Reisetagebuch Japan (12): Torii in Kyōto

Reise durch Japan. Heute mit Füchsen, Wiesel und Pinguinen.

12. November 2019
Kyoto, The B Hotel

Als ich am Morgen aufwache, fühle ich mich etwas kraftlos, aber zumindest nicht mehr fiebrig. Das Fieberthermometer bestätigt das: 37,3 Grad, fast normale Temperatur. Durchgeschwitzt bin ich trotzdem, erholsam war die Nacht nicht. Es ist erst 6:30 Uhr, aber Modnerd ist bereits wach. Also stehe ich auch auf.

Nachdem wir unsere sieben Sachen gepackt haben, geht es zum Bahnhof. Hier schließen wir Modnerds Rollkoffer und meinen Rucksack ein, dann setzten wir uns in eine Bahn, die erst Richtung Osten und dann nach Süden fährt. Die Fahrt dauert nur fünf Minuten und ist für uns, als Besitzer des Japan Railpass, kostenlos.

Bild: Google Earth 2020.

Am Fuß des Berg Inari steigen wir aus und sehen sofort, was diesen Ort hier so bekannt gemacht hat: Die Torii, große, orange lackierte Tore.

Die Torii gehören fest zur Grundausstattung von Shinto-Tempeln und markieren den Übergang von der weltlichen in die geistliche Welt. Nicht alle Shinto-Schreine sind gleich. Es gibt verschiedene Arten, und die sind quasi als Netzwerke über Japan verteilt. Das hier ist ein Inari-Schrein, von denen es 32.000 in Japan gibt. Die anderen Netzwerke sind bedeutet kleiner. Es gibt auch Naturschreine, wie Berge oder Wälder. Der Berg Fuji, zum Beispiel, ist auch ein Naturschrein.

Ein Schrein liegt direkt hinter dem Eingangstor.

Der Schrein wird von Füchsen bewacht. Im Shinto-Glauben sind das mystische Wächter und Botschafter, die Nachrichten aus der Geisterwelt überbringen.


Das besondere hier ist aber nicht nur ein Schrein oder ein Tor. Es ist deren Schiere Menge! Der heilige Berg ist quasi überzogen mit Toren , die dicht an dicht stehen und mehrere Rundwege bilden. Damit ist der Berg selbst ein Schrein.

„Vier bis fünf Stunden braucht man für einen Rundgang“, sagt mein gedruckter Reiseführer. „Ein bis zwei Stunden braucht man“, hat der Mann im Flugzeug gesagt, als er mir Reisetips gab. Krass unterschiedliche Einschätzungen. Ich gehe zwar normalerweise sehr schnell, so dass ich mich eher in der kürzeren Spur sehen würde, aber nicht heute. Ich habe kaum Energie, bin kurzatmig und muss dauernd Husten. Modnerd tut mir leid, der hat die Nacht über mein Gebölstere ertragen musste.

Modnerd studiert den Wanderplan und fragt „Einmal rum?“ „Das schaffe ich heute nicht, glaube ich“, antworte ich.

„Lass uns mal bis zur ersten Station gehen“, sagt Modnerd nun. „Wenn es Dir dann reicht, kehren wir um“. Ich nicke und wir setzen uns in Bewegung, und dann denke ich Ach Mist. Damit hat er mich gekriegt. Modnerd kennt mich genauso gut wie ich ihn, und er WEIß, dass ich nicht einfach so umkehren werde. Damit hat er seinen Willen bekommen.

Bevor man die Tore betritt, wird man gewarnt. Vor Affen und Wildschweinen.

Dann betreten wir den Rundweg. Die Tore stehen wirklich dicht an dicht, und es müssen Tausende sein.

Wir laufen den Berg hinauf und schubsen auf den ersten Kilometern dutzende Instagrammerinnen aus dem Weg und Photobomben Trottel, die ungestört Aufnahmen von sich vor den Torreihen haben wollen. „Ungestört“ gibt es hier nicht, dazu ist zu viel los. Google Maps erachtet das Gebiet hier als ähnlich belebt wie eine Innenstadt.

Influencerwiesel:

Unterwegs kommen wir immer wieder an schönen Aussichten vorbei, an denen sich die Torreihen zu kleinen Plätzen öffnen, die auch von Füchsen bewacht werden.

Es gibt auch Orte, die aussehen wir Abstellkammern für religiösen Nippes. Kleine Torii, steinerne Ampeln und Vasen stehen alle auf- und übereinander an solchen Plätzen.

Die den letzten Kilometer muss ich mich den Berg hochschleppen und die Kopfschmerzen flammen wieder auf. Ich bin schweißgebadet, obwohl es hier oben recht kühl ist.

Die Spitze des heiligen Berges wird durch eine Andenkenbude und ein einfaches Schild markiert, dass an enigen steinernen Stufen lehnt. Zu sehen gibt es nichts weiter, auch keine Aussicht, dafür stehen zu viele Bäume im Weg. Völlig fertig muss ich kichern. „Ich habe den heiligen Berg bezwungen und alles was ich dafür bekam ist dieses Foto eines lausigen Schild“.

Der „Worhsip Round way“ sollte jetzt laut Schild 2,5 Stunden dauern, wir schaffen den in 1:50 – allerdings worshippen wir auch nicht angemessen.

Bild: Google Earth 2020.

Es geht zurück zum Bahnhof, wo wir unsere Sachen auslösen und uns dann Reservierungen für den Shinkansen holen.

Um Sprachproblemem vorzubeugen, suche ich jetzt immer in der Japan Rail-App die Verbindung raus, die ich gerne hätte, mache einen Screenshot, male den Wunschzug rot an und zeige das Telefon einfach vor. Das funktioniert ziemlich gut.

Im Bahnhof von Kyoto gibt es sogar ein Büro, in dem ehrenamtlich Rentner mit guten Sprachkenntnissen Besuchern aus dem Ausland helfen.

Überhaupt: Rentner. Wir sehen sehr, sehr viele alte Menschen, und viele Arbeiten noch. Manche ehrenamtlich, wie hier im Sprachbüro oder der „Happy Guide“ in Matsumto, oder bezahlt, und sei es nur als Aufpasser in Respekt gebietenden Uniformen an Baustellen.

Tatsächlich ist es so, dass Japans Bevölkerung seit den 1950er Jahren bis hinein in die 2000er stark gewachsen ist, bis auf 128 Millionen Einwohner. Das sind 343 Einwohner pro Quadratkilometer, und dabei ist ein guter Teil der Landfläche so bergig, dass da niemand wohnt (Zum Vergleich: Deutschland, das keine Berge mitten im Land hat, kommt auf eine Dichte von 232 Einwohnern pro Quadratkilometern). Damit wurde Japan zu einem der am dichtesten besiedelten Industriestaaten der Welt.

Seit den 2010ern nimmt die Bevölkerungszahl wieder ab. Eine hohe Lebenserwartung und niedrige Fertilitätsraten führen dazu, dass Japan die älteste Bevölkerung der Welt hat, auf 100 Einwohner zwischen 15 und 64 Jahren kommen 48 Senioren mit 65 und mehr Lebensjahren (Deutschland: 34).

Diese ganzen Storys über Pflegeroboter? Die sind aus de Not geboren und und kommen nur bedingt daher, dass man in Japan Technik toll findet.

Nun nimmt die Bevölkerung zwar ab, gleichzeitig will Japan aber keine Einwanderung. Ausländern gegenüber ist man traditionell mißtrauisch in diesem Land, dass sich 400 Jahre nahezu völlig von der Welt abgekapselt hat.

Heute liegt der Anteil der eingewanderten bei 2 Prozent (Deutschland. 8,5 Prozent). Menschen mit anderer Hautfarbe sieht man in Japan so gut wie nicht. Das ist gewollt, in den Köpfen vieler Japaner ist eine homogene Gesellschaft eine, die den Traditionen entspricht und deshalb Stabilität bietet. Immerhin, 2018 wurde ein Programm für Gastarbeiter aufgelegt, wohl auch weil klar wurde, dass ansonsten die Bauten für die olympischen Spiele, die 2020 stattfinden sollten, nicht fertig würden.

Aber machen wir uns nichts vor, Japans Bevölkerung ist alt, patriarchalisch, Frauenfeindlich und Ausländerfeindlich bis an den Rassismus, weshalb man auch immer schön konservativ wählt und am Liebsten nichts ändern möchte. Das muss macht die Gesellschaft als solches zutiefst unsympathisch. Vielfalt ist etwas, das nur woanders passiert, in Japan lebt die Einfalt.

Modnerd zieht los und hat seinen Spaß an der krassen Architektur des Bahnhofs von Kyoto.

Ich setze mich auf eine Bank, lehne mich an eine Säule und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. War schon wieder ein wenig viel heute morgen, mein Körper powered runter. Das Wiesel findet unterdessen neue Freunde in Form von Pinguinen. Und Baumkuchen. Es findet Baumkuchen mit Matcha-Geschmack.

Um Viertel vor eins nehmen wir einen Shinkansen nach Kobe, dort steigen wir um nach Hiroshima.

Schon beim Verlassen des Bahnhofs fällt mir auf wie neu, aber auch wie sorgfältig schön alles angelegt ist. U-Bahn-Stationen haben Mosaikfußböden, Kanalisationsdeckel sind aufwendig bemalt und Brücken über Flüsse sind augengefällig geschwungen.

Unser Hotel für heute, das „Vista“, liegt unweit der Stadtmitte und sieht groß und modern und nobel aus. Dummerweise birgt es aber eine doofe Überraschung: Das Zimmer hat ein Doppelbett statt zwei Einzelnen Betten, und das Waschbecken ist mit im Schlafzimmer.

Der Manager, der kaum Englisch spricht und dem ein Zahn im rechten Winkel zur normalen Richtung aus dem Gesicht wächst, meint, das gehe auch nicht anders. Ich muss mir Mühe geben nicht auf diesen Zahn zu starren, der wirklich mitten aus seinem Mund steht und auf mich zeigt. Wir könnten allenfalls einen zweiten Raum mieten, sagt der Zahn, gegen einen kleinen Aufpreis von nur, sagen wir mal, 180 Euro. Oder morgen nochmal fragen und dann gegen 70 Euro Aufpreis ein Twinbettzimmer bekommen. Nee, so nicht.

Bekommen wir wenigstens eine zweite Bettdecke? Die Frage ist schon wieder zu kompliziert, das versteht wieder niemand. Es ist zum Heulen, die Englischkenntnisse hier sind überall erbärmlich, und Google Translator funktioniert gerade wieder nicht. Ich spiele Pantomimisch eine Bettdecke vor, was zu Gekicher bei den anwesenden Rezeptionistinnen führt. Irgendwann verstehen sie es dann. „Ah, ah se-kond Brrranket!“

Hm. Ja. Genau.

Es ist erst Nachmittag, der perfekte Zeitpunkt um mit der Umfeldexploration zu beginnen, und so verlassen wir das Hotel wieder und laufen in Richtung Innenstadt.

Und weil das, was jetzt kommt, echt heftig ist und der heutige Tagebucheintrag schon so lang ist, machen wir hier jetzt einen Schnitt. Nächste Woche geht es weiter mit diesem Tag und der Geschichte von Hiroshima.

Tour des ersten halben Tages: Von Kyoto nach Hiroshima.

Bild: Google Earth 2020.

Kategorien: Reisen | Ein Kommentar

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Ein Gedanke zu „Reisetagebuch Japan (12): Torii in Kyōto

  1. Ja, die berühmte Frage nach dem Blanket … damit hatte ich schon in vielen Ländern und Herbergen arge Probleme. Irgendwie kennen viele das Wort nicht, die Pantomime geht dabei oft ziemlich schief und welche lustige Dinge mir stattdessen schon gebracht wurden …
    Das hat die internationale Reisekultur noch nicht gelöst, eine universelle Geste für ein weiteres Stück wärmenden Stoff.

    Liken

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