Motorrad

Reisetagebuch Motorradtour 2019 (12): Die Geisterstadt auf dem Wabbelberg

Sommertour mit dem Motorrad. Heute mit einem spannenden Ausflug in die Welt der Symbologie.

Sonntag, 23.06.2019, Fabrizio, Kalabrien
Um 07:30 springe ich schon im Zimmer rum und packe die Sachen. Um diese Uhrzeit ist wenigstens die Temperatur noch halbwegs erträglich, zumal ich im Zimmer des kleinen Hotels von der Morgensonne nicht viel mitbekomme. Die Fenster sind bedampft und filtern die Sonne, und die Klimaanlgae läuft auch schon.

Die Hemden und Unterwäsche, die ich gestern Abend auf den Balkon gehängt habe, sind heute Morgen knochentrocken. Oh, und der Opa, der letzte Nacht vor dem Fernseher auf dem Balkon am Haus gegenüber eingeschlafen ist, sitzt da schon wieder da. Oder immer noch? Man weiß es nicht. Immerhin hat er jetzt wieder ein Feinripphemd und Unterbuchsen an und sitzt nicht mehr völlig nackig vor der Kiste.

Ich packe meinen Kram zusammen. Das ist ein immer gleich ablaufendes Prozedere und in Minuten erledigt. Alles hat seinen Platz, alles passt tetrismäßig ineinander, und am Ende haben beide Koffer das genau richtige Gewicht, um austariert an der V-Strom zu hängen. Der rechte Koffer ist ein Kilo leichter als der Linke, weil er wegen des Auspuffs weiter außen hängt. Wären beide Koffer genau gleich schwer, fängt die Maschine ab 140 an zu pendeln. Musste ich auch erst lernen und mich an die richtige Verteilung rantasten, das war die große Erkenntnis im vergangenen Jahr.

Frühstück findet im Freien statt, auf der Terrasse vor dem Haus.

Die Dame des Hauses zeigt mir das große Frühstücksbuffet, das in einem Nebenraum im Keller aufgebaut ist: Frische Feigen neben Äpfeln, Trauben und Bananen, und auch Rührei gibt es und satte sechs Sorten Kuchen. Darunter so interessante Sorten wie Topfkuchen mit Minze, Apfelkuchen und Ricotta-Schokoladenkuchen. Die hat die Chefin selbst gebacken, und die muss ich leider alle probieren, auch wenn ich danach Sodbrennen haben werde.

Unter den Augen der anderen Hotelgäste belade ich kurz darauf die Barocca, die nur wenige Meter von der Frühstücksecke die Nacht verbracht hat, dann lasse ich den Motor an und rolle an Frühstückstischen und Hollywoodschaukeln vorbei auf die Straße.

Hier halte ich noch einmal kurz, nehme eine Plastiktüte von der Rückbank und stopfe deren Inhalt in einen Müllbehälter an der Strandpromenade. Es sind die eklig nach Chemie stinkenden Badelatschen, die ich in San Vincenzo gekauft habe. Gestern war die letzte Gelegenheit zum Baden, und jetzt will ich die Chemiepest keine Sekunde länger mit mir rumfahren. Die Teile haben nicht nur viel Platz weggenommen, sie haben auch alle anderen Sachen im Koffer vollgestunken.

Als das erledigt ist, mache ich mich so richtig auf den Weg. Die V-Strom rollt aus dem kleinen Ort Fabrizio und auf eine größere Landstraße. Oh, was ist das denn? Der rechte Blinker tackert viel zu schnell. Vorne funktioniert die Lampe, also ist wahrscheinlich die hinten rechts durch. Naja, egal. Wir sind in Italien, hier braucht kein Mensch einen Blinker.

80 Kilometer geht es auf der Strada Statale an der Küste unterhalb der Fußsohle des italienischen Stiefels lang, dann führt uns Anna ins Landesinnere.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (11): Die ungleichen Schwestern

Sommertour mit dem Motorrad. Heute geht´s weiter durch Hitze und Staub.

Samstag, 22.06.2019, San Sostene, Kalabrien
Es ist erst kurz vor 08:00 Uhr, aber die Sonne brennt schon wieder wie ein Heizstrahler vom Himmel herab. Die Hitze liegt bereits wie eine Decke über der staubigen Landschaft von Kalabrien.

Unter meinen Stiefel knirscht der Sand, als ich die Koffer zum Motorrad bringe. Ein Windstoß fegt eine Staubwolke durch die Einfahrt.

„Il Cipresso al Mare“, der Hof der beiden Schwestern Riccarda und Raffaela, besteht aus einem winzigen Häuschen, in dem die Schwestern wohnen, und mehreren, uralten Stallgebäuden aus Natursteinen. In einem davon ist die kleine Wohnung, in der ich übernachtet habe.

Ein Stück dahinter ist eines, das früher vielleicht mal eine Backstube war, und in dem sich nun eine der Frühstücksraum und eine kleine Küche befinden. Die Wände sind grob verputzt, der Raum ist gemütlich eingerichtet mit Möbeln aus dunklem Holz und Korbgeflecht.

Als ich den Raum betrete, begrüßt mich Riccarda, mit Ende Zwanzig die jüngere der beiden Schwestern. Sie zeigt mir den Tisch, den sie für mich gedeckt hat. Auf italienisch erläutert sie: „Und hier ist Butter, das da links auf dem Tisch ist Marmelade, und da rechts Wurst und Käse und ein Joghurt. In dem kleinen Kühlschrank auf der Ablage ist Milch und Saft, falls Du möchtest. Ich hole dir einen Caffé“, sagt sie und verschwindet hinter einem Vorhang aus Holzperlen. „Doppio, bitte“, rufe ich ihr hinterher.

Das Frühstück ist… Wow. Sogar Bruschetta gibt es, frisch angebratenes Brot mit Tomatenschnitzen und Knoblauch, und eine aufgeschnittene und schön in Form gelegte Kiwi. Ich bewundere alles ausgiebig. Das ist toll, Riccarda hat sich echt Mühe gegeben.

In dem Moment kommt Raffaela, Riccardas Schwester, zur Tür hereingesprungen. Sie trägt Hotpants und ein bauchfreies Hemdchen, das sie unter der Brust verknotet hat. „Guten Morgen!! Ich zeig dir alles!!!“, ruft sie, wedelt eine Hand in Richtung des Kühlschranks mit dem Saft drin und ruft „Hier, da, da ist Joghurt und Wurst und sowas!“

„Da ist KEIN Joghurt drin“, tönt es von hinter dem Perlenvorhang, aber Raffaela ist nicht zu stoppen. „Und hier ist Honig, selbstgemacht! Wir haben nämlich auch Bienen! Ich bin gut im Honig machen! Und hier ist Marmelade!“ „Ich weiß“, nuschele ich und deute auf das Marmeladenbrot, dass ich gerade zwischen den Zähnen habe. „Du hast die Marmelade ja schon entdeckt!“, ruft Raffaela. „Und? Ist sie gut??“

„Sehr gut“, sage ich. Raffaela quietscht, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und dreht sich einmal um sich selbst. „Er mag meine Marmelade“, ruft sie und hüpft auf und ab. In ihrer überbordenden Freude erinnert sie ein wenig an einen jungen Hundewelpen. „Ich bin voll gut in sowas! Ich kann Marmelade und Honig und Wein machen und Rasenmäher reparieren und Häuser renovieren! Hat Dir Dein Zimmer gefallen?“, fragt sie. Ich nicke. „Das ist total schön“, sage ich. Raffaela quietscht wieder und hüpft auf und ab. „Das habe ich renoviert und eingerichtet!“, ruft sie.

Unvermittelt beugt sie sich vor, stützt beide Hände auf die Tischplatte und hält mir dadurch ihr Dekolleté direkt vor die Nase. „Und der Honig? Wie ist der?“ In diesem Moment kommt ihre Schwester mit dem Kaffee zurück und sagt „Nun lass ihn doch mal in Ruhe frühstücken!“ Als sie mir die Espressotasse hinstellt, wirft sie ihrer Schwester einen augenrollenden Seitenblick zu.

„Wir sind sehr… ungleich“, sagt sie auf deutsch, wohl wissend, dass ihre Schwester keine Fremdsprachen spricht. „Ist mir gestern schon aufgefallen“, sage ich.

Raffaela kramt neben dem Kamin in einer Kiste herum, in die sie sich schon fast demonstrativ hineinbückt und dabei die Hotpants einer Belastungsprobe unterzieht. Ich tue so, als ob ich das nicht bemerke. Riccardas Seitenblicke auf ihre Schwester sind jetzt eher peinlich berührt, was mich wiederum grinsen lässt. „Intelligence is sexy“ sage ich. Jetzt lächelt Riccarda, während Raffaela sich aufrichtet, verwirrt guckt und fragt „Was?“. Dann hört sie ein Geräusch in der Einfahrt und eilt nach draußen.

„Habt ihr schon immer hier gelebt?“, frage ich. Riccarda schüttelt den Kopf.“Nein, meine Familie ist eigentlich aus Sizilien, aus der Nähe von Agrigent“, sagt sie und verschwindet in der Küche. Die Region um Agrigent kenne ich, da….

„…da ist nicht viel“, beendet Riccarda meinen Gedanken. Sie taucht wieder aus dem Perlenvorhang auf, lehnt sich an den Türrahmen und hat nun selbst eine Tasse Kaffee in der Hand. „Viel Arbeitslosigkeit, schlechte Jobs. Darum haben wir beschlossen es hier zu versuchen. Wir haben diesen alten Bauernhof übernommen. Wir renovieren ihn, Stück für Stück, Gebäude für Gebäude, ganz allein.“ -„Wow“, sage ich und meine es auch so.

