Motorrad

Taktisches IFAK für´s Motorrad

Ich nehme Erste Hilfe sehr ernst. Umso mehr ärgert es mich, dass die meisten Erste-Hilfe-Sets auf dem Stand der Fünfziger Jahre hängen geblieben sind. Das geht besser, der klassische „Verbandskasten“ nach EN1357 gehört ordentlich aufgerüstet – mit taktischen Komponenten.

Es gibt Menschen, die im Angesicht von Unfällen, Feuern oder Verletzungen völlig handlungsunfähig werden. Sie erstarren oder verfallen in eine kopflose Panik. Andere dagegen behalten in Notsituationen einen kühlen Kopf und bleiben handlungsfähig – und zu denen gehöre ich. Ich bin nicht der Typ, der an Unfällen vorbeifährt und daher schon häufiger in Situationen gekommen, in denen ich Ersthelfer sein musste. Alle zwei Jahre nehme ich an Erste-Hilfe-Kursen teil, um auf dem Laufenden zu bleiben und um Abläufe in Notsituationen immer wieder zu üben.

Natürlich gibt es bei mir zu Hause und in jedem meiner Fahrzeuge Erste-Hilfe-Sets. Für Motorräder ist das nicht Pflicht, trotzdem habe ich in jeder Maschine so eines unter der Sitzbank.

Das ist so ein Standard-Erste-Hilfe-Set, wie man sie in jedem Motorradzubehörladen kaufen kann. Da ist im Prinzip das gleiche drin wie in einem Verbandskasten für´s Auto, nur in geringerer Stückzahl: Dreieckstücher. Mullbinden. Wundauflagen.

Das ärgert mich. Das ist echt so Zeug, wie man es seit den 50er Jahren oder noch länger verwendet, als hätte auf dem Gebiet null Entwicklung stattgefunden.

Ein Beispiel: Um einen Druckverband aus einem Standard-Verbandskasten herzustellen muss man:

  1. Ein Wundauflage aus einer Papierhülle fummeln
  2. Die irgendwie auf die Wunde bugsieren
  3. Eine Binde aus der Plastikverpackung friemeln,
  4. dabei auf´s Kleingedruckte achten ob das eine sterile Binde oder nur ein Verband ist.
  5. Anfangen die Binde um das Körperteil zu wickeln,
  6. nach einigen Umwicklungen aber etwas suchen und befestigen was Druck ausüben kann
  7. Weiterwickeln und am Ende
  8. irgendwie einen Knoten machen oder mit einer Sicherheitsnadel feststecken

Das ist nicht nur völlig antiquiert und umständlich, das muss man im Notfall und mit zitternden Fingern auch erstmal hinbekommen!

Nun hat aber auf dem Gebiet der ersten Hilfe durchaus Entwicklung stattgefunden, sie hat nur keinen Einzug gehalten in die klassischen Verbandskästen für 9,99 Euro aus dem Baumarkt. Die Entwicklungen stammen aus dem Zivilschutz- und dem Militärbereich, insbesondere aus Israel kommen spannende Innovationen. Deshalb gehören israelische IFAKs, „Individual First Aid Kits“, zu den besten Trauma-Sets überhaupt.

Wenn ich auf längeren Touren unterwegs bin, habe ich immer ein Topcase auf der Maschine, und in dem Topcase sind rundum mehre Taschen an Guten befestigt. Dazu gehört auch ein individuell zusammengestelltes IFAK.

Die Tasche selbst ist eine IFAK-Tasche von Gonex, die man leer für ungefähr 15 Euro bekommt. Sie ist auf einer Klettplatte befestigt, die über ein Molle-System zur Anbringung an Rucksäcken oder im Topcase verfügt. In Notfällen reißt man einfach die Tasche von dieser Halterung ab und braucht nicht mit Gurten rumfummeln. Das geht auch viel schneller als wenn man erst die Sitzbank abnehmen muss, um an das Erste Hilfe-Set im Inneren des Motorrades zu kommen.

Wenn der umlaufende Reißverschluss geöffnet wird, faltet sich das Set auseinander, und gibt den spannenden Inhalt frei:

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Reisetagebuch Motorradherbst (14): Beim Moto GP

Tagebuch einer kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Die Barocca liegt mit einem platten Reifen in Florenz. Fortsetzung von dieser Misere hier.

Immer noch Mittwoch, der 7. Oktober 2020, Reifenwerkstatt Pecchioli, Via Petraca, Florenz

Die Via Petrarca führt genau an der Stadtmauer des alten Florenz entlang. Ein Stück die Straße hoch liegen die Boboli-Gärten, und auch der Ponte Vecchio ist nur einen Steinwurf entfernt.

Das hier ist nicht das Touristen-Florenz, das hier ist das Florenz auf der anderen Seite des Arno, südwestlich der Sehenswürdigkeiten, das den Florentiner:innen gehört. Grafittibesprühte Läden, große Stadthäuser mit kleinen Wohnungen, dichter Stadtverkehr, Abgase.

In einem der Wohnhäuser an der Via Petrarca ist ein Tor, gerade mal groß genug für einen PKW. Dahinter öffnet sich eine weite und verschachtelte Reifenwerkstatt. Sie nimmt das ganze Erdgeschoss des Hauses ein und wirkt wie eine Höhle.

Auf dem Gehweg vor der Werkstatt steht die Barocca mit plattem Hinterreifen. Im Eingang zur Reifenhöhle stehe ich mit einem schlaksigen Werkstattmechaniker in einem schwarzen Overall und sage „Ich bin auf Reisen und habe eine Reifenpanne. Können Sie mit helfen?“. Der Mann guckt ernst durch seine randlose Brille und sagt dann „Das ist ein Motorrad“.

Den Satz habe ich heute schon zu oft gehört, jedes mal gefolgt von einem „Motorräder machen wir nicht“. Wenn das hier jetzt auch so ist, dann weiß ich nicht mehr weiter.

Ich atme tief ein und zähle innerlich bis drei. Immerhin, direkt neben der Werkstatt gibt es ein B&B mit freien Zimmern. Wenn die Werkstatt nicht helfen will oder kann oder der Reifen nicht reparabel ist, dann übernachte ich einfach hier und mache mir eine schöne Zeit in Florenz.
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf sage sehr ruhig: „Das ist korrekt.“

„Motorräder mache ich nicht“, sagt der Mann. Ich kann spüren, wie in diesem Moment mein Herz auf den Boden fällt.

„Die macht bei uns nur ein Kollege, aber der ist gerade nicht da. Wenn er kommt, sage ich Bescheid“, sagt der Mann, dreht sich auf dem Absatz um und marschiert davon. Okay, immerhin.

Ich gehe zurück nach draußen, lehne mich an die V-Strom und warte, innerlich auf weitere Stunden eingestellt. Zumindest hat der Mechaniker nicht einfach „Machen wir nicht“ gesagt. Aber trotzdem, an der schroffen Art sowohl von dem Typen hier, als auch von diesem Matteo von vorhin merkt man, dass das hier Großstadt ist.

Ein alter Mann tapst gebeugt den Gehweg entlang. Neugierig beäugt er die V-Strom, dann spricht er mich an.
„Du bist aber nicht von hier, oder?“, fragt er mit diesem florentinischen Akzent, den ich nur schwer verstehen kann.
„Hm“, murmele ich. Der Alte beugt sich vor und inspiziert das Kennzeichen der V-Strom.
„Aus Deutschland? Bist Du auf Reisen?“, fragt er neugierig, dann mustert er die Maschine rundrum.
„Gerade nicht so einfach, was? Dein Reifen ist ja ganz platt“, sagt das Männlein und keckert.

Ich besehe mir den Witzbold genauer. Er ist bestimmt fast 70, einen Kopf kleiner als ich klein und gebeugt. Die schütteren, weißen Haare sind zerzaust und so seltsam um seinem Kopf drapiert, als hätte ein Vogel versucht ein Nest zu bauen und nach kurzer Zeit aufgegeben. Er trägt eine OP-Maske schief im Gesicht, so das eine Hälfte von Mund und Nase bedeckt sind und aus der anderen eine selbstgedrehte Zigarette heraushängt. Irgendwie wirkt der Mann ein wenig wie Yoda.

„Na, hast ja Glück, das Du vor einer Reifenwerkstatt liegen geblieben bist, was?“, sagt der Mann und keckert noch ein wenig lauter über seinen eigenen Witz. Normalerweise würde ich spätestens jetzt wütend werden, aber irgendwie ist das Kerlchen so skurril, dass ich gar nicht dazu komme.

„Na, allerdings musste da jetzt mal reinfahren, sonst wird das nix“, sagt der Mann jetzt ernst.
„Gehören sie zur Werkstatt?“, sage ich. Das Männlein nickt und schnippt die Kippe weg.
„Können Sie mir helfen? Also, machen Sie Motorräder?“, frage ich.
Yoda mustert mich und sagt dann „Junge, ich war beim Moto GP, NATÜRLICH mache ich Motorräder!“
„Heute noch?!“ frage ich aufgeregt.
„Bring die Kiste rein, in 20 Minuten habe ich Dich wieder auf der Straße“, sagt der Mann.

Ich greife nach dem Lenker des Motorrads und kicke den Seitenständer weg.
„Nein! So kannst Du die doch keinen Zentimeter bewegen! Warte!“, sagt das Männlein und schlufft davon. Als er wiederkommt, trägt er einen schwarz-gelben Mechanikeroverall und hat einen batteriebetriebenen Kompressor dabei. Mit dem pumpt er den Hinterreifen der V-Strom auf, dann sagt er zufrieden „Vai!“ – los.

Ich starte den Motor und fahre die Barocca in die Tiefe der Reifenhöhle, nehme das Gepäck ab und bocke sie auf den Hauptständer. Yoda kommt hinter mir her getappst. Er macht sich am Heck zu schaffen, macht gefühlt drei Handbewegungen und hat schon das Hinterrad der V-Strom in der Hand.

Er bemerkt meinen verblüfften Blick und sagt „Ja nun, ich war beim Moto GP. Mein Name ist Alessandro“.
„Piacere“, sage ich automatisch, angenehm. So ohne Hinterrad sieht die V-Strom ziemlich traurig aus.


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Reisetagebuch Epilog: Motorradherbst 2020 in 3:28 Minuten

Die kleine Tour im Herbst 2020 ist vorbei. Im Schatten der Pandemie waren die vorherrschende Gefühle dieser Reise vor allem das Alleinsein, das Stehen im Abseits, weit ab von Menschen und Leben und Eindrücken, die zu Sammeln sich sonst angeboten hätte. Dazu mischte sich ein wenig Traurigkeit über den Zustand der Welt, den allgegenwärtigen Zerfall und die Frage, wie das Leben nach der Pandemie aussehen wird.

Wenn ich später mal gefragt werde, welche Erinnerungen und Eindrücke mir von dieser Tour geblieben sind (neben meiner ersten Reifenpanne), dann wäre das wie in diesem kleinen Filmchen: Eine weitgehend menschenleere Welt, nur ich und das Motorrad und die Straße – und ein diffuses Gefühl von Einsamkeit und Verlust und Trauer um eine Welt, die es so nicht mehr geben wird, trotz aller Anstrengungen.


Hier eine Übersicht über alle Einträge in diesem Kapitel des Reisetagebuchs:

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Reisetagebuch Motorradherbst (13): Knochensplitter

Tagebuch einer kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute wird es echt stressig und die Barocca leidet.

7. Oktober 2020, Siena

Schon wieder steht das Wasser auf den Instrumenten. Letzte Nacht hat es wieder ordentlich geschüttet, und heute morgen ist alles nass und kalt. Die Wettervorhersage sieht auch nicht gut aus. Ach, Oktober in Italien hätte ich mir etwas sonniger gewünscht.

Nachdem die Koffer am Motorrad hängen und ich mich von Cecilia verbschiedet habe, reibe ich das Cockpit und den Sattel der Barocca sorgfältig trocken, klippe Anna in ihre Halterung, stelle den Helm an und checke die Anzeigen. Alles im Grünen Bereich, es kann losgehen. Der Motor pöttert gut gelaunt vor sich hin, als ich die V-Strom aus der kleinen Straße, in der die Villa Allegria liegt, herausbugsiere.

Die Fahrt geht von Carpineto aus nach Norden, Richtung Siena, und kurz vor der Stadt auf die Westumgehung. Die Sonne kommt raus und bringt Wärme mit. Was für ein schöner Morgen!

Ich bleibe erst einmal auf der Autobahn, die Siena mit Florenz verbindet. Die vierspurig ausgebaute Straße ist zwar nicht schön, aber die Alternative wären Landstraßen, die hier durch so viele kleine Dörfer führen, dass man praktisch nicht von der Stelle kommt. Da ich heute über 400 Kilometer vor mir habe, werde ich bis kurz hinter Florenz die langweilige Autostrada fahren und dann erst den schönen Teil der Strecke auf kleineren Routen angehen.

