EU-Urheberrechtsreform. Um was es geht. Warum das wichtig ist.

Die kleinen Künstler wolle Sie schützen, sagt Helga Trüpel. Vor Youtube. Deshalb brauche man eine Reform des Urheberrechts in der EU, und zwar jetzt.

Als ihr der Podcastmoderator auseinandersetzt, was da genau im Gesetz steht, von Uploadfiltern bis hin zur Ausbeutung von Urhebern, wird Trüpel erst laut, dann schrill. „Das stimmt so nicht was sie sagen!“, fällt die dem ruhig argumentierenden Moderator ins Wort und dementiert – frei von Argumenten, aber mit noch weiter ansteigender Lautstärke, bis sie sich fast in einen Wutanfall reingesteigert hat.

Nachzuhören ist diese veritable Selbstdemontage in den ersten zwanzig Minuten des Debattenpodcasts von Spiegel Online. 

Das Verhalten der grünen Europaparlamentarierin steht exemplarisch für Anspruch und Wirklichkeit, wie sie gerade in Brüssel nicht härter aufeinanderprallen könnten. Es geht um drei Artikel der Urheberrechtsreform, die überaus weitreichende Auswirkungen auf unser aller Zukunft haben werden. Aber anstatt das die EU-Parlamentarier/innen Argumenten gegen dieses Vorhaben zuhören, werden mantrahaft Unwahrheiten wiederholt, geradezu hysterisch dementiert oder Protestierende von den Politiker/Innen belogen, diskreditiert, verhöhnt oder angepöbelt.

Hier z.B. der CDU-EU-Abgeordnete und Parlamentsberichterstatter Axel Voss, der mitten im Interview mit einem ebenso interessierten wie informierten Youtuber erst laut wird, dann polemisch, und schließlich seinem Gesprächspartner wütend an den Kopf wirft: „Ja, wir werden uns hier im Kreis drehen, weil, weil Sie sich nicht die Texte entsprechend angucken werden, sondern immer meinen, alles sei nur noch Filter!“ Am Ende pöbelt Voss sogar herum. „Ja, wenn SIE besser Vorschläge haben, lassen sie es uns wissen.“

Agrumente? Fehlanzeige. „Die Plattformen sollen zahlen“, das ist alles, was man zu hören bekommt.

Das eine Reform in des Urheberrechts sinnvoll und nötig ist, das bezweifelt kaum jemand. Wogegen es gerade große Proteste gibt, sind spezifische Artikel in der Gesetzesnovelle, die eben nicht die Rechte der Urheber stärken, sondern die Urheber ausbeuten UND eine Gefahr für die Zivilgesellschaft darstellen.

Konkret geht es um drei Artikel, an denen sich der Protest entzündet.

  • Artikel 11 enthält das Leistungsschutz. Das hatte sich der Springerverlag in Deutschland herbeilobbyiert, um Geld von Google zu erpressen. Hat nicht funktioniert, am Ende sind kleine Nachrichtenübersichtsseiten durch das Gesetz eingegangen, während Springer Google eine Gratiserlaubnis gegeben hat. Ob das Gesetz, was wir seit 2013 in Deutschland haben, wirksaml ist, hätte schon lange evaluiert werden sollen. Das verhindert aber die Große Koalition in Berlin. Artikel 11 schützt nicht die Urheber, sondern ist für Rechtverwerter gedacht, stärkt aber im Kern die großen Internetplattformen.

 

  • Artikel 12 enthält Vergütungsregelungen, die in Deutschland durch Gerichte verboten wurden. Konkret geht es darum, dass Verlage sich Geld einstecken, das den Urhebern – nämlich den Buchautor/innen, Journalist/innen usw. – zusteht. Das haben die jahrelang einfach gemacht, dann wurde es verboten. Nun kommt durch die Hintertür und auf EU Ebene die Erlaubnis, die Urheber wieder abziehen zu dürfen. Im Ergebnis stärkt Artikel 12 damit nicht die Rechte der Urheber, sondern der Rechteverwerter.

 

  • Artikel 13 enthält die Vorschrift, alles, was Nutzer auf Plattformen einstellen, vorab zu lizensieren und sicher zu stellen, dass keine Urheberrechtsverstöße begangen werden. Das heißt: Alles, was hochgeladen wird, muss vorher gefiltert werden. Das Wort „Uploadfilter“ steht da nicht, aber faktisch ist es ist das, was gefordert wird. Ausnahmen sind nur für die allerneuesten und allerkleinsten Plattformen vorgesehen. Alle Inhalte der Welt vorher zu lizensieren ist Unfug, und automatische Uploadfilter für alle Inhalte der Welt zu etablieren ist höchstens für drei Akteure weltweit machbar: Facebook, Google und Amazon. Großes Problem dabei: Wer bestimmt, was gefiltert wird? Filter, die vorab kontrollieren, was ins Netz kommen, lassen sich für Zensur nutzen. Was hält einen Viktor Orban davon ab, für ihn missliebige Meinungen aus dem Netz filtern zu lassen? Sind die Filter erst einmal da, werden sie genau für sowas genutzt werden. Artikel 13 ist also nicht nur rechtlich und technisch fast unmöglich, er gefährdet auch kleine Plattformen und die freie Meinungsäußerung im Netz.

 

Verhöhnt, bepöbelt, diskreditiert – die entgleiste Debatte

Die Diskussion um die Urheberrechtsreform ist aktuell völlig entgleist, was vor allen daran liegt, wie die Politik mit dem Ganzen umgeht. Das Gesetz wirkt, als wäre es von Verlagen herbeilobbyiert worden (was der Wahrheit wohl nicht so fern ist). Es wurde hinter verschlossenen Türen und ohne Protokoll ausgekungelt („Trialog“).

Zivilgesellschaftliche Belange finden sich im Gesetz nicht wieder, die Rollenverteilung ist klar. „Urheber“ sind für die Parlamentarier  Verlage wie Springer, und die gilt es zu schützen. Aber Urheber, das sind Autoren und Musiker, genauso wie Youtuber und Blogger. Was passiert, wenn sich ein Verlag den Begriff „Reisetagebuch“ schützen lässt? Dann wird WordPress meine Artikel nicht ins Netz lassen. So einfach ist das.

Das ist nichts, was ich mir einbilde. Selbst der UN-Menschenrechtsbeauftragte für Meinungsfreiheit hat die EU vor Uploadfiltern gewarnt. Auch die deutsche Bundesregierung und alle Digitalexperten der Parteien waren dagegen, und trotzdem hat Deutschland hat dafür gestimmt. Auf Ansage von Angela Merkel, ganz persönlich. Obwohl im Koalitionsvertrag Uploadfilter als unverhältnismäßig, weil Zensurwerkzeug, abgelehnt werden.

Warum verhält sich die SPD bei dem Thema so still? Katharina Barley, die deutsche Justizministerin, gibt es relativ unumwunden am Rande eines Treffen mit Urhebern, die GEGEN diese Art der Reform sind und die eine Petition mit FÜNF MILLIONEN Unterschriften überreichen, zu: Der Springer Verlag hat mit einer Kampagne gegen das Justizministerium und insbesondere Barley selbst gedroht, und Barley möchte so gerne in Kürze ins Europaparlament gewählt werden. Ein unbestätigtes Gerücht besagt, dass Olaf Scholz gerne Kanzler werden möchte, und im Wahlkampf auf nachsichtige Berichterstattung in der BILD-Zeitung hofft. Na dann.

Nun gibt es also Proteste, im Netz und auf der Straße. Und wir reagieren die Politikerinnen darauf?

  • Axel Voss (CDU), Europaparlamentarier und Berichterstatter des Europaparlaments bei der Urheberrechtsreform, lügt Öffentlichkeit und seine Kolleginnen und Kollegen an. Uploadfilter stünden ja gar nicht im Gesetz, und überhaupt „Der Bürger darf Presseartikel privat nutzen und kann die auch entsprechend hochladen. Auch auf Plattformen hochladen. Das heißt, die Plattform ist dann nicht verpflichtet, hierfür eine Lizenz zu erheben, weil es autorisierte Hochladung ist. Wir als Gesetzgeber geben dem Einzelnen die Möglichkeit, diesen Artikel eben zu privaten Zwecken entsprechend auch hochzuladen.“ Das ist falsch und schon nach der jetzigen Gesetzeslage verboten.

 

  • Monika Hohlmeier, Tochter von Franz Josef Strauss und EU-Parlamentarierin, wittert angesicht der demokratischen Proteste eine gesteuerte Kampagne von Google und co. O-Ton: „Die Fake Kampagne der IT-Giganten ist aus demokratischer Sicht bedrückend. Kinder und Jugendliche zu instrumentalisieren, die nicht wissen, dass die Freiheit des Internets nicht bedroht ist. Wie übel ist das denn!“

 

  • Sven Schulze, EU-Parlamentarier für Sachsenanhalt, tutet ins gleiche Horn. Als Beleg dafür hat er ausgemacht, dass Protestmail von Google-Mailkonten versendet werden. O-Ton: „Jetzt kommen wieder sekündlich Mails zum Thema #uploadfilter & #Artikel13 rein. Mal ganz davon abgesehen, dass diese inhaltlich nicht richtig sind, stammen ALLE von #Gmail Konten.🤔 Mensch #google, ich weiß doch das ihr sauer seid, aber habt ihr diese #fake Aktion wirklich nötig?“

 

  • Die EU-Kommission besieht sich die Proteste auf den Straßen und schreibt einen Blogeintrag, in dem die Demonstranten als Mob bezeichnet werden. „The Copyright Directive: how the mob was told to save the dragon and slay the knight“).

 

  • Das EU-Parlament veröffentlicht einen Film, der so aussieht, als sei die Abstimmung schon gelaufen und in dem sich Axel Voss (s.o., der Mann, der jedem ins Gesicht lügt) sich als Retter der kleinen Künstler feiern lässt. Dazu schreibt der Twitteraccount des Parlaments: „Deine Memes sind sicher“. Als ob es darum ginge.

Was jeder einzelne tun kann

Und nun? Nun hilft nur weiterer Protest, bei den Europaabgeordneten. Denn DIE wollen im Mai wiedergewählt werden. Ich habe die Abgeordneten aus den nördlichen Bundesländern angeschrieben und ihnen deutlich mitgeteilt, warum Art. 11, 12 und 13 schlecht sind, und das ich niemanden wählen werde, der dafür stimmt. Ich habe das auf Briefpapier gemacht, damit es nicht heißt, ich sei ein Google-Bot.

Wer sich ebenfalls Gehör verschaffen möchte, kann schreiben, mailen und auch bei den Abgeordneten anrufen.

  • Die Seite https://pledge2019.eu/de ermöglicht kostenlose Anrufe bei Parlamentariern und listet die wichtigsten Argumente.
  • Die Seite http://BotBrief.eu bietet eine Übersicht mit dem bisherigen Abstimmungsverhalten der Abgeordneten und einen Musterbrief an. Auf den Seiten des Parlaments kann man seine Abgeordneten (man hat meist mehr als einen!) finden: http://www.europarl.europa.eu/meps/de/home
  • Außerdem finden am 23.03. Proteste in Form von Demonstrationen stattfinden, bevor das Parlament am 25.03. über die Reform abstimmen soll.

Die Reaktion von Manfred Weber, dem Chef der EVP im Parlament, CSU-Spitzenkandidat und designiertem JNachfolger von Jean-Claude Juncker: Er will die Abstimmung vorziehen, schon auf die nächste Woche. bevor die Proteste wirklich sichtbar werden können. [Nachtrag] Zumindest diese Idee haben sie wieder zurückgezogen. Was die Sache aber nicht besser macht, schon die Abstimmung am 25.03. ist ein rekordverdächtiges Tempo.

Also, DAZU fällt mir echt gar nichts mehr ein. Wir haben hier also einen Gesetzesentwurf, der sich anhört, als sei er von Großverlagen geschrieben worden. Dagegen regt sich in der Zivilgesellschaft Protest. Und statt mit den Menschen in Dialog zu treten und ihnen zuzuhören, verhöhnen EU-Politiker sie als Mob, werden in Gesprächen laut und wütend, vermuten gesteuerte Kampagnen und wollen am liebsten die Abstimmung vor ihnen verstecken?

 

Ich befürchte Schlimmes für die Wahl im Mai. Aber dieses Beispiel zeigt auch: Es braucht nicht mal  Rechtspopulisten, um die Demokratie in Europa auszuhöhlen. Das schaffen die Institutionen auch ganz allein.

Im Kern geht es um Meinungsfreiheit und Demokratie in Europa. Dafür setze ich mich ein. 

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Reisetagebuch 2018 (13): Unterirdisches Disneyland

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute wird es unterirdisch, in der zweitgrößten Schauhöhle der Welt und unter einer Höhlenburg.

Dienstag, 03.07.2018, irgendwo im Wald, Slowenien
Ich wache auf und bin für einen Moment ohne Orientierung. Ein holzgetäfelter Raum mit einem Tisch in der Mitte ? Das ist doch kein Hotelzimmer, wo bin ich denn hier?! Dann fällt es mir wieder ein: Ich bin in einer kleinen Hütte, mitten im Wald, in Slowenien.

Schnell springe ich aus dem Bett und packe meine Sachen. Vor dem Cottage steht die V-Strom.

Etwas oberhalb führt der Weg aus dem Wald heraus. Schilder machen darauf aufmerksam, dass der Campingplatz über eine eigene Höhle verfügt, die man nach Absprache besichtigen kann. Ich muss Schmunzeln. Höhlen hat HIER wohl jeder in seinem Hinterhof.

Auf einem asphaltierten Platz stehen mehrere Häuschen. Eines beherbergt einen winzigen Supermarkt, eines die Anmeldung des Campingplatzes und ein größeres ein Restaurant, in dem nun Frühstück für die Gäste bereit steht. Dort stürze ich einen Kaffee hinunter.

Der Campingplatz schläft noch, als ich zurück zum Motorrad marschiere. Neben der Maschine steht schon ein Wagen voller Putzmittel, und im Cottage klötert es. Die Reinigung des Häuschen hat schon begonnen.

Warum ich hier, mitten im Wald überachtet habe? Nun, in der Nähe einer Touristenattraktion übernachten und morgens gleich als Erster da sein, das hat ja gestern an den Plitvicer Seen schon gut geklappt. Also mache ich das heute doch gleich noch einmal. Ich schwinge mich in den Sattel der Barocca und steuere sie aus dem Wald heraus und den Berg hinab.

Dann fahre ich einmal links rum, und ZACK stehe ich vor DER Sehenswürdigkeit Sloweniens: Der Postojna-Höhle.

Das unterirdische Höhlensystem, das auch als Adelsberger Grotte bekannt ist, ist die zweitgrößte Besuchshöhle der Welt, nach einer in den USA.

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Momentaufnahme: Februar 2019

Herr Silencer im Februar 2019

#LastChanceToSee

Wetter: Der Monat startet mit moderaten Minusgraden und wird dann grau und warm, mit um die 5 Grad und Regen. Am dritten Wochenende bratzt plötzlich die Sonne aus allen Knopflöchern, tagsüber sind es plötzlich 14 bis 18 Grad hat, nachts jedoch noch -2. Das macht Migraine, ermöglicht aber den frühen Start der Motorradsaison.


Lesen:


Stephen Fry: Making Histroy [Kindle]

Was wäre wenn… Hitler nie geboren worden wäre? Diese Frage stellt sich Geschichtsstudent Marc. Da auf dem Campus der Universität von Cambridge zufällig ein Professor wohnt, der eine Zeitmaschine erfunden hat, bekommt er die Gelegenheit das auszuprobieren. Die Folgen sind aber anders als erwartet. Als Marc in die Gegenwart zurückkehrt, muss er feststellen, dass die NSDAP und das dritte Reich trotzdem passiert sind, aber von fähigeren Leuten als von Hitler geführt wurden. Das Resultat: England steht seit 50 Jahren unter nationalsozialistischer Herrschaft.

Ich hatte das Buch schon mal gelesen, Ende der 90er, und war von dem Alternate History Ansatz sehr angetan. Ganz viel mehr wusste ich aber nicht mehr, außer, dass mich die Ideen darin sehr beeindruckt hatten.

Tatsächlich hat Stephen Frey mehr als eine gute Idee für seine, auch durchaus ordentlich recherchierte, Geschichte. Was aber leider gar nicht geht sind Hauptdarsteller und Pacing.

Der Protagonist ist nämlich eine weinerliche, egozentrische Arschgeige, der sich hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt und es legitim findet, der Ex-Freundin das Auto zu verunstalten (aber nichtmal das richtig hinbekommt).

Satte 40 Prozent des Buches sind Exposition und Vorgeschichte. Nachdem die Story so viel Anlauf genommen hat, hat Frey aber anscheinend keinen Bock mehr sie auch ordentlich weiter zu erzählen. Der Mittelteil besteht aus Zeitsprüngen und teilweise nur aus Dialogen in Regieskripten. Ja, wirklich – Fry schreibt etliche Kapitel in einem Drehbuch („Tag, Außenaufnahme. Michael (aufgeregt): „…““). Und am Ende gibt es einen Deus-Ex-Machina-Moment, der einfach binnen Kürzestem alles auflöst.

Zusammengefasst: Tolle Story, die aber auf denkbar schlechte Art erzählt wird und einen unsympathischen Hauptdarsteller hat. Für Fans von alternativen Zeitlinien, in denen Nazis den Krieg gewonnen haben.


Hören:

Tina Turner: Simply the Best
Nach dem Musicalbesuch mal die Werke von Tina Turner durchgehört und erstaunt gewesen: Ich hatte die Musik viel rockiger und schneller in Erinnerung. Tatsächlich sind aber selbst die schnelleren Stücke („Simply the Best“, „Steamy Windows“) für heutige Ohren sehr langsam und poppig. Interessant, was das Gedächtnis aus sowas macht.


Sehen:

Gesehen in London: Theater und Musicalbesuche, Teil I
Gesehen in London: Theater und Musicalbesuche, Teil II

[Kino]

Alita Battle Angel
Das Jahr 2.600. Die Menschen leben nach einem großen Krieg in einem dystopischen Großstadtslum. Eines Tages findet Christopger Walz im Schrott einen Roboterkopf mit einem Teenagergehirn darin. Da er zufällig Cyborgdoktor ist, baut er einen Körper an den Kopf und nennt das Ganze Alita. Der Kopf hat zunächst keine Erinnerung woher er kommt und was er mal war. Deshalb entdeckt er die Welt und verliebt sich. Es gibt da nur ein Problem: Alita kann keinem Kampf aus dem Weg gehen.

OK, ich bin offiziell beeindruckt. Die Figur der Alita ist vollständig CGI, und die Performance von Rose Salazar, der Schauspielerin, die das Motion Capturing gamcht hat, ist umwerfend.

Der Film als solches hinterlässt mich aber zwiegespalten. Einerseits traut er sich Wärme, was cool ist. Der Slum wird von warmen Sonnenstrahlen erleuchtet und wirkt wie ein echter Heimatort, und die väterliche Beziehung von Christopher Walz zu Alita oder die Liebesbeziehung zwischen Alita und einem Teenager strahlt Wärme und Liebe an jeder Ecke aus.

Das steht in einem merkwürdigen Kontrast zu dem, was der Rest des Films uns zeigt: Eine dystopische Überwachungsgesellschaft in Slums und entmenschlichte Cyborgs mit Körpern aus Schrotteilen, die den allerschlimmsten Cenobiten-Alpträumen entsprungen sein könnten. Das wird aber nur en passant und als völlig normal abgehandelt. Ist es in dieser Welt auch, aber in meinem Kopf erzeugt das eine seltsame Dissonanz. Vielleicht hätte etwas mehr dark & gritty dem Ganzen gut getan.

Neben der Dissonanz habe ich aber noch zwei andere Probleme mit Alita. Im Mittelteil tritt die Story etwas arg lang auf der Stelle, Teenagerromanzen interessieren mich dann doch nur so mittel. Und: Das Ende ist krass unbefriedigend. Klar, Alita macht eine Coming of Age Geschichte durch und kommt am Ende einer Reise an, für den Zuschauer fühlt es sich aber an, als würde uns etwas Wichtiges vorenthalten. Das ist schade, denn abgesehen von von Storylängen und dem abrupten Ende ist Alita spektakulär gut und macht alles richtig: Tolle Schauspieler, riesiger Production Value, irre Actionszenen. Aber diese beiden Punkte sind es wohl, wegen denen Alita an den Kinokassen nicht gut lief, was wohl eine Fortsetzung unwahrscheinlich macht – und damit die Story auf ewig in der Luft hängen lässt.

Pastweka, Staffel 9 [Amazon Prime Video]
Pastewka ist abgebrannt. Nach dem Ende von „Frier“ und seiner Odyssee in der letzten Staffel wohnt er nun auf dem Biohof der Bruck und muss eine Arztserie für das ZDF drehen. Das ihm dabei ständig von Katja Woywood unterstellt wird, dass er ja Komiker und kein Charakterdarsteller ist, macht die Sache nicht einfacher.

Was für eine Staffel. Nachdem sowohl Serie als auch Charakter nach dem Weggang von Sat.1 im vergangenen Jahr eine überdrehte Midlifekrisis abfeierten, findet „Pastewka“ hier zu einem deutlich erwachseneren Ton und zu neuen Erzählweisen. Setzte die Serie früher fast ausschließlich auf Fremdschämmomente, werden nun andere Akzente gesetzt. Das ist auch gut so, denn andere Serien haben Fremdschäm-Humor schon so überdreht, dass die neuen Wege von Pastewka erfrischend sind.

Das tut auch den Figuren gut, die teils geerdeter (Pastewka, Anne) teils noch absurder (Bruck) daherkommen. Die Storys der kurzen Episoden spiegeln diese Erdung wieder. Es geht u.a. um Impfverweigerung und Stalking, zu denen die Serie eine Haltung hat. Sehr gelungen, sehr lustig, und das, ohne peinlich zu sein. Bitte mehr von sowas!

The Predator (2018) [Prime Video]
Bei einem Außeneinsatz findet ein Soldat Teile einer Predator-Rüstung. Die isst zum Teil auf, zum Teil schickt er sie nach Hause. Das gefällt dem Predator nur so mittel, und so kommt es zum Kampf Außerirdischer gegen Mensch. Bis beide merken, dass sie ein größeres Problem haben. 3,50 groß, um genau zu sein: Ein Predator Update.

Ah, Mensch. Das Predator-Franchise könnte so cool sein, schießt sich aber permanent selbst in den Fuß. Die 2018er Neuauflage gab Anlass zur Hoffnung, denn mit Shane Black sitzt wieder der Macher des 1987er Originals im Regiestuhl. Geholfen hat das aber nichts, der 2018er Predator hat zwar ein, zwei nette Einfälle, ist aber in der Summe ein erzählerisches Chaos und von Szene zu Szene unerträglich dumm. Wirklich, das Skript wirkt, als habe jemand besoffen den Ur-Predator gesehen und dann völlig bekifft die 2018er-Fassung zu Papier gebracht. Nun waren Predator-Filme noch nie eine intellektuelle Herausforderung, aber dieser hier ist mit seinen Rasta-Hunden, seinen Kinderdarstellern, den vergurkten Charakteren und schlimmen Onelinern so absurd dumm, dass meine Suspension of Disbelief bricht. Das ist der Moment, in dem man aus dem Film fällt und alles auf einer Metaebene wahrnimmt. Und da die sich nicht mal ironisch lesen lässt, ist dieses „Upgrade“ ein weiterer Schuß in den Fuß.


The Incredibles 2 [PSN]
Superhelden sind verboten, aber das will ein Milliardär ändern. Seiner Meinung nach braucht man einfach eine bessere PR. Um die zu bekommen, wird Mrs. Incredible mit Kameras ausgestattet und dabei gezeigt, wie sie gutes tut. Die Lobbymaßnahme funktioniert, die öffentliche Meinung ändert sich langsam. Derweil passt Mr. Incredible auf die Kinder auf.

Der erste „Incredibles“ war eine berührende Hommage an Superheldenverehrende Kinder und nebenbei ein perfekter Bond-Film. Teil 2 schließt inhaltlich nahtlos an den 14 Jahre alten Vorgänger an und liefert eine wilde Actiongeschichte, die aber Tiefgang und Herz des Originals vermissen lässt. Die Animationstechnik lässt einen Staunen, aber mehr als ein Action-Blockbuster mit Slapstickeinlagen ist „Incredibles 2“ leider nicht.


Spielen:

Red Dead Redemption 2 [PS4]
Die USA im Jahr 1899. Der Westen ist nicht mehr wild, sondern wird Stück für Stück gezähmt. Die Zivilisation breitet sich aus und bringt die Eisenbahn, asphaltierte Straßen und Elektrizität. Pinkertons sorgen für Recht und Ordnung, die unkontrollierten Gebiete werden immer kleiner. Das ist doof für Arthur Morgan, denn er ist ein Outlaw, ein Gesetzloser, der sich mit seiner Bande vor den Gesetzeshütern versteckt. Arthur ist klar, dass die Zeit der Outlaws vorbei ist. Er möchte lieber heute als morgen mit Betrügereien und Überfällen aufhören und ein geregeltes Leben führen. Das Problem dabei: Damit die Gang aus Männern und Frauen endlich sesshaft werden kann, brauchen sie Geld.

Ach welch Tragödie sich hier entfaltet. Langsam und behäbig erzählt RDR2 eine Geschichte um den Abgesang einer alten Welt und was mit denen passiert, die sich nicht ändern können oder wollen. Nach einem storytechnisch spannenden Einstieg wird die Geschichte über lange Zeit recht gemütlich – hier ein Raubüberfall, dort eine Gaunerei, oh wie schön ist das Leben als Outlaw.
Die Handlung steht hier still oder dreht Schleifen, fast möchte man dem Spiel zurufen „nun mach hinne!“.

Das ändert sich im letzten Drittel aber dramatisch. Dort verschlägt es Arthur nicht nur in Gefilde außerhalb der USA, auch sein Charakter macht eine massive Entwicklung durch. Das ist bedrückend inszeniert und macht noch deutlicher, das RDR2 kein Spiel für die Freunde von Happy Ends ist. Das die eigenen Entscheidungen aber Auswirkungen auf das Ende der Geschichte von Arthur Morgan haben, ist ein schöner Nebeneffekt. Mit Arthurs Story endet aber nicht die von RDR2, das sich Mühe gibt Brücken zum storytechnischen Nachfolger Red Dead Redemption zu bauen – und das supergut macht.

Der eigentliche Star bei RDR2 ist die lebendige und wunderschöne Welt, sowas hat man auf der 8. Konsolengeneration noch nicht gesehen. Die Wildnis ist superdetailiert dargestellt, überall hoppeln und springen und summen perfekt animierte Tiere durch die Welt. Die Details sind völlig irre: An Wagenreifen bleibt Match kleben, Pferde äpfeln wo sie stehen und gehen, wenn Arthir längere Zeit nicht badet, wird das von anderen kommentiert.

Diese Welt ist auch nicht vollgemüllt mir Icons, die auf Aktivitäten Hinweisen. Icons gibt es nur für Storymissionen, ansonsten ist die Welt jederzeit und überall offen für Jagen, Reitrennen, Angeln, Kartenspielen, Blumenpflücken und Karten sammeln. Außerdem geistern skurrile Charaktere darin herum, denen man ab und an zufällig begegnen kann, und die alle ihre eigene Story mitbringen. All das kann man machen, muss es aber nicht. Ich habe mich nur auf die Hauptstory konzentriert und all das Nebengetue ignoriert, ohne dadurch Nachteile gehabt zu haben. Vorbildlich!

Schwachpunkte des Spiels sind die unintuitive Steuerung und ein Bewegungsmodell, dass einen durch ständige Restriktionen in den Wahnsinn treibt. Arthur bewegt sich in Schneckengeschwindigkeit, weil er sich mal in einem Camp, mal in einer besonderen Straße befindet. Mal kann er Waffen tragen und ziehen, mal nicht. In Missionen sind auch die Laufwege festgelegt, was zu einer seltsamen Situation führt: In der freiesten und offensten Spielewelt, die man bislang erleben durfte, spielen sich die Missionen wie auf Schienen.

Außerdem zieht sich das Ganze wie sau. Da eine ordentliche Schnellreisefunktion fehlt, ist man ständig damit beschäftigt von A nach B zu reiten, und das dauert. Um von einer Seite der Karte zur anderen zu kommen braucht es rund 20 Minuten. Die Intention ist klar: Man soll die lebendige Welt erleben! Macht man aber nicht. Man kann nämlich das eigene Pferd auf Autopilot stellen und sich in der Küche ein Brot schmieren, wenn der Gauk durch die Gegend galoppiert. Gefühlt ist man fast die Hälfte der 70 Stunden mit Brot schmieren beschäftigt, und wenn man die Hälfte eines Spiels in der Küche verbringt, ist das nicht OK.

Red Dead Redemption 2 ist ein episches Werk, das viel richtig macht, und in dem unfassbar viel Mühe steckt. Perfekt ist es aber nicht, das verhindert die Steuerung und die (viel) zu lang gestreckte Spielzeit.


Machen:
Eine Reise nach London.


Neues Spielzeug:

Bild: Marks & Spencer

  1. Ein Morgenmantel. So ein richtig klassischer, karierter Arthur-Dent-Morgenmantel aus Flanell, gekauft bei Marks&Spencer am Marble Arch.

  2. Ein Sojourn 60 von Osprey. Bei diesem Rucksack kann man die Tragegurte komplett einfalten und ihn wie ein Duffelback oder einen Trolley benutzen.

Ich verachte ja Trolleys und bin ein großer Fan meines Cabin Max 44 Rucksacks, der als Handgepäck durchgeht und in den ich für Reisen bis zu 2 Wochen alles reinbekomme. Aber die nächste Reise wird länger und größer, da sind 15 Liter mehr Stauraum und die Möglichkeit zum Rollen schon wertvoll.

Mit dem Sojourn habe ich geliebäugelt, seitdem ich ihn vor 8 Jahren mal bei einer Bahnreisenden gesehen habe – nun hatte ich die passende Ausrede um ihn mir zuzulegen.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Momentaufnahme Spezial: Gesehen in London (2)

London im Februar 2019. Wenn ich schon das letzte Mal vor dem Brexit hier bin, dann kann ich mir auch gleich die volle Dröhnung Kultur geben. Das hier ist Teil zwei der Theater- und Musicalvorstellungen, die ich besucht habe.


Tina [Aldwych Theatre]

Die USA in den 40er Jahren. Da ihr Vater gewalttätig ist, wächst Anne Mae Bullock bei ihrer Großmutter in Tenessee auf. Später lernt sie in St. Louis einen begnadeten Musiker kennen: Ike Turner. Er nimmt sie in seine Band auf, gibt ihr den Namen Tina Turner, und zusammen feiern sie große Erfolge als R&B-Duo.

In den 70ern verfällt Ike zusehends den Drogen und wird gewalttätig. Oft schlägt er seine Frau so zusammen, dass sie nur unter Schmerzen auf der Bühne stehen kann. Dennoch bleibt sie bei ihm. Erst, als er anfängt auch ihre gemeinsamen Kinder zu verprügeln, trennt sich Tina und versucht eine Solokarriere aufzubauen, hat damit aber keinen Erfolg. Ihr fehlt das Startkapital dafür, denn von Ike bekommt sie keinen Cent. Und schlimmer noch: Sämtliche Rechte ihrer Songs liegen bei ihrem Ex-Mann. Sie darf nicht mal mit Liedern auftreten, die sie selbst geschrieben hat.

Tina ist am Boden, als sich ein junger Produzent aus London meldet. Er ist besessen von der Idee, Tina Turner mit neuem Material und einem neuen Sound auf die Bühne zu bringen. Es sind die 80er, und er träumt davon, das Tina zu Synthesizern sein Lied „What´s Love got to do with it“ singt. Aber Tina will nicht, denn sie mag die Musik nicht. Auch die Plattenlabeln lehnen ab. Wer will schon eine fast 50jährige R&B-Sängerin hören?

In „Tina“ bin ich reingestolpert ohne zu wissen worum es geht oder was mich erwartet. Tina Turner kannte ich als jemand, der Mitte er 70er geboren ist, nur als Superstar mit Rockröhre und alberner Perücke. Was für einen Weg diese Frau bs zu diesem Punkt hinter sich hatte, war mir gar nicht klar.

Das Stück ist ein Jukebox-Musical, d.h. in Szenen aus Turners Leben werden immer wieder durch Kurzfassungen ihrer Songs eingewoben. Dazu wird mit starken Bildern gearbeitet. So wird in der Szene, in der Tina alle Kraft zusammen nehmen muss um Ike endgültig zu verlassen, die Quelle ihrer Kraft durch all die Frauen visualisiert, die ihr Leben bis dahin geprägt haben. Bewegungslos stehen ihre Großmutter, ihre Mutter und Baumwollpflückerinnen hinter ihr, im Halbdunkel der Bühne nur Schemenhaft zu sehen, während Tina kämpft.

Kompletter Trailer

Völlig großartig ist aber der Cast. Kobna Holdbrook-Smith sieht wirklich exakt aus wie Ike Turner. Hauptdarstellerin Adrienne Warren sieht der echten Tina Turner zwar nicht wirklich ähnlich, channelt in ihrer Performance aber die Sängerin einfach nur perfekt. Warren ist ein muskulöses Kraftpaket und interpretiert (nicht imitiert!) Tina Turners Tanz und Gesang auf den Punkt.

Beeindruckend ist, wie sie im Verlauf des Stücks lernt so zu singen, wie ich Tina Turner später kenne:

Einfach nur: Wahnsinn. Adrienne Warren ist nicht mehr lange in London zu sehen. Das Westend ist eine Experimentierbühne für den New Yorker Broadway, und dahin zieht „Tina“ in Kürze um.


The Comedy about a Bank Robbery [Criterion Theatre]

Die USA in den 50ern. Ein Knacki bricht aus dem Knast aus und plant gleich den nächsten Bruch. Das sein Gehilfe ein unterbelichteter Gefängniswärter, seine neue Flamme eine Trickbetrügerin und der Bankchef selbst ein Gangster ist, hilft beim Bankraub nicht.

Screwballkomödie der Macher von „The Play that Goes Wrong“. Während bei dem die gesamte Bühne in sich zusammenfällt, setzt die Bankraubkomödie mal auf Wortspiele, mal auf Slapstick. Das ganze ist übertrieben und massentauglich, deshalb aber nicht unkomisch. Lediglich das Auswalzen mancher Gags, bis die auch der letzte Depp verstanden hat, ist etwas nervig. Die Produktion überrascht aber immer wieder mit coolen Einfällen, wie einer Szene, die das Publikum komplett von Oben erlebt – was natürlich bedingt, dass die Schauspieler senkrecht an einer Wand agieren. Das Ende ist unerwartet und unnötig blutig, bis dahin aber ein netter Spaß mit ebenso vielen coolen wie nervigen Momenten.


Aladdin [Prince Edward Theatre]

Der Dieb Aladdin findet eine magische Lampe. Darin: Ein ziemlich durchgeknallter Geist, der drei Wünsche erfüllt. Das trifft sich gut, denn Aladdin hat sich gerade in Prinzessin Jasmin verliebt, die Tochter des Sultans. Mit Hilfe des Geists verwandelt sich der Straßenjunge in einen Prinzen – und kassiert einen Korb von der selbstbewussten und emanzipierten Prinzessin.

Nettes, kleines Musical. Knallbunt und überdreht, nette Musicalnummern, mittelmäßiger Gesang. Zielgruppe eindeutig Kinder. Lacher des Abends: Aladdin: „Wo kommst Du her, Geist?“ Dschinn: „Aus Wakanda“.


Berberian Sound Studio [DonMar Warehouse]

In den 70ern: Signore Santini holt den Soundtechniker Gilderoy aus England in sein Studio nach Rom, um seine Filme aufzupeppen. Allein in einem fremden Land kämpft Gilderoy mit Sprachbarrieren und der seltsamen Atmosphäre im Soundstudio. Schließlich stellt sich noch heraus, dass die hier zu vertonenden Filme Horrorstreifen sind. Das nimmt den sensiblen Engläner, der bis dahin Tierdokumentationen vertont hat, nachhaltig mit. Im Laufe seiner Arbeit an einem Folterstreifen kommt ihm zudem ein übler Verdacht: Sind die abartigen Filmszenen am Ende nicht mit Kunstblut gespielt, sondern Wirklichkeit?

Wieder mal eine Vorstellung im DonMar Warehouse, einem sehr kleinen Theater, das für seine hochwertigen Produktionen bekannt ist. Hochwertig und seltsam, muss man wohl dazu sagen, denn die Stücke, die ich dort bislang gesehen habe, zeichnen sich durch seltsame Inkonsequenz aus. So auch hier: Das Stück strotzt vor Ideen, der Plot entspinnt sich langsam, fängt an interessant zu werden – und nach nicht mal 90 Minuten endet alles abrupt. Ganz so, als hätte die Regie die Lust an der Geschichte verloren und jetzt mal Feierabend machen wollte. 30 bis 45 Minuten mehr Laufzeit, und alles würde einen Sinn ergeben. So wirkt die Geschichte abgehackt und lässt einen verwirrt zurück.

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Momentaufnahme Spezial: Gesehen in London

Ah, London. Die Stadt mit der höchsten Musical- und Theaterdichte der Welt. Als ich das letzte Mal da war, im Februar 2017, versprach ich mir selbst: Ich würde nach London zurückkehren. Aber erst, wenn ich Karten für „Harry Potter and the cursed Child“ bekäme.

An Karten für den offiziellen achten Teil der Harry Potter-Sage zu kommen ist nämlich gar nicht einfach. Immerhin handelt es sich hier um das nachgefragteste Theaterstück der Welt.Man stelle sich vor, es gäbe einen neuen Star Wars-Film, der nur in einem Kino auf der Welt läuft – exakt so ist das mit Harry Potter 8-

Mittlerweile sind zwar auch Ableger in New York und Melbourne und demnächst auch in Hamburg geplant, aber London ist aktuell von Besuchern aus der ganzen Welt total überlaufen. Alle vier Monate lässt das Theater neue Karten raus, für Vorstellungen 12 Monate in der Zukunft. Was für ein Abenteuer die Buchung letztlich ist, habe ich hier aufgeschrieben. Zwei Jahre hat es gedauert, dann war es soweit: Ich hatte einen exzellenten Sitzplatz im meist nachgefragtesten Theaterstück der Welt.

Und wenn ich schon mal in London bin, dachte ich mir, nutze ich gleich die Gelegenheit und gucke mir noch ein paar andere Sachen an. So habe ich über das ganze letzte Jahr mal hier, mal da was gebucht. Am Ende war ich jeden Tag mindestens ein, manchmal zwei Mal im Theater oder in einem Musical. Nicht alles war super, aber das meiste schon. Highlight: Gillian Anderson! Totaler Reinfall: Hamilton. Aber der Reihe nach. Das hier habe ich in London in der vorvergangenen Woche gesehen:


All about Eve [Noël Coward Theatre]

Die USA in den 50ern: Margo Channing ist die Königin des Theater. Publikum und Kritiker liegen ihr zu Füßen. Doch dann kommt Eve. Die junge, schöne Frau vom Lande gibt sich als großer Fan von Margo aus und wird schnell zu ihrer Assistentin. Dort nutzt Eve die Nähe, um die Ältere zu studieren. Stück für Stück drängt Eve, das unverdorbene, talentierte Mädchen, die neiderfüllte Margo aus dem Rampenlicht – bis sie selbst in die Mühlen des Sowbiz gerät und ihr ein Mann bescheidet: „Du bist jetzt mein Eigentum“.

Gillian Anderson lebt seit dem Ende der X-Akten in London, und alle paar Jahre, wenn sie Lust drauf hat, steht sie auf einer Bühne im Westend. Wie sehr sie Lust auf die Rolle der Margo hat, merkt man ihrem Spiel deutlich an. Sie ist diese Grande Dame, die Diva, die sich jüngere Männer hält und deren Welt abseits der Bühne aus Intrigen, Seidenkleidern und Gin Tonic besteht.

In beeindruckenden Szenen bringt Anderson auf den Punkt rüber, das ihre neidische und eifersüchtige Margo ein Produkt eines erbarmungslosen Kults um Jugend und Eitelkeit ist. Echt, diese Performance ist ein Knaller. Als Agent Scully war Gillian Anderson oft nur Sidekick von Mulder, aber hier beherrscht die zierliche Frau mit ihrer Präsenz die gesamte Bühne. Ein Glücksfall, denn eigentlich sollte Cate Blanchett in dieser Produktion die Margo Channing spielen. In der Vorlage, einem Schwarz-Weißfilm aus den 50ern, wurde die Rolle übrigens von Bette Davis verkörpert.

Lily James (Cinderella, Mamma Mia! Here we go again, Baby Driver, Stolz und Vorurteil und Zombies) steht dem Spiel Andersons zum Glück in nichts nach und gibt das Mädchen vom Lande mit einer zugleich naiven wie sinistren Note.

Dass das Stück mit Videoprojektionen angereichert ist, ist der eigentliche Gag dieser Produktion. Immer wieder sieht man über der Bühne Aufnahmen von Kameras, die entweder die Gesichter der Protagonistinnen im Closeup zeigen, zu anderen Orten schalten oder in Räume hineinsehen, die auf der Bühne zwar vorhanden, aber für die Zuschauer nicht einsehbar sind. Das erlaubt Handlungssprünge, aber auch subtiles Spiel oder Einblicke in die Gedankenwelt der Darstellerinnen. In einer Szene etwa seht man Gillian Anderson in Großaufnahme, wie sie sich selbst im Spiegel sieht. Zunächst normal, dann schaltet das Videobild in ihre Gedankenwelt um. Falten werden tiefer, Augenringe dunkler, bis man als Zuschauer begreift, das Margo sich in diesem Moment als uralte Frau sieht.

Schöner Einfall: Das Publikum sieht das Gesicht der Protagonistin in Großaufnahme.

Sehr clevere Produktion mit einem großartigen Cast. Verantwortlich für die melancholische Musik: PJ Harvey.

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Saisonstart, dieses Jahr ohne Frühling

Die Moppedsaison startete dieses Jahr ohne viel TammTamm und ohne viel Frühling. Normalerweise läutet das Frühlingswiesel den Saisonstart ein und macht dafür vorher die Bäume grün und die Blumen blühen, aber 2019 war es im Februar einfach schon so warm, dass zumindest die V-Strom raus wollte. Die ZZR ist eine kleine Diva und zickt nach dem Winter immer etwas, aber die große Schwarze sprang sofort an und wurde erstmal 50 Kilometer auf der Hausrunde bewegt. Bei 17 Grad. Am 23. Februar. Unfassbar.

Wir starten mit folgenden Kilometerständen in die Saison 2019:

Kawasaki ZZR600 Renaissance: 90.002
Suzuki DL650 V-Strom Barocca: 54.892

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Reisetagebuch (12): Cabin in the Woods

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht von Kroatien nach Slowenien und erst an den See, dann in den Wald.

Sonntag, 01. Juli 2018, Kaštel Lukšić, Kroatien
Ich wache von meinem eigenen Bauchgeräuschen auf. Schon den zweiten Tag. Durchfall. Hätte besser doch nichts von dem Leitungswasser auf dem Schiff trinken sollen. Aber was wäre die Alternative gewesen? Verdursten?

Ich blicke aus meinem Zimmer in der „Villa Cezar“ über die Dächer des kleinen Orts. Das Wetter gleicht meiner Stimmung. Es ist grau und bewölkt und es regnet.

Würstchen, Rührei, gutes Brot, verschiedene Konfitüren, fetter Käse – das Frühstück ist sehr gut, und das sage ich auch. Das zaubert der grummeligen Oma, die im Familienbetrieb offensichtlich für das leibliche Wohl der Gäste zuständig ist, ein Lächeln ins Gesicht.

Es regnet, und deshalb steige ich gleich vor der Abfahrt in die Regenkombi und steuere die V-Strom erst vom Hof, als ich wasserdicht in die StormChaser-Kombi eingepackt bin. Es ist Sonntag, und die Landstraße noch wie ausgestorben. Es geht die Küstenstraße entlang, erst Richtung Westen, dann nach Norden. Das ist nur so mittelspannend, auch wenn die Straße spektakulär gut und toll zu fahren ist. Sie ist halt auch ein wenig langweilig.

Bild: Google Earth 2018

Es gibt immer wieder stärkere Regenschauer, dazwischen Trockenphasen. Heute stehen 6 Stunden Fahrt an, das gefällt mir. Nur fahren, fahren, fahren, mehr will ich auch gar nicht. Die V-Strom rollt durch kleine Orte, duckt sich durch weite Kurven und schrubbt über leere Graden. Zwischendurch gibt es immer wieder stellen mit tollen Ausblicken, wie diesen spektakulären Brücken.

Im Laufe des Tages wird die Straße interessanter. Je weiter ich nach Norden komme, desto mehr Kurven gibt es und desto spektakulärer werden die Ausblicke auf die Felsenküste und die vorgelagerten Inseln.

Auf Höhe des Ortes Zengg biege ich ab ins Landesinnere. Es geht über die Berge, die hinter dem Küstenstreifen beginnen, und dann in das Hinterland. Das ist lauschig grün und sieht eher aus wie das Alpenvorland.

Bild: Google Earth 2018


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N7adelwerk

Ab und zu habe ich auch einen Mach-Deine-Scheiße-Tag. Dann reisse ich mich zusammen und mache den Kram, der schon schon lange liegt und doch endlich mal gemacht werden muss.

Normalerweise fällt es mir nicht schwer auch unliebsame Dinge anzupacken. Augen zu und durch und fertig, das ist normalerweise meine Devise.

Was aber wirklich immer liegen bleibt sind Nähsachen. Übers Jahr hat halt diese Jackentasche ein Loch bekommen und hier hat sich eine Naht gelöst und da will ein Reissverschluss nicht mehr und hier müsste mal eine Gurtschnalle erneuert werden…

Einmal im Jahr, meist vor Beginn der Motorradsaison, setze ich mich dann hin und greife zu Nadel und Faden. Nadelwerk, eben. Ich kann nicht besonders gut oder sauber nähen, aber ich kriege die Sachen hin, die gemacht werden müssen.

In diesem Jahr was das nicht nur lästige Pflicht. Klar gab es die doofen Löcher und blöden Nähte…

Aber es gab auch Dinge mit Nadel und Faden zu tun, die mir Spaß machen: Optimierung und De-Branding.

Optimierung heißt meistens: Unpraktische Dinge an Kleidung und Gepäck ändern und leichter machen. So habe ich zum Beispiel richtig gute Packing Cubes geschenkt bekommen. Das sind diese Einsätze, die man in größeren Gepäckstücken nutzt um Ordnung zu halten. Superleicht und wirklich praktisch. Die wären sogar noch leichter, wenn der Hersteller nicht drauf bestanden hätte, auf JEDEN Cube ein dickes Gummidings mit dem Markennamen aufzunähen.

Dieses Gumidings wiegt fast so viel wie einer der kleinen Packingcubes. Also zur Nähschere gegriffen und die Cubes davon befreit. Zack, wieder Gewicht gespart. Und es sind diese kleinen und kleinsten unnötigen Gewichte, die sich addieren die in der Summe darüber entscheiden, wie schwer und handhabbar am Ende das gesamte Reisegepäck ist.

So ganz nebenbei sehen die Cubes ohne Branding auch noch besser aus.

De-Branding betreibe ich übrigens sehr gerne, gerade bei Taschen und Ruckssäcken. Gefühlt gibt es bei Gepäckstücken nur zwei Extreme:

  1. No-Name-Sachen ohne Branding. Die fallen meist in China direkt so aus der Fabrik raus. Ist aber meist billiger Mist, der nach zwei Mal angucken auseinanderfällt.

  2. Relativ gute und wertige Taschen und Backpacks, die aber auf´s heftigste gebrandet sind und bei denen das Herstellerlogo mindestens drei Mal auf jeder kleinen Lasche steht.

Ich mag Qualität, aber ich weigere mich, mit Rucksäcken rumzulaufen, auf denen fett „Jack Wolfskin“ oder „The North Face“ oder sowas steht. Ich habe keinen Bock Werbung für diese Marken zu laufen, und deshalb habe ich vor einige Jahren angefangen den Herstellerschriftzug zu übernähen und Anhänger und Zipperlaschen mit dem Firmenlogo einfach abzuschneiden oder gegen was Neutrales zu ersetzen.

Ehrlich, ich habe eine fast schon körperliche Aversion gegen diese Outdoormarken. Wenn ich durch die Fußgängerzone gehe und jeder Zweite hat ein fettes „Wolfskin“ oder sonstwas-Logo auf der Schulter, ich möchte mich auf selbige erbrechen.

Leider machen die Outdoorhersteller aber oft ganz cooles und hochwertiges Zeug. Dieser Zwiespalt hat bei mir zu einer De-Branding-Obsession geführt. Echt, bevor ich mir irgendwas Neues zulege, schaue ich sogar, wie gut sich die Herstellerlogos entfernen oder abdecken lassen.

Zum Übernähen der ersten Logos hatte ich nichts anderes als Flauschband von Klettverschlüssen. Hier stand zum Beispiel mal fett „Jack Wolfskin“, mitten auf dem Brustgurt, und an dem Reissverschluss hing ein murmelgroßer und -schwerer Anhänger mit Tatzenlogo.

Hm. Sieht nicht so ganz supi aus. Was könnte man da mal draufkletten? Sollte am Besten was sein, was mir was bedeutet. Ah, ja:

Nun kann ich nicht auf jeden Rucksack drei Mal das EU-Logo draufmachen. Irgendwann kam mir der Gedanke, das es nett wäre, aus der No-Logo-Haltung einen Nerd-Gag zu machen. Sprich: Die bekannten Marken auszutauschen gegen eine, die es in der wirklichen Welt nicht gibt, die Insider aber erkennen würden.

So kam es, dass die besten meiner Rucksäcke und Taschen den Schriftzug „N7“ tragen. Das ist ein Insidergag für die Fans von Science Fiction. Im fiktiven Universum der „Mass Effect“-Reihe bezeichnet N7 die höchste Qualitätsstufe. Die beste Ausrüstung trägt bei Mass Effect immer das N7-Logo.

Die meisten dieser Patches sind immer noch mit Klett aufgebracht. An Orten, wo ich seriös auftrete, sind die schnell entfernt. Ansonsten freue ich mich über diesen kleinen Gag, der mich nicht in eine laufende Litfaßsäule für Outdoorhersteller verwandelt und der dafür sorgt, dass meine Gepäckstücke unverwechselbar sind. Wenn Sie also einmal auf einem Bahnhof umgerannt werden, und der davon Eilende trägt einen Rucksack mit einem N7-Logo, dann wissen Sie, wer das war.

Hier einige Stücke aus der aktuellen N7-Kollektion:

Ist das bescheuert? Vielleicht. Aber ich habe meinen Spaß dran, und beim diesjährigen Nadelwerk-Tag wurde auch wieder massiv De-Branding betrieben. Adieu, Osprey-Geier, hallo neutraler Patch.

Neutral zumindest so lange, bis das Gepäckstück sich bewährt und es verdient hat, mit einem N7-Schriftzug geadelt zu werden.

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Reisetagebuch (11): Split

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es von Dubrovnik nach Split und dabei ganz kurz durch Bosnien-Herzegowina.

Samstag, 30.06.2018, Dubrovnik
Die „Villa Dubrovnik Gardens“ heißt nicht umsonst so. Das Steinhaus liegt in einem großen Garten, der mit seinen Bäumen und hohen Büschen das Äußere zuverlässig abschirmt. Ein kleiner, grüner Urwald, bevölkert von Gartenzwergen und Katzen, direkt über der Altstadt von Dubrovnik.

Was den Garten noch besser macht: Hier servieren Anita und Marjana, die beiden Haushälterinnen, das Frühstück. Ein „Alles, was man sich wünschen kann“-Frühstück. Es gibt Rührei, gebratene Würstchen und Pilze, dazu Toast, eine Aufschnittbuffet, und am Platz wartet ein warmes Schokocroissant. Garten Eden? Dicht dran!

Eine kleine Katze guckt mir beim Frühstück zu und versucht zwischendurch mit einem gezielten Sprung in den Joghurtteller etwas davon zu erhaschen.

Danach schleppe ich die Koffer zum Motorrad und stelle dabei erstaunt fest, dass die Frühstückskatz noch eine Schwester hat. Auf dem Rückweg sind es schon drei. Diese Katzen vermehren sich schneller als Tribbles!

Ich verabschiede mich von Anita und Marjana, dann stürze ich mich in den Stadtverkehr von Dubrovnik.

Geht nicht anders. Eigentlich will ich ja nur raus aus der Stadt, und die Ausfallstraße liegt nur eine Straße und damit 50 Meter über der, in der ich mich gerade befinde… aber leider hat Dubrovnik ein superkomplexes System aus Einbahnstraßen.

So muss ich erst einmal ganz hinunter in die Stadt und um die Festung herum, durch den Busbahnhof, über den LKW-Zubringer zum Hafen und bin dann FAST wieder da wo ich vorher war – nur, dass ich jetzt auf die Küstenstraße stadtauswärts einbiegen kann.

Bild: Google Earth 2018

Der Verkehr auf der Küstenstraße ist recht dicht, aber das gibt sich bald. Je weiter ich nach Norden komme, desto weniger wird der Verkehr.

Ich kann der V-Strom die Sporen geben, und auf dieser Straße ist das Fahren die wahre Wonne. Tief duckt sich die Maschine in die Kurven, während sie auf den wenigen geraden Abschnitten geradezu dahingleitet. Schneller als 80 ist zwar nicht erlaubt, aber das ist auch gut so – ab und an sind hier Wohnmobile unterwegs, die tauchen auch gerne mal unvermittelt hinter Kurven auf. Es ist ein sportliches, aber entspanntes Fahren. Herrlich!


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Tips für London 2019


Wissenswerte Dinge für den Besuch der britischen Hauptstadt:

1. Gute Tage, schlechte Tage
Anders als in anderen Ländern ist Montags nicht generell Ruhetag, auch die meisten Museen haben dann geöffnet. An Wochenenden und Feiertagen ist es in Central London ruhiger als unter der Woche – im Zentrum wohnt halt niemand mehr, da arbeitet man nur noch. Illusionen muss man sich freilich nicht machen. In London ist immer Touristensaison (wir befinden uns noch vor dem Brexit), so dass die touristischen Sehenswürdigkeiten ab ca. 11:00 Uhr zu jeder Jahreszeit recht voll sind. Am besten früher hingehen.

2. Essen und Trinken
Man geht im Restaurant auf das Personal zu und lässt sich platzieren, einfach irgendwo hinsetzen ist nicht üblich.
Trinkgeld gibt man in Pubs nicht. In Restaurant muss man genau hingucken. Manchmal schon ein vorgeschlagenes Trinkgeld auf der Rechnung hinzuaddiert, manchmal ist „Bediengeld“ speziell ausgewiesen. Ist beides nicht der Fall, packt man 10 Prozent drauf, aber nur wenn der Service wirklich gut war.

3. Anreise

  • Anreise per Flugzeug geht, allerdings sind die Flughäfen weit draußen. Bis man dann mit Bus oder Bahn in der Stadt ist, dauert das seine Zeit. Von Heathrow gibt es den „Heathrow Express Zug“ nach Paddington.
  • Anreise per Bahn ist aus Deutschland eine gute Alternative, in 8 Stunden kann man in London sein. Von Deutschland aus nach Brüssel oder Paris, von dort mit dem Eurostar durch den Tunnel und zum Bahnhof St. Pancras. Karten kosten als „Europaticket“ 79,00 Euro
  • Mit dem eigenen Auto nach London zu fahren ist Quatsch. Parkplätze gibt es nicht, dafür eine Citymaut und wild gewordene Taxifahrer.
  • Tube: Die U-Bahn ist das Verkehrsmittel der Wahl. Das Liniensystem ist farb- und nummerncodiert, die Richtungen sind nach den Endstationen benannt. Einfacher geht es nicht. Unbedingt einen Plan besorgen (gibt es an den Infohäusschen gratis), der ist der wichtigste Ausrüstungsgegenstand bei einer Londonreise.

4. Tips für die U-Bahn

  • Tageskarten gibt es in verschiedenen Formen. Stressfrei ist die Travelcard, das ist ein Papierticket mit einer Gültigkeit von 1 oder 7 Tagen, die Zahl der gültigen Zonen legt man selbst fest. Als normaler Besucher benötigt man nur Zone 1-2, mit einer Gültigkeit von 7 Tagen kostet das 41,50 Euro/36 Pfund.
  • Alternativ: Die Visitor Oystercard. Das ist eine Plastikkarte, die mit einem Geldbetrag von 15, 20, 30, 40 oder 50 Pfund aufgeladen wird und die heftigen Rabatt auslöst. Einzelfahrten kosten statt 4,80 Pfund nur noch 2,40. Maximal zahlt man pro Tag so viel wie mit einer Travelcard, alles darüber hinaus ist kostenlos. Mit anderen Worten: Man zahlt nie mehr als 7,00 Pfund pro Tag, egal wieviel man fährt. Von Montag bis Sonntag wird auf maximal 36 Pfund beschränkt, d.h. man bekommt zwei Tage umsonst und in exakt diesem Zeitraum kostet die Oyster soviel wie eine 7-Tage-Travelcard. Hat man allerdings mehr als einen Tag Versatz drin (Aufenthalt von Dienstag bis Montag o.ä.) ist es sinnvoll eine elektronische Travelcard auf die Oyster zu laden. Mit der fährt man sieben Tage, unabhängig von der Kalenderwoche, für 36 Pfund. Zum Geldbetrag, den man auf die Oysterkarte bucht, kommen 5 Pfund als Pfand für die Plastikkarte selbst, sowie 3 Pfund Aktivierungsgebühr. Diese RFID-Karte lässt sich immer wieder an Automaten oder einem von 3.700 Oystershops (erkennbar an dem Schild „Transport for London“, TfL) aufladen oder nach Gebrauch zurückgeben, dann wird der Pfand erstattet.
  • Die TFL Oyster-App ist ein Goldstück, mit der kann man (bei hinterlegter Kreditkarte) ad hoc Geld auf seine Oystercard laden. Aber Achtung: Man muss den Aufladungsbetrag „einsammeln“, in dem man binnen 3 Tagen die Karte in der U-Bahn oder einem Bus vor Ort nutzt. Ansonsten wird das Guthaben wieder auf die Kreditkarte zurückgebucht.
  • Travelcards aus Papier gibt es in Oystershops und an Automaten, Oystercards aus Plastik nur in den Ticketshops an Bahnhöfen.
  • Eine Kreditkarte mit kontaktloser Bezahlfunktion (zu erkennen an dem NFC-Symbol auf der Karte) oder Applepay funktionieren wie eine Oystercard. Einfach beim Betreten und Verlassen von U-Bahnen, Bussen oder Stadtbahnen Karte oder Gerät an ein Lesegerät halten, fertig. Vorteil: Man braucht nichts aufzuladen oder sich Gedanken um Tarife machen, man braucht keine Registierung und das „Daily Cap“, die Kappungsgrenze von 7,00 Pfund pro Tag, zählt auch hier. Aber Achtung: Bei Kreditkarten aus Deutschland kommt dann noch eine Auslandseinsatzgebühr von der Bank oben drauf, je nach Geldinstitut 1,75 bis 4 Prozent. Das macht die Fahrt teurer als mit einer Oyster. Wichtig: Immer mit derselben Karte auschecken, mit der man eingecheckt hat, sonst kostet das 8,20 Pfund Strafe.
  • Über Streiks und baubedingte Ausfälle informiert man sich auf den Seiten der Transport for London.
  • London ist in 6 Zonen aufgeteilt. Die ganze Innenstadt ist in Zone 1 und 2 (mehr braucht man als Tourist nicht), Zone 6 ist Heathrow.
  • Greenwich ist Zone 3. Um mit einem Zone 2 Ticket trotzdem dorthin zu gelangen fährt man mit der Tube bis Canarys Wharf, von dort aus dann mit dem Zug (DLR, District Light Railway) nach Süden bis Island Gardens. Von dort nimmt man den alten Fußgängertunnel, der direkt vor dem Bahnhof ist, unter der Themse hindurch und ist 10 Minuten später in Greenwich.
  • Der Kauf von Einzelfahrscheinen ist nicht empfehlenswert, die sind sehr teuer (eine Fahrt 4,80 Pfund)

5. Rabatte und Touristenkarten
Es gibt einen „Londonpass“, der freien oder reduzierten Eintritt ermöglicht. Gültigkeitsdauer 1 bis 6 Tage, kostet zwischen 88,00 und 186,50 Euro. Eintrittspreise in London sind sehr hoch, auch für Kirchen. Daher KANN sich der Londonpass rechnen, muss aber nicht. Man sollte sich vorab die Mühe machen und sich überlegen was man besichtigen möchte, und dann auf dieser Seite schauen, ob sich ein Londonpass wirklich lohnt. In der Regel tut er das eher nicht, zumal er nicht mit Onlinebuchungen zusammen funktioniert (siehe 6.).

6. Hotels
Sind in London sehr teuer. Zur Hauptsaison zahlt man in der Innenstadt 120 Euro und mehr pro Nacht. Ein gutes und günstiges Viertel habe ich um den Bahnhof Paddington herum gefunden, nördlich der Kensington Gardens. Dort gibt es in der London Street und im Norfolk Square schöne und günstige Hotels. Von dort ist man zu Fuß in 30 Minuten und mit der Tube in 15 Minuten an der Themse, Zimmerpreise gehen bei 54 Euro los. Mehr auf der Karte.

7. Online buchen
Generell ist es immer eine gute Empfehlung vor der Reise online Tickets zu kaufen. Gerade in London sind die Warteschlangen oft SEHR lang. Onlinetickets sind günstiger und ermöglichen das Überspringen der normalen Warteschlangen, allerdings muss man sich oft auf eine Zeit festlegen. Die erste Adresse für alle möglichen Buchungen, Infos und Karten ist http://www.visitlondon.com

8. Handy und Internet
Hotel-WLANs sind vielerorts Glückssache. EU-Roaming ist in der Theorie ja kein Problem mehr, in der Praxis drosseln die großen Netzbetreiber, allen voran O2-UK, roamende Festlandeuorpäer auf 3G-Schneckentempo runter. Es empfiehlt sich daher eine SIM-Karte von Three oder EE, die haben eine gute Abdeckung und ein schnelles Netz, dass sie für ihre eigenen Karten auch nicht drosseln. Die Karten kann man in Kiosken vor Ort für wenig Geld kaufen oder schon vor der Reise ab 1 Cent bei Amazon bestellen. Eine Registrierung ist nicht nötig. Vor Ort muss die Karte dann noch aufgeladen werden. Das macht man in Kiosken mit einem „Top Up“-Symbol. Hier zieht man entweder die Top-Up-Karte, die der SIM beiliegt, durch ein Lesegerät oder man bekommt einen Voucher mit einem Code, den man per SMS einlöst. ODER man nutzt die Apps der Hersteller, um per Kreditkarte eine Aufladung vorzunehmen. Sehr komfortable. Nach einem halben Jahr der Nicht-Nutzung deaktiviert sich die Karte.

9. Reisezeit
Im Oktober und November sowie Januar und Februar sind selbst die Touristenattraktionen nicht all zu sehr überlaufen.

10. Briefmarken kaufen
Briefmarken kauft man in Postfilialen, es gibt sie aber auch in „Corner Shops“ (haben dann einen Aufkleber mit einem stilisierten Briefmarkenheftchen im Schaufenster oder an der Tür) oder beim Zeitschriftenhändler „WHSmith“ (der überall Filialen hat, insb. in Bahnhöfen). Postkarten und Briefe (maximale Maße 24×16,50×0,5 cm, bis 20 Gramm) nach Deutschland kosten Anfang 2019 1,25 Pfund im Tarif „International Standard“ (Zustellung in 3-5 Tagen). Es gibt noch „International Economy“, das kostet 81P, dauert aber bis zu mehreren Wochen bis es ankommt. Aktuelle Preisauskünfte gib es mit dem Online-Pricefinder der Royal Mail: http://www.royalmail.com/price-finder
Theoretisch gibt es die Möglichkeit vorab das Porto selbst zu drucken, ausprobiert habe ich das aber nicht: https://www.royalmail.com/discounts-payment/online-postage/home

Die Briefkästen in London sind knallrot und tragen das Wappen ER II (Für Elisabeth die II. Ist ja immerhin die ROYAL Mail).

11. Museen, Kirchen, Sehenswürdigkeiten
Auf der Insel ist alles anders als im Rest der Welt. Generell ist der Besuch der staatlichen Museen kostenlos, lediglich die privaten Sammlungen verlangen ein (niedriges) Eintrittsgeld. Dafür kostet der Besuch von Kirchen etwas, und das nicht zu knapp: Um einen Blick in Westminster Abbey werfen zu dürfen, werden 20 Pfund fällig. Noch krasser sind die Besuche von Sehenswürdigkeiten wie The Eye oder The Shard – hier ist mit Preisen zwischen 25 und 30 Pfund zu rechnen. Auch hier kann man etwas Rabatt durch Onlinebuchung bei Festlegung auf eine Besuchszeit bekommen.

12. Tips für Besichtigungstouren
…finden sich im Reisetagebuch London:

04.-12. Februar 2017

06.-13. Februar 2016

Februar 2014

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Familiäre Dialoge -X-

Am Telefon:

„Sohn, hier ist Dein Vater. Ich brauche mal die Straßenverkehrsordnung, kannst-Du-mir-die-schicken.“

Ich: „Hä? Vater, was willst Du denn damit?“

„Na, diese Frau da, die ist da hysterisch geworden und hat rumgeschrien „Mein Mann war das nicht“, aber die waren´s doch, und das steht auch in der StVO, da schreibe ich jetzt einen Brief, dafür brauche ich das“.

„Moment, der Reihe nach. Wieso ist die Frau hysterisch geworden?“

„Na, weil ich gesagt habe die sind Schuld. Die haben auch Schuld, das steht völlig außer Frage.“

„??? Vater, fang bitte vorne an!“

„Mensch Sohn! Ich wollte zum Hyundai, der wollte doch das mit dem Airbag machen, obwohl ich denen erklärt habe, dass bei dem Wetter…“

„Ja, DIE Geschichte kenne ich! Schön, dass Du Dich da endlich drum gekümmert hast!“ (vgl. Familiäre Dialoge IX)

„Auf jeden Fall bin ich in die Stadt gefahren und weil mein Navi nicht aktuell ist hatte ich das Telefonbuch dabei, aber die Straße war nicht richtig“

Verwirrt: „Was?!“

„Mensch Sohn, nun hör doch mal zu! Im Telefonbuch ist ein Stadtplan. Nach dem bin ich gefahren. Aber ich war in einer Parallelstraße. Und dann wollte ich aussteigen und mich orientieren, und als ich die Tür aufmache, BUMM. Hat er mir die ganze Tür zusammengschoben. Aber die haben Schuld!“

Ich überlege kurz welches die Parallelstraße zu der ist, an der die Hyundaiwerkstatt liegt. Ungläubig frage ich dann: „Vater, Du hast mitten auf einer der am dichtesten befahrenen Straßen der Stadt angehalten und einfach ohne zu gucken die Tür aufgerissen?“

„Was heißt da ohne zu gucken?? Natürlich habe ich geguckt, aber ich habe doch hinten keine Augen im Kopf! Denk doch mal nach bevor Du redest!“

„Und jetzt willst Du die Straßenverkehrsordnung von mir haben und dann den Unfallgegner mit Briefen bombardieren, in dem Du selbst recherchierte Stellen aus der StVO, laienhafte Vermutungen und Anschuldigungen vermischt?“

„Ja!?“

„NEIN!!! Geh zu einem Anwalt!“

„Aber das geht nicht! Ist auch völlig unnötig! Die waren Schuld, ist eindeutig! Konnte jeder sehen! Steht auch in der StVO, dass man Abstand halten muss! Anwalt brauche ich nicht, sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass…“

„Den Anwalt bezahlt übrigens die gegnerische Versicherung.“

„Ach ja?
Äh.
Ja, das weiß ich natürlich. Also meinst Du, ich soll da einen Termin machen.“

„Ja! Und schreibe vorher nicht selbst irgendwelche Briefe! Und schieb das nicht auf die lange Bank!“

(fröhlich) „Ach, eilig habe ich es nicht. Mein Auto ist ja jetzt in der Werkstatt. Die haben mir als Ersatzwagen eine Luxuslimousine gegeben. Die fährt sogar elektrisch! Und ganz viele Bildschirme und Knöppe hat die. Und weißte was? Die Knöppe, die muss man gar nicht drücken, weil das Auto alles von alleine macht!“

„Das ist ja toll. Soll ich Dir die Nummer des Anwalt sagen?“

„Mensch Sohn, doch nicht während der Fahrt! Ich sitze hier im Auto und bin schon wieder auf dem Weg in die Werkstatt.“

„Warum das denn?“

„Stell Dir vor, die haben gar keinen Schlüssel für mein Auto, jetzt muss ich denen meinen hinbringen. Diese Döspaddel!“

Oh man. Er hat der Werkstatt allen Ernstes sein Auto abgeliefert, es abgeschlossen und ist mit dem Schlüssel nach Hause gefahren. Aber das ist gerade das kleinste der Probleme. Ich bekomme das Bild nicht auf dem Kopf, wie er gerade mit dem unbekannten Riesenauto fährt, eine Hand am Telefon, auf den Knien das Telefonbuch balancierend, umgeben von Knöppen, die man nicht drücken muss.

Das macht mir Angst.

Frühere Dialoge:
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Familienbande | 16 Kommentare

Reisetagebuch (10): Game of Schweiß

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute betrete ich ein neues Land, treffe einen alten Freund und merke, wie meine Zeit sehr schnell abläuft.

Freitag, 29.06.2018, adriatische See
Das tiefe Dröhnen der Schiffsdiesel wirkt sich positiv auf meine Nachtruhe aus. Ich schlafe ausgezeichnet, bis gegen 5:30 Uhr die Morgensonne durch das Bullauge meiner Kabine an Bord der DubrovniK scheint.

Ich dämmere noch ein wenig im Halbschlaf vor mich hin, aber kurz nach 6 stehe ich doch auf, kleide mich an und gehe an Deck. Zu meiner großen Überraschung ist das Schiff schon kurz vor der Küste.

Ist das schon Kroatien? Muss es sein, oder? Aber wir sollten doch erst um 8 Uhr hier sein, das ist doch noch zwei Stunden hin!

Von Bari nach Dubrovnik in einer Nacht.
Bild: Google Earth 2018

Kein Irrtum möglich – die Dubrovnik läuft tatsächlich schon in Dubrovnik ein! Vor einer großen Brücke dreht das Schiff und legt dann Rückwärts am Hafen an.

Bild: Google Earth 2018


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Reisetagebuch (9): Die Hölle vor Tor 3

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute gibt es Furbo, es geht es unter die Erde und am Ende wird es sehr kalt.

Donnerstag, 28.06.2018, Grotta Castelana, Apulien

Oh, wie sie mir auf die Nerven gehen! Die Hölle, das sind die anderen.

Diese anderen und ich, wir warten vor Tor 3. Tor 3 ist der Einlass für alle, die an der nächsten Führung auf italienisch durch die Grotta Castellana, eine der größten Höhlen Italiens, teilnehmen wollen. Tor 2 ist für englischsprachige Besucher, Tor 1 für Gruppen aus Reisebussen. Vor den Toren ist ein kleiner Platz, auf dem schon mehr als 50 Menschen dicht gedrängt stehen, hauptsächlich Familien mit Kindern.

Neben mit steht ein Typ im besten Midlife-Crisis-Alter. Er hat einen blauen Lacoste-Pulli um die Schultern geknotet und hält von hinten eine überschminkte Blondine in den Armen, die er geradezu agressiv hin- und herwiegt. Freundin? Sekretärin? rätsele ich noch, da haut mir der Schunkler schon einen Ellenbogen in die Seite. Ich gehe ich ein Stück weg, er schunkelt hinterher und haut mir wieder den Arm in die Seite. Was stimmt mit dem nicht, denke ich noch, da rammt mir von vorne eine Frau ihren Rucksack in den Bauch. Von hinten hustet mir ein älterer Herr in den Nacken.

Von links schrammelt ein Opa auf einer Gitarre undefinierbares Zeug. Vermutlich bildet er sich ein, dass er ein Musik macht und dazu singt, aber aus dem Gitarrengequietsche lässt sich ein Lied nur erahnen, während der „Gesang“ klingt, als ob er sporadisch Stichworte ruft und zwischendurch hustet.

Von rechts hält ein anderer Opa dagegen. Allerdings ist bei ihm nicht mal mehr rudimentär eine Melodie zu erkennen, er brüllt und schreit nur wild vor sich hin und schlägt dabei mit den Fäusten auf seine Gitarre ein. Alle irre hier.

Es geht den beiden Opas gar nicht darum die Gunst des Publikums zu erringen. Es geht nur darum lauter zu schreien, lauter zu klampfen und lauter zu husten als der Kontrahent auf der anderen Seite der wartenden Menschen, die ihrerseits wegen des Lärms immer lauter reden und immer gereizter werden.

Grotta Castellana. Der Ort heißt so wie die Höhle.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.

Zur Gereiztheit trägt auch das Wetter bei. Es ist mit über 25 Grad sehr warm, gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Urwaldklima. Außerdem kommen immer mehr Menschen auf den Platz, alles drängt sich zusammen und reibt sich aneinander und schubst und redet laut aufeinander ein und dazu brüllen und schreien die Opas von beiden Seite. Eine Kakophonie des Grauens.
ALLE IRRE HIER. Viele, laute Menschen, die sich benehmen wie eine Herde Affen auf einem Felsen. Meine persönliche Hölle.

Zum Glück öffnet sich jetzt Tor 3, noch viel länger hätte ich das nicht ausgehalten ohne dem Schunkler seinen Pulli über die Ohren zu ziehen und die „Musiker“ umzuschubsen.

Jetzt geht es also durch den Eingang, und der Schunkler erweist sich als das, was Italiener Furbo nennen, einen Schlaufuchs. Er umrundet einfach die Schlange der Eintretenden und mogelt sich an den Anfang der Gruppe. Das ist Furbo: Immer andere austricksen, immer Löcher im System finden. Italiener können Furbos nicht leiden, bewundern sie aber dennoch insgeheim. Seine Aktion bringt ihm zwar nichts, aber das ist Furbo egal.

Eine Gruppe von bestimmt 70 Personen steigt nun hinab in die Grotta Castellana. Furbo und seine Freundin stehen ganz vorn und labern die Höhlenführerin zu, was den Start der Tour verzögert. Die Tour sei den beiden irgendwie zu lang, ob die Führerin das mal abkürzen könnte. So eine halbe Stunde würde ihnen gut passen. Die Nerven von dem Typen! Es gibt so Menschen, die denken, dass sich die ganze Welt nur um sie dreht. Ich hasse den Furbo inbrünstig. Zum Glück winkt die Höhlenführerin ab und meint, sie wird hier nach Stunden bezahlt.

Nach ewigem, umständlichen Rumgeeumele geht sie dann doch los, die schlechteste Tour, die ich je erlebt habe. Leider führt diese schlechteste aller Touren durch die zweitschönste aller Höhlen, die ich je gesehen habe. Fotografieren darf man leider nur in der Vorhöhle, nicht in der eigentlichen Höhle. Aber schon der Vorraum ist beeindruckend: Ein hoher Felsendom, dessen Decke eingestürzt ist. Durch das Loch scheint Licht hinab. Funfact: Die Leute hier in der Region kennen das Loch schon seit Ewigkeiten, und verwendeten es als Müllhalde. Erst 1938 kam jemand auf die Idee mal nachzugucken, ob darunter vielleicht noch eine Höhle ist.


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Momentaufnahme: Januar 2019

Herr Silencer im Januar 2019

Ischkannnichmehr.

Wetter: Für die Jahreszeit zu warm, mit 5 Grad und viel Regen (in Süddeutschland: Schneemassen). Erst ab der dritten KW wird es schweinkalt, bis minus neun Grad. Am Monatsende wieder knapp über dem Gefrierpunkt und viel Regen.


Lesen:

Reiseführer


Hören:

Bild: Morhardt

Good Morning in the Morning
Launiger Podcast von Dennis Morhard und Renke Bruhns zum Dschungelcamp 2019. Zeitnah, täglich und dieses Mal sogar vorbereitet seziert GMITM die IBES-Folge vom Vortrag. Diesmal mit Gästen, u.a. Modnerd.


Sehen:

Ich bin ein Star, holt mich hier raus! [Kino]

Guter Jahrgang, u.a. mit dem CurryWurstMann, dem Yotta, der Kreisch-Giselle, Tommy Piper, Sibylle Rauch, der Bobfahrerin Sandra, dem wandelnden Haarersatzteil Domenico Dingens, irgendso einer Schauspielerin, einer GZSZ-Grinsebacke, Peter Orloff, einem Blondchen und Leila Lowfire. Das Blondchen wird Dschungelkönigin, warum, weiß niemand.


Spielen:


Red Dead Redemption 2 [PS4]

Die USA im Jahr 1899. Der Westen ist nicht mehr wild, sondern wird Stück für Stück gezähmt. Die Zivilisation breitet sich aus, mit Zügen, Straßen und Elektrizität. Agenten der Detektei Pinkerton sorgen für Recht und Ordnung, unkontrollierte Gebiete werden immer kleiner.

Das ist doof für Arthur Morgan, denn er ist ein Outlaw, ein Gesetzloser, der sich mit seiner Bande vor den Gesetzeshütern versteckt. Arthur ist klar, dass die Zeit der Outlaws vorbei ist. Er möchte lieber heute als morgen mit Betrügereien und Überfällen aufhören und ein geregeltes Leben führen. Das Problem dabei: Damit die Gang aus Männern und Frauen endlich sesshaft werden kann, brauchen sie Geld. Also muss noch ein letztes, großes Ding her, ein Überfall auf eine Bank oder ein Casino oder einen Zug, und dann ist wirklich Schluß mit dem Verbrecherleben.

Ach welch Tragödie sich hier entfaltet. Langsam und behäbig erzählt RDR2 eine Geschichte um den Abgesang einer alten Welt, und was mit denen passiert, die sich nicht ändern können oder wollen. Der Protagonist hätte dabei alle Möglichkeiten – aber er nimmt sie nicht wahr, aus Loyalität zu seiner Wahlfamilie. Dadurch sieht man Arthur Morgan langsam und Stück für Stück in einen Strudel hineinrutschen, bei dem schon klar ist, wie das alles enden wird. Das wird langsam und tieftraurig inszeniert und schön erzählt.

Der eigentliche Star bei RDR2 ist die lebendige und wunderschöne Welt, sowas hat man auf der 8. Konsolengeneration noch nicht gesehen. Schwachpunkte sind die unintuitive Steuerung und ein Bewegungsmodell, dass einen durch ständige Restriktionen in den Wahnsinn treibt. Situations- und Ortsabhängig wird Arthurs Bewegungsgeschwindigkeit oder sein Bewegungsspielraum eingeschränkt. Mal bewegt er sich in Schneckengeschwindigkeit, mal kann er sich nicht von einem bestimmten Ort entfernen. Mal kann er Waffen tragen und ziehen, mal nicht. Das ist völlig widersinnig: In einer der schönsten, offenen Welten, die je geschaffen wurden, spielen sich die Missionen, als würden sie auf Schienen laufen.

Außerdem erzählt einem das Spiel sehr wenig. Es erklärt viele seiner Systeme nicht, darunter, wie man die Schnellreisefunktion nutzt oder wie ein Duell funktioniert.

Bin noch nicht durch damit, deshalb noch keine abschließende Meinung.


Machen:
Arbeiten – Der Jahresendirrsinn, den ich eigentlich hoffte im Dezember entsagen zu können, setzt sich weiter fort. Außerdem: Sorgen. Blutdruck, immer noch seltsames Auto, das vorne höher liegt als hinten, überaus viel Streß – das ist gerade alles unspassig.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Reisetagebuch (8): Wenn der Regen Blasen wirft

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es nach Lecce, eine Frau wird hysterisch und ich erfinde die komplizierteste Methode der Welt um den den Ölstand zu messen.

27.06.2018
„Wenn der Regen Blasen wirft, ist er bald vorbei“, wird mehrfach in dem Buch „Herr Lehmann“ behauptet. Das fällt mir in dem Moment ein, wo die Fahrbahn nur noch aus Blasen zu bestehen scheint. Der Regen fällt mit solcher Heftigkeit in das Wasser, dass es aussieht, als ob die ganze Fahrbahn kocht und brodelt. Dann geht die Welt richtig unter, und die Sintflut schwappt über mir zusammen.

Tricase in Apulien.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.


„Schon 10 Tage schlechtes Wetter hier“, hatte am Vorabend Salvatore, der Kellner im „Grotta Matrona“ gesagt. „Aber morgen wird es besser, glaube ich.“

Nun, das Glauben hat nicht viel gebracht. Das denke ich schon am Morgen, als ich auf der Terrasse des Lavaturi frühstücke. Adelheid macht Omelette und zeigt mir dann, wie man es auf italienisch isst: Um eine Scheibe Brot gewickelt. Dazu gibt es frisches Obst aus dem Garten. Ich bin als erster am Frühstückstisch und zum Glück schon fast fertig, als die anderen Gäste eintreffen.

Die anderen, das sind zwei ältere Damen und ein Mann in den Siebzigern mit einem riesigen Schnäuzer im Gesicht. Offensichtlich wohlsituiert, aber anstrengend. Die Frauen sehen verhärmt aus und machen aus allem eine Wissenschaft und ein Drama. Schon als sie die winzige Knuddelkatz von Adelaide sehen, fängt eine der beiden an zu kreischen und zu zucken, die andere möchte über jedes Stück Obst diskutieren und genau wissen, wie Adelaide ihr Omelett macht.

Der Schnäuzermann ist dagegen ruhig und abgestumpft bis an den Rand der Debilität. Der kriegt nix mit. Das weiß ich, weil er gestern Abend plötzlich bei mir im Zimmer stand, während ich mich gerade umzog. Hat er halt nicht mitgekriegt, dass das nicht seins war. Und auch meine lauten Rufe „Signore! DAS HIER IST NICHT IHR ZIMMER“, nahm er lange nicht zur Kenntnis und war dann regelrecht erstaunt, als ich ihn am Arm packte und kurzerhand rauswarf.

Egal, die drei Vollpfosten bin ich ja gleich los. Ich verabschiede mich von Adelaide und trage die Koffer zur V-Strom, die die Nacht unter einem Pflaumenbaum verbracht hat. Dabei spüre ich erste Regentropfen auf dem Kopf. Nicht schon wieder. Egal. Los jetzt. 


Da ich die Grotta Zinzulusa, die einzige große Sehenswürdigkeit in dieser Gegend, gestern schon gemacht habe, fahre ich heute morgen einfach die Küstenstraße entlang nach Norden und um den Hacken Italiens herum. Die Straße ist schön geschwungen und bietet einige tolle Ausblicke.

Bild: Google Earth 2018

Was traumhaft sein könnte, artet schnell in Arbeit aus, denn es stürmt wie irre, und ich muss mich sehr auf´s Fahren konzentrieren. Meine Kopf-Jukebox spielt „Riders of the Storm“. Wie passend.

Bei Otranto halte ich an und mache einen kleinen Spaziergang an der Küste entlang. Der Wind peitscht das Meer gegen die Klippen, Gischt nebelt bis weit in die Landzunge hinein. Ich stehe kurz am Wasser und lasse mich vom Wind durchschütteln, dann gehe ich zurück zum Motorrad.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 7 Kommentare

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