kontrollgruppe. „Wie tödlich ist der Virus, wenn man gar keine Maßnahmen ergreift“?

Beobachtungen

Ich hatte nicht für möglich gehalten, was ich hier jetzt gerade erlebe. Die Wirtschaft kommt zu einem abrupten Halt. Straßen sind nicht leer, aber es ist signifikant weniger los als sonst. Am Wochenende waren tatsächlich nur noch Boomer in Gruppen unterwegs. Die Generation der satten SUV-Hedonisten wollte sich den Spaß wohl nicht verderben lassen, bei der Fahrt über die Dörfer sah ich grauhhaarige Fahrrad- und Wandergruppen, und vor einem geschlossenen Ausflugslokal standen die Damen und Herren und schüttelten die Fäuste. Mein eigener Vater, fast 80 und mit jeder Menge Vorerkrankungen belastet, lachte mich aus, als ich den Vorschlag machte, dass er im Haus bleibt und ich für ihn Besorgungen erledige. Stattdessen wollte er auf eine Geburtstagsparty mit anderen Oktogenarians. Nunja.

Noch gibt es keine Ausgangsperre und die Versorgung sei gesichert, wird allorten kommuniziert. Trotzdem sind manche Regale in Supermärkten leergekauft, weil die Leute Milch, Mehl, Obst, Gemüse, Nudeln und Toilettenpapier hamstern. Warum Toilettenpapier? Ich versteh´s nicht.

Ich Ich Ich

Mir geht es gut. Ich huste zwar, aber das sind die Nachwirkungen eines grippalen Infekts. Die Isolation macht mir überhaupt nichts aus. Ich bin gerne allein, wenn es sein muss auch über Wochen.

Aussichten

Man weiß nicht, wie es weitergehen wird. Diese Pandemie und die Maßnahmen werden uns noch Wochen, vielleicht Monate, vielleicht das ganze Jahr begleiten. Es wird nicht schön werden, darum ist es um so wichtiger, dass sich alle anständig verhalten. Keine Panik, sondern Disziplin. Kein „ICH ZUERST“, sondern Rücksicht nehmen. Man bleibt nicht wegen sich selbst zu Hause, sondern auch für andere.

Ich hoffe natürlich, dass dieser Zustand nicht lange anhält. Denn die Schicht der Zivilisation ist dünn, und wer weiß, wann die ersten einen Lagerkoller kriegen.

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Wieder da! Gewartet, gereinigt, überholt, angepasst.

Ach, guck mal an, wer wieder da ist. Es wird Frühling, die Klamotten trudeln wieder ein. Die hatten ja im Dezember einen Ausflug gen Süden gemacht, nun sind sie wieder da.

Ich hatte mich ja schon mal darüber ausgelassen, dass ich gerne Sachen von kleinen und Familienbetrieben kaufe, weil die sich meist noch mit echtem Stolz auf ihr Produkt um die Sachen kümmern, auch nach dem Kauf. Auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht.

Der N104 Helm von Nolan hatte ja nach den Stauborgien in Kampanien ein verklemmtes Sonnenvisier. Die italienische Firma hat in der Nähe von Stuttgart eine Werkstatt, dort hat man die Visiermechanik sorgfältig gereinigt und wieder flott gemacht und ihm ein neues Sonnenvisier verpasst. Ungefähr 10 Tage hat das gedaeuert, dann war der Helm wieder da. Von mit hat er dann noch ein neues Außenvisier mit Pinlockeinsatz bekommen. Zusammen mit dem, schon im vergangenen Jahr ersetzten, Innenfutter ist er damit so gut wie neu.

Der Airbageinsatz der Jacke war bei Alpinestars in Italien. Dort wurde er auf Dichtigkeit geprüft, die Zünder gewechselt und gründlich gereinigt.

In Kürze wird er sicher wieder nach Schweiß stinken, für den Moment freue ich mich aber am blütenfrischen Duft. Schön auch: Das Ganze war jetzt gar kein Akt. Ich hatte den Kram ja bei Louis gekauft, und deren Support hat kostenlos den Transport nach Italien übernommen und für die Wartung nur die 99,00 Euro weiterberechnet, die Alpine Stars dafür aufruft. Sehr fair, und dafür verlängert sich die Herstellergarantie um 24 Monate. Im Serviceportal kann ich sogar sehen, was genau gemacht wurde, welche Teile getauscht wurden und wer „mein“ Techniker ist, der immer an meinen Sachen arbeitet. Sehr cool. Der Service hat vom Versand bis das Teil wieder da war rund drei Wochen gedauert, mit Weihnachten dazwischen.

Last but not Least: Die Sitzbank der V-Strom. Die hat sich am längsten Zeit gelassen, weil Meister Bernhard von der Designwerkstatt Schmidt einen ganz neuen Bezug fertigen musste. Meine alte Sitzbank war zwar perfekt, darauf konnte ich 12 Stunden am Stück fahren, wenn es sein musste, aber seit dem letzten Herbst liegt die Strom ja höher und ich kam nur noch mit den Fußspitzen auf den Boden. Deshalb musste die Sitzbank ein wenig abspecken, und da sollte sie in Holzminden Hameln bei Schmidt Design.

Die Sitzbank sieht fast so aus wie vorher, aber die „Stufe“ zum Soziasitz ist 5 Zentimeter weiter nach hinten gerückt, die Seiten sind abgespeckt und die Sitzfläche ist ein wenig tiefer gelegt.

Ich hatte Bernhard am Ende gebeten nicht zu viel tiefer zu legen, weil ich den großen Kniewinkel der V-Strom schon sehr schätze und nicht auch noch mit Fußrastentiefergebastel anfangen möchte. Nach ersten Probefahrten muss ich sagen: Bernhard hat wieder mal einen sehr guten Job gemacht.

Auch wenn ich nicht sicher bin, ob das Gelkissen wirklich noch an der richtigen Stelle ist, ist doch die Sitzposition und der Komfort wieder völlig großartig UND ich komme jetzt gut mit den Füßen an den Boden und kann die große Schwarze gut rangieren. Meiner Meinung nach ist eine handbezogene Gelsitzbank von Bernhard das allerbeste, was man seinem Moped an „Tuning“ antun kann.

Eigentlich hätte dieser Blogeintrag jetzt schließen sollen mit dem Satz: „So, und jetzt fehlt mir nur noch die Zeit. Der ganze März ist gefüllt mit Tagungen und Kongressen, da bleibt keine Zeit zum Moppedfahren.“

Aber das hat sich geändert. Und wo wäre man isolierter vor anderen als unter einem Helm auf einem fahrenden Motorrad?

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Frühling!

Höret und preiset das Frühlingswiesel! Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist! Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison! Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht! Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Das Frühlingswiesel konnte seinem Kollegen, dem Herbstwiesel, quasi noch die Pfote schütteln zur Verabschiedung. Denn einen Winter hatten wir in diesem Jahr nicht, weder wurde es irgendwann richtig kalt noch gab es länger als einen Tag Schnee.

Von daher hätte ich eigentlich durchgehend Moppedfahren können. Aber ach, im November war ich nicht im Land, im Dezember gab es zu viel zu tun, im Januar war dann Wetter schlecht und im Februar lag ich auf der Nase. Nun also Saisonstart wie üblich, Mitte März. Und das Frühlingswiesel pflanzt Blumen auf die Wiesen und malt das blaue Band ans Firmament usw. usf.

Am heutigen Nachmittag zumindest mal die V-Strom ausgewintert. Die sprang sofort an, dann ging sie sofort wieder aus und hustete und spotzte danach nur noch. Eine Minute zog sich das unwürdige Spiel hin, bis sie mitten auf der Dorfstraße eine gigantische Rauchwolke auspustete und danach klaglos lief. Keine Ahnung, was das nun war.

Die Strom ist ja im Herbst aus der Inspektion gekommen und direkt ins Winterlager gegangen. Jetzt mit einem perfekt gewarteten Mopped in die Saison starten zu können ist einfach nur schön. Und die Barocca läuft auf den neuen Reifen, mit der neuen Kette, mit gemachten Bremsen und allen Verschleißteilen ausgetauscht wie eine Göttin.

Das ist auch gut so. Zwar ist nicht klar, ob wegen der Viruspandemie unsere Sommerreise überhaupt stattfinden kann, aber wenn, dann geht es richtig weit weg.

Noch ein ernsthaftes Wort: Nach einem halben Jahr Pause muss man sich erst wieder an die völlig andere Fahrphysik und Handling gewöhnen.

