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Momentaufnahme: Juli 2016

Herr Silencer im Juli 2016

Wetter: Warm, sonnig, trocken.

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Lesen:


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Hören:

2016-07-31 16_36_06-Starten
André Peschke, Christian Schmidt auf ein Bier – 10 Jahre klüger [Podcast]
Was für Themen haben die Gamesszene im Juli 2006 bewegt? Wie bewertet man die heute, 10 Jahre später? Gab es Trends, die erkennbar waren? Oder krasse Fehleinschätzungen? Warum war „Prey“ wichtig, wohin ist die Debatte um Spielesucht verschwunden, und: Funktionieren Episodenspiele wirklich nicht?

Branchenspezialisten André Peschke (ehemals Krawall, später Gamestar) und Christian Schmidt (früher Redakteur Gamestar, heute Analyst bei Bigpoint) unterhalten sich angenehm unaufgeregt, kenntnisreich und mit analytischer Tiefe, und auch nette Anekdoten gibt es. Peschke stellt sich dabei als idealer Partner für Schmidt heraus, der Gedanken weiterspinnt, reflektiert und eigenes hinzufügt – anders als im Schwesterpodcast „Stay Forever“, bei dem Schmidt Gunnar Lott gegenüber sitzt, der immer so wirkt, als wäre er gerade aus dem Tiefschlaf erwacht und habe nicht wirklich aufgepasst.

[Nachtrag] Tatsächlich probieren Lott und Schmidt dieses Konzept in der neuesten Folge von „Stay Forever“ gemeinsam aus. Und es funktioniert tatsächlich nicht so gut wie mit Peschke, vielleicht, weil es zu oft um Layout und andere technische Aspekte von Gamestar geht, und weniger um Spielethemen.

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Sehen:
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Stranger Things [Netflix]
Eine generische, amerikanische Kleinstadt in den 80ern. Ein 12jähriger Junge verschwindet auf dem nächtlichen Nachhauseweg. Seine Freunde machen sich auf die Suche und finden eine gleichaltrige Ausreißerin. Die spricht nicht viel und hat keinen Namen, nur eine Nummer: 11.
Elevens Auftauchen ist nur der Beginn einer Serie unheimlicher Ereignsse, in die schnell nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern verstrickt werden – allen voran Winona Ryder, die Mutter des verschwundenen Jungen. Die wagt sich sogar in die Twilight Zone.

„Wenn Winona Ryder spielt, sieht man ihre Seele auf ihrer Haut“. Das hat in den späten Neunzigern ein Kritiker gesagt, und damit hatte er völlig recht. In „Stranger Things“ sieht man von Ryders Riesentalent leider nur Restspuren. Nach ihrer fast 10jährigen Abwesenheit aus dem Filmgeschäft ist sie immer noch gut, aber leider ist ihre Rolle als Mutter am Rande des Wahnsinns so hysterisch geschrieben, dass unter der 80er-Jahre-Wischmop-Frisur die unglaubliche Begabung der Frau R. nur selten sichtbar wird.

Das ist schade, denn letztlich sind es die Schauspieler, die diese achtteilige Netflixserie, die jetzt schon das Sommerphänomen 2016 ist, tragen. Ohne die Glanzleistungen des sorgfältig zusammengestellten Casts würde die Serie nach einer halben Stunde hinten und vorne auseinanderfallen. Der Plot ist naiv und simpel, der Retrocharme trägt nur eine halbe Stunde, aber die Leistungen der Schauspieler bleiben im Gedächtnis. Insbesondere die 18jährige Natalia Dyer (die man kennen könnte, hätte man „Hannah Montana – der Film“ gesehen hätte) liefert beeindruckend ab.

„Wie ein Destillat aller Spielberg-Filme“ sei Stranger Things, liest man allerorten. Das stimmt nur soweit, als das die Optik und die Protagonisten über weite Teile an „E.T.“ erinnern. Die Ähnlichkeiten erschöpfen sich aber recht schnell, und wer sich die Mühe macht und etwas genauer hinguckt, sieht, wie hier Dutzende Popkulturelle Referenzen verschiedener Dekaden verquirlt werden, von Filmen wie „Contact“, „Poltergeist“, „Goonies“ oder „Alien“ bis hin zu Spielen wie „Silent Hill“. Ist aber letztlich alles Wurst, weil: Winona Ryder.


Star Trek Beyond
[Kino]
Der Weltraum, unendlich langweilige Weiten. James T. Kirk hat die Hälfte der 5-Jahres-Mission abgerissen und keinen Bock mehr mit der Enterprise durchs All zu segeln und seltsame Kulturen ausfindig zu machen. Zu seinem persönlichen Glück spratzt ein extrem hässlicher Außerirdischer die Enterprise kaputt und die Crew strandet auf einem hässlichen Planeten. Dort darf Kirk Moppedfahren.

Simon Pegg (Shaun of the Dead, Hot Fuzz) hat eine sehr schöne Story geschrieben, die Justin Lin (Fast & Furios) in schnellen und furiosen Bildern verfilmt hat. Die Optik ist stellenweise wirklich atemberaubend mit Bildern, die man so noch nicht gesehen hat. Manchmal wirkt alles etwas zu hektisch und verdichtet, denn zum Luftholen bleibt nie Zeit, aber das tut der Freude über einen gut unterhaltenden Film keinen Abbruch.

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Spielen:

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The Witcher 3: Blood & Wine [PS4]

Geralt von Rivia, Monsterjäger for hire, zieht einsam durch die verheerten Landstriche von Nilfgaard, als ihn ein Ruf erreicht. Die Baronessa von Toussaint benötigt seine Dienste, unverzüglich. Der Witcher zögert nicht und macht sich auf die Socken. Die Baronie ist weit von den Kriegsgebieten entfernt, die in Armut und Zerstörung liegen. Toussaint ist sonnendurchflutet und geprägt von malerischer Landschaft. Weinberge, gepflegte Ortschaften, märchenhafte Schlösser werden von edlen Ritter in strahlenden Rüstungen verteidigt. Aber unter der Oberfläche lauern alte Geschichten, die begonnen haben, ihre Klauen nach Toussaint ausstrecken. Der Witcher macht sich an die Arbeit, und stößt schnell auf mehr als nur eine Tragödie.

„Blood and Wine“ ist der Abschluss von „The Witcher 3“. Und was für einer. Der DLC bringt neue Grafiken, neue Spielmechaniken, rund 90 Nebenquests und vor allem: Eine überaus befriedigende Geschichte. Gleich zu Beginn bekommt Geralt ein Weingut übereignet, dass man zu einem echten Zuhause ausbauen kann. Am Ende der Story laufen dann alle Fäden zusammen, und als Spieler kann man mit dem immanent guten Gefühl abschließen, dass Geralt sich jetzt inmitten lauschiger Weinberge und an der Seite seiner Liebe zur Ruhe setzen kann. Kann es einen schöneren Abschluss geben? Rund 30 Stunden Spiel bekommt man für die 14,99 Euro, die man im Seasonpass bezahlt. Unbezahlbar ist das Gefühl, mit dem Blood & Wine einen in dem Moment entlässt, in dem Geralt grummelt „Wir haben uns eine Pause verdient“ und mit einem Seitenblick direkt in die Augen des Spielers die vierte Wand einreisst.

