Reisetagebuch Motorradherbst (11): Unter Menschen 😬

Tagebuch einer kleinen Moppedtour im Pandemieherbst 2020. Nur an Orte, die ich schon kenne und die möglichst weit weg von Menschen sind. Klappt nur heute nicht, was genauso Schnappatmung verursacht wie ein Ausflug in einen Steinbruch. Schon wieder.

Sonntag, 04. Oktober 2020, Villa Allegria, Carpineto, Siena

Eine Nacht und einen ganzen Tag und noch eine Nacht hat es geregnet. Ich habe im Pyjama im Sessel an den bodentiefen Fenstern im Wohnzimmer gesessen und gelesen und gefaulenzt, genau wie ich es mir vorgenommen habe.

Nun hat sich das Wetter offensichtlich genügend ausgekotzt, und der Himmel über der Villa Allegria ist strahlend blau. Ich habe Lust darauf einfach ein wenig herum zu fahren, und deshalb mache ich das auch.

Schnell ist die V-Strom gesattelt und pöttert aus Carpineto heraus und hinein in die Crete Senesi, das Hügelland südlich von Siena. Ich bin schon so tiefenentspannt, dass ich den GPS-Recorder vergessen habe, stelle ich fest. Ach, egal. Dafür fahre ich jetzt nicht nochmal zurück.

Anna hat noch eine schöne Rundtour über kleine Landstraßen gespeichert, und nach 40 Minuten fährt die Barocca über eine Bergkette und kommt im Dorf Murlo an.

Murlo ist eines dieser typischen Bergdörfchen. Der Ort liegt auf einer Anhöhe, ist kreisrund und geradezu winzig, gerade mal 95 Meter im Durchmesser.

Im Kreis ducken sich die Häuschen um eine Kirche herum. Die Gassen sind geradezu malerisch, auch wenn heute morgen Radrennfahrer darin herumfahren und ich teils lange für ein Foto warten muss, damit ich keinen von den quietschbunt gekleideten Altherren mit auf dem Bild habe. Radrennfahren, gefühlt der Norditaliener liebster Freizeitsport.


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Corona-Tagebuch (27): Was die Leude woll´n


Weltweit: 115.199.608 Infektionen, 2.560.287 Todesfälle
Deutschland: 2.242.913 Infektionen, 71.289 Todesfälle

Tag 356 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Öffnungen!

Öffnungen! Yay! Gerade waren wir noch im „Lockdown“ (ohne inländische Mobilitätsbeschränkungen, Lebensmittelhandel geöffnet, etc. – also weit von einem echten Lockdown entfernt), nun gibt es Lockerungen. Schulen auf! Buchhandlungen auf! Gartencenter auf! Supi!

Problem ist nur: Dafür gibt es keinerlei wissenschaftliche Begründung. Im Gegenteil. Die ansteckenden Virusmutationen breiten sich rasant aus, Ansteckungszahlen sind erst auf hohem Niveau verharrt, jetzt steigen sie wieder.

Der angepeilte Inzidenzwert von 35, den der Bund vorgeschlagen hat, kann nicht erreicht werden, nicht mal der Wert von 50 aus dem ersten Lockdown ist in Sichtweite. Wir baumeln so um die 64, Tendenz steigend.

Aber jetzt gibt es Lockerungen. Und warum ist das so?

Was die Leude woll´n

„Das ist das, was die Leute von uns erwarten“ sagt Hamburgs Bürgermeister Tschentscher. Mit anderen Worten: Wir wissen dass das alles jetzt Mumpitz ist und viele Menschen das Leben kosten wird. Aber wir haben Druck und deshalb lockern wir jetzt.

Das ist erbärmlich. Politik soll nicht machen, was sie denkt was die Leute erwarten, sondern was die Menschen brauchen. Ich will jetzt aber nicht schon über diese Politikergeneration schimpfen, die denkt, dass ihr Job darin besteht Symbolpolitik zu machen und diese an Umfrageergebnissen auszurichten. Das haben die halt in den Merkeljahrzehnten nicht anders gelernt. Keine Visionen, keine Führungsstärke, nur Machterhalt. Nein, ich würde mir gerne mal angucken wollen woher die Zahlen kommen, nach denen Leute wie Tschentscher ihre Politik glauben ausrichten zu müssen.

Dreiviertelmehrheit

Interessant ist nämlich: Nach aktuellen Umfragen denken zwischen 71 und 79 Prozent der Befragten, die Maßnahmen seien angemessen oder noch nicht stark genug und das erst gelockert werden sollte, wenn die Fallzahlen nicht zu stark steigen.

Der Wert erodiert langsam, aber gut, wir sind alle Pandemiemüde. Aber: Lediglich 24 bis 27 Prozent gehen die Maßnahmen zu weit. Und wie verteilen sich diese Maßnahmen auf Parteipräferenzen?

Guck mal an. Die Rufe, dass jetzt unbedingt gelockert werden muss, kommen am lautesten aus der AFD und der FDP und aus der Linken. Also Rechtsextremen, die aus Prinzip gegen alles sind, Esoterikern und Vertretern der Clientelwirtschaft, die ihre Nasen tief im Hintern der Hotellobby haben. Das sind übrigens die gleichen Leute die es super finden, das aktuell der Buchhändler Thalia, Gartenmärkte und Elektrohändler gegen die Coronamaßnahmen klagen. Moment, Buchhändler? Sind das nicht die, die wieder öffnen dürfen?

Könnte es sein, dass die Ministerpräsident:innen der Länder ihre Politik nicht an der Mehrheit dessen, was „die Leude“ wollen ausrichten, sondern nur an denen, die am lautesten schreien und die dickste Lobby haben?

Es geht nicht voran

Angeblich stehen in manchen Regionen Ladungen an Impfstoff unverimpft herum, weil manche Sorten einen schlechten Ruf haben oder die Orga nicht in die Pötte kommt. In anderen Regionen stehen die Impfzentren leer, weil es keinen Impfstoff gibt. Aktuell werden angeblich die über 80jährigen außerhalb von Heimen geimpft, aber im Schneckentempo.

Während die USA zuversichtlich sind bis Ende Mai die Impfwilligen unter ihren 332 Millionen Einwohner durchgeimpft zu haben, wird es bei uns in diesem Tempo bis ins nächste Jahr rein dauern. Oder, wie jemand auf Twitter so schön schrieb: Nach den Erfolgsgeschichten von BER und Elbphilharmonie nimmt sich Deutschland jetzt mit gleicher Kompetenz dem Großprojekt Massenimpfung an.

Und während die 1918 die Spanische Grippe nur drei Wellen hatte (die dritte genau jetzt, im März/April), können wir uns auf weitere Ausschläge im Herbst freuen.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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Zeitreise im Bücherregal

Herr Silencer ekelt sich vor Büchern und taucht ab in eine Zeitreise.

Neulich stand ich so in meiner Bibliothek sinnierend vor den langen Regalen mit Büchern und dachte nur „Oh nein, nicht HIER AUCH NOCH“. Ähnlich wie in der hauseigenen Videothek konnte ich nämlich auch hier Memory spielen: „DA steht das Buch und DA NOCH EINMAL“ und in zwei besonders schweren Fällen war das Werk sogar in drei Ausgaben vorhanden.

Hattrick mit Neil Gaimans „Sternwanderer“.

Sowas nervt mich kolossal, weil diese Doppel- und Dreifachlagerhaltung nicht nur Platz verschwendet, sie bedeutet auch, das ich den Überblick verloren habe. Dazu kommt: Bücher auf Papier mag ich ohnehin nicht mehr. Ich habe seit Jahren nur noch Papierbücher gelesen, wenn ich sie geschenkt bekommen habe.

Eigentlich ist der eReader das eine Ding, was mich überall hin begleitet und auch auf meinem Nachtschrank liegt. The Book to end all books. Platzsparend, hintergrundbeleuchtet, sauber – ein krasser Gegensatz zu den schmuddeligen und speckigen Taschenbüchern, die ich während des Memory-Spiels mit spitzen Fingern aus dem Regal gezogen habe.

Das Hauptargument der Anhänger:innen von Papierbüchern ist ja immer „Aber-aber-Aber ein ECHTES BUCH auf totem Baum das duftet doch und man fühlt es an den Fingerspitzen und ach, das kann ein eReader doch gar nicht“ – ja, genau, und das WILL ich auch gar nicht. Denn: Was können billige Bücher altern!

Gerade englische oder amerikanische Taschenbücher sind oft mit säurehaltiger Tinte auf billigstem Papier gedruckt. Nach knapp 30 Jahren ist dieses Papier nikotingelb und die Tinte verlaufen und das Schriftbild unscharf und das Buch STINKT nach Staub und Verfall. E-kel-haft.

Bei aller Romantik, wenn ich heute noch mal ein altes (Taschen-)Buch lesen will, kaufe ich mir das eher für ein paar Euro nochmal auf dem eReader als das ich das wellige, gelbsüchtige Staubding aus dem Regal und in die Hand nehme. Ohne Witz. Solche Schmuddelbücher anzufassen finde ich mittlerweile richtig widerlich.

Zeit für eine Ausmistaktion und eine Inventur. Da ich bei der Bestanderfassung von Filmen und Serien schon gute Erfahrungen mit einer App gemacht hatte („my movies“) wollte ich das für die Bücher auch. Die Idee dabei: Man lädt sich die App auf´s Smartphone, scannt mit der Kamera den ISBN-Code der Bücher, die App holt sich Titel- und Autoreninfos aus dem Netz und dann hat man eine digitale Bibliothek, die man idealerweise durchsuchen und als CSV nach Excel exportieren kann.

Apps dieser Art gibt es mehrere, meine Wahl fiel auf „Bookbuddy“. Die Benutzeroberfläche der App ist übersichtlich, die Datenbank umfangreich und vor allem gibt es einen ordentlichen Export.

Damit bin ich ein Wochenende durch die Bücherregale gegangen, habe alles inventarisiert und gleichzeitig ausgemistet. Das war, zugegebenermaßen, nicht ganz einfach – an vielen Büchern hängen dann doch Erinnerungen. Durch den Bücherbestand zu gehen ist auch ein wenig eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit.

Seit 24 Jahren ungelesen liegt hier Robert Jordans „Eye of the World“ aus der Reihe „The Wheel of Time“ herum.

Werde ich vermutlich auch nicht mehr lesen, wegwerfen würde ich das trotzdem nie. Warum? Weil ich es von Katrin geschenkt bekommen habe.

Katrin war eine der schönsten Frauen, die mir je begegnet ist. Wir hatten eine kurze, leidenschaftliche Affäre, aber nun würde ich den Job wechseln und das war der Moment, da waren wir uns einig, um getrennte Wege zu gehen.

So saßen wir an Heiligabend 1997 nach dem Schlussdienst im leeren Restaurant und sahen den Kollegen bei den letzten Arbeiten und dem Schnee beim Schneien zu. Zum Abschied lächelte sie traurig und schenkte mir dieses Buch.

Eine Erziehungsmaßnahme, weil sie wusste, dass ich mit Fantasy nichts anfangen kann.

Ich habe Katrins Nachnamen vergessen, aber ich werde mich immer an ihr Lachen erinnern und an ihre traurigen Augen und ihre leuchtend roten Haare und an ihre Vorliebe für Motorräder, Lederklamotten und Fantasy.

Ebenfalls aus nostalgischen Gründen kann ich das hier nicht wegwerfen. Ein Dutzend Mal gelesen, zerfleddert, eine haptische Zumutung… und trotzdem.

Keine Ahnung warum, aber meine ganze Generation giggelt heute noch wie Schuljungen, wenn man nur „42“ sagt – auch wenn das Buch objektiv einfach nicht gut ist.

Sehr schön auch die „Artemis Fowl“-Sonderausgaben mit Hologrammcovern, die sie wie Geräte aus der Feen-Welt aussehen lassen sollen.

Die habe ich Anfang der 2000er Jahre zusammen mit den ersten „Harry Potter“-Bänden in der englischen Fassung aus London rübergeschleppt. Ich hatte damals eine ganze Reisetasche voll Bücher in einer Buchhandlung am Marble Arch gekauft, so schwer, dass die Rollen abbrachen.

„Aber warum??“, wurde ich neulich gefragt, „Auch damals gab es schon englische Bücher in Deutschland zu kaufen!“. Das ist richtig. Aber zum einen konnte man nicht alle englischen Bücher bestellen, sondern nur, worauf der Importeur Lust hatte es anzubieten. Zum anderen musste man nach einer Bestellung im Besten Fall nur einige Wochen warten, um dann solche Preise hier zu bezahlen:

Drei-und-Fünfzig-D-Mark! Das sind inflationsbereinigt über 40 Euro! Für ein Buch, dass in England keine 10 Pfund gekostet hat, was damals etwa 20 Mark waren.

Als dann endlich Amazon kam und dieser Wegelagerei den Gar aus machte, begann ich mit dem Sammeln von Graphic Novels. In meiner Bibliothek finden sich die umfangreichsten Sammlungen von Göttingen an Neil Gaimans „Sandman“-Bänden und Mike Careys „Fables“-Geschichten.

„Sandman“ habe ich 2006 entdeckt und dann binnen zwei Wochen alle Bände gekauft und die 2.000 Seiten-Geschichte verschlungen. Seitdem jage ich die seltenen Spin-Offs der Hauptreihe, von denen ich auch die seltensten fast vollständig besitze.

Sehr schön auch die kiloschweren Bildbände. Highlights meiner Sammlung sind großformatige Bücher aus dem „Taschen“-Verlag, wie der wunderschöne National Geographics „Infographics“-Band oder Helmut Newtons „Sumo“, der selbst im Nachdruck so groß ist, dass das Buch ein eigenes Begleitbuch und einen Ständer mitbringt. Der originale „Sumo“ hat mich über Jahre fasziniert, kostet aber in einer limitierten Originalversion zwischen 2.500 Euro für eine zerfledderte Ausgabe bis 10.000 für gut erhaltene Stücke. Als 2009 der unlimitierte Nachdruck für nur einen dreistelligen Betrag erschien, musste ich den haben – und er bereitet mir bis heute Freude.

Genau wie die backsteinschweren Schuber mit Sammelbänden von „Alita Battle Angel“ und „Calvin & Hobbes“. Das ist Grafikkunst, sowas kann man nicht auf eReader übertragen. Solche Bücher, Bildbände und Grafikwerke mag ich noch auf Papier.

Nur wegen der Optik dürfen noch die gebundenen und englischen Ausgaben von Pratchett bleiben.

Selbiges gilt auch für die „Dunkle Turm“-Reihe von Stephen King mit den metallisierten Rücken, die ich um 1998 von einer Studentin gebraucht und komplett als Regalmeter am Stück gekauft habe und dann nach Anlesen als ähnlich unfassbar langweilig eingeordnet habe wie Tolkiens „Herr der Ringe“. Seitdem stehen die hier unangetastet herum. Die werde ich lesen wenn ich in Rente bin. Oder auch nicht.

Was dagegen niemand braucht sind schlecht übersetzte Bücher. Im Zuge der Ausmistaktion flogen jetzt alle deutschen Ausgaben von Terry Pratchetts Werken weg. Die leben vom Wortwitz, und der damalige Übersetzer hatte entweder keinen Bock oder keine Zeit die zu übertragen, oder, noch schlimmer, er hat die Gags selbst nicht verstanden. Ganze Passagen der deutschen Ausgaben ergeben dadurch schlicht keinen Sinn, und ja, es macht einen Unterschied ob jemand bei einem Sexunfall mit einer „Concubine“ oder einer „Cucumber“ gestorben ist!

Allein diese Titel! Die verursachen doch körperliche Schmerzen! Geht doch gar nicht sowas! 🤢

Der schlechte Übersetzer versuchte sich auch selbst als Sci-Fi-Autor und hat Mitte der 80er ein gar nicht mal so schlechtes Kinderbuch verfasst.

Dieses seltene Exemplar ist eine der Skurrilitäten, die aus irgendeinem Grund in meinem Regal stehen und von denen ich mich nicht trennen kann. Genauso wenig wie von den 1989er Bukowski-Ausgaben. Man, was bin ich mit diesen Büchern gewachsen. Mit Bukowski tat sich mir eine ganz neue Welt auf. Nicht nur literarisch, er hat tatsächlich mein Bild von Menschen beeinflusst.