Für Moppedfahrer heißt das: Sich langsam und vorsichtig rantasten und wieder eingewöhnen, nicht gleich wie geisteskrank am Hahn reissen und Augen auf die Straße, die Dosenfahrer leiden an Aufmerksamkeitsdefizit und ihr seid nicht fit.

Für Autofahrer heißt das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen – die Schergen sind zum Teil noch so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man doppelt aufpassen muss. Achja, und blinken, blinken ist auch gut. Das gilt für alle.
Ich wünsche allen eine unfallfreie Saison!

Ich starte mit folgenden Kilometerständen in ein Jahr, das hoffentlich nicht so seltsam weitergeht, wie es begonnen hat.

Kawasaki ZZR600 Renaissance: 91.129
Suzuki DL650 V-Strom Barocca: 64.963

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (16): L´Arsenale

Auf Sommertour mit dem Motorrad. Heute schmelze ich.

Donnerstag, 27. Juni 2019, San Biagio di Callalta
„Hast du wieder Unterricht genommen? Dein Italienisch ist besser geworden.“ Ich verschlucke mich vor Lachen fast am Kaffee, blicke Sara mit hochgezogenen Augenbrauen an und sage „Adulatrice“, Schmeichlerin. „Nee, für Volkshochschule habe ich keine Zeit gehabt. Aber ich hatte in den vergangen drei Wochen jeden Tag Gelegenheit zum Sprechen. Jetzt spreche ich zwar kein besseres Italienisch, aber mein schlechtes Italienisch spreche ich schneller und flüssiger“. Sara lächelt. „Und, wo geht es heute hin?“, fragt sie.

„Ich will mir mal das Arsenale ansehen“, sage ich. Sara verzieht das Gesicht. „Warst Du da noch nicht?“ Ich schüttele den Kopf. „Noch nie. War immer zu.“ „Dann lass es heute sein. Es ist einfach zu heiß. Bei dem Wetter stinkt Venedig. Das ist auch nicht gesund.“

Ich muss grinsen ob der Fürsorglichkeit. „Ich bleibe nur kurz in der stinkenden Stadt, und dann komme ich zurück und verbringe den Rest des Tages mit Schlafen.“ Sara lächelt und sagt „Klingt nach einer Soluzione ottima„.

Ich sattele die V-Strom und fahre kurz darauf über den breiten Gartenweg von Saras „Villa Maria Luigia“ hinaus auf die Landstraße.

Eine Stunde führt die Fahrt quer durchs Veneto. Statt der Schutzhose und Stiefeln trage ich heute morgen nur Jeans und Trekkingschuhe zur Motorradjacke, aber es ist schon so warm, das ich die Ärmel der Jacke bis zum Ellenbogen aufmache, um mehr Fahrtwind ab zu bekommen. Meine Güte, wenn das um kurz vor 8 schon so warm ist, was soll das im Laufe des Tages noch werden?

Sechzig Kilometer südlich San Biagio di Callalta und im Westen der Lagune von Venedig liegt Punta Sabbioni, Sandspitze. Hier gibt es schattenspendende Wellblechbauten, unter denen ich die Barocca parke. Gegen ein kleines Entgelt von fünf Euro passt eine Dame den ganzen Tag auf das Motorrad auf.


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Warum der Corona-Virus besonders in Italien wütet

Hinweis: Der folgende Text wurde zu Beginn der Corona-Pandemie verfasst und soll einen Sachverhalt darstellen, den viele nicht kennen: Dass es mitten in Europa eine große Anzahl chinesischer Unternehmen gibt, die einen regen Austausch mit dem Heimatland pflegen. Das ist eine Tatsache und kann ein Faktor sein, der die Ausbreitung des Virus massiv begünstigt hat. Die Verbreitung aber ganz allein Chinesinnen und Chinesen anzulasten oder sie sogar anzufeinden oder auszugrenzen ist falsch und rassistisch. Rassismus ist dumm und scheiße. Immer.


Hat sich eigentlich mal jemand gefragt, warum ausgerechnet Italien das Land in Europa ist, das am Schlimmsten von Corona-Infektionen betroffen ist? Und dann ausgerechnet im Norden, dem Wirtschaftsmotor des Landes? Eine mögliche Antwort ist sehr naheliegend: Die Zahl der Infektionen könnte deshalb in Norditalien so hoch sein, weil es dort die meisten Chinesen in Europa gibt. Und warum sind die da? Weil dort tausende von chinesischen Fabriken stehen.

Nehmen wir Prato, die zweitgrößte Stadt der Toskana, weil die ein leicht zu recherchierendes Beispiel ist. Prato liegt 20 Kilometer vor den Toren von Florenz, lebt von der Textilindustrie und hat 195.000 Einwohner, davon sind 50.000 aus China.

Wie kommt das? Nun, vor ein Paar Jahren rollten Firmen wie Primark und Co den Bekleidungsmarkt mit einem neuen Konzept auf: Superbillige Klamotten, zu Hungerlöhnen genäht in Schwellenländern wie Bangladesch, verhökert in schnell drehende Kollektionen, die teils schon nach wenigen Wochen wechseln.

Mit diesem Konzept konnten die klassischen Bekleidungsproduzenten, von denen es in Norditalien viele gab, nicht mithalten. Manche versuchten sich mit illegalen Mitteln über Wasser zu halten. Sie holten chinesische Schwarzarbeiter ins Land, die zu sehr geringen Löhnen in den Fabriken schufteten.

Nutzte nicht viel, die italienischen Unternehmen gingen trotzdem reihenweise pleite. Das sprach sich in China herum, besonders in der Turbokapitalistenprovinz Wenzhou, südlich von Shanghai. Textilunternehmer von dort nutzten nun die Gunst der Stunde und übernahmen die italienischen Firmen. Dort machten sie das Primark-Konzept nach, in dem sie „Pronto Moda“ etablierten, schnelle Mode, billig produziert und schnell in den Markt gedrückt. Um das hin zu bekommen, flogen sie Männer und Frauen aus China ein, um in den Fabriken in Italien arbeiten. Teilweise zu Hungerlöhnen und unter schlimmen Bedingungen wie 18-Stunden-Tagen. Akkordarbeit gehört dazu, und in manchen Fabriken schlafen die Arbeiter in Zwischendecken, die in die Werkshallen eingezogen sind. Bekannt wurde das erst, als Ende 2013 eine Fabrik abbrannte, dabei sieben Arbeiter verbrannten und endlich die Nachrichten über diese Zustände berichteten.

Die Verhältnisse haben sich mittlerweile gebessert, zumindest in einem Teil der chinesischen Betriebe. Dort gibt es bessere Arbeitsbedingungen und eine ordentlichere Bezahlung, in denen Arbeiter mit Akkordarbeit pro Monat bis zu 4.000 Euro verdienen. Einige Arbeiter reisen nur kurz ein, arbeiten einige Wochen und kehren dann nach China zurück. Andere versuchen sesshaft zu werden, holen ihre Familien nach, mieten Wohnungen, zahlen Steuern und schicken ihre Kinder in italienische Schulen.

Sesshaft zu werden ist aber nicht einfach. Italien ist ein klassisches Auswanderungsland, auf Einwanderung ist man dagegen nicht eingestellt. Entsprechend gibt es auch keine Einwanderungsgesetze, und von der Zuzugswelle der Chinesen wurde man kalt überrascht. Das zwingt die chinesischen Gastarbeiter praktisch in die Illegalität, wenn sie beschließen zu bleiben. Läuft ihr Touristenvisum ab, tauchen sie einfach unter, leben bei Verwandten oder halt in den Fabriken. Es wird geschätzt, dass von den 50.000 Chinesen in Prato ungefähr 20.000 Schwarzarbeiter sind.

Die Gefahr erwischt zu werden ist gering, und Italien hat eine Besonderheit: Wenn irgend etwas lange genug illegal ist, wird es irgendwann legal. Das gilt für Hausbau in Naturschutzgebieten genauso wie für illegale Migranten. Alle paar Jahre gibt es eine „Sanatoria“, eine Legalisierung, und mit etwas Glück bekommen die Schwarzarbeiter dann Papiere und dürfen bleiben. Das ist natürlich Wasser auf den Mühlen der rechten Faschisten um Salvini.

Im Januar 2020 gibt es 5.000 chinesische Betriebe in und um Prato, das sich dadurch verändert hat. Heute hat Prato die zweitgrößte „Chinatown“ Europas. Italienische Bäckereien bieten Neujahrsfestkuchen an, und Plakate für Veranstaltungen werden auf italienisch und chinesisch gedruckt. Das größte chinesische Viertel Europas ist übrigens nur 300 Kilometer entfernt, in Mailand.

