Motorrad

Review: Nolan N100-5 mit N-Com B901L

Nolan hat 2018 einen neuen Tourenklapphelm rausgebracht, den N100-5. Dazu passend: Das B901L, die nächster Iteration des Kommunikationslösung mit Rücklicht im Helm. Ich habe mir beides im August vergangenen Jahres zugelegt und eine Meinung dazu.

Was jeder von einem Helm erwarten kann:

  1. Sicherheit
  2. Bequemer Sitz

Was ich persönlich noch möchte:

  1. Klappmechanismus
  2. Pinlock-Visier
  3. Sonnenblende
  4. Bluetooth
  5. möglichst leise

Bei Klapphelmen gelten allgemein die teureren Helme der Firma Schuberth als Referenz. Leider habe ich keinen Schuberth-Kopf, die Dinger passen mir einfach nicht. Perfekt passen dagegen die Helme der italienischen Traditionsfirma Nolan. So landete ich 2012 bei einem N90, einem günstigen Klapphelm, der aber eigentlich für die Stadt und nicht für Touren gemacht ist. 2016 waren dessen Visierdichtungen hinüber, und so gesellte Sich ein N104 Tourenhelm der zweiten Generation, der N104 Evo, dazu. Fortan nutzte ich den N90 für kurze Strecken, den N104 für Reisen.

Richtig warm geworden bin ich mit dem N104 aber nie. Das liegt nicht nur an dem gewöhnungsbedürftigen Design der Front, mit dem der Helm irgendwie aussieht wie ein Fisch, der bekifft vor sich hin grinst.

Vor allem mag ich den N104 deswegen nur so mittel, weil ich gerne mit leicht offenem Visier fahre. Das geht mit dem N104 ab einer bestimmten Geschwindigkeit schlicht nicht. Dessen Visier ist nämlich riesig und rund und instabil. Ab ca. 80 km/h beginnt es zu schwingen. Dann wird die Sicht so verzerrt, dass man es komplett schließen muss. Macht man das nicht, schlägt es irgendwann mit einem Knall von alleine zu.

Nolan hat den N104 seit 2012 in drei Revisionen angeboten (Original, Evo und Absolute), wobei bei jeder Iteration die Schalldämpfung verbessert wurde. Anfang 2018 kam nun der echte Nachfolger des 104, der N100-5. Wieder ein Tourenklapphelm, aber in neuem Design, mit neuer Technik und vor allem, so Hersteller und Fachpresse: Noch leiser! Aber: Stimmt das?
(Hinweis: Wenn in Überschriften von Zeitungsartikeln Fragen gestellt werden, lautet die Antwort in 99 Prozent aller Fälle: Nein. Hier verhält es sich ähnlich.)

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Reisetagebuch 2018 (15): Der Weg nach Hause

Mit der Barocca auf Sommertour. Die Reise ist fast vorbei, aber vor der Frage, auf welchem Weg es nach Hause geht, gibt es noch einen Abstecher nach Venedig. Dann geht die Welt unter.

Donnerstag, 05.Juli 2018
Die Villa Maria Luigia liegt kurz hinter Treviso. Von hier ist man in 30 Minuten in Mestre oder in 60 Minuten in Punta Sabbioni. Von beiden Orten aus ist man ratzfatz in Venedig. Ich entscheide mich für Punta Sabbioni, schon weil ich die Überfahrt mit dem Wasserbus so gerne mag.

Bild: Google Earth 2018

Ohne die monströse Airbagweste passt meine Jacke sogar in einen Seitenkoffer des Motorrads, so dass ich mich ohne Gefahr eines Hitzekollers in der Stadt frei bewegen kann.

Wobei „bewegen“ relativ ist. Das Boot ist selbst morgens um kurz vor Neun schon randvoll voll mit Menschen, und die Stadt ist an den beliebten Plätzen völlig verstopft mit Tagestouristen.

Amerikanerinnen erkennt man übrigens daran, dass sie sich alle zwei Minuten gegenseitig dran erinnern, auch ja genug zu trinken. „Stay hydrated“, sagen sie zwischen zwei Schlucken aus monströsen Wasserflaschen, die sie überall mit herumschleppen.

Auch aus einer Gruppe Frauen am Bahnhof Santa Lucia klingt ein lautes „Girls, stay hydrated!!“, und auf dieses Kommando hin heben alle gleichzeitig die Wasserflaschen an den Hals und trinken hektisch. Synchronsaufende Prachtexemplare von Wasserbüffeln! Das ist ja fast olympisch! Ich hole den Fotoapparat raus, in der Hoffnung, dass sie das nochmal machen. Aber dann kann ich vor Lachen nicht mehr an mich halten, was die Damen nicht lustig finden.

Spot the Americans!

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Reisetagebuch 2018 (14): In heiligen Hallen

Mit der Barocca auf Sommertour. Heute geht es in die Suppe, weit übers Land und schließlich in heilige Hallen.

04. Juli 2018, Bohinji Bistrica, Slowenien

Ich bin mit dem ersten Hahnenschrei wach. Der ist zum Glück erst um 05:00 Uhr. Dieser Hahn ist zivilisiert, anders als das Kackvieh, das bei mir zu Hause um 01:30 Uhr unter meinem Schlafzimmerfenster anfängt auf voller Lautstärke loszulegen.

Draußen klatscht Regen auf die Dächer der Holzhäuser. Ich drehe mich noch einmal um, kann aber nicht mehr einschlafen. In Gedanken bin ich schon auf der Straße. Heute habe ich eine große Tour vor mir.

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, klettere aus dem Bett, spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und mache mich abreisefertig. Für Frühstück ist es noch zu früh, das Hotel schläft noch. Um kurz vor sechs trage ich die Koffer zum Motorrad. Es regnet nicht mehr, aber dunkle Wolken hängen über dem Ort. Das sieht alles nach schwerem Wetter aus.

Wie komme ich jetzt hier weg?, überlege ich, während ich den Sattel und die Spiegel der Barocca trocken wische. Zwischen meinem Ziel und mir liegt das Gebirge des Triglav-Nationalparks, das den Ort hier wie ein Halbkreis nach Westen abschirmt. Soll ich auf Nummer sicher gehen und die breite, gut ausgebaute Straße durchs Tal nehmen, und um die Berge herum fahren? Dieser Weg wäre unspektakulär, aber sicher.

Oder soll ich es wagen mitten durch die Berge zu fahren, über winzigste Straßen und mehrere Pässe? Ich entscheide mich für die Bergausläufer. Wenn schon, denn schon. Anna meldet sich im Helm und bestätigt die Route. OK, Klamotten an und los geht´s.

Als ich die Jacke schließe, bin ich irritiert. Die LED-Anzeige am Ärmel springt nach kurzer Zeit auf Grün. Das Airbagsystem ist aktiviert. Was soll das denn jetzt? Vor zwei Tagen war das wegen eines Sensorfehlers nicht benutzbar, und nun, kurz vor dem Werkstatttermin, funktioniert es wieder?