Gestern sind mir die vielen Bauruinen an der Küste aufgefallen – Rohbauten von mehrgeschossigen Wohnhäusern, von denen nur die Skelette stehen und aus denen der Baustahl rausragt. Das sieht nicht nach den üblichen Mafia-Förderabschreibungen aus. Die Mafia baut Autobahnen ins Nichts, Brücken ohne Straßen und Polostadien ohne Pferde, aber keine Wohnhäuser. Wo kommen die her? Warum werden die nicht weitergebaut, will ich von Riccarda wissen.

Sie zuckt mit den Achseln. „Die meisten Leute haben sich einfach verzockt. Kalabrier sind nicht so gut im Planen. Da wird ein Bau plötzlich teurer als gedacht, und dann wird erstmal alles auf Eis gelegt, bis wieder Geld da ist um weiter zu bauen. Manchmal dauert das dann zu lange, und irgendwann sagt die Behörde dann: Der Rohbau ist zu alt, abreissen. Macht natürlich keiner, kostet ja viel Geld. Deshalb steht die Küste voller Ruinen“.

„Danke für die Erklärung“, sage ich. Eine Sache noch: Du studierst ernsthaft deutsch, weil Du die Sprache so schön findest?! Echt jetzt?“
„Jaaa!“, sagt Riccarda und strahlt jetzt förmlich. „Deutsch ist klasse, so eine tolle Sprache!“

„Verstehe ich nicht“, sage ich. „Gegenüber der Sprachmelodie von Französisch oder Italienisch klingt Deutsch doch wie Hundegebell! Ich meine, hör mal…“, sage ich und trage dann meine beste Imitation von Copycats Sprachvideo vor, „Englisch: The Hospital. Französisch: L´Hopital. Italienisch: L´Ospedale. Deutsch: KRRRRANK-EN-HAUS„. Riccarda lacht und verschluckt sich fast an ihrem Kaffee.

„Oder hier“, sage ich, „Englisch: Butterfly. Französisch: Le Papillon. Italiensch: La Farfalla. Deutsch: SCHMETTERRRRRR-LING„.

Schmetterling ab Sekunde 20:

Riccarda japst nach Luft. „Schmetterrrr-ling“, sagt sie, als sie sich wieder eingekriegt hat, „Soo schöööön! Hört sich doch toll an, viel schöner als Farfalla

Nunja. Hier ist offensichtlich Hopfen und Malz verloren. Ich blicke auf die Uhr. „Ich muss leider los“, sage ich, lege die Serviette beiseite und stehe auf, als Riccarda um den Tisch herum auf mich zueilt, mich ganz fest umarmt und ihre Wange an meine Brust schmiegt. Äh?

Sie hält mich weiter fest, als sie den Blick hebt und dabei ihr Kinn auf meinem Oberkörper abstützt. „Kommst Du wieder? Und dann vielleicht für mehr als nur eine Nacht?“, fragt sie und sieht mir von unten tief in die Augen. Ihre sind von einem so tiefen Braun, dass man die Pupille nicht von der Iris unterscheiden kann. Solchen Augen kann ich nichts abschlagen. „Öh, Ok“, sage ich, leicht überfahren. „Wirklich?“, fragt sie. „Versprochen“, sage ich. „Vielleicht nicht nächstes Jahr, aber irgendwann, und dann für länger“.

„Na gut. Dann will ich Dich mal gehen lassen. Warte, ich hole Raffie zur Verabschiedung.“ Aber Raffaela springt schon in der Einfahrt und um das Motorrad herum. Da fällt mir was ein. „Darf ich ein Foto machen?“, frage ich. „Klar!“, quietscht Raffaela, „Und dann Booking stellen!“

„Ne, von Euch“, meine ich. „OK“, sagt Raffaela, löst ihr Haarband, schüttelt eine feuerrote Mähne aus, zuppelt ihr Hemdchen in Position, stützt dann die Hand auf die Hüfte und wirft sich in eine sexy Pose. Riccarda stellt sich mild lächelnd daneben, und ich mache ein Bild von den Beiden.

„Aber DAS nicht auf Booking einstellen!“, ruft Raffaela. „Und ich will ein Selfie! Selfie! Selfie!“

Jetzt bin ich verwirrt. Ich mache sehr selten Selfies mit meinem Telefon und finde erst nicht die richtige Funktion, aber zum Glück weiß Raffaela, wie das geht. Während des Fotos drückt sie ihre Wange an die ihrer Schwester, während Riccarda ihren Kopf an meine Schulter lehnt.

Kurze Zeit später grollt die V-Strom los und fährt, eine Staubfahne hinter sich herziehend, vom Hof der ungleichen Schwestern. Im Rückspiegel sehe ich die Silhouetten der beiden Frauen, die in der Einfahrt stehen und mir hinterher winken.

Es geht über langweilige Autobahnen nach Cantanzaro, der Hauptstadt der Region Kalabrien. Kurz vor dem Ort passiere ich ein riesiges Gebäude. Weiterlesen

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Reisetagebuch 2019 (10): Die Asche von Riace

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute wird´s emotional.

Freitag, 21. Juni 2019, Tropea, Kalabrien
Die V-Strom hat die Nacht vor dem Strandhaus gut überstanden. Die Morgensonne scheint durch die Feigenbäume, als ich um kurz vor 08:00 auf die Veranda trete. Die Crew des Campingplatzes ist schon voll im Einsatz. Überall sind Leute am Werk, die die staubigen Wege mit Wasser sprengen, Müll einsammeln oder Dutzende Gebinde mit Wasserflaschen von einem kleinen LKW abladen.

Ich trage die Koffer die drei Stufen von der Veranda herab und hänge sie links und rechts an das Motorrad, dann geht es auch schon los. Die V-Strom tuckert aus der Einfahrt des Campingplatzes und biegt auf die Küstenstraße, die ein Mal um den Felsen von Tropea führt.

Kaum sind wir aus den Ausläufern der Stadt raus, geht es in die Berge. Anna führt uns eine Stunde lang durch kleine Dörfchen und über schlaglochbewehrte Straßen, weil sie auf die Autobahn will, statt einfach die Küstenstraße runter zu fahren. Dumme Nuss!

In den kleine Orten sind scheinbar nur zerzauste alte Männlein und doof glotzende Eulenfrauen unterwegs, und das im Schneckentempo. Eine Zeitlang ist das OK, aber mit steigenden Temperaturen wird das Fahrverhalten der Geronten immer erratischer und meine Zündschnur immer kürzer.

Einer der Rentner legt praktisch an jeder Kreuzung eine Vollbremsung hin, um den Querverkehr durchzulassen, und das, obwohl er Vorfahrt hat. Ich merke, wie mir eine Ader an der Schläfe zu pochen beginnt. Beim nächsten unnötigen Halt rutscht mir spontan der Mittelfinger aus und ich brülle aus vollem Hals „IMBECILE!“ Der Zausel zuckt in seinem Autochen kurz zusammen und zieht den Kopf ein, und eine Blumenfrau am Straßenrand guckt mich groß an. Nein, nicht du, der cretino da vor mir!

Die Dekoration am Straßenrand zeigt, dass das hier eindeutig Süditalien ist.

Ich fahre aus den Bergen raus, bis ich wieder auf der Küstenstraße bin. Hier sind keine Rentner unterwegs. Hier ist eigentlich außer mir kaum jemand unterwegs. Rechts das Meer, links Felsen. Aaaah, was für einen Genugtuung. Ich rege mich langsam wieder ab.

Ein Ortsschild weist darauf hin, dass ich gerade durch Scilla komme. „Zwischen Skylla und Charybdis…“ geht mir durch den Kopf.

In der Antike waren Skylla und Charybdis Meeresungeheuer, die die Meerenge von Messina, also genau diese Stelle hier, unsicher machten. Skylla hatte sechs Köpfe und hockte an der italienischen Küste, Charybdis verbarg sich genau gegenüber, am Strand von Sizilien. Ein Schiff, das zwischen die beiden segelte, befand sich in einer fast ausweglosen Zwickmühle, und in diesem Sinne wird der Satz bis heute benutzt; sich „zwischen Skylla und Charybdis“ zu befinden bedeutet so viel wie die Wahl Zwischen Pest und Cholera. Egal wie man sich entscheidet, man hat verloren.

Bedauerlich, dass der Tag anscheinend so diesig ist. Eigentlich sollte man von hier aus Sizilien sehen können, aber anscheinend doch nicht. Ich sehe nur eine weitere Landzunge.

…obwohl… Moment mal. Der Turm da, der steht doch in Messina, oder nicht? Dann dämmert es mir langsam. Das, was ich für die nächste Landzunge gehalten habe, ist bereits Sizilien! Der hohe Turm ist ein unübersehbares Zeichen. Sizilien sieht aus, als wäre es nur einen Steinwurf entfernt.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (9): Ein Tag am Meer

Donnerstag, 20. Juni 2019, Maierà
Die Sonne scheint, vom Meer weht eine angenehme Brise herüber, Maierà blinzelt ins Morgenlicht.

Das Frühstück im Hotel „La Vista“ findet auf der gleichen Außenterrasse statt, auf der gestern auch das Abendessen serviert wurde. Statt in den Sonnenuntergang blickt man dabei nun über die Küstenlinie, von der die Morgensommersonne langsam den letzten Dunst wegbrennt. Selten habe ich für einen Frühstückskaffee eine schönere Aussicht gehabt.