Wirtschaftlich brummt die Region Prato durch den Zuzug, die Arbeitslosigkeit ist niedriger und die Wirtschaftsleistung höher als in anderen Regionen. Die Chinesen haben Italienern keine Arbeitsplätze weggenommen, sie haben neue geschaffen.

Viele Italiener sind trotzdem angepisst, aus unterschiedlichen Gründen. Die Rechten beklagen sich über den Zuzug von Ausländern, klar. Was aber fast noch schlimmer ist: Die Pronto Moda ist eigentlich chinesische Arbeit, darf aber trotzdem das Label „Made in Italy“ tragen. DAS geht gegen die italienische Ehre! Zumal sie in der Vergangenheit oft qualitativ minderwertig war, aber das hat sich geändert. Die Qualität ist deutlich gestiegen, und die ersten chinesischen Unternehmer bereiten den Sprung ins Luxussegment vor, den letzten Teil der Textilindustrie, in dem die Italiener noch die Nase vorn haben. Mal gucken, wie lange noch.

So wie in Prato läuft es noch an anderen Orten in Italien. Im ganzen Land leben und arbeiten heute legal 300.000 Chinesen. Sie liegen dem Staat nicht auf der Tasche, sondern sind findige Unternehmer in verschiedensten Handels- und Dienstleistungsbereichen unterwegs. Sie übernehmen alte Betriebe und möbeln sie auf oder eröffnen neue Geschäfte und schaffen so Jobs. Italien, mit seiner überalterten Gesellschaft, profitiert davon.

So wie auf dem Stiefel geht es auch in anderen Ländern zu. Im Iran haben chinesische Investoren ebenfalls reihenweise Fabriken übernommen oder gebaut und lassen dort Landsleute arbeiten.

Was lehrt uns das nun? Mehrere Dinge. Zum einen, und das war mir überhaupt nicht klar: Globaler Kapitalismus sorgt nicht nur dafür, dass das Geld dorthin geht, wo sich billig produzieren lässt. Er sorgt auch dafür, das Menschen für Arbeit um den Globus ziehen.
Und zum zweiten, bezogen auf Corona: Die Spielform des Turbokapitalismus, wie er in der Bekleidungsindustrie zu finden ist, führt zu ungesunden Clusterbildungen und begünstigt Pandemien. Letztlich, und das ist die dritte Erkenntnis, die man schon vor Corona gehabt haben sollte: Wenn ein Land nicht vernünftig mit Einwanderung umgeht indem es legale Wege der Migration schafft und Integrationsangebote bereitstellt, kann es zu illegaler Einwanderung und Parallelgesellschaften kommen. Dagegen hilft kein nationalistisches „Grenzen zu!“ Gedröhne, die Lösungen sind vielschichtiger und komplexer und – richtig umgesetzt – eine Bereicherung für die Gesellschaft, und zwar ohne Ausbeutung und Rassismus.

Material zum Thema:
– „Made in Italy aus China“ auf meinitalien.info
– „Klein-China in Italien“ auf Deutsche Welle.com
– „Made in Italy – der Etikettenschwindel“ auf Der Tagesspiegel
– „Wohnen in der Fabrik“ auf ZEITonline
– „Chinesische Sklavenarbeit in der Toskana“ auf diepresse.com

Anm.: Das auf dem Bild ist übrigens nicht Prato. Das ist Florenz.

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Reisetagebuch 2019 (15): La Stamperia

Auf Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einem Besuch beim zweitältesten Gewerbe der Welt.

Mittwoch, 26. Juni 2019, Agriturismo Cupello, Cagnano AmiternoA
Tag zwei der Transitreise gen Norden. Schon um kurz nach 8:00 Uhr ist die Barocca, die die Nacht neben dem schicken Tiger verbracht hat, wieder beladen und wenig später auch auf der Straße.

Weiter geht es nach Norden, aber weiterhin ausschließlich auf Landstraßen und durch die Berge. Viele Straßen gibt es hier nicht, weshalb ich wieder durch Rieti und Terni komme, wie schon auf der Fahrt in Richtung Süden. Ist das wirklich erst neun Tage her? Kommt mir viel vor, als wäre ich Wochen in Süditalien unterwegs gewesen. So fühlt sich das an, wenn es so viel zu sehen gibt und man jeden Tag woanders ist.

Bild: Google Earth 2020.

Über die gewundenen Straßen geht es nur langsam voran, besonders in Umbrien. Hier sind die Straßen kaputt und haben teils riesige Schlaglöcher. Es ist ratsam, hier vorsichtig und mit bedacht zu fahren. Zum einen wegen der Schlaglöcher selbst, in denen man sich leicht die Ränder ruinieren kann, zum anderen, weil die Straße stellenweise voller Metallteile liegt, die Autos beim Durchfahren der Löcher verloren haben. Überall liegen Schrauben, Bolzen, abgerostete Auspuffteile und an einer Stelle sogar ein Scheinwerfer eines Fiat Panda.

Erst gegen Mittag erreiche ich die Marken. Die Landschaft besteht hier aus grünen Hügeln, die aber steiler sind als in den Regionen weiter westlich, wie Umbrien oder der Toskana. Von oben sieht die Landschaft aus, als hätte jemand ein Blatt Papier genommen, zusammengeknüllt und dann wieder glattgestrichen.

Wenn man mitten drin ist, wirkt sie wie eine Toskana auf Steroiden, alles etwas übertriebener und stellenweise mit schroffen Felskämmen durchzogen.

Der Nordteil der Marken.
Bild: Google Maps 2020.

Auf einem dieser Felskämme, dem Monte Titano, liegt San Marino, das aus der Ferne grüßt.

Jetzt bin ich in der Emilia Romagna, der motorradtechnisch zweitlangweiligsten Region Italiens, gleich nach Apulien. Normalerweise bin ich froh hier durch zu sein, denn die Region ist nicht nur langweilig zu fahren, sie ist auch eines der Wirtschaftszentren des Landes, mit entsprechend dichtem und schlimmen Verkehr. Heute freue ich mich auf den Besuch, denn in Gambettola werde ich schon erwartet. Der kleine Ort liegt nur 10 Kilometer von der Stadt Cesena entfernt und ist einfach ein schmuckes Örtchen. „Schmuckes Örtchen“ ist hier synonym für: Modern, sauber, ein netter Platz zum Leben – und sterbenslangweilig.

Ich stelle das Motorrad auf dem Platz vor dem Rathaus ab. Es ist 14:00 Uhr, die Sonne brät vom wolkenlosen Himmel herab und es ist einfach pervers heiß.


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Reisetagebuch Motorradtour im Kurzvideo

Ein kurzer Schnelldurchlauf der letztjährigen Sommertour, drei Wochen im Juni 2019 zusammengefasst in vier Minuten.

Ausführlicher gibt es das jeden Samstag im Reisetagebuch. Die bisher erschienenen Folgen finden sich hier:

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Reisetagebuch 2019 (14): Italian Highway

Sommertour mit dem Motorrad. Heute mit einer Wiederholung.

Dienstag, 25. Juni 2019, Pomarico

So.
Das war also Süditalien, denke ich, als ich in der Morgensonne auf der Dachterasse stehe und über die Weite der Basilicata schaue.

Den Norden Italiens kenne ich ja ohnehin quasi auswendig, und mit den Fahrten im vergangenen und diesem Jahr war ich nun auch in jeder Region im Süden. Nicht nur Kreuz und quer und mittenmank, sondern auch ein Mal ganz drum rum. ich bin jetzt zusammengenommen zwischen 2012 und 2019 auch einmal ganz um die gesamt Küstenlinie des Stiefels gefahren, von Ventimiglia im Nordwesten einmal ganz runter, um die Stiefelspitze herum, an der Schuhsohle entlang, um den Hacken und dann an der Ostküste wieder zurück. Diese Tour hat die letzte Lücke geschlossen, und nun war ich zumindest in jeder größeren Stadt in Kampanien, Kalabrien, Basilicata und Apulien. Gut, bis auf Potenza, aber da will auch niemand freiwillig hin.

Heute geht es wieder gen Heimat, und ehrlich gesagt bin ich darüber ein kleines Bisschen froh. Seit fast drei Wochen bin ich auf Tour, jeden Tag bei Temperaturen zwischen 32 und 40 Grad. Das laugt auf die Dauer ein wenig aus und dämpft die Lust am Entdecken von Neuem. Nein, heute ist ein guter Zeitpunkt, um nicht noch weiter weg zu fahren (was auch geografisch gar nicht ginge), sondern so ganz langsam den Heimweg anzutreten.

Wobei… „langsam“ gen Heimat ist gut. Ich habe mir vorgenommen, bis morgen Abend 1.000 Kilometer zurückzulegen. Heute bin ich ganz am Ende des italienischen Stiefels, morgen will ich in der Nähe von Venedig sein. Und das alles ohne Autobahnen zu benutzen, nur über Landstraßen. „16 Stunden und 43 Minuten“, rechnet Anna mir als Dauer der Fahrt vor. Na dann. Heutige Etappe fast 500 Kilometer, rund siebeneinhalb Stunden. Netto, ohne Pause.

Ich kicke den Seitenständer weg, starte den V-Twin und steuere die Barocca vom Hof des Colle di Siesto. Mach´s gut, Gasthof, ich komme bestimmt irgendwann mal wieder.

Vom Berg runter, auf dem Pomarico liegt, und drauf auf die Landstraße. Ich fahre ganz bewusst ziemlich genau in der Mitte des Stiefels nach oben, das kenne ich noch nicht.

Der erste Abschnitt führt durch Apulien. Die Region ist ja größtenteils flach wie ein Brett und damit eigentlich in Sachen Motorradfahren die langweiligste Region Italiens, aber ich muss sagen: Die goldenen Kornfelder, die Höfe und winzigen Orte auf ihren Hügelchen und diese Straße, die schnurgerade bis zum Horizont führt, das hat schon was.

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Momentaufnahme: Februar 2020

Herr Silencer im Februar 2020

Schnief Röchel Krank

Wetter: Bedeckt, grau, Regen, aber auch durchgehend sehr warm bei 6 bis 18 Grad. Ein Winter ohne Schnee, sieht man mal von drei Flöckchen ab.


Lesen:

Shaun Tan: The Arrival
Auf die Häuser der Stadt fallen die Schatten von Monstern. Der Mann nimmt schweren Herzens Abschied von der Frau und dem Kind und reist auf einem Migrantenschiff in ein neues Land. Hier ist nichts so, wie er es kennt – statt Brot essen die Leute seltsam geformtes Gemüse, vierbeinige Maushunde werden in Blumentöpfen gehalten, und in Fabriken werden Seile um Katzenstatuen geknotet. Alles ist seltsam und beängstigend, und da der Mann die Sprache nicht beherrscht, kann er nur raten, was das alles bedeutet und imitieren, was er sieht. Im Laufe der Zeit findet er andere Ausgewanderte, die ihm ihre Geschichten von Krieg und Leid berichten.

Wenn man die Kurzzusammenfassung so liest, scheint die Geschichte sehr klar zu sein. Nur: Beim Lesen des Buches ist sie das nicht, denn die Geschichte wird ohne einen Buchstaben Text erzählt. Nur mit Bildern begleitet man den Mann auf seiner Reise in eine seltsame Bizarrowelt, die einem selbst genauso fremd ist wie dem Mann und die erst einmal überhaupt keinen Sinn ergibt.

Wenn man ohne Vorwissen an das Buch geht, begreift man erst im Laufe der Zeit: Was hier erzählt wird und was man gemeinsam mit dem Mann durchlebt, ist die universelle Geschichte aller Migrantinnen und Migranten. Die Heimat, die nicht mehr sicher ist. Das Zurücklassen geliebter Menschen. Der Versuch der Orientierung in einer Welt, in der alles fremd ist. Diese Geschichte erzählt „The Arrival“ in bizarr-abstrakten und trotzdem einfühlsamen Bildern, bei denen man manchmal schon zweimal überlegen muss, was einem der Autor jetzt wohl sagen wollte.

Wichtig an der Geschichte ist gar nicht das Happy End, sondern die Reise, die man als Leser mitmacht. Die führt einem im wahrsten Wortsinne vor Augen, wie es ist in eine Welt geworfen zu werden, die man mit seinem erlernten Wissen nicht dekodieren kann. Das ist oft frustrierend, manchmal lustig, vor allem aber nie langweilig. Ein lehrreiches und kluges Buch.


Hören:


Sehen:

Bin krank gewesen, deshalb Zeit gehabt viel zu gucken – u.a. 150 Folgen einer alten Serie:

Malcolm mittendrin [Amazon Prime]
Malcolm ist hochbegabt, was ihn in seiner Familie zum Außenseiter macht. Seine drei Brüder sind entweder Faulpelze, Schläger oder schräg drauf, Mama Louis ist eine dauerwütende Furie, die irgendwie versucht die Familie über Wasser zu halten und Vater Hal ist ein Tagträumer. Malcolm ist ein Teil dieser Familie, sehnt sicher aber nach was besserem. Als ihm das in Form einer Begabtenförderung ermöglicht wird, fühlt er sich dort aber auch fehl am Platz. Malcolm herausstechendster Charakterzug: Er kann mit allem und immer unzufrieden sein.

Als ich im Jahr 2000 das erste Mal eine Episode von „Malcolm“ sah, war ich sofort fasziniert. Die Serie ist schnell geschnitten, wie ein Spielfilm gefilmt und überaus clever geschrieben. Das besondere: Sie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Geht es in der ersten Staffel hauptsächlich um Malcolm, rückt der Fokus schnell von ihm. Im Laufe von 7 Staffeln und 151 Episoden geht es immer wieder um den Freundeskreis, Nachbarn, die Großeltern oder die Kollegen von Mutter Louis. Im Mittelpunkt steht immer Malcolms Nachnamenlose Familie, und von der lebt die Serie. Obwohl überzogen, sind die Figuren echte Charaktere mit tiefen Überzeugungen, für die der Zusammenhalt nie in Frage gestellt wird. Die Art und Weise der Umsetzung sucht man bei TV-Serien sonst vergeblich, und zudem gehen die Drehbücher geradezu liebevoll mit ihren Figuren um. So wird im Verlauf der Serie auch klar, dass Malcolm eben nicht das einzige Genie der Familie ist, oder das Hal seiner Louis bedingungslos verfallen ist, was sich in tapsiger Hilflosigkeit manifestiert.

Dazu kommen exzellente Schauspieler. Gerade Bryan Cranston fällt hier auf, und wenn man weiß, dass er einige Zeit später den vielschichtigen und skrupelosen „Heisenberg“ in Breaking Bad spielen wird, kann man seinen trotteligen Familienvater noch mehr genießen.

Tolle Serie, die wirklich permanent und bis zum Ende interessant und lustig ist.

Solino (2002) [DVD]
1964: Die junge Familie Amato zieht vom bitterarmen Apulien ins Ruhrgebiet und versucht sich dort eine Existenz aufzubauen. Für den Vater ist bald klar: Unter Tage im Dreck schuften, das ist nichts für ihn. Aber seine Ehefrau ist eine gute Köchin und das Ruhrgebiet ist voller italienischer Gastarbeiter, die keine Frauen haben, die sie „richtig“ bekochen. So eröffnet die Familie ein Restaurant, das sie nach ihrem Heimatort „Solino“ benennen. Die Jahre vergehen, die beiden Söhne der Familie werden erwachsen. Während der eine nur Knepe im Kopf hat, will der andere Filmemacher werden. Aber es kommt andersrum.

Er sehe seine Filme und sich selbst „zwischen Arthaus und Mainstream“, sagte Fatih Akin einmal in einem Interview. Das klingt sehr nett, bedeutet aber im Kern „Kann nichts richtig und gibt sich dabei auch noch nicht mal Mühe“.

Im Fall von „Solino“ weiß ich gar nicht, wo ich mit der Kritik anfangen soll. Die Prämisse des Films ist hochinteressant – italienische Gastarbeiter in Deutschland. Was hätte man daraus machen können! Man hätte die Integrationsprobleme beleuchten können! Oder ergründen, was es mit Leuten macht, die aus ihrer Heimat weg müssen. Oder sich ansehen wie die Kinder damit umgehen, das sie besser integriert sind als die Eltern.

All das macht „Solino“ nicht, und ich habe keine Ahnung, was der Film eigentlich stattdessen will. Er interessiert sich nicht ernsthaft für die Migrationsgeschichte der Familie. Er legt aber auch keinen Wert auf seine Charaktere, von denen zumindest die Söhne fehlbesetzt sind – Moritz Bleibtreu spielt hier allen Ernstes mit 31 einen Anfang Zwanzigjährigen, und Barnaby Metschurat guckt die ganze Zeit über, als ob er selbst nicht weiß, was er in dem Film eigentlich soll. Dabei haben die Figuren keinerlei Tiefe, sondern behaupten stets nur Dinge oder handeln so stereotyp, das sie zum Klischee verkommen.

Die Geschichte ist nicht besser. Episodenhafte Szenen mäandern irgendwie hintereinander her, ohne Bezug, ohne erkennbare Entwicklung, ohne erzählerisches Gehalt. Eine Handlung gibt es kaum, der lose rote Faden kann einzelne Szenen selten zu etwas Sinnvollem verbinden. Gut sind einzig Ausstattung und Sets, die Zeitperioden 1964-1974-1984 sind gut dargestellt.

