RSS

Archiv der Kategorie: Motorrad

Reflexion auf Steroiden: Passivlichtsystem

Eine Joggerin, mitten in der Nacht, auf der unbeleuchteten Waldstraße. Zum Glück hat sie reflektierende Nähte an ihrer Laufhose, die sehe ich aus 300 Metern Entfernung. Als ich sie mit dem Auto überhole, plötzlich der Schreck: Da ist noch eine Läuferin! Ganz in schwarz, praktisch unsichtbar. Zum Glück läuft das Leuchtwunder außen, trotzdem habe ich einen mittleren Herzkasper.

Sichtbarkeit ist im Straßenverkehr ist ein extrem wichtiges Thema. Es gibt keine andere Möglichkeit, mit so wenig Mitteleinsatz die eigene und die Sicherheit von anderen so deutlich zu erhöhen. Reflektierende Elemente und Signalfarben an Kleidung und Fahrzeug kosten quasi nichts, erhöhen aber die Sichtbarkeit signifikant.

Auch als Motorradfahrer kann man so einiges tun, um die Sichtbarkeit zu erhöhen. Was sinnvoll ist, ich persönlich aber nicht trage, sind diese neongelben Warnwesten. Meine (schwarze) Textilkombi hat rundherum reflektierende Besätze, aber in so eine grellfarbene Weste bekommt mich keiner rein.

Was ich dagegen super finde ist mikroprismatisches Markierband. Das ist ein selbsttklebendes, reflektierendes Geweband. Wer bei dem Stichwort an die die Reflektoraufkleber denkt, die wir in den 80ern an Schulranzen hatten oder an Reflektoren, wie man sie von Fahrrädern kennt, der ist auf dem Holzweg. Mit diesen Funzeldingern hat mikroprismatisches Band nichts gemein. Zum einen ist es technisch anders aufgebaut, zum anderen reflektiert es um ein vielfaches stärker. Normale Reflektoren wirken gegen die Leuchtkraft von Mikroprismen wie Kerzen, die mit einem Flutlichtscheinwerfer verglichen werden. Das Zeug ist Reflexion auf Steroiden.

Mikroprismatisches Band reflektiert Licht in mehreren Ebenen und aus unterschiedlichsten Winkeln, wie ein Prisma eben. Die reflektierenden Flächen sind, anders als bei normalen Reflektoren, fast spiegelnd und daher viel heller. Selbst schwaches Streulicht wird von diesem Band eingefangen und so zurückgeworfen, das es wirkt, als wäre es selbst eine Lichtquelle. Diese Art von Band wird zur Markierung von LKW-Silhouetten gedacht, kommt aber nicht bei flächendeckend zum Einsatz. Was vermutlich an den Kosten liegt. Das Kram ist teuer. Auf Ebay kostet der laufende Meter zwischen 6 und 10 Euro, das ist mal nicht ohne.

Ich habe dieses Band vor Jahren entdeckt, als ich mich über meine GIVI-Koffer geärgert habe. Der italienische Hersteller geht normalerweise immer die Extrameile bei seinen Produkten, aber bei den Koffern hatte man statt echter Reflektoren nur silberfarbene Aufkleber verwendet. Sollen sowas? Diese Fake-Reflektoren sind auch an den neuen Koffern dran, die ich neulich erst erstanden habe:

Da reflektiert genau gar nichts. Das geht deutlich besser, also Scotch 3M Diamondgrade Konturmarkierung nach ECE 104 bestellt.

Das Band ist schwer zu verarbeiten. Gemacht ist es halt, um auf LKW-Planen und Aufbauten zu kleben, also auf einem flexiblen, Wind- und Wetter ausgesetzten Untergrund. Dementsprechend stark ist die Klebeseite. Als ich vor 4 Jahren zum ersten Mal mit dem Band arbeitete, habe ich eine Schere verwendet. Die musste alle 20 Zentimeter mit Aceton gereinigt werden, so dermaßen klebt das. Dieses Mal war ich schlauer und hatte vorab ein Skalpell und ein Metalllineal besorgt.

Mit diesem Werkzeug heißt es dann: Messen, anzeichnen, schneiden. Messen, anzeichnen, schneiden. Immer und immer wieder.

Das Band ist 55 Milimeter breit. Die äußeren Ränder sind für mich auf einer Breite von 1mm nicht zu gebrauchen, vom Mittelteil brauche ich Streifen zu 23mm Für den kleinen Koffer und 35mm für den großen. Jede Kofferbeklebung besteht aus 7 Teilen, die Milimetergenau passen müssen. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen, aber allein diese Mess- und Schneidarbeiten werden so um die 8 Stunden gedauert haben.

Ergebnis Zwischenstand.

Die Reflektoren-Fakes habe ich auf den Koffern gelassen, die bekommt man nicht ab. Ich habe allerdings Lufteinschlüssen und Falten aus denen rausgeschnitten.

Dann wird alles gründlich mit Alkohol gereinigt.

Danach kommt die Fummelarbeit. Das Aufkleben des Bandes muss absolut präzise passieren, und weil der Klebstoff so stark ist, lässt es sich von Sekunde 1 an nicht mehr korrigieren. Versucht man es doch, bricht das Band. Ist mir mehr als einmal passiert, zum Glück war der Verschnitt eingeplant.

Auch die schmalen Zierstreifen an den Seiten der Koffer werden entfernt und durch Reflexband ersetzt.

Nach insgesamt ca. 10 Stunden und lauten Fluchorgien ist alles fertig beklebt, allerdings sehen die Stoßkanten unschön aus.

Um die zu kaschieren und das Ganze etwas edler zu machen, wird scharzes Ducttape auf einen Reststreifen Markierband geklebt.

Daraus werden schmale Streifen geschnitten…

…die dann auf die Übergänge gesetzt werden:

Fertig! Die nach hinten gerichteten Flächen sind rot, die vorderen und die Zierstreifen an den Seiten sind weiß.

So, und was bringt das Ganze nun? Wie eingangs beschrieben: Das mikroprismatische Band fängt selbst schwächstes Streulicht ein und wirft das so zurück, als würde es selbst von innen leuchten. Meine so veredelten Koffer haben also quasi ein Passivlichtsystem. Auf Fotos lässt sich das nur sehr schwer einfangen, aber hier der Versuch mit dem Unterschied vorher/nachher. Ist ein wenig plakativ, weil halt doch ein Blitz verwendet wurde, aber auch der macht die Wirkung deutlich:

Vorher:

Foto mit Blitz.

Nachher:

Die Arbeit war nervig und hat keinen Spaß gemacht, aber das Ergebnis spricht für sich: Wie breit das Motorrad mit den Koffern ist, lässt sich so viel besser erkennen – und die Sichtbarkeit insgesamt wird auch deutlich erhöht.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 23. Juni 2017 in Motorrad

 

Zweite Version

„Wie kommt es denn, das ihr Kennzeichen so kaputt ist?“, fragt die Frau auf der anderen Seite der Scheibe. Die Scheibe ist albern, das wirkt so, als müsste man die Bedienstete der KFZ-Zulassungstelle hinter Glas halten. Dabei ist das bei der netten Frau bestimmt nicht nötig. Sie ist Anfang dreißig, ein wenig korpulent und trägt ein Sommerkleid mit Blumendruck und eine Pagenfrisur, die sie ein wenig mädchenhaft scheinen lässt. Das passt alles zu ihrem strahlenden Lächeln und ihren freundlichen Augen.

Ich winke ab. „Ist ne lange Geschichte“, sage ich. Sie lacht und fragt „Wollen Sie wissen, was meinem Sohn passiert ist?“. „Klar“, sage ich.

„Der kam letzten Freitag jubelnd nach Hause, der hatte seinen Führerschein für die 125 bestanden. Das Mopped stand schon seit einem halben Jahr bei uns zu Hause. Jetzt durfte er es offiziell fahren“.

Sie nimmt Plaketten von einem Stapel und dreht die so, dass sie die richtige Position haben, dann zieht sie die Schutzfolien ab. „Zwei Stunden hat die Freude gehalten. In einer Kurve lag wohl Dreck oder sowas, darauf ist er weggerutscht, Motorrad Totalschaden.“ Sie klebt die Plaketten auf, dann nimmt sie einen Spachtel. „Ihm ist zum Glück nichts passiert. Wir sind dann auch noch zur Werkstatt gefahren, weil wir nicht gesehen hatten, dass die Gabel vorne gebrochen war. Ist nichtmehr zu reparieren, und 125er sind richtig teuer.“

„Das tut mir leid“, sage ich. Sie nickt und kratzt mit dem Spachtel auf dem Siegel am alten Schild herum. Ich sage: „Aber wenn es sie tröstet: JEDER Motorradanfänger baut im Übermut einen Abflug oder einen Unfall, früher oder später. Und ALLE benutzen die die Ausrede „da lag Dreck/Rollsplit/Kuhscheiße“, oder die Straße war naß oder sonstwas war Schuld. Dabei war es ein derber Fahrfehler, meistens im Übermut zu doll am Hahn gerissen. Ihr Sohn hat diese Lektion jetzt sehr schnell hinter sich gebracht, aber wenigstens ist er OK. Zukünftig wird er vorsichtiger sein.“

„Echt? Jeder Anfänger?“, fragt sie und reicht mir die Schilder durch das Ausgabefenster. Ich nehme das alte und das neue Kennzeichen der V-Strom entgegen und sage „Ja, jeder. Der erste Unfall ist unvermeidlich, die Frage ist nur, wie er ausgeht.“

„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, sagt sie und wünscht mir noch einen guten Tag.

In Göttingen ist die KFZ-Zulassung echt gut. Auch ohne Termin und inklusive Wartezeit hat die ganze Aktion „Ersatzkennzeichen“ nur 15 Minuten und 4,10 Euro an Verwaltungegbühren gekostet. Plus 10 Euro für das Blech, aber nun. Wollen wir mal hoffen, dass Version 2.0 des Kennzeichens länger hält als drei Monate.

Version 1.0:

Version 1.1:

Version 2.0:

 
3 Kommentare

Verfasst von - 22. Juni 2017 in Motorrad

 

Garmin Zumo 590: Akkuprobleme beheben – und warum überhaupt noch ein echtes Navi?

Motorradnavigation ist ein Thema für sich. Navigationsgeräte für Moppeds sind auch im Jahr 2017 groß, schwer, langsam und teuer. Nur mal als Beispiel: Mein Garmin Zumo 590 wiegt 400 Gramm, kostet 700 Euro und braucht für die Berechnung einer Route von hier bis Italien über Österreich ohne Mautgebühren und Vignette satte 8 Minuten.

In Zeiten von Google Maps fragt man sich da „WTF???“ und kommt natürlich sofort auf den Gedanken: Wäre es nicht viel effizienter, einfach das Smartphone ans Zweirad zu klemmen? Wasserdichte Halterung, USB-Anschluss, fertig ist die Laube?

