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Schlagwort: schlümpfe

Review: Avatar

Review: Avatar

“Das für mich Wichtigste an diesem Film ist, dass ich den Zuschauern etwas zeigen möchte, dass Sie noch nie gesehen haben. Ich will sie staunen lassen”

…sagt Regisseur James Cameron über Avatar.

Bei seinen letzten Filmen ging es ihm stets auch darum, die Grenzen des Machbaren auszuloten und neue Techniken in der Filmproduktion auszuprobieren. 1991 zeigte der flüssige T-1000 in Terminator was man mit comptergenerierten Charakteren anstellen kann. 1998 war es der Untergang der Titanic, der zeigte wie weit die Effekte sind. Nun hat Cameron zum dritten mal in Folge den teuersten-Film-aller-Zeiten gedreht. Das es ihm beim Filmemachen nicht um die Story geht, merkt man auch bei Avatar, dessen Geschichte schnell erzählt ist:

Angriff der Drei-Meter-Schlümfe
Auf dem Planeten Ganzweitweg ist alles grün und voll Öko. Tagsüber sieht es dort aus wie eine Grafikkartendemo, nachts blinkt alles bunter als in den schlimmsten Puffs von Las Vegas. Auf Ganzweitweg lebt das Volk der Naiv, die aussehen wie eine 3 Meter große Kreuzung aus Katze, Schlumpf und Heidi Klum. Die leben im Einklang mit der Natur, denn dank Plug-and-Play können sie sich an Flora und Fauna anstöpseln und wissen deshalb voll Bescheid über Sachen und so. Die Schlümpfe wohnen den ganzen Tag in so einem großen Baum. Der steht auf auf einer Kiste Gold, und die wollen die Space Marines aus “Aliens” haben. “Moment”, sagt da Diane Fossey, die aus “Gorillas im Nebel, “die Schlümpfe sind doch voll schlau, lass mal mit denen reden”. Zur Kontaktaufnahme gehen die Menschen den denkbar einfachsten Weg: Sie schaffen in jahrelanger Arbeit einen Mensch-Schlumpf-Hybriden ohne Hirn, an den man zeitweise per Bluetooth einen Menschen anschliessen kann. Klar, wie soll das sonst gehen. Einfach mal so vorbeigehen und mit den Schlümpfen reden wäre ja auch zu einfach.

Mensch in Schlumpf-Avatar soll dann das Vertrauen der Naiv erringen und ihnen freundlich sagen, dass sie mal auf einen anderen Baum umziehen sollen.
Dooferweise geht ab hier alles schief. Der Mensch im Schlumpf findet Schlumpfsein und Sex-mit-Schlümpfen plötzlich Klasse, die Naiv wollen nicht umziehen und die Space Marines haben die Schnauze voll von Diplomatie und hauen auf die Kacke. der Mensch im Schlumpf beschliesst daraufhin den Schlümpfen gegen die Menschen zu helfen, and then everything goes BOOM.

Alles lahm
Wer sich jetzt, wie der SPIEGEL, hinstellt und sagt: “Menno, alles bei Karl Mey geklaut, wie lahm”, macht es sich zu einfach. Der Vorwurf ist naheliegend, aber Schlümpfe und Indianer sind eben nicht einfach austauschbar. Jeder weiß, dass den amerikanischen Ureinwohnern widerfahren ist und das man dafür ein schlechtes Gewissen haben muss. Der Stoff ist vorbelastet. Durch die Verlegung der Geschichte auf einen fernen Planeten kann man, auch als Zuschauer, unbelasteter rangehen. Natürlich ist man, hat man nicht sein Hirn an der Kinokasse abgegeben, nicht frei davon Parallelen zu sehen. Witzigerweise tun das die menschlichen Charaktere im Film genauso. Dennoch ist der Umgang hier ein anderer. Cameron findet Storyvehikel, um uns als modernen Menschen die alte Geschichte auf neue Art näherzubringen. Als Beispiele sei hier der USB-Stecker oder das natürliche Internet genannt. Würde mich nicht wundern, wenn Baumumarmer demnächst ihre Religion mit “Na´Vi” angeben. Das kann man alles eklig finden und rufen “Das ist Der mit dem Wolf tanzt in blau!”, aber das muss jeder für sich entscheiden. Eine Verbindung von Esoterikdingens mit beinhartem Gunporn sucht man zumindest bei dem Kostnerfilm vergebens.

Den Film Avatar allein auf die vorhersehbare Geschichte der noblen, geschundenen Wilden zu reduzieren, hiesse, Terminator als “Roboter jagt Jungen” und Titanic als “Schiff geht unter” zusammenzufassen. In diesen Kurzbeschreibungen fehlen die visuellen Eindrücke und die großen Emotionen, die Cameron zweifellos rüberbringen kann. U.a. das unterscheidet ihn von George Lucas, der zwar auch gerne mit Technik spielt, aber keine Ahnung von der Gefühlsebene hat. Wenn in Avatar der Baum brennt oder der Oberschlumpf eine Blut-und-Boden-Rede hält, dann bleibt kein Auge trocken, das ist bewegend und emotional packend inszeniert.

Hunderte Roy Orbisons können nicht irren
Wie Eingangs erwähnt ist die Story nicht das Wichtigste an Avatar. Das Augenmerk liegt vielmehr auf der 3D-Technik, die man so eingesetzt noch nicht gesehen hat. Ich war ja ein wenig skeptisch, aber: Es funktioniert wirklich. Wir haben Avatar auf einem nagelneuen 4K-Projektionssystem gesehen. Man muss eine Brille aufsetzen und sieht damit aus wie Roy Orbison, aber dadurch wirken die Objekte auf der Leinwand wirklich dreidimensional.

Avatar setzt diese Technik in der ersten Stunde der insgesamt 166 Minuten Laufzeit recht unspektakulär ein. In langsamen Einstellungen wird den Zuschauern die Möglichkeit gegeben, sich langsam an die neue Dimension zu gewöhnen. Das ist auch gut so, denn wenn man mit Sequenzen wie der Flugschlacht am Ende begonnen hätte, müssten in jedem Kinositz Spuktüten liegen. Die Steigerung erfolgt kontinuierlich. Hat man sich gerade noch daran gewöhnt, im Wald zu stehen und Pusteblumen beim Schweben im Raum zuzusehen, zuckt man im nächsten Moment zusammen, weil einem plötzlich Schrapnellsplitter aus der Leinwand entgegengesaust kommen.

Die neue Technik wird selten zum Selbstzweck eingesetzt – eine Verlockung, der wohl vor allem 3D-Zeichentrickfilme oft nicht widerstehen können. Nur der dritten Dimension ist es zu verdanken, dass die Schlümpfe funktionieren. Denn egal wie perfekt die Performance-Capturing-Technik mittlerweile geworden sind: Die Biester sehen halt einfach immer noch gerendert aus, vom Niveau her etwas besser als in Beowulf, aber halt immer noch weit entfernt von echt. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass der Film in zwei Teile zerfällt: Einen Realfilmteil (Menschen) und einen Zeichentrickteil (Schlümpfe). Um Beides ein wenig besser zu verkitten, liegt über den real gefilmten Objekten und Personen ein optischer Filter, der sie ebenfalls leicht artifiziell aussehen lässt. Das wäre ein echter Mangel, würde die Renderoptik nicht durch den 3d-Anteil ausgeglichen. Am heimischen 2D-TV-Gerät wird Avatar wesentlich weniger Magie entfalten als im Kino.

Genau das ist aber sein wesentlicher Verdienst: Für Avatar, der im Vorfeld als größter-Film-aller-Zeiten gehypt wurden, haben sich Kinos fast flächendeckend 3D-Projektoren geleistet. Damit werden viele Zuschauer ihr erstes 3D-Erlebnis haben. Und das ist es wirklich. Ein Erlebnis. Kino ist endlich wieder etwas Besonderes, was man zu Hause in der Form noch nicht hat. Kino macht uns staunen, und damit hat der Film nicht nur das Ziel seines Machers erreicht, sondern lässt uns Ahnen, wie unsere Urgroßeltern Kino erlebt haben: als etwas Wundervolles und Besonderes.

In naher Zukunft werden uns jetzt erstmal viele schlechte Filme erwarten, die trotzdem erfolgreich sind weil sie von 3D Gebrauch machen. Später werden dann die guten Sachen kommen, wenn man sich als Zuschauer an die Technik gewöhnt hat und die Filmemacher sich wieder darauf besinnen, dass die Leute wegen der Geschichten Filme sehen. Rückblickend werden wir dennoch sagen: Mit Avatar hat damals alles angefangen. Das war der Meilenstein.
Genau das ist der Film. Ein Meilenstein der Kinotechnik.
Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Lässt man die technische Umsetzung außer acht, bleibt eine gefühlig umgesetzte, aber altbekannte, Story und nichts wirklich Neues übrig. Aber wenn man so verfährt, reduzieren sich auch Titanic oder Terminator auf Nullnummern. Der Film will staunen machen, und das schafft er.