Ich glaube, das hier mal wieder eine gute Idee Filmförderung abgegriffen hat. Dann hat der Regisseur seine Lieblingsbuddies zusammengeholt, coole Sets bauen lassen und dann wurde mehr oder weniger irgendwas hinimprovisiert. Mit einem ausgefeilten und fokussierten Drehbuch hätte „Solino“ ein sehr cooler Film werden können. So ist er irgendwas zwischen den Stühlen – zu banal für Arthouse, zu langweilig für Mainstream.

Mr. & Mrs. Smith (2005) [Bluray]
Angelina Jolie und Brad Pitt leben den amerikanischen Vorort-Traum. Er ist Architekt, sie Rechtsanwältin, zusammen lebt das junge Paar in einem Haus, das direkt aus einem Werbekatalog gefallen sein könnte. Das perfekte Leben langweilt die beiden in die Paartherapie hinein. Bis sie herausfinden, dass der jeweils andere für einen Geheimdienst arbeitet. Jetzt versuchen die beiden sich umzubringen.

Dieser Film ist dumm. Kann man nicht anders sagen. Drehbuch: Dumm. Kamera: Dumm. Musik: Dumm. Aber Dumm knallt gut, und davon lebt „Mr & Mrs Smith“: Er vereint mit den beiden Hauptdarstellern die schönsten Menschen ihrer Zeit auf dem Zenit ihrer Laufbahnen und setzt sie wunderschön in Szene – um dann mit Genuß alles zu zerlegen. Einfamilienhäuser werden hier genauso in die Luft gejagt wie Shoppingmalls oder Geländewagen. Der Film lebt von einem „Brangelina“-Fetisch und der puren Lust an der Destruktion uramerikanicher Geborgenheitssymbole.

Knight & Day (2010) [Bluray]
Cameron Diaz besteigt ein Flugzeug. Sie geht kurz auf´s Klo, und als sie zurückkommt, sind alle an Bord bis auf Tom Cruise tot und das Flugzeug stürzt ab. Diaz überlebt, wird aber daraufhin von Tom Cruise gestalkt und Geheimdiensten verfolgt.

Seltsamer, kleiner Sommerblockbuster, der schon dadurch nervt, das Tom Cruise hier spielt, als hätte er wieder seine Glücklichpillen eingeworfen und wäre gerade fünf Minuten auf der Couch herumgehopst. So grimassiert er sich durch unglaubwürdige Actionszenen, während Cameron Diaz meist nur entgeistert guckt.
Interessant: Ich habe den Film jetzt schon zum dritten Mal gesehen und kann mir immer nicht behalten, um was es eigentlich geht. Spricht nicht für die Story.


Spielen:

Judgment [PS4]
Vor drei Jahren war Takayuki „Tak“ Yagami der gefeierte Shootingstar unter den Rechtsanwälten von Tokyo. Dann erwirkte er einen Freispruch für einen Mann, der unmittelbar nach seiner Entlassung seine Freundin ermordetet. Yagami gab sich daran die Schuld und legte seine Rechtsanwaltslizenz nieder.

Jetzt ist er ein Privatermittler, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Bei einem davon bewahrt er einen Yakuza-Captain vor einer Mordanklage, doch der eröffnet zum Dank die Jagd auf Yagami. Der Detektiv ermittelt auf eigene Faust weiter, aber noch bevor er einer riesigen Verschwörung rund um Alzheimermedikamente, Korruption und Bauspekulation auf die Spur kommen kann, gerät er selbst unter Mordverdacht. Nun sind sowohl Yakuza als auch Staatsanwaltschaft hinter ihm her.

Wieder in den Straßen von Tokios Rotlichtviertel Kamurocho, aber dieses Mal nicht als Ex-Yakuza Kiryu Kazuma. „Judgment“ ist ein Spin-Off der mittlerweile acht Spiele umfassenden „Yakuza“-Serie und teilt sich nur grundlegende Mechaniken und den Schauplatz mit der Hauptreihe. Der junge und agile Takayuki Yagami ist wirklich ein ganz anderer Charakter als der stoische Ex-Yakuza, der sich bewegt und verhält wie ein Panzer.

Zwar ist Yagamis Vorgschichte der von Billy Bob Thorntons Rechtsanwalt in der Serie „Goliath“ verdächtig ähnlich, aber es macht Spaß, den energiegeladenen, beinharten und überaus cleveren Jungspund zu spielen.

Das Stadtviertel ist natürlich wieder komplett Assetrecycling aus den neueren Yakuza-Teilen, aber das ist nicht schlimm. Ich mag die kleine Open-World von Kamurocho, das nur aus wenigen, aber lebendigen und detaillierten Straßenzügen besteht, lieber als die gigantischen Welten eines „Odyssey“, in denen nichts passiert. Schön auch, das neue Gameplayelemente eingeführt werden, die bei „Yakuza“ fehl am Platze wären, wie ein spielinternes Twitter, eine Überwachungsdrohne oder spannende Schleich- und Renneinlagen. Die Geschichte selbst ist interessant und voller Wendungen, wie ein guter, 25 Stunden langer Krimi. Sie zieht sich aber im Mittelteil teils sehr in die Länge. Hier fällt einfach zu viel „Legwork“ an, ständig rennt man von A nach B. Trotzdem lege ich mich mal fest: „Judgment“ ist atmosphärisch einer der dichtesten Teile des Yakuza-Universums, und das hängt maßgeblich an der ernsten Story und den gut ausgearbeiteten Charakteren.


Machen:
Die Sommerreise mit dem Motorrad planen.


Neues Spielzeug:

Eine Tasche für die Rückbank der V-Strom, ein Basepack XS der Schweizer Firma Enduristan. Nachdem ich im vergangenen Monat schon dachte, ich hätte genau die perfekte Tasche für meine Regenkombi gefunden, da machte mich Olpo mich hierauf aufmerksam.

Das Basepack ist mit 6,5 Litern Volumen sehr handlich. Es ist zwar nicht so flexibel wie die Ortlieb-Rolle, schließt auch nicht luftdicht und lässt sich nicht vakuumieren, hat dafür hat es eine bessere Befestigung und ist um Welten wertiger gearbeitet. Das rechtfertigt auch den ordentlichen Preis von fast 50 Euro. Zukünftig werden Pac-Netz, Luftpumpe und Regenkombi also darin auf dem Soziasitz mitreisen.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch 2019 (13): Der niesende Wächter

Montag, 24. Juni, Pomarico
Müde quäle ich mich aus dem Bett. Ich kann nicht schlafen, wenn es hell ist, und seit Sonnenaufgang strahlt die Sonne wie ein Todeslaser ins Zimmer. Die Vorhänge, die nur die Größe und Dichte von gehäkelten Topflappen haben, halten sie nicht wirklich davon, ab mir die Netzhaut durch die geschlossenen Lider zu verbrennen.

Als ich aufstehe, ist es noch angenehm kühl. Pomarico liegt 500 Meter über dem Meer, und das merkt man. Außerdem ist es ist erst kurz vor Sieben, das kann auch ein Grund für die Frische der Luft sein. Sieben Uhr. Zuhause stehe ich freiwillig nicht so früh nicht auf. Aber ich bin ja auch nicht zum Spaß hier.

Im Restaurant im Erdgeschoss des Colledisiesti ist ein einzelner Tisch gedeckt, für den einzigen Übernachtungsgast – mich. Es gibt ein frisch gebackenes, mit Nütella gefülltes Blätterteig-Ding, Kekse, einen Joghurt, Birnensaft und einen Caffé Doppio. So fängt der Tag gut an, aber was fange ich jetzt mit dem Tag an?

Erst einmal checke ich das Motorrad kurz durch. Immerhin sind wir nun schon seit drei Wochen unterwegs und haben seither gut 4.000 Kilometer zurückgelegt, da sollte man mal nachsehen, ob noch alles OK ist.

Ölstand ist OK, Öl im Kettensystem ist auch noch genug, Profil der Reifen ist OK und ohne Beschädigung, alle Lampen leuchten wie sie sollten, Gabel ist dicht und auch sonst suppt nirgendwo irgendwas raus, alle Teile am Gepäckträger sind fest… sieht alles gut aus. Ich verspüre eine gewisse Dankbarkeit, dass mich die V-Strom bislang noch nie im Stich gelassen hat. Sie ist schon etwas älter, aber gut gewartet und hat bislang noch nie auch nur die kleinsten Anzeichen von Zicken gezeigt.

Die Kette ist etwas zu fest für meinen Geschmack, aber das hat die Werkstatt schon so eingestellt, das muss gut sein. Sorgen bereitet mir nach wie vor das mahlende Geräusch am Hinterrad. Anfangs trat das nur bei lockerer Fahrt bergab auf, mittlerweile höre ich es dauernd. Nicht so toll, aber ich beschließe, mich davon nicht nerven zu lassen. Falls es das Radlager ist, muss das halt entweder noch bis nach Hause halten oder sich wirklich mal entschließen kaputt zu gehen, dann kann ich mit der V-Strom beim nächsten Dorfschmied vorstellig werden. Aber dieses nichts-Halbes-und-nichts-Ganzes, damit braucht es mir nicht zu kommen.

Dann geht es los, zuerst Landstraße vom Berg runter. Eine Halbe Stunde lang genieße ich das Dahingleiten alleine auf der Bergstraße, bei dem mir kaum ein Auto begegnet. Aus der Ferne kann ich den Gasthof neben dem großen Funkmasten sehen.

Aus Annas Speicher habe ich die Tour vom vergangenen Jahr gezerrt, die mich von hier in die Städte Tarent und Gallipoli führen sollte. Das ist dann aber wegen Wetters ausgefallen, statt Städte zu besichtigen habe ich Stürme gejagt. Aber heute ist Wetter super, also warum nicht den Ausflug nachholen?

Tarent liegt genau am Ansatz des Hackens vom Stiefel:

Die Altstadt von Tarent liegt auf einer Insel in der Mündung zu einem See. Die Brücke wird von einer mächtigen Aragonerfestung bewacht.

Lage von Tarent. Bild: GoogleMaps 2020

Das hört sich voll romantisch an, ist es aber leider nicht.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (12): Die Geisterstadt auf dem Wabbelberg

Sommertour mit dem Motorrad. Heute mit einem spannenden Ausflug in die Welt der Symbologie.

Sonntag, 23.06.2019, Fabrizio, Kalabrien
Um 07:30 springe ich schon im Zimmer rum und packe die Sachen. Um diese Uhrzeit ist wenigstens die Temperatur noch halbwegs erträglich, zumal ich im Zimmer des kleinen Hotels von der Morgensonne nicht viel mitbekomme. Die Fenster sind bedampft und filtern die Sonne, und die Klimaanlgae läuft auch schon.

Die Hemden und Unterwäsche, die ich gestern Abend auf den Balkon gehängt habe, sind heute Morgen knochentrocken. Oh, und der Opa, der letzte Nacht vor dem Fernseher auf dem Balkon am Haus gegenüber eingeschlafen ist, sitzt da schon wieder da. Oder immer noch? Man weiß es nicht. Immerhin hat er jetzt wieder ein Feinripphemd und Unterbuchsen an und sitzt nicht mehr völlig nackig vor der Kiste.

Ich packe meinen Kram zusammen. Das ist ein immer gleich ablaufendes Prozedere und in Minuten erledigt. Alles hat seinen Platz, alles passt tetrismäßig ineinander, und am Ende haben beide Koffer das genau richtige Gewicht, um austariert an der V-Strom zu hängen. Der rechte Koffer ist ein Kilo leichter als der Linke, weil er wegen des Auspuffs weiter außen hängt. Wären beide Koffer genau gleich schwer, fängt die Maschine ab 140 an zu pendeln. Musste ich auch erst lernen und mich an die richtige Verteilung rantasten, das war die große Erkenntnis im vergangenen Jahr.

Frühstück findet im Freien statt, auf der Terrasse vor dem Haus.

Die Dame des Hauses zeigt mir das große Frühstücksbuffet, das in einem Nebenraum im Keller aufgebaut ist: Frische Feigen neben Äpfeln, Trauben und Bananen, und auch Rührei gibt es und satte sechs Sorten Kuchen. Darunter so interessante Sorten wie Topfkuchen mit Minze, Apfelkuchen und Ricotta-Schokoladenkuchen. Die hat die Chefin selbst gebacken, und die muss ich leider alle probieren, auch wenn ich danach Sodbrennen haben werde.

Unter den Augen der anderen Hotelgäste belade ich kurz darauf die Barocca, die nur wenige Meter von der Frühstücksecke die Nacht verbracht hat, dann lasse ich den Motor an und rolle an Frühstückstischen und Hollywoodschaukeln vorbei auf die Straße.

Hier halte ich noch einmal kurz, nehme eine Plastiktüte von der Rückbank und stopfe deren Inhalt in einen Müllbehälter an der Strandpromenade. Es sind die eklig nach Chemie stinkenden Badelatschen, die ich in San Vincenzo gekauft habe. Gestern war die letzte Gelegenheit zum Baden, und jetzt will ich die Chemiepest keine Sekunde länger mit mir rumfahren. Die Teile haben nicht nur viel Platz weggenommen, sie haben auch alle anderen Sachen im Koffer vollgestunken.

Als das erledigt ist, mache ich mich so richtig auf den Weg. Die V-Strom rollt aus dem kleinen Ort Fabrizio und auf eine größere Landstraße. Oh, was ist das denn? Der rechte Blinker tackert viel zu schnell. Vorne funktioniert die Lampe, also ist wahrscheinlich die hinten rechts durch. Naja, egal. Wir sind in Italien, hier braucht kein Mensch einen Blinker.

80 Kilometer geht es auf der Strada Statale an der Küste unterhalb der Fußsohle des italienischen Stiefels lang, dann führt uns Anna ins Landesinnere.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (11): Die ungleichen Schwestern

Sommertour mit dem Motorrad. Heute geht´s weiter durch Hitze und Staub.

Samstag, 22.06.2019, San Sostene, Kalabrien
Es ist erst kurz vor 08:00 Uhr, aber die Sonne brennt schon wieder wie ein Heizstrahler vom Himmel herab. Die Hitze liegt bereits wie eine Decke über der staubigen Landschaft von Kalabrien.

Unter meinen Stiefel knirscht der Sand, als ich die Koffer zum Motorrad bringe. Ein Windstoß fegt eine Staubwolke durch die Einfahrt.

„Il Cipresso al Mare“, der Hof der beiden Schwestern Riccarda und Raffaela, besteht aus einem winzigen Häuschen, in dem die Schwestern wohnen, und mehreren, uralten Stallgebäuden aus Natursteinen. In einem davon ist die kleine Wohnung, in der ich übernachtet habe.

Ein Stück dahinter ist eines, das früher vielleicht mal eine Backstube war, und in dem sich nun eine der Frühstücksraum und eine kleine Küche befinden. Die Wände sind grob verputzt, der Raum ist gemütlich eingerichtet mit Möbeln aus dunklem Holz und Korbgeflecht.

Als ich den Raum betrete, begrüßt mich Riccarda, mit Ende Zwanzig die jüngere der beiden Schwestern. Sie zeigt mir den Tisch, den sie für mich gedeckt hat. Auf italienisch erläutert sie: „Und hier ist Butter, das da links auf dem Tisch ist Marmelade, und da rechts Wurst und Käse und ein Joghurt. In dem kleinen Kühlschrank auf der Ablage ist Milch und Saft, falls Du möchtest. Ich hole dir einen Caffé“, sagt sie und verschwindet hinter einem Vorhang aus Holzperlen. „Doppio, bitte“, rufe ich ihr hinterher.

Das Frühstück ist… Wow. Sogar Bruschetta gibt es, frisch angebratenes Brot mit Tomatenschnitzen und Knoblauch, und eine aufgeschnittene und schön in Form gelegte Kiwi. Ich bewundere alles ausgiebig. Das ist toll, Riccarda hat sich echt Mühe gegeben.

In dem Moment kommt Raffaela, Riccardas Schwester, zur Tür hereingesprungen. Sie trägt Hotpants und ein bauchfreies Hemdchen, das sie unter der Brust verknotet hat. „Guten Morgen!! Ich zeig dir alles!!!“, ruft sie, wedelt eine Hand in Richtung des Kühlschranks mit dem Saft drin und ruft „Hier, da, da ist Joghurt und Wurst und sowas!“

„Da ist KEIN Joghurt drin“, tönt es von hinter dem Perlenvorhang, aber Raffaela ist nicht zu stoppen. „Und hier ist Honig, selbstgemacht! Wir haben nämlich auch Bienen! Ich bin gut im Honig machen! Und hier ist Marmelade!“ „Ich weiß“, nuschele ich und deute auf das Marmeladenbrot, dass ich gerade zwischen den Zähnen habe. „Du hast die Marmelade ja schon entdeckt!“, ruft Raffaela. „Und? Ist sie gut??“

„Sehr gut“, sage ich. Raffaela quietscht, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und dreht sich einmal um sich selbst. „Er mag meine Marmelade“, ruft sie und hüpft auf und ab. In ihrer überbordenden Freude erinnert sie ein wenig an einen jungen Hundewelpen. „Ich bin voll gut in sowas! Ich kann Marmelade und Honig und Wein machen und Rasenmäher reparieren und Häuser renovieren! Hat Dir Dein Zimmer gefallen?“, fragt sie. Ich nicke. „Das ist total schön“, sage ich. Raffaela quietscht wieder und hüpft auf und ab. „Das habe ich renoviert und eingerichtet!“, ruft sie.

