Corona (10): Der Sirenengesang des Baumarkts und das Eintuppern von Wasser

Weltweit: 1.447.466 Infektionen (+158.086) 83.471 (+12.989) Todesfälle
Deutschland: 107.663 Infektionen (+7.477), 2.016 (+426) Todesfälle seit gestern

Baumärkte!

Alle deutschen Männer eines gewissen Alters werden von Baumärkten praktisch magisch angezogen. Vermutlich ist es in unseren Genen angelegt, wie bei Kaiserpinguinen der Marsch über das Eis. Baumärkte locken uns mit einem unhörbaren und unwiderstehlichen Sirenengesang. Mindestens ein Mal pro Monat, besser ein Mal pro Woche, müssen wir zu Obi, Globus, Praktiker, Hammer oder Trotz fahren und… äh, naja, so BESORGUNGEN machen, wie mein Vater es nennt. Die sind wichtig, die, äh, Besorgungen.

Wird uns der Baumarkt vorenthalten, kriegen wir Männer praktisch stante Pede Lagerkoller. Das weiß auch die Politik, weshalb in manchen Bundesländern die Baumärkte als „systemrelevant“ erklärt wurden und durchgängig geöffnet hatten. In Niedersachsen waren die jetzt 10 Tage geschlossen, aber da auch die Politiker alte, weiße Männer sind, die nicht gegen ihre Gene ankönnen, sind sie seit Samstag wieder geöffnet. Also, die Baumärkte, nicht die alten Männer.

Die Bilder waren erwartbar: Baumarkt macht um 08:00 Uhr auf, ab 07:00 Uhr war der Parkplatz mit 300 Autos voll und lange Schlangen standen vor dem Eingang, schreibt die Lokalzeitung.

Jetzt ist fast alles wieder gut. Baumärkte sind Balsam auf die geschundene Männerseele. Nur fast gut, weil jetzt die Waschanlagen geschlossen sind. Die Waschanlagen!

Waschanlagen!

Waschanlagen! Geschlossen! Da fällt dem deutschen SUV-Boomer glatt ein Ei aus der Hose. Die ersten Facebookgruppenmitglieder kündigen schon Akte der Rebellion an: Sie werden aus Protest ihren Stadtgeländewagen auf der offenen Straße waschen! Das ist die Vorstufe zur Anarchie! Weil, Pandemie hin oder her, aber Blütenstaub auf dem VW Touareg, das geht doch nicht, wo simma denn hier?

Wunderkind aus Österreich

Kanzlerkind Sebastian Kurz: „Wir machen die Geschäfte wieder auf!“ Und die BILD-Zeitung so: „Die Ösis machen uns vor wie es geht!!“ In der Frage wem man eher glauben möchte, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern oder politischen Populisten mit Angst vor sinkenden Umfragwerten, hat man sich im BILD-Homeoffice zwischen zwei Schlucken aus der Lackdose schon entschieden.

Die orangefarbene Gefahr

„Trifft eine unfähige Regierung auf eine weltweite Krise“ – so beginnen keine Witze, nicht mal schlechte. „Unfähigkeit“ ist dieser Tage orange und hört auf den Namen Trump. Sein Leugnen der Gefahr und das jetzige Missmanagement der Lage führen dazu, dass alle 90 Sekunden ein US-Bürger an CoVID19 stirbt, gestern alleine über 2.000.

Trump übernimmt nie für irgendwas Verantwortung, immer sind die anderen Schuld. Heute hat er verlautbaren lassen, dass an der Krise in den USA nur die Weltgesundheitsorganisation WHO schuld sei. Die USA sei der größte Beitragszahler (das ist gelogen) und die WHO würde nur China helfen (was auch gelogen ist) und den USA schlechte Ratschläge geben (selbstverständlich auch gelogen). Nur deshalb gäbe es jetzt so viele Tote, und deswegen müssen die USA aus der WHO austreten. Is klar.

Gleichzeitig empfiehlt Trump seinen Landsleuten das Malariamittel Hydroxychloroquine zu schlucken. Das hat keine nachgewiesene Wirkung gegen COVID19, aber warum nicht. Vermutlich hat Trump Aktien an dem Unternehmen, das dieses Hydrodingsda herstellt. Ist seinen Anhängern aber auch egal, die Beschimpfen in den unsozialen Medien die Ärzte, die vor dem Mittel warnen, und feiern die Weisheit ihres Präsidenten. Der wiederum macht Hilfe für Bundesstaaten davon abhängig, wie wohl sie ihm gesonnen sind. Steckt man tief in seinem Hintern, bekommt man medizinische Hilfsgüter. Ist ein Staat von Demokraten regiert heißt es Sorry, hinten anstellen.

Unterdessen schenkt China der Stadt New York 1.000 Beatmungsgeräte und trägt damit maßgeblich zur Entspannung der Lage in den Krankenhäusern vor Ort bei.
China als gütiger Hegemon, die USA als Schurkenstaat. Willkommen, neue Weltordnung.


Und sonst so?

Vier Milliarden Menschen sind gerade gehalten zu Hause zu bleiben. Das sind vier Milliarden Menschen weniger, die auf der Erdkruste rumtrampeln und -fahren. Das können Seismologen messen, und ohne die von Menschen gemachten Störungen lässt sich viel präziser feststellen, was in unserem Planeten passiert.

Ich Ich Ich

Ich werde anscheinend zum Prepper. Plötzlich hielt ich es für eine voll gute Idee mal ein wenig Wasser einzutuppern, habe aber aus Versehen statt einem gleich drei 30-Liter Tanks bestellt. Verdammter Onlinehandel. Wäre ich doch nur in den Baumarkt gefahren.

Alle Einträge des Corona-Tagebuchs

Kategorien: Corona-Tagebuch | 4 Kommentare

Corona (9): Rundumschlag

Weltweit: 1.29380 Infektionen (+730.878) 70.482 (+45.231) Todesfälle
Deutschland: 100.186 Infektionen (+50.842), 1.590 (+1.286) Todesfälle

Woche 3 der Isolation und achje, schon wieder eine Woche her seit den letzten Notizen. Was hat sich seitdem getan? Ein großzügiger Rundumschlag.

National: Es mehren sich die Stimmen derer, die der Meinung sind, jetzt sei es aber auch mal gut mit der Isolation. Man solle jetzt doch mal wieder schaffen gehen, und im Zweifel nur die Risikogruppen isolieren. Das wird aber nichts. COVID19 kennt keine Gnade, durch alle Altersgruppen und Schichten hindurch sterben Menschen bei schweren Verläufen. Durchhalten ist die Parole der Stunde. Und wir werden noch lange durchhalten müssen:

Besserwisserisch: Das Wort „Quarantäne“ kommt vom italienischen Wort für 40, und das war die Anzahl von Tagen, die Schiffe mit der Pest an Bord vor dem Hafen liegen mussten. 40 Tage werden aber bei Corona nicht ausreichen. Im folgenden Video rechnet Mai sehr unaufgeregt vor, dass es im Besten Fall 56 Tage dauert, bis Maßnahmen gelockert und wie zu Beginn der Pandemie durch strenge Kontrollen mit Nachverfolgung von Infektionsketten ersetzt werden können. Wir haben also erst ein Drittel hinter uns.

Persönlich: Es ist schwer, vernünftig zu sein. Seit Mitte März hat es nicht mehr wirklich geregnet, stattdessen jeden Tag Sonnenschein und jetzt auch noch frühsommerliche Temperaturen. Der Körper giert nach Bewegung, der Kopf will an die frische Luft, aber nein, dass darf ja nicht. Dann einen Blick in die Berichte wie schlimm ein Tot an COVID-19 sein kann und schon ist das Bedürfnis rausgehen zu wollen auf ein erträgliches Maß reduziert.

Maskiert: „Masken helfen nicht“, hieß es zu Beginn der Pandemie allerorten. Darüber wunderten sich nicht nur die Chinesen. Jetzt wird die Bevölkerung aufgerufen selbst welche zu nähen. Nicht um den Träger der Maske zu schützen, sondern andere. Skurrilitäten am Rande: Abmahnanwälte schicken Unterlassungsbriefe an Firmen, die Schutzmasken herstellen wollen, und die USA klauen anderen Ländern deren Lieferungen an medizinischen Mundschutzen.

Polizeilich: Demo in Göttingen, viele Demonstranten tragen Mundschutz, alle halten Abstand. Plötzlich kriegt die Bereitschaftspolizei einen Triller, greift sich einzelne Personen raus, umstellt die mit mehreren Beamten ohne Mundschutz, die aus Tuchfühlungsentfernung auf die Demonstranten einreden. Hinweise auf das Abstandsgebot werden mit höhnischen Sprüchen quittiert. Mal ganz ehrlich: Was stimmt den den Polizisten nicht, die für Maßnahmen zur Einhaltung von Regelungen des Infektionsschutzgesetzes jegliche Schutzmaßnahmen mißachten?

