Corona-Tagebuch (27): Ich habe um Verzeihung gebeten!

Weltweit: 124.795.168 Infektionen, 2.744.102 Todesfälle
Deutschland: 2.713.180 Infektionen, 75.440 Todesfälle

Tag 378 seit Beginn der ersten Corona-Maßnahmen.

In der Welt erholen sich die USA unter Biden im Turbotempo. Impfungen gibt es mittlerweile in Drive-Thrus und Schreibwarengeschäften, der Impffortschritt ist gewaltig, bis Ende April sollen alle impfwilligen Amerikaner:innen über 18 ein Vakzin erhalten haben. Und es sieht so aus, als schafften sie das.

In Kassel protestierten am vergangenen Wochenende 20.000 Menschen gegen Coronamaßnahmen und Impfungen. Ohne Maske, ohne Abstand, ohne Anstand, dafür aber in drollige Herzchen- oder Alfkostüme gewandet, mit Judensternen mit der Aufschrift „Ungeimpft“ am Revers und/oder mit Reichsflaggen. Das Ganze weitgehend unbehelligt von der Polizei, obwohl zuvor über alle Social-Media-Kanäle die Ankündigung und auch Verhaltensanweisungen rauschten. Darunter auch sowas wie „Frauen mit Babys nach vorne, das gibt geile Bilder, wenn die Polizei die angreift“.

Guckt man sich die Filme von der Demo an, fällt schnell auf: Diese Menschen sehen sich als Bewahrer der Demokratie, als Verteidiger der Gesundheit, als Widerstand gegen einen oppressiven Staat.

Was außerdem auffällt: Keiner von denen hat noch alle Latten am Zaun. Egal ob das die älteren AFD-Herren sind, die offensichtlich Bücher aus dem Kopp-Verlag lesen oder Verschwörungsvideos gucken, die Esoteriker-Mamas und Omas, die keifen und schreien und spucken und schlagen, während sie Pace-Flaggen und Herzchenluftballons hinter sich herziehen, oder die Neonazis, die Gegendemonstranten zusammentreten: Diese Coronademos ziehen den Bodensatz der Gesellschaft an, auch wenn der sich als bürgerlich verkleidet.

Der Polizei muss man den Vorwurf machen SCHON WIEDER kein ordentliches Konzept gehabt zu haben, obwohl der Querdenker-Demo in Kassel welche in Dresden und Berlin vorangegangen sind und klar war, was passieren wird. Allerdings: Die Wirksamkeit der Polizei beruht auf der gesellschaftlichen Konvention, dass die Polizei respektiert wird. Das tun diese Leute aber nicht, und damit ist die Polizei immer in der Unterzahl und kann nur begrenzt durchgreifen.

Auf den Balearen toben die Deutschen rum. Die Inseln wurden zum Niedrigrisikogebiet erklärt, am nächsten Tag setzten die Airlines zusätzliche Flieger aufs Programm. Dem Vernehmen nach alle voll besetzt, Tausende von Deutschen fliegen in den Osterurlaub nach Malle. Das ist völlig unverständlich, zumal selbst Spanier keinen Urlaub in Spanien machen dürfen.

In Deutschland regiert… ja, wer eigentlich? Der letzte Tagebucheintrag schloss mit „erbärmlich“ in Bezug auf das Handeln der Bundesregierung, und seitdem ist es nicht besser geworden.

Höhe- oder besser vorläufiger Tiefpunkt war dann am Mittwoch dieser Woche erreicht. Zuvor hatten die Runde aus Bund und Ministerpräsidenten 13 Stunden und bis Nachts um drei Uhr über das weitere Vorgehen verhandelt. Die Gemengelage war wohl unübersichtlich, angesichts der Mallorca-Geschichten wollten einige MPs wohl Urlaub im eigenen Bundesland ermöglichen. Angesichts der Ausbreitung der ansteckenderen und tödlicheren Virusvariante B1.1.7 keine gute Idee, eigentlich müssten die Maßnahmen verschärft werden. Da man aber den Leuten seit Monaten erzählt, sie seien ja schon in einem „Lockdown“ hatte man wohl Angst tatsächlich Büros zu schließen oder Ausgangssperren zu verhängen.

Irgendwann um drei Uhr Nachts hielt es die Runde dann kollektiv für eine gute Idee, einen „harten Lockdown“ in einer „erweiterten Ruhezeit“ zu machen, sprich: Den Gründonnerstag in der kommenden Woche wie einen Feiertag zu behandeln und damit 5 Tage alles geschlossen zu halten. Also, bis auf die Supermärkte am Samstag.