„You deserve a bit of a Rest“ – „That, we do“.

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Machen:
Das Motorrad wieder auf die Beine, äh, Räder bringen.

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Neues Spielzeug:
Ein Fivestars Träger, Angel GTs (der zweite Satz in diesem Jahr!), ein N104 mit einem B5L.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

 
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Verfasst von - 31. Juli 2016 in Momentaufnahme

 

Erste Hilfe

35 Prozent aller Unfälle passieren im Haushalt,
30 Prozent in der Freizeit,
25 Prozent bei der Arbeit und nur
10 Prozent im Straßenverkehr.

Das bedeutet: Wenn etwas passiert, dann trifft es mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit jemanden, den man kennt und der einem nahe steht. Weniger oft muss man unvermittelt jemandem helfen, den man gar nicht kennt.

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Neulich, in Venedig.
Es ist Juni und fast unerträglich heiß. Ich stehe auf einem Balkon in einem Bereich des Dogenpalastes, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Nur in Begleitung von Adriana darf man hier her.

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Außer Adriana und mir sind noch 5 weitere Personen dabei, ein ca. 50jähriger Franzose mit seinem Sohn und drei Amerikanerinnen, eine Oma samt Tochter und Enkeltochter. Letztere ist ca. 18, dünn und sehr blass um die Nase. Auf den ersten Blick dachte ich, sie täte nur demonstrativ zu Tode gelangweilt, aber nun sehe ich, dass sie mit den Augen rollt weil sie die nicht aufhalten kann.

Wir stehen in der prallen Sonne, es sind über dreißig Grad, und Adriana beeilt sich nicht gerade damit, die Geschichte der Dogen zu erzählen. Das blasse Mädchen schwankt, der Kopf ruckt zur Seite. Achje, warum das denn ausgerechnet jetzt? Ihre Mutter umfasst die schmalen Schultern und führt sie ein paar Schritte von der Gruppe weg, das knickt dem Mädchen schon ein Knie ein. Ich weiß, was als Nächstes passieren wird. Bevor es soweit ist, ziehe ich die schwere Motorradjacke aus und nehme noch einen Schluck aus der Wasserflasche. Wer weiß, wann ich das nächste Mal dazu komme. Ich blicke hinab auf den Markusplatz, wo Tausende von Menschen herumwuseln. Fremde Menschen. Schon erstaunlich, wie manchmal die Welt implodiert und sich Fremde plötzlich nahe sind. Genau das wird gleich passieren.

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Hinter mir höre ich einen lauten Hilferuf. Es ist soweit. Ich stecke die Wasserflasche weg, Adriana unterbricht ihre Erklärungen, alle Köpfe rucken herum. Das blonde Mädchen sackt in sich zusammen, ihre Mutter versucht sie aufrecht zu halten und sorgt damit zumindest für ein kontrolliertes Zusammenbrechen, bis die Tochter auf dem Boden sitzt. Der Kopf hängt auf der Brust, die Arme schlaff herunter. Außer unserer kleinen Gruppe ist niemand hier, der helfen könnte.

Die Franzosen und die Oma starren nur, tun aber nichts. Adriana eilt zu dem Mädchen und spricht sie direkt an. Keine Reaktion. Die Italienerin fasst das Mädchen an den Schultern und schüttelt sie und ruft dabei laut. Der Kopf der Blonden ruckt hoch, die Augenlider flattern. Sie stösst ein paar unverständliche Worte aus, dann kann ich sie verstehen. „Mir geht es nicht gut“, sagt sie auf englisch. Ja, DAS sieht man, Mädel. Aber wenigstens ist sie ansprechbar.

Ihre Mutter wird dagegen gerade hysterisch und brüllt „HILFE! HILFE! WARUM TUT DENN KEINER WAS?!“, nicht realisierend, das 1. außer uns niemand hier ist und 2. die erste Hilfe bereits läuft: Adriana hat sich wie im Lehrbuch verhalten und das Mädchen erst angesprochen, dann berührt und so geprüft, ob sie bei Bewusstsein ist.

„Holen sie Hilfe“, sage ich zu Adriana und wende mich an die Mutter. „Legen Sie sie auf den Rücken. Langsam Vorsichtig. Passen sie auf, dass sie sich den Kopf nicht stösst!“. Die Mutter tut wie ihr geheißen und hält den Kopf ihrer Tochter in den Händen. Ich umfasse die Beine der Blonden an den Fesseln und hebe sie hoch. Dabei stehe ich, etwas ungeschickt, direkt vor ihr. Nicht, dass das schlimm wäre – das Mädchen trägt eine Hose, hätte sie einen kurzen Rock an, wäre das jetzt – akward. Trotzdem denkt die Mutter in ihrer Panik, ich hätte schlechte Absichten. „Fassen Sie meine Tochter nicht an!“, giftet sie. Und nochmal lauter „DO NOT TOUCH MY DAUGHTER!!!“

Von dem Geschrei schlägt das Mädchen die Augen auf und blickt verwirrt zu mir hoch. Ich hocke mich hin und bette ihre Füße auf meine Knie. „Wie heisst Du?“, will ich wissen, das geifernde Muttertier ignorierend. „Josie“, sagt das Mädchen schwach. „Ok Josie, hör zu“, sage ich. „Dein Kreislauf hat schlapp gemacht. Das passiert. Das muss Dir nicht peinlich sein. In Vendig ist das vollkommen normal, ok? Auch wenn Du jetzt natürlich die ganze Aufmerksamkeit hast. Kreislauf ist nichts Schlimmes und passiert einfach mal. Vielleicht wegen der Hitze. Woher kommst Du?“ Herrje, ihre Lippen haben die gleich Farbe wie der Rest von ihr, kalkweiss. „California“, haucht Josi. Im Hintergrund spricht Adriana mit dem Besuchercenter. Aus dem Handfunkgerät krächzt auf italienisch die Bestätigung, dass ein Sanitäter unterwegs ist.

Ich verziehe das Gesicht. „Ein California Girl, das Hitze nicht abkann? Erzähl mir doch nix!“, sage ich. Josie lächelt matt. Ihre Mutter hat das Keifen eingestellt und guckt ein wenig fassungslos. Ich reiche ihr die Wasserflasche und nicke. Vorsichtig versucht sie Josie ein wenig Wasser zu geben, das Mädchen kann den Kopf anheben.

„Wann seid ihr in Venedig angekommen?“, will ich wissen. „Gestern“, sagt die Mutter. „Dann musst Du einen Höllenjetlag haben, richtig?“ Josie und Mutter nicken unisono. Das erklärt die Kreislaufprobleme.

Als drei Minuten später eine ältere Dame in der Uniform einer Museumsbediensteten mit einem Notfallrucksack auftaucht, ist Josie schon wieder in der Aufrechten. Die Schocklage hat es gebracht, das Mädchen macht sogar schon wieder Scherze. Ja, das war alles nicht besonders kritisch. Aber dennoch war es eine Situation, und es kam zu erster Hilfe. Und drei Minuten können bei ernsteren Sachen über Leben und Tod entscheiden.

Geht schon wieder: Als Hilfe eintrifft, geht es Josie schon wieder besser.

Geht schon wieder: Als Hilfe eintrifft, geht es Josie schon wieder besser.

Was ich an mir schätze: Ich bin jemand, der in Notsituationen einen klaren Kopf behält. Ich gerate nicht in Panik, kann Dinge klar artikulieren, scheue nicht davor zurück Anweisungen zu geben und ich weiß meistens relativ genau was als nächstes zu tun ist. Dieses „Tun“ muss aber geübt werden, denn zum einen vergisst man Handgriffe, zum anderen ändern sich auch Praktiken. Was man vor 10 oder 20 Jahren bei der Führerscheinprüfung gelernt hat, gilt heute eventuell gar nicht mehr.

Schon aus dem Grund mache ich gerne alle paar Jahre mal wieder einen Erste-Hilfe-Kurs. Handgriffe üben, altes Wissen auffrischen, neues Wissen erwerben. Mein letzter Kurs ist 8 Jahre her, auch schon wieder viel zu lang. Das war mir auch bewusst, und schon im vergangenen Jahr hatte ich das diffuse Bedürfnis, mal wieder einen Kurs zu machen. Die Begegnung mit Josie hat mir gezeigt, dass es höchste Zeit ist. Schocklage habe ich noch hinbekommen, aber wie war das nochmal mit der stabilen Seitenlage? Und weiß ich wirklich noch genau, wo die Herzmassage platziert werden muss? Oder wie lange man zwischen zwei Atemspenden pumpen muss?

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Ein Erste-Hilfe-Kurs dauert 8 x 45 Minuten und ist nicht teuer. Ca. 40 Euro kostet es, wenn man keinen kostenlosen ergattern kann. Es besteht aber auch die Möglichkeit den Arbeitgeber zu fragen, ob man den Kurs als betrieblicher Ersthelfer machen kann. Gibt der Chef sein OK, kostet ihn das keinen Pfennig – die Lehrgangskosten übernimmt die Berufsgenossenschaft. Dafür kann der Betrieb sich mit einem zertifiziertem Ersthelfer schmücken.

Der heutige Kurs hat mich wirklich überrascht. 12 Personen haben den Samstag mit Übungen verbracht, davon 9 Führerscheinanfänger, 1 Führerscheinverlängerer und inkl. mir 2 Personen die freiwillig Wissen auffrischen wollten. Und es hat sich gelohnt. Nicht nur, dass Handgriffe heute anders gemacht werden als noch vor ein paar Jahren, auch die Inhalte haben sich deutlich von früheren Kursen unterschieden. Was bei Sonnenstich zu tun ist, wie das Heimlich-Manöver funktioniert oder wie man bei Asthma helfen kann, das hatte ich so noch nie gelernt. Highlight des Tages war das Üben mit einem dieser modernen Defibrillatoren. Die Dinger hängen ja immer öfter an öffentlichen Plätzen rum, und ich weiß jetzt, wie ich die benutze.

Denn die Frage ist ja nicht, OB man mal helfen muss, sondern nur WANN. Und wenn die Hilfe benötigt wird, dann, siehe oben, mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit von Personen, die einem nahestehen.

In diesem Sinne: Wie lange ist euer letzter Kurs her?

 
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Verfasst von - 30. Juli 2016 in Ganz Kurz, Motorrad, Reisen

 

Gutes auf Youtube

Youtube besteht nur aus Hauptschul-Abbrechern, die Schminktips in die Kamera plappern oder unter Titeln wie „10 Dinge, die Du noch nicht über XY wusstest“ Wikipediaartikel vorlesen.

Könnte man meinen. Stimmt natürlich nicht. Es gibt auch gnadenlos originelle und unterhaltsame Sachen, die wirklich einfach mal anders sind und das eigene Leben bereichern.

Zum Beispiel Flynn Kliemann. Der ist definitiv anders. Dem Webdesigner quellen kreative Ideen aus jeder Körperritze. Als Ausgleich zu seinem Netzjob bastelt er. „Heimerkerking Flynn Kliemann. Hier bastelt Kliemann … oder so“ heisst der Kanal, in dem Kliemann jeden zweiten Samstag im Monat ein Video seiner neuesten Basteleien hochlädt. Dabei bastelt er alles Mögliche, vom Pick-Up über Mauern bis hin zu einem Aerotrim – und zwar ohne wirklich Ahnung von dem zu haben, was er da tut! Fehlendes Wissen macht Kliemann mit Enthusiasmus wett, was zu ausführlicher Flucherei und Verletzungen bis hin zum Krankenhausbesuch führt. Hört sich schlimm an, ist aber das verdammt Lustigste, was es im deutschen Youtube aktuell gibt. Allein für Titel wie „Rübendingsbums pimpen“ muss man den Kanal lieben.

Ernster ist da der Kollege von Nerdwriter. Der hat das Format des Videoessays für sich endeckt. Ruhig und sachlich werden in 6 bis 8 Minuten unterschiedlichste Themen erörtert, von der Geschichte des Brexit über die Frage wie das Internet die Kunst verändert bis hin zu den Arbeitsmitteln von Regisseuren wie Lynch, Nolan und Hitchcock. Definitiv sehr schauenswert, die aufwendigen Videos sind gut recherchiert, interessant und das Vermittelte definitiv wissenswert.

Besonders spannend: Ein Essay über Donald Trumps Verwendung von Sprache.

 
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Verfasst von - 29. Juli 2016 in Ganz Kurz, Webvideo

 

Nicht nachgeben

Karsten ist ein Ende dreißig. Er arbeitet im öffentlichen Dienst in einer Hansestadt, verortet sich selbst eher links, aber bitte im konservativem Sinne. In seiner Freizeit backt er gerne selber Brot und postet Bilder davon auf Facebook. Ein sehr ruhiger Mensch, den ich seit Jahren kenne und schätze.

Um so erstaunlicher fand ich es, als sich Freitag Nacht zwischen Bildern von Minions und Fotos von „Kräuterbrot mit getrocknetem Schinken, Kapern, Kräutern der Provence und einer Füllung aus Rotwein und Zwiebeln“ plötzlich der Post auftauchte

Munich is on chaos, pray for those who are surviving this terror act. ‪#‎prayformunich‬

Und das war nur der Anfang. In schneller Folge tauchte auf

There can be only one answer to all those terrorists: Death Penalty #Prayformunich

und

Terroristes = Refugees, listen! We will defend our country at any cost! An eye for an eye!

Mir fiel dazu nur ein, Karsten direkt mal per SMS zu fragen, ob jemand seinen Account gehackt hatte. Aber offensichtlich war es tatsächlich Karsten, der diese Postings verfasste, und sich in den Kommentaren noch weiter mit denen stritt, die zur Besonnenheit mahnten und ihn daraus hinwiesen, was er da gerade tat: Ohne Informationen über die Situation zu haben, ging er pauschal davon aus, dass islamistische Terroristen in München angriffen. Seine Reaktion: Hasspostings und die Forderung nach der Todesstrafe.

Am nächsten Tag waren die Postings verschwunden. Das könnte man als einen Fall von „Besoffen auf Facebook“ abtun, laut seufzen und sich beklagen, wie dünn der Firniss der Zivilisation ist.

Für mich ist das aber nur ein Beispiel von vielen das zeigt, wie Blank die Nerven mittlerweile bei vielen liegen. Es ist erschreckend, wenn selbst ans phlegmatische grenzende Charaktere wie Karsten sich in einfache, vermeintliche Lösungen flüchten.