Das Ding mit Wetter im Gebirge ist ja, dass es selten überall gleich ist. Wolken bleiben an den Bergen hängen und sorgen für schlechte Sicht, im einem Tal regnet´s, im nächsten nicht. Und: Berge sind hoch. Manchmal höher als die Reisehöhe der Wolken, die dann in ihnen hängenbleiben. So auch jetzt.

Ich fahre plötzlich in eine weiße Wattewand, und sofort wird es kalt und klamm und Wassertropfen benetzen Motorrad und Fahrer.

Ich verziehe das Gesicht und grummele vor mich hin, aber dann passiert etwas wunderbares: Die Straße geht noch höher, und plötzlich bin ich oberhalb der Wolkendecke und sehe auf sie hinab! Die Morgensonne scheint hier oben, und die Wolken wirken wie ein Meer, das in den Tälern herumschwappt. Hier und da erheben sich Bergspitzen aus dem weißen Weich, wie Inseln.

Mit besser Laune fahre ich weiter. Die hält aber nur so lange, bis ich wieder runter ins Tal und damit mitten in die Suppe muss. Darin ist es dunkel und kalt.

Ich brettere mit der V-Strom über die kaputten und bröckeligen Straßen. Es ist kurz nach sechs, und ich bin ganz alleine hier unterwegs. Naja, fast. Lediglich ein Kleinlaster mit Milchkannen dreht seine Runde in der Nebelsuppe und mäht mich fast um. Alles ländlich hier. Vorsichtig taste ich mich weiter.

Gegen 09:00 Uhr bin ich bei Tolmin, eine halbe Stunde später quere ich die Grenze nach Italien, die hier wirklich abgebaut und unbemannt ist. Halt, doch nicht: Hinter einem Busch versteckt sich ein slowenischer Streifenwagen, aber der Polizist bohrt mit einem Finger in der Nase und hat nur Augen für sein Smartphone.

Bild: Google Earth 2018

Der Frühnebel ist in den Bergen zurückgeblieben, und jetzt wird auch langsam das Wetter wach. In einem Tal halte ich kurz an und trinke einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, dazu gibt es einen Apfel als Frühstück. Das Grün der umliegenden Wiesen und Wälder leuchtet in Technicolor. So übersättigt sind die Farben, dass sie fast unwirklich wirken.

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Reisetagebuch 2018 (13): Unterirdisches Disneyland

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute wird es unterirdisch, in der zweitgrößten Schauhöhle der Welt und unter einer Höhlenburg.

Dienstag, 03.07.2018, irgendwo im Wald, Slowenien
Ich wache auf und bin für einen Moment ohne Orientierung. Ein holzgetäfelter Raum mit einem Tisch in der Mitte ? Das ist doch kein Hotelzimmer, wo bin ich denn hier?! Dann fällt es mir wieder ein: Ich bin in einer kleinen Hütte, mitten im Wald, in Slowenien.

Schnell springe ich aus dem Bett und packe meine Sachen. Vor dem Cottage steht die V-Strom.

Etwas oberhalb führt der Weg aus dem Wald heraus. Schilder machen darauf aufmerksam, dass der Campingplatz über eine eigene Höhle verfügt, die man nach Absprache besichtigen kann. Ich muss Schmunzeln. Höhlen hat HIER wohl jeder in seinem Hinterhof.

Auf einem asphaltierten Platz stehen mehrere Häuschen. Eines beherbergt einen winzigen Supermarkt, eines die Anmeldung des Campingplatzes und ein größeres ein Restaurant, in dem nun Frühstück für die Gäste bereit steht. Dort stürze ich einen Kaffee hinunter.

Der Campingplatz schläft noch, als ich zurück zum Motorrad marschiere. Neben der Maschine steht schon ein Wagen voller Putzmittel, und im Cottage klötert es. Die Reinigung des Häuschen hat schon begonnen.

Warum ich hier, mitten im Wald überachtet habe? Nun, in der Nähe einer Touristenattraktion übernachten und morgens gleich als Erster da sein, das hat ja gestern an den Plitvicer Seen schon gut geklappt. Also mache ich das heute doch gleich noch einmal. Ich schwinge mich in den Sattel der Barocca und steuere sie aus dem Wald heraus und den Berg hinab.

Dann fahre ich einmal links rum, und ZACK stehe ich vor DER Sehenswürdigkeit Sloweniens: Der Postojna-Höhle.

Das unterirdische Höhlensystem, das auch als Adelsberger Grotte bekannt ist, ist die zweitgrößte Besuchshöhle der Welt, nach einer in den USA.

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Reisetagebuch (12): Cabin in the Woods

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht von Kroatien nach Slowenien und erst an den See, dann in den Wald.

Sonntag, 01. Juli 2018, Kaštel Lukšić, Kroatien
Ich wache von meinem eigenen Bauchgeräuschen auf. Schon den zweiten Tag. Durchfall. Hätte besser doch nichts von dem Leitungswasser auf dem Schiff trinken sollen. Aber was wäre die Alternative gewesen? Verdursten?

Ich blicke aus meinem Zimmer in der „Villa Cezar“ über die Dächer des kleinen Orts. Das Wetter gleicht meiner Stimmung. Es ist grau und bewölkt und es regnet.

Würstchen, Rührei, gutes Brot, verschiedene Konfitüren, fetter Käse – das Frühstück ist sehr gut, und das sage ich auch. Das zaubert der grummeligen Oma, die im Familienbetrieb offensichtlich für das leibliche Wohl der Gäste zuständig ist, ein Lächeln ins Gesicht.

Es regnet, und deshalb steige ich gleich vor der Abfahrt in die Regenkombi und steuere die V-Strom erst vom Hof, als ich wasserdicht in die StormChaser-Kombi eingepackt bin. Es ist Sonntag, und die Landstraße noch wie ausgestorben. Es geht die Küstenstraße entlang, erst Richtung Westen, dann nach Norden. Das ist nur so mittelspannend, auch wenn die Straße spektakulär gut und toll zu fahren ist. Sie ist halt auch ein wenig langweilig.

Bild: Google Earth 2018

Es gibt immer wieder stärkere Regenschauer, dazwischen Trockenphasen. Heute stehen 6 Stunden Fahrt an, das gefällt mir. Nur fahren, fahren, fahren, mehr will ich auch gar nicht. Die V-Strom rollt durch kleine Orte, duckt sich durch weite Kurven und schrubbt über leere Graden. Zwischendurch gibt es immer wieder stellen mit tollen Ausblicken, wie diesen spektakulären Brücken.

Im Laufe des Tages wird die Straße interessanter. Je weiter ich nach Norden komme, desto mehr Kurven gibt es und desto spektakulärer werden die Ausblicke auf die Felsenküste und die vorgelagerten Inseln.