Leider ist es nicht so einfach. Die Lösung mit dem Smartphone am Lenker funktioniert genau so lange gut, wie man bei norddeutschen Temperaturen mit einem kleinen Android-Handy und nicht allzu lange unterwegs ist. Denn so verlockend die Navigation mit dem Handy auch ist: Dafür ist es nicht gemacht, und das merkt man.

Zunächst: Das Handy muss wasser- und staubdicht eingepackt werden, in eine wasserfeste Tasche, eine Halterung oder das transparente Fach eines Tankrucksacks. Darin bekommt es aber keine Luft, und wenn die Sonne drauf scheint wird das Handy schnell zu heiß. Meint: Die innere Temperatur bewegt sich in Regionen, in denen sich bessere Geräte abschalten und nicht ganz so tolle schlicht schmelzen. Kein Witz.

Kälte tut den Dingern aber auch nicht gut: Iphones bis zum 6s gehen auch gerne mal aus, wenn ihnen nur ein Bißchen zu kühl ist, und das kann im Regen und bei Fahrtwind schnell passieren.

Auch die Stromversorgung ist ein Problem. GPS verbraucht viel Strom, nur auf Batterie kommt man nicht weit. Kleine Android-Geräte lassen sich gerade noch über eine Bordsteckdose mit Strom versorgen, aber schon ein normales iPhone zieht mehr Saft als die Steckdose der meisten Moppeds liefert und lädt deshalb nicht.

Schließlich ist die Bedienung umständlich: Man kann Handys in wasserdichten Hüllen meist nicht oder nur umständlich bedienen. Und zum Schluss: Was die stetigen und oft heftigen Vibrationen mit den Telefonen machen, will ich lieber gar nicht wissen.

Also: Für kurze Strecken bei gemäßigtem Wetter kann man schon mal auf ein Smartphone als Navi zurückgreifen, für echte Reisen taugt das aber nicht. Alles Gründe, die für ein dediziertes Navigationsgerät sprechen – und gleichzeitig erklären, warum die Dinger groß und schwer sind: Sie sind wasserdicht, halten Vibrationen, Hitze und Kälte aus und lassen sich auch mit Handschuhen bedienen. Normalerweise.

Hersteller TomTom hat es tatsächlich geschafft, Motorradnavigation seiner 4er-Serie mit einem kapazitiven Touchscreen zu kreuzen, wie er in Handys verbaut ist. Das hört sich erstmal gut an, aber das Ergebnis ist ein Navi für Schönwetterfahrer. Die fizzeligen Iconslassen sich schlecht treffen und Wischgesten sind mit Handschuhen auch unpräzise zu machen. Viel schlimmer aber: Wenn Regentropfen über das Display rollen, lösen die es aus!

Das waren für mich die auschlaggebenden Gründe um vor zwei Jahren zu Garmin zu wechseln, zumal deren ZUMO-Reihe auch als Bordrechner dient und sich Kameras und Reifendruckkontrollsystem anschließen lassen, ein Tank- und Servicebuch drin ist und das Ding so ganz nebenbei noch als Hub und Medienzentrale zwischen Smartphone und Helm funktioniert.

Mein ZUMO 590 hatte allerdings von Anfang an das Problem, dass der Akku kaum 30 Minuten durchhielt. Nun ist das 590 explizit auf den Anschluss ans Bordnetz ausgelegt, aber dafür, dass Garmin eine Akkulaufzeit von 4 Stunden versprach, war das doch ein Bißchen wenig.

Jetzt, zwei Jahre nach dem Kauf, funktionierte der Akku praktisch gar nicht mehr. Ein neuer kostet um die 50 Euro, weshalb ich die Anschaffung vor mir hergeschoben habe. Nun bin ich durch Zufall im V-Strom-Forum über eine wichtige Info gestolpert: Die Akkus der Generation 2015 waren angeblich OK, nur die Stecker waren fehlerhaft. Die fehlerhaften 2015er Akkus sind übrigens weiß (s. Bild) und aus Korea. Später kamen die ZUMO-Akkus aus Japan, die sind grau und haben das Problem nicht.

Mangelnder Kontakt führt dazu, dass das Navi die Kapzität des Akkus verkehrt berechnet und ihn nicht nutzt. Das lässt sich aber leicht beheben, einfach in dem mann die Steckkontakte nachbiegt.

1. Navi öffnen: Einfach den D-Ring auf der Rückseite drehen und den Deckel abheben.

2. Den Stecker hier zusammendrücken und nach oben abziehen.

3. Mit einem sehr kleinen Schraubendreher oder einer Nadel die Kontakte des Steckers vorsichtig von oben nachbiegen:

4. Zusammenbau in umgekehrter Reihenfolge.

Mein Akku hält nun mehrere Stunden durch, was er vorher noch nie geschafft hat. Einen Versuch ist es also allemal wert!

Übrigens: Wenn man das Batterieicon in der Statusleist am oberen Bildschrimrand drei Sekunden lang drückt, bekommt man Diagnoseanzeigen. Unter anderem zum Batteriestatus:

oder auch einen psychedlischen Screentest:

und wenn man auf das Empfangsbalkenicon drei Sekunden drückt, bekommt man GPS-Ortungsdaten angezeigt.

Aber das nur als Skurrilität am Rande. Wichtig ist: Besitzer eines ZUMO 590 LM mit Akkuproblemen sollten den Trick mit dem Nachbiegen der Steckerkontakte probieren!

—-
Mit Dank an AlterSchwede aus dem V-Stromforum, der auf ein niederländisches Youtube-Video zum Thema aufmerksam gemacht hat.

 
8 Kommentare

Verfasst von - 21. Juni 2017 in Motorrad

 

Ich packe meine Koffer….

Die Überschrift ist irreführend. Ich packe meine Koffer leider nicht, zumindest nicht im Moment. Zwar bringt mich das Fernweh gerade um, und in der Freizeit dreht sich jeder zweite Gedanke um „wo wäre ich jetzt gerade, wenn nicht…“ aber die Sucht nach Orten in der Ferne muss gerade noch ein wenig zurückstehen. Jetzt ist nicht die Zeit um weg zu fahren. Zum einen sind meine bevorzugten Ziele in den kommenden Wochen schon lange ausgebucht, zum anderen beginnt die Ferienzeit, und damit ist mir zu viel los auf den Straßen.

Außerdem lässt die Reparatur der V-Strom auf sich warten, denn bis zum heutigen Tag – fast drei Wochen später – hat mein Unfallgegner seiner Versicherung den Schaden noch nicht gemeldet, und ohne kann die Werkstatt nicht anfangen. Die Versicherung hat den Typen schon versucht anzurufen und zu -schreiben, aber der rappelt sich nicht und stellt sich tot.
Was für ein Arsch.

Wenn er sich weiterhin nicht rührt, nimmt seine Versicherung übrigens an, dass meine Ansprüche berechtigt sind und holt sich dann die Polizeiakte, um den Mann final anzuzeigen. Mein Recht bekomme ich auf jeden Fall, aber sowas daaaauert. Würde ich auf die Strom angewiesen sein, ich würde mich schwarzärgern.

Gut, dass ich hier eine Bürgemeinschaft mit der besten Verkehrsanwältin der Stadt habe. Tip von der ist übrigens: Unfälle, an denen man keine Schuld trägt, NICHT der EIGENEN Versicherung melden. Denn sonst würde man prophylaktisch hochgestuft. Interessant, oder?

***

Aber es gibt Hoffnung. Im September, wenn die Ferienzeit durch ist und es wieder ruhiger wird, wollte ich eigentlich für einige Tage Sardinien angucken. Ich merke aber gerade wie sehr mir die Reise mit dem Motorrad fehlt, und deshalb werde ich die Flugtickets verfallen lassen und mit der, dann hoffentlich wieder reparierten, V-Strom losfahren.

Bis dahin freue ich mich, dass ich jetzt überhaupt wieder Koffer zum zukünftigen Packen habe. Wir erinnern uns: Beim Auffahrunfall war die V-Strom auf der Seite und damit auf dem linken Seitenkoffer gelandet. Der unverwüstliche Givi E45 hat das zwar überlebt, ist aber nun zerschrammt, und wer weiß, ob nicht die Monokey-Halterung was abbekommen hat.

Doof nur: Die Dinger gibt es nicht mehr neu zu kaufen, und WAS es neu zu kaufen gibt, ist in allen Belangen schlechter. Vielleicht bezahlt mir die Versicherung des Unfallgegners brandneue Abenteuerkoffer. Die will ich aber gar nicht. Ich hätte gerne wieder einen E45, aber was man da so gebraucht zu kaufen bekommt, ist nicht nur sauteuer, sondern sieht meistens erbärmlich aus: Ausgeblichen, zerkratzt, verbastelt.

Bild: Nutzer Constantin auf Ebay-Kleinanzeigen.

Selten hat man Glück und bekommt gebrauchte E45s in gutem Zustand. Und dieses Glück hatte ich nun! Ein junger Mann hatte drei GIVI-Koffer von seinem Vater geerbt, der die praktisch nie benutzt hatte. Bei einer der ersten Fahrten hatte der junge Mann dann einen Unfall, dabei wurde einer der Koffer zerstört. Die beiden restlichen stellte der Mann in den Keller. Dort standen sie jahrelang, geschützt vor Witterung und Verfall. Bis jetzt.

Der junge Mann war sich sicher, dass kaum jemand die Koffer haben wollte, denn das übriggebliebene Duo ist asymmetrisch: Einer der Koffer ist ein E45, der andere ist schmaler und fasst nur 36 Liter. Genau DIESE Kombination passt aber perfekt an die Vrau Strom, die selbst auch asymmetrisch ist. Auf die Seite mit dem Auspuff kommt der kleinere Koffer, und zack, ist die Maschine auf beiden Seiten (fast) gleich breit. Das beide Koffer das gleiche Schließsystem haben und ein Schlüssel beide öffnet, ist ein sehr willkommener Bonus.

Ironie des Schicksals: Die Koffer mussten im Odenwald abgeholt werden, was bis auf 50 Kilometer genau dort ist, wo mich der Autofahrer aus dem Sattel geschossen hat. Also bin ich am vergangenen Samstag um 6 Uhr aufgestanden und SCHON WIEDER 300 Kilometer A7 und A45 gefahren, habe die Koffer eingeladen und bin die gleiche Strecke 300 Kilometer zurückgedüst. Damit habe ich den Weg innerhalb von zwei Wochen 6 Mal zurückgelegt. Kleine Abwechselung dieses Mal war ein Kaffee bei IKEA in Hanau.

Die langweilige Fahrt hat sich aber gelohnt, denn nun stehen sie hier: Zwei praktisch neue GIVIs, ein E45 und ein E36.