„Toll, oder?“ sagt Jutta, die hinter mir aus dem Hoteleingang gekommen ist und sich nun an den Tisch mit ihrer Zimmernummer setzt. Es ist etwas merkwürdig, dass jeder Gast einen eigenen Tisch hat, an dem jeweils wirklich nur eine Person sitzt. Immerhin stehen die Tische so eng, dass wir uns gut unterhalten können.

Jutta zählt auf, wo sie noch überall und als nächstes hin möchte. Bei der Aufzählung fehlt natürlich die Amalfi-Küste nicht. Sie bekommt ganz verträumte Augen, als sie den Namen nennt. Gut, soll sie ihre Erfahrung dort machen, ich verderbe ihr nicht den Spaß, in dem ich ihr vorher erzähle, was sie dort erwartet.

Als Thomas und seine streitenden Kinder auftauchen, ist es an der Zeit für mich zu gehen. Ich hänge die Givi-Koffer in die Motorradhalterungen, starte erst Anna und dann den V-Twin und rolle kurz darauf mit der V-Strom aus der Einfahrt des Hotels hinaus auf die Bergstraße.

Kakteen und Olivenbäume säumen die Straße , die in sanften Kurven aus den Bergen heraus und hinab ans Meer führt. Erst kann ich noch von oben auf die Küstenorte hinabsehen, kurz darauf fahre ich direkt am Wasser entlang.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (8): Bloß weg hier

Mittwoch, 19.06.19, Agerola, Amalfiküste

Die Straße vom B&B zurück nach Agerola ist supersteil, eng und verdreht. Wer hier nicht Bergkurven fahren kann, und das superlangsam, fällt erst um und dann den Berg runter. Gut, dass ich das alles sicher beherrsche – ein lautes HA! ins Gesicht von allen, die meinen diese ADAC-Trainings, wo extremes Langsamfahren oder Anfahren mit Volleinschlag bis zum Erbrechen geübt werden, würden nichts bringen. Für hier und jetzt ist das sehr realitätsnah!

Sofort nach Agerola geht es wieder nur im Schrittempo voran. Den Weg von dem Bergort hinab nach Amalfi habe ich einen Oppa vor mir, der in Rechtskurven fast bis zum Stillstand abbremst, so dass ich einmal doch ins Kippeln komme – am Scheitelpunkt einer Kehre mit ordentlich Gefälle kann man nun mal nicht einfach so abrupt anhalten.

Von Maria B&B „Casanova“ zurück auf die Amalfitana. Dauert schon mal etwas länger.
Bild: Google Earth 2019

Wieder geht es auf die Amalfitana. 50 Kilometer lang ist die „Traumstraße“, ungefähr die Hälfte habe ich gestern zurückgelegt. Wieder ist der Verkehr dicht und das, obwohl es erst kurz nach 08:00 Uhr ist.

Die Straße ist so eng und so überlaufen, das kaum noch was geht. Wird nicht besser durch Spinner wie den Oppa, der nur in einer Unterhose bekleidet mitten auf der Straße joggt. Eine amerikanische Touristin tut es im gleich. Verrückte. Und wenn dann nichts mehr voran geht, stehen Fußgänger, Rollerfahrer, Radrennfahrer (ARSCHLOCH!), Autos, LKW, Busse und Esel doof auf der Straße rum. Und ich mitten drin.

Die Amalfitana, stelle ich wieder fest, ist keine Traumstraße. Vielleicht war sie es mal, früher, als hier nur ganz wenige Autos unterwegs waren. Vielleicht war sie es auch nie, und ein Journalist hat sich das in einer rotweinseeligen Nacht in einem Ristorante hier zusammenfantasiert, und alle anderen Reiseführer haben es dann abgeschrieben. Ja, die Konstruktion der Straße, so in den Felsen, ist beeindruckend. Und die Kurvenschwünge sind nett. Hat man aber nichts von, wenn man die nicht fahren kann, weil hier so viel los ist. Vielleicht war das früher anders.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (7): Die Hölle der Amalfitana

Dienstag, 18.06.19, Faicchio, Kampanien

Die Amalfitana gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Warum eigentlich?
Das frage ich mich schon, seitdem ich das erste Mal da war. 2011 war das, mit Modnerd am Steuer eines Mietwagens, ich saß als Beifahrer daneben.

Amalfitana? Was ist das denn?

Südlich von Neapel liegt der Ort Amalfi direkt am Meer, weshalb die Gegend dort auch Amalfiküste heißt. Es ist eine Steilküste, deren grobe Felsen senkrecht ins Meer fallen. In diese Felsen sind auf Terrassen ganze Orte gebaut, mit klingenden Namen wie Positano, Ravello oder Maiori. Die Orte sind durch eine Straße verbunden, die kunstvoll und in mühsamer Arbeit aus dem Felsen gehauen und gesprengt wurde.

Diese Straße trägt die nüchterne Bezeichnung SS163, aber unter diesem Namen kennt sie niemand. Wenn aber ihr Spitzname fällt, dann seufzen die Menschen und gucken sehnsüchtig in die Ferne. „Amalfitana! Ahhh!“ Warum? Weil die Amalfitana eben einen Ruf als eine der schönsten Straßen der Welt hat. Aber als schöne Straße habe ich sie bislang nicht erlebt.

Die Lage der Amalfitana: Auf der Südseite einer Landzunge, auf der auch Sorrento und vor dessen Küste Capri liegt.
Bild: Google Maps 2020.

In meiner Erinnerung ist die Amalfitana über weite Strecken mehr Gasse als Straße. Eine enge Gasse, die sich Lastwagen, Busse, PKW, Motorradfahrer, Radfahrer, Esel (die werden als Transport zu den Häusern im Hang benutzt) und Fußgänger teilen.

Sie führt in absurden Kurven und Knicken um Felsen und Häuser herum – so absurd, dass ein Bus, der um eine enge Kurve fährt, auf die andere Fahrbahnseite schwenkt und dabei den Gegenverkehr blockiert – was andere aber nicht von dem Versuch abhält, sich doch noch irgendwie vorbei zu quetschen.

Das Resultat ist so, wie man es erwarten kann: Nichts geht mehr, die Fahrzeuge blockieren sich gegenseitig und müssen dann zentimeterweise vor- und zurückmanövrieren, um irgendwie aus diesem Deadlock wieder rauszukommen. Dieses Blockadespielchen schien bei meinem ersten Besuch eher Regel als Ausnahme zu sein. Gefühlt stand der Verkehr an jeder zweiten Kurve. Wenn er dann doch mal etwas schneller floss, wurde unser Mietwagen in halsbrecherischen Manövern auf nicht einsehbaren Abschnitten von Minibussen überholt, was für mehr als einen Schreckmoment sorgte.

Eng.
Laut.
Überfüllt.
Die aufgeheizte Luft voller Abgase.
An jeder Ecke klemmten Reisebusse oder LKW in Kurven fest.

Nein, die Amalfitana hat keinen guten ersten Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht mal die Aussicht war supertoll, was aber auch daran lag, dass ich wenig davon sah – wir fuhren die Straße nämlich in der verkehrten Richtung, von Süden nach Norden und von Osten nach Westen, also auf der Fahrspur, die an den Felsen entlangführt. Rechts Felsen, links eine endlose Schlange Fahrzeuge, von vorne und hinten Kamikazebusse. Nein, das machte damals alles keinen Spaß, nicht mal als Beifahrer.

Jetzt, mit mehr deutlich mehr Erfahrung und im Sattel des Motorrads, will ich nachsehen ob mein damaliger Eindruck vielleicht verkehrt war. Auf jeden Fall bereite ich mich mental für heute schon mal auf auf das Schlimmste vor, als ich am Morgen in Faicchio unter einem Kastanienbaum noch schnell einen Caffé trinke.

Als ich in den Sattel der Barocca klettere, steht Alberto schon mit Schubkarre und Strohhut wieder vor seinen Beeten und ruft „Buon viaggio!“, gute Fahrt.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (6): Die schönste Straße Italiens

Montag, 17.06.2019, Siena

Die Morgensonne tastet sich in die verwilderte Senke hinter der Villa Allgeria vor. Es ist 05:30 Uhr

Ich springe aus dem Bett, putze mir schnell die Zähne, steige in die Motorradklamotten und trage die bereits fertig gepackten Koffer zum Motorrad, das an der Straße vor dem Haus steht.

Für Frühstück ist es zu früh, und von Cecilia und Francesco habe ich mich gestern Abend schon verabschiedet. Alles, um wirklich ganz früh los zu kommen. Der Grund: Heute habe ich einen wirklich weiten Weg vor mir. Über 500 Kilometer durch die Berge, das ist selbst für meine Verhältnisse viel. Anna prognostiziert eine Netto-Fahrzeit von 10 Stunden, da kann man dann locker nochmal zwei Stunden draufrechnen, für Verzögerungen im Betriebsablauf wie Staus oder kleine Pausen oder Fotostops.

Um 6:30 Uhr rollt die Barocca aus der Via Portogallo, fädelt auf die Landstraße Richtung Siena und biegt dann nach Osten ab.

Die Straße liegt im Morgenlicht und ist noch angenehm wenig befahren. Es ist kühl, nur um die 12 Grad, aber das wird nicht lange so bleiben.

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Einen Monat ohne (1): Lappenlos

Das neue Jahr ist da, und ich mache jetzt mal ernst mit einem Monat Enthaltsamkeit. Ich werde einen Monat lang statt des Autos oder eines Motorrads nur Füße, Fahrrad, Busse und Bahn nutzen.

Kann man ja mal machen. Für den Klimaschutz?

Äh, ja…. ganz genau. Ich möchte mehr für den, äh, Klimaschutz machen. Sicher. Diese Erkenntnis kam quasi blitzartig über mich.
Blitzartig, kurz vor Halle in Westfalen.

Ich war auf der Landstraße unterwegs und gerade aus einem Ort rausgefahren. Etwas in Gedanken hatte ich nicht darauf geachtet, wie schnell man da eigentlich fahren durfte, und über einen längeren Abschnitt kam dann auch kein Geschwindigkeitsschild mehr. „100“, zeigte das Navi des Mietwagens an. Na dann.

Aber irgendwas fühlte sich komisch an, und deshalb fuhr ich langsamer. Deutlich langsamer zuerst. Ich hatte ja Zeit, Arbeitstag war vorbei. Im Laufe der Strecke – breit, gut ausgebaut, übersichtlich – ließ ich den Audi wieder schneller rollen.

BLITZ.

Ok, das war jetzt doof. Da war ein Blitzanhänger hinter einem Baum auf der linken Fahrbahnseite. Aber wie schnell durfte man denn jetzt hier eigentlich fahren?

Das erfuhr ich zwei Wochen später, als ich ein Schreiben vom Landkreis Gütersloh im Briefkasten hatte. Weil weiter vorne eine Baustelle war, hatte man offensichtlich auf der Strecke temporär ein Limit von 50 km/h eingerichtet. Ich lag exakt 41 km/h drüber. Das ist ziemlich unglücklich, denn bis 40 Stundenkilometern drüber gibt es nur eine Geldstrafe, ab dem 41. Kilometer ist aber der Lappen einen Monat weg.

Ob ich zum Sachverhalt eine Aussage machen wollte, fragte Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh. Ich schrieb ihr einen netten Brief, in dem ich ihr darlegte, dass ich das wohl war, aber nur unglücklich vor mich hin geträumt hatte. Hätte ich rasen wollen, wäre ich schneller gewesen. Ob wohl dieser nicht vorhandene Vorsatz ein Grund wäre, vielleicht noch mal einen Stundenkilometer abzuziehen und auf 40 km/h drüber zu kommen?

Der Brief sorgte offensichtlich für Erheiterung bei Frau Webermann. Sie bedankte sich für die „längliche Darstellung des Sachverhalts“ und wies darauf hin, das, sollte ich ein Härtefall sein und den Führerschein un-un-unbedingt brauchen, das ja darlegen könne. Dann könnte sie vielleicht das Fahrverbot in eine höhere Geldstrafe umwandeln. Ich bräuchte dafür aber ein Schreiben meines Arbeitgebers, dass ich ohne Lappen quasi meinen Job los wäre.

Ansonsten könnte ich mir aber in einem Viermonatsfenster aussuchen, wann ich zu Fuß gehen wollte, und ich sollte ich doch zusehen, dass ich die führerscheinlose Zeit doch vielleicht in den Urlaub legen sollte. Haha. Ausgerechnet. Wo mein Urlaubskonzept doch gerade von Individualbmobilität geprägt ist. Klar, 3 Wochen Japan, das hätte schon gepasst. Leider wollte ich da auch gerne Auto fahren, wenn auch nur zwei, drei Mal, aber genau für den Zweck hatte ich schon eine Übersetzung meines Führerscheins ins Japanische anfertigen lassen, und war nicht bereit die einfach so abzuschreiben.

Bin ich ein Härtefall, der den Führerschein unbedingt braucht? Ich bin recht häufig auf Dienstreisen, aber meist mit der Bahn. Mietwagen sind da die Ausnahme. Also eher nicht.

Ich hätte natürlich so tun können und dann vor Frau Webermann rumflennen, dass ich armer Mensch ohne Führerschein praktisch nicht mehr lebensfähig bin, aber wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich die Einstellung vertrete, dass man nicht lang jammern soll, wenn man Mist gebaut hat, sondern die Strafe gefälligst ertragen soll. Aus einem Vergehen rauswieseln, das ist nicht mein Ding.

So kommt es, dass ich jetzt zum ersten Mal seit meinem 16. Lebensjahr einen Monat ohne motorisiertes Fahrzeug unterwegs sein werde und hier begleitend aufschreibe, wie das so ist.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich schreibe das hier nicht um rumzujammern, sondern weil ich selbst gespannt bin, wie das wird. Vermutlich unspektakulär, aber man weiß ja nie – ich wohne auf dem Dorf. Nicht weit auf dem Land, aber immerhin. Mobilität war als Ressource für mich die letzten 28 Jahre, mit einer kurzen Ausnahme, praktisch rund um die Uhr verfügbar und selbstverständlich, da wird es vielleicht schon spannend mal zu gucken, wie das ist, wenn etwas selbstverständliches einfach weg ist.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (5): Abschiedstour durch die Toskana

Auf Sommerreise mit der V-Strom. Heute mit einer Pause in der Toskana.

Pfingstmontag, 10. bis Montag, 18. Juni 2019

Ich schlafe bis Mittags, tappe ein wenig in der Wohnung auf „I Papaveri“ herum, falle wieder um und schlafe weiter. Die letzten Tage, ach was, die letzten Wochen und Monate waren anstrengend, das signalisiert mir mein Körper jetzt sehr deutlich. Wenn er Gelegenheit zum Abschalten hat, macht er das auch, und bei mir bricht die angeborene Faulheit durch.

Erst am späten Nachmittag schaffe ich es mich aufzuraffen und in den Sattel der Barocca zu klettern. Ich fahre die Küste runter bis nach Venturina. In dem acht Kilometer entfernten Ort ist ein Geschäft der Telekom Italia Mobile, der TIM. Es ist Pfingstmontag, aber in Italien ist das kein Feiertag.

Zur Telekom muss ich, weil ich eine neue SIM brauche. Die Datenkarte, die ich seit drei Jahren nutze, wurde immer von einem Serviceunternehmen in Meran betreut. Denen konnte ich sagen was ich möchte, dann habe ich denen Geld per Paypal überwiesen und die haben dann für mich mein TIM-Kundenkonto benutzt und das richtige gebucht. Das machen die aber jetzt nicht mehr, wegen „EU“ und „Datenschutz“. Das ist eine dumme Ausrede und sehr schade – ich fand es immer toll, gegen 99 Euro für das ganze Jahr 50 GB Daten zur Hand zu haben, zumal das 4G Netz in Italien irrsinnig gut ausgebaut und schnell ist.

Das TIM-Kundenkonto selbst zu nutzen ist keine Option. Das fängt schon damit an, dass man aus dem Ausland kein Geld einzahlen kann. Offiziell geht das, aber sowohl Kreditkarten- als auch Paypalbezahlung mit ausländischen Konten werfen Fehlermeldungen, seit Jahren schon.

Mit dem Webservice „Xoom“ hätte ich es schaffen können die Blockade der TIM gegen Ausländer zu umgehen, aber ganz ehrlich: Ein Blick in das Backend meines TIM-Kundenkontos hat mich verzweifeln lassen. Es gibt keinen einfachen Knopf um die SIM-Karte für ein Jahr mit dem vorhergehenden Tarif zu verlängern. Stattdessen gibt es dutzende von Checkboxen und Schaltflächen, die versuchen einem tausend Optionen aufzuquatschen, alles auf Behördenitalienisch.

Dazu kommt, dass die Hälfte der Schaltflächen kaputt ist oder was ganz anderes tun als sie sollen. Die Gefahr ist hoch, mit einem unvorsichtigen Klick versehentlich einen Festnetzanschluss oder ein Faxgerät zu bestellen.

Immerhin gibt es seit diesem Jahr gibt es nun das Angebot „TIM Tourist“. Als Besucher erhält man darüber 15 GB, für 30 Euro. Das ist nicht schlecht, aber auch nur ein Mal buchbar und nur 30 Tage gültig. Egal, dieses Jahr bin ich nur ein Mal in Italien.

Die TIM-Niederlassung in Venturina ist modern eingerichtet. Zwischen Designermöbeln und Ausstellungsflächen mit den neuesten Smartphones stehen Monitore, auf denen lachende Menschen über den Bildschirm tanzen. Vor den Monitoren stehen wütende und aufgebrachte Menschen. Das überrascht mich nicht, sondern entspricht dem, was ich bislang über die Telekom gelesen habe. Deren Service ist unterirdisch, Unfähigkeit an der Tagesordnung, und zuständig ist sowieso niemand. Das ist sytembedingt. Die Angestellten hier im Laden tun nichts weiter, als mit toten Augen und traurigen Mienen zuzuhören und ab und an bedauernd den Kopf zu schütteln. Sie sind Notfallseelsorger für den Unfall namens TIM, wirklich machen können sie auch nichts. Einem besonders aufgebrachten Kunden wird sogar ein Telefon gereicht, damit er seinen Kampf mit der Telekom-Hotline persönlich ausfechten kann.

Als ich dran bin, lege ich einen Zettel auf den Tresen und ernte von der Angestellten einen irritierten Blick. Das Blatt Papier ist ein Ausdruck eines Gutscheins für die Touristenkarte. Habe ich schon zuhause gebucht und bezahlt.

Sie kennt das offensichtlich nicht, macht sich gleich aber erstmal im Backoffice schlau. Dort thront anscheinend eine Art graue Eminenz, die alles weiß und schon allein deshalb keinen Kontakt zu Kunden nötig hat. Ich höre schnelle Gespräche, dann kommt die Angestellte wieder, verlangt meinen Ausweis, kopiert ihn un und tippt dann in ihrem Computer rum. Dann tippt sie noch etwas länger im Computer rum.

Ein Kollege in TIM-Polohemd kommt mit besonders trauriger Miene vorbei und guckt, was sie da macht. Er besieht sich meinen Voucher, fährt die Logos darauf mit dem Finger ab und sagt. „Ach, guck. Ist ja toll, was wir alles so haben. 15 Gigabyte. 4G. Mit Whatsapp. Sogar mit SIM inklusive“.

Ja, das steht da. So hatte ich das im Internet auch verstanden: Alles inklusive, keine Extrakosten. Ich hatte allerdings in Foren auch gelesen, das insbesondere die TIM-Partneragenturen die SIM nicht ohne Extragebühr rausrücken, weil sie sonst nichts verdienen. Aber das hier ist ein Original TIM-Geschäft, die werden vom Staat bezahlt. Der traurige Typ geht wieder, die Frau tippt weiter im Computer rum. Dann noch länger. Dann sagt sie: „das macht 10 Euro für die SIM“.

„Ach“, sage ich. Ich drehe den Voucher zu mir und lese vor „Inclusiva data, whatsapp and SIM“. „Ach, sie haben da schon was für bezahlt?“, sagt die Frau. „Ja“, sage ich. „SIM kostet trotzdem extra“, sagt die Frau. „Nein, ist inklusive“, sage ich. „OK“, sagt die Frau und reicht mir eine SIM, die ich sofort untersuche.

Größe stimmt, 4G stimmt auch, PIN und PUK sind auch drauf. Sehr gut. „A posto“, sagt die Frau wieder, und „OK“. „Ok“ sage ich und will gehen. „Das macht 10 Euro“, sagt die Frau. Was soll denn das jetzt? Will die unbedingt Ärger oder was? „Aber im Internet stand, SIM Inclusive“, sage ich. Dann deute ich auf den Voucher, wo auch TIM SIM steht. Sie zuckt die Schultern und sagt „A Posto“. Das heißt so viel wie „in Ordnung“.

„A…. Posto…“, sage ich und drehe mich langsam Richtung Ausgang, wobei ich die Frau aus den Augenwinkeln im Blick behalte. „10 Euro“, sagt sie. Man, das GIBT ES doch nicht! Was denn nun? „In Ordnung“ oder 10 Euro? „Tutto insieme!“, sage ich. „A posto“, sagt die Frau. Ich wende mich zum Gehen. „10 Euro!“ ARGH!

In dem Moment dröhnt die graue Eminenz aus dem Back Office „ist inklusive!“ Die Angestellte zuckt mit den Schultern und geht weg. Ich rufe ihr und der grauen Eminenz im Back Office ein danke zu, dann stecke ich die SIM ein und flüchte. Meine Güte, bin ich froh italienisch zu sprechen, englisch kann hier nämlich vermutlich niemand und ich mag mir gar nicht ausmalen was für ein Drama dann diese seltsamen Verhandlungen gewesen wären.

Immerhin funktioniert die Karte auf Anhieb. Ich fummele die SIM in das kleine Gerät im Topcase, das Display leuchtet auf und „Connected“ erscheint. Internet! Yay! Ab jetzt ist die Barocca ein fahrender Accesspoint. Wir machen unser eigenes WLAN.

In den folgenden Tage dödele ich in der Toskana herum. Die Sonne scheint und es ist warm, meist um die 25 Grad, aber auch sehr windig. Am Strand von San Vincenzo zu liegen macht bei dem Wetter keinen Spaß, da wird man gesandstrahlt und der Sonnenschirm fliegt weg. Aber Nichtstun und Motorradfahren, das macht Spaß, und deshalb tue ich das sehr ausgiebig.


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Motorradsaison 2019: Top 3 gute Dinge

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Die Highlights (SIC!) des Jahres.

3. Rok Straps
Ein Packgurt mit einem elastischen Mittelteil, ein Klickverschluss, an jedem Ende eine Schlaufe. Mehr sind Rokstraps nicht, aber damit sind sie endlos praktisch und viel leichter zu handhaben als ein normaler Spanngurt. Statt endloser Rumfuddelei und losen Enden, die im Wind flattern, einfach drumschlingen, zusammenklicken, fertig. Egal ob die Gepäckrolle für die lange Reise gesichert wird oder nur der Einkauf vom Supermarkt auf die Rückbank soll, Rokstraps befestigen alles, schnell und unkompliziert. Durch den elastischen Gummiteil halten sie die Spannung und lösen sich nicht. Und notfalls kann man damit sogar das Mopped auf einer Fähre sichern. Ich habe mittlerweile je einen als zusätzlich Sicherung um Koffer und Topcase.

2. Sena Prism Tube Wifi
Ich bringe gerne Videos von Fahrten mit zurück. Dafür nutzte ich bislang am Liebsten die wasserdichte VIRBE XE. Die ist aber zu klobig um sie seitlich am Helm zu befestigen, und AUF den Helm werde ich sie mir nicht kleben – ich bin doch kein Teletubbie!

Auftritt der Prism Tube Wifi. Eine simple und winzige Kamera. Ist nicht wasserdicht (Hersteller: „Wasserbeständig“, haha!) und kann nichts als Videos aufzeichnen (2K). Das Bild ist besser als die FullHD-Virb XE, aber doch am Ende lediglich gut – Bitrate und Farben sind zwar okay, aber für meinen Geschmack ist alles zu überschärft.

Der Charme der Prism Tube liegt aber woanders, nämlich in der Form, der Bedienung und dem Durchhaltevermögen. Die Kamera ist zylinderförmig und schlank und fällt am Helm nicht auf. Der Akku hält gefühlt endlos, die zwei Stunden, die der Hersteller angibt, sind nicht maßlos übertrieben. Das Tollste: Sie hat nur ein Bedienelement, einen umlaufenden Ring. Wird der nach vorne gezogen, zeichnet sie auf. Alle anderen Einstellungen nimmt man über eine App vor, wobei es da auch kaum Optionen gibt. Aufzeichnen, mehr kann die Prism Tube nicht, aber das macht sie über Stunden und zuverlässig. Vlogger können sich noch Lautsprecher und Mikro in den Helm kleben und damit Tagebuch sprechen.

Ähnlich puristisch ist das Zubehör: Es gibt nur eine Klebehalterung für einen Helm, für andere Anwendungen gibt´s nichts und nicht mal eine zweite Helmhalterung bekommt man einzeln. Schade, aber weil mir das Ding so großen Spaß macht, reicht´s noch für Platz 2.

1. Osram Nightracer 110
Die Nightracer-Serie sind H4/H7-Leuchtmittel, die Hersteller Osram mit einer signifikant höheren Lichtausbeute bewirbt. Die geht allerdings auf Kosten der Lebenszeit. Nachdem ich nun zwei Jahre lang mit Nightracer 50 (50 Prozent mehr Licht, leicht reduzierte Lebensdauer) gefahren bin, folgte im April der Umstieg auf die Nightracer 110 (110 Prozent mehr Licht, signifikant verkürzte Lebensdauer).

Ob die 110 Prozent stimmen, weiß ich nicht. Die Leuchtmittel sind aber tatsächlich wesentlich heller und weißer als die Standard-H4-Lampen in V-Strom und ZZR, gegen das Licht der Nightracer wirken die Standardbirnen wie Funzeln. Man sieht damit definitiv mehr und wird auch besser gesehen. In der Suzuki haben die Lampen selbst die an Erschütterungen nicht armen Fahrten im Sommer gut überstanden. Die verkürzte Lebensdauer ficht mich nicht an. Sollte die Lampe doch mal auf Reisen ausfallen, spielt das keine Rolle. Die V-Strom hat ohnehin zwei Scheinwerfer, eben für den Fall, dass einer ausfällt, und ist so gebaut, dass man die Lampen per Hand und ohne Demontage von Leuchte oder Verkleidung hinbekommt.

Einfaches und effizientes „tuning“ für läppische 12 Euro pro Lampe. Mehr Sicherheit für praktisch kein Geld: Das ist ein verdienter Platz Nummer 1.

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Motorradsaison 2019: Flop 3 Ärgernisse

Meine persönlichen Tops und Flops der Motorradsaison 2019. Heute: Das Schlechteste des Jahres 2019.

3. Daytona Road Stars in der falschen Größe
Daytona Stiefel sind toll, aber nur wenn sie passen. Eine Nummer zu groß, und sie sind Hölle auf Erden. Immerhin: Es lag nicht an ihnen, es lag an mir. Ich habe gerade bei allem Zwischengrößen. Egal ob Stiefel, Jacke oder Hose: In einer Nummer sind sie zu klein, eine Nummer größer fallen sie mir vom Hintern. Schlimm.

2. ProAntis Handschuhe
Handschuhe einer chinesischen „Marke“ bei einem dieser schnellwachsenden Onlineversender bestellt, ausgepackt, angeguckt, weggeschmissen.

Es gibt Dutzende Motorradfahrer, die in Foren vom „tollen Griffgefühl“ und „ausgezeichneter Lüftung“ schwärmen. Da möchte ich mal fragen: Was stimmt mit Euch nicht? Fahrt ihr nur ein Mal im Jahr zur Eisdiele, oder wie kommt ihr zu dem Urteil?

Ja klar haben die Handschuhe ein tolles Griffgefühl. Ist ja auch kein Wunder, wenn die Handfläche aus milimeterdünnem Kunstleder besteht. Ja klar haben die eine tolle Lüftung. Ist auch kein Wunder, wenn die Nähte praktisch nur aufgemalt sind und schon nach der zweiten Benutzung aufgehen. Dazu kommt ein Knöchelschutz der aussieht wie Carbon, aber aus billigster Plaste besteht, die man mit den Fingern eindrücken kann. Die Schutzwirkung dieser Dinger dürfte irgendwo zwischen „nicht vorhanden“ und „ähnlich eines selbstgehäkelten Topflappens“ liegen. Zum Moppedfahren sollte man sowas auf keinen Fall tragen.

