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Archiv der Kategorie: Motorrad

Hier kommt der Herbst! – Saisonende 2017

Also höret und lobet das Herbstwiesel, das Euch wissen lässt, dass nun die Zeit für lange Abende bei Netflix und guten Büchern und Heißgetränken der eigenen Wahl angebrochen ist! Auf das alles kuschelig sein möge und gemütliches Einmuckeln zelebriert werde! Auf der Couch rumliegen und Videospiele spielen ist nun keine Sünde mehr, denn die Zeit des Motorrads ist für dieses Jahr vorbei! Preiset das Herbstwiesel, das die Blätter bunt anmalt und alles gemütlich werden lässt!

Die Motorradsaison 2017 ist damit offiziell beendet. Wer jetzt nicht mehr fährt, muss kein schlechtes Gewissen haben. Für mich war es die längste und aufregendste Saison seit langem, aber auch die frustrierendste. Es ist viel passiert, fassen wir mal zusammen.

Im Januar kam ich auf die Idee, unbedingt die Tremola fahren zu wollen. Und erstaunlicherweise sah ich mich da nicht auf meiner treuen Kawasaki ZZR 600, der Renaissance, sondern auf einer Reiseenduro.

Folgerichtig verliebte ich mich im Februar spontan in eine fünf Jahre alte V-Strom, die hier in der Gegend bei einem Händler rumstand.

Den ganzen Februar hindurch hibbelte ich rum, wann ich die große Schwarze mit den 36.000 Kilometern auf der Uhr endlich probefahren dürfte. Als die Temperaturen über den Nullpunkt kletterten und der Schnee weg war, erlaubte es der Händler endlich.

Am Tag des Kaufs.

Noch am gleichen Tag unterzeichnete ich den Kaufvertrag, und eine Woche später, am 03. März, stand die V-Strom bei mir vor der Tür. Wenige Tage später war sie schon in der Werkstatt meines Vertrauens und wurde umgebaut: Tieferlegung, automatisches Ölsystem, anderer Sturzbügel, Erweiterung des Gepäcksystem usw. usf.

Im April dann eine unerwartete Überraschung und DIE Freude des Jahres: Ich konnte ganz unverhofft eine ganze Garage unter dem Haus übernehmen. Garagen sind hier auf dem Dorf Mangelware, und dann auch noch direkt unter meinem Wohnzimmer eine zu bekommen, da wurde ein Traum wahr. Seitdem stehen ZZR und V-Strom nicht mehr an der Straße, sondern schön im Trockenen.

Netter Nebenffekt: Ich habe einen Rückzugsort, an dem ich einfach ungestört und geschützt vor den Blicken der Nachbarn rumbasteln kann. Wenn man an der Straße stehend schraubt, kommt alle fünf Minuten ein Otto vorbei und versucht einem ein Gespräch aufzuzwingen. Die Garage erlaubt Zen-artige Ruhe.

Der Juni war hart. Zu Beginn der ersten, großen Reise wurde die V-Strom von einem Auto umgefahren. Der Trottel von Unfallgegner meldete den Vorfall nicht seiner Versicherung, und so zog sich die Reparatur. Den Großteil des Sommers stand die V-Strom in der Werkstatt, erst Mitte Juli kam sie wieder raus. Immerhin war sie reparabel, und immerhin war es nur Blechschaden. Das war mein erster, echter Unfall mit einem Auto, und ich bin froh, dass mir nichts passiert ist.

Im Juli war das Wetter mies und ich hatte nicht viel zu tun. Ein Regennasser Nachmittag in der Garage bescherte der Renaissance schwarze Leuchten.

Die Maschine hat jetzt kein farbiges Teil mehr an sich und wirkt, als sei sie aus einem Schwarz-Weiß-Film gefallen. Wenn man drauf guckt, hat man das Gefühl, dass die Augen nicht richtig funktionieren, weil in den Grenzen eines ZZR-förmigen Umrisses alles nur grau ist.

Im August machte ich einen kleinen Ausflug mit der ZZR, der zu einer 1.400 Kilometer langen Tour durchs Saarland, Frankreich und Belgien ausartete. Highlight war der Besuch von Verdun und die dortigen Geschichtslektionen.

Im September ging es dann endlich mit der V-Strom auf Tour, über Österreich nach Italien und Retour. Das war toll, fühlte sich aber eher wie eine erweiterte Probefahrt an. An deren Ende wusste ich genau was alles noch an der Maschine geändert werden musste bis wirklich alles passte – aber The Real Thing war es bis dahin noch nicht. Das die Kette völlig fertig war minderte den Fahrspaß erheblich – am Ende wollte ich nur noch nach Hause.

Im Oktober ging die V-Strom wieder in die Werkstatt und bekam einmal alle Verschleißteile neu. Reifen, Kette, Bremsbeläge, Öl, Zündkerzen, Luftfilter, Bremsflüssigkeit, Ventilspiel eingstellt, usw.

Seit vorgestern ist sie wieder zurück, heute wurde sie geputzt und für die Einwinterung fertig gemacht. Die ZZR steht bereits abgedeckt und mit abgelassenen Vergasern daneben.

Die beiden dürfen jetzt vom Sommer träumen. In fünf Monaten wecke ich sie dann aus dem Winterschlaf und präsentiere ihnen neue Pläne für gemeinsame Touren, die ich über den Winter aushecke.

In der Summe: Neues Mopped, Garage, Unfall, Reise mit angezogener Handbremse – die Saison 2017 war teuer und unbefriedigend, aber kein Komplettausfall.

Zeit, mal die Daten der Maschinen auszulesen und auszuwerten. Das war die Motorradsaison 2017 in Zahlen:
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Verfasst von - 23. Oktober 2017 in Momentaufnahme, Motorrad

 

Saisonnachsorge: Motorradbekleidung richtig reinigen

Für die meisten neigt sich das Motorradjahr so langsam dem Ende zu. Saisonkennzeichen (Buahaha!) laufen ab, die Maschinen werden nochmal sorgfältig geputzt und dann eingewintert. 

Auch die Bekleidung will und braucht jetzt Pflege. Wer eine Lederkombi trägt, weiß das in der Regel. Nutzer von Textilkombinationen dagegen hängen meist ihre Klamotten im Herbst in den Schrank und tragen sie genauso im nächsten Frühling weiter. Dabei sind es gerade diese Kleidungsstücke, die mit ein wenig Pflege wesentlich länger halten.

Fahreranzüge aus Cordura und ähnlichen Materialien haben eine Membran. Ganz egal ob die aus Goretex, Sympatex, Polotex oder sonstwas ist, die Funktionsweise ist immer gleich: Die Klimambran soll Regen von Außen abhalten, Feuchtigkeit vom Körper aber nach Außen abgeben.

Was ist Körperfeuchtigkeit? Schweiß. Was ist in Schweiß enthalten? Salz. Dieses Salz setzt sich in die Poren der Klimamembran, und Salz hat die Eigenschaft alles anzugreifen. Das Ergebnis: Nach ein paar Jahren wird die ist die Membran so porös, dass sie auseinanderbröckelt. Und zwar wörtlich. Erst wird sie undicht, dann zerfällt sie einfach. Bekommt man meist nicht mit, weil die Membran halt in anderen Stoff einlaminiert ist, aber es ist so.

Daher sind Mebranklamotten sehr dankbar für eine ordentliche Wäsche am Ende der Saison, die das Salz rausspült und die Atmungsaktivität erhält. Auch um Handschuhe, Stiefel und Unterwäsche kann man sich bei der Gelegenheit mal kümmern. Dabei sind aber ein paar Dinge zu beachten.

Textilkombis
Kleidung aus Cordura oder ähnlichen Stoffen kann man einfach in der Waschmaschine waschen. Auch Materialmixe aus Textil und Leder, wie bei meiner Mohawk, können das problemlos ab.

Wichtig dabei:

  • Vor dem Waschen alle Protektoren entfernen (was der leichte Teil ist, die Dinger wieder einzubauen ist dagegen die Härte)
  • Alle Reißverschlüsse und Klettriegel schließen.
  • Keinen Weichspüler verwenden! Weichspüler macht die Mebran sofort kaputt. Darauf achten, dass auch das Waschmittel keinen Weichspüleranteil und keine Bleiche enthält. Wer auf Nummer sicher gehen will: Von Dr. Wack gibt es S100 Waschmittel (bei Louis oder Polo für ca. 11 Euro/Flasche) für Motorradbekleidung. Das Zeug ist spitze und enthält garantiert nichts, was die Klamotten angreift.

  • Waschanleitung beachten! Ich stelle die Waschmaschine auf einen Schonwaschgang, Handwäsche, 30 Grad.
  • Nur minimal Schleudern! Maximal 400 Umdrehungen, dann nass aufhängen. Aber bitte nicht direkt an der Heizung.
  • Nach dem Trocknen baue ich meine Textilkombi gleich wieder zusammen. Bis alle Protektoren wieder richtig sitzen dauert es ein wenig. Dann imprägniere ich den Kram gleich wieder, meist mit S100. Ich mache zwei Durchläufe: Zuerst wird alles eingesprüht, dann trocknen gelassen. Dann gehe ich mit einem Föhn drüber und erwärme alles ganz leicht, dadurch verbinden sich die getrockneten Imprägniermitteltropfen zu einer dichten Oberfläche. Der zweite Durchlauf erfolgt genauso.

Regenkombis
Klassische Regenkombis aus dickem Polyamid brauchen keine spezielle Reinigung. Sind sie dreckig, einfach mit Seifenwasser drüberwischen, fertig. Moderne Regenklamotten wie meine Stormchaser haben aber auch eine Membran, weshalb ich die auch mit S100 im Handwaschgang wasche, bei 400 Umdrehungen schleudere und dann nass aufhänge.

Unterwäsche
Klar, Moppedunterwäsche wäscht man, versteht sich von selbst. Hier zwei kleine Tips:

1. Funktionsunterwäsche ist meist aus Polyester. Das ist nicht schlimm, stinkt aber sehr schnell. Spätestens am Saisonende sollte man deshalb der Wäsche einen guten Schuß Hygienespüler zusetzen. Der eliminiert alles was riechen kann.

2. Unterwäsche aus Merinowolle ist so ziemlich das geilste was es gibt. Das Zeug ist sowas wie die Funktionsfaser der Natur: Sehr leicht, trocknet in Nullkommanix, hält bei Kühle warm, hält bei Hitze trocken. Und: Es riecht nicht! auch nach tagelangem Tragen in großer Hitze reicht es meist, die Klamotten über Nacht auszulüften. Das liegt u.a. an Eiweißmolekülen in der Wolle, die den Bakterien, die das Müffeln verursachen, das Leben schwer machen. Merinounterwäsche mag es, so wenig wie möglich gewaschen zu werden. Wenn dann aber doch, dann entweder ganz ohne oder mit einem sehr milden Waschmittel, Schonwaschgang, Schleudern bei max. 1.000 Umdrehungen, NICHT in einen Trockner stecken.

Handschuhe
Handschuhe aus Leder lassen sich gut mit Lederseife schamponieren. Textil/Lederkombinationen und Handschuhe mit Membran lassen sich genauso in der Maschine waschen wie Textilkombis s.o.)

Stiefel
Meine Alpine Stars Web sind aus Leder. Die werden ordentlich feucht abgewischt, dann dick mit „Floral“-Paste eingeschmiert. Sobald das getrocket ist, wird der alles, was nicht eingezogen ist, mit einem weichen Lappen abgewischt. Danach sehen die Stiefel wie neu aus und sind imprägniert, ohne das die Atmung des Leders beeinträchtigt wäre.

Helm
Der Helm wird von außen ordentlich mit Seifenwasser abgewaschen, tote Insekten aus den Lüftungsöffnungen gepuhlt. Anschließen gehe ich mit NIGRIN Politur/Wachs über die Helmschale. Dadurch strahlt der Metalliklack nicht nur, sondern Dreck setzt sich wesentlich langsamer daran ab. Wenn im nächsten Frühjar alles voller Selbstmordinsekten ist, reicht meist ein drüberwischen und alles ist wieder sauber.

Bei meinen NOLAN-Helmen nehme ich das Visier ab und mache die Dichtungen sauber, anschließen gehe ich mit einem Gummipflegemittel darüber. Verkratzte Visiere werden ersetzt.

Wenn das Jahr so richtig heftig war, mit Reisen in den Süden, ist meist das Innenutter mit mehreren Litern Schweiß getränkt, dazu gelb von Sonnencreme und Insektenschutzmittel. Beim NOLAN N90 baue ich das Innenfutter einfach aus und schmeiße es in den Handwaschgang der Waschmaschine, mit S100 Membranwaschmittel. Wichtig: Es darf NICHT geschleudert werden. Das Innenfutter tropfnass entnehmen und bei Raumtemperatur trocknen. Beim N104 geht das wegen des Notbremslichts so einfach nicht mehr, da beschränke ich mich in diesem Jahr auf ordentlich einschamponieren und abwischen – den Horror DAS Ding auseinanderzubauen spare ich mir für nächstes Jahr auf.

 
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Verfasst von - 7. Oktober 2017 in Motorrad, Service

 

5.908

So, ich wäre dann auch wieder da. Drei Wochen und 5.908 Kilometer war ich mit der V-Strom unterwegs, in Österreich und Italien. Es war die unentspannteste Reise, die ich bislang mit einem Motorrad gemacht habe. Bis zum Ende war nicht klar, ob ich die Kiste wieder heil nach Hause bekomme – oder es schlimmstenfalls zum Totalschaden kommen wird.

Grund dafür war die Antriebskette, die nach der Fahrt über die Alpen einfach komplett hin war – und das, obwohl sie vorher von gleich zwei Werkstätten geprüft worden war.

Das Fahren war damit komplett unspaßig. Das Motorrad ruckelte als hätte es Kängurubenzin getankt. Als die Kette dann noch anfing zu knacken und zu schlagen, war es mit dem Spaß ganz vorbei. Eine so fertige Kette kann im Extremfall reißen und dann Löcher in den Motorblock schlagen oder das Hinterrad zerlegen. Damit fuhr ständig die Angst mit: Tagesausflüge wurden gestrichen, Touren auf das Nötigste beschränkt, was auch die niedrige Gesamtkilometerzahl erklärt. Am Ende war ich deswegen so unentspannt, dass ich die Tour abkürzte und an einem Stück die 1.065 Kilometer von Venedig bis nach Göttingen gefahren bin, ganz piano, nur mit maximal Tempo 110.

Über tausend Kilometer und 13 Stunden Non-Stop, damit dürfte ich mir das „Iron Butt“ „Eisen Arsch“*-Abzeichen redlich verdient haben.

Zuhause angekommen!

Ich bin froh es überstanden zu haben, und die V-Strom ist bereits für eine Beauty- und Wellnesskur in der Werkstatt, wo sie ganz viel Liebe erfahren wird. Abseits von dem FuckUp mit der Kette hat sich die V-Strom glänzend geschlagen.

Ich habe mich in die Maschine in dem Moment verliebt, als ich im Verkaufsraum das erste mal darauf saß. Damals hatte ich gehofft, dass sie die Reisemaschine ist, die ich mittlerweile brauche. Die Suzuki hat mich nicht enttäuscht, im Gegenteil. Sie hat nicht nur alle Erwartungen in Punkto Komfort, Belastbarkeit und Geländegängigkeit erfüllt, sie hat sie in Sachen Handling und Sparsamkeit sogar weit übertroffen. Von daher bin ich mit ihr sehr, sehr glücklich – und die jetzige Tour nehmen wir einfach mal als erweiterte Probefahrt, als Test Drive vor dem richtigen Reiseabenteuer, das im kommenden Jahr startet.

Es war aber nicht alles schlecht. Ich habe tolle Orte besucht und interessante Leute kennengelernt. Wieso ich auf einer Forellenfarm im Gebirge übernachtet habe, wie tödlich Rom sein kann, wie man mitten im Land des guten Essens hungern kann, warum Bären den Verkehr gefährden, wer Nicoletta, Franca, Cecillia und Claudia sind, warum mich ein Irrer in seinem Anwesen eingesperrt hat, das alles und noch vieles mehr wird dann demnächst hier erzählt, im ausführlichen Reisetagebuch. Es gibt sogar ein Wiedersehen mit Fabio, dem Wundermechaniker.

Ach ja, und der Sturm, gestern? Ich steckte da mitten drin, 6 Stunden lang. Erst kurz hinter Würzburg hörte das auf:

6.605
5.479
7.187
6.853
4.557


* Nicht zu verwechseln mit dem echten Iron Butt-Abzeichen der Iron Butt Association mit ihrem absurden Regelwerk

 
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Verfasst von - 6. Oktober 2017 in Motorrad, Reisen

 

Ran out of Road

Mir ist die Straße ausgegangen…

…nun ist der Himmel das Limit.

 
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Verfasst von - 4. Oktober 2017 in Motorrad

 

Hauptsache unterwegs

Ich bin unterwegs. Endlich wieder. Wie ich das vermisst habe, das Motorradfahren mit dem Blick am Himmel und der Straße unter den Reifen. Urlaubsreif war ich schon im Juni, und seitdem ist es nicht besser geworden. Jetzt also raus aus allem und rauf auf die Straße.

Die V-Strom und ich haben es dieses Mal schon weiter als nur bis zum ersten Tankstop geschafft. Sogar über die Alpen sind wir schon, trotz Schnee und Sturm. Leider ist Regen ein ständiger Begleiter. Wo auch immer ich bin fallen die Temperaturen und der Himmel öffnet seine Schleusen. Egal, Hauptsache unterwegs.

 
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Verfasst von - 18. September 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch: Der Rücken der liègenden Frau

Die Sonne scheint auf Verdun herab und vertreibt den Morgennebel. Es ist kalt, wieder nur 9 Grad, aber durch die Dachluke meines Zimmers sehe ich den Himmel und weiß, dass es bald wärmer wird. Ich tappe über den Flur in das kleine Bad, dass zu meinem Zimmer gehört (und das zu gefühlt sieben Achteln mit einer gußeisernen Badewanne gefüllt ist) und tue, was man morgens halt so tut.

Dann packe ich meine Sachen und verwandle das knuffige Zimmerchen von einem Schlachtfeld wieder in den gemütlichen Raum, den es vor meiner Ankunft war. Es sieht aus wie das Zimmer eines 18jährigen „Dungeons & Dragons“-Spielers, mit einer Landkarte des Fantasyreichs Brittannia an der Wand, einem Stoffhund auf einer Bank und einem Regal voller Geschichtsbücher in der Ecke. Deren Schwerpunkt, wen wundert´s, ist der erste Weltkrieg.

Wenig später bin ich schon komplett in Motorradkluft. Ich habe heute noch viel vor, da muss ich bald los. Im Erdgeschoss werkelt Madame Régine schon in der Küche im Erdgeschoss herum, aus der sie mich gleich wieder hinauswirft, als ich den Kopf durch die Tür stecke. „Nein Nein Nein, Du isst doch nicht hier! Im Speiseraum“. Der entpuppt sich, wie der Rest des Hauses, als wildes Sammelsurium von alten Möbeln, Dekozeugs aller Art und alten Gebrauchsgegenständen. An den Wänden sind Regale mit selbstgemachten Brotaufstrichen.

Der Tisch, oder besser die Tafel, ist bereits gedeckt. Altes Geschirr und silbernes Besteck, frische Blätter als Deko, in Öl getränkter und leicht angebratener(?) Kuchen, frischer Kaffee.

Alles, was Regine macht, tut sie mit Stil. Damit erinnert sie mich ein wenig an Sara, die Betreiberin der „Villa Maria Luigia“ in der Nähe von Venedig. Aber wo Sara die Meisterin des Minimalismus ist, ist bei Règine alles überbordend und over-the-top dekoriert. Sie serviert z.B. nicht einfach nur Joghurt – nein, IHR Joghurt ist überhäuft mit Rosinen, Mandeln und drei Sorten Zucker.

Schmeckt aber hervorragend, genau wie ihre hausgemachte Noisette avec Noix. Nusscreme mit Nüssen? denke ich irritiert. Und tatsächlich, genau das ist es. Schmeckt nicht wie Nutella, sondern wie Schokoladen-Marzipan zum auf´s Brot streichen. Und dann gibt es allen ernstes noch flüssiges Karamel. Ich kann hier leider nie wieder weg.

Nach dem Frühstück klippe ich die Koffer an die Renaissance, die im Vorgarten in der Sonne steht. Hund Falco schwänzelt dabei um mich rum und beobachtet alles ganz genau.


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Verfasst von - 19. August 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch: Wispern, Wellen, Wale

Nachts und am Wochenende sind Hochschulen seltsame und friedliche Orte. Geisterhafte Korridore, alte Wachmänner, lange Stunden. 

Das Arbeitswochenende war nett, aber nun ist es vorbei. Es ist Sonntag Morgen, und  die übernächtigten Teilnehmer sitzen noch kurz beim Frühstück zusammen, dann brechen sie zum nahegelegenen Bahnhof auf oder beladen Autos für die Fahrt nach Hause.
Ich nicht.

Nach Hause will ich nicht, und statt eines Dienstwagens steht die Renaissance vor der Tür, noch nass vom Tau der Nacht.

Ich klippe die kleinen Koffer an, in denen die Arbeitssachen für die letzten Tage waren, und starte den Motor. Dann geht es im morgendlichen Sonnenschein hinaus auf die Landstraße.

Kurz hinter der Hochschule liegt, auf einer Fläche so groß wie das Saarland, das Saarland.
Die ZZR summt über die noch leeren Landstraßen. Es ist Sonntags, kurz nach 8 Uhr, da ist noch nicht viel los. Ich sauge die kalte Morgenluft tief in die Lungen. Es ist Juli, aber während Südeuropa unter Dauertemperaturen über 40 Grad ächzt, sind sie hier mit 9 Grad einstellig.
Egal.

Frische Luft, leere Straßen, das Motorrad. Mein Gott, wie habe ich das vermisst. War mir gar nicht so klar, wie sehr die Sommerreise mit dem Mopped schon zum festen Bestandteil meines Lebens geworden sind. Dieses Jahr ist sie ausgefallen, und jetzt wird mir klar, wie sehr mir das fehlt.

Die ZZR schnurrt dahin und läuft absolut makelos. Keine Unwucht, nirgends. Keine merkwürdigen Geräusche. Einfach nur perfekt, elegant, kraftvoll.
Wie ich diese Kiste liebe!

Nach einer Stunde komme ich in einem kleinen Ort an. Die Straßen sind hier jetzt nicht mehr leer, sondern voller Motorradfahrer und SUVs. Auf den Motorrädern hocken dicke alte Männer, in den SUVs Großeltern mit den Enkeln.

Allen gemein ist, dass sie zur Saarschleife wollen. Und so stehen wir alle kurz darauf auf einer Plattform aus Natursteinen und gucken von oben auf das Tal der Saar.

Auch ein Arboretum gibt es hier, eine riesige Holzkonstruktion, in der man zwischen den Baumwipfeln rumlaufen kann. Aber so hoch will ich heute nicht hinaus.


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Verfasst von - 12. August 2017 in Motorrad, Reisen

 

Hallo, hier spricht Anna

Die Stimme, die mich so zuverlässig und manchmal wochenlang begleitet, hat tatsächlich einen Namen. Keinen besonders coolen, sie heißt einfach Anna. Habe ich neulich erst rausgefunden.

Anna sagt mir wo es lang geht, Anna passt auf den Reifendruck auf, Anna nervt, wenn ich nur ein paar Km/h über der zulässigen Geschwindigkeit liege, Anna weiß immer wo die nächste Tankstelle zu finden ist oder der nächste Blitzer lauert, wie das Wetter entlang der Reiseroute wird und wo ich zuletzt das Motorrad geparkt habe. Anna könnte sogar die Wartungspläne der Renaissance oder der V-Strom runterbeten, wenn ich sie an die Daten ranlassen würde. 

Anna ist also ein wenig mehr als ein normales Navi und liegt nur knapp unter einer kleinen KI. Vor allem ist Anna manchmal für Wochen die einzige deutsch sprechende Stimme die ich höre. Man kann sich an so eine körperlose Stimme als Begleitung tatsächlich gewöhnen. Eine Zeit lang war sie für mich die Stimme der ZZR. Deshalb fühltest sich erst ganz falsch an, das die V-Strom genauso klang. Aber „Marie“, die zweite deutsche Stimme des Zumo590, ist keine Alternative. Marie klingt wie ein Roboter und vollkommen unnatürlich, sie kann wirklich nur Sachen sagen wie „in-300-Metern-links-abbiegen“,  während Anna in der gleichen Situation sagt „an der Ampel neben der Tankstelle nach links“. Sowas erleichtert die Orientierung ungemein und klingt viel natürlicher.

Heute hat Anna jedoch dafür gesorgt, dass ich geblitzt wurde. dabei bin ich ganz brav 70 gefahren. Doof nur, dass die 70-Zone kurz von einem Abschnitt mit 50 km/h unterbrochen wurde. Habe ich nicht mitgekriegt, denn Anna war eingefroren. Das passiert sehr, sehr selten, aber es kommt vor, und während ich damit beschäftigt war sie neu zu starten, blitzdingste es auch schon.

Genau in dem Moment bootete sich Anna zurück in meinen Helm. Das erste Lebenszeichen? „Ding-Ding-Ding, Achtung, Du bist zu schnell! Und hier wird geblitzt“. Tja Anna, das hatte ich dann auch ohne Dich schon bemerkt.

 
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Verfasst von - 7. August 2017 in Motorrad

 

Die Rückkehr der Wickelmumie

Manche haben sich vielleicht gefragt, was in der riesigen Wickelmumie von neulich eigentlich drin war.

Das hier:

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Verfasst von - 3. August 2017 in Motorrad

 

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Wieder da

Schau mal an wer wieder da ist!

Die V-Strom ist endlich wieder komplett auf der Straße!

Aus dem Krankenbett ist sie schon länger, aber bis wirklich alles wieder in Ordnung war, hat es bis jetzt gedauert. Der Unfall war ja am 02. Juni. Dann kam die Suzuki in die Werkstatt und blieb da fast sechs Wochen.

Weil der Vollidiot von Unfallgegner den Unfall nicht meldete, dauerte es fast einen Monat bis die Reparaturfreigabe durch die Versicherung da war, und dann nochmal zwei Wochen bis die wichtigsten Ersatzteile an Land gekommen und verbaut waren. Anfang Juli kam sie dann aus der Werkstatt. Fahrtüchtig zwar, aber immer noch mit kleinen Defekten wie kaputten Nebellampen und Abdeckungen.

Ersetzt wurden der Sturzbügel, das komplette Gepäcksystem, das hintere Schutzblech, das Kennzeichen, die Handprotektoren, der Lenker, der linke Spiegel, die Koffer und noch ein wenig Kleinkram wie kaputte Glühbirnen und Abdeckgläser. Von wegen „ist ja nur ein verbogenens Metallteil, das zahle ich aus eigener Tasche“, wie der Unfallgegner meinte. Der Schaden betrug nun fast zweieinhalbtausend Euro, und ich kann froh sein, dass nicht Achse, Rahmen oder Felgen bei dem Einschlag beschädigt wurden.

Die letzten Teile kamen erst letzte Woche, aber nun ist sie wieder fit und brummt wie vor dem Unfall! Kleinigkeiten fallen jetzt noch zuhauf an. Ich habe erst jetzt gemerkt, wieviel es doch einzustellen gibt, bis so ein Motorrad richtig passt. Die Neigung des Lenkers, der Winkel der Armaturen, die Einstellungen der Spiegel… das muss alles passen, und das wieder richtig hinzukriegen ist Feinarbeit.

Was auch noch nicht ganz passt sind die Spiegel. Der neue Spiegel ist ein Originalspiegel Marke „Bratpfanne“, den die meisten V-Strom-Fahrer ob seiner Hässlichkeit innig hassen. Der Kaputte war ein kleinerer, ästhetischerer, aus dem Zubehörhandel. Mir gefällt aber, dass man in dem Kuchenblech mehr sieht:

Also werde ich wohl nochmal investieren und auch rechts einen Originalbratpfannenspiegel montieren.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die neuen Koffer, die die Versicherung bezahlt hat. Das Set ist asymmetrisch, damit das Mopped links und rechts gleich breit ist. Die Koffer sind chique:

Aber sie sind schwer, was die Nutzlast einschränkt, und das Asymmetrische sieht seltsam aus:

Der rechte Koffer fast 33 Liter und damit 12 Liter weniger als der alte. Er sieht aus wie ein Aktenkoffer:

…während der linke Koffer 46 Liter fasst, aber absteht wie ein Bauklotz:

Verwenden werde ich die für lange Reisen nicht, dafür habe ich mir ja die guten Gebrauchten zugelegt. Aber die wollte die Versicherung ja nicht zahlen. Ebensowenig übrigens wie die Rückholkosten für mein Gepäck oder Nutzungsauswahl oder auch nur die Heimfahrt. Begründung: „Wären Sie tatsächlich in Urlaub gefahren, hätten sie ja auch irgendwann zurückfahren müssen“. Tja. Nur das durch die Matschbirne von Unfallgegener halt drei Wochen Urlaub mal einfach so ausgefallen sind, ne? Egal, darum kümmert sich meine Anwältin, deren Ehrgeiz nun geweckt ist.

Ich freue mich erstmal darüber, das die Vrau Strom wieder unterwegs ist.

 
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Verfasst von - 2. August 2017 in Motorrad

 

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Generationen


Helme im Wandel der Zeit. Immer leichter, immer besser.

Von oben nach unten: 

  • Nolan N104 Evo (2016-heute)
  • Nolan N90 (2012-2016)
  • Nexo Touring II (2010-2012)

Nicht im Bild:

  • Caberg Unlimited II (1996-2003)
  • Uvex noname (1993-1996)

 
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Verfasst von - 23. Juli 2017 in Motorrad

 

Bastelstunde

Die Reparatur der V-Strom zieht sich dahin. Ein ganzer Monat ist schon vergangen, seitdem ein Autofahrer die Stabilität der Suzuki getestet hat. Während die Motorradsaison langsam verstreicht, steht die Maschine doof in der Werkstatt rum. Zuerst gab es keine Freigabe von der gegnerischen Versicherung, schlicht weil der Unfallgegner den Unfall nicht gemeldet hat.

Mittlerweile danke ich jeden Tag der Tatsache, dass ich nicht meinem Vertrauen in die Menschheit nachgegeben habe, sondern darauf bestanden habe, dass der Unfall von der Polizei aufgenommen wird. Das machte das Ganze jetzt zumindest etwas einfacher, und nachdem die gegnerische Versicherung sowohl von meiner Werkstatt als auch meiner Anwältin Druck bekommen hat, liegt seit vergangener Woche zumindest die Reparaturfreigabe vor. Jetzt heißt es warten auf Ersatzteile, was nochmal zwei oder mehr Wochen dauern kann.

Mila, die Werkstatmechanikerin. Im Warten auf Ersatzteile ist sie sehr gut.

Die Zwischenzeit habe ich mir mit Basteleien vertrieben. Dank der weltbesten Vermieter kann ich jetzt eine Garage direkt unter dem Haus nutzen. Die wollte erstmal aufgeräumt werden, aber nun habe ich einen Platz wo ich ganz in Ruhe, ungestört und vor allem geschützt vor Wind und Wetter an Sachen rumbauen kann.

Ein akutes Projekt gab es nicht, also habe ich mich mal um die Beleuchtung der Renaissance gekümmert. Die Birnen der Blinker sind altersschwach und mussten eh mal getaucht werden, damit man sie noch ordentlich sieht. Am Liebsten hätte ich auf LED umgerüstet, aber solche Leuchtmittel sind in der EU nicht erlaubt.

Irgendwann im vergangenen Jahr hatte mich die fixe Idee ereilt, dass weiße Blinkergläser doch ganz witzig wären, weil man dann in der silbernen Verkleidung die Blinker kaum sehen würde. Dann fiel mir auf, dass zum schwarzen Windschild und dem schwarzen Motorschutz vielleicht schwarze Blinkergläser besser wären. Damit legte ich den Gedanken auch wieder beiseite, denn farbige Blinker – das ist prollig und unnütz, warum dafür teuer Geld ausgeben.

Dann begab es sich aber, dass ein ZZR-Fahrer einen Unfall hatte. Motorradfahrer sind heute nach Marke und Modell in Internetforen organisiert. Dort tauscht man sich aus, über Technik und Touren, Tips und Tricks und auch über Glück und Pech.

Der andere Fahrer hatte das Glück, dass ihm nichts passiert war. Aber auch das Pech, dass seine ZZR komplett hinüber war. Lediglich Blinker und Rücklicht, alles in schwarz, waren noch intakt, und über das Forum bot er sie sehr günstig an.

Ich kaufte die Teile auf und packte sie erstmal ins Regal, denn zum einen hatte die ZZR im vergangenen Sommer ganz andere Probleme, zum anderen muss man für den Anbau das ganze Heck auseinanderbauen. Das bedeutet im Fall der Renaissance: Das komplette Gepäcksystem, bis runter zu den Auspuffhalterungen, muss demontiert werden. Bislang fehlte mir dazu die Motivation. Aber da jetzt eh gerade schlechtes Wetter war, die Garage zum Basteln einlud und ich eh nichts besseres zu tun hatte, legte ich dann doch mal los.

Erstmal Gepäcksystem und Verkleidungen runter, bis die ZZR ganz nackt ist. Die Seitenverkleidungen sind ein wenig tricky, neben 4 Schrauben ist die Verkleidung vorne, am Tank, in eine Öse eingeknöpft und über dem Kennzeichen in eine Lasche eingeschoben. Mann muss sie also vorne anziehen und dann nach hinten rausschieben. Wusste ich nicht, als ich an der Autobahn stand und das erste mal da ran musste. Prompt hattee ich die hintere Halterung abgebrochen.

Einknöpfung vorne

Haltelasche hinten.

Dann die hinteren Blinker aus den Verschraubungen lösen und die neuen einsetzen.

Der Trick bei diesen Blinkern ist in der Tat, dass das Glas getönt und die Birne farbig ist. Das Glas ist so speziell, dass es das Licht der Birne problemlos durchlässt. Zugelassene Blinker tragen das „E“-Zeichen, und das nicht ohne Grund. In Foren sind immer wieder Komiker unterwegs die irre stolz drauf sind, dass sie ihre Blinkergläser selbst angemalt oder lasiert haben. Das ist nicht nur verboten, sondern auch dumm. Durch bemalte Blinker kommt weniger Licht, und im Falle eines Unfalls kann sich die Versicherung weigern zu zahlen.

Das Rücklicht ist mit drei Schrauben befestigt und lässt sich problemlos tauschen.

Dann kann alles wieder in umgekehrter Reihenfolge zusammengebaut werden. Das Resultat gefällt mir ganz gut:

Die Blinker vorne sind in der Theorie einfacher zu tauschen, weil man nur eine Schraube lösen und dann Birne und Glas wechseln kann. In der Praxis ist es so leicht dann doch nicht, weil die schwarzen Gläser von Lights4All eine schlecht ausgeformte Halterung haben, die nur so lala oder gar nicht hält. Hier muss man ein wenig nachfeilen, dann hält das irgendwann auch.

Vorher.

Nachher.

So, fertig. Schöner Zeitvertrieb für einen verregneten Nachmittag. Ist das jetzt prollig? Vielleicht ein Bißchen, zumindest empfinde ich diese Art der Verschlimmschönerung von Moppeds so. Aber egal. Zum einen ist das noch MEILENWEIT entfernt von, sagen wir mal, giftgrün aufgedonnerten Kawasakis mit Schlangenlederoptik und Monster-Aufklebern, zum anderen gefällt es mir. Und nur darauf kommt es an.

 
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Verfasst von - 2. Juli 2017 in Motorrad

 

Reflexion auf Steroiden: Passivlichtsystem

Eine Joggerin, mitten in der Nacht, auf der unbeleuchteten Waldstraße. Zum Glück hat sie reflektierende Nähte an ihrer Laufhose, die sehe ich aus 300 Metern Entfernung. Als ich sie mit dem Auto überhole, plötzlich der Schreck: Da ist noch eine Läuferin! Ganz in schwarz, praktisch unsichtbar. Zum Glück läuft das Leuchtwunder außen, trotzdem habe ich einen mittleren Herzkasper.

Sichtbarkeit ist im Straßenverkehr ist ein extrem wichtiges Thema. Es gibt keine andere Möglichkeit, mit so wenig Mitteleinsatz die eigene und die Sicherheit von anderen so deutlich zu erhöhen. Reflektierende Elemente und Signalfarben an Kleidung und Fahrzeug kosten quasi nichts, erhöhen aber die Sichtbarkeit signifikant.

Auch als Motorradfahrer kann man so einiges tun, um die Sichtbarkeit zu erhöhen. Was sinnvoll ist, ich persönlich aber nicht trage, sind diese neongelben Warnwesten. Meine (schwarze) Textilkombi hat rundherum reflektierende Besätze, aber in so eine grellfarbene Weste bekommt mich keiner rein.

Was ich dagegen super finde ist mikroprismatisches Markierband. Das ist ein selbsttklebendes, reflektierendes Geweband. Wer bei dem Stichwort an die die Reflektoraufkleber denkt, die wir in den 80ern an Schulranzen hatten oder an Reflektoren, wie man sie von Fahrrädern kennt, der ist auf dem Holzweg. Mit diesen Funzeldingern hat mikroprismatisches Band nichts gemein. Zum einen ist es technisch anders aufgebaut, zum anderen reflektiert es um ein vielfaches stärker. Normale Reflektoren wirken gegen die Leuchtkraft von Mikroprismen wie Kerzen, die mit einem Flutlichtscheinwerfer verglichen werden. Das Zeug ist Reflexion auf Steroiden.

Mikroprismatisches Band reflektiert Licht in mehreren Ebenen und aus unterschiedlichsten Winkeln, wie ein Prisma eben. Die reflektierenden Flächen sind, anders als bei normalen Reflektoren, fast spiegelnd und daher viel heller. Selbst schwaches Streulicht wird von diesem Band eingefangen und so zurückgeworfen, das es wirkt, als wäre es selbst eine Lichtquelle. Diese Art von Band wird zur Markierung von LKW-Silhouetten gedacht, kommt aber nicht bei flächendeckend zum Einsatz. Was vermutlich an den Kosten liegt. Das Kram ist teuer. Auf Ebay kostet der laufende Meter zwischen 6 und 10 Euro, das ist mal nicht ohne.

Ich habe dieses Band vor Jahren entdeckt, als ich mich über meine GIVI-Koffer geärgert habe. Der italienische Hersteller geht normalerweise immer die Extrameile bei seinen Produkten, aber bei den Koffern hatte man statt echter Reflektoren nur silberfarbene Aufkleber verwendet. Sollen sowas? Diese Fake-Reflektoren sind auch an den neuen Koffern dran, die ich neulich erst erstanden habe:

Da reflektiert genau gar nichts. Das geht deutlich besser, also Scotch 3M Diamondgrade Konturmarkierung nach ECE 104 bestellt.

Das Band ist schwer zu verarbeiten. Gemacht ist es halt, um auf LKW-Planen und Aufbauten zu kleben, also auf einem flexiblen, Wind- und Wetter ausgesetzten Untergrund. Dementsprechend stark ist die Klebeseite. Als ich vor 4 Jahren zum ersten Mal mit dem Band arbeitete, habe ich eine Schere verwendet. Die musste alle 20 Zentimeter mit Aceton gereinigt werden, so dermaßen klebt das. Dieses Mal war ich schlauer und hatte vorab ein Skalpell und ein Metalllineal besorgt.

Mit diesem Werkzeug heißt es dann: Messen, anzeichnen, schneiden. Messen, anzeichnen, schneiden. Immer und immer wieder.

Das Band ist 55 Milimeter breit. Die äußeren Ränder sind für mich auf einer Breite von 1mm nicht zu gebrauchen, vom Mittelteil brauche ich Streifen zu 23mm Für den kleinen Koffer und 35mm für den großen. Jede Kofferbeklebung besteht aus 7 Teilen, die Milimetergenau passen müssen. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber allein diese Mess- und Schneidarbeiten werden so um die 8 Stunden gedauert haben.

Ergebnis Zwischenstand.

Die Reflektoren-Fakes habe ich auf den Koffern gelassen, die bekommt man nicht ab. Ich habe allerdings Lufteinschlüssen und Falten aus denen rausgeschnitten.

Dann wird alles gründlich mit Alkohol gereinigt.

Danach kommt die Fummelarbeit. Das Aufkleben des Bandes muss absolut präzise passieren, und weil der Klebstoff so stark ist, lässt es sich von Sekunde 1 an nicht mehr korrigieren. Versucht man es doch, bricht das Band. Ist mir mehr als einmal passiert, zum Glück war der Verschnitt eingeplant.

Auch die schmalen Zierstreifen an den Seiten der Koffer werden entfernt und durch Reflexband ersetzt.

Nach insgesamt ca. 10 Stunden und lauten Fluchorgien ist alles fertig beklebt, allerdings sehen die Stoßkanten unschön aus.

Um die zu kaschieren und das Ganze etwas edler zu machen, wird scharzes Ducttape auf einen Reststreifen Markierband geklebt.

Daraus werden schmale Streifen geschnitten…

…die dann auf die Übergänge gesetzt werden:

Fertig! Die nach hinten gerichteten Flächen sind rot, die vorderen und die Zierstreifen an den Seiten sind weiß.

So, und was bringt das Ganze nun? Wie eingangs beschrieben: Das mikroprismatische Band fängt selbst schwächstes Streulicht ein und wirft das so zurück, als würde es selbst von innen leuchten. Meine so veredelten Koffer haben also quasi ein Passivlichtsystem. Auf Fotos lässt sich das nur sehr schwer einfangen, aber hier der Versuch mit dem Unterschied vorher/nachher. Ist ein wenig plakativ, weil halt doch ein Blitz verwendet wurde, aber auch der macht die Wirkung deutlich:

Vorher:

Foto mit Blitz.

Nachher:

Die Arbeit war nervig und hat keinen Spaß gemacht, aber das Ergebnis spricht für sich: Wie breit das Motorrad mit den Koffern ist, lässt sich so viel besser erkennen – und die Sichtbarkeit insgesamt wird auch deutlich erhöht.

 
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Verfasst von - 23. Juni 2017 in Motorrad

 

Zweite Version

„Wie kommt es denn, das ihr Kennzeichen so kaputt ist?“, fragt die Frau auf der anderen Seite der Scheibe. Die Scheibe ist albern, das wirkt so, als müsste man die Bedienstete der KFZ-Zulassungstelle hinter Glas halten. Dabei ist das bei der netten Frau bestimmt nicht nötig. Sie ist Anfang dreißig, ein wenig korpulent und trägt ein Sommerkleid mit Blumendruck und eine Pagenfrisur, die sie ein wenig mädchenhaft scheinen lässt. Das passt alles zu ihrem strahlenden Lächeln und ihren freundlichen Augen.

Ich winke ab. „Ist ne lange Geschichte“, sage ich. Sie lacht und fragt „Wollen Sie wissen, was meinem Sohn passiert ist?“. „Klar“, sage ich.

„Der kam letzten Freitag jubelnd nach Hause, der hatte seinen Führerschein für die 125 bestanden. Das Mopped stand schon seit einem halben Jahr bei uns zu Hause. Jetzt durfte er es offiziell fahren“.

Sie nimmt Plaketten von einem Stapel und dreht die so, dass sie die richtige Position haben, dann zieht sie die Schutzfolien ab. „Zwei Stunden hat die Freude gehalten. In einer Kurve lag wohl Dreck oder sowas, darauf ist er weggerutscht, Motorrad Totalschaden.“ Sie klebt die Plaketten auf, dann nimmt sie einen Spachtel. „Ihm ist zum Glück nichts passiert. Wir sind dann auch noch zur Werkstatt gefahren, weil wir nicht gesehen hatten, dass die Gabel vorne gebrochen war. Ist nichtmehr zu reparieren, und 125er sind richtig teuer.“

„Das tut mir leid“, sage ich. Sie nickt und kratzt mit dem Spachtel auf dem Siegel am alten Schild herum. Ich sage: „Aber wenn es sie tröstet: JEDER Motorradanfänger baut im Übermut einen Abflug oder einen Unfall, früher oder später. Und ALLE benutzen die die Ausrede „da lag Dreck/Rollsplit/Kuhscheiße“, oder die Straße war naß oder sonstwas war Schuld. Dabei war es ein derber Fahrfehler, meistens im Übermut zu doll am Hahn gerissen. Ihr Sohn hat diese Lektion jetzt sehr schnell hinter sich gebracht, aber wenigstens ist er OK. Zukünftig wird er vorsichtiger sein.“

„Echt? Jeder Anfänger?“, fragt sie und reicht mir die Schilder durch das Ausgabefenster. Ich nehme das alte und das neue Kennzeichen der V-Strom entgegen und sage „Ja, jeder. Der erste Unfall ist unvermeidlich, die Frage ist nur, wie er ausgeht.“

„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, sagt sie und wünscht mir noch einen guten Tag.

In Göttingen ist die KFZ-Zulassung echt gut. Auch ohne Termin und inklusive Wartezeit hat die ganze Aktion „Ersatzkennzeichen“ nur 15 Minuten und 4,10 Euro an Verwaltungegbühren gekostet. Plus 10 Euro für das Blech, aber nun. Wollen wir mal hoffen, dass Version 2.0 des Kennzeichens länger hält als drei Monate.

Version 1.0:

Version 1.1:

Version 2.0:

 
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Verfasst von - 22. Juni 2017 in Motorrad

 

Garmin Zumo 590: Akkuprobleme beheben – und warum überhaupt noch ein echtes Navi?

Motorradnavigation ist ein Thema für sich. Navigationsgeräte für Moppeds sind auch im Jahr 2017 groß, schwer, langsam und teuer. Nur mal als Beispiel: Mein Garmin Zumo 590 wiegt 400 Gramm, kostet 700 Euro und braucht für die Berechnung einer Route von hier bis Italien über Österreich ohne Mautgebühren und Vignette satte 8 Minuten.

In Zeiten von Google Maps fragt man sich da „WTF???“ und kommt natürlich sofort auf den Gedanken: Wäre es nicht viel effizienter, einfach das Smartphone ans Zweirad zu klemmen? Wasserdichte Halterung, USB-Anschluss, fertig ist die Laube?

Leider ist es nicht so einfach. Die Lösung mit dem Smartphone am Lenker funktioniert genau so lange gut, wie man bei norddeutschen Temperaturen mit einem kleinen Android-Handy und nicht allzu lange unterwegs ist. Denn so verlockend die Navigation mit dem Handy auch ist: Dafür ist es nicht gemacht, und das merkt man.

Zunächst: Das Handy muss wasser- und staubdicht eingepackt werden, in eine wasserfeste Tasche, eine Halterung oder das transparente Fach eines Tankrucksacks. Darin bekommt es aber keine Luft, und wenn die Sonne drauf scheint wird das Handy schnell zu heiß. Meint: Die innere Temperatur bewegt sich in Regionen, in denen sich bessere Geräte abschalten und nicht ganz so tolle schlicht schmelzen. Kein Witz.

Kälte tut den Dingern aber auch nicht gut: Iphones bis zum 6s gehen auch gerne mal aus, wenn ihnen nur ein Bißchen zu kühl ist, und das kann im Regen und bei Fahrtwind schnell passieren.

Auch die Stromversorgung ist ein Problem. GPS verbraucht viel Strom, nur auf Batterie kommt man nicht weit. Kleine Android-Geräte lassen sich gerade noch über eine Bordsteckdose mit Strom versorgen, aber schon ein normales iPhone zieht mehr Saft als die Steckdose der meisten Moppeds liefert und lädt deshalb nicht.

Schließlich ist die Bedienung umständlich: Man kann Handys in wasserdichten Hüllen meist nicht oder nur umständlich bedienen. Und zum Schluss: Was die stetigen und oft heftigen Vibrationen mit den Telefonen machen, will ich lieber gar nicht wissen.

Also: Für kurze Strecken bei gemäßigtem Wetter kann man schon mal auf ein Smartphone als Navi zurückgreifen, für echte Reisen taugt das aber nicht. Alles Gründe, die für ein dediziertes Navigationsgerät sprechen – und gleichzeitig erklären, warum die Dinger groß und schwer sind: Sie sind wasserdicht, halten Vibrationen, Hitze und Kälte aus und lassen sich auch mit Handschuhen bedienen. Normalerweise.

Hersteller TomTom hat es tatsächlich geschafft, Motorradnavigation seiner 4er-Serie mit einem kapazitiven Touchscreen zu kreuzen, wie er in Handys verbaut ist. Das hört sich erstmal gut an, aber das Ergebnis ist ein Navi für Schönwetterfahrer. Die fizzeligen Iconslassen sich schlecht treffen und Wischgesten sind mit Handschuhen auch unpräzise zu machen. Viel schlimmer aber: Wenn Regentropfen über das Display rollen, lösen die es aus!

Das waren für mich die auschlaggebenden Gründe um vor zwei Jahren zu Garmin zu wechseln, zumal deren ZUMO-Reihe auch als Bordrechner dient und sich Kameras und Reifendruckkontrollsystem anschließen lassen, ein Tank- und Servicebuch drin ist und das Ding so ganz nebenbei noch als Hub und Medienzentrale zwischen Smartphone und Helm funktioniert.

Mein ZUMO 590 hatte allerdings von Anfang an das Problem, dass der Akku kaum 30 Minuten durchhielt. Nun ist das 590 explizit auf den Anschluss ans Bordnetz ausgelegt, aber dafür, dass Garmin eine Akkulaufzeit von 4 Stunden versprach, war das doch ein Bißchen wenig.

Jetzt, zwei Jahre nach dem Kauf, funktionierte der Akku praktisch gar nicht mehr. Ein neuer kostet um die 50 Euro, weshalb ich die Anschaffung vor mir hergeschoben habe. Nun bin ich durch Zufall im V-Strom-Forum über eine wichtige Info gestolpert: Die Akkus der Generation 2015 waren angeblich OK, nur die Stecker waren fehlerhaft. Die fehlerhaften 2015er Akkus sind übrigens weiß (s. Bild) und aus Korea. Später kamen die ZUMO-Akkus aus Japan, die sind grau und haben das Problem nicht.

Mangelnder Kontakt führt dazu, dass das Navi die Kapzität des Akkus verkehrt berechnet und ihn nicht nutzt. Das lässt sich aber leicht beheben, einfach in dem mann die Steckkontakte nachbiegt.

1. Navi öffnen: Einfach den D-Ring auf der Rückseite drehen und den Deckel abheben.

2. Den Stecker hier zusammendrücken und nach oben abziehen.

3. Mit einem sehr kleinen Schraubendreher oder einer Nadel die Kontakte des Steckers vorsichtig von oben nachbiegen:

4. Zusammenbau in umgekehrter Reihenfolge.

Mein Akku hält nun mehrere Stunden durch, was er vorher noch nie geschafft hat. Einen Versuch ist es also allemal wert!

Übrigens: Wenn man das Batterieicon in der Statusleist am oberen Bildschrimrand drei Sekunden lang drückt, bekommt man Diagnoseanzeigen. Unter anderem zum Batteriestatus:

oder auch einen psychedlischen Screentest:

und wenn man auf das Empfangsbalkenicon drei Sekunden drückt, bekommt man GPS-Ortungsdaten angezeigt.

Aber das nur als Skurrilität am Rande. Wichtig ist: Besitzer eines ZUMO 590 LM mit Akkuproblemen sollten den Trick mit dem Nachbiegen der Steckerkontakte probieren!

—-
Mit Dank an AlterSchwede aus dem V-Stromforum, der auf ein niederländisches Youtube-Video zum Thema aufmerksam gemacht hat.

 
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Verfasst von - 21. Juni 2017 in Motorrad

 
 
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