In solchen Situationen wie in den letzten Tagen, mit Attentaten in Würzburg, München, Ansbach und Nizza, in denen sich alle nach Sicherheit und Stabilität sehnen, ist es besonders leicht, auf populistische Heilsversprechen reinzufallen. Das ist menschlich und verständlich, und doch dürfen wir diesem Verlangen jetzt nicht nachgeben.

Es gibt auf die gegenwärtigen Situationen keine einfachen Antworten. Ein Verbot von „Killerspielen“ und Einschränkungen des Internets helfen nicht dabei, das es einsamen, kranken Menschen wie dem (Selbst-)mörder von München besser geht. Eine Aufrüstung der Polizei und der Einsatz der Bundeswehr im Inneren helfen nicht dabei, dass traumatisierte und kranke Menschen wie der Mörder von Reutlingen Halt bekommen. Und die Internierung und Abschiebung von Flüchtlingen, wie sie die AfD fordert, tut einer riesigen Personengruppe Unrecht, die nach wie vor unsere Hilfe braucht – weil sie vor Problemen fliehen muss, die unser Land mit geschaffen hat.

Ich weiß, wie schön es wäre, wenn es im Angesicht der Gewaltwelle der vergangenen Tage einfache Antworten gäbe, die alle Probleme lösen könnten. Und vielleicht gibt es die sogar. Meine ganz einfache Antwort auf das alles lautet: Ich werde nicht nachgeben.Ich werde der Angst nicht nachgeben Ich werde nicht der Verlockung nachgeben, nach einfachen Lösungen zu suchen und und radikale Maßnahmen gegen andere zu fordern.

Ich werde weiterhin an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen, ich werde weiterhin mit Bussen und Bahnen fahren, und ich werde nicht aufhören Leute darauf hinzuweisen, dass die einzige Möglichkeit hier rauszukommen das gemeinsamer Finden komplexer und kleinteiliger Antworten ist. Ja, die Gewalttaten sind furchteinflößend. Aber wir dürfen jetzt nicht nachgeben, sondern müssen uns bewusst machen, dass wir menschlich und vernünftig Handeln müssen. Norwegen nach Breivick hat in seiner Trauer besonnen gehandelt. Das sollte uns ein Vorbild sein.

Jan Böhmermann brachte es auf den Punkt, als er schrieb: „Schock Gedanke! Was, wenn von Deutschland ausgehend ein Zeitalter der Vernunft anbräche?“

Wir haben jetzt die Chance zu zeigen, was in uns steckt. Wir haben die Chance zu zeigen, dass menschlicher Umgang miteinander der richtige Weg ist. Wir können anderen, allen voran den osteuropäischen Ländern, die momentan im Hass auf alles, was anders ist, erstarrt zu sein scheinen, zeigen, dass sie eben nicht recht hatten mit ihrer Isolationspolitik. Wir können ein Vorbild sein, jeder einzelne von uns in seinem Umfeld und wir alle zusammen als Land.

In dem wir auf andere zugehen. Auf die Kranken und Einsamen, auf die Flüchtlinge, auf Muslime. In dem wir uns gemeinsam darin üben, vernünftig und sachlich miteinander umzugehen und gemeinsam Probleme anzugehen, sei es die Depression eines Bekannten oder der Mithilfe bei Integrationsmaßnahmen. Und indem wir deutliche Zeichen setzen, dass wir nicht bereit sind, unsere Freiheit weiter einschränken zu lassen, um die gefühlte Sicherheit zu erhöhen. Härtere Gesetze verhindern keinen weiteren David S. Integration und Menschlichkeit im Umgang miteinander aber schon.

Es gibt so viel, was wir tun können.
Der eigenen Angst nachgeben gehört nicht dazu.

 
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Verfasst von - 25. Juli 2016 in Betrachtung

 

Test & Meinung: Nolan N104 Evo mit N-Com B5L ESS

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Bei Klapphelmen mit Tourenaustattung und integriertem Bluetoothsystem gibt es keine allzu große Auswahl. Ich habe mir den fast aktuellen N104 von Nolan und die zugehörige, brandneue Kommunkationslösung N-Com B5L mal genau angesehen – und sofort kaputt gemacht. Ich schreibe meine Erfahrungen hier mal auf, weil sich diese Informationen sonst nirgendwo im Internet finden.

„Ein Motorradhelm sollte nach fünf bis sieben Jahren ausgetauscht werden“, sagen „Experten“. Weil: „Die Weichmacher im Kunststoff verflüchtigen sich, dann wird die Helmschale spröde und verliert ihre Schutzwirkung.“ Bei Experten muss man immer genau hinsehen, von wem die bezahlt werden…

Ich persönlich glaube nicht, dass man pauschale Aussagen über die Haltbarkeit machen kann. Dazu spielen zu viele externe Faktoren eine Rolle. Meinen sehr geliebten Nolan N90 habe ich jetzt dennoch nach fünf Jahren und 45.000 Kilometern in den Vorruhestand geschickt. Er war nämlich nicht mehr dicht. Regen, insbesondere von der starken Sorte wie wir sie im Juni öfter hatten, schlug durch die Visierdichtungen. Hat man erstmal Tropfen auf der Innenseite des Visiers und auf der Brille, sieht man nur noch sehr wenig. Außerdem saß der Helm nach der diesjährigen Sommerfahrt nicht mehr wirklich fest auf dem Kopf. Das Innenfutter hatte sich im Laufe der Zeit geweitet. Beides ist sicherheitsrelevant, deshalb kam ich um einen Neukauf nicht rum.

Der neue sollte wieder ein Klapphelm sein und wieder Bluetooth fest eingebaut haben. Von der Sorte gibt es nicht viele. Die teureren Helme der Firma Schuberth gelten gemeinhin als Referenz in der Klasse. Will man von denen aber etwas Hochwertiges haben, muss man inkl. Bluetooth 800 Euro auf den Tisch packen. Günstiger, aber ebenfalls gut sind die Helme der italienischen Firma Nolan. Beim Helmkauf sollte der Preis natürlich nicht die erste Geige spielen. Das Wichtigste ist, dass der Helm perfekt passen muss. Ich habe einfach keinen Schuberth-Kopf, Nolan-Helme dagegen passen mir gut. Die bisherigen Erfahrungen mit dem N90 waren prima, darum fiel mein Auge nun auf die N104-Serie von Nolan. Das ist quasi der große Bruder des Nachfolgers von meinem N90.

Als 2012 der N104 rauskam versprach Nolan nicht weniger als den besten Helm, den sie je gebaut hatten. Eine Revolution, in allen Belangen besser als der Vorgänger N103. Fachpresse und die Motorradfahrer waren sich schnell einig: Das war maßlos übertrieben. Der erste 104 war ein netter Helm, hatte aber ein gravierendes Problem: Er war viel zu laut. Die Windgeräusche bei schneller Fahrt seien unerträglich, las man.

Gut, sowas sagte man über meinen alten N90 auch, aber dennoch besserte Hersteller Nolan nach und schob 2015 den N104 Evo in den Markt, der eine neue Lüftung mitbrachte und durch ein anderes Innenfutter ruhiger sein sollte. Der Evo wird jetzt gerade abgelöst durch den N104 Absolute, der nochmal leiser sein soll.

Im hiesigen Helmfachgeschäft standen jetzt beide Helme, Evo und Absolute, direkt nebeneinander, und ganz ehrlich: Bis auf genau eine geänderte Stelle an der Kinnriemenpolsterung und etwas andere Materialien im Innenfutter habe ich keinen Unterschied feststellen können. Was sich dagegen stark unterscheidet ist aktuell der Preis: Satte 130 Euro unter normalem Verkaufspreis sollte die Nobelvariante „Classic“ des Auslaufmodells N104 Evo kosten, und damit immer noch 100 Euro weniger als die Billigvariante „N104 Special Absolute“ des Nachfolgers. Sogar die Farbe gefiel mir.

Das ist er, mein neuer Nolan N104 Evo in Platinsilber.

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Verfasst von - 23. Juli 2016 in Motorrad, review

 

Werkstatt

Eineinhalb Tage war sie schon im Trockendock, jetzt stehen noch zwei Besuche in der Werkstatt für Schweißarbeiten an. Aber dann kann die Renaissance wieder auf die Straße, sagt diese freundliche Kawasaki-Fachkraft:

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Verfasst von - 23. Juli 2016 in Motorrad

 

Goodbye

Für eine Leistung, die ich nicht in Anspruch nehme, sind auch 8,99 Euro im Monat zu viel. Ich komme einfach nicht mehr dazu, lang und breit Filme und Serien zu schauen. Folgerichtig habe ich vergangenen Freitag mein Watchever-Abo gekündigt. Und heute steht das hier in der Zeitung:

2016-07-22 11_36_17-Vivendi schließt deutschen Videodienst Watchever _ heise online

Eine Woche hat es nur gedauert zwischen meiner Kündigung und der Ankündigung der Schließung. Verdammt. Die armen Mitarbeiter. Ich versprechem, mit Kündigungen von anderen Mitgliedschaften zukünftig sehr vorsichtig zu sein. Nicht, dass nachher noch der ADAC dichtmachen muss, nur weil ich austrete.

 
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Verfasst von - 22. Juli 2016 in Ganz Kurz

 

Soundtrack eines Sommers

Kleiner Nachschlag zum letzten Beitrag und weil´s gerade vom Wetter her so gut passt.

Joe Cocker – Summer in the City

Mehr nach dem Klick. Aber kein Kindertechno!
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Verfasst von - 21. Juli 2016 in musik, Webvideo

 

Sommer ´94

1994 begann seltsam. Erst starb Telly Savalas, dann Jackie Kennedy. Curt Kobain schoss sich den Kopf weg. Solche persönlichen Schicksale dominierten die Nachrichten, denn die großen Themen waren abstrakt und fanden weit weg statt. Die Apartheid endete, Ayrton Senner starb und Politiker unterschrieben Vereinbarungen, aber das alles passierte am anderen Ende der Welt.

Meine eigene Welt wurde währenddessen immer kleiner. Erst war sie wochenlang von Büffeln geprägt, dann bestand sie nur noch aus Nervosität und Anspannung während der Abiprüfungen, und danach war alles… Leere.

Die letzten Monate der Schulzeit verbrachte ich mit dem Warten auf die Abiturnoten und dem diffusen Gefühl, dass ein großer Lebensabschnitt sich dem Ende zuneigte, aber etwas anderes noch nicht begonnen hatte. April und Mai 1994 waren ein Limbo, ein Leben zwischen den Welten.

Das änderte sich, als mir im Juni endlich das Abiturzeugnis in die Hand gedrückt wurde. Das war wie eine Befreiung, der Fahrschein in eine neue Welt. Ich wollte ab Oktober in Göttingen, der nächsten Stadt mit einer Uni, studieren. Bis dahin waren es noch vier Monate, und um studieren zu können brauchte ich eine Wohnung – und einen Computer.

1994, das ist schon 22 Jahre her. Eine andere Zeit, eine andere Welt.
Kein Internet.
Keine Smartphones.
Keine Mobiltelefone.
Kaum Rechner, wenn man von Heimcomputern wie dem Amiga absah.
Eine unvernetzte Welt.

Computer waren unfassbar teuer – ein 486 DXII-66 mit einer 40 Megabyte Festplatte und Monitor kostete mindestens 2.700 DM. Das war auch der Grund, weshalb ich in diesem Sommer fast jeden Tag in einem Schnellrestaurant arbeitete. Einer der wenigen Jobs, den es in unserer strukturschwachen Region für Schüler und Studenten gab, und der dazu gut bezahlt wurde.

Ab Juni machte ich fast jeden Tag Früh-, Tages- oder Nachtschichten, immer so, wie es gerade gebraucht wurde. Mal begannen meine Tage um 04.30 morgens, mal waren sie von Schichten von 12.00 Uhr bis 20.30 Uhr regelrecht zerstückelt, mal kam ich erst um drei Uhr nachts nach Hause. Die Arbeit war zwar nicht so schwer wie z.B. auf dem Bau, aber schon anstrengend. Am Ende einer 8,5-Stunden-Schicht (die an Tagen mit hohem Krankenstand in der Belegschaft auch schon mal 10 oder 12 Stunden lang werden konnte) hatte ich manchmal keinerlei Kraft mehr im Körper. Gute, ehrliche Arbeit macht sowas.

Dazu kam das Wetter. Es war heiß. Im Juni, Juli und August schien fast jeden Tag die Sonne, die Temperaturen kletterten regelmäßig über 30 Grad, und in drei Monaten fiel kaum mal mehr als ein kleiner Regenschauer. Bei der Arbeit in der Restaurantküche, zwischen heißen Grills und Friteusen, konnte man literweise Wasser trinken und musste trotzdem stundenlang nicht auf´s Klo.

Eine Klimaanlage gab es nicht, aber wenigstens eine Radio. Je nachdem, wer gerade Schichtleiter war, lief dort ein anderer Radiosender. Ich mochte NDR2 oder FFN. Die spielten zwar viel zu viel altes Zeug aus den achtzigern, aber immer wieder lief auch mal was, womit ich was anfangen konnte: Die 4Non Blondes mit „What´s going on“, die Crash Test Dummies mit „Mmm mmm mmm“, die Spin Doctors mit „2Princes“ oder auch Lucilectric, die davon sang, dass sie so froh sei ein Mädchen zu sein.

Nicht ausstehen konnte ich N-Joy. Der Radiosender war vor zwei Monaten erst an den Start gegangen und spielte rund um die Uhr Kindertecho, sowas wir Marc Ohs „Hörst Du mich“, Maruschas „Over the Rainbow“ oder Scooters „Hyper Hyper“. Sowas konnte doch niemand ernsthaft gut finden!

Wenn ich es mir aussuchen konnte, hörte ich eh´ ganz andere Dinge. Portishead waren super, aber für´s Radio natürlich viel zu düster und zu langsam. Aerosmith´ „Get a Grip“ hatte ich gerade erst im Bertelsmann Buchclub als Quartalskauf erstanden. Darauf war“Living in the edge“, was im CD-Player auf repeat-one lief, und auch „Cryin“ und „Crazy“, denn zu denen es tolle Videos gab. Musikvideos waren die neue Form des Erzählens in Bildern, und Künstler wie Aerosmith oder R.E.M. erzählten in vier Minuten komplexe Geschichten. Die besten Videos liefen auf MTV, wo sie von coolen Typen wie Ray Cokes angesagt wurden. Man mustse natürlich Glück haben und zufällig gerade vor dem Fenrseher sitzen, dann konnte man vielleicht sein Lieblingsvideo sehen. Wenigstens lernte man nebenbei von den Moderatoren englisch, denn MTV auf Deutsch gab es nicht.

Was es auf deutsch gab war „VIVA“. Das war ein ganz neuer Musiksender, den ich inbrünstig verachtete. Bei Viva moderierten ausschließlich nervige Arschgeigen, die wie auf Koks Unsinn plapperten und die ich keine zwei Minuten ertrug. Außerdem wurde auf VIVA nur Kindertechno oder unsäglicher Europop gespielt. Sowas wie Dr. Albans „What is love“. Ace of Base gehörten gerade noch zu den erträglicheren Nummern, aber ich hatte mich festgelegt, ich guckte gerne MTV. Die hatten nicht nur die besseren Moderatoren, sondern zeigten auch die cooleren Videos.

War aber eigentlich auch egal was da draußen gesendet und gespielt wurde. Ich konnte in meinen vier Wänden hören und sehen was ich wollte. „Meine vier Wände“, woah, wie das schon klang! MEINE VIER WÄNDE! Ja, ich hatte vier Wände ganz für mich allein. Zusammen mit einer Arbeitskollegin aus dem Restaurant, die ebenfalls im Herbst ein Studium beginnen wollte, hatte ich eine Wohnung angemietet.

Der Wohnungsmarkt in Göttingen war schlimm. Es gab viel zu wenige Wohnungen für die vielen Studierenden, und die Mieten waren exorbitant. Sowas wie 1994 schafften später nicht mal doppelte Abiturjahrgänge: Hausbesitzer vermieteten selbst breitere Flure als Durchgangszimmer oder fensterlose Abstellräume im Keller voller verdreckter Gartenmöbel als „möblierte 1-Zimmer Appartements“. Mehrere hundert D-Mark sollte man dafür hinlegen, und tatsächlich konnten sich die Vermieter vor dem Ansturm auf diese Unverschämtheiten kaum retten.

Deshalb hatte ich mich mit Sandra zusammengetan. Wir hegten keine besonderen Sympathien füreinander, aber als Wohngemeinschaft würden wir uns mit dem, was wir im Schnellrestaurant verdienten, zumindest eine ordentliche Wohnung leisten können. Ordentlich hieß: Ein zwei Zimmer-Appartement in einem riesigen Plattenbau, in dem links die Nazis, rechts die Punks und in der Mitte die Studis wohnten. Aber wenigstens hatte das Ding alle Wände, dichte Fenster und einen funktionierenden Telefonanschluss.

Sandras Zimmer war 10 Quadratmeter groß, meines 16. Dafür war in meinem Zimmer die Kochnische und der Kühlschrank, der laut vor sich hinsummte und ab und zu quiekte. Aber das war mir alles egal, denn zum einen wollten wir eh nur ein Jahr hier wohnen, in der Zeit was anderes suchen und dann die WG auflösen. Viel wichtiger aber: Mit Unterzeichnung des Mietvertrags waren das hier MEINE eigenen vier Wände geworden. Okay, UNSERE, aber Sandra würde erst im Herbst hier einziehen. Den Sommer über hatte ich die Wohnung ganz für mich allein.

Das Schnellrestaurant lag genau auf halber Strecke zwischen meinem Elternhaus und Göttingen, ich konnte mir also nach jeder Schicht aussuchen wohin ich fuhr. Nach sehr kurzer Zeit steuerte ich nicht mehr nach Hause zu meinen Eltern, sondern in die Wohnung in der Stadt.

Die Einrichtung bestand in den ersten Wochen nur aus einer alten Matratze, die direkt auf dem Boden lag. Ihr gegenüber stand ein kleiner schwarzweiß-Fernseher auf einem Tomatenkarton. Sehr spartanisch, aber für mich Luxus, denn das war etwas eigenes, ganz für mich.

Wenn ich mitten in der Nacht nach Hause kam, nach Friteusenfett stinkend und durchgeschwitzt, konnte ich ohne Wartezeit in ein Badezimmer, dass ich mit niemandem teilen musste. Dann warf ich eine Tiefkühlpizza in den Backofen, was auch um 3 Uhr niemanden störte, und hockte mich in Unterwäsche vor den Röhrenfernseher. Dann guckte ich MTV oder RTLplus, wo im Nachtprogramm „Verrückt nach Dir“ lief oder „Eine schrecklich nette Familie“, oder Pro Sieben, wo Wiederholungen von „Roseanne“ gesendet wurden. Dazwischen priesen nervige Werbspots „Punica“ an, oder „Wick Rachendrachen“. In Villariba oder in Villabajo (ich vergesse immer wo) wurde Fairy Ultra verwendet um die Paellapfannen schneller sauber zu bekommen als im Nachbardorf, nichts ging über Bärenmarke und bei Milka pries ein Almöhi mit Sonnenbrille etwas mit den Worten „Aber vorsicht, it´s cool man“ an und blieb damit besser in Erinnerung als das Produkt selbst (Milka Mint Crisp).

In diesem Sommer wurde es auch Nachts nicht kühler. Eine willkommene Ausrede um Eis in rauen Mengen zu verschlingen. Von Schöller gab es „Manhattan“, ein Vanilleeis mit Fruchteinrührung in den Sorten „Strawberry Swirl“ und „Apple Fudge“. So eine 1,5 Liter-Packung überlebte meist nur einen Abend.

In diesen warmen Nächten strahlte durch das Fenster des Appartements orangefarbenes Licht vom Rangierbahnhof, an dem es lag. Die ganze Nacht wurden da Züge bewegt, aber das störte mich nicht. Ich war mit dem Geräusch von Bahnen aufgewachsen und nahm das Rumpeln auf den Gleisen als beruhigend, ja einschläfernd wahr.

Arbeiten bis zur Erschöpfung, dann total kaputt nach Hause kommen, dann vor dem Fernseher die Nacht verdahmeln. Für mich war es der Himmel auf Erden.

Über den Sommer brachte ich immer mehr Dinge in diese eigene Wohnung. Aus einer Arbeitsplatte und zwei angemalten Sägeböcken wurde ein Schreibtisch. Aus Kellerregalen wurden Bücherregale. An die leeren Wände kamen Poster. Unter anderem Ansichten von New York bei Nacht und ein selbstgmaltes, auf den ich mit Edding den Text von R.E.M. „Losing my Religion“ geschrieben hatte. Das Video zum Song hatte mich nachhaltig beeindruckt, und mir kam es sehr erwachsen vor, so tolle Liedtexte an der Wand zu haben. In erster Linie wollte ich damit natürlich zeigen was für ein deeper Typ ich war und Frauen beeindrucken. Das funktionierte auch, sogar besser als ich erwartete. Bis eine Eroberung anmerkte, das ich „Losing“ schon in der Überschrift falsch, nämlich mit zwei „o“ geschrieben hatte. Das Poster verschwand sofort und wurde nie wieder aufgehängt, aber weggeworfen habe ich es auch nicht. In irgendeiner Ecke im Keller muss es noch liegen.

Wenn ich nicht arbeiten musste, ging ich abends ins Kino. Da meine ehemaligen Klassenkameraden den Sommer über nichts zu tun hatten, war ich dabei nie allein.

Etwas zum Ansehen fand sich immer, denn 1994 war ein exzellentes Kinojahr. Während in den Straßen noch die warme Luft stand, lümmelten wir uns in den Sesseln der vielen kleinen Kinos, die damals noch nicht vom Cinemaxx plattgemacht waren. Unsinn wie „Police Academy 7“ oder „Beverly Hilly Cop III“ guckten wir natürlich nicht an. Wir amüsierten uns bei Leslie Nielsens „Die nackte Kanone 33 1/3“, vergötterten Una Thurmann in „Pulp Fiction“, waren nachhaltig beeindruckt von Brandon Lees „The Crow“ und holten uns schmerzende Hintern auf den Holzstühlen im „Cinema“, weil „Forrest Gump“ fast drei Stunden lief.

Danach ging es meist noch in „Thanners Tag- und Nachtschänke“ auf ein Bier. Warum auch nicht, ich musste ja nicht mehr fahren, denn ich WOHNTE ja nun in der großen Stadt. Der Weg nach Hause war nicht lang, und wenn ich nachts durch die Straßen streifte, die in der warmen Sommerluft immer noch belebt waren, hatte ich meist ein breites Grinsen im Gesicht. Ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen, und der Anfang war genau nach meinem Geschmack.

Bei meinen Eltern war ich nur noch ab und zu, um ein paar Sachen zu holen oder um Wäsche zu waschen. Viel zu sehr genoss ich das Gefühl der Freiheit, dass mit dem Leben in den eigenen vier Wänden und in der Stadt einher ging. Die kleine Wohnung hatte mein Leben plötzlich sehr viel größer gemacht, und mit dem Sommer 1994 verbinde ich nicht nur heiße Tage und warme Nächte, sondern vor allem das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

In der Rückschau verschwimmen die meisten Sommer zu einem Amalgam aus Eindrücken, bei dem einzelne Ereignisse nicht mehr einem Jahr zuzuordnen sind. Aber dieser eine Sommer, der wird mir in Erinnerung bleiben.

 
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Verfasst von - 19. Juli 2016 in Historische Anekdoten

 

Ghostbusters 3 kostenlos ansehen

(Ja, sorry für die SEO-Überschrift.)

In Kürze kommt „Ghostbusters – Answer the Call“ in die Kinos. Ein Reboot des ersten Films, der mit leichten Variationen einfach neu verfilmt wurde. Eine der Variationen ist, das nun alle Ghostbusters weiblich sind. Das Gejaule der Fanboys über diese Entscheidung war so laut, dass es bei der Bekanntgabe eine Erschütterung in der Macht auslöste. Ich finde es cool. Ich sehe generell lieber Frauen als Männer an, deshalb kommt mir das entgegen.

Der Zeitpunkt kurz vor dem Kinostart ist günstig um mal darauf hinzuweisen, dass es einen „echten“ Ghostbusters III gibt. Keinen Reboot, sondern die Fortsetzung von Ghostbusters II von 1989. Der der Original Cast spielt mit (inkl. Bill Murray! Und Harold Ramis!) und das Drehbuch stammt von den Originalautoren.

Die Geschichte spielt 1991, zwei Jahre nach Ghostbusters II, und greift die Ereignisse der ersten beiden Filme auf. Die Geisterjäger sind nun offiziell von der Stadt New York bestellt und kümmern sich – in Zusammenarbeit mit Walter Peck, dem Ex-Umweltinspektor – um rauhbatzige Geister in der Stadt.

Merkwürdige Ereignisse in einem Museum und ein Hinweis von Alyssa Milano bringen die Geisterjäger darauf, dass Ivan Shandor (der Architekt des Gozer-Gebäzudes aus Teil 1) auch ein Netz von Tunneln unter der Stadt gebaut hat, das ectoplasmischen Schleim und seine Wirkung kanalisiert. Die Ghostbusters legen das Netzwerk lahm, ziehen damit allerdings den Zorn von Shandors Geist auf sich, der daraufhin ein riesiges Mausoleum im Central Park erscheinen lässt, die Toten erweckt, die Geisterlagereinheit sprengt und die Stadt ins Chaos stürzt.

Tatsächlich ist die Geschichte spannend erzählt, verbindet die Ereignisse aus den ersten beiden Kinofilmen und bringt alles zu einem sinnvollen Ende.

Warum die Story niemand kennt? Weil sie 2009 nicht ins Kino kam, sondern als Videospiel erschien.

In dem begleitet der Spieler als neuer Mitarbeiter die Geistertruppe und erlebt so die Geschichte mittendrin. Das klappt erstaunlich gut, das Geisterjagen mit zwirbelnden Protonenstrahlen ist spaßig, und es ist cool, Orte aus den Filmen zu besuchen. Außerdem strotzt das spielt vor liebevollen Details und schönen Gags. So erfährt man u.a. auch, dass es den Ghostbusters nie gelang, den allerersten Geist, den aus der Bibliothek, selbst zu fangen. Das erledigt man dann mal als Spieler.

Die gute Nachricht ist nun: Jemand hat das Vidospiel zu einem Film zusammengschnitten. Jetzt kann man sich also ganz entspannt zurücklehnen und Ghostbusters III gucken. Ohne den Adrenalinrausch, den man beim Spielen erlebt, verliert das Ganze zwar etwas, aber die Story kann man so auch genießen.
Ist eine nette Überbrückung bis die Geisterjägerinnen ins Kino kommen.

Hier ist der Film:

 
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Verfasst von - 14. Juli 2016 in Games, Historisches

 

Unwohl

Es gibt so Orte, an denen fühle ich mich sofort unwohl. Die jagen mir einen Schauer über den Rücken. Ich rede nicht von Burgen in den Karpaten, Friedhöfen oder Höhlen. Ich meine Orte, bei denen ich sofort weiß, dass es da Menschen gibt mit denen ich nichts gemein habe und nichts zu tun haben will.

Das hier ist so ein Ort:

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Vermutlich hat es viel Zeit Geld gekostet das zusätzliche „N“ für den Ortsnamen anzuschaffen. Der Grund des Unwohlseins ist aber weniger der Name als vielmehr die Erscheinung des Ortes.

Fährt man die Hauptstraße entlang, steht in nahezu jedem Vorgarten – vermutlich in 90 Prozent – ein Fahnenmast. Kein Miniding, sondern das ausgewachsene 4-Meter-Modell, mit dem sich eine amtliche Beflaggung realisieren lässt. Wie am vergangenen Wochenende. Der ganze Ort war voller schwarzrotgoldender Fahnen, die vor fast jedem Haus wehten.

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Gut, am Samstag war auch noch EM. Und sicher, das sagt letztlich nichts über die Bewohner aus. Dennoch vermittelt es einen Einblick in die Geisteshaltung, wenn sich jeder einen Monsterfahnemast in den Vorgarten stellt und die blitzblanke Hauptstraße so beflaggt wird, das man unweigerlich darauf wartet, dass jeden Augenblick eine Militärparade um die Ecke biegt.
Hier würde ich nicht wohnen wollen. Oder auch nur anhalten.

 
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Verfasst von - 12. Juli 2016 in Ganz Kurz

 

Das Regieren der Kartoffel

Er wuchs in den 60ern in Polen auf, in armen Verhältnissen. Ein Bild von 1961 zeigt ihn und seinen Zwillingsbruder. Die Kinder sitzen  auf einem Feld. Die Kleidung der beiden scheint aus dem Mittelalter zu stammen: Grobgewebter Stoff, Sackhemd, ausgefranste Hosen.

Er hat nur einmal Urlaub außerhalb von Polen gemacht. Das war in den 60ern, als er mit seiner Mutter Verwandte in der Urkaine besucht hat. Außer polisch spricht er keine andere Sprache, kennt keine anderen Länder. Er besitzt bis heute keinen Computer. Das Internet nutzt er nicht. Sein erstes Bankkonto hat er 2009 eingerichtet. Bis dahin hat er das Geld in der Matratze versteckt. Für Geld interessiert er sich genauso wenig wie für Frauen. Er war sein Leben lang Jungeselle.

Wichtig waren ihm nur seine Mutter und sein Bruder. Seit beide tot sind, trägt er nur noch schwarz und redet kaum noch, selbst langjährige Weggefährten haben sich von ihm abgewandt.

Heute sitzt er in seinem Büro hinter einem großen Schreibtisch. Dort suchen ihn andere auf, Minister und Bittsteller und Lobbyisten. Er lässt sich ihnen berichten, über die Welt. Über das draußen. Über Polen. Polen ist das einzige, was ihn interessiert. Es ist sein Land, und seine Herrschaft über das Land ist absolut. Er hört den Ministern und Lobbyisten zu und fällt dann Entscheidungen. Diese Entscheidungen sind entgültig.
So regiert Jaroslaw Kaczyński Polen.

Diese Infos stammen aus „Politico EU„, dem seit 2015 erscheinende Politikmagazin. Das verblüfft mich immer wieder. Wie jetzt, denn allein durch das Zusammentragen von Fakten über Kaczyński wird absolut klar, warum Polen heute so erratisch wie aggresiv in der EU auftritt. Es erklärt auch, weshalb die Regierung, die er aus den Reihen seiner PIS-Partei handverlesen hat, das Land gerade wieder in eine Autokratie aus dem 19. Jahrhundert zurückbaut. Weil das genau die Regierungsform und das Zeitalter ist, die maßgeschneidert auf Kaczyński passen.

Polen wird von jemandem regiert der informationstechnisch so lebt wie vor 150 Jahren und der außer seinem Land nichts kennt. Eine traurige, graue, weltfremde Kartoffel. Das schlimmste: Der Mann ist nicht mal gewählt. Er steuert die Regierung aus einem Hinterzimmerbüro.

Zum Beitrag „Polands Powerholic“ auf politico.eu

 
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Verfasst von - 9. Juli 2016 in Ganz Kurz

 

Istanbul Flowmotion

Einen zu Istanbul habe ich noch, dann ist aber auch gut. Hier ein Werbefilmchen. Beeindruckend ist es, weil es in einer Einstellung gedreht zu sein schein und damit hirnschmelzende Dinge macht. Die Technik dahinter heisst Flowmotion und ist irre aufwendig – aber das Resultat rechtfertigt alles.

 
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Verfasst von - 4. Juli 2016 in Ganz Kurz

 

Istanbul bei Nacht

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Istanbul im November 2015, fotografiert mit der winzigen Lumix Tz41.

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Verfasst von - 2. Juli 2016 in Reisen

 

Vielen Dank f�r Ihren Auftrag.

Der produzierende Mittelstand im Jahr 2016: Ihm ist schon irgendwie klar das man irgendwas mit Internet machen muss, kosten darf es aber nichts.

Aktuelles Beispiel: Das metallverarbeitende Unternehmen, dass neue Teile für die Renaissance fertigen soll. Die haben eine Website, aber die sieht aus, als wäre sie durch ein Zeitloch aus dem Jahr 1997 gefallen. Es gibt einen Katalog, aber der ist exakt so wie der auf Papier: Wer was bestellen möchte, macht das bitte schriftlich per Mail, zahlt per Nachname oder Vorkasse und darf dafür Skonto vom Rechnungsbetrag abziehen. Skonto! Deutsche Mittelständler sind gefühlt nur fünf Minuten vom Jahr 1960 entfernt.

Der Katalog des Metallbetriebs besteht aus einer langen Liste an kryptischen Zahlen und Abkürzungen, da steht dann sowas wie:

Artikel 7077 T KA BRB LOL ZZR600

Gut, die Abkürzung für mein Motorrad erkenne ich noch. Alles andere muss man nachschlagen. T steht für verchromt, KA für Seitenträger, BRB für Beifahrer-Rack, LOL für Abdeckung aus Edelstahl, usw. Was die Abkürzungen bedeuten steht aber nicht direkt am Artikel, oder wenigstens auf der Katalogseite, sondern auf einer eigenen Webseite, weit entfernt vom Katalog.

Eine Suche gibt es auch nicht, also muss man die kryptische Katalogliste durchgehen und dabei die andere Liste mit den 48(!) Abkürzungen abgleichen, bis man das Passende gefunden hat.

Bei manchen Artikeln kann man über einen separaten Link immerhin ein Bild aufrufen. Das ist dann ein Foto von… der Anbauanleitung. Kein Witz, das hier ist die ganze Produktpräsentation.

MitSta002

MitSt003

Immerhin ist es präzise und auf den Punkt, aber mal ehrlich: Schön ist anders.

Ein Shopsystem gibt es nicht. Wer etwas bestellen möchte, wechselt auf die Seite „Bestellungen“ und tippt dann die kryptischen Zahlen und Abkürzungen händisch in ein Mailformular ein, dass dann schlicht eine Mail an info@Firmenname.de schickt.

MitSta001

Eine Bestellbestätigung kommt dann zwei Tage später, muss ja auch händisch verschickt werden. Keine Ahnung auf welchem exotischen Mailprogramm aus den 90ern die Firmenmails verfasst werden, auf jeden Fall gehen die Umlaute allesamt kaputt;
„Vielen Dank f�r Ihren Auftrag“, steht dann da.

Einige Tage später trudelt dann eine „Pro forma-Rechnung“ ein, die man bezahlen soll, bevor der Artikel versendet wird.

Wählt man als Zahlungsweise Überweisung, darf man Skonto abziehen. Bei Zahlungen per Paypal oder Kreditkarte aber nicht. Ich war, ehrlich gesagt, etwas irritiert. Skonto, dass kenne ich nur vom Kolonialwarenhändler aus meiner Kindheit, aber hey, das kann auch an mir liegen. In der Internetwelt gibt es halt kein Skonto.

Bei aller Häme über diese sehr unelegante Art der Internetnutzung muss ich natürlich eines zugeben: Das System funktioniert. Es ist unbequem, aber es funktioniert. Und vermutlich sichert es in der Firma 3 Arbeitsplätze, von daher habe ich überhaupt keinen Grund mich zu beklagen. Aber ein bißchen lustig machen darf ich mich.

 
8 Kommentare

Verfasst von - 1. Juli 2016 in Ganz Kurz, Motorrad

 
 
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