Sehr schön auch ein Buch, dessen Entstehung ich mitfinanziert habe: Eine handsignierte Ausgabe des „Bestatterweblog“, aus einer Zeit, wo niemand wusste wer der Autor wirklich ist. Auch schon wieder von 2008. Meine Güte, wie die Zeit vergeht.

In den Müll wanderte auch diese Opus Magnum: „Schlösser knacken für Pinguine“.

Nein, Huhu, das werfen wir weg. Auch wenn Du damit ein großes Abenteuer verbindest (Hier und dann einige Male auf „Neuere Beiträge“ klicken).

Schwer trennen kann ich mich von Skurrilitäten wie den Wing Commander Büchern. Die gibt es nicht für eReader, und manche von denen haben wirklich, wirklich clevere Stories. Gut, andere sind strunzdumm, aber ich weiß leider nicht mehr welche welche sind.

Ebenfalls bleiben dürfen Bücher, mit denen ich lesen gelernt habe: „Reise um die halbe Welt mit A dem Affen und B dem Bären“ aus der Reihe Göttinger Schreibschriftbücher, das schön fotografierte „Mein Esel Benjamin“ oder auch das versöhnliche „Neues aus dem Spielzeugland“. Das sind immer noch sehr gute Bücher.

Lediglich „Pasteten im Schnee“ vermisse ich, das ist wohl mit dem Elternhaus untergegangen.

So, und das war es dann. Eine Zeitreise durch das eigene Leben mittels eines Bücherregals. Jetzt verstehe ich auch, wie die Idee zu „Interstellar“ entstanden ist, wo ja am Ende der Zeit auch der Typ hinter einem Bücherregal hockt und Klopfzeichen gibt.

Naja, Wurscht. Am Ende sind rund drei Regalmeter aussortiert worden. Das entspricht drei Umzugskisten oder einem Kofferraum voll mit Altpapier. Mangels Zeit und Lust und weil man ja sowieso nichts mehr für bekommt, wandern die einfach in den Container.

Gefühlt ist es in den Bücherregalen nicht viel weniger geworden, auch wenn die App sagt, dass ich jetzt nur noch 450 Bücher besitze von ursprünglich sicher mal 1.500 Anfang der 2000er. Aber wie gesagt, die Zeit des gedruckten Papierbuchs ist für mich echt vorüber.

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Momentaufnahme: Februar 2021

Herr Silencer im Februar 2021

Der erste ernsthafte Winter seit 10 Jahren!

Wetter: Anfang des Monats Temperaturen von -20 Grad und ein halber Meter Schnee, ab der dritten Woche frühlingshafte +20 Grad. Krasse Steigerung.


Lesen:


Terry Pratchett: Night Watch
Commander Vimes verfolgt einen Mörder durch die Straßen Ankh-Morporks, als ein Unfall passiert und beide 30 Jahre in die Vergangenheit transportiert. Hier steht die Stadt kurz vor einer Revolution, die die Geschichte verändern wird. Vimes muss sich nun überlegen, ob er die Rolle spielen will, die ihm die Geschichtsbücher vorschreiben – oder ob er alles verändert und damit die Zukunft, so wie er sie kennt, verliert.

Die meisten kennen die „Scheibenwelt“-Bücher von Terry Pratchett nur als „Per Anhalter durch die Galaxis im Fantasygenre“. Das trifft aber nur auf die ersten Bücher zu, die noch in den 80ern enstanden sind. Das hier ist der ältere, weisere Pratchett, der eigenständige Geschichten ohne Slapstick erzählt.

„Night Watch“ handelt davon, wie sich ein Mann entscheidet, der ganz auf sich zurückgeworfen ist und der weiß, wie seine Zukunft aussehen kann. Das ist nicht witzig, aber spannend, unterhaltsam und gespickt mit Erkenntnissen über menschliche Handlungsweisen. Definitiv das Beste Buch der „Stadtwachen“-Serie.


The Dreaming: Pathways and Emanations / Empty Shells / One Magical Movement
Dream of the Endless ist die Personifizierung aller Träume und Geschichten im Universum. Jetzt ist Dream verschwunden, und das hat Konsequenzen: Die Menschen werden wahnsinnig, weil sie im Schlaf nicht mehr richtig träumen, und die Märchenwesen und ihre Geschichten lösen sich auf und das Traumreich „the Dreaming“ zerfällt. Aber warum ist das so?

War mir bislang durchgerutscht, aber es gibt tatsächlich seit einigen Jahren eine Fortsetzung von Neil Gaimans „Sandman“-Epos. Die originale Reihe entstand zwischen 1988 und 1996 und erzählt auf 2.000 Grafikseiten die Geschichte von Dream und seinen Geschwistern Destiny, Death, Delirirum, Destruction, Desire und Despair. Dieses Werk ist so umfangreich und fantastisch, dass es bis zu „Mouse“ die einzige Graphic Novel war, die es je in die Beststellerlisten geschafft hat. Danach gab es einige Spin-Offs, von denen aber nur „Lucifer“ wirklich Erfolg hatte.

Zum 30jährigen Bestehen hat DC Black, der Nachfolger des geschätzten Vertigo-Labels, gleich mehrere Reihen gestartet, die die Geschichte des Sandman-Universums fortsetzen. An jeder Reihe arbeitet ein handverlesenes Team unter der Aufsicht von Neil Gaiman, und das ist zu merken. „The Dreaming“ ist vermutlich die dramatischste der neuen Reihen und startet tatsächlich als Sequel zu den Ereignissen in 1996. Mit dabei sind bekannte Charaktere wie Rose Walker, Lucien, Kürbis Merv und Raben Matthew, aber auch neuen Figuren wie der geheimnisvollen Dora, die selbst nicht weiß was sie ist oder wieso sie zwischen Dimensionen springen kann.

Aus der Ausgangssituation „Traum ist verschwunden“ ergibt sich eine verwickelte und überaus intelligente Geschichte, die auch für Neueinsteiger geeignet ist und die einem bis zum Ende immer wieder den Mund offen stehen lässt. Das wird dramatisch und wirklich innovativ erzählt, und damit ist das neue „The Dreaming“ genauso gut wie die Originalreihe. Sie ist allerdings schöner gezeichnet, den unsauberen Look der 80er kann man ja heute nur noch schwer ertragen.


Hören:

Tom Petty: The Best of Everything 1976-2016

Einfach mal wieder Lust drauf gehabt. Muss man nicht viel zu sagen: Tom Petty


Sehen:

Erik Peters: Abenteuer Südostasien [BluRay]
Fantastisch fotografierter Trip. Peters verschweigt dabei nicht die Probleme mit Visum und Zoll bei der Einreise. Schön anzusehen und kurzweilig, und was mir halt an Peters gefällt: Er ist immer neugierig und akzeptiert, dass es in der Ferne anders ist als in Köln.

Erik Peters: Vamos Cuba [2017, BluRay]
Ein Motorrad auf Kuba mieten? Unmöglich. Also verschifft Peters sein Bike auf die Insel und erlebt dort drei Monate auf den Spuren Fidel Castros. Ebenfalls sehr wunderbare Momente und tolle Bilder. Leider mit nur 84 Minuten zu kurz.


Spielen:

Yakuza: Like a Dragon [2019, PS4]

Einige Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 6: Der Tojo-Clan existiert nicht mehr, die rivalisierende Omi-Allianz hat das Tokioter Vergnügungsviertel Kamurocho übernommen. Das haut Ichiban aus den Socken, als er nach 19 Jahre aus dem Gefängnis frei kommt und nun in eine Welt ohne Yakuza, aber mit Smartphones stolpert. Noch verwirrender ist, dass sein Tojo-Patriarch und Ziehvater nun bei den Omi ist und ihn bei Sichtkontakt niederschießt. Ichiban versteckt sich in Yokohama und versucht mit Hilfe eines Obdachlosen, einer Hostess und eines alten Beamten herauszufinden, was genau in den vergangenen Jahren passiert ist. Gemeinsam kommen sie einer gigantischen Verschwörung auf die Spur.

Neues Spiel, neuer Hauptcharakter und neues Spielsystem. Vorbei sind die Zeiten von Kiryu Kazuma und seinen Prügeleien. Neben Ichiban befehligt man bis zu drei andere Spielfiguren in rundenbasierten Kämpfen a la Persona. Das funktioniert erstaunlich gut mit dem Yakuza-Konzept und in der bewährten Dragon-Engine, spielt sich aber weniger crisp als „Persona 5“, das hier deutlich Vorbild war. Zusätzlich ist ein Rollenspielsystem mit Charakterklassen integriert. Das ist zwar originell, bedingt aber langen Grind. Ohne den geht es eh nicht, in der Mitte sagt das Spiel einfach mal: „Verdiene 3 Millionen Geld, dann gehts weiter“ – zu einem Zeitpunkt, an dem man froh ist 10.000 Geld zu haben. Sobald man die Kohle dann zusammen hat, macht das Spiel ein neues Areal auf und überschüttet einen mit Geld. Das ist ärgerlich, passiert aber gleich noch einmal: Das Spiel setzt einem einen Boss-Gegner vor die Nase, der übermächtig stark ist und für den man wieder das eigene Level hochgrinden muss, was zu dem Zeitpunkt nur sehr langsam möglich ist. Hat man es einmal geschafft, gibt es neue Areale und man wird mit Leveln überschüttet. Was soll sowas? Das macht keinen guten Eindruck und ist langweilig.

Letztlich reissen es Story und Charaktere wieder raus. Die Geschichte ist Yakuza-typisch episch, verworren und filmisch erzählt, braucht aber lange um in Fahrt zu kommen enthält wieder ausufernde und häufige Zwischensequenzen.

Dass das seltsame Gemisch aus Rollenspiel, Rundenkampf und Yakuza-Geschichte nicht zwischendurch absäuft ist hohe Erzählkunst und auch dem neuen Charakter geschuldet: Ichiban ist liebenswert und durchgeknallt und damit genau das Gegenteil des wortkargen Desperados Kiryu. Ein guter Neustart der Reihe, wenn das Spiel auch viel mehr Längen hat als nötig. Für Haupt- und einige Nebenquests habe ich 57 Stunden gebraucht, 40 hätten mehr als gereicht.


Machen:

Bücherregale entrümpeln.


Neues Spielzeug:
Mehr gutes Werkzeug!

Und ein Schlafsack, ein Carinthian Tropen.
Vermutlich Kompensationskauf wegen Fernwehs.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch Motorradherbst (10): Delegierte Abenteuer

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nach zwei Tagen in den Marken geht es heute wieder auf Fahrt, und natürlich lässt es sich das Wetter nicht nehmen mich zu begleiten.

Freitag, 02. Oktober 2020, La Fenice, Mondaino, Marken

Noch einmal mit Marco über Motorradreisen quatschen, noch ein Mal Grazias fantastische Kuchen genießen, dann muss ich leider das Motorrad schon wieder abreisefertig machen.

Das ist sehr schade, hätte ich gewusst wie gastfreundlich die beiden sind und wie wohl ich mich auf La Fenice fühle, wäre ich länger geblieben.

Als die Koffer schon an der V-Strom hängen und ich den Helm mit Anna drin auf dem Kopf habe, kommt Marco noch einmal vor die Tür. Der große Mann hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Schultern hochgezogen. Er hat sich von der Frühstücksbuffettbedienerei davongestohlen. Das ist nicht schlimm und noch nicht aufgefallen, weil die anderen Gäste sind noch gar nicht aufgestanden sind.

„Und, wo geht´s jetzt hin?“, fragt er. „Toskana“, sage ich. „Ach ja, auch schön, Hmhm.“

Und ehe man es sich versieht, quatschen wir schon wieder über Motorradtouren, bis irgendwann Grazie energisch ans Küchenfenster klopft und Hilfe bei der Versorgung der mittlerweile eingetrudelten Gäste fordert. Marco huscht pflichtbewusst zurück ins Haus, und ich klettere grinsend auf die V-Strom und lasse den Motor an. Was für liebe Menschen, was für ein tolles Haus. Es war hoffentlich nicht das letzte Mal, dass ich hier zu Gast sein durfte.

Ich lenke die Barocca aus dem Feldweg, an dem La Fenice liegt, auf die Dorfstraße von Mondaino, dann geht es gen Südwesten. In weiten Kurven führt die Straße durch keine und kleinste Orte. Es gibt andere Wege um schneller voran zu kommen, aber schnell vorankommen ist nicht das Ziel. Langsam herumtrödeln und Landschaft angucken, DAS ist die Tagesaufgabe. Wenn ich wollte, könnte ich in drei Stunden am Ziel sein. Will ich aber nicht.

Unter einem bedeckten Himmel geht es wieder ins Landesinnere, auf den Apennin zu. Auf dem Weg dahin ist außer kleinen Örtchen nicht viel, aber die Landschaft hat es in sich. Guckt man sich diesen Teil Italiens mal auf einer topographischen Karte an, sieht man, dass das hier praktisch nur aus ausgeprägten Hügeln besteht – als hätte jemand eine Landkarte der Toskana genommen, zerknüllt und anschließen notdürftig wieder glattgestrichen, so zerknittert sieht die Landschaft hier aus.

Immer wieder sehe ich in den baumbewachsenen Berghängen Erdpyramiden und kahle Stellen, an denen der Boden einen so einen hohen Tonanteil hat, dass sich darauf keine Pflanzen halten können.

Irgendwann werden auch die Ortschaften spärlicher, und dann geht es dann so richtig in eine Bergstrecke hinein. Die Straße ist hier sehr kurvig, aber nicht schön zu fahren – der Belag ist völlig kaputt, und sie führt wirklich sehr steil aufwärts. Binnen fünf Kilometer klettert der Höhenanzeiger im Cockpit von 500 auf 1.000 Meter, dann geht es auf eine Passhöhe und wieder hinab in ein Tal.

Zwischen den Wäldern sehe ich vereinzelt Felder, aber selbst alleinstehende Gehöfte scheint es hier kaum zu geben. Andere Fahrzeuge sind auch nicht unterwegs. Keine Menschen, nirgends, nur das Motorrad und die Straße und ich und der Wind. Es stürmt nämlich mittlerweile ganz veritabel. Am Himmel, der ohnehin schon grau und bedeckt war, quirlen jetzt dunkle Regenwolken durcheinander, und ab und an fallen Tropfen.

Noch einmal geht es über einen Pass, dieses Mal den Pasa Viamaggio, und dann sehe ich unter mir schon die Toskana ausgebreitet. Direkt am Fuß der Berge lieg der Lago di Montedoglio, ein künstlicher See. Die Form mit seinen „Ärmchen“ ist so markant, dass ich den sogar schon einmal aus dem Flugzeug erkannt habe. Von oben sieht er aus wie ein Ampelmännchen aus der DDR.

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Wie ich Reisen plane (2): En Detail

Im ersten Teil habe ich beschrieben, woher die Idee zu einer Reise kommt und wie daraus im besten Fall von ganz allein eine (Motorrad-)Tour wird. Am Ende dieser ersten Phase steht dann die ungefähre Strecke und die Ziele, die ich besuchen möchte. Jetzt beginnt die eigentliche Planungsarbeit.

Eines vorab: Vermutlich wir es den einen oder die andere beim Lesen gleich gruseln. Ich lege meine Fahrten im Vorfeld nämlich sehr genau fest. Wenn das Motorrad aus der Garage rollt, die Bahn anfährt oder der Flieger abhebt, dann weiß ich schon ganz genau, wann ich wo an jedem Tag in den nächsten Wochen sein werde. Unterkünfte suche ich mir nicht unterwegs, die buche ich vorher, genauso wie Fahrkarten für Fähren oder Tickets für spezielle Orte.

Wer jetzt denkt „ABeR dAS geHT docH nIChT! WaS iSt mIt FREiheIT???„, dem sei gesagt: Die Vorplanung nimmt mir keine Freiheit. Ganz im Gegenteil, sie gibt mir Sicherheit und hilft mir dadurch erst so richtig, die Fahrt auch zu genießen. Ich habe immer ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann – auch wenn die Fahrt den ganzen Tag über vielleicht nicht so toll ist, sie ist leichter zu ertragen wenn ich weiß: Am Abend wartet ein schönes Zimmer, eine heiße Dusche und ein gutes Essen auf mich. Wenn ich nicht weiß wo ich am Abend übernachten kann, werde ich irgendwann nervös und DAS nimmt mir dann den Spaß.