Europäisch: Ungarn ist jetzt endgültig eine Autokratie, aufgrund von Notstandsgesetzen ist das Parlament suspendiert und die Presse eingeschränkt, für mindestens ein Jahr. Wie es dazu kommen konnte? Das Parlament selbst hat dafür gestimmt, und dort hatte Orbans Fidesz-Partei die Mehrheit. Und das, liebe Kinder, ist der Unterschied zwischen einer demokratisch gewählten Partei und einer demokratischen Partei. Auch die Fidesz wurde demokratisch gewählt, aber sie arbeitete an der Abschaffung der Demokratie. Wie die AfD in Deutschland.

Europäisch II: Was bemerkenswert ist: Das dröhnende Schweigen der EU-Kommission. Kein Wort von von der Leyen zu der Ungeheuerlichkeit, die sich in Ungarn abspielt. Eine Diktatur, mitten in Europa! Von der Leyen sagt dazu: NICHTS. Möglicherweise deshalb, weil sie nur mit Orbans Stimmen Präsidentin geworden ist. Statt der Kommission setzen nun 13 andere Länder eine Erklärung auf, in der sie es verurteilen, wenn Länder die Corona-Krise nutzen, um repressive Maßnahmen einzuführen. Ungarn wird nicht explizit genannt, aber es ist klar, an wen sich die Erklärung richtet. Ironie des Ganzen: Orban hat ausrichten lassen, dass er die Erklärung gut findet und auch unterzeichnen will Mehr Hohn geht kaum.

Europäisch III: Die Länder Südeuropas fordern gemeinsam die Vergemeinschaftung von Schulden, Deutschland lehnt das ab. Europa, es war schön mit Dir. Mittlerweile denke ich, dass die EU diese Krise nicht überleben wird, und das ist maßgeblich die Schuld von Deutschland.

Blümerant: Franca ist 76. Sie hat versprochen nicht rauszugehen, sondern schön zu Hause zu bleiben und Blümchen zu fotografieren. Jetzt schickt sie mir jeden Tag Beweisbilder. Vielleicht habe ich gerade ein Tränchen im Augenwinkel.

Alle Einträge des Corona-Tagebuchs

Kategorien: Corona-Tagebuch | 5 Kommentare

Reisetagebuch: Japan (1)

Im Herbst 2019 verschlägt es Herrn Silencer nach Japan. Die Reise findet ohne Motorrad statt, weswegen die nächsten Teile, die immer Samstag erscheinen, nicht im Motoblogger-Reddit auftauchen werden. Auch ohne zwei Räder: Abenteuerlich wird es trotzdem.

Donnerstag, 31. Oktober 2019, Götham

Man, bin ich müde.

Müde, weil ich wenig geschlafen habe und schon seit 6:30 wach bin.

Dabei ist heute Feiertag, Reformationstag, der 31. Oktober. Ich habe also frei und könnte ausschlafen. Aber das wäre erstens nicht gut und zweitens bin ich jetzt doch ein wenig aufgeregt.

Zum wiederholten Male checke ich Webseiten.
Bus? Fährt.
Bahn? Fährt, wenn auch verspätet, was für eine Überraschung.
Flieger? „Heute ist ein hohes Reiseaufkommen, planen Sie mehr Zeit für den Checkin ein“, meldet der Flughafen, sonst aber alles gut.

Ich mache den Rechner aus, stelle die Heizung ab und klicke dann die Sicherungen der Wohnung raus. Dann zippe ich den Rucksack zu. Alles, was ich für drei Wochen brauche, ist da drin.

Verreisen mit möglichst minimalistischem Handgepäck, das habe ich ursprünglich mal von Kalesco und Modnerd gelernt. Während Modnerds Gepäck dann im Laufe der Jahre immer voluminöser wurde, entlang den immer handgepäckfreundlicheren Regeln von Ryan Air, ist meines immer noch weiter geschrumpft.

Nach jeder Reise gucke ich genau, was ich nicht gebraucht habe und was beim nächsten Mal zu Hause bleiben kann. Hier was weglassen, da ein paar Gramm einsparen, dort ein Teil durch etwas leichteres ersetzen.

Zwei Erkenntnisse daraus:
1. Aus vielen, wenigen Gramm, die man hier und da einspart, wird irgendwann ein Kilo und das kann entscheidend sein.
2. Ich brauche unterwegs nicht viel.

Die Bonuserkenntnis: Ich bin kein Rollkoffertyp.

Ich habe es echt versucht, aber ich kann mich mit den Dingern nicht anfreunden. Griffmechanik und Rollen sind zusätzliches Gewicht und nehmen Platz weg, was mir schon in der Seele weh tut. Und man hat die Hände nicht frei, wenn man ein Köfferchen ziehen muss. Deshalb bin ich mit einem Gepäckstück unterwegs, das leicht ist, und mit dem ich – anders als bei Rollkoffern – die Hände frei habe.

Zum ersten Mal verwende ich Packing Cubes, ultraleichte Reißverschlusstaschen, um Klamotten im Rucksack nach Ober-/Unterbekleidung und Schmutzwäsche zu trennen. Sowas hatte ich bislang nicht, nach alter Moppedfahrermanier habe ich bislang meine Klamotten immer in Müllbeutel verpackt, weil die wasserdicht und superleicht sind. Aber gut, ich muss zugeben, mit den Cubes sieht es ordentlicher aus.

Ich bin auch deshalb müde, weil ich ein wenig kränkele. Ich werde ja nie krank, aber vorgestern Nacht bin ich stundenlang bei Temperaturen nahe Null und viel zu leichter Bekleidung durch die Gegend gerannt. Eine Hausmeisterin fand es wohl witzig, den Parkplatz der Volkshochschule abzuschließen, während die Schüler noch drauf standen, nur um dann Feierabend zu machen. Fast eineinhalb Stunden bin ich durch die Kälte gerannt bis ich endlich jemanden gefunden hatte, der mein Auto vom Parkplatz lassen konnte. Scheiß Aktion. Die Quittung dafür: Husten und verschnupfte Nase. Mist.

Ein letzter Blick zurück. Huhu, der Blogpinguin, wird in meiner Abwesenheit auf alles aufpassen. Jetzt hat er es sich auf der Couch bequem gemacht und winkt zum Abschied.

Ich schließe die Wohnung ab und mache mich auf den Weg zum Bus.
Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen, Wiesel | 14 Kommentare

„Männer an Maschinen verdienen mehr als Frauen an Menschen“

Starke Worte heute im ZEIT-Podcast „Was jetzt“: „Männer an Maschinen verdienen mehr als Frauen an Menschen“.

Hintergrund: Im medizinischen Bereich und im Pflegesegment steigen weder die Löhne des Personals noch wird der Personalstand aufgestockt, und das, obwohl die Nachfrage seit Jahren hoch ist und immer weiter steigt.

Stattdessen beobachtet man das Gegenteil, auch der Arztberuf wird im Vergleich schlechter entlohnt als früher. Der Autor der ZEIT macht das auch daran fest, dass mehr Frauen den Beruf ergriffen haben, und kommt zu dem Schluss, dass das das Ergebnis patriarchaler Kultur in Tateinheit mit Kapitalismus ist.

Oder anders ausgedrückt: Wo Alte-Männer-Strukturen Hand in Hand mit gewinnfixierten Wirtschaft laufen, kommt nichts Gutes bei raus. Stattdessen werden Marktmechanismen durch Machtmechanismen ersetzt, es steigen die Profite, aber nicht die Löhne.

Die Theorie das „Die unsichtbare Hand des Marktes“, Preise und Löhne durch Angebot und Nachfrage regelt, kann so langsam als falsifiziert gelten. Also, sie KÖNNTE falsifiziert werden, wenn es sowas wie eine WirtschaftsWISSENSCHAFT wirklich gäbe. Aber BWL und VWL ist nunmal keine Wissenschaft, sondern eher Religion.

Kategorien: Ganz Kurz | Hinterlasse einen Kommentar

Teaser

Kleiner Vorgeschmack auf die Orte, an die es das Reisetagebuch in den kommenden Wochen verschlägt. Die neuen Episoden erzählen das Abenteuer, wie der Dorfmensch Herr Silencer versucht sich in einer 38 Millionen-Metropole zurecht zu finden, dabei Dinge über Roboter und Idole lernt, Banden von kriminellen Hochqualitätsbambis begegnet und irgendwann völlig nackt und fiebrig auf einem herbstlichen Berg steht. Nun, vielleicht nicht beides gleichzeitig.

All das und mehr ab Samstag. Hier im Blog.


Frühere Meisterwerke der Videokunst:

Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen, Trailer, Upcoming, video | 7 Kommentare

Momentaufnahme: März 2020 (2)

Herr Silencer im März 2020

Krisenbedingt viel Medienkonsum, deshalb hier Teil 2 der monatlichen Rückschau.
Hier ist Teil 1.

Sehen:

Terminator: Dark Fate [Bluray]
30 Jahre Nach den Ereignissen von „Terminator 2“: Skynet wird es nie geben, aber dafür wird andere KI die Menschheit jagen. Nur: Dieses Mal haben die Menschen keinen John Connor als Erlöserfigur, denn der wurde tatsächlich noch in den 90ern von willkürlich im Zeitstrom abgesetzten Maschinenkillern terminiert. Diese versprengten Terminatoren jagt nun eine alte, verbitterte und vor Paranoia halb irre Sarah Connor, bis sie über ein ungleiches Gespann stolpert: Eine Mexikanerin, die von einer Soldatin aus der Zukunft begleitet wird, und die beide einen hartnäckigen Verfolger haben.

Noch so ein Terminator-Film, nach dem niemand gefragt hat. Die Grundprämisse von „Deadpool“-Regisseur Tim Miller klingt nicht uninteressant: Er ignoriert die letzten drei Filme („Rebellion der Maschinen“, „Salvation“ und den grottigen „GeniSys“) und setzt „T2“ von 1991 fort. Nur: Das passiert mit einer Ausnahme völlig mutlos.

Statt auf frische Ideen setzt Miller auf das „Force Awakens“ Prinzip und verfilmt hier praktisch Terminator 2 einfach noch einmal. Ein paar Figuren haben ein nun anderes Geschlecht oder eine andere Hautfarbe, aber die Storybeats sind die gleichen. Das ist OK umgesetzt und unterhält so mittel: Man kennt halt alles, das hat man alles schon gesehen. Ich würde mich ja mal über neue Geschichten im Franchise freuen. Sowas wie: Mensch aus der Gegenwart reist in die Zukunft um die Vergangenheit zu ändern, oder so. Aber nicht immer den gleichen Käse, auch wenn er kurzweilig und mit starken Frauen inszeniert ist.

On the Milky Road [2016, DVD]
Im jugoslawischen Bürgerkrieg bringt Milchmann Kosta jeden Tag Milch auf seinem Eselchen über die Frontlinie. Kosta ist ein Glückspilz: Nicht nur, das er nie von Kugeln getroffen wird, bald wird er auch die Dorfschönheit heiraten. Da tritt eine italienische Flüchtlingsfrau (Monica Bellucci) in sein Leben. Kosta verliebt sich in die geheimnisvolle Frau, aber die ist schon einem anderen versprochen und hat einen Ex-Mann, der Killerkommandos hinter ihr her hetzt.

Emil Kusturicas erster Film seit Ewigkeiten. Der Film ist dreigeteilt, aber kein klassischer Dreiakter. Teil 1 beginnt lustig und kauzig-skurril, wandelt sich aber im zweiten Teil zum surrealen Drama mit bizarr-grausamen Momenten. Spätestens wenn Schafe in einem Minenfeld im die Wette explodieren, weiß man nicht mehr, ob man darüber lachen kann. Teil drei ist dann die Rückschau eines alten Kosta, der zum Eremiten geworden ist.
Das ganze ist ein filmisches Erlebnis, Sinn ergibt es aber nicht unbedingt.

Wie sehr liebst Du mich? [2013, DVD]
Ein kleiner Büroangestellter hat 4 Millionen Euro in der Lotterie gewonnen. Damit geht er zu der schönen Prostituierten Daniela (Monica Bellucci) und bietet an, ihr jeden Monat 100.000 Euro zu zahlen, bis das Geld alle ist. Dafür soll sie so tun, als sei sie seine Frau. Der Deal steht, fällt aber nach kurzer Zeit schon wieder auseinander. Daniela fürchtet plötzlich, dass die Schatten ihrer Lebenswelt, in der sie sich wohl fühlt, den braven Typen in einen Abgrund ziehen. Dafür taucht plötzlich ihr Zuhälter und echter Ehemann (Gerard Depardieu) auf und will die 4 Millionen.

Fürchterlich verbimmelter Film, der zu keinem Zeitpunkt auf eine Erzählung fokussiert, sondern mal hierhin und mal dorthin kippt und ab der Hälfte einfach narrativ rückwärts auf den Boden fällt und den Rest der Laufzeit nur noch zuckt. Dramatische Probleme werden aufgemacht, um dann 5 Minuten später vergessen zu werden. Lediglich Monica Bellucci ist fantastisch, weil ihr Charakter im Film dem entspricht, was sie gut spielen kann: Eine Projektionsfläche für Begierden.

Don´t look back [BluRay]
Sophie Marceau lebt mit Mann und Kindern in Paris. In ihrem Alltag stellt sie merkwürdige Veränderungen fest. Erst sind es Kleinigkeiten: Ein Küchentisch, der nicht mehr an der richtigen Stelle steht, oder ein umgeräumter Kleiderschrank. Das steigert sich aber schnell. Plötzlich kommt nicht mehr ihr Ehemann nach Hause, sondern ein Fremder. Und auch die Kinder sind nicht mehr ihre eigen. Schließlich muss sie im Spiegel mit ansehen, wie sie selbst sich in eine andere Frau (Monica Bellucci) verwandelt. Verwirrt macht sie sich auf die Suche nach dem Grund dieser Geschehnisse und findet ihn in Süditalien.

Noch so ein verquaster Arthouse-Quatsch. Viel zu lang zieht sich die Geschichte im Mittelteil, um dann mit einer geradezu einfältigen Auflösung um die Ecke zu kommen, die zu dem Zeitpunkt aber schon niemanden mehr interessiert. Als Zuschauer hat man sich nach dem gemächlichen Einstieg schon das Bild gemacht, das die Protagonistin geistig Krank ist, da erwartet man dann auch keine Erklärung mehr für. Und die „Erklärung“, die dann kommt ist genauso hanebüchen wir naiv.

Meine Güte, Sophie Marceau UND Monica Bellucci, DIE europäischen Göttinnen, zusammen in einem Film, kann man das versauen? Man kann, „Don´t look back“ ist der Beweis. Hätte als Kurzfilm funktioniert, auf Spielfilmlänge ist es Folter.

Stan & Olli [Prime Video]
1937 lag die Welt dem Komikerduo Laurel und Hardy zu Füßen. Ein paar Jahre später tingeln sie auf einer Tour durch England und spielen in halbleeren Pubs. Während Laurel davon träumt, noch einen großen „Stan & Olli“-Film zu machen, hat Hardy Probleme mit Ehefrauen, Spielsucht und seiner Gesundheit.

Langsam und gemächlich trottet dieser Film daher. Beeindrucken tut weniger die kaum vorhandene Geschichte, als vielmehr die Maske und wie die beiden Hauptdarsteller Stan & Olli channeln. Die Charakterstudien sind interessant anzusehen und zeigen die Menschen hinter „Dick und Doof“, Spektakel oder Drama darf man aber nicht erwarten.

Bild: NDR

Tatort: Gewitter im Kopf (ARD)
Ein Typ dreht durch und nimmt Kommissarin Lindholm als Geisel. Nur das beherzte Eingreifen von Kollegin Schmitz rettet der Kommissarin das Leben. Aber warum ist der Ex-Soldat ausgerastet? Und ist es wirklich eine Folge der posttraumatischen Belastungsstörung, das Schmitz den von ihr Getöteten immer wieder vor sich sieht? Gemeinsam ermitteln die beiden Frauen. Die Spur führt an die Göttinger Uni.

Das ist der zweite Tatort, der in meinem Wohnort Göttingen spielt. Die Stadt kommt aber praktisch nicht vor, und das ist auch gut so. Denn mit diesem Schund möchte niemand assoziiert werden. Spätestens wenn ein UniProf eine querschnittsgelähmte Bundeswehrsoldatin im Rollstuhl in den Hörsaal rollt und ernst verkündet „ihr Hirnimplantat kommuniziert mit Sensoren unterhalb der Fraktur, mit Bluetooth UND Infrarot“ hegt man den Verdacht, dass das Drehbuch nicht zu den allerbesten gehört.

Diese Vermutung verfestigt sich dann schnell zu der Gewissheit: Dieser „Tatort“ möchte ein Tech-Thriller sein, aber das Drehbuch wurde von einem Autor verfasst, der bis an die Arbeitsverweigerung faul ist, der keinen Bock hatte sich mit der Materie zu beschäftigen, der auf dem technischen Wissensstand von ungefähr 1987 ist und Physik immer geschwänzt hat.

Ständig fallen Sätze wie „Das ist gerichteter Schall. Der ist quasi wie Licht“, es wird mit USB-Sticks und Disketten hantiert und die fiesen Bösewichte fummeln in dunklen Räumen im Licht von blauen Monitoren an Joysticks herum. Dieser Tatort will Cyberpunk sein, muffelt aber nach Faxgerät. Selbst die besten Schauspielerinnen können die Szenen nicht glaubhaft spielen, die so unwürdig albern sind wie die Dialoge zum Fremdschämen hanebüchen. Das auf jeder Drehbuchseite ganz unmotiviert mindestens ein englischer Satz fallen muss, vermutlich weil der Autor das für töfte, freche Sprache hält, hilft auch nicht wirklich. Ich habe keine Ahnung wie so ein Drehbuchautor mit dem Grimmepreis ausgezeichnet werden konnte.

Zum Fremdschämen schlecht geschrieben und hölzern umgesetzt – nein, mit diesem miesen Dreck will man als Stadt nicht in Verbindung gebracht werden. Immerhin: Göttingen hat die beiden tollsten Kommissarinnen im deutschen Fernsehen. Hoffentlich bekommen sie in ihrem, bereits abgedrehten, dritten Fall eine Chance auch zu zeigen, was sie können.


Spielen:

Judgment [PS4]
Immer noch „Judgment“ (s. vergangener Monat). Das Spiel verkackt leider sein Pacing nach hinten raus.

Ab Stunde 23 wird die Hauptstory öde, weil sie darauf besteht, satte VIER MAL alle Sachverhalte nochmal auszuwalzen, bis auch der Dümmste den Plot verstanden hat. Die Erklärbärnummer zieht das Spiel drei Stunden durch, bis es endlich in das zweistündige Finale startet – was auch kein Höhepunkt der Unterhaltung mehr ist, sondern unverhältnismäßig lang gestreckt wirkt und im Verhältnis zu allen sonstigen Abschnitten sehr schwer ist.

Dank des vergurkten letzten Viertels behält man das Spiel als schleppend und langweilig in Erinnerung. Das tut ihm als Gesamtkunstwerk ein wenig Unrecht, ist aber leider eine Tatsache.

Draugen [PS4]
Norwegen, 1923. Ein Ruderboot gleitet durch einen stillen Fjord. An Bord: Der Amerikaner Edward Harder und sein Mündel Alice. Die beiden sind auf der Suche nach Edwards Schwester, die zuletzt in den kleinen Ort Graavik wollte. Als Edward und Alice in dem winzigen Ort eintreffen, finden sie ihn verlassen vor. Was ist hier passiert? Gemeinsam sammeln sie Hinweise und puzzlen so Stück für Stück die Chronologie einer Tragödie und ihrer eigenen Geschichte zusammen.

Ich schätze den Autor Ragnar Thornquist sehr. Der Kopf hinter „The Longest Journey“ und „The Secret World“ hat tolle Ideen und schreibt wirklich gute Geschichten, die meist sehr behäbig und textlastig daherkommen. Eigentlich genau das richtige für das Genre der Walking-Simulatoren, wie Draugen einer ist. Es gibt kein echtes Gameplay oder Rätsel, man folgt einfach wie auf Schienen der Erzählung. Das Indie-Spiel verlässt sich dabei ganz auf die Dialoge zwischen den Hauptfiguren und die Geschichte.

Leider hat der narrative Aufbau schwere Fehler. Weder Edward, durch dessen Augen wir die Geschichte erleben, noch Alice lernen wir zu Beginn kennen. Das ist Teil des Konzepts von Draugen, führte aber dazu, dass mir der Charakter der Alice von Anfang an egal war und im Verlauf nur begann zu nerven. Wenn die wichtigste Figur der Erzählung zu einem nervigen Faktor wird, funktioniert sie schon nicht mehr. Das im Mittelteil das Pacing noch auseinanderfällt, hilft ebenfalls nicht. Nach einer behäbigen Einleitung werden hier absurde Dinge am Stück rausgehauen, in denen dann die eigentliche Geschichte des Geheimnis von Graavik untergeht. Das Ende des überraschend kurzen Spiels präsentiert sich dann auch noch äußerst schwach und bietet keine definitiven Antworten auf die Frage, was wirklich in Graavik passiert. Das darf man sich selbst zurechtlegen, aber darum geht es zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr.

Kein Meilenstein der Erzählkunst also, und wegen der überaus kurzen Spielzeit von 3 bis 4 Stunden die 20 Euro im Vollpreis nicht wert. Im Sale kann man aber einen Blick drauf werfen.


Machen:
Motorrad wieder einwintern. Ansonsten: Isolation dank Corona.


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | Hinterlasse einen Kommentar

Momentaufnahme: März 2020 (1)

Herr Silencer im März 2020

Die Welt fährt runter.

Coronabedingt sehr viel Medienkonsum diesen Monat, deshalb erstmalig die „Momentaufnahme“ in zwei Teilen.

Wetter: Bis Mitte des Monats mild und recht viel Regen, dann kein Niederschlag mehr und sehr sonnig, dafür abwechselnd brüllend warm (tagsüber 18 Grad) und sehr kalt (Monatsende nachts -7).


Lesen:

Frank Panthöfer: Winterflucht – Eine Motorradreise durch Spanien, Portugal und Marokko. [Kindle]
Die Kradvagebunden sind wieder unterwegs. Nach Ende ihrer Weltreise, die sie in zwei Büchern aufgearbeitet haben, versuchen Frank „Panny“ Panthöfer und Simone „Simon“ Dörner für sechs Monate dem Deutschen Winter zu entkommen. Im November geht´s los, bis ins Atlasgebirge von Marokko.

Nach den beiden Vorgängerbüchern „Licht- und Schattenseiten einer Weltreise“ wollte ich nie wieder was von den Kradvagabunden lesen. Jetzt bin ich doch schwach geworden und wurde schnell daran erinnert, warum ich mich verweigern wollte.

Frank Panthöfer, der sich zwischenzeitlich vorgenommen hat seinen Lebensunterhalt als Reisejournalist verdienen zu wollen, schreibt ernsthaft seine Reiseberichte so, dass ich davon schlechte Laune bekomme – das muss man auch erstmal hinkriegen.

Sowohl sein Schreibstil als auch über was er schreibt gefällt mir überhaupt nicht. Als Leser sieht man die Welt immer durch das Hirn des Autors, und das macht den Charme von Reiseberichten aus – wie erlebt der Autor Situationen? Wie reagiert er auf das Fremde, wie wirkt das auf ihn?

Leider steht in Panthöfers Welt ausschließlich Panthöfer im Mittelpunkt, und zwar primär seine körperlichen Bedürfnisse. Häufig geht es um wenig mehr als „Wo gibt´s Alkohol?“, „Wie war das Scheißhaus?“ und „Wie schlimm sind mir andere Menschen aus den Sack gegangen“. Für die eigentliche Reisebeschreibung bleibt oft nur ein Hinweis auf´s Wetter und ein „Ist schön hier“ – was genau daran jetzt aber toll ist, das wird nicht beschrieben. Die eigentlichen Fahrten werden häufig zusammengefasst mit „wir fressen Kilometer“, um dann am Ziel festzustellen „Ist vom Feinsten hier“. Aha. Reiseorga, Landschaften, Kultur oder Begegnungen mit anderen Menschen kommen bei Panthöfer nur am Rande oder gar nicht vor.

Klar, kann man machen, liest sich dann raubatzig. Das mag eingangs erfrischend sein, ist schnell aber nur ermüdend. Richtig ärgerlich ist dann aber die engstirnige Haltung, die durch die Texte immer wieder auf das Unangenehmste durchschimmert. Der Autor kann im richtigen Leben so eigentlich nicht sein, aber seine Texte lassen ihn an vielen Stellen als verbitterten Blockwart scheinen, dem andere Menschen in der Hauptsache auf die Nerven gehen – ganz egal ob europäische Wohnmobilbesitzer, einheimische Händler oder ausländische Autofahrer, alle sind unfähig und nerven. Die Wohnmobilfahrer stehen auch alle viel zu spät auf, und das, wo man von ihnen doch heißes Wasser für den Kaffee schnorren will. Ja, um sowas drehen sich die Texte ernsthaft. Da auch jeglicher Humor völlig abwesend ist, wirkt das unangenehm verbittert.

Die letzten 10 Prozent des Buchs drehen sich nur noch darum, das Panthöfer ja von überall arbeiten kann, weil er ja Reisejournalist ist und für Motorradzeitschriften schreibt und Vorträge hält. Und das man sein Buch doch bitte bei ihm kaufen soll, und nicht bei Amazon. Weil er ja Reisejournalist ist, und Geld brauchen kann, weil er ja alles selber machen muss. Das erklärt vielleicht auch die schlechte Formatierung des eBooks, dessen Fotos nicht skalieren und die Überschriften mit merkwürdigem Kontrast hinterlegt sind.

Die Kradvagabunden werden allerorten für ihre Werke bejubelt und hoch gelobt, ich bin von Panthöfer angenervt. Schreibstil, Themenauswahl, die völlig Abwesenheit von Humor und Emotionen (mit Ausnahme von Verbitterung und Ärger über andere), wenig relevante Informationen für eigene Reisen außer bereits veralteten Preisangaben – nein, ich wüsste nicht, warum jemand dieses Buch lesen sollte.

Wer gute Texte sucht, die einen auf Reisen mitnehmen, bei denen man vielleicht noch was lernt, aus denen man etwas über Menschen und Länder erfährt und bei dem der Autor sich auch mal doof anstellt oder Hindernisse überwinden muss, der liest sowas wie Lea Riecks „Sag dem Abenteuer, ich komme“. Oder verfolgt Nicki und Moe auf Moppedhiker. Oder dieses Blog hier. Immerhin schreibe ich genau so, wie ich mir Texte vorstelle, die ich gerne lesen würde. Klingt überheblich, ist aber so.


Hören:


Sehen:

Die Känguru Chroniken [Kino]
Marc-Uwe lebt mit einem Känguru zusammen. Das behauptet Kommunist zu sein, verhaut gerne Nazis und tritt nervige Hunde durch den Park. Gemeinsam verteidigen sie ihren Berliner Kietz gegen die Pläne eines Baumoguls, der nebenbei der Führer der rechtsextremen AZD ist.

Ich kann sagen: Ich habe den Film im Kino gesehen! Das haben nicht viele geschafft, oder, wie Autor Marc-UweKling es ausdrückt: „Das war der schlechteste Zeitpunkt für einen Filmstart seit dem zweiten Weltkrieg“. Auf Youtube spielt er deshalb den Film in einer angepassten „Coronoa-Version“ nach:

Ich liebe die mittlerweile vier Bücher um das Känguru, insbesondere die von Marc-Uwe Kling selbst gesprochenen Hörbücher. Die beinhalten Kurzgeschichten, die oft auf eine sehr clevere und sozialkritische Pointe hinauslaufen. Die Kunstform des Kängurus ist das Episodische. Kann das nun in einen Film übertragen werden?

In Erwartung von cringiger Fremdscham ging ich ins Kino, und wurde halb-positiv überrascht. Positiv, weil Kling und Regisseur Levi es geschafft haben, Elemente aus den Büchern in eine halbwegs kohärente Story zu packen, das computergenerierte Känguru OK umgesetzt ist und eine Metaebene eingezogen wurde, die, ähnlich den Fußnoten in den Büchern, öfter mal die vierte Wand durchlässig macht und stellenweise sehr spassig ist – etwa, wenn Känguru und Marc-Uwe sich im Off streiten und der Hauptdarsteller einfach mal den Audiokommentar abstellt. Oder wenn zur Vermeidung von Markenproblemen auf Gegenständen wie einer Milchtüte einfach „Filmmilch“ steht.

Nur so halb positiv war das Erleben, weil das Ganze dann doch extrem holpert und der Film sich auf zwei Elemente stützt, die im Buch kurz vorkommen, hier aber zum tragenden und durchgehenden Storybogen ausgebaut werden. Das funktioniert nur so mittel, zu überdreht und albern gibt Henry Hübchen dafür den rechtspopulistischen Baumogul Jörg Dwix und zu harmlos kommt das Ganze daher. Das Känguru in dieser Fassung ist genau das, was es in den Büchern immer befürchtet hat: Kein kommunistisches Känguru, sondern eher ein gemäßigt sozialdemokratisches Beuteltier. Immerhin schön: die vielen FCK A*D-Aufkleber im Film. Die werden unsere Faschos im Lande ärgern. Aber die sind eh nicht die Zielgruppe.

Parasite [Prime Video]
Südkorea. Ein junger Mann lebt mit Freundin und Familie in einem schäbigen Kellerloch. Die Sippe hängt vor ihren Handys, gammelt durch den Tag und hält sich durch das Falten von Pizzakartons über Wasser. Durch Zufall gelangt der junge Mann an eine Stelle als Englischlehrer im Haus eines reichen Geschäftsmannes. Die Chance nutzt er, um Stück für Stück seine Flodder-Familie in Positionen im Haushalt der Reichen unterzubringen.

Der Film kokettiert mit überraschenden Wendungen, die tonale Schwankungen mit sich bringen. Eben ist der Film noch Sozialdrama am Rand der Komödie, zwei Szenen weiter kommen Horrorelemente. Richtig sympathisch ist keine der Figuren, weder die satten Reichen noch die erfinderischen Habenichtse. Die dadurch entstehende, emotionale Distanz zum Zuschauer ist etwas Gutes – nur so kann der Film seine Wirkung entfalten, die als soziales Experiment zu beginnen scheint, ab der Mitte des Filmes aber in ungeahnte Richtungen abbiegt. Das Fehlen jeglichen moralischen Überbaus oder Zeigefingers macht den Film mindestens so erfrischend wie der Genremix. In meinen Augen keine vier Oscars wert, unterhaltsam aber alle mal.

Die Fahrt von London nach Peking [Prime Video]
Eine Gruppe Motorradfahrer bucht eine geführte Tour und fährt von London nach Peking. In 5 Episoden wird ihre Geschichte im Stil von „A long Way Round“ erzählt, nur scheißiger.

Ich finde diese Miniserie tief verstörend. Normalerweise finde ich es toll, Motorradreisenden auf Weltreise zuzusehen, aber dieses Ding hier verursacht körperliche Schmerzen. Das beginnt schon bei der Idee hinter der Reise: Da buchen Typen aus der ganzen Welt bei einem britischen Unternehmer eine geführte Fahrt und gehen dann tatsächlich mit der Grundhaltung „Ich habe hier bezahlt, ich will unterhalten werden“ da ran.

Die Teilnehmenden sind entweder wirklich alte Männer in ihren Sechzigern oder junge Arschgeigen, die sich benehmen wie die Axt im Walde. Die permanente „Paaart-teeeey!!!!“-Attitüde der Twentysomethings und des Organisators nervt ab Minute 1 und wächst sich schnell zu Fremdscham aus.

Klar zeigt ein Reisefilm immer nur Momentaufnahmen und arbeitet mit Vereinfachungen, aber die hier als unausstehliche Flötenköppe gezeigten Personen sind tatsächlich widerliche Flitzpiepen. Respektlos gegenüber anderen Menschen und Kulturen verarschen die Hohlbirnen Einheimische in der Mongolei, bringen Menschen in Usbekistan in Gefahr und belästigen Frauen in Tibet.

Dazu kommt: Bis auf den Fahrer des Versorgungsfahrzeugs und den Organisator selbst scheint keiner der Teilnehmenden auf die Herausforderungen vorbereitet zu sein, länger als 5 Minuten im Voraus zu planen oder auch nur Grundzüge von Kompetenz zu besitzen. Da wird absichtlich durch schlimmste Stromschnellen oder als unpassierbar gemeldete Pässe gefahren, versucht Bargeld zu schmuggeln oder Medikamente gegen Höhenkrankheit werden nicht genommen, um sich dann über Ausfälle an Maschinen und Menschen zu beklagen. Permanent bringen die inkompetenten Kretins sich und andere in Gefahr. Das ist so verantwortungslos und dumm, das es ganz, ganz schlimm ist. So sollte eine Weltreise nicht aussehen.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

Kategorien: Momentaufnahme | 3 Kommentare

Reisetagebuch Motorradtour 2019 (18): Ich bin ein menschlicher Tintenfisch

Sommerreise mit der V-Strom. Heute geht´s hoch hinaus, dann nach Hause.

Freitag, 28. Juni 2019, Großglockner Hochalpenstraße

Die Hochstraße ist jetzt nicht mehr ganz so voll, und die Motorräder fahren schön gereiht hintereinander her. Also, die meisten.

Die Parkverwaltung bittet darum langsam, vorsichtig und leise zu fahren. Das tun auch fast alle, aber selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Einige Kradfahrer sehen in der Hochalpenstraße wohl sowas wie eine Rennstrecke, auf der sie eine neue persönliche Bestzeit aufstellen müssen. Ich hatte schon befürchtet, dass alle paar Meter so ein Held hinter mir hängt und drängelt, und obwohl ich zügig unterwegs bin, ist es natürlich genau so.

Sogar noch schlimmer, es gibt auch jede Menge unzivilisierte Gruppen, wo einer vorne weg rast (Held) und die dahinter krampfhaft versuchen Anschluss zu halten. Die letzten, das sind dann die schwächsten Fahrer, und die versuchen verzweifelt Anschluss zu halten und fahren sich haarsträubenden Scheiß zusammen, schneiden Kurven und gefährden dabei sich und andere. Das, meine Damen und Herren, ist nicht wie Gruppenfahrten funktionieren sollten.

Ohnehin sind viele richtig schlechte Motorradfahrer unterwegs. Insbesondere Niederländer fallen dadurch auf, dass sie ihre Maschinen um die Kurven tragen. Dieses Prachtexemplar hier eiert zum Beispiel völlig ohne jede Schräglage und in Schrittgeschwindigkeit um die Kurven.

Trotzdem ist die Fahrt durch diese großartige Landschaft fantastisch. Links und rechts tun sich immer wieder Ausblicke auf, die ich ganz tief in mir aufsaugen und nie vergessen möchte. Schneefelder bedecken sattgrüne Wiesen, Seen stehen in kleinen Tälern und Wasserfälle aus Schmelzwasser sprudeln über Felswände.


Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

Corona (8): Quiet Earth

Weltweit: 558.502 Infektionen (+63.416) 25.251 (+2.956) Todesfälle
Deutschland: 49.344 Infektionen (+7.825), 304 (+75) Todesfälle

Heute Morgen um kurz nach 07:00 Uhr einkaufen gewesen. Gute Nachrichten: Die Regal im Supermarkt waren gut gefüllt. Die Hamster haben sich jetzt wohl alle ihr Nest aus Klopapier gebaut und hocken da jetzt drin und fressen den ganzen Tag Nudeln. Ein anderes Bild ist nach dem Ansturm der letzten Wochen wohl kaum denkbar.

Es ist eine komische Situation. Das öffentliche Leben ist bis nahe am Wachkoma gedrosselt, die Straßen sind leer, Menschen sind nur vereinzelt unterwegs. Dennoch häuft sich bei mir die Arbeit, alles rotiert am Anschlag. Das ist gut und gibt ein seltsames Gefühl von Normalität, wo doch im Moment nichts normal ist.

Immerhin hat sich meine Atemwegssache wieder gelegt. Ich habe wohl nur zu viel telefoniert, daher die Halsschmerzen. Und das pieken in den Atemwegen kommt wohl durch die Wetterlage mit der extrem trockenen Luft, dazu Fußbodenheizung. Im Büro haben ist eine Luftfeuchtigkeit von nur noch 11%, obwohl den Ganzen Tag ein großer Luftbefeuchter läuft. Kein Wunder, dass die Atemwege da mal rumzicken.

Die Arbeit läuft auch Hochtouren, abseits davon ist Stille und Isolation. Das ist nicht nur bei mir so, sondern bei allen. Seit 14 Tagen sitzen jetzt alle zu Hause, ohne Hoffnung, dass das bald vorbei ist. Manche genießen das Privileg arbeiten zu dürfen, andere bangen um ihre Existenz.

Dadurch, das niemand weiß wie lange die Isolation noch dauern wird, beginnt jetzt einigen die Decke auf den Kopf zu fallen. Entweder weil ihnen ihre Familie auf den Sacque geht und sie dringend mal wieder Zeit für sich brauchen, oder weil sie die ganze Zeit allein sind und damit schlecht klarkommen. Ich merke das bei Telefonaten. Der Umgangston wird gereizter, die Laune deprimierter. In der Firma machen wir jetzt täglich eine halbe Stunde gemeinsam Frühstückspause per Videokonferenz, nur um zu plaudern, über Gott und die Welt, damit sich die Leute nicht so allein fühlen.

Mir ist die Isolation ziemlich schnuppe, die macht mir gar nichts. Ich weiß, dass ich damit ziemlich allein bin (SIC!), aber tatsächlich war das schon immer so.

Als Kind spielte ich am Liebsten allein, als Jugendlicher war mein Lieblingsfilm „Quiet Earth“. Der handelt davon, dass ein Mann aufwacht und feststellt, dass er ganz allein auf der Welt ist. Was für ein erstrebenswerter Zustand! Als Erwachsener kam mir das Bedürfnis anderer Menschen nach sozialer Interaktion manchmal suspekt vor, was einer der Gründe war, weshalb ich mit WGs so meine Probleme hatte.

Erst später wurden mir zwei Dinge klar:

  1. So wie ich fühlen nur die wenigsten Menschen. Die meisten kommen nicht damit klar, ganz mit sich allein zu sein. Zumindest nicht über einen längeren Zeitraum, schnell verspüren sie ein Bedürfnis nach Gesellschaft und Nähe. Ich nicht, oder zumindest nur in einem sehr reduzierten Maß. Ich kann wochenlang allein sein.

  2. Ich bin kein Einzelfall. Es gibt in unserer Gesellschaft Menschen, denen es ähnlich geht wie mir. Diese „Introverts“ sind eine fragmentierte Minderheit, aber wir haben Gemeinsamkeiten. Während der Großteil der Menschen ihre Akkus über soziale Interaktion auflädt, kostet uns der Umgang mit anderen Kraft. Das heißt nicht, dass wir Treffen mit Freunden nicht mögen oder keine Berufe ausüben, in dem wir keinen Umgang mit anderen haben. Das alles kostet uns aber Energie, es leert unsere Akkus. Die laden wir dadurch wieder auf, indem wir allein für uns sind.

Lange Rede, kurzer Sinn: Für Introverts ist die staatliche Verordnung zu Hause zu bleiben eine traumhafte Sitution. Endlich brauchen wir keine Ausreden mehr zu erfinden, um nicht mit anderen in Präsenz interagieren zu müssen. Endlich müssen wir uns nicht mehr in Situationen begeben, die unsere Akkus leert. Weil: Höhere Gewalt.

Wer ihn nicht kennt und Langeweile hat: Das hier ist „Quiet Earth“, der lohnt sich immer noch.

Alle Einträge im Corona-Tagebuch

Kategorien: Corona-Tagebuch | 3 Kommentare

Corona (7): Gabenzäune


Weltweit: 495.086 Infektionen (+98.837), 22.295 (+5.043) Todesfälle
Deutschland: 41.519 Infektionen (+10.149), 239 (+106) Todesfälle

Die Lage der Welt

Die USA sind absehbar das neue Epizentrum der Pandemie, mit aktuell schon 70.000 Fällen. Dabei gibt es bei denen praktisch keine Tests, weil der faschistische Trickbetrüger im Präsidentenamt die Tests der WHO abgelehnt hatte und eigene, „Made in America“ wollte. Die gibt es aber nicht. Genauso wenig wie das Heilmittel, das er vor wenigen Tagen verkündete. Doof nur das, während er sein Schlangenöl anpries, der Leiter der Gesundheitsbehörde stand und im nächsten Moment sagte „Nein, das funktioniert nicht“. Das die USA jetzt dabei sind den Spitzenplatz einzunehmen, liegt schlicht daran, dass es ein Land der dritten Welt ist, was die medizinische Versorgung angeht, und das die Führung das Problem zwei Monate ignoriert hat.

Und nicht nur das, es geht weiter: Mittlerweile verkünden altgediente Republikaner, sie würden gerne sterben, um ihren Enkeln eine funktionierende Marktwirtschaft zu hinterlassen. Prompt kündigte Trump an, nach Ostern alle Einschränkungen aufheben zu wollen, weil „Da muss es ja dann auch mal gut sein“. Während Newy York leergefegt ist und der dortige Gouverneur sagt „Das Leben wie wir es kenne ist vorbei“, rufen liberale Colleges rufen jetzt schon ihr Lehrpersonal und die Studierenden zurück. Gut, um BWLer ist es nicht schade, aber das ist doch wirklich Kapitalismus im Endstadium.

Oder, wie es jemand auf Twitter im Rollenspieljargon ausdrückte: „Die USA sind jetzt chaotic evil. Kann sein, dass sich nun die Länder an einer Führungsmacht orientieren, die zumindest Lawful Evil ist: China“.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir später einmal auf diesen Punkt der Geschichte zurückblicken und zu dem Schluss kommen, dass die Aushöhlung der Demokratien durch Rechtspopulisten und die Pandemie für einen Zusammenbruch westlicher Staatsysteme und Wirtschaftsordnungen gesorgt haben.

In Ungarn wird der Umbau zur Diktatur vorangetrieben, der Faschist Orban will per Notstandsverordnungen und mindestens für ein Jahr Parlament und Grundrechte aushebeln

In Brasilien stellt sich der Faschist Bolsonaro hin, tut Corona als Erfindung der Medien ab und lässt sich von seinen Anhänger dafür feiern, keine Maßnahmen zu verhängen. Faschistische Politik ist eben immer menschenverachtend und kostet am Ende Leben. Und nein, ich verwende den Begriff „Faschist“ nicht pauschal und inflationär, sondern kann das immer begründen. Faschismus hat viele Gesichter, aber er erfüllt immer Grundmerkmale, und die sind aktuell in den USA genauso vorhanden wie in Brasilien, Ungarn oder der Türkei.

In Italien geht mancherorts das Benzin aus. Warum? Weil viele Tankstellen von Selbstständigen betrieben werden, und deren Umsätze sind so eingebrochen, dass sie es sich nicht leisten können, neue „Ware“ zu bestellen – denn das Benzin müssen die Pächter im Voraus bezahlen.

In Deutschland gibt es auch viel Angst, aber auch viel Solidarität. In Kiel und anderen Städten gibt es „Versorgungszäune“ oder „Gabenzäune“, an die Menschen Nahrung, Kleidung, usw. hängen, und Wohnungslose können sich bedienen. Das ist wichtig, weil nach der Schließung der Tafeln und der Sozialstationen die Obdachlosen wirklich Hunger leiden.

Bild: SHZ.de

Bild: SHZ.de

In der Schweiz muss man übrigens zwei Meter Abstand voneinander halten, in Deutschland nur 1,50 Meter. Warum ist das so? Wegen der Kehllaute. Das Grunzen und Gurgeln der Eidgenossen verschleudert die Viren weiter als menschliche Laute. Odr.

Alle Einträge im Corona-Tagebuch

Kategorien: Corona-Tagebuch, Ganz Kurz | 3 Kommentare

Corona (6): Familiäre Dialoge -XII-

Am Telefon.

Ich: „Und, wie geht es so?“

Vater: „Naja, wie soll´s mir gehen. Muss ja.“ (mißtrauisch) „Warum rufst Du an?“

Ich: „Ich wollte nur wissen wie es Dir geht und ob Du auch schön zu Hause bleibst und ob ich vielleicht für Dich einkaufen soll.“

Vater: „Und dann?“

Ich: „Wie, und dann?“

Vater: „Wie stellsten Dir das vor? Ist doch Nonsense, sowas!“

Ich: „Wieso Nonsense? Du könntest mir doch sagen was Du brauchst und ich stell Dir das vor die Tür.“

Vater: „Was ich brauche geht Dich doch gar nichts an!“

Ich: „…“

Vater (mißtrauisch): „Ist wegen dieses Virus, oder?“

Ich: „Ja klar. Du bist fast 80, Du hast Diabetes und Lunge. Du solltest jetzt nicht rausgehen.“

Vater (leidend): „Ich gehe doch eh nicht mehr raus, ich kann mich doch gar nicht mehr bewegen vor Schmerzen´… [beschreibt Symptome, die nach akutem Nierenversagen klingen] …Da verlasse ich doch das Haus nicht mehr.“

Ich: „Was? Du hast solche Schmerzen und kannst das Haus nicht mehr verlassen? Warum sagst Du denn nichts? Ich komme vorbei und wir fahren zum Arzt!“

Vater: „Die Ärztin hat gesagt sie hat keine Zeit.“

Ich: „Das ist doch Quatsch! Dann fahren wir halt ins Krankenhaus!

Vater: „Da habe ich neulich einen Bericht im Fernsehen gesehen, im Krankenhaus helfen die einem nicht.“

Ich: „Jetzt hör aber auf! Im Zweifel fahren wir hier ins Klinikum. Die helfen wirklich.“

Vater: „Sohn, ich habe praktisch einen Arzttermin, die haben gesagt ich soll mich nach der Virussache melden. Krankenhaus! Wie stellste Dir das denn vor! Da habe ich doch keine Zeit für!“

Ich: „Wieso, ich denke Du verlässt das Haus nicht mehr.“

Vater (heldenhaft leidend): „Tue ich ja auch nicht, außer für Besorgungen, da komme ich doch nicht drum rum. Da muss ich halt durch, Schmerzen hin oder her“

Ich: „Ach. Was denn für „Besorgungen“?“.

Vater: „Naja so [unverständlich] aus dem einen Baumarkt und [NuschelNuschel] aus dem anderen Baumarkt und ich muss jetzt gleich noch zum Putzer und deshalb muss ich jetzt auch aufhören zu telefonieren.“

Ich (entgeistert) „WAS? Du gehst jetzt NICHT zum Friseur! Draußen ist Pandemie! Der hat geschlossen und du bleibst mit dem Hintern zu Hause!“

Vater: „Du bist ein Knallkopp, der Herr Schnabel schneidet allen in seiner Küche die Haare, dem ist doch der Virus egal. Und ich gehe doch nicht ohne ordentliche Frisur auf eine Geburtstagsfeier!“

ICH (fassungslos): „WAS FÜR EINE GEBURTSTAGSFEIER?!“

Vater: „Na die Henny wird 85.“

Ich: „Da gehst Du doch nicht hin! Es herrscht Kontaktverbot!“

Vater: „Das ist doch kein Kontakt, das ist doch nur ein ganz kleiner Kreis, die Henny, die Ruth, der Werner, die Rosemarie, die Ilse, der Lachmund und seine Frau, die Thea und die Lisa und der Dings, der diese Sache mit dem Knie hat, und noch ein paar andere.“

Ich: „…“

Vater: „Ja, ich will da auch nicht hin, aber die Henny hat die Gute von Coppenrath und Wiese doch schon aufgetaut, was willste da machen?“

Ja, was willste da machen. Wenn die Alten unbedingt mit aller Macht die Rentenkassen entlasten wollen… dann sollte ich nicht versuchen, mich ihnen in den Weg zu stellen. Meinen Vater zwingt man ja eh zu nichts.

Frühere Dialoge:
Weihnachtsdialog
Straßenverkehrsordnungsdialog
Kraftfahrzeugbundesamt-Wettererklärdialog
Kostenloskulturdialog
Poststornierungsdialog
Nötigungsdialog
Tantenmonolog
Mehr Dialog
Noch ein Dialog
Anderer Dialog
Noch ein anderer Dialog

Kategorien: Corona-Tagebuch, Familienbande | 10 Kommentare

Corona (5): Was hätte Helmut Kohl getan?

Weltweit: 396.249 Infektionen (+41.253), 17.252 (+1.816) Todesfälle
Deutschland: 31.370 Infektionen (+3.812), 133 (+18) Todesfälle

Die anderen
„Ich bin ja gerade erst wieder da“, ruft der Nachbar. Er steht mitten im Garten und ruft zu meinem Balkon hoch. So mit Schiebermütze und grauem Kittel sieht er aus wie ein Hausmeister. Oder der Blockwart. Ist er aber nicht, der alte Herr ist zwar manchmal grantelig, aber schon in Ordnung. „Ich war ja vier Wochen auf Reha. Hatte nen Herzinfarkt. Reha in Rotenburg. Aber nicht dem schönen Rotenburg, sondern Rotenburg an der Fulda. Da braucht man schon dieses In-ter-Net“, er zieht die Silben ganz lang, „um den Italiener zu finden. Naja, jedenfalls bin ich gerade erst wieder da. Und jetzt dieser Virus. Ob da man so alles mit tau ist… Ich glaub ja nicht, dass das alles so natürlich ist. Wer weiß ob das nicht ne Waffe war, und der Chinese hat vergessen die Tür zu zu machen. Ich geh jetzt aber nicht mehr raus.´“

„Das machen´se richtig“, rufe ich vom Balkon. Der Nachbar rückt seine Schiebermütze zurecht und sagt „Nächste Woche ist ja Geburtstag, mein Bruder wird 80. Wollte ich ja auch nicht hin, aber meine Schwägerin hat gebettelt das nicht ausfallen zu lassen. Jetzt macht sie zwei Mal was, einmal Kaffee und einmal Abendbrot, und zu jedem kommen andere, dann sind wir nur zu viert. Aber da gehe ich dann schon hin. Man wird ja nur ein Mal 80.“

Ich Ich Ich
Seit dem Wochenende bin ich wieder stärker am Husten, mit Kribbeln in den unteren Atemwegen. Seit gestern dann Halsschmerzen und Schluckbeschwerden. Ist das eine neue Atemwegsinfektion? Aber woher soll die kommen, ich hatte seit Mitte letzter Woche quasi keinen Kontakt mehr zu Menschen. Oder ist das einfach der Tatsache geschuldet, dass es am Arbeitsplatz wegen der Fußbodenheizung gerade eine Luftfeuchtigkeit zwischen 12 und 25 Prozent hat (normal wäre so um die 40)? Keine Ahnung. Ich neige nicht zu Hypochondrie, achte jetzt aber sehr genau auf weitere Symptome. Was bei Corona aber leider kaum was bringt, weil so viele Fälle asymptomatisch verlaufen.

Die Welt
Im Unvereinigten Königreich (UK) hatte König Boris ja erst verkündet nichts machen zu wollen, aber davon ist er nun ab. Nachdem er sich in eine Runde Untertanenbschimpfung ergab, bei der er anprangerte, dass die Leute nicht freiwillig zu Hause blieben, gibt es nun eine dreiwöchige Ausgangssperre.

Derweil in den USA fordern Fox-News-Kommentatoren ein Enddatum von Trump für das Ende der (milden) Maßnahmen, weil: Stockmarket und so, wissen schon. Die orangefarbene Hohlbirne geht darauf gerne ein und twittert in Großbuchstaben was von zwei Wochen, dann wolle er was verkünden. Vermutlich tut er dann kund, dass er das Virus eigenhändig erwürgt hat und man jetzt wieder zur Normalität zurückkehren kann. Nunja.

Da bleibt nur Galgenhumor.

Was schön ist:
Franca und Licio geht es gut. Die beiden alten Herrschaften sind auch schon in ihren Siebzigern und Achtzigern, haben aber den Ernst der Lage begriffen. „Wir bleiben zu Hause und fotografieren Blümchen“, schreibt Franca und schickt prompt Beweisfotos über Whatsapp. Sara und Francesco leiden derweil darunter, dass ihr Restaurant geschlossen bleiben muss. Die beiden habe vermutlich hohe Kredite für den Neubau am Laufen, und jetzt käme eine Umsatzbringende Zeit mit Osterfeiern, Kommunionen und Taufen. Aber „wir sind gesund und unser Garten hält uns auf Trab“, schreibt Sara, und das ist ja auch was.

Alle Einträge im Corona-Tagebuch

Kategorien: Corona-Tagebuch | 12 Kommentare

Corona (4): Kontaktlos

Weltweit: 354.996 Infektionen (+99.681), 15.436 (+4.992) Todesfälle
Deutschland: 27.558 Infektionen (+9.197), 115 (+63) Todesfälle

Woche zwei der Corona-Isolation. Seit dem Wochenende gelten neue Maßnahmen: Der Bundeskanzler Frau Merkel trat am gestrigen Sonntagabend persönlich vor die Kameras und verkündete Kontaktverbote für die nächsten zwei Wochen.

Danach verzog sie sich in häusliche Quarantäne, weil einer ihrer Ärzte positiv getestet wurde. Bundesweit sind damit Gruppen von mehr als zwei Personen, ausgenommen Familie und im Job, verboten. Das ist eine weit weniger rigide Maßnahme als China oder Bayern umgesetzt haben, schränkt dafür aber zumindest die Grundrechte nicht ein. Auch die Handyortung zum Nachvollziehen von Infektionsketten ist wohl erstmal vom Tisch.

Das ist gut, weil: Grundrechte, die man in Krisen bereitwillig aufgibt, bekommt man nicht wieder.

Das wissen auch andere. Ungarn wird gerade zur deFakto-Diktatur, weil dort der Faschist Orban jetzt per Notstandsverordnung Regelungen mit Gesetzeskraft erlassen oder die Justiz außer Kraft setzen kann.

In den USA läuft die Trump´sche Selbstbedienungs-Gang zu neuen Hochformen auf. Die Republikaner haben allen Ernstes aus einem Notgesetzvorschlag Krankenversicherungshilfen rausgestrichen („können wir uns nicht leisten“) und stattdessen vorgeschlagen, dass Finanzminister Mnuchin einfach dreistellige Milliardenbeträge frei Hand verteilen darf und für mindestens sechs Monate niemandem sagen muss, an wen die Kohle gegangen ist. Etliche Republikaner betreiben selbst Unternehmen, und nahezu alle Politiker beider Parteien haben Aktienpakete noch und nöcher. Wollen wir wetten, an welche Unternehmen das Geld gehen wird?

Und sonst so?

Ich habe die Suzuki wieder eingemottet. Schönes Wetter hin oder her, das hat gerade alles keinen Sinn. Moppedfahren ist gefährlich, und jetzt ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt um sich was zu brechen und ins Krankenhaus zu müssen. Zwar sind die Straßen schön leer, aber das verleitet so manche Doofnase dazu, wie bekloppt zu rasen. Lieber kein Risiko eingehen. Gedanklich werde ich mich auch schon mal von der diesjährigen Motorradreise verabschieden. Das ich Ende Mai auf ein Schiff gehe, sehe ich aktuell nicht.

Es sind die kleinen Sachen, die gerade gut sind.

Wie der Facebook-Post unseres Dorfladens, der verkündet, es seien genug Lebensmittel und Klopapier vorhanden.
Oder die Menschengruppe, die mir heute morgen begegnete und ich erst dachte „Ihr habt doch den Schuss nicht gehört“, bis ich merkte, dass das eine Großfamilie auf Spaziergang war.
Oder das Abends Leute von ihren Balkonen auf allen möglichen Instrumenten „Freude schöner Götterfunken“ schrammeln und singen.
Oder das man beim Bäcker ENDLICH mit Karte und kontaktlos zahlen kann.

Alle Folgen des Corona-Tagebuchs.

Kategorien: Corona-Tagebuch | Schlagwörter: | 4 Kommentare

Reisetagebuch Motorradtour 2019 (17): Die große Poperze

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute geht es in die Alpen, ein lang gehegtes Vorhaben gelingt und endet in Wut.

Freitag, 28. Juni 2019, Villa Maria Luigia, Veneto

Ich sitze an meinem Tisch im Frühstücksraum der Villa Maria.

Vor drei Jahren habe ich exakt hier, an diesem Tisch, die Nachrichten aufgemacht und völlig geschockt lesen müssen, dass die Briten für einen Austritt aus der EU gestimmt haben. Was mich wohl heute morgen für Horrornachrichten erwarten?

Oh. Sowas. Naja, ist ja halb so schlimm. Ives Besessenheit hat in den letzten Jahren Apples Produkte eher schlechter als besser gemacht.

Sara steckt den Kopf durch die Tür. „Es tut mir leid, es gibt keinen Kaffee heute Morgen.“
Nnnnnnnooooooooiiiiiiiinnnnnn!!!!!!!!!

„Sorry, die Maschine ist kaputt“, sagt Francesco. Söhnchen Carlo sitzt auf dem Bartresen und sieht mit großen Augen zu, wie sein Vater an der schrankwandgroßen Espressomaschine herumschraubt, die aber keinen Mucks tut.

Na, dann keinen Kaffee, nur Abschied. „Bis zum nächsten Mal?“, fragt Sara. Ich ziehe die Schultern hoch. „Wir werden uns sicher wieder sehen. Aber ich weiß noch nicht wann“, sage ich.

Ich spüre das schon die ganze Fahrt über: Ich habe Italien durchgespielt. Auch wenn ich manche Menschen hier wirklich sehr in mein Herz geschlossen habe und sie am Liebsten ständig besuchen würde, ich brauche jetzt mal was anderes.

Das Motorrad ist bereits beladen und steht vor der Tür in der Morgensonne.
Sara, Francesco und Carlo stehen vor der Villa und winken mit nach, als das Motorrad startet und über den Gartenweg hinaus auf die Landstraße rollt.

Der Berufsverkehr im Veneto ist wie immer dicht und klebrig, aber Motorräder dürfen in Italien ja zum Glück fast alles. Mit dem üblichen und tolerierten an-roten-Ampeln-bis-ganz-nach-vorne-fahren, im-Überholverbot-überholen usw. komme ich leidlich schnell voran.

Anna hilft nach Kräften mit. Die MOtorrad-KI hat Baustellen und Unfallmeldungen aus dem Netz gefischt, die sie mir nun ins Ohr sagt. Wir einigen uns darauf, dass wir ein kurzes Stück Autobahn fahren, um nicht stundenlang auf irgendwelchen Dörfer an Ampeln zu warten. Die 3,60 Euro für die Maut kann ich mir gerade noch leisten.

Schnell geht es in die Berge. San Biagio di Callalta liegt nicht weit vom Alpenrand entfernt, und als ich von der Autobahn abfahre, bin ich schon mittendrin in den Bergen.

Bild: Google Earth 2020.


Weiterlesen

Kategorien: Motorrad, Reisen | 3 Kommentare

Corona (3): Die Stunde der Prepper

Weltweit: 254.996 Infektionen, 10.444 Todesfälle
Deutschland: 18.361 Infektionen (+5.258), 52 (+10) Todesfälle

Schon am vergangenen Wochenende kamen mir gleich mehre große Geländewagen auf der Bundesstraße entgegen. Also, keine SUVs von der Marke „Stadtpanzer“, die nicht mal über einen Bordstein fahren können, sondern ECHTE Geländewagen.

Jeeps, ein alter Bundeswehr „Wolf“ und einen Unimog in Tarnfarben habe ich bei einem kurzen Ausflug gesehen. Sind das Fahrzeuge von „Preppern“, also von Leuten, die sich schon zu normalen Zeiten auf die Zombieapokalypse vorbereitet haben? Die Bunker bauen, Lebensmittel horten, Überlebenstechniken üben und eben auch Geländefahrzeuge vorhalten? Leute, die so veranlagt sind, müssen sich doch jetzt echt bestätigt und ihre große Stunde kommen sehen.

Andere werden jetzt noch schnell zu Preppern. Wie der Nachbar, bei dem gestern mehrere große Erdtanks für Wasser geliefert wurden. Der legt sich jetzt im Garten eine Zisterne an. Sicherlich generell keine schlechte Idee, Wasser zu sparen und Regenwasser zu sammeln. Zum Blumen gießen kann man das immer brauchen.

Bayern hat jetzt als erstes Land Ausgangsperren verhängt.
Geht nicht anders. Freiwillige Selbstbeschränkung passt wohl nicht zu der hedonistischen Lebenskultur in München und Umgebung.

Auch die Arbeitskultur ist da stellenweise hinterher. Während in unserem kleinen Betrieb immer schon darauf geachtet wurde, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter die Arbeitsmittel bekommt, die sie oder er möchte und die den eigenen Vorlieben entsprechen und alle mobil arbeiten können, ist das in den Konzernen um München noch nicht angekommen. Das erzählte mir gestern eine Münchnerin, die bei einem großen Unternehmen arbeitet. Das verkauft es seinen Mitarbeitenden immer noch als Incentive und große Ehre, wenn sie ein Firmenhandy bekommen, oder ein Notebook, oder mal Homeoffice machen durften. Eine Ehre, stets erreichbar zu sein? Homeoffice als Belohnung?
Das ist die Old Economy. Die lernt gerade mit Gewalt um.

Kategorien: Corona-Tagebuch, Ganz Kurz, Gnadenloses Leben | 3 Kommentare

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: