Motorrad

Reisetagebuch Motorradherbst 2021 (1): Irgendwie quaddelig

Samstag, 18. September 2021
Bloß raus, bloß weg. Ein Jahr alles gegeben, nun völlig leer, müde und kaputt.
Ausgelaugt. So fühle ich mich und so sehe ich auch aus: Blass, und irgendwie quaddelig.

Ich habe nicht einfach nur Fernweh. Oder Sehnsucht nach Ferne. Darüber bin ich lange weg, die Grenze zwischen „Ich würde gerne mal wegfahren“ und „ICH MUSS HIER RAUS SONST DREHE ICH DURCH“ ist schon länger überschritten, und nur eiserne Selbstbeherrschung hat dafür gesorgt, dass ich nicht so manches Mal in diesem Jahr einfach Sachen zusammengetreten habe.

Weg hier. Den Kopf frei bekommen, endlich wieder was anderes sehen als nur Monitore und die immer gleichen vier Wände zu Hause und die vier Wände im Büro. Seit eineinhalb Jahren Pandemie, seit eineinhalb Jahren fast alle Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice, dazu deutlich mehr Arbeit als vorher.

Ja, schon in den vergangenen drei Jahren war ich irgendwann immer am Ende, kurz vor einer Reise. Aber dieses Jahr ist es heftiger. Der Stress macht jetzt Dinge mit mir, die allerhöchste Alarmzeichen sind. Ich kann gerade nicht mehr als vier, fünf Stunden schlafen, weil sich der Körper in permanenter Alarmbereitschaft befindet und das Hirn gleichzeitig ständig an drei Dingen herumdenkt und dabei gleichzeitig einen Ohrwurm dudelt. Meine Innereien rumpeln und pumpeln, seit mindestens zwei Monaten habe ich Probleme mit Magen und Darm. Und nicht zuletzt höre ich auf dem rechten Ohr seit einigen Wochen nicht mehr viel. Ohrenarzt sagt: Kein körperliches Problem, alle Tests sind supi. In der Theorie müsste ich perfekt hören, in der Praxis fühlt es sich an, als hätte ich Wasser im rechten Ohr.

Aber kann ich das überhaupt? Kann ich jetzt wirklich vier Wochen mit dem Motorrad auf Tour gehen? Das habe ich so lange nicht mehr gemacht. Bin ich fit genug? Schafft das Motorrad das? Was bildest du Dir ein, dass Du denkst, Du könntest das schaffen?, flüstert eine Stimme in mir.

Alles so Gedanken, die mir durch den Kopf kreisen. Deutliches Zeichen, dass ich in diesem Jahr motorradtrchnisch zu viel Theorie und zu wenig Praxis hatte. Dann baut langsam das Vertrauen in mich selbst ab. Ich muss hier weg. Nicht nur in der Theorie.

In der Praxis steht die Barocca (gesprochen: Barocka), die 2011er Suzuki DL650 „V-Strom“, in der Garage. Startbereit. Seit Wochen schon. Frisch gewartet. Die Reifen sind nicht mal richtig eingefahren.

Viel gefahren ist die große Schwarze mit dem Mördervorbau in diesem Jahr noch nicht. Wohin auch? Sie ist meine Reisemaschine, und reisen wollte und konnte ich ohne Impfung in der Pandemie nicht. Da erschien auch Urlaub machen irgendwie sinnlos. Also Arbeit Arbeit Arbeit… bis im Spätsommer endlich die erlösende Impfung kam. Das ist erst acht Wochen her, kommt mir aber vor wie eine Ewigkeit.

Ab dem Moment hatte ich wieder Lust und Traute weg zu fahren, am Besten Ende September. Aber wohin? Nach Rumänien möchte ich schon lange gerne, aber die haben ihre Pandemiezahlen überhaupt nicht im Griff. Oder UK? Nee, wettertechnisch schon zu spät im Jahr und wer weiß, in welchem Chaos die piefige Brexit-Insel versinken wird, vielleicht will ich da nicht mittendrin stecken.

Dann fiel der Beschluss, eine Reise nachzuholen, die ich vergangenes Jahr im Mai gerne gemacht hätte. Es soll nach Griechenland gehen. Einen ganzen Monat soll es auf dem Motorrad bis zur Südspitze des griechischen Festlands gehen. „Na, Mädchen, kriegen wir das hin?“, frage ich die V-Strom und streiche mit der hand über den Sattel. Natürlich kriegen wir das hin. 8.000 Kilometer werden es werden. Die Zahl wirkt groß, aber hey, ich fahre die ja nicht am Stück, sondern in kleinen Etappen, und für jede kann ich mir Zeit nehmen und sie so fahren, wie es für mich richtig ist. Denn natürlich bin ich wieder allein unterwegs.

Seitenkoffer und Topcase sind schon montiert und bereits seit einer Woche fertig gepackt. Hätte ich mich nicht früh darum gekümmert, hätte ich in den vergangenen Tagen keine Zeit zum Packen gefunden. Ein letztes Mal prüfe ich den Sitz des Gepäcks und checke die Maschine und das Garmin Zumo, Spitzname „Anna“, das drahtlos mit meinem Helm und den Reifen des Motorrads verbunden ist.

Alles ist in Ordnung, alles funktioniert wie erwartet. Morgen soll es also losgehen, und ich fühle mich körperlich schwach und erschöpft und geistig der Sache überhaupt nicht gewachsen. Aber ein Teil von mir ist gnadenlos optimistisch und weist darauf hin, dass mir das vor jeder weiten Reise so geht und das ich bislang noch alles geschafft habe, was ich wollte – und raus, einfach nur weg hier, das will ich wirklich, mit jeder Faser.

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Sonntag, 19. September 2021
Es ist 05:30 Uhr. Klamotten an, Schluck Instantkaffee, Sicherungen der Wohnung raus, los geht’s. Es sind 11 Grad, und die Luft hängt voller Niesel. Damit ist wenigstens die Entscheidung schon getroffen, ob ich die Regenkombi anziehe oder nicht. Schnell ist die Stormchaser übergestreift und der Gehörschutz reingepfriemelt, dann schiebe ich die DL 650 auf die Straße und knipse das Licht in der Garage aus.

Kurz darauf rollt die Barocca im Schein der Straßenlaternen aus dem Dorf heraus und auf den Autobahnzubringer.


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Ausrüstungsodyssee

Der November ist grau und kalt, da bietet sich ein Ausflug in den Süden an. Leider konnte ich den nicht selbst antreten, aber immerhin Teile meiner Motorradbekleidung.

Das Innenleben der TechAir-Jacke zieht es alle zwei Jahre nach Asolo, im Veneto. Dort wird die Airbagweste auf Dichtigkeit geprüft, die Treibladungen getauscht, die Sensoren gecheckt, die neueste Steuersoftware aufgespielt und – das ist am Wichtigsten – das Teil wird gewaschen.

Gönnt man sich als TechAir-Besitzer diesen Service für 99 Euro, bekommt man dafür nicht nur ein überholtes und duftendes Kleidungsstück und Seelenfrieden zurück, auch die Herstellergarantie verlängert sich um zwei Jahre. Versand und Rückgabe wird vom Händler organisiert, und über Louis geht das reibungslos und schnell. Im Retourenportal druckt man sich ein Versandlabel, legt einen Brief bei, dass man bitte eine TechAir-Wartung möchte und schickt das Ganze nach Hamburg. Dort wird das Ganze dann behandelt wie eine Reklamation, aber die Mails á la „Es tut uns so leid, dass Du mit uns nicht zufrieden bist“ und „Wir tauschen Deine Ware um“ kann man allesamt ignorieren. Die zeigen nur an, dass der Airbag unterwegs nach Italien ist, und binnen 10 Tagen war die Klamotte wieder hier.

Der Helm war nicht ganz so weit weg und hat trotzdem etwas länger gebraucht, was aber am Lieferdienst lag. Der N104 war nicht im Stammhaus von Nolan in Bergamo, sondern nur in Stuttgart, wo er in der deutschen Niederlassung von Nolan neue Visiermechaniken und Dichtungen bekam und die Verschlüsse gängig gemacht wurden.

Zusammen mit dem neuen Innenfutter und den Wangenpolstern lebt der Helm nun noch etwas länger.

Ich bin nur froh, dass ich ihn wiedergefunden habe – mitten in der Göttinger Innenstadt lag er rum, ganz allein. Das kam so: Mitte letzter Woche kam eine SMS von einem Versanddienstleister, das ein Paket für mich unterwegs sei. In der SMS: Ein Link auf eine kaputte Trackingseite. In Zeiten von Massenphishing über Fake-SMS unbedingt eine vertrauenssteigernde Maßnahmen.

Dann passierte: Nüscht.

Irgendwann habe ich mit die kaputte Trackingseite genauer angeguckt und konnte aus ihr eine Versandnummer rausschütteln, die dann auf einer anderen Trackingseite funktionierte. Stand der Dinge war da: Angeblich war ein Zustellversuch unternommen worden (stimmt nicht), aber ich wäre nicht da gewesen (stimmt auch nicht), und nun sei das Paket bei einem Nolte abgegeben worden. Nett. Nur: Hier gibt es weit und breit keinen Nolte.

Mein erster Gedanke: OK, der Fahrer hatte zu viel zu tun, und um sein Tagespensum zumindest für die Statistik zu erfüllen, hat er selbst das Paket als ausgeliefert unterschrieben und bringt das morgen oder übermorgen.

Doch es passierte: Nüscht.

Für heute hatte ich mir dann vorgenommen, sämtliche Lager des Versanddienstleisters anzurufen. Schon im nächstgelegenen hatte ich Glück. Das Lager selbst, ein Fahrradladen in der Göttinger Innenstadt, sah aus wie das Lagerhaus am Ende von „Jäger des verlorenen Schatzes“ – kein Wunder, wenn die Zusteller nicht mal Benachrichtigungen hinterlassen und die Pakete gleich da hinbringen, dann sammelt sich halt was an.

Wie auch immer: Der N104 ist wieder da. Und mit den Ersatzteilen des upgegradeten Modells ist er besser als an dem Tag, als ich ihn gekauft habe.

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Herbst! Saisonende 2021 & Jahresstatistik

Also höret und lobet das Herbstwiesel,
das Euch wissen lässt,
dass nun die Zeit für lange Abende bei Netflix und guten Büchern und Heißgetränken der eigenen Wahl angebrochen ist!

Auf das alles kuschelig sein möge und gemütliches Einmuckeln zelebriert werde!
Auf der Couch rumliegen und Videospiele spielen ist nun keine Sünde mehr,
denn die Zeit des Motorrads ist für dieses Jahr vorbei!
Preiset das Herbstwiesel, das die Blätter bunt anmalt und alles gemütlich werden lässt!

Die Motorradsaison 2021 ist mit dieser Proklamation offiziell beendet.
Wer jetzt nicht mehr fährt, muss kein schlechtes Gewissen haben. Der Segen des Herbstwiesels entbindet Euch vom Drang, nochmal auf´s Mopped zu müssen.

Die Ode an das Herbstwiesel beendet eine Saison, die für mich einen ziemlich zerfransten Beginn ohne eine festen Anfang hatte. Schuld daran war ein überaus langer und harter Winter und, natürlich, Corona. Wir befinden uns in Jahr 2 der Pandemie, und zu Jahresbeginn gab es keinen Impfstoff. Nun mache ich am Liebsten Touren mit dem Mopped, am Besten mit Übernachtungen. Aber das ging, keine Frage, ungeimpft einfach nicht. Folgerichtig blieb die Suzuki DL650 V-Strom „Barocca“, die Fernreisemaschine, nach einem kurzen Besuch bei der HU im März lange eingemottet.

Die Kawasaki ZZR 600 „Renaissance“ durfte eher raus, irgendwann so im April, nachdem sie eine neue Batterie bekommen hatte. Stellt sich raus: Original-Yuasa-Batterien halten in ZZRs ziemlich genau 4-5 Jahre, dann sind sie am Ende. Muss wohl an den komischen (und gerne mal durchbrennenden) Ladekonstruktionen der Kawasaki liegen, die gleiche Batterie hält in anderen Modellen deutlich länger.

Sei´s drum, die ZZR bekam ebenfalls noch mal die Plakette der HU und danach im Alltag und auf Kurzstrecken bewegt. Einkaufen, zur Arbeit, mal ein kurzer Trip in den Harz, mehr nicht. Die V-Strom kam erst im August an´s Tageslicht und wurde dann vorbereitet auf eine neue Fernreise. Dafür bekam sie (zur Vorsicht) eine neue Batterie und eine neue Satteltasche und wurde einmal rundum neu eingestellt.

Die dann folgende Tour führte über Österreich und Italien nach Griechenland und wieder zurück. 7.300 Kilometer ohne Panne und ohne Unfall, und der eine Umfall unterwegs hat eher mein Ego als die Maschine beschädigt. Bei V-Strom muss ich mich nun langsam fragen, wie lang unsere gemeinsame Zeit noch dauern wird.

11 Jahre ist sie jetzt alt und hat 82.000 Kilometer auf der Uhr. Jetzt werden langsam Kunststoffteile porös, und das wird teuer. Vielleicht wäre dann eine neue Maschine besser, aber, ganz ehrlich: Ich habe aktuell keinerlei Lust darauf. Die Barocca ist so, wie sie jetzt ist, perfekt für meine Bedarfe. Jetzt wieder von vorn anzufangen mit Probefahrten, Moppedkauf, dann Basteleien wie Gepäcksystem, anderer Sitzbank usw… da habe ich gerade keine Nerv drauf. Mal gucken, vielleicht ändert sich das noch. Die Entscheidung schiebe ich ganz entgegen meiner Art, vor mir her.

Nicht vor mir hergeschoben wird die Wartung der Schutzkleidung. Die TechAir hat nun schon ihr 4. Jahr hinter sich, insgesamt bin ich mit der Airbagjacke also schon über 30.000 Kilometer gefahren. Seit dem letzten Softwareupdate vor zwei Jahre geht die Kalibrierung superschnell und absolut zuverlässig, und abgesehen vom hohen Gewicht und dem festsitzenden Schweigeruch ist das Ding nach wie vor super. Deshalb tritt die jetzt auch eine Reise nach Asolo an, wo das Ding komplett geprüft, gewartet und gereinigt wird und dann wieder zwei Jahre Herstellergarantie hat.

In der Summe also ein unspektakuläres Motorradjahr mit, pandemiebedingt, zu wenigen Reisen. Aber auch ohne Pannen oder gar Unfälle, und wie immer an dieser Stelle möchte ich dafür einfach mal sehr dankbar sein.

Nun ist es wieder Zeit für Statistik, einfach mal die Daten der Motorräder angucken und wirken lassen.

Die Detailaufstellungen folgen nach dem Klick. Wer sich Einzelheiten angucken möchte, findet die Daten beider Maschinen online:

ZZR 600 Renaissance bei Spritmonitor.de
DL 650 Barocca bei Spritmonitor.de
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Wann ist ein Helm alt?

Motorradhelme altern, weswegen man sie nicht ewig nutzen kann. Aber wann ist ein Helm eigentlich zu alt?

Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Eine Aussage, die immer wieder durch die Medien geistert: Alle fünf bis sieben Jahre solle man einen Motorradhelm erneuern.

Schaut man dann mal, wo diese Aussage herkommt und wie sie sich begründet, stellt man schnell fest, dass diese Empfehlung, zumindest im deutschsprachigen Raum, maßgeblich vom „Goslar Institut“ prominent in die Welt gesetzt und dann von allen anderen mehr oder weniger abgeschrieben wurde. Das „Goslar Institut“ beruft sich für seine Empfehlung seinerseits auf „Experten“, benennt die aber weder noch belegt es deren angebliche Aussagen.

Nun klingt der Begriff „Institut“ wissenschaftlich, ist aber in Deutschland nicht geschützt. Guckt man beim Goslar Institut etwas genauer hin, sieht man, dass es sich um einen Verein handelt, der eine Tochter der Versicherung HUK Coburg ist. Vereinszweck: „Verbraucher über Versicherungsprodukte aufzuklären“. Nicht verwerflich, aber eher ein PR-Outlet, von dem man vielleicht nicht unbedingt wissenschaftliche Studien erwarten sollte.

Die Helmhersteller halten sich mit offensiven Aussagen zur Haltbarkeit ihrer Produkte eher zurück, sprechen aber auf Anfrage aber durchaus auch von fünf bis sieben Jahren (Hier z.B. Schuberth, Nolan gewährt max. sieben Jahre ab Herstellung oder fünf Jahre ab Kauf die italienische Garantie, also Nachbesserung von Fehlern).

Die Zeitschrift „Motorrad“ hat es einfach mal ausprobiert und ist in Experimenten und Messreihen der Frage nachgegangen, ob sich mit zunehmendem Alter die Helmschale zersetzt oder die Dämpfungswirkung nachlässt. Das, etwas überraschende, Ergebnis:

Bis auf eine Ausnahme standen die Stoßdämpfungswerte der getesteten alten Helme denen neuer Exemplare desselben Typs nur wenig nach. Eine substantielle Verschlechterung infolge Alterung ist demnach nicht zu erkennen, die Werte können sich sogar im Vergleich mit aktuellen Helmen sehen lassen.

Quelle: Motorrad

Es sind also nicht die Helmschale aus Polycarbonat oder Fiberglass oder die Dämpfschicht aus Polystyrol, die altern.
Es ist das Innenleben, das altert.

Labberig und faltig

Was nämlich ganz maßgeblich im Laufe der Zeit leidet ist das Innenfutter. Das sorgt normalerweise dafür, dass ein Helm stramm auf dem Kopf sitzt und während der Fahrt oder bei einem Aufprall nicht verrutscht. Dieses Innenfutter ist meist gefüllt mit Schaumstoff, und der wird beim Tragen fortwährend komprimiert und mit Schweiß getränkt. Irgendwann verliert er dann die Form, wird immer flacher und am Ende rutscht der Helm auf dem Kopf rum. Der Prozess ist schleichend, das merkt man als Helmträger erst, wenn man im direkten Vergleich zum eigenen Helm dann mal einen neuen auf dem Kopf hat.

Nach meiner Erfahrung liegt der Zeitraum, in dem die Innenpolsterung ihren Geist aufgibt, genau in den überall kolportierten fünf bis sieben Jahren.

Extrem ist mir das aufgefallen bei einem Billighelm von Nexo (wird vertrieben u.a. von Polo oder Lidl), dessen Innenpolster (nicht die Dämpfungsschicht) sich nach fünf Jahren in kleine, schwarze Bröckchen auflöste. Krass war auch 2016 der Wechsel vom Nolan N90 auf den N104 nach rund sechs Jahren. Als der neue Helm am Start war und stramm und knackig auf der Birne saß, mochte ich den alten gar nicht mehr tragen. Zu weit fühlte der sich an, zu rutschig, und das Innenfutter labbrig und speckig.

Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob man das Innenfutter regelmäßig mit so einem teuren Schaumreiniger aus dem Zubehörhandel shampooniert oder, wie ich es mit dem N90 regelmäßig gemacht habe, sogar per Hand auswäscht. Die Polsterung verliert trotzdem an Dicke, und man kriegt mit dem Schaum nie ganz den Schweiß aus den Polster, die man dort in heißen Sommern literweise hineinvergossen hat.

In conclusio: Ja, nach fünf bis sieben Jahren ist ein Helm zu alt und sollte getauscht werden.

Lebenserhaltende Maßnahmen

Mein aktuelles Problem ist nun: Mein geliebter N104 hat seinen fünften Sommer hinter sich und oh ja, was habe ich da an Schweiß hineingepladdert. Leider gibt es den nicht mehr zu kaufen, und der Nachfolger, der N100-5, ist ein wenig wie Kelly Bundy: Kann man hübsch finden, will man aber nicht dauernd um sich haben.
Schuberth-Helme passen mir nicht, andere Marken und Modelle bieten nicht das, was ich in einem Helm suche.

Mit anderen Worten: Auch wenn der N104 keine Schönheit ist und von Vorne aussieht wie ein bekifft grinsender Fisch – für mich ist er perfekt, und ich will den nicht austauschen!

Nach der schweißtreibenden Tour in diesem Jahr und der Feststellung, dass es NOCH alle Ersatzteile für den N104 gibt, von der Visiermechanik bis zum Windabweiser, wollte ich dessen Leben ein wenig verlängern und bestellte ein neues Innenleben, sowohl ein Innenfutter als auch Wangenpolster.

Die Wangenpolster hatte ich vor drei Jahren schon einmal ausgetauscht und damit meinen N104 in Sachen Ausstattung und Schalldämmung vom Modell „Evo“ auf „Absolute“ hochgepimpt – die Befestigungspunkte sind bei allen Modellreihen zum Glück die gleichen.

Auch dieses Mal hatte ich wieder den Effekt, dass sich das alte Innenpolster und die erst drei Jahre alten Wangenpolster des Helms zwar speckig, aber durchaus noch nicht komprimiert anfühlten. Die haben aber tatsächlich schon wieder abgebaut, und der Unterschied ist sogar messbar: Einen ganzen Zentimeter hat sich jedes Wangenpolster komprimiert und damit geweitet. Man sieht es sogar mit bloßem Auge. Links ist das neue, rechts das drei Jahre alte Wangenpolster:

Das ist jetzt nicht dramatisch, und zumindest im Wangenbereich saß der Helm noch Okay, aber die neuen sind schon deutlich straffer. Auch das alte Innenfutter war bereits deutlich dünner als das neue, mit dem der Helm wieder etwas höher auf meinem Kopf sitzt.

Jährliche Wartung

Was regelmäßig und nahezu jedes Jahr getauscht wird sind die Visiere. Der N104 hat drei davon: Das normale Außenvisier, ein fest daran anliegendes Innenvisier („Pinlock“), dass das Beschlagen verhindert, und ein Sonnenvisier.

Das Außenvisier und das Pinlock checke ich regelmäßig und erneuere sie, sobald sie zu viele Kratzer aufweisen. In Kratzern bricht sich das Licht, und gerade in der Dunkelheit und bei entgegenkommenden Fahrzeugen kann das die Sicht beeinträchtigen.

Das Sonnenvisier sollte eigentlich nicht zerkratzen, hat aber in den letzten Jahren trotzdem was abbekommen. Die Kratzer und Riefen sind leider massiv und genau im Blickfeld, deshalb musste das Ding jetzt leider ausgetauscht werden.

Der Helmkragen wird tatsächlich nur ein wenig mit Seifenschaum shamponiert und dann feucht abgerieben, aber der hat auch nur schalldämpfende Wirkung und keine schlagdämpfende.

Die Dichtungen sind gerade dabei aufzugeben, da kommt schon vereinzelt Regen durch. Bevor ich den Helm einwintere, werden die normalerweise mit Gummipflege betupft, um dem Aushärten zumindest ein wenig entgegenzuwirken. Dieses Jahr geht der Helm aber mal zur Wartung beim sehr guten Nolan Service, die werden sich um neue Dichtungen kümmern und ebenso um die Visiermechanik, die langsam etwas ausgenudelt ist, weshalb das Visier bei schneller Fahrt gerne mal zufällt.

Nach Einbau der neuen Polster sitzt der N104 wie ein ganz neuer Helm, und ich hoffe mal, dass ich mit diesen Maßnahmen seine Lebensdauer verlängert habe. Zumindest solange, bis Nolan einen Nachfolger rausbringt, mit dem ich besser klar komme als mit dem 105.

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7.306

Pandemie, Pandemie, Pandemie. Das sind die drei Gründe, weshalb ich im Frühjahr und Sommer schön zu Hause geblieben bin. Im Spätsommer kam dann die erlösende Impfung, und ich begann wieder Pläne zu machen. Ich wollte raus, wollte weg, wollte etwas anderes sehen als nur die vier Wände im Büro und daheim. Aber wohin?

Geplant war Rumänien, aber weder dort noch in den Transitländern hat man gerade die Pandemie im Griff. UK wäre nett gewesen, aber das Brexitchaos zeichnete sich schon ab, und in Anbetracht der Tatsache, dass es dort jetzt vielerorts kein Benzin mehr zu kaufen gibt bin ich heilfroh, einen weiten Bogen um die Insel gemacht zu haben. Denn letztlich ging es genau in die andere Richtung, um eine Reise nachzuholen, die ich eigentlich im Mai 2020 hätte antreten wollen: Nach Griechenland! Schon seit meiner ersten, kurzen Begegnung mit den Land, während der Überraschungsreise 2015, wollte ich Land und Leute besser kennenlernen.

So kam es, dass ich Mitte September in den Sattel der Barocca stieg und mit ihr und unter Zuhilfenahme eines Schiffs nach Griechenland reiste. Dort drehten wir dann eine große Runde…

…und sind jetzt, nach insgesamt einem Monat und 7.306 gefahrenen Kilometern, wieder zuhause. Würde man die Schiffskilometer mitrechnen, wären es rund 8.800. Das ist die zweitlängste Tour, die ich je gefahren bin.

Die 650er V-Strom hat super durchgehalten, trotz widriger Umstände wie Regen und kalten Temperaturen. Und damit meine ich nicht „Nieselregen“ und „ein wenig kühl“ – denn das und windig war es, was Baden im Mittelmeer leider verunmöglichte – sondern ich rede hier von Gerölllawinen-Starkregen und Temperaturen unter Null.

Hat die Suzuki alles nicht interessiert, die macht einfach. Tolle Maschine. Dafür hat die sich jetzt eine gründliche Reinigung und eine Wartung verdient.

Zum Glück war alles unspektakulär im Sinne von „keine Pannen, keine Unfälle“. Die erste RICHTIG gefährliche Situation passierte erst, als ich gerade wieder 3 Kilometer in Deutschland war – kaum auf der German Autobahn, versuchte mich ein wütender Autofahrer abzudrängen. Aber bis dahin: Alles gut.

Es gibt also demnächst irgendwann wieder ein Reisetagbuch, aber ein paar Wochen wird das noch dauern – ich muss erstmal wieder ankommen, Socken waschen, mich um Geschichten kümmern und dann sage und schreibe 272GB Daten sichten.

2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

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Kradtour Ost

Wer schon Entzugserscheinungen hat, weil das Reisetagbuch noch Pause macht: Das Kradblatt 10/21 bringt auf neun Seiten die Osttour ins Riesengebirge. Sehr schön layoutet und in fokussierterer Form als hier im Blog.

Das Kradblatt liegt kostenlos an über 500 Orten in Papier aus, man kann es aber auch online unter Kradblatt.de oder in der iOS- oder der Android-App lesen.

Wer gerne die Langfassung lesen möchte, inkl. einer Pre- und einer Posttour: Die gibt es unter den folgenden Einträgen.

Juni/Juli: Osttour mit dem Motorrad

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Vorbeugende Instandhaltung bei Reisemotorrädern

Seit meiner Zeit in der Systemgastronomie weiß ich um die Macht der vorbeugenden Instandhaltung. Ein prüfender Blick zur rechten Zeit, ein wenig Pflege hier, ein frühzeitiger Austausch von Teilen dort, das kann darüber entscheiden, ob es für alle ein guter Tag wird, oder man dutzenden weinenden Kindern und wütenden Eltern erklären muss, dass die Shakemaschine leider schon wieder im Arsch ist und nein, Eis gibt es auch keins.

Vorbeugende Instandhaltung ist auch bei Fahrzeugen sinnvoll und wichtig. Es hat einfach einen Grund, das Hersteller für gewisse Bauteile eine Lebensdauer angeben. Als ich beim Kleinen Gelben AutoTM dachte: „Bei 180.000 die Wasserpumpe austauschen? Soweit kommt´s noch, die ist noch gut!“ bekam ich bei 184.000 Kilometern die Quittung, als mitten auf der Autobahn die Pumpenflügel auseinanderbrachen und fast den Motor mit in den Abgrund rissen.

Nun kaufe ich keine Neufahrzeuge. Auch die V-Strom hatte schon satte 34.500 Kilometer auf der Uhr, als sie zu mir kam. Sie sollte aber als Reisemaschine herhalten, für Auslandstouren, die schon mal mehrere Wochen dauern. Da ist es doppelt wichtig, das unterwegs nichts passiert, was sich durch Vorsorge und Achtsamkeit im Vorfeld hätte vermeiden lassen. Zumal im Ausland die Ersatzteilversorgung nie so supi war wie in Deutschland, und nun kommt die Lieferkettenkrise noch dazu.

Auf ein paar ganz einfache Dinge lege ich deshalb in Sachen vorbeugender Instandhaltung großen Wert. Manches davon ist vielleicht trivial, ich schreibe es hier trotzdem mal auf:

Reifen
Ich fahre die Tourance Next von Metzler. Die halten einfach unfassbar lange. Wie lange? Weiß ich nicht. Zum Ende jeder Saison werden die gewechselt, obwohl das Profil meist noch gut ist. Aber: Nach einer Saison haben die im Mittel so 10-12.000 Kilometer runter, und im nächsten Jahr kommt die nächste große Reise mit 8-10.000 Kilometern am Stück. Will ich wirklich ausprobieren, ob so ein Reifen 20.000 bis 25.000 Kilometer mitmacht?

Eher nicht, zumal irgendwann die Haftfähigkeit auf nasser Straße nachlässt und sich zum Lebesende des Reifens hin die Abnutzung beschleunigen kann. Also: Vorbeugend wechseln. Egal ob da „das Gute noch nicht von“ ist.

Radlager
Wenn die Räder für den Reifenwechsel eh´ schon mal runter sind: Warum nicht gleich die Radlager tauschen? Radlager kosten nur ein paar Euro, aber wenn sie auf einer Tour kaputt gehen hat man ein echtes Problem. Die möchte man sich lieber ersparen, zumal im ungünstigsten Fall das Hinterrad blockieren kann, wenn das Lager unterwegs zerbricht. Radlager lasse ich so alle 40-50.000 Kilometer wechseln. Der Wert ist willkürlich gewählt.

Lenkkopflager
Das Lenkkopflager habe ich tatsächlich noch nie vorbeugend tauschen lassen, habe es aber ständig im Auge und prüfe es ab und an.

Lampen
Bei vielen Motorrädern muss zum Wechsel des Leuchtmittels die halbe Verkleidung oder das Cockpit demontiert oder kunstvolle Verrenkungen vollführt werden. Sowas möchte man nicht auf Reisen machen, sowas ist ein Projekt für Herbstabende oder die Wintermonate.

Fein raus sind Besitzer von Krädern mit LED-Scheinwerfern, die halten mit 15.000 Stunden praktisch ewig

Ältere Motorräder haben noch Halogenlampen, und die haben eine, vom Hersteller angegebene, Lebensdauer. Ich fahre mit Nightracer 110-Lampen. Die brennen heller als normale H4-Lampen, haben dafür aber eine kürzere Lebensdauer. Zwischen 160 und 400 Stunden gibt Hersteller Osram an. Nun hat die V-Strom zwei Scheinwerfer, da könnte ich es tatsächlich drauf ankommen lassen. Mache ich aber nicht. Ich weiß ja ungefähr wieviele Stunden pro Jahr ich unterwegs bin, und nach 300 Stunden oder zwei Jahren werden die Lampen einfach getauscht und gut ist.

Kette
Es gibt wenig, was einem eine Tour so vermiesen kann wie eine ausgenudelter Sekundärantrieb. Weiß ich aus eigener Erfahrung. Nach dem Kauf der V-Strom die alte Kette draufgelassen und losgefahren mit „Ach die sieht doch noch gut aus“. Quittung dafür: nach dem ersten Regen war die Kette voller Rost und nach einer Fahrt über die Alpen hatte sie sich ungleichmäßig gelängt.

Resultat: Das Motorrad hoppelte und ruckelte wie ein Känguru. Wirklich. Es war nicht mehr gleichmäßig zu fahren, sondern ruckelte nur stoßweise vor sich hin. Sowas ist der Horror.

Vermutlich hatte ich damals noch die erste Kette drauf, das Teil hatte demnach 34.000 Kilometer runter und war vom Händler nur poliert, aber nicht getauscht worden. Das hätte ich sofort vorbeugend machen sollen. Eine so alte Kette vermiest einem nicht nur jeglichen Fahrspaß, sie ist auch gefährlich. Reißt sie während der Fahrt, kann sie sich ins Hinterrad wickeln, oder sie wird zum Geschoss und durchschlägt den Motorblock oder fliegt in den nachfolgenden Verkehr.

Mein Güte, was habe ich damals Mantren gemurmelt auf der Autobahnfahrt zurück nach Hause und der V-Strom viel Liebe und Wartung versprochen, wenn uns nur die Kette nicht um die Ohren flöge. Zum Glück ging alles gut, aber sowas will ich nie wieder mitmachen müssen, deshalb: Kette wird ca. alle 20.000 bis 25.000 Kilometer gewechselt.

Kunststoffteile
Kunststoff altert, und am Motorrad sind viele wichtige Teile aus Kunststoff. Schläuche zum Beispiel. Auch Bremsschläuche. Manche Hersteller empfehlen die alle vier Jahre auszutauschen. Mache ich nicht, aber ich behalte die ganz genau im Auge und sobald ich irgendwo kleinste Risse entdecke, werden sie getauscht, und dann gegen Stahlflex. Denn wenn ein poröser Bremsschlauch platzt, tut er das in einem ungünstigen Moment – und wer will schon bei der Passabfahrt plötzlich ohne Vorderradbremse dastehen?

Gabel
Eine leckende oder nicht einwandfreie Gabel kann hochgefährlich werden. Deshalb auch hier: Ständig Sichtkontrolle und alle paar Jahre vorbeugend Gabelöl und Dichtringe erneuern.

Züge
Ein gerissener Seilzug ist kein Drama, auf Reisen aber trotzdem großer Mist. In älteren Motorrädern finden sich vor allem drei Züge, einer für die Kupplung und zwei für´s Gas. Den Kupplungszug lasse ich tatsächlich alle 5 Jahre austauschen, den meiner Erfahrung nach ist es IMMER der Kupplungszug der reißt, von Problemen mit Gaszügen habe ich noch nie gehört. Trotzdem natürlich auch hier: Ständige Kontrolle. Einfach mal drauf achten ob der Gasgriff oder auch die Kupplung an manchen stellen ein wenig hakt. Das kann darauf hindeuten, das sich einzelnen Drähte aus dem Stahlseil zu lösen beginnen. Sichtkontrolle beim Kuplungszug ist auch nicht verkehrt, einfach mal am Hebel auf das Stahlseil gucken. Wird das brüchig, raus damit!

So, das waren meine Dinge, die ich meinen Mopped angedeihen lasse, um Unterwegs weniger Stress zu haben. Habe ich was vergessen? Findet ihr Dinge übertrieben? Ich bin gespannt auf die Diskussion in den Kommentaren!

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Stabilitätsprobleme bei Motorrädern und wie sie beseitigt werden können

Bild: Continental

Drüben im V-Strom-Forum berichtet ein Fahrer davon, wie bei Tempo 160 der Lenker seiner 2019er DL 650 plötzlich zu schlagen anfing und das ganze Motorrad binnen Sekunden so stark zu pendeln begann, dass er sie nicht mehr halten konnte und beide den Abflug machten. Der Fahrer hat´s offensichtlich und zum Glück überlebt, statt Ursachenforschung zu betreiben möchte er sich aber einfach einen Lenkungsdämpfer ans Motorrad tackern.

Lenkungsdämpfer? Sowas haben die meisten Motorräder nicht. Mit Absicht, weil eine schwergängigere Lenkung in den allermeisten Fällen mehr behindert als nützt. Ausnahmen bilden sehr starke Maschinen, aber die haben dann serienmäßig eine gedämpfte Lenkung.

Aber woher kam nur diese Pendelbewegung? Ausgerechnet der Reifenkonzern Conti hat ein lesenswertes Paper dazu veröffentlicht. Darin wird neben dem Shimmy, dem leichten Lenkerflattern in bestimmten Geschwindigkeitsbereichen, das jeder Fahrer kennt, auch erklärt, was Kick Back und Hochgeschwindigkeitspendeln sind, was die Ursachen sein können und was man dagegen tun kann.

Ursachen für all diese Phänomene können verschlissene Reifen, falscher Reifendruck, kaputte oder falsch eingestellte Lager oder Dämpfer sein. Bei einer Reisemaschine neueren Datums würde ich das ausschließen, möglicherweise reichten für das Eingangs geschilderte Unglück aber tatsächlich die Dinge aus, vor deren Verlockung kein Tourenfahrer gefeit ist: Anbauteile!

Laut Conti kann nämlich die Fahrstabilität auch durch hohe Windschilder oder Gepäcksysteme beeinträchtigt werden. Für die meisten Fahrer von Reisemaschinen ein Schlag ins Kontor, denn Koffer brauchen wir nun mal, und viele von uns LIEBEN Topcases, in die eine Einbauküche passt, oder schrankwandgroße Scheiben. Vermutlich weil sie denken dahinter werden sie nicht nass oder sowas.

Ursache kann aber auch eine ungleichmäßige Beladung sein, und das habe ich bei meiner Maschine auch schon erlebt. Bedingt durch den Auspuff auf der rechten Seite der V-Strom stehen die Koffer ungleich weit von der Fahrzeugmitte ab, der rechte 10 Zentimeter weiter als der linke. Wenn ich den rechten Seitenkoffer nicht mit genau 1 Kilogramm weniger belade als den linken, beginnt auch die Barocca bei 140 das Pendeln. Als das zum ersten Mal auftrat, hat mich das wirklich erschreckt, aber zum Glück habe ich die Kiste wieder in den Griff bekommen bevor sie unkontrolliert zu keilen begann. Das ist der Grund, warum ich nun immer eine Gepäckwaage dabei habe und allen Ernstes vor jeder Fahrt die Seitenkoffer auswiege.

Das sehr lesenswerte und kurze Paper mit dem sperrigen Namen „Stabilitätsprobleme bei Motorrädern und wie sie beseitigt werden können“ findet sich HIER und ist Pflichtlektüre für alle Tourenfahrer:innen.

Der Fall und das Paper zeigen auch mal wieder sehr deutlich die Unterschiede zwischen Motorrad und Auto. An ein Mopped kann man nicht einfach alles dranschrauben was der Zubehörkatalog hergibt und fahren bis zur letzten Rille. Teile eines Motorrads müssen genau aufeinander und auf den Fahrer oder die Fahrerin abgestimmt sein, und der ganze Kram muss gut und vorbeugend gewartet sein. Sonst passieren… Dinge.