Ich habe dann noch versucht sie zum Radfahren zu verwenden und stellte dabei fest, dass die Teile abfärben und nach der dritten Benutzung völlig auseinanderfallen. SchlimmSchlimm.

1. Tieferlegung der V-Strom
Ich habe die Tieferlegung der Suzuki zwei Jahre lang ziemlich abgefeiert, ermöglicht sie mir doch mit 1,70 Körpergröße die große Maschine sicher zu rangieren. Dafür musste ich Kompromisse eingehen: Der Seitenständer war verstümmelt, der Hauptständer musste demontiert werden, der Motorschutz passte nicht mehr drunter und in scharfen Kurven setzte die Maschine mit Seitenständer oder Auspuff auf. Habe ich alles ertragen. In diesem Jahr ist mir dann aber doch der Arsch geplatzt, als die Maschine an moderaten Kanten hängen blieb und die Umlenkhebel bei Bodenwellen aufsetzten. Nee, so nicht. Raus damit!

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (4): Motorrad-Tourette

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einer Traumfrau, einem räuberischem Fürstentum und vielen Kraftausdrücken.

Sonntag, 09. Juni 2019, Asprémont, Frankreich

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Ein gewaltiger Donner rollt durch die Täler hinter Nizza. Das Gewitter muss direkt über Asprémont sein, Regen trommelt auf das Dach des Hotels.

Ich blicke auf die Uhr. Kurz nach 4. Ich versuche noch einmal einzuschlafen, aber so ganz will mir das nicht gelingen, draußen kracht und rumpelt es im Sekundentakt. Wieso gibt es überhaupt Gewitter, also, jetzt? Gestern Abend war davon nicht zu sehen.

Nach zwei schlaflosen Stunden werfe ich um kurz vor sechs einen Blick auf die Wetterkarte. Darauf ist zu sehen, wie sich gegen zwei Uhr nachts praktisch spontan und aus dem Nichts ein Tiefdruckgebiet gebildet hat, direkt über Asprémont. Und nicht nur das: Ab sieben Uhr wird es weiterziehen, und zwar exakt auf meiner Reiseroute und auch nur da. Ich bin wohl doch ein Wettergott.

Ächzend quäle ich mich aus dem Bett. Meine Füße tun immer noch weh. Die Blasenpflaster werfen jetzt selbst monströse Blasen, während sie versuchen die nässenden Löcher in meinen Fersen abzudecken.

Es ist Pfingstsonntag, aber selbst heute und um kurz vor sieben Uhr ist Sabine schon wach und unterwegs. Während ich die Koffer zum Motorrad trage, höre ich die Sächsin in der Küche werkeln.

Die Barocca durfte die Nacht über auf der Terrasse stehen und ist noch nass vom Wolkenbruch. Nass und… dreckig? Tatsächlich. Der Regen war voller Sand. Wüstenstaub, wahrscheinlich. Den hat wohl der Mistral Scirocco, wie man in Frankreich den starken Wind aus Süden nennt, aus Afrika rübergeweht. Das schwarze Motorrad hat nun ein sandfarbenes Tupfenmuster und sieht aus, als wäre es gerade eine Wüstenrallye gefahren.

Ich hänge die Koffer an das Motorrad und schiebe es vor das Tor, dann leiste ich Sabine an der Kaffeebar im Erdgeschoss ihres Hotels Gesellschaft. Die Leipzigerin trägt heute Morgen das platinblonde Haar zu einem Pferdeschanz gebunden. Zusammen mit einer ärmellosen, weißen und tief dekolletierten Bluse sieht sie ein wenig aus wie ein Filmstar aus den Fünfzigern.

Gerade schraubt und schaltet sie an einer schrankwandgroßen Espressomaschine herum. „Die braucht noch einen Moment zum Aufwärmen, aber ich habe uns schon mal deutschen Kaffee gemacht“, sagt sie und gießt mir einen Filterkaffee ein. Ich habe kein Frühstück gebucht, aber ohne einen Kaffee auf den Weg lässt sie mich nicht weg. Der Preis dafür ist eine kleine Plauderei, und Sabine kann ohne Punkt und Komma reden.

Da habe ich aber überhaupt nichts gegen, denn sie ist eine sehr angenehme Gesellschaft und eine kluge und erfahrene Frau, von der man selbst in kurzen Gesprächen viel lernen. Die Hotelierin war nach der Wende als Reiseleiterin mit „Studiosus“ in ganz Europa unterwegs, spricht mehrere Sprachen fließend und hat letztlich der Liebe wegen in Asprémont Wurzeln geschlagen.

Sie hat mir vor drei Jahren bei einem kurzen Frühstückskaffee mehr über Frankreich beigebracht als Ulrich Wickert in drei Büchern. Die er übrigens, zumindest zum Teil, genau hier verfasst hat: An dem Fenstertisch da hinten rechts, im Restaurant in diesem Hotel.

„Wissen sie“, sagt Sabine, „ich komme mir hier gerade vor wie in einer Diktatur. Ich bin in eine Diktatur hineingeboren worden und manchmal fühlt es sich so an, als sei ich nie aus der DDR rausgekommen.“

Jetzt sind sie aber ein wenig hart“, sage ich und nippe am Kaffee. „Nein, gar nicht“, sagt sie. „Ich meine das ernst. Ein Beispiel: Die Gelbwestenproteste, davon hat man doch plötzlich nichts mehr in den Medien gehört, oder? Die waren von jetzt auf gleich kein Thema mehr in den Nachrichten.“ Da hat sie recht. „Wissen sie, warum?“, fragt sie.
Ich schüttele den Kopf.

„Weil die französische Regierung das Militär gegen die Demonstranten eingesetzt hat! Hier in Nizza hatte die Bewegung ja ihren Ausgangspunkt, und hier ist allen Ernstes das Militär aufmarschiert, im Verhältnis fünf zu eins. Die Soldaten haben dann nichts gemacht, die standen nur zu Hunderten am Rande der Kundgebungen mit umgehängten Waffen, aber alleine ihre Präsenz war so einschüchternd, dass die Gelbwesten weggeblieben sind.“

Sabine gießt sich selbst einen Kaffee ein und reicht mir ein Körbchen über den Tresen „Hier, nehmen Sie ein Schokocroissant. Ach, es ist gerade kompliziert. Überall. Ich habe ja gute Freunde in Russland und mache da regelmäßig Urlaub, auch im Winter. Gerne auch mal weiter im Osten, am Baikalsee und so. Wussten sie, das Russland das christliche Land mit den meisten Muslimen ist?“
Ich mümmele am Schokocroissant herum und mache „ne“.

„Aber die machen das anders, statt Integration setzt Russland auf Enklaven. Jeder für sich. Es gibt prachtvolle muslimische Städte in Russland, bewohnt nur von Muslimen. Die werden dort auch völlig in Ruhe gelassen. Aber wenn von dort jemand nach Moskau will, dann wird er sehr genau kontrolliert. Und das funktioniert, es ist alles friedlich.“

Na, ich weiß ja nicht. Egal ob man es Enklave nennt oder die kleinere Version davon Ghetto: Die Isolation von Bevölkerungsgruppen war noch nie eine gute Idee. Mir ist eine integrierte Gesellschaft lieber, und das sage ich ihr auch.

Sabine guckt kurz in die Ferne, dann sagt sie „Naja, jedenfalls: Ich bin der Meinung, dass einer der Hauptfehler der EU die überhastete Osterweiterung war.“

Ich nicke. Das denke ich auch. Sie fährt fort: „Man hätte erstmal eine Nord- und eine Süd-EU machen sollen, und erst dann vielleicht eine separate Ost-EU, und dann alles langsam annähern. Der zweite Fehler der EU ist dieses bedingungslose Festhalten an den USA und das Verteufeln von Putin. Man mag denken was man will, aber durch die Abschottung des Westens steuert Putin jetzt Russland in Richtung China. Auch die Mongolei orientiert sich an China. Das sind starke Partner, da kann Europa nicht gegen an, dafür ist es einfach zu klein. Europa wird zerrieben, und in Italien nimmt es gerade seinen Anfang.“ „Die neue Seidenstraße?“, frage ich und nehme noch einen Schluck Kaffee.

Sabine nickt. „Genau, die neue Seidenstraße. Der Hafen von Triest ist schon komplett an die Chinesen verkauft, und aktuell diskutiert man, ob auch Genua und einige andere Häfen und Infrastrukturprojekte wie Brücken oder Straßen von den Chinesen übernommen werden sollen. Der Faschist Salvini, der tut ja immer so als wäre er Patriot, aber er betreibt gerade einen Ausverkauf seines Landes. 340 Milliarden pro Jahr, so munkelt man, soll China nach Italien bringen. Verstehen sie, was das heißt?“, fragt Sabine mit finsterer Miene.

Ich überlege. Dann geht mir ein Licht auf. „Bei der Menge an Geld… braucht Salvini die EU nicht mehr.“ Sabine lächelt grimmig. „Ganz genau. Salvini macht seinen rechtspopulistischen Schwachsinn wahr und zeigt der EU den Finger, und das kann er, weil er sich an die Chinesen prostituiert.“

Alter Falter. Das war mir gar nicht bewusst. Reisen bildet, auch politisch. Und meine Güte, wie toll ist diese Frau eigentlich, dass die mir quasi so nebenbei in 10 Minuten die Weltpolitik erklären kann? Ich glaube, ich bin verliebt.