Die beiden sind so gut erhalten, dass sogar noch die Original-Gepäckgummis drin sind, die normalerweise nach der zweiten Benutzung reissen:

Ich freue mich wie Bolle. Hitzschutzbleche werden die beiden nicht verpasst bekommen, weil die an der V-Strom, anders als an der ZZR, nicht nötig sind. Aber ein Passivlichtsystem kommt auf alle Fälle dran, denn die silbernen Aufkleber, die Givi statt echter Reflektoren da dran geklebt hat, sind eine unreflektierende Frechheit:

„Die im Dunkeln sieht man nicht“:

Die Bastelei mit dem LKW-Markierungsband wird zwar wieder Pain in the Ass-ige Fleißarbeit, aber ohne fahre ich keine schwarzen Koffer mehr. Außerdem hilft die Bastelarbeit die Zeit bis zur Herbstreise zu überbrücken.

Lange Rede, folgender Sinn: Ich habe gerade Fernschmerz, ganz heftig, und nutze die Zeit bis zur nächsten Fahrt um mich über neue Koffer zu freuen.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 20. Juni 2017 in Motorrad

 

Noch zu retten

Wow, ich bin gerade ein wenig überwältigt. Ganz dicken Dank für die vielen lieben und aufmunternden Kommentare und die Anteilnahme in Mails und Tweets! Die haben mich wirklich gefreut und aufgebaut. Im Moment geht es mir ganz okay – traurig, aber okay.

Mittlerweile gibt es auch gute Nachrichten zu vermelden. Ich hatte zwei Tage nach dem Unfall mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Fühlte sich an wie Muskelkater. Fand ich erstmal nicht unlogisch, immerhin hatte ich beim Aufprall nicht nur einen Schlag in den Nacken bekommen, sondern das vollbepackte Motorrad auch alleine hochgewuchtet. Das kann die Muskeln schon mal strapazieren. Als nach 4 Tagen aber Kopfschmerzen dazukamen, suchte ich mal Tante Doktor auf – die mich prompt in die chirurgische Notaufnahme des örtlichen Klinikums verwies.

Dort habe ich dann den Freitag Vormittag verbracht. Nach mehrfachem Röntgen dann aber die Entwarnung: Alles OK, nur eine leichte Prellung an der Schädelbasis.

Die zweite gute Nachricht: Nach einer Woche des bangen Wartens kam ein Anruf von der Werkstatt. Die V-Strom wurde dort zerlegt und vermessen, mit dem Ergebnis: Weder Rahmen noch Schwinge, Achse oder Hinterrad sind verzogen. Anscheinend hat das Auto die Frau Strom genau so erwischt, dass zwar möglichst viel eingedrückt wurde (hinterer Kotflügel und Kennzeichen hatten sich ein Mal um die Strebe des Kofferhalters gewickelt und klebten oben auf dem Hinterrad), aber dadurch, dass der Treffer in den „Weichteilen“ landete, wurde die Energie des Aufpralls nicht direkt über das Hinterrad in das Fahrwerk geleitet. Glück im Unglück, könnte man sagen. Die Strom ist kein Totalverlust, sie wird wieder fahren.

Der Unfallgegner war niedlicherweise der Überzeugung, dass er „das verbogene Metallding“ (die Strebe des Kofferträgers) aus eigener Tasche bezahlen würde. Nun, mit dem Metallding ist es nicht getan. Der ganze Kofferhalter ist verzogen und muss komplett getauscht werden, ebenso Sturzbügel, Lenker und Handprotektoren. Hinzu kommen Stornokosten für Hotels und Kosten für die Rückholung meines Gepäcks aus dem Odenwald. Alles in allem wird der kleine Bumser über 2.200 Euro kosten. Was ich mit dem beschädigten Koffer mache weiß ich noch gar nicht, denn die guten Givi E45 gibt es gar nicht mehr neu zu kaufen, und andere will ich nicht.

Aber das wird sich finden. Jetzt warte ich erstmal darauf, dass die gegnerische Versicherung sich meldet. Das dauert, sagt die Werkstatt, gerne mal zwei bis drei Wochen. Dann werden die einen Gutachter schicken wollen, weil der Schaden größer als 1.000 Euro ist. Bis dann die Freigabe zur Reparatur kommt, wird es Mitte/Ende Juli sein.
Aber egal, ich will gerade eh nirgendwo hin.

Und so habe ich wenigstens genug Zeit, um das Andenken hier gegen ein gültiges Kennzeichen auszutauschen: Read the rest of this entry »

 
7 Kommentare

Verfasst von - 12. Juni 2017 in Motorrad

 

Abgeschossen

So, bin wieder da. Die diesjährige Sommerreise verlief etwas anders als geplant. Statt nach 8.000 Kilometern und 25 Tagen endete sie nach exakt 348 Kilometern und 6 Stunden in Wiesloch, einem Kaff kurz hinter Heidelberg. Das kam so.

Der vergangene Freitag war eigentlich der perfekte Starttag für eine Reise. Es war warm, und während ich auf dem Balkon frühstückte, spielten Nachbars Hühner auf der Wiese vor dem Haus im Schein der Morgensonne.

Im Flur standne schon die gepackten Koffer, und um kurz nach 9 zog ich die Haustür hinter mir zu.

Die Wohnung war im Abwesenheitsmodus, der Kühlschrank abgetaut, Heizung aus, alle Sicherungen raus. Ich trug die Motorradkoffer zur Garage, in der die V-Strom schon seit Tagen startbereit stand. Ich hatte sie zuletzt gar nicht mehr gefahren – fehlte mir noch, dass kurz vor der 3-Wochen-Reise eine Umfaller oder ein unachtsamer Autofahrer das Motorrad ruinierten, an dem ich nun seit 3 Monaten rumbaute.

Ich schob die große Suzuki auf die Straße, klippte die Koffer daran und checkte die Maschine. Alles OK. Schnell noch den Gehörschutz in die Ohren, dann den Helm auf, Bluetoothverbindung angeschmissen und los ging´s!


Read the rest of this entry »

 
15 Kommentare

Verfasst von - 6. Juni 2017 in Motorrad

 

V-Strom (5): Elektrik & Gedöns

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In einer Miniserie werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt. Im letzten Teil: Gedöns!

Elektrik
Keine Ahnung wie lange die Batterie in der Maschine war. Vermutlich war es noch die erste. Zwar war die noch gut, aber nach 7 Jahren darf mal eine neue her. Wieder eine Yuasa.

Licht
Der Vorbesitzer hat Givi S310 „Trekker“ Zusatzscheinwerfer an den Sturzbügel gebastelt. In meinen Augen eine Spielerei, weil die Dinger trotz Halogen recht funzelig sind und die V-Strom schon zwei große Hauptscheinwerfer hat. Aber hey, wenn es die Sichtbarkeit erhöht, warum nicht.

Um die Sichtbarkeit WIRKLICH zu erhöhen, hat die V-Strom Osram Nightracer 50-Lampen bekommen. Wie der Name schon sagt, sind die 50 Prozent heller als andere H4-Lampen, halten dafür aber weniger lange. Ist ein Kompromiss. Eine Alternative wäre die Nightracer 110 gewesen, die irre hell sind, aber nur 160 Stunden halten. Das war mir ein Bisschen zu wenig.

Auch die anderen Leuchtmittel wurden einmal durchgetauscht. Sowohl die Blinker als auch die Standlichtbirnchen sind gegen neue ausgetauscht wurden, und gleich viel sichtbarer. Richtig sichtabr wäre man natürlich mit hellen LED-Birnchen. Die gibt es am Markt, die Nutzung ist aber in Deutschland verboten.


Heizgriffe

Hätte ich auch nicht missen wollen, hat sich zum Glück schon der Vorbesitzer drum gekümmert: Heizgriffe. Die Guten, von Daytona. Dazu Handprotektoren von Suzuki. Geschützte und warme Hände, was will man mehr.


Reifen, Reifendruckkontrolle und Ventile

Ein Reifendruckkontrollsystem ist normalerweise ein Luxus, der den ganz dicken BMWs vorbehalten ist. Aber nicht bei mir. Von Garmin gibt es Ventilkappen, in denen Bluetooth-Sensoren stecken. Die vernetzen sich mit dem Navi und zeigen den jeweiligen Status an. Das ist ein gutes Maß an Beruhigung, wenn man zwischendurch mal den Reifendruck checken kann, besonders, wenn man gerade über spitze Dinge gefahren ist.

Die Reifendruckradkappen sind zwar mit 9 Gramm recht leicht, aber an einem schnell laufenden Rad reicht das Gewicht, um normale Gummiventile aus der Felge zu reissen. Deshalb wurden Metallventile verbaut, die diese Kräfte aushalten.

Das Reifendruckkontrollsystem in den Ventilkappen wurde allerdings von der Renaissance transferiert. Die kleinen Dinger sind mittlerweile mehr als doppelt so teuer wie früher, ein Satz kostet aktuell 180 Euro. Das tut nicht not.

In dem Zug kamen gleich mal neue Reifen drauf. Statt meiner geliebten Angel GTs fährt die V-Strom auf Tourance Next von Metzler. Das Marketing nennt die „Straßen-Enduro-Reifen“, aber Enduro ist daran mal gar nichts. Tourentauglich sind sie aber, und bringen dazu Spitzenwerte für Haftung auf nassem Asphalt mit. Ich bin gespannt wie die sich machen, bislang gefallen mir die Eigendämpfung, das Kurvenverhalten und die Tastache, dass der Reifen nicht dazu neigt Längsrillen nachzulaufen.

Vom Vorbesitzer: Kotflügelverlängerung.

Die Metallventile sind übrigens recht lang, was das Nachfüllen der Reifen noch schwerer macht als ohnehin schon. Winkelventile wären ideal, um das etwas leichter zu machen, aber die funktionieren nicht im Zusammenspiel mit den Reifendruckkappen.

Eine gute Alternative ist dieses Ding hier: Ein Winkeladapterdapter.

Sehr wertiges, CNC-gefrästes Teil, das mit der großen Rändelschraube aufs Ventil geschraubt wird. Das rote Drehrad öffnet und schliesst das Ventil dann. Damit kann man ganz bequem und ohne Luftverlust den Reifen nachfüllen.

Luft stellte sich in der Vergangenheit ohnehin gelegentlich als Problem raus. Gerade im Ausland haben Tankstellen oft gar keine Luftstationen, und wenn doch, dann sind sie häufig defekt. Sehr glücklich macht mich gerade diese kleine, aber sehr leistungsfähige Fußluftpumpe von Bikers Dream.

Die ist minifuzziklaan, wie wir Kölner sagen, und wiegt so gut wie nix. Mal gucken, vielleicht nehme ich die mit, damit wäre die nervige Suche nach Tankstellen mit funktinierender Luft Geschichte. Dafür könnten auch die Pressluftpatronen aus dem Reifenreparaturset zu Hause bleiben. Denen traue ich ohnehin nicht, und vom Gewicht nehmen sich Pumpe und Patronen nichts.

Navigation
Natürlich wird an der V-Strom auch das Garmin Zumo 590 verwendet. Da die Originalhalterung fest an der ZZR 600 verbaut ist, wurde in der V-Strom eine zusätzlich beschaffte Cradle verlegt.

Testaufbau im Winter.

Die ist nun fest eingebaut und versorgt das Navi mit Strom über geschaltetes Plus. Meine V-Strom hat das eine oder andere Relais mehr als eine Standardmaschine, da liess sich das gut anklemmen.

Die Cradle sitzt übrigens am Lenker. Die meisten V-Strom-Piloten bevorzugen eine Position an der Frontscheibe, weil dann der Blickweg nicht so weit ist. Geht bei mir aber nicht, zum einen komme ich während der Fahrt nicht mit den Armen bis an die Scheibe, zum anderen ist der Madstad-Scheibenhalter dafür nicht geeignet.

Gedöns
In die Rubrik Gedöns fallen noch der GPS-Tracker und der WLAN-Access-Point, die nun auch der V-Strom stecken. Genauso wie das kleine Thermometer, das nun im Cockpit klebt. Ist ja immer wieder erstaunlich… Es gibt keine kleinen, wasserdichten und batteriebetriebenen Thermometer mit Fühler für Motorräder. Das hier ist selbstgebaut, aus einem Termomodul, einem Elektronikgehäuse und Teilen eines Mini-Kamerastativs.

Ebenfalls Gedöns: Die Kamerahalterungen. Erstaunlicherweise hat die V-Strom gar nicht so viele Punkte, wo man eine Kamera sicher und vibrationsarm anbringen kann. Ich probiere es mal so:
Die VIRB XE klebt mit einem Saugnapf auf der vorderen Verkleidung. Sie zeichnet nicht nur Bilder, sondern auf, sondern auch Position, Lage, Geschwindigkeit, Beschleunigung und Temperatur (über einen Sensor im Heck).

Gesteuert wird sie mit einer kleinen Fernbedienung am Lenker.

Davon unabhängig gibt es noch die kleine Rollei, die im Fahrwerk hängt.

So. Damit wäre das Motorrad dann soweit. Ich will hoffe, dass die Frau Strom genauso zuverlässig ist wie die ZZR 600. Wie sie sich schlägt, werde ich ab kommender Woche erfahren – dann geht es auf Tour. Mehrere Wochen lang.

 
18 Kommentare

Verfasst von - 26. Mai 2017 in Motorrad

 

V-Strom (4): Gepäck

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In lockerer Folge werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt.

SW-Motech Evo QuicklLink Koffersystem
Die gebrauchte V-Strom hatte schon einen Kofferhalten montiert. Zuerst habe ich mich total gefreut, als ich gesehen habe, dass es sich dabeium ein SW-Motech-Teil handelt. Die deutsche Zubehörschmiede geniesst einen ausgezeichneten Ruf, und das „Evo“-System ist wirklich ein Meisterstück. Mit Adapterkits lässt es sich so umrüsten, dass sowohl meine Givi-Koffer als auch Hepco & Becker, Steed und andere Koffer an die Maschine passen. Super, das spart den Kauf eines Kofferträgers, und ich kann meine Koffer weiterverwenden.

Die Kehrseite: Das Evo ist ein Quicklink-System. Man dreht die Schraubverbindungen um 90 Grad und zack, hat man den Träger demontiert. Ist für Leute, die Kofferträger unästhetisch finden.

Ist ja auch eine nette Idee, wenn man den Träger nicht dauernd dranhaben möchte. Allerdings lässt er sich ohne spezielles Werkzeug lösen. Auch dann, wenn die Koffer dran sind. Für Diebe ist es daher sehr einfach, durch Lösen von vier Clickverschlüssen eben mal das Gepäck wegzutragen.

Suboptimal. Abhilfe schaffen spezielle Haltebolzen mit Schlössern drin, die ich nachträglich montiert habe.

Wesentlich fester ist da schon die Halteplatte von Givi. Die wird mit fummeligen Halterungen direkt auf die Gepäckbrückde der Suzuki geschraubt und ist ohne passendes Werkzeug und ausgerenkte Finger nicht mehr abzubekommen. Dummerweise ist sie recht dicht an der Sitzbank moniert, geht aber nicht anders.

Die V-Strom hat nur einen Auspuff, der an der rechten Seite weit hochgezogen ist. Dadurch ist die ohnehin breite Maschine asymetrisch, und der rechte Koffer steht 6 Zentimeter weiter nach Außen ab als der linke.

Ich hatte erst überlegt ein asymetrisches Kofferset zu montieren. Nachdem ich mir einige Sets genauer angesehen habe muss ich sagen: Diese Art von Koffer sind meist irre teuer und lenken erst recht den Blick auf die Asymetrie. Und noch schlimmer: Bei manchen muss man echt den Nutzwert anzweifeln, anscheinend zählt die Optik mehr als der praktische Nutzen.

So ein Fall sind die „Trekker“ von Givi. Mit denen hatte ich heftig geliebäugelt, als ich dann aber einen der 46 Liter-Modelle zu Hause hatte, war ich ziemlich negativ überrascht. So schön die neuen auch sind, mit ihren schwarzen Aluminiumplatten und dem geteilten Deckel: Sie sind am Ende des Tages halt auch nur Plastikkoffer, und dafür mit 6 Kilogramm Gewicht einfach zu schwer.

Der Motech-Träger kann 12,5 Kilo pro Seite tragen, wenn die Koffer schon 6 davon mit Eigengewicht belegen, bleibt nicht mehr viel für den eigentlichen Inhalt übrig. Nach reiflicher Überlegung bin ich tatsächlich zu dem Schluss gekommen: Meine alten E45-Givis sind tatsächlich das Beste, was es in dem Bereich gibt. Sie machen vielleicht optisch nicht so viel her, aber sie sind stabil, leicht ( wiegen 3 Kg) und dicht.

Ein weiterer Punkt für die Weiterverwendung der alten E45 ist das selbstgebaute Passivlichtsystem, das für die Sichtbarkeit unschlagbar ist. Das umlaufende Diamond Grade Markierungsband, das ich in mühsamer Handarbeit nachgerüstet habe, macht, dass die Maschine selbst in finsterster Nacht bei geringstem Streulicht leuchtet wie ein Weihnachtsbaum.

Ganz zu schweigen vom Topcase, das im doppelten Boden nicht nur eine Warnweste mitbringt, sondern in sich nochmal ein Gepäcksystem mit Wasserflaschen und Kleinteiletaschen hat.

Das Topcase fahre ich übrigens meistens genauso leer durch die Gegend. Dann passt nämlich der Helm rein. Ich erlaube mir den Luxus, denn Helm durch die Gegend schleppen ist doof.

Vermutlich brauche ich die 90 Liter Stauraum der beiden E45 Givis gar nicht mehr. Bei den Reisen mit der ZZR war der rechte Koffer zum Großteil mit Werkzeug und Ersatzteilkram beladen. Das brauchte wenig Volumen, brachte aber viel Gewicht auf die Waage. Bei der V-Strom kann ich mir das Mitführen von Ersatzteilen hoffentlich sparen. Anders als die ZZR ist die Suzuki dafür gemacht auch mal Umfaller wegzustecken. Bei einem Sturz brechen nicht sofort die Fußrastenhalter, sondern verbiegen sich und lassen sich vom Dorfschmied wieder in Form dengeln. Und das Werkzeug lässt sich anders unterbringen:

Tooltube

Auf der rechten Seite der V-Strom verläuft zwischen Hinterrad und Kofferträger der Auspuff, aber links war da – nichts. Bis jetzt. Ein Dokumentenzylinder aus einem John-Deere-Traktor wurde zu einer Tooltube, einer Werkzeugröhre.

Halterungen bringt das Plastikding schon mit, und nach einigem Experimentieren und mit Alberts Hilfe (Geht´s nicht M8 und V2A?“) hatte ich dann auch irgendwann die passenden Schrauben zur Verbindung mit dem Gepäckrahmen gefunden, der praktischerweise noch unbenutzte Löcher hatte.

In der Röhre befinden sich nun Ersatzhebel, Werkzeug, ein Warndreieck und eine starke Taschenlampe. Abschließen kann man sie nicht, aber ich würde mich stark wundern, wenn da wer dran geht.

Rechts Auspuff, links Tooltube.

Fällt kaum auf, das Ding:

Sitzbank
Die beste Investition in die ZZR 600 die ich JEMALS getätigt habe war die Sitzbank, die eine kleine Sattlerei in Hameln für mich gefertigt hat. Durch die Form und die Geleinlage kann ich 8 Stunden am Stück fahren ohne das mir der Hintern abfällt. Die V-Strom hat eine 4Seat Sitzbank von Baehr mitgebracht.

Das Teil kostet mit 500 Steinen mehr als drei Mal so viel wie das Unikat aus der Sattlerei. Ob das Ding die viele Kohle, die ich persönlich nicht ausgegeben hätte, wirklich wert ist, muss sie erst noch beweisen. Sehr vertrauenserweckend ist der erste Eindruck nicht: Einer der Haltehaken zum Chassis ist schon gebrochen. Der Vorbesitzer hat sich wohl draufgesetzt, als das Kunststoff-Ding nicht richig eingerastet war. Das dürfte aber keine Rolle spielen, solche wichtigen Teile müssen aus Metall sein und dürfen nicht brechen, nie! Schon gar nicht an einem 500 Euro-Sitz.

Unter der Sitzbank bringt die V-Strom auch noch erstaunlich viel Stauraum mit. Da lagern bei mir jetzt Papiere (Eintragungen, Zulassungen, Unfallbericht, grüne Karte), ein Verbandskasten sowie das, was man als Moppedfahrer immer für Reperaturen braucht: Klebeband und Kabelbinder.

Mit Tooltube und Sitzbankstauraum kann ich mir jetzt tatsächlich die Werkzeugtasche im Koffer sparen.

 
11 Kommentare

Verfasst von - 25. Mai 2017 in Motorrad

 

V-Strom (3): Schutz & Scheibe

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In lockerer Folge werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt.

Sturzbügel
Endlich wieder ein Sturzbügel! Mögen viele ja nicht, wegen Ästhetik und so, aber da kann man bei der V-Strom ja eh nicht viel versauen. Ich muss aber zugeben: Ich stehe total auf Sturzbügel. Hatte ich schon an der 450er Honda, und der hat mir bei zwei Stürzen das Bein gerettet und die Maschine vor Schaden bewahrt. Wegen der Vollverkleidung passte kein Sturzbügel an die ZZR 600, deshalb hat die Maschine Sturzpads. Aber in so einen richtigen Rohrrahmen habe ich mehr Vertrauen als in einen Metallpilz.

Als ich sie gekauft habe, hatte die V-Strom einen Sturzbügel aus dem Suzuki-Zubehörprogramm. Der ist ziemlich winzig.

Sturzbügelchen von Suzuki. Doof.

Albrecht merkte an, dass der im Falle eines Umfalls oder Sturzes lediglich den Motor schützt, während der Tank und das Bein des Fahres in Mitleidenschaft gezogen wird. Recht hat er, der Albrecht, zahllose V-Strom-Besitzer mit zerstörten Tanks und Verkleidungen können da ein Lied von singen! Also ab mit dem Suzuki-Mist und stattdessen einen Sturzbügel verbaut, der den Namen auch verdient. Sieht ein wenig martialisch aus, aber der neue Sturzbügel von Givi bietet wirklich die beste Schutzwirkung.

Martialisch: Struzbügel von Givi.


Unterfahrschutz

Die V-Strom ist kein Geländemotorrad, in erster Linie wegen fehlender Bodenfreiheit. Nun bin schon öfter ungewollt in Situationen gekommen, wo ich über Felsen oder Absätze huppeln musste. Macht man das mit der V-Strom, kann man sich dabei den Kühler beschädigen oder den Ölfilter abreissen. Die sind nämlich etwas seltsam, direkt hinter dem Vorderrad, positioniert.

FKK: Kühler und Ölfilter baumeln nackig im Wind.

Deswegen verkaufen sich Motorschutzbleche so gut. Leider passen weder die originalen noch die von Drittherstellern mit den Sturzbügeln von Givi zusammen. Die Lösung: Handarbeit.

Marselus, eine Manufaktur in Tschechien, baut auf Anfrage Zubehörteile für die V-Strom – auch einen Motorschutz, der direkt am Givi-Sturzbügel montiert werden kann.

War ein wenig seltsam, auf einer tschechischen Seite nur nach Bild was zu bestellen, aber der darauffolgende Mailkontakt war sehr nett, und 14 Tage nach Bestellung kam das Stück hier an.

Lasergschnittenes, dickes Aluminium, handgeschweißt, pulverbeschichtet und perfekt passend. Ein wirklich schönes Stück Handwerkskunst, bei dem es ob seiner WErtigkeit schon Freude bereitet, es zu berühren.

Vorn wird es am Sturzbügel montiert, hinten an den Schrauben von Seitenständer und Auspuffhalterung. Damit ist der Motor rundum geschützt, und wenn man doch mal dran muss, kann man den Korb durch das Lösen von vier Schrauben abnehmen.

Sportscheibe
Als ich die V-Strom bekam, trug sie eine riesige Tourenscheibe mit einem zusätzlichen Spoiler oben drauf. Das Ding war so hoch, dass die Kante und der Spoiler direkt in meinem Blickfeld war, totzdem hatte ich Verwirbelungen am Helm. Dasist bei den V-Stroms ein bekanntes und echtes Problem: Hinter der hohen Scheibe gibt es Wirbel, die einem bei höheren Geschwindigkeiten den Helm nach links und rechts reißen oder Luftwellen, die direkt auf den Kopf ballern. Im Schlimmsten Fall gibt das ein verwackeltes Seefeld und Kopfschmerzen beim Fahrer. Das ist der Grund, weshalb man V-Stroms so gut wie nie mit der Originalscheibe sieht.

Viele Fahrer bauen nun riesige Tourenscheiben an, hinter denen sie komplett vor Wind und Wetter geschützt sind. Das wirft aber gleich mehrere Probleme auf. Zum einen wird die Maschine anfällig für Wind und maacht dann u.U. Pendelbewegungen, zum anderen muss man als Fahrer durch die Scheibe schauen oder hat zumindest die Kante im Blickfeld. Besonders unangenehm bei Reisen in warme Länder: Der Helm wird nicht mehr belüftet, weil der Luftstrom von vorne fehlt.

Eine Schrankwandgroße Scheibe ist nicht mein Ding. M.E. besteht der Sinn einer Scheibe am Mopped NICHT darin, den Fahrer vollflächig vor Wind und Regen zu schützen. Nein, normalerweise dient die Scheibe der Minderung des Windrucks auf der Brust, während der Helm frei im Windstrom liegt. Also weg mit der zu hohen Toruenscheibe und auf Ebay eine Originalscheibe zum Testen gekauft. Die ist aber auch recht hoch und produziert Wirbel.

Glücklicherweise fand sich in Wien eine gebrauchte Sportscheibe. Die Dinger sind selten, weil Suzuki sie nur kurz im Programm hatte. Unverständlich, denn sie erfüllt ihren Zweck nicht nur besser als die Standardscheibe, sondern sieht dabei auch noch cool aus!

Sportscheibe vs. Standardscheibe.

Problem war nur: Der Winkel stimmte nicht. Auch die Sportscheibe produzierte Luftwirbel. Aber auch da gibt es was, wenn man bereit ist, die Extrameile zu gehen.

Madstad-Scheibenhalter

Der Originalscheibenhalter lässt eine Verstellung der Scheibe in der Höhe zu, in zwei festen Positionen. Glücklicherweise gibt es Mark Stadnyk. der fährt selbst eine V-Strom und hat 2006 eine Scheibenhalterung zurechtgetüfelt, die super verstellbar ist und Luftwirbel durch andere Neigungswinkel eliminiert.

Mark produziert diese Halterungen in einer kleinen Manufaktur „Madstad“ in Brooksville, Florida, und von dort haben sie ihren Weg an meine V-Strom gefunden (nach einem wochenlangen Irrweg von Fort Worth, Miami und den deutschen Zoll).

Aus den USA importiert: Scheibenhalterung.

Höhe und Winkel der Scheibe lassen sich über zwei Rändelschrauben schnell einstellen, damit sollten Windböen der Vergangenheit angehören. Jetzt muss ich nur noch die richtige Einstellung finden.
Man munkelt übrigens in düsteren Forenecken, dass der Madstad-Scheibenhalter nicht an deutschen Moppeds montiert sein darf, weil er keine E- oder KBA-Nummer hat. Ich habe mal direkt den Dekra-Prüfer gefragt. Antwort: Das Ding braucht weder eine Zulassungsnummr noch eine Einzelabnahme, weil es nicht Sicherheitsrelevant ist oder die Fahreigenschaften ändert.

Wo ich gerade am Tauschen der Scheiben war, habe ich den den vorderen Halter Neodym-Magnete eingeklebt.

Die sieht man nicht, wenn das Teil montiert ist…

…aber eine passende Hülle für Parkscheine klebt bombenfest daran:

Und ja, das wird nötig sein. Die Frau Strom hat nämlich einen dicken Hintern und ist fast so breit wie ein Twingo. Sowas parkt man nicht unauffällig auf einem Fußweg, die wird schon mal auf kostenpflichtigen Parkplätzen stehen müssen.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 24. Mai 2017 in Motorrad

 

V-Strom (2): Fahrwerk, Ständer, Kettenöler

In den letzten Wochen war ich damit beschäftigt eine Suzuki DL 650 V-Strom so herzurichten, dass ich damit auf Touren gehen kann. In lockerer Folge werden die Änderungen an der Maschine vorgestellt.

Tieferlegung
Die Frau Strom ist GROSS, wirklich groß. Ich nicht. Um mal zu zeigen wie groß die Schwarze ist, hier mal ein Vergleichsbild neben der Renaissance.

Ich habe zwar lange Beine, aber für mehr als einen Fuß auf dem Boden reichte es nicht. Das genügt zwar um an einer roten Ampel nicht umzufallen, ist aber zu wenig, um die Kiste rückwärts aus einem geschotterten Parkplatz zu schieben. Deshalb wurde eine Tieferlegung von Alphatechnik verbaut. Diese Teile hier sind Umlenkhebel, die 37mm länger sind als die Standardteile.

Die Hebel ziehen das Motorrad hinten 30mm weiter runter. Vorne wird die Gabel 0,8mm durchgesteckt. Hört sich alles nach nicht viel an, aber es aus, dass ich mit beiden Füßen an den Boden und ohne Leiter auf die V-Strom komme. Preis der Freiheit: Der Seitenständer musste auseinandergeflext, um 20mm gekürzt und wieder zusammengeschweißt werden.

Ständer
Ein Hauptständer ist eigentlich unverzichtbar bei einer Reisemaschine, wenn man den Hinterreifen wechseln oder flicken muss die Ketten schmieren will. Doof: Die Strom hat sowas serienmäßig nicht. Nett: Der Vorbesitzer hatte einen Original-Hauptständer nachgerüstet. Doppeldoof: Durch die Tieferlegung war der nicht mehr zu gebrauchen, und in Kurven schrappte er auch noch schnell über den Asphalt. Die Funkenspur sieht zwar beeindruckend aus, ich brauch sowas aber nicht. Also ab mit dem Hauptständer.

Ich kann mich noch dran erinnern: Das erste Mal ganz bewusst habe ich die DL 650 wahrgenommen, als eine polnische V-Strom vor I Papaveri stand. Aufgefallen ist mir die Kiste wegen der Fußverbreiterung, die auf den Seitenständer aufgesteckt war. Sowas wollte ich auch! Gab es aber leider für die Kawasaki nicht. Jetzt habe ich eine, aus Alu gelasert.

Es kommt nämlich relativ häufig vor, dass ich auf Schotter, Rasen oder anderen, unfesten Untergründen parken muss. Dann sinkt der Seitenständer ein. Für die ZZR hatte ich eine Platte zum Unterlegen dabei, für die V-Strom gibt es aber was Besseres in Form des „Elefantenfußes“.

Ein Hauptständer wäre zwar praktisch, aber für Reifenpannen gibt es immer einen Service in der Nähe, und zum Ketten schmieren gibt es einfachere Methoden:

CLS-Kettenöler

Heiko Höbelt ist ein Tütfler. Seit Jahren baut er immer neue Versionen seines Chain Lube Systems (CLS), einem verschleißfreien Kettenschmiersystem. Mototorradketten müssen dauernd gereinigt und gefettet werden, sonst sehen sie schnell aus wie auf dem Bild oben: Rostig und dreckig. Abhilfe schaffen Kettenöler, das sind Konstruktionen, die die Kette autmatisch ölen.

Die ZZR hatte ein unterdruckgesteuertes Kettenölsystem von Scottoiler verbaut. Das kennt nur zwei Einstellungen: Ventil auf oder Ventil zu. Da sich die Viskosität des Öls in Abhängigkeit von der Außentemperatur zwischen 5 und 25 Grad Celsius um bis zu 400% ändert, muss man die Durchflussmenge ständig per Hand nachjustieren, über eine Rad unter der Sitzbank. Macht man natürlich nicht, mit dem Resultat, dass bei warmem Wetter so viel Öl auf die Kette läuft, dass es überall hin geschleudert wird: Auf die Felgen, in die Verkleidung, sogar am Nummernschild kleben an warmen Tagen schwarze Tropfen.

Die Pumpe, die Höbelt erfunden hat.

Display und Tank.

Bei Heiko Höbelts CLS ist das anders. Hier sitzt eine Pumpe in der Seitenverkleidung, die immer genau einen Tropfen in die Ölleitung drückt, egal wie viskos das ist. Trotzdem kann man das System regeln, über ein Display am Lenker. So lässt sich der Ölfluss erhöhen, wenn man z.B. im Regen oder in staubiger Umgebung unterwegs ist. Das System klemmt direkt an der Batterie und springt nur an, wenn es merkt, dass die Lichtmaschine Strom zuliefert, also der Motor läuft. Genial! – So spart man sich rumfuckelei mit Relais und ähnlichem.

Die Steuerelektronik ist in der linken Seitenverkleidung versteckt.

Der Öltank ist unter der Sitzbank angebracht. Eine Füllung reicht für 16.000 Kilometer.

Display mit Folientasten zum Einstellen der Ölmenge.

Die Pumpe sitzt in der rechten Seitenverkleidung.

Als Effekt muss man die Kette nie wieder von Hand schmieren, sie hält wesentlich länger, und putzen muss man sie auch nie. Dieser Komfort hat seinen Preis. So ein elektronisches CLS kostet 270 Euro, ein unterdruckgesteuerter Scottoiler der Marke Dreckschleuder ist dagegen für 100 Euro zu haben. Aber nach der Schweinerei an der ZZR in den letzten Jahren muss ich sagen: Nie wieder. Dank des Höbeltschen Erfindungsgeists bleibt die V-Strom sauber.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 23. Mai 2017 in Motorrad

 

Fernreisetauglich 2017: V-Strom DL 650

„This Girl is going Places“


(Anm: Artikel enthält jetzt auch die folgenden 5 Beiträge. All inclusive, sozusagen)

Es gibt kaum einen schlechteren Zeitpunkt für den Kauf eines Motorrad als mitten im Winter. Ich habe es trotzdem getan, seit Ende Februar gehört mit eine sechs Jahre alte Suzuki V-Strom. In den vergangenen Wochen wurde heftig an der gebaut, ihr erste große Reise mit mir als Fahrer startet in Kürze.

Dabei hat die V-Strom schon einiges hinter sich, aber dazu später mehr.

Die Renaissance, meine treue Kawasaki ZZR 600, hat mich nie enttäuscht. Aber nach fünf Jahren, in denen wir gemeinsam wochenlang kreuz und quer durch Europa gekurvt sind, haben sich meine Ansprüche etwas verschoben. Es gibt Strecken, die ich mit der ZZR nicht fahren und Orte, die ich mit ihr nicht oder nur unter Schmerzen erreichen kann. Schon jetzt hat die Sporttourerin mehr gesehen und mitgemacht als die meisten „Adventurebikes“. Aber ich kenne inzwischen auch ihre Grenzen und meine Wünsche sehr genau. Auf meiner Wunschliste stand ein weicheres Fahrwerk, eine andere Sitzhaltung und ABS. Genau das bringt die V-Strom von Haus aus mit.

Die DL 650 V-Strom wird von Suzuki gerne als „Sport-Enduro-Tourer“ vermarktet. Das ist ziemlicher Quatsch, denn die Maschine taugt weder im echten Gelände, noch ist sie besonders sportlich. Der Marketingquark zeigt aber recht gut, wie schwierig das Motorrad zu verorten ist. Denn wenn sie eines ist, dann vielseitig. Das lässt sicher aber leider im Pitch nicht auf einen Unique Selling Point runterbrechen.

Meine V-Strom ist eine der Letzten (L0) der WVB1-Reihe, die von 2004 bis 2010 fast unverändert gebaut wurde. Gängiger Konsens ist, dass das Design als hässlich empfunden wird. Zu bollerig kommt sie daher, zu glubschig die Scheinwerfer, zu zerklüftet die Front, zu breit das Heck. Erst die 2012er-Maschinen brachten gefälligere Maße und augenschmeichelndere Formen mit, laufen etwas ruhiger und verbrauchen noch weniger.

Aber das Aussehen ist Geschmacksfrage und war mir in dem Fall nicht die Mehrausgabe von mehreren Tausend Euro wert. Denn V-Stroms sind vergleichsweise günstig in der Anschaffung, bei Gebrauchtmaschinen sinkt aber der Wert irgendwann nicht mehr – was auch für die Haltbarkeit und Zuverlässigkeit spricht.

Nein, um Design ging es mit nicht. Was mir wichtig war: Reisetauglichkeit, Wartungsfreundlichkeit und eine robuste Ignoranz gegenüber dem Untergund (Fahren auf Schotter oder umbrischen Straßen, was in etwa einer Fahrt auf einem Truppenübungsplatz entspricht).

Tatsächlich ist die V-Strom eine bequeme, agile Reisemaschine. Anders als auf Sportmaschinen, auf denen man eher kauert, thront man auf der V-Strom geradezu. Für mich war es erst einmal ungewohnt, wieviel Motorrad ich plötzlich um mich rum hatte. Zum Vergleich: Bei der ZZR endet das Windschild, die Frontscheibe, direkt vor meiner Nase, ich gucke direkt auf den Asphalt und die Spiegel sind unterhalb der Sichtlinie. Bei der V-Strom ist das Windschild eine ganze Armeslänge entfernt, und DAVOR geht die Maschine noch weiter. Die Frau Strom ist wirklich groß. Nicht umsonst wird sie gerne von Menschen mit 1,90 Körpergröße gefahren, die passen da nämlich prima drauf.

Auch für kleinere Menschen ist die aufrechte Sitzhaltung gelenkschonend, und das weiche Fahrwerk mit den großen Rädern schluckt Unebenheiten und Schlaglöcher bequem weg. Gleichzeitig ist sie in Kurven aber wieselflink und handlich, was zumindest ich ihr so gar nicht zutraut hätte. Ohne große Übung erreiche ich mit der Strom Schräglagen, die ich so mit der ZZR nicht ohne Weiteres hinbekomme.

Ungewohnt sind auch Verarbeitungsqualität und Getriebe. Während die V-Strom in Sachen Passform und Materialqualität, insbesondere der Kunststoffteile, weit hinter der 8 Jahre älteren Kawasaki hinterherhängt, ist das Getriebe ein Traum. Da klappert und hakelt nichts, die Gänge gleiten einfach so rein. Herrlich.

So geschmeidig das Getriebe ist, so bollerig ist der Motor. Der Zweizylinder röhrt und vibriert wie ein Trecker, zumindest im direkten Vergleich mit dem geschmeidigen Vierzylinder der Kawa. Das muss man ihm aber nachsehen, dafür ist er zuverlässig und glänzt er mit niedrigem Verbrauch. In Kombination mit dem 22 Liter großen Tankvolumen reicht eine Füllung für 400 Kilometer, in der Theorie sogar 500. Zum Vergleich: Mit der ZZR ist bei 250 bis max. 300 km Schluss, mit der muss ich manchmal drei Mal am Tag an die Tankstelle. Dafür bringt der V-Strom-Motor mit 69 PS wesentlich weniger Leistung, was sich sowohl in der Beschleunigung, als auch bei der Höchstgeschwindigkeit bemerkbar macht. Bei Tempo 180 ist Feierabend. Das spielt aber auf Reisen keine große Rolle. Schneller als 130 fahre ich mit Koffern dran eh selten, und bis dahin springt die Strom schnell genug.

Die V-Strom wurde 7 Jahre nahezu unverändert und in großen Stückzahlen gebaut. Das heisst auch: Es gibt einen riesigen Markt an Ersatz- und Zubehörteilen.

Das ist auch gut so. Ich habe mehrere Jahre gebraucht, um für mich rauszufinden worauf ich beim Motorradreisen wert lege. Die ZZR so umzubauen, dass ich damit absolut zufrieden war, hat durch iterative Entwicklung insgesamt drei Jahre gedauert. Die V-Strom hat einige dieser Dinge, auf die ich nicht verzichten kann, schon mitgebracht. Der Vorbesitzer muss die Maschine echt geliebt haben – sie hat einige der besten Zubehörteile überhaupt von ihm bekommen, u.a. den Kofferträger und die Sitzbank. Aber auch im Detail hat er feine Veränderungen vorgenommen. Das es sich bei den merkwürdigen Teilen, die versteckt in der Verkleidung an der Gabel angebracht sind, um Ösen für Zurrhaken handelt, die man zum Vertäuen der Maschine u.a. auf Fähren braucht, zeigt, dass die Kiste schon mehr als eine lange Reise hinter sich hat.

Dazu kamen nun in den vergangenen sechs Wochen weitere Veränderungen.

Für die größeren Umbauten wurde die Kawasakiwerkstatt des Vertrauens rangezogen. Die mussten sich erst an die Suzuki gewöhnen, letztlich haben sie aber alles so schrauben können wie ich es wollte. Verbaut wurden Teile, die in kleinen Manufakturen in Deutschland, Tschechien und den USA zum Teil speziell für meine Strom gefertigt wurden. Herausgekommen ist nun eine Maschine, die wieder so einzigartig ist wie die Renaissance, sich aber ganz anders fährt. Man, bin ich gespannt, wie die sich auf der nächsten Sommerreise schlägt.

Das hier sind die Anpassungen, die an der Freu Strom vorgenommen wurden:

Read the rest of this entry »

 
8 Kommentare

Verfasst von - 22. Mai 2017 in Motorrad

 

Betriebserlaubnis erloschen

Samstag morgen, super Wetter, was macht man denn da mal? Eigentlich war eine kleine Ausfahrt mit der V-Strom geplant. Das wird aber nun nichts, denn die Betriebserlaubnis für die Maschine ist erloschen. Ernsthaft.

Und zwar deswegen:

Die Frau Strom wurde vergangene Woche in der Werkstatt des Vertrauens nach meinen Vorstellungen ein wenig umgebaut. Die länglichen Metallstücke auf dem Bild wurden neu eingesetzt. Die machen, dass die recht große Maschine nun drei Zentimeter tiefer liegt. Dadurch hat sie nun die perfekte Größe für mich. Dummerweise muss man so einen schwerwiegenden Eingriff ins Fahrwerk beim TÜV abnehmen und in die Papiere eintragen lassen, sonst erlischt die Betriebserlaubnis.

Eigentlich hatte ich angenommen, dass die Werkstatt sich um sowas kümmert, die haben eh jeden Tag den TÜV im Haus. Stattdessen habe ich nur ein Teilegutachten mitbekommen, und deswegen muss ich mich den ganzen Samstag Vormittag mit einem stinksaueren Prüfingenieur rumschlagen. Der ist angepisst, weil 01. April ist und der ganze Hof voller Saisonkennzeichenfahrer mit Hauptuntersuchungsbedürfnissen steht, und nun komme ich und will, dass er das Teilegutachten LIEST, die Ausführung begutachtet und DANN auch noch bestätigt, dass alles OK ist.

Das dauert, und Bock hat er darauf auch nicht. Aber was soll ich machen, ohne seine Begutachtung darf ich die V-Strom nicht im Straßenverkehr bewegen. Das ändert natürlich nichts an der schlechten Laune des Prüfers. Vielleicht glaubt er deswegen nicht, dass der Seitenständer wirklich auseinandergeflext, um zwei Zentimeter gekürzt und dann wieder zusammengeschweißt wurde. Wie auch immer, drei Stunden und 40 Euro später habe ich meine Eintragung, und die V-Strom darf wieder auf die Straße.

Zwei Schritte vor, einer zurück

Aber will ich wirklich mit der Maschine unterwegs sein? Bei der Fahrt zur Prüfung fing die Kiste plötzlich an zu stinken und zu qualmen. Ich habe natürlich sofort angehalten und die Sitzbank runtergerissen, konnte aber nicht erkennen woran es liegt. Vorsichtshalber stelle ich beim nächsten Anlassen einen Feuerlöscher bereit.

Am Samstag nachmittag entdecke ich dann auch, woher es raucht. Die Werkstatt hat es tatsächlich geschafft, einen neuen Ölschlauch direkt über den Auspuff zu legen. Der Schlauch ist natürlich geschmolzen, was sowohl die spontane Rauchentwicklung als auch den Ausfall des Ölsystems und in Folge die gammelig aussehende Kette erklärt.

Seufz.

Ein Genuss ist das Fahren mit der Strom im Moment ohnehin aber nicht. Die Tieferlegung sorgt dafür, dass der Hauptständer in Linkskurven superschnell aufsetzt. Der muss also runter. Zu gebrauchen ist er eh nicht mehr, denn durch den steileren Winkel ist es nun unmöglich geworden die Strom alleine aufzubocken. Dummerweise bekomme ich alleine die Halteschraube nicht ab. Genausowenig wie die vom Seitenständer, die einmal getauscht werden müssen. Also nochmal ein Werkstatttermin. Obwohl die bis Mai ausgebucht ist und ich gerade erst eine vierstellige Summe dort gelassen habe. Ich könnte kotzen.

Aktuell fühlt es sich wirklich an, als würde ich für jedes Stückchen vorwärts wieder einen Schritt zurück machen. Trial-and-Error, für jedes gelöste Problem tut sich mindestens ein neues auf. Gut, das war bei der ZZR 600 genauso, aber da hat sich das zeitlich stärker verteilt. Drei Jahre habe ich an der rumgebaut, bis alles genau so war, wie ich das wollte. Die V-Strom habe ich jetzt gerade mal 4 Wochen, und in der Gesamtschau ist sie schon recht weit. Muss sie auch, in zwei Monaten geht es auf Reisen. Kleiner Haken: Vor lauter Rummacherei an der Kiste weiß ich noch nicht, wo ich mit ihr überhaupt hinfahren will.

 
15 Kommentare

Verfasst von - 3. April 2017 in Motorrad

 

#Umfallera: So schnell geht das

Die weitaus häufigste Art ein Motorrad zu verbeulen ist nicht der Unfall, sondern der gemeine UMFALL. Der ist deshalb besonders doof, weil man fast immer niemandem außer sich selbst die Schuld geben kann. Nur durch eigene Dummheit fällt das Mopped um, und im schlimmsten Fall entsteht ein Schaden von vielen hundert Euro. Da wird nicht nur das Möpp verbeult, sondern auch gleich noch das Ego. Eben noch war man ein Held, jetzt ist man ein Doof.

Mädchenmotorrad hat eine 10-Schritte-Anleitung geschrieben, wie man das Motorrad an den Boden bekommt. Daraus hat Griesi unter dem Hashtag #Umfallera einen Trend auf Twitter gestartet, unter dem z.B. Mr. Transalp oder Ernie Troelf und 55Achim von ihren schönsten Umfallern erzählen. 10 Schritte? Ich schaffe das schneller. Hier die bisherigen Highlights meines Motorradlebens:


Der Umfaller mit der längsten Ansage:
Wochen im voraus war mir klar, dass ein Wendemanöver mit der ZZR 600 auf dem abschüssigen und tief geschotterten Parkplatz der Pension in der Nähe von Livorno echt schwer werden würde. Zu meinem eigenen Erstaunen ging das aber dann doch recht gut – ich kriegte die Karre rückwärts rausgewuchtet, und irgendwann stand sie quer zum Hang. Jetzt musste ich nur noch vorsichtig Gas geben und eine weite Rechstkurve fahren. Tja. „Nur noch“.

Dummerweise gab ich zu wenig Gas um aus dem Kiesbett zu kommen, die Maschine kippelte noch im Stehen, ich versuchte mit den rechten Fuß zu stützen. Auf der Seite war aber das Gefälle, und als der Fuß Bodenkontakt hatte, war der Neigungswinkel schon zu groß zum Abfangen, und außerdem rutschte ich im Schotter weg. Zack, lag die Kiste mit dem Sattel bergab im Kiesbett. Allein bekam ich die nicht mehr hoch, zum Glück war ein Harleyfahrer in der Nähe. Schäden gab es wenige, nur Kratzer an der Verkleidung und am Auspuff, aber mein Ego leidet daran bis heute.
Benötigte Schritte: 5 (Gas geben, rumkippeln, mit dem Fuß rumrudern, ausrutschen, Peng)

Der tiefste Umfaller: Die Honda CB 450 N parkte auf einer bröckeligen Parkbucht. Links Straße, rechts Böschung, fast senkrecht, zwei Meter tief, an einem Zaun endend. Irgendwann hatte ich es wohl zu eilig. Vielleicht bin mit zu viel Schwung von links aufgestiegen, jedenfalls bin ich gleich rechts die Böschung runtergefallen. Das Motorrad hat sich dabei überschlagen, einer der Hepco&Becker-Koffer hat einen Riss bekommen. Sonst ist nichts passiert. Das Ganze muss aber so traumatisch gewesen sein, dass ich den Vorfall wirklich komplett verdrängt hatte. Als meine Schwester neulich meinte „Weisst Du noch, damals, als wir zu zweit das schwere Mopped aus der Böschung bergen mussten?“ konnte ich ehrlich mit „Nö“ antworten. Das sind die Selbstheilungskräfte des Geistes.
Benötigte Schritte: 3. (Aufsteigen, Gleichgewicht verlieren, Peng)

Der schnellste Umfaller: Fahrschule. Ich wartete auf den Fahrlehrer, einen ehemaligen Bundeswehrbullen mit dem Benehmen eines Dampfhammers. Während ich wartete, saß ich ganz locker und lässig mit einer Arschbacke auf der Virago XV535. Das war das Schulungsmotorrad und die geliebte Privatmaschine des Fahrlehrers („MACHSTE DA AUCH NUR EINEN KRATZER REIN REISS ICH DIR DEN KOPP AB!“). Als der Fahrschulwagen um die Ecke kam, stand uch zur Begrüßung lässig auf Virago und ging in seine Richtung, als ich es hinter mir plötzlich Scheppern hörte. Schaden weiß ich gerade nicht mehr, er war aber auf jeden Fall deutlich sichtbar und der Rest der Fahrschulzeit kein Vergnügen.
Benötigte Schritte: 2. (Aufstehen, Peng)

 
17 Kommentare

Verfasst von - 30. März 2017 in Motorrad

 

Frühling!

Höret und preiset das Frühlingswiesel! Das Frühlingswiesel sorgt dafür, dass auch in diesem Jahr wieder Frühling ist! Hiermit verkündet es den Beginn der Motorradsaison! Der Winter war lang und kalt und dunkel, aber nun macht das Wiesel Frühling und gutes Wetter, dass es nur so kracht! Passt auf Eure morschen Knochen auf, fahrt vorsichtig und huldigt dem Frühlingswiesel!

Nach Frühling gerochen hat es ja schon vorvergangene Woche, aber irgendwie kam er dann doch nicht in den Quark. Kalt und regnerisch präsentierte sich der März, und erst in den letzten Tagen kam ein wenig die Sonne raus und die Temperaturen kletterten in den zweistelligen Bereich. Jetzt gibt der Frühling richtig Gas, denn das Frühlingswiesel proklamiert ihn hiermit!

Motorrad fahren konnte man eigentlich schon seit Anfang des Monats, denn Schnee und Minustemperaturen gab es da schon nicht mehr. Meine persönliche Saison hat tatsächlich am 03. März begonnen, denn da habe ich die V-Strom aus dem Solling geholt. Die kam gerade gestern aus der Werkstatt wieder, die mehre Tage an der neuen alten Maschine rumgeschraubt und -geflext hat, aber dazu später mehr.

Der Frühling hat mich aber eine erstaunliche Entdeckung machen lassen. Ich dachte, die V-Strom sei schwarz. Ist sie nicht. Wenn die Sonne auf den Lack scheint, beginnt sie blau zu glitzern! Ich fahre ein Glitzermotorrad!

Noch ein ernsthaftes Wort: Nach einem halben Jahr Pause muss man sich erst wieder an die völlig andere Fahrphysik und Handling gewöhnen. Motorradfahren ist so anstrengend wie Leistungssport, damit muss man erst mal wieder klarkommen. Für Moppedfahrer heißt das: Sich langsam und vorsichtig rantasten und wieder eingewöhnen. Für Autofahrer heißt das: Augen doppelt offen halten. Zweiräder sind wieder unterwegs, und mit ihrem Fehlverhalten ist zu rechnen.

 
11 Kommentare

Verfasst von - 26. März 2017 in Motorrad, wetter, Wiesel

 

New Ride: Suzuki DL 650 V-Strom

img_0216

Wann ist die schlechteste Zeit sich ein neues Motorrad zu kaufen? Richtig, im Februar. Herr Silencer probiert es trotzdem.

Irgendwann kommt im Leben eines jeden Motorradfahrers der Punkt, an dem er sich fragt: Ist der fahrbare Untersatz noch das richtige für mich? Er war es mal, vor Jahren, aber Zeiten ändern sich…

Das schrieb ich im Oktober 2011, als ich die Honda CB 450N in Rente schickte und ziemlich spontan eine Kawasaki ZZR 600 kaufte. Genau die Maschine, die regelmäßige Blogleser inzwischen als Renaissance kennen. Diesen Namen hatte sich die Sportourerin schon nach unseren ersten Abenteuern mehr als verdient.

P1000231

Seit 2012 bin ich nun mit dem Motorrad in Europa unterwegs gewesen, jedes Jahr sechs- bis achttausend Kilometer und mehrere Wochen am Stück. Mit der ZZR habe ich dabei Dinge angestellt, die die meisten BMW GS oder andere „Abenteuermotorräder“ niemals erleben. Es machte mich auch schon ein wenig stolz, wenn die oft straßenköterig aussehende Kawasaki den überdimensionierten Reiseenduros zeigte, was eine Harke ist.

Bis auf das letzten Jahr, wo es sie auf schlechten Straßen ziemlich zerschüttelt hat. Mittlerweile ist sie wieder repariert und so gut wie neu, aber nun, Zeiten ändern sich. Die Erlebnisse im vergangen Sommer haben sehr deutlich gezeigt, dass ich mittlerweile Dinge mit einem Motorrad mache, für die die ZZR nicht ausgelegt ist und für die sie sich auch nicht umrüsten lässt. Sie ist für Asphalt und Kurven gemacht, und auf solchen Strecken kann sie ihre Stärken ausspielen.

Was sie aber nicht gut ab kann sind schwierige Straßenverhältnisse mit Kopfsteinpflaster, Schlaglöchern, Absätzen oder gar Schotter oder Schlammfeldern. Ja, ich BIN mit ihr solche Strecken gefahren, aber das war jedesmal die Hölle. Was auch nicht wegzudiskutieren ist: Die ZZR 600 hat kein ABS. Was das für einen Unterschied macht, merkt man sehr schnell, wenn man auf Schotter bremsen muss. Wie groß der Unterschied wirklich ist, habe ich im vergangenen Jahr gemerkt, als ich bei einem Fahrsicherheitstraining gegen Maschinen mit ABS angetreten bin. Mein Bremsweg war, trotz aller Bemühungen, um bis zu 40% länger als der der anderen.

Der geneigte Leser Albrecht versuchte mir dann hier in den Kommentaren eine Suzuki schmackhaft zu machen, aber ich wischte das erstmal beiseite. Nein, ich wollte nicht wechseln, auch wenn mir – unabhängig von seinen Empfehlungen – die Suzuki V-Strom schon mehrfach im Straßenbild positiv aufgefallen war. Dann kam der Januar.

Januar und Februar sind ohnehin kaum auszuhalten. Draußen ist es kalt und nass und das Motorrad schläft noch im Winterlager. Ich gucke dann immer Filme von Motorradreisen und habe ganz schlimm Fernweh. Um dagegen was zu tun grase ich Google Maps nach Reisezielen ab.

Bis ich eines Tages den Gedanken im Kopf hatte: Mich interessieren in Zukunft Fahrziele, bei denen mit schlechten Straßenverhältnissen zu rechnen ist. Und: Schön wäre es, wenn ich ein Motorrad hätte mit einem längeren Federweg hätte. Eine, mit dem man auch mal über Schotterstrecken fahren kann, die nicht ganz so anfällig ist. Und ABS hat. Und für die Gelenke wäre eine etwas aufrechtere Sitzhaltung auch nicht schlecht. Die etwas größer ist.

Ehe ich es mich versah las ich Testberichte und guckte im Netz nach Reisemaschinen, die meine Wünsche erfüllen könnten. Nach einigen Abenden vor dem Internet war mir klar: Ich hätte gerne ein anderes Motorrad. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur Renaissance. Denn mich von der ZZR trennen, das wollte ich nicht.

Als neue gebrauchte kamen zwei Modelle in Frage: Die Kawasaki Versys oder die Suzuki V-Strom. Von beiden stand eine Ausgabe bei Händlern in der Nähe, und so kam es, dass ich eines Januarnachmittags ganz spontan mit einem motorraderfahrenen Freund loszog und mir beide mal anguckte und probesaß.

Die VerSys, merkte ich sofort, war es nicht. In dem Moment, in dem ich auf der Maschine saß, wusste ich: Die VerSys ist genau wie meine ZZR. Eine wendige, kleine Maschine mit kurzem Radstand, gemacht für die Straße. Dort sicherlich als Tourer genauso zu gebrauchen wie als Spaßmaschine, aber genauso etwas habe ich ja schon. Außerdem ist die VerSys pottenhässlich, selbst in gelb.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Die isses nicht: Kawasaki VerSys.

Mitten im Solling stand bei einem Händler eine V-Strom rum, ein älteres Ding der vorletzten Generation mit ordentlich Kilometern auf der Uhr, aber zum Probesitzen würde es reichen.

Die Sitzprobe nötigte mir sofort Respekt ab, denn die DL 650 ist GROß. Zumindest für meine Verhältnisse, denn ich kam kaum mit den Füßen auf den Boden, und die Frontscheibe war so weit weg, dass ich kaum mit dem Arm dranreichte. 

Groß ist wichtig, denn das ermöglicht langes und entspanntes Teisen mit viel Gepäck. Die V-Strom ist eine echte Reisemaschine, dafür ist sie gemacht. Hauptsächlich auf der Straße, für´s Gelände taugt sie nicht. Aber sie erweitert die Definition von Straße, denn mit dem soliden Fahrwerk, den großen 19-Zoll-Rädern und der aufrechten Sitzposition sind Feldwege und Schotterstrecken für sie genauso Straße wie Asphalt oder Kopfsteinpflaster. Allerdings gewinnt die V-Strom auch keinen Schönheitspreis, das Design ist, nun, gewöhnungsbedürftig. Mindestens.
img_0103

Das Sitzen auf der Riesenkiste fühlte sich seltsam und ungewohnt an, aber auch spannend und irgendwie… richtig. Immerhin fühlte sich vor sechs Jahren das erste Sitzen auf der vollverkleideten ZZR auch unheimlich an. Im Gegensatz zur kleinen 450er schien mir die 600er riesig zu sein, und heute kommt sie mir klein vor. Die V-Strom hatte mein Interesse geweckt.

Die Maschine in Uslar liess ich mir für eine Probefahrt reservieren, für den Kauf kam sie aber nicht in Frage. Zum einen war das ein 2010er Modelljahr, und ich wollte ein neueres Modell ab 2012. Außerdem hatte die Alte mit 36.000 Kilometern deutlich zu viel auf der Uhr, Motorräder kauft man gebraucht am Besten mit 12.000 bis 20.000 Kilometern Laufleistung. Das Schlimmste aber: Sie hatte kein Checkheft, es könnte also sein, dass der Motor nie gewartet wurde.

In den kommenden Nächten suchte ich das Netz nach Angeboten ab, und stellte überrascht fest: Auch wenn die DL 650 neu im Vergleich zu anderen Maschinen gar nicht so teuer ist, sinkt sie im Wert nicht wirklich schnell. Der Grund: Die Dinger halten einfach ewig und gehen nie kaputt. Maschinen mit 20.000 Kilometern Laufleistung kosten deshalb noch immer 2/3 des Neupreises, und viel tiefer geht es dann lange nicht mehr.

Ich dachte noch mal über die V-Strom nach, auf der ich Probe gesessen hatte. Der Alten, mit den vielen Kilometern. Eigentlich machte die doch einen ganz guten Eindruck. Außerdem hatte sie ein paar Anbauteile, die ich an der Renaissance schätze und die ein neues Motorrad auch haben sollte. Einen Sturzbügel. Einen Hauptständer. Einen Gepäcksystem, an dem ich sogar meine jetzigen Koffer benutzen könnte.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Gepäcksystem, und zwar eines der besten: SW Motech Quicklock Evo.

Ich sah mir nochmal die Fotos an, die ich im Ausstellungsraum gemacht hatte. Was war das denn? Da waren ja fast neue und sehr gute Tourenreifen drauf! Und Heizgriffe! Und hier, Nebelscheinwerfer – und eine Sitzbank, die ganz bestimmt kein Standard war.

Ich recherchierte den Einzelteilen nach und kam darauf, dass an der alten V-Strom Teile im Wert von über 1.500 Euro verbaut waren. Teile, die ich ohnehin bräuchte. Das machte sie gleich nochmal ein ganzes Stück attraktiver, und es zeigte vor Allem: Checkheft hin oder her, der Vorbesitzer hat die Kiste echt geliebt und bestimmt für die Wartung gesorgt. Ich suchte im Netz nach einer Maschinen mit ähnlichen Ausstattungen und Laufleistungen, gab es aber nach einigen Abenden auf. Eine V-Strom zu dem Preis und mit der Ausstattung gab es in ganz Deutschland und Österreich nur genau ein Mal. Und die war auf meinen Namen für eine Probefahrt reserviert.

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Echt jetzt?! Eine Baehr Seat4 AIR-Sitzbank?! Das Ding ist unfassbar teuer!

Vier quälend lange Wochen wurde und wurde das Wetter einfach nicht besser. Entweder es regnete oder schneite, oder es war so kalt, dass der Händler keine Probefahrt erlaubte.

Bis zum 21. Februar. An dem Tag schien die Sonne, die Temperaturen kletterten auf 8 Grad. Die Motorradkleidung fuhr ich mittlerweile im Kofferraum spazieren, in der Hoffnung, dass sich spontan mal genau so ein Wetter ergeben würde – und heute war es soweit! Eine ausgedehnte Mittagspause wurde dazu genutzt die V-Strom Probe zu fahren. Der erste Eindruck: Wow, das ist ja alles ganz anders. Sie ist groß. Der Motor ist ein Zweizylinder und ruckelig und unruhig im Vergleich zur ZZR. Dafür ist die Kupplung weich und präzise, aber die Bremsen fühlen sich viel schwammiger an, ABS hin oder her.

Am Tag des Kaufs.

Am Tag der Probefahrt.

In der Summe fühlte sich aber auch alles so… richtig an. Als würde die V-Strom zu mir passen.
Eine Stunde später hatte ich mich mit dem Händler auf einen Preis geeinigt (plus ein Sixpack Bier als Trost für ihn). Und so kam es, dass ich nun Besitzer einer sechs Jahre alten Suzuki DL 650 V-Strom bin, die seit vergangenen Freitag auch tatsächlich vor dem Haus steht.

img_0199

Gestern war dann der Tag des ersten Bastelns und der ersten Ausfahrt. Das Gepäcksystem war im Handumdrehen auf Givi-Koffer und -Topcase umgerüstet, und statt der zu hohen Tourenscheibe ist nun eine gebrauchte Sportscheibe montiert.

img_0213
Die erste Ausfahrt führt gleich mal 200 Kilometer durch die Wallachei. Die erste Erkenntnis: Obwohl der Rahmen der Maschine recht groß ist, fährt sie sich superhandlich. Das sie ein Drittel weniger Leistung hat als die ZZR 600 ist zu merken, aber auf der Landstraße ziemlich egal. Beschleunigen geht trotzdem fix. Am Schönsten aber: die aufrechte Sitzhaltung ist sehr bequem, und das Fahrwerk interessiert schlechten Fahrbahnbelag einfach nicht. SO hatte ich mir das erträumt. Die Renaissance wird nicht vergessen, aber die Frau Strom und ich, wir werden vermutlich Freunde.

Einiges muss noch gemacht werden, bis die Touren-Suzuki auch nur halbwegs das Ausstattungsniveau der Kawasaki erreicht. Die Scheibe hat nicht die richtige Höhe, Strom wird vielleicht noch etwas tiefer gelegt, ein Kettenschmiersystem kommt noch dran und das Navi muss auch untergebracht werden. Aber das findet sich alles und ach, was freue ich mich auf diese Basteleien!

Jetzt muss nur noch das Wetter besser werden.

P.S.: Danke, Albrecht, für den Floh im Ohr!

 
22 Kommentare

Verfasst von - 5. März 2017 in Betrachtung, Motorrad

 
 
%d Bloggern gefällt das: