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Archiv der Kategorie: Motorrad

Scheibenkleister: Powerbronze Adventure an V-Strom 650

Machen wir uns nichts vor, einen Schönheitspreis wird die erste Ausgabe der V-Strom 650 nie bekommen. Ist aber auch egal, die kleine Reisetourerin hat ganz andere, hervorragende Qualitäten. Oder anders rum: Sie hat funktional praktisch kaum eine Schwäche. Für mich sogar genau nur eine, und das ist die Scheibe. Im Auslieferungszustand ist die so mittelhoch und ziemlich problematisch, denn dahinter bilden sich Luftwirbel, die dem Fahrer genau auf den Helm ballern. Keine Ahnung wie sowas passieren kann, es wirkt, als hätten die Konstrukteure die Kiste nie in einem Windkanal getestet. ODER sie haben Testfahrer da drauf gehabt, die gerade mal einen Meter groß waren.

Wie auch immer, die Standardscheibe ist großer Mist und der Abstand Fahrzeugfront/Fahrer so seltsam, dass man die Luftwirbel nie ganz loswerden wird. Es gibt nun zwei Möglichkeiten das in den Griff zu bekommen:

1. Anderer Neigungswinkel der Scheibe.
2. Andere Scheibe montieren.

Um den Winkel zu verändern baut Ingenieur Mark Stadnyk verstellbare Halterungen. Die sind gut und bringen was. Bei mir ist es allerdings so, dass der Winkel der Standardscheibe so flach sein muss, dass es nicht mehr praktikabel ist.

Bei den Scheiben gibt es nun zwei Geschmacksrichtungen. Man kann den Anspruch verfolgen möglichst wind- und wettergeschützt zu sitzen, dann wird man eine hohe Scheibe mit einem Spoiler verwenden. Sowas wie das hier:

Die „Airflow“-Scheibe von Givi ist hier Maß der Dinge. Der Vorteil ist klar: Wetterschutz par Excellence. Die Nachteile: Das Mopped sieht aus wie eine rollende Schrankwand, man hat die Scheibenkante und das Spoilergedöns im Sichtfeld, und auch bei heißem Wetter bekommt man keinen Fahrtwind mehr ab. Damit funktioniert auch die Helmlüftung nicht mehr.

Ich komme eher aus der anderen Richtung. Die ZZR ist eine Sporttourerin, die kann gar keinen Wetterschutz bieten. Die Scheibe dient bei der dazu, die Luft über die Schultern des Fahrers zu lenken. Damit sind Brust und Arme vom Winddruck entlastet, und idealerweise liegt der Helm ohne Verwirbelungen im Windstrom und wird gut belüftet. Der Nachteil ist natürlich: Wetterschutz gibt´s nicht, Regen, Nebel und alles andere geht direkt auf den Helm.

Um so ein Sporttourverhalten bei der V-Strom hinzubekommen gibt es nicht viele Möglichkeiten. Ganz mutige setzen den Dremel an und kürzen ihre Originalscheibe, was natürlich verboten ist. Aber Not macht halt erfinderisch. Von Suzuki gab es nur mal für ganz kurze Zeit eine dunkle Sportscheibe her, die signifikant kürzer war, die aber schon lange nicht mehr verkauft wird.

Sportscheibe vs. Standardscheibe.

Die ist nicht schlecht, leider aber nicht kurz genug und dazu recht schmal: Bei Touren bekommen meine Schultern Windwirbel ab. Das nervt auf Dauer, weshalb ich die erste größere Tour im vergangenen Jahr doch mit der Standardscheibe gefahren bin.

Hellhörig wurde ich, als ein geneigter Leser mich auf die Adventurescheibe der englischen Firma Powerbronze hinwies. Die hat die Breite der Orginalscheibe, ist aber kürzer als die Sportscheibe.

Links die Standardscheibe, Mitte die Powerbronze Adventure, rechts die Suzuki Sportscheibe.

Montiert sieht das Ganze so aus:

Meine Scheibe ist dunkel getönt, es gibt sie aber in über 20 Farben von gelb bis eis blau.

Die Bestellung erfolgt über die Webseite des deutschen Importeurs, dann heißt es warten – die Scheibe wird extra gefertigt. Je nachdem ob die Auftragsübermittlung zeitnah geklappt hat und der Importeur die Ware auch gleich weiterschickt, kommt nach 4 Wochen (Zeit lt. Website) und 12 Wochen (in meinem Fall) eine Scheibe ins Haus. Der liegt ein Kantenschutz und ein Aufkleber mit einer KBA-Nummer bei, der angebracht werden muss. Das entsprechende TÜV-Gutachten dazu kann man sich auf der Website von Powerbronze runterladen und muss es ausgedruckt mitführen.

Die Passform der Scheibe ist so làlà – die Bohrungen sind leicht versetzt. Man bekommt sie fest, aber Hochpräzision sieht anders aus. Was auffällt: Die „Adventure“ ist wirklich der Minirock unter den Scheiben. Sie ist schon fast albern kurz, ein paar Zentimeter mehr hätte nicht geschadet. Weil sie so kurz ist, verträgt sie sich auch mit dem Madstad-Halter nicht hundertprozentig: Der guckt nämlich oben raus.

Nichtsdestotrotz ist das Fahren mit der Scheibe angenehm. Keine Verwirbelungen, die an den Schultern zuppeln, und kein Geballer am Helm. Allenfalls noch leichtes Rauschen und Flappern, aber damit kann ich leben. Vermutlich. Ein wenig Arbeit an den Einstellungsmöglichkeiten mit Höhe und Neigungswinkel wird noch zu tun sein, aber in der Summe ist die Adventure die Scheibe, die meinen Vorstellungen bislang am Nächsten kommt.

 
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Verfasst von - 16. April 2018 in Motorrad

 

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Frühling! Saisonstart!

Höret und preiset das Frühlingswiesel! Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist! Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison! Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht! Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Das Wiesel ist ja ohnehin ein faules Viech, aber in diesem Jahr war es besonders schlimm. Längerer Winterschlaf als sonst, dann hat es Ewigkeiten im Badezimmer verbracht, schließlich musste es noch ein Nickerchen machen… aber nun ist es soweit, jetzt macht das Frühlingswiesel den Frühling!

Am heutigen Nachmittag zumindest mal die V-Strom ausgewintert. War erstaunlich unspektakulär. Statt elendigem Rumgeorgel, Chokegeziehe, Gasspielen, Rumhusten und irgendwann leistungslosem Anspringen (wie bei Vergasermoppeds üblich) einfach nur: Batterie eingesetzt, auf den Starter gedrückt, läuft.
Sollen das? Was mache ich denn jetzt mit dem angebrochenenen Nachmittag? Ach, einfach mal draufsetzen und losfahren. Die ersten 50 Kilometer. Ganz vorsichtig, trotzdem Heidenspaß gehabt.