Dazu kommt der Zeitfaktor. Ich habe Urlaub, da will ich nicht den halben Tag mit so etwas Unnötigem wie der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten oder Parkplätzen verbringen. Ich reise, um möglichst viel zu sehen und zu lernen. Darum laufe ich auch gerne in Museen oder klettere auf Dinge oder in Höhlen herum. Sowas buche ich auch gerne vorher. Ich habe schon halbe Tage in Warteschlangen gespart, weil ich Dank Vorbuchung und „Skip the Line“ einfach sofort Zugang bekommen habe, und manche Orte – wie die Totenstadt unter dem Vatikan – sind ohne Voranmeldung gar nicht zugänglich.

Wer jetzt denkt: „aBEr dIE gANze aRBeiT!!“, dem sei versichert: Reiseplanung ist für mich keine Arbeit. Ich kann so logistische und organisatorische Sachen praktisch aus dem Ärmel schütteln und habe sogar noch Spaß dabei. Die Planung einer Tour IST schon ein Teil des Urlaubs.

Ganz wichtig: Das Ganze funktioniert natürlich nur in organisierten Regionen der Welt. Würde ich mit dem Mopped durch Südostasien oder Afrika fahren, würde ich da GANZ anders rangehen. Was ich hier beschreibe ist mein typischer Jahresurlaub in Europa, und der ist halt sehr begrenzt und ich versuche das Maximum rauszuholen – durch gute Vorbereitung, und letztlich auch durch die Nachbereitung im Reisetagebuch. Ich mache eine Reise also drei mal, die Vorplanung ist das erste Mal.

Bei Dir ist das anders? Du willst Dich nicht festlegen? Dann ist das Okay! Wenn Du es magst, einfach los zu fahren, dich dorthin treiben zu lassen wohin die Straße oder das Wetter dich führen und Du spontan nach einer Unterkunft suchen möchtest, dann mach das so! Dann ist das genau Dein Ding und kein Stück schlechter oder besser als meine Art zu verreisen.

Was ich hier beschreibe ist ja lediglich das, womit ich mich wohl fühle. Die relativ feste Vorplanung nimmt mir weder Freiheit noch Flexibilität und schränkt mich auch nicht ein.

Etappenplanung

Nach der Zen-Phase steht die ungefähre Gesamtstrecke fest, und die muss nun in einzelnen Etappen aufgeteilt werden. Dazu sitze ich am Desktop-PC. Auf einem Bildschirm habe ich Google Maps offen, auf dem anderen eine Exceltabelle.

Was ich nun mache ist folgendes: Ich kenne meinen Startort und ich weiß, was für Ziele ich am Wegesrand sehen möchte. Ich überlege mir nun, wie lange ich an einer Sehenswürdigkeit verbringen möchte, rechne zusätzlich eine Stunde für Tank- und Fotostopps und gucke dann auf Google Maps, wie weit ich an dem Tag wohl auf der vorab grob ausgeguckten Route komme. Meist plane ich so, dass ich zwischen 16 und 18 Uhr aus dem Sattel steigen kann.

Also als Beispiel: Ich starte morgens um 08:00 Uhr in Sölden, plane 1 Stunde für den Besuch des Gipfelmuseums am Timmelsjoch, 1 Stunde für Tanken und Fotos, dann bleiben noch 6 bis 8 Stunden Fahrtzeit übrig. Damit komme ich bis in die apuanischen Alpen, wenn ich Mautstraßen vermeide, oder bis in die Toskana, wenn ich die mautpflichtige Autobahn nehme.

Dann gucke ich mir auf Google Maps eine möglichst schöne Strecke aus. Dafür lasse ich erstmal Google einen Vorschlag machen, dann gucke ich selbst, ob es parallel dazu eine interessantere Straße gibt. Das mache ich tatsächlich per Hand, diese optimierten Algorithmen a la Calimoto & Co sorgen doch nur dafür, dass alle immer auf den gleichen Routen rumeiern. Mit manuellen links und rechts Zerren der Route in Google Maps findet sich meist was kleineres, kurvigeres. Noch mal schnell mit Streetview nachgucken ob es kein Feldweg ist (was schon mal schief geht), dann trage ich die Werte in die Exceltabelle ein.

Die Tabelle ist ein zentrales Planungstool und enthält pro Reisetag eine Zeile, die aufgeteilt ist in die Spalten

  • Laufende Nummer (1 bis irgendwas)
  • Arbeitstag (1/0, Montag bis Freitag sind eine 1, Wochenende und Feiertage eine 0, daraus addiert sich wieviele Urlaubstage ich nehmen muss)
  • Wochentag (Montag bis Sonntag)
  • Datum
  • Startort (von wo starte ich morgens)
  • Zielort (Wo komme ich abends an)
  • Via (was will ich mir unterwegs ansehen? Sehenswürdigkeiten, etc)
  • Kilometer Ohne Maut (Schnellste Route ohne Mautstraßen, auch mal ohne Autobahnen)
  • Zeit ohne Maut
  • Kilometer mit Maut (Schnellste Route mit Mautstraßen)
  • Zeit mit Maut
  • Unterbringung (Name und Anschrift der Unterbringung)
  • Preis (Was kostet die Unterbringung)
  • bezahlt („Ja“ falls vorab bezahlt, „Karte“ wenn normale Bezahlung vor Ort, „Nur Bar“ wenn schon klar ist, dass das mit Karte nichts wird)
  • Storno (gibt es eine Stornofrist bei der Unterbringung und falls ja bis wann)
  • Frühstück (Im Preis enthalten oder nicht)
  • Anreise (bis wann muss ich an der Unterkunft sein)

Die Tabelle taugt auch für Bahnreisen, gemacht ist sie aber für Individualmobilität. Dafür macht so ein paar Sachen automatisch und rechnet in bunten Kästchen die Anzahl der Reisetage, der zu nehmenden Urlaubstage, die Gesamtzahl an Kilometern und vermutlichen Spritkosten sowie Gesamtkosten für Unterbringungen aus.

Da lässt sich dann schön sehen wie teuer Individualreisen als Single sind. Rechnet man zu den Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Benzin noch die Wartungskosten für das Motorrad hinzu, kostet so ein dreiwöchiger Moppedurlaub plötzlich dreitausend Euro. Aber das leiste ich mir halt, dafür gehe ich im normalen Leben selten Essen und fahre ein zwanzig Jahre altes Auto.

 

Unterkünfte buchen

Wenn grob feststeht in welcher Gegend ich am Ende des Tages rauskomme, schaue ich nach Unterkünften. Was ich dafür NIE nutze ist AirBNB. Das finde ich verachtenswert, weil es gerade an beliebten Reisezielen den Wohnungsmarkt zerstört. In Venedig, bspw. hat AirBNB dafür gesorgt, dass in der Altstadt kaum noch jemand fest wohnt. Sowas unterstütze ich nicht.

Was ich gerne verwende sind Spezialsuchmaschinen, die es in manchen Ländern gibt. In Frankreich  zum Beispiel Verzeichnisse von Bauernhöfen mit Übernachtungsmöglichkeiten, in Deutschland findet man günstige Unterkünfte über Suchmaschinen für Monteurszimmer und in Italien gibt es sowas wie BB30.it, wo Bed&Breakfasts z.B. auf Bauernhöfen für unter 30 Euro/Nacht angeboten werden.

Hauptsächlich benutze ich aber booking.com. Das ist auch ein fantastisches Tool, wenn man weiß, wie man es nutzen muss. Medienkompetenz ist hier ganz wichtig. Mann muss sich z.B. darüber im Klaren sein, dass die Bewertungsskala von Booking zwar offiziell von 1 bis 10 geht, in der Praxis aber nur von 6,7 bis 10, und alles unter 7,6 völlig inakzeptabel ist. Selbst abgeranzte Hütten in denen Kakerlaken an den Wänden krabbeln und der Regen durch das Dach auf schimmelige Bettwäsche tropft haben immer noch einen Score von sechskommairgendwas.

Außerdem muss man Rezensionen zu lesen wissen. Deutsche beschweren sich im Ausland IMMER über das Frühstück und die Sanitärinstallation und ziehen dafür mindestens zwei Punkte ab. Engländer schreiben stets vernichtende Kritiken wenn kein Wasserkocher im Zimmer ist. Chinesen sind nie mit irgendwas zufrieden und finden alles eine Unverschämtheit, für Amerikaner war immer alles „Amazing“. Solche Rezensionen kann man einfach ignorieren.

Wenn man sie zu nutzen weiß, sind die Filter bei Booking eine gute Hilfe. Jeder hat eine andere Art damit umzugehen. Modnerd z.B. mag gediegene und neue Hotels und filtert alles weg, was einen Score unter 9,5 hat.

Ich suche immer erst nach möglichst günstigem Preis und dann gezielt nach Rezensionen in der Landessprache. Wo Einheimische hinfahren und es gut finden, kann es nicht verkehrt sein. Auch Unterbringungen die viele Monteure beherbergen nehme ich gerne. Monteure fallen abends müde ins Bett und machen keine Party, also muss es still sein. Und damit Monteure es irgendwo gut finden, muss es entweder sehr günstig sein und/oder gut und reichlich zu essen geben.

So schaue ich nach einem günstigen Preis, einen Score nicht unter 8 und nach guten Rezensionen in Landessprache. Meist lande ich dann bei familiengeführten B&Bs, Pensionen, Gasthäusern oder sehr kleinen Hotels. Besonders liebe ich Gasthöfe, da gibt es immer ein gutes Essen und gute Betten für wenig Geld.

Wenn ich etwas gutes gefunden habe, gucke ich mir Lage und Gebäude auf Google Maps an, wo vorhanden auch mit Streetview. Gibt es einen ebenen Parkplatz für das Motorrad, möglichst am Gebäude? Liegt die Unterkunft ruhig? Hier fliegen etliche wieder raus, denn ich mag nicht an einer Bergstraße parken oder an einer Bahnlinie übernachten.

Außerdem gucke ich in diesem Arbeitsschritt auf Google Maps, wo GENAU eine Unterbringung liegt und kopiere ihre Koordinaten. Das ist wichtig, denn manchmal stimmen Koordinaten in Booking nicht, Adressen führen zu ganz anderen Orten usw. Bei besonders schweren Fällen gucke ich auf Streetview sogar nach Wegweisern und bei welchem Feldweg ich abbiegen muss um zum Haus zu kommen. Klingt doof, aber wer einmal in Italien in einer „Conrada“- oder „Frazione“ Adresse stand, weiß, was ich meine. Die Begriffe bezeichnen im schlimmsten Fall Quadratkilometer an Wiesen und Wäldern, und eine Adresse „Contrada 14“ bedeutet nur „irgendwo dahinten in diesem Tal“.

Wenn alles stimmt und wenn es sich um Hotels und nicht Pensionen oder sowas handelt, buche ich nun über Booking. Gerade kleine Hotels haben manchmal schon gar keinen Buchungsprozess mehr neben Booking und neigen dazu, Reservierungen über andere Medien zu verbaseln oder nicht ernst zu nehmen.

Handelt es sich aber um Gasthöfe oder B&Bs, schaue ich, ob die eine eigene Seite  zum Buchen haben – immerhin wollen die Buchungsportale ordentlich Provision haben, Booking.com dem Vernehmen nach zwischen 18 Prozent und 25 Prozent. Die gönne ich im Zweifel eher den Gastgebern, auch wenn ich das Zimmer dadurch nicht günstiger bekomme. Das spielt für mich nämlich keine Rolle, denn wie gesagt: Ich suche billige Unterkünfte, und bei einem Zimmerpreis von 25 bis 40 Euro/Nacht käme ich mir schäbig vor, da auch noch feilschen. Das kann dann nur nach hinten losgehen, schlimmstenfalls bekommt man zähneknirschend einen niedrigeren Preis, aber dafür das Zimmer, das neben der Abluftanlage der Fischküche liegt.

Bei Unterbringungen die ich schon kenne, maile ich einfach direkt.

Es gibt auch Regionen, in denen Booking kaum etwas hat, es aber dennoch viele Gastzimmer gibt. Hier hilft dann wieder das grandiose Google Maps. Oft sind darauf Gasthöfe verzeichnet, die Booking nicht kennt. Oder es gibt Streetview, und wenn das nicht all zu alt ist, dann kann man damit virtuell durch Orte fahren und aus der Egoperspektive schauen wo Unterbringungen sind.

Routen

Wenn die Tagesetappen und ihre Endziele stehen, geht es an die Einzelroutenplanung. Anna ist ja ein Garmin Zumo, aber die zugehörige Planungssoftware „Basecamp“ ist eine Unverschämtheit und kaum brauchbar.

Lange Jahre habe ich dann Tyre2Travel genutzt und hatte dafür sogar lebenslange Lizenzen, aber leider wurde Tyre eingestellt, weil ein Teil der Macher mit „MyRoute App“ die große Kohle machen wollten. MRA funktionierte auch so halbwegs. Besonders nett war, dass man sich die Unterschiede zwischen der Berechnung von TomTom, Garmin und Google anzeigen lassen konnte.

Aber mittlerweile ist die Unterstützung für Google Maps gestrichen, und damit ist das für mich witzlos. Der jetzt genutzte Open-Streetmaps-Datensatz hat leider wenig POI-Infos und eine erratische Routenberechnung, und der im Gold-Status enthaltene „HERE“-Kartensatz hat für manche Länder schlicht überhaupt keine Daten. Allen Ernstes: In Tokyo gibt es laut HERE nur drei Straßen:

Zum Glück hat der alte Entwickler von Tyre sich das MRA-Elend auch nicht mehr angucken können, trennte sich von seinem Partner und macht jetzt wieder ein neues Tyre, dieses Mal mit dem schönen Titel Tyre2Navigate.

Dort erstelle ich auf einer Google-Map meine Route, in dem ich den Startpunkt am Morgen und das Ziel am Abend fixiere und dazwischen die Points of Interest eintrage. Dann gucke ich manuell nach möglichst schönen Straßen. Was schön ist, hängt davon ab, worauf ich Lust habe. Kurvig ist natürlich gut, manchmal will ich aber auch Schotter fahren oder eine bestimmte Aussicht mitnehmen. Diese Strecken markiere ich mittels Navigationspunkten, damit Anna nicht zwischen zwei Zielen groben Unfug treibt, und speichere das als Tagesroute ab. Das ist nämlich das coole an Tyre: Es macht, dass Google Maps mit dem Navigationsgerät redet.

Wichtig: Ich speichere die Strecke nicht als Track, sondern wirklich die einzelnen Navigationspunkte. Zwischen denen kann Anna immer noch frei rechnen und so z.B. Verkehrsstörungen umfahren. Sollte ich mal spontan keine Lust auf ein Ziel haben, die Zeit knapp werden oder das Wetter nicht mitspielen, lassen sich auch einzelne Punkte überspringen.

Ich halte mich nämlich tatsächlich auch nicht sklavisch an meine Streckenplanung. Die ist ein Kann, kein Muss. Wenn ich auf etwas an einem Tag keine Lust habe, mache ich es nicht. Dann fahre ich direkt zum Tagesziel und lege mich da halt ins Bett, wenn mir danach ist.

Ebenfalls nicht ganz unwichtig: Wann immer es sich anbietet baue ich Schleifen ein, die ich im Notfall abkürzen kann. Das gilt auch für die Gesamtreise. Sollte ich wirklich mal zwei, drei Tage mit Magenverstimmung oder einer Panne irgendwo liegen bleiben, fällt im besten Fall nur eine Schleife weg, aber die verlorene Zeit lässt sich streckentechnisch aufholen und die Reise sich mit den danach geplanten Unterkünften und POIs fortsetzen.

Da ich Tyre auf dem Reise-Netbook habe und die Routen in meiner Cloud, kann das Navi sogar kaputt gehen, ich hätte ein Backup dabei.

Buchungen

Ich mag es interessante Museen, Aquarien, Orte zum Draufklettern, Dinge zum Reinklettern, Theater und Musikevents zu besuchen. Wann immer möglich buche ich die vorab, genau wie Tickets für Flugzeuge oder Fähren.

Bei besonders nachgefragten Sachen buche ich neun bis zwölf Monate im voraus. Ja, damit lege ich mich fest – aber das ist Okay, denn ich MÖCHTE ja unbedingt dieses eine Dinge besuchen oder dieses Reisegefährt nehmen. Dafür gibt es Frühbucherrabat, Skip The Line oder die besten Plätze im Haus.

Um die besten Plätze zu finden gibt es für manche Orten Spezialseiten. In London kann man z.B. über Seatplan.com jeden Sitzplan jedes Theaters aufrufen und sich anhand von Rezensionen oder Fotos, die exakt von diesem Platz aus aufgenommen wurden, ein Bild von der Sicht auf die Bühne machen.

Für Züge in Europa gibt es das auch. Unter seat61.com gibt es außerdem tonnenweise Infos zu Bahnhöfen und Bahnstrecken.

Ansonsten nutze ich grundsätzlich die eigenen Buchungsseiten der jeweiligen Reiseziele, keine Reseller oder Buchungsortale.

Eine Ausnahme war bislang die Mitwagenbuchung. Hier war „Cardelmar“ das Maß der Dinge. Die kleine, quietschbunte Seite kannte niemand, dabei war sie völlig großartig. Darüber konnte man weltweit Restkapazitäten von kleinen und großen Mietwagenanbietern zu Niedrigpreisen und inkl. Vollkasko OHNE SELBSTBETEILIGUNG für nen Appel und nen Ei anmieten. Leider hat CarDelMar im Februar 2021 dicht gemacht.

Was sich da als Nachfolger anbietet weiß ich noch nicht, aber das ist wirklich der einzige Punkt abseits von Unterbringungen, wo ich ein Portal hinzuziehe.

Tagesheft

Parallel zur Planungstabelle ist ein Textdokument entstanden. Das werde ich später ausgedruckt als DIN A5-Heftchen im Topcase oder im Rucksack haben. Da stehen für jeden Tag einzeln drauf wie lange ich insgesamt und zwischen Einzeletappen unterwegs sein werde, was ich mir ansehen will, ggf. Öffnungszeiten und wann ich am Abend wo sein muss. Damit kann ich jederzeit nachschlagen was als nächstes ansteht und habe die gerade benötigten Unterlagen griffbereit.

Außerdem klemmen in dem Heftchen alle Fahrkarten, Reservierungsbelege und Eintrittskarten, die ich vorher gebucht habe, in chronologischer Ordnung. Damit habe ich immer das zur Hand, was ich als nächstes brauche. Manchmal wird der Stapel recht dick:

Eine letzte Sache noch:

Sprache

Reservierungsbelege, auch die von Booking, habe ich immer ausgedruckt und in Landessprache dabei. Das hat schon viele Male Diskussionen abgekürzt und Unklarheiten vermieden.

Was außerdem immer einen guten Eindruck macht: Wenn man ein paar Worte in Landessprache spricht. Viel braucht man als Tourist meist gar nicht. Anrede, Begrüßung nach Tageszeit, „Ich habe eine Reservierung“, „Haben Sie WLAN“ und „Wann gibt es Frühstück“ reichen meist völlig. Natürlich sollte man die Antworten auch verstehen.

Wenn mich etwas wirklich interessiert, mache ich vorher an der Volkshochschule einen Sprachkurs mit. Bildung ist eine tolle Sache, und auch wenn man – wie ich – kein Talent für Sprachen hat, kann es sehr von Vorteil sein, neben Englisch und Französisch oder Spanisch auch ein ein paar Brocken Türkisch zu sprechen oder Griechisch lesen zu können.

Für den Fall das alle Stricke reißen, habe ich noch ein Wörterbuch ohne Worte dabei, aber das ist dann schon wieder das Kapitel „was ich auf Reisen dabei habe“. Das war es mit der Reisevorbereitung an dieser Stelle. Reicht ja auch.

Wie gesagt, dass ist nur meine Art mich vorzubereiten.

Wie macht ihr das? Ähnlich? Oder einfach losfahren und gucken was kommt?

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Corona-Tagebuch (26): IKEA vs. Resignation

Weltweit: 111.415.030 Infektionen, 2.467.200 Todesfälle
Deutschland: 2.396.050 Infektionen, ???? Todesfälle

Tag 347 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

Lage der Dinge

Einzelhandel und Gastronomie geschlossen, Schulen geschlossen, Büros und Lebensmittelhandel geöffnet. Anscheinend leiden gerade viele darunter, dass die Friseur:innen geschlossen haben. Spontaner Gedanke: Kann es sein, dass es auch deshalb so vielen Menschen in der Pandemie schlecht geht, weil sie sich über Außendarstellung definieren und ihnen die Bestätigung von anderen extrem fehlt?

Home Improvement

Sperrmüll! Überall, an jeder Straßenecke und im Wochentakt: Überall steht Sperrmüll! Anscheinend nutzen viele die Pandemie für Home Improvement und misten gnadenlos aus und stellen sich neuen Krempel in die Bude. Dazu passt, dass IKEAS angesagtes „Kallax“-Regal bundesweit ausverkauft ist. Lediglich in Leipzig und in Dortmund, sagt ein Bekannter, ist es noch zu haben, ansonsten: Die Regale mit dem zukünftigen Sperrmüll sind leergefegt.

Ich nehme mich davon nicht aus. Zwar kann ich Ikea-Gelumpe bis auf IVAR nicht leiden, aber die Woche Urlaub habe auch ich zum Entrümpeln und Verschönern genutzt. Alte Bücher weg, verranzte Möbel aufbereitet.

Resignation

Die Impfstoffe sind da, es gibt nur nicht genug. In den Meiden wird jeden Tag höchst erregt durchgekaut, wer nun wieviel von was verkehrt bestellt hat, ob der Impfstoff einer Firma besser ist als der andere und und und. Mir ist das mittlerweile alles egal, ich verfolge das gar nicht mehr. Ich sitze nur noch meine Zeit bis zur Impfung ab und versuche mich bis dahin nirgendwo anzustecken. Meine Impfung wird irgendwann im Herbst erfolgen. Dann werde ich eineinhalb Jahre zu Hause gesessen haben. Und ich werde nicht einen Moment Langeweile gehabt haben.

Die dritte Welle

1918 kam die dritte Welle der Pandemie im Ende März Anfang April, und auch bei uns läuft die sich schon warm. Die mutierten Versionen des Corona-Virus aus Sudafrika und Großbritannien sind wesentlich ansteckender als die herkömmliche Variante, d.h. bei unveränderten Lockdownmaßnahmen steigen die Fallzahlen. Trotzdem öffnen gerade wieder die Schulen. Das passt ins Bild: Die Politik reagiert zunehmend erratisch. Von Agieren wollen wir gar nicht sprechen, das hat schon im Herbst nicht geklappt.

Die zweite Welle kam mit Macht, es gab keine Pläne dagegen und bis heute sind weder ausreichend Masken noch Schnelltests vorhanden. Warum das so ist? Das erklärt Wirtschaftsminister Altmeier im Internview mit der Zeit so:

Mit anderen Worten: Wenn jemand tatsächlich mal einen Plan machen würde, könnte das Menschen beunruhigen und vielleicht findet den nicht jeder gut.

Na, dann kann man wohl nichts machen. Nicht mal als Regierung eines der reichsten Länder der Welt.
Erbärmlich.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

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Reisetagebuch Motorradherbst (9): Markig

Kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit unspektakulärem Rumgedödel durch die Marken, einem unbefriedigendem Besuch bei Ela und einem Hundertjährigen, der die Faust schüttelte und verschwand.

Donnerstag, 01. Oktober 2020, La Fenice, Marken

Das „La Fenice“, der Gasthof von Marco und Grazia, hat einen gemütlichen Frühstücksraum, in dessen einer Ecke ein kleines Buffett aufgebaut ist.

Marco Merli, der Besitzer von La Fenice, trägt bereits eine OP-Maske. „Ich muss Dich jetzt bedienen“, sagt er, und das macht er dann auch. Es ist sehr seltsam, Dinge zu sagen wie „Bring mir bitte noch ein einen Glas Wasser und ein Stück Apfelkuchen und ein Schälchen Obstsalat“ und der große, vierschrötige Mann in Jeans und Motorradjacke bringt mir dann ein Tellchern mit diesem und jenem wie ein Butler. Aber nun, Corona halt. Marco muss tatsächlich so einige Male laufen, denn die Kuchen, die Grazia gebacken hat, sind einfach irre gut, und ich muss von allen probieren.

Nach dem Frühstück steige ich auf´s Motorrad und steuere durch die Berge der Marken. Kürbisse liegen am Straßenrand aufgestapelt, und auch an den Bäumen ist zu sehen, dass es langsam Herbst wird.

Die Berge sind mit Wäldern bedeckt, das hügelige Vorland mit Feldern. Auf einer Wiese steht die Skulptur eines galoppierenden Pferds, das mit einem Kind auf dem Rücken über eine Weltkugel springt. Eine Tafel am Wegesrand gibt Auskunft darüber, dass die Skupltur den Namen „Der Gedanke ist schneller als das Handeln“ („Il pensiero è più veloce dell´azione“) trägt und von Gianni Calcagnini ist.

Langsam dödelt die Barocca durch die Marken und über schlechte Straßen bis nach Norden, bis in den Ort Gambettola.


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Wie ich Reisen plane (1): Touren-Zen

Nach dem Post zu „Wie ich auf reisen blogge“ kamen Nachfragen, wie ich denn eigentlich Touren zusammenstelle, Unterkünfte finde oder generell an die Planung ran gehe. Daher hier nun Teil 2 der „Wie ich…“-Reihe: Wie kommt es überhaupt zu einer Reise? Wie finde ich Ziele, wie entsteht eine Motorradtour? Die Kurzantwort: Gar nicht. Nicht ich finde eine Tour, die Tour findet mich.

Am Anfang: Eine plötzliche Idee

Eine Reise beginnt sehr häufig mit einem unvermittelten Gedanken oder einem Bild, das aus dem Nichts auftaucht.

Ich möchte an meinem 40. Geburtstag am Leuchtturm von Genua stehen und im Sonnenuntergang über das Meer schauen.

Eine Frau die auf den Stufen von St. Pauls Tauben füttert.

Regen auf dem Kopfsteinpflaster von Montmartre.

Ein Reisemotorrad brummt über die Tremola.

Eine andere Möglichkeit: Manchmal finde ich auf Google Maps einen Ort oder eine Straße oder einen Berg der mich interessiert. So habe ich die wie die Hochebene in den Abruzzen entdeckt und die Brücke von Millau.

Egal wo die Inspiration auch herkommt, sie findet mich und ist die Saat einer Reiseidee. Nennen wir die Idee der Einfachheit halber mal das „Kernziel“, weil es zum Kern oder zum Mittelpunkt einer Reise werden kann.

Nun fange ich an über dieses Kernziel im Netz zu lesen und es mir auf Google Maps und Streetview genauer anzusehen. Überhaupt: Google Maps. Das mächtigste Internettool, das jemals erfunden wurde. Nutze ich praktisch jeden Tag, und zur Reisevor- und Nachbereitung ist es das wichtigste Instrument. Ansonsten verwende ich in dieser Phase ganz simpel Youtube und Wikipedia und lese über den Leuchtturm in Genua oder gucke Videos über die Brücke in Frankreich.

Der Leuchtturm von Genua steht heute mitten in einem Containerterminal. Verrät einem auch niemand.

Wie und wann?

Habe ich einen Eindruck vom Kernziel bekommen, überlege ich, welche Kategorie von Reise wohl am ehesten in Frage kommt. Mit dem Motorrad hinfahren? Oder bietet sich die Bahn an, weil das Ziel in einer Stadt liegt und da das eigene Fahrzeug nur Stress bedeutet? Oder muss das Flugzeug genommen werden, weil das Ziel sonst zu weit weg oder gar nicht erreichbar ist?

Wann bietet sich ein Besuch an? Städtebesuche, gerade in touristisch überlaufenen Städten, lassen sich gut im Februar machen, weil dann wenig los ist. Touren mit dem Motorrad gerne im Sommer, aber nicht zur Hauptferienzeit im Juli und August. Und eine Herbsttour Mitte/Ende September oder Anfang Oktober ist auch was nettes, weil die Saison kurz vor dem Ende ist. Zumindest in der europäischen Region, auf der Südhalbkugel oder in Asien sieht das ggf. anders aus. Manchmal spielt auch das Klima vor Ort eine Rolle. Japan im Sommer ist unerträglich, aber im November perfekt. Norwegen im Sommer ist super, im Herbst friert man sich da schon wieder die Griffel ab.

Recherche von Region oder Land

Wenn klar ist, mit welchem Transportmittel ich zu, Kernziel kommen kann und welche Jahreszeit sich anbietet, fange ich an das Umfeld zu erkunden und zu überlegen, wie eine passende Reise aussehen kann. Ich will ja nicht direkt zum Ziel fahren, sondern unterwegs noch weitere interessante Dinge angucken. Leuchtturm in Genua ist toll, aber da will man nicht eine Woche rumhocken. Den Leuchtturmbesuch aber zum Höhepunkt einer Bahnreise durch vier italienische Städte zu machen, das ist genau mein Ding.

Das Kernziel ist also wirklich nur der Nukleus, um den herum nun eine Reise zu wachsen beginnt. Dazu begucke ich als erstes das Umfeld, also die Stadt oder die Region oder das Land oder, bei langen Touren, mehrere Länder an. Ich arbeite mich regelrecht ein, in verschiedenen Stufen und mit unterschiedlichen Quellen und Hilfsmitteln.

Erste Stufe ist, wie so oft, das Netz. Reiseblogs geben nach wie vor eine gute Übersicht, hier habe ich aber keine allgemeinen Empfehlungen. Es gibt aber für nahezu jedes Land ein Spezialblog, betrieben von Enthusiast:innen – als Beispiel sei hier Wanderweib Tessa mit ihrem fantastischen Japanblog genannt.

Diese Perlen sind nicht einfach zu finden, aber es gibt sie.

In der zweiten Stufe suche ich in analogen Medien nach Inspiration und Orten, die sich auf einer Tour besuchen lassen. Mittel der Wahl sind Reisezeitschriften und klassische Reiseführer. Merian- oder Dumont-Hefte oder Sonderausgaben von Geo bestelle ich mir gebraucht im Netz zusammen. Mit ihren großformatigen Bilderstrecken sind das gute Ideengeber für weitere Orte, die sich vielleicht besuchen lassen.

Gute Reiseführer sind teuer, aber das Schöne ist: Man muss die ja nicht neu kaufen. Die meisten Reiseführer bestehen zu einem großen Teil aus Empfehlungen für Essen und Übernachtungen und müssen deswegen alle paar Jahre in einer neuen Auflage erscheinen.

Da ich mich genau für diese beiden Dinge aber null interessiere, kaufe ich meist oder Rest- und Mängelexemplare der alten Auflagen für kleines Geld, oder greife gleich auf Gebrauchtes zurück. Die Infos zu Kunst und Kultur veralten nicht so schnell – was 2017 über eine 1.000 Jahre alte Kirche geschrieben wurde, stimmt 2021 sicher immer noch. Ausnahmen gibt es natürlich immer (ÄhemHagia SophiaÄhem).

Habe ich noch so gar keine Vorstellung von einem Land, nehme ich die „Vis-A-Vis“-Bücher aus dem Dorling-Kindersley-Verlag.

Die haben großformatige Fotos und Zeichnungen und sind perfekt zum Durchblättern, da bleibt dann das Auge an dem ein oder anderen hängen.

Die Vis-A-Vis sind die grobe Kelle der Reiseführer, genauso wie die kleinen Reiseführer von Marco Polo. Beide bedienen den Pauschaltouristengeschmack, bieten aber einen guten Einstieg.

Expertiger und damit auf Stufe drei sind dann die Reiseführer aus dem Michael-Müller-Verlag. Das sind wirklich sehr, sehr gute Bücher, zumindest so lange es um Ziele in Europa geht, und da liegt der Schwerpunkt des Verlags auf Südeuropa.

Ich habe mittlerweile einen veritablen Regalmeter von denen, so gut sind die. Es gibt große Landkarten zum Herausnehmen, für Städte findet man Straßenkarten im Inneren. In manchen Regionen gibt es für jeden kleinen Ort einen Eintrag, man kann die also mit auf Reisen nehmen und dort wo man gerade ist nachschlagen was man anschauen kann. Die Dinger sind allerdings schwer, bis zu 900 Gramm bringt ein dicker Müller auf die Waage. Immerhin, so langsam veröffentlicht der Verlag auch eReader-Ausgaben und bastelt an einer App.

Die Informationen darin sind dröge präsentiert, aber sehr exakt, detailreich, strukturiert aufgearbeitet und von Autor:innen vor Ort zusammengestellt.

Noch spezialisierter sind die „Blue Guide“-Bücher, die es nur auf Englisch gibt. Die listen alle Kulturstätten einer Region auf und haben zu jedem Wasndgemälde in einer Kirche und jedem Exponat in einem Museum etwas zu sagen, verfasst von Kunsthistorikern. Aber das ist selbst mir too much, damit beschäftige ich mich in der Rente.

Points of Interest

Anhand der Reiseführer bekomme ich eine Gefühl für ein Land und finde meist weitere Orte, die sich als Zwischenstationen für eine Fahrt eignen. Allerdings springen mir die Bücher meist nicht ausgerechnet mit genau den Sehenswürdigkeiten ins Gesicht, die mich speziell interessieren. Und manchmal verschweigen sie einem vor lauter Detailgehuddel auch DAS Must-See einer Region. Ich bin da mittlerweile gnadenlos. Wenn es irgendwo ein Ding gibt was sich ALLE angucken, mache ich das auch, wenn es nicht gänzlich uninteressant ist. Und sei es nur, dass ich bei, Schauen eines Bond-Films freudig denke „DA war ich auch schon!“

Früher habe ich es abgelehnt, mir beliebte Sehenswürdigkeiten anzusehen. Das war, mit Verlaub, ganz schön blöde von mir. Ich habe mir allen Ernstes die Weltausstellung in Hannover oder den Besuch des Eiffelturm vorenthalten, einfach weil die jeder besucht hat und ich ja nicht das machen wollte was alle tun. Boykott als Zeichen des Revoluzzertums ist aber letztlich Selbstbeschiss mit falscher Attitüde.

Um mir einen ersten Überblick über die Sehenswürdigkeiten zu verschaffen, gucke ich meist ein Mal in das wirklich schön gemachte Buch „1000 Things to see before you die“, befinde dann, dass das alles Unsinn ist und gehe auf Tripadvisor – allerdings nur mit der nötigen Distanz, der Großteil der Empfehlungen und Reviews dort bewegen sich auf dem Niveau von Amazon-Rezensionen. Aber die Medienkompetenz, die unsinnigen oder für einen selbst unwichtigen Rezensionen aus solchen Plattformen rauszufiltern, die muss man schon mitbringen.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich skurrile Reiseziele mag. Auch dafür gibt es eine Empfehlungsseite, und die ist mir sogar die wichtigste: Der Atlas Obscura listet ungewöhnliche, abseitige und manchmal sogar etwas gruselige Ziele auf. Von besonderen Höhlen über Kultstätten und Nekropolen bis hin zu Lost Places findet sich hier alles mögliche. Besonders hilfreich ist die, leider umständlich zu bedienende, Weltkarte.

Mittlerweile enthält der Atlas Obscura nicht mehr nur Lost Places und Dinge mit Knochen drin, sondern auch Perlen wie versteckte Universitätssammlungen, Ausstellungen und Streetart. Sogar für Göttingen gibt es Einträge!

Viel von dem Kram, was mir in dieser Phase beim Stöbern im Atlas Obscura auffällt, findet sich später auch hier im Reisetagebuch wieder.

Was ich übrigens nie nutze sind Sammlungen wie Wikitravel oder Portale wie Expedia, da schreiben nur Nörgelrentner und besorgte Väter, deren Auffassungen von guten oder interessanten Reisezielen und Unterbringungen nicht zu meinen passen.

Tourenplanungs-Zen

Alles was ich auf TripAdvisor, auf Google Maps, im Atlas Obscura und in den Reisebüchern entdecke, trage ich in Landkarten ein. Zum einen in eine Google Map, wo wirklich erst einmal alles reinfliegt was auch nur entfernt interessant sein kann. Das sieht dann schon mal so aus:

Oder, bei Städtetouren, so:

Bei Städtereisen ist dann die Hauptarbeit schon erledigt, meist lassen sich die Point-of-Interests in Cluster zusammenfassen und jeder Cluster wird ein Reisetag und fertig.

Bei anderen Reisen ist das schwieriger, gerade wenn die potentiellen Ziele über ein ganzes Land verteilt sind. Da muss dann eine clevere Streckenplanung her, und die Google Map enthält dann so viele Punkte, das ich gar nicht weiß, wie ich die verbinden kann. Darüber mache ich mir auch bewusst keine Gedanken, daran lasse ich mein Unterbewusstsein arbeiten, über Wochen, und das geht so:

Meine Wohnung ist ziemlich seltsam geschnitten und hat mehrere, lange Gänge. Also, nicht nur so unspektakuläre Flure, sondern wirklich lange Gänge, und die sind vollgehängt mir Landkarten. An die Stelle, wo ich am Häufigsten vorbeilaufe, hänge ich mir eine klassische Landkarte des Reiselands, der Region oder der Stadt auf, wo ich hin will. Am Besten eine physikalische Karte, auf der man auch die Berge sieht, bevorzugt in A1 und laminiert.

An den Karten laufe ich dann jeden Tag vorbei und stehe immer wieder davor, oft mit der Zahnbürste im Mund, und gucke mir an was wo liegt. Mein Geografieunterricht in der Schule beschränkte sich auf die Höhenstufen des Kilimandscharo, was mich ohne Kenntnis und Orientierung in Bezug auf die Welt im allgemeinen und die Länder Europas im Speziellen zurückgelassen hat.

Durch das dauernde Glotzen auf Landkarten bekomme ich zumindest einen groben Sinn dafür, was wo liegt. Woah, Birmingham ist aber groß! Ach gucke an, DA liegt Manchester! Ach, wer hätte gedacht, dass es in Wales Berge gibt? oder auch „SO GROß ist Kasachstan?“, „Ach DA ist das Kattegatt“ oder „Öh, Syrien ist ja gar nicht SO weit weg“.

Außerdem mag ich Landkarten und Stadtpläne. Von Reisen bringe ich oft Nachdrucke von historischen Stadtplänen oder Spezialkarten mit, die dann als Schmuck in den Kartengängen oder sonst wo in meiner Wohnung hängen, und auch die prägen sich irgendwann ein.

Wenn man mich mitten in der Nacht aufweckt und fragt wo das Bethnal Green in London oder das 7. Arondissement in Paris oder die Piazza di Popolo in Rom ist, dann kann ich das ohne nachzudenken auf dem Stadtplan zeigen. Ich kenne diese Städte auswendig, einfach weil ich da seit Jahren im Vorbeigehen draufgucke.

Selbst in der Motorradgarage hängt ein laminierter A0-Nachdruck einer Vintage-Weltkarte. Mittlerweile habe ich ein ordentliches Archiv von Karten, die man nicht einfach im Internet bestellen kann, sondern die vor Ort gekauft werden müssen Das Blogwiesel und seine Kumpelinen passen darauf auf.

Zurück zu den Karten im Kartenflur: Darauf markiere ich dann mit Klebezetteln oder non-permanent-Marker alles, von dem ich den Eindruck habe „Das MUSS Ich sehen“. Dann laufe ich noch ein paar Dutzend Mal dran vorbei, stehe noch etwas länger mit der Zahnbürste davor und habe keinen blassen Schimmer wie ich all diese Punkte unter einen Hut bekommen kann.

Bis ich dann, irgendwann, aus heiterem Himmel und meist mitten in der Nacht, plötzlich genau weiß wie die Tour verlaufen muss. Dann werde ich ganz aufgeregt, greife mir den Filzstift und male die Tour direkt in die Karte und VOILÁ, da ist die Fahrstrecke. So und nicht anders muss die aussehen.

Meistens sind nicht wirklich alle potenziellen Ziele abgedeckt, die ich im Vorfeld gefunden habe. Aber mein Unterbewusstsein hatte lange genug Zeit um sich damit zu beschäftigen und zu sortieren, was mir wichtig ist und was nicht. Das klappt hervorragend. Bewusst kann ich manchmal gar keine Präferenz treffen, aber wenn dann Ziele aus der Reiseplanung rausfliegen denke ich mir meist „meh, wollte ich sowieso nicht so gerne hin“.

Mit dieser Zen-Methode kommt also die ungefähre Reisestrecke zusammen. Bislang war alles emotionsgetriebenes Rumgewurschtel, jetzt kommt die Arbeit, jetzt geht es zurück an den Computer.

Was genau, das beschreibe ich in Teil 3 von „Wie ich…“

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Reisetagebuch Motorradherbst (8): Asche und Phönix

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit einem kauzigen Gast, unangenehmen Entdeckungen und deutlich überschrittender Geschwindigkeit.

Mittwoch, 30. September 2020, La vecchia Fontana, Roccafinadamo
Zwei kleine Hunde liegen in der Morgensonne vor der Vecchia Fontana, als ich die Koffer zum Motorrad trage. „Wo habt ihr denn Jack gelassen?“, frage ich, bekomme aber keine sinnvolle Antwort. Die beiden tanzen mir um die Beine und freuen sich so ausgelassen, wie das nur Hunde tun, die ein gutes Leben haben.

Neugierig schnüffeln sie an der Motorradkombi herum, die ich bereits trage. Das war die letzte Nacht auf „La Vecchia Fontana“, heute geht es weiter. Schade, an die Einsamkeit des Bergbauernhofs und Signora Annas Kochkünste könnte ich mich gewöhnen.

Die Koffer sind schon am Motorrad befestigt. Als ich die Gaststube betrete, sitzt an einem der Tische ein hagerer Mann und mustert mich mit großen Augen.

Mauro hatte gestern Abend erwähnt, dass sich noch spontan über Booking.com ein Gast angekündigt hat. Der muss dann aber erst sehr spät angekommen sein. Kein Wunder, der Hof hier ist schwer zu finden, erst recht im Dunkeln.

Der Mann ist vielleicht Mitte 60 und so dürr, dass sein Kopf zu groß für den Körper wirkt. Das graue Haar ist von den Seiten quer über kahlen Kopf gekämmt, wogegen es sich heftig wehrt und zerzauselt in alle Richtungen absteht. Der Mann trägt einen roten Pullunder, der seltsamerweise farblich gut zu seinem Gesicht passt und eine Nickelbrille, durch die er auf eine Art schaut, die ihn gleichzeitig erschrocken und zum Einschlafen gelangweilt wirken lassen.

„Giorno!“, ruft Signora Anna, als sie durch die Schwingtür zur Küche kracht, in einer Hand ein abgedecktes Körbchen, in der anderen eine Kaffeekanne. Sie stellt beides auf einen Tisch und verschwindet wieder.

Ich nehme Platz und untersuche den Inhalt des Körbchens. Die Inspektion fördert ein warmes Croissant zu Tage. Ich nehme meine FFP2-Maske ab und konzentriere mich darauf, einen Löffel von dem guten Honig-Apfelgelee aus dem Glas zu dem zerteilten Cornetto zu balancieren.

Das dürre Männlein starrt mich an uns sagt: „Jaa, Maske bringt nichts, muss man eh absetzen, sonst kann man nicht essen“. Meine Laune fällt schlagartig unter den Gefrierpunkt. Von fremden Leuten vor dem ersten Caffé angelabert werden ist schon schlimm genug, aber von einem Maskenverweigerer? Womit habe ich denn das verdient? Und was ist denn das überhaupt die Argumentation? „Jaja, Maske bringt nichts, weil sie den Weg zur Futterluke versperrt“, und das ist seine Entschuldigung warum er gleich überhaupt keine dabei hat, oder was?

Ich habe sowas von keinen Bock auf ein Gespräch. „Hm.“, mache ich und versuche dabei FrauZimt zu imitieren, die die Kunst beherrscht, ein simples „Hm“ in einem so herablassenden Tonfall von sich zu geben, dass es beim Gegenüber ankommt als „Alles was Du sagst ist uninteressant und irrelevant und Du hast Glück, wenn ich Dir für die Unverschämtheit mich angesprochen zu haben nicht den Kopf abreiße.“ .

„Aaah“, sagt das Männlein und glotzt mich unverfroren weiter an. „Sie verstehen mich. Mir wurde schon gesagt, dass ich heute Morgen Deutsch sprechen könnte“, sagt er so langsam, als ob er beim Sprechen gleich einschläft.

„HM.“, versuche ich es noch einmal. Aber meine Zimtpower ist nicht stark genug oder der Typ ist merkbefreit oder beides.

„Ich…“, sagt das Männlein langsam und beginnt in seiner Jackentasche zu wühlen. Als er gefunden hat was er sucht, hält er mir einen Reisepass hin. Sollen das jetzt? „…habe zu Hause ja nur Deutsch gesprochen. Aber im Kindergarten musste ich dann italienisch lernen.“ Ach Gotte, auf dem Reisepass ist ein Österreichischer Bundesadler. Aber italienisch im Kindergarten? Er kommt also gebürtig aus Südtirol.

„Zu Hause immer Deutsch, aber dann im Kindergarten…“, hebt das Männlein wieder an. „Sie kommen aus Südtirol“, kürze ich ab. „Ja genau… darauf wollte ich hinaus…“, sagt das Männlein und wirkt leicht beleidigt, als hätte ich ihm die Pointe zu einem spitzenmäßigen Witz geklaut. Ich habe heute Morgen aber echt keine Geduld für jemanden der meint, mir seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen, nur um auszudrücken, dass er Deutsch und Italienisch beherrscht.

Ich esse schweigend weiter. Anna werkelt in der Küche, im Gastraum hängt eine aggressive Stille.

Der Mann glotzt eine zeitlang Löcher in die Luft, dann legt er sich die Fingerspitzen beider Hände auf´s Gesicht und tastet darin herum. Dann schaut er herüber, um zu sehen ob ich das bemerkt habe und mich jetzt wundere, was er da macht. Ich tue ihm aber nicht den Gefallen zu fragen, also kommt er von sich aus damit raus.

„Ich war auf dem Monte Vettorio“, sagt er und macht eine Pause, als ob er jetzt Applaus erwartet oder eine Nachfrage, was das wohl ist. Oder wo der ist. Der Monte Vettorio nämlich nicht hier in der Nähe. Aber auch diesen Gefallen tue ich ihm nicht. Ich WEISS wo dieser Berg ist, und wer da hochmarschiert ist selbst schuld.

„Da lag schon Schnee. Ich bin das gar nicht gewohnt. Nie habe ich in der Höhe Probleme, aber die Sonne hat geschienen und dann der Schnee und dann hat es länger gedauert als gedacht. Der Weg ist ja ganz schön…“

„Sie sind auf einen schneebedeckten Zweieinhalbtausender gewandert und haben die Sonnencreme vergessen?“, kürze ich das Ganze ab. „Die brauche ich sonst nie“, verteidigt sich das Männlein schwach, seufzt resigniert und befühlt weiter sein sonnenverbranntes Gesicht.

„Aber das ist eh nicht mein Jahr. Ich bin ja mit dem Auto da draußen gekommen“, sagt er und deutet durchs Fenster. Draußen steht ein Fiat Doblo Maxi, ein kleiner Transporter, ähnlich einem VW Caddy.

„Da habe ich mir eine Matratze reingelegt und jetzt kann ich da auch drin schlafen wenn ich mag!“, sagt der Mann stolz. „Und ich hatte Photovoltaik auf´s Dach gemacht.“ Ich gucke nochmal raus, aber der Doblo hat keine Solarzellen auf dem Dach, nur seltsam verbogen aussehende Halterungen über der A-Säule. „Naja, jedenfalls, jetzt kann ich nicht mehr darin schlafen, weil hinten drin die ganze Photovoltaik liegt.“

Das Männlein erzählt seine Geschichten wirklich so unfassbar langsam, dass für mich ein Ratespiel daraus wird… was ist wohl passiert? Schaffe ich es zu erraten worauf er hinauswill, bevor er mit seiner Geschichte am Ende ist?

„Ist abgefallen?“, rate ich etwas vorschnell.
„Als ich auf die Autobahn gefahren bin“, sagt das Männlein fröhlich, „Da hat sich alles hochgewölbt und dann ist es weggeflogen“.
„Argh, watten schiet“, sage ich und lege die Serviette weg, „OK, muss los“.
„Wo geht´s hin?“, fragt das Männlein.
„Marken“, sage ich, „über Castelluccio“.

„Aber da komme ich ja…“, hebt der Mann an.
„…gerade her, ich weiß“, sage ich.

Der Monte Vettorio ist nämlich der Hausberg von Castelluccio, einem winzigen Bergdorf in den sibellinischen Bergen. Auf dem Weg zum Monte Vettorio liegt der „Pilatus-See“, an dem angeblich Pontius Pilatus nach seiner Flucht gestorben sein soll.

Ach, Castelluccio. Habe ich schöne Erinnerungen dran. Ich habe da oben in einem kleinen Gasthof mal drei Tage lang ein episches Wetter ausgesessen. Das war gemütlich, trotz Magenverstimmung.

Ich lege meine FFP-Maske wieder an, stehe auf und gehe Richtung Küche. Das hagere Männlein guckt mir verwundert durch seine Nickelbrille nach und sagt dann: „Aber da steht doch nun wirklich gar nichts mehr!“

Ich erstarre in der Bewegung und drehe mich wieder zu ihm um. „Was?!“

„Ja, da steht nichts mehr. Ein Haus am anderen, alles kaputt. Kannst durch die Mauern bis ins Kaschtel gucken (gemeint ist ein Schrank, Anm. S.), da ist Geschirr und alles noch drin, aber darf halt keiner mehr rein in das Haus und es rausholen, weil alles jederzeit einstürzen kann. Beim Erdbeben vernichtet, das auch L´Aquila zerstört hat“.

Ok, jetzt weiß ich, dass er Unfug erzählt. „Bei allem Respekt, aber L´Aquila war 2009, und ich war zuletzt 2016 in Casteluccio, da stand noch alles“, herrsche ich ihn an. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf springt eine kleine Erinnerung auf und ab und will Aufmerksamkeit, weil sie meint, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu der Story des Österreichers zu passen.

Sie hat sogar recht, sofort nachdem ich ihr Beachtung geschenkt habe, dämmert es mir – der Österreicher hat L´Aquila mit Amatrice verwechselt, und DAS Erdbeben war im Januar 2017 und hat in der Region gigantische Schäden angerichtet. Aber Castelluccio? Das liegt doch so weit oben und außerdem hätte ich das doch bestimmt mitbekommen!

„Ich muss weg“, sage ich. Der Mann tippt gerade quälend langsam „E-R-D-B-E-B-E-N L-A-Q-U-I-L-A“ in sein Smartphone ein.

Ich stecke den Kopf durch die Schwingtür zur Küche. „Signora Anna?“

Anna legt einen Lappen zur Seite und fragt „Willst Du schon los?“
„Ich muss. Ich hoffe, dass ich nicht wieder sieben Jahre brauche, um das nächste Mal hier her zu kommen. Für eine Rückkehr gibt es so viele Gründe, das Haus, das tolle Essen…“
„Und die Freunde!“, sagt Anna und strahlt, „Du hast jetzt hier Freunde! Vergiss das nicht! Das ist der beste Grund um wieder zu kommen!“
Umarmung muss ausfallen wegen Corona, also nicke ich einfach und gehe.

Im Rausgehen höre ich das Männlein rufen „Ich habe es gefunden! Es war 2017!“ Ich beschleunige meine Schritte. Jetzt habe ich es eilig. Castelluccio zerstört? Das KANN doch nicht sein.

Ich springe in den Sattel und steuere die V-Strom über den Sandweg und die kaputte Bröckelstecke den Berg hinauf. Auf der Straße gebe ihr die Sporen und heize durch die Berge Richtung Teramo. Es ist ein schöner Morgen, aber ich nehme mir nicht viel Zeit um die Schönheit der Abruzzen zu bewundern.


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Winter 2020/21

Böse Zungen behaupten: Immer wenn der Silencer Urlaub hat, schaltet das Wetter spontan auf Sintflut um. Tatsächlich bieten mir Einwohner:innen der Stadt Passau mittlerweile sogar geldwerte Leistungen an, damit ich ihre Stadt nicht mehr besuche – die können sich halt so eine Nummer wie 2013 nicht dauernd leisten.

Nun habe ich gerade eine Woche Resturlaub, und was soll ich sagen… wenn meine natürliche Fähigkeit als Urlaubsregenschamane auf arktische Kaltluft trifft, dann ergibt das:

Winter! Schnee! Kälte!

Das war in meiner Kindheit die Regel. Ich kann mich sogar dran erinnern, wie ich an meinem elften Geburtstag, der auch so Mitte Februar liegt, durch hohen Schnee vom Elternhaus auf dem Berg ins Dorf hinab stapfen musste um Filme zurück in die Videothek zu bringen und mir der Schnee bis zu den Oberschenkeln reichte.

Aber das war damalsTM, und richtig echten Winter hatten wir in unserer Region seit ziemlich genau 10 Jahren nicht mehr.

Aber jetzt ging es am Samstag, pünktlich am ersten Urlaubstag, los.

In der ersten Nacht dachte ich noch, dass das nicht liegen bleiben würde und machte einen Spaziergang durch den Schneesturm und über die umliegenden Berge.

Tatsächlich hörte es aber nicht mehr auf zu schneien. Von Samstag bis Dienstag schneite es praktisch durchgehend, und die Temperaturen fielen binnen kurzer Zeit in zweistellige Minusbereiche. Das ergibt in Kombination einen sehr feinen und leichte Pulverschnee. Im Zusammenspiel mit starkem Wind und Sturmböen, wie am Sonntag, kam es dann zu Schneeverwehungen. Das sieht nett aus, wenn man im Warmen sitzt und aus dem Fenster guckt. Auf dem Dorf haben einige Leute noch Alternativen zum Auto.

Mittlerweile sind hier durchgehend 50, stellenweise bis zu 80 cm Schnee gefallen, die Temperaturen liegen nachts bei minus 18 Grad Celsius. Immerhin ist jetzt allen wieder bewusst geworden, warum die Häuser hier in der Region klassischerweise Spitzdächer haben – auch den Zugezogenen aus der Siedlung, die ihre Ecke vom Dorf mit Designerhäusern mit fancy Flachdächern oder mediterranen Zeltdächern vollgestellt haben.

Die Schneemengen sorgen auch dafür, dass die Straßen praktisch dicht sind. Links und rechts türmen sich hohe Schneewälle, weswegen es keine Parkplätze gibt, die Fahrbahnen sind von Schnee bedeckt, der so fest ist, dass er nicht mehr geräumt werden kann, und bei so tiefen Temperaturen wirkt auch kein Streusalz mehr.

Nun hatte ich mir eh vorgenommen mich im Urlaub mehr zu bewegen, und Schneeschippen ist ein ziemlich gutes Workout. Um zumindest die Einfahrten hier am Haus frei zu bekommen, habe ich allein gestern vier Stunden Schnee geschaufelt, bis die Haufen über zwei Meter hoch waren. Hat sich gelohnt, aber meine dünnen Pandemieärmchen haben jetzt einen ordentlichen Muskelkater.

Immerhin bin ich der Held bei den Nachbarinnen, weil sie wieder an ihre Autos kommen. Und noch mehr, weil ich helfen konnte sie anzuschieben, denn unter der Schneeschicht, die alle Straßen bedeckt, ist Eis. Wenn man sowas noch nie er-fahren hat, dann drehen die Reifen schneller durch als man gucken kann.

Ich bin im Harzvorland groß geworden und kenne die ganzen Tricks um bei Schnee und Eis Berge hoch- und runter zu kommen. Ich bin auch heil froh, dass ich dem Kleinen Gelben AutoTM doch noch noch einmal die besten Winterreifen spendiert habe. Heck, ich habe sogar Schneeketten für den Wagen. Aber ich fahre jetzt einfach mal nicht. Denn was nützt es, wenn ich zwar auf Schnee und Eis fahren kann, alle anderen aber nicht? Nüscht, wie der Berliner sagt, und ein Blick in die Unfallmeldungen bestätigt das.

Noch lässt es sich vermeiden das ich raus muss, denn Coronabedingt habe ich einige Vorräte zu Hause. Die wurden mit dem Ziel angelegt, nur ungefähr alle drei bis vier Wochen ein Mal einkaufen fahren zu müssen. Doof nur, dass ausgerechnet in der vierten Woche, in der wieder mal ein Einkauf angestanden hätte, diese Schneepracht hier losgegangen ist.

Aber egal, sitze ich halt hier eingeschneit auf dem Dorf und ernähre mich von Sternchennudelsuppe und Reis und den Äpfeln, die im Keller eingelagert sind. Immerhin lässt sich schön spazieren gehen und die Galloways auf der Weide um die Ecke besuchen.

Ich habe also überhaupt keinen Grund mich zu beklagen, außer vielleicht, dass ich mir das Konzept „Urlaub zu Hause“ ungefähr so vorgestellt habe:

  • Bis in die Puppen „Yakuza 7“ oder „Cyberpunk 77“ spielen
  • Bis Mittags schlafen
  • Dann Mittagsschlaf halten
  • Den Taschen-Bildband über Hieronymus Bosch durcharbeiten
  • Reiseführer wälzen
  • Reisetagebuch weiterschreiben
  • Viel Spazieren gehen
  • Bisschen mit der Drone fliegen
  • Bücherregale entrümpeln und Garage aufräumen
  • Endlich die anderen Festplatten in den Rechner einbauen
  • Mal gucken ob sich auf dem Core2Duo Macbook Pro von 2006 wohl ein Linux anstelle von Snow Leopard installieren lässt
  • Abhängen

Tatsächlich sieht Urlaub zu Hause aber so aus:

  • 06:45 Uhr aufstehen und Schnee schippen
  • Nebenbei die festgefahrenen Autos der Nachbarn freischieben
  • Bei der verbimmelten Nachbarin, die seit Wochen nicht da ist, nachfragen ob ihre Heizung auch im Wintermodus läuft
  • Erfahren, das selbige schon seit einem Monat kaputt ist (die Heizung, nicht die verbimmelte Nachbarin)
  • Um 07:00 Uhr auf den Handwerker warten, der die Heizung bei der verbimmelten Nachbarin repariert
  • Dem Handwerker einen Föhn leihen, damit er das Türschloss seines Werkstattwagens auftauen kann
  • Schnee von den Balkonen und Schuppen schippen, bevor die zusammenbrechen
  • Die Krankenschwesterhausbewohnerin trösten, weil Schnee so furchtbar ist, dafür Käsekuchen bekommen (immerhin!)
  • Dachdecker bestellen, weil bei Wasser durch die Decke der Dachgeschosswohnung tropft (vermutlich ist Pulverschnee in den Giebel geweht und schmilzt dort lustig vor sich hin)
  • Das Kleine Gelbe AutoTM ausgraben, feststellen das das Türschloss zwar auf-, aber nicht wieder zu geht und die Tür nicht mehr einrastet. Mit Föhn vor der Tür knien und komische Blicke der Wildschweinnachbarin ernten.
  • Parkplatz der schönen Nachbarin freischaufeln, dafür Dankbarkeit ernten
  • Mich an die Worte der alten Vermieter erinnern: „Bei starkem Frost frieren schon mal die Abwasserrohre ein“ und jetzt bei jeder Badbenutzung skeptisch gucken.
  • Bettzeug ins Wohnzimmer tragen und auf der Couch übernachten, denn im Schlafzimmer kommen die Temperaturen nicht mehr über 11 Grad
  • Festgestellt, dass selbst gekochte Eier ohne Schale mit einem lauten POFF explodieren, wenn man sie länger als 30 Sekunden in die Mikrowelle legt. Der Fallout ist so kleinteilig und klebrig, dass man die Mikrowelle danach wegwerfen möchte.

Mir ist ja ohnehin nie langweilig, aber man sieht: Im Moment ganz besonders nicht. Immerhin  ist Besserung in Sicht. Der strenge Frost mit zweistelligen Minusgraden und Schneefall wird noch die ganze Woche und das Wochenende anhalten, aber ab Montag aber wird es warm und sonnig.

Also genau dann, wenn mein Urlaub vorbei ist.

Kategorien: Gnadenloses Leben, kleines gelbes Auto | 12 Kommentare

Reisetagebuch Motorradherbst (7): Echos der Vergangenheit

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nur an ablegene Orte, am Besten ohne Menschen. Heute mit einer Spurensuche in der Vergangenheit und mit Kühen. VIELEN Kühen.

Dienstag, 29. September 2020, Bauernhof La Vecchia Fontana, Roccafinadamo

Signora Anna, die Besitzerin von La Vecchia Fontana, werkelt an den Tischen im Gastraum und erzählt dabei vor sich hin. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Zum einen, weil ich ihren abruzzesischen Dialekt nicht gut verstehe, zum anderen, weil ich gerade versuche einen Löffel Apfelgelee vom Glas zu einem recht mürben Keks zu balancieren ohne dabei Schweinerei anzurichten. Das ist viel schwieriger als es sich anhört. Vor Konzentration klemmt mir die Zungenspitze im Mundwinkel.

„Hm?, mache ich, ohne die Augen von der Wabbelmasse zu lassen, als ich meinen Namen höre. Die Signora spricht mich direkt und deutlich an und deutet dabei auf ein Bild an der Wand. „Ob Du was von der Tragödie mitbekommen hast, will ich wissen“, sagt sie.

Ich werfe einen flüchtigen Blick in die angezeigte Richtung. Das Bild ist eine Collage und zeigt ein großes Gebäude. Mit Weichzeichner ist das Portrait eines Mannes in seinen 50ern darübergelegt. Er lächelt mild in die Kamera. Daneben ist ein Hund eingefügt und in einem dieser typischen 3D-Fonts aus der Word-Billigkiste steht „Robertos Traum“ darunter.

„War dass das mit dem Hotel? 2017?“, frage ich. Großartig, jetzt habe ich es geschafft mir den Apfelgelee gleichzeitig an die Finger und in den Bart zu schmieren. Muss man auch erstmal hinkriegen.

Anna nickt. „Roberto del Rosso war der Besitzer. Wir kannten ihn gut, meine Nichte hat am Empfang gearbeitet. Sie hat überlebt, aber Roberto hatte nicht so viel Glück“. Anscheinend hat sich das Unglück wie ein kollektives Trauma bei den Leuten hier eingegraben, Mauro hat es gestern auch schon erwähnt.

Draußen scheint die Sonne, und der Berghang wirkt wieder so perfekt und grün, dass ich ganz genau hinhöre, ob nicht doch irgendwo die Startmelodie von Windows XP ertönt.

Anna, die Motorrad-KI, hat ebenfalls gute Laune. „Keine Verzögerungen auf Ihrer Route“, sagt sie. „Na, das is´ ja toll“, sage ich, während ich die V-Strom für einen Tagesauflug bepacke. Die Route, das ist heute nur ein kleiner Ausflug durch die Berge, würde mich wundern wenn Anna überhaupt Infos über diese Region hat. Aber vielleicht ist ihr einfach nach reden.

„Hit the Road, Jack“, rufe ich, aber Jack interessiert das nicht wirklich.

Die Barocca pflügt durch die schlammigen Passagen des kaputten Wegs, klettert dann das steile letzte Stück bis zur Straße hinauf und steuert dann Richtung Süden.

Über die kleinen Bergstraßen zu kurven macht einen diebischen Spaß, auch wenn die hier unheimlich schlecht sind. Egal. Der Ausblick entschädigt ohnehin für alles. Meist ist der Ausblick weit, über Felder und Berge. Und da wo er nicht weit ist, blickt man auf das Massiv des Gran Sasso, das schon mit Schnee bedeckt ist.

„Warnung“, sagt Anna und schreckt mich auf. Schnell checke ich die Reifendruckanzeige. Auf dem Display leuchtet das Hinterrad der V-Strom rot. Aber nicht weil der Luftdruck nicht stimmt, sondern weil die Verbindung zum Reifendrucksensor schon wieder weg ist. Ach je, wenn es weiter nichts ist. Ich habe sogar Ersatz für den dabei, aber ob ich Lust habe den zu montieren und dann den ganzen Firlefanz mit der Kalibration zu machen, das muss ich mir noch überlegen. Derweil genieße ich weiter den Ausblick und die Straße.

Eine halbe Stunde später signalisiert Anna, dass wir an einem besonderen Ort angekommen sind. Ich halte an und bugsiere die V-Strom an der Zufahrt zu einer Weide hinter die Leitplanke, dann hänge ich den Helm an den Lenker und inspiziere eine Einfahrt, die auf der anderen Straßenseite in den Wald hinab führt.


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Momentaufnahme: Januar 2021 (2/2)

Herr Silencer im Januar 2021, Part II

Dieses Mal mit heftigem Medienkonsum, daher die monatliche Rückschau in zwei Teilen. Teil 1 war vorgestern. Kleinen Retro-Anfall gehabt:

Sehen:


Eine Frage der Ehre [1992, BluRay]
Die US-Militärbasis Guantanamo in den 90er Jahren: Ein junger Marine wird von zwei Kameraden ermordet. Anscheinend wollten sie ihm eine Lektion in Sachen Kameradschaft erteilen – oder steckt doch mehr dahinter? Demi Moore ist junge Anwältin der Navy und würde der Sache gerne nachgehen, wird aber lediglich als Assistentin dem Frischling und Hotshot-Rechtsverdreher Tom Cruise zur Seite gestellt. Der noch nie einen Gerichtssaal von Innen gesehen, und trotzdem legen sich die beiden mit Jack Nicholson, Kevin Bacon und Kiefer Sutherland an.

Gerichtsdrama mit vorhersehbarem Plot, aber sehr gut gespielt. Demi Moore und Tom Cruise geben sich hier ausnahmsweise mal richtig Mühe, kommen aber nicht an die intensive Leistung von Kiefer Sutherland und Jack Nicholson dran. Ich glaube, die spielen da auch gar nicht, die SIND so. Und das ist schon beim Ansehen beängstigend.


The Joneses [2011, Prime]
Familie Jones zieht in ein neues Haus in einer reichen, amerikanischen Kleinstadt. Während Vater Jones (David Duchovny) viel Zeit auf dem Golfplatz verbringt, lässt sich Mutter Jones (Demi Moore) in Schönheitssalons verwöhnen, Tochter Jones (Amber Heard) tauscht an der Highschool Make-Up mit Klassenkameradinnen und Sohn Jones (Irgenwer) geht skaten und hängt mit Kumpels vor Spielekonsolen. Also alles normal? Nicht ganz. Denn die Joneses sind gar keine Familie, sondern zusammengecastete Schauspieler, die als Influencer Produkte bewerben.

Ein visionärer Film: 2011 gab es noch keine Influencer, heute sind selbst Influencerfamilien dank Instagram Realität. Das gab es vor 10 Jahren noch nicht, und daher ist die Idee, den David Duchovny als Fachverkäufer für Golfschläger, schnelle Autos und Rasenmäher und die Demi Moore als MILF einzusetzen, die bei Cocktailparties Werbung für Parfum, Tiefkühlkost und Reisebüros macht, spaßig anzusehen. Außerdem ergeben sich aus der Konstellation interessante Probleme, z.B. wenn die Tochter-Darstellerin, die auf ältere Männer steht, plötzlich an ihrem „Vater“ gefallen findet und versucht den zu verführen.

Nach hinten raus kippt der Film leider ein wenig. Er weiß zwar, was er aussagen möchte – das rein konsumgestützte Fassaden schlecht sind und die Leute unglücklich machen – kommt damit aber so abrupt um die Ecke und ist so wenig überzeugend gespielt, dass es unglaubwürdig und irgendwie drangestückelt wirkt. Hier hätte mehr Charakterentwicklung Not und eine längere Laufzeit als nur 90 Minuten gut getan. So bleibt der Film trotz seiner tollen Idee nur „nett“ und kurzweilig.


Der Junge muss an die frische Luft [Netflix]
Anfang der 70er: Die Familie des jungen Hans-Peter zieht vom Land in das Haus der Großeltern in Recklinghausen. Das Zusammenleben klappt nicht immer reibungslos, ist aber geprägt von großer Herzlichkeit und Wärme. Dann verliert sich Hans-Peters Mutter in Depressionen. Für den jungen wird das zu einem traumatischen Ereignis, und fortan wird er von seinen Großeltern aufgezogen.

Der Trailer nervt wie Sau, hat aber zum Glück mit dem Film wenig zu tun:

Wer sich jetzt fragt was Hape Kerkeling heute macht: Der hat sich nach fast 30 Jahren von seinem Partner getrennt und lebt in einer neuen Beziehung in Umbrien. Seine Showkarriere hat er 2014 für beendet erklärt. Aber zum Film:

Ich gucke keine Filme mit Kindern auf dem Filmposter. Kinder nerven, immer. Also, außer hier. Julius Weckauf sieht nicht nur aus Hape Kerkeling, er spielt auch brillant ohne dabei zu nerven.

Dabei hilft natürlich die Konstruktion des Films: Hape ist zwar der zentrale Charakter, aber bei Ereignissen ist er meist nur Zuschauer und nicht der Auslösende oder Handelnde. Das macht den Film angenehm subtil und umso wirkvoller, wenn man dabei zusieht, welche große Traurigkeit ein Mensch erleiden muss, um die Fähigkeit, andere aufzuheitern, zur Kunst zu entwickeln.

Umgehauen hat mich die Ausstattung. Ich bin in den Siebzigern geboren, und bei uns auf dem Dorf sah es in vielen Details EXAKT so aus wie im Film. Der verklinkerte Kaufmannsladen. Spargel aus der Dose. Wie klein Autos waren. Wie Küchen und Möbel aussahen. Beim Anschauen konnte ich praktisch wieder fühlen, wie sich die Polyesterkleider oder Flusenpullis der Tanten und Ommas anfühlten. Ich hätte es nicht gedacht, aber der Film ist ruhig und sensibel und bringt Erinnerungen zurück – Anschauempfehlung für ältere Semester! Gibt es gerade bei Netflix, war 2018 der erfolgreichste deutsche Film.


Tödliche Weihnachten [1996 BluRay]
Geena Davis hat ihr Gedächtnis verloren, Samuel L. Jackson hilft ihr beim Suchen. Was sie finden ist nicht unbedingt sympathisch.

Der Plot ist etwas komplexer als sonst bei Actionfilmen aus den 90ern üblich: Am Ende geht es hier um einen Geheimdienst, der einen Terroranschlag plant, um ein besseres Budget zu bekommen. Das wirkt als Auflösung unfreiwillig komisch, genau wie Geena Davis krasses Overacting. Ist aber egal, alle Beteiligten haben offensichtlich großen Spaß bei der Sache, weil sie genau wissen, in was für einem Quatschfilm sie hier mitspielen. Ich meine, allein dieses Gesicht von Samuel L. Jackson wenn Geena Davis ihn davon ablenkt, dass sie ihm gleich ein Pflaster abreißen wird, ist allein den Film schon wert:

Dazu kommen noch so feine Onliner wie „Soll ich mir die Pistole in die Hose stecken und mir die Eier wegschießen?“ – „Sind sie denn Scharfschütze??“. In der Summe: Netter Spaß mit ein paar Längen. Belanglose Actionunterhaltung, die man immer wieder mal schauen kann.


Tränen der Sonne [2003, BluRay]
Bruce Willis ist ein wortkarger, ultraharter Marine, Monica Bellucci eine Ärztin im Dschungel von Nigeria. Als ein Bürgerkrieg ausbricht und Gruppen von „ethnischen Säuberern“ massenmordend durch das Land zieht, soll der Willis die Monica da rausholen. Die will aber die Patienten ihres Urwaldkrankenhauses nicht im Stich lassen, und so macht sich eine Gruppe von 40 Personen auf die Flucht ins benachbarte Kamerun.

Der Legende nach lag Bruce Willis so viel an dem Stoff, das er den Film nicht nur produzierte, sondern dem Studio auch den Namen abkaufte, der eigentlich der Untertitel für „Stirb Langsam 4“ hätte sein sollen. Dieses Engagement in allen Ehren, ein wenig mehr Augenmerk auf´s Drehbuch wäre schon nett gewesen. So mäandert der Film orientierungslos durch die Gegen und weiß nicht, was er eigentlich will. Ethische Säuberungen dokumentiert er ultrabrutal und geht damit fast in Richtung Doku, irrwitzige Ballerei, Soldatenglorifizierung und unlogische Plotdevices stammen dagegen aus dem Actionfilmbaulasten.

Immerhin sind die Rollen von Bellucci und Willis perfekt für die beiden geeignet: Sie brauchen nur ausdruckslos in die Kamera gucken, Schauspielerei wird dankenswerterweise nicht verlangt. In der Summe leider kein guter oder auch nur anschauenswerter Film.


Striptease [1996, VoD]
Robert Patrik klaut Rollstühle von kleinen Kindern um sie weiter zu verhökern. Aus Protest dagegen und wegen irgendwas mit Sorgerecht strippt seine Ex-Frau Demi Moore, aber nur zu Musik von Annie Lennox. Dabei verliebt sich Burt Reynolds in sie und reibt sich mit Vaseline ein, währen Ving Rhames Joghurt rührt und Anwälten damit droht, ihre Möbel mit einem Akkuschrauber zu verkratzen. Zwischendurch hoppelt Pandora Peaks durch die Szenarie und am Ende fällt ein Berg Zucker vom Himmel und erschlägt die Bösen. Kein Witz.

„Striptease“ ist eine ganz seltene Kategorie Film: Triple-A-Trash! Ich stelle mir die Entstehung so vor: Ein sehr pubertierender 14jähriger hat sich ein Fantasie über Demi Moore aus der Feder geschüttelt. Zufällig ist sein Papa Milliardär und kann es sich leisten, die Wichsvorlage in einen Film zu verwandeln.

„Papa, kannst du der Demi Moore vorher noch die Titten machen lassen?“ – „OK, Sohn“. „Papaaaa, kann der T-1000 den Ex-Ehemann spielen?“ „Kein Problem, mein Sohn“. „Papaaaaaa, kann die Frau mit den größten Brüsten der Welt ab und an durch den Hintergrund hoppeln?“ „Aber sicher, Sohnemann!“ „Papaaaa, ich kann Burt Reynolds nicht leiden, kann der einen irren Perversen spielen der, der… Flusen aus dem Wäschetrockner schnüffelt?“ „Na aber sicher“

Irgendwie so muss das abgelaufen sein. Da fast ALLE Stars wissen, in was für einem Müll sie hier gegen ihre astronomische Gage mitspielen, gibt sich auch keiner wirklich Mühe. Alle machen einfach irgendeinen Quatsch und grimassieren sich die Seele aus dem Leib.

Außer Demi Moore, die hat anscheinend an anderes Drehbuch bekommen und nimmt den Blödsinn wirklich ernst. Nicht nur, dass die Figur der alleinerziehenden Mutter viel zu ernst für den ganzen anderen Unfug angelegt und gespielt ist, Moore hat sich vor dem Dreh auch Brustimplantate einsetzen lassen, die danach wieder entfernt wurden, ihren Körper in perfekte Form gebracht und richtig komplizierte Stripmoves gelernt. Die führt sie aber mit so großer Verbissenheit und roboterhafter Perfektion vor, dass das NIE, aber auch nicht im ANSATZ sexy ist. Für diesen Kram hat Moore die höchste Gage bekommen, die bis dahin jemals an eine Schauspielerin gezahlt wurde, dafür hat er ihre Karriere auf Talfahrt geschickt.

Der ganze Film ist hingestümperter Schwachsinn, und trotzdem ist es lustig ihn anzugucken. Weil er so absoluter Müll ist, weil er mit Stars gespickt ist die das alles gar nicht nötig hatten und weil es so erheiternd ist sich vorzustellen, wie ein 14jähriger Milliardärssohn sich seinen Traum einer nackigen Demi Moore erfüllt hat.


Ghost – Nachricht von Sam [1990, VoD]
Patrick Swayze ist ein hackedummer Banker. Als er stirbt, ist er sogar zu doof den Weg ins Jenseits zu finden. Stattdessen spukt er lieber um seine Verlobte Demi Moore herum und geht dem Medium Whoopie Goldberg auf die Nüsse.

Ach Gott, was hat mich der Patrick Schweizer in meiner Jugend genervt. Der hat 1987 genau diesen einen Tanzfilm gemacht den alle gut fanden, und danach tapszierte (wie wir im Leinetal sagen) eine ganze Generation von Mädchen ihre Zimmer mit Bravo-Starschnitten und Poster von dem Schergen. Dummerweise waren das genau die Mädchen in meinem Alter und wir waren alle in der Pubertät, und mit einem Mal musste man sich als Junge vom Dorf mit Patrick-verflucht-Swayze vergleichen lassen. Als hätte das nicht ausgereicht, war Swayze omnipräsent. Egal ob „Fackeln im Sturm“, „Steel Dawn“, „Dirty Tiger“… Swayze spielte zwischen 1987 und 1993 in 11 Filmen mit. Ich hasste ihn.

Nun stelle ich fest: Der Mann konnte nicht mal schauspielern. Was er hier abliefert ist krass albernes Overacting. „Patrick, mach mal erschrocken“ – und Swayze reisst die Augen und macht mit dem Mund ein „O“ als sei er ein grenzdebiler Pantomime. Demi Moore hat hier auch nicht viel mehr zu tun als waidwund zu gucken, und Whoopie Goldberg ist hier einfach Whoopie Goldberg und macht, was Whoopie Goldberg immer in Filmen tut. Erstaunlich, dass die Leute für sowas damals ins Kino gegangen sind.

Noch erstaunlicher, dass „Ghost“ im kollektiven Gedächtnis als guter Film in Erinnerung geblieben ist. Ist er nicht. Er ist das perfekte Mittelmaß. Er ist ein Bisschen lustig, ein Bisschen spannend, ganz doll schmalzig und sogar ein klein wenig gruselig. Dadurch bietet er von allem ein wenig und bildet damit den kleinsten gemeinsamen Nenner des Zeitgeschmacks ab – und das ist eine große Basis. Kann man sich übrigens auch heute noch angucken, weil er so ein wilder Mischmasch ist, wirkt der Film kurzweilig.


Erik Peters: Himalaya Calling [2020, BluRay]

„Der Motorradreisende“ Erik Peters bricht von Köln auf und fährt mit dem Motorrad bis in den Himalaya. Begleitet wird er von seinem alten Kumpel Alain. Gemeinsam nehmen die beiden auf ihren Super Ténérés einige der gefährlichsten Straßen der Welt in Angriff und fahren von der Türkei über den Kaukasus bis nach Pakistan und Indien. Geplatzte Ölfilter, Schneestürme und Reifenzerfetzer inklusive.

Ich kenne schon einige Filme von Peters, der seine Hobbies Reisen und Motorradfahren zum Beruf gemacht hat und sich nun durch Filme, Bücher und Vorträge finanziert. Bislang fand ich seine Sachen gut, aber nicht überragend. Das hat sich jetzt geändert: „Himalaya Calling“ ist der Hammer. Professionell gefilmt, nie langweilig – ganz große klasse. Wunderschöne Bilder, die einem hautnahe Eindrücke von den Wundern und Entbehrungen einer solchen Reise bieten. Nur die kölsche Rumflucherei von Reisekumpel Alain und die immer gleichen Szenen, in denen die beiden sich Abklatschen oder in die Ferne deutend am Wegesrand stehen, hätte es nicht gebraucht – das ist gestellt und sieht auch so aus.

Besonders schön finde ich, das Peters mit einer raubatzigen Neugier und immer offen für neue Eindrücke an alles herangeht. Dabei ist drängt er sich als Person aber nie in den Vordergrund. Er ist ein Beobachter und lässt uns daran teilhaben, wie er Wunder erlebt. Das ist durch und durch positiv und ganz anders als bspw. die Reisebücher der „Kradvagabunden“, deren permanente Klagen über alles und jeden ich mittlerweile nicht mehr ertrage.

Die Gesamtlaufzeit von „Himalaya Calling“ beträgt fast 4 Stunden, das ist viel Reisefilm für´s Geld, das hier definitiv besser aufgehoben ist als bei der Konkurrenz. Egal ob das wehleidige und auf Kommerz getrimmte „Egal was kommt“ oder das fremdschämige „Über Grenzen“, die können alle Peters Art des Reiseberichts nicht im Ansatz das Wasser reichen.


Yakuza 6: The Song of Life [PS4]
Vier Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 5: Haruka, Ziehtochter von Ex-Yakuza Kazuma Kiryu, wird in Tokio Opfer eines Attentats. Dabei stellt sich raus: Sie hatte einen kleinen Sohn. Kiryu, frisch aus dem Gefängnis entlassen, kümmert sich um das Baby und versucht die Hintergründe des Attenats herauszufinden. Dabei stolpert er vom Nachtleben Tokios in die Kleinstadt Onomichi. Diese Stadt birgt ein Geheimnis, das so groß ist, dass Mitglieder der japanischen Regierung dafür töten, um es zu bewahren.

Wow. Das Spiel startet mit einem Schocker und fährt dann eine Story auf, die selbst für die verwickelten Geschichten der Yakuza-Reihe komplex ist – und irrsinnig gut! Exzellent geschrieben, tolle Charaktere – hier passt alles zusammen und es bleibt spannend bis zum Ende. Das ganze ist hervorragend in Szene gesetzt – der Fischerort mit seinen winkenden Austernverkäufern und den etwas abgeranzten Lädchen ist so detailliert gestaltet, dass man die Seeluft zu riechen glaubt.

Die Dragon-Engine zaubert Charaktere auf den Bildschirm, bei denen man jede Pore und Barstoppel sieht, und das bei praktisch keinen Ladezeiten. Das Gameplay wurde entschlackt, statt der fünf Protagonisten, wie im Vorgänger, gibt es wieder nur einen spielbaren Charakter, und die meisten Minispielchen und Nebentätigkeiten sind weggefallen. Yakuza 6 will, dass man sich auf seine Hauptgeschichte konzentriert, und das ist gut so.

Kleiner Wermutstropfen: Die Geschichte wird hauptsächlich in Cutscenes erzählt, und davon gibt es sehr, sehr, also wirklich SEHR viele. Teilweise schließen Cutscenes an Cutscenes an oder werden durch Cutscenes unterbrochen. Kein Witz.

Dadurch wirkt das Spiel noch mehr wie ein sehr atmosphärisch inszenierter Film, verdammt einen aber oft zum Zugucken und ist nach 20 Stunden vorbei. Die Kürze ist kein Nachteil. Yakuza 6 hat etwas zu erzählen, und das tut es konzentriert und sehr gut. Ein würdiges letztes Kapitel und das Ende der Geschichte von Kiryu, dem Drachen von Dojima, den die Yakuza-Hauptreihe jetzt in sieben Spielen begleitet hat.

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Reisetagebuch Motorradherbst (6): Ascolana Tenera

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit dicken Dingern und einem Leck in der V-Strom.

Montag, 28. September 2020, „La Vecchia Fontana“, Roccafinadamo

Die Abruzzen sind von den 20 Regionen, aus denen Italien besteht, mit Sicherheit eine der interessantesten. Sie liegt mitten in Italien, aber die Italiener:innen denken von ihr als dem Norden – dem Norden von Süditalien. Die Region erstreckt sich vom Latium, kurz hinter Rom, bis zur Adria im Osten und von den Marken im Norden bis zum Molise, was quasi niemand kennt, im Süden.

Karte: Wikimedia, CC BY SA NorNordWest

So richtig besiedelt sind die Abruzzen nur an der Küste, wo auch die Großstadt Pescara liegt. In der Mitte liegen die Berge des Apennin und der Grand Sasso, ein großes Bergmassiv. In diesen Gebirgsregionen gibt es große Gebiete, die als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, u.a. der Grand-Sasso Nationalpark, der Abruzzesische Nationalpark, der Nationalpark Majella und noch weitere Regional- und Nationnalparks. Allein die drei größten haben zusammen eine Fläche von 280.000 Hektar, was rund 400.000 Fußballfeldern entspricht, oder 1,08 Saarland (Saarländern?).

Weil es so viele Naturschutzgebiete gibt und die Gegend rau ist, ist das Innere der Abruzzen die am wenigsten besiedelte Region Europas. Nur wegen der weitgehenden Abwesenheit von Menschen gibt es hier noch rund 100 europäische Braunbären, mehre Rudel aus rund 40 Apennin-Wölfen, dazu europäische Wildkatzen, Stachelschweine, Dachse, Luchse oder Rothirsche. Wegen der Abwesenheit von Menschen bin auch ich hier, und wegen der Landschaft.

Schon kurz nach dem Aufstehen packt mich die Begeisterung, als ich auf der Terrasse des kleinen Gasthauses „La Vecchia Fontana“ stehe. Obwohl Oktober ist, ist die Landschaft hier noch satt grün, und als die Morgensonne auf die Berge fällt erwarte ich unwillkürlich den Startsound von Windows XP zu hören.

Es ist kühl, aber die Sonne scheint, und das ist viel besser als der Eisregen und das Unwetter gestern. Nach einem kleinen Frühstück sattele ich die V-Strom und lasse den Motor an. Die Maschine ist sofort da, anscheinend hat sie die Sintflut von gestern gut überstanden. Haushund Jack guckt mir gelassen bei den Startvorbereitungen zu.

Zur Hauptstraße führt ein Feldweg, der abwechselnd aus zerbröckeltem Asphalt und festgestampfter Erde besteht und der heute morgen zwar schon wieder weitgehend trocken ist, aber durch das Wetter gestern teilweise von Sand und Erde überspült ist. Ein wettergegerbter Bauer kommt mir entgegen und grüßt freundlich. Die letzten Meter des Wegs sind recht steil, aber weder der Schlamm noch die Steigung stellen für die Suzuki ein Problem dar. Das Motorrad wühlt sich den Berg hoch und biegt oben auf eine geteerte Straße ab.

Die Straßen in den Abruzzen sind scheiße, muss man einfach so sagen.

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Momentaufnahme: Januar 2021 (1/2)

Herr Silencer im Januar 2021

Diesen Monat kaum was anderes getan als zu arbeiten und danach todmüde Medien zu konsumieren – so viel, dass die monatliche Rückschau in zwei Teilen daherkommt. Dies ist Teil 1.

Wetter: Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt und vereinzelt, aber immer wieder Schneefall. Am Monatsende Sintflutregen und SChneeschmelze – gut so, die Talsperren können das brauchen.


Lesen:

Christopher Tauber (Autor) Hanna Wenzel (Illustratorin): Rocky Beach
Vor 30 Jahren hat Peter Shaw seinen Heimatort Rocky Beach verlassen und bei einer Versicherung in Boston Karriere gemacht. Um einen Versicherungsfall zu untersuchen, kehrt Shaw an den Ort zurück, an dem er mit Justus Jonas und Bob Andrews einer der drei ??? war. Dort begibt er sich auf Spurensuche.

Graphic Novel, das die „drei Detektive“ dreißig Jahre später zeigt und dabei einen Nebencharakter der Hörspiele in den Mittelpunkt rückt: Rocky Beach selbst.

Die Kleinstadt im sonnigen Kalifornien wird ganz in der Tradition des Film Noir als Ansammlung aus Bars, runtergekommenen Buchläden und korrupten Polizisten beschrieben. Dazu passt, dass die spannende Geschichte in oft düsteren Schwarz-Weiß-Panels erzählt wird.

Richtig interessant ist aber, dass das auch die drei ehemaligen Detektive ihr Päckchen zu tragen haben. Seit einem schicksalshaften Ereignis haben die drei sich nicht mehr viel zu sagen, Justus ist sogar depressiv. Das passt vielen Fanboys der Serie natürlich gar nicht, aber ich finde die Idee super und wollte bis zum Schluss wissen, was da eigentlich los war.


Hören:


Sehen:

The Hunt [2020, BluRay]
Eine Gruppe von 12 Menschen wacht auf einer Wiese auf. Offenbar sind alle entführt worden. Neben ihnen steht einer Kiste voller Waffen, kurze Zeit später eröffnet jemand das Feuer auf sie. Warum passiert das? Alle Gejagten sind typische Trump-Wähler – Erzkonservativ, verschwörungsgläubig, rassistisch – ansonsten scheinen sie keine Gemeinsamkeiten zu haben. Und wieso haben ihre Jäger seltsame Schlachtrufe wie „Klimawandel ist real, Bitch!“

„Guck den Film, da wirst Du viel Spaß damit haben“, meinte ein Freund, und er hatte recht. „The Hunt“ ist zuvorderst ein Actionfilm, der bereits in den ersten Minuten ultrabrutal daher kommt. Die Gewaltdarstellungen sind dabei aber so comichaft überzeichnet und die Situationen so absurd, das sie zum Lachen sind – dennoch ist ein gefestigter Magen von Vorteil. Dabei ist der Film kein doofer Actionklopper, sondern eine sehr geschickt verpackte Parabel mit einem cooolen Twist, die der Frage nachgeht was passiert, wenn eine Gesellschaft durch das Internet so tief gespalten wird, das beide Lager nicht mal mehr die gleiche Sprache sprechen. Da passt es, dass der Film in den USA aus den Kinos verbannt wurde.

Sehr unterhaltsam, überraschend, dazu mysteriös und actionreich und die dabei coolsten und schrägsten Hauptdarstellerinen seit gefühlt ewig – „The Hunt“ ist keine Familienunterhaltung, aber eine klare Anschauempfehlung und vielleicht jetzt schon mein Film des Jahres 2021. Zumindest der erste Streifen seit langer Zeit, den ich wirklich zwei Mal hintereinander geschaut habe, weil er so krass clever ist.


Die entfesselte Silvesternacht [1998, DVD]
Der Silvesterabend in einem Wohnblock in der Vorstadt von Rom: Monica Belucci bereitet eine Silvesterparty vor und findet dabei heraus, dass ihr Mann sie betrügt. Zwei Jugendliche kiffen und schnüffeln sich das Hirn weg und hantieren mit Dynamit. Eine alte Dame erhält unerwarteten Besuch von einem Gigolo. Ein Rechtsanwalt zieht sich Damenunterwäsche an und wird von Einbrechern überrascht. Am Ende sterben alle.

Ich verstehe ja die italienische Art Filme zu machen nicht wirklich, aber „L´Ultimo Capoanno“ will auch gar nicht verstanden werden – er ist einfach grandioser Quatsch, der einen auf die verkehrte Fährte lotst. Der Film tut so, als sei er ein typischer heile-Welt-Episodenfilm, zeigt dann aber absurde Dinge und wird auf die letzten 15 Minuten eine Mischung aus [beliebigen Tarantino-Film hier einsetzen] und „Gabelstaplerfahrer Bernd“, bei dem alle Protagonisten einen blutigen Tod sterben.


Happy Go Lucky [Prime VOD]

Poppy ist Kindergärtnerin in London und immer gut drauf.

Argh! Wieso war DAS DENN einer der erfolgreichsten Filme 2008?! „Happy Go Lucky“ ist eine unzusammenhängende Aneinanderreihung von Szenen, die die Schauspieler ganz offensichtlich irgendwie hinimprovisert haben – und das nicht besonders gut machen.

So guckt man geschlagene 120 Minuten dabei zu wie Mülltüten mit Tusche angemalt werden, Poppy Fahr- und Flamencostunden nimmt oder sich einen Wirbel ausrenkt.

Das ist genauso interessant wie es klingt, zumal alle Charaktere Abziehbilder gutgelaunter Nervtröten sind, die in jedem Frauenfilm der 90er immer um Couchtische getanzt sind. Poppys Frohnatur erschöpft sich in Dauergrinsen und nervtötend schrillem Gekichere (das in der deutschen Synchro noch einmal schlimmer ist), so dass einem die Figur schon nach zwei Sekunden auf den Sacque geht. Einzig die Figur des cholerischen und rassistischen Fahrlehrers könnte interessant sein, ist aber so überzogen nach improv-Theater, dass man nach der ersten Szene schon denkt „ach nee, lass mal“. In der Summe sind „Happy Go Lucky“ zwei Stunden verschwendete Lebenszeit, die ich nie zurückbekommen werde.


The Shape of Water [Netflix]
Baltimore, 1962: Eine stumme Putzfrau arbeitet in einem streng geheimen Forschungslabor, in das eines Tages eine seltsame Wasserkreatur gebracht wird. Die Putzfrau freundet sich mit der Kreatur an und beschließt, sie zu befreien.

Ich mag Guilliermo del Toros Bildwelten ja sehr, und „Shape of Water“ steht hier seinen früheren Werken wie „Hellboy“ oder „Pans Labyrinth“ in nichts nach. Wunderschöne Bilder, perfekt in Szene gesetzt. Großartig auch die Schauspieler: Sally Hawkins, die als „Poppy“ in „Happy Go Lucky“ einfach nur nervt, macht hier genau so einen fantastischen Job wie Doug Jones (Saru aus „Star Trek Discovery“) als Fischwesen und Michael Shannon (Zod aus „Man of Steel“) als sadistischer Sicherheitschef.


Spielen:

Yakuza 5 Remastered [PS4]

Einige Jahre nach den Ereignissen von Yakuza 4: Ex-Yakuza Kiryu Kazuma hat Okinawa verlassen und verdingt sich unter falschem Namen als Taxifahrer in Fukuoka, als seine alten Weggefährten ihn aufspüren und um Hilfe in einer Yakuza-Sache bitten.

Schnitt.

Taiga Saejima verbüsst die letzten Woche seiner Haftstrafe, als ihn ein Gefängnisaufstand zwingt auszubrechen. In Sapporo kommt er einer Intrige auf die Spur.

Schnitt.

Haruka Sawamura, die Adoptivtochter von Kiryu Kazuma, trainiert in Osaka dafür ein Idol zu werden, als ein Mord geschieht und sie sich fragen muss, ob sie ihren Traum weiter verfolgen soll.

Schnitt.

Shun Akiyama, der wohl ungewöhnlichste Pfandleiher der Welt, hält sich zur Zeit des Mords in Osaka auf und wird in die Geschehnisse hineingezogen.

Schnitt.

Und dann ist da noch Tatsuo Shinada, der früher ein großer Baseball-Star hätte werden können und der nun in der Toyota-Stadt Nagoya am Rande des Existenzminimums rumknapst.

Größer, besser, schöner: Yakuza 5 fährt gleich fünf Städte aus unterschiedlichsten Regionen Japans auf und hat fünf Protagonisten, deren Schicksale miteinander verwoben werden. Das ganze ist so umfang- und abwechslungsreich, das die Geschichte jedes einzelnen Charakters ein eigenes Spiel für sich ist. So muss man mit Kiryu Taxikunden sicher ans Ziel bringen und Autorennen fahren, mit Häftling Saejima in einem Survival-Hunting-Abschnitt in einem verschneiten Bergdorf auf Bärenjagd gehen oder Haruka mit Rythmusspielchen im Singen und Tanzen zum Idol trainieren. Vielfalt und Abwechselung sind fast erschlagend, aber immer sinnvoll herbeierzählt.

Die Yakuza-Reihe wird manchmal mit der amerikanischen Grand Theft Auto-Reihe verglichen, aber das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Yakuza brilliert nämlich da, wo GTA völlig versagt: Im Erzählen von erwachsenen Geschichten. Wo sich GTA 5 in Pipi-Kacka-Sperma-Humor und launigen Banküberfällen ergeht, verhandelt Yakuza auf erzählerischer Ebene menschliche Geschichten und schreckt dabei selbst vor Themen wie Mißbrauch oder Suizid nicht zurück.

Vordergründig wirkt Yakuza wie ein Prügelspiel, aber in Wahrheit ist es ein sehr langer, wirklich exzellent erzählter Film. Daneben stehen dann wieder völlig absurde Seitenmissionen oder Nebentätigkeiten wie das Taxifahren: Hier muss man sich – auch anders als bei GTA – an alle Verkehrsregeln halten, auf Fußgänger aufpassen und sogar den Blinker setzen, sonst gibt es Punktabzug. Dass das alles nicht auseinanderfällt, ist der große Charme.

Nach dem grottigen Yakuza 3 (das sich nur um das Hüten von nervigen Arschlochkindern drehte) und dem quälend schlechten Yakuza 4 (das eine völlig vergurkte Steuerung und viele Längen hatte) ist Yakuza 5 wieder ein echtes Highlight und genauso toll wie der überragende zweite Teil.

Technisch ist Yakuza 5, das im Original 2012 erschien, endlich auf der PS3(sic!) angekommen und verwendet eine leistungsfähigere Engine, natürlichere Darstellung der Charaktere und Motion Capturing. Die remasterte PS4-Fassung legt schönere Texturen und höhere Auflösung drauf, so dass Yakuza 5 viel besser aussieht als die anderen Teile der Yakuza Kollektion 3-5 für PS4 und XBOX One.


Machen:

Den Pilotenschein für Drohnen in den offenen Klassen A1 und A3.


Neues Spielzeug: Neues Werkzeug! Ich habe lang genug mit Werkzeug rumgefummelt, dass ich geerbt oder bei Wiglo Wunderland gekauft habe. Jetzt bin ich offenbar in einem Alter, in dem ich Freude an wertigem Werkzeug habe, und deshalb gab es in diesem Monat Zangen von Knipex und Inbusschlüssel von S&R. Stilgerecht gelagert wird der Kram jetzt in der Motorradgarage, in einem zwar billigen, aber okayen Werkstattwagen von Mesko. Ich freu mich!

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