Momentaufnahme: Juni 2020

Herr Silencer im Juni 2020

Wetter: Gemischt, immer mal wieder sonnig, dann Wochenweise auch starker Regen. Temperaturen zwischen 10 und 30 Grad.


Lesen:

Jiro Taniguchi: Venedig

Seine Mutter ist gestorben. Beim Durchwühlen ihres Nachlasses fällt dem Sohn eine Schatulle mit alten Fotos in die Hände. Die Aufnahmen zeigen ihn als Kleinkind, seine Mutter und seinen Vater in Venedig. Der Mann macht sich von Japan aus auf in die Lagunenstadt und begibt sich auf Spurensuche.

Wunderschöne Aquarellzeichnungen von Stadtansichten, Bilder, die für sich stehen und nicht von Worten oder einer Erzählung zusammengehalten werden – Taniguchis „Venedig“ möchte mit Impressionen aus Venedig verzaubern und schafft das auch ganz gut. Die Entdeckungsreise durch die Gassen und Märkte aus der Sicht eines Japaners ist fast magisch. Taniguchi fertigte das Buch als Auftragsarbeit für Louis Vuittons Reisebuchserie an, trotzdem lebt und atmet es viel Seele.


Hören:

Persona 5 OST
Größtenteils feiner, entspannter Jazz, auf englisch von einer Japanerin eingesungen. Die musikalische Untermalung von „Persona 5“ ist ein Meisterwerk, die auch ohne Spiel funktioniert.


Sehen:

Highlander [1986, BluRay]

1536 wird Connor McLeod bei einem Kampf in den schottischen Highlands durch den Schwertstreich eines fremden Kriegers getötet. Zu seiner eigenen und der Überraschung seiner Familie bleibt Connor aber nicht lange tot, sondern steht wieder auf, weshalb sein Clan ihn als Dämon brandmarkt und verstößt.

Im Exil begegnet der Ex-Highlander Sean Connery, der ihm offenbart, dass er zu einer kleinen Gruppe Unsterblicher gehört – nur eine Enthauptung ist das sichere Ende, ansonsten kann ihm keiner was. Enthauptungen sind ein großer Sport unter Unsterblichen, denn am Ende „kann es nur einen geben“. 250 Jahre später, im New York des Jahres 1986, kommt es zum Showdown der letzten Unsterblichen.

Woah, der Film hat echt schon 34 Jahre auf dem Buckel, und ich sage mal so: Der ist zwar gut gealtert, aber da er von Anfang an ziemlicher B-Movie-Trash war, ist er nun alter B-Movie-Trash.

Die Tricks waren damals wie heute unterirdisch, nach der Verpflichtung von Sean Connery war für gute Schauspieler kein Geld mehr da, die Beleuchtung gehört zum Miesesten was man je sah und die Story ist, trotz der genialen Grundidee, an sich ziemlich Banane. Alles an diesem Film schreit „BILLIGER TRASH“. Da passt es auch, dass das Casting irgendwie völlig durchgedreht ist. Der Schotte Connery spielt einen Spanier(!), der kaum englisch sprechende Franzose Christopher Lambert aber einen Schotten mit weirdem Akzent. Trash as Trash can, dazu 80er Jahre Haarfrisuren.

Warum sich „Highlander“ aber doch noch lohnt, ist die Kreativität und die Handwerkskunst, die da reingeflossen sind. Die banale Story wird nicht-linear und unterbrochen durch Zeitsprünge in die Vergangenheit erzählt, die Kameraarbeit ist hervorragend und die Musik ist fast durchgehend von Queen. DAS macht den Film zu einem Erlebnis, das nicht mal Holzfiguren wie Christopher Lambert kaputt kriegen (Der Franzose kann nicht nur nicht schottisch sprechen, er kann auch nicht schwertkämpfen, weil er stark kurzsichtig ist.) Das macht „Highlander“ nicht zu einem Meisterwerk, aber zu einem sehr guten schlechten Film – dessen Grundidee so stark ist, dass sie 4 Fortsetzungen und eine Serie nach sich zog.

Schindlers Liste [1993, BluRay]

1937 kommt Oskar Schindler nach Krakau. Der Unternehmer ist ein Lebemann und eine Verkäuferseele, der sich bei den deutschen Besatzern einschmeichelt und so billig eine Emaillewarenfabrik bekommt, die er als „kriegswichtig“ deklarieren lässt um bessere Geschäfte mit den Nazis zu machen. Aus Kostengründen beschäftigt Schindler in seiner Fabrik jüdische Gefangene aus einem nahegelegenen Konzentrationslager. Mit den Gewinnen aus der Ausbeutung macht sich Schindler die Taschen voll, lebt in Saus und Braus und macht gerne Party mit seinen NSDAP-Parteigenossen. Als deren Vernichtungszug gegen die Juden immer harscher wird, bekommt Schindler Gewissensbisse. Er sorgt dafür, dass er ein KZ-Außenlager in seine Firma bekommt, in der die Menschen würdig behandelt werden. So rettet er 1.100 Menschen vor der Ermordung, wird aber am Ende selbst als Kriegsgewinnler gejagt.

Es ist bestimmt 25 Jahre her, das ich „Schindlers Liste“ das letzte Mal gesehen habe. Sein Alter ist ihm tatsächlich anzumerken. Regisseur Steven Spielberg vertut an etlichen Stellen Chancen, leistet sich handwerkliche oder inhaltliche Schnitzer oder ergeht sich in Pathos, der eigentlich nicht Not tut und der der wahren Geschichte nur die Fahrt und die Wucht nimmt. Das würde er heute anders und besser machen.

Aber sei es drum, auch ein grimassierender Ben Kingsley, ein Liam Neeson der nicht schauspielert und eine unstringente Erzählung der Geschichte von Amon Göth können nicht verhindern, das „Schindlers Liste“ ein großes Werk und ein anrührender Film ist. Einen Gutteil seiner emotionalen Wirkung holt dabei das Ende wieder raus, wenn die überlebenden „Schindlerjuden“ und ihre Nachfahren dem Geschäftsmann gedenken.

L.A. Crash [2004, DVD]
Los Angeles, Anfang der 2000er. Mehrere Personen machen Erfahrungen mit Rassismus. Ihre Geschichten vermischen sich und lösen eine Spirale aus, die auf Gewalt hinausläuft.

Ein sehr cleverer Episodenfilm, toll besetzt und gut gespielt. Sein größter Verdienst ist aber sicher das Drama, das er bereits auf dem Cover verspricht, in der Form nicht durchzuziehen, sondern kurz vorher abzubiegen und quasi zu rufen: Seht ihr, das hätte passieren können! – Diesen Moment der Katharsis vergisst man nicht mehr.


Spielen:

Persona 5 Royal [2019, PS4]

(Fortsetzung vom vergangenen Monat) Der tyrannische Sportlehrer war nur einer kleiner Fisch. Nachdem drei Schüler einer japanischen Highschool festgestellt haben, dass sie in die eine Parallelwelt reisen und dort das Verhalten anderer Leute ändern können, kommen immer größere Ziele auf die „Phantom Thieves“ zu. Der berühmte Kunstmaler, der die Arbeiten seiner Schüler als seine verkauft. Der Großindustrielle, der seine Mitarbeiter ausbeutet. Die Phantom Thieves nehmen sich solcher Fälle an und ändern diese Menschen. Dadurch werden sie berühmt und finden weitere Mitstreiter. Doch dann wird ihnen eine Falle gestellt: Eines ihrer Opfer stirbt, der Anführer der Thieves wird verhaftet. Wer steckt hinter diesem Komplott? Und was hat es mit dem Velvet Room auf sich, einem Ort zwischen Traum und Realität?

100 Stunden habe ich mit der Hauptstory von Persona 5 verbracht und hatte keine Minute Langeweile, jetzt spiele ich noch im Addendum „das dritte Semester“ der Royal-Version herum. „Persona“ ist zur Hälfte Simulator eines japanischen Schulalltags und zur Hälfte rundenbasiertes Actionrollenspiel. Beides wird durch überbordende Fantasie und eine tolle Geschichte zusammengehalten. Die kommt sehr erwachsen daher und scheut auch vor ernsten Themen nicht zurück. Häusliche Gewalt, sexueller Mißbrauch und Suizid werden ebenso ohne Scheu und angemessen ernsthaft behandelt wie Fragen nach Schuld und Sühne.

Ab und zu wird es natürlich Quirky. Da ist z.B. eine Lehrerin, sich nebenbei als Maid betätigt. Das ist an sich schon seltsam, aber da man sie auch noch als Beziehung gewinnen kann und die eigene Spielfigur ein 17jähriger Junge ist, kann man sich im Spiel streng genommen einen Fall von Unzucht mit Minderjährigen schaffen.

Rein Spielerisch ist es auch tatsächlich möglich sich zu verskillen und Charaktere zu schaffen, mit denen man einen bestimmten Gegner, der auch noch völlig neue Gamemechaniken mitbringt, nicht mehr schaffen kann. Das merkt man dann aber erst so um Spielstunde 60 herum, und dann noch mal von Vorne anzufangen wird kaum jemand tun. Ein derber und frustrierender Schnitzer, den die „Royal“-Version eigentlich ausbügeln müsste.

Trotzdem: Tolles Spiel, exzellentes Writing, bombige Spielmechaniken und das ganze Artwork und Design eine Augenweide. Dazu kommt die tolle Lernkurve und die stetige Steigerung von praktisch allen Elementen, bis am Ende sämtliche Regler auf 11 stehen. Dabei ist Persona bis auf diese eine Stellt so gut wie nie unfair, sondern lässt einen stets total zufrieden zurück. Ein Spiel das ernste, erwachsene Themen erzählt und dabei einfach nur Spaß macht – ein echtes Meisterwerk, in meinen Top Ten der besten Spiele ganz vorne mit dabei.


Machen:


Neues Spielzeug:

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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