Endlich wieder auf gewohnt niedrigem Niveau

Das Kleine Gelbe AutoTM existiert noch, und es hat in letzter Zeit einige Abenteuer erlebt. Grund, dem vermutlich letzten Verbrennerauto, dass ich besitzen werde, noch mal ein wenig zu huldigen und die neuesten Werkstattgeschichten aufzuschreiben.

Die Älteren unter der Leserschaft werden sich vielleicht noch an das Kleine Gelbe AutoTM erinnern, dass hier im Blog vor zehn Jahren mal prominent vorkam. Das fahre ich immer noch.

Es ist ein Seat Leon, Baujahr 2001. Früher leuchtete er in einem satten Sonnengelb, heute weißt er mehre Schattierungen von Gelb auf, von fahlem Zitronengelb (Alle Blechteile) bis zu Bananengelb (Plastikteile). Das Auto habe ich 2007 gebraucht gekauft und fahre es immer noch, denn zum einen ist außer dem üblichen Verschleißkram nichts dran, zum anderen wirken andere Autos im Vergleich zu der gelben Kiste… billig.

Es gab immer wieder Phasen, insbesondere wenn das KGA irgendwelche seltsamen Defekte hatte, in denen ich mich nach kleinen, gebrauchten Autos umgeguckt habe. Vor fünf Jahren schon, aber da waren alle Autos furchtbar, und der Gebrauchtmarkt bei Kleinstwagen war leer. So wenig, wie ich Auto fahre, würde mir immerhin ein Ibiza oder ein Clio oder auch ein Fiat 500 völlig reichen. Aber ach, letztlich ließen sich die Wehwechen der gelben Kiste immer recht günstig wieder reparieren, und so bin ich daran hängengeblieben.

In Frankreich.

Die Trennung fällt halt schwer. Aber warum? Ist doch nur ein doofer Seat Leon, die Billigversion eines Uralt-Golf aus dem VW-Konzernbaukasten, oder? Das stimmt so halb. Ja, alles an meinem Leon ist aus dem VW-Baukasten. Vom Golf 4 ist aber nur die Bodengruppe. Das KGA ist nämlich das Modell „Top Sport“, der Vorläufer der Seat Cupras und der heutigen FR-Linie. Im Gegensatz zu den sportlichen Seats, die heute so verkauft werden, war die Top-Sport Linie wesentlich radikaler – aber nur in dem, was UNTER dem Blech steckt.

Von Außen sieht mein Kleines Gelbes AutoTM tatsächlich aus wie ein völlig stinknormales Modell der Leon-Reihe, wie ihn heute noch alte Omas oder junge Leute mit wenig Geld fahren. Keine zusätzliche Lufthutze, keine lustige Rennflagge, kein Namenszusatz, nicht mal ein roter Streifen zeigt an, was in dieser Kiste steckt: Ein waschechter Sportwagen. Ich mag dieses Undestatement.

Lediglich die Buchstabenkombination „20VT“ am Heck verrät, dass das hier keine Omakutsche ist.

Zwischen der Golf-Bodengruppe und der Karosserie von SEAT steckt nämlich die Innenausstattung eines Audi A3 und der Vierzylinder, 20 Ventiler Turbomotor mit 180 PS aus dem Audi TT. Der ist so selten, dass die Auzubis zusammengerufen werden, wenn das Gelbe Auto in die Werkstatt rollt. Dazu kommt noch ein knallhartes Sportfahrwerk, bessere Bremsen, Recaro-Sitze und das Weglassen von allem überflüssigem Schnickschnack. Mein Leon hat keine Klimaanlage, ja nicht mal elektrische Außenspiegel. Das spart Gewicht. Dabei ist in der Summe ein Auto rausgekommen, das völlig abgefahrene Fahrleistungen bringt.

