Motorrad

Reisetagebuch (8): Skyfall

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute mit James, Harry, Nessie, Rob, Connor, Mio und den MacDonalds vom Clan der McDonalds.

Samstag, 09. Juli 2022, Inverardran Guest House, Crianlarich, Schottland

Ich wache früh und leicht gemartert auf. Im „Inverardran“ ist es zwar ganz ruhig und still, aber der Schlaf war trotzdem unruhig. Irgendwie hat mich die Geschichte mit der Geschwindigkeitsmessung nicht losgelassen. Ich bin ja gestern gelasert worden. Aber warum? Warum bin ich mit 65 km/h in eine 30er Zone gerauscht? Warum habe ich die Schilder nicht gesehen? So krasse Fahrfehler begeh ich sehr selten – aber wieso hat es mich am Loch Tay erwischt?!

Das lässt mir keine Ruhe, weder die Nacht über noch jetzt. Ich kurbele das Internet an und schaue mir die Stelle, wo mich der Polizist erwischt hat, auf Google Streetview an.

Die Aufnahmen sind nur 6 Wochen alt, und sie erklären, warum ich in den Blitzer gerauscht bin: Erst unmittelbar vor der Stelle, an der der Polizist stand, wird die Geschwindigkeit von 40 auf 20 Meilen reduziert. Das zeigen zwei Schilder links und rechts der Straße. Aber: Eines der Schilder ist um 90 Grad verdreht und aus Fahrtrichtung gar nicht ablesbar, und das andere wird von den tiefhängenden Ästen eines Baumes verdeckt. Gemein!

Ich bin nicht der, der schnell „Abzocke“ schreit – wenn ich Scheiße baue, dann stehe ich auch dazu und bezahle ohne rumzuheulen. Dazu kommt: Ich fahre gerne, ich fahre viele Kilometer in fremden Gebieten, ich fahre auch gerne zügig – da ist schon die statistische Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass es mich mal erwischt. Wenn es passiert, dann fällt es halt unter „Betriebskosten“, wie mein alter Mentor immer sagte. Aber das hier? Das war fies.

Zumal Verkehrsdelikte aus Großbritannien in Europa noch vollstreckt werden – und zwar in erheblichem Umfang. Hier gibt es mit die höchsten Strafen überhaupt, sie bemessen sich am Einkommen. Ich bin ein großer Fan solcher Gesetze, weil es dann auch Leuten vielleicht ein wenig weh tut, die sonst dreistellige Strafzettel aus der Hosentasche zahlen. Aber diese Geschichte gestern… wenn es so gelaufen ist wie ich denke, werde ich dafür ein halbes Monatsgehalt los. Bäh.

Was auch auf Streetview gut zu sehen ist: Der Aufsteller eines Polizisten.

Die lokale Polizei stellt Aufsteller ihrer Beamten an kritischen Stellen auf, und anscheinend stellt sich dann ab und an ein echter Polizeist da hin – selbst Einheimische wissen also nie, ob an der Stelle gerade ein Pappkamerad steht oder doch ein echter Mensch. Ich bin mir echt sicher, das dort gestern ein echter Beamter stand – als ich an ihm vorbeifuhr, senkte er das Gerät und guckte mich an.

Oder?

Oder haben meine Augen nur einen Pappaufsteller mit einem Foto eines Polizisten an der Stelle gesehen, und mein Hirn hat eine Bewegung und nur hinzugedichtet? Man glaubt es ja gar nicht, aber das Hirn füllt permanent Lücken in unserer Wahrnehmung – habe ich mit das am Ende eingebildet?

Meine Laune ist nur so mittel, als ich das Netbook weglege und seufzend aus dem Bett klettere.

Inzwischen sitzt jeder Handgriff, und ich brauche nur wenige Minuten bis alles Geraffel wieder an genau den richtigen Stellen in den Motorradkoffern verstaut ist und ich abreisebereit bin. Aber vor der Abfahrt hätten wir da noch die Kleinigkeit eines Frühstücks zu erledigen.

Wobei „Kleinigkeit“ gar keine passende Beschreibung ist, denn als ich den Frühstücksraum betrete, erwartet mich ein laaaaanges Buffet mit Toast, Saft, Frühstücksflocken, Milch, Konfitüren und allem Duttendeubel. Aber um das Trockenfutter geht es ja nicht. Ich bin ja hier für ein Full Scottish Breakfast.

John stellt eine Schüssel mit dampfendem Porridge, in Milch aufgekochten Haferflocken, vor mich hin. Das sieht eklig aus, schmeckt aber großartig, und als ich damit und mit einigen Pastries (aufgebackenen Blätterteigstückchen) fertig bin, bin ich eigentlich schon zufrieden.

Aber jetzt geht es erst los: John balanciert einen Teller mit einem hier gemachten Würstchen, gebackenen Bohnen, zwei Eiern, zwei Hashbrowns und einem Berg Schinken heran. Oh man, hatte ich gestern abend beim Ausfüllen der Frühstücksbestellung Hunger? Scheint so!

„Brauchst Du sonst nochwas?“, fragt John. Wirklich der perfekte Gastgeber, er hat das Bewirten von Gästen echt im Blut.

„Nur eine Info“, sage ich zwischen zwei Bissen Würstchen, „Woher kommt der Name „Inverardran“? Warum heißt das Haus so?“

John lächelt, das wird er wohl öfter gefragt. „Nun, „In“ bedeutet Flußmündung, und der „Ver“ soviel wie Geröll und der „Dran“ fließt da hinten“, sagt John. Das Haus auf den Steinen an der Mündung des Dran. Ergibt Sinn.

„War das hier schon immer ein Hotel?“, will ich wissen. „Nein“, sagt John, „Das Haus ist über 200 Jahre alt, aber meine Familie hat es erst seit der Generation meiner Großeltern. Als mein Großvater in Rente ging, war der Betrieb, in dem er arbeitete, kurz vor der Pleite. Statt einer Abfindung haben die ihm das firmeneigene Haus angeboten, in dem er lebte – und das war ein guter Deal. Als B&B betreibe ich das seit 1992. So, und jetzt lasse ich dich weiter essen, ich muss mehr Frühstück machen, die nächsten Gäste kommen gleich.“

Als die tatsächlich eintrudeln, habe ich mein Megafrühstück wider Erwarten bis auf einige Schinkenstreifen geschafft und verabschiede mich.
„Komm mal wieder“, sagt John.

Ich furche die Augenbrauen und grummele „Gerne, wenn ich kann… bin gestern gelasert worden, vermutlich bin ich hier nicht mehr so gerne gesehen.“ Dann erzähle ich ihm den Quatsch von gestern. Weil: Er hat gerade Zeit und überhaupt, geteiltes Leid ist halbes Leid und so.

John hört aufmerksam zu. „Hat da einer mit so einem Handlaser gestanden?“, fragt John und hält die Hände vor die Augen. Ich nicke. „Und sie haben dich danach nicht rausgezogen?“ Ich schüttele den Kopf. „Dann haben sie Dich auch nicht erwischt“, sagt er und lächelt. „Wenn sie dich mit dem Handlaser erwischen, dann springt ein paar hundert Meter weiter ein Beamter aus der Hecke und du wirst angehalten und dann werden in einem Bus deine Personalien aufgenommen. Wenn sie Dich nicht angehalten haben, wurdest Du nicht erwischt.“

„ECHT?!“, entfährt es mir. John nickt. Dann haben sie mich nicht erwischt! „THANK GOODNESS!“, rufe ich und freue mich ernsthaft. „John, you made my day!“ John grinst.*
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Reisetagebuch (7): Killerkarnickel

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Unbekannte Orte mit coolen Namen, Orte mit bekannten Namen, die niemand kennt, dem Killerkarnickel und Cops.

Freitag, 08. Juli 2022, Bower House Inn, Eskdale, England

„Darf ich mich zu ihnen setzen?“, fragt Martin, der Radfahrer mit dem schlechten Englisch von gestern Abend. Er steht direkt vor dem kleinen Frühstückstisch, an dem ich sitze.

„Nee“, sage ich, meine das auch so und schüttele zur Bekräftigung den Kopf. „Nehmen sie bitte am Nebentisch Platz, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ – ich bin gnadenlos, ich weiß. Aber Covid kann ich echt nicht brauchen, und Martin macht die Abfuhr nichts aus.

Er setzt sich an einen anderen Tisch und beginnt zu reden und hört nicht mehr auf. Wirklich, er hat das Quasselwasser nicht nur getrunken, es fließt geradezu durch seine Adern. Er erzählt davon, das er ja gestern auch über den Hardknott gekommen ist. Hinauf ist er allerdings nicht gefahren, er hat geschoben. Da hätte ich es ja einfacher, mit dem Motorrad, haha. Ja und das Wetter, damit hätten wir ja Glück, sei ja gerade recht gut. Und generell müsse man sich ja freuen, Nordengland sei ja gerade recht hübsch, und er könne es kaum erwarten weiter in den Norden von England zu fahren, nach Glasgow und in die Highlands und so.

Interessant, er benutzt „Nordengland“ wirklich als Synonym für Schottland. Hoffentlich macht er das nicht vor Ort, sonst wird er vermutlich verhauen.

Die Bedienung steckt kurz den Kopf zur Tür des plüschigen Frühstücksraums herein und schüttelt den Kopf – da unterhalten sich zwei Deutsche, sitzen sich gegenüber, aber an verschiedenen Tischen. Ts.

Was macht der nur beruflich?, rätsele ich, während Martin seinen Monolog weiterführt. Alles an ihm schreit „Manager“, aber das liegt vielleicht nur an der trainierten Anzugfigur und dem markanten Kinn, mit dem er aussieht wie Dr. Udo Brömme. Aber das gut formulierte, ausschweifende und umständliche Reden, das leicht Unfokussierte und das Nachdenken darüber, was man sagen möchte, während man schon redet, lässt einen Professor der Hist. Phil vermuten. Vielleicht Politiker? Das lässt mir keine Ruhe, und ich muss nachfragen. Martin gibt bereitwillig Auskunft. Tatsächlich ist er Ingenieur bei der Stadt Köln. OK, DAS hatte ich im Leben nicht gedacht.

„…Naja jedenfalls steht mein Auto jetzt in Rotterdam und ich radele hier so. Alleine. Von meinen Freunden wollte niemand hier nach Nordengland. Die haben gesagt: Nordengland, das ist schlechtes Essen, schlechtes Wetter…“

„…und schlechte Unterkünfte“, ergänze ich und er nickt und ruft „Ganz genau!“.

Genau das hatte ich im Vorfeld und nach einigen Recherchen auch gedacht. Wetter meist mies, Essen eine zerkochte und vitaminlose Zumutung, und über Netz buchbare Unterkünfte sind oft entweder schlecht oder sehr teuer, meist beides. Kein Witz. Ich habe im Februar eine geschlagene Woche gebraucht, um halbwegs bezahlbare Unterkünfte bei Booking.com und Google für diese Tour zu finden.

Dabei habe ich Dinge gesehen… also wirklich, ich wusste nicht, das Booking Bewertungen von 1.0 tatsächlich anzeigt, alles unter 8.0 ist eigentlich schon nicht empfehlenswert. Und die Preise… Sagen wir mal so: Was auf Booking.com in Großbritannien im Mittel als Übernachtungszimmer in einem B&B oder einem kleinen Hotel angeboten wird, ist ein Winzzimmer mit acht Quadratmetern, schimmeligen Fensterrahmen und kaputter Dusche zu einem Preis von 140-180 Euro pro Nacht, Frühstück kostet extra. Für das Geld übernachte ich in Italien vier Mal wie ein König!

Am Ende der Februarrecherche stand die Erkenntnis: Ich muss Tour verkürzen. Eigentlich hätte ich gerne drei Wochen durch England, Wales und Schottland fahren und auch mal ein paar Tage an einem Ort bleiben wollen. Aber das ist schlicht so teuer, das will ich mir nicht leisten. Deshalb bin ich jetzt nur 10 Tage hier unterwegs, und das ist auch der Grund, warum ich quer durchs Land hetze und nirgends länger als eine Nacht bleibe. Ich will möglichst viel sehen, in möglichst kurzer Zeit.

Im Vorfeld hatten mir mehrere Leute gesagt: Mach Dir doch nicht so einen Kopf! Also WIR sind damals ganz spontan losgefahren und haben dann abends einfach in irgendeinem Ort im Pub nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt und immer irgendwie ein Zimmerchen bei einer netten alten Dame oder so gekriegt!.

Hmja. Stellte sich auf Nachfrage aber raus: „Damals“, das war, je nach Person, in den 90ern oder sogar den 70ern. „Damals“ ist mit heute nicht mehr zu vergleichen, denn seit „damals“ hat der Tourismus stark zugenommen, hat das flächendeckende Pubsterben begonnen und die netten alten Damen mit den kleinen Pensionen sind zu einem guten Teil ebenfalls den Weg alles irdischen gegangen.

Gastfreundliche alte Damen sind kein unbegrenzt nachwachsender Rohstoff, zumal wenn ihre Cottages auf dem Land von den Erben an Fondfinanzierte Investitionsunternehmen verkauft werden, die die Häuschen dann luxussanieren und als Ferienhaus an Stadtleute auf Selbstfindungstrip vermieten. Bei verbliebenen Pubs und Inns ist das ähnlich, wenn sie keinen Nachpächter finden – und das wird immer schwerer – machen sie dicht oder werden an einen Investor verkauft und damit Teil einer Kette. Der erste Inn, in dem ich übernachtet habe, der George Inn in Middle Wallop, das ist auch so einer. Buchbar über die Website eines Londoner Unternehmens, hinter dem eine Holding steckt.

Kurze Rede, langer Sinn: Ohne Reservierung kann es also jetzt, im Juli, schwierig werden eine spontane Übernachtungsmöglichkeit zu finden – die vielen „No Vacancies“-Schilder an den kleinen Hotels in den Orten, durch die ich bislang gefahren bin, sprechen da eine deutliche Sprache.

Perlen wie den Bowers House Inn, in dem ich gerade bin, gibt es aber immer noch, und man findet sie auch über das Netz, wenn man tief genug gräbt. Das hier und auch meine anderen Unterkünfte zu finden und dann alle mit einer Rundtour zu verbinden war aber nicht einfach. Ich habe echt eine ganze Urlaubswoche von morgens bis Abends an Recherche und Routenplanung gesessen, so lange wie noch nie zuvor.

Nach dem Frühstück packe ich zusammen. Draußen hängen Wolken an den Bergen und es regnet Niesel, aber das wird nicht lange so bleiben, zeigt Annas Regenradar.

Trotzdem steige ich in die Regenkombi. So etwas hat Martin nicht, der mit einem Spandexleibchen ins Nasse startet. Er will bis an die Nordküste von Schottland. Bin gespannt ob er das durchzieht. Vielleicht erfahre ich es, wir haben festgestellt, dass wir beide die selbe Fähre zurück nach Europa nehmen werden. Ich winke, als ich vom Hof fahre.

Ich lenke die V-Strom wieder auf die kleine Dorfstraße, auf der wir gestern vom Hardknott Pass gekommen sind, und fahre die weiter in Richtung Küste, weg von den Bergen.
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Reisetagebuch (6): Hölle Hardknott

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Die zweitschwierigste Prüfung, die ich je mit einem Motorrad in Angriff nehmen musste.
Donnerstag, 07. Juli 2022, Pub „Y Pengwern“, Ffestiniog, Wales

Tiefe Wolken ziehen über Ffestiniog hinweg. Grau und düster liegt das Bergdorf da. Aber wenigstens regnet es nicht, und mit 15 Grad ist es auch nicht kalt.

Über Nacht hat sich ein zweites Motorrad zur Barocca gesellt. Der Fahrer muss hier aus der Gegend sein, sonst hätte er die Pelerine nicht dabei, die die ganze Maschine verhüllt – das ist zumindest mein erster Gedanke. Aber dann sehe ich das gigantische Schloss mit der schweren Kette, die um das Hinterrad liegt, und die Silhouette eines Koffers. Vielleicht ist das einfach auch nur ein sehr vorsichtiger Motorradreisender, dem sein Ride so wertvoll ist, dass er sogar einen Regenschutz mitschleppt. Ich zucke die Schultern und gehe wieder rein.

Das Frühstücksbuffet im Y Pengwern, dem communitygeführten Pub von Ffestiniog, besteht aus zwei länglichen Plastikkisten auf einem schmucklosen Bürotisch. In den Kisten liegt ein Plastikbeutel Weißbrot. Daneben stehen zwei Toaster, ein Körbchen mit Marmeladenpäckchen, zwei Sorten Saft, einer Packung Cornflakes und mehrere kleine Milchflaschen.

Ich bin nicht der erste beim Frühstück, und leider benehmen sich Briten an Buffets wie Piranhas. Das habe ich schon öfter bemerkt, und auch hier lässt sich dieses Verhalten in freier Wildbahn beobachten: Ein älterer Herr und eine gebeugte kleine Dame wieseln über die Länge des schmucklosen Tisches und Zack, sind alle Toaster auf Minuten belegt, der Orangensaft verschwunden und beide laufen gebeugt, weil sie alle Milchflaschen auf einmal wegschleppen.
Mir egal, ich schnappe mir zwei angenehm labberige Toastscheiben und ein Plastikpäckchen mit Orangenmarmelade und suche mir dann den am weitesten von allen entfernten Tisch aus. Der ist wirklich sehr weit entfernt, denn der Frühstücksraum ist wohl ein umfunktionierter, ehemaliger Dorftanzsaal.

Als ich darauf zusteuere, sieht mich eine ältere Frau mit blondierten Haaren und Perlenkette über die Ränder ihrer Goldbrille an, schüttelt den Kopf und „flüstert“ dann in deutlich hörbar ihrem Begleiter zu: „Das ist einer von diesen Leuten die immer noch diese schrecklichen Maske tragen!“

Ja, das tue ich. Egal wo, wenn ich in geschlossenen Räumen mit anderen Menschen bin, trage ich eine FFP2 oder FFP3-Maske. Ist mir egal, was andere sagen. Ist mir auch egal, dass die Briten mit Ausruf ihres „Freedom-Day“ mitten in der Pandemie diese für beendet erklärt haben.

Von der anderen Seite des Raumes, aus sieben oder acht Metern Entfernung, starrt mich ein grauhaariger Mann Mitte sechzig an. Alter, was stimmt hier mit den Leuten nicht?

Dann räuspert er sich und ruft lautstark, wegen der nicht unerheblichen Entfernung, „Ist das Dein Motorrad da draußen?“

„Die V-Strom, das ist meine“, sage ich. „Meine auch!“ ruft der Mann. Oh, dann steckt unter der Pelerine wohl auch eine V-Strom, und der Mann ist ein Stromtrooper, wie sich die englischsprachigen V-Stromer gerne wegen des großen Forums gleichen Namens nennen.

„Hast Du Deine schon lange?“, ruft der Mann. „Fünf Jahre“, rufe ich zurück. „Und, zufrieden?“ „Ja sicher!“
Der Mann grinst und ruft „Ich bin aus Südwales, wo kommst Du her? Warst Du auch schon woanders in Britannien?“
„Ich komme aus Deutschland“, rufe ich und füge hinzu: „Vor drei Tagen mit einer Fähre mit mehreren Hundert hustenden und niesenden Franzosen hier hergekommen, und seitdem in Südengland und jetzt Wales gewesen.“ Beim der Erwähnung der hustenden Franzosen schaut die Brillendame auf und fängt wieder das Tuscheln an.

„Ich habe mich ja auf meine V-Strom gesetzt und wusste: Das ist meine Maschine!“, ruft der Mann.
„War bei mir auch so!“, sage ich. Sowas höre ich immer wieder. Die V-Strom findet einen, und man weiß sofort: Die ist für mich gemacht.

Ich nehme einen Schluck Kaffee und huste vernehmlich. Die Brillendame zuckt zusammen.
Dann packe ich zusammen und wende mich zum Gehen. „Ride Safe“, verabschiede ich mich und huste nochmal ausgiebig, einfach, weil ich mich verschluckt habe. Die Brillendame guckt, als würde sie sich jetzt eine Maske wünschen.

Die Wolken sind verschwunden, als ich die V-Strom ausparke. Blauer Himmel und Sonnenschein strahlen nun über dem Snowdonia Nationalpark.

Der Nationalpark ist schön anzusehen, mit seinen felsigen Bergen und den grünen Wäldern und Wiesen. Fast wie Schottland. Oder zumindest so, wie ich mir Schottland vorstelle. Echte Vergleichswerte werde ich erst in einigen Tagen haben.


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Reisetagebuch (5): Clarkson´s Farm


Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Clarksons Farm, die Überwachung der Welt und Humbug im Angebot.

Mittwoch, 06. Juli 2022, The Crown Inn, Frampton Mansell, England
Nach dem langen Tag und den seltsamen falschen Steaks bin ich gestern Abend einfach umgefallen, ins Bett gekracht und früh eingepennt. Nicht mal zum Tagebuchschreiben hat es noch wirklich gereicht, mehr als ein paar Stichworte sind nicht zusammengekommen.

Aber jetzt, um kurz nach Sieben, bin ich ausgeruht und moderat gut drauf. Dieser Inn ist einfach ziemlich gut, das Zimmer ist nicht schlecht, es ist ruhig, und das die Barocca in Sichtweite vor dem Zimmer parkt, ist ein netter Bonus.

Neben dem Gästehaus mit den Übernachtungszimmern liegt ein Anbau mit der Rezeption und einem gediegenen Frühstückssaal.

Hier setzt sich der gute Eindruck fort. Das Personal ist freundlich und extrem schnell und professionell. Dieser Inn wird echt geführt und liefert ab wie ein 4-Sterne-Hotel.

Es gibt ein Full English Breakfast mit gebratenen Tomaten, Toast, gebackenen Bohnen, Black Pudding und einem Würstchen. Hach! Zu Hause frühstücke ich nie, aber unterwegs passe ich mich an. In Südeuropa reicht mir morgens ein Keks und ein Caffé Doppio, aber die britischen Fressorgien von Arterienverstopfendem Unfug mache ich genauso mit.

Ich zahle mit der Kreditkarte, dann geht es gestärkt und mit ziemlich guter Laune hinaus auf die Landstraße, die zwischen grünen Wiesen und Weiden hindurchführt.

Das hier sind die Cotswolds, einem der „Area of Outstanding Natural Beauty“. Mit dieser Bezeichnung, die auf Landkarten tatsächlich mit „AONB“ zu finden ist, werden in Großbritannien Landstriche gekennzeichnet, die „einen besonderen Wert haben“ – der kann kulturell oder historisch sein, er kann mit Naturschutz zusammenhängen, oder weil einfach mal jemand gesagt hat: „Ach, ist das schön hier“.

Letzteres ist ein beliebter Kniff von alteingesessenen Landbesitzern, um neue Bebauung in ihrer Nähe zu verhindern. Erstaunlich viele AONB finden sich in Gegenden, in denen reiche Landbesitzer und Lords ihre Ländereien haben. Anders als echte Naturreservate unterliegen AONBs aber keiner gemeingültigen Gesetzgebung, stattdessen entscheiden local oder special councils darüber, ob und was gebaut werden darf. Diese councils werden aber nicht demokratisch gewählt, sondern von einer Kommune ernannt, und oft genug sitzen da dann reiche Landbesitzer, die auf Gutsherrenart ganze Landstriche kontrollieren. Auch wenn die councils nicht demokratisch gewählt sind, nenne ich die im Folgenden der Einfachheit halber „Ortsrat“.

Die Gegend ist geprägt von Hügeln und Feldern und viel Grün, aber auch von Häusern und Mauern aus cremefarbenem Naturstein.

Die Cotswolds liegen 120 Kilometer nordwestlich von London und nur 30 Kilometer hinter Oxford. Mit dem Auto ist man von London in zwei Stunden angereist, aber viele der begüterten Anwohner, die unter der Woche in ihren Stadtwohnungen leben oder in der Welt unterwegs sind, steigen am Wochenende in ihr Privatflugzeug und sind binnen einer halben Stunde hier. Das ist der Grund für die vielen, kleinen Sportflugplätze in den Cotswolds.

Das es hier geradezu brechreizerregend schön und London recht nahe ist, auch der Grund, warum so viele Prominente hierher gezogen sind. Sting, Stella McCartney, Lily Allen, Patrick Stewart, die Beckhams, Hugh Grant, Damien Hirst, JK Rowling und andere Celebrities haben hier Anwesen. Zwei Dörfer weiter, in Little Faringdon, wohnt Kate Moss in einem 10-Schlafzimmer-Anwesen. Im Dorf Stow-on-the-Wold, durch das ich in diesem Moment fahre, leben Kate Winslet und Ehemann Sam Mendes. Im 20 Minuten entfernten Cirencster verkauft Elizabeth Hurley selbstgezogenes Biogemüse auf dem Markt, und selbstredend haben auch die Royals hier Anwesen, Princess Anne lebt hier sogar ständig.

Einer der ungeliebtesten Bewohner der Cotswolds ist Jeremy Clarkson. Das ist der bekannte TV-Mensch und Kolumnenschreiber, der erst „Top Gear“ und später „The Grand Tour“ gemacht hat. Heute moderiert er die englische Ausgabe von „Wer wird Millionär“ und schreibt Kolumnen für die Sun und die Sunday Times. Weiterlesen

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Herbst! Saisonende & Statistik 2022

Also höret und lobet das Herbstwiesel,
das Euch wissen lässt,
dass nun die Zeit für lange Abende bei Filmen, Serien, guten Büchern und Heißgetränken der eigenen Wahl angebrochen ist!

Auf das alles kuschelig sein möge und gemütliches Einmuckeln zelebriert werde!
Auf der Couch rumliegen und Videospiele spielen ist nun keine Sünde mehr,
denn die Zeit des Motorrads ist für dieses Jahr vorbei!
Preiset das Herbstwiesel, das die Blätter bunt anmalt und alles gemütlich werden lässt!

Die Motorradsaison 2022 ist mit dieser Proklamation offiziell beendet.
Wer jetzt nicht mehr fährt, muss kein schlechtes Gewissen haben. Der Segen des Herbstwiesels entbindet Euch vom Drang, nochmal auf´s Mopped zu müssen.

Die Ode an das Herbstwiesel beendet eine Saison, die für mich lang, interessant und teuer war. Das eine hängt natürlich mit dem anderen zusammen. Noch immer leiste ich mir den Luxus von zwei Motorrädern. Die Kawasaki ZZR600 „Renaissance“ ist eine Sporttourerin, die ich in erster Linie als Autoersatz nutze: Wege zur Arbeit, Stadtverkehr, kleine Ausflüge, mal zu den Eltern fahren – dafür ist sie perfekt.

Die Suzuki DL650 V-Strom mit dem Namen „Barocca“ ist meine Reisemaschine. Die große Kiste ist wirklich perfekt für Fernreisen, und dafür nutze ich sie. Hat natürlich den Effekt, das sie einen guten Teil des Jahres in der Garage steht und traurig dabei zugucken muss, wie die ZZR fast jeden Tag benutzt wird. Aber WENN die V-Strom dann mal raus darf, dann frisst sie Kilometer.

Die Saison startete mit einem ADAC-Intensivtraining in Gründau-Lieblos. Das letzte war schon drei Jahre her, und ein wenig Auffrischung schadet nicht.

Im Juli diesen Jahres ging es erst auf eine Tour durch Frankreich, England, Wales, Schottland und die Niederlande. Das waren rund 6.338 Kilometer, darunter die härtesten, die ich je gefahren bin: Am Hardknott-Pass, einer Single-Track Road mit 30 Prozent Steigung und damit dem steilsten Straßenpass Europas.

Im September verschlug es uns dann noch einmal in den Süden, nach Sardinien und Südfrankreich, was noch einmal 5.679 Kilometer ergab. Es war auch das Jahr der Fähren. Nachdem ich im vergangenen Jahr das erste Mal und ganz aufgeregt mit dem Motorrad auf einem Schiff unterwegs war, waren es in 2022 gleich vier Fährfahrten – und bei jeder einzelnen war ich wieder aufgeregt.

In der Summe hat die Barocca mit den weiten Touren mehr als 13.000 Kilometer gemacht – sehr ordentlich, und ordentlich teuer.

Ich sah mich ja schon vergangenes Jahr vor der Entscheidung, entweder noch einmal ordentlich in Verschleißteile für die V-Strom zu investieren oder ein neues Motorrad zu kaufen. Eine Probefahrt der aktuellen DL650 und DL1050 hat mich jetzt aber nicht in rasende Begeisterung versetzt, und vor allem hatte ich keine Lust jetzt an einem Motorrad rumzubasteln und wochenlange Mühe zu investieren, um es in Sachen Funktionsumfang auch nur halbwegs auf das Niveau der Barocca hochzupetern.

Also wurde investiert. Insgesamt drei Mal war die V-Strom in diesem Jahr in der Wartung, zur 84.00er, 90.000er und 96.000er Inspektion. Hauptsächlich wegen Verschleißteilen, das hätte jede andere, auch eine neue, Verbrennermaschine auch gebraucht.

Jedes mal wurde aber ein kleines Bißchen mehr gemacht. Die Barocca hat eine Gabelrevision erfahren, das Ventilspiel wurde eingestellt, die Bremsscheiben und -Beläge sind rundrum erneuert worden, und sie läuft nun auf brandneuen Tourance Next 2-Reifen. Die sind erst seit kurzem erhältlich. Ich bin mal gespannt – die Vorgänger, die Tourance Next 1, waren ja schon erstaunlich. Auch nach 13.000 Kilometern hätten sie immer noch genügend Profil gehabt, allerdings waren sie durch die vielen Autobahnkilometer eckig gefahren.

Das heißt: Ich werde sie mindestens noch ein Jahr fahren, auch wenn sie in Kürze die 100.000er-Marke überspringt. Mal gucken, ob sich das bemerkbar macht. Der V-Twin-Motor hält angeblich ewig, aber bei manchen V-Stroms mit dieser Laufleistung gibt es Probleme mit der Elektrik. Mal gucken. Und vielleicht kommt 2023 ja auch eine neue V-Strom raus, die eine geeignete Nachfolgerin ist.

Neben der hohen Werkstattkosten hat mich in diesem Jahr tatsächlich auch der Hafer gestochen, was Schutzkleidung angeht. Von der Schottland-Tour erwartete ich zwei Wochen Regen und Kälte und kaufte mir dagegen nicht nur eine neue Regenkombi, sondern auch einen neuen FLM-Fahreranzug, unter den ein dicker Pulli genauso passt wie eine TechAir5-Airbagweste. Beides ist super und macht mich sehr glücklich, hat aber auch ein Loch in Portemonnaie gerissen. Ist aber egal, gute Schutzklamotten und gut gewartete Fahrzeuge sind wichtig, egal ob man damit auf weite Touren geht oder nur im Stadtverkehr rumkurvt.

In der Summe muss ich sagen: Die Motorradsaison 2022 war ausgezeichnet. 15.036 Kilometer, (1.593 mit der ZZR, 13.443 mit der V-Strom) sind eine ganz ordentliche Strecke. Egal ob im Alltag oder auf Touren, beide Maschinen haben zuverlässig ihren Job gemacht, es gab keine Panne und keinen Umfall, alles hat so geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe, und zum Glück gab es auch keinen Unfall. Dafür, das muss ich ehrlich sagen, bin ich dankbar.

Die Renaissance und die Barocca schlafen nun dem Frühling entgegen und träumen vom März, wenn es wieder losgeht – und bei beiden der TÜV fällig ist.
Nun ist es wieder Zeit für Statistik, einfach mal die Daten der Motorräder angucken und wirken lassen.

Die Detailaufstellungen folgen nach dem Klick. Wer sich Einzelheiten angucken möchte, findet die Daten beider Maschinen online:

ZZR 600 Renaissance bei Spritmonitor.de
DL 650 Barocca bei Spritmonitor.de
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Reisetagebuch (4): Esel!

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute: Esel und gefälschte Steaks.


Dienstag, 05. Juli 2022, The George Inn, Middle Wallopp

Schon wieder schrecke ich aus einem unruhigen Schlaf. Die halbe Nacht hat sich einer der Teilnehmer der Junggesellenparty im Zimmer nebenan lautstark übergeben, und ich selbst habe Kopfschmerzen – und einen rauen Hals. Stöhnend schwinge ich die Füße aus dem Bett und stehe gleich erst einmal mit einem Fuß in einem der Motorradkoffer. Britische Gastzimmer sind wirklich klein.

Wo er schon mal da ist, kann der Fuß auch in dem Koffer herumwühlen. Ich kann mit den Zehen greifen und Socken und sogar Bleistifte vom Boden aufheben, vergesse aber immer das Fremdwort für diese Fähigkeit. Polydaktyl? Vermutlich nicht.

Nach einigem Tasten fördert der Fuß den Beutel mit den COVID-Testkits Zu Tage. Es ist Jahr drei der Pandemie, und ein Vorrat mit Masken und Tests sind aus dem Reisegepäck nicht mehr wegzudenken.

Ich prokele mit dem Wattestäbchen in der Nase rum, quetsche das Sputum in die Testflüssigkeit, schraube den Tropfer auf und beträufele den Teststreifen, dann wanke ich ins Bad.

Als ich frisch geduscht bin, ist das Testergebnis fertig. Negativ. Sehr gut. Das fehlte jetzt noch, das ich im Urlaub krank werde. Dafür habe ich nämlich keinen Plan B. Ich wüsste nicht mal, welchen Behörden ich hier Bescheid sagen müsste.

Im Gastraum bin ich noch allein, der Junggesellenabschied schläft wohl etwas länger.

Schnell entdecke ich, warum das Frühstück bei meinem Zimmer inklusive und „ohne Aufpreis“ ist: Es ist ein kontinentales Frühstück, oder zumindest eine kontinentales-Frühstück-Requisite: Auf einem Teller liegen drei vertrocknete Käsescheiben und zwei mumifiziert wirkende Scheiben Wurst, daneben ein Beutelchen mit Konfitüre. Die Leute vom Inn stellen das immer immer hier hin, mutmaße ich, damit die Gäste dann einen Blick drauf werfen und sagen: „Ach nee, lass mal, bring mal lieber ein richtiges, englisches Frühstück, Aufpreis hin oder her!“

Das mache ich aber nicht. Englisches Frühstück würde hier 16 Pfund kosten, das sind in echtem Geld 20 Euro (oder 40 DMark oder 80 Ostmark). Dafür, dass ich normalerweise gar nicht frühstücke, ist mir das ein Bißchen zu viel.

Die ersten Teilnehmer des Junggesellenabschieds kommen die Treppe heruntergewankt. Alle tragen schwarze Hosen und weiße Hemden und Sonnenbrillen und einen Gesichtsausdruck, der deutlich sagt: „Aua“.

Der Küchenmann bringt den Junggesellen das ordentliche Frühstück, mit Würstchen, Eiern, dicken Bohnen, Black Pudding und wer weiß was noch. Alles trieft vor Fett und riecht sehr intensiv. Die Teller stehen noch nicht ganz auf dem Tisch, als einer der jungen Männer aufspringt, die Hände vor den Mund presst und nach draußen rennt.

Ich mümmele meinen Toast zu Ende und leere die Kaffeetasse, dann bugsiere ich die Motorradkoffer aus dem kleinen Zimmer und die enge Treppe hinab. Die Holzenten mit den Sinnsprüchen gucken mir dabei zu.

Auf den Parkplatz steht die V-Strom in der sommerlichen Morgensonne. „Na, die erste Nacht auf britischem Boden gut überstanden?“ murmele ich, als ich das Gepäck befestige.

Dann geht es los. Ich erinnere mich sofort daran, dass ich links fahren muss und biege vom Parkplatz des Inns auf eine belebte Landstraße ein. Die erste Mission heute: Bargeld besorgen. Plastikgeld wird eigentlich überall genommen, aber wenn es mal nicht funktioniert, ist Bargeld der Plan B. Ich habe gerne immer genug Bargeld dabei für eine Übernachtung und eine Tankfüllung. Man weiß ja nie.

Im Vorfeld hatte ich mal auf Google Maps geschaut und eine Tankstelle gefunden, die nur wenige Kilometer entfernt ist und in der ein kleiner Supermarkt ist, in dem es angeblich auch ein ATM gibt. Leider weiß von diesem Geldautomaten nur das Internet, die Angestellten haben in dem Laden noch nie einen ATM gesehen. Kein Problem, denke ich noch, während ich die Suzuki wieder auf die Straße lenke, dann halte ich halte an der nächsten Bank und ziehe da etwas britisches Spielgeld.

Erstmal steuere ich das Motorrad aber auf die Schnellstraße A303, und nach wenigen Minuten taucht in den grünen Hügeln neben der Straße ganz kurz eine bekannte Struktur auf.

Na? Wer erkennt´s? Genau, das ist…
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Reisetagebuch (3): If friends were flowers, I‘d pick you

Motorradtour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute geht es auf´s Schiff.

Montag, 05. Juli 2022, Pension „Bonjour“, Saint-Pierre-de-Plesguen, Bretagne
In diesem seltsamen Dachzimmer in dem winzigen Haus ohne richtige Treppe oder Türen kann man wirklich jedes Geräusch hören. Ich höre z.B. Jeffs Schnarchen. Er liegt in der mittleren Etage, in einem winzigen Schlafzimmer mit einer Falttür, aber es ist, als würde er in der anderen Zimmerecke vor sich hinschnorcheln.

Gut, Ohrenstöpsel helfen, aber die Nacht bleibt unruhig, und um kurz nach Sieben schiebe ich meine Koffer schon wieder durch die enge Lücke zwischen Kamin und Holzbalken hindurch und quetsche mich die hüftenge und steile Wendeltreppe hinab. Ist wirklich wie in einem Kaninchenbau hier. Ich bin eine kleine und bewegliche Person, aber das hier ist so eng, das ist selbst mir unangenehm.

Im Erdgeschoß, wo der Coiffeursalon/Das Wohnzimmer mit der Küchenecke liegt, werkeln Jeff und Caterine bereits herum. Jeff macht sich fertig für die Arbeit, drückt Caterine einen Kuss auf und ist verschwunden.

Ich greife mir meine Koffer und schicke mich ebenfalls an, das Haus zu verlassen. Innerlich graut mir vor der Strecke zum Motorrad. Das sind zwar nur 200 Meter, aber meine Fersen bringen mich jetzt schon um, trotz der Blasenpflaster. Die tiefen Blasen, die ich mir gestern gelaufen habe, sorgen dafür, dass jeder Schritt in den Motorradstiefeln schmerzt, beim Kofferschleppen noch mehr.

Aber da kommt Caterine unerwartet zur Hilfe. „Ich helfe Dir“, sagt sie unvermittelt uns schnappt sich einen Koffer, das Topcase und den Rucksack und marschiert fröhlich neben mir her. Respekt, die kleine Damen schleppt gerade ohne mit der Wimper zu zucken dreißig Kilo herum und stellt sie nach kurzem Fußweg ohne Murren neben die Barocca.

„Danke, auf Wiedersehen und viel Glück mit der kleinen Pension“, sage ich. „Ich versuche mich gerade als Coiffeuse“, sagt Caterine. „Damit auch viel Glück!“ „Danke“, sagt sie und winkt zum Abschied.

Es ist kühl, und die V-Strom trieft vom Tau des Morgens.


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Reisetagebuch (2): Blut am Mont Saint Michel

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute scheitere ich am Tagesziel, muss Viecher jagen und es fließt Blut.

Sonntag, 03. Juli 2022
Ich schlafe und träume von der Arbeit und schlafe weiter und als ich aufwache, ist es erst kurz vor fünf. Ich weiß sofort, wo ich bin. Auf der Domaine de Regnoval, einem großen Bauernhof, 60 Kilometern nördlich von Paris. Ich drehe mich nochmal um und mache die Augen zu. Im Halbschlaf wabert eine tiefe Zufriedenheit mit, weil ich weiß, dass das hier echt ist. Das ich unterwegs bin. Unterwegs mit dem Motorrad. Dann döse ich noch einmal weg.

Im Halbschlaf bekomme ich mit, wie es um kurz nach sechs in der Küche im Erdgeschoß anfängt zu rumoren. Geschirr klirrt, Besteck klappert, Dampf schorchelt, ein Toaster plonkt, irgend etwas bruzzelt. Es hört sich an als würde eine Großküche in Betrieb genommen. Was es da nachher wohl Schönes gibt?

Einheinhalb Stunden klappert und bruzzelt und dampft es da unten, und um halb acht beschließe ich, mir all die Leckereien anzusehen. Hungrig bin ich auf jeden Fall. Bei der Abfahrt gestern Morgen war es zu früh für Frühstück, dann habe ich mir den Tag über wegen der weiten Strecke keine Zeit für eine Pause genommen, und um Abendessen zu fahren war ich dann zu müde. Die letzte Mahlzeit war also… vorgestern? So ist das, wenn ich unterwegs bin. Dann ist sowas wie Hunger Nebensache.

Aber jetzt bin ich erholt, so ausgeruht, wie man es nach 10 Stunden Schlaf nur sein kann, und bereit für all die Köstlichkeiten, die in den letzten eineinhalb Stunden im Erdgeschoss angerichtet wurden.

Als ich die Treppe zu der kleinen Küche, die gleichzeitig Frühstücksraum ist, hinabsteige, sieht mich eine blonde Mitfünfzigerin an. Sie sagt aber nichts. Sie guckt mich nur an. „Bonjour Madame, je m´appelle Silencer“, sage ich.

Sie sieht mich zweifelnd an und zieht die Nase kraus, sagt aber immer noch nichts. Geht das schon wieder los? Das ist ja genauso schlimmes Kommunikationsverhalten wie gestern mit dem Bartmann.

„Aaaaaa-ah. Petit Dejeuener?“, spreche ich etwas hölzern das Offensichtliche aus, einfach um die Stille zu überbrücken, und deute auf einen Tisch. Offensichtlich hat sie aber immer noch kein Wort verstanden.

„Zimmer 1?“ fragt sie dann auf französisch. Ich nicke. Sie geleitet mich an einen kleinen Ecktisch und zieht ein Deckchen von einem Körbchen. Darin liegen zwei Croissant. Dazu gibt es zwei Sorten Konfitüre. Das war es. Ich beklage mich nicht, zusammen mit dem großen Kaffee reicht mir das hier völlig, aber was zum Geier hat sie hier die letzten eineinhalb Stunden geklappert, gebrutzelt und getoastet?

Die beiden Croissants zu verputzen und die Schale Kaffee zu vernichten dauert keine 5 Minuten, aber in mir ist der sportliche Ehrgeiz geweckt, ob ich nicht doch ein Gespräch in Gang bekomme. Man lernt unterwegs nur etwas, wenn man sich mit Menschen unterhält.

„Hmm, die Konfitüre ist lecker, selbstgemacht?“, frage ich und deute auf die Glastöpfchen mit den schiefen, selbstgedruckt aussehenden Aufklebern. „Qwo?“ sagt die Frau. „Die Konfitüre ist SEHR GUT, haben sie die gemacht?“, sage ich. Die Frau wackelt mir dem Kopf und sagt „Cmt? Vopouv´ l´acheter n´supermarché“ Wieso? Die kann man im Supermarkt kaufen. Aha.

„Ist ein wenig kühl heute morgen, was?“, sage ich mit Blick auf die 9 Grad auf dem Thermometer. „Hä?“, macht die Frau. „Ein wenig kalt!“, sage ich, deute aus dem Fenster und mache die universellen „kalt hier“ Armbewegungen. „Le Chambre ouke vouls-di?“, sagt die Frau und stiert mich an. „Nein, nicht im Zimmer“, sage ich. „Das Zimmer war bestens. Draußen. Draußen ist es kalt.“

„Ou“, sagt sie, wo. Ich deute nochmal aus dem Fenster, wo der Tau dick und weiß auf der Wiese liegt.
„Ach“, sagt sie. „´coup Pluie sem´dern´“, was wohl so viel heißt wie „Letzte Woche viel Regen“. Und damit ist das Gespräch von ihrer Seite vorbei, und ich stehe auf und hole mein Gepäck. „Au Revoir!“, ruft die Frau, und das verstehe ich wenigstens.

Ich trage die Koffer zum Motorrad. Ja, kühl ist es, aber der Tag wird sonnig und warm werden. Tau liegt auch auf der Sitzbank und glitzert im Sonnenlicht.

Über Felder und Dörfer geht es. Das ist nicht spannend, aber ich habe trotzdem total gute Laune. Wind im Gesicht! Sonne im Rücken! Ich bin raus aus dem Alltag und unterwegs und schon 1.000 Kilometer weg von zu Haus!

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Reisetagebuch Motorradtour (1): Ein Rückspiegel voller Himmel

Sommertour mit der V-Strom durch Frankreich, England, Wales und Schottland. Heute geht es los, allerdings läuft da was nicht ganz rund bzw. heiß, und es gibt Scht´is.

Sonntag, 03. Juli 2022
Ich schlafe und träume von der Arbeit und schlafe weiter und als ich aufwache, ist es erst kurz vor fünf. Ich weiß sofort, wo ich bin. Auf der Domaine de Regnoval, einem großen Bauernhof, 60 Kilometern nördlich von Paris. Ich drehe mich nochmal um und mache die Augen zu. Im Halbschlaf wabert eine tiefe Zufriedenheit mit, weil ich weiß, dass das hier echt ist. Das ich unterwegs bin. Unterwegs mit dem Motorrad. Dabei war der Start gestern morgen alles andere als rund…


Am Vortrag: Samstag, 02. Juli 2022

Sind sie jemals so erschöpft gewesen, dass sie vor Müdigkeit nicht mehr schlafen konnten?
Ich schon.
Jetzt gerade.

Die letzten Wochen waren hart – die Sommerwelle der Pandemie und die Urlaubsvertretung für Kollegen haben dafür gesorgt, dass die gleiche Arbeit auf immer weniger Schultern lastete. An zwei dieser Schultern baumeln meine dürren Pandemieärmchen. Das ist jetzt das dritte Jahr, in dem COVID eine ständige Begleitung ist, und mit ihm das tragen von Masken, Homeoffice der Mitarbeitenden, weniger direkte soziale Interaktion und allgemein weniger Unternehmungen und generelle Vorsicht. Bislang habe ich mir Corona nicht eingefangen, und ich will es auch jetzt nicht drauf anlegen. Aber trotzdem muss ich jetzt mal raus. Auch wenn ich noch so gar nicht in Reiselaune bin. Das gepackte Motorrad spricht aber eine deutliche Sprache:

Egal.
Los jetzt.

Der Helm meldet Einsatzbereitschaft, und auch der Patch an der Airbagweste gibt grünes Licht.

Ein Druck auf den Starter, und der V-Twin der Barocca, meiner nachtschwarzen V-Strom 650, erwacht zum Leben und pöttert etwas ruckelig in der Morgenluft. Der etwas rappelige Lauf ist normal, das legt sich, wenn sie warm ist. „Temperatur: 15 Grad. Reifendruck: OK. Distanz: 760 Kilometer. Auf ihrer Route werden keine Verzögerungen gemeldet.“, höre ich eine Stimme im Helm. Ich bin immer allein unterwegs, deshalb die vielen technischen Helferlein. Technik hilft. Oft.
„Danke, Anna“, sage ich zu mir selbst und zum Garmin Zumo und gebe Gas.

Es ist der 02. Juli 2022, kurz nach 06:00 Uhr morgens. Es ist sommerlich warm, und die Sonne schiebt sich gerade über den Berg, in dessen Schatten Mumpfelhausen liegt.
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5.679

So, ich wäre dann auch mal wieder im Lande. Mit der Barocca, der 650er V-Strom, ging es Mitte September über die Alpen bis nach Livorno, von dort mit dem Schiff nach Sardinien, dann über Provence und Carmargue und die Vogesen wieder zurück. 5.679 Kilometer waren das am Ende, an 21 Tagen an der frischen Luft.

Interessanterweise war das die zweite, lange Motorradtour in diesem Jahr. Dieses Mal war der Plan: Rumlungern. Nach der atemlosen Tour durch das Unvereinigte Königreich im Juli wollte ich nun vor allem eines: Ruhe haben. Nicht jeden Tag stundenlang im Sattel sitzen oder pausenlos Dinge angucken, sondern einfach nur doof am Strand rumliegen oder lesen oder eine Wand anstarren. Rumlungern, eben.

Deshalb sollte es auch kein Reisetagebuch dazu geben – was sollte da im Erfolgsfalle auch drin stehen außer „Geschlafen. Gegessen. Rumgelungert.“

Nun, der Plan mit dem Rumlungern hat auch tatsächlich funktioniert, aber zwischendurch war ich doch ein wenig unterwegs…

…und habe doch das ein oder andere erlebt, was sich aufzuschreiben lohnt. Die alte Troposcatter-Station auf dem Monte Limbara, zum Beispiel, ist jetzt bis in den letzten Winkel erkundet.

Die V-Strom geht jetzt erst noch einmal in die Werkstatt – das Dritte Mal in diesem Jahr, dieses Mal für neue Reifen. Nach 12.000 km, davon zwei Drittel auf Autobahnen, waren die einfach eckig gefahren. Übrigens hat die Maschine wieder alles klaglos mitgemacht, es gab keine Panne, kein Stottern, obwohl die Kiste jetzt 95.000 km runter hat. Zuverlässigkeit, dein Name ist V-Strom.

Auch andere Dinge müssen überholt werden – es ist ganz erstaunlich, was ein kleines Steinchen anrichten kann, wenn es nur mit genug Geschwindigkeit in das Visier eines Motorradhelms einschlägt.

Ich mache mich jetzt mal daran von beiden Touren, UK und Sardinien, das Material zu sichten und daraus das Tagebuch zusammenzukleben. Was ich an der Universität Cagliari getrieben habe, wieso Herr Kachelmann sich schon Sorgen macht, wenn ich unterwegs bin, wieso Frankreich zum Mad-Max-mäßigen Albtraum wurde, warum ich GS-Fahrer Mitte 60 schwierig finde und mit welcher interessanten wie liebenswürdigen Motorradbloggerin ich schöne Abende verlebt habe – das gibt es dann demnächst, hier im Blog.

(Kein Selfie, hier hat das Motorrad mich fotografiert.)

2022: 6.338
2021: 7.306
2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

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Probefahrt: Suzuki V-Strom DL650 XT und DL1050 XT

Ich liebe die Barocca, meine DL650 „V-Strom“. Aber leider, leider wird sie auch nicht jünger. Elf Jahre fährt sie schon und wird am Ende dieser Saison knapp vor 100.000 Kilometer auf der Uhr haben. 65.000 davon hat sie mit mir in den vergangenen 5 Jahren zurückgelegt. Zwar ist sie gerade perfekt durchgewartet und nahezu alle Verschleißteile sind neu, aber dennoch muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, das irgendwann, perspektivisch, eine Nachfolgerin her müsste.

Aufgrund von dem, was ich in einem Motorrad suche, plus dem Preis kommt aktuell eine 800er Triumph Tiger in Betracht. Problem ist nur: Die nächste Werkstatt dafür ist 60 Kilometer weg. Als wieder eine V-Strom? Aber was für eine?

Um das zu ergründen bin ich mal losgezogen und die beiden 2021er Modelle der V-Strom Probe gefahren. Hier die Notizen meiner Eindrücke.

DL 650
Die V-Strom hat seit 2004 zwei optische Veränderungen mitgemacht. Schön war sie nie, aber bei der 2017er Version hat sie die charakteristischen Doppelscheinwerfer verloren. Keine „Ich bin Batman!“-mäßigen, nebeneinander angeordneten und hochgezogenen Doppelscheinwerfer mehr, stattdessen glubscht nun ein Zyklopenauge aus der Verkleidung, bei dem die Schweinwerfer übereinander angeordnet sind.

Die Kunststoffverkleidung baut weniger breit als früher und wirkt billiger – ein Eindruck, der sich bis ins Cockpit fortsetzt. Dort sieht alles nach Plaste und Elaste aus dem VEB Kombinat Schkopau aus, aber irgendwoher muss der Kampfpreis von 8.700 Euro für das Basismodell ja kommen. Dem Preispunkt (und der mangelnden Begeisterung für Motorräder innerhalb des Suzuki-Konzerns) ist es wohl auch zu verdanken, dass sich Dinge wie LED-Licht oder Kurven-ABS, bei andern Marken teils längst eine Selbstverständlichkeit, bei der V-Strom nicht finden.

Im Cockpit findet sich ein analoger Drehzahlmesser und ein gut ablesbareres, monochromes LCD-Display. Das zeigt neben der Geschwindigkeit noch den Tankinhalt, die Temperatur, wahlweise die Batterie-/Ladespannung und den Modus der Traktionskontrolle an, alles schön übersichtlich und untereinander angeordnet.

Der Auspuff ist nach unten gewandert, die neue V-Strom simuliert zumindest in dem Punkt keine (nicht vorhandene) Geländegängigkeit mehr. Dadurch sitzen dummerweise Koffer standardmäßig höher als früher, was den Schwerpunkt ungünstig beeinflussen dürfte.

Die Sitzbank ist höher als beim alten Modell, gleichzeitig aber schlanker, so dass ich immer noch gut mit den Füßen auf den Boden komme. Die „XT“-Ausstattung ist ein Witz: Flimmsige Handschützer, ein Motorschutz aus Plaste, der den Namen nicht verdient und Speichenräder in doofen Farben, mehr gibt es nicht. Die 600 Euro XT-Aufpreis im Vergleich zum Basismodell kann man sich echt sparen. Selbst ein Hauptständer ist zusätzliche Sonderausstattung und nicht bei der XT dabei.

Fahrtechnisch ist die 650er V-Strom für mich wie nach Hause kommen. Draufsetzen und alles ist wie immer. Die Sitzhaltung und das Grundgefühl sind genau wie bei meiner jetzigen Maschine, und auch die Leistungscharakteristik der neuen DL650 entspricht in fast allen Bereichen der Barocca. Im Guten wie im Schlechten. Gut ist nettes, aber nicht berauschendes Drehmoment von unten, das hakelfreie Getriebe, die tolle Kupplung und ein exzellentes und leichtfüßiges Handling in Kurven, schlecht sind die schwammigen Bremsen.

Dass der Euro5-Motor im mittleren Drehzahlbereich weniger Sprit bekommt und deshalb dort nicht so drehfreudig sein soll wie frühere Modelle, kann ich nicht bestätigen, aber ich habe den 650er -Motor noch nie mit Adjektiven wie „agil“ oder „spritzig“ bedacht. Was mich freut: Der rappelige Lauf des V-Twins nervt beim alten Modell mit Vibrationen, die sind beim neuen fast völlig verschwunden – bessere Dämpfung in der Motoraufhängung sei Dank.

Mein Eindruck: Die neue 650er ist wie ein geliebtes Turnschuhmodell, das man seit Jahren trägt und dann in ein neues Paar schlüpft. Alles ist etwas straffer und nicht so ausgelatscht, aber immer noch perfekt passend.

DL 1050XT
Die große Schwester, die 1050er, guckt viereckig in die Welt, der übereinander angeordnete Doppelscheinwerfer ist fast quadratisch. Die 400 ccm mehr machen den Motor bulliger und schwerer, und das merkt man vor allem beim Rangieren sehr deutlich. Die Sitzbank ist sehr hart, schmal und nochmal höher als bei der 650er. Ich komme mit den Füßen an den Boden und kann sie bewegen, aber bequem Sitzen und sicherer Stand ist anders. Die Sitzhaltung unterscheidet sich nicht von der 650er.

Die Kunststoffverkleidungen wirken wertiger als bei der kleinen V-Strom. Das darf auch so sein, immerhin kostet die 1050er mit 14.600 satte 6.000 Euro mehr als die kleine Schwester. Die Wertigkeit sieht man auch im Cockpit, was aus deutlich weniger billig aussehendem Material besteht. Im Cockpit thront nur ein einzelnes Instrument. Ausgeschaltet wirkt es wie ein Bildschirm, aber sobald es aktiv wird, sieht man, dass es sich lediglich um ein monochromes LCD-Display handelt – und um eine Unverschämtheit. Die Geschwindigkeit lässt sich zwar gerade noch so ablesen, aber der Rest… Ich sag mal so: Die Bedienkonsolen für den gesamten Todesstern sind übersichtlicher als dieses Ding. Wer bitte kommt auf die Idee, relevante Informationen in konzentrischen Kreisen anzuordnen, inklusiver gewölbter Beschriftung? Und dann noch mit so nichtssagenden Abkürzungen, dass nicht mal der Händler die Bedeutung herleiten kann?

Abgesehen von diesem Schmuh fällt sofort die monströs große Frontscheibe auf, die sich aber zumindest ohne Werkzeug in der Höhe verstellen lässt. Die Spiegel sind etwas eleganter, bieten aber auch deutlich weniger Sicht nach hinten als die Bratpfannengroßen Klassiker an der 650er.

Die XT-Ausstattung bei der 1050er bietet neben Speichenfelgen in erträglichen Farben einen Rohrrahmen, der aber nur den Motor und die Beine, nicht aber die Verkleidung schützt, einen Tempomaten, etwas stabilere Handschützer und einen Hauptständer. Immerhin.

Vom Fahrgefühl her ist die erste Begegnung mit der 1050er erstmal ein „Ooomph!!“
Die Kiste hat im Vergleich zur 650er signifikant mehr Dampf im Kessel. Sie beschleunigt deutlich druckvoller, hängt am Gas und reagiert präzise auf Änderungen. In gut fahrbaren Kurven macht sich das höhere Gewicht kaum bemerkbar, die schwere Maschine hat V-Strom-DNA und dementsprechend eine agile Kurvenlage. Dazu trägt evtl. auch der Radstand bei, der tatsächlich etwas kürzer ist als beim kleineren Modell.

Die Bremsen greifen sofort und sind sehr giftig – das ist das erste Mal, das ich eine V-Strom mit ordentlicher Verzögerung gefahren bin. Was hingegen völlig Banane ist, ist die Kupplung. Zumindest bei meinem Vorführer hat die Maschine schon ausgekuppelt, wenn man den Hebel nur angeguckt hat. Anfahren mit schleifender Kupplung ist so kaum möglich, die kennt nur Null oder Eins. Kupplung für Grobmotoriker, quasi. Vielleicht lag das an meinem Testmotorrad, vielleicht ist das ein generelles Ding und die Begründung für den „Berganfahrassistenten“.

In der Summe: Schöne, kräftige Maschine. Fühlt sich an wirklich erwachsen und kraftvoll an.

Und nun?
Die 650er wirkt immer etwas untermotorisiert, weshalb etwas mehr Hubraum schon nett wäre. Den bringt die 1050 mit, und das Mehr an Leistung und die druckvolle Beschleunigung ist wirklich verlockend.

Wenn ich mir dann aber überlege, was ich mit der Maschine anstelle, nämlich Reisen und Touren, und welche Qualitäten ich da brauche, dann gehören „mehr Leistung“ und „schnellere Beschleunigung“ nicht dazu.

Bei dem, was ich mache, kommt es z.B. auf große Reichweite an. Die 650er säuft deutlich weniger als die Große. Unterwegs komme ich immer wieder in Situationen, wo es darauf ankommt, das ich das Motorrad auch bei sehr langsamen Geschwindigkeiten gut bewegen kann. Auch hier hat die „kleine“ die Nase vorn.

Abgesehen davon brauche ich Sitzkomfort und eine gute Basismaschine, an den ich den Kram dranbauen kann, von dem ich für mich entschieden habe, dass ich den brauche – brauchbaren Haupständer, ordentlichen Hand- und Verkleidungsschutz, Heizgriffe und sowas. Von der 1050 gibt es keine Basisversion mehr, da müsste ich das XT-Paket kaufen und dann gleich alle XT-Teile demontieren und durch was ordentliches ersetzen.

Von daher – auch wenn Leistung nett ist, für mich steht nach dieser Probefahrt fest: Die kleinere ist für mich die bessere V-Strom, und eines Tages wird so eine die Nachfolge der Barocca antreten.

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Next Generation Gear: Das Tech Air 5 (& ein 50.000 Km-Requiem auf das Tech Air Street)

Same Rider, New Gear: Ich bin seit April mit einem neuen Airbagsystem unterwegs gewesen und habe nach rund 8.000 Kilometern eine Meinung dazu: Das neue TechAir 5 ist ein Game Changer – zukünftig hat niemand mehr eine Ausrede, nicht mit einem Airbagsystem zu fahren.

Wie ich zu dieser gewagten Aussage komme? Weiterlesen! Außerdem gibt es ein Fazit zu fünf Jahren und 50.000 Kilometern mit dem Vorgängersystem, dem Tech Air Street.

Schnelleinstieg:

Old Parts: Ein Rückblick auf das Tech Air Street

Seit 2017 bin ich mit einem „TechAir Street“ des italienischen Herstellers Alpine Stars unterwegs. Darüber hatte ich schon ein paar Mal geschrieben – hier das Drama des Kaufs, hier ein Eindruck nach 7.500 km, hier einer nach zwei Saisons.

Das Tech Air Street ist ein autonomes und elektronisches System, d.h. es hat keine Reissleine und keine Sensoren am Motorrad. Alles, was es an Technik braucht, ist in den Rückenpanzer einer Weste eingebaut. Darin sitzt ein Computer, der die Messwerte von Beschleunigungs- und Lagesensoren permanent mit einem riesigen Datenbestand an Referenzwerten aus Unfallszenarien abgleicht.

Das Chassis, die eigentliche Weste mit Airbag und Computer.

Findet der Computer genügend große Übereinstimmungen mit Messwerten aus Unfällen, löst er eine Pyroladung aus, die Argongas aus zwei Kartuschen in die Weste leitet. Die bläht sich auf und schützt Rücken, Schultern, Halswirbel, Brust und Rippen. Das passiert aufgrund des höheren Drucks signifikant schneller als bei CO2-Systemen und aufgrund der Art der Auslösung doppelt so schnell wie bei Systemen mit Reißleine, wie dem Helite Turtle.

Bild: Alpine Stars

Die Weste des Tech Air Street wird über Befestigungen und zwei Kabel in eine spezielle Jacke eingehängt. Die zeigt am Ärmel den Status des System an, und ohne diese Spezialjacke funktioniert es nicht. Immerhin gibt es verschiedene Versionen dieser Jacke, von leichten Lederjacken bis zu schweren Reisekombis. Ich hatte die Valparaiso Tourenjacke:

Bild: Louis.de

Über 50.000 Kilometer war ich mit dem „Street“ unterwegs, auf befestigten Straßen und auf Schotter, bei Regen, Hitze und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Damit qualifiziere ich mich für eine Meinung in Form eines Rückblicks.

Im ersten Jahr der Benutzung, 2018, musste das Tech Air Street gleich zwei Mal zurück ins Werk. Einmal wegen eines defekten Sensors, beim zweiten Mal war die ganze Steuereinheit defekt. Letzteres nahm ich zum Anlass um bei Alpine Stars im italienischen Asolo vorbeizufahren und mit dem Tech-Air-Support vor Ort zu sprechen und meine Erfahrungen mit dem System zu teilen.

Die waren durchaus gemischt. Es gab einige Punkte, die im Detail einem Moto-GP-Fahrer vielleicht zugemutet werden können (das Tech-Air hat seine Ursprünge im Rennsport), für einen Endkunden aber ärgerlich sind.

Dazu gehörten damals die relative lange Kalibrierungszeit von fast einer Minute und häufige Kalibrationsfehler, nach denen das System einfach nicht startete. Dazu gehörte aber auch das schlechte Material im Innenbereich der Weste, das Körpergerüche ungehemmt aufnahm und verstärkte – verhängnisvoll, weil Airbagwesten ohnehin nicht luftdurchlässig und deshalb oft sehr warm sind. Oder der fummelige, winzige ein/aus-Schalter, den man zwar nur für Lagerung und Transport braucht, der aber in der Mitte des Rückens sitzt.

Unschön sind auch die lökerigen und nicht zugentlasteten Steckverbindungen, mit denen die Weste mit der Tourenjacke verbunden ist, ohne die nichts funktioniert. Oder auch der versenkte Micro-USB-Port, der ebenfalls in der Rückenmitte sitzt und der ohne eine Höhlenexpedition mit Taschenlampe ins Innere der Jacke nicht auffindbar ist. Von der Wartungssoftware, die nur unter Windows läuft und spezielle dll-Dateien aus Windows XP-Zeiten braucht, wollen wir gar nicht anfangen. Genau wie vom Serviceportal, was offensichtlich auf einem Schnarchserver läuft, der bei Kontakt erstmal hochgefahren werden muss.

Und letztlich: Das immer noch recht hohe Gewicht. Zwar wiegt die Airbagweste des TechAir Street selbst „nur“ 2,3 Kilogramm, zusammen mit der Valparaiso-Jacke, dem Thermofutter und der Innenmembran bringt das ganze Geraffel aber schnell über 6 Kilogramm auf die Wage. Das spürt man beim Motorradfahren nicht, wenn man aber – wie ich das gerne tue – irgendwo hinfährt und dann dort zu Fuß unterwegs ist, ist das im wahrsten Sinne untragbar. Man schleppt und schwitzt sich tot an dem Zeug.

Ein weiterer Nachteil, der aber immer relativ zu sehen ist: Der Preis. 2017 kostete die TechAir-Weste rund 1.200 Euro, die zugehörige Jacke noch einmal 600. Ich habe das damals gekauft, weil ich die Investition für mich als sinnvoll erachtete und außerdem damit ein Zeichen setzen wollte: Hersteller, macht weiter so, es gibt Leute, die das kaufen!
Anhand meiner Registrierungsnummer kann ich sehen, dass ich weltweit unter den ersten 2.000 Kunden war. Early Adopter zahlen immer mehr, deshalb habe ich mich darüber auch nicht beklagt.

Seit diesem Besuch in Asolo im Herbst 2018 hat sich etliches verbessert. Soft- und Hardware wurden deutlich nachgepatcht. Ein Ende 2018 erschienenes Softwareupdate auf Version 2.84 reduzierte die Kalibrierungszeit von einer Minute auf unter 20 Sekunden, Fehlstarts habe ich seitdem nicht mehr erlebt. Das Tech Air Street läuft bei mir seitdem völlig ohne Probleme und ohne Ausfälle, aktuell ist die Software bei Version 3.20 und wird im Jahresabstand gepflegt.

Über ein Serviceprogramm für PCs kann ich das System von Straßeneinsatz auf Rennstrecke umstellen und wieder zurück, beide Versionen sind kostenlos.

Die bessere Hardware – Sensoren, Akku und Computer – wurden bei den Serviceterminen kostenlos neu eingebaut. Alle zwei Jahre kann man die Airbagweste nach Asolo schicken. Dort werden Sensoren und Computer auf den neuesten Stand gebracht, die Software aktualisiert (falls das der Kunde nicht selbst gemacht hat), der Airbag auf Dichtigkeit geprüft, bei Bedarf die Argonfüllung erneuert und alles einmal ordentlich durchgewaschen und gereinigt. Das kostet zusammen pauschal 99 Euro, dafür bekommt man frische zwei Jahre Herstellergarantie. Das geht bis zu fünf Mal, insgesamt hat man also – wenn man den Service regelmäßig in Anspruch nimmt – 10 Jahre Garantie auf das Tech Air Street. Versandkosten fallen in der Regel keine an, wenn man den Service über den Verkäufer anstößt. Bei Louis bspw. bekommt man vom Support ein kostenloses Versandetikett.

Was blieb sind der unangenehme Geruch nach langen Tragezeiten, der fummelige USB-Port an einer unmöglichen Stelle und das hohe Gewicht. Abgesehen davon: Ich bemerke das System im Alltag nicht. Ich ziehe meine Tech Air Street Jacke an und mache die zu, wie jeder andere auch. Ab und an erinnert mich die grüne LED an meinem linken Arm daran, dass ich einen Airbag trage. Ansonsten vergesse ich den. Und das ist das Beste, was so ein System leisten kann. In der Summe: Ich bin gerne mit dem Street gefahren und werde es auch in Zukunft noch nutzen. Vor allem aber bin ich froh, dass es noch nie zum Einsatz kam.

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Alles Neu in 2022: Das Tech Air 5

Nun hat sich in den vergangenen Jahren ordentlich was getan, darüber hatte ich mit gemischten Gefühlen HIER geschrieben. Neue Hersteller von Airbagsystemen kamen zum Markt hinzu, Auslagerung der Datensammlung und Franchisierung der Algorithmen führte zu mehr Produkten, höhere Absatzzahlen zu niedrigeren Stückkosten, das wiederum zu höherer Verbreitung. Das ist super!

Platzhirsche auf dem Markt sind nach wie vor die Pioniere dieser Technik: Die italienischen Hersteller Dainese und Alpine Stars. Beide entwickeln seit 20 Jahren die autarken Systeme, erst für den Rennsport, ab ca. 2015 dann auch für den Consumerbereich. Wieviel sich bei beiden getan hat, hat mich dann aber doch überrascht: Beide sind weg von dem Spezialjacken-Konzept. Das war vor 7 Jahren revolutionär flexibel, nagelte einen aber dennoch immer auf einen Hersteller fest.

Diesen proprietären Quatsch haben sowohl Dainese als auch Alpine Stars zurückgefahren und bieten jetzt autonome Westen an, die unter jeder beliebigen Jacke getragen werden können. Diese Westen sind auch noch leichter als die alten Systeme, sie kosten signifikant weniger (600-700 Euro) und sie sind überall verfügbar. Das darf man nicht unterbewerten: Früher durfte Airbagkleidung nur in wenigen Ladengeschäften und nur durch speziell geschultes Personal verkauft werden.

Diese neuen Entwicklungen fand ich ich allesamt superattraktiv, denn mit einer neuen Jacke eines anderen Hersteller liebäugelte ich schon lange, wollte aber nicht auf die Sicherheit eines Airbags verzichten. So habe ich mir im März 2022 die „D-Air Smart“-Weste von Dainese und das „Tech Air 5“ von Alpine Stars angesehen.

Unvoreingenommen von meiner Vorgeschichte mit Alpine Stars bin ich am Ende wieder bei denen gelandet. Das Tech Air 5 deckt im Gegensatz zur Weste von Dainese einen deutlich größeren Schutzbereich ab, hat einen festen Rückenprotektor verbaut, der auch stromlos funktioniert, und ist im Handel auch noch 50 Euro günstiger.

Schutzbereiche der Airbagwesten. Links: D-Smart von Dainese. Man beachte wie reduziert und flach der Schutz an den Schultern ist. Dabei sind die bei einem Einschlag in ein Auto exponiert. Rechts: Alpine Stars Tech Air 5. Bilder: Dainese, Alpine Stars/Louis

Das Tech Air 5 hat kurze Ärmel und damit den Schnitt eines langen T-Shirts, das über das Steißbein reicht. Das ist auch der Schutzbereich des Airbags, der damit auch die Schultern und den unteren Rücken schützt. Ein kleines Alleinstellungsmerkmal, die Marktbegleiter sind allesamt kürzer und ärmellos.

Die Weste hat einen seltsamen Frontreissverschluss, der unten magnetisch zusammenschnappt und zusätzlich durch Haken gesichert ist. Sowas habe ich vorher noch nie gesehen. Ist anfangs manchmal fummelig, gewöhnt man sich aber schnell dran.

Neben dem Reissverschluss sitzt ein kleiner Gummipatch mit drei LEDs, die den Ladezustand des Akkus und den Systemstatus anzeigen. Diese LEDs waren vorher am Ärmel der Spezialjacke.

Oben am Reißverschluss gibt es eine Gummilasche. Die ist ein Magnetschalter. Sobald die Lasche geschlossen ist, aktiviert sich das System und durchläuft eine Kalibrierung (Lage, Hardwaretest). Nach ca. 10-20 Sekunden meldet ein grünes Licht die Einsatzbereitschaft.

Die Weste ist rund herum dünn und flexibel. Im Inneren ist das Rückenteil etwas gepolstert und hat Aussparungen. Die funktionieren als Luftkanäle und leiten Wärme vom Körper weg. Das ist sehr clever gemacht und funktioniert prima – selbst wenn man stark schwitzt, „klebt“ die Weste nicht an einem.

Die Seitenteile sind ebenfalls aus sehr luftdurchlässigem Material. Das wirkt ein wenig wie Stretch und passt sich dem Körper gut an und sitzt angenehm und bequem. Auch Träger:innen von Brüsten oder Bäuchen werden damit glücklich.
Bemerkenswert ist die präzise und sehr wertige Verarbeitung – hier knarzt nichts, nirgendwo hängen Fäden raus, das ganze Ding wirkt überaus wertig. Es wird übrigens komplett in Italien hergestellt – umso mehr erstaunt mich die Präzision der Verarbeitung. Das hier ist definitiv im Manufakturbetrieb entstanden und nicht einfach irgendwie aus einer Maschine gefallen.

Außen am Rücken sitzt ein Protektor aus flexiblem Gummi. Der ist leicht, flexibel und durch die durchbrochene Wabenstruktur gut belüftet.

Durch die leichte Bauweise erreicht er zwar „nur“ Schutzklasse 1, in Kombination mit dem Luftpolster des aufgeblasenen Airbags aber – so behauptet es der Hersteller – wird derselbe Schutz erreicht wie 18 Level 1-Protektoren oder 9 Protektoren der Schutzklasse zwei übereinander gelegt. Ein Level-2-Protektor aus Schaum oder 3DO ist rund 4 Zentimeter dick. Kann jetzt jeder mal selbst überlegen, wieviel kinetische Energie durch fast 40 Zentimeter Schaum noch durchkommen.

Die Tech Air 5 ist mit mit 1,9 Kilo fast 400 Gramm leichter als die „Street“-Weste, fühlt sich aber noch leichter an – das ist der Tatsache geschuldet, dass das Rückenteil wesentlich weniger dick ist und so eine deutlich bessere Bewegungsfreiheit ermöglicht.

Ich stehe nur auf Fotos so unbeholfen herum.

Falls jemand AD&D-Lingo kennt: Das Tech Air Street war eine Full-Plate-Armor, das 5er ist ein Kettenhemd Masterpiece +2 aus Mithril. Hier zum Vergleich nochmal das Street:

Und hier das 5er:

Wirklich ein Leichtgewicht, insbesondere wenn man sich vor Augen führt, dass es Rückenprotektor, Brustprotektoren (die niemand hat, die aber wirklich gebraucht werden), Schulterprotektoren und einen Nackenschutz (den im Alltag niemand trägt) ersetzt.

 

Zwischen den Schulterblättern sitzt das Herz des Systems. Der kleine schwarze Kasten enthält Rechner, Pyroladung, zwei Argonkartuschen und Sensoren.

Gespart wurde  – schon wieder! – Beim Ladeanschluss. Statt USB-C zu lizenzieren und zu verbauen, setzt man hier weiter auf das fummelige und fragile Micro-USB, allerdings ergänzt um einen Hack, den ich mir damals auch ausgedacht und in meiner „Street“ benutzt hatte: In die Micro-Buchse kommt ein Magneteinsatz, der einen magnetischen Stecker mit Ladeanzeige hält.

Das funktioniert super, weil sich das Ladekabel einfach anklippen lässt. Trotzdem fühlt sich das nur wie die zweitbeste Lösung an und zudem leicht anachronistisch. Ohne den Magneteinsatz funktionieren Standardkabel und ein beliebiges USB-Ladegerät. Wenn das Schnellladung beherrscht, wie die neuen Ladegeräte von Anker, bekommt man binnen 20 Minuten genug Strom für 10 Stunden Fahrt. Das alte Argument „Mimimi, aber die Reissleinenwesten sind besser, weil da nie der Strom ausgehen kann“ ist praxisferner Nonsense – JEDER von uns hat ein Smartphone, und auch das bekommen wir geladen, im Zweifelsfall mittels Powerbank oder durch Aufladung während man an der Tanke einen Kaffee trinkt. Dann wird das ja wohl beim Airbag auch gehen.

Im Gegensatz zum Tech Air Street hat das 5er weniger verteilte Sensoren. Wo beim Vorgänger zwei Gyroskope und ein Beschleunigungssensor im Rücken  und zwei Lagesensoren an den Schultern verbaut waren, bringt das Tech Air 5 zwar auf dem Papier mit drei Beschleunigungsmessern und drei Gyroskopen mehr Sensoren mit, die sind aber alle hochintegriert und sitzen nur im Rückenteil.

 

Was kostet der Spaß?

Den Preispunkt aggressiv zu nennen ist eine Untertreibung. Aktuell (07/2022) liegt er bei 599,95-649,95 Euro und damit mindestens 50 Euro unter den direkten Konkurrenten in dieser Klasse und bis zu 200 Euro unter den Abo-Modellen von In&Motion bei vierjähriger Laufzeit oder Sofortkauf.

Wer möchte, KANN alle zwei Jahre das System zur Wartung nach Italien schicken. Dann wird es gereinigt, geprüft und man erhält wieder zwei Jahre Garantie, die auch kostenlose Reparatur bei unverschuldeten Defekten umfasst. Dieser Service kostet 99 Euro, der Versand ist gratis und der Prozess kann über den Einzelhandel angestoßen werden. Die Wartung ist aber keine Pflicht.

Im Fall einer Auslösung muss das System zur Wiederbefüllung auf jeden Fall eingeschickt werden. Argonkartuschen gibt es nicht einfach so zu kaufen, und zum Wechsel muss das hoch integrierte Rückenteil geöffnet werden. Der Austausch der Gaskartuschen kostet 159,95 Euro. Ist der Luftsack punktiert, wird das Ganze für 299,95 Euro wieder komplett instand gesetzt.

Ich weiß, dass manche den Kartuschenwechsel als wichtiges Kriterium ansehen – für mich ist es keines. Wenn der Airbag auslöst, hat er mich mit ziemlicher Sicherheit aus einer Situation gerettet, nach der ich nicht einfach eine neue Kartusche einsetzen und weiterfahren würde. Und selbst wenn: Auch ohne Elektronik und Gas ist das Ding immer noch ein vollwertiger Rückenprotektor, ich müsste eine Tour also nicht abbrechen.

 

Unter welcher Jacke lässt sich das tragen?

Das Steuerkästchen am Rücken ist klein, trägt aber trotzdem auf. Hier sollte man vor dem Kauf auf jeden Fall prüfen, ob das unter die eigene Jacke passt. Die Jacke muss außerdem genug Platz im Falle einer Auslösung des Airbags bieten. Vier Zentimeter Luft am Brustkorb empfiehlt Alpine Stars. Faustregel ist hier, im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn man seine Faust mit dem Daumen nach Außen zwischen Brustbein und die Jacke ohne Rückenprotektor schieben kann, dann kann man auch das Tech Air 5 mit dieser Jacke verwenden.

Um es deutlich zu sagen: Die meisten Jacken bieten bereits genug Platz, wenn man den dicken Rückenprotektor entfernt, den das Tech Air ja vollständig ersetzt. Hier ist das Tech Air unter meiner FLM-Jacke zu sehen, in der ich aufgrund des sehr breiten Schnitts an den Schultern die Schultergelenkprotektoren drin gelassen habe. Dadurch wirkt das Ganze etwas bollerig – unter besser sitzenden Jacken trägt das Tech Air deutlich weniger auf.

Auch wenn man einen dicken Pulli unter die Jacke ziehen kann, was bei den meisten Motorradreisenden der Fall sein dürfte, ist mehr als genug Platz. Außer bei wirklich hauteng sitzenden Jacken oder Rennkombis sollte das Tech Air 5 also fast überall verwendbar sein.

Die App: Updates, Race oder Streetmode

Alle Einstellungen werden über eine App vorgenommen, die es für Android und iOS gibt. Vorbei sind die Zeiten, in denen man mit einem Rechner und uralten Programmen rumfummeln musste. Einfach App laden, QR-Code in der Weste scannen, Namen und Adresse einklimpern und schon ist das System auf den eigenen Namen registriert. Über die App lässt sich dann die Software in der Weste updaten (es gibt sogar Push-Notifications wenn Updates vorliegen), Statistiken ablesen und so Spielereien machen wie Fahrten Tracken und als GPX exportieren.

Es lassen sich auch mehrere Systeme parallel verwalten. Das gilt aber nur für die neuen Modelle Tech Air 3, 5, 10 und Outdoor, die alten Systeme Street und Race sind mangels Bluetooth außen vor.

Auch auf die Rennstrecke kann man das System mitnehmen. Per Software lässt es sich vom Straßenmodus auf den Rennmodus umpatchen – und das, anders als bei den meisten Mitbewerbern, kostenlos und so oft man möchte!

Im Rennmodus ist die Detektierung von Unfällen eine andere, und das System löst nicht beide, sondern nur eine Kartusche aus. Damit hat man auf der Rennstrecke zwei Schuss frei statt nur einem. Wobei man aber klar sagen muss: Wer jedes zweite Wochenende auf der Renne ist, für den ist das Tech Air 10 gedacht, das ist eine komplette Airbagunterwäsche und schützt auch die Weichteile. Das hier besprochene Tech Air 5 richtet sich klar an Touren- und Brot- & Butter-Fahrer.

Eigene Erfahrungen
Ich habe das TechAir 5 nun seit vier Monaten und es in dieser Zeit rund 8.000 Kilometer und, laut eingebautem Log, 170 Stunden am Körper gehabt. Unter einer Textilreisejacke von FLM. Ich trage es sowohl auf dem Weg zur Arbeit als auch auf weiten Touren. Die richtig große Tour, mit täglich 8-12 Stunden Tragezeit,  ging dabei durch Wetter mit Temperaturen von 7 bis maximal 25 Grad – moderat also, allerdings habe ich es auch unter einer Regenkombi getragen und spätestens dann ordentlich reingeschwitzt.

Die guten Nachrichten:

  • Das System ist unter der Jacke nicht zu spüren. Anziehen und vergessen. Die Beweglichkeit ist keinen Milimeter eingeschränkt.
  • Es stinkt nicht!
  • Man kann nicht vergessen es zu starten. Die Magnetschalterflappe fällt automatisch zu wenn man die äußere Jacke schließt.
  • Die Kalibrierung erfolgt meist binnen weniger Sekunden und gelingt zuverlässig und jedes mal.
  • Man schwitzt sich nicht tot. Die Weste fühlt sich an wie ein leichter Stretch-Pulli.
  • Durch die leichten und luftdurchlässigen Materialien an den Seiten kann die Körperwärme gut abgeführt werden, und die Belüftung der äußeren Jacke funktioniert weiterhin gut. Sicher, ein Teil des Luftstroms erreicht den Körper nicht im gleichen Maße als wenn man nicht die zusätzliche Schicht tragen würde, aber ist immer noch gut. Das hatte ich nicht erwartet und definitiv ein Pluspunkt gegenüber den Westen, die man über den Motorradjacken trägt und deren Lufteinlässe blockieren.
  • Das TechAir 5 nimmt nicht annährend so schlimm den Schweißgeruch auf wie das alte Street. Tatsächlich riecht es bislang gar nicht, auch nicht nach wochenlanger täglicher Benutzung.
  • Die App funktioniert völlig ohne Probleme oder Crashes (nur unter iOS ausprobiert). Das erstaunt mich über alle Maßen, das ist einfach in Version 1 schon nahezu perfekte Software und schon deshalb bestimmt nicht von Alpine Stars selbst entwickelt. Italienische Mittelständler können Software genauso gut wie deutsche Autokonzerne: Gar nicht. Umso schöner zu sehen, das das Unternehmen den Stellenwert erkannt und sich Kompetenz eingekauft hat.
  • Eine Akkuladung reicht für rund 35 Stunden Nutzung und liegt damit sogar über den Angaben des Herstellers (30 Stunden).
  • Bei täglicher Nutzung von 10 Stunden ist der Akku Abends binnen 20 Minuten wieder voll geladen, wenn man ein USB-Netzteil mit Schnellladekapazität verwendet.
  • Das System löst nicht aus, nur weil man im Stand umfällt (für sie getestet).
  • ES STINKT NICHT!!

Die schlechten Nachrichten:

…fallen aus. Es gibt schlicht keine. Im Ernst, es gibt nichts, was mich zum jetzigen Zeitpunkt am Tech Air 5 stört. Das fehlende USB-C ist nerdige Nitpickerei und nicht relevant.

Fazit
In der Summe muss ich sagen: Das Tech Air 5 ist ein Gamechanger. Nahezu alle Nachteile, die es bislang bei den autonomen Systemen gab, sind hier eliminiert.

Airbagwesten sind teuer, schwer, unbequem und viel zu warm? Beim Tech Air 5 hat Alpine Stars an all diesen Kritikpunkten gearbeitet, und herausgekommen ist: Ein Gamechanger. Das 5er ist leicht, es gibt keinen Hitzestau, es ist wesentlich flexibler und erlaubt eine größere Bewegungsfreiheit als alle Vorgänger. Die Bedienung von Weste und App sind absolut Foolproof. Man KANN hier nichts falsch machen, selbst wenn man sich anstrengt und sich bemüht trottelig gibt. Das Tech Air 5 funktioniert einfach. Immer. Das Ding ist wertig und exzellent verarbeitet, da merkt man die Erfahrung und das Können des Herstellers in jedem Detail.

Tech Air 5 lässt sich unter beliebigen und nahezu allen Jacken tragen. Die Akkulaufzeit ist so lang, dass man nicht ständig ans Aufladen denken muss. Falls doch mal der Saft knapp wird, ist es superschnell aufgeladen. Das Wichtigste: Es ist günstig und überall und sogar online zu bekommen. Statistisch gesehen verdienen Motorradfahrer:innen überdurchschnittlich gut und sind bequem, da sind 650 zusätzliche Euro und ein Gang zur Fachhändlerin um die Ecke bei den meisten kein Ding.

Von der Konkurrenz hebt es sich durch den fairen Preis, den größeren Schutzbereich und nicht zuletzt durch das Größenangebot ab. Insgesamt acht verschiedene Größen sind erhältlich, von XS bis 4XL, da ist für fast jeden das passende dabei und dank Stretch passen auch die ungewöhnlichsten Körperausbuchtungen da rein. Und hatte ich schon erwähnt, das es nicht stinkt?

Damit hat endlich niemand mehr eine Ausrede, kein Airbagssystem beim Motorradfahren zu tragen. Spätestens wenn der Neukauf einer Jacke ansteht, sollte man mit der zusammen so ein autonomes Airbagsystem anschaffen.

 

Disclaimer: Wie immer werde ich nicht für diesen Text bezahlt und habe auch kein Ansichtsexemplar des Herstellers oder von sonst irgendjemandem irgendwelche Vorteile oder Gefälligkeiten bekommen. Das Tech Air 5 habe ich im April 2022 für 599 Euro bei Louis gekauft und kann jetzt schon sagen: Die N7-Einstufung für exzellentes Gear hat es sich jetzt schon verdient. 

Kategorien: Meinung, Motorrad, review, Service | 7 Kommentare

6.338

So, ich wäre dann auch mal wieder im Lande. Zwei Wochen war ich mit der Barocca, der 650er V-Strom, unterwegs. Erst quer durch halb Frankreich, dann ging es von Südengland über Wales bis in die schottischen Highlands und danach über die Niederlande wieder zurück.

In den zwei Wochen habe ich kaum etwas anderes gemacht als im Sattel zu sitzen. Früh aufstehen, vor allen anderen frühstücken, rauf auf´s Motorrad, vierhundert bis fünfhundert Kilometer fahren, gut zu Abend essen, schlafen, rinse and repeat.

Sechstausendreihundertachtunddreißzigkommazwei Kilometer sind dabei zusammengekommen, und die ganze Tour war wunderbar ereignisarm: Keine Panne, kein Unfall und – so wie es bislang aussieht – kein Corona. Aber gut, ich war auch der einzige, der immer mit Maske unterwegs war – egal ob in Unterbringungen oder beim Einkaufen oder auf den Fähren, kaum jemand trug noch eine Maske oder hielt Abstand.

Ansonsten habe ich sicher super viel von dem verpasst, was sich noch alles angeboten hätte – allein die ganzen Museen, an denen ich einfach vorbeigefahren bin, oder die tolle Landschaft, in der man sicher Wochen mit Wandern und Kontemplation verbringen kann. Tatsächlich hatte ich ursprünglich sogar drei Wochen geplant, um hier und da eben mal zu pausieren, Dinge anzugucken und mir einfach Zeit zu nehmen. Daraus wurde am Ende nichts, weil Großbritannien einfach unfassbar teuer ist. Selbst runtergekommene 8-Quadratmeter-Zimmerchen mit Schimmel in der Dusche kosten gerne mal dreistellige Eurobeträge, und zelten wollte ich dann doch nicht. Nach einem Tag im Regen ist es einfach nett, eine warme Dusche und ein echtes Bett zu haben.

Dabei war das Wetter wider erwarten gar nicht regnerisch. Ein wenig Sprühregen hier und da, aber meist war es trocken.

Schwieriger war da schon der Orkan, der an zwei Tagen tobte, und an einem davon ging es über den Hardknott-Pass. Dieses Abenteuer möchte ich nicht empfehlen, denn die Passstraße ist zwei Meter breit, besteht nur aus Asphaltflicken oder Hubbeln und Schlaglöchern, hat eine Steigung von über dreißig Grad, mehrere Haarnadelkurven die nach außen auch noch abfallen UND von oben kann jederzeit Gegenverkehr kommen.

Gibt mehr als genug Videos von Moppeds, die dort um- oder den Berg gleich runterfallen, und von Autos die dort über der Klippe hängen oder mit durchdrehenden Reifen an der Steigung stehen und nicht vorankommen. Das habe ich natürlich erst gemerkt nachdem ich da hoch geeiert bin und dabei Blut und Wasser geschwitzt habe. Wirklich, der Hardknott ist kein ungefährliches Vergnügen. Wenn man da hochfährt, sollte man Erfahrung haben und das mit einem kleinen und leichten Motorrad tun, das man sicher auch am Berg halten kann. Was man NICHT versuchen sollte: Dort bei Sturm mit einer vollbeladenen Maschine hochzufahren, die einen längeren Radstand hat als eine 1250er GS Adventure und bei der ein gewisser Fahrer maximal mit den Fußballen auf den Boden kommt, weil er einfach zu kurze Beine hat.

Aber die Barocca hat all das klaglos gemeistert. Ms. Zuverlässig hat uns über die Berge und Täler und Autobahnen und sonstwas gebracht, ohne Murren, und Zickerei, ohne einen Defekt. Lediglich die Spitze vom Kettenöler ist abhanden gekommen, aber das passiert halt ab und an. Nun bekommt die DL650 erstmal einen feinen Ölwechsel und etwas Liebe in Form einer 90.000er Inspektion mit Ventilspieleinstellung, bevor es dann im Herbst hoffentlich noch einmal auf Tour geht.

Ein kleiner Wermutstropfen: Ich habe ein Talent dafür, dass kurz vor dem Ende von etwas, auf die letzten Meter sozusagen, noch etwas schiefgeht. Genau sowas ist auch jetzt passiert: Komme nach Hause, stelle das Motorrad ab, will mit dem Auto einkaufen fahren – BAMM rammelt mir an der ersten Kreuzung hinten einer rein. Mal schauen, vielleicht ist dass jetzt das Ende des Kleinen Gelben AutosTM. So stellt man sich den letzten Urlaubstag nicht vor.

Aber nun, immerhin ist das nicht mit dem Motorrad passiert – man erinnere sich, meine allererste Reise mit der Barocca (als sie noch nicht so hieß) endete ja damit, das ihr nach dem ersten Tankstopp ein unaufmerksamer Autofahrer das Heck zerdetschte und uns in den einen Kreisverkehr katapultierte.

Von daher bin ich froh und dankbar wieder gesund hier zu sein. Etwas ausführlicher erzähle ich dann von der FraEnWaScot-Tour im Reisetagebuch, irgendwann im Spätherbst. Da geht es dann um Erfahrungen mit echten Scht´is, was auf Clarksons Farm so los ist, wie Skyfall in echt wirkt, wo der Doktor das Vieh liebte, wie die Queen urlaubt, wie teuer es wird wenn man sich blitzen lässt, warum ich jetzt mutmaßlich ein End-to-Ender bin und warum Esel ein wichtiger Grund für diese Fahrt waren.

2021: 7.306
2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

Kategorien: Motorrad, Reisen | 8 Kommentare

Eingesperrt

Sturm und einstellige Temperaturen, das hielte mich in diesem seltsamen Mai nicht vom Moppedfahren ab. Das hier aber schon:

Das, Damundherrn, ist eine von zwei Federn des antiken Garagentors, hinter dem die Barocca und die Renaissance und das Fahrrad stehen. Die Feder ist an der oberen Halterung gebrochen und hat beim Zurückschnellen die untere Halterung abgerissen.

Tja. Hm. Ich hoffe ich kriege zeitnah einen Garagentorrepariermann ran.

Kategorien: Ganz Kurz, Motorrad | Ein Kommentar

Wieder da (05/2022)

Ende letzten Jahres heftige Überlegungen: Die Barocca langsam in Rente schicken? Sie wird halt nicht jünger, und einige kostspielige Wartunsgarbeiten standen an. Nochmal in die alte Maschine investieren? Oder lieber verkaufen und dafür nach etwas Neuem gucken?

Gegen einen Neukauf sprachen mindestens mal die schlechte Verfügbarkeit von Dingen wie Gepäcksystemen. Viel schwerwiegender aber: Ich hatte schlicht keinen Bock nach was Neuem zu gucken, Probe zu fahren, an Ausstattung zu tüfteln.

Die Barocca ist genau so, wie mein ideales Reisemotorrad sein muss. Also, bis auf den rappeligen V-Twin. Und das Aussehen.

Ansonsten passt da alles: Ausstattung, Ergonomie und Zuverlässigkeit sind spitze,  und ich bringe es einfach nicht übers Herz, mich von ihr zu trennen.

Die V-Strom war jetzt zwei Mal in der Werkstatt. Gemacht wurden bei 82.000 km:

  • Kleine Inspektion
  • Ölkühlerschläuche ausgetauscht
  • Bremsbeläge vorn erneuert
  • Gabelöl gewechselt
  • Staubkappen an der Gabel ersetzt
  • Neue Reifen (wieder Metzeler Tourance Next I, die neue Version zwei ist nicht lieferbar)
  • Neuer Kettensatz

Das Gabelöl hat sich so ergeben. Eigentlich waren die porösen Staubkappen das Problem, und wenn die Gabel eh raus muss, kann man auch gleich mal das Öl wechseln. Da das Fahrwerk der V-Strom eh zu weich ist und meine Gabel mittlerweile schon zwei Mal nachnickte bei Gefahrenbremsungen, wurde ein festeres Öl verwendet. Der Unterschied ist spürbar: Die Gabel taucht nicht mehr so tief ein.

So, und damit ist die Schwarze mit dem großen Vorbau wieder fit für die nächsten Touren. Die werden wieder rund 10.000 Km umfassen, von daher waren die Investitionen jetzt sicher gut angelegt.

Kategorien: Motorrad | 15 Kommentare

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