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Albtraumhosenkauf

29 Mai

Die Überschrift ist doppeldeutig. Wer hier ein Drama erwartet wie bei dem Elend des Jackenkaufs, das sich drei Monate hinzog, der wird enttäuscht werden. Die Anschaffung einer neuen Hose ging erstaunlich schnell. Der Hosenkauf war also kein Albtraum, ein Albtraum sind aber die gerade am Markt verfügbaren Hosen. Völlig erstaunlich, was sich die Hersteller trauen für einen Müll in die Geschäfte zu hängen. Gibt es in deren Designabteilungen keine Tourenfahrer? Ich habe mich durch einige Hosen probiert und eine wütende Meinung dazu.

Hintergrund: Nach sieben Jahren in Wind, Wetter und Sonne sollte nun auch meine treue Mohawk Hose in der Sympatex-Version ersetzt werden. Nach Möglichkeit wieder eine Textilhose, nach Möglichkeit wieder mit Leder an den sturzgefährdeten Stellen. Allerdings nicht nochmal eine Mohawk. Grund: Die hat zwar dickes Leder an den Knien, Hüften und am Hintern, was bei einem Unfall und beim Rutschen über den Asphalt die Haut ganz gut schützen sollte.

Der Schwachpunkt sind aber die Übergänge, insb. die Nähte unter und über de Knie, die Leder und Polyamid verbinden. Die doppelten Nähte und das dicke Leder sehen stabil aus, sind es aber an genau diesen Nahstellen nicht unbedingt: In Foren habe ich unschöne Bilder gefunden, die Mohawks zeigen, bei denen beim Sturz das Leder aus dem Cordura oder direkt an den Nähten gerissen ist. Nachdem sich dann die Hose aufgelöst hatte, pellte sich dann Haut und Fleisch wie eine Mandarine vom Knie des Fahrers. Merke: Niemals Materialmix und Nähte unmittelbar vor Gelenken und quer zur Sturzrichtung!

Da Leder-/Textil-Kombis gerade total out sind, gibt es gar nicht all zu viel Auswahl. In der örtlichen Polo-Filiale probierte ich mich dann durch diverse Modelle.

Was ich da so sah, hat mich echt erstaunt. Auch im hochpreisigen Segment gibt es jede Menge Pfusch und Murks. „Abenteuer“-Hosen ohne Lüftungen, andere ohne vernünftige Taschen, wieder andere „locker und bequem“ geschnitten, dass darin die Protektoren Rumschlabbern wie nichts Gutes.

Eine, ansonsten recht gute, Tourenhose von Reusch hat Hosentaschen, die so klein sind, dass man schon Zwergenhände braucht um überhaupt reinfassen zu können. Dazu passt die kleine und fummelige Lüftung mit filigranen Reissverschlüssen. Und wer auf die Idee gekommen ist, den Stiefelverschluss auf der RÜCKSEITE anzubringen, gehört gehauen. Ich ziehe mir meine Stiefel selber an, für diese Hose bräuchte man einen Stiefelknecht!

Als Nächstes: Die „Pharaoh“-Hose. Sieht man oft an Bloggern und Filmern, die von Polo gesponsort werden. Ich würde das Ding nicht mal geschenkt nehmen. Sitzt wie ein nasser Sack, hat einen Reissverschluss im Schritt, der nicht mal halb gut abgedeckt und deshalb Einfalltor für Feuchtigkeit (von Außen!) ist, und wer auf die Idee gekommen ist, den Stiefelabschluss statt mit einem Reissverschluss mit Klett zu versehen, der gehört übers Knie gelegt! Im Ernst, ich habe sehr wohlgeformte und schlanke Beine, und diesen Klettverschluss konnte ich mir zweimal um die fesseln wickeln. Stopft man die Hosenbeine nicht in die Stiefel, flattern die im Wind. Es müssen allerdings verdammt große Stiefel sein.

Letztlich blieb nur die „Matata II“ von Held übrig.

Bild: Held

Ich war ja sofort mißtrauisch – welcher Hersteller nennt bei einer Reisekombi die Jacke „Hakuna“ und die Hose „Matata“? Gibt es dazu demnächst die Handschuhe „Timon“ und die Stiefel „Pumbaa“?