Auf Höhe des Ortes Zengg biege ich ab ins Landesinnere. Es geht über die Berge, die hinter dem Küstenstreifen beginnen, und dann in das Hinterland. Das ist lauschig grün und sieht eher aus wie das Alpenvorland.

Bild: Google Earth 2018


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Reisetagebuch (11): Split

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es von Dubrovnik nach Split und dabei ganz kurz durch Bosnien-Herzegowina.

Samstag, 30.06.2018, Dubrovnik
Die „Villa Dubrovnik Gardens“ heißt nicht umsonst so. Das Steinhaus liegt in einem großen Garten, der mit seinen Bäumen und hohen Büschen das Äußere zuverlässig abschirmt. Ein kleiner, grüner Urwald, bevölkert von Gartenzwergen und Katzen, direkt über der Altstadt von Dubrovnik.

Was den Garten noch besser macht: Hier servieren Anita und Marjana, die beiden Haushälterinnen, das Frühstück. Ein „Alles, was man sich wünschen kann“-Frühstück. Es gibt Rührei, gebratene Würstchen und Pilze, dazu Toast, eine Aufschnittbuffet, und am Platz wartet ein warmes Schokocroissant. Garten Eden? Dicht dran!

Eine kleine Katze guckt mir beim Frühstück zu und versucht zwischendurch mit einem gezielten Sprung in den Joghurtteller etwas davon zu erhaschen.

Danach schleppe ich die Koffer zum Motorrad und stelle dabei erstaunt fest, dass die Frühstückskatz noch eine Schwester hat. Auf dem Rückweg sind es schon drei. Diese Katzen vermehren sich schneller als Tribbles!

Ich verabschiede mich von Anita und Marjana, dann stürze ich mich in den Stadtverkehr von Dubrovnik.

Geht nicht anders. Eigentlich will ich ja nur raus aus der Stadt, und die Ausfallstraße liegt nur eine Straße und damit 50 Meter über der, in der ich mich gerade befinde… aber leider hat Dubrovnik ein superkomplexes System aus Einbahnstraßen.

So muss ich erst einmal ganz hinunter in die Stadt und um die Festung herum, durch den Busbahnhof, über den LKW-Zubringer zum Hafen und bin dann FAST wieder da wo ich vorher war – nur, dass ich jetzt auf die Küstenstraße stadtauswärts einbiegen kann.

Bild: Google Earth 2018

Der Verkehr auf der Küstenstraße ist recht dicht, aber das gibt sich bald. Je weiter ich nach Norden komme, desto weniger wird der Verkehr.

Ich kann der V-Strom die Sporen geben, und auf dieser Straße ist das Fahren die wahre Wonne. Tief duckt sich die Maschine in die Kurven, während sie auf den wenigen geraden Abschnitten geradezu dahingleitet. Schneller als 80 ist zwar nicht erlaubt, aber das ist auch gut so – ab und an sind hier Wohnmobile unterwegs, die tauchen auch gerne mal unvermittelt hinter Kurven auf. Es ist ein sportliches, aber entspanntes Fahren. Herrlich!


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Reisetagebuch (10): Game of Schweiß

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute betrete ich ein neues Land, treffe einen alten Freund und merke, wie meine Zeit sehr schnell abläuft.

Freitag, 29.06.2018, adriatische See
Das tiefe Dröhnen der Schiffsdiesel wirkt sich positiv auf meine Nachtruhe aus. Ich schlafe ausgezeichnet, bis gegen 5:30 Uhr die Morgensonne durch das Bullauge meiner Kabine an Bord der DubrovniK scheint.

Ich dämmere noch ein wenig im Halbschlaf vor mich hin, aber kurz nach 6 stehe ich doch auf, kleide mich an und gehe an Deck. Zu meiner großen Überraschung ist das Schiff schon kurz vor der Küste.

Ist das schon Kroatien? Muss es sein, oder? Aber wir sollten doch erst um 8 Uhr hier sein, das ist doch noch zwei Stunden hin!

Von Bari nach Dubrovnik in einer Nacht.
Bild: Google Earth 2018

Kein Irrtum möglich – die Dubrovnik läuft tatsächlich schon in Dubrovnik ein! Vor einer großen Brücke dreht das Schiff und legt dann Rückwärts am Hafen an.

Bild: Google Earth 2018


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Reisetagebuch (9): Die Hölle vor Tor 3

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute gibt es Furbo, es geht es unter die Erde und am Ende wird es sehr kalt.

Donnerstag, 28.06.2018, Grotta Castelana, Apulien

Oh, wie sie mir auf die Nerven gehen! Die Hölle, das sind die anderen.

Diese anderen und ich, wir warten vor Tor 3. Tor 3 ist der Einlass für alle, die an der nächsten Führung auf italienisch durch die Grotta Castellana, eine der größten Höhlen Italiens, teilnehmen wollen. Tor 2 ist für englischsprachige Besucher, Tor 1 für Gruppen aus Reisebussen. Vor den Toren ist ein kleiner Platz, auf dem schon mehr als 50 Menschen dicht gedrängt stehen, hauptsächlich Familien mit Kindern.

Neben mit steht ein Typ im besten Midlife-Crisis-Alter. Er hat einen blauen Lacoste-Pulli um die Schultern geknotet und hält von hinten eine überschminkte Blondine in den Armen, die er geradezu agressiv hin- und herwiegt. Freundin? Sekretärin? rätsele ich noch, da haut mir der Schunkler schon einen Ellenbogen in die Seite. Ich gehe ich ein Stück weg, er schunkelt hinterher und haut mir wieder den Arm in die Seite. Was stimmt mit dem nicht, denke ich noch, da rammt mir von vorne eine Frau ihren Rucksack in den Bauch. Von hinten hustet mir ein älterer Herr in den Nacken.

Von links schrammelt ein Opa auf einer Gitarre undefinierbares Zeug. Vermutlich bildet er sich ein, dass er ein Musik macht und dazu singt, aber aus dem Gitarrengequietsche lässt sich ein Lied nur erahnen, während der „Gesang“ klingt, als ob er sporadisch Stichworte ruft und zwischendurch hustet.

Von rechts hält ein anderer Opa dagegen. Allerdings ist bei ihm nicht mal mehr rudimentär eine Melodie zu erkennen, er brüllt und schreit nur wild vor sich hin und schlägt dabei mit den Fäusten auf seine Gitarre ein. Alle irre hier.

Es geht den beiden Opas gar nicht darum die Gunst des Publikums zu erringen. Es geht nur darum lauter zu schreien, lauter zu klampfen und lauter zu husten als der Kontrahent auf der anderen Seite der wartenden Menschen, die ihrerseits wegen des Lärms immer lauter reden und immer gereizter werden.

Grotta Castellana. Der Ort heißt so wie die Höhle.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.

Zur Gereiztheit trägt auch das Wetter bei. Es ist mit über 25 Grad sehr warm, gleichzeitig ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Urwaldklima. Außerdem kommen immer mehr Menschen auf den Platz, alles drängt sich zusammen und reibt sich aneinander und schubst und redet laut aufeinander ein und dazu brüllen und schreien die Opas von beiden Seite. Eine Kakophonie des Grauens.
ALLE IRRE HIER. Viele, laute Menschen, die sich benehmen wie eine Herde Affen auf einem Felsen. Meine persönliche Hölle.

Zum Glück öffnet sich jetzt Tor 3, noch viel länger hätte ich das nicht ausgehalten ohne dem Schunkler seinen Pulli über die Ohren zu ziehen und die „Musiker“ umzuschubsen.

Jetzt geht es also durch den Eingang, und der Schunkler erweist sich als das, was Italiener Furbo nennen, einen Schlaufuchs. Er umrundet einfach die Schlange der Eintretenden und mogelt sich an den Anfang der Gruppe. Das ist Furbo: Immer andere austricksen, immer Löcher im System finden. Italiener können Furbos nicht leiden, bewundern sie aber dennoch insgeheim. Seine Aktion bringt ihm zwar nichts, aber das ist Furbo egal.

Eine Gruppe von bestimmt 70 Personen steigt nun hinab in die Grotta Castellana. Furbo und seine Freundin stehen ganz vorn und labern die Höhlenführerin zu, was den Start der Tour verzögert. Die Tour sei den beiden irgendwie zu lang, ob die Führerin das mal abkürzen könnte. So eine halbe Stunde würde ihnen gut passen. Die Nerven von dem Typen! Es gibt so Menschen, die denken, dass sich die ganze Welt nur um sie dreht. Ich hasse den Furbo inbrünstig. Zum Glück winkt die Höhlenführerin ab und meint, sie wird hier nach Stunden bezahlt.

Nach ewigem, umständlichen Rumgeeumele geht sie dann doch los, die schlechteste Tour, die ich je erlebt habe. Leider führt diese schlechteste aller Touren durch die zweitschönste aller Höhlen, die ich je gesehen habe. Fotografieren darf man leider nur in der Vorhöhle, nicht in der eigentlichen Höhle. Aber schon der Vorraum ist beeindruckend: Ein hoher Felsendom, dessen Decke eingestürzt ist. Durch das Loch scheint Licht hinab. Funfact: Die Leute hier in der Region kennen das Loch schon seit Ewigkeiten, und verwendeten es als Müllhalde. Erst 1938 kam jemand auf die Idee mal nachzugucken, ob darunter vielleicht noch eine Höhle ist.


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Reisetagebuch (8): Wenn der Regen Blasen wirft

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es nach Lecce, eine Frau wird hysterisch und ich erfinde die komplizierteste Methode der Welt um den den Ölstand zu messen.

27.06.2018
„Wenn der Regen Blasen wirft, ist er bald vorbei“, wird mehrfach in dem Buch „Herr Lehmann“ behauptet. Das fällt mir in dem Moment ein, wo die Fahrbahn nur noch aus Blasen zu bestehen scheint. Der Regen fällt mit solcher Heftigkeit in das Wasser, dass es aussieht, als ob die ganze Fahrbahn kocht und brodelt. Dann geht die Welt richtig unter, und die Sintflut schwappt über mir zusammen.

Tricase in Apulien.
Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0, Ort von mir.


„Schon 10 Tage schlechtes Wetter hier“, hatte am Vorabend Salvatore, der Kellner im „Grotta Matrona“ gesagt. „Aber morgen wird es besser, glaube ich.“

Nun, das Glauben hat nicht viel gebracht. Das denke ich schon am Morgen, als ich auf der Terrasse des Lavaturi frühstücke. Adelheid macht Omelette und zeigt mir dann, wie man es auf italienisch isst: Um eine Scheibe Brot gewickelt. Dazu gibt es frisches Obst aus dem Garten. Ich bin als erster am Frühstückstisch und zum Glück schon fast fertig, als die anderen Gäste eintreffen.

Die anderen, das sind zwei ältere Damen und ein Mann in den Siebzigern mit einem riesigen Schnäuzer im Gesicht. Offensichtlich wohlsituiert, aber anstrengend. Die Frauen sehen verhärmt aus und machen aus allem eine Wissenschaft und ein Drama. Schon als sie die winzige Knuddelkatz von Adelaide sehen, fängt eine der beiden an zu kreischen und zu zucken, die andere möchte über jedes Stück Obst diskutieren und genau wissen, wie Adelaide ihr Omelett macht.

Der Schnäuzermann ist dagegen ruhig und abgestumpft bis an den Rand der Debilität. Der kriegt nix mit. Das weiß ich, weil er gestern Abend plötzlich bei mir im Zimmer stand, während ich mich gerade umzog. Hat er halt nicht mitgekriegt, dass das nicht seins war. Und auch meine lauten Rufe „Signore! DAS HIER IST NICHT IHR ZIMMER“, nahm er lange nicht zur Kenntnis und war dann regelrecht erstaunt, als ich ihn am Arm packte und kurzerhand rauswarf.

Egal, die drei Vollpfosten bin ich ja gleich los. Ich verabschiede mich von Adelaide und trage die Koffer zur V-Strom, die die Nacht unter einem Pflaumenbaum verbracht hat. Dabei spüre ich erste Regentropfen auf dem Kopf. Nicht schon wieder. Egal. Los jetzt. 


Da ich die Grotta Zinzulusa, die einzige große Sehenswürdigkeit in dieser Gegend, gestern schon gemacht habe, fahre ich heute morgen einfach die Küstenstraße entlang nach Norden und um den Hacken Italiens herum. Die Straße ist schön geschwungen und bietet einige tolle Ausblicke.

Bild: Google Earth 2018

Was traumhaft sein könnte, artet schnell in Arbeit aus, denn es stürmt wie irre, und ich muss mich sehr auf´s Fahren konzentrieren. Meine Kopf-Jukebox spielt „Riders of the Storm“. Wie passend.

Bei Otranto halte ich an und mache einen kleinen Spaziergang an der Küste entlang. Der Wind peitscht das Meer gegen die Klippen, Gischt nebelt bis weit in die Landzunge hinein. Ich stehe kurz am Wasser und lasse mich vom Wind durchschütteln, dann gehe ich zurück zum Motorrad.

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Reisetagebuch (7): StormChaser

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute fällt der Tag ins Wasser.

Dienstag, 26.06.2018, Pomarico, Basilikata
Ein Fauchen und Rauschen weckt mich aus dem Schlaf. Uh, das hört sich aber gar nicht gut an. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt die Befürchtung: Es regnet, und die Bäume vor dem Haus werden von einem heftigen Sturm hin- und hergepeitscht.

Ein schnelles Frühstück später trage ich die Koffer zur V-Strom und mache dann die Vakuumrolle mit den Regensachen auf. Ist das erste Mal, das ich die auf dieser Fahrt brauche. Immerhin. Ein schlechter Tag kann gerne mal dabei sein.

Sorgfältig lege ich die „StormChaser“-Regenkombi an und ziehe die Riemen fest, dann streife ich die wasserdichten Handschuhe über. Jetzt kann es losgehen. Die V-Strom röhrt aus dem Unterstand, in dem sie die Nacht verbracht hat, und schlittert über den unbefestigten Hinterhof, der sich über Nacht in ein Schlammfeld verwandelt hat. Außerdem ist er übersät von Maschinenteilen: Alte Quads, Kühlmaschinen aus der Gastronomie und landwirtschaftliches Zeug in verschiedenen Stadien der Zerlegung stehen und liegen hier rum. Sieht mehr wie eine Müllhalde aus hier als wie ein Hotelbetrieb. Egal, das Colle di Siesto ist eine tolle Unterkunft, lass es doch unterm Sofa wie bei Hempels aussehen.

Dann geht es hinaus auf die Bergstraßen und runter von dem Felsmassiv, auf dem Pomarico liegt.


Bild: Google Earth 2018

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Von weiter unten kann ich den Berg sehen, auf dem der Gasthof liegt.

Der Himmel ist dunkel und der Regen wird immer stärker. Ich lasse das Garmin die Wettervorhersage für die geplante Route anzeigen. Die sieht so gemischt aus, leichte und schwere Schauer sollen sich abwechseln. Ich fahre erstmal weiter, ein Auge immer am Horizont. Der sieht dunkel aus.

Dann meldet sich meine virtuelle Copilotin im Helm. „Es wurden Meldungen für die aktuelle Route gefunden“, verkündet Anna und fängt an vorzulesen, was sie an Infos aus dem Netz gezogen hat. „Straßensperrung auf E90. Stau auf 5 Kilometern Länge auf Strada Statale 57. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Statale 57. Unfall auf Strada Provinziale 359. Der Verkehr wird einseitig umgeleitet, Staulänge 7 Kilometer. Unsicherer Fahrbahnzustand auf Strada Provinziale 359. Unfall auf…“ Ich breche die Tirade ab. Mittlerweile regnet es stark, und es ist so dunkel als wäre späte Dämmerung.

Ich lasse Anna das Wetterradar starten. Der Bildschirm im Cockpit der V-Strom springt von der Navigationsansicht auf eine Karte der Region um, über die sich langsam Wetterdaten legen, die die rudimentäre KI des Geräts aus dem aus dem Netz holt. Je nach Stärke des Niederschlags färbt sich die Karte ein. Blaue Einfärbungen sind Nieselregen, grüne und gelbe leichter bis mittlerer Regen, und so weiter. Die Umgebung auf der Karte glüht tiefrot, teilweise sogar lila! Offensichtlich ein Starkregengebiet, das über Tarent dreht – ausgerechnet der Stadt, in die ich jetzt eigentlich wollte.

Starkregen erklärt auch die etwas kryptische Meldung des „unsicheren Fahrbahnzustands“, die Anna so gehäuft gefunden hat. Die Straßen, die ich geplant hatte, sind nicht groß und vermutlich stark von LKW frequentiert. Das bedeutet: Spurrinnen und Gummiabrieb, dazu der Staub des süditalienischen Sommers. Das ergibt in Kombination mit Regen eine glitschige Mischung. Wenn dann die Fahrbahn noch mit Bitumen geflickt wird, hat sie ähnliche Reibwerte wie Glatteis. Die zahlreichen Unfälle auf der Strecke legen nahe, dass ich mit diesen Überlegungen nicht ganz falsch liege.

Nein, so ein Abenteuer brauche ich nicht. Ich lasse Anna alternative Wege zur heutigen Unterkunft suchen, und unter den drei Routen, die sie rechnet, ist auch eine, die über die großen und gut ausgebauten Strada Statales führt. Langweilig zu fahren, aber wenigstens sicher. Bei dem Wetter will ich nicht durch Orte und über kurvige und kaputte Regionalstraßen gurken. Bei so einem Wetter will ich mir auch nichts ansehen. Lieber liege ich den Rest des Tages in der Unterkunft auf dem Bett und lese, als das ich mir hier weiter den Regen um die Ohren klatschen lasse. Ich gebe Gas und steuere die Barocca zügig in das Regengebiet. Der Wind frischt weiter auf. “ So muss es sich anfühlen, durch einen Tropensturm zu fahren“, denke ich, während das Motorrad ordentlich durchgeschüttelt wird.
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Reisetagebuch Motorradtour (6): Mach Deine Hausaufgaben

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es durch die Basilicata, die V-Strom sprüht Funke, eine Straße geht steil und nebenbei werden die Lieblingswerkzeuge zu Reisevorbereitung vorgestellt.

Gott, bin ich müde! Beim Schreiben dieser Zeilen fallen mir die Augen zu. War aber auch ein langer Tag und vorher schon klar. Ich plane ja sowas. Intensiv. Always do your resarch, mach Deine Hausaufgaben! Je mehr Zeit man in die Vorbereitung investiert, desto weniger Stress hat man später, und umso mehr hat man von der Reise. Ich nehme mir damit keine Spontanität, ich steigere mit Planung die Intensität. Bis zur Erschöpfung.

25.06.2018, Monte Sant´Angelo, Apulien
Zwölf Stunden früher: Im Zimmer ramentert es, was mich aus dem Schlaf reisst. Ich bin nicht ganz sicher, ob mich das Ehepaar im Zimmer nebenan geweckt hat, das sich anscheinend über das Fernsehprogramm streitt, oder ob es das Wiesel ist, das seine verfilzte Nase in die Morgenluft über dem Golf von Manfredonia hält.

Zu meiner Überraschung hat sich die Geburtstagsgesellschaft, die bis spät in die Nacht vor meinem Hotelzimmer gefeiert hat, komplett aufgelöst und ist verschwunden. Im Frühstückssaal bin ich nämlich allein. Interessant, die die haben gefeiert bis in die Puppen, aber übernachtet hat hier anscheinend keiner der Partygäste.

Sind die etwa alle letzte Nacht noch besoffen nach Hause gefahren? Ich lasse die Kuchengabel fallen und renne vor´s Haus. Puh, die V-Strom steht noch in der Zufahrt des Parkplatzes, ohne einen Kratzer. Hätte mir noch gefehlt, das ein Partygast die Karre umfährt.

Zwischen Monte Sant´Angelo und meinem ersten Ziel an diesem Tag liegen nur 30 Kilometer. Es ist warm, und die V-Strom summt in einem Tal im Bergmassiv des Gargano entlang und zum nächsten größeren Ort. Die Gegend hier ist ziemlich verlassen, nur ein paar Schafe gucken dem Motorrad hinterher.

//BAROCCA_CAM 01

Bei dem Ort, zu dem ich nun will, handelt sich um San Giovanni Rotondo. Das ist eine kleine Stadt, aber einer der bekanntesten Orte Italiens. Kennt aber außerhalb des Landes kaum jemand. Solche Orte findet man, wenn man seine Hausaufgaben macht. So nenne ich die Vorbereitung einer Reise.

Von Monte Sant´Angelo im Osten nach San Giovanni Rotunda, rund 30 Kilometer.
Bild: Google Maps

Unter „Hausaufgaben machen“ gehört die Beschäftigung mit Land oder Region und den jeweiligen Eigenarten. Dabei helfen mir oft klassische Reiseführer, also gedruckte Bücher auf Papier(!). In den vergangenen Jahren haben sich aber auch Bild- und Fotobände bewährt, um Ziele zu finden, wo ich dann spontan sage: Da möchte ich hin!

Bei den elektronischen Medien nutze ich das bekannte Trip Advisor witzigerweise so gut wie gar nicht. Zu verschieden sind meine Vorlieben und die Empfehlungen der Masse, die Trip Advisor abbildet, darum finde ich nur selten Orte und Aktivitäten darin, die mich ansprechen.

Sehr cool und von mir gerne benutzt ist hingegen der Atlas Obscura, eine Sammlung von Orten, die von ungewöhnlich über skurril bis hin zu eklig reichen. Mein allerwichtigstes Planungstool ist Google Maps. Damit berechne ich nicht nur Etappen, damit suche ich auch, in der Satelitenansicht, nach interessanten Orten. Spätestens damit wäre mir San Giovanni Rotondo aufgefallen, denn mitten in dem Dorf steht das hier:

Bild: Google Maps 2018

Das will ich mir jetzt ansehen!

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Reisetagebuch Motorradtour (5): Das platte Land

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht es in den Mezzogiorno und in den Umbrawald, wo die Umbrahexen wohnen.

Sonntag, 24.06.2018, Hotel Tremonti, Popoli
Es ist kurz nach sechs, und die beiden alten Männer im Nebenraum ratschen wie die Waschweiber. Kaum sind sie wach, was leider sehr früh ist, quatschen sich die beiden eine Naht zusammen. Durch die Verbindungstür zwischen unseren Zimmern klingt es, als ob die beiden links und rechts an meinem Bett stehen und sich über mir unterhalten. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, das Gesabbel geht selbst durch die Ohrenstöpsel. Ich seufze, setze mich auf und blicke auf die Uhr. Scheiße. Ich wollte zwar früh los, aber doch nicht SO früh.

Als ich in den Frühstücksraum komme, wartet die nächste unangenehme Überraschung. Trotz der frühen Uhrzeit ist das Buffet schon leergefressen. Die Buslandung Rentner, die gestern Abend eingetroffen ist, hat sich wie ein Schwarm Heuschrecken darüber hergemacht und in Rekordzeit alles vertilgt. Jetzt stehen überall widerlich gutgelaunte, sportlich aktive und in Membranklamotten eingeschweißte Senioren herum und schnattern. Mißmutig ignoriere ich die letzten Kuchenkrümel, die wie die Überbleibsel eines Schlachtfelds auf verwüsteten Tellern herumliegen, nehme mir einen Espresso, stürze den runter und trage dann die Koffer zum Motorrad.

Sofort steht eine Traube Senioren um das Motorrad und inspiziert meine Startvorbereitungen. Ich lasse mich davon nicht aus der Ruhe bringen und gehe meine Pre-Start Checkliste durch.

Koffer fest in Halterung und gesichert? – Check.
Topcase verschlossen und fest in Halterung? – Check.
Bremsscheibenschloss ab? – Check.
Navi fest in Halterung? – Check.
Helm eingeschaltet? – Check.
Jacke geschlossen und Kalibrierung läuft? – Check.
Handy, Portemonnaie, Schlüssel und Tracker sind alle da und stecken in den richtigen Taschen? – Check.

Jeder Handgriff sitzt, kein prüfender Blick ist überflüssig. Ich brauche dieses bewusste Durchgehen, nur für mich selbst. Wenn ich jetzt nicht bewusst diese Sachen prüfe, werde ich spätestens nach einem Kilometer auf der Straße denken „Sitzt das Topcase WIRKLICH fest?“ oder „Habe ich den Schlüssel wirklich dabei?“ – und dann werde ich wieder anhalten, absteigen und nachgucken. Besser jetzt all dieser Sachen versichern und beruhigt losfahren.

Ich lasse den Motor an und hebe das Motorrad vom Ständer.

Seitenständer weg? – Check.
Navi läuft und Route für heute ist geladen? – Check.
Bluetoothverbindungen zwischen Motorrad, Navi und Helm stehen? – Check.
Jacke ist kalibriert und Airbagsystem läuft? -Check.
Reifendruck OK? – Meeep, nein.

Anna meldet sich in meinem Helm. Der Reifendruck ist zu niedrig, signalisiert sie. Ich ignoriere das und fahre los, steuere um die Absperrung der Hoteleinfahrt und lasse die Aktivsenioren hinter mit zurück.

Das mit dem Reifendruck ist OK so. Ich habe den eingestellt als draußen 25 Grad waren. Diese Temperaturen werden ich in den kommenden Tagen auch wieder erleben. Aber heute Morgen, hier oben in den Bergen, haben wir gerade 10 Grad. Da darf der Druck etwas zu niedrig sein. Sobald ich aus den Bergen raus bin und es wieder wärmer wird, passt alles wieder.

Popoli liegt zwar nur 250 Meter über dem Meeresspiegel, aber in den Ausläufern der Abbruzzen, des großen Gebirges in der Mitte Italiens. Karte: Wikimedia, Nutzer NordNordWest, CC BY-SA 3.0

Ich gebe Gas und fahre die Staatsstraße Richtung Pescara. Das Navi besteht darauf, auf die Autobahn zu wollen, aber ich bleibe stur auf der SS05. Das beschert uns schöne Anblicke von Weinbergen und eine nette Kurverei. „Sie befinden sich nicht auf der schnellsten Route. Bitte wenden sie“, nörgelt mir die virtuelle Copilotin ins Ohr. „Anna, sie haben eindeutig zu wenig Sinn für Romantik“, erwidere ich und ziehe die V-Strom der Morgensonne entgegen.

//BAROCCA CAM01

Immer neben der Autobahn her: Kurvige und schöne Staatsstraße. Bild: Google Earth 2018.

Vor Pescara biege ich ab. Jetzt geht es nach Süden, die Küste hinunter.

Bild: Google Earth 2018.

Das macht so mittelviel Freude, wie fast überall in Italien ist auch hier die Küste so eng bebaut, das man vom Meer nur selten etwas sieht. Dafür fährt man an endlosen Reihen von Restaurants und Fertighäusern vorbei. Aber manchmal blitzt doch das Meer zwischen ihnen durch, und dann fühlt sich das hier auch an wie eine Küstenstraße.

Bei Marina di San Vito halte ich an und stelle die Barocca an der Strandpromenade ab.


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Reisetagebuch Motorradtour (4): Ich war im Himmel, dort ist es sehr kalt

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Nach einer Woche Pause geht es heute weiter, in einer Gewalttour von der nördlichen Toskana bis hinter die Abbruzzen.

Samstag, 23.06.2018
Und dann ist die Woche auf I Papaveri schon wieder vorbei. Sieben Tage lang „Alls kann, nichts muss“. Sieben Tage, in denen ich hauptsächlich am Strand rumlag, ein wenig Motorradfahren geübt und ansonsten nichts getan habe, aber das bei strahlendem Wetter. Jetzt packe ich meine Sachen zusammen und verstaue sie sorgfältig in den Seitenkoffern. Die Koffer werden in die Kofferhalter am Motorrad eingeklickt, und dann mit Rok Straps gesichert. Die Gurte sind neu, eine Last Minute Ergänzung vor der Abreise.

Givi Koffer, hatte ich immer gedacht, können schon aufgrund ihrer genialen, selbstsicherenden Konstruktion gar nicht währen der Fahrt abhanden kommen. Bis X-Fish mich eines bessern belehrte, anscheinend ist es unter gewissen Umständen doch möglich, Givis zu verlieren.

Ob das nun stimmt oder nicht spielt keine Rolle: Die neuen Gurte geben mir mehr Sicherheit. Ich muss nun auf Rumpelstrecken nicht dauernd in die Rückspiegel gucken, ob das Gepäck noch da ist. Und da die Gurte am Motorrad bleiben, macht die zusätzliche Sicherung wenig Aufwand, und ich kann sie sogar verwenden, um damit Dinge auf der Sitzbank festzuzurren.

Es ist Samstag, und schon um kurz vor Sieben steht die Barocca fertig beladen vor dem Tor.

Ein kurzer Blick zurück, dann geht es los. Von Franca und Licio habe ich mich gestern schon verabschiedet. Die alten Herrschaften sind zwar Frühaufsteher, aber so früh dann doch nicht. Freiwillig wäre ich auch nicht um 6 Uhr aufgestanden, aber nach einer Woche Stillstand liegt heute eine lange Reiseetappe vor mir. Die ist selbst nach meinen Maßstäben ordentlich.

Das frühe Unterwegs sein hat noch einen anderen Nebeneffekt: Um diese Zeit ist es noch nicht so brütend heiß, dass macht es einfacher, die fast leere SS01 zu fahren. Parallel zu Küste geht es nach Süden, 130 Kilometer, an Grossetto vorbei und auf der Höhe von Capalbio von der Schnellstraße runter und ins Landesinnere.

Es ist sehr stürmisch, und die Fahrt dementsprechend unruhig. Immer wieder wird die Barocca von Windböen gepackt und durchgeschüttelt. Die große Maschine bietet dem Sturm ordentliche Angriffsflächen, bleibt aber immer beherrschbar. Dunkle Wolkenbänder ziehen über den Himmel, aber regnen tut es zum Glück nicht.

Sonnig, aber stürmisch.

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Motorradsaison 2018: Die Top 5

Am Ende einer Saison ist es immer ganz gut, mal kurz inne zu halten und zu reflektieren: Was hat in Sachen Motorrad, Reisen und Ausrüstung gut funktioniert, was war ärgerlich und wird besser ausgetauscht?

In diesem Jahr lag mein Schwerpunkt eher auf der Erneuerung meiner Schutzausrüstung als auf Basteleien an den Maschinen, dementsprechend sind die Listen sehr Textillastig. (hier die Flop 5)

Heute: Die Top 5

5. Flexible Wäscheleine

Zwei vertüddelte Gummibänder mit Haken an den Enden, das ist alles. Dieses Simpelding hat mir auf den letzten Reisen viel Freude bereitet.

In die verdrehten Gummisehnen kann man die Wäsche direkt einklemmen, man braucht keine Wäscheklammern. Dadurch, dass ich nun unterwegs mehr trocknen kann, muss ich noch weniger Klamotten mitnehmen. Völlig super. Auf dem Bild ist noch die Bungee Clothesline von Coghlans zu sehen, mittlerweile nehme ich aber eine von Pearl mit. Die ist leichter und nimmt weniger Platz weg, außerdem liegt ein Universalstöpsel für Waschbecken bei. Für 6,90 Euro die beste Anschaffung des Jahres.

4. „Adventurescheibe“ von Powerbronze

Die V-Strom ist ein tolles Motorrad, aber nicht ohne Probleme. Sie ist groß, und man sitzt mehr in als auf ihr. Die Kanzel ist meterweit weg, und dadurch gibt es Luftwirbel, die dem Fahrer auf den Helm ballern. Das gibt Kopfschmerzen und taube Ohren. Die meisten V-Strom-Fahrer nutzen deshalb schrankwandgroße Scheiben von Drittanbietern, hinter denen es windstill ist. Das sieht nicht nur seltsam aus, sondern verhindert auch zuverlässig die Belüftung des Helms.

Mein Bestreben war es deshalb, eine Scheibe zu finden, die den Windstrom über die Schultern, aber unter dem Helm durchleitet. Nach mehreren Fehlversuchen mit Sportscheibe und Originalscheiben habe ich nun die ideale Scheibe für mich gefunden: Die Adventurescheibe der britischen Manufaktur Powerbronze. Extra für mich gemacht und importiert. Leider nicht besonders kratzfest, aber von der Form her genau das, was ich wollte. Die kurze Scheibe ist sicher nicht für jeden was, zumal nun auch das Navi ungeschützt dem Regen ausgesetzt ist, aber für mich und in wärmeren Gefilden genau das Richtige. Danke für den Tip, Leser DL650R.

3. Alpine Stars Tech Air

Hä? Die Alpine Stars Airbagjacke taucht doch auch in den Flop 5 auf, odr? Stimmt. Sie ist schwer, für Reisen kaum zu gebrauchen und meine hatte nach einigen Wochen Fehler. Aber: Es ist eine f…ing Jacke mit einem rundum-Airbag! Sie ist völlig autark: Kein Rumfummeln mit Reissleinen, keine Anbauteile am Motorrad. Wenn die Kalibrierung funktioniert, tut sie das so zuverlässig, dass man völlig vergisst, was man da trägt. Während der Fahrt sowieso, und wenn man nicht gerade bei 30 Grad auf Berge klettert, ist sie völlig OK. Dazu kommt die exzellente Verarbeitung der Jacke an sich sowie die Tatsache, dass sie der Airbag auch in andere Alpine Stars-Jacken einklippen lässt. Verdienter dritter Platz.

2. Vanucci VC1 Handschuhe

Absolut wasserdicht, leicht, so gefüttert, dass sie zwischen 5 und 20 Grad nutzbar sind. Die neuen sind ein wenig steifer als die Vorgänger, aber das kann auch daran liegen, dass ich die alten acht Jahe lang getragen habe.

1. Daytona Touring Star GTX

Jeder ernsthafte Moppedfahrer schwört auf Daytonas, die Stiefel aus der gleichnamigen Manufaktur in Bayern. Ein Daytona-Stiefel besteht aus bis zu 185 Einzelteilen, die per Hand zusammengebaut werden. Die Stiefel haben eine Metallplatte in der Sohle und sind absolut wasserdicht. Geht ein Stiefel kaputt, auch nach Jahren, kann man den einschicken, und Mitarbeiter von Daytona versuchen den nach der eigentlichen Arbeitszeit in Handarbeit zu reparieren.

Als ich mit dem Motorradfahren wieder anfing, waren mir Daytonas viel zu teuer. Dann musste ich von Nürnberg mit den Füßen in eiskaltem Wasser fahren und erkannte, dass Napoleon recht hatte: Es gibt kaum etwas wichtigeres als trockene und warme Füße! Die Alpine Stars Web Goretex war danach meine erste Wahl, weil die sicher, leicht und wasserdicht waren. Die kaufte ich dann 2016 noch einmal, weil mir wegen einer Fuß-OP andere Stiefel nicht passten. Leider ist die Alpine Stars Qualität nicht mehr so supi, und deswegen sind es nun Daytonas geworden, der Touringstar GTX von Louis, der Baugleich ist mit dem normalen Road Star GTX. Erster Eindruck: Geil. Fest, wertig, ein echter Kracher. Auch kilometerweit durch Städte laufen geht damit, auch wenn sie deutlich schwerer sind als die Alpine Stars und so steif, das es irgendwann Blasen gibt. Aber vielleicht ändert sich das noch.

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Reisetagebuch Motorradtour 2018 (3): Interludium

Silencer ist mit dem Motorrad auf Sommertour. Eigentlich. Heute gibt es eine Unterbrechung.

17.-22.06.2018, „I Papaveri“, San Vincenzo
Eine Woche werde ich auf I Papaveri sein. Ging nicht anders, so kurz vor der Hauptsaison vermieten Licio und Franca ihr Appartement „La Conchiglia“ nur noch wochenweise. Fand ich erst ein wenig doof, weil ich dieses Mal gerne nur kurz Zwischenstation hier gemacht hätte. Drei, vier Tage Pause würden reichen, dachte ich.

Denkste.

Mein Körper sagt jetzt etwas anderes. Er erinnert mich daran, wie anstrengend die letzten Monate waren, und dass es gerade alles genug war und ein wenig Ruhe nicht schlecht wäre. Ich gebe dem nach, und bevor ich mich versehe, schlafe und schlafe und schlafe ich.

Ich schlafe morgens lange und quäle mich erst gegen Mittag aus dem Bett, dann fahre ich an den Strand im Nachbarort Castagneto Carducci. Kaum dort angekommen und einmal ins Wasser gehüpft, schlafe ich unter dem Sonnenschirm ein.

Wieder auf I Papaveri bin ich so kaputt, dass ich auf der Couch einschlafe. Dabei träume ich oft und viel und am Anfang von der Arbeit, aber das wird immer weniger. Es ist, als ob ich den Stress der letzten Monate im Unterbewusstsein aufarbeite und wegschlafe.

Wenn ich wach bin, mache ich nur profane Dinge, wie zum Markt fahren und einkaufen oder kochen oder lesen.

Kochen ja, aber nichts Aufwendiges.

Anfangs kommt mir das ein wenig wie Verschwendung vor. Ich habe Urlaub, bin mit dem Motorrad in Italien, und was tue ich? Pennen und Hausarbeit. Erst langsam dämmert mir, dass ich diese Ruhe bitter nötig habe. In den vergangenen Wochen fühlte ich mich oft schlagartig hohl und leer, und in diese Leere schlichen sich Traurigkeit und ein tiefes Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweifelung.

Für diese Gefühle gab es objektiv keinerlei Grund, privat und auf der Arbeit läuft alles super, und dennoch kamen diese Attacken aus dem Nichts immer häufiger. Jedes Mal hatte ich trotzig die Lippen zusammengepresst und die Traurigkeit Mal um Mal beiseite geschoben. Aber oft genug hätte ich einfach losweinen können. Dazu kam die andauernde Müdigkeit. Das ganze erste Halbjahr war ich müde und kraftlos und musste mich oft zusammenreissen, um morgens überhaupt aufzustehen.

So ein Mix aus tiefer Erschöpfung und den Gefühlen von Hoffnungslosigkeit, Leere und Trauer gibt es in der geistigen Welt jedes Menschen. Es ist die Grenze zwischen normalem und zu viel Stress. Ich stelle es mir wie ein graues Band vor, das in der Peripherie lauert, ganz am Rand der eigenen Wahrnehmung. Wenn ich dauerhaft Stress ausgesetzt bin, wächst das graue Band, es wird breiter und verengt erst meinen Blick, dann mein Leben.

Am Ende schaue ich wie mit einem Tunnelblick in die Welt. Das ist natürlich nicht gesund, aber das Schlimme ist: Ich merke das manchmal nicht. Dann sagt mir mein Körper irgendwann, dass es jetzt reicht. Ich werde zwar so gut wie nie krank, aber wenn ich sowas passiert wie die Panikattacke neulich, dann weiß ich: Jetzt ist das Limit erreicht, noch Bißchen weiter, und ich bin über die Grenze. Soweit war es jetzt zum Glück noch nicht, aber an dieser Grenze war ich viel zu dicht und ungesund lange.

Aaah, schwimmen im Meer.

Ab dem dritten Tag fühle ich mich fitter und schlafe weniger. Jetzt schwimme ich viel im Meer, und das warme Wasser und die Wellen spülen über meinen Körper. Jeder Schwimmzug wäscht die Gedanken und Sorgen, die Traumfetzen und die Verspannungen Stück für Stück weg. Ich muss an nichts denken, niemand zwingt mich irgend etwas zu tun. Entscheiden muss ich nur, was es heute zum Abendessen gibt.

Jedes Mal, wenn ich aus dem Wasser steige, bin ich ein Bißchen mehr wieder ich selbst. Ich finde meine Ruhe wieder, und mein Selbstvertrauen, und meine Souveränität wieder.

Wie ich dieses Wetter genieße! In den vergangenen drei Jahren war das Wetter in San Vincenzo immer schlecht, wenn ich hier war, nun ist es fantastisch: Bei fast 30 Grad brennt die Sonne herab, aber am Strand wird die Hitze durch eine angenehme Brise erträglich, und das Appartement ist auch kühl.

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