Unvermittelt beugt sie sich vor, stützt beide Hände auf die Tischplatte und hält mir dadurch ihr Dekolleté direkt vor die Nase. „Und der Honig? Wie ist der?“ In diesem Moment kommt ihre Schwester mit dem Kaffee zurück und sagt „Nun lass ihn doch mal in Ruhe frühstücken!“ Als sie mir die Espressotasse hinstellt, wirft sie ihrer Schwester einen augenrollenden Seitenblick zu.

„Wir sind sehr… ungleich“, sagt sie auf deutsch, wohl wissend, dass ihre Schwester keine Fremdsprachen spricht. „Ist mir gestern schon aufgefallen“, sage ich.

Raffaela kramt neben dem Kamin in einer Kiste herum, in die sie sich schon fast demonstrativ hineinbückt und dabei die Hotpants einer Belastungsprobe unterzieht. Ich tue so, als ob ich das nicht bemerke. Riccardas Seitenblicke auf ihre Schwester sind jetzt eher peinlich berührt, was mich wiederum grinsen lässt. „Intelligence is sexy“ sage ich. Jetzt lächelt Riccarda, während Raffaela sich aufrichtet, verwirrt guckt und fragt „Was?“. Dann hört sie ein Geräusch in der Einfahrt und eilt nach draußen.

„Habt ihr schon immer hier gelebt?“, frage ich. Riccarda schüttelt den Kopf.“Nein, meine Familie ist eigentlich aus Sizilien, aus der Nähe von Agrigent“, sagt sie und verschwindet in der Küche. Die Region um Agrigent kenne ich, da….

„…da ist nicht viel“, beendet Riccarda meinen Gedanken. Sie taucht wieder aus dem Perlenvorhang auf, lehnt sich an den Türrahmen und hat nun selbst eine Tasse Kaffee in der Hand. „Viel Arbeitslosigkeit, schlechte Jobs. Darum haben wir beschlossen es hier zu versuchen. Wir haben diesen alten Bauernhof übernommen. Wir renovieren ihn, Stück für Stück, Gebäude für Gebäude, ganz allein.“ -„Wow“, sage ich und meine es auch so.

Gestern sind mir die vielen Bauruinen an der Küste aufgefallen – Rohbauten von mehrgeschossigen Wohnhäusern, von denen nur die Skelette stehen und aus denen der Baustahl rausragt. Das sieht nicht nach den üblichen Mafia-Förderabschreibungen aus. Die Mafia baut Autobahnen ins Nichts, Brücken ohne Straßen und Polostadien ohne Pferde, aber keine Wohnhäuser. Wo kommen die her? Warum werden die nicht weitergebaut, will ich von Riccarda wissen.

Sie zuckt mit den Achseln. „Die meisten Leute haben sich einfach verzockt. Kalabrier sind nicht so gut im Planen. Da wird ein Bau plötzlich teurer als gedacht, und dann wird erstmal alles auf Eis gelegt, bis wieder Geld da ist um weiter zu bauen. Manchmal dauert das dann zu lange, und irgendwann sagt die Behörde dann: Der Rohbau ist zu alt, abreissen. Macht natürlich keiner, kostet ja viel Geld. Deshalb steht die Küste voller Ruinen“.

„Danke für die Erklärung“, sage ich. Eine Sache noch: Du studierst ernsthaft deutsch, weil Du die Sprache so schön findest?! Echt jetzt?“
„Jaaa!“, sagt Riccarda und strahlt jetzt förmlich. „Deutsch ist klasse, so eine tolle Sprache!“

„Verstehe ich nicht“, sage ich. „Gegenüber der Sprachmelodie von Französisch oder Italienisch klingt Deutsch doch wie Hundegebell! Ich meine, hör mal…“, sage ich und trage dann meine beste Imitation von Copycats Sprachvideo vor, „Englisch: The Hospital. Französisch: L´Hopital. Italienisch: L´Ospedale. Deutsch: KRRRRANK-EN-HAUS„. Riccarda lacht und verschluckt sich fast an ihrem Kaffee.

„Oder hier“, sage ich, „Englisch: Butterfly. Französisch: Le Papillon. Italiensch: La Farfalla. Deutsch: SCHMETTERRRRRR-LING„.

Schmetterling ab Sekunde 20:

Riccarda japst nach Luft. „Schmetterrrr-ling“, sagt sie, als sie sich wieder eingekriegt hat, „Soo schöööön! Hört sich doch toll an, viel schöner als Farfalla

Nunja. Hier ist offensichtlich Hopfen und Malz verloren. Ich blicke auf die Uhr. „Ich muss leider los“, sage ich, lege die Serviette beiseite und stehe auf, als Riccarda um den Tisch herum auf mich zueilt, mich ganz fest umarmt und ihre Wange an meine Brust schmiegt. Äh?

Sie hält mich weiter fest, als sie den Blick hebt und dabei ihr Kinn auf meinem Oberkörper abstützt. „Kommst Du wieder? Und dann vielleicht für mehr als nur eine Nacht?“, fragt sie und sieht mir von unten tief in die Augen. Ihre sind von einem so tiefen Braun, dass man die Pupille nicht von der Iris unterscheiden kann. Solchen Augen kann ich nichts abschlagen. „Öh, Ok“, sage ich, leicht überfahren. „Wirklich?“, fragt sie. „Versprochen“, sage ich. „Vielleicht nicht nächstes Jahr, aber irgendwann, und dann für länger“.

„Na gut. Dann will ich Dich mal gehen lassen. Warte, ich hole Raffie zur Verabschiedung.“ Aber Raffaela springt schon in der Einfahrt und um das Motorrad herum. Da fällt mir was ein. „Darf ich ein Foto machen?“, frage ich. „Klar!“, quietscht Raffaela, „Und dann Booking stellen!“

„Ne, von Euch“, meine ich. „OK“, sagt Raffaela, löst ihr Haarband, schüttelt eine feuerrote Mähne aus, zuppelt ihr Hemdchen in Position, stützt dann die Hand auf die Hüfte und wirft sich in eine sexy Pose. Riccarda stellt sich mild lächelnd daneben, und ich mache ein Bild von den Beiden.

„Aber DAS nicht auf Booking einstellen!“, ruft Raffaela. „Und ich will ein Selfie! Selfie! Selfie!“

Jetzt bin ich verwirrt. Ich mache sehr selten Selfies mit meinem Telefon und finde erst nicht die richtige Funktion, aber zum Glück weiß Raffaela, wie das geht. Während des Fotos drückt sie ihre Wange an die ihrer Schwester, während Riccarda ihren Kopf an meine Schulter lehnt.

Kurze Zeit später grollt die V-Strom los und fährt, eine Staubfahne hinter sich herziehend, vom Hof der ungleichen Schwestern. Im Rückspiegel sehe ich die Silhouetten der beiden Frauen, die in der Einfahrt stehen und mir hinterher winken.

Es geht über langweilige Autobahnen nach Cantanzaro, der Hauptstadt der Region Kalabrien. Kurz vor dem Ort passiere ich ein riesiges Gebäude. Weiterlesen

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Einen Monat ohne (13): Wieder da

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit gehabt, das auszuprobieren.

Bis Sonntag lief mein Fahrverbot, am vergangenen Freitag kam schon ein Einschreiben aus Gütersloh mit meinem Führerschein drin sowie den mahnenden Worten, ich solle mir bewusst sein, dass ich erst nach Sonntag, 24:00 Uhr wieder fahren dürfe, weil sonst: Straftat.

Seit Montag bin ich also wieder motorisiert. Und, wie war der autofreie Monat nun?
Interessant war er, und erstaunlich unkompliziert.
Am Herausforderndsten war noch der erste Tag, weil ich quer durch die Stadt zu einem Ladengeschäft und dann rechtzeitig morgens bei der Arbeit sein musste. War machbar, aber stressig. Zum Glück ging es so nicht weiter.

Der Rest des Monats war nahezu völlig unkompliziert und die Gewöhnung recht schnell, nachdem ich erstmal meinen ganzen Tagesablauf umgestellt hatte.

Das alles recht unkompliziert war lag zum einen daran, dass der ÖPNV zwischen Stadt und Dorf im Falle von Mumpfelhausen doch besser ist als ursprünglich befürchtet, zum anderen natürlich an der Vorbereitung. Ich hatte für den Monat keine Dienstreisen angenommen, und auch schwere oder große Dinge wollten nicht eingekauft oder von A nach B bewegt werden. Einzig die Geburtstagsbesuche bei der Familie waren nicht drin, die wohnen auch auf Dörfern, und das wären Tagesreisen gewesen.

Ansonsten hat mir der Monat sogar gut getan. Ich hatte mehr Bewegung, bin früher ins Bett gegangen, habe mehr geschlafen, hatte interessante Erlebnisse und habe tatsächlich so gut wie immer pünktlich nach acht Stunden Feierabend gemacht.

Mein Leben hat sich entschleunigt, und das war gut. Ohne die Möglichkeit ständig überall hin zu können und vielleicht auch zu müssen, habe ich mir mehr Zeit genommen. Für mich selbst, aber auch um einfach mal lange liegen gebliebene Dinge zu tun. Und günstig war der Monat auch noch – 53 Euro für die Busfahrtkarte ist nur die Hälfte von dem, was ich normalerweise allein an Benzin ausgebe.

Was bleibt? Das Wissen, dass es auch ohne Auto geht. Ideal wäre es, gäbe es jetzt im Dorf noch eine Car Sharing-Station. Für den Alltag der Bus, zum Einkaufen und bei Bedarf ein günstiges Leihauto. Das wäre perfekt, dann würde ich tatsächlich auf ein eigenes Auto verzichten wollen.

Außerdem habe ich ernsthaft überlegt, in Zukunft öfter mal den Bus zu nehmen. Das wird vermutlich aber letztlich doch wieder an Bequemlichkeit und Kosten scheitern. Denn wo die Monatskarte mit umgerechnet rund 1,20 Euro pro Fahrt sehr günstig war, kostet das normale Fahrticket dann doch gleich mal 2,20 Euro, und da überlege ich dann doch zweimal ob ich das wirklich will. Milchmädchenrechnung, ich weiß, das Auto ist da nicht günstiger. Es fühlt sich nur anders an.

In der Summe: Die autofreie Zeit hat viel mehr verändert als ich dachte, und sie war gut für mich. Erstaunlich, was aus so einem Geschwindigkeitsverstoß für Erkentnnisse erwachsen können, oder?

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Einen Monat ohne (12): Mach-Deine-Scheiße-Tag-2020

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit, das auszuprobieren.

Der erste Sonntag im Februar ist der MDST, der „Mach Deine Scheiße Tag„. Also der Tag, an dem man endlich den Hintern hoch kriegt und Dinge macht, die schon ewig getan werden müssten und die man schon lange vor sich her schiebt.

Bei mir waren das jetzt eher „Mach Deine Scheiße Wochen“. Klar, konnte ja Abends oder am Wochenende nirgends spontan hin. Wetter war auch meist nicht so dolle, also konnte ich auch mal Dinge tun, für die mir sonst nie die Zeit genommen habe.

Jetzt ist also…

  • …das NAS einem Tip von 1ninesixthree folgend endlich mit Fliegengitter vor Staub geschützt (s.o.)
  • …die Steuererklärung fertig und verelstert
  • …der Keller entrümpelt und aufgeräumt (dabei wurden zwei Kisten alte Kabel entsorgt. War klar, das unmittelbar darauf was kaputt ging und ich von exakt diesen Kabeln was gebraucht hätte)
  • …die Regale im Wohn- und Arbeitszimmer um insgesamt sechs Böden erweitert (Was komplizierter war als es sich anhört, weil dafür alles möglich um- und ausgeräumt werden musste)
  • …die Bibliothek aufgeräumt (wobei sich erstaunlich viele Bücher entdeckt habe, die ich noch gar nicht kannte. Ich glaube, die vermehren sich, wenn keiner hinguckt)
  • …die Filmsammlung aufgeräumt, was ein wenig wie Memory war (weil ich tatsächlich mehrere Filme schlicht doppelt besitze, wie ich erstaunt feststellte.)
  • …die Filmsammlung inventarisiert (720)
  • …im Bad eine neue Lampe angebracht.
  • …das Arbeitszimmer entrümpelt (3 Müllsäcke voller Zeugs, was noch nie Joy sparkte)
  • …die Sommertour recht weit geplant.
  • …und sogar Großvaters Kabeltrommel hat einen neuen Stecker bekommen. Das wollte ich schon seit 11 Jahren machen.

War also erstaunlich produktiv, der autofreie Monat.

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Reisetagebuch 2019 (10): Die Asche von Riace

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute wird´s emotional.

Freitag, 21. Juni 2019, Tropea, Kalabrien
Die V-Strom hat die Nacht vor dem Strandhaus gut überstanden. Die Morgensonne scheint durch die Feigenbäume, als ich um kurz vor 08:00 auf die Veranda trete. Die Crew des Campingplatzes ist schon voll im Einsatz. Überall sind Leute am Werk, die die staubigen Wege mit Wasser sprengen, Müll einsammeln oder Dutzende Gebinde mit Wasserflaschen von einem kleinen LKW abladen.

Ich trage die Koffer die drei Stufen von der Veranda herab und hänge sie links und rechts an das Motorrad, dann geht es auch schon los. Die V-Strom tuckert aus der Einfahrt des Campingplatzes und biegt auf die Küstenstraße, die ein Mal um den Felsen von Tropea führt.

Kaum sind wir aus den Ausläufern der Stadt raus, geht es in die Berge. Anna führt uns eine Stunde lang durch kleine Dörfchen und über schlaglochbewehrte Straßen, weil sie auf die Autobahn will, statt einfach die Küstenstraße runter zu fahren. Dumme Nuss!

In den kleine Orten sind scheinbar nur zerzauste alte Männlein und doof glotzende Eulenfrauen unterwegs, und das im Schneckentempo. Eine Zeitlang ist das OK, aber mit steigenden Temperaturen wird das Fahrverhalten der Geronten immer erratischer und meine Zündschnur immer kürzer.

Einer der Rentner legt praktisch an jeder Kreuzung eine Vollbremsung hin, um den Querverkehr durchzulassen, und das, obwohl er Vorfahrt hat. Ich merke, wie mir eine Ader an der Schläfe zu pochen beginnt. Beim nächsten unnötigen Halt rutscht mir spontan der Mittelfinger aus und ich brülle aus vollem Hals „IMBECILE!“ Der Zausel zuckt in seinem Autochen kurz zusammen und zieht den Kopf ein, und eine Blumenfrau am Straßenrand guckt mich groß an. Nein, nicht du, der cretino da vor mir!

Die Dekoration am Straßenrand zeigt, dass das hier eindeutig Süditalien ist.

Ich fahre aus den Bergen raus, bis ich wieder auf der Küstenstraße bin. Hier sind keine Rentner unterwegs. Hier ist eigentlich außer mir kaum jemand unterwegs. Rechts das Meer, links Felsen. Aaaah, was für einen Genugtuung. Ich rege mich langsam wieder ab.

Ein Ortsschild weist darauf hin, dass ich gerade durch Scilla komme. „Zwischen Skylla und Charybdis…“ geht mir durch den Kopf.

In der Antike waren Skylla und Charybdis Meeresungeheuer, die die Meerenge von Messina, also genau diese Stelle hier, unsicher machten. Skylla hatte sechs Köpfe und hockte an der italienischen Küste, Charybdis verbarg sich genau gegenüber, am Strand von Sizilien. Ein Schiff, das zwischen die beiden segelte, befand sich in einer fast ausweglosen Zwickmühle, und in diesem Sinne wird der Satz bis heute benutzt; sich „zwischen Skylla und Charybdis“ zu befinden bedeutet so viel wie die Wahl Zwischen Pest und Cholera. Egal wie man sich entscheidet, man hat verloren.

Bedauerlich, dass der Tag anscheinend so diesig ist. Eigentlich sollte man von hier aus Sizilien sehen können, aber anscheinend doch nicht. Ich sehe nur eine weitere Landzunge.

…obwohl… Moment mal. Der Turm da, der steht doch in Messina, oder nicht? Dann dämmert es mir langsam. Das, was ich für die nächste Landzunge gehalten habe, ist bereits Sizilien! Der hohe Turm ist ein unübersehbares Zeichen. Sizilien sieht aus, als wäre es nur einen Steinwurf entfernt.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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