180 PS ist jetzt aber nicht sooo viel, oder? Klar, mittlerweile hat jeder Vertreterpassat doppelt so viel Leistung. Aber der Leon fährt sich halt sportlich. Er hat keinerlei Assistenzssysteme, außer ABS und Traktionskontrolle. Er liegt in den Kurven wie ein Brett und wird immer stabiler, je schneller man fährt. Das, und die tolle Verarbeitung auf Audi-Qualität, macht es mir halt schwer zu wechseln. Zumindest so lange alles in Ordnung ist. Aktuell hat das Gelbe Auto mal wieder ziemlich gelitten.

Winter.

Von der Albtraumepisode mit dem nicht verhinderbaren Auffahrunfall hatte ich ja schon erzählt. Zu dem Zeitpunkt war ein anderer Kampf gerade zu Ende gegangen.

Es begann einen Tag vor Weihnachten im vergangenen Jahr. Vorne rechts brach eine Feder. Ich kannte das schon, im Sommer war eine Feder hinten gebrochen. Also morgens ab zur Werkstatt. Ich rechnete damit, dass die Reperatur einige Werktage dauern würde. Umso erstaunter war ich, als am Abend schon der Anruf kam: „Auto ist fertig, können Sie abholen“. Wollte ich gar nicht glauben, denn der Leon hat ein Spezialfahrwerk, die Federn dafür hat niemand auf Lager. Und tatsächlich, als ich den Hof des Autohauses betrat, sah ich sofort, was hier passiert war: Die hatten die Federn eines normalen Leons verbaut. Resultat: Das Auto lag vorne mindestens 3 Zentimeter höher. Damit stand auch die Front höher als das Heck. Sah aus wie ein Clownsauto.

„Nein, das ist normal so“, sagte der Meister. „Wir haben nach Fahrzeugnummer bestellt, und Ich habe den Farbcode auf den Federn selbst kontrolliert, das sind die richtigen. Aber wir haben auch die Querlenker mitgemacht. Deshalb liegt er in den ersten Tagen etwas höher, das muss sich erst setzen.“

Ich glaubte ihm kein Wort, und natürlich setzte sich da genau gar nichts. Setzen tat nur ich, und zwar den Meister auf den Pott. Gleich Anfang Januar, nachdem er aus dem Weihnachtsurlaub wieder da war.

„Das sind nicht die richtigen Federn“, sagte ich. „Wer sagt das?“, bekam ich zur Antwort. Ruhig bleiben fiel da schwer. Ich schaffte es trotzdem und begründete, dass ich den Wagen schon zwölf Jahre fahren und MERKE, wenn was nicht stimmt. Die neuen Federn waren nicht nur zu lang, sondern auch zu weich. Das merkte ich bei jeder Fahrt, der Wagen liegt scheiße auf der Straße. Nein, das seien die richtigen Federn, meinte der Meister. Farbcode und so. Wenn dem so sei, sagte ich, dann stimme wohl die Qualität nicht, und das sei nicht mein Problem.

Egal was er mir jetzt noch erzählen wollte, ich wollte nur eines hören: Das er die jetzigen Federn gegen Originalteile tauschen würde. Die Preisdifferenz der Teile würde ich bezahlen, die Werkstattkosten nicht. OK, bekam ich zur Antwort, er wollte sich beim Hersteller nach Gutachten erkundigen. Wenn klar wäre, dass die Qualität nicht stimmte, dann würde man die Federn tauschen. Wäre aber bestimmt nicht nötig, weil, so gab er mir indirekt zu verstehen: Ich würde mir das einbilden. Das seien die richtigen Federn. Fahrgestellnummer und Farbcode und so, wissen schon.

Wochenlang zog sich das hin. Es wurde Februar, es wurde März. Mal war der Meister krank, mal hatte der Hersteller noch nicht geantwortet. Mittlerweile zweifelte ich fast an mit selbst. Bildete ich mir das am Ende doch alles nur ein? Ich hatte einen Zollstock in der Tasche und maß die Bauhöhen von Leons, die aber allesamt noch höher lagen als mein Kleines Gelbes AutoTM. Jeden Tag beschäftigte mich das, schlicht auch deshalb, weil mich das alles maßlos ärgerte.

Mitte März setzte ich dann eine Frist von zwei Wochen. Die verstrich, und so bat ich die Besitzer des Autohauses zum Gespräch. Ein Ehepaar, ich kenne die schon ewig. Zum Termin führ ich mit Vokabeln wie „Festellungsgutachten“, die mir meine Anwältin beigebracht hatte. Es war dann aber gar nicht nötig, solche Geschütze aufzufahren.

Als ich das Büro betrat, sah ich auf jedem Bildschirm Querschnitte des Leon-Fahrwerks. Noch bevor ich ein Wort sagen konnte, meinte der mittlerweile fast 70jährige Chef „Wussten Sie, dass es alleine für den Leon 17 verschiedene Federarten gibt? Aber in ihren 20VT, da passt nur eine Sorte.“ Das habe ihm sein Lagerist gesagt. Den Lageristen kenne ich, der ist ein Guter. Und der weiß umgekehrt auch, dass da was dran sein muss, wenn ich sage, das was nicht stimmt. Also hatte der sich auf die Suche gemacht, als er von der Federsache hörte, und, anders als der Meister, auch die Ursache der Probleme gefunden. Wenn man nur nach der Fahrzeugnummer bestellt, bekommt man die verkehrten Federn. Bei meinem Auto muss man zusätzlich noch eine spezielle Kennung aus drei Buchstaben anhängen, DANN bekommt man die richtigen.

Lange Geschichte, kurzer Sinn: Nach drei Monaten Rumärgerei war die Problemlösung dann superschnell gemacht. Mit den Sommerreifen bekam das KGA die richtigen Federn, und liegt seitdem wieder auf gewohnt niedrigem Niveau.

Mit dem fuhr ich vor drei Tagen über die Autobahn. Um das Fahrwerk zu testen, schneller als ich normalerweise unterwegs wäre. Bei Tempo 220 piepte es dann plötzlich: Die Motortemperatur war im roten Bereich, die Nadel stand auf Anschlag. Schnell abgefahren, angehalten, Motor abkühlen lassen. Verdammt, was war das denn? Eine halbe Stunde später Motor angelassen, zwei Kilometer gefahren, wieder überhitzt. Angehalten, zwei Stunden mit offener Haube auf einem Baumarktparkplatz rumgestanden. Dann ganz langsam nach Hause und am nächsten Morgen in die Werkstatt gefahren, jedes Mal wieder Überhitzung.

Ich tippte auf Thermostat, die Werkstatt auf Wasserpumpe. Stellte sich raus: Thermostat wurde vor drei Jahren erneuert, aber die Wasserpumpe noch nie. Bei normalen Seat Leons wird die nach 120.000 Kilometern gewechselt, zusammen mit dem Zahnriemen. Bei dem speziellen 20VT-Motor ist das aber erst bei 180.000 nötig, und die hat der Wagen gerade erst erreicht.

Ich hatte eine Bange Nacht, denn durch die Überhitzung hätte der Zylinderkopf Schaden nehmen können. Dann aber die Entwarnung: Alles OK, Nach Zahnriemen- und Wasserpumpenwechsel lief das Auto wieder. Puh.

Man stelle sich das vor: Ein Teil soll 180.000 Km halten und geht bei 180.184 km kaputt? Gut kalkuliert. Oder Zufall, denn VW hat allen Ernstes Anfang der 2000er Wasserpumpen mit Schaufelrädern aus Kunststoff verbaut. Ein Kunststoffteil auf einer Metallwelle, die sich in der Hitze des Motors ausdehnt und zusammenzieht! Das Resultat war damals: Haufenweise kaputte Wasserpumpem, die nicht mal 50.000 Kilometer hielten. Ist ein Wunder, dass meine so lange hielt.

Als sie dann ihr Leben aushauchte, tat sie das spektakulär, in dem sie in drei Teile zerbrach.

So. Nun läuft die Gelbe Kiste wieder. Irgendwann sind nochmal die Nuffelmuffen an der Hinterachse fällig, aber ansonsten hat sie nichts. Kein Rost, keine verschlissenen Bremsleitungen. Gut, dass die Sitzheizung und der Funkschlüssel gerade ausgfallen sind ist nervig, aber nicht kritisch. Im jetzigen Zustand kommt die Kiste nochmal durch die Hauptuntersuchung. Dann fahre ich den Wagen noch ein wenig, und vielleicht brauche ich mir dann nicht nochmal einen Verbrenner zuzulegen. Wenn die Autoindustrie jetzt wirklich mal Dampf macht, gibt es in zwei Jahren vielleicht sinnvoll bepreiste Brennstofzellenautos.

Träumen wird man ja noch dürfen.

Kategorien: kleines gelbes Auto | 5 Kommentare

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5 Gedanken zu „Endlich wieder auf gewohnt niedrigem Niveau

  1. Hach, so ein feiner Gelber…. und dass man nicht sieht, was er kann, gefällt mir. Mein Brummer (Golf V) ist ein GT Sport und vorm Wildschweinunfall hatten da alle Fragezeichen in den Augen, mit der neuen Schnauze hab ich für die Abwechslung „GT“ mit ranmachen lassen. Er hat 170 PS und wenn man nicht genau hinguckt könnte man ihn für einen harmlosen „Mutti-Golf“ halten und so war das auch gedacht. Nun gut, später bekam er eine sehr verräterische ABT Vierrohr- Auspuffanlage verpasst, die Nachbarn wussten immer, wenn Miki naht… (oder abhaut). Nun ja, er fährt ja mit Felix und hat kaum 50.000 km drauf, mit 10 Jahren und ein bissel…wie das nur passieren konnte …. Hab ja immer Dienstwagen…Gott sei Dank keinen Vertreter- Passat 😛 sondern einen sportlichen Mercedes Shooting Brake…. ich glaub er hat 160 PS (Diesel) und Sportfahrwerk, tiefgelegt… nicht altersgerecht, aber was soll’s…
    Ich freue mich, dass du schon so lange und noch eine Weile mit deinem tollen Flitzer zusammen bist!
    Sind eigentlich noch Kekse da? Gucken geh….

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  2. Du hattest also einen Golf im Schafspelz – das gefällt mir! Genau mein Geschmack an Understatement!

    Dein Mercedes ist in der Tat einer der wenigen Daimler, die ich wirklich schön finde. Das schwierigste bei dem langen Ding ist vermutlich das Einparken, oder?

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  3. Ja!! Man sieht nüscht!! Gut, es piept, aber hätte ich ihn konfiguriert, hätte er Kamera. Nach der Komfortschüssel Einstein hatten wir beide es etwas schwer, aber inzwischen sind wir Freunde 🙂
    Und nur, weil er noch mein Herzauto ist: mein Brummer ist noch da, noch meiner, aber fährt mit seinem „Bruder“ 😀 Wenn man bedenkt, wie groß mein Wunsch nach diesem Auto war, wieviel ich dafür getan habe (er ist selbst konfiguriert) ist es echt lustig zu sehen, wieviel Humor das Schicksal hat.
    Kekse!
    (andere Leser denken sicher ich bin plemplem…is aber nicht schlimm :D…runterrenn….)

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  4. Ist nicht schlimm, wir beide wissen ja, was es mit den Keksen im Keller auf sich hat 🙂

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  5. Ali

    Die Kutsche sieht doch (noch) gut aus. Im Einheitsbrei des heutigen Designs könnte man mit Folierung einen richtigen Hingucker machen. Persönlich heule ich meinem Schaukelschiff Sharan nach, der Platz fehlt im jetzigen Auto. Familie hat noch einen 97er Japaner, der aus dem Vollen gefräst wurde, da kein fitzelchen Rost&zuverlässig.

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