Kaum wurde die Entscheidung verkündet, gab es große Verwirrung – wie soll das gehen, wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?? Dann gab es noch einen Auto-Gipfel im Kanzleramt und einen Tag später stand Merkel vor der Presse und warf sich in die Schußlinie vor die Ministerpräsidentenbagage um davon zu fabulieren, dass man den Kurz-Hard-Lockdown nun doch nicht machen würde, dass sei allein ihr Fehler gewesen das vorzuschlagen und sie bitte um Verzeihung. Auf Nachfragen reagiert sie patzig, weil: Sie hat doch schon um Verzeihung gebeten, und damit muss auch mal gut sein.

Wie es weitergeht weiß offiziell niemand. Von der letzten MPK-Runde bleibt jetzt nur die „Bitte zu Hause zu bleiben“ – keine Maßnahmen, keine Büroschließungen, nichts.

Aber es wird noch besser: Merkels Entschuldigung führt dazu, dass einige Bundesländer nun machen, was sie wollen. Das Saarland bspw. plant, nach Ostern Einzelhandel, Fitnessstudios und Hotels, also: ALLES wieder komplett zu öffnen. Das halte ich, gelinde gesagt, für Wahnsinn. Wir sind in der B1.1.7 induzierten dritten Welle, die Fallzahlen steigen exponentiell, und wovon noch niemand spricht ist P.1, eine brasilianische Mutante – noch ansteckender, noch tödlicher und: Anscheinend helfen die bisherigen Impfungen dagegen nicht.

Da zeichnet sich eine echte Katastrophe ab, die Intensivbetten werden jetzt schon knapp. Die „Zeit“ und Armin Laschet stellen sogar schon Fragen in den Raum wie „muss wirklich jeder 90jährige mit normaler Lungenentzündung auf die Intensiv“. Dahinter steckt nicht weniger als eine Vordiskussion um den bisherigen gesellschaftlichen Konsens, das jedes Leben gleich zählt, zu kippen. Aber gut, für alles andere hätte man rechtzeitig Regeln und Kriterien definieren müssen, und auch das hat die Politik verschlafen.

Da unter anderem auch versäumt wurde verbindliche Triage-Kriterien zu definieren, kann ich es keinem Intensivmediziner verübeln, wenn er demnächst nicht mehr zum Dienst geht – einfach weil er nicht entscheiden kann oder will wer leben darf und wer sterben muss. Im Schlimmsten Fall müssen Ärzte bei sowas sogar noch mit einer Anzeige wegen Totschlags rechnen.

Ganz persönlich: Ich hatte angenommen, dass ich mir bis zum Herbst diesen Jahres, in dem ich hoffentlich geimpft werden kann, nichts vorzunehmen brauche und bis dahin ohne soziale Kontakte herumhocken werde. Von daher bin ich jetzt von all diesem hin und her nicht überrascht, ich sitze hier einfach meine Zeit ab und bin darüber mal froh und mal nicht so froh und tue mir ein wenig selbst Leid wegen der hohen Arbeitsbelastung. Ich bin der letzte, der noch in der Firma arbeitet und hier neben meinem eigenen Kram für alle Kolleg:innen im Homeoffice sogar die Anrufe annehmen muss, weil Rufumleitungen nicht möglich sind(!) Das wird noch ein halbes Jahr so weitergehen, mindestens, ich mache mir da keine Illusionen.

Ich kann aber die Leute verstehen, die nicht so abgefeimt sind und immer noch Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zum normalen Leben an die hohlen Worte knüpfen, die von Lockerungen fabulieren. Diese Menschen werden wieder und wieder enttäuscht und müssen über alle Maßen frustriert sein.

Ältere Einträge des Corona-Tagebuchs

Kategorien: Corona-Tagebuch | 2 Kommentare

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2 Gedanken zu „Corona-Tagebuch (27): Ich habe um Verzeihung gebeten!

  1. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man drüber lachen.
    Wobei? Scheiß drauf – the last laugh is on me 😛
    So kommt man letztendlich doch am Besten durch …

    Glücklicherweise haben wir seit 10 Jahren Home-Office, wir kriegen also hier beim Kradblatt nicht so schnell einen Koller … 😉

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich schließ mich einfach mal den Worten von Marcus an….da seit mehr als 15 Jahren im Homeoffice tangiert mich das am wenigstens.

    Aber alle „die-den-schuss-immer-noch-nicht-gehört-haben“, denen würde ich gerne mal gepflegt in den Hintern treten….wenn auch nur virtuell.
    Leider kristallisieren sich auch im Bekanntenkreis Meinungen aus, dass das alles doch nicht schlimm wäre und es an der Zeit sei, wieder zum normalen Leben zurückzukehren…..wie doof kann man eigentlich nur sein??

    Gefällt 2 Personen

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