Motorradsaison 2019: Flop 3 Ärgernisse

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Das Schlechteste des Jahres 2019.

3. Daytona Road Stars in der falschen Größe
Daytona Stiefel sind toll, aber nur wenn sie passen. Eine Nummer zu groß, und sie sind Hölle auf Erden. Immerhin: Es lag nicht an ihnen, es lag an mir. Ich habe gerade bei allem Zwischengrößen. Egal ob Stiefel, Jacke oder Hose: In einer Nummer sind sie zu klein, eine Nummer größer fallen sie mir vom Hintern. Schlimm.

2. ProAntis Handschuhe
Handschuhe einer chinesischen „Marke“ bei einem dieser schnellwachsenden Onlineversender bestellt, ausgepackt, angeguckt, weggeschmissen.

Es gibt Dutzende Motorradfahrer, die in Foren vom „tollen Griffgefühl“ und „ausgezeichneter Lüftung“ schwärmen. Da möchte ich mal fragen: Was stimmt mit Euch nicht? Fahrt ihr nur ein Mal im Jahr zur Eisdiele, oder wie kommt ihr zu dem Urteil?

Ja klar haben die Handschuhe ein tolles Griffgefühl. Ist ja auch kein Wunder, wenn die Handfläche aus milimeterdünnem Kunstleder besteht. Ja klar haben die eine tolle Lüftung. Ist auch kein Wunder, wenn die Nähte praktisch nur aufgemalt sind und schon nach der zweiten Benutzung aufgehen. Dazu kommt ein Knöchelschutz der aussieht wie Carbon, aber aus billigster Plaste besteht, die man mit den Fingern eindrücken kann. Die Schutzwirkung dieser Dinger dürfte irgendwo zwischen „nicht vorhanden“ und „ähnlich eines selbstgehäkelten Topflappens“ liegen. Zum Moppedfahren sollte man sowas auf keinen Fall tragen.

Ich habe dann noch versucht sie zum Radfahren zu verwenden und stellte dabei fest, dass die Teile abfärben und nach der dritten Benutzung völlig auseinanderfallen. SchlimmSchlimm.

1. Tieferlegung der V-Strom
Ich habe die Tieferlegung der Suzuki zwei Jahre lang ziemlich abgefeiert, ermöglicht sie mir doch mit 1,70 Körpergröße die große Maschine sicher zu rangieren. Dafür musste ich Kompromisse eingehen: Der Seitenständer war verstümmelt, der Hauptständer musste demontiert werden, der Motorschutz passte nicht mehr drunter und in scharfen Kurven setzte die Maschine mit Seitenständer oder Auspuff auf. Habe ich alles ertragen. In diesem Jahr ist mir dann aber doch der Arsch geplatzt, als die Maschine an moderaten Kanten hängen blieb und die Umlenkhebel bei Bodenwellen aufsetzten. Nee, so nicht. Raus damit!

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Familiäre Dialoge -XI-

Vatern: „….Das ist Körperverletzung! Ganz klar! Da kann ich die für anzeigen! Das ist Nötigung! Da führt gar kein Weg drum rum, das können die nicht so machen!“

Ich: „Ja Vater, Du wetterst jetzt schon seit 15 Minuten darüber, dass dir dein Arzt Tabletten verschrieben hat, die Pickel machen. Aber meine eigentliche Frage war: Wie geht´s Dir?“

„Sohn, wie soll´s mir schon gehen! Denk doch mal nach! Es ist Weihnachten! Ich bin gerade erst nach Hause gekommen!“

„Wo warst Du denn?“

„Wo soll ich wohl gewesen sein, am 24. Dezember! Ich war natürlich einkaufen!“

„Du warst am 24. einkaufen.“

„Ja nun, da führt kein Weg drum rum! Wenn da so Sachen ausgehen, dann muss ich die halt besorgen.“

„Könnte man auch vorher machen.“

„Das weiß doch vorher keiner was da so ausgeht! Wie soll das denn gehen? Jedenfalls musste ich erst zur Post, wegen so einem Paket. Und dann zur REWE und dann zu Aldi und dann in den Baumarkt in der großen Stadt und dann…“

„Das hast Du alles HEUTE gemacht? WARUM?“

„Mensch Sohn, hör doch mal zu wenn ich Dir was erzähle! WEIL ICH EINKAUFEN MUSSTE! WEIL SACHEN AUS WAREN!“

„Was denn für… Sachen?“

„Naja so spezielle Äpfel halt die es nur in der großen Stadt gibt. Die sind speziell.“

„Damit sind sie nicht allein.“

„Ich muss jetzt auch ganz dringend wieder los. Frohes Fest und so“

„Dir auch.“

Es ist 12:30 Uhr. Vermutlich muss er ganz dringend nochmal los, weil er im Baumarkt was vergessen hat.

Frühere Dialoge:
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

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Unweihnachtlich

Seltsam unweihnachtlich ist es in diesem Jahr im Hause Silencer.

Ich kam Ende November von einer Reise zurück und trage seither das Gefühl mit mir herum, dass jetzt eigentlich Januar sein und dieses ganze Weihnachtskram doch lange vorbei sein müsste. Das ist vermutlich das größte Jetlag, was jemals jemand hatte: Das Gefühl, dass hier nicht um ein paar Stunden was nicht stimmt, sondern um zwei Monate.

Wie dem auch sei, ich fühle mich dieses Jahr unweihnachtlich und zelebriere das auch. Kein Weihnachtsbaum, dafür eine blühende Agathe. Keine ausufernden Weihnachtsbesuche, sondern nur den wichtigsten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich nicht darüber freue, dass so viele von Euch an mich gedacht haben – die Anzahl an Karten, Mails und was hier sonst noch so in den vergangenen Tagen eintrudelte ist erstaunlich. Ihr seid die Besten!

Und auch wenn eigentlich Januar ist: Euch allen ruhige Festtage!

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Die dicke Agathe 2019

Elf Monate im Jahr steht der große Blumentopf im Weg. Den hat der Vormieter hier zurückgelassen. Was über seinen Rand hängt (des Blumentopfes, nicht des Vormieters), sieht unansehnlich aus: Knotige, fleischige Auswüchse hängen wie rheumatöse Finger schlapp herunter. Farblich erinnert dieses Gekröse an einen Smoothie aus Erbsen und Blattspinat, den jemand drei Wochen im Kühlschrank vergessen hat. Kein schöner Anblick also.

Ich habe das augenbeleidigende Grünzeug Agathe getauft und weil sie so groß ist, ist es eben die dicke Agathe. Ich habe sie bislang nicht entsorgt, denn ein Mal im Jahr sieht das hässliche Gewächs plötzlich so aus: Wie ein wunderschöner, knallbunter Wasserfall aus exotischen Blüten!

Die Haustiere lieben Agathe in dem Zustand.

Bleibt die Frage: Woher weiß so ein Weihnachtskaktus wann Weihnachten ist?

Die dicke Agathe 2018
Die dicke Agathe 2017

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Reisetagebuch 2019 (4): Motorrad-Tourette

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einer Traumfrau, einem räuberischem Fürstentum und vielen Kraftausdrücken.

Sonntag, 09. Juni 2019, Asprémont, Frankreich

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Ein gewaltiger Donner rollt durch die Täler hinter Nizza. Das Gewitter muss direkt über Asprémont sein, Regen trommelt auf das Dach des Hotels.

Ich blicke auf die Uhr. Kurz nach 4. Ich versuche noch einmal einzuschlafen, aber so ganz will mir das nicht gelingen, draußen kracht und rumpelt es im Sekundentakt. Wieso gibt es überhaupt Gewitter, also, jetzt? Gestern Abend war davon nicht zu sehen.

Nach zwei schlaflosen Stunden werfe ich um kurz vor sechs einen Blick auf die Wetterkarte. Darauf ist zu sehen, wie sich gegen zwei Uhr nachts praktisch spontan und aus dem Nichts ein Tiefdruckgebiet gebildet hat, direkt über Asprémont. Und nicht nur das: Ab sieben Uhr wird es weiterziehen, und zwar exakt auf meiner Reiseroute und auch nur da. Ich bin wohl doch ein Wettergott.

Ächzend quäle ich mich aus dem Bett. Meine Füße tun immer noch weh. Die Blasenpflaster werfen jetzt selbst monströse Blasen, während sie versuchen die nässenden Löcher in meinen Fersen abzudecken.

Es ist Pfingstsonntag, aber selbst heute und um kurz vor sieben Uhr ist Sabine schon wach und unterwegs. Während ich die Koffer zum Motorrad trage, höre ich die Sächsin in der Küche werkeln.

Die Barocca durfte die Nacht über auf der Terrasse stehen und ist noch nass vom Wolkenbruch. Nass und… dreckig? Tatsächlich. Der Regen war voller Sand. Wüstenstaub, wahrscheinlich. Den hat wohl der Mistral Scirocco, wie man in Frankreich den starken Wind aus Süden nennt, aus Afrika rübergeweht. Das schwarze Motorrad hat nun ein sandfarbenes Tupfenmuster und sieht aus, als wäre es gerade eine Wüstenrallye gefahren.

Ich hänge die Koffer an das Motorrad und schiebe es vor das Tor, dann leiste ich Sabine an der Kaffeebar im Erdgeschoss ihres Hotels Gesellschaft. Die Leipzigerin trägt heute Morgen das platinblonde Haar zu einem Pferdeschanz gebunden. Zusammen mit einer ärmellosen, weißen und tief dekolletierten Bluse sieht sie ein wenig aus wie ein Filmstar aus den Fünfzigern.

Gerade schraubt und schaltet sie an einer schrankwandgroßen Espressomaschine herum. „Die braucht noch einen Moment zum Aufwärmen, aber ich habe uns schon mal deutschen Kaffee gemacht“, sagt sie und gießt mir einen Filterkaffee ein. Ich habe kein Frühstück gebucht, aber ohne einen Kaffee auf den Weg lässt sie mich nicht weg. Der Preis dafür ist eine kleine Plauderei, und Sabine kann ohne Punkt und Komma reden.

Da habe ich aber überhaupt nichts gegen, denn sie ist eine sehr angenehme Gesellschaft und eine kluge und erfahrene Frau, von der man selbst in kurzen Gesprächen viel lernen. Die Hotelierin war nach der Wende als Reiseleiterin mit „Studiosus“ in ganz Europa unterwegs, spricht mehrere Sprachen fließend und hat letztlich der Liebe wegen in Asprémont Wurzeln geschlagen.

Sie hat mir vor drei Jahren bei einem kurzen Frühstückskaffee mehr über Frankreich beigebracht als Ulrich Wickert in drei Büchern. Die er übrigens, zumindest zum Teil, genau hier verfasst hat: An dem Fenstertisch da hinten rechts, im Restaurant in diesem Hotel.

„Wissen sie“, sagt Sabine, „ich komme mir hier gerade vor wie in einer Diktatur. Ich bin in eine Diktatur hineingeboren worden und manchmal fühlt es sich so an, als sei ich nie aus der DDR rausgekommen.“

Jetzt sind sie aber ein wenig hart“, sage ich und nippe am Kaffee. „Nein, gar nicht“, sagt sie. „Ich meine das ernst. Ein Beispiel: Die Gelbwestenproteste, davon hat man doch plötzlich nichts mehr in den Medien gehört, oder? Die waren von jetzt auf gleich kein Thema mehr in den Nachrichten.“ Da hat sie recht. „Wissen sie, warum?“, fragt sie.
Ich schüttele den Kopf.

„Weil die französische Regierung das Militär gegen die Demonstranten eingesetzt hat! Hier in Nizza hatte die Bewegung ja ihren Ausgangspunkt, und hier ist allen Ernstes das Militär aufmarschiert, im Verhältnis fünf zu eins. Die Soldaten haben dann nichts gemacht, die standen nur zu Hunderten am Rande der Kundgebungen mit umgehängten Waffen, aber alleine ihre Präsenz war so einschüchternd, dass die Gelbwesten weggeblieben sind.“

Sabine gießt sich selbst einen Kaffee ein und reicht mir ein Körbchen über den Tresen „Hier, nehmen Sie ein Schokocroissant. Ach, es ist gerade kompliziert. Überall. Ich habe ja gute Freunde in Russland und mache da regelmäßig Urlaub, auch im Winter. Gerne auch mal weiter im Osten, am Baikalsee und so. Wussten sie, das Russland das christliche Land mit den meisten Muslimen ist?“
Ich mümmele am Schokocroissant herum und mache „ne“.

„Aber die machen das anders, statt Integration setzt Russland auf Enklaven. Jeder für sich. Es gibt prachtvolle muslimische Städte in Russland, bewohnt nur von Muslimen. Die werden dort auch völlig in Ruhe gelassen. Aber wenn von dort jemand nach Moskau will, dann wird er sehr genau kontrolliert. Und das funktioniert, es ist alles friedlich.“

Na, ich weiß ja nicht. Egal ob man es Enklave nennt oder die kleinere Version davon Ghetto: Die Isolation von Bevölkerungsgruppen war noch nie eine gute Idee. Mir ist eine integrierte Gesellschaft lieber, und das sage ich ihr auch.

Sabine guckt kurz in die Ferne, dann sagt sie „Naja, jedenfalls: Ich bin der Meinung, dass einer der Hauptfehler der EU die überhastete Osterweiterung war.“

Ich nicke. Das denke ich auch. Sie fährt fort: „Man hätte erstmal eine Nord- und eine Süd-EU machen sollen, und erst dann vielleicht eine separate Ost-EU, und dann alles langsam annähern. Der zweite Fehler der EU ist dieses bedingungslose Festhalten an den USA und das Verteufeln von Putin. Man mag denken was man will, aber durch die Abschottung des Westens steuert Putin jetzt Russland in Richtung China. Auch die Mongolei orientiert sich an China. Das sind starke Partner, da kann Europa nicht gegen an, dafür ist es einfach zu klein. Europa wird zerrieben, und in Italien nimmt es gerade seinen Anfang.“ „Die neue Seidenstraße?“, frage ich und nehme noch einen Schluck Kaffee.

Sabine nickt. „Genau, die neue Seidenstraße. Der Hafen von Triest ist schon komplett an die Chinesen verkauft, und aktuell diskutiert man, ob auch Genua und einige andere Häfen und Infrastrukturprojekte wie Brücken oder Straßen von den Chinesen übernommen werden sollen. Der Faschist Salvini, der tut ja immer so als wäre er Patriot, aber er betreibt gerade einen Ausverkauf seines Landes. 340 Milliarden pro Jahr, so munkelt man, soll China nach Italien bringen. Verstehen sie, was das heißt?“, fragt Sabine mit finsterer Miene.

Ich überlege. Dann geht mir ein Licht auf. „Bei der Menge an Geld… braucht Salvini die EU nicht mehr.“ Sabine lächelt grimmig. „Ganz genau. Salvini macht seinen rechtspopulistischen Schwachsinn wahr und zeigt der EU den Finger, und das kann er, weil er sich an die Chinesen prostituiert.“

Alter Falter. Das war mir gar nicht bewusst. Reisen bildet, auch politisch. Und meine Güte, wie toll ist diese Frau eigentlich, dass die mir quasi so nebenbei in 10 Minuten die Weltpolitik erklären kann? Ich glaube, ich bin verliebt.

In dem Moment rollt wieder ein Donnergrollen durch das Tal. Wolken ziehen rasant schnell an der Fensterfront des Frühstücksraums vorbei.

„Verdammt, das ist die Nachhut des Gewitters“, sage ich und trinke den Rest Kaffee in einem Schluck aus. „Ich muss los, so Leid mir das auch tut“.
Sabine begleitet mich zum Motorrad. Erste Regentropfen beginnen zu fallen. „Sie kommen aber wieder, oder?“, fragt sie.
„Aber sicher“, sage ich, „aber nur wenn Sie dann noch hier sind, Sabine“.- Sie lächelt und eilt zurück ins Hotel, wo die ersten Gäste schlaftrunken in die Lobby wanken.

Ich hoffe sehr, dass ich diese außergewöhnliche Frau tatsächlich noch einmal wieder sehen werde.

Der Regen legt jetzt so richtig los. Ich ziehe Regenhose und -Jacke aus dem Seitenkoffer und versuche mich da hineinzwinden. Gar nicht so einfach, in voller Schutzkleidung den Einstieg in die Regenklamotten hin zu bekommen. Ich verhake mich erst beim Anziehen im Innenfutter der Hose und hüpfe fluchend auf einem Bein im Kreis bis ich fast umfalle, dann vernüddelt sich der Ärmel der Jacke irgendwo hinter meinem Rücken. Würde man diese Nummer aufzeichnen und das Video rückwärts ablaufen lassen, sehe ich vermutlich aus wie Houdini, der sich aus einer Zwangsjacke befreit. So sehe ich nur aus wie ein Depp.

Zu den Regenklamotten, die mich gerade ärgern, kommt die Luft: Es sind 24 Grad, sagt das Thermometer, und die Luftfeuchtigkeit ist tropisch. In solcher Luft fällt das Atmen schwer, und ich schwitze schon wieder wie ein Üchel.

Als endlich alles sitzt, hört der Regen so abrupt auf wie er begonnen hat. Leicht fassungslos gucke ich zum Himmel und denke laut „Arschloch“. Halb aus Trotz und halb aus der Befürchtung, das ich den Regen gleich wieder einhole, behalte ich die Regenklamotten an.

Ich steuere das Motorrad über die nassen Straßen und aus den Bergen hinab in die Großstadt. Eigentlich möchte ich da nicht hin, aber um aus Asprémont weg zu kommen muss ich hinab ins Tal, durch die Stadt und dann über eine weitere Bergkette wieder raus.

Wer sich heute morgen selbst übertrifft, ist meine virtuelle Copilotin. Motorrad-KI Anna hat Sprachalgorithmen, die auf lokalen Informationen rumrechnen, um möglichst natürliche Anweisungen geben zu können. Für Nizza gibt es davon offensichtlich sehr viele, und die nutzt sie reichlich. Ich bin erstaunt als ich ein ums andere Mal Sätze höre wie „Biegen sie am verspiegelten Gebäude links ab“ oder „An der Ampel vor dem würfelförmigem Gebäude rechts“ oder „Neben dem Kiosk rechts rein“ höre. Es ist wirklich so als hätte ich eine echte Beifahrerin in meinem Helm, die mir unerschütterlich ruhig ins Ohr wispert wo ich hin muss.

Die Barocca rollt durch die Straßen von Nizza. Es ist ja erst halb acht am Sonntag, deshalb gibt es noch keinen Stau, aber es ist doch schon mehr los als ich gedacht hätte. Autos und Motorroller flitzen durch die Straßen, und auch Fußgänger sind schon unterwegs.

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Geliebte Feindin: Auf Kriegsfuß mit der Pinlock-Scheibe

Ich bin ein großer Fan von Pinlock. Das ist ein System für Motorradhelme und besteht aus zwei Teilen: Einer Halterung und einer Scheibe.

Die Halterung, das sind zwei kleine Nöppel links und rechts im Inneren eines Motorradvisiers. Zwischen die beiden Nöppeln wird eine durchsichtige Scheibe, das Pinlock-Visier, gespannt. Das sitzt dann bombenfest auf der Innenseite des eigentlichen Visiers.

Der Trick ist nun: Die Pinlockscheibe hat eine hauchfeine, umlaufende Silikonlippe, so dass zwischen Außen- und Pinlockvisier ein kleiner Spalt bleibt.

Dieser Spalt zwischen den Visieren ist luftdicht und dadurch, DamenundHerren, kann der Helm nicht mehr von Innen beschlagen! Ganz egal wie warm oder kalt oder nass es ist und wieviel man im Helm rumatmet: Das Visier beschlägt nicht mehr.

Fantastisch, oder? Ich liebe Pinlock und fahre nicht mehr ohne. Ich habe schon genug damit zu kämpfen, das die Brille unter extremen Bedingungen beschlägt, da soll wenigstens das Visier verlässlich freie Sicht bieten.

Das Problem bei der Sache, und dafür hasse ich Pinlock inbrünstig: Die Scheiben sind irrsinnig empfindlich und sehr teuer.

Ich hatte es nun schon zwei Mal, dass frisch gekaufte Pinlockscheiben heftige Kratzer aufwiesen. Kratzer zu produzieren geht schnell: Die Scheiben sind aus hauchdünnem und leicht beschichtetem Kunststoff gefertigt und nur auf einer Seite mit einer Schutzfolie versehen.

Im Versand beim Einpacken mit langen Fingernägeln angefasst oder im Motorradgeschäft im Lager einen Karton drauf abgestellt und ZACK, Kratzer. Das Dumme ist: Die Kratzer kann man vor dem Kauf im Geschäft nicht sehen, denn auf einer (und NUR einer) Seite klebt eine Schutzfolie, durch die man kleine Kratzer nicht erkennen kann.

Bei einem Helmvisier sorgen aber selbst allerkleinste Kratzer im Sichtfeld dafür, dass das Licht gebrochen wird und man nichts mehr sieht. Dazu kommt, dass die flimmsigen Plastescheiben kein Wegwerfartikel sind. Über dreißig Euro kostet ein neues Pinlock! Also wirklich NUR die Innenscheibe, das eigentlich Helmvisier schlägt nochmal mit 40 bis 50 Euro zu buche.

Sonnenvsier, Pinlock und normales Visier des Motorradhelms. Die paar Plastikteile kosten zusammen über 100 Euro. Die alle paar Jahre auszutauschen ist aber Pflicht, wegen der Sicherheit.

Ich kaufe die Dinger immer dann, wenn Louis oder Polo gerade Rabattaktionen haben, und lege mir die auf Vorrat ins Regal. Mitsamt Kassenbon, um sie – falls ich beim Einbau feststelle, dass sie verkratzt sind – wieder umtauschen zu können. Das hat bisher auch immer geklappt, nur eine Louis-Mitarbeiterin war mal am Rumnöckeln „Den Kratzer haste ja vielleicht selbst reingemacht“.

Hatte ich nicht, aber natürlich hat die Dame recht: Hätte sein können. Denn natürlich kann man auch beim Einbau (den man bei Louis auch vom Personal vornehmen lassen kann) Kratzer hinterlassen.

Meine Spezialität beim Einbau ist aber eine andere. Pinlockscheiben sind nämlich nicht nur kratzempfindlich, auf ihnen bleibt auch Hautfett zurück, und das bekommt man nicht mehr ab.

Vor zwei Jahren habe ich es geschafft, beim prüfenden Blick durch ein frisch eingebautes Pinlock einen Nasenabdruck auf der Scheibe zu hinterlassen. Hautfett auf Helmvisier, das wirft beim Durchgucken Regenbogenfarben. Dennoch blieb der Nasenabdruck da, denn wenn man versucht ein Pinlockvisier zu reinigen, verkratzt man es sofort mit mikroskopischen kleinen Kratzern, die das Licht noch schlimmer brechen.

Beim Visierbau in diesem Jahr war ich gaaaaanz vorsichtig. Ich habe mit der Nase weiten Abstand gewahrt und sogar Latexhandschuhe angezogen, um keine bloß Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nun muss man aber für den Einbau sehr beherzt das äußere Helmvisier auseinanderbiegen und gleichzeitig die Pinlockscheibe in die Nöppel fummeln. Dafür braucht man entweder drei Hände oder man nimmt den Ellenbogen zur Hilfe.

Es kam, wie es kommen musste: Einmal kurz abgerutscht, schon hatte ich den Abdruck meines Ellenbogens auf dem Pinlock hinterlassen. Ich habe dann gaaanz vorsichtig versucht mit Seifenlauge und dem zartesten aller vierlagigen Tissues den Fettfleck weg zu bekommen, aber ohne Erfolg. Die fettige Stelle blieb, wo das Tüchlein das Pinlock berührte, blieben Mikrokratzer zurück. Dreißig Euro für die Tonne.

Also eine neue Pinlockscheibe gekauft und eingebaut, dabei Nase, Ellenbogen und Finger gut verhüllt und die Schutzfolie erst nach dem Einbau abgezogen und bemerkt: DIESES Pinlock ist wohl zu warm gelagert worden. Die Schutzfolie hat einen blasigen, kaum sichtbaren Schleier hinterlassen. Das ist noch eine ganz neue Dimension von Arschigkeit. Außerdem sind an einer Stelle Kratzer, als wäre da was drübergeschabt. Ärgerlich, aber wenigstens sind die Kratzer außerhalb des Sichtfelds, und wegen des Schleiers habe jetzt keinen Nerv mit dem Geschäft rumzudiskutieren.

Also: Pinlock ist vom Prinzip her eine tolle Sache, beschlagfreie Sicht will ich nicht missen. Aber die Pinlockscheibe als solche ist ein garstiges Mistvieh, unverschämt teuer und praktisch sofort kaputt, wenn man sie auspackt oder scharf anguckt. Ihre Konstrukteure seien geheiligt und sollen in der Hölle schmoren.

Kategorien: Motorrad | 15 Kommentare

Postapotheke XS

„Nein, das geht so nicht mehr“, klärt die Apothekerin den Typen auf. Die Apothekerin steht hinter ihrem gelben Schalter, sie macht nämlich auch Postfiliale.
Weißer Schalter: Apotheke.
Gelber Schalter: Post.
Nicht verwechseln.

Der Typ steht vor mir am gelben Schalter. Er trägt einen Hipsterbart. Die Augen hinter den bierdeckelgroßen Brillengläsern gucken verständnislos, eine Hand zuppelt nervös an seiner Barbourjacke rum.

„Das ist kein Brief“, erklärt die Apothekerin, „In einen Brief dürfen nur Dokumente. Sobald da was anderes drin ist, ist das kein Brief.“ Der Typ guckt auf den deformierten Briefumschlag, der mehr würfelförmig als flach ist. Offenkundig keine Dokumente.

Die Erfahrung, die der Typ gerade macht, hatte ich vor einigen Wochen auch. Wollte man früher was ins Ausland versenden und es passte in einen Briefumschlag – eine DVD, eine Tafelschokolade, was man halt zu Weihnachten so verschickt – dann war das ein internationaler Maxibrief.

Seit 01.01.19 gilt das aber nicht mehr. Jetzt darf in den Brief nur noch Papier, alles andere ist eine Warensendung. Ist wirklich völlig absurd: Die Chinesen schicken alles bis zur Größe eines Wagenhebers als Brief für 3 Cent um den halben Globus, aber innerhalb der EU dürfen Briefe nichts als gefaltetes Papier enthalten.

Für Privatkunden hat sich die Post als neue Alternative „Päckchen XS“ ausgedacht. Das doofe ist nur: Das gibt es nicht zu kaufen. Zumindest nicht als Produkt in der DHL-Filiale. Das Päckchen XS kann man nur online klicken, für 4,89 Euro ohne Tracking. Hat mir meine DHL-Frau verraten. Die ist nämlich eine Gute.

Anders als die Apothekerin. Die ist es ja eh gewohnt Leuten absurd überteuerte Sachen anzudrehen. „Das müssen se als Päckchen international aufgeben, macht 9 Euro pro Stück. Wenn Sie wollen, dass das wirklich ankommen, machen Sie Paket international. Mit Sendungsverfolgung, kostet 17,99 Euro das Stück.“

Der Typ überlegt. Ich tappe ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. Ich habe nur ein vorfrankiertes Päckchen und bin in Eile. Dann sagt der Typ resigniert „Na gut“. Er stutzt kurz und sagt „Und die hier dann auch“ und dreht sich zur Seite. Ich luge um einen Aufsteller mit Salbeibobons herum. Neben dem Typen stehen drei große Umzugskartons auf dem Boden, voll deformierten Umschlägen. Das müssen mindestens 100 Stück sein.

Die Apothekerin lächelt.
Ich drehe auf dem Absatz um und verlasse die Apothekenpost.

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Schön war aus (3)

Nach der Barocca und der Renaissance hat auch das Kleine Gelbe Auto tatsächlich noch einmal die schmutzig-gelbe und Plakette bekommen.

Es ölt zwar ein wenig herum und hat Wasser im Blinker, aber noch trennt uns die Hauptuntersuchung nicht. So hässlich die Farbe der Plakette auch sein mag: Das freut mich sehr.
Damit wäre dann der Fuhrpark für dieses Jahr abgefrühstückt.

Kategorien: Ganz Kurz, kleines gelbes Auto | Ein Kommentar

Marie Frederiksson

Ach, Marie Frederiksson. Die Schwedin war meine erste große Popstar-Liebe.

Es war 1989, ich war 14 und sah auf MTV das Video zu „The Look“, wo Frederiksson mit blonder Kurzhaarfrisur in einer typischen 80er-Jahre-Kulisse stand und zusammen mit Per Gessle als Roxette ordentlich ablieferte.

Das Album „Look Sharp!“ wurde meine allererste CD, und irgendwann hatte ich auch das VHS-Video zur Livetour zu Hause. Je mehr ich von Marie Frederiksson hörte und sah, desto verzauberter war ich von ihr.

Marie Frederiksson verkörperte, auf und abseits der Bühne, einen Typ Frau, der stark, unabhängig, intelligent und voller Power ist („Dressed for Success“), die keinen Mann oder Partner braucht („Dangerous“), aber trotzdem innig und manchmal unglücklich lieben kann („Listen to your Heart“) und tief trauert, wenn das Unausweichliche passiert und alles vorbei ist („It must have been Love“).

Diese Ausstrahlung einer starken und intelligenten Frau zieht mich bis heute unwiderstehlich an, damals haute sie mich komplett aus den Socken.

Mehr als ein Mal bekam ich im Erdkundeunterricht Ermahnungen, weil ich heimlich Texte von Roxette übersetzte, statt die Höhenstufen des Kilimandscharos zu zeichnen. Ja, wirklich: Ich lernte mit den albern-naiven Texten von Per Gessle Englisch, damit ich auch wirklich verstand, was Marie da sang.

Im Sommer 1989 lief „The Look“ bei mir auf Repeat-All, sowohl zu Hause als auch unterwegs. Ich hatte die Kassette im Walkman und hörte die Musik von morgens bis abends, wenn ich allein durch Würzburg streifte. Roxette war der Soundtrack eines ganzen Sommers.

Die fast verliebte Schwärmerei für die Popsängerin hielt nicht lange und wurde nach Kurzer Zeit von Schwärmereien für reale Personen abgelöst, faszinierend fand ich Marie Frederiksson aber weiterhin. Auch wenn ich mit den späteren Roxette-Werken wie „Crash Boom Bang“ und „Tourism“ nicht mehr viel anfangen konnte, so freute ich mich doch immer wieder, wenn ich Marie irgendwo sah.

Die 90er gingen, und mit ihnen verschwanden Roxette und Marie von der Bildfläche. Nachrichten von einer Krebserkrankung machten die Runde, und niemand hätte erwartet, noch einmal was von Frederiksson und Gessle zu hören. Ich erinnere mich darin wie überrascht ich war als ich 2011 mitbekam, dass Marie sich wieder auf die Bühne gekämpft und mit Roxette noch einmal auf Tour gehen wollte. Mir war bewusst, dass das vielleicht die letzte Gelegenheit war, die Liebe meiner Jugend mal live zu sehen.

Im Juni 2011 war es dann soweit, ausgerechnet in Oberursel (fragen sie nicht!) hatte ich die die Gelegenheit Roxette live zu sehen. Das war toll, aber es war deutlich zu merken, welche Spuren die Krankheit bei Frederiksson hinterlassen hatte.

Sie war schon immer zierlich gewesen, aber nun wirkte sie fragil und irgendwie zerbrochen. Auf einen Barhocker gestützt und nur einen Arm nutzend wirkte sie wie eine Puppe aus Porzellan, die heruntergefallen war und die jemand mit großer Mühe, aber irgendwie verkehrt wieder zusammengesetzt hatte. Später erfuhr ich, dass Marie zu diesem Zeitpunkt stark motorisch eingeschränkt und zudem auf einem Auge blind war und große Probleme mit dem Sprechen hatte.

Singen tat sie freilich immer noch großartig, wenn auch die Worte ein wenig verschliffen kamen. Sie liebte die Bühne, dass war zu merken. Es war aber auch deutlich zu merken, dass es ihr alles andere als gut ging. Sie litt, ganz sichtbar – und dennoch kämpfte die Powerfrau für das, was sie liebte – das Singen.

In der Folge kaufte ich mir ihre Solo-Alben, konnte mit denen aber nicht viel anfangen. Ich mochte Maries Stimme, aber das war nicht meine Art von Musik.

Nun ist Marie Fredriksson in dieser Woche gestorben. 61 ist sie am Ende geworden und damit älter, als man es bei ihrer Erkrankung hätte hoffen können. Eine große Künstlerin ist von uns gegangen, aber ehrlich gesagt bin ich auch froh, dass ihr Leiden ein Ende hat.

Wenn ich an Marie Frederiksson denke, dann sehe ich vor mir die energiegeladene und selbstbestimmte Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur, deren Kunst mir so viel gegeben hat und wegen der ich heute so ausgezeichnet englisch spreche.

Danke, Marie.


Auf Youtube hat Per Gessle gerade die „The Roxette Diaries“ bereitgestellt. Größtenteils unkommentierte Aufnahmen aus den 80ern und 90ern, die zeigen, wie Marie hinter den Kulissen war. Sie war natürlich genau so, wie ich mir sie vorgestellt hatte, und dazu noch unglaublich liebenswert und witzig. Angucken lohnt sich.

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Reisetagebuch 2019 (3): Bis auf´s Fleisch

Samstag, 08. Juni 2019, in der Nähe von Embrun, Frankreich

Ein Dachfenster über´m Bett, das hört sich ja total romantisch an. Beim Einschlafen in die Sterne gucken und so. Die Realität sieht aber anders aus, besonders wenn man schlechte Augen hat und sich das Dachfenster nicht verdunkeln lässt.

Mit meinen schlechten Augen sehe ich beim Einschlafen nämlich nur einen grauen Fleck, und ab vier Uhr wird aus dem grauen Fleck ein strahlend heller, blauer Fleck. Die Sonne scheint zum Fenster rein wie der Laser des Todesterns und hobelt mir durch die geschlossenen Augenlider die Netzhaut weg. Ich kann nicht schlafen wenn es hell ist. Seufzend schwinge ich mich aus dem Bett und tappe in das kleine Badezimmer, wo ich eine winzige, zusammenrollbare Schlafmaske aus dem Allzweckbeutel fummele. Mit der auf den Augen drehe mich noch einmal um und ich schwebe in einen ganz wohlig warmen Halbschlaf davon.

Das Bett in meinem Zimmer im Inneren der Riesenscheune „La Grande Ferme“ ist warm und weich, es fällt mir nicht leicht mich von ihm zu trennen, als um kurz nach sieben der Wecker summt. Trotzdem schaffe ich es, um kurz nach 8 die Koffer zum Motorrad zu tragen und mich dann ins Restaurant im Keller zu begeben, wo Nicolette schon arbeitet.

„Bin ich der einzige Gast heute morgen?“, frage ich auf deutsch. „Derr einzige, der SO frü´ essen möschte“, sagt sie gespielt tadelnd und mit runtergezogenen Mundwinkeln. Ich muss grinsen. Es gibt getoastetes Graubrot und selbstgemachte Konfiture. Dann packe ich meine Sachen und staune noch einmal, wie groß diese Scheune ist. Es gibt auf den einzelnen Wohnungen, die wie Starenkästen an der Innenwand hängen, sogar sowas wie kleine Veranden.

Eine Viertelstunde später stehe ich in der Morgenluft vor La Grande Ferme. Es ist noch ein wenig frisch, aber nicht kalt. Die Sonne strahlt durch die Bäume und der Kies knirscht unter meinen Stiefeln, als ich die Koffer zum Motorrad trage.

Chaia, der Hofhund, läuft die Straße vor der Scheune herunter und niest mehrfach herzhaft. „A votre Santé“ rufe ich ihr hinterher, während ich die Rokk Straps um das Topcase festziehe. Eine neue Vorsichtsmaßnahme, ich vermute auf dieser Fahrt extrem schlechte Straßen und fahre einfach beruhigter, wenn ich weiß, dass die Kiste am Heck mit Spanngurten gesichert ist und keinen Abgang machen kann.

Dann rollt die Barocca den Berg hinab. Ich checke im Cockpit schnell Reifendruck….

… dann konzentriere ich mich ganz auf die Straße. Das tut auch Not, denn vor mir eiert ein Radrennfahrer herum. Zu schnell, als das ich ihn bequem überholen könnte, aber zu langsam, als das ich ihn aus den Augen lassen wollte. Als ich ihn endlich gefahrlos überholen kann, bin ich entspannter und kann die Aussicht genießen. Zarte Morgenwölkchen hängen an den Spitzen der Berge, die die weiten Täler säumen.

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Notiz an mich selbst: Spülmittel gehört nicht in die Mikrowelle

Wenn ich länger als ein paar Tage unterwegs bin, mache ich meist die Heizung in der Wohnung aus. Anfang November war es nun sehr kalt, und als ich wieder kam, musste ich erstaunt feststellen, dass das Spülmittel in der Küche nicht mehr transparent und flüssig war, sondern trüb und dickflüssig und irgendwie plockig, wie wir Norddeutschen sagen. Es war durch die Kälte auskristallisiert!

Sowas! Ich wusste gar nicht dass das geht! Wieder was gelernt.

Finde ich erstaunlich. Zumal das ja bedeutet, dass Spüli Energie speichert, die es nun verloren hatte. Aber wenn dem so ist, dann müsste doch durch Zuführung von Energie der Kristallisationseffekt rückgängig zu machen sein, oder?

Gesagt, tun getan. Also Flasche mit Spülmittel in lauwarmes Wasserbad gestellt und siehe da, es wurde zu einem kleinen Teil wieder dünnflüssig und transparent. Aber wirklich nur zu einem kleinen Teil, der Großteil blieb kristallin. Die Wärme reichte wohl nicht aus.

Also ab damit in die Mikrowelle. Aber nur ganz kurz, maximal 15 Sekunden.
Summm-Summ-BING, fertig. Spülmittel wieder brauchbar.

Ich sage mal so: Der zweite Lerneffekt ist, das Spülmittelflaschen nicht mikrowellengeeignet und auch 15 Sekunden schon zu lang sind. Die Flasche sah unmittelbar nach der Runde in der Mikrwowelle noch ganz normal aus, aber dann blähte sie sich auf und der Boden wurde zu einer Blase. Jetzt sieht sie ein wenig schief aus und wie geschmolzen, was ja auch stimmt. Spülmittel von Dalì, quasi.

Also: Nicht nachmachen, Spümittel gehört nicht in die Mikrowelle.

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Ruby No. 4

Ich habe es immer noch nicht geschafft den alten Röhrenfernseher mal zu entsorgen. Zum einen, weil der irre schwer ist, zum anderen, weil ich mir dann was neues ausdenken müsste wo ich die Fritzbox draufstelle. Den außer als Standmöbel für den Router wird der Uralt-TV nicht mehr genutzt.

Der Beamer dagegen wird fast täglich benutzt, zum Filme gucken genauso wie zum Spielen. Mit 1.950 Stunden Laufzeit in zwei Jahren wurde nun die Lampe langsam dunkler und wurde darum ausgetauscht. Vermutlich wären da noch ein zwei, dreihundert Stunden dringewesen, aber es muss ja nicht jeder Film wie Twilight aussehen.

Das wäre dann Lampe Nummer 4. Natürlich wieder eine Ruby, die Erstausrüsterqualität zum halben Preis des Hersteller-gebrandetetn Teils bietet und bei denen man sicher sein kann, dass sie einem nicht um die Ohren fliegt. Wie immer schnell und gut von HCinema geliefert. Deren Website sieht zwar immer noch aus wie durch ein Zeitloch aus den 90ern gefallen, aber mit Beamer kennen sie sich aus.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (2): Scheunenspuk

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute geht es weiter nach Süden, in eine interessante Scheune.

07. Juni 2019, Domaine de Fontenelay, Gezier-et-Fontenelay, Frankreich

Kein Klopapier.
Na super.

Gestern kein Wasser in der Dusche und ein zugemülltes Bad, heute kein Klopapier. Gut, dass mir das noch auffällt bevor ich es brauche. Es ist seltsam: Augenscheinlich hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, um das alte Bauernhaus an der Domaine de Fonteneley zu einem Ort zu machen, an dem sich Gäste wohlfühlen können – es gibt liebevoll gearbeitete Holzschilder mit Hinweisen, Schiefertafeln mit Willlkommensgrüßen, in den Gästezimmern stehen neue Möbel und anscheinend gibt es sogar irgendwo einen Pool für Gäste. Aber dieser gastfreundliche jemand, so macht es den Eindruck, ist gerade nicht da, und die Vertretung hat erkennbar keinen Bock.

Im Untergeschoss des alten Bauernhauses fällt Sonnenschein durch die hohen Fenster. Staub tanzt durch die Luft, und noch jemand macht bei dem Tanz mit.

Eine junge Frau in einem geblümten Sommerkleid tanzt zwischen Tischen mit Bügelwäsche herum und summt dabei ein Lied mit, das aus einem alten Radio scheppert. Sie ist schlank, trägt das blonde Haar in kleinen Locken und strahlt förmlich vor guter Laune. Anmutig wie eine Ballerina dreht sie mit ausgebreiteten Arme im Morgenlicht, während sie Wäsche sortiert. Ich räuspere mich und sage „Guten Morgen“. Sie blickt auf und antwortet „Guten Morgen“ auf französisch. „Ich bin Christelle. Möchtest Du frühstücken?“

Ich nicke. „Dann hier entlang, bitte“, sagt sie, macht eine kleine Ballerina-Verbeugung und deutet mit beiden Armen in Richtung eines Frühstücksraums.

Christelle macht mir einen frischen Kaffee. Der ist verdammt gut, daran kann nicht mal die Diddltasse was ändern, in dem er gereicht wird. Es gibt frisches Brot mit selbstgemachter Quittenkonfiture. Während ich esse, beobachtet mich Christelle. „Verreist Du?“, fragt sie. „Ja“, sage ich. „Und wohin willst Du?“, fragt sie. Für einen Moment muss ich überlegen und weiß selbst im ersten Moment nicht warum. „Nach Süden“, sage ich dann, ein wenig ausweichend.

Dann verstehe ich warum ich gezögert habe. Natürlich weiß ich, wie die Route der nächsten Wochen aussehen wird. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Wissen, wo man auf einer Reise langfährt“ und „Wissen, wo man auf einer Reise hin will“. In den letzten Jahren hatte jede meiner langen Motorradtouren ein Ziel, auf das alles hinführte. Eine Idee oder ein Kern, um den dann alles andere entstand. Ein Ort oder eine Person, die ich besuchen wollte, und um die alles andere herumgebaut wurde. Das habe ich dieses Mal nicht. Zumindest nicht richtig.

Ich habe eine grobe Idee von Fleischbällchen in Tomatensauce im Hinterkopf, aber um ehrlich zu sein: Ich hatte einfach keine Zeit, um mir in diesem Jahr so eine richtig tolle oder komplizierte Motorradreise in Europa zurecht zu legen. Die große und richtig aufregende Reise steht im Herbst erst an, und die Motorradtour wird darum dieses Jahr günstiger und verlässt die Komfortzone nicht wirklich. Was den Nachteil hat, dass ich die schon so sehr gut kenn. Ich bin jetzt zwar unterwegs, aber ich habe kein Ziel, auf das alles hinausläuft. Stattdessen will ich einfach nur unterwegs sein. Einfach nur fahren. Weg von der Arbeit, weg von zuhause, und dann mal gucken was passiert.

Christelle ist offensichtlich die, die Bock auf Gäste hat. Sie hat wohl längere Zeit im Ausland, vor allem Australien, verbracht und möchte nun, dass Menschen aus aller Welt nach Geziers kommen und hier ihre Gäste sind. Ein schönes Anliegen, das aber wohl nur verfolgt wird, wenn sie selbst auch da ist – und die letzten Tage war sie unterwegs.

Nach dem Frühstück trage ich die Koffer zum Motorrad. Die Morgenluft ist kühl und frisch, und die V-Strom ist vom Morgentau bedeckt. Ein Haufen Hühner (Schwarm? Rudel? Wie nennt man die Zusammenklumpung von Hühnern?) hühnert zwischen Büschen herum.
Ein Pony steht neben einer Scheune und beäugt mich skeptisch. Die etwas korpulente Brünette, die mich gestern Abend mit Schnellfeuerfranzösisch verwirrt hat, stapft griesgrämig über den Hof und zieht ein weinendes und erstaunlich schmutziges Kind an der Hand hinter sich her. Typisches Landleben hier. Ich zucke mit den Schultern zurre das Gepäck auf der V-Strom fest.

Als ich startklar bin, blicke ich mich nochmal um. Die korpulente Frau schimpft gerade das Kind aus, während Christelle am Steinbogen zur Küche einen riesigen Hahn mit beiden Händen packt und zum Hof hinausträgt. Ich muss grinsen. Seltsames Bild, wie die fragil scheinende Frau, barfuß und im Sommerkleidchen, so hemdsärmelig mit dem riesigen Tier hantiert.

Ich starte den Motor, hebe den Seitenständer aus dem weichen Schotter und drehe dann zum Wenden eine Runde um die große Linde in der Mitte des Hofs. Die Barocca rollt an Christelle und der schimpfenden Mama vorbei zur Ausfahrt. Das schmutzige Kind vergisst beim Anblick des Motorrads zu weinen, guckt mit großen Augen und steckt sich vor lauter Faszination einen Finger in die Nase.

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Es wird kalt, die Ausrüstung zieht gen Süden

Wenn es kalt wird in Deutschland, verlässt meine Motorradausrüstung ihr heimisches Gefilde und zieht gen Süden. Kein Witz.

Ein Teil meiner Sachen stammt von Familienbetrieben aus Italien, und die kümmern sich um die Sachen, die sie verkaufen. Im vorvergangenen Jahr ist mein N104-Helm gen Süden gereist, weil ich Doof einen Teil der Elektrik beschädigt hatte. Weniger Wochen später kam er zurück – kostenlos repariert.

Oder die TechAir-Jacke. Im letzten Jahr nach Asolo in Norditalien versendet, bekam sie da die Verbesserungen der aktuellen Generation verpasst – auch kostenlos. Weil der Firmensupport halt im Winter nicht viel zu tun hat und Zeit dafür war.

In diesem Jahr macht der Nolan Helm wieder einen Ausflug. Dieses Mal, weil im Sommer Sand in die Mechanik des Sonnenvisiers gekommen ist und es nicht mehr allein zurückspringt. In dem Zug bekommt der Helm gleich ein neues Visier, das ist beim Hersteller – wen wundert´s – günstiger als im Handel.

Auch das Innenleben der Airbagjacke geht wieder auf Reisen. Nach nun fast zwei Jahren im Einsatz wird die Weste gereinigt, die Dichtigkeit des Airbags und die Argonkartuschen und die Zünder geprüft und die Software auf Stand gebracht. Das kostet zwar 99,00 Euro, dafür verlängert sich aber die Herstellergarantie um weitere zwei Jahre.

Zuletzt geht noch die Sitzbank auf Reisen. Nicht nach Italien zwar, aber immerhin zum Sattlermeister Bernhard nach Hameln. Dort wird sie etwas verschlankt und in der Form verändert, damit sie besser zur höhergelegten V-Strom passt.

Ich will mal nur hoffen, dass bis zum Frühjahr alles den Weg zurück zu mir findet.

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Reisetagebuch Motorrad 2019 (1): Schmutziger Regen

Sommerreise mit dem Motorrad, einmal quer durch Europa. So zumindest der Plan. Heute soll es losgehen, aber ich stehe mir selbst im Weg. Mal wieder.

Donnerstag, 06. Juni 2019, Mumpfelhausen bei Götham

Ich sitze in langer Unterwäsche vor dem Rechner und mümmele Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Auf dem Bildschirm ist die aktuelle Stauprognose und das Reisewetter, denn heute soll es losgehen. Sommerreise 2019. Motorrad. Yay!

Deswegen trage ich auch schon den langen Merinozweiteiler. Ich bin kurz vor dem Abflug. Noch schnell die Kombi überwerfen, dann soll es losgehen.

Über dem Dorf stehen dunkle Wolken. Seltsam, gestern waren 32 Grad und Sonnenschein, und das war doch für heute auch angesagt? Egal, los jetzt.

Zwei Stimmen streiten, ach, in meinem Kopf, während der Rechner runterfährt und ich mich abreisefertig mache. Die eine Stimme will zum hundertsten Mal die Abreise verzögern, die andere will endlich los und Asphalt unter die Räder nehmen.

„Ist auch wirklich jedes Fenster zu?“

„Ja, hast Du doch schon kontrolliert.“

„Ich muss noch mal auf´s Klo!“

„Musst Du nicht, wir waren gerade. Da kommt kein Tropfen.“

„Sollen wir nicht nochmal nachgucken, ob der Herd auch aus ist?“

„Wie soll der denn an sein? Wir haben seit Wochen nichts gekocht, und außerdem sind die Sicherungen rausgedreht! Los, jetzt mach hin!“

Hilft ja alles nichts. Hose, Stiefel, Jacke, ein Blick zurück und…
Los geht´s.

In der Garage steht die Suzuki DL 650 V-Strom, Spitzname „Barocca“, schon fertig mit zwei Givi-Koffern und einem Topcase bepackt.

Ich kontrolliere nochmal die Halterungen der Koffer, dann lege ich ganz bewusst und Stück für Stück meine Schutzausrüstung an.

Eine leichte, aber etwas zu große Leder/Textilhose von Held trage ich bereits, darunter die lange Unterwäsche aus Merinowolle. An den Füßen sitzen schwere und brandneue Daytona-Stiefel, denen ich noch nicht ganz traue. Die sind ein wenig zu groß, zumindest im Moment. Aber die in einer Nummer kleiner haben mich neulich fast umgebracht, anscheinend schwellen meine Füße bei warmem Wetter mittlerweile heftig an. Seltsam, was der Körper sich so an Marotten ausdenkt, wenn er älter wird.

Sorgfältig klette ich die Jacke zu, deren Kalibrationslampen am Ärmel zu leuchten beginnen. Dann das Halstuch. Dann Gehörschutz. Dann der Helm. Er sitzt fester als sonst, hat letzten Winter ein neues Innenfutter bekommen. Fühlt sich seltsam an, als ich die Kinnlade herunterklappe. So, noch die Handschuhe, dann schiebe ich die V-Strom auf die Straße hinaus und schließe die Garage ab.

Ich schwinge mich in den Sattel und schalte die Elektrik ein. Sofort leuchtet das Display des Navigationsgeräts auf. Wie schön, das neue Relais für dessen Stromversorgung funktioniert. Ist gestern erst gekommen, war eine knappe Sache. Hätte das nicht geklappt, hätte ich das Garmin Zumo direkt an die Batterie anklemmen müssen.

Regentropfen fallen auf den Tank der V-Strom. Aber das wird sicher nur ein kurzes misseln sein, bestimmt gleich vorbei. Ich blicke auf den linken Unterarm, wo nun ein grünes Licht leuchtet. Das Airbagsystem meiner Jacke ist eingeschaltet und bereit.

Ich schalte den Helm ein. Die Notbremsleuchte am Hinterkopf blitzt kurz auf, dann sagt eine schleppende Stimme in meinem linken Ohr „Guten Morgen“. Mit ihrer Betonung klingt sie leicht doof, etwa so, wie man sich eine begriffsstutzige Sekretärin vorstellt. „Telefon verbunden“, sagt die Sekretärin und fügt nach kurzem Zögern hinzu „Anderes Gerät… verbunden“.

Dieses „andere Gerät“ ist das Garmin Zumo 590, das sich nun ebenfalls zu Wort meldet. Vom Tonfall her selbstbewusste Businesswoman. Mit einem „Guten Morgen“ oder ähnlichem Smalltalk hält sich das nicht auf. Ich höre mehrere Statustöne, als das Garmin beginnt sich mit dem Helm, den Sensoren am Motorrad und meinem Telefon zu vernetzen. Dann zieht es Informationen zu Wetter und Verkehrsmeldungen aus dem Netz und meldet schließlich Einsatzbereitschaft.

Wir Menschen neigen ohnehin dazu, Dinge oder Geräte mit antrophomorphen Charaktereigenschaften zu belegen. Die Bereitschaft zur Vermenschlichung steigt, je komplexer diese Geräte sind. Das Garmin ist sehr komplex, und durch seine Vernetzung mit Motorrad und Internet und seine begrenzte Fähigkeit, meine Vorlieben zu lernen, neige ich dazu es, es als rudenmentäre Künstliche Intelligenz zu betrachten. Deshalb nenne ich die Stimme in meinem Ohr Anna, nach dem Namen der Garmin-Sprachdatei. Anna ist meine virtuelle Copilotin und voraussichtlich die einzige deutsche Stimme, die ich in den kommenden Wochen hören werde.

„Guten Morgen, Anna. Wo fahren wir denn heute hin?“, frage ich in den Helm.

„Folgen sie der Straße bis zum Ende, dann biegen sie links ab“, höre ich im linken Ohr.

„Gut genug für mich“, sage ich und starte den Motor.

Ich gebe Gas, rolle die Dorfstraße herunter, biege links ab und bin weg.

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