Die Strom ist ja im Herbst aus der Inspektion gekommen und direkt ins Winterlager gegangen. Jetzt mit einem perfekt gewarteten Mopped in die Saison starten zu können ist einfach nur schön. Und die Barocca läuft auf den neuen Reifen, mit der neuen Kette, mit gemachten Bremsen und allen Verschleißteilen ausgetauscht wie eine Göttin.

Das ist auch gut so, denn eine weite Reise steht an. Hoffentlich komme ich dieses Jahr weiter als nur bis zum ersten Tankstopp.

Noch ein ernsthaftes Wort: Nach einem halben Jahr Pause muss man sich erst wieder an die völlig andere Fahrphysik und Handling gewöhnen.

Für Moppedfahrer heißt das: Sich langsam und vorsichtig rantasten und wieder eingewöhnen, nicht gleich wie geisteskrank am Hahn reissen und Augen auf die Straße, die Dosenfahrer leiden an Aufmerksamkeitsdefizit.

Für Autofahrer heißt das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen – die Schergen sind zum Teil noch so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass man doppelt aufpassen muss. Achja, und blinken, blinken ist auch gut. Das gilt für alle.

 
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Verfasst von - 6. April 2018 in Motorrad, Wiesel

 

Hirn sagt nein

Der zweite Märzsonntag. Vor einer Woche hatten wir noch 10 Grad Minus, nun plötzlich fast 20 Grad plus und Sonnenschein. Das Herz jubelt, die Moppedfinger kribbeln.

Raus, raus auf die Straße!

Wie ist der Ladestand der Batterien? Alles super. Gleich mal alles zusammenpacken was ich brauche um die Barocca aus dem Winterschlaf zu wecken. Aber vorher könnte ich noch auf dem Balkon frühstücken, muss nur mal schnell durchfegen und die Balkonmöbel aufstellen…

Aber ach.

Während ich die Schutzplane vom Balkongestühl fummele, schaltet sich plötzlich das Hirn ein und fängt an zu dozieren.

Das hat jetzt nicht wirklich einen Sinn, oder? Heute ist Sonntag. Und der erste schöne Tag des Jahres. Wir sind im Harzvorland. Hier und heute wird JEDER seine Kiste wiederbeleben und sich in den Sattel schwingen. Alle Straßen werden voll sein mit Moppedfahrern, die nach dem langen Winter fahren wie die letzten Wildschweine. Dazu noch die üblichen Sonntagsfahrer in ihren Autos. Das willst Du nicht wirklich, oder? Das wird Dir keinen Spaß machen.

Ich beiße mir auf die Zunge, aber das Hirn quasselt weiter.

Mal ganz abgesehen davon: Du bist die nächsten Wochen unterwegs. Das heißt: Wenn Du jetzt ein Motorrad wiederbelebst, hast Du vielleicht heute eine kleine Rundtour vor Dir – aber die nächsten Wochen kommst Du nicht zum Fahren. Außerdem: Schon mal einen Blick auf die Wettervorhersage geworfen? Es wird nochmal kalt, und regnen tut es auch.

Ich lasse die Schultern sinken und seufze. Dann lege ich die Plane wieder auf die Möbel. Das Herz ballt die Fäuste und stampft mit den Füßen auf. Es hasst es, wenn das Hirn recht hat.

Heute wird es also nichts mit dem Saisonstart. Aber bald.

 
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Verfasst von - 12. März 2018 in Motorrad

 

Die seltsame, aber ideale Actioncam für Motorradreisen

„Woher kommen die Aufnahmen?“
„Vorn am Mopped ist eine Actioncam angebracht“
„Ah, eine Gopro!“

Nee, eben nicht. Keine GoPro.

Auch wenn sich der Name mittlerweile als Synonym für eine ganze Geräteklasse in den Köpfen festgesetzt hat wie „Tesa“ für Klebeband und „Tempo“ für Taschentücher: Es gibt auch noch andere Actioncams.

Nichts gegen GoPro, das sind feine Allrounder. Aber für Motorradfahrer, oder spezifischer: Für Tourenfahrer, gibt es Kameras die besser geeignet sind. Eine davon ist die seltsame VIRB XE, ich mittlerweile seit zwei Jahren im Einsatz habe und über die ich erstaunlicherweise hier noch nie was geschrieben habe. Aus aktuellem Anlass und akuter Langeweile hole ich das hiermit nach.

Die VIRB XE ist ist für meinen Anwendungsfall einer klassischen Actioncam in zwei Bereichen überlegen:
1. durch die Bauform und
2. was Vernetzungsmöglichkeiten angeht.

Aber der Reihe nach.

Der „klassische“ Anwendungsfall für eine Actioncam ist die Aufzeichnung einer ziemlich genau definierten Situation. In den Werbevideos der Hersteller sieht man, was ich mit „Situation“ meine: Die Actioncam wird genutzt um eine Skiabfahrt aufzuzeichnen oder eine Fahrt im Kanu, oder sie klemmt am Helm eines Mountainbikers usw. usf.

All diesen Situationen ist gemein, dass sie zeitlich und Umständetechnisch relativ klar definiert sind und man sich beim Setup der Kamera darauf einstellen kann. Die Skiabfahrt dauert in der Regel nicht stundenlang und hat mehrfach Pausen drin, sondern geht nur bis zum Fuß des Bergs. Man kann die Kamera vor der Abfahrt manuell einschalten und hinterher wieder aus. Beim Kanufahren ist klar: Es wird nass, also kommt die Kamera in das zusätzliche, wasserdichte Gehäuse. Beim Motorradfahren auf kurzer Strecke ist es ähnlich: Man sich auf das Wetter einstellen, und für die Runde auf der Renne oder die zwei-Stunden-Tour durch den Harz lässt man die Kamera einfach so laufen.

Der Anwendungsfall beim Touren, zumindest bei mir, ist etwas anders: Ich stecke Morgens die Kamera an die Nase des Motorrads und belasse sie dort bis zum Abend. Wenn ich unterwegs was interessantes sehe oder die Strecke spaßig wird, schalte ich sie per Fernbedienung ein, ansonsten bleibt sie aus.

Den ganzen Tag über unterwegs zu sein heißt auch, in unterschiedlichste Klimazonen und Wetterlagen zu geraten. Man fährt einen Pass hoch, und es wird eisekalt. Auf der Abfahrt wird es wieder wärmer, dafür gerät man in einen Regenschauer. In Abgrenzung zu den klassischen Actioncamszenarien bedeutet das: Ich habe keine klar definierte Aufnahmesituaion, auf die ich mich austattungstechnisch einstellen könnte, und eine zeitliche Definition habe ich auch nicht – ich muss die Kamera also zuverlässig und spontan aus der Ferne ein- und ausschalten können.

Natürlich kann man nun fragen: Und? Wo ist das Problem? Man kann eine Kamera doch einfach immer im wasserdichten Gehäuse belassen, und Fernbedienungen bringen die meisten Actioncams auch mit.

Die Probleme dabei: Unterwassergehäuse sind schwer und vibrieren dadurch mehr. Gleichzeitig dämpfen sie durch die Bauform den Ton, und im schlimmsten Fall klappert die Kamera während der Fahrt darin herum. Außerdem Beschlagen sie bei kühlem Wetter, denn so eine Actioncam wird unter Umständen recht warm.

Bei der Fernbedienung liegen die Probleme an der Schludrigkeit der Hersteller, insbesondere, aber nicht nur, in unteren Preissegmenten. Die Dinger sind häufig nicht zuverlässig, und längst nicht alle sind wasserdicht. Mit Grauen erinnere mich an meine Rollei 3s, bei der die Fernbedienung nur an ungraden Wochentagen bei Südwind funktionierte, und die bei jedem Schauer ganz schnell abmontiert und eingepackt werden musste.

Genau diese beiden Punkte hat Garmin aber bei der VIRB XE gelöst, und dazu noch einige andere. Herausgekommen ist dabei eine Kamera, die ihresgleichen sucht – weil sie so seltsam ist.

Sie ist nämlich ein echtes Ingenieursstück. Ingenieursstücke sind, lt. Definition von Modnerd, jene Geräteserien, in deren Konstruktion die Ingenieure all ihre Liebe und ihr Können eingebracht haben, und die rauskommen bevor die BWLer den Rotstift ansetzen und alles billiger machen. Oder die Marketingfuzzis unbedingt irgendeinen Hypekram als Selbstzweck drinhaben wollen.

Nein, an der VIRB XE ist (fast) nichts billig, und sie kommt ohne Blockchain-Anbindung aus. Man merkt, dass hier Ingenieure zusammen saßen, die eine Liste von Problemen klassischer Actioncams lösen wollten. Das ist ihnen auch gelungen, aber das Ergebnis ist halt seltsam, weil es stark anders ist als das, was man von GoPros kennt.

Das fängt schon beim Äußeren an. Die VIRB XE ist von der Bauform her kein kleiner Würfel, sondern hat eine etwas in die Breite gezogene Form, die einige Besonderheiten aufweist.

Was als erstes auffällt: Die gesamte Frontseite ist eine große Klappe, die mit einem seitlichen Riegel verschlossen wird. Die Klappe schützt das komplette Innenleben der Kamera und lässt sich austauschen wenn sie verkratzt ist. Sie ist wasserabweisend beschichtet, Regentropfen und Wasserschleier perlen einfach davon ab.

Die Klappe hat eine umlaufende Dichtung. Das Gehäuse der VIRB ist von sich aus wasserdicht bis zu 50 Metern, ein zusätzliches, wasserdichtes Gehäuse wird nicht benötigt. Das ist praktisch und löst das Problem mit den nicht definierten Wetterbedingungen: Die Kamera kann einfach immer am Motorrad bleiben, so wie sie ist. Dafür wiegt sie mit 150 Gramm etwas mehr als eine „nackte“ Actioncam, aber weniger als eine mit Unterwassergehäuse.

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Verfasst von - 19. Februar 2018 in Motorrad

 

Reisetagebuch (13): Das Ende einer Reise

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute geht es nach Hause, aber natürlich nicht ohne Hindernisse. Es treten auf: Nebelsuppe, ein Glühwürmchenwald, Berge – und ich mache Bekanstschaft mit einem gewissen Xavier.

Donnerstag, 5. Oktober, San Biagio di Callalta

Ich habe keine Lust mehr und will nur noch nach Hause.
Von diesem Plan hät mich auch das schlechte Wetter nicht ab. Es ist nebelig, und zwar auf die superheftige Art. Als ich die Treppe von den Gästezimmern herunterkomme, bleibe ich im Durchgang zum Frühstücksraum stehen und blicke durch das Eingangsportal der Offiziersvilla. Draußen ist es so nebelig, dass ich kaum bis zum Ende des Weges sehen kann. Nach wenigen Metern verliert die Welt alle Farben und löst sich in ein geisterhaft graues Nichts auf.

Das bleibt tatsächlich auch so während ich frühstücke und mich fertig mache. Kein Wind vertreibt den Nebel, keine Sonne brennt ihn weg. Nachdem ich mich von Sara und Francesco verabschiedet habe, steige ich auf die V-Strom und steuere in das weiße Nichts.

Die erste Herausforderung besteht schon darin, überhaupt als Linksabbieger auf die Regionalstraße zu kommen. Der Verkehr ist in beiden Richtungen dicht, der Nebel spuckt Auto um Auto aus, ein endloser Strom von Fahrzeugen, die aus dem Nebel auftauchen, an mir vorbeischießen und sofort wieder im Grau verschwunden sind. Ob eine Lücke im Strom wirklich eine Lücke ist oder sich gleich das nächste Auto materialisiert, lässt sich nur raten. Gefühlt warte ich minutenlang, dann wage ich es und gebe Gas.

Steine spritzen unter dem Hinterreifen weg, als die V-Strom aus der Einfahrt der Villa herausröhrt, auf die Straße schießt und hart am Mittelstreifen entlang weiter beschleunigt. Der Schnellstart war nötig, im Rückspiegel sehe ich schon wieder einen Fiat, der urplötzlich aus der Nebelwand aufgetaucht ist und mir jetzt auf zwei Zentimetern am Heck hängt. Zum Glück war er nicht superschnell unterwegs. Wäre er es gewesen, hätte er dadurch, dass ich hart an der Straßenmitte fahre, noch rechts an mir vorbeiziehen können.

Bah, in der Nebelsuppe sieht man echt gar nichts, nach vielleicht dreißig Metern ist alles nur noch weiß. Zwar reicht die Distanz gerade noch als Sicherheitsabstand, aber ich fahre gerne etwas vorausschauender als nur bis zu den Rücklichtern des Vordermanns.

Die nächste Herausforderung ist der Berufsverkehr im Veneto. Es geht erstmal über einige kleinere Orte, und obwohl die Pendler hier routiniert das Reissverschlussystem anwenden, steht der Verkehr an den Kreuzungen mehr als das er fließt. Ich bin froh, als Anna uns auf die Autobahn lotst. Der Nebel bleibt zwar, aber auf der Autobahn parallel zur Küste ist der Verkehr viel weniger dicht. Unangenehm ist es aber schon, denn die klamme Nässe kühlt den Körper im Fahrtwind ganz schön aus.

Nach einer Stunde geht es gen Norden. Das merke ich aber nur daran, weil sich der elektronische Kompass auf dem Display des Garmin dreht. In der Nebelsuppe habe ich überhaupt keine Ahnung wo ich bin und fahre nur nach Navi. Als ein Schild für die Abfahrt „Udine“ auftaucht, kann ich zumindest grob verorten wo ich bin. Bald müssen die Berge kommen, die zwischen Italien und Österreich liegen. Und tatsächlich, da sind sie schon.

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Verfasst von - 27. Januar 2018 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch (12): Alles neu

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute geht es nach Norden, wo alles neu ist, und dann knackt es auch noch.

Dienstag, 03. Oktober 2017, Carpineto, Siena

Die vier Tage in Siena und Umgebung sind wie im Flug vergangen. Ich habe es genossen, die V-Strom auf Schotterwegen und Feldern auszuprobieren und sie in der Crete Senesi über die Straßen zu schicken, von denen ich mittlerweile als „meiner Hausstrecke“ denke. Das soll keine Angeberei sein. Die Gegend ist nur so dünn besiedelt und es gibt so wenige Straßen, dass ich mich hier wirklich schon gut auskenne und eine Lieblingsrunde habe.

Getrübt wurde die Er-Fahrung immer wieder durch die ruckelnde Kette, aber sei´s drum. Ich habe mich entschieden sie nicht tauschen lassen. Für den Weg nach Hause hält die noch, sagen alle Mechaniker. Sobald ich zurück in Deutschland bin kommt dann meine Wunschkette drauf. Bis dahin heißt es: Zähne zusammenbeißen und nicht dran denken, Ruckelei hin oder her. Ich halte das jetzt schon so lange aus, das geht jetzt auch noch drei Tage länger.

Ablenkung gab es genug. Das Wetter hat einigermaßen mitgespielt, es war bedeckt und kühl, aber richtig geregnet hat es nur wenig. Bei Abstechern nach Monteriggioni und Greve in Chianti bin ich in lustige Dorffeste geraten und habe mir Aufführungen von örtlichen Vereinen angeguckt, unter anderem dieses herzerwärmende Re-Enacting von Spielbergs „Unheimlicher Begegnung der dritten Art“. Man beachte die kleinen Wissenschaftler an der Orgel und das Pedalgetriebene UFO:

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Verfasst von - 20. Januar 2018 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch (11): Gefangen im Kloster

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Dieses mal gibt es neue Entdeckungen in einem bekannten Gebiet, dann werde ich meiner Freiheit beraubt und HA-Chr-Chr-Chr.

Samstag, 30. September 2017, Carpineto, Siena

Schlaftrunken tappe ich in das Wohnzimmer des großen Appartements. Durch die große Glasfront kann man auf die dahinterliegenden Gärten schauen. Ich blinzele. Was ist das denn? Ist der Tisch auf der Terrasse ist gedeckt? Schnell ziehe ich mir was an, dann gehe ich nach draußen. Tatsächlich! Eine Kanne mit dampfend heißem Kaffee, Saft, Zwieback, Joghurt – ein komplettes Frühstück hat Cecilia mir hier hingestellt!

Es ist kühl, aber ich genieße das Frühstücken an der frischen Luft. Dann schmeiße ich eine Maschine Wäsche an und nutze die Zwischenzeit, um mal alle Daten und Videos, die das Motorrad in den letzten zwei Wochen gesammelt hat, auf eine kleine USB-Platte zu sichern. Nebenbei mümmele ich ortsansässiges Obst weg.

Traube mit einem Lebendgewicht von 3 Kilo.

Als die Hausarbeit erledig ist, packe ich die üblichen Sachen ins Topcase, werfe mich in die Motorradmontur und sattele die V-Strom. Wo wollen wir denn mal hin? Siena? Nein, nicht jetzt. Ah, hier, Anna hat noch eine Tour vom letzten Jahr im Speicher. „La Scarzuola“, ein altes Kloster in Umbrien, rund 80 Kilometer von hier. Das klingt doch gut!

Bevor es nach Süden geht, suche ich aber erst die Tankstelle von Fausto, dem alten Benzinaio, der mir was über italienische Sprache beigebracht hat, auf. Im vergangenen Jahr was sie geschlossen, und ich freue mich, dass sie nun wieder geöffnet ist.

Allerdings ist Fausto nicht da. Der Mann, der jetzt an den Zapfsäulen arbeitet, ist wesentlich jünger, vielleicht in den 40ern. Er hat die gleichen schiefen Zähne wie Fausto. Das muss Faustos Sohn sein, aber anders als sein Vater macht er seinen Job nicht mit Liebe, sondern hat offenkundig überhaupt keinen Bock.

Erst ignoriert er mich fast eine Minute lang und plaudert mit einer Kundin, dann kommt er rüber und haut die Zapfpistole so unsanft in den Tank der Suzuki, dass der Rüssel auf den Tankboden schlägt. Arschloch, denke ich.

Die Kunst eines Benzinaos ist es, ein Fahrzeug zuvorkommend und perfekt zu betanken, dass heißt: Möglichst voll, trotzdem auf einen runden Betrag. Hat Sohnemann wohl nicht verstanden, nach 17 Euro will er nicht mehr, obwohl der Tank nicht mal ansatzweise voll ist. „Ancora,“ sage ich, „pieno!“ – Volltanken, da geht noch was rein. „Nee, ist gut so“, sagt er, dreht sich um und geht einfach weg. Arschloch! Da hätten mindestens noch zwei Liter reingepasst, was 50 Kilometer mehr Reichweite bedeutet hätte. Erbost starte ich den Motor und fahre weiter. Diese Tankstelle hat mich das letzte Mal gesehen, so lange der Typ hier arbeitet.

Ich fahre nach Süden. Die Sonne scheint und er Himmel ist blau, aber es ist nicht das gleiche Licht wie im Sommer. Es ist fahler, weniger kraftvoll. Die Felder rechts und links der Strada Statale sind bereits alle umgepflügt und der Boden ist grau, was zu dem fahlen Eindruck der Landschaft beiträgt. Leichter Dunst liegt über allem, und die Toskana wirkt… ausgeblichen. Das ist ein Zeichen des Herbstes, der hier erst langsam beginnt. An den Pflanzen hätte ich das nicht gemerkt, die sind bis auf wenige Ausnahmen immer noch satt grün.

Am meisten gefällt mir an der Landschaft, wie weit man sie überblicken kann. Dieses Gefühl von Weite, bei dem ich zu spüren meine wie sich der eigene Geist wieder öffnet, nachdem er den Rest des Jahres in zu beengten Verhältnissen eingesperrt war.

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Verfasst von - 13. Januar 2018 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour (10): Ab nach Hause

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute habe ich eine kleine Sinnkrise, kämpfe ich mit einem langen Ständer und werde erkannt.

Freitag, 29. September 2017, Hotel Elisabeth Due, Fano, Marken

Ich muss einen Workshop oder eine Unterrichtstunde moderieren. Nicht freiwillig, sondern weil der Kollege Didaktiker meint sich zurücklehnen zu müssen. Nichtstun und alle anderen machen lassen, das sei sein didaktisches Konzept. Weil ich das dumm finde, nehme ich die Sache in die Hand und komme so zu Ergebnissen.

Ich wache ich auf, weil sich jemand neben meinem Hotelbett übergibt. Obwohl, nee, zum Glück nicht: Der Nachbar im Nebenzimmer übergibt sich in sein eigenes Klo, aber er tut das sehr geräuschvoll. Es ist kurz nach sechs, und als sich meine Gedanken anfangen um Kette & Co. zu drehen, ist an nochmaliges Einschlafen nicht mehr zu denken.

Ich mache mich fertig, dann trage ich die ersten Koffer zum Motorrad. Das hat die Nacht vor dem Elisabeth Due verbracht und ist noch naß vom Morgentau. Bevor es heute losgeht, löse ich einmal mehr die Hinterachse und lockere die Kette wieder etwas. Denn wenn etwas passieren kann, habe ich gestern gelesen, dann nur, wenn man eine verschlissene Kette zu fest anspannt. Oh, und apropos Anspannung: Gestern hatte ich auch noch die Federung der V-Strom härter eingestellt. Ich drehe die wieder auf weich zurück. Der Maschine bringt das exakt gar nichts, aber ICH bekomme damit vielleicht weniger von der Ruckelei mit, die die ungleichmäßig gelängte Kette veranstaltet.

Ein schnelles Frühstück im rosa-weißen Speisesaal, dann geht es in den Berufsverkehr von Fano und auf die Autobahn. Es gibt zwei Wege jetzt nach Norden zu kommen: Entweder die mautpflichtige Autobahn oder wieder Stop-and-Go durch endlose Orte. Dann doch lieber freie Fahrt, zumal bei Geschwindigkeiten ab 110 die Ruckelei auch nicht so auffällt.
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Verfasst von - 6. Januar 2018 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour (9): Nee, so nich´

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Lügenbildchen, Wolkenhörner und Verkehrschaos.

Donnerstag, 28. September 2017, Agriturismo Lo Smeraldo, Castreccioni, Marken

Die Luft über dem Bergsee ist klar und kalt, als ich die Koffer an die V-Strom hänge und mich zur Abfahrt bereit mache.

Kurze Zeit später ruckelt die Maschine über die Brücke, die die Halbinsel im Norden mit dem Festland verbindet. Ja, die Suzuki ruckelt. Gerade im Rollen, also wenn sie nur die Geschwindigkeit gleichbleibend halten soll, dann merke ich wie sie schiebt und ruckelt. Die verschlissene Kette mindert den Fahrspaß jetzt ganz erheblich. Eigentlich macht das Fahren mittlerweile gar keinen Spaß mehr.

Die gestrige Bergetappe hat der Kette nicht gut getan, und das Nachspannen hat praktisch nichts gebracht, es allenfalls noch schlimmer gemacht. Wie groß ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass das alte Ding reißt? Komme ich damit noch nach Hause? Das Ruckeln schüttelt mich durch und erinnert mich auf jedem Meter daran, dass die Kette jetzt wohl vollkommen hin ist. Dabei könnte ich jetzt echte Freude am Fahren haben, denn die Landschaft der Marken ist wunderschön, an diesem frischen Morgen ganz besonders.

Nach 40 Minuten komme ich in Osimo an, einem kleinen Ort auf – natürlich – einem hohen Berg. Heute ist Markttag, was ich vorher nicht wusste, und alle Parkplätze außerhalb der hohen Stadtmauer sind ausnahmslos belegt. Da sehe ich schon mein Ziel, das Touristenbüro von Osimo, das in die Stadtmauer eingelassen ist. Und Glückes Geschick, direkt gegenüber ist eine kleine Fehlfläche, auf die ganz genau, aber auch GANZ genau die Barocca passt, und die sogar das nötige Gefälle hat, damit die Kiste mit ihrem zu langen Seitenständer nicht umkippt! Fein!


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Verfasst von - 30. Dezember 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour (8): Campo Imperatore


Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Mopped mit Kängurubenzin und der Tag des Fieseler Storchs.

Mittwoch, 27. September 2017, Agriturismo Cupello, in der Nähe von L´Aquila

Über dem Ort liegt ein Schleier, eine Mischung aus Morgennebel und dem Rauch von Holzheizungen. Es ist kalt, und obwohl im Agriturismo Cupello die Heizungsanlage ordentlich bullert, bin ich doch froh über die leichte Fleecewäsche, die sich auch wunderbar als Schlafanzug tragen lässt.

Um kurz nach Acht trage ich den den ersten Koffer zum Motorrad, das die Nacht vor dem Haus verbracht hat.

Von Signora Patrizia, der Besitzerin des Hofs, ist noch nichts zu sehen. Im Speisesaal herrscht gähnende Leere.

Na gut, dann schlage ich halt die Haustür geräuschvoll zu und klötere lautstark im Treppenhaus rum, dann gehe ich wieder auf mein Zimmer. Als ich Geräusche im Haus höre warte ich noch zehn Minuten und lese in der Zeit Morgennachrichten. Es ist 2017, was bedeutet, dass man jeden Morgen nachgucken muss, ob nicht über Nacht der dritte Weltkrieg ausgebrochen ist oder ein Naziaufstand angefangen hat. Nein, heute scheint noch alles OK zu sein. Beruhigt trage ich die beiden anderen Koffer zur V-Strom, die in der Morgensonne schon abenteuerlustig auf mich wartet.

Im Frühstücksraum flitzt mittlerweile Signora Patricia herum. Sie ordnet sich gerade noch die Haare, hat aber schon den Kamin angeheizt und einen Caffé bereitgestellt. Wir plaudern ein wenig über dies und das während ich frühstücke. Brot, Butter und Konfitüre – alles hat sie selbst gemacht, und alles schmeckt hervorragend. Dann mache ich mich auf die Socken.

Zehn Minuten vom Agriturismo halte ich auf einem Parkplatz am Straßenrand an, nehme die Koffer von der Suzuki ab und sprühe dann sehr sorgfältig die Kette ein.

Perfekte Haltestelle.

Durch die ungleichmäßige Längung der Kette ruckelt und schiebt die Maschine mittlerweile während der Fahrt. Das ist mir erst gar nicht groß aufgefallen, aber seit gestern ist es deutlich spürbar. Als hätte die V-Strom Kängurubenzin getankt, wie mein alter Fahrlehrer immer zu sagen pflegte. Das ist zum einen sehr unangenehm, zum anderen beschäftigt mich das praktisch ununterbrochen. Den Großteil der Fahrzeit drehen sich meine Gedanken um Fragen wie: Wird die noch bis nach Hause durchhalten? Werden durch das ständige Geruckel noch andere Dinge kaputtgehen, Ruckdämpfer oder Getriebe?

Ach, es ist ein Elend. Ich gebe echt viel Geld für vorbeugende Instandhaltung aus, und das mir die Fahrt ausgerechnet dadurch vermiest wird, das ein Verschleißteil nicht rechtzeitig gewechselt wurde, das ist schon Ironie. Ich versuche den Gedanken zu verdrängen und stattdessen die Berglandschaft der Abruzzen zu genießen, aber das ist nicht leicht – ständiges Ruckeln erinnert mich daran, dass das Motorrad nicht in Form ist.

Über die Berge hinter L´Aquila kommt man schnell zum Campo Imperatore, der Hochebene mitten im Bergmassiv des Gran Sasso. Zumindest in der Theorie, denn in der Praxis stehe ich nach kurzer Zeit vor einer Straßensperre. Ich fluche laut, denn der Besuch dort oben war eigentlich das Herz dieser Reise.

Straßensperre wegen Erdrutsch.

Und nun? Anna findet keinen anderen Weg zum Campo Imperatore. Mist, muss ich mir das wohl abschminken. Nur einen Kurs um die Berge herum findet das Navi, und so steuere ich die V-Strom mehrere Stunden lang durch tiefe, felsige Täler.

Die Straße ist extrem kurvig, aber mit meiner ruckelnden Kette habe ich da nur wenig Spaß dran. Das hier ist kein flüssiges Fahren, kein Dahingleiten und eins werden mit Motorrad und Straße. Das hier ist unbequem und ätzend. Toll aussehen tut die Landschaft natürlich trotzdem:


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Verfasst von - 23. Dezember 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour (7): Die Geisterburg


Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Glorreiche Eigenleistungen im Themenkomplex Scheißeparken und Verfahren auf Sperrgebiet.

Dienstag, 26. September 2017, Il Faggio Rosso, Pescasseroli

Der Tag ist schon länger angebrochen, aber im Tal von Pescasseroli herrscht ein seltsames, farbloses Zwielicht. Erst als sich gegen halb neun die Sonne über die Berggipfel schiebt wird es hell. Sie vertreibt auch in kürzester Zeit die Wolken, die in den Tälern hängen.

Seltsames Zwielicht: Es ist Tag, aber die Sonne ist noch nicht übern Berg.

Zehn Minuten später: Sonne ist da, Wolken verschwinden.

Draußen Bimmeln die Rinder in den Bergen rum. Der Frühstückssaal des Faggio Rosso, der roten Buche, könnte problemlos eine Hundertschaft aufnehmen, und vermutlich tut er das im Winter auch. Heute bin nur ich hier. Das Hotel hatte heute Nacht noch zwei andere Gäste, aber die schlafen noch.

Einen Caffé Doppio später bin ich abreisebereit. Als ich die Koffer zum Motorrad trage, macht sie das kleine Mädchen von gestern gerade für die Schule fertig. Sie trägt einen Schulranzen, der viel zu groß für sie ist, und nörgelt an dem Apfel rum, den ihre Mutter ihr noch zustecken will. Schulkinder sind überall gleich.

Die Rotte weißer Hunde beobachtet, wie ich die V-Strom startbereit mache. Welcher von denen ist wohl Clara? Ach, egal.

Zum Abschied sagt die Hotelierin „Einen Moment noch“, und verschwindet im Hinterzimmer der Rezeption. Dann kommt sie mit einer Flasche Wein wieder und will sie mir schenken. Mei, wie lieb! Ich habe echte Probleme ihr klarzumachen, dass ich die leider nicht mitnehmen kann – ich habe keinen Platz, sage ich und verschweige, dass ich heute einfach keine Glasflasche mit Flüssgkeit an Bord haben möchte, weil heute ein komischer Tag ist und alles mögliche passieren kann. „Ich dachte, wenn sie die vielleicht ein wenig irgendwie reinschieben“… ach, wie lieb die Frau ist! Aber nein, ich lehne ab und sage, dass ich die beim nächsten Mal gerne mitnehme.

Es geht die üble Zufahrtstraße vom Hotel den Berg runter, raus aus Pescasseroli und nach Süden, eine wundervolle Landstraße voller perfekter Kurven entlang.

Auf dem Weg liegt Barrea, von wo aus man einen tollen Ausblick auf den gleichnamigen See hat. Das Panaorama der Berge spiegelt sich im blauen Wasser, und ich verstehe, wieso das hier die „Perle der Abruzzen“ genannt wird.

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Verfasst von - 16. Dezember 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour (6): Speed Kills Bears

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Ein Ausflug in den siebten Kreis der Hölle.

Montag, 25. September 2017, San Vincenzo

Der Wecker soll um 7 Uhr klingeln, aber schon vorher wache ich aus einem erholsamen Schlaf auf. Sechs Tage habe ich auf I Papaveri verbracht, und in dieser Zeit kaum mehr gemacht als auf der Terrasse zu sitzen und zu lesen, kleine Ausfahrten in die Umgebung zu unternehmen und am Meer spazieren zu gehen. Die Auszeit hat mir gut getan, ich bin mit dem Kopf wieder im hier und jetzt, habe Energie und bin wieder neugierig auf Neues.

Das Neue beginnt direkt vor der Haustür, denn heute geht es nach weiter und in unbekanntes Territorium. Die „Principessa“, das große Appartment im Erdgeschoss von I Papaveri, habe ich gestern schon abreisefertig gemacht, und auch die Koffer sind auch schon so gut wie gepackt.

Ich brauche 20 Minuten, dann schiebe ich die Barocca durch das Tor von I Papaveri und hänge ich die Koffer ein. Abfahrtbereit steht die V-Strom in der Morgensonne.

Ich klingele noch bei Licio und Franca, um mich zu verabschieden und zum Dank für die Gastfreundschaft eine Flasche Wein zu überreichen. Die beiden sind niedlich, wie immer: Ich soll vorsichtig fahren. Und natürlich Merkel grüßen, zumindest ein Bißchen. Franca ist großer Fan von Merkel. Ja, ja.
Ich mag keine langen Abschiede, und deshalb schwinge ich mich wenige Minuten später schon auf das Motorrad und schiebe das Garmin in seinen Platz im Cockpit. Sofort bootet sich Anna in meinen Helm und verkündet, das die heutige Fahrt mindestens 7 Stunden dauern wird, aber verkehrstechnisch alles OK sei. Sogar das Wetter entlang der Strecke sei ideal, findet sie.

Anna sagt: Perfektes Reisewetter entlang der Route.

Ciao, I Papaveri!

Wenn es nur nicht so kalt wäre! Das notorisch ungenaue Thermometer am Mopped zeigt 15 Grad, aber Anna zieht eine wesentlich glaubwürdigere Lokaltemperatur von 9 Grad aus dem Netz. Meine Finger sind geneigt letzterem mehr Glauben zu schenken. Die Fahrt geht über die SS1, die sich durch die Berge entlang der Küste zieht. Olivenhaine säumen die Berghänge entlang der Strecke, und im Sonnenlicht ist ein feiner Morgennebel zu sehen. Denke ich zumindest, bis ich merke, dass das Rauch ist. Die Bauern verbrennen Olivenschnitt, und aufgrund der Wetterlage klebt der Rauch in in Tälern.

Morgensonne um kurz nach Acht.

Bis Grossetto ist es eine unspektakuläre Fahrt, weil die Strada Statale ausgebaut ist wie eine Autobahn. Dann wird sie zu einer Dorfstraße, auf der die erlaubte Geschwindigket ständig zwischen 50 und 70 wechselt – nervig. Das bleibt auch so, bis die Toskana aufhört und das Latium anfängt.


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Verfasst von - 9. Dezember 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour (5): Quallenkuscheln

Drei Wochen auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Dieses Mal gibt es einen Strand mit Werbeunterbechungen, Touristen Tai-Chi und Schwänke aus der Jugend.

September 2017, San Vincenzo

Ich stehe am Strand und blicke auf´s Meer hinaus. Der Moment ist unheimlich friedlich, und ich fühle mich wohl. Sanfte Wellen rollen an den Strand. Nur ich bin hier, sonst sehe ich kilometerweit keine Seele.

Ich zucke zusammen, als sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter legt und eine tiefe Stimme fragt „Haben Sie nicht was vergessen?“ Ich schließe die Augen und erwidere mit fester Stimme: „Nein, habe ich nicht“.

Ich wache kurz auf, drehe mich um und schlafe weiter. Immerhin, vor einer Woche noch wäre ich um 5 Uhr hellwach im Bett gesessen, mit dem kribbelnden Gefühl unter der Schädeldecke WIRKLICH etwas vergessen zu haben. Ich werde langsam ruhiger und merke, wie ich mich Stück für Stück entspannen kann.

Dazu tragen auch die kleinen Ausflüge mit der V-Strom bei. Nichts Spektakuläres – mal besuche ich ein Einkaufszentrum im Nachbarort, mal gehe ich am Hafen von San Vincenzo spazieren, mal schlendere ich über einen Wochenmarkt in den Bergen. Längere Ausflüge machen ich nicht. Ich rede mir selbst ein, dass ich die Kette der Suzuki schonen will, aber die Wahrheit ist: Ich habe keine Lust und keine Energie für weitere Fahrten oder Wanderungen in den umliegenden Bergen.

Gerade noch aufraffen kann ich mich zu einer kleinen Fahrt nach Pisa. Das ist nicht weit weg und die Stadt ist nicht anstrengend. Heute ist das Wetter mal nicht eisekalt und windig, im Gegenteil: Die Sonne scheint aus allen Knopflöchern über den Feldern rund um die Stadt.

Wie immer gibt es Stop&Go-Verkehr, der sich langsam durch die Stadt und über die Brücken über dem Arno schiebt. Ich parke im Univiertel und staune, wie stark die Stadt vor Leben summt. Eine vibrierende Geschäftigkeit liegt in der Luft. Das kann nur an einem liegen: Die Studierenden sind wieder da. Im Sommer ist Pisa wie ausgestorben, abseits der „Wunderwiese“ mit dem schiefen Turm sind die Gassen der Stadt leer, und alles macht den Eindruck in einem Dornröschenschlaf zu liegen. Aber sobald die Uni Mitte September wieder losgeht steppt hier der Bär.


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Verfasst von - 2. Dezember 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour (4): Kettenhäftling

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Piepsende Straßen, Probleme mit Catena und ein Wiedersehen mit dem Wundermechaniker.

Mittwoch, 20. September 2017, San Vincenzo

Ich schrecke aus einem unruhigen Schlaf auf. In einem wirren Traum haben mich Faschisten durch eine nächtliche Innenstadt verfolgt. Trump-Anhänger, mitten in Europa. Was für ein Albtraum… Wenigstens habe ich nicht von der Arbeit geträumt. Oder… Moment mal… doch, es kamen Arbeitskollegen darin vor, aber wenigsten nur in einer Rahmenhandlung und nicht als Faschos. Wäre ja auch noch schöner.

Zumindest weiß ich schon beim Aufwachen wo ich bin und denke nicht mehr, ich wäre noch zu Hause und müsste gleich zur Arbeit. Das verbuche ich mal als Fortschritt. Ich bin in San Vicenzo, und ich muss absolut NICHTS machen. Zufrieden lächelnd drehe ich mich um und schlafe nochmal 6 Stunden weiter.

Erst ganz spät stehe ich auf und beäuge mißtrauisch das wechselhafte Wetter. Es ist zum Heulen. Das ganze Jahr war das Wetter hier in San Vincenzo spitze und so warm, das selbst die Einheimischen von einem Rekordjahr sprachen. Eigentlich kann man hier problemlos auch im September Sommerurlaub machen. Aber nicht jetzt.

Jetzt bin ICH hier, und in meinem Schlepptau folgt eine Kaltfront aus Norden, die die warme Luft aus Afrika verdrängt und für Temperaturstürze. „Kältester September seit 40 Jahren“ schlagzeilt der Wetterdienst, und „völlig unnormales Wetter für diese Jahreszeit“

Mit 14 bis 18 Grad ist es wirklich nicht warm, außerdem ist es windig und es gibt Regenschauer. An Baden im Meer ist nicht zu denken. Das ist schade, ich hatte mich das ganze Jahr so auf die paar Tage am Strand gefreut.

So erkunde ich ein wenig die Gegend auf dem Motorrad. Ich stöpsele am Netbook eine Route durch die Berge östlich von San Vincenzo zusammen, schicke die an Anna und fahre los.

Die Straße ist eine winzige Kommunalstraße, alle paar Meter kommt eine Kurve – und ich bin fast allein hier. Zum ersten Mal seit ich sie habe kann ich mit der V-Strom wirklich ungestört Kurven fahren üben.


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Verfasst von - 25. November 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorrad 2017 (3): Ölspurensucher für ein Motorradgespenst

Im September 2017 ging es mit der V-Strom 650 auf Tour. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Geister, funkensprühende Aufsetzer, generelle Unlust und die Taufe eines bis dato namenlosen Motorrads.

Die Konferenzgäste stehen in kleinen Grüppchen in einem Wald und unterhalten sich. Es ist Nacht und dunkel, aber die Gäste scheinen gar nicht zu merken wie absurd das ist – warum sind die nicht in am Konferenzort? Ich laufe auf eine Gruppe Gäste zu um sie zum richtigen Ort zu geleiten, als es hinter mir knackt. Ich drehe mich um und sehe, wie etwas auf mich zugerast kommt. Ich renne los, weiche Bäumen aus und stolpere über Büsche. Dann schrecke ich hoch.
Nur ein Traum. Es rauscht. vermutlich hat die Nachbarin von oben wieder ein nächtliches Bad genommen und lässt gerade das Wasser ab. Wie lange noch, bis ich aufstehen und zur Arbeit muss?

Montag, 18. September 2017, Collagna, Italien

Wieder sickert nur ganz langsam die Erkenntnis in mein Bewusstsein: Ich muss heute gar nicht zu Arbeit. Und das hier ist auch nicht meine Wohnung. Ich bin nicht zu Hause, sondern 1.200 Kilometer entfernt in einer Blockhütte auf einer Forellenfarm. Das Rauschen ist das vom Wind in den Bäumen, nicht das Badewasser der Nachbarin.

Ich rutsche halb und falle mehr aus dem Bett und tappe ins Bad. Es ist erst kurz nach sechs. Offensichtlich fällt mir die Entspannung sehr schwer, anders ist das dauernde Träumen von der Arbeit und die kurzen Schlafphasen nicht zu erklären. Nach einem Tag wie gestern, an dem ich es bei schlimmsten Wetter über die Alpen geschafft habe, hätte ich erwartet, dass das Hirn andere Dinge zu sortieren hat. Stattdessen spielt es mir im Traum Gespräche mit Arbeitskollegen vor, über Dinge, die lange erledigt sind.

Ich lüpfe den Vorhang an der Tür. Ja, die V-Strom steht immer noch draußen und mit der Nase fast im Zimmer.

„Guten Tag, ich würde mit Ihnen gerne über Motorräder sprechen.“

Es regnet nicht, es stürmt nur. Der Wind reißt wir irre an den Bäumen. Ich lege mich nochmal ins Bett und mache die Augen zu, da höre ich, wie neben mir ein Schlüssel im Schloss gedreht wird und sich jemand räuspert. Ich bleibe still liegen und lausche ins Dunkel.

Ich bin nicht erschreckt, ich weiß, was das ist. Als ich am Vorabend gefragt hatte wo das Frühstück serviert wird, hatte Nicoletta auf eine Tür am Ende des Zimmers gedeutet und gesagt „einfach da durch“. Mein Blockhüttenzimmer ist keine richtige, alleinstehende Hütte, sondern hat eine Verbindung zum Haupthaus.

Gestern Abend hat keiner der drei Schlüssel, die sie mir gegeben hat, diese Tür geöffnet. Ich wette, jetzt ist das anders.

Trotzdem bleibe ich noch ein wenig liegen und genieße die Bettwärme, die sich wie ein Kokon um mich legt und das Rauschen des Sturms noch gemütlicher macht. Um kurz vor acht packe ich dann meine Sachen, ziehe mich an und probiere die Schlüssel. Jetzt lässt sich einer im Schloss drehen, die Tür geht auf und ich stehe in einem fantastischen Frühstückszimmer.

Sechs Tische für je vier Personen stehen darin, eine Wand wird von einem großen Panoramafenster eingenommen, dass auf die Berge hinausblick. Daneben ist das zweitgrößte Süßes-Frühstück-Buffet aufgebaut, dass ich je gesehen habe. Harte Kuchen mit Konfitüre in 5 Ausführungen, 10 Variationen Kekse, süßer Zwieback, mit Nutella garnierte Törtchen… ein Diabetiker würde allein beim Anblick dieses Tresens einen Zuckerschock bekommen.

Hinter dem Tresen steht eine mollige Frau unbestimmbaren Alters und guckt mich an wie eine Eule. Italien produziert ja einen nie versiegenden Strom an Eulenfrauen, und die hier ist ein Prachtexemplar. „Moin“, sage ich auf italienisch, dann mache ich große Augen und lobe die Auswahl des Süßtresens als fantastisch und so noch nie dargewesen. Die Dame atmet hörbar auf. Sie hilft hier nur aus, weil Nicoletta die Kinder zur Schule bringt, erklärt sie, und hatte befürchtet, dass sie mit mir englisch reden müsste. Nee, muss sie nicht. Das bricht das Eis, sie lächelt und fragt, was ich trinken möchte. Espresso, natürlich. Ich muss heute noch weit fahren und habe keine Zeit und keine Lust auf Pinkelpausen.

Aus dem Kariessortiment suche ich mir was aus von dem ich hoffe, dass es mit Pudding gefüllt ist. Italiener haben es drauf Sachen fluffig und locker aussehen zu lassen, aber meistens sind die Kuchen oder das Brot dann hart wie Stein. So mögen sie das, ich nicht. Jetzt lande ich aber einen Volltreffer, das Ding, das ich zum Tisch getragen habe, ist voller Vanillepudding. Geil.

Die Frau guckt mich an und fragt „sind sie mit dem Motorrad unterwegs“? Ich nicke. „Dummes Wetter dafür“, sagt sie. Ich muss grinsen, denn sie vermeidet anscheinend echte Schimpfwörter. Ich finde das niedlich. Sie guckt aus dem Fenster, vor dem die Bäume vom Wind nach links und rechts gepeitscht werden. Sieht ein wenig aus als ob sie rumhampeln. Wie weiland der singende Busch in „Drei Amigos“: Beim Gedanken an die Szene muss ich grinsen. Vielleicht bringen die Bäume draußen ein Ständchen, und wir hören es nicht, weil das Fenster schalldicht ist?

„Der Sturm ist heftig“, sagt die Frau und wieder finde ich ihre Wortwahl niedlich, denn sie sagt wörtlich „Der Wind ist wütend“.
„Ja“, mümmele ich zwischen zwei Bissen, „Aber wenigstens regnet es nicht“.

In diesem Moment fängt es an zu regnen.
Als hätte jemand vor dem Panoramafenster eine Dusche angestellt.
Ich schließe die Augen und bin leicht genervt.

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Verfasst von - 18. November 2017 in Motorrad, Reisen

 
 
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