Reisen

Reisetagebuch Sardinien (9): Lustlos

Herbstreise nach Sardinien. Heute gibt es einen goldenen Morgen, goldene Dünen, eine Höhle durch die eine Landstraße führt und ich übernachte in der Küche eines Restaurants.

Freitag, 26. Oktober 2018. Agriturismo Cuaddus e Tellas
Eine Minute vor dem Weckerklingeln wache ich auf. Es ist still und ruhig. Nicht mal Grillen zirpen. Auch die Pferde auf der Weide sind nicht zu hören. Was ist denn da los? Ich werfe mir die Jacke über und trete vor die Tür meines Zimmers auf dem Bauernhof Cuaddus e Tellas.

Es ist kühl, und es ist früh. Der Morgen ist spektakulär. Die Sonne filtert durch die Wolken über dem Tafelgebirge wie in einem billigen Bibelfilm. In den Tälern steht Nebel. Sowas kenne ich nur von Kitschpostkarten aus der Toskana.

Der Zauber hält nur wenige Minuten, dann ist das Licht anders, der Moment vorbei.

Pietro kommt von einer der oberen Weiden, wo heute Morgen die Pferde grasen. „Möchtest Du einen Spaziergang machen?“ fragt er. „Nein, ich möchte frühstücken“, sage ich. Einen Caffé Doppio und einen Keks später sitze ich am Steuer des Fiats und schaukele ihn aus dem Tor des Agriturismo hinaus und auf die Straße.


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Reisetagebuch Sardinien (8): Nuraghenland

Herbstreise nach Sardinien. Heute fahre ich einfach nur sehr lange durch die Gegend – durch das Dorf der Messermacher, über Berge und unter Wolken.

Donnerstag, 25. Oktober 2018, Agriturismo Scalzi bei Macomer
Anscheinend habe ich gestern Nacht nicht alle ausgeschlossen, als ich den draußen versteckten Schlüssel mit ins Haus genommen habe. Zumindest rumort es heute Morgen im Untergeschoß. Georgia, eine junge Frau in Leggings und Fleecejacke, hat Frühstück für mich angerichtet. Überhaupt ist der Hof auf der Hochebene bei Macomer heute morgen deutlich belebter, und als ich abreisen will, strecken gleich drei Frauen die Köpfe zur Tür raus.

Die älteste von ihnen ist wohl die Chefin. Sie scheitert grandios an der Bezahlung per Karte. Leicht hilflos und mit wachsender Verzweifelung drückt sie auf dem Zahlenpad herum, bekommt es aber nicht hin, den richtigen Preis einzugeben. Immer wieder scheitert sie daran, dass sie die Taste „5“ nicht fest genug drückt, und ich wahlweise 3,60 oder 3600 Euro für die Nacht bezahlen soll. Auf die korrekten 36,50 Kommt sie nie. Irgendwann gibt sie auf und murmelt „Vielleicht hat Booking.com die 0,50 Euro-Preise verboten?“ Ich muss lachen und zahle bar.

Der Himmel ist noch grau und bedeckt, als ich vor das Haus trete. In der Ferne thront der Ort Sindia auf einer Bergkuppe.

Es ist richtig kalt heute Morgen, der Fiat ist mit Kondenswasser bedeckt. Ein Wunder ist das nicht, wir befinden uns hier auf einer Hochebene. Keine Ahnung wie hoch, aber lauschiges Küstenklima ist anders.

Heute ist langer Fahr-Tag. Ich steuere den Fiat von der Wiese, auf der er die Nacht verbracht hat, und fahre auf eine gute ausgebaute Staatsstraße, die nach Norden führt. Hier treffe ich nach einer dreiviertel Stunde fahrt auf das „Tal der Nuraghen“.

Der Name ist eine Marketingerfindung des hiesigen Touristikverbandes und soll wohl an das Tal der Könige oder so erinnern. Ein Tal ist das hier nämlich nicht so richtig. Ich habe die Landschaft her aus der Luft gesehen: Eine wildgrüne Ebene, die seltsam terassenförmig aussieht. Darin stehen hier und da Nuraghen rum.

Bis ich anfing über Sardinien zu lesen, wusste ich nicht, was das ist. Es sind alte Steinbauten, gebaut vor rund 4.000 Jahren und ganz unterschiedlich in Form und Funktion. Wozu sie im Einzelnen dienten, weiß heute niemand mehr. Manche Nuraghen sind einfache Türme aus Findlingen, andere sehen aus wie Minifestungen, mit Befestigungsmauern und Innenhöfen. Im Prinzip ist jede größere, menschengemachte Ansammlung von Steinen auf Sardinien eine Nuraghe.

An der Straße ist meilenweit nichts außer einem Flachbau mit einem Schnellrestaurant und einem Souvenirshop. Hier muss man eine Eintrittskarte für eine Nuraghe kaufen, die neben der Straße und mitten auf einem Feld steht. Wirkt ein wenig wie eine Road Attraktion in den USA.

Diese Nuraghe heißt Santu Antine.


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Reisetagebuch Sardinen (7): Möpperkopp

Herbstreise nach Sardinien. Heute stürme ich das Kap der Jagd, wundere mich über Korallen und sitze unter Olivenbäumen.

Mittwoch, 24. Oktober 2018, B&B Sul Porto, Stintino
Aufstehen, Morgenroutine, Sachen packen. Dann betrete Ich den Frühstücksraum des „Sul Porto“, der wortwörtlich über den Hafen von Stintino blickt. Sehr hübsch. Ich bin nicht alleine, außer Besitzer Giorgio ist noch ist noch ein junges Paar Mitte 20 im Frühstücksraum.

Die beiden kommen aus Deutschland, sitzen am Nebentisch und muffeln vor sich hin. Also, eigentlich muffelt nur er. Entweder stimmt der Kaffeepegel noch nicht, oder er ist schlecht drauf, weil sich seine Freundin mit dem überfreundlichen und fröhlichen Georigio zumindest rudimentär auf Englisch unterhalten kann, für den Möpperkopp aber alles übersetzen muss. Mit Georgio habe ich nur italienisch gesprochen, das Mufflon hat also nicht mitbekommen, dass ich ihn verstehen kann.

Umso ungehemmter möppert er herum, beklagt sich über die Konsistenz der Brötchen, findet den Kaffee zu bitter, die Konfitüre zu süß und den Kuchen zu hart. Seine Freundin versucht die Stimmung zu heben, in dem sie ihm Reiseziele für den heutigen Tag vorschlägt. „Guck mal, Hase, hier könnten wir hin fahren!“, flötet sie und hält ihm einen Reiseführer hin. Der Miesepeter schaut kaum hin „Bäh. Ne Höhle? Wer willen sowas?“ „Oder hier, guck, Strand!“ „Geh weg, da hamwa wieder Sand in jeder Ritze“. „Oder hier, ein Wanderweg zu einem Turm?“ „Bei der Hitze durch die Gegend latschen um ein paar kaputte Steine anzugucken? Hast Du sie noch alle?!“ – Manche Menschen sind auch in jungen Jahren schon Nörgelrentner.

So geht das weiter. Das Wetter ist ihm nicht recht, die Unterkunft auch nicht, und überhaupt war das alles hier ja IHRE Idee und deshalb muss ER jetzt so leiden. Sie sieht irgendwann nur noch betreten zu Boden. Giorgio versteht nicht, was gesprochen wurde, merkt aber, das etwas nicht stimmt. Also erkundigt er sich auf englisch, ob alles in Ordnung sei. Die Blonde antwortet in Dreiwortsätzen, das es kein Problem gäbe. Das versteht wiederum ihr Freund nicht, der denkt, dass sie mit Giorgio flirtet und noch schlechtere Laune bekommt.

Alter, denke ich. So eine Beziehung ist doch toxisch. Manche Leute sind auch echt nur zusammen, weil sie Angst vor dem Alleinsein haben. Oder ist der Möpperkopp nur hier so schlecht drauf, weil er im Ausland ist und sich hilflos fühlt, weil der die Sprache nicht versteht? Tja. Bildung ist so wichtig für Integration und bessere Laune. Mit mehr Bildung würden Menschen wie der Typ da ihre Umwelt und sich selbst nicht so vergiften, und die Welt wäre besser. Hm. Interessante Theorie. Da werde ich nochmal ein paar Stunden drüber nachdenken. Zeit genug dafür werde ich in den kommenden Tagen haben, viel Programm steht nicht mehr auf dem Zettel.

Der Morgen ist kühl und sonnig. Ich werfe den Rucksack in den Floh, den Fiat 500, der am Hafen parkt, dann spaziere ich noch ein wenig an der Promenade entlang und genieße das Sonnenlicht. Herrlich. In Deutschland hat gerade das Schmuddelwetter eingesetzt. Hier ist noch Sommer.

Vierzig Minuten von Stintino entfernt ragt ein gigantischer Felsen ins Meer, das Capo Caccia, das Kap der Jagd.

Bild: Google Earth 2019

Ich steuere den Fiat dort hinauf, schmiere mich mit Sonnenschutz ein und schlendere dann zu einer jungen Angestellten des Nationalparks. Sie lehnt in einiger Entfernung von einem Tickethäuschen an der Brüstung des Parkplatzes, raucht und blickt auf´s Meer hinaus. Die junge Frau und das Meer. Hemingway in zeitgemäß.

„Ich hätte gerne eine Eintrittskarte“, sage ich. Sie wendet den Blick von der See ab und fragt „Cash oder Kreditkarte?“ „Egal“, sage ich. „Dann Cash, unten zahlen. Beeil Dich“, sagt sie und deutet auf ein Schild. „Führung um 10:00 Uhr“ steht da. Ich blicke auf die Uhr. Es ist 09:59. „Du brauchst 10 Minuten“, sagt die Frau und lacht. „Na los, das schaffst Du noch“.

Ich kneife die Augen zusammen, dann ziehe ich den Gurt des Daypacks fester und renne los. Ich sprinte durch ein Tor, hinter dem direkt eine fast senkrechte Steintreppe beginnt.

Am Ende der Treppe sind weitere Treppenstufen in den Fels gehauen. SIEBENHUNDERT, steht auf einem Schild, das Herzkranken und Menschen mit Gehbehinderungen rät, sich besser eine andere Beschäftigung zu suchen.

700 Stufen! 200 Mehr als im Vatikan, denke ich und lasse meine Füße die Führung übernehmen. Die Treppe ist steil und manchmal krumm und schief. Wenn ich auf die Stufen blicke, stolpere ich bestimmt. Aber die Füße wissen, was sie tun. In rasender Geschwindigkeit flitze ich die Treppe hinab, die einfach kein Ende nehmen will. Immer zwei Stufen auf einmal, hoppel-hoppel-hoppel. Die Treppe macht eine Biegung, hinter der ich fast mit zwei Deutschen kollidiere, Mutter und Tochter, die hier gemütlich entlanglangschlurfen. Ich stolpere kurz, fange mich, springe an ihnen vorbei und bin weg.

Der Steinweg und die Treppe sind in die Felswände der Steilküste gebaut und führen einmal um die Klippen herum und immer tiefer und tiefer bis zum Meer hinab. Eine lange Passage ist fast waagerecht. Meine ungeübten Beinmuskeln zwicken und die Lunge brennt, aber ich renne weiter. Bei sowas packt mich ja der Ehrgeiz. Ich will auch immer den Zug noch kriegen, wenn es eigentlich heißt, dass der nicht mehr zu kriegen sei. Meine Füße fühlen sich bleischwer an. Soll das so? Keine Ahnung, ich jogge nie. Der Reiz des Laufens hat sich mir nie erschlossen.

Ich versuche an was Schönes zu denken, aber alles was mir einfällt ist „Verdammt, ich habe die Kamera im Auto vergessen“. Egal, weiter.

Warum muss das bei mir eigentlich immer in so knappen Sachen enden? Noch um eine weitere Kurve und da! Ist endlich ein Spalt im Gestein.

Keuchend komme ich in einer großen Höhle zum stehen. Die Uhr zeigt 10:05. Die Meeresbrandung schlägt an den Eingang der Höhle. Etwas abseits, geschützt vor der Gischt, steht ein kleiner Tresen, dahinter ist der ausufernde Lockenkopf einer weiteren Angestellten zu sehen. „Kann ich noch…?“, frage ich außer Atem. „Ja, musst Dich aber beeilen“, sagt La Scapigliata, die Wuschelköpfige, und drückt mir ein Ticket in die Hand.

Ich laufe weiter, eine Treppe hoch und dann kann ich nicht mehr laufen. Zum einen, weil das der Weg nicht mehr hergibt, der nun ganz schmal wird. Zum anderen, weil ich erstmal staunen muss.

Ich stehe in der Grotta del Nettuno, der Neptunhöhle. Gigantische Stalagtiten aus Kalkstein hängen von der Decke. (Merksatz: „Die Titen hängen, die Miten Steigen“. Haha.). In der Mitte der Höhle sind Stalagtiten und Stalagmiten zu Stalagnaten zusammengewachsen. Diese Säulen sind hier so riesig, das an ihnen selbst weitere Tropfsteine hängen. Irre. Völlig irre. Auf dem Boden schwappt Salzwasser in einem See umher. Sagenhaft. Wie im Märchen.


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Reisetagebuch Sardinien (6): Supermond

Herbstreise nach Sardinien. Heute langweile ich mich in Sassari, treibe wehmütig im Wasser und bestaune einen Supermond.

Dienstag, 23. Oktober 2018, Habitat, Tempio Pausania
Eine Minute vor dem Weckerklingeln aufgewacht. Ha, ich hab´s noch drauf. Keine Geräusche aus dem Nebenzimmer, die beiden Deutschen schlafen wohl noch.

Sachen zusammenklatern. Morgenroutine abspulen. Mittlerweile hat auf dieser Reise alles seine Routine und jedes Ding seinen Platz. Diese Selbstorganisation ist wichtig für mich. Ich habe es gern, wenn jedes Ding an seinem Ort ist. Nicht, weil ich ein Pedant bin, sondern weil ich sonst unvermittelt Dinge denke wie Wo ist der Schlüssel? Wo habe ich mein Portemonnaie?

Solche Fragen stelle ich mir nicht. Nie. Ich habe noch nie einen Schlüssel (dauerhaft) verloren oder ein Portemonnaie irgendwo liegen lassen oder sowas. Manchmal ist es gut, immer die Ausnahme zu sein. Mir passiert NIE das, was allen anderen passiert. Das ist meistens doof, aber manchmal auch gut. Eine Chance von 1:1.200.000 für eine Hautveränderung oder eine seltene Erkrankung? Sensationell schlechte Augen? Dumme Ereignisse, die nur einer Person unter 1.000.000 passieren? Nehme ich alles mit. Mir passiert immer das, was anderen nicht passiert. Dafür ist mir noch nie ein Mobiltelefon runtergefallen und gesplittert.

Wobei die Selbstorganisation gelernt ist. Ich habe mal beinahe einen Schlüssel verloren und fast was vergessen. Das passiert mir jetzt nicht mehr. Weil: Routine. Ich gucke am Ende sogar in die Dusche, ob ich mein Duschgel wieder eingesteckt habe.

So, das kommt hierhin und das dahin und fertig. Ich trete vor die Tür meines Zimmers, die in den Frühstücksraum mündet. Giovanella hat hier Erstaunliches angerichtet, neben allen möglichen Frühstückszutaten gibt es schön angerichtetes Obst.

Sie begrüßt mich strahlend. „Caffé Americano, oder? Und möchtest Du ein Ei? Deutsche wollen immer Ei, ja?“ Ich muss lachen.

Tatsächlich ist das seltsame Frühstücksverhalten der Deutschen für Gastgeber immer ein Riesenproblem auf Bewertungsportalen. Man kann deutschen Gästen besten Service bieten und ihnen ein blitzblankes fünf-Sterne Zimmer mit Riesenbad und allem Schisselaweng hinstellen, wenn das Frühstück nicht so ist wie zu Hause, hagelt es negative Bewertungen.

Ich wehre ab, „Nein, danke, bitte nur ein Caffé Doppio“. Giovanella lächelt und dreht sich um. Als sie in der Küche verschwindet, murmelt sie „Heilige Mutter Gottes, ein Vernünftiger“.

Ich sitze am Frühstückstisch und zerpflücke dabei frischen Brioche mit den Fingern, um mir dann die einzelnen Brocken in den Mund zu stecken. So frühstückt man in Italien. Süß, zerpflückt und dazu Caffé. Vor der bodentiefen Fensterfront zieht Nebel durch den Korkeichenhain.

Kurze Zeit später schultere ich den Rucksack und trete hinaus in die kühle Morgenluft.

Als ich in den Cinquecento steige, fällt mir was ein. Ich bin schon den fünften Tag mit der Kiste unterwegs, zusammen haben wir jetzt schon über 1.000 Kilometer abgespult. Eigentlich bräuchte der mal einen Spitznamen. Zum Glück benamsen sich italienische Autos von selbst. Der erste Mietwagen von Modnernd und mir hatte das Kennzeichen Ed-I. Eddi! Und der hier:

FL-O. Floh! Das passt sogar zu seiner Größe!

Der Floh kurvt um die Giulietta der anderen Gäste behände herum, dann steuere ich ihn durch den Korkeichenwald und hinaus auf die Landstraße.

Der Morgenverkehr in Tempio Pausiana ist dicht und schnell, aber alle fahren routiniert. Berufsverkehr, die Leute machen das jeden Tag. Ich muss nur so tun, als sei ich ein Pendler auf dem Weg zur Arbeit, also schlecht gelaunt gucken und einfach Gas geben, und komme gut durch.

Wenige Kilometer vor dem Ortsschild scheint die Morgensonne durch das Tal des Mondes, das Valle della Luna. Die bizarren Gebirgszüge geben einen deutlichen Hinweis, woher der Name komme.

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Reisetagebuch Sardinien (5): Lost Places: Troposcatter

Herbstreise nach Sardinien. Heute ist Montag, der 22. Oktober 2018. Das hier ist Teil zwei eines langen Tages. Zurück zum ersten Teil.

Nach einer halben Stunde Mittagsdöserei am Straßenrand bin ich wieder etwas fitter. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und fahre weiter.

Hier im Norden ist Sardinien grüner, die Hänge sind mit Bäumen bewachsen. Das gibt eine Ahnung davon, wie die Insel früher mal aussah, bevor Römer und andere das Holz hier weggeplündert haben.

Eroberer kamen im Laufe der Jahrhunderte immer nach Sardinien, und jedes Mal nahmen sie der Insel etwas. Das Holz. Die Bodenschätze. Dabei hatten die Einheimischen hier schon gelernt, mit der Natur in Einklang zu leben. Das beweist die Korkeichenproduktion, was man sich am Besten im Bergort in Calangianus ansehen kann. Hier steht das Korkmuseum.

Ich bin der einzige Gast, und eine freundliche Dame namens Antonella führt mich durch die Ausstellungsräume und zeigt mir, wir Korken geschnitzt werden.

Moment, was? Ich habe immer gedacht, das Kork ein besonders leichtes Holz ist, das geschreddert und dann zu Flaschenkorken gepresst wird. Nein, lacht Antonella und klärt mich auf.

Kork ist die Rinde von besonderen Eichen, den Korkeichen. Die wachsen hier überall im Nordwesten von Sardinien. Es dauert 25-30 Jahre, bis eine Korkeiche ausreichend groß und die Rinde dick genug ist, bis sie zum ersten Mal geerntet werden kann. Dabei wird die Rinde vom Baum geschält und verarbeitet.


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Reisetagebuch Sardinien (4): Lost Places found

Korsika!

Herbstreise nach Sardinien. Heute finde ich einen Toilettenbaum und gerate an Orte, die in der Zeit verloren gegangen sind.

Montag, 22. Oktober 2018, Agriturismo Salmarina
Ich werde früh wach, weil mir der unangenehme Geruch von Mörtel in die Nase steigt. Das Zimmer auf dem Agriturismo Salmaria ist groß und der Bau neu, aber irgendwas riecht hier ganz eklig nach nassem Mauerwerk. Ich schlafe wieder ein, nur um kurz darauf von einem lauten Geräusch geweckt zu werden. Ich muss im Schlaf gepupst haben, und das hat in dem großen, leeren Raum wie ein Donnerschlag wiedergehallt und mich geweckt. Die Vorstellung ist so absurd, dass ich lachen muss. Von dem Lachflash werde ich endgültig wach. Na, dann kann ich auch aufstehen.

Ich schwinge mich aus dem Bett und versuche die wirren Träume abzuschütteln. Zum Glück habe ich nicht von der Arbeit geträumt, nur von einer Ex-Freundin. Aber warum? Was wollte mir das Hirn damit sagen? Egal. Die Traumfetzen wehen davon, und schon im Bad weiß ich nicht mehr, worum es eigentlich ging.

Ich gehe zum Haupthaus hinüber. Nemo, ein großer, alter Schäferhund, guckt mir träge nach. Kein Schweinshund, wie Zeus gestern.

Im Erdgeschoss des Haupthauses befindet sich der Frühstücksraum. Wieder fallen mir die Augen raus ob dieser Pracht. Sardisches Frühstück unterscheidet sich definitiv von Kontinentalitalienischem.

Zwei große Tische biegen sich unter der Last von fünfzehn(!) verschiedenen Kuchen und Torten, Tellern mit gekochten und gebratenen Eiern, Schüsseln mit Schinken und Speck und Salami und und Filata-Käse (Cargocult: Kein Brot oder Brötchen zum Darauflegen in Sicht) und aufgeschnittenen Melonen und Ananas. Dazu gibt es eine Auswahl von sieben verschiedenen Säften und natürlich alle Kaffeespezialitäten, die Italien zu bieten hat. Wahnsinn. Vor allem, weil das hier kein Luxushotel ist, sondern eigentlich „nur“ ein Bauern- und Ferienhof.

„Silencer, che cosa da bere, Silencer?“, fragt Aneta auf ihre merkwürdige Art, während ich immer noch mit hängendem Unterkiefer vor den überladenen Tischen stehe. „Prendo un Doppio, per favore“, antwortet mein interner Anrufbeantworter. „Silencer, Café Lungho, Silencer?“ Nun wecken die Ohren den Rest des Hirns aus der Paralyse. Ich drehe mich um, blicke ihr direkt in die Augen und sage „Aneta, no, Aneta“. Sie lacht und verschwindet hinter einer monströsen Kaffeemaschine.

Die 15 Kuchen sind nicht ganz alleine nur für mich. Gestern Nacht sind noch ein halbes Dutzend Autos gekommen, eine Hochzeitsgesellschaft und zwei niederländische Studentinnen.

Nach dem Frühstück mache ich den Fiat startbereit, dann geht es los. Nicht lange und nicht weit, schon nach einer halben Stunde bin ich am Capo d´Orso, dem Cap des Bären.

Bild: Google Earth 2019

Den Namen trägt es seit Urzeiten wegen des riesigen Felsens auf dem Cap, dem Roccia dell´Orso, der tatsächlich wie ein Bär geformt ist. Auf diesem Bild sieht man ihn, oben links auf dem Felsen:

Den Bären kenen die Menschen hier seit ewigen Zeiten. Ganz früher verehrten sie ihn als Gott, dann nutzen sie ihn als Navigationspunkt, und heute ist er eine Touristenattraktion.

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Reisetagebuch Sardinien (3): Nackt

Herbstreise nach Sardinien. Heute mit Schildkröten, Luxusorten, James Bond und blanker Haut.

Sonntag, 21. Oktober 2018, Agriturismo Jannis, in der Nähe von Orgosolo
Kuchen. Noch ein Kuchen. Joghurt. Brötchenimitat. Käse. Gekühlte Bananen. Äpfel. Weintrauben. Eine geschälte Honigmelone. Völliger Irrsinn, was Rita hier an Frühstücksbuffet aufgefahren hat.

„Capuccino?“, fragt sie, als ich vor dem riesigen Tresen stehe und mich nicht entscheiden kann. „Caffé Doppio, bitte“, sage ich geistesabwesend. „Meinst Du…“, fragt sie und guckt mich zweifelnd an. Ich muss lachen. „Nein, nicht „Americano“ oder „Lungho“, wirklich Doppio!“, sage ich, und Rita freut sich und haut mir auf die Schulter.

Kaffeebestellen in Italien sollte man drauf haben, und die Leute freuen sich, wenn man zumindest das kleine Kaffee Ein mal Eins beherrscht. Capuccino nur zum Frühstück, ansonsten immer Espresso. Will man die volle Dröhnung, dann einen doppelten Espresso, eben einen Doppio. Touristenkaffee ist der „Americano“ oder „lungho“, das ist dann Espresso mit viel Wasser. Für Italiener ein völlig unverständlicher Frevel, aber es kommt dem Filterkaffe, den insbesondere die Deutschen immer noch toll finden, am nächsten. Latte Macchiato trinkt niemand, der kein verweichlichter Großstädter ist. Caffe Macchiato trinken alte Leute mit Magenproblemen, das ist Espresso mit mehr Milch drin.
Ich trinke überall nur Doppio. Der dröhnt, und man muss davon nicht so schnell auf´s Klo.

Am Buffett ignoriere ich Brötchen und Käse. Das würde ich in Deutschland frühstücken, aber hier ist herzhaftes Frühstück nur eine Art Cargo-Kult. Die Italiener wissen, das es sowas wie herzhaftes Frühstück gibt, aber sie verstehen es nicht. Käse und Wurst, das packt man in Italien nicht auf ein Brot oder ein Brötchen. Warum sollte man? Diese Dinge haben für Italiener überhaupt keinen Bezug zueinander. Käse und Wurst isst man zu Wein oder als Vorspeise und am Abend, Brötchen und Brot tut man am Besten in Suppe.

Aber die Gäste vom Kontinent stehen nunmal darauf, und deshalb stellen die Gastgeber ihnen Dinge hin, die wie ein herzhaftes Frühstück aussehen, aber einfach nicht funktionieren. Brötchen werden sich in aller Regel als zuckersüß entpuppen, der Käse als zu kräftig oder Bröckelhart, und oft stimmt die Form einfach nicht. Mein persönliches Highlight war, als ein Herbergsvater malfreudestrahlend eine Schale gestiftelten Pizzakäse und ein Rosinenbrötchen hinstellte. „Brötchen mit Käse, genau wie ihr Deutschen das mögt“. Ja, nee, lass mal.

Nein, ich gehe heute morgen an die Croissants, das passt gut zu einem Espresso. Es sind Schokocroissants, frisch selbst gemacht, noch warm, mit Nutella gefüllt und mit Puderzucker bestreut. Das wird wieder Sodbrennen geben. Egal. Lecker ist es trotzdem.

Direkt nach dem Frühstück verabschiede ich mich. „Immer diese Geschwindigkeit“, stöhnt Rita hinter ihrer Bar. „Du hast Dich doch nicht mal an die Landschaft gewöhnt!“ „Ja, aber jetzt weiß ich ja, wo ich Dich finde! Und wenn ich wiederkomme, dann für länger und mit dem Motorrad!“ sage ich und lächele. In dem Moment ertönt direkt vor mir, auf dem Empfangstresen, ein schnarrendes Geräusch, und mit einem leisen „Pffft“ jaucht mir einer der Luftbedufter eine Ladung Raumparfum in die Fresse. „Oh“, sagt Rita.

Wenig später kurvt der kleine Fiat 500 durch die Bergwelt. Es ist kühl, gerade mal 14 Grad, und ich habe die Fenster oben und die Heizung an.

Ich muss ja sagen: So sehr ich es vermisse, nicht mit einem Motorrad auf diesen perfekten Kurvenstraßen unterwegs zu sein: So ein Autochen hat auch seine Vorteile. Das Gepäck muss nicht militärisch genau gepackt sein, ich kann meinen ganzen Krempel einfach in den Kofferraum werfen. Auch einfach mal viel einkaufen ist möglich, 10 Liter Wasser und dazu Proviant für 3 Tage habe ich aktuell an Bord. Und: ich kann unterwegs Hörbücher und Podcasts hören. Oder schnell mal anhalten, ein Foto machen und weiterfahren, und dabei muss ich nicht mit Handschuhen oder sonstwas rumhantieren.

Die Temperatur steigt schlagartig, als ich durch einen Tunnel fahre und auf der anderen Seite einer Bergkette herauskomme, einige Hundert Meter über dem Meer. Hier strahlt die Morgensonne, und plötzlich sind es fast 30 Grad. Ich lasse die Fenster runter und konzentriere mich auf die Serpentinen, die zur Küste hinunterführen.

Bild: Google Earth 2019

Am Fuß der Berge, im Golf von Orosei, liegt Cala Gonone. Der Ort ist bekannt für seine Höhle, die Grotta del Bue Marino, die Höhle der Meerochsen. Das ist eine Mönchsrobbenart, die hier früher mal lebte, aber seit den 80ern ausgestorben ist.

Heute kann man ihre Höhlen besuchen, was tatsächlich die allermeisten Sardinienbesucher tun. Allerdings geht das nur per Boot, und ich habe keine Lust, den halben Tag mit jeder Menge Leute auf einem Schiffchen zu verbringen. Nein, ich bin hier, um das Aquarium anzugucken.


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Reisetagebuch Sardinien (2): Das Dorf der Bilder

Herbstreise nach Sardinien. Heute geht es an das Eisencap, die roten Klippen und in ein Dorf, das einem Erinnerungen entgegenschreit.

Sonntag, 20. Oktober 2018, Hotel Maggio di Fiore, Villasimius
Lange vor dem Weckerklingeln bin ich wach, aufgeschreckt aus einem Traum, der irgendwie mit der Arbeit zu tun hatte. Die ist noch tief in meinem Kopf. Kein Wunder, gestern Mittag saß ich in irgendwelchen Meetings.

Ich liege noch ein wenig im Bett rum und mache mir bewusst, dass ich Urlaub habe und heute echt nichts machen muss. Keine Deadlines, keine Termine, keine Papers.

Ich bin auf Sardinien, ich bin frei zu machen was ich will. Sardinien, was ist das eigentlich für ein seltsamer Name? Klingt unappetitlich, so wie Sardine. Wer ist bloß auf die Idee gekommen, die Insel nach Dosenfisch zu benennen? Ich gleite wieder ab in einen Halbschlaf, in dem Traumfetzen auftauchen und durch den Dosenfisch schwimmt.

Erst um kurz vor Acht stehe ich langsam auf. Im Untergeschoss der Hotelanlage rumort es schon. Hier haben sich in einer Art riesiger Laube schon ein Dutzend französischer Renter um einen Tisch drapiert und schnattern. Ich gucke die missmutig an, diese geballte gute Laune geht mir jetzt schon auf den Sacque.

Neben dem Tisch der Spaßgranaten ist ein, für italienische Verhältnisse, gigantisches Frühstückbuffet aufgebaut. Statt dem üblichen Stück Trockenkuchen und Bröckelzwieback gibt es hier Brötchen, Wurst und Käse sowie Rührei und Schinken und frischen, saftigen Topfkuchen. Wahnsinn! Ich schnappe mit ein frisch gebackenes Croissant und verziehe mich in eine Ecke der Frühstücksveranda, möglichst weit weg von Leuten.

Kurz darauf sitze ich schon wieder im Fiat 500 und rufe die Route auf, die ich mir für heute grob zurechtgelegt habe, und die im Handy gespeichert ist.

Das mit der Routenplanung war gar nicht so einfach. Ich habe unter iOS keine Software mehr gefunden, in der man noch bequem Routen mit mehreren Punkten planen und speichern kann. Meine alte Navigonsoftware läuft zwar noch, aber um da präzise Punkte eingeben zu können, muss man 16stellige Koordinaten eingeben, in einem Untermenü, für das man fünf mal klicken muss, um es zu erreichen. Das ist echt in Arbeit ausgeartet, alle Punkte dieser Reise zu erfassen hat einen ganzen Sonntagnachmittag gebraucht. Das Backup der Dinge, die ich gerne sehen würde, sieht daher etwas merkwürdig aus:

Liste mit Wegpunkten für heute.

Egal. Rein ins Auto, raus auf die Straße und ab durch die Mitte, erst durch Villasimius und dann an die Küste.

Ich bin im äußersten Südosten der Insel gewesen, jetzt geht es nach Norden. Die Straße windet sich direkt an der Küste entlang. Ich muss leider ständig anhalten – um die Landschaft zu bestaunen.

Die Küste ist felsig und fällt steil ins Meer ab. Der Bewuchs besteht aus knotigem, harten Buschwerk, das aus dem rötlichem Sandboden wächst. Am Fuß der Klippen sind oft kleine Buchten, manchmal mit weißem Sand direkt an der Wasserlinie. Ich bin total fasziniert davon, wie das Meer über die kleinen Strände und gegen die Felsen schwappt. Ich mag Berge, ich mag Meer, und hier stehen Berge quasi direkt IM Meer. Für mich ist das sowas wie das Beste aus allen Welten. Für andere ist das halt Steilküste mit Meer, aber mein Hirn steht leicht fassungslos davor und jubelt dauernd „Woah! Guck die das an! Unfassbar!!!“

Eine halbe Stunde die Küste hoch ragt eine besonders große Landzunge mit einem Berg drauf ins Meer. Das ist das „Capo Ferrato“, das Eisen-Cap. Ich versuche darum herumzufahren
scheitere aber, weil mir unterwegs die Straße ausgeht.

Bild: Google Earth 2018

„Fine Asfalto“, soso. Na, dann nicht.
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Impressionen eines Wochenendes (25): Wismar

Was fällt einem zu Wismar ein? Fischbrötchen, vielleicht. Das Folgende aber bestimmt nicht.

Arbeitswochenende in Wismar. Wismar ist eine Hansestadt an der Ostsee, auf halbem Weg zwischen Hamburg und Rostock. Aus irgendwelchen Gründen hält der Zug zwischen Hamburg und Wismar in Bad Kleinen. Das Bad Kleinen mit der RAF-Hinrichtung, wissen schon. Der Zug steht da mindestens eine halbe Stunde rum, manchmal auch eine Stunde. Als Reisender hat man Angst, da nie wieder weg zu kommen.

Wismar selbst ist hübsch und schmuck. Breite Straßen, typisch norddeutsche Backsteinbauten. Zumindest im Stadtzentrum. In der Periphie steht auf der einen Straßenseite Backsteinhäuschen und auf der anderen Plattenbauten. Eine Mischung, die mein Kopf nicht überein bekommt.

Aber wie gesagt, die Innenstadt ist sehr putzig.


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Reisetagebuch Sardinien (1): Motivationsbildkitsch

Herbstreise nach Sardinien. Die Insel im Mittelmeer ist die letzte Region Italiens, die Herr Silencer noch nicht bereist hat. Das muss sich ändern.

Donnerstag, 18. Oktober 2018, irgendwo im Hunsrück
Ich schrecke hoch. Eben war ich noch so müde, dass ich fast eingenickt wäre. Jetzt bin ich plötzlich wieder hellwach. Der Reisebus schaukelt durch die Nacht. Die Fahrt nimmt und nimmt kein Ende. Ich versuche in dem unbequemen Bussitz eine halbwegs erträgliche Position zu finden, was sich als gar nicht so leicht rausstellt. Ich bin sowieso kaputt und verspannt, seit Wochen schon.

Die Sommerreise mit dem Motorrad liegt schon wieder Ewigkeiten zurück. Vier Monate ist es her, dass ich von der Sechsländerreise zurück kam. In diesen vergangenen vier Monaten gab es quasi non-stop viel Arbeit. Der Herbst ist traditionell eine Phase mit hoher Arbeitslast, aber dieses Mal war es heftiger als sonst.

Lange Arbeitstage, nach denen ich kaum zur Ruhe gekommen bin, was Nächte voller wirrer Träume zur Folge hatte. Das geht mal, phasenweise. Aber diese Hochlastphase hält jetzt schon ein Jahr an, mal mehr, mal weniger intensiv. Ungesund ist das schon lange. Ich kriege den Kopf nicht mehr frei, und wenn ich nicht arbeite, bin ich müde und habe keine Lust was zu machen. Sport, Hobbies,… ne, lass mal, keine Energie für.

Der heutige Tag bildet da keine Ausnahme. Früh aufgestanden, drei Stunden Autobahnfahrt, dann fünf Stunden konzentrierte Arbeitsbesprechung. Am späten Nachmittag aus dem Kundentermin raus. Eine Kollegin hat meine Tasche mit Arbeitsunterlagen dankenswerterweise mit zurück nach Hause genommen, ich bin mit meinem Reiserucksack in einen Zug nach Frankfurt gesprungen. Nun sitze ich in diesem Bus.

Neben mit beginnt ein Mann laut zu telefonieren, während ein Sitzreihe vor mir eine Frau mit eingeschalteten Tastentönen „Candy Crush“ oder ähnlichen Unfug spielt und hinter mit jemand in ein stinkendes Wurstbrot beisst. Ich hasse meine Mitreisenden. So ist das, wenn ich zu lange unter Dampf stand. Dann werde ich dünnhäutig und übellaunig. Dann ärgert mich die Fliege an der Wand. Dieser Zustand ist nicht mit einem langen Wochenende im Bett wieder behoben, sowas sitzt tiefer. Die ganze Welt soll mich in Ruhe lassen, das ist alles, was ich jetzt will.

Ich sehe auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis zum Flughafen Frankfurt Hahn. „Frankfurt“, dass ich nicht lache. Wird sich mir nie erschließen, wieso man diesen Flughafen im Dorf Lautzenhausen, das kurz vor Trier liegt, „Frankfurt“ genannt hat. Grimmig starre ich aus dem Seitenfenster.

Viel mehr als vorbeiziehende Leitplanken sind im Dunkel nicht zu sehen. Der Bus kurvt von Frankfurt aus nach Mainz und Wiesbaden und schaukelt dann durch den Hunsrück. Jetzt weiß ich auch, warum die Fahrt so lange dauert… der hält an jeder Milchkanne an.

Der Flughafen „Frankfurt Hahn“ liegt in Lautzenhausen. Das ist näher an Trier als an Frankfurt.
Bild: Google Earth 2018

Es ist schon lange dunkel, als der Bus endlich in Lautzenhausen ankommt.

Bogenlampen werfen gelbes Licht in nebelige Herbstluft. Zuletzt war ich vor 17 Jahren hier, seitdem ist der Flughafen gewuchert.
Meine Güte ist das jetzt riesig hier.

Ich bin leider zu spät dran. Die Schnellrestaurants schließen gerade, zu essen gibt es nichts mehr. Das ist ein wenig doof, denn wegen des langen Arbeitstages bin ich schon nicht zum Mittagessen gekommen. Egal, gibt es heute Abend eben eine Müsliriegelration aus dem Rucksack.

Ich trotte zum BB-Hotel, das direkt vor dem Flughafenterminal steht.

Am Tresen stehen wild gestikulierende Franzosen, die offensichtlich ihren Checkin erst noch ausdiskutieren müssen. Ich schleiche um die Gruppe herum in den Fahrstuhl und fahre in den fünften Stock. Ich brauche keinen Checkin. Der Hotelcomputer hat mir einen Code geschickt, der die Tür zu Zimmer 511 öffnet.

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Ab dem 23.03. jeden Samstag:

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Reisetagebuch 2018 (15): Der Weg nach Hause

Mit der Barocca auf Sommertour. Die Reise ist fast vorbei, aber vor der Frage, auf welchem Weg es nach Hause geht, gibt es noch einen Abstecher nach Venedig. Dann geht die Welt unter.

Donnerstag, 05.Juli 2018
Die Villa Maria Luigia liegt kurz hinter Treviso. Von hier ist man in 30 Minuten in Mestre oder in 60 Minuten in Punta Sabbioni. Von beiden Orten aus ist man ratzfatz in Venedig. Ich entscheide mich für Punta Sabbioni, schon weil ich die Überfahrt mit dem Wasserbus so gerne mag.

Bild: Google Earth 2018

Ohne die monströse Airbagweste passt meine Jacke sogar in einen Seitenkoffer des Motorrads, so dass ich mich ohne Gefahr eines Hitzekollers in der Stadt frei bewegen kann.

Wobei „bewegen“ relativ ist. Das Boot ist selbst morgens um kurz vor Neun schon randvoll voll mit Menschen, und die Stadt ist an den beliebten Plätzen völlig verstopft mit Tagestouristen.

Amerikanerinnen erkennt man übrigens daran, dass sie sich alle zwei Minuten gegenseitig dran erinnern, auch ja genug zu trinken. „Stay hydrated“, sagen sie zwischen zwei Schlucken aus monströsen Wasserflaschen, die sie überall mit herumschleppen.

Auch aus einer Gruppe Frauen am Bahnhof Santa Lucia klingt ein lautes „Girls, stay hydrated!!“, und auf dieses Kommando hin heben alle gleichzeitig die Wasserflaschen an den Hals und trinken hektisch. Synchronsaufende Prachtexemplare von Wasserbüffeln! Das ist ja fast olympisch! Ich hole den Fotoapparat raus, in der Hoffnung, dass sie das nochmal machen. Aber dann kann ich vor Lachen nicht mehr an mich halten, was die Damen nicht lustig finden.

Spot the Americans!

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Reisetagebuch 2018 (14): In heiligen Hallen

Mit der Barocca auf Sommertour. Heute geht es in die Suppe, weit übers Land und schließlich in heilige Hallen.

04. Juli 2018, Bohinji Bistrica, Slowenien

Ich bin mit dem ersten Hahnenschrei wach. Der ist zum Glück erst um 05:00 Uhr. Dieser Hahn ist zivilisiert, anders als das Kackvieh, das bei mir zu Hause um 01:30 Uhr unter meinem Schlafzimmerfenster anfängt auf voller Lautstärke loszulegen.

Draußen klatscht Regen auf die Dächer der Holzhäuser. Ich drehe mich noch einmal um, kann aber nicht mehr einschlafen. In Gedanken bin ich schon auf der Straße. Heute habe ich eine große Tour vor mir.

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, klettere aus dem Bett, spritze mir kaltes Wasser ins Gesicht und mache mich abreisefertig. Für Frühstück ist es noch zu früh, das Hotel schläft noch. Um kurz vor sechs trage ich die Koffer zum Motorrad. Es regnet nicht mehr, aber dunkle Wolken hängen über dem Ort. Das sieht alles nach schwerem Wetter aus.

Wie komme ich jetzt hier weg?, überlege ich, während ich den Sattel und die Spiegel der Barocca trocken wische. Zwischen meinem Ziel und mir liegt das Gebirge des Triglav-Nationalparks, das den Ort hier wie ein Halbkreis nach Westen abschirmt. Soll ich auf Nummer sicher gehen und die breite, gut ausgebaute Straße durchs Tal nehmen, und um die Berge herum fahren? Dieser Weg wäre unspektakulär, aber sicher.

Oder soll ich es wagen mitten durch die Berge zu fahren, über winzigste Straßen und mehrere Pässe? Ich entscheide mich für die Bergausläufer. Wenn schon, denn schon. Anna meldet sich im Helm und bestätigt die Route. OK, Klamotten an und los geht´s.

Als ich die Jacke schließe, bin ich irritiert. Die LED-Anzeige am Ärmel springt nach kurzer Zeit auf Grün. Das Airbagsystem ist aktiviert. Was soll das denn jetzt? Vor zwei Tagen war das wegen eines Sensorfehlers nicht benutzbar, und nun, kurz vor dem Werkstatttermin, funktioniert es wieder?

Das Ding mit Wetter im Gebirge ist ja, dass es selten überall gleich ist. Wolken bleiben an den Bergen hängen und sorgen für schlechte Sicht, im einem Tal regnet´s, im nächsten nicht. Und: Berge sind hoch. Manchmal höher als die Reisehöhe der Wolken, die dann in ihnen hängenbleiben. So auch jetzt.

Ich fahre plötzlich in eine weiße Wattewand, und sofort wird es kalt und klamm und Wassertropfen benetzen Motorrad und Fahrer.

Ich verziehe das Gesicht und grummele vor mich hin, aber dann passiert etwas wunderbares: Die Straße geht noch höher, und plötzlich bin ich oberhalb der Wolkendecke und sehe auf sie hinab! Die Morgensonne scheint hier oben, und die Wolken wirken wie ein Meer, das in den Tälern herumschwappt. Hier und da erheben sich Bergspitzen aus dem weißen Weich, wie Inseln.

Mit besser Laune fahre ich weiter. Die hält aber nur so lange, bis ich wieder runter ins Tal und damit mitten in die Suppe muss. Darin ist es dunkel und kalt.

Ich brettere mit der V-Strom über die kaputten und bröckeligen Straßen. Es ist kurz nach sechs, und ich bin ganz alleine hier unterwegs. Naja, fast. Lediglich ein Kleinlaster mit Milchkannen dreht seine Runde in der Nebelsuppe und mäht mich fast um. Alles ländlich hier. Vorsichtig taste ich mich weiter.

Gegen 09:00 Uhr bin ich bei Tolmin, eine halbe Stunde später quere ich die Grenze nach Italien, die hier wirklich abgebaut und unbemannt ist. Halt, doch nicht: Hinter einem Busch versteckt sich ein slowenischer Streifenwagen, aber der Polizist bohrt mit einem Finger in der Nase und hat nur Augen für sein Smartphone.

Bild: Google Earth 2018

Der Frühnebel ist in den Bergen zurückgeblieben, und jetzt wird auch langsam das Wetter wach. In einem Tal halte ich kurz an und trinke einen Schluck Wasser aus der Feldflasche, dazu gibt es einen Apfel als Frühstück. Das Grün der umliegenden Wiesen und Wälder leuchtet in Technicolor. So übersättigt sind die Farben, dass sie fast unwirklich wirken.

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Kategorien: Motorrad, Reisen | Ein Kommentar

Reisetagebuch 2018 (13): Unterirdisches Disneyland

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute wird es unterirdisch, in der zweitgrößten Schauhöhle der Welt und unter einer Höhlenburg.

Dienstag, 03.07.2018, irgendwo im Wald, Slowenien
Ich wache auf und bin für einen Moment ohne Orientierung. Ein holzgetäfelter Raum mit einem Tisch in der Mitte ? Das ist doch kein Hotelzimmer, wo bin ich denn hier?! Dann fällt es mir wieder ein: Ich bin in einer kleinen Hütte, mitten im Wald, in Slowenien.

Schnell springe ich aus dem Bett und packe meine Sachen. Vor dem Cottage steht die V-Strom.

Etwas oberhalb führt der Weg aus dem Wald heraus. Schilder machen darauf aufmerksam, dass der Campingplatz über eine eigene Höhle verfügt, die man nach Absprache besichtigen kann. Ich muss Schmunzeln. Höhlen hat HIER wohl jeder in seinem Hinterhof.

Auf einem asphaltierten Platz stehen mehrere Häuschen. Eines beherbergt einen winzigen Supermarkt, eines die Anmeldung des Campingplatzes und ein größeres ein Restaurant, in dem nun Frühstück für die Gäste bereit steht. Dort stürze ich einen Kaffee hinunter.

Der Campingplatz schläft noch, als ich zurück zum Motorrad marschiere. Neben der Maschine steht schon ein Wagen voller Putzmittel, und im Cottage klötert es. Die Reinigung des Häuschen hat schon begonnen.

Warum ich hier, mitten im Wald überachtet habe? Nun, in der Nähe einer Touristenattraktion übernachten und morgens gleich als Erster da sein, das hat ja gestern an den Plitvicer Seen schon gut geklappt. Also mache ich das heute doch gleich noch einmal. Ich schwinge mich in den Sattel der Barocca und steuere sie aus dem Wald heraus und den Berg hinab.

Dann fahre ich einmal links rum, und ZACK stehe ich vor DER Sehenswürdigkeit Sloweniens: Der Postojna-Höhle.

Das unterirdische Höhlensystem, das auch als Adelsberger Grotte bekannt ist, ist die zweitgrößte Besuchshöhle der Welt, nach einer in den USA.

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Reisetagebuch (12): Cabin in the Woods

Mit dem Motorrad auf Sommertour. Heute geht von Kroatien nach Slowenien und erst an den See, dann in den Wald.

Sonntag, 01. Juli 2018, Kaštel Lukšić, Kroatien
Ich wache von meinem eigenen Bauchgeräuschen auf. Schon den zweiten Tag. Durchfall. Hätte besser doch nichts von dem Leitungswasser auf dem Schiff trinken sollen. Aber was wäre die Alternative gewesen? Verdursten?

Ich blicke aus meinem Zimmer in der „Villa Cezar“ über die Dächer des kleinen Orts. Das Wetter gleicht meiner Stimmung. Es ist grau und bewölkt und es regnet.

Würstchen, Rührei, gutes Brot, verschiedene Konfitüren, fetter Käse – das Frühstück ist sehr gut, und das sage ich auch. Das zaubert der grummeligen Oma, die im Familienbetrieb offensichtlich für das leibliche Wohl der Gäste zuständig ist, ein Lächeln ins Gesicht.

Es regnet, und deshalb steige ich gleich vor der Abfahrt in die Regenkombi und steuere die V-Strom erst vom Hof, als ich wasserdicht in die StormChaser-Kombi eingepackt bin. Es ist Sonntag, und die Landstraße noch wie ausgestorben. Es geht die Küstenstraße entlang, erst Richtung Westen, dann nach Norden. Das ist nur so mittelspannend, auch wenn die Straße spektakulär gut und toll zu fahren ist. Sie ist halt auch ein wenig langweilig.

Bild: Google Earth 2018

Es gibt immer wieder stärkere Regenschauer, dazwischen Trockenphasen. Heute stehen 6 Stunden Fahrt an, das gefällt mir. Nur fahren, fahren, fahren, mehr will ich auch gar nicht. Die V-Strom rollt durch kleine Orte, duckt sich durch weite Kurven und schrubbt über leere Graden. Zwischendurch gibt es immer wieder stellen mit tollen Ausblicken, wie diesen spektakulären Brücken.

Im Laufe des Tages wird die Straße interessanter. Je weiter ich nach Norden komme, desto mehr Kurven gibt es und desto spektakulärer werden die Ausblicke auf die Felsenküste und die vorgelagerten Inseln.

Auf Höhe des Ortes Zengg biege ich ab ins Landesinnere. Es geht über die Berge, die hinter dem Küstenstreifen beginnen, und dann in das Hinterland. Das ist lauschig grün und sieht eher aus wie das Alpenvorland.

Bild: Google Earth 2018


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Kategorien: Motorrad, Reisen | 4 Kommentare

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