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Wahre Größe

Wie groß ist eigentlich… Griechenland? Dieses weitläufige, zerklüftete Sehnsuchtsland mit seinen endlosen Küsten?

Stellt sich raus: Lässt man mal die ganzen Inseln weg und zählt das Wasser zwischen denen nicht mit, ist die Festlandfläche von Griechenland mit 107.000 Quadratkilometern gerade mal so groß wie Niedersachsen (47.709), Mecklenburg-Vorpommern (23.295) und Nordrhein-Westfalen (34.112) zusammen.

Quelle: Truesizeof.com

Übertragen auf eine Deutschlandkarte wie oben ist eine Reise durch ganz Griechenland also nicht mehr als eine Fahrt von Nürtingen über Castrop-Rauxel nach Achim, von dort nach Rostock und zurück über Neustadt am Rübenberge nach Schwäbisch Hall. Ernüchternd.

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Taktisches IFAK für´s Motorrad

Ich nehme Erste Hilfe sehr ernst. Umso mehr ärgert es mich, dass die meisten Erste-Hilfe-Sets auf dem Stand der Fünfziger Jahre hängen geblieben sind. Das geht besser, der klassische „Verbandskasten“ nach EN1357 gehört ordentlich aufgerüstet – mit taktischen Komponenten.

Es gibt Menschen, die im Angesicht von Unfällen, Feuern oder Verletzungen völlig handlungsunfähig werden. Sie erstarren oder verfallen in eine kopflose Panik. Andere dagegen behalten in Notsituationen einen kühlen Kopf und bleiben handlungsfähig – und zu denen gehöre ich. Ich bin nicht der Typ, der an Unfällen vorbeifährt und daher schon häufiger in Situationen gekommen, in denen ich Ersthelfer sein musste. Alle zwei Jahre nehme ich an Erste-Hilfe-Kursen teil, um auf dem Laufenden zu bleiben und um Abläufe in Notsituationen immer wieder zu üben.

Natürlich gibt es bei mir zu Hause und in jedem meiner Fahrzeuge Erste-Hilfe-Sets. Für Motorräder ist das nicht Pflicht, trotzdem habe ich in jeder Maschine so eines unter der Sitzbank.

Das ist so ein Standard-Erste-Hilfe-Set, wie man sie in jedem Motorradzubehörladen kaufen kann. Da ist im Prinzip das gleiche drin wie in einem Verbandskasten für´s Auto, nur in geringerer Stückzahl: Dreieckstücher. Mullbinden. Wundauflagen.

Das ärgert mich. Das ist echt so Zeug, wie man es seit den 50er Jahren oder noch länger verwendet, als hätte auf dem Gebiet null Entwicklung stattgefunden.

Ein Beispiel: Um einen Druckverband aus einem Standard-Verbandskasten herzustellen muss man:

  1. Ein Wundauflage aus einer Papierhülle fummeln
  2. Die irgendwie auf die Wunde bugsieren
  3. Eine Binde aus der Plastikverpackung friemeln,
  4. dabei auf´s Kleingedruckte achten ob das eine sterile Binde oder nur ein Verband ist.
  5. Anfangen die Binde um das Körperteil zu wickeln,
  6. nach einigen Umwicklungen aber etwas suchen und befestigen was Druck ausüben kann
  7. Weiterwickeln und am Ende
  8. irgendwie einen Knoten machen oder mit einer Sicherheitsnadel feststecken

Das ist nicht nur völlig antiquiert und umständlich, das muss man im Notfall und mit zitternden Fingern auch erstmal hinbekommen!

Nun hat aber auf dem Gebiet der ersten Hilfe durchaus Entwicklung stattgefunden, sie hat nur keinen Einzug gehalten in die klassischen Verbandskästen für 9,99 Euro aus dem Baumarkt. Die Entwicklungen stammen aus dem Zivilschutz- und dem Militärbereich, insbesondere aus Israel kommen spannende Innovationen. Deshalb gehören israelische IFAKs, „Individual First Aid Kits“, zu den besten Trauma-Sets überhaupt.

Wenn ich auf längeren Touren unterwegs bin, habe ich immer ein Topcase auf der Maschine, und in dem Topcase sind rundum mehre Taschen an Guten befestigt. Dazu gehört auch ein individuell zusammengestelltes IFAK.

Die Tasche selbst ist eine IFAK-Tasche von Gonex, die man leer für ungefähr 15 Euro bekommt. Sie ist auf einer Klettplatte befestigt, die über ein Molle-System zur Anbringung an Rucksäcken oder im Topcase verfügt. In Notfällen reißt man einfach die Tasche von dieser Halterung ab und braucht nicht mit Gurten rumfummeln. Das geht auch viel schneller als wenn man erst die Sitzbank abnehmen muss, um an das Erste Hilfe-Set im Inneren des Motorrades zu kommen.

Wenn der umlaufende Reißverschluss geöffnet wird, faltet sich das Set auseinander, und gibt den spannenden Inhalt frei:

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Reisetagebuch Motorradherbst (14): Beim Moto GP

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Die Barocca liegt mit einem platten Reifen in Florenz. Fortsetzung von dieser Misere hier.

Immer noch Mittwoch, der 7. Oktober 2020, Reifenwerkstatt Pecchioli, Via Petraca, Florenz

Die Via Petrarca führt genau an der Stadtmauer des alten Florenz entlang. Ein Stück die Straße hoch liegen die Boboli-Gärten, und auch der Ponte Vecchio ist nur einen Steinwurf entfernt.

Das hier ist nicht das Touristen-Florenz, das hier ist das Florenz auf der anderen Seite des Arno, südwestlich der Sehenswürdigkeiten, das den Florentiner:innen gehört. Grafittibesprühte Läden, große Stadthäuser mit kleinen Wohnungen, dichter Stadtverkehr, Abgase.

In einem der Wohnhäuser an der Via Petrarca ist ein Tor, gerade mal groß genug für einen PKW. Dahinter öffnet sich eine weite und verschachtelte Reifenwerkstatt. Sie nimmt das ganze Erdgeschoss des Hauses ein und wirkt wie eine Höhle.

Auf dem Gehweg vor der Werkstatt steht die Barocca mit plattem Hinterreifen. Im Eingang zur Reifenhöhle stehe ich mit einem schlaksigen Werkstattmechaniker in einem schwarzen Overall und sage „Ich bin auf Reisen und habe eine Reifenpanne. Können Sie mit helfen?“. Der Mann guckt ernst durch seine randlose Brille und sagt dann „Das ist ein Motorrad“.

Den Satz habe ich heute schon zu oft gehört, jedes mal gefolgt von einem „Motorräder machen wir nicht“. Wenn das hier jetzt auch so ist, dann weiß ich nicht mehr weiter.

Ich atme tief ein und zähle innerlich bis drei. Immerhin, direkt neben der Werkstatt gibt es ein B&B mit freien Zimmern. Wenn die Werkstatt nicht helfen will oder kann oder der Reifen nicht reparabel ist, dann übernachte ich einfach hier und mache mir eine schöne Zeit in Florenz.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf sage sehr ruhig: „Das ist korrekt.“

„Motorräder mache ich nicht“, sagt der Mann. Ich kann spüren, wie in diesem Moment mein Herz auf den Boden fällt.

„Die macht bei uns nur ein Kollege, aber der ist gerade nicht da. Wenn er kommt, sage ich Bescheid“, sagt der Mann, dreht sich auf dem Absatz um und marschiert davon. Okay, immerhin.

Ich gehe zurück nach draußen, lehne mich an die V-Strom und warte, innerlich auf weitere Stunden eingestellt. Zumindest hat der Mechaniker nicht einfach „Machen wir nicht“ gesagt. Aber trotzdem, an der schroffen Art sowohl von dem Typen hier, als auch von diesem Matteo von vorhin merkt man, dass das hier Großstadt ist.

Ein alter Mann tapst gebeugt den Gehweg entlang. Neugierig beäugt er die V-Strom, dann spricht er mich an.
„Du bist aber nicht von hier, oder?“, fragt er mit diesem florentinischen Akzent, den ich nur schwer verstehen kann.
„Hm“, murmele ich. Der Alte beugt sich vor und inspiziert das Kennzeichen der V-Strom.
„Aus Deutschland? Bist Du auf Reisen?“, fragt er neugierig, dann mustert er die Maschine rundrum.
„Gerade nicht so einfach, was? Dein Reifen ist ja ganz platt“, sagt das Männlein und keckert.

Ich besehe mir den Witzbold genauer. Er ist bestimmt fast 70, einen Kopf kleiner als ich klein und gebeugt. Die schütteren, weißen Haare sind zerzaust und so seltsam um seinem Kopf drapiert, als hätte ein Vogel versucht ein Nest zu bauen und nach kurzer Zeit aufgegeben. Er trägt eine OP-Maske schief im Gesicht, so das eine Hälfte von Mund und Nase bedeckt sind und aus der anderen eine selbstgedrehte Zigarette heraushängt. Irgendwie wirkt der Mann ein wenig wie Yoda.

„Na, hast ja Glück, das Du vor einer Reifenwerkstatt liegen geblieben bist, was?“, sagt der Mann und keckert noch ein wenig lauter über seinen eigenen Witz. Normalerweise würde ich spätestens jetzt wütend werden, aber irgendwie ist das Kerlchen so skurril, dass ich gar nicht dazu komme.

„Na, allerdings musste da jetzt mal reinfahren, sonst wird das nix“, sagt der Mann jetzt ernst.
„Gehören sie zur Werkstatt?“, sage ich. Das Männlein nickt und schnippt die Kippe weg.
„Können Sie mir helfen? Also, machen Sie Motorräder?“, frage ich.
Yoda mustert mich und sagt dann „Junge, ich war beim Moto GP, NATÜRLICH mache ich Motorräder!“
„Heute noch?!“ frage ich aufgeregt.
„Bring die Kiste rein, in 20 Minuten habe ich Dich wieder auf der Straße“, sagt der Mann.

Ich greife nach dem Lenker des Motorrads und kicke den Seitenständer weg.
„Nein! So kannst Du die doch keinen Zentimeter bewegen! Warte!“, sagt das Männlein und schlufft davon. Als er wiederkommt, trägt er einen schwarz-gelben Mechanikeroverall und hat einen batteriebetriebenen Kompressor dabei. Mit dem pumpt er den Hinterreifen der V-Strom auf, dann sagt er zufrieden „Vai!“ – los.

Ich starte den Motor und fahre die Barocca in die Tiefe der Reifenhöhle, nehme das Gepäck ab und bocke sie auf den Hauptständer. Yoda kommt hinter mir her getappst. Er macht sich am Heck zu schaffen, macht gefühlt drei Handbewegungen und hat schon das Hinterrad der V-Strom in der Hand.

Er bemerkt meinen verblüfften Blick und sagt „Ja nun, ich war beim Moto GP. Mein Name ist Alessandro“.
„Piacere“, sage ich automatisch, angenehm. So ohne Hinterrad sieht die V-Strom ziemlich traurig aus.


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Reisetagebuch Epilog: Motorradherbst 2020 in 3:28 Minuten

Die kleine Tour im Herbst 2020 ist vorbei. Im Schatten der Pandemie waren die vorherrschende Gefühle dieser Reise vor allem das Alleinsein, das Stehen im Abseits, weit ab von Menschen und Leben und Eindrücken, die zu Sammeln sich sonst angeboten hätte. Dazu mischte sich ein wenig Traurigkeit über den Zustand der Welt, den allgegenwärtigen Zerfall und die Frage, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird.

Wenn ich später mal gefragt werde, welche Erinnerungen und Eindrücke mir von dieser Tour geblieben sind (neben meiner ersten Reifenpanne), dann wäre das wie in diesem kleinen Filmchen: Eine weitgehend menschenleere Welt, nur ich und das Motorrad und die Straße – und ein diffuses Gefühl von Einsamkeit und Verlust und Trauer um eine Welt, die es so nicht mehr geben wird, trotz aller Anstrengungen.


Hier eine Übersicht über alle Einträge in diesem Kapitel des Reisetagebuchs:

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Reisetagebuch Motorradherbst (13): Knochensplitter

Tagebuch einer kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute wird es echt stressig und die Barocca leidet.

7. Oktober 2020, Siena

Schon wieder steht das Wasser auf den Instrumenten. Letzte Nacht hat es wieder ordentlich geschüttet, und heute morgen ist alles nass und kalt. Die Wettervorhersage sieht auch nicht gut aus. Ach, Oktober in Italien hätte ich mir etwas sonniger gewünscht.

Nachdem die Koffer am Motorrad hängen und ich mich von Cecilia verbschiedet habe, reibe ich das Cockpit und den Sattel der Barocca sorgfältig trocken, klippe Anna in ihre Halterung, stelle den Helm an und checke die Anzeigen. Alles im Grünen Bereich, es kann losgehen. Der Motor pöttert gut gelaunt vor sich hin, als ich die V-Strom aus der kleinen Straße, in der die Villa Allegria liegt, herausbugsiere.

Die Fahrt geht von Carpineto aus nach Norden, Richtung Siena, und kurz vor der Stadt auf die Westumgehung. Die Sonne kommt raus und bringt Wärme mit. Was für ein schöner Morgen!

Ich bleibe erst einmal auf der Autobahn, die Siena mit Florenz verbindet. Die vierspurig ausgebaute Straße ist zwar nicht schön, aber die Alternative wären Landstraßen, die hier durch so viele kleine Dörfer führen, dass man praktisch nicht von der Stelle kommt. Da ich heute über 400 Kilometer vor mir habe, werde ich bis kurz hinter Florenz die langweilige Autostrada fahren und dann erst den schönen Teil der Strecke auf kleineren Routen angehen.

Die Barocca gleitet über den Asphalt. Es ist nicht besonders viel los, nur die üblichen Lastwagen und einige wenige PKW. Die Strecke führt an Monteriggioni und an San Gimignano vorbei, aber von den Orten sieht man nichts hinter, denn entlang der Autobahn sind links und rechts dichte Bäume gepflanzt. Bei Poggibonsi fängt DIE Baustelle an. Ich denke davon ganz bewusst als DIE Baustelle, weil es die schon ewig gibt oder zumindest so lange, wie ich in dieser Region schon unterwegs bin. Eine Fahrbahnerneuerung, Kilometerlang, und gefühlt kommen die Bauarbeiten von Jahr zu Jahr nur wenige Meter weiter.

Die Barocca fädelt in die Baustelle ein. Die Fahrbahn ist schmal, Warnbarken schießen links und rechts vorbei, ab hier gibt es keinen Nothaltestreifen mehr und nur noch eine Fahrspur pro Richtung.

„Bing“ meldet sich Anna plötzlich in meinem Helm und sagt „Warnung“. Ich muss Grinsen. Vermutlich sagt sie gleich „Achtung, Baustelle voraus“, weil ihr jetzt erst aufgefallen ist, dass eine Fahrbahnverengung ansteht. Noch nicht ganz wach heute morgen, die Gute, was?

Ich senke dennoch den Blick und schaue kurz auf´s Display. Das orangefarbene Reifensymbol wird angezeigt. „Na, ist Ihnen der Hinterradsensor mal wieder abhanden gekommen?“, frage ich hämisch. In den letzten Tagen ist dauernd der Kontakt zwischen Navi und Hinterradsensor abgerissen, das produziert genau so ein Warnbild.

Wieder höre ich den Warnton im Helm. Ok, das passiert normalerweise nicht. „Achtung, Luftdruck am Hinterreifen zu niedrig“. Ich rufe mit zwei Tippern auf dem Display das Schema des Motorrads auf. Der Vorderreifen ist grün und zeigt 2,5 Bar an, was in Ordnung ist, aber der Hinterreifen leuchtet knallrot und hängt bei 2,7 Bar. Das ist ein kleines Bißchen weniger als Normal und unter der Grenze, ab der Anna warnen soll, und das tut sie gerade.

Meine Gedanken rasen. Es ist kalt heute morgen, ist der Luftdruck deshalb zu niedrig? Nein, das kann nicht sein. Die Reifen sind schon warm gefahren, wir sind bereits eine halbe Stunde unterwegs. Ein Messfehler? Unwahrscheinlich. Die Garmin-Reifendrucksensoren sind äußerst zuverlässig, wenn sie einmal funktionieren.
Im Display fällt der Reifendruck auf 2,6, dann auf 2,5, weniger als eine halbe Minute später auf 2,4.

Mein Hirn sucht verzweifelt nach anderen Ideen was passiert sein kann, schließt aber eine Möglichkeit nach der anderen aus und kommt am Ende nicht um die einzig übrig bleibende Schlussfolgerung herum: Wir haben einen Reifenschaden.

Ich müsste jetzt dringend anhalten und den Hinterreifen unter die Lupe nehmen, aber wir befinden uns ja mitten in DER Baustelle. Ich behalte mit einem Auge die Druckanzeige im Blick, die schon auf [2,0] gefallen ist, und suche nach einem Platz zum Anhalten.

In der Baustelle gibt es weder einen Seitenstreifen [1,9] noch Nothaltebuchten, wie es sie sonst alle 1.000 Meter gibt. Kilometer um Kilometer zieht sich DIE BAUSTELLE, und alle dreißig Sekunden fällt der Druck um 0,1 Bar [1,8].

[1,7]… Ok, so langsam wird das hier unheimlich und ich nervös. Ah, endlich sind wir um Poggibonsi rum, dann muss ja gleich die Abfahrt dafür kommen! Bei [1,3] habe ich die Abfahrt erreicht und stelle fest, das sie wegen DER BAUSTELLE geschlossen ist. Verdammter Mist! [1,1]


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Reisetagebuch Motorradherbst (12): Città morte

Tagebuch einer kleinen Moppedtour im Pandemieherbst 2020. Heute in tote Städte.

Montag, 05. Oktober 2020, Carpineto, Siena
Das Wetter ist nicht der Hammer, aber immerhin regnet es nicht. Ich schwinge mich auf die V-Strom und fahre los – etwas anderes als das ist in der Pandemie ohnehin kaum möglich. Alle Dinge, die ich sonst auf Reisen gerne mache – Burgen besichtigen, Museen angucken, an irgendwelchen Kursen teilnehmen – fallen jetzt flach, einfach weil Kontakte mit anderen Menschen zu gefährlich ist. Abgesehen davon: Zu etwas anderem als Motorradfahren habe ich auch gerade keine Lust. Nur die V-Strom und ich, und gemeinsam möglichst viel Straßen unter die Reifen nehmen, das ist es, wonach mich heute gelüstet.

Aus der Peripherie von Siena geht es gen Süden, durch das malerische Val d´Orcia, vorbei an Bagno Vignoni und durch die fast unbewohnte Crete Senesi.

Hier ein Häuschen besitzen, das wär´s. Tatsächlich stehen hier und da unbewohnte, pittoreske Steinhäuschen auf den Hügeln herum. Wobei „pittoresk“ in diesem Zusammenhang synonym ist für „fällt zusammen wenn man es scharf anguckt“.

Ich folge der Strada Regionale 2 durch einen Tunnel unter einer Bergkette am südlichen Ende der Crete, und dann weiter nach Süden, von der Toskana bis ins Latium, das ist die Region um Rom herum.

Neunzig Kilometer nördlich der italienischen Hauptstadt liegt der Bolsena See, aber den lasse ich links liegen und fahre nach Osten, auf die Berge des Apennin zu. Das Motorrad rollt durch die Gassen des Örtchens Bagnoregio und kommt kurz darauf auf einem Parkplatz zu stehen.

So schlechte Motorradparkplätze sieht man auch selten. Parkt man vorwärts ein, wie eigentlich gedacht, muss man das Motorrad beim Ausparken rückwärts gegen eine Steigung schieben. Aber egal wie rum ich hier parke, für die Barocca sind die aufgemalten Boxen zu klein. Vermutlich sind die nur für Vespas gedacht. Egal. Heute ist hier nichts los, außer der V-Strom steht hier nur ein anderes Mopped rum.

Ich schließe den Helm ein und gehe in Richtung Belvedere, der „Schönen Aussicht“. Wenn ich nicht schon wüsste was mich hier erwartet, beim Anblick der Aussicht würde mir der Mund offen stehen bleiben. Aus zwei Gründen: Zum einen ist die Landschaft hier selbst schon ein Hingucker. Jahrhundertlange Erosion haben den harten Ton unter dem Mutterboden von Hügelketten und Berghängen freigelegt. Zurückgeblieben sind Strukturen, die woanders „Erdpyramiden“ genannt werden.

Der zweite Hingucker ist aber Bagnoregio, und zwar der alte Ort. Da wo ich vorhin durchgefahren bin, das war Bagnoregion in der neuen Version 2.0.
Das Original, Civita di Bagnoregio, scheint vor mir über der bizarren Landschaft zu schweben.

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Reisetagebuch Motorradherbst (11): Unter Menschen 😬

Tagebuch einer kleinen Moppedtour im Pandemieherbst 2020. Nur an Orte, die ich schon kenne und die möglichst weit weg von Menschen sind. Klappt nur heute nicht, was genauso Schnappatmung verursacht wie ein Ausflug in einen Steinbruch. Schon wieder.

Sonntag, 04. Oktober 2020, Villa Allegria, Carpineto, Siena

Eine Nacht und einen ganzen Tag und noch eine Nacht hat es geregnet. Ich habe im Pyjama im Sessel an den bodentiefen Fenstern im Wohnzimmer gesessen und gelesen und gefaulenzt, genau wie ich es mir vorgenommen habe.

Nun hat sich das Wetter offensichtlich genügend ausgekotzt, und der Himmel über der Villa Allegria ist strahlend blau. Ich habe Lust darauf einfach ein wenig herum zu fahren, und deshalb mache ich das auch.

Schnell ist die V-Strom gesattelt und pöttert aus Carpineto heraus und hinein in die Crete Senesi, das Hügelland südlich von Siena. Ich bin schon so tiefenentspannt, dass ich den GPS-Recorder vergessen habe, stelle ich fest. Ach, egal. Dafür fahre ich jetzt nicht nochmal zurück.

Anna hat noch eine schöne Rundtour über kleine Landstraßen gespeichert, und nach 40 Minuten fährt die Barocca über eine Bergkette und kommt im Dorf Murlo an.

Murlo ist eines dieser typischen Bergdörfchen. Der Ort liegt auf einer Anhöhe, ist kreisrund und geradezu winzig, gerade mal 95 Meter im Durchmesser.

Im Kreis ducken sich die Häuschen um eine Kirche herum. Die Gassen sind geradezu malerisch, auch wenn heute morgen Radrennfahrer darin herumfahren und ich teils lange für ein Foto warten muss, damit ich keinen von den quietschbunt gekleideten Altherren mit auf dem Bild habe. Radrennfahren, gefühlt der Norditaliener liebster Freizeitsport.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 13 Kommentare

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