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Archiv der Kategorie: Motorrad

V-Strom (3): Schutz & Scheibe

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In lockerer Folge werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt.

Sturzbügel
Endlich wieder ein Sturzbügel! Mögen viele ja nicht, wegen Ästhetik und so, aber da kann man bei der V-Strom ja eh nicht viel versauen. Ich muss aber zugeben: Ich stehe total auf Sturzbügel. Hatte ich schon an der 450er Honda, und der hat mir bei zwei Stürzen das Bein gerettet und die Maschine vor Schaden bewahrt. Wegen der Vollverkleidung passte kein Sturzbügel an die ZZR 600, deshalb hat die Maschine Sturzpads. Aber in so einen richtigen Rohrrahmen habe ich mehr Vertrauen als in einen Metallpilz.

Als ich sie gekauft habe, hatte die V-Strom einen Sturzbügel aus dem Suzuki-Zubehörprogramm. Der ist ziemlich winzig.

Sturzbügelchen von Suzuki. Doof.

Albrecht merkte an, dass der im Falle eines Umfalls oder Sturzes lediglich den Motor schützt, während der Tank und das Bein des Fahres in Mitleidenschaft gezogen wird. Recht hat er, der Albrecht, zahllose V-Strom-Besitzer mit zerstörten Tanks und Verkleidungen können da ein Lied von singen! Also ab mit dem Suzuki-Mist und stattdessen einen Sturzbügel verbaut, der den Namen auch verdient. Sieht ein wenig martialisch aus, aber der neue Sturzbügel von Givi bietet wirklich die beste Schutzwirkung.

Martialisch: Struzbügel von Givi.


Unterfahrschutz

Die V-Strom ist kein Geländemotorrad, in erster Linie wegen fehlender Bodenfreiheit. Nun bin schon öfter ungewollt in Situationen gekommen, wo ich über Felsen oder Absätze huppeln musste. Macht man das mit der V-Strom, kann man sich dabei den Kühler beschädigen oder den Ölfilter abreissen. Die sind nämlich etwas seltsam, direkt hinter dem Vorderrad, positioniert.

FKK: Kühler und Ölfilter baumeln nackig im Wind.

Deswegen verkaufen sich Motorschutzbleche so gut. Leider passen weder die originalen noch die von Drittherstellern mit den Sturzbügeln von Givi zusammen. Die Lösung: Handarbeit.

Marselus, eine Manufaktur in Tschechien, baut auf Anfrage Zubehörteile für die V-Strom – auch einen Motorschutz, der direkt am Givi-Sturzbügel montiert werden kann.

War ein wenig seltsam, auf einer tschechischen Seite nur nach Bild was zu bestellen, aber der darauffolgende Mailkontakt war sehr nett, und 14 Tage nach Bestellung kam das Stück hier an.

Lasergschnittenes, dickes Aluminium, handgeschweißt, pulverbeschichtet und perfekt passend. Ein wirklich schönes Stück Handwerkskunst, bei dem es ob seiner WErtigkeit schon Freude bereitet, es zu berühren.

Vorn wird es am Sturzbügel montiert, hinten an den Schrauben von Seitenständer und Auspuffhalterung. Damit ist der Motor rundum geschützt, und wenn man doch mal dran muss, kann man den Korb durch das Lösen von vier Schrauben abnehmen.

Sportscheibe
Als ich die V-Strom bekam, trug sie eine riesige Tourenscheibe mit einem zusätzlichen Spoiler oben drauf. Das Ding war so hoch, dass die Kante und der Spoiler direkt in meinem Blickfeld war, totzdem hatte ich Verwirbelungen am Helm. Dasist bei den V-Stroms ein bekanntes und echtes Problem: Hinter der hohen Scheibe gibt es Wirbel, die einem bei höheren Geschwindigkeiten den Helm nach links und rechts reißen oder Luftwellen, die direkt auf den Kopf ballern. Im Schlimmsten Fall gibt das ein verwackeltes Seefeld und Kopfschmerzen beim Fahrer. Das ist der Grund, weshalb man V-Stroms so gut wie nie mit der Originalscheibe sieht.

Viele Fahrer bauen nun riesige Tourenscheiben an, hinter denen sie komplett vor Wind und Wetter geschützt sind. Das wirft aber gleich mehrere Probleme auf. Zum einen wird die Maschine anfällig für Wind und maacht dann u.U. Pendelbewegungen, zum anderen muss man als Fahrer durch die Scheibe schauen oder hat zumindest die Kante im Blickfeld. Besonders unangenehm bei Reisen in warme Länder: Der Helm wird nicht mehr belüftet, weil der Luftstrom von vorne fehlt.

Eine Schrankwandgroße Scheibe ist nicht mein Ding. M.E. besteht der Sinn einer Scheibe am Mopped NICHT darin, den Fahrer vollflächig vor Wind und Regen zu schützen. Nein, normalerweise dient die Scheibe der Minderung des Windrucks auf der Brust, während der Helm frei im Windstrom liegt. Also weg mit der zu hohen Toruenscheibe und auf Ebay eine Originalscheibe zum Testen gekauft. Die ist aber auch recht hoch und produziert Wirbel.

Glücklicherweise fand sich in Wien eine gebrauchte Sportscheibe. Die Dinger sind selten, weil Suzuki sie nur kurz im Programm hatte. Unverständlich, denn sie erfüllt ihren Zweck nicht nur besser als die Standardscheibe, sondern sieht dabei auch noch cool aus!

Sportscheibe vs. Standardscheibe.

Problem war nur: Der Winkel stimmte nicht. Auch die Sportscheibe produzierte Luftwirbel. Aber auch da gibt es was, wenn man bereit ist, die Extrameile zu gehen.

Madstad-Scheibenhalter

Der Originalscheibenhalter lässt eine Verstellung der Scheibe in der Höhe zu, in zwei festen Positionen. Glücklicherweise gibt es Mark Stadnyk. der fährt selbst eine V-Strom und hat 2006 eine Scheibenhalterung zurechtgetüfelt, die super verstellbar ist und Luftwirbel durch andere Neigungswinkel eliminiert.

Mark produziert diese Halterungen in einer kleinen Manufaktur „Madstad“ in Brooksville, Florida, und von dort haben sie ihren Weg an meine V-Strom gefunden (nach einem wochenlangen Irrweg von Fort Worth, Miami und den deutschen Zoll).

Aus den USA importiert: Scheibenhalterung.

Höhe und Winkel der Scheibe lassen sich über zwei Rändelschrauben schnell einstellen, damit sollten Windböen der Vergangenheit angehören. Jetzt muss ich nur noch die richtige Einstellung finden.
Man munkelt übrigens in düsteren Forenecken, dass der Madstad-Scheibenhalter nicht an deutschen Moppeds montiert sein darf, weil er keine E- oder KBA-Nummer hat. Ich habe mal direkt den Dekra-Prüfer gefragt. Antwort: Das Ding braucht weder eine Zulassungsnummr noch eine Einzelabnahme, weil es nicht Sicherheitsrelevant ist oder die Fahreigenschaften ändert.

Wo ich gerade am Tauschen der Scheiben war, habe ich den den vorderen Halter Neodym-Magnete eingeklebt.

Die sieht man nicht, wenn das Teil montiert ist…

…aber eine passende Hülle für Parkscheine klebt bombenfest daran:

Und ja, das wird nötig sein. Die Frau Strom hat nämlich einen dicken Hintern und ist fast so breit wie ein Twingo. Sowas parkt man nicht unauffällig auf einem Fußweg, die wird schon mal auf kostenpflichtigen Parkplätzen stehen müssen.

 
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Verfasst von - 24. Mai 2017 in Motorrad

 

V-Strom (2): Fahrwerk, Ständer, Kettenöler

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In lockerer Folge werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt.

Tieferlegung
Die Frau Strom ist GROSS, wirklich groß. Ich nicht. Um mal zu zeigen wie groß die Schwarze ist, hier mal ein Vergleichsbild neben der Renaissance.

Ich habe zwar lange Beine, aber für mehr als einen Fuß auf dem Boden reichte es nicht. Das genügt zwar um an einer roten Ampel nicht umzufallen, ist aber zu wenig, um die Kiste rückwärts aus einem geschotterten Parkplatz zu schieben. Deshalb wurde eine Tieferlegung von Alphatechnik verbaut. Diese Teile hier sind Umlenkhebel, die 37mm länger sind als die Standardteile.

Die Hebel ziehen das Motorrad hinten 30mm weiter runter. Vorne wird die Gabel 0,8mm durchgesteckt. Hört sich alles nach nicht viel an, aber es aus, dass ich mit beiden Füßen an den Boden und ohne Leiter auf die V-Strom komme. Preis der Freiheit: Der Seitenständer musste auseinandergeflext, um 20mm gekürzt und wieder zusammengeschweißt werden.

Ständer
Ein Hauptständer ist eigentlich unverzichtbar bei einer Reisemaschine, wenn man den Hinterreifen wechseln oder flicken muss die Ketten schmieren will. Doof: Die Strom hat sowas serienmäßig nicht. Nett: Der Vorbesitzer hatte einen Original-Hauptständer nachgerüstet. Doppeldoof: Durch die Tieferlegung war der nicht mehr zu gebrauchen, und in Kurven schrappte er auch noch schnell über den Asphalt. Die Funkenspur sieht zwar beeindruckend aus, ich brauch sowas aber nicht. Also ab mit dem Hauptständer.

Ich kann mich noch dran erinnern: Das erste Mal ganz bewusst habe ich die DL 650 wahrgenommen, als eine polnische V-Strom vor I Papaveri stand. Aufgefallen ist mir die Kiste wegen der Fußverbreiterung, die auf den Seitenständer aufgesteckt war. Sowas wollte ich auch! Gab es aber leider für die Kawasaki nicht. Jetzt habe ich eine, aus Alu gelasert.

Es kommt nämlich relativ häufig vor, dass ich auf Schotter, Rasen oder anderen, unfesten Untergründen parken muss. Dann sinkt der Seitenständer ein. Für die ZZR hatte ich eine Platte zum Unterlegen dabei, für die V-Strom gibt es aber was Besseres in Form des „Elefantenfußes“.

Ein Hauptständer wäre zwar praktisch, aber für Reifenpannen gibt es immer einen Service in der Nähe, und zum Ketten schmieren gibt es einfachere Methoden:

CLS-Kettenöler

Heiko Höbelt ist ein Tütfler. Seit Jahren baut er immer neue Versionen seines Chain Lube Systems (CLS), einem verschleißfreien Kettenschmiersystem. Mototorradketten müssen dauernd gereinigt und gefettet werden, sonst sehen sie schnell aus wie auf dem Bild oben: Rostig und dreckig. Abhilfe schaffen Kettenöler, das sind Konstruktionen, die die Kette autmatisch ölen.

Die ZZR hatte ein unterdruckgesteuertes Kettenölsystem von Scottoiler verbaut. Das kennt nur zwei Einstellungen: Ventil auf oder Ventil zu. Da sich die Viskosität des Öls in Abhängigkeit von der Außentemperatur zwischen 5 und 25 Grad Celsius um bis zu 400% ändert, muss man die Durchflussmenge ständig per Hand nachjustieren, über eine Rad unter der Sitzbank. Macht man natürlich nicht, mit dem Resultat, dass bei warmem Wetter so viel Öl auf die Kette läuft, dass es überall hin geschleudert wird: Auf die Felgen, in die Verkleidung, sogar am Nummernschild kleben an warmen Tagen schwarze Tropfen.

Die Pumpe, die Höbelt erfunden hat.

Display und Tank.

Bei Heiko Höbelts CLS ist das anders. Hier sitzt eine Pumpe in der Seitenverkleidung, die immer genau einen Tropfen in die Ölleitung drückt, egal wie viskos das ist. Trotzdem kann man das System regeln, über ein Display am Lenker. So lässt sich der Ölfluss erhöhen, wenn man z.B. im Regen oder in staubiger Umgebung unterwegs ist. Das System klemmt direkt an der Batterie und springt nur an, wenn es merkt, dass die Lichtmaschine Strom zuliefert, also der Motor läuft. Genial! – So spart man sich rumfuckelei mit Relais und ähnlichem.

Die Steuerelektronik ist in der linken Seitenverkleidung versteckt.

Der Öltank ist unter der Sitzbank angebracht. Eine Füllung reicht für 16.000 Kilometer.

Display mit Folientasten zum Einstellen der Ölmenge.

Die Pumpe sitzt in der rechten Seitenverkleidung.

Als Effekt muss man die Kette nie wieder von Hand schmieren, sie hält wesentlich länger, und putzen muss man sie auch nie. Dieser Komfort hat seinen Preis. So ein elektronisches CLS kostet 270 Euro, ein unterdruckgesteuerter Scottoiler der Marke Dreckschleuder ist dagegen für 100 Euro zu haben. Aber nach der Schweinerei an der ZZR in den letzten Jahren muss ich sagen: Nie wieder. Dank des Höbeltschen Erfindungsgeists bleibt die V-Strom sauber.

 
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Verfasst von - 23. Mai 2017 in Motorrad

 

Fernreisetauglich 2017: V-Strom

„This Girl ist going Places“

Es gibt kaum einen schlechteren Zeitpunkt für den Kauf eines Motorrad als mitten im Winter. Ich habe es trotzdem getan, seit Ende Februar gehört mit eine sechs Jahre alte Suzuki V-Strom. In den vergangenen Wochen wurde heftig an der gebaut, ihr erste große Reise mit mir als Fahrer startet in Kürze.

Dabei hat die V-Strom schon einiges hinter sich, aber dazu später mehr.

Die Renaissance, meine treue Kawasaki ZZR 600, hat mich nie enttäuscht. Aber nach fünf Jahren, in denen wir gemeinsam wochenlang kreuz und quer durch Europa gekurvt sind, haben sich meine Ansprüche etwas verschoben. Es gibt Strecken, die ich mit der ZZR nicht fahren und Orte, die ich mit ihr nicht oder nur unter Schmerzen erreichen kann. Schon jetzt hat die Sporttourerin mehr gesehen und mitgemacht als die meisten „Adventurebikes“. Aber ich kenne inzwischen auch ihre Grenzen und meine Wünsche sehr genau. Auf meiner Wunschliste stand ein weicheres Fahrwerk, eine andere Sitzhaltung und ABS. Genau das bringt die V-Strom von Haus aus mit.

Die DL 650 V-Strom wird von Suzuki gerne als „Sport-Enduro-Tourer“ vermarktet. Das ist ziemlicher Quatsch, denn die Maschine taugt weder im echten Gelände, noch ist sie besonders sportlich. Der Marketingquark zeigt aber recht gut, wie schwierig das Motorrad zu verorten ist. Denn wenn sie eines ist, dann vielseitig. Das lässt sicher aber leider im Pitch nicht auf einen Unique Selling Point runterbrechen.

Meine V-Strom ist eine der Letzten (L0) der WVB1-Reihe, die von 2004 bis 2010 fast unverändert gebaut wurde. Gängiger Konsens ist, dass das Design als hässlich empfunden wird. Zu bollerig kommt sie daher, zu glubschig die Scheinwerfer, zu zerklüftet die Front, zu breit das Heck. Erst die 2012er-Maschinen brachten gefälligere Maße und augenschmeichelndere Formen mit, laufen etwas ruhiger und verbrauchen noch weniger.

Aber das Aussehen ist Geschmacksfrage und war mir in dem Fall nicht die Mehrausgabe von mehreren Tausend Euro wert. Denn V-Stroms sind vergleichsweise günstig in der Anschaffung, bei Gebrauchtmaschinen sinkt aber der Wert irgendwann nicht mehr – was auch für die Haltbarkeit und Zuverlässigkeit spricht.

Nein, um Design ging es mit nicht. Was mir wichtig war: Reisetauglichkeit, Wartungsfreundlichkeit und eine robuste Ignoranz gegenüber dem Untergund (Fahren auf Schotter oder umbrischen Straßen, was in etwa einer Fahrt auf einem Truppenübungsplatz entspricht).

Tatsächlich ist die V-Strom eine bequeme, agile Reisemaschine. Anders als auf Sportmaschinen, auf denen man eher kauert, thront man auf der V-Strom geradezu. Für mich war es erst einmal ungewohnt wieviel Motorrad ich plötzlich um mich rum hatte. Zum Vergleich: Bei der ZZR endet das Windschild, die Frontscheibe, direkt vor meiner Nase, ich gucke direkt auf den Sphalt und die Spiegel sind unterhalb der Sichtlinie. Bei der V-Strom ist das Windschild eine ganze Armeslänge entfernt, und DAVOR geht die Maschine noch weiter. Die Frau Strom ist wirklich groß. Nicht umsonst wird sie gerne von Menschen mit 1,90 Körpergröße gefahren, die passen da nämlich prima drauf.

Auch für kleinere Menschen ist die aufrechte Sitzhaltung gelenkschonend, und das weiche Fahrwerk mit den großen Rädern schluckt Unebenheiten und Schlaglöcher bequem weg. Gleichzeitig ist sie in Kurven aber wieselflink und handlich, was zumindest ich ihr so gar nicht zutraut hätte. Ohne große Übung erreiche ich mit der Strom Schräglagen, die ich so mit der ZZR nicht ohne Weiteres hinbekomme.

Ungewohnt sind auch Verarbeitungsqualität und Getriebe. Während die V-Strom in Sachen Passform und Materialqualität, insbesondere der Kunststoffteile, weit hinter der 8 Jahre älteren Kawasaki hinterherhängt, ist das Getriebe ein Traum. Da klappert und hakelt nichts, die Gänge gleiten einfach so rein. Herrlich.

So geschmeidig das Getriebe ist, so bollerig ist der Motor. Der Zweizylinder röhrt und vibriert wie ein Trecker, zumindest im direkten Vergleich mit dem geschmeidigen Vierzylinder der Kawa. Das muss man ihm aber nachsehen, dafür ist er zuverlässig und glänzt er mit niedrigem Verbrauch. In Kombination mit dem 22 Liter großen Tankvolumen reicht eine Füllung für 400 Kilometer, in der Theorie sogar 500. Zum Vergleich: Mit der ZZR ist bei 250 bis max. 300 km Schluss, mit der muss ich manchmal drei Mal am Tag an die Tankstelle. Dafür bringt der V-Strom-Motor mit 69 PS wesentlich weniger Leistung, was sich sowohl in der Beschleunigung, als auch bei der Höchstgeschwindigkeit bemerkbar macht. Bei Tempo 180 ist Feierabend. Das spielt aber auf Reisen keine große Rolle. Schneller als 130 fahre ich mit Koffern dran eh selten, und bis dahin springt die Strom schnell genug.

Die V-Strom wurde 7 Jahre nahezu unverändert und in großen Stückzahlen gebaut. Das heisst auch: Es gibt einen riesigen Markt an Ersatz- und Zubehörteilen.

Das ist auch gut so. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um für mich rauszufinden worauf ich beim Motorradreisen wert lege. Die ZZR so umzubauen, dass ich damit absolut zufrieden war, hat durch iterative Entwicklung insgesamt drei Jahre gedauert. Die V-Strom hat einige dieser Dinge, auf die ich nicht verzichten kann, schon mitgebracht. Der Vorbesitzer muss die Maschine echt geliebt haben – sie hat einige der besten Zubehörteile überhaupt von ihm bekommen, u.a. den Kofferträger und die Sitzbank. Aber auch im Detail hat er feine Veränderungen vorgenommen. Das es sich bei den merkwürdigen Teilen, die versteckt in der Verkleidung an der Gabel angebracht sind, um Ösen für Zurrhaken handelt, die man zum Vertäuen der Maschine u.a. auf Fähren braucht, zeigt, dass die Kiste schon mehr als eine lange Reise hinter sich hat.

Dazu kamen nun in den vergangenen sechs Wochen weitere Veränderungen.

Für die größeren Umbauten wurde die Kawasakiwerkstatt des Vertrauens rangezogen. Die mussten sich erst an die Suzuki gewöhnen, letztlich haben sie aber alles so schrauben können wie ich es wollte. Verbaut wurden Teile, die in kleinen Manufakturen in Deutschland, Tschechien und den USA zum Teil speziell für meine Strom gefertigt wurden. Herausgekommen ist nun eine Maschine, die wieder so einzigartig ist wie die Renaissance, sich aber ganz anders fährt. Man, bin ich gespannt, wie die sich auf der nächsten Sommerreise schlägt.

In Folgeposts stelle ich hier mal die Veränderungen vor, die die Kiste so erfahren hat. Für einen Artikel wäre das ein wenig viel.

 
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Verfasst von - 22. Mai 2017 in Motorrad

 

Betriebserlaubnis erloschen

Samstag morgen, super Wetter, was macht man denn da mal? Eigentlich war eine kleine Ausfahrt mit der V-Strom geplant. Das wird aber nun nichts, denn die Betriebserlaubnis für die Maschine ist erloschen. Ernsthaft.

Und zwar deswegen:

Die Frau Strom wurde vergangene Woche in der Werkstatt des Vertrauens nach meinen Vorstellungen ein wenig umgebaut. Die länglichen Metallstücke auf dem Bild wurden neu eingesetzt. Die machen, dass die recht große Maschine nun drei Zentimeter tiefer liegt. Dadurch hat sie nun die perfekte Größe für mich. Dummerweise muss man so einen schwerwiegenden Eingriff ins Fahrwerk beim TÜV abnehmen und in die Papiere eintragen lassen, sonst erlischt die Betriebserlaubnis.

Eigentlich hatte ich angenommen, dass die Werkstatt sich um sowas kümmert, die haben eh jeden Tag den TÜV im Haus. Stattdessen habe ich nur ein Teilegutachten mitbekommen, und deswegen muss ich mich den ganzen Samstag Vormittag mit einem stinksaueren Prüfingenieur rumschlagen. Der ist angepisst, weil 01. April ist und der ganze Hof voller Saisonkennzeichenfahrer mit Hauptuntersuchungsbedürfnissen steht, und nun komme ich und will, dass er das Teilegutachten LIEST, die Ausführung begutachtet und DANN auch noch bestätigt, dass alles OK ist.

Das dauert, und Bock hat er darauf auch nicht. Aber was soll ich machen, ohne seine Begutachtung darf ich die V-Strom nicht im Straßenverkehr bewegen. Das ändert natürlich nichts an der schlechten Laune des Prüfers. Vielleicht glaubt er deswegen nicht, dass der Seitenständer wirklich auseinandergeflext, um zwei Zentimeter gekürzt und dann wieder zusammengeschweißt wurde. Wie auch immer, drei Stunden und 40 Euro später habe ich meine Eintragung, und die V-Strom darf wieder auf die Straße.

Zwei Schritte vor, einer zurück

Aber will ich wirklich mit der Maschine unterwegs sein? Bei der Fahrt zur Prüfung fing die Kiste plötzlich an zu stinken und zu qualmen. Ich habe natürlich sofort angehalten und die Sitzbank runtergerissen, konnte aber nicht erkennen woran es liegt. Vorsichtshalber stelle ich beim nächsten Anlassen einen Feuerlöscher bereit.

Am Samstag nachmittag entdecke ich dann auch, woher es raucht. Die Werkstatt hat es tatsächlich geschafft, einen neuen Ölschlauch direkt über den Auspuff zu legen. Der Schlauch ist natürlich geschmolzen, was sowohl die spontane Rauchentwicklung als auch den Ausfall des Ölsystems und in Folge die gammelig aussehende Kette erklärt.

Seufz.

Ein Genuss ist das Fahren mit der Strom im Moment ohnehin aber nicht. Die Tieferlegung sorgt dafür, dass der Hauptständer in Linkskurven superschnell aufsetzt. Der muss also runter. Zu gebrauchen ist er eh nicht mehr, denn durch den steileren Winkel ist es nun unmöglich geworden die Strom alleine aufzubocken. Dummerweise bekomme ich alleine die Halteschraube nicht ab. Genausowenig wie die vom Seitenständer, die einmal getauscht werden müssen. Also nochmal ein Werkstatttermin. Obwohl die bis Mai ausgebucht ist und ich gerade erst eine vierstellige Summe dort gelassen habe. Ich könnte kotzen.

Aktuell fühlt es sich wirklich an, als würde ich für jedes Stückchen vorwärts wieder einen Schritt zurück machen. Trial-and-Error, für jedes gelöste Problem tut sich mindestens ein neues auf. Gut, das war bei der ZZR 600 genauso, aber da hat sich das zeitlich stärker verteilt. Drei Jahre habe ich an der rumgebaut, bis alles genau so war, wie ich das wollte. Die V-Strom habe ich jetzt gerade mal 4 Wochen, und in der Gesamtschau ist sie schon recht weit. Muss sie auch, in zwei Monaten geht es auf Reisen. Kleiner Haken: Vor lauter Rummacherei an der Kiste weiß ich noch nicht, wo ich mit ihr überhaupt hinfahren will.

 
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Verfasst von - 3. April 2017 in Motorrad

 

#Umfallera: So schnell geht das

Die weitaus häufigste Art ein Motorrad zu verbeulen ist nicht der Unfall, sondern der gemeine UMFALL. Der ist deshalb besonders doof, weil man fast immer niemandem außer sich selbst die Schuld geben kann. Nur durch eigene Dummheit fällt das Mopped um, und im schlimmsten Fall entsteht ein Schaden von vielen hundert Euro. Da wird nicht nur das Möpp verbeult, sondern auch gleich noch das Ego. Eben noch war man ein Held, jetzt ist man ein Doof.

Mädchenmotorrad hat eine 10-Schritte-Anleitung geschrieben, wie man das Motorrad an den Boden bekommt. Daraus hat Griesi unter dem Hashtag #Umfallera einen Trend auf Twitter gestartet, unter dem z.B. Mr. Transalp oder Ernie Troelf und 55Achim von ihren schönsten Umfallern erzählen. 10 Schritte? Ich schaffe das schneller. Hier die bisherigen Highlights meines Motorradlebens:


Der Umfaller mit der längsten Ansage:
Wochen im voraus war mir klar, dass ein Wendemanöver mit der ZZR 600 auf dem abschüssigen und tief geschotterten Parkplatz der Pension in der Nähe von Livorno echt schwer werden würde. Zu meinem eigenen Erstaunen ging das aber dann doch recht gut – ich kriegte die Karre rückwärts rausgewuchtet, und irgendwann stand sie quer zum Hang. Jetzt musste ich nur noch vorsichtig Gas geben und eine weite Rechstkurve fahren. Tja. „Nur noch“.

Dummerweise gab ich zu wenig Gas um aus dem Kiesbett zu kommen, die Maschine kippelte noch im Stehen, ich versuchte mit den rechten Fuß zu stützen. Auf der Seite war aber das Gefälle, und als der Fuß Bodenkontakt hatte, war der Neigungswinkel schon zu groß zum Abfangen, und außerdem rutschte ich im Schotter weg. Zack, lag die Kiste mit dem Sattel bergab im Kiesbett. Allein bekam ich die nicht mehr hoch, zum Glück war ein Harleyfahrer in der Nähe. Schäden gab es wenige, nur Kratzer an der Verkleidung und am Auspuff, aber mein Ego leidet daran bis heute.
Benötigte Schritte: 5 (Gas geben, rumkippeln, mit dem Fuß rumrudern, ausrutschen, Peng)

Der tiefste Umfaller: Die Honda CB 450 N parkte auf einer bröckeligen Parkbucht. Links Straße, rechts Böschung, fast senkrecht, zwei Meter tief, an einem Zaun endend. Irgendwann hatte ich es wohl zu eilig. Vielleicht bin mit zu viel Schwung von links aufgestiegen, jedenfalls bin ich gleich rechts die Böschung runtergefallen. Das Motorrad hat sich dabei überschlagen, einer der Hepco&Becker-Koffer hat einen Riss bekommen. Sonst ist nichts passiert. Das Ganze muss aber so traumatisch gewesen sein, dass ich den Vorfall wirklich komplett verdrängt hatte. Als meine Schwester neulich meinte „Weisst Du noch, damals, als wir zu zweit das schwere Mopped aus der Böschung bergen mussten?“ konnte ich ehrlich mit „Nö“ antworten. Das sind die Selbstheilungskräfte des Geistes.
Benötigte Schritte: 3. (Aufsteigen, Gleichgewicht verlieren, Peng)

Der schnellste Umfaller: Fahrschule. Ich wartete auf den Fahrlehrer, einen ehemaligen Bundeswehrbullen mit dem Benehmen eines Dampfhammers. Während ich wartete, saß ich ganz locker und lässig mit einer Arschbacke auf der Virago XV535. Das war das Schulungsmotorrad und die geliebte Privatmaschine des Fahrlehrers („MACHSTE DA AUCH NUR EINEN KRATZER REIN REISS ICH DIR DEN KOPP AB!“). Als der Fahrschulwagen um die Ecke kam, stand uch zur Begrüßung lässig auf Virago und ging in seine Richtung, als ich es hinter mir plötzlich Scheppern hörte. Schaden weiß ich gerade nicht mehr, er war aber auf jeden Fall deutlich sichtbar und der Rest der Fahrschulzeit kein Vergnügen.
Benötigte Schritte: 2. (Aufstehen, Peng)

 
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Verfasst von - 30. März 2017 in Motorrad

 

Frühling!

Höret und preiset das Frühlingswiesel! Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist! Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison! Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht! Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Nach Frühling gerochen hat es ja schon vorvergangene Woche, aber irgendwie kam er dann doch nicht in den Quark. Kalt und regnerisch präsentierte sich der März, und erst in den letzten Tagen kam ein wenig die Sonne raus und die Temperaturen kletterten in den zweistelligen Bereich. Jetzt gibt der Frühling richtig Gas, denn das Frühlingswiesel proklamiert ihn hiermit!

Motorrad fahren konnte man eigentlich schon seit Anfang des Monats, denn Schnee und Minustemperaturen gab es da schon nicht mehr. Meine persönliche Saison hat tatsächlich am 03. März begonnen, denn da habe ich die V-Strom aus dem Solling geholt. Die kam gerade gestern aus der Werkstatt wieder, die mehre Tage an der neuen alten Maschine rumgeschraubt und -geflext hat, aber dazu später mehr.

Der Frühling hat mich aber eine erstaunliche Entdeckung machen lassen. Ich dachte, die V-Strom sei schwarz. Ist sie nicht. Wenn die Sonne auf den Lack scheint, beginnt sie blau zu glitzern! Ich fahre ein Glitzermotorrad!

Noch ein ernsthaftes Wort: Nach einem halben Jahr Pause muss man sich erst wieder an die völlig andere Fahrphysik und Handling gewöhnen. Motorradfahren ist so anstrengend wie Leistungssport, damit muss man erst mal wieder klarkommen. Für Moppedfahrer heißt das: Sich langsam und vorsichtig rantasten und wieder eingewöhnen. Für Autofahrer heißt das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen.

 
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Verfasst von - 26. März 2017 in Motorrad, wetter, Wiesel

 

New Ride: Suzuki DL 650 V-Strom

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Wann ist die schlechteste Zeit sich ein neues Motorrad zu kaufen? Richtig, im Februar. Herr Silencer probiert es trotzdem.

Irgendwann kommt im Leben eines jeden Motorradfahrers der Punkt, an dem er sich fragt: Ist der fahrbare Untersatz noch das richtige für mich? Er war es mal, vor Jahren, aber Zeiten ändern sich…

Das schrieb ich im Oktober 2011, als ich die Honda CB 450N in Rente schickte und ziemlich spontan eine Kawasaki ZZR 600 kaufte. Genau die Maschine, die regelmäßige Blogleser inzwischen als Renaissance kennen. Diesen Namen hatte sich die Sportourerin schon nach unseren ersten Abenteuern mehr als verdient.

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Seit 2012 bin ich nun mit dem Motorrad in Europa unterwegs gewesen, jedes Jahr sechs- bis achttausend Kilometer und mehrere Wochen am Stück. Mit der ZZR habe ich dabei Dinge angestellt, die die meisten BMW GS oder andere „Abenteuermotorräder“ niemals erleben. Es machte mich auch schon ein wenig stolz, wenn die oft straßenköterig aussehende Kawasaki den überdimensionierten Reiseenduros zeigte, was eine Harke ist.

Bis auf das letzten Jahr, wo es sie ziemlich zerschüttelt hat. Mittlerweile ist sie wieder repariert und so gut wie neu, aber nun, Zeiten ändern sich. Die Erlebnisse im vergangen Sommer haben sehr deutlich gezeigt, dass ich mittlerweile Dinge mit einem Motorrad mache, für die die ZZR nicht ausgelegt ist und für die sie sich auch nicht umrüsten lässt. Sie ist für Asphalt und Kurven gemacht, und auf solchen Strecken kann sie ihre Stärken ausspielen.

Was sie aber nicht gut ab kann sind schwierige Straßenverhältnisse mit Kopfsteinpflaster, Schlaglöchern, Absätzen oder gar Schotter oder Schlammfeldern. Ja, ich BIN mit ihr solche Strecken gefahren, aber das war jedesmal die Hölle. Was auch nicht wegzudiskutieren ist: Die ZZR 600 hat kein ABS. Was das für einen Unterschied macht, merkt man sehr schnell, wenn man auf Schotter bremsen muss. Wie groß der Unterschied wirklich ist, habe ich im vergangenen Jahr gemerkt, als ich bei einem Fahrsicherheitstraining gegen Maschinen mit ABS angetreten bin. Mein Bremsweg war, trotz aller Bemühungen, um bis zu 40% länger als der der anderen.

Der geneigte Leser Albrecht versuchte mir dann hier in den Kommentaren eine Suzuki schmackhaft zu machen, aber ich wischte das erstmal beiseite. Nein, ich wollte nicht wechseln, auch wenn mir – unabhängig von seinen Empfehlungen – die Suzuki V-Strom schon mehrfach im Straßenbild positiv aufgefallen war. Dann kam der Januar.

Januar und Februar sind ohnehin kaum auszuhalten. Draußen ist es kalt und nass und das Motorrad schläft noch im Winterlager. Ich gucke dann immer Filme von Motorradreisen und habe ganz schlimm Fernweh. Um dagegen was zu tun grase ich Google Maps nach Reisezielen ab.

Bis ich eines Tages den Gedanken im Kopf hatte: Mich interessieren in Zukunft Fahrziele, bei denen mit schlechten Straßenverhältnissen zu rechnen ist. Und: Schön wäre es, wenn ich ein Motorrad hätte mit einem längeren Federweg hätte. Eine, mit dem man auch mal über Schotterstrecken fahren kann, die nicht ganz so anfällig ist. Und ABS hat. Und für die Gelenke wäre eine etwas aufrechtere Sitzhaltung auch nicht schlecht. Die etwas größer ist.

Ehe ich es mich versah las ich Testberichte und guckte im Netz nach Reisemaschinen, die meine Wünsche erfüllen könnten. Nach einigen Abenden vor dem Internet war mir klar: Ich hätte gerne ein anderes Motorrad. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur Renaissance. Denn mich von der ZZR trennen, das wollte ich nicht.

Als neue gebrauchte kamen zwei Modelle in Frage: Die Kawasaki Versys oder die Suzuki V-Strom. Von beiden stand eine Ausgabe bei Händlern in der Nähe, und so kam es, dass ich eines Januarnachmittags ganz spontan mit einem motorraderfahrenen Freund loszog und mir beide mal anguckte und probesaß.

Die VerSys, merkte ich sofort, war es nicht. In dem Moment, in dem ich auf der Maschine saß, wusste ich: Die VerSys ist genau wie meine ZZR. Eine wendige, kleine Maschine mit kurzem Radstand, gemacht für die Straße. Dort sicherlich als Tourer genauso zu gebrauchen wie als Spaßmaschine, aber genauso etwas habe ich ja schon. Außerdem ist die VerSys pottenhässlich, selbst in gelb.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Mitten im Solling stand bei einem Händler eine V-Strom rum, ein älteres Ding der vorletzten Generation mit ordentlich Kilometern auf der Uhr, aber zum Probesitzen würde es reichen.

Die Sitzprobe nötigte mir sofort Respekt ab, denn die DL 650 ist GROß. Zumindest für meine Verhältnisse, denn ich kam kaum mit den Füßen auf den Boden, und die Frontscheibe war so weit weg, dass ich kaum mit dem Arm dranreichte. 

Groß ist wichtig, denn das ermöglicht langes und entspanntes Teisen mit viel Gepäck. Die V-Strom ist eine echte Reisemaschine, dafür ist sie gemacht. Hauptsächlich auf der Straße, für´s Gelände taugt sie nicht. Aber sie erweitert die Definition von Straße, denn mit dem soliden Fahrwerk, den großen 19-Zoll-Rädern und der aufrechten Sitzposition sind Feldwege und Schotterstrecken für sie genauso Straße wie Asphalt oder Kopfsteinpflaster. Allerdings gewinnt die V-Strom auch keinen Schönheitspreis, das Design ist, nun, gewöhnungsbedürftig. Mindestens.
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Das Sitzen auf der Riesenkiste fühlte sich seltsam und ungewohnt an, aber auch spannend und irgendwie… richtig. Immerhin fühlte sich vor sechs Jahren das erste Sitzen auf der vollverkleideten ZZR auch unheimlich an. Im Gegensatz zur kleinen 450er schien mir die 600er riesig zu sein, und heute kommt sie mir klein vor. Die V-Strom hatte mein Interesse geweckt.

Die Maschine in Uslar liess ich mir für eine Probefahrt reservieren, für den Kauf kam sie aber nicht in Frage. Zum einen war das ein 2010er Modelljahr, und ich wollte ein neueres Modell ab 2012. Außerdem hatte die Alte mit 36.000 Kilometern deutlich zu viel auf der Uhr, Motorräder kauft man gebraucht am Besten mit 12.000 bis 20.000 Kilometern Laufleistung. Das Schlimmste aber: Sie hatte kein Checkheft, es könnte also sein, dass der Motor nie gewartet wurde.

In den kommenden Nächten suchte ich das Netz nach Angeboten ab, und stellte überrascht fest: Auch wenn die DL 650 neu im Vergleich zu anderen Maschinen gar nicht so teuer ist, sinkt sie im Wert nicht wirklich schnell. Der Grund: Die Dinger halten einfach ewig und gehen nie kaputt. Maschinen mit 20.000 Kilometern Laufleistung kosten deshalb noch immer 2/3 des Neupreises, und viel tiefer geht es dann lange nicht mehr.

Ich dachte noch mal über die V-Strom nach, auf der ich Probe gesessen hatte. Der Alten, mit den vielen Kilometern. Eigentlich machte die doch einen ganz guten Eindruck. Außerdem hatte sie ein paar Anbauteile, die ich an der Renaissance schätze und die ein neues Motorrad auch haben sollte. Einen Sturzbügel. Einen Hauptständer. Einen Gepäcksystem, an dem ich sogar meine jetzigen Koffer benutzen könnte.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Ich sah mir nochmal die Fotos an, die ich im Ausstellungsraum gemacht hatte. Was war das denn? Da waren ja fast neue und sehr gute Tourenreifen drauf! Und Heizgriffe! Und hier, Nebelscheinwerfer – und eine Sitzbank, die ganz bestimmt kein Standard war.

Ich recherchierte den Einzelteilen nach und kam darauf, dass an der alten V-Strom Teile im Wert von über 1.500 Euro verbaut waren. Teile, die ich ohnehin bräuchte. Das machte sie gleich nochmal ein ganzes Stück attraktiver, und es zeigte vor Allem: Checkheft hin oder her, der Vorbesitzer hat die Kiste echt geliebt und bestimmt für die Wartung gesorgt. Ich suchte im Netz nach einer Maschinen mit ähnlichen Ausstattungen und Laufleistungen, gab es aber nach einigen Abenden auf. Eine V-Strom zu dem Preis und mit der Ausstattung gab es in ganz Deutschland und Österreich nur genau ein Mal. Und die war auf meinen Namen für eine Probefahrt reserviert.

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Vier quälend lange Wochen wurde und wurde das Wetter einfach nicht besser. Entweder es regnete oder schneite, oder es war so kalt, dass der Händler keine Probefahrt erlaubte.

Bis zum 21. Februar. An dem Tag schien die Sonne, die Temperaturen kletterten auf 8 Grad. Die Motorradkleidung fuhr ich mittlerweile im Kofferraum spazieren, in der Hoffnung, dass sich spontan mal genau so ein Wetter ergeben würde – und heute war es soweit! Eine ausgedehnte Mittagspause wurde dazu genutzt die V-Strom Probe zu fahren. Der erste Eindruck: Wow, das ist ja alles ganz anders. Sie ist groß. Der Motor ist ein Zweizylinder und ruckelig und unruhig im Vergleich zur ZZR. Dafür ist die Kupplung weich und präzise, aber die Bremsen fühlen sich viel schwammiger an, ABS hin oder her.

Am Tag des Kaufs.

Am Tag der Probefahrt.

In der Summe fühlte sich aber auch alles so… richtig an. Als würde die V-Strom zu mir passen.
Eine Stunde später hatte ich mich mit dem Händler auf einen Preis geeinigt (plus ein Sixpack Bier als Trost für ihn). Und so kam es, dass ich nun Besitzer einer sechs Jahre alten Suzuki DL 650 V-Strom bin, die seit vergangenen Freitag auch tatsächlich vor dem Haus steht.

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Gestern war dann der Tag des ersten Bastelns und der ersten Ausfahrt. Das Gepäcksystem war im Handumdrehen auf Givi-Koffer und -Topcase umgerüstet, und statt der zu hohen Tourenscheibe ist nun eine gebrauchte Sportscheibe montiert.

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Die erste Ausfahrt führt gleich mal 200 Kilometer durch die Wallachei. Die erste Erkenntnis: Obwohl der Rahmen der Maschine recht groß ist, fährt sie sich superhandlich. Das sie ein Drittel weniger Leistung hat als die ZZR 600 ist zu merken, aber auf der Landstraße ziemlich egal. Beschleunigen geht trotzdem fix. Am Schönsten aber: die aufrechte Sitzhaltung ist sehr bequem, und das Fahrwerk interessiert schlechten Fahrbahnbelag einfach nicht. SO hatte ich mir das erträumt. Die Renaissance wird nicht vergessen, aber die Frau Strom und ich, wir werden vermutlich Freunde.

Einiges muss noch gemacht werden, bis die Touren-Suzuki auch nur halbwegs das Ausstattungsniveau der Kawasaki erreicht. Die Scheibe hat nicht die richtige Höhe, Strom wird vielleicht noch etwas tiefer gelegt, ein Kettenschmiersystem kommt noch dran und das Navi muss auch untergebracht werden. Aber das findet sich alles und ach, was freue ich mich auf diese Basteleien!

Jetzt muss nur noch das Wetter besser werden.

P.S.: Danke, Albrecht, für den Floh im Ohr!

 
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Verfasst von - 5. März 2017 in Betrachtung, Motorrad

 

Motorradtour 2016 (15): Irrfahrt nach Hause

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Sommerreise mit der Renaissance.

Sonntag, 26. Juni 2016, in der Nähe von Graz

Kalesco zaubert ein wunderbares Frühstück, das wir auf der Terrasse genießen. Die Sonne scheint, hinter dem Haus rauscht der kleine Bach, und die Landschaft scheint vor Grün zu bersten. Die Steiermark ist ein wundervolles Stück Welt, und das nicht nur weil Kalesco hier wohnt.

Zwei Herzen schlagen heute morgen, ach, in meiner Brust.
Es fällt mir schwer Abschied zu nehmen, zu gerne würde ich noch ein wenig länger hier bleiben. Andererseits will ich aber auch das lädierte Motorrad endlich zu Hause und damit den unangenehmen Teil der Reise hinter mir haben. Ich habe mich entschieden die Koffer nicht per Post gen Heimat zu schicken. Die Bruchstelle am Gepäckträger scheint zu halten, zumindest ist das Knetmetall nicht weggebröckelt. Wenn ich jetzt vorsichtig und nicht schneller als 100 km/h fahre und keine fiesen Schlaglöcher in den Weg kommen, dürfte das halten.

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Ich verabschiede mich von meiner Gastgeberin, die sich anschickt den sonnigen Sonntag lesend in der Hängematte zu verbringen. Ganz kurz beneide ich sie ein Bisschen, aber dann fällt mir ein, dass MEIN Tag ja aus Motorradfahren durch Österreich besteht. Das wird auch toll. Aber NICHT nochmal über die Bröckelstrecke von der Herfahrt, denke ich, als das Navi am Ende von Kalescos Einfahrt nach rechts will. Folgerichtig fahre ich nach links und dann nochmal ganz komisch und plötzlich merke ich, dass ich in der völlig verkehrten Richtung unterwegs bin. Das Navi will hartnäckig zurück. Mumpitz, denke ich mir. Wir fahren jetzt erstmal nach Graz, von da aus geht es irgendwie nach Norden.

Geht es natürlich nicht, und jetzt werde ich leicht ungehalten. Hilft aber nix, zu sehr habe ich mich jetzt schon verfranzt.Noch nichtmal die Gegend ist schön, es geht durch viel Wald mit wenig Aussicht, und die Staßen sind oft nicht die besten. Das auch noch die ganzen Sonntagsfahrer unterwegs sind, um u.a. ihre Kids zu einem der zahlreich stattfindenden Sportfesten zu bringen, macht die Sache nicht besser. Nein, das macht alles keinen Spaß, das kostet nur Zeit.

Am Ende bin ich eine riesige Schleife einmal um Graz herumgefahren, um dann 80 Kilometer von meinem Startpunkt wieder eine Straße nach Norden zu finden. Nur: Bis hierher habe ich keine 80, sondern schon satte 240 Kilometer gefahren und dafür 4 Stunden gebraucht. Eine rechte Irrfahrt. Super gemacht, Herr Silencer.

240 Kilometer gefahren, nun bin ich gerade mal wieder 80 Km vom Startpunkt entfernt. Ein Umweg von 160 Kilometern, das muss man auch erstmal hinkriegen >:-/

240 Kilometer gefahren, nun bin ich gerade mal wieder 80 Km vom Startpunkt entfernt. Ein Umweg von 160 Kilometern, das muss man auch erstmal hinkriegen >:-/


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Verfasst von - 28. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (14): Die Nebelhöhle

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Sommerreise mit der Renaissance.
Freitag, 24. Juni 2016, San Biagio di Callalta

Ein letztes Mal setze ich mich zum Frühstücken an den kleinen Einzeltisch im Restaurant der „Villa Maria Luigia“. Sara lächelt, als sie mich sieht, verschwindet kurz und kommt dann mit einem doppelten Espresso wieder. Der ist auch das einzige, was ich heute Morgen runter bekomme. Der Grund: Die Nachrichten kennen heute Morgen nur ein Thema. England hat dafür gestimmt aus der Europäischen Union auszutreten.

Der Brexit wird Wirklichkeit. Mich trifft diese Schlagzeile wie ein Eimer kaltes Wasser. David Cameron hat hoch gepokert, als er die Bevölkerung über den EU-Austritt abstimmen ließ, in dem sicheren Glauben, dass die Menschen nicht so dumm sein würden ihre eigene Zukunft zu vernichten. Der Schuß ging nach hinten los. Menschen sind dumm, deshalb hat sich ja die Politik rausgemendelt um sie zu vertreten. Ich bin wie benommen. Hier, in diesem Moment, beginnt es. An diesem Tisch in diesem Haus wird in den Nachrichten gesagt, dass die EU zerbricht.

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Sara erkundigt sich nach dem Motorrad, ob jetzt alles OK sei und wie weit ich wohl noch unterwegs sein werde? Ich verziehe das Gesicht bei dem Thema, denn die ZZR ist alles andere als OK. Der gebrochene Gepäckrahmen ist kein Spaß, und eigentlich es ist zu gefährlich damit weiter zu fahren. Das sage ich ihr aber nicht, sie soll sich keine Sorgen machen. Stattdessen nuschele ich was von einer Werkstatt in Udine. Sara guckt erschrocken. Stimmt, Udine ist ja auch fast 100 Kilometer entfernt, eine Weltreise.

„Alles gut“, sage ich. „Das liegt auf dem Weg“. Das stimmt auch. Was nicht stimmt: Ich werde mir nicht den Stress geben, dort eine Werkstatt zu suchen, die mir den Träger schweißt. Ich habe keine Ahnung ob das überhaupt geht und wenn, dann wird es Stunden dauern. Nein, ich werde stattdessen die nächste Etappe sehr vorsichtig fahren, und morgen die Motorradkoffer verpacken und von Österreich aus per Post nach Hause schicken. Für die heutige, letzte Etappe muss der Träger noch halten. Die Bruchstelle ist mit Knetmetall ummantelt, und für zusätzliche Entlastung habe ich die seitlichen Träger mit Gurten umwickelt. Ob das halten wird? Keine Ahnung. Zumindest werden die Koffer so nicht einfach abfallen, ich werde merken, wenn was nicht stimmt.

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Eine warme Brise aus Richtung Meer lässt die leichten Vorhänge durch die Bar im Vorraum des Restaurants wehen. Ich versuche ein wenig von der Ruhe aufzusaugen, die Sara ausstrahlt und die das ganze Haus zu umfassen scheint. Die alte Offizieresvilla scheint Ruhe und Entspannung zu atmen, und davon möchte ich ein Stück in meinem Herzen mitnehmen. Sara scheint meine Gedanken zu erraten. Zum Abschied nimmt sie meine Hand in ihre und sagt „Wir werden uns wiedersehen. Du bist nicht nur ein Gast, Du bist unser Freund, also pass auf Dich auf.“

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„Tu sei nostro amico“, dieser Satz macht mich ein wenig stolz und bringt mich zum Lächeln, als ich die Renaissance aus ihrem Luxusparkplatz herausbugsiere und vorsichtig durch den Gartenweg und aus dem Haupttor der Villa steuere. Ein letzter Blick zurück zum Haus, ein letztes Winken, dann fädele ich das Motorrad in den Verkehr ein und bin verschwunden.

Im nächsten Ort halte ich an und entsorge an einem öffentlichen Parkplatz eine prall gefüllte Tüte. Darin sind Dinge, die ich nicht unbedingt brauche. Eine Flasche Sonnenspray. Der Rest Waschmittel. Eine halbe Tüte Äpfel. Eine Flasche Wein, die ich eigentlich als Andenken mit nach Hause bringen wollte. Ein paar Sandalen, die ich in San Vincenzo gekauft hatte. Zur großen Empörung des Wiesels geht auch der Sternchenkeksvorrat über Bord. Der Koffer auf der Seite, wo der Träger gebrochen ist, muss so leicht wie möglich werden. Es hilft ja nichts. Gute drei Kilogramm an Ballast habe ich gerade verklappt. Jedes eingesparte Gramm hilft, denn das kann darüber entscheiden, ob das Heck des Motorrads auseinanderbricht oder nicht.

Dann geht es weiter. Die Fahrt durch das Veneto ist langweilig. Die Gegend besteht praktisch nur aus plattem Land und Feldern. Fast 100 Kilometer geht es nur schnurgerade aus nach Westen, vorbei an Orten mit lustigen Namen wie Piramidi, das ägyptisch klingt, oder Muscletto, was sich sportlich anhört, oder Malafesta, was eine ansteckede Krankheit vermuten lässt.

Bei Udine halte ich nicht an, obwohl ich die Stadt gerne mal kennenlernen würde. Das lasse ich aber heute lieber sein, da bin ich nicht in der Stimmung zu und außerdem werde ich nicht schneller als maximal hundert fahren, da kann ich mehr Zeit gut brauchen. Vor der Stadt biege ich nach Norden ab und steuere auf die Bergkette der Alpen zu, die sich blau schimmernd am Horizont abzeichnet.

Es geht erst Richtung Tarcento, dann nach Gemona. Ich tanke noch einmal, dann schwenkt die SS13 in eine tiefe Kluft in den Bergen ein, und schon ändert sich die Strecke von langweilig und doof in eine der launigsten, die man sich wünschen kann. Ich kenne diese Durchfahrt schon. Die Straße schwingt sich in weiten Kurven in dem engen Tal entlang, an dessen Seiten steil Felswände aufragen. Die Berghänge sehen aus, als wären sie mit Urwald bedeckt. Ich stelle mir vor, dass es in Südamerika stellenweise ähnlich aussieht. Ein schmaler Fluss ringelt sich durch das, mit Felsbrocken übersäte, Talbett. Der Wind rauscht mir um die Nase, als das Motorrad über die Landstraße fliegt, und ich hole tief Luft und bin ganz ergriffen ob der Schönheit dieser Landschaft.

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Verfasst von - 21. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (13): Nackt in Venedig

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Sommerreise mit der Renaissance.
Mittwoch, 22. Juni 2016, San Biagio di Callalta

Auch das platte Land kennt Rushhour. Das Veneto, dass muss man sich so vorstellen: Plattes Land und weite Felder, auf denen neben Getreide und Salat auch Reis und Nüsse angebaut werden. Dazwischen: Straßen, bestens ausgebaut, von der Güte unserer Bundesstraßen. NIcht dem Schrabbelkram aus den alten Bundesländern, sondern den WIRKLICH guten Bundesstraßen, in den neuen Ländern.

Über all diese vielen schönen Straßen schiebt sich eine Blechlawine über das platte Land. Man stelle sich zur verdeutlichung Ostfriesland vor, eine spiegelglatte Fläche voller grünem Nichts, endlose Weiten, und mittendrin eine Karawane von Auto an Auto, die mit wenigen Zentimetern Abstand und im Schritttempo hintereinander her zuckeln. Ein leicht albernes Bild. Folgerichtig ziehe ich mit dem Motorrad an dem Stau vorbei. Italienisch fahren? Kann ich.

Plattes Land: Veneto. Hier von San Biagio nach Punt a Sabbioni.

Plattes Land: Veneto. Hier von San Biagio nach Punta Sabbioni.

Von der Villa Maria Luigia aus geht es rund 60 Kilometer nach Sünden, bis nach Punta Sabbioni. Der Name bedeutet übersetzt „Sandspitze“, und besser kann man den Ort nicht beschreiben. Punta Sabbioni ist eine kleine Landzunge, die in die Lagune von Venedig hineinragt und praktisch nur aus staubigen Parkplätzen besteht. Die Renaissance bekommt von einem freundlichen Parkopa einen überdachten Platz zugewiesen, und einen Unterleger für den Seitenständer gibt es noch dazu.

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Der Helm kommt ins Topcase, und dann bleibt das Motorrad für den Rest des Tages hier. Das kostet 5 Euro, und DAS ist es mir wert. Die Alternative wäre unvorstellbar: Mit dem Motorrad nach Venedig? NIEEE!

Stattdessen besteige ich die Linie 14 der Vaporetti von Vendig, nachdem ich mir vorher eine Tourikarte für die Nutzung des ACTV gekauft habe. 20 Euro für eine 24-Stunden Karte sind ein stolzer Preis, aber auch das ist alternativlos.

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Verfasst von - 14. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (12): Der Hund vom Cima Grappa

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Die Sommerreise mit der Renaissance.
Mittwoch, 22. Juni 2016, San Biagio di Callalta

„Und, wo geht es heute hin?“, fragt Sara. Ich habe gerade einen Keks im Mund und nuschele „Treviso“. Sara lächelt und sagt „Das taugt aber nicht für lange. Treviso ist nicht groß. Hast Du noch ein anderes Ziel?. Die Worte klingen sanft wie Musik. Sara könnte das Telefonbuch vorlesen, und es würde mir wohlige Schauer über den Rücken jagen, allein wegen ihrer angenehmen Stimme. Ich liebe die italienische Sprache ja ohnehin für ihren melodischen Klang, aber so wie Sara es spricht, trifft es mich direkt ins Herz.

„Bassano del Grappa“, sage ich, inzwischen ohne Keks im Mund. „Gut, die Brücke ist schön“, sagt Sara. „Aber wenn Du wirklich was erleben willst, gibst Du im Internet mal Cima Grappa ein“. Ich fummele das iPhone raus und tue wie mir geheißen. Ein kurzer Blick auf die Bildersuche und ich weiß: Da muss ich hin.

Alles, was Sara tut, macht sie mit Stil und Eleganz. Selbst aus trockenen Kekse und Fertigcroissants macht sie mit etwas Liebe und Puderzucker was Besonderes.

Alles, was Sara tut, macht sie mit Stil und Eleganz. Selbst aus trockenen Kekse und Fertigcroissants macht sie mit etwas Liebe und Puderzucker was Besonderes.

Ich mache die ZZR startfertig und manöveriere sie rückwärts aus ihrem Luxuspavillion, in dem sie die Nacht verbracht hat.

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Dann drücke ich auf den Startknopf und es passiert – nichts. Der Starter klackt, aber dreht nicht. Die Batterie ist leer. Ich verfalle in einen Schockzustand, mit ungläubig aufgerissenen Augen und runterhängender Kinnlade. Instinktiv prüfe ich ob der Seitenständer unten ist. Ist er nicht. Ist der Killswitch aus? Ist er. Ich schalte die Zündung aus, warte kurz und schalte sie wieder ein. Startknopf. Nichts.

Ich will es nicht wahrhaben und drücke nochmal auf den Startknopf.
Nichts.
Nochmal.
Nichts.
Nochmal.
Der Starter dreht mit voller Kraft, und der Motor springt mit einem Brüllen an.

Ich manövriere über den Prachtweg der Villa auf die Landstraße und beiße mir dabei vor Wut auf die Unterlippe. Anscheinend hing der Starter, oder das Mopped wollte mich einfach nur ärgern.

Als die Maschine auf der Straße vor sich hinsurrt brülle ich so laut ich kann „UND WAS WAR DAS JETZT FÜR EINE VERFICKTE SCHEISSE?“ , dann hole ich tief Luft und schreie „EIGENTLICH WOLLTE ICH DICH ZU HAUSE ÜBERHOLEN LASSEN,ABER WENN DU WEITER SO EINEN DRECK HIER ABZIEHST, VERHÖKERE ICH DICH AN EINEN ERSATZTEILHÄNDLER UND KAUFE MIR EINE VESPA!!“ Am Straßenrand gucken ein paar Arbeiter hoch, deren Motorsensen ich mit meinem Gebrülle im Vorbeifahren wohl übertönt habe. Die ZZR surrt als würde sie kichern.

Eine Stunde später quält sich das Motorrad durch den Landverkehr des Venetos. Hier ist DAS der Wirtschaftszentrum Italiens, und das merkt man nicht nur an den Unabhängikeitsflausen hiesiger Politiker. Riesige und brandneue Firmengebäude stehen in der Landsschaft rum, darunter viele Factoryaoutlets. Viele Outdoormarken wie Salewa oder North Face produzieren hier, aber auch Motorradausrüster wie Alpine Stars.

Das hohe Aufkommen an Firmen macht sich natürlich im Verkehr bemerkbar. LKW an LKW schieben sich die Kolonnen über die Straßen, schneller als 70 ist nirgendwo erlaubt. Es ist heiss, der Verkehr die Hölle, und dann verfahre ich mich auch noch.

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Cima, das klingt so ähnlich wie Cimitero, und also muss das wohl eine Abkürzung sein, denke ich mir. Ich hatte nur Bilder von einem seltsamen Bauwerk gesehen, aber nicht nachgeschaut wozu das gebaut wurde oder WO das Ding zu finden ist. Diese Arbeit soll mal schön das Navi machen. Das verfährt sich aber prompt erstmal und lotst mich einen steilen Berg hoch, um dann vor einer kleinen Kirche stolz zu verkünden „Sie haben ihr Ziel erreicht“. Nee, habe ich nicht.

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Im Schatten des Glockenturms suche ich im Internet und Navi nach neuen Koordinaten. Das dauert erstaunlich lange, dieses Cima-Ding ist nicht leicht zu finden. Als ich weiterfahre, befallen mich sofort Zweifel, ob das hier alles so richtig ist. Wo baut man einen Friedhof hin? Genau, in die Nähe eines Ortes. Die Straße, die ich gerade fahre, führt aber immer höher und höher die Berge hinauf. Runde 20 Kehren und 1.000 Meter Höhenunterschied in kurzer Zeit sind erst der Anfang. Es ist brennend heiß, über 30 Grad, und bei langsamer Fahrt den Berg hinauf läuft der große Kühlerlüfter der Renaissance fast dauernd.

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Aus 1.500 Metern Höhe blicke ich auf das Veneto hinab. Ein toller Anblick, auch wenn die Landschaft im blau-weiß des Himmels verschwimmt. Hier oben ist die Fahrerei nur noch Qual. Die Straße ist eng, und windet sich in irren Steigungen an Felswänden entlang. Die Baumgrenze haben wir bei 1.300 Metern schon lange hinter uns gelassen. Hier oben ist nicht mehr als vereinzelte Nadelhölzer und Steine und Gras und Hitze. Aber bin ich hier überhaupt richtig? Wegweiser gibt es nicht.

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Verfasst von - 7. Januar 2017 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (11): Zerbrochen

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Sommerreise mit der Renaissance.

Dienstag, 21. Juni 2016, Grisciano

Die Gaststube des Kuhhof-Agriturismo ist noch leer, als ich sie an diesem Morgen um kurz vor Acht betrete. Vermutlich liegt die unsympathische Lehrerbande noch mit einem Weinschädel im Bett. Ist mir sehr recht.

Das Frühstück besteht aus einem Espresso und einem Cornetto mit hausgemachtem Honig, dann belade ich das Motorrad und mache mich abreisefertig. Die Pre-Start-Routinen habe ich in Fleisch und Blut, die geht der Körper einfach durch ohne das ich mich darauf konzentrieren muss. Navi in Betrieb nehmen – Tagesroute aufrufen – Helm aufsetzen – Helm einschalten – Bluetooth-Verbindung zwischen Reifen, Navi und Helm prüfen – Jacke zu – Handschuhe an – nochmal gucken ob alle Koffer wirklich fest sind – checken ob Portemonnaie und Handy in den richtigen Taschen sind – Motorrad starten – Choke einpegeln – Seitenständer hoch – und los!

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Ist ist noch kühl, als ich den steilen Bergweg vom Kuhhof hinab auf die Strada Statale steuere.

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Der Weg ist buckelig, und auch wenn das Motorrad gut läuft, höre ich doch bei jedem Huckel wieder das laute Klingeln irgendwo aus dem Inneren der Maschine. Das macht mich noch irre! Jede Schelle, jede Schraubverbindung habe ich nachgeprüft, so gut das eben durch die Verkleidung geht, und trotzdem ertönt bei jedem Schlagloch ein helles Klingeln von irgend etwas Losem.

Der Weg führt wieder in Richtung Norcia. Skurril: Eben fahre ich noch im Sonnenschein, als plötzlich eine weiße Wand auftaucht. Das ist kein Nebel; Das sind Wolken, die wie ein Band über dem Tal liegen. Für einen Moment fährt das Motorrad über den Wolken, dann ist die Decke von unten zu sehen.
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Verfasst von - 31. Dezember 2016 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (10): Seepferde, Schweine und jede Menge Kühe

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Die Sommerreise mit der Renaissance.
Montag, 20. Juni 2016, Siena

Der Nachteil, wenn man eine Reise tut und Unterbringungen im Vorfeld bucht: Man muss am nächsten Tag auch wirklich an dem vorher festgelegten Ort sein. Auch dann, wenn schon klar ist, dass das Wetter dort eine Katastrophe sein wird. Spontanes Umdisponieren ist nicht mehr drin.

Dummerweise ist heute so ein Tag. Eigentlich würde ich gerne nach Süden fahren und einen weiten Schlenker über die Berge in den Abbruzzen machen, aber dort tobt eine Regenfront mit Gewittern. Die Pässe auf der Strecke sind auch unter idealen Bedingungen nicht ganz einfach, aber bei Unwetter will ich nicht allein durch die am dünnsten besiedelte Region Europas fahren.

Also wähle ich eine einfachere Route, aber auch die führt durch eine Regenfront. Einen Weg drum rum gibt es nicht. Von Siena aus geht es nach Südwesten, durch die Bergkette hinter Asciano und dann um den Trasimenischen See herum. Am Horizont ballen sich schwarze Wolken zusammen.

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Kurz vor der Grenze zu Umbrien halte ich an einer Tankstelle und ziehe ich Regenhose und -Jacke über den Fahreranzug. Die weitere Schicht ist aus dünnem, aber wasserundurchlässigem und atmungsaktivem Material und hält Regen und Wind fern. Wasser findet immer einen Weg, aber diese Kleidung hält es sehr lange davon ab.

Tatsächlich beginnt es bei Perugia zu regnen und hört nicht mehr auf. Im Gegenteil, schlimmer und schlimmer wird es. Der Regen wirft Blasen in den Pfützen auf der Straße, und anders als im Roman „Herr Lehmann“ behauptet, bedeutet das nicht, dass es bald aufhört zu regnen.

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Es geht in die Berge zwischen Umbrien und den Marken. Hier gibt es viele, tiefe Täler, in denen die dunklen Regenwolken hängen. Die Täler sind mit Tunneln verbunden, und immer wenn ich in einen hineinfahre, hoffe ich darauf, dass an seinem Ende das Wetter besser ist. Was leider nicht passiert.

Bei Norcia halte ich an. Ich brauche eine Pause, und Glückes Geschick: An dem Parkplatz, den ich hier kenne, liegt das Gebäude eines Restaurants. Vor zwei Jahren war das noch nicht eröffnet, nun steht es schon wieder leer. Was allerdings noch vorhanden ist: Ein großes, gebogenes Vordach, das wohl als Wetterschutz dienen sollte.

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Ich lenke die Renaissance zwischen Betonkübeln mit vertrockneten Blumenresten hindurch und in den offenen Blechtunnel.

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Ein trockenens Plätzchen zum Verschnaufen. Der Regen prasselt auf´s Blech, während ich mir einen Müsliriegel und einen Schluck Wasser aus dem Vorrat des Motorrads gönne.

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Verfasst von - 24. Dezember 2016 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (9): Der Riese am Teich und der Zug der toten Ritter

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Sommerreise mit der Renaissance.

Sonntag, 19. Juni 2016

Florenz liegt direkt vor einer Bergkette. Von den kleinen Orten, die sich in die Bergflanken schmiegen, hat man einen tollen Blick über die Stadt: Ein, gar nicht mal so großes, Meer von braunen Dächern, aus deren Mitte sich die Kuppel des Domes erhebt wie ein Fels aus einer Brandung.

Florenz, von Fiesole aus gesehen.

Florenz, von Fiesole aus gesehen.

Von Pratolino aus bleibt einem diese Aussicht verwehrt, dafür ist der winzige Ort schon zu weit von der Stadt entfernt. Interessant ist er aber trotzdem, denn hier liegt die Villa Demidoff, und um sie herum ein weitläufiger Park mit einigen Kuriositäten.

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Kurios ist schon der Eintritt. Der ist nämlich frei, aber dennoch stehen gleich zwei Männer und eine Frau vom Heimatschutz am Eingang und springen auf mich zu. Einer reisst ein Ticket von einem Block und sagt: „Hier, ihr Ticket! kost nix!“

Ingresso Ridotto steht darauf, ermäßigter Eintritt. Keine Ahnung, was dieses Theater soll. Vermutlich steuerliche Gründe.

Der Park ist groß, zum Teil gepflegt, aber auch mit wilden Ecken. Gleich am Eingang steht der „Diamant“.

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Verfasst von - 17. Dezember 2016 in Motorrad, Reisen

 

Motorradreise 2016 (8): Der geheime Tempel

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Die Sommerreise mit der Renaissance.


Samstag, 18. Juni 2016, Siena

Rund 200 Kilometer westlich von Siena liegt der Ort Genga. Das ist schon lange nicht mehr Toskana, sondern die Marken. Die Marken sind eine winzigen Provinz, die zu Unrecht niemand kennt. In einigen Monaten werden die Marken traurige Berühmtheit erlangen, denn dann werden Erdbeben die Region verwüsten. Aber im Moment ist Juni, und jetzt sind die Marken noch voller Schönheit.

Die Region hat alles: Meer und Berge, grüne Hügel und felsige Täler. Hier liegt die auch die Gola del Furlo, der tiefe Felseinschnitt mit der kurvigen Einbahnstraße, und die Frassassihöhle, die ich 2013 schon besucht und dort Carlo und sein Regenbogenhaus kennengelernt habe. Hätte ich damals schon gewusst, was ich jetzt weiß, hätte ich mir den erneuten Weg hierher sparen können. So muss ich wieder fast drei Stunden hier her holpern.

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Ja wirklich, holpern: Der Weg führt durch Umbrien, und dort sind die Straßen legendär schlecht. Erst als es in die Marken geht, werden die Landstraßen im Schatten der sie säumenden Bäume und Prostituierte wieder besser. Italien ist wirklich manchmal seltsam. Prostitution ist erlaubt, aber Bordelle verboten. Als Folge stehen mancherorts, auch in Gottverlassen wirkendenen Gegenden, an jedem Feldweg eine Dame mit käuflicher Zuneigung. Aber wie gehen die ihrem Gewerbe eigentlich nach? Haben die irgendwo im Gebüsch eine Matratze liegen? Oder wird das alles im Stehen abgehandelt? Ach, eigentlich will ich das gar nicht wissen.

Die Schlucht sieht man schon von Weitem.

Die Schlucht sieht man schon von Weitem.

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Die Sonne glüht vom Himmel, als ich die Renaissance auf einem kleinen Parkplatz in der Frassassi-Schlucht abstelle. Links und rechts erheben sich steil die Felswände. Der Parkplatz heisst „Presepio Vivente“ – Die Wiege des Lebens. Hä?

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Verfasst von - 10. Dezember 2016 in Motorrad, Reisen

 
 
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