Die Barocca gleitet über den Asphalt. Es ist nicht besonders viel los, nur die üblichen Lastwagen und einige wenige PKW. Die Strecke führt an Monteriggioni und an San Gimignano vorbei, aber von den Orten sieht man nichts hinter, denn entlang der Autobahn sind links und rechts dichte Bäume gepflanzt. Bei Poggibonsi fängt DIE Baustelle an. Ich denke davon ganz bewusst als DIE Baustelle, weil es die schon ewig gibt oder zumindest so lange, wie ich in dieser Region schon unterwegs bin. Eine Fahrbahnerneuerung, Kilometerlang, und gefühlt kommen die Bauarbeiten von Jahr zu Jahr nur wenige Meter weiter.

Die Barocca fädelt in die Baustelle ein. Die Fahrbahn ist schmal, Warnbarken schießen links und rechts vorbei, ab hier gibt es keinen Nothaltestreifen mehr und nur noch eine Fahrspur pro Richtung.

„Bing“ meldet sich Anna plötzlich in meinem Helm und sagt „Warnung“. Ich muss Grinsen. Vermutlich sagt sie gleich „Achtung, Baustelle voraus“, weil ihr jetzt erst aufgefallen ist, dass eine Fahrbahnverengung ansteht. Noch nicht ganz wach heute morgen, die Gute, was?

Ich senke dennoch den Blick und schaue kurz auf´s Display. Das orangefarbene Reifensymbol wird angezeigt. „Na, ist Ihnen der Hinterradsensor mal wieder abhanden gekommen?“, frage ich hämisch. In den letzten Tagen ist dauernd der Kontakt zwischen Navi und Hinterradsensor abgerissen, das produziert genau so ein Warnbild.

Wieder höre ich den Warnton im Helm. Ok, das passiert normalerweise nicht. „Achtung, Luftdruck am Hinterreifen zu niedrig“. Ich rufe mit zwei Tippern auf dem Display das Schema des Motorrads auf. Der Vorderreifen ist grün und zeigt 2,5 Bar an, was in Ordnung ist, aber der Hinterreifen leuchtet knallrot und hängt bei 2,7 Bar. Das ist ein kleines Bißchen weniger als Normal und unter der Grenze, ab der Anna warnen soll, und das tut sie gerade.

Meine Gedanken rasen. Es ist kalt heute morgen, ist der Luftdruck deshalb zu niedrig? Nein, das kann nicht sein. Die Reifen sind schon warm gefahren, wir sind bereits eine halbe Stunde unterwegs. Ein Messfehler? Unwahrscheinlich. Die Garmin-Reifendrucksensoren sind äußerst zuverlässig, wenn sie einmal funktionieren.
Im Display fällt der Reifendruck auf 2,6, dann auf 2,5, weniger als eine halbe Minute später auf 2,4.

Mein Hirn sucht verzweifelt nach anderen Ideen was passiert sein kann, schließt aber eine Möglichkeit nach der anderen aus und kommt am Ende nicht um die einzig übrig bleibende Schlussfolgerung herum: Wir haben einen Reifenschaden.

Ich müsste jetzt dringend anhalten und den Hinterreifen unter die Lupe nehmen, aber wir befinden uns ja mitten in DER Baustelle. Ich behalte mit einem Auge die Druckanzeige im Blick, die schon auf [2,0] gefallen ist, und suche nach einem Platz zum Anhalten.

In der Baustelle gibt es weder einen Seitenstreifen [1,9] noch Nothaltebuchten, wie es sie sonst alle 1.000 Meter gibt. Kilometer um Kilometer zieht sich DIE BAUSTELLE, und alle dreißig Sekunden fällt der Druck um 0,1 Bar [1,8].

[1,7]… Ok, so langsam wird das hier unheimlich und ich nervös. Ah, endlich sind wir um Poggibonsi rum, dann muss ja gleich die Abfahrt dafür kommen! Bei [1,3] habe ich die Abfahrt erreicht und stelle fest, das sie wegen DER BAUSTELLE geschlossen ist. Verdammter Mist! [1,1]


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Reisetagebuch Motorradherbst (12): Città morte

Tagebuch einer kleinen Moppedtour im Pandemieherbst 2020. Heute in tote Städte.

Montag, 05. Oktober 2020, Carpineto, Siena
Das Wetter ist nicht der Hammer, aber immerhin regnet es nicht. Ich schwinge mich auf die V-Strom und fahre los – etwas anderes als das ist in der Pandemie ohnehin kaum möglich. Alle Dinge, die ich sonst auf Reisen gerne mache – Burgen besichtigen, Museen angucken, an irgendwelchen Kursen teilnehmen – fallen jetzt flach, einfach weil Kontakte mit anderen Menschen zu gefährlich ist. Abgesehen davon: Zu etwas anderem als Motorradfahren habe ich auch gerade keine Lust. Nur die V-Strom und ich, und gemeinsam möglichst viel Straßen unter die Reifen nehmen, das ist es, wonach mich heute gelüstet.

Aus der Peripherie von Siena geht es gen Süden, durch das malerische Val d´Orcia, vorbei an Bagno Vignoni und durch die fast unbewohnte Crete Senesi.

Hier ein Häuschen besitzen, das wär´s. Tatsächlich stehen hier und da unbewohnte, pittoreske Steinhäuschen auf den Hügeln herum. Wobei „pittoresk“ in diesem Zusammenhang synonym ist für „fällt zusammen wenn man es scharf anguckt“.

Ich folge der Strada Regionale 2 durch einen Tunnel unter einer Bergkette am südlichen Ende der Crete, und dann weiter nach Süden, von der Toskana bis ins Latium, das ist die Region um Rom herum.

Neunzig Kilometer nördlich der italienischen Hauptstadt liegt der Bolsena See, aber den lasse ich links liegen und fahre nach Osten, auf die Berge des Apennin zu. Das Motorrad rollt durch die Gassen des Örtchens Bagnoregio und kommt kurz darauf auf einem Parkplatz zu stehen.

So schlechte Motorradparkplätze sieht man auch selten. Parkt man vorwärts ein, wie eigentlich gedacht, muss man das Motorrad beim Ausparken rückwärts gegen eine Steigung schieben. Aber egal wie rum ich hier parke, für die Barocca sind die aufgemalten Boxen zu klein. Vermutlich sind die nur für Vespas gedacht. Egal. Heute ist hier nichts los, außer der V-Strom steht hier nur ein anderes Mopped rum.

Ich schließe den Helm ein und gehe in Richtung Belvedere, der „Schönen Aussicht“. Wenn ich nicht schon wüsste was mich hier erwartet, beim Anblick der Aussicht würde mir der Mund offen stehen bleiben. Aus zwei Gründen: Zum einen ist die Landschaft hier selbst schon ein Hingucker. Jahrhundertlange Erosion haben den harten Ton unter dem Mutterboden von Hügelketten und Berghängen freigelegt. Zurückgeblieben sind Strukturen, die woanders „Erdpyramiden“ genannt werden.

Der zweite Hingucker ist aber Bagnoregio, und zwar der alte Ort. Da wo ich vorhin durchgefahren bin, das war Bagnoregion in der neuen Version 2.0.
Das Original, Civita di Bagnoregio, scheint vor mir über der bizarren Landschaft zu schweben.

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Reisetagebuch Motorradherbst (11): Unter Menschen 😬

Tagebuch einer kleinen Moppedtour im Pandemieherbst 2020. Nur an Orte, die ich schon kenne und die möglichst weit weg von Menschen sind. Klappt nur heute nicht, was genauso Schnappatmung verursacht wie ein Ausflug in einen Steinbruch. Schon wieder.

Sonntag, 04. Oktober 2020, Villa Allegria, Carpineto, Siena

Eine Nacht und einen ganzen Tag und noch eine Nacht hat es geregnet. Ich habe im Pyjama im Sessel an den bodentiefen Fenstern im Wohnzimmer gesessen und gelesen und gefaulenzt, genau wie ich es mir vorgenommen habe.

Nun hat sich das Wetter offensichtlich genügend ausgekotzt, und der Himmel über der Villa Allegria ist strahlend blau. Ich habe Lust darauf einfach ein wenig herum zu fahren, und deshalb mache ich das auch.

Schnell ist die V-Strom gesattelt und pöttert aus Carpineto heraus und hinein in die Crete Senesi, das Hügelland südlich von Siena. Ich bin schon so tiefenentspannt, dass ich den GPS-Recorder vergessen habe, stelle ich fest. Ach, egal. Dafür fahre ich jetzt nicht nochmal zurück.

Anna hat noch eine schöne Rundtour über kleine Landstraßen gespeichert, und nach 40 Minuten fährt die Barocca über eine Bergkette und kommt im Dorf Murlo an.

Murlo ist eines dieser typischen Bergdörfchen. Der Ort liegt auf einer Anhöhe, ist kreisrund und geradezu winzig, gerade mal 95 Meter im Durchmesser.

Im Kreis ducken sich die Häuschen um eine Kirche herum. Die Gassen sind geradezu malerisch, auch wenn heute morgen Radrennfahrer darin herumfahren und ich teils lange für ein Foto warten muss, damit ich keinen von den quietschbunt gekleideten Altherren mit auf dem Bild habe. Radrennfahren, gefühlt der Norditaliener liebster Freizeitsport.


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Reisetagebuch Motorradherbst (10): Delegierte Abenteuer

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nach zwei Tagen in den Marken geht es heute wieder auf Fahrt, und natürlich lässt es sich das Wetter nicht nehmen mich zu begleiten.

Freitag, 02. Oktober 2020, La Fenice, Mondaino, Marken

Noch einmal mit Marco über Motorradreisen quatschen, noch ein Mal Grazias fantastische Kuchen genießen, dann muss ich leider das Motorrad schon wieder abreisefertig machen.

Das ist sehr schade, hätte ich gewusst wie gastfreundlich die beiden sind und wie wohl ich mich auf La Fenice fühle, wäre ich länger geblieben.

Als die Koffer schon an der V-Strom hängen und ich den Helm mit Anna drin auf dem Kopf habe, kommt Marco noch einmal vor die Tür. Der große Mann hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Schultern hochgezogen. Er hat sich von der Frühstücksbuffettbedienerei davongestohlen. Das ist nicht schlimm und noch nicht aufgefallen, weil die anderen Gäste sind noch gar nicht aufgestanden sind.

„Und, wo geht´s jetzt hin?“, fragt er. „Toskana“, sage ich. „Ach ja, auch schön, Hmhm.“

Und ehe man es sich versieht, quatschen wir schon wieder über Motorradtouren, bis irgendwann Grazie energisch ans Küchenfenster klopft und Hilfe bei der Versorgung der mittlerweile eingetrudelten Gäste fordert. Marco huscht pflichtbewusst zurück ins Haus, und ich klettere grinsend auf die V-Strom und lasse den Motor an. Was für liebe Menschen, was für ein tolles Haus. Es war hoffentlich nicht das letzte Mal, dass ich hier zu Gast sein durfte.

Ich lenke die Barocca aus dem Feldweg, an dem La Fenice liegt, auf die Dorfstraße von Mondaino, dann geht es gen Südwesten. In weiten Kurven führt die Straße durch keine und kleinste Orte. Es gibt andere Wege um schneller voran zu kommen, aber schnell vorankommen ist nicht das Ziel. Langsam herumtrödeln und Landschaft angucken, DAS ist die Tagesaufgabe. Wenn ich wollte, könnte ich in drei Stunden am Ziel sein. Will ich aber nicht.

Unter einem bedeckten Himmel geht es wieder ins Landesinnere, auf den Apennin zu. Auf dem Weg dahin ist außer kleinen Örtchen nicht viel, aber die Landschaft hat es in sich. Guckt man sich diesen Teil Italiens mal auf einer topographischen Karte an, sieht man, dass das hier praktisch nur aus ausgeprägten Hügeln besteht – als hätte jemand eine Landkarte der Toskana genommen, zerknüllt und anschließen notdürftig wieder glattgestrichen, so zerknittert sieht die Landschaft hier aus.

Immer wieder sehe ich in den baumbewachsenen Berghängen Erdpyramiden und kahle Stellen, an denen der Boden einen so einen hohen Tonanteil hat, dass sich darauf keine Pflanzen halten können.

Irgendwann werden auch die Ortschaften spärlicher, und dann geht es dann so richtig in eine Bergstrecke hinein. Die Straße ist hier sehr kurvig, aber nicht schön zu fahren – der Belag ist völlig kaputt, und sie führt wirklich sehr steil aufwärts. Binnen fünf Kilometer klettert der Höhenanzeiger im Cockpit von 500 auf 1.000 Meter, dann geht es auf eine Passhöhe und wieder hinab in ein Tal.

Zwischen den Wäldern sehe ich vereinzelt Felder, aber selbst alleinstehende Gehöfte scheint es hier kaum zu geben. Andere Fahrzeuge sind auch nicht unterwegs. Keine Menschen, nirgends, nur das Motorrad und die Straße und ich und der Wind. Es stürmt nämlich mittlerweile ganz veritabel. Am Himmel, der ohnehin schon grau und bedeckt war, quirlen jetzt dunkle Regenwolken durcheinander, und ab und an fallen Tropfen.

Noch einmal geht es über einen Pass, dieses Mal den Pasa Viamaggio, und dann sehe ich unter mir schon die Toskana ausgebreitet. Direkt am Fuß der Berge lieg der Lago di Montedoglio, ein künstlicher See. Die Form mit seinen „Ärmchen“ ist so markant, dass ich den sogar schon einmal aus dem Flugzeug erkannt habe. Von oben sieht er aus wie ein Ampelmännchen aus der DDR.

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Wie ich Reisen plane (2): En Detail

Im ersten Teil habe ich beschrieben, woher die Idee zu einer Reise kommt und wie daraus im besten Fall von ganz allein eine (Motorrad-)Tour wird. Am Ende dieser ersten Phase steht dann die ungefähre Strecke und die Ziele, die ich besuchen möchte. Jetzt beginnt die eigentliche Planungsarbeit.

Eines vorab: Vermutlich wir es den einen oder die andere beim Lesen gleich gruseln. Ich lege meine Fahrten im Vorfeld nämlich sehr genau fest. Wenn das Motorrad aus der Garage rollt, die Bahn anfährt oder der Flieger abhebt, dann weiß ich schon ganz genau, wann ich wo an jedem Tag in den nächsten Wochen sein werde. Unterkünfte suche ich mir nicht unterwegs, die buche ich vorher, genauso wie Fahrkarten für Fähren oder Tickets für spezielle Orte.

Wer jetzt denkt „ABeR dAS geHT docH nIChT! WaS iSt mIt FREiheIT???„, dem sei gesagt: Die Vorplanung nimmt mir keine Freiheit. Ganz im Gegenteil, sie gibt mir Sicherheit und hilft mir dadurch erst so richtig, die Fahrt auch zu genießen. Ich habe immer ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann – auch wenn die Fahrt den ganzen Tag über vielleicht nicht so toll ist, sie ist leichter zu ertragen wenn ich weiß: Am Abend wartet ein schönes Zimmer, eine heiße Dusche und ein gutes Essen auf mich. Wenn ich nicht weiß wo ich am Abend übernachten kann, werde ich irgendwann nervös und DAS nimmt mir dann den Spaß.

Dazu kommt der Zeitfaktor. Ich habe Urlaub, da will ich nicht den halben Tag mit so etwas Unnötigem wie der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten oder Parkplätzen verbringen. Ich reise, um möglichst viel zu sehen und zu lernen. Darum laufe ich auch gerne in Museen oder klettere auf Dinge oder in Höhlen herum. Sowas buche ich auch gerne vorher. Ich habe schon halbe Tage in Warteschlangen gespart, weil ich Dank Vorbuchung und „Skip the Line“ einfach sofort Zugang bekommen habe, und manche Orte – wie die Totenstadt unter dem Vatikan – sind ohne Voranmeldung gar nicht zugänglich.

Wer jetzt denkt: „aBEr dIE gANze aRBeiT!!“, dem sei versichert: Reiseplanung ist für mich keine Arbeit. Ich kann so logistische und organisatorische Sachen praktisch aus dem Ärmel schütteln und habe sogar noch Spaß dabei. Die Planung einer Tour IST schon ein Teil des Urlaubs.

Ganz wichtig: Das Ganze funktioniert natürlich nur in organisierten Regionen der Welt. Würde ich mit dem Mopped durch Südostasien oder Afrika fahren, würde ich da GANZ anders rangehen. Was ich hier beschreibe ist mein typischer Jahresurlaub in Europa, und der ist halt sehr begrenzt und ich versuche das Maximum rauszuholen – durch gute Vorbereitung, und letztlich auch durch die Nachbereitung im Reisetagebuch. Ich mache eine Reise also drei mal, die Vorplanung ist das erste Mal.

Bei Dir ist das anders? Du willst Dich nicht festlegen? Dann ist das Okay! Wenn Du es magst, einfach los zu fahren, dich dorthin treiben zu lassen wohin die Straße oder das Wetter dich führen und Du spontan nach einer Unterkunft suchen möchtest, dann mach das so! Dann ist das genau Dein Ding und kein Stück schlechter oder besser als meine Art zu verreisen.

Was ich hier beschreibe ist ja lediglich das, womit ich mich wohl fühle. Die relativ feste Vorplanung nimmt mir weder Freiheit noch Flexibilität und schränkt mich auch nicht ein.

Etappenplanung

Nach der Zen-Phase steht die ungefähre Gesamtstrecke fest, und die muss nun in einzelnen Etappen aufgeteilt werden. Dazu sitze ich am Desktop-PC. Auf einem Bildschirm habe ich Google Maps offen, auf dem anderen eine Exceltabelle.

Was ich nun mache ist folgendes: Ich kenne meinen Startort und ich weiß, was für Ziele ich am Wegesrand sehen möchte. Ich überlege mir nun, wie lange ich an einer Sehenswürdigkeit verbringen möchte, rechne zusätzlich eine Stunde für Tank- und Fotostopps und gucke dann auf Google Maps, wie weit ich an dem Tag wohl auf der vorab grob ausgeguckten Route komme. Meist plane ich so, dass ich zwischen 16 und 18 Uhr aus dem Sattel steigen kann.

Also als Beispiel: Ich starte morgens um 08:00 Uhr in Sölden, plane 1 Stunde für den Besuch des Gipfelmuseums am Timmelsjoch, 1 Stunde für Tanken und Fotos, dann bleiben noch 6 bis 8 Stunden Fahrtzeit übrig. Damit komme ich bis in die apuanischen Alpen, wenn ich Mautstraßen vermeide, oder bis in die Toskana, wenn ich die mautpflichtige Autobahn nehme.

Dann gucke ich mir auf Google Maps eine möglichst schöne Strecke aus. Dafür lasse ich erstmal Google einen Vorschlag machen, dann gucke ich selbst, ob es parallel dazu eine interessantere Straße gibt. Das mache ich tatsächlich per Hand, diese optimierten Algorithmen a la Calimoto & Co sorgen doch nur dafür, dass alle immer auf den gleichen Routen rumeiern. Mit manuellen links und rechts Zerren der Route in Google Maps findet sich meist was kleineres, kurvigeres. Noch mal schnell mit Streetview nachgucken ob es kein Feldweg ist (was schon mal schief geht), dann trage ich die Werte in die Exceltabelle ein.

Die Tabelle ist ein zentrales Planungstool und enthält pro Reisetag eine Zeile, die aufgeteilt ist in die Spalten

  • Laufende Nummer (1 bis irgendwas)
  • Arbeitstag (1/0, Montag bis Freitag sind eine 1, Wochenende und Feiertage eine 0, daraus addiert sich wieviele Urlaubstage ich nehmen muss)
  • Wochentag (Montag bis Sonntag)
  • Datum
  • Startort (von wo starte ich morgens)
  • Zielort (Wo komme ich abends an)
  • Via (was will ich mir unterwegs ansehen? Sehenswürdigkeiten, etc)
  • Kilometer Ohne Maut (Schnellste Route ohne Mautstraßen, auch mal ohne Autobahnen)
  • Zeit ohne Maut
  • Kilometer mit Maut (Schnellste Route mit Mautstraßen)
  • Zeit mit Maut
  • Unterbringung (Name und Anschrift der Unterbringung)
  • Preis (Was kostet die Unterbringung)
  • bezahlt („Ja“ falls vorab bezahlt, „Karte“ wenn normale Bezahlung vor Ort, „Nur Bar“ wenn schon klar ist, dass das mit Karte nichts wird)
  • Storno (gibt es eine Stornofrist bei der Unterbringung und falls ja bis wann)
  • Frühstück (Im Preis enthalten oder nicht)
  • Anreise (bis wann muss ich an der Unterkunft sein)

Die Tabelle taugt auch für Bahnreisen, gemacht ist sie aber für Individualmobilität. Dafür macht so ein paar Sachen automatisch und rechnet in bunten Kästchen die Anzahl der Reisetage, der zu nehmenden Urlaubstage, die Gesamtzahl an Kilometern und vermutlichen Spritkosten sowie Gesamtkosten für Unterbringungen aus.

Da lässt sich dann schön sehen wie teuer Individualreisen als Single sind. Rechnet man zu den Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Benzin noch die Wartungskosten für das Motorrad hinzu, kostet so ein dreiwöchiger Moppedurlaub plötzlich dreitausend Euro. Aber das leiste ich mir halt, dafür gehe ich im normalen Leben selten Essen und fahre ein zwanzig Jahre altes Auto.

 

Unterkünfte buchen

Wenn grob feststeht in welcher Gegend ich am Ende des Tages rauskomme, schaue ich nach Unterkünften. Was ich dafür NIE nutze ist AirBNB. Das finde ich verachtenswert, weil es gerade an beliebten Reisezielen den Wohnungsmarkt zerstört. In Venedig, bspw. hat AirBNB dafür gesorgt, dass in der Altstadt kaum noch jemand fest wohnt. Sowas unterstütze ich nicht.

Was ich gerne verwende sind Spezialsuchmaschinen, die es in manchen Ländern gibt. In Frankreich  zum Beispiel Verzeichnisse von Bauernhöfen mit Übernachtungsmöglichkeiten, in Deutschland findet man günstige Unterkünfte über Suchmaschinen für Monteurszimmer und in Italien gibt es sowas wie BB30.it, wo Bed&Breakfasts z.B. auf Bauernhöfen für unter 30 Euro/Nacht angeboten werden.

Hauptsächlich benutze ich aber booking.com. Das ist auch ein fantastisches Tool, wenn man weiß, wie man es nutzen muss. Medienkompetenz ist hier ganz wichtig. Mann muss sich z.B. darüber im Klaren sein, dass die Bewertungsskala von Booking zwar offiziell von 1 bis 10 geht, in der Praxis aber nur von 6,7 bis 10, und alles unter 7,6 völlig inakzeptabel ist. Selbst abgeranzte Hütten in denen Kakerlaken an den Wänden krabbeln und der Regen durch das Dach auf schimmelige Bettwäsche tropft haben immer noch einen Score von sechskommairgendwas.

Außerdem muss man Rezensionen zu lesen wissen. Deutsche beschweren sich im Ausland IMMER über das Frühstück und die Sanitärinstallation und ziehen dafür mindestens zwei Punkte ab. Engländer schreiben stets vernichtende Kritiken wenn kein Wasserkocher im Zimmer ist. Chinesen sind nie mit irgendwas zufrieden und finden alles eine Unverschämtheit, für Amerikaner war immer alles „Amazing“. Solche Rezensionen kann man einfach ignorieren.

Wenn man sie zu nutzen weiß, sind die Filter bei Booking eine gute Hilfe. Jeder hat eine andere Art damit umzugehen. Modnerd z.B. mag gediegene und neue Hotels und filtert alles weg, was einen Score unter 9,5 hat.

Ich suche immer erst nach möglichst günstigem Preis und dann gezielt nach Rezensionen in der Landessprache. Wo Einheimische hinfahren und es gut finden, kann es nicht verkehrt sein. Auch Unterbringungen die viele Monteure beherbergen nehme ich gerne. Monteure fallen abends müde ins Bett und machen keine Party, also muss es still sein. Und damit Monteure es irgendwo gut finden, muss es entweder sehr günstig sein und/oder gut und reichlich zu essen geben.

So schaue ich nach einem günstigen Preis, einen Score nicht unter 8 und nach guten Rezensionen in Landessprache. Meist lande ich dann bei familiengeführten B&Bs, Pensionen, Gasthäusern oder sehr kleinen Hotels. Besonders liebe ich Gasthöfe, da gibt es immer ein gutes Essen und gute Betten für wenig Geld.

Wenn ich etwas gutes gefunden habe, gucke ich mir Lage und Gebäude auf Google Maps an, wo vorhanden auch mit Streetview. Gibt es einen ebenen Parkplatz für das Motorrad, möglichst am Gebäude? Liegt die Unterkunft ruhig? Hier fliegen etliche wieder raus, denn ich mag nicht an einer Bergstraße parken oder an einer Bahnlinie übernachten.

Außerdem gucke ich in diesem Arbeitsschritt auf Google Maps, wo GENAU eine Unterbringung liegt und kopiere ihre Koordinaten. Das ist wichtig, denn manchmal stimmen Koordinaten in Booking nicht, Adressen führen zu ganz anderen Orten usw. Bei besonders schweren Fällen gucke ich auf Streetview sogar nach Wegweisern und bei welchem Feldweg ich abbiegen muss um zum Haus zu kommen. Klingt doof, aber wer einmal in Italien in einer „Conrada“- oder „Frazione“ Adresse stand, weiß, was ich meine. Die Begriffe bezeichnen im schlimmsten Fall Quadratkilometer an Wiesen und Wäldern, und eine Adresse „Contrada 14“ bedeutet nur „irgendwo dahinten in diesem Tal“.

Wenn alles stimmt und wenn es sich um Hotels und nicht Pensionen oder sowas handelt, buche ich nun über Booking. Gerade kleine Hotels haben manchmal schon gar keinen Buchungsprozess mehr neben Booking und neigen dazu, Reservierungen über andere Medien zu verbaseln oder nicht ernst zu nehmen.

Handelt es sich aber um Gasthöfe oder B&Bs, schaue ich, ob die eine eigene Seite  zum Buchen haben – immerhin wollen die Buchungsportale ordentlich Provision haben, Booking.com dem Vernehmen nach zwischen 18 Prozent und 25 Prozent. Die gönne ich im Zweifel eher den Gastgebern, auch wenn ich das Zimmer dadurch nicht günstiger bekomme. Das spielt für mich nämlich keine Rolle, denn wie gesagt: Ich suche billige Unterkünfte, und bei einem Zimmerpreis von 25 bis 40 Euro/Nacht käme ich mir schäbig vor, da auch noch feilschen. Das kann dann nur nach hinten losgehen, schlimmstenfalls bekommt man zähneknirschend einen niedrigeren Preis, aber dafür das Zimmer, das neben der Abluftanlage der Fischküche liegt.

Bei Unterbringungen die ich schon kenne, maile ich einfach direkt.

Es gibt auch Regionen, in denen Booking kaum etwas hat, es aber dennoch viele Gastzimmer gibt. Hier hilft dann wieder das grandiose Google Maps. Oft sind darauf Gasthöfe verzeichnet, die Booking nicht kennt. Oder es gibt Streetview, und wenn das nicht all zu alt ist, dann kann man damit virtuell durch Orte fahren und aus der Egoperspektive schauen wo Unterbringungen sind.

Routen

Wenn die Tagesetappen und ihre Endziele stehen, geht es an die Einzelroutenplanung. Anna ist ja ein Garmin Zumo, aber die zugehörige Planungssoftware „Basecamp“ ist eine Unverschämtheit und kaum brauchbar.

Lange Jahre habe ich dann Tyre2Travel genutzt und hatte dafür sogar lebenslange Lizenzen, aber leider wurde Tyre eingestellt, weil ein Teil der Macher mit „MyRoute App“ die große Kohle machen wollten. MRA funktionierte auch so halbwegs. Besonders nett war, dass man sich die Unterschiede zwischen der Berechnung von TomTom, Garmin und Google anzeigen lassen konnte.

Aber mittlerweile ist die Unterstützung für Google Maps gestrichen, und damit ist das für mich witzlos. Der jetzt genutzte Open-Streetmaps-Datensatz hat leider wenig POI-Infos und eine erratische Routenberechnung, und der im Gold-Status enthaltene „HERE“-Kartensatz hat für manche Länder schlicht überhaupt keine Daten. Allen Ernstes: In Tokyo gibt es laut HERE nur drei Straßen:

Zum Glück hat der alte Entwickler von Tyre sich das MRA-Elend auch nicht mehr angucken können, trennte sich von seinem Partner und macht jetzt wieder ein neues Tyre, dieses Mal mit dem schönen Titel Tyre2Navigate.

Dort erstelle ich auf einer Google-Map meine Route, in dem ich den Startpunkt am Morgen und das Ziel am Abend fixiere und dazwischen die Points of Interest eintrage. Dann gucke ich manuell nach möglichst schönen Straßen. Was schön ist, hängt davon ab, worauf ich Lust habe. Kurvig ist natürlich gut, manchmal will ich aber auch Schotter fahren oder eine bestimmte Aussicht mitnehmen. Diese Strecken markiere ich mittels Navigationspunkten, damit Anna nicht zwischen zwei Zielen groben Unfug treibt, und speichere das als Tagesroute ab. Das ist nämlich das coole an Tyre: Es macht, dass Google Maps mit dem Navigationsgerät redet.

Wichtig: Ich speichere die Strecke nicht als Track, sondern wirklich die einzelnen Navigationspunkte. Zwischen denen kann Anna immer noch frei rechnen und so z.B. Verkehrsstörungen umfahren. Sollte ich mal spontan keine Lust auf ein Ziel haben, die Zeit knapp werden oder das Wetter nicht mitspielen, lassen sich auch einzelne Punkte überspringen.

Ich halte mich nämlich tatsächlich auch nicht sklavisch an meine Streckenplanung. Die ist ein Kann, kein Muss. Wenn ich auf etwas an einem Tag keine Lust habe, mache ich es nicht. Dann fahre ich direkt zum Tagesziel und lege mich da halt ins Bett, wenn mir danach ist.

Ebenfalls nicht ganz unwichtig: Wann immer es sich anbietet baue ich Schleifen ein, die ich im Notfall abkürzen kann. Das gilt auch für die Gesamtreise. Sollte ich wirklich mal zwei, drei Tage mit Magenverstimmung oder einer Panne irgendwo liegen bleiben, fällt im besten Fall nur eine Schleife weg, aber die verlorene Zeit lässt sich streckentechnisch aufholen und die Reise sich mit den danach geplanten Unterkünften und POIs fortsetzen.

Da ich Tyre auf dem Reise-Netbook habe und die Routen in meiner Cloud, kann das Navi sogar kaputt gehen, ich hätte ein Backup dabei.

Buchungen

Ich mag es interessante Museen, Aquarien, Orte zum Draufklettern, Dinge zum Reinklettern, Theater und Musikevents zu besuchen. Wann immer möglich buche ich die vorab, genau wie Tickets für Flugzeuge oder Fähren.

Bei besonders nachgefragten Sachen buche ich neun bis zwölf Monate im voraus. Ja, damit lege ich mich fest – aber das ist Okay, denn ich MÖCHTE ja unbedingt dieses eine Dinge besuchen oder dieses Reisegefährt nehmen. Dafür gibt es Frühbucherrabat, Skip The Line oder die besten Plätze im Haus.

Um die besten Plätze zu finden gibt es für manche Orten Spezialseiten. In London kann man z.B. über Seatplan.com jeden Sitzplan jedes Theaters aufrufen und sich anhand von Rezensionen oder Fotos, die exakt von diesem Platz aus aufgenommen wurden, ein Bild von der Sicht auf die Bühne machen.

Für Züge in Europa gibt es das auch. Unter seat61.com gibt es außerdem tonnenweise Infos zu Bahnhöfen und Bahnstrecken.

Ansonsten nutze ich grundsätzlich die eigenen Buchungsseiten der jeweiligen Reiseziele, keine Reseller oder Buchungsortale.

Eine Ausnahme war bislang die Mitwagenbuchung. Hier war „Cardelmar“ das Maß der Dinge. Die kleine, quietschbunte Seite kannte niemand, dabei war sie völlig großartig. Darüber konnte man weltweit Restkapazitäten von kleinen und großen Mietwagenanbietern zu Niedrigpreisen und inkl. Vollkasko OHNE SELBSTBETEILIGUNG für nen Appel und nen Ei anmieten. Leider hat CarDelMar im Februar 2021 dicht gemacht.

Was sich da als Nachfolger anbietet weiß ich noch nicht, aber das ist wirklich der einzige Punkt abseits von Unterbringungen, wo ich ein Portal hinzuziehe.

Tagesheft

Parallel zur Planungstabelle ist ein Textdokument entstanden. Das werde ich später ausgedruckt als DIN A5-Heftchen im Topcase oder im Rucksack haben. Da stehen für jeden Tag einzeln drauf wie lange ich insgesamt und zwischen Einzeletappen unterwegs sein werde, was ich mir ansehen will, ggf. Öffnungszeiten und wann ich am Abend wo sein muss. Damit kann ich jederzeit nachschlagen was als nächstes ansteht und habe die gerade benötigten Unterlagen griffbereit.

Außerdem klemmen in dem Heftchen alle Fahrkarten, Reservierungsbelege und Eintrittskarten, die ich vorher gebucht habe, in chronologischer Ordnung. Damit habe ich immer das zur Hand, was ich als nächstes brauche. Manchmal wird der Stapel recht dick:

Eine letzte Sache noch:

Sprache

Reservierungsbelege, auch die von Booking, habe ich immer ausgedruckt und in Landessprache dabei. Das hat schon viele Male Diskussionen abgekürzt und Unklarheiten vermieden.

Was außerdem immer einen guten Eindruck macht: Wenn man ein paar Worte in Landessprache spricht. Viel braucht man als Tourist meist gar nicht. Anrede, Begrüßung nach Tageszeit, „Ich habe eine Reservierung“, „Haben Sie WLAN“ und „Wann gibt es Frühstück“ reichen meist völlig. Natürlich sollte man die Antworten auch verstehen.

Wenn mich etwas wirklich interessiert, mache ich vorher an der Volkshochschule einen Sprachkurs mit. Bildung ist eine tolle Sache, und auch wenn man – wie ich – kein Talent für Sprachen hat, kann es sehr von Vorteil sein, neben Englisch und Französisch oder Spanisch auch ein ein paar Brocken Türkisch zu sprechen oder Griechisch lesen zu können.

Für den Fall das alle Stricke reißen, habe ich noch ein Wörterbuch ohne Worte dabei, aber das ist dann schon wieder das Kapitel „was ich auf Reisen dabei habe“. Das war es mit der Reisevorbereitung an dieser Stelle. Reicht ja auch.

Wie gesagt, dass ist nur meine Art mich vorzubereiten.

Wie macht ihr das? Ähnlich? Oder einfach losfahren und gucken was kommt?

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Reisetagebuch Motorradherbst (9): Markig

Kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit unspektakulärem Rumgedödel durch die Marken, einem unbefriedigendem Besuch bei Ela und einem Hundertjährigen, der die Faust schüttelte und verschwand.

Donnerstag, 01. Oktober 2020, La Fenice, Marken

Das „La Fenice“, der Gasthof von Marco und Grazia, hat einen gemütlichen Frühstücksraum, in dessen einer Ecke ein kleines Buffett aufgebaut ist.

Marco Merli, der Besitzer von La Fenice, trägt bereits eine OP-Maske. „Ich muss Dich jetzt bedienen“, sagt er, und das macht er dann auch. Es ist sehr seltsam, Dinge zu sagen wie „Bring mir bitte noch ein einen Glas Wasser und ein Stück Apfelkuchen und ein Schälchen Obstsalat“ und der große, vierschrötige Mann in Jeans und Motorradjacke bringt mir dann ein Tellchern mit diesem und jenem wie ein Butler. Aber nun, Corona halt. Marco muss tatsächlich so einige Male laufen, denn die Kuchen, die Grazia gebacken hat, sind einfach irre gut, und ich muss von allen probieren.

Nach dem Frühstück steige ich auf´s Motorrad und steuere durch die Berge der Marken. Kürbisse liegen am Straßenrand aufgestapelt, und auch an den Bäumen ist zu sehen, dass es langsam Herbst wird.

Die Berge sind mit Wäldern bedeckt, das hügelige Vorland mit Feldern. Auf einer Wiese steht die Skulptur eines galoppierenden Pferds, das mit einem Kind auf dem Rücken über eine Weltkugel springt. Eine Tafel am Wegesrand gibt Auskunft darüber, dass die Skupltur den Namen „Der Gedanke ist schneller als das Handeln“ („Il pensiero è più veloce dell´azione“) trägt und von Gianni Calcagnini ist.

Langsam dödelt die Barocca durch die Marken und über schlechte Straßen bis nach Norden, bis in den Ort Gambettola.


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Wie ich Reisen plane (1): Touren-Zen

Nach dem Post zu „Wie ich auf reisen blogge“ kamen Nachfragen, wie ich denn eigentlich Touren zusammenstelle, Unterkünfte finde oder generell an die Planung ran gehe. Daher hier nun Teil 2 der „Wie ich…“-Reihe: Wie kommt es überhaupt zu einer Reise? Wie finde ich Ziele, wie entsteht eine Motorradtour? Die Kurzantwort: Gar nicht. Nicht ich finde eine Tour, die Tour findet mich.

Am Anfang: Eine plötzliche Idee

Eine Reise beginnt sehr häufig mit einem unvermittelten Gedanken oder einem Bild, das aus dem Nichts auftaucht.

Ich möchte an meinem 40. Geburtstag am Leuchtturm von Genua stehen und im Sonnenuntergang über das Meer schauen.

Eine Frau die auf den Stufen von St. Pauls Tauben füttert.

Regen auf dem Kopfsteinpflaster von Montmartre.

Ein Reisemotorrad brummt über die Tremola.

Eine andere Möglichkeit: Manchmal finde ich auf Google Maps einen Ort oder eine Straße oder einen Berg der mich interessiert. So habe ich die wie die Hochebene in den Abruzzen entdeckt und die Brücke von Millau.

Egal wo die Inspiration auch herkommt, sie findet mich und ist die Saat einer Reiseidee. Nennen wir die Idee der Einfachheit halber mal das „Kernziel“, weil es zum Kern oder zum Mittelpunkt einer Reise werden kann.

Nun fange ich an über dieses Kernziel im Netz zu lesen und es mir auf Google Maps und Streetview genauer anzusehen. Überhaupt: Google Maps. Das mächtigste Internettool, das jemals erfunden wurde. Nutze ich praktisch jeden Tag, und zur Reisevor- und Nachbereitung ist es das wichtigste Instrument. Ansonsten verwende ich in dieser Phase ganz simpel Youtube und Wikipedia und lese über den Leuchtturm in Genua oder gucke Videos über die Brücke in Frankreich.

Der Leuchtturm von Genua steht heute mitten in einem Containerterminal. Verrät einem auch niemand.

Wie und wann?

Habe ich einen Eindruck vom Kernziel bekommen, überlege ich, welche Kategorie von Reise wohl am ehesten in Frage kommt. Mit dem Motorrad hinfahren? Oder bietet sich die Bahn an, weil das Ziel in einer Stadt liegt und da das eigene Fahrzeug nur Stress bedeutet? Oder muss das Flugzeug genommen werden, weil das Ziel sonst zu weit weg oder gar nicht erreichbar ist?

Wann bietet sich ein Besuch an? Städtebesuche, gerade in touristisch überlaufenen Städten, lassen sich gut im Februar machen, weil dann wenig los ist. Touren mit dem Motorrad gerne im Sommer, aber nicht zur Hauptferienzeit im Juli und August. Und eine Herbsttour Mitte/Ende September oder Anfang Oktober ist auch was nettes, weil die Saison kurz vor dem Ende ist. Zumindest in der europäischen Region, auf der Südhalbkugel oder in Asien sieht das ggf. anders aus. Manchmal spielt auch das Klima vor Ort eine Rolle. Japan im Sommer ist unerträglich, aber im November perfekt. Norwegen im Sommer ist super, im Herbst friert man sich da schon wieder die Griffel ab.

Recherche von Region oder Land

Wenn klar ist, mit welchem Transportmittel ich zu, Kernziel kommen kann und welche Jahreszeit sich anbietet, fange ich an das Umfeld zu erkunden und zu überlegen, wie eine passende Reise aussehen kann. Ich will ja nicht direkt zum Ziel fahren, sondern unterwegs noch weitere interessante Dinge angucken. Leuchtturm in Genua ist toll, aber da will man nicht eine Woche rumhocken. Den Leuchtturmbesuch aber zum Höhepunkt einer Bahnreise durch vier italienische Städte zu machen, das ist genau mein Ding.

Das Kernziel ist also wirklich nur der Nukleus, um den herum nun eine Reise zu wachsen beginnt. Dazu begucke ich als erstes das Umfeld, also die Stadt oder die Region oder das Land oder, bei langen Touren, mehrere Länder an. Ich arbeite mich regelrecht ein, in verschiedenen Stufen und mit unterschiedlichen Quellen und Hilfsmitteln.

Erste Stufe ist, wie so oft, das Netz. Reiseblogs geben nach wie vor eine gute Übersicht, hier habe ich aber keine allgemeinen Empfehlungen. Es gibt aber für nahezu jedes Land ein Spezialblog, betrieben von Enthusiast:innen – als Beispiel sei hier Wanderweib Tessa mit ihrem fantastischen Japanblog genannt.

Diese Perlen sind nicht einfach zu finden, aber es gibt sie.

In der zweiten Stufe suche ich in analogen Medien nach Inspiration und Orten, die sich auf einer Tour besuchen lassen. Mittel der Wahl sind Reisezeitschriften und klassische Reiseführer. Merian- oder Dumont-Hefte oder Sonderausgaben von Geo bestelle ich mir gebraucht im Netz zusammen. Mit ihren großformatigen Bilderstrecken sind das gute Ideengeber für weitere Orte, die sich vielleicht besuchen lassen.

Gute Reiseführer sind teuer, aber das Schöne ist: Man muss die ja nicht neu kaufen. Die meisten Reiseführer bestehen zu einem großen Teil aus Empfehlungen für Essen und Übernachtungen und müssen deswegen alle paar Jahre in einer neuen Auflage erscheinen.

Da ich mich genau für diese beiden Dinge aber null interessiere, kaufe ich meist oder Rest- und Mängelexemplare der alten Auflagen für kleines Geld, oder greife gleich auf Gebrauchtes zurück. Die Infos zu Kunst und Kultur veralten nicht so schnell – was 2017 über eine 1.000 Jahre alte Kirche geschrieben wurde, stimmt 2021 sicher immer noch. Ausnahmen gibt es natürlich immer (ÄhemHagia SophiaÄhem).

Habe ich noch so gar keine Vorstellung von einem Land, nehme ich die „Vis-A-Vis“-Bücher aus dem Dorling-Kindersley-Verlag.

Die haben großformatige Fotos und Zeichnungen und sind perfekt zum Durchblättern, da bleibt dann das Auge an dem ein oder anderen hängen.

Die Vis-A-Vis sind die grobe Kelle der Reiseführer, genauso wie die kleinen Reiseführer von Marco Polo. Beide bedienen den Pauschaltouristengeschmack, bieten aber einen guten Einstieg.

Expertiger und damit auf Stufe drei sind dann die Reiseführer aus dem Michael-Müller-Verlag. Das sind wirklich sehr, sehr gute Bücher, zumindest so lange es um Ziele in Europa geht, und da liegt der Schwerpunkt des Verlags auf Südeuropa.

Ich habe mittlerweile einen veritablen Regalmeter von denen, so gut sind die. Es gibt große Landkarten zum Herausnehmen, für Städte findet man Straßenkarten im Inneren. In manchen Regionen gibt es für jeden kleinen Ort einen Eintrag, man kann die also mit auf Reisen nehmen und dort wo man gerade ist nachschlagen was man anschauen kann. Die Dinger sind allerdings schwer, bis zu 900 Gramm bringt ein dicker Müller auf die Waage. Immerhin, so langsam veröffentlicht der Verlag auch eReader-Ausgaben und bastelt an einer App.

Die Informationen darin sind dröge präsentiert, aber sehr exakt, detailreich, strukturiert aufgearbeitet und von Autor:innen vor Ort zusammengestellt.

Noch spezialisierter sind die „Blue Guide“-Bücher, die es nur auf Englisch gibt. Die listen alle Kulturstätten einer Region auf und haben zu jedem Wasndgemälde in einer Kirche und jedem Exponat in einem Museum etwas zu sagen, verfasst von Kunsthistorikern. Aber das ist selbst mir too much, damit beschäftige ich mich in der Rente.

Points of Interest

Anhand der Reiseführer bekomme ich eine Gefühl für ein Land und finde meist weitere Orte, die sich als Zwischenstationen für eine Fahrt eignen. Allerdings springen mir die Bücher meist nicht ausgerechnet mit genau den Sehenswürdigkeiten ins Gesicht, die mich speziell interessieren. Und manchmal verschweigen sie einem vor lauter Detailgehuddel auch DAS Must-See einer Region. Ich bin da mittlerweile gnadenlos. Wenn es irgendwo ein Ding gibt was sich ALLE angucken, mache ich das auch, wenn es nicht gänzlich uninteressant ist. Und sei es nur, dass ich bei, Schauen eines Bond-Films freudig denke „DA war ich auch schon!“

Früher habe ich es abgelehnt, mir beliebte Sehenswürdigkeiten anzusehen. Das war, mit Verlaub, ganz schön blöde von mir. Ich habe mir allen Ernstes die Weltausstellung in Hannover oder den Besuch des Eiffelturm vorenthalten, einfach weil die jeder besucht hat und ich ja nicht das machen wollte was alle tun. Boykott als Zeichen des Revoluzzertums ist aber letztlich Selbstbeschiss mit falscher Attitüde.

Um mir einen ersten Überblick über die Sehenswürdigkeiten zu verschaffen, gucke ich meist ein Mal in das wirklich schön gemachte Buch „1000 Things to see before you die“, befinde dann, dass das alles Unsinn ist und gehe auf Tripadvisor – allerdings nur mit der nötigen Distanz, der Großteil der Empfehlungen und Reviews dort bewegen sich auf dem Niveau von Amazon-Rezensionen. Aber die Medienkompetenz, die unsinnigen oder für einen selbst unwichtigen Rezensionen aus solchen Plattformen rauszufiltern, die muss man schon mitbringen.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich skurrile Reiseziele mag. Auch dafür gibt es eine Empfehlungsseite, und die ist mir sogar die wichtigste: Der Atlas Obscura listet ungewöhnliche, abseitige und manchmal sogar etwas gruselige Ziele auf. Von besonderen Höhlen über Kultstätten und Nekropolen bis hin zu Lost Places findet sich hier alles mögliche. Besonders hilfreich ist die, leider umständlich zu bedienende, Weltkarte.

Mittlerweile enthält der Atlas Obscura nicht mehr nur Lost Places und Dinge mit Knochen drin, sondern auch Perlen wie versteckte Universitätssammlungen, Ausstellungen und Streetart. Sogar für Göttingen gibt es Einträge!

Viel von dem Kram, was mir in dieser Phase beim Stöbern im Atlas Obscura auffällt, findet sich später auch hier im Reisetagebuch wieder.

Was ich übrigens nie nutze sind Sammlungen wie Wikitravel oder Portale wie Expedia, da schreiben nur Nörgelrentner und besorgte Väter, deren Auffassungen von guten oder interessanten Reisezielen und Unterbringungen nicht zu meinen passen.

Tourenplanungs-Zen

Alles was ich auf TripAdvisor, auf Google Maps, im Atlas Obscura und in den Reisebüchern entdecke, trage ich in Landkarten ein. Zum einen in eine Google Map, wo wirklich erst einmal alles reinfliegt was auch nur entfernt interessant sein kann. Das sieht dann schon mal so aus:

Oder, bei Städtetouren, so:

Bei Städtereisen ist dann die Hauptarbeit schon erledigt, meist lassen sich die Point-of-Interests in Cluster zusammenfassen und jeder Cluster wird ein Reisetag und fertig.

Bei anderen Reisen ist das schwieriger, gerade wenn die potentiellen Ziele über ein ganzes Land verteilt sind. Da muss dann eine clevere Streckenplanung her, und die Google Map enthält dann so viele Punkte, das ich gar nicht weiß, wie ich die verbinden kann. Darüber mache ich mir auch bewusst keine Gedanken, daran lasse ich mein Unterbewusstsein arbeiten, über Wochen, und das geht so:

Meine Wohnung ist ziemlich seltsam geschnitten und hat mehrere, lange Gänge. Also, nicht nur so unspektakuläre Flure, sondern wirklich lange Gänge, und die sind vollgehängt mir Landkarten. An die Stelle, wo ich am Häufigsten vorbeilaufe, hänge ich mir eine klassische Landkarte des Reiselands, der Region oder der Stadt auf, wo ich hin will. Am Besten eine physikalische Karte, auf der man auch die Berge sieht, bevorzugt in A1 und laminiert.

An den Karten laufe ich dann jeden Tag vorbei und stehe immer wieder davor, oft mit der Zahnbürste im Mund, und gucke mir an was wo liegt. Mein Geografieunterricht in der Schule beschränkte sich auf die Höhenstufen des Kilimandscharo, was mich ohne Kenntnis und Orientierung in Bezug auf die Welt im allgemeinen und die Länder Europas im Speziellen zurückgelassen hat.

Durch das dauernde Glotzen auf Landkarten bekomme ich zumindest einen groben Sinn dafür, was wo liegt. Woah, Birmingham ist aber groß! Ach gucke an, DA liegt Manchester! Ach, wer hätte gedacht, dass es in Wales Berge gibt? oder auch „SO GROß ist Kasachstan?“, „Ach DA ist das Kattegatt“ oder „Öh, Syrien ist ja gar nicht SO weit weg“.

Außerdem mag ich Landkarten und Stadtpläne. Von Reisen bringe ich oft Nachdrucke von historischen Stadtplänen oder Spezialkarten mit, die dann als Schmuck in den Kartengängen oder sonst wo in meiner Wohnung hängen, und auch die prägen sich irgendwann ein.

Wenn man mich mitten in der Nacht aufweckt und fragt wo das Bethnal Green in London oder das 7. Arondissement in Paris oder die Piazza di Popolo in Rom ist, dann kann ich das ohne nachzudenken auf dem Stadtplan zeigen. Ich kenne diese Städte auswendig, einfach weil ich da seit Jahren im Vorbeigehen draufgucke.

Selbst in der Motorradgarage hängt ein laminierter A0-Nachdruck einer Vintage-Weltkarte. Mittlerweile habe ich ein ordentliches Archiv von Karten, die man nicht einfach im Internet bestellen kann, sondern die vor Ort gekauft werden müssen Das Blogwiesel und seine Kumpelinen passen darauf auf.

Zurück zu den Karten im Kartenflur: Darauf markiere ich dann mit Klebezetteln oder non-permanent-Marker alles, von dem ich den Eindruck habe „Das MUSS Ich sehen“. Dann laufe ich noch ein paar Dutzend Mal dran vorbei, stehe noch etwas länger mit der Zahnbürste davor und habe keinen blassen Schimmer wie ich all diese Punkte unter einen Hut bekommen kann.

Bis ich dann, irgendwann, aus heiterem Himmel und meist mitten in der Nacht, plötzlich genau weiß wie die Tour verlaufen muss. Dann werde ich ganz aufgeregt, greife mir den Filzstift und male die Tour direkt in die Karte und VOILÁ, da ist die Fahrstrecke. So und nicht anders muss die aussehen.

Meistens sind nicht wirklich alle potenziellen Ziele abgedeckt, die ich im Vorfeld gefunden habe. Aber mein Unterbewusstsein hatte lange genug Zeit um sich damit zu beschäftigen und zu sortieren, was mir wichtig ist und was nicht. Das klappt hervorragend. Bewusst kann ich manchmal gar keine Präferenz treffen, aber wenn dann Ziele aus der Reiseplanung rausfliegen denke ich mir meist „meh, wollte ich sowieso nicht so gerne hin“.

Mit dieser Zen-Methode kommt also die ungefähre Reisestrecke zusammen. Bislang war alles emotionsgetriebenes Rumgewurschtel, jetzt kommt die Arbeit, jetzt geht es zurück an den Computer.

Was genau, das beschreibe ich in Teil 3 von „Wie ich…“

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Reisetagebuch Motorradherbst (8): Asche und Phönix

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit einem kauzigen Gast, unangenehmen Entdeckungen und deutlich überschrittender Geschwindigkeit.

Mittwoch, 30. September 2020, La vecchia Fontana, Roccafinadamo
Zwei kleine Hunde liegen in der Morgensonne vor der Vecchia Fontana, als ich die Koffer zum Motorrad trage. „Wo habt ihr denn Jack gelassen?“, frage ich, bekomme aber keine sinnvolle Antwort. Die beiden tanzen mir um die Beine und freuen sich so ausgelassen, wie das nur Hunde tun, die ein gutes Leben haben.

Neugierig schnüffeln sie an der Motorradkombi herum, die ich bereits trage. Das war die letzte Nacht auf „La Vecchia Fontana“, heute geht es weiter. Schade, an die Einsamkeit des Bergbauernhofs und Signora Annas Kochkünste könnte ich mich gewöhnen.

Die Koffer sind schon am Motorrad befestigt. Als ich die Gaststube betrete, sitzt an einem der Tische ein hagerer Mann und mustert mich mit großen Augen.

Mauro hatte gestern Abend erwähnt, dass sich noch spontan über Booking.com ein Gast angekündigt hat. Der muss dann aber erst sehr spät angekommen sein. Kein Wunder, der Hof hier ist schwer zu finden, erst recht im Dunkeln.

Der Mann ist vielleicht Mitte 60 und so dürr, dass sein Kopf zu groß für den Körper wirkt. Das graue Haar ist von den Seiten quer über kahlen Kopf gekämmt, wogegen es sich heftig wehrt und zerzauselt in alle Richtungen absteht. Der Mann trägt einen roten Pullunder, der seltsamerweise farblich gut zu seinem Gesicht passt und eine Nickelbrille, durch die er auf eine Art schaut, die ihn gleichzeitig erschrocken und zum Einschlafen gelangweilt wirken lassen.

„Giorno!“, ruft Signora Anna, als sie durch die Schwingtür zur Küche kracht, in einer Hand ein abgedecktes Körbchen, in der anderen eine Kaffeekanne. Sie stellt beides auf einen Tisch und verschwindet wieder.

Ich nehme Platz und untersuche den Inhalt des Körbchens. Die Inspektion fördert ein warmes Croissant zu Tage. Ich nehme meine FFP2-Maske ab und konzentriere mich darauf, einen Löffel von dem guten Honig-Apfelgelee aus dem Glas zu dem zerteilten Cornetto zu balancieren.

Das dürre Männlein starrt mich an uns sagt: „Jaa, Maske bringt nichts, muss man eh absetzen, sonst kann man nicht essen“. Meine Laune fällt schlagartig unter den Gefrierpunkt. Von fremden Leuten vor dem ersten Caffé angelabert werden ist schon schlimm genug, aber von einem Maskenverweigerer? Womit habe ich denn das verdient? Und was ist denn das überhaupt die Argumentation? „Jaja, Maske bringt nichts, weil sie den Weg zur Futterluke versperrt“, und das ist seine Entschuldigung warum er gleich überhaupt keine dabei hat, oder was?

Ich habe sowas von keinen Bock auf ein Gespräch. „Hm.“, mache ich und versuche dabei FrauZimt zu imitieren, die die Kunst beherrscht, ein simples „Hm“ in einem so herablassenden Tonfall von sich zu geben, dass es beim Gegenüber ankommt als „Alles was Du sagst ist uninteressant und irrelevant und Du hast Glück, wenn ich Dir für die Unverschämtheit mich angesprochen zu haben nicht den Kopf abreiße.“ .

„Aaah“, sagt das Männlein und glotzt mich unverfroren weiter an. „Sie verstehen mich. Mir wurde schon gesagt, dass ich heute Morgen Deutsch sprechen könnte“, sagt er so langsam, als ob er beim Sprechen gleich einschläft.

„HM.“, versuche ich es noch einmal. Aber meine Zimtpower ist nicht stark genug oder der Typ ist merkbefreit oder beides.

„Ich…“, sagt das Männlein langsam und beginnt in seiner Jackentasche zu wühlen. Als er gefunden hat was er sucht, hält er mir einen Reisepass hin. Sollen das jetzt? „…habe zu Hause ja nur Deutsch gesprochen. Aber im Kindergarten musste ich dann italienisch lernen.“ Ach Gotte, auf dem Reisepass ist ein Österreichischer Bundesadler. Aber italienisch im Kindergarten? Er kommt also gebürtig aus Südtirol.

„Zu Hause immer Deutsch, aber dann im Kindergarten…“, hebt das Männlein wieder an. „Sie kommen aus Südtirol“, kürze ich ab. „Ja genau… darauf wollte ich hinaus…“, sagt das Männlein und wirkt leicht beleidigt, als hätte ich ihm die Pointe zu einem spitzenmäßigen Witz geklaut. Ich habe heute Morgen aber echt keine Geduld für jemanden der meint, mir seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen, nur um auszudrücken, dass er Deutsch und Italienisch beherrscht.

Ich esse schweigend weiter. Anna werkelt in der Küche, im Gastraum hängt eine aggressive Stille.

Der Mann glotzt eine zeitlang Löcher in die Luft, dann legt er sich die Fingerspitzen beider Hände auf´s Gesicht und tastet darin herum. Dann schaut er herüber, um zu sehen ob ich das bemerkt habe und mich jetzt wundere, was er da macht. Ich tue ihm aber nicht den Gefallen zu fragen, also kommt er von sich aus damit raus.

„Ich war auf dem Monte Vettorio“, sagt er und macht eine Pause, als ob er jetzt Applaus erwartet oder eine Nachfrage, was das wohl ist. Oder wo der ist. Der Monte Vettorio nämlich nicht hier in der Nähe. Aber auch diesen Gefallen tue ich ihm nicht. Ich WEISS wo dieser Berg ist, und wer da hochmarschiert ist selbst schuld.

„Da lag schon Schnee. Ich bin das gar nicht gewohnt. Nie habe ich in der Höhe Probleme, aber die Sonne hat geschienen und dann der Schnee und dann hat es länger gedauert als gedacht. Der Weg ist ja ganz schön…“

„Sie sind auf einen schneebedeckten Zweieinhalbtausender gewandert und haben die Sonnencreme vergessen?“, kürze ich das Ganze ab. „Die brauche ich sonst nie“, verteidigt sich das Männlein schwach, seufzt resigniert und befühlt weiter sein sonnenverbranntes Gesicht.

„Aber das ist eh nicht mein Jahr. Ich bin ja mit dem Auto da draußen gekommen“, sagt er und deutet durchs Fenster. Draußen steht ein Fiat Doblo Maxi, ein kleiner Transporter, ähnlich einem VW Caddy.

„Da habe ich mir eine Matratze reingelegt und jetzt kann ich da auch drin schlafen wenn ich mag!“, sagt der Mann stolz. „Und ich hatte Photovoltaik auf´s Dach gemacht.“ Ich gucke nochmal raus, aber der Doblo hat keine Solarzellen auf dem Dach, nur seltsam verbogen aussehende Halterungen über der A-Säule. „Naja, jedenfalls, jetzt kann ich nicht mehr darin schlafen, weil hinten drin die ganze Photovoltaik liegt.“

Das Männlein erzählt seine Geschichten wirklich so unfassbar langsam, dass für mich ein Ratespiel daraus wird… was ist wohl passiert? Schaffe ich es zu erraten worauf er hinauswill, bevor er mit seiner Geschichte am Ende ist?

„Ist abgefallen?“, rate ich etwas vorschnell.
„Als ich auf die Autobahn gefahren bin“, sagt das Männlein fröhlich, „Da hat sich alles hochgewölbt und dann ist es weggeflogen“.
„Argh, watten schiet“, sage ich und lege die Serviette weg, „OK, muss los“.
„Wo geht´s hin?“, fragt das Männlein.
„Marken“, sage ich, „über Castelluccio“.

„Aber da komme ich ja…“, hebt der Mann an.
„…gerade her, ich weiß“, sage ich.

Der Monte Vettorio ist nämlich der Hausberg von Castelluccio, einem winzigen Bergdorf in den sibellinischen Bergen. Auf dem Weg zum Monte Vettorio liegt der „Pilatus-See“, an dem angeblich Pontius Pilatus nach seiner Flucht gestorben sein soll.

Ach, Castelluccio. Habe ich schöne Erinnerungen dran. Ich habe da oben in einem kleinen Gasthof mal drei Tage lang ein episches Wetter ausgesessen. Das war gemütlich, trotz Magenverstimmung.

Ich lege meine FFP-Maske wieder an, stehe auf und gehe Richtung Küche. Das hagere Männlein guckt mir verwundert durch seine Nickelbrille nach und sagt dann: „Aber da steht doch nun wirklich gar nichts mehr!“

Ich erstarre in der Bewegung und drehe mich wieder zu ihm um. „Was?!“

„Ja, da steht nichts mehr. Ein Haus am anderen, alles kaputt. Kannst durch die Mauern bis ins Kaschtel gucken (gemeint ist ein Schrank, Anm. S.), da ist Geschirr und alles noch drin, aber darf halt keiner mehr rein in das Haus und es rausholen, weil alles jederzeit einstürzen kann. Beim Erdbeben vernichtet, das auch L´Aquila zerstört hat“.

Ok, jetzt weiß ich, dass er Unfug erzählt. „Bei allem Respekt, aber L´Aquila war 2009, und ich war zuletzt 2016 in Casteluccio, da stand noch alles“, herrsche ich ihn an. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf springt eine kleine Erinnerung auf und ab und will Aufmerksamkeit, weil sie meint, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu der Story des Österreichers zu passen.

Sie hat sogar recht, sofort nachdem ich ihr Beachtung geschenkt habe, dämmert es mir – der Österreicher hat L´Aquila mit Amatrice verwechselt, und DAS Erdbeben war im Januar 2017 und hat in der Region gigantische Schäden angerichtet. Aber Castelluccio? Das liegt doch so weit oben und außerdem hätte ich das doch bestimmt mitbekommen!

„Ich muss weg“, sage ich. Der Mann tippt gerade quälend langsam „E-R-D-B-E-B-E-N L-A-Q-U-I-L-A“ in sein Smartphone ein.

Ich stecke den Kopf durch die Schwingtür zur Küche. „Signora Anna?“

Anna legt einen Lappen zur Seite und fragt „Willst Du schon los?“
„Ich muss. Ich hoffe, dass ich nicht wieder sieben Jahre brauche, um das nächste Mal hier her zu kommen. Für eine Rückkehr gibt es so viele Gründe, das Haus, das tolle Essen…“
„Und die Freunde!“, sagt Anna und strahlt, „Du hast jetzt hier Freunde! Vergiss das nicht! Das ist der beste Grund um wieder zu kommen!“
Umarmung muss ausfallen wegen Corona, also nicke ich einfach und gehe.

Im Rausgehen höre ich das Männlein rufen „Ich habe es gefunden! Es war 2017!“ Ich beschleunige meine Schritte. Jetzt habe ich es eilig. Castelluccio zerstört? Das KANN doch nicht sein.

Ich springe in den Sattel und steuere die V-Strom über den Sandweg und die kaputte Bröckelstecke den Berg hinauf. Auf der Straße gebe ihr die Sporen und heize durch die Berge Richtung Teramo. Es ist ein schöner Morgen, aber ich nehme mir nicht viel Zeit um die Schönheit der Abruzzen zu bewundern.


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Reisetagebuch Motorradherbst (7): Echos der Vergangenheit

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nur an ablegene Orte, am Besten ohne Menschen. Heute mit einer Spurensuche in der Vergangenheit und mit Kühen. VIELEN Kühen.

Dienstag, 29. September 2020, Bauernhof La Vecchia Fontana, Roccafinadamo

Signora Anna, die Besitzerin von La Vecchia Fontana, werkelt an den Tischen im Gastraum und erzählt dabei vor sich hin. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Zum einen, weil ich ihren abruzzesischen Dialekt nicht gut verstehe, zum anderen, weil ich gerade versuche einen Löffel Apfelgelee vom Glas zu einem recht mürben Keks zu balancieren ohne dabei Schweinerei anzurichten. Das ist viel schwieriger als es sich anhört. Vor Konzentration klemmt mir die Zungenspitze im Mundwinkel.

„Hm?, mache ich, ohne die Augen von der Wabbelmasse zu lassen, als ich meinen Namen höre. Die Signora spricht mich direkt und deutlich an und deutet dabei auf ein Bild an der Wand. „Ob Du was von der Tragödie mitbekommen hast, will ich wissen“, sagt sie.

Ich werfe einen flüchtigen Blick in die angezeigte Richtung. Das Bild ist eine Collage und zeigt ein großes Gebäude. Mit Weichzeichner ist das Portrait eines Mannes in seinen 50ern darübergelegt. Er lächelt mild in die Kamera. Daneben ist ein Hund eingefügt und in einem dieser typischen 3D-Fonts aus der Word-Billigkiste steht „Robertos Traum“ darunter.

„War dass das mit dem Hotel? 2017?“, frage ich. Großartig, jetzt habe ich es geschafft mir den Apfelgelee gleichzeitig an die Finger und in den Bart zu schmieren. Muss man auch erstmal hinkriegen.

Anna nickt. „Roberto del Rosso war der Besitzer. Wir kannten ihn gut, meine Nichte hat am Empfang gearbeitet. Sie hat überlebt, aber Roberto hatte nicht so viel Glück“. Anscheinend hat sich das Unglück wie ein kollektives Trauma bei den Leuten hier eingegraben, Mauro hat es gestern auch schon erwähnt.

Draußen scheint die Sonne, und der Berghang wirkt wieder so perfekt und grün, dass ich ganz genau hinhöre, ob nicht doch irgendwo die Startmelodie von Windows XP ertönt.

Anna, die Motorrad-KI, hat ebenfalls gute Laune. „Keine Verzögerungen auf Ihrer Route“, sagt sie. „Na, das is´ ja toll“, sage ich, während ich die V-Strom für einen Tagesauflug bepacke. Die Route, das ist heute nur ein kleiner Ausflug durch die Berge, würde mich wundern wenn Anna überhaupt Infos über diese Region hat. Aber vielleicht ist ihr einfach nach reden.

„Hit the Road, Jack“, rufe ich, aber Jack interessiert das nicht wirklich.

Die Barocca pflügt durch die schlammigen Passagen des kaputten Wegs, klettert dann das steile letzte Stück bis zur Straße hinauf und steuert dann Richtung Süden.

Über die kleinen Bergstraßen zu kurven macht einen diebischen Spaß, auch wenn die hier unheimlich schlecht sind. Egal. Der Ausblick entschädigt ohnehin für alles. Meist ist der Ausblick weit, über Felder und Berge. Und da wo er nicht weit ist, blickt man auf das Massiv des Gran Sasso, das schon mit Schnee bedeckt ist.

„Warnung“, sagt Anna und schreckt mich auf. Schnell checke ich die Reifendruckanzeige. Auf dem Display leuchtet das Hinterrad der V-Strom rot. Aber nicht weil der Luftdruck nicht stimmt, sondern weil die Verbindung zum Reifendrucksensor schon wieder weg ist. Ach je, wenn es weiter nichts ist. Ich habe sogar Ersatz für den dabei, aber ob ich Lust habe den zu montieren und dann den ganzen Firlefanz mit der Kalibration zu machen, das muss ich mir noch überlegen. Derweil genieße ich weiter den Ausblick und die Straße.

Eine halbe Stunde später signalisiert Anna, dass wir an einem besonderen Ort angekommen sind. Ich halte an und bugsiere die V-Strom an der Zufahrt zu einer Weide hinter die Leitplanke, dann hänge ich den Helm an den Lenker und inspiziere eine Einfahrt, die auf der anderen Straßenseite in den Wald hinab führt.


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Reisetagebuch Motorradherbst (6): Ascolana Tenera

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit dicken Dingern und einem Leck in der V-Strom.

Montag, 28. September 2020, „La Vecchia Fontana“, Roccafinadamo

Die Abruzzen sind von den 20 Regionen, aus denen Italien besteht, mit Sicherheit eine der interessantesten. Sie liegt mitten in Italien, aber die Italiener:innen denken von ihr als dem Norden – dem Norden von Süditalien. Die Region erstreckt sich vom Latium, kurz hinter Rom, bis zur Adria im Osten und von den Marken im Norden bis zum Molise, was quasi niemand kennt, im Süden.

Karte: Wikimedia, CC BY SA NorNordWest

So richtig besiedelt sind die Abruzzen nur an der Küste, wo auch die Großstadt Pescara liegt. In der Mitte liegen die Berge des Apennin und der Grand Sasso, ein großes Bergmassiv. In diesen Gebirgsregionen gibt es große Gebiete, die als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, u.a. der Grand-Sasso Nationalpark, der Abruzzesische Nationalpark, der Nationalpark Majella und noch weitere Regional- und Nationnalparks. Allein die drei größten haben zusammen eine Fläche von 280.000 Hektar, was rund 400.000 Fußballfeldern entspricht, oder 1,08 Saarland (Saarländern?).

Weil es so viele Naturschutzgebiete gibt und die Gegend rau ist, ist das Innere der Abruzzen die am wenigsten besiedelte Region Europas. Nur wegen der weitgehenden Abwesenheit von Menschen gibt es hier noch rund 100 europäische Braunbären, mehre Rudel aus rund 40 Apennin-Wölfen, dazu europäische Wildkatzen, Stachelschweine, Dachse, Luchse oder Rothirsche. Wegen der Abwesenheit von Menschen bin auch ich hier, und wegen der Landschaft.

Schon kurz nach dem Aufstehen packt mich die Begeisterung, als ich auf der Terrasse des kleinen Gasthauses „La Vecchia Fontana“ stehe. Obwohl Oktober ist, ist die Landschaft hier noch satt grün, und als die Morgensonne auf die Berge fällt erwarte ich unwillkürlich den Startsound von Windows XP zu hören.

Es ist kühl, aber die Sonne scheint, und das ist viel besser als der Eisregen und das Unwetter gestern. Nach einem kleinen Frühstück sattele ich die V-Strom und lasse den Motor an. Die Maschine ist sofort da, anscheinend hat sie die Sintflut von gestern gut überstanden. Haushund Jack guckt mir gelassen bei den Startvorbereitungen zu.

Zur Hauptstraße führt ein Feldweg, der abwechselnd aus zerbröckeltem Asphalt und festgestampfter Erde besteht und der heute morgen zwar schon wieder weitgehend trocken ist, aber durch das Wetter gestern teilweise von Sand und Erde überspült ist. Ein wettergegerbter Bauer kommt mir entgegen und grüßt freundlich. Die letzten Meter des Wegs sind recht steil, aber weder der Schlamm noch die Steigung stellen für die Suzuki ein Problem dar. Das Motorrad wühlt sich den Berg hoch und biegt oben auf eine geteerte Straße ab.

Die Straßen in den Abruzzen sind scheiße, muss man einfach so sagen.

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Wie ich auf Reisen blogge

Julia von Mädchenmotorrad hat vor einiger Zeit darüber geschrieben, wie sie von unterwegs bloggt und welche Technik sie dafür nutzt. Im Nachgang wurde ich gefragt, wie ich das eigentlich handhabe. Ich hatte dann versprochen darüber zu schreiben, und obwohl es ein wenig gedauert hat: Hier ist der Post dazu!

Vorab: Julia macht quasi Liveblogging von unterwegs und veröffentlicht jeden Abend einen Eintrag über die aktuellen Erlebnisse des Tages. Damit ist sie die totale Ausnahme und ich bin immer wieder erstaunt und überrascht, in welch hoher Qualität sie es schafft, wirklich jeden Abend von ihren Touren zu berichten.

Ich reiseblogge tatsächlich ganz anders. Das Format des „Reisetagebuchs“, so wie es hier im Blog stattfindet, hat meist einen zeitlichen Nachlauf von einigen Wochen oder Monaten. Das gibt mir die Zeit über ein paar Sachen zu reflektieren, mich zu Dingen, die mir unterwegs aufgefallen sind, nachträglich schlau zu machen, und es eröffnet eine andere Perspektive. Manchmal gibt es nämlich Zusammenhänge über mehrere Tage oder verschiedene Personen oder über Ereignisse hinweg, die einem erst in der Gesamtrückschau auffallen und die man dann ganz anders herausarbeiten kann.

Das Rohmaterial für das Reisetagebuch entsteht jeweils am Abend oder in der Nacht nach einem Urlaubstag. Jeden Abend setze ich mich hin und schreibe auf, was mir frisch im Gedächtnis ist.

Manchmal sind die abendlichen Blogarbeitsplätze sehr schön und bequem….

…und manchmal nicht:

Grundgerüst für den ersten Textentwurf ist meist die Chronologie des Tages, also „Was ist in welcher Reihenfolge passiert“ angereichert um „Wie fühlte ich mich dabei“. Denn das Reisetagebuch ist eines ganz bestimmt nicht: Neutral. Alles was da drin steht ist immer vorgeprägt durch meine Sichtweise, meine Haltung und natürlich auch: Meinen Befindlichkeiten.

Ich bin immer bemüht, dass das Blog nicht zur wehleidigen Nabelschau verkommt. Das hier soll kein unappetitlicher Blick in die Unterhose sein, aber wenn es mir aus irgendeinem Grund besonders gut oder schlecht geht, wird sich das im Text wiederfinden.

Ein Tagebucheintrag ist natürlich dann besonders dankbar, wenn es Ereignisse gab die sich als Hindernis rausstellten, dass es zu überwinden galt. Eine Panne, ein Unfall, Missgeschicke – alles Material für die klassische Heldenreise, sowas ist spannend, sowas liest jeder gern. Zum Glück hat man aber unterwegs meistens nicht jeden Tag eine Panne oder einen Unfall. Wenn aber etwas besonderes passiert, wird das oft der Einstieg für den Text – getreu dem Motto von Lokaljournalisten „Wenn der Clown vom Hochseil fällt, dann erzähle den Zirkusbesuch um Himmels Willen nicht chronologisch und halte Dich erst stundenlang mit der Ponynummer auf“.

Spielen bei einem Ereignis Personen eine Rolle, versuche ich die im Text möglichst genau zu skizzieren, damit sowohl ich als auch andere beim späteren Lesen sofort ein Bild im Kopf haben und sich die Person vorstellen können. Dazu gehört vor allem: Alter, Kleidung, Marotten, Körperhaltung, sprachliche Besonderheiten. Sowas vergisst man schnell, deswegen schreibe ich es gleich am Abend auf.

Dann kommt das aller wichtigste: Dialoge. Ich bin immer wieder erstaunt, in was für interessante und lehrreiche Unterhaltungen ich unterwegs so reinstolpere, und Dialoge sind das, was man als erstes vergisst. Daher gebe ich mir immer große Mühe die möglichst detailliert aufzuschreiben, zumal auftauchende Personen oft durch das was und wie sie etwas sagen oder tun viel besser charakterisiert werden als wenn man es einfach nur als Beschreibung notiert. Das alles einzufangen und festzuhalten, so lange die Erinnerung noch frisch ist, das ist mir das wichtigste. So entsteht ein Blogeintrag im Rohbau, ist aber noch lange nicht fertig.

Die Technik

Auf Reisen habe ich tatsächlich immer ein Netbook dabei. Früher ein Acer, dann ein Asus, jetzt ein Medion. Allen gemein ist:

  • 11,6 Zoll Bildschirm
  • leicht, max. 1,15 Kilogramm
  • Lüfterlos, keine Festplatte, keine anderen beweglichen Teile
  • Lange Akkulaufzeit (10-12 Stunden)
  • Windows Professional als Betriebssystem
  • Sehr billig (neu um die 200 Euro)

In der Klasse gibt es leider nicht viel Auswahl.

Warum kein Tablet oder Chromebook? Ganz einfach: Ich brauche eine echte Tastatur, und ich benötige Windows, weil die Software für Helm/Jacke/Navi nur unter Windows läuft. Vernünftige Windows-Tablets gibt es aber nicht in billig, und ich habe keine Lust ein teures Gerät mitzuschleppen. Ein ordentliches Windows-Tablet mit brauchbarer Tastatur kostet vierstellig, das von mit bevorzugte Netbook um die 200 Euro. Wenn das geklaut wird oder kaputt geht, ist es nicht so schlimm.

Das Reisenetbook mit dem perfekten Formfaktor ist mein geliebtes ASUS X205 aus dem Jahr 2014. Das lüfterlose Gerät kombiniert Tablettechnologie mit Netbook-Vorteilen, wiegt nur 950 Gramm, hat 12 Stunden Akkulaufzeit, ein brauchbares Display und eine sehr, sehr gute Chiclet-Tastatur, wie man sie in der Größe und Qualität sonst nur in Apple Geräten von 2012 findet.

Leider ist die Hardware des Asus nach heutigem Stand völlig inakzeptabel. Die USB2-Ports waren schon beim Erscheinen zu lahm, 2GB Hauptspeicher waren auch 2014 schon nicht viel, und die 32 GB-Nandspeicher sind mittlerweile für den reinen Betrieb eines Windows 10 zu wenig.

Nur deswegen habe ich seit diesem Jahr ein 200-Euro-Netbook von Aldi, ein Medion Akoya 2292 Dingenskirchen. Es ist ebenfalls Lüfterlos, hat eine 128GB SSD, ein stabiles Alugehäuse und ein sehr gutes Touchdisplay.

Dank der massiven Scharniere lässt sich der Bildschirm ein Mal ganz umklappen und damit auch als Tablet verwenden, und im Zeltmodus lassen sich damit schön Filme gucken oder Videokonferenzen bestreiten. Es kann von allem ein Bißchen, das meiste aber nicht richtig gut.

Das Akoya mag ich nicht so sehr wie das X205. Es wiegt mit 1,15 Kilo rund 200 Gramm mehr als das ASUS, was erstaunlicherweise genau den Unterschied ausmacht zwischen „das Gerät ist federleicht“ und „das Ding hat ein stattliches Gewicht“. Die Lautsprecher sind ein Witz, am schlimmsten ist aber die wirklich richtig schlechte Tastatur. Die Tasten sind zu klein, zu rund und zu glatt, und wer bitte ist auf die Idee gekommen die „Entfernen“ Taste als Funktionstaste zu bauen, die nur funktioniert wenn man
FN und F10 gemeinsam drückt??!

Trotzdem wird es mich bis auf weiteres begleiten, aber wenn Asus mal einen vernünftigen Nachfolger zum X205 rausbringt, wechsele ich sofort wieder.

Das Notebook dient nicht nur als Schreibmaschine, sondern auch der Kommunikation mit den anderen Gerätschaften. Wenn die PRISM-Tube-Kamera am Helm mal wieder Schluckauf hat, dann verrät sie nur dem Notebook woran es liegt:

Die VIRB XE-Kamera am Motorrad ist pflegeleichter, über dieses coole Ding habe ich hier schon einmal ausführlich geschrieben.

Leider gehen bei den VIRBs so langsam die Sensoren kaputt, die Bilder werden immer dunkler. Da muss in absehbarer Zeit mal was neues her.

Bei Fotos und Videos bin ich der totale Schnappschussfotograf. Ich knipse alles was nicht bei drei auf dem Baum ist und wähle anschließend aus tausenden Fotos aus. Dafür habe ich eigentlich immer eine Lumix Travelzoom mit einem Ministativ dabei.

„Eigentlich“, weil ich mittlerweile keine Lust mehr auf die Kamera habe. Über die Jahre hat Panasonic alle Vorteile der Travel-Serie, wie geringe Größe und Gewicht, eliminiert, dafür sind die Bilder immer schlechter geworden. Die TZ81 hat kein GPS mehr, dafür eine unbrauchbare 4K-Funktion, eine nicht funktionierende Bildstabilisierung und einen Autofokus, der zwar Postfokus zulässt, beim schnellen Schnappschuss aber oft unscharfen Murks liefert.

Hier der Vergleich zwischen der TZ81 (links) und dem iPhone 8 (rechts):

Aus diesen Gründen fotografiere ich mittlerweile fast nur noch mit dem Telefon – es macht einfach die geileren Bilder. Seitdem das iPhone 11 Pro auch einen Nachtmodus besitzt, ist der vorletzte Grund für die Lumix entfallen. Der letzte ist der wirklich gute 30-fach Zoom der Kamera, aber auch der wird sich überleben.

Das iPhone liefert sehr genaue Standortdaten, die Kamera nicht. Damit ich den Fotos aus der Lumix später Koordinaten hinzufügen kann, trage ich einen GPS-Recorder mit mir rum.

Das ist ein chinesisches Gerät, dass auf den etwas umständlichen Namen „Qstarz BT-Q1000XT“ hört. Es ist so groß wie eine Streichholzschachtel und kann nichts außer GPS-Punkte aufzeichnen, aber das alle 5 Sekunden, sehr genau und über einen Zeitraum von mehr als 24 Stunden, denn es läuft mit einem unverwüstlichen Nokia-Akku.

Die zugehörige Software spioniert einem den Desktop aus, vermute ich zumindest, aber sie kann anhand der Timestamps GPS-Daten in die EXIF-Dateien von Fotos schreiben.

Das mache ich aber selten, viel wichtiger ist mir: Die QSTARZ-Software spuckt aber die Daten des Recorders in handlichen Track-Dateien aus, entweder im NEMEA-, GPX-, KMZ- oder KML-Format. Letzte bevorzuge ich, weil die 10 Mal kleiner sind als GPX und sich in Google Earth reinwerfen lässt. Ein Großteil des Spaßes abends am Notebook ist anhand dieser Tracks zu schauen wie bekloppt ich mich heute schon wieder verfahren habe.

Die Daten der Kameras, des GPS-Geräts und was sonst noch so anfällt werden dann auf dem Netbook und über das Netbook auf einer kleinen 1TB-Platte gespeichert. So habe ich drei Sicherheitskopien: 1. auf dem Gerät, 2. auf dem Computer, 3. auf der Backup-Platte. Die Tagebuch-Einträge sind reine Textdateien und werden zusätzlich in die Cloud geschoben. Damit das klappt, habe ich meist einen kleinen 150 Mbit-LTE-Accesspoint mit einer lokalen SIM dabei.

Warum ein Accesspoint? Weil der bis zu 15 Geräte gleichzeitig mit schnellem WLAN versorgen kann, und lokale SIMS meist schneller sind als geroamte. Dazu kommt: Der Vertrag zu meinem Telefon hat nur 4GB Datenvolumen, während Urlaubs- oder Touristen-SIM-Karten teils für 10 Euro 25 GB und mehr bieten.

So kommt alles zusammen

Wenn ich wieder zu Hause bin wird der ganze Kram, also alle Bilder, Filme, Texte und GPS-Daten auf das heimische NAS und den Desktoprechner gesichert und die einzelnen Geräte gelöscht, damit sie bereit sind für den nächsten Einsatz.

Dann setze ich mich jeden Samstag hin und nehme mir die Texte vor. Nach einer ersten Sichtung der Tagesnotizen gehe ich durch die Bilder von iphone und Lumix und treffe eine Vorauswahl. Im Nachgang flöhe ich durch die Videos von PRISM und VIRB und schaue mir die GPS-Tracks in Google Earth an und mache Screenshots . Die werden alle mit einem Irfan-View Batch verkleinert auf 2048 Px Kantenlänge auf der längsten Seite und dann nach WordPress.com hochgeladen.

Dann passe ich den Text an, damit er auch die Bilder einbezieht oder suche gezielt nochmal Bilder, die den Text stützen. Wichtig: Ich bearbeite Bilder nie nach. Abgesehen davon, dass ich gar nicht weiß wie das geht, wäre mir das zu mühselig.

Dann wird der Text verfeinert und entschlackt. Ich neige zu Füllworten, die werden genauso entfernt wie schwache Adjektive, für die sich fast immer ein besserer Ausdruck finden lässt. Diese Arbeit kostet am meisten Zeit, am Ende hat ein Blogeintrag rund 25 Revisionen auf der Uhr und so um die 6 Stunden gedauert.

Bin ich mit allem zufrieden, wird der Timer aktiviert und der Reisetagebucheintrag um 00:01 an einem Samstag Morgen veröffentlicht. Und NUN kommt das eigentlich spannende: Sobald der Text veröffentlicht ist, enthält er plötzlich lauter Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Satzbaufehler!

Wie gesagt: Jeder Blogeintrag hat im Schnitt 25 Revisionen hinter sich, d.h. ich habe ihn auch rund ein halbes Dutzend mal gegengelesen und korrigiert, und TROTZDEM strotzt er in dem Moment wo er erscheint vor Fehlern, die mir jetzt erst auffallen…

Also sitze ich um Mitternacht wieder vor dem Rechner und korrigiere den schlimmsten Quatsch. Die korrigierte Version wird leider nicht nochmal per Feed ausgeliefert, RSS-Reader erhalten immer die schlimm verstümperte Releaseversion und nicht den Day-1-Patch. Das ist der Grund, weshalb man meine Beiträge immer im Blog, nie im Feedreader lesen sollte.

Tja, und so blogge ich für das Reisetagebuch. Eigentlich mache ich das nur für mich, weil ich Spaß daran habe, durch die intensive Nachbereitung einer Tour Dinge zu vertiefen und die Reise so Stück für Stück noch einmal nach zu erleben. Trotzdem freue ich mich, wenn hier jemand mitliest – und das tun allein jeden Samstag 400 Menschen!

Mir ist klar, das bloggen soooowas von 2008 ist, aber ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen das Format des Reistagebuchs auf Nur-Video umzustellen und ausschließlich Filme zu machen – auch wenn es mich schon reizen würde.

Und jetzt ihr: Wie bloggt ihr so?

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Reisetagebuch Motorradherbst (5): Hände wie Mülltüten

Reisetegabuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute leidet die Barocca, ich habe Hände wie Mülltüten und der Helm stirbt.

Sonntag, 27. September 2020, San Vincenzo

Über der Bergkette vor San Vincenzo geht eine violette Sonne inmitten von Wolkentürmen auf. Das Unwetter hat die ganze Nacht hindurch gewütet. Das Regengebiet, das vom Meer über San Vincenzo hinweggezogen ist, hat den Sturm mit vorher nicht dagewesener Intensität wiederbelebt und Unmengen an Regen mitgebracht. Fast die ganze Nacht klapperten die Fensterländen von I Papaveri, Wasser rauschte durch die Dachrinnen und Regen klatschte draußen auf´s Pflaster. Im Wohnzimmer ist wieder Wasser durch die geschlossenen Türen gedrückt worden. Erst vor einer Stunde hat es aufgehört zu regnen. Jetzt stürmt es nur noch, und über dem Meer ballt sich schon die nächste Regenfront zusammen.

Die Temperatur ist über Nacht um fast 15 Grad gefallen und hängt nun bei einstelligen 8 Grad. Brrr. Und nicht nur das: Über ganz Mittelitalien zeigt die Wettervorhersage eine dicke Wolkendecke und Regen. Nunja, das werden wir sehen. Ich fahre heute einmal quer über den Stiefel und durch Bergregionen, da kann es ja nicht die ganze Zeit regnen, oder? Oder??

Ich mache mich fertig, schiebe das Motorrad vor das Tor und hänge das Gepäck ein, dann folgt ein letzter Rundgang durch La Conchiglia und ein Blick vom vorderen Balkon auf die startbereite V-Strom.

Schließlich lege ich die Schlüssel zum Appartement sorgfältig auf den Küchentisch und ziehe die Tür zu.

Vor dem Tor klettere ich in den Sattel. Ich entscheide mich dagegen die Regenkombi anzuziehen. Irgendwann heute werde ich nicht drum rumkommen, aber mal schauen, wie lange ich es rauszögern kann.


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 16 Kommentare

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