In dem Moment rollt wieder ein Donnergrollen durch das Tal. Wolken ziehen rasant schnell an der Fensterfront des Frühstücksraums vorbei.

„Verdammt, das ist die Nachhut des Gewitters“, sage ich und trinke den Rest Kaffee in einem Schluck aus. „Ich muss los, so Leid mir das auch tut“.
Sabine begleitet mich zum Motorrad. Erste Regentropfen beginnen zu fallen. „Sie kommen aber wieder, oder?“, fragt sie.
„Aber sicher“, sage ich, „aber nur wenn Sie dann noch hier sind, Sabine“.- Sie lächelt und eilt zurück ins Hotel, wo die ersten Gäste schlaftrunken in die Lobby wanken.

Ich hoffe sehr, dass ich diese außergewöhnliche Frau tatsächlich noch einmal wieder sehen werde.

Der Regen legt jetzt so richtig los. Ich ziehe Regenhose und -Jacke aus dem Seitenkoffer und versuche mich da hineinzwinden. Gar nicht so einfach, in voller Schutzkleidung den Einstieg in die Regenklamotten hin zu bekommen. Ich verhake mich erst beim Anziehen im Innenfutter der Hose und hüpfe fluchend auf einem Bein im Kreis bis ich fast umfalle, dann vernüddelt sich der Ärmel der Jacke irgendwo hinter meinem Rücken. Würde man diese Nummer aufzeichnen und das Video rückwärts ablaufen lassen, sehe ich vermutlich aus wie Houdini, der sich aus einer Zwangsjacke befreit. So sehe ich nur aus wie ein Depp.

Zu den Regenklamotten, die mich gerade ärgern, kommt die Luft: Es sind 24 Grad, sagt das Thermometer, und die Luftfeuchtigkeit ist tropisch. In solcher Luft fällt das Atmen schwer, und ich schwitze schon wieder wie ein Üchel.

Als endlich alles sitzt, hört der Regen so abrupt auf wie er begonnen hat. Leicht fassungslos gucke ich zum Himmel und denke laut „Arschloch“. Halb aus Trotz und halb aus der Befürchtung, das ich den Regen gleich wieder einhole, behalte ich die Regenklamotten an.

Ich steuere das Motorrad über die nassen Straßen und aus den Bergen hinab in die Großstadt. Eigentlich möchte ich da nicht hin, aber um aus Asprémont weg zu kommen muss ich hinab ins Tal, durch die Stadt und dann über eine weitere Bergkette wieder raus.

Wer sich heute morgen selbst übertrifft, ist meine virtuelle Copilotin. Motorrad-KI Anna hat Sprachalgorithmen, die auf lokalen Informationen rumrechnen, um möglichst natürliche Anweisungen geben zu können. Für Nizza gibt es davon offensichtlich sehr viele, und die nutzt sie reichlich. Ich bin erstaunt als ich ein ums andere Mal Sätze höre wie „Biegen sie am verspiegelten Gebäude links ab“ oder „An der Ampel vor dem würfelförmigem Gebäude rechts“ oder „Neben dem Kiosk rechts rein“ höre. Es ist wirklich so als hätte ich eine echte Beifahrerin in meinem Helm, die mir unerschütterlich ruhig ins Ohr wispert wo ich hin muss.

Die Barocca rollt durch die Straßen von Nizza. Es ist ja erst halb acht am Sonntag, deshalb gibt es noch keinen Stau, aber es ist doch schon mehr los als ich gedacht hätte. Autos und Motorroller flitzen durch die Straßen, und auch Fußgänger sind schon unterwegs.

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Geliebte Feindin: Auf Kriegsfuß mit der Pinlock-Scheibe

Ich bin ein großer Fan von Pinlock. Das ist ein System für Motorradhelme und besteht aus zwei Teilen: Einer Halterung und einer Scheibe.

Die Halterung, das sind zwei kleine Nöppel links und rechts im Inneren eines Motorradvisiers. Zwischen die beiden Nöppeln wird eine durchsichtige Scheibe, das Pinlock-Visier, gespannt. Das sitzt dann bombenfest auf der Innenseite des eigentlichen Visiers.

Der Trick ist nun: Die Pinlockscheibe hat eine hauchfeine, umlaufende Silikonlippe, so dass zwischen Außen- und Pinlockvisier ein kleiner Spalt bleibt.

Dieser Spalt zwischen den Visieren ist luftdicht und dadurch, DamenundHerren, kann der Helm nicht mehr von Innen beschlagen! Ganz egal wie warm oder kalt oder nass es ist und wieviel man im Helm rumatmet: Das Visier beschlägt nicht mehr.

Fantastisch, oder? Ich liebe Pinlock und fahre nicht mehr ohne. Ich habe schon genug damit zu kämpfen, das die Brille unter extremen Bedingungen beschlägt, da soll wenigstens das Visier verlässlich freie Sicht bieten.

Das Problem bei der Sache, und dafür hasse ich Pinlock inbrünstig: Die Scheiben sind irrsinnig empfindlich und sehr teuer.

Ich hatte es nun schon zwei Mal, dass frisch gekaufte Pinlockscheiben heftige Kratzer aufwiesen. Kratzer zu produzieren geht schnell: Die Scheiben sind aus hauchdünnem und leicht beschichtetem Kunststoff gefertigt und nur auf einer Seite mit einer Schutzfolie versehen.

Im Versand beim Einpacken mit langen Fingernägeln angefasst oder im Motorradgeschäft im Lager einen Karton drauf abgestellt und ZACK, Kratzer. Das Dumme ist: Die Kratzer kann man vor dem Kauf im Geschäft nicht sehen, denn auf einer (und NUR einer) Seite klebt eine Schutzfolie, durch die man kleine Kratzer nicht erkennen kann.

Bei einem Helmvisier sorgen aber selbst allerkleinste Kratzer im Sichtfeld dafür, dass das Licht gebrochen wird und man nichts mehr sieht. Dazu kommt, dass die flimmsigen Plastescheiben kein Wegwerfartikel sind. Über dreißig Euro kostet ein neues Pinlock! Also wirklich NUR die Innenscheibe, das eigentlich Helmvisier schlägt nochmal mit 40 bis 50 Euro zu buche.

Sonnenvsier, Pinlock und normales Visier des Motorradhelms. Die paar Plastikteile kosten zusammen über 100 Euro. Die alle paar Jahre auszutauschen ist aber Pflicht, wegen der Sicherheit.

Ich kaufe die Dinger immer dann, wenn Louis oder Polo gerade Rabattaktionen haben, und lege mir die auf Vorrat ins Regal. Mitsamt Kassenbon, um sie – falls ich beim Einbau feststelle, dass sie verkratzt sind – wieder umtauschen zu können. Das hat bisher auch immer geklappt, nur eine Louis-Mitarbeiterin war mal am Rumnöckeln „Den Kratzer haste ja vielleicht selbst reingemacht“.

Hatte ich nicht, aber natürlich hat die Dame recht: Hätte sein können. Denn natürlich kann man auch beim Einbau (den man bei Louis auch vom Personal vornehmen lassen kann) Kratzer hinterlassen.

Meine Spezialität beim Einbau ist aber eine andere. Pinlockscheiben sind nämlich nicht nur kratzempfindlich, auf ihnen bleibt auch Hautfett zurück, und das bekommt man nicht mehr ab.

Vor zwei Jahren habe ich es geschafft, beim prüfenden Blick durch ein frisch eingebautes Pinlock einen Nasenabdruck auf der Scheibe zu hinterlassen. Hautfett auf Helmvisier, das wirft beim Durchgucken Regenbogenfarben. Dennoch blieb der Nasenabdruck da, denn wenn man versucht ein Pinlockvisier zu reinigen, verkratzt man es sofort mit mikroskopischen kleinen Kratzern, die das Licht noch schlimmer brechen.

Beim Visierbau in diesem Jahr war ich gaaaaanz vorsichtig. Ich habe mit der Nase weiten Abstand gewahrt und sogar Latexhandschuhe angezogen, um keine bloß Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nun muss man aber für den Einbau sehr beherzt das äußere Helmvisier auseinanderbiegen und gleichzeitig die Pinlockscheibe in die Nöppel fummeln. Dafür braucht man entweder drei Hände oder man nimmt den Ellenbogen zur Hilfe.

Es kam, wie es kommen musste: Einmal kurz abgerutscht, schon hatte ich den Abdruck meines Ellenbogens auf dem Pinlock hinterlassen. Ich habe dann gaaanz vorsichtig versucht mit Seifenlauge und dem zartesten aller vierlagigen Tissues den Fettfleck weg zu bekommen, aber ohne Erfolg. Die fettige Stelle blieb, wo das Tüchlein das Pinlock berührte, blieben Mikrokratzer zurück. Dreißig Euro für die Tonne.

Also eine neue Pinlockscheibe gekauft und eingebaut, dabei Nase, Ellenbogen und Finger gut verhüllt und die Schutzfolie erst nach dem Einbau abgezogen und bemerkt: DIESES Pinlock ist wohl zu warm gelagert worden. Die Schutzfolie hat einen blasigen, kaum sichtbaren Schleier hinterlassen. Das ist noch eine ganz neue Dimension von Arschigkeit. Außerdem sind an einer Stelle Kratzer, als wäre da was drübergeschabt. Ärgerlich, aber wenigstens sind die Kratzer außerhalb des Sichtfelds, und wegen des Schleiers habe jetzt keinen Nerv mit dem Geschäft rumzudiskutieren.

Also: Pinlock ist vom Prinzip her eine tolle Sache, beschlagfreie Sicht will ich nicht missen. Aber die Pinlockscheibe als solche ist ein garstiges Mistvieh, unverschämt teuer und praktisch sofort kaputt, wenn man sie auspackt oder scharf anguckt. Ihre Konstrukteure seien geheiligt und sollen in der Hölle schmoren.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (3): Bis auf´s Fleisch

Samstag, 08. Juni 2019, in der Nähe von Embrun, Frankreich

Ein Dachfenster über´m Bett, das hört sich ja total romantisch an. Beim Einschlafen in die Sterne gucken und so. Die Realität sieht aber anders aus, besonders wenn man schlechte Augen hat und sich das Dachfenster nicht verdunkeln lässt.

Mit meinen schlechten Augen sehe ich beim Einschlafen nämlich nur einen grauen Fleck, und ab vier Uhr wird aus dem grauen Fleck ein strahlend heller, blauer Fleck. Die Sonne scheint zum Fenster rein wie der Laser des Todesterns und hobelt mir durch die geschlossenen Augenlider die Netzhaut weg. Ich kann nicht schlafen wenn es hell ist. Seufzend schwinge ich mich aus dem Bett und tappe in das kleine Badezimmer, wo ich eine winzige, zusammenrollbare Schlafmaske aus dem Allzweckbeutel fummele. Mit der auf den Augen drehe mich noch einmal um und ich schwebe in einen ganz wohlig warmen Halbschlaf davon.

Das Bett in meinem Zimmer im Inneren der Riesenscheune „La Grande Ferme“ ist warm und weich, es fällt mir nicht leicht mich von ihm zu trennen, als um kurz nach sieben der Wecker summt. Trotzdem schaffe ich es, um kurz nach 8 die Koffer zum Motorrad zu tragen und mich dann ins Restaurant im Keller zu begeben, wo Nicolette schon arbeitet.

„Bin ich der einzige Gast heute morgen?“, frage ich auf deutsch. „Derr einzige, der SO frü´ essen möschte“, sagt sie gespielt tadelnd und mit runtergezogenen Mundwinkeln. Ich muss grinsen. Es gibt getoastetes Graubrot und selbstgemachte Konfiture. Dann packe ich meine Sachen und staune noch einmal, wie groß diese Scheune ist. Es gibt auf den einzelnen Wohnungen, die wie Starenkästen an der Innenwand hängen, sogar sowas wie kleine Veranden.

Eine Viertelstunde später stehe ich in der Morgenluft vor La Grande Ferme. Es ist noch ein wenig frisch, aber nicht kalt. Die Sonne strahlt durch die Bäume und der Kies knirscht unter meinen Stiefeln, als ich die Koffer zum Motorrad trage.

Chaia, der Hofhund, läuft die Straße vor der Scheune herunter und niest mehrfach herzhaft. „A votre Santé“ rufe ich ihr hinterher, während ich die Rokk Straps um das Topcase festziehe. Eine neue Vorsichtsmaßnahme, ich vermute auf dieser Fahrt extrem schlechte Straßen und fahre einfach beruhigter, wenn ich weiß, dass die Kiste am Heck mit Spanngurten gesichert ist und keinen Abgang machen kann.

Dann rollt die Barocca den Berg hinab. Ich checke im Cockpit schnell Reifendruck….

… dann konzentriere ich mich ganz auf die Straße. Das tut auch Not, denn vor mir eiert ein Radrennfahrer herum. Zu schnell, als das ich ihn bequem überholen könnte, aber zu langsam, als das ich ihn aus den Augen lassen wollte. Als ich ihn endlich gefahrlos überholen kann, bin ich entspannter und kann die Aussicht genießen. Zarte Morgenwölkchen hängen an den Spitzen der Berge, die die weiten Täler säumen.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (2): Scheunenspuk

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute geht es weiter nach Süden, in eine interessante Scheune.

07. Juni 2019, Domaine de Fontenelay, Gezier-et-Fontenelay, Frankreich

Kein Klopapier.
Na super.

Gestern kein Wasser in der Dusche und ein zugemülltes Bad, heute kein Klopapier. Gut, dass mir das noch auffällt bevor ich es brauche. Es ist seltsam: Augenscheinlich hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, um das alte Bauernhaus an der Domaine de Fonteneley zu einem Ort zu machen, an dem sich Gäste wohlfühlen können – es gibt liebevoll gearbeitete Holzschilder mit Hinweisen, Schiefertafeln mit Willlkommensgrüßen, in den Gästezimmern stehen neue Möbel und anscheinend gibt es sogar irgendwo einen Pool für Gäste. Aber dieser gastfreundliche jemand, so macht es den Eindruck, ist gerade nicht da, und die Vertretung hat erkennbar keinen Bock.

Im Untergeschoss des alten Bauernhauses fällt Sonnenschein durch die hohen Fenster. Staub tanzt durch die Luft, und noch jemand macht bei dem Tanz mit.

Eine junge Frau in einem geblümten Sommerkleid tanzt zwischen Tischen mit Bügelwäsche herum und summt dabei ein Lied mit, das aus einem alten Radio scheppert. Sie ist schlank, trägt das blonde Haar in kleinen Locken und strahlt förmlich vor guter Laune. Anmutig wie eine Ballerina dreht sie mit ausgebreiteten Arme im Morgenlicht, während sie Wäsche sortiert. Ich räuspere mich und sage „Guten Morgen“. Sie blickt auf und antwortet „Guten Morgen“ auf französisch. „Ich bin Christelle. Möchtest Du frühstücken?“

Ich nicke. „Dann hier entlang, bitte“, sagt sie, macht eine kleine Ballerina-Verbeugung und deutet mit beiden Armen in Richtung eines Frühstücksraums.

Christelle macht mir einen frischen Kaffee. Der ist verdammt gut, daran kann nicht mal die Diddltasse was ändern, in dem er gereicht wird. Es gibt frisches Brot mit selbstgemachter Quittenkonfiture. Während ich esse, beobachtet mich Christelle. „Verreist Du?“, fragt sie. „Ja“, sage ich. „Und wohin willst Du?“, fragt sie. Für einen Moment muss ich überlegen und weiß selbst im ersten Moment nicht warum. „Nach Süden“, sage ich dann, ein wenig ausweichend.

Dann verstehe ich warum ich gezögert habe. Natürlich weiß ich, wie die Route der nächsten Wochen aussehen wird. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Wissen, wo man auf einer Reise langfährt“ und „Wissen, wo man auf einer Reise hin will“. In den letzten Jahren hatte jede meiner langen Motorradtouren ein Ziel, auf das alles hinführte. Eine Idee oder ein Kern, um den dann alles andere entstand. Ein Ort oder eine Person, die ich besuchen wollte, und um die alles andere herumgebaut wurde. Das habe ich dieses Mal nicht. Zumindest nicht richtig.

Ich habe eine grobe Idee von Fleischbällchen in Tomatensauce im Hinterkopf, aber um ehrlich zu sein: Ich hatte einfach keine Zeit, um mir in diesem Jahr so eine richtig tolle oder komplizierte Motorradreise in Europa zurecht zu legen. Die große und richtig aufregende Reise steht im Herbst erst an, und die Motorradtour wird darum dieses Jahr günstiger und verlässt die Komfortzone nicht wirklich. Was den Nachteil hat, dass ich die schon so sehr gut kenn. Ich bin jetzt zwar unterwegs, aber ich habe kein Ziel, auf das alles hinausläuft. Stattdessen will ich einfach nur unterwegs sein. Einfach nur fahren. Weg von der Arbeit, weg von zuhause, und dann mal gucken was passiert.

Christelle ist offensichtlich die, die Bock auf Gäste hat. Sie hat wohl längere Zeit im Ausland, vor allem Australien, verbracht und möchte nun, dass Menschen aus aller Welt nach Geziers kommen und hier ihre Gäste sind. Ein schönes Anliegen, das aber wohl nur verfolgt wird, wenn sie selbst auch da ist – und die letzten Tage war sie unterwegs.

Nach dem Frühstück trage ich die Koffer zum Motorrad. Die Morgenluft ist kühl und frisch, und die V-Strom ist vom Morgentau bedeckt. Ein Haufen Hühner (Schwarm? Rudel? Wie nennt man die Zusammenklumpung von Hühnern?) hühnert zwischen Büschen herum.
Ein Pony steht neben einer Scheune und beäugt mich skeptisch. Die etwas korpulente Brünette, die mich gestern Abend mit Schnellfeuerfranzösisch verwirrt hat, stapft griesgrämig über den Hof und zieht ein weinendes und erstaunlich schmutziges Kind an der Hand hinter sich her. Typisches Landleben hier. Ich zucke mit den Schultern zurre das Gepäck auf der V-Strom fest.

Als ich startklar bin, blicke ich mich nochmal um. Die korpulente Frau schimpft gerade das Kind aus, während Christelle am Steinbogen zur Küche einen riesigen Hahn mit beiden Händen packt und zum Hof hinausträgt. Ich muss grinsen. Seltsames Bild, wie die fragil scheinende Frau, barfuß und im Sommerkleidchen, so hemdsärmelig mit dem riesigen Tier hantiert.

Ich starte den Motor, hebe den Seitenständer aus dem weichen Schotter und drehe dann zum Wenden eine Runde um die große Linde in der Mitte des Hofs. Die Barocca rollt an Christelle und der schimpfenden Mama vorbei zur Ausfahrt. Das schmutzige Kind vergisst beim Anblick des Motorrads zu weinen, guckt mit großen Augen und steckt sich vor lauter Faszination einen Finger in die Nase.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | 9 Kommentare

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