Bild: Held

Egal. Die Matata II ist auch weit weg von Ideal. Der Schnitt ist flatterig, im Bund ist ein Gummizug ohne Verstellmöglichkeit und der kleine Riegel am Hosenbein, der wie ein (sinnvoller!) Beineinsteller aussieht, ist nur ein Dings um eine Lüftung aufzuhalten. Nutzen: Zweifelhaft.

Der größte Witz ist aber: Zwar ist Känguruleder verarbeitet, aber NICHT an den Knien, sondern nur am Hintern und den Waden. Sollen ditte? Für Endurofahrer mag das ja nett sein, aber kein Endurofahrer mit einem Funken Ehre im Leib würde so eine Hose tragen. Immerhin gibt es unter den Knien keine Nähte, und darüber sind Stretcheinsätze, die lange Strecken angenehm machen sollten.

Nett ist das Konzept, das Hosenfutter samt Membran herausnehmen zu können. Dadurch wird die Hose sehr leicht. Ganze 1,4 Kg wiegt das Beinkleid ohne Innenfutter, aber mit voller Protektorenausstattung. Im Vergleich dazu: Die Mohawk-Hose wiegt 2 Kg.

Ebenfalls schön: Gigantische Lüftungsöffnungen an Ober- UND Unterschenkel. Bei dem, was ich dieses Jahr vor habe, eigentlich genau das richtige. Aber. Ich erwarte eigentlich, dass eine Lüftung auch nicht mehr lüftet, wenn sie geschlossen ist. Welcher Lurch bei Held auch immer es toll fand, grobe Reißverschlüsse an diesen Stellen einzusetzen, gehört ebenfalls an den Pranger gestellt. Durch die Dinger pfeift der Fahrtwind auch dann, wenn sie geschlossen sind. Auch ansonsten ist die Matata II „cool“, im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Schritt fehlt eine ordentliche Verstärkung – der Willi bzw. die Mumu wird also immer schön durchgelüftet.

Der Sitz ist ganz OK, wenn auch für Leute gemacht, die moppeliger sind als ich und Gelenke wie Baumstämme haben. Bei 1,70 Meter Körpergröße ist die Länge in M bei mir perfekt, aber die Beinabschlüsse zu weit und zu der nicht verstellbare Bund so umfangreich, dass sie einem ohne Gürtel vom Hintern fällt, wenn man nicht gerade 100 Kilo wiegt. Der Hersteller meint denn auch, dass „M“ Personen ab 1,72 bis 1,80 Meter passen soll. Haha. Als ob Hochwasserhosen schon wieder in Mode wären. Aber Held schneidert sowieso für Aliens, anders sind auch die überlangen Daumen an deren Handschuhen nicht zu erklären.

Bei der Matata II hängen auch die Knieprotektoren dort, wo vielleicht Aliens, nicht aber Menschen ihre Knie haben. Bei mir hingen die knapp unter dem Knie und auf dem Schienbein. Da nützt auch die Höhenverstellung nichts, die sitzen auch auf der höchsten Einstellung zu tief. Habe ich letztlich dadurch gelöst, dass ich die Protektoren entfernt und in separate Halter gestopft habe.

Das ist etwas umständlicher zum Anziehen, hat aber den Vorteil, dass die Dinger immer an der richtigen Stelle sitzen.

Und: Ich kann die auch mal unter einer Jeans tragen.

Die Knieprotektoren sorgten für eine Überraschung: Auf dem Etikett der Hose ist angegeben, das Held Level 1 Protektoren von SAS verbaut. Dem ist nicht so, zutage kamen welche mit Schutzlevel 2 (was besser ist!).

Die Dinger sind beeindruckend dünn und leicht und schützen besser als die alten „Supershield“-Protektoren, die ich bislang in den Protektorentaschen hatte. Dafür umschließen sie das Knie nicht so weiträumig.

Links die SAS Lvl. 2, rechts die Safemax Lvl. 1

Wie jede andere Hose am Markt auch hat auch die Matata II keine Hüft- oder Steißbeinprotektoren. Sie ist aber dafür vorbereitet, und wer schon mal auf der Straße gelegen hat, weiß, dass Hüftprotektoren Gold wert sind. Die „Quattrotempi“ für die Matata II sind zwar eine ästhetische Zumutung…

…aber sie sind flexibel und leicht.

Dazu kommt, dass sie echt fett sind – aber dafür auch Schutzklasse 2 haben, das leisten sonst nicht mal die Nucelon-Protektoren aus Alpine Stars Bio Armor-Serie. Sind sie unförmigen Quattrotempi aber erstmal verbaut, merkt man sie kaum. Nur beim Griff in die Hosentasche wird man daran erinnert, dass man Körperpanzer trägt – die Ausleger der Wabenstruktur schubbern am Portemonnaie.

Der Steißbeinprotektor ist dagegen geradezu zierlich.

Sind alle Protektoren an ihrem Platz, ist der Sitz der Hose deutlich besser als im Kaufzustand.

Auf den Außenseite der Knie gibt es Gleitpads. Bei Alpine Stars sind die mit Keramik beschichtet, um Rutschpartien über den Asphalt zu überstehen. Die von Held sehen dagegen nach Fake aus, vermutlich Gummikram, das nur cool aussieht.

Was wiederum schön ist sind die großen Hosen und Seitentaschen, die ordentlich große Reflektorflächen haben. Ach ja, und meine Berufsbezeichnung steht auch drauf.

Ist das jetzt eine gute Hose? Nicht unbedingt, für mich sind da einige Detail zu vermurkst, und man muss ich mit dem Schnitt arrangieren können. Traue ich der? Um ehrlich zu sein, nicht wirklich. Kein Polyamidgemisch erreicht die Festigkeit von Leder, und ich bin sehr skeptisch, was die Leistung der Matata II bei einer Rutschpartie über den Asphalt angeht. Warum habe ich die dann gekauft? Weil ich ihr zumindest soviel zutraue wie der alten Mohawk, aber dabei ist die Held wesentlich leichter, hat bessere Protektoren, eine bessere Lüftung und bessere Taschen. Für spezifisch die Sachen, die ich in den nächsten Wochen vor habe, ist sie vermutlich die richtige Hose – eine wirklich gute Allrounderin sieht aber anders aus. Ist halt eine Reihe von Kompromissen, die ich nur eingehe, weil die Konkurrenz noch scheissiger ist.

Von daher wird sie mich jetzt erstmal auf die Sommertour begleiten, aber sobald was besseres meinen Weg kreuzt, ist die Matata II wieder weg. Bleibt die Erkenntnis: Hosen bauen muss verdammt schwer sein, oder in den Designabteilungen der großen Hersteller sitzen nur noch Kiffköppe, die sich an die Zielgruppe derjenigen ranwanzen wollen, die mit Adventureausrüstung ins Eiscafe fahren.

 
9 Kommentare

Verfasst von - 29. Mai 2018 in Motorrad

 

9 Antworten zu “Albtraumhosenkauf

  1. KAWA

    29. Mai 2018 at 13:45

    🙂

    Gefällt 1 Person

     
  2. Bla (@blablog)

    29. Mai 2018 at 23:33

    Das mit den Klamottenwünschen, die der Markt nicht erfüllt, kenn ich https://blablog.de/archives/255-Dann-eben-reparieren.html .
    Ich steh auch auf den Materialmix Stoff-Leder, der tatsächlich immer schwerer zu bekommen ist. Wobei mir ein Verkäufer letztens sagte, mit Kevlar-Durex-wasweißich würde man das gleiche erreichen.
    Als Standardhose trage ich seit jeher schlichte Lederjeans. Die sind zwar schwer, aber universell nutzbar. Sie halten Regen, kalten Wind und die Abwärme vom Motor ab, was sie von -10° bis +30° nutzbar macht. Im Sommer so ab 25° trage ich im Nahbreich mittlerweile Moppedjeans, aber über 25° bei langsamem Tempo wird das arg warm von unten.

    Diese separaten Knieprotektorenhalter, wo gibts die unter welchem Namen? Die könnten mein was-soll-der-Knieprotektor-auf-der-Wade-Problem auch lösen.

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  3. Silencer

    30. Mai 2018 at 09:05

    Bla: Ja, Lederjeans sind prima, hatte ich früher auch. Nur. Und immer die Beine zu kurz abgeschnitten 🙂 Dazu passen in der Tat gut die Protektoren mit dem Halter. Die werden für rund 25 Euro bei Polo unter dem Namen „Safe Max Gelenkprotektoren mit Schlauch“ angeboten.

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  4. X_FISH

    30. Mai 2018 at 20:21

    Die Bilder sind irgendwie… Kaputt? Musst mal schauen was da schiefgegangen ist.

    Bezüglich Hosen: Ich habe heute die von dir erwähnte Mohawk 2.0 im Laden angeschaut. Hing dort einsam und verlassen in der Ecke der reduzierten Sachen mit kleinen Fehlern. Okay, sie war nicht allein. Eine Tasche mit defektem Reißverschluss und eine XXXXL Hose lag auch noch herum. Was die für ein Problem hatte weiß ich nicht, waren mir so viele X das ich sie nicht weiter angeschaut habe. 😀

    Nun denn: Mohawk 2.0 Hose mit Glattleder am Knie mit dem Makel „Kein Innenfutter“. Ich schaue mir die Nähte an und lasse sie hängen. Die Größe hätte u.U. sogar gepasst, aber irgendwie hat das auf mich alles recht filigran gewirkt. Also mehr abenteuerlich als für Abenteuer geeignet. 😉

    Meine alte Polo Mohawk 1.0 Hose (ohne MVS-1) ist mir da am Knie deutlich sympathischer.

    Wenn du mit den Hosen dann komplett fertig bist -> ich plage mich mit Handschuhen herum. Gesucht wird ein abstreifsicheres Sommerhandschühchen (als Paar) mit guter Belüftung. Eventuell hast du dann da ja auch einen Tipp für mich? 😉 Held Sambia (kurz) war bisher der Favorit, da drückt es mich beim Zupacken am Griff dann blöderweise beidseitig am kleinen Finger… Hmpf…

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  5. Silencer

    30. Mai 2018 at 20:45

    X_Fish: Danke für den Hinweis. Habe ich schon erwähnt, dass ich die WordPress-App hasse? Korrigierste einen Schreibfehler, dafür macht sie dir die Hälfte der Bilder kaputt.
    Die Mohawk MVS 2012, die ich habe, sieht nahtmäßig super aus, wie ein Panzer. Das tat die 2008er aber wohl auch, deren zerlegte Oberfläche im Bild im V-Stromforum kursiert.

    Handschuhe sind auch Pain in the Ass. Hast recht, die habe ich nun nicht durchgetauscht. Dafür reichen auch die finanziellen MIttel gerade nicht mehr. Deshalb müssen meine schlichten Reusch Sommerhandschuhe noch eine Saison durchhalten, da habe ich leider aktuell keinen Tip. Doch, einen: Was immer Du tust, nimm nicht die Vanucci Summer Dry II. Schwitzte Dich tot drin, und die Membran ist schlecht laminiert.

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  6. Bla (@blablog)

    31. Mai 2018 at 06:43

    Silencer: Danke, da fahr ich bei nächster Gelegenheit vorbei und probier die aus.

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  7. Bla (@blablog)

    21. Juni 2018 at 23:44

    Habe mir die „Gelenkprotektoren mit Schlauch“ geholt. Passen perfekt und ich habe sofort die ollen, schlecht platzierten Protektoren aus meinen Stoffhosen geholt. In meinem Schläuchen stecken leider die Level 1 Protektoren. Noch mal vielen Dank für den Tipp!

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  8. Silencer

    21. Juni 2018 at 23:49

    Cool, das freut mich! Level 2 Kram kann man auch mal nachkaufen, wenn die Kasse das erlaubt. D3O-Zeug ist ziemlich geil.

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  9. X_FISH

    22. Juni 2018 at 06:49

    Schwitzt man unter diesen »Gelenkprotektoren im Schlauch« nicht tierisch? Ging mir so bei meinen alten Knie- und Ellenbogenschonern vom Inlineskating.
    _____

    Handschuhfrage bei mir übrigens geklärt: Als luftiger Sommerhandschuh ist es ein Pärchen Held Sambia geworden. Größe 8 (damals nicht vorrätig) und Größe 9 verglichen. Siehe da in Größe 8 gibt es das Problem nicht. Zu viel Material scheint das Problem gewesen zu sein.

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