Reisen

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So, ich wäre dann auch mal wieder im Lande. Zwei Wochen war ich mit der Barocca, der 650er V-Strom, unterwegs. Erst quer durch halb Frankreich, dann ging es von Südengland über Wales bis in die schottischen Highlands und danach über die Niederlande wieder zurück.

In den zwei Wochen habe ich kaum etwas anderes gemacht als im Sattel zu sitzen. Früh aufstehen, vor allen anderen frühstücken, rauf auf´s Motorrad, vierhundert bis fünfhundert Kilometer fahren, gut zu Abend essen, schlafen, rinse and repeat.

Sechstausendreihundertachtunddreißzigkommazwei Kilometer sind dabei zusammengekommen, und die ganze Tour war wunderbar ereignisarm: Keine Panne, kein Unfall und – so wie es bislang aussieht – kein Corona. Aber gut, ich war auch der einzige, der immer mit Maske unterwegs war – egal ob in Unterbringungen oder beim Einkaufen oder auf den Fähren, kaum jemand trug noch eine Maske oder hielt Abstand.

Ansonsten habe ich sicher super viel von dem verpasst, was sich noch alles angeboten hätte – allein die ganzen Museen, an denen ich einfach vorbeigefahren bin, oder die tolle Landschaft, in der man sicher Wochen mit Wandern und Kontemplation verbringen kann. Tatsächlich hatte ich ursprünglich sogar drei Wochen geplant, um hier und da eben mal zu pausieren, Dinge anzugucken und mir einfach Zeit zu nehmen. Daraus wurde am Ende nichts, weil Großbritannien einfach unfassbar teuer ist. Selbst runtergekommene 8-Quadratmeter-Zimmerchen mit Schimmel in der Dusche kosten gerne mal dreistellige Eurobeträge, und zelten wollte ich dann doch nicht. Nach einem Tag im Regen ist es einfach nett, eine warme Dusche und ein echtes Bett zu haben.

Dabei war das Wetter wider erwarten gar nicht regnerisch. Ein wenig Sprühregen hier und da, aber meist war es trocken.

Schwieriger war da schon der Orkan, der an zwei Tagen tobte, und an einem davon ging es über den Hardknott-Pass. Dieses Abenteuer möchte ich nicht empfehlen, denn die Passstraße ist zwei Meter breit, besteht nur aus Asphaltflicken oder Hubbeln und Schlaglöchern, hat eine Steigung von über dreißig Grad, mehrere Haarnadelkurven die nach außen auch noch abfallen UND von oben kann jederzeit Gegenverkehr kommen.

Gibt mehr als genug Videos von Moppeds, die dort um- oder den Berg gleich runterfallen, und von Autos die dort über der Klippe hängen oder mit durchdrehenden Reifen an der Steigung stehen und nicht vorankommen. Das habe ich natürlich erst gemerkt nachdem ich da hoch geeiert bin und dabei Blut und Wasser geschwitzt habe. Wirklich, der Hardknott ist kein ungefährliches Vergnügen. Wenn man da hochfährt, sollte man Erfahrung haben und das mit einem kleinen und leichten Motorrad tun, das man sicher auch am Berg halten kann. Was man NICHT versuchen sollte: Dort bei Sturm mit einer vollbeladenen Maschine hochzufahren, die einen längeren Radstand hat als eine 1250er GS Adventure und bei der ein gewisser Fahrer maximal mit den Fußballen auf den Boden kommt, weil er einfach zu kurze Beine hat.

Aber die Barocca hat all das klaglos gemeistert. Ms. Zuverlässig hat uns über die Berge und Täler und Autobahnen und sonstwas gebracht, ohne Murren, und Zickerei, ohne einen Defekt. Lediglich die Spitze vom Kettenöler ist abhanden gekommen, aber das passiert halt ab und an. Nun bekommt die DL650 erstmal einen feinen Ölwechsel und etwas Liebe in Form einer 90.000er Inspektion mit Ventilspieleinstellung, bevor es dann im Herbst hoffentlich noch einmal auf Tour geht.

Ein kleiner Wermutstropfen: Ich habe ein Talent dafür, dass kurz vor dem Ende von etwas, auf die letzten Meter sozusagen, noch etwas schiefgeht. Genau sowas ist auch jetzt passiert: Komme nach Hause, stelle das Motorrad ab, will mit dem Auto einkaufen fahren – BAMM rammelt mir an der ersten Kreuzung hinten einer rein. Mal schauen, vielleicht ist dass jetzt das Ende des Kleinen Gelben AutosTM. So stellt man sich den letzten Urlaubstag nicht vor.

Aber nun, immerhin ist das nicht mit dem Motorrad passiert – man erinnere sich, meine allererste Reise mit der Barocca (als sie noch nicht so hieß) endete ja damit, das ihr nach dem ersten Tankstopp ein unaufmerksamer Autofahrer das Heck zerdetschte und uns in den einen Kreisverkehr katapultierte.

Von daher bin ich froh und dankbar wieder gesund hier zu sein. Etwas ausführlicher erzähle ich dann von der FraEnWaScot-Tour im Reisetagebuch, irgendwann im Spätherbst. Da geht es dann um Erfahrungen mit echten Scht´is, was auf Clarksons Farm so los ist, wie Skyfall in echt wirkt, wo der Doktor das Vieh liebte, wie die Queen urlaubt, wie teuer es wird wenn man sich blitzen lässt, warum ich jetzt mutmaßlich ein End-to-Ender bin und warum Esel ein wichtiger Grund für diese Fahrt waren.

2021: 7.306
2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

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Reisetagebuch: Motorradherbst 2021 in 3:48 Minuten

Das war die Motorradtour nach und durch Griechenland im Herbst 2021. Irgendwie immer noch im Schatten der Pandemie, aber da ich so viel allein unterwegs war, und das in einsamen Gegenden, ist mir das gar nicht so aufgefallen.

Hier eine Übersicht aller Tagebucheinträge.

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Reisetagebuch Griechenland (21): Eingefroren

Tagebuch einer Motorradtour im Herbst 2021. Heute: Tag 27 mit dem Ende.
Freitag, 15. Oktober 2022, Tarvisio

Ich wache auf, als der Kirchturm neben meinem Zimmerfenster anfängt loszudöngeln. Die Nacht über war der zum Glück ausgeschaltet, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund beginnen die christlichen Taliban zur schrägen Uhrzeit von 06:20 Uhr mit ihrem akustischen Terror.

Egal, ich habe eh´ schlecht geschlafen. Ich bin gefühlt ständig aufgewacht, einfach weil mir kalt war – obwohl ich in Fleecejacke und der langen Motorradunterwäsche geschlafen habe. „Zimmer wird gleich warm“, jaja, von wegen.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett und merke sofort, wie kalt es im Zimmer ist. Knapp zweistellige Temperatur, zehn Grad vielleicht, mehr wird es nicht sein.

Eine Katzenwäsche später habe ich schon die Motorradklamotten an und merke die Kälte nicht mehr. Als ich aus der Zimmertür trete, laufe ich in eine Wand warmer Luft. In den Gängen funktionieren die Heizungen offensichtlich, und das Haus ist gut eingeheizt. Ich hätte bei offener Tür schlafen sollen!

Ich trage die Koffer über drei Etagen hinunter zum Parkplatz, vorbei an einem gemütliche Lesezimmer und einer Sauna und einem Pool, beides im zweiten Untergeschoss. In diesem Hotel einzuschneien muss die pure Wonne sein. Lange dauert es auch nicht mehr bis zum ersten Schneefall. Weiter oben sind die Berggipfel schon weiß, und für morgen ist auch für die Höhenlage von Tarvisio Schnee angesagt. Wie gut, das der nicht heute Nacht gefallen ist, dann hätte ich jetzt ein echtes Problem.

Das Glückspilzgefühl lässt abrupt nach, als ich die schwere Tür zum Parkplatz aufstemme und mir ein Schwall kalter Luft entgegenfaucht. Die Kälte fühlt sich im Gesicht wie Eisnadeln an. Ich gehe zum Motorrad und kriege den Mund nicht mehr zu. Die ganze V-Strom ist übergefroren!

Sattel, Satteltasche, Windschild… sogar auf den Instrumenten hat sich eine Eisschicht gebildet.

Anscheinend ist erst überall Luftfeuchtigkeit kondensiert, dann übergeforen. Minus 4 Grad sind es jetzt, d.h. die Temperatur ist in der Nacht um fast zehn Grad gefallen!

Schiet. Nicht, dass ich nicht mit einer solchen Möglichkeit gerechnet hätte – der Parkplatz hat ein leichtes Gefälle, und ich habe die Maschine gestern Abend extra genau so geparkt, dass ich sie anlaufen lassen kann, sollte es arg kalt werden und sie nicht anspringen wollen oder sogar wieder KLONK machen. Aber das es friert war ein unwahrscheinliches Worst-Case-Szenario, und das es tatsächlich eingetreten ist, schockt mich gerade ein wenig. Schnee wäre übrigens der GAU gewesen.
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Reisetagebuch Griechenland (20): Alte Bekannte

Tagebuch einer kleinen Motorradtour bis nach Griechenland. Heute mit alten Bekannten auf der Heimreise durch Italien.
Mittwoch, 13. Oktober 2022, Fähre Florencia, mitten in der Ägäis

Ich träume.
Seltsame Träume.

Kurz aufwachen, umdrehen, wieder einschlafen, weiterträumen.

Einige Zeit später bin ich wach. Nicht, weil mich etwas geweckt hätte, sondern weil mir der Schlaf ausgegangen ist und sich freundlich verabschiedet hat. Ich bin einfach ausgeruht und deswegen aufgewacht. Fühlt sich gut an.

Wie spät mag es wohl sein? Die Kabine hat kein Fenster, und außer einem schmalen Spalt Kunstlicht, das durch den Türrahmen fällt, ist es dunkel. Ich sehe auf die Uhr. Viertel nach Neun erst! Naja, eigentlich Viertel nach Zehn. Immerhin habe ich eine Zeitzone gequert, die Uhr ist eine Stunde zurückgesprungen.

Zehn Stunden geschlafen. Meine Güte, ich muss müde gewesen sein. Und die Träume haben sich nicht um die Arbeit gedreht oder um Arbeitskollegen. Das ist gut. Jetzt, nach mehr als drei Wochen, habe ich die Arbeit endlich aus dem Kopf.

Ich bleibe noch etwas in der Koje liegen und lese. Ganz traditionell eReader. Wifi gibt es auf dem Schiff nicht, alles ist offline.

Irgendwann stehe ich auf und laufe kurz durch das Schiff. Die Florencia gleitet durch eine recht ruhige See, aber es ist kühl und die Aussicht uninteressant.

Ich kann die Küste nicht ausmachen und weiß nicht, wo wir sind. Egal.

Lesen. Warten.

Ich hole mir einen kleinen Kaffee, für den satte 4 Euro veranschlagt werden, fülle den Becher in der Kabine aber zwei Mal mit Instantkaffee und kaltem Wasser wieder auf.

Lesen. Warten.

Gegen Mittag verzehre ich die zweite der Fertigmahlzeiten. Zum Rausgehen habe ich nach wie vor keine große Lust.

Die Florencia rollt etwas.

Lesen. Warten.

Ich gehe doch mal kurz raus. Jetzt kann ich die Küstenlinie sehen und weiß sofort, wo wir sind.

Das ist das Profil des Gran Sasso Gebirges: wir sind also schon auf der Höhe der Abruzzen, jetzt ist es nicht mehr weit bis Ancona.

Lesen. Warten.
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Reisetagebuch Griechenland (19): KLONK

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 24 mit – oh Wunder! – schlechtem Wetter und einem Jubiläum.

Dienstag, 12. Oktober 2022, Granítsa

Es regnet.
Immer noch.
Oder schon wieder.

Wie auch immer, es regnet. Nicht nur ein Bißchen, sondern ordentlich. Gegen 2:30 Uhr bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil der Regen wie mit Fäusten auf das Dach des Zimmers im „Hotel Panorama“ getrommelt hat. Jetzt hängen die Regenwolken in den Bergen und lassen laufen. Also Abreise im strömenden Regen, wie befürchtet.

Aber erstmal ein lecker Frühstück, dann freundliche Verabschiedung von Nikos und Annecka.

Als ich bereit zu Abreise bin, macht der Regen freundlicherweise eine Pause. Sogar die Sonne scheint kurz durch die dunklen Wolken.

Schnell mache ich mich fertig. Die Koffer sind schon gepackt, ich muss mich nur noch in die Regenkombi werfen.

Dann schnappe ich mir die Koffer und trage sie die Straße hoch, am Motorrad vorbei, und stelle sie an einen Zaun.

Warum ich die Koffer da hinstelle? Weil genau dort das einzig gerade und ebene Stück Straße ist.

Für die Abeise habe ich mir einen genauen Plan zurechtgelegt:
1. Zuerst die V-Strom starten und rückwärts von ihrem Parkplatz unter dem Feigenbaum rausschieben
2. Die Straße hoch fahren, dort wo es etwas breiter und wenig abschüssig ist wenden
3. Auf dem einzigen geraden Stück halten, Motor laufen lassen, dann erst Gepäck anbringen.

Warum so kompliziert? Weil es halt WIRKLICH erschwerte Bedingungen sind. Die V-Strom parkt auf einer Fläche, die leicht abschüssig nach vorne ist. Der Betonboden ist bedeckt vom Matsch verfaulter Feigen. Es wird sicheren Stand und Kraft brauchen, um die Maschine vom Ständer hochzubekommen und dann gegen das Gefälle und rückwärts über die kleine Betonkante zu schieben. Ohne das Gewicht des Gepäcks wird es wesentlich einfacher sein, die Maschine auf Zehenspitzen rückwärts und bergauf zu schieben.

Dann, so kann ich mir vorstellen, will der Motor nach zwei Tagen im kalten Regen vielleicht nicht an- und gleich wieder ausgemacht werden, darum will ich ihn laufen lassen. Das geht aber nur, wenn die Maschine gerade steht. Sehen sie?
Alles nicht so einfach.
Aber einfach kann ja jeder.

Das ich mir diese Hindernisse nicht einbilde merke ich schnell als ich in den Sattel klettere und versuche, die Maschine hoch zu bekommen. Beim ersten Versuch glitsche ich mit dem Stiefel auf dem Feigenschlamm weg und muss wieder etwas aus dem Sattel, damit ich genug Kraft aufbringen kann um die Suzuki vom Seitenständer hoch zu bekommen.

So, und nun: Spannung! Wird sie anspringen? Aber warum sollte sie nicht? Die V-Strom hat noch NIE Probleme gemacht, was das angeht. Die ist zuverlässig wie ein Uhrwerk. Auch unter solch widrigen Umständen. Denn aktuell sind nur knapp über Null Grad und damit rund 15 Grad weniger als an dem Tag, an dem wir in Granítsa ankamen, dazu kommt die Nässe der letzten Tage. Die ZZR600, da bin ich sehr sicher, würde jetzt lange rumorgeln und vielleicht sogar streiken. Aber nicht die Suzuki.

Ich drücke auf auf den Starter, und fast sofort ist der Motor da. Ich gebe Gas, und ein Grinsen macht sich in meinem Gesicht breit. Gutes Motorra…. KLONK.

Die Maschine schüttelt sich kurz, dann ist der Motor ist aus. Was? Wieso Klonk? Die V-Strom hat doch noch NIE Klonk gemacht!

Ich drücke nochmal auf den Starter. Der Motor kommt, ich gebe etwas Gas und…. KLONK.

Ein Schütteln geht durch den Rahmen und es hört sich so an, als ob tief im Motor zwei Metallteile miteinander kollidieren, sich gegenseitig mit einem KLONK blockieren und dann geht nichts mehr.

Das gibt es doch nicht! Barocca, du lässt mich doch nicht ausgerechnet heute und in diesem abgelegenen Nest im Stich, oder?!

Ich drücke nochmal auf den Starter. Der orgelt und orgelt, aber der Motor springt nicht an. Abgesoffen. Die LED-Anzeige der Instrumente wird bereits schwächer. Ist jetzt etwa schon die Batterie am Ende? Das kann doch alles nicht wahr sein, die habe ich doch im Sommer erst ausgetauscht!

„Bittebittebitte“ murmele ich durch zusammengebissene Zähne, und nach endlosen Sekunden keucht und schnauft der Motor und springt wieder an. Ich drehe am Gashahn und dieses Mal macht es nicht KLONK, sondern er dreht brav hoch. Etwas rauh und holperig, aber das ist halt der Charme des V-Twins, besonders wenn er kalt ist.

Ich stemme die Zehen in den Feigenschlamm und wuchte die Maschine Zentimeter für Zentimeter rückwärts. Mehrfach glitschen mir die Füße weg, dann ist das Hinterrad an einer Betonschwelle. Die sieht nach nichts aus, aber weil die V-Strom so groß ist, ich nur mit den Zehenspitzen an den Boden komme und ich gegen eine Steigung anschieben muss, ist es echt nicht einfach, die Maschine da drüber zu bekommen.

Irgendwann habe ich die V-Strom soweit auf die Straße gezerrt, dass ich das geplante Wendemanöver fahren kann. Immer schön vorsichtig, die Straße ist bröckelig, abschüssig und nass. Der Rest klappt aber wie geplant, und zum Glück macht die V-Strom nicht nochmal KLONK.


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Reisetagebuch Griechenland (18): Verständnislose Ommas

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tage 22 und 23 mit toller Landschaft und miesem Wetter.

Sonntag, 10. Oktober 2021, Kourouta

Für heute ist Weltuntergang angesagt. Ein großes Tiefdruckgebiet steuert vom Meer auf die Westküste von Griechenland zu. Es bringt unglaubliche Regenmassen mit sich, ein richtiges Wettermonster, und es wird mich genau erwischen wenn ich unterwegs bin – sagt zumindest die Wettervorhersage.

Aber so schlimm sieht es noch gar nicht aus, als ich zum ersten Mal um halb acht aus dem Fenster blicke. Ich mache mir einen Instantkaffe, dann trage ich die Koffer zum Motorrad. Als ich einen Fuß aus der Haustür setze, beginnt es zu tröpfeln. Fünf Minuten später regnet es.

Okay, dann jetzt gleich in die Regenkombi. Als ich gerade mal die Hose angezogen habe, setzt draußen der RICHTIGE Regen ein. Meine Güte, das macht so runter, dass ich kaum noch die Häuser am anderen Ende der Brache sehen kann. Lieber noch einen Moment warten.

Halb in Regenklamotten liege ich rücklinks auf dem Bett und scrolle durch Social Media. Draußen ändert sich das Wetter im Minutentakt, mal regnet es stärker und mal nicht so stark.

Oh, der Regen lässt etwas nach. Dann schnell die Regenjacke an und… ach, jetzt gibt es wieder die Urwalddusche. Meine Fresse.

Irgendwann ist mir das alles egal. Los jetzt, findet die Abfahrt halt im Starkregen statt. Was soll´s.

Es ist warm, und durch die vielen Schichten Motorradkleidung läuft mir schon der Schweiß in die Augen, als ich endlich auf der Suzuki sitze.

Anna rechnet die heutige und Route und teilt nach einer laaaaaangen Denkpause mit, das wir bereits gegen 13:30 Uhr am Ziel ankommen. Hä? Wieso so schnell?

Oh, 13:30 Uhr am morgigen Tag. HÄ?? Wieso sollen wir für eine Strecke von schlappen 250 kilometern 29 Stunden brauchen?

Ah, okay, sehe schon. Meine virtuelle Copilotin hat sich streng an die Vorgaben gehalten und Mautstraßen komplett ausgespart. Die Strecke, die sie sich ausgeknobelt hat, führt daher einmal auf kleinen Feldwegen um den Golf von Korinth herum. Nein, eine Mautstraße sei heute ausnahmsweise mal erlaubt. Die führt über eine mautpflichtige Brücke, aber das ist Okay. Anna rechnet noch einmal und kommt auf eine Ankunftszeit von 15:30 Uhr, aber am heutigen Tag. Gut, das passt besser.

Durch den strömenden Regen geht es nach Norden, immer parallel zur Küste. Dieser Teil des Peloponnes ist flach, landwirtschaftlich geprägt und langweilig zu fahren.

Erst als ich in die Hafenstadt Patras komme, wird die Fahrt etwas interessanter. Patras liegt an der Rio-Andirrio-Meerenge auf dem Peloponnes, also der südlichen Halbinsel von Festland-Griechenland. Nordgriechenland ist hier gerade einmal 2,5 Kilometer entfernt, aber dazwischen liegt viel Wasser, nämlich der Golf von Korinth bzw. der Golf von Patras, wie er hier manchmal genannt wird.

Das Wasser ist hier 65 Meter tief, der Meeresgrund ist wabbelig und instabil und die ganze Region ist ein Erdbebengebiet, weshalb der Bau einer Brücke an dieser Stelle lange Zeit als völlig unmöglich galt. Im Jahr 2000 wagte man es aber doch, und verwendete dabei Technologien aus von Offshore-Ölplattformen: Man stabilisierte den Grund, in dem man 30 Meter lange Stahlrohre in den Boden rammte. Darauf schüttete man Steine, und auf dieses Bett stellte man dann ganz locker die Pylonen, damit die im Falle eines Erdbebens ein wenig hin- und hergleiten können.

In die Pylone eingehängt sind Stahlseile, die vier Fahrbahnen tragen. Insgesamt ist die Brücke fast zweieinhalb Kilometer Lang und damit die zweitlängste Schrägseilbrücke der Welt. Die längste ist übrigens die Brücke von Millau, wo ich auch schon war und die ich für eine der schönsten Brücken der Welt halte. Auch die Charilaos-Trikoupis-Brücke, wie die Patras-Brücke offiziell heißt, ist wunderschön. Hier ein Foto bei gutem Wetter. Deswegen natürlich nicht von mir.

CC BY 3.0 Szandras

Besonders gut wirkt sie natürlich aus der Ferne, aber auch beim drüberfahren ist es ein Ehrfurcht einflößendes Gefühl.

Nicht witzig fanden übrigens die Fährschiffer die neue Brücke, die ihnen das Geschäft kaputt zu machen drohte. Nach langem Hin und Her einigte man sich auf folgenden Kompromiss: 1. Die Brückenmaut wird teuer, sehr viel teurer als eine Fähre und 2. die Fährschiffe bekommen Subventionen. Ironie der Geschichte: Viele Touristen nehmen heute nur deshalb eine Fähre, weil sie eine Aussicht auf die schöne Brücke ermöglicht.

Ich nehme die Brücke weil es am Schnellsten geht und ich im strömenden Regen nicht auf Fähren rumeiern möchte. Die Einfahrt auf die Brücke erfolgt ohn Beschränkungen, aber an ihrem Ende muss ich an einem Mautschalter halten. Hier sind die Preise angeschlagen. Autos bezahlen 16,50 Euro, Gespanne 22 Euro und Motorräder… ich fummele ein zwei Euro Stück aus der Brusttasche der Regenkombi und reiche sie der jungen Frau im Mautschalter. Ich bekomme sogar noch 10 Cent wieder. So ist das gut.

„Fünf ist gesperrt. Andere Route“, sagt Anna, zeigt einen Erdrutsch auf der geplanten Strecke und sucht einen neuen Weg. Die neu berechnete Strecke dauert etwas länger und führt etwas um die Berge herum statt mitten hindurch, aber wenn durch den starken Regen noch mehr Erdrutsche ausgelöst wurden oder Unterspülungen passiert sind, hat es auch gar keinen Zweck da rumzueiern.

Stattdessen bin ich froh, dass das Garmin sich die Informationen selbstständig holt und darum herumrechnet. Denn in den Bergen gibt es nicht viele Straßen, und wenn man unvermittelt vor einem Erdrutsch steht kann es sein, dass man ein, zwei Stunden wieder den Weg zurück fahren muss, den man gekommen ist.

Hinter Patras hört der Regen auf, und als ich durch einen Canyon in die Berge hineinfahre, kommt sogar die Sonne raus.

Die Gegend ist ziemlich menschenleer, hier gibt es fast nur dicht bewaldete Berge. Die Bäume sind noch grün, aber die Sträucher und Büsche haben zum Teil schon ein herbstliches Rot angenommen.

Nach 200 Kilometern komme ich an einer der letzten Tankstellen in dieser Region vorbei. Der Tankwart steht gerade an der Straße und plaudert mit einem Polizisten, aber ich fahre trotzdem an eine der Säulen.

Vor dem Laden sitzt ein alter Mann mit einem Schlapphut in einem Schaukelstuhl in der Sonne und mustert mich durch zusammengekniffene Augen. Ich komme mir ein wenig wie in einem Western vor. Eine kleine, alte Dame kommt herangewackelt. „Είστε σίγουροι ότι θέλετε ντίζελ;“ sagt sie.

„Tut mir leid, ich spreche kein griechisch“, sage ich und mache mein dümmstes Gesicht. Sie lacht und schüttelt den Kopf, dann zupft sie mich am Ärmel und zeigt auf eine andere Säule. Ich rollere die Suzuki dorthin und Oma, die so klein und gebeugt ist, das sie kaum über den Tank gucken kann, beginnt die Maschine zu betanken. Schnell stoppt sie aber unvermittelt und viel zu früh wieder. Ah, sie hat nach Ästhetik des Preises getankt. Genau 10 Euro zeigt die Zapfsäule. Ich will aber keine schönen Preise, ich brauche einen vollen Tank.

„Mehr, bitte“, sage ich und mache entsprechende Gesten, aber das interpretiert sie als „Danke, reicht so“. Was ist das nur, das alte Damen mich hier einfach null verstehen?!

Ich nehme ihr freundlich, aber bestimmt die Zapfpistole weg und fülle weitere zweieinhalb Liter in den Tank, dann bedanke ich mich und reiche den Rüssel zurück. Aber jetzt ist Omas Ehrgeiz gepackt, denn ich habe für einen ungeraden Betrag getankt. Sie hält drauf und kriegt glatt noch einen halben Liter mehr rein und macht eine Punktlandung bei 15 Euro. Gut, jetzt haben wir beide was wir wollten. Einen vollen Tank und einen gefälligen Preis.

Zur Bezahlung muss ich in das kleine Tankstellengebäude. Hinter der Kasse sitzt eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, und spricht perfektes Englisch. Die Enkelin der Tankwartin.

Die Region, in der ich hier unterwegs bin, kenne ich bereits flüchtig. Bei meinem ersten Besuch in Griechenland, 2015, sind Modnerd und ich hier am ersten Tag durchgefahren. Damals ging schnell die Sonne unter, aber ich habe die ersten Ausblicke auf diese Landschaft nie vergessen – so wie diesen hier:

2015

Wirklich, seit sieben Jahren ist mir die Landschaft nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Ich wollte hier unbedingt noch einmal hin, und habe mir das quasi als Sahnestück bis fast zum Ende meiner Griechenland-Rundttour aufgehoben. Besonders um einen See wollte ich herumfahren, den ich damals nur aus der Ferne gesehen hatte.

Um den fahre ich jetzt herum und bekomme mich kaum noch ein, weil die Aussicht so fantastisch ist.

Wirklich, das hier ist die aufregendste und schönste Landschaft, die mir in Griechenland begegnet ist. Sicher, Wasser und Berge gibt es hier überall, aber die Kombination dieser zerklüfteten Felsen, der dichten Wälder und der Seen, das hat etwas ganz besonderes. Vielleicht spricht es mich auch nur deshalb so besonders an, weil ich im Harzvorland aufgewachsen bin, und das hier aussieht wie der Harz auf Steroiden.

Es ist deutlich zu sehen, wie sehr die Trockenheit der letzten Monate (und Jahre) den Pegel der gewaltigen Stauseen hat fallen lassen. Mindestens 15 Meter fehlen zum normalen Stand.

Zwanzig Kilometer vor dem Ziel klart es auf. Es ist warm und der Himmel so blau, dass ich beschließe die Regenkombi auszuziehen.

Sechzehn Kilometer vor dem Ziel beginnt es wieder zu regnen. Ach man, das war ja so klar.

Schnelles Vorankommen ist jetzt nicht mehr möglich, die Straßen sind klein und stellenweise voller Schlaglöcher und an anderen Stellen voller Ziegen.

Die letzten drei Kilometer sind mit das Heftigste, was ich bislang gefahren bin. Extrem steil windet sich die Straße den Berg empor. Die Kehren haben eine krasse Steigung bei gleichzeitig winzigem Radius, und die Fahrbahn ist nicht nur voller Risse, sie liegt auch stellenweise voller Steine und Äste oder ist bedeckt von einem glitschigen Teppich faulendem Laubs.


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Reisetagebuch Griechenland (17): Olympisches Wasserwerfen

Tagebuch einer Moppedtour durch Griechenland. Heute mit dem Sportteil, einem doppelten Lottchen und Nazis. Und ich muss die V-Strom blind fahren.

Samstag, 09. Oktober 2021, Kourouta
Kurz vor acht.
Wie ist wohl das Wetter? Regen? Sturm?

Hm. Sonnenschein! Ach, das ist ja mal eine gute Nachricht.

Die Sonne sollte ich besser ausnutzen. Auch wenn die Wetterapps meinen, dass das Wetter Nachmittags noch besser würde als morgens, so will ich doch jetzt gleich los. Packen muss ich nichts, ich komme nachher wieder und bleibe noch eine zweite Nacht in Kourouta.

Die V-Strom hat die Nacht überstanden, aber es war gut, dass ich die in der Nacht noch anders geparkt habe. An der Stelle, an der sie gestern Abend noch geparkt war, ist heute eine Seenlandschaft, die nur langsam wieder zurückgeht.

35 Kilometer von Amaliada liegt das antike Olympia. Als ich dort ankomme scheint die Sonne, es ist 25 Grad warm und die Luftfeuchtigkeit hoch.

Ich parke neben einer Schwestermaschine meiner V-Strom, auch einem schwarzen Modell L0 aus 2011. Ein Blick auf die Seriennummer zeigt, dass diese Maschine neunhundertfünzehn Fahrzeuge später als die Barocca vom gleichen Band gelaufen ist.

Die Barocca ist immer an der geileren Scheibe zu erkennen und daran, dass sie keinerlei Aufkleber trägt.

Olmypia ist heute ein sehr kleines Örtchen.

Schon die Mosaike in den Bürgersteigen und die Statuen am Wegesrand machen deutlich, wo man hier ist:


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Reisetagebuch Griechenland (16): Saubere Sache

Tagebuch einer kleinen Motorradtour durch Griechenland. Heute wird es nass.

Freitag, 08. Oktober 2021, Pirgoi Edem
Wenn ich unterwegs bin, habe ich meist eine Reisebegleitung aus der Ferne. So wie Svendura von ihrer Claudia begleitet wird, habe ich – zumindest virtuell – Albrecht an meiner Seite. Der alte Haudegen, hier in den Kommentaren als „Ali“ bekannt, begleitet meine Fahrt per Whatsapp, von Zuhause aus. Er kommentiert, gibt Tips und gibt Bescheid, wenn er etwas Besonders auf meiner Reiseroute entdeckt. Manchmal will er mich auch einfach nur foppen.

Gestern Abend raunte „Das Wetterorakel von Niederburgtal“ von Weltuntergang:
„Regnet noch nicht? Das Regenband kommt. Keine Sorge. Wenn Du auf den Überblick gehst, siehst Du, wie das über Dir kreist. Schön Violett, hehe.“

„Wollte eigentlich die nächsten Tage im Meer baden, nicht im Sattel“, antwortete ich kurz vor dem Einschlafen.

Tatsächlich wache ich mitten in der Nacht auf. Ein Sturm heult um den steinernen Turm, in dem ich übernachte, und lässt die Fensterläden klappern.

Ich trete an die Tür und blicke hinaus. In der Dunkelheit sehen die Olivenbäume vor dem Haus aus, als wären sie lebendig. Der Sturm peitscht die Äste und gegen den grauen Himmel wirkt es, als ob eine Armee seltsamer Monster vor dem Turm aufmarschiert ist und wütend mit dürren Armen um sich schlägt. Regnen tut es aber nicht. Ich schließe die Tür, mummele mich wieder ins Bett und schlafe weiter.

Um kurz nach Sieben höre ich keinen Sturm mehr, dafür aber Regen. Draußen pladdert es jetzt. Das war zu erwarten gewesen, mal gucken wie schlimm es ist. Steht die Baugrube neben dem Steinturm schon unter Wasser?

Zu meiner Überraschung ist es gar nicht so wild. Ja, es hat viel geregnet, überall stehen jetzt Pfützen, aber im Moment nieselt es nur. Weltuntergang sieht anders aus.

Ich ziehe mir die Jacke der Stormchaser über und stapfe hinüber ins Haupthaus. Hier sitzt Gastwirtin Kalliope bereits beim Kaffee mit einer anderen Frau. Die ist mittelalt, hat fettiges Haar, ein verlebtes Gesicht und trägt einen Snoopy-Onesie. Hm. Erstaunlich, manchen Leuten ist halt alles egal.

Der Frühstücksraum ist, wie alles hier, aus Naturstein.

Es gibt frittierte Teigfladen, die man sowohl mit Käse als auch mit Konfitüre oder mit Honig essen kann. Nur mehr als einen kann ich davon nicht essen, bei so fettigem Kram mag mein Magen nicht mitspielen.

Draußen wird der Regen stärker. Ich checke ich die Wettervorhersage. Mit etwas Glück wird es in einer Stunde aufhören zu regnen, und ich frage Kalliope, ob ich noch etwas bleiben kann. Kein Problem, sagt sie.

Kurz darauf liege ich wieder in meinem Steinturmzimmer auf dem Bett und spiele verschiedene Route durch, die ich jetzt fahren könnte. Vor dem Zimmer, unter einem Vordach, sitzt die Onesie-Frau mit einer Freundin. Beide mit einem Buch in der linken und einer Zigarette in der rechten Hand.

Nach einer Stunde hört der Regen abrupt auf. Die Wetter-App meint zwar, wir seien noch mitten im Starkregengebiet, aber der blaue Himmel, der gerade durch die Wolken scheint, spricht eine andere Sprache. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust loszufahren, aber es hilft ja nichts.

Ich werfe mich in die Regenklamotten, was schon beim Anziehen eine Tortur ist. Es sind über 20 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, und ich trage am Ende drei Schichten Klamotten. Puh, heiß. Egal, los geht´s!
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Reisetagebuch Griechenland (15): Abgewrackt

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 19 mit vielen Olivenbäumen, der wilden Mani, Kalliope und einem Wrack.

Donnerstag, 07. Oktober 2021, Mystras
Draußen dämmert der Tag herauf, im Inneren des Steinhauses in Mystras liege ich im Bett und lausche gebannt ins Halbdunkel.
Kein Regen zu hören.
Das ist gut, dann ist das angekündigte Unwetter noch nicht hier.

Schnell mache ich mich fertig. Frühstück bietet das Haus nicht an, ein Instantkaffee mit lauwarmem Wasser aus dem Badezimmer muss reichen.

Alle anderen Gäste im Haus schlafen noch, auch die Amerikanerin Rebecca. Die hatte ohnehin angekündigt noch bleiben zu wollen. Wenigstens so lange, bis sie sich einen Busfahrplan organisiert hat. Die Dame, die schon stark auf die 80 zugeht, ist mit Bus und Bahn unterwegs, was ich sehr lobenswert und machbar finde. Sie ist aber auch ohne Smartphone unterwegs, nutzt das Internet nicht und erledigt alles auf Papier und mit Telefonzellen – was ich für ignorant befinde.

Ob das keine Probleme gäbe, habe ich sie gestern Abend gefragt.
„Nein, das geht schon. Ich komme schon durch, irgendwie geht es immer noch oldschool. Heute hat ja jeder ein Smartphone, also außer mir, da kann ich ja jeden fragen.“ – Ok. Es geht also eigentlich doch nicht ohne Smartphone, sie lässt sich nur von anderen Leuten bedienen und verklärt das als „geht ja auch so“. Andererseits: Sie nutzt so die Gelegenheit, ins Gespräch mit Menschen zu kommen. Auch ein interessanter Ansatz. Einsamkeit auf Reisen, das kann ja auch ein Faktor sein. Ob das bei ihr der Fall sei, habe ich Rebecca gestern gefragt.

Daraufhin hat sie abgewunken. „Ach, allein unterwegs sein, das macht mir nichts. MEIN Problem ist, dass ich all diese Abenteuer erlebe, tolle Orte und wunderbare Menschen treffe und anschließend diese Erlebnisse mit niemandem teilen kann. Seit mein Mann tot ist, reise ich alleine, und zu Hause kann ich auch niemandem davon erzählen. DAS macht mir wirklich zu schaffen, ich fühle mich dann ganz einsam und elend, weil sich das alles so sinnlos anfühlt. All meine Erinnerungen werden verloren sein, wenn ich mal nicht mehr bin, und niemand weiß davon.“

Das fand ich wiederum hoch interessant, denn diese Problematik war mir bislang gänzlich unbekannt. Aber klar, ich habe nicht nur zu Hause Personen, denen ich was erzählen kann, ich habe vor allem auch dieses Blog hier. Alles was ich unterwegs erlebe, schreibe ich hier auf. Das Blog ist mittlerweile das Wertvollste, was ich besitze. Es ist meine Erinnerung, und ich teile sie mit der ganzen Welt. Also, vorausgesetzt die Welt hat Bock das hier zu lesen, aber das tun einige Hundert Leute ja durchaus regelmäßig. Aber das ist durchaus ein Faktor, den ich bislang kaum begriffen habe: Alles, was ich erlebe, teile ich mit vielen anderen Menschen, obwohl ich es im Endeffekt nur für mich aufschreibe. Aber allein die Gewissheit, dass ich es aufschreiben werde und es so nicht in Vergessenheit gerät, gibt jedem Moment eine Bedeutung im Strom der Zeit.

Ich packe meine Sachen und schleiche, um Rebecca und die anderen Gäste nicht zu wecken, leise mit den Koffern zur Haustür.

Elena und ihr Mann, der Marineoffizier a.D., sind bereits im Vorgarten und sitzen unter ihrem Orangenbaum. „Es gibt Regen“, sagt sie.
„Ich weiß“, sage ich und grinse schief.

Sie deutet in Richtung der Berge, wo auf Höhe der alten Ruinen dicke Regenwolken hängen. „Das sind Wolken die zeigen, dass sich das Wetter ändert. Das ist gut“.

Ihr Mann nickt und sagt „Θα βρέξει σύντομα. Κακό για τους μοτοσυκλετιστές“.

Ich zucke die Achseln, weil ich kein Wort verstehe. Er pflückt eine Orange vom Baum. Es ist die einzige, die zumindest zart orangefarben ist, alle anderen sind noch grün. Die Frucht ist bereits geplatzt, und der Captain zerdrückt sie mit zwei Finger. Die ist nicht mal richtig reif, aber schon total matschig und riecht vergoren.

„Η φύση χρειάζεται βροχή. Δεν έβρεξε για μήνα, οι καρποί σαπίζουν στα δέντρα“, sagt der Captain. Ich gucke fragend.

Elena übersetzt: „Es wird bald regnen, sagt er. Doof für Dich als Motorradfahrer, aber die Natur braucht das. Es hat hier seit April nicht mehr geregnet, und durch die Hitze verfaulen die Früchte in den Bäumen bevor sie reif sind. So etwas hat es hier noch nie gegeben. Bislang haben sich die Leute hier keine Sorgen wegen des Klimawandels gemacht. Jetzt schon.“

Betreten sehen wir uns an. Kein schönes Thema.
„Ich hätte eher kommen sollen“, sage ich und deute auf die Wolken, „Ich bin ein Regenbringer“.
Elena lacht, der Captain guckt fragend – jetzt hat er kein Wort verstanden.

Tatsache ist, das ich bislang verdammt Glück gehabt habe mit dem Wetter. Im Vorfeld sah es ja so aus als ob, egal wo ich hinkomme, dort immer Regen sei, und zwar für genau die Dauer, in der ich da bin. Nun, Regen gab es bislang so gut wir gar nicht – aber dafür war es kühl und stürmisch.

Aber nun scheint mich das Wetter gefunden zu haben, von Italien aus zieht ein Riesenschwung Regen und Unwetter über das Meer und wird heute ankommen. Zum Glück etwas später als befürchtet, was bedeutet: Meine heutige Tour kann ich noch wie geplant durchziehen.

Die heutige Tour, die führt von Sparta, das am Fuß der Berge liegt, in denen Mystras thront, gen Süden.


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Reisetagebuch Griechenland (14): DAS! IST! POTTENHÄSSLICH!!

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 18 mit den merkwürdigen Bauten seltsamer Einsiedler, einer überaus hässlichen Stadt und ikonischen Momenten.

Mittwoch, 06. Oktober 2021, Nafplio
Schnorchelgrhmwas schon Zeit zum Aufstehen? Noch im Halbschlaf zerre ich das Handy vor die Nase, dann schließe ich beruhigt noch einmal die Augen. Die Barocca steht noch dort, wo sie sein sollte.

Ich lasse die Kiste nicht gerne in städtischen Gebieten rumstehen. Zwar habe ich die V-Strom auch deswegen gewählt, weil sie nichts hermacht und kein profesioneller Dieb mit einem Funken Stolz das alte Modell klauen würde (die osteuropäischen Banden, die auf Bestellung im Mittelmeerraum stehlen, stehlen hauptsächlich neue BMW GS), aber man weiß ja nie.

Die Barocca verfügt über gleich zwei Trackingsysteme, deren Position sich per App abrufen lässt. In der Frontverkleidung steckt ein normaler GPS-Tracker, der die Position über das Mobilfunknetz sendet. Der ist präzise, braucht aber viel Strom. Die Batterie hält bestenfalls drei Tage, deshlab mache ich das Ding nur an, wenn ich wirklich mal an seltsamen Orten parke.

Am Rahmen verborgen ist ein Lora-Tracker, der das Low-Power-Internet of Things nutzt, um unauffällig und energiesparsam seine Position mitzuteilen. Der aktualisiert sich weniger häufig und braucht länger um seinen Standort zu bestimmen, dafür sendet er drei Monate am Stück.

Beide Systeme melden: Das Motorrad steht noch an der Straße unter dem Hotelfenster. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, dass das stimmt. Nicht geklaut, und kein Auto hat es beim Ein- und Ausparken umgerammelt. Was auch zu sehen ist: Die mächtige Palamidis-Festung, die auf dem Berg über Nafplio in der Morgensonne leuchtet. Beides sehr schön.

Ich verlasse Nafplio in Richtung Westen. Erst bleiben die Gewerbegebiete zurück, dann die Felder, und schließlich geht es in die Berge auf einer der vielen Halbinseln Griechenlands.


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Reisetagebuch Griechenland (13): Wunderblumen

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 17 mit nassen Füßen, Orangenhainen, verschwundenen Gräbern und einem ausgemachten Otto.

Dienstag, 05. Oktober 2021, Delfi
Es ist erst kurz vor Sieben, als ich im Halbdunkel und auf dem Bett sitzend die Socken anpfriemele, die Beine aus dem Bett schwinge und IEH! KALT UND NASS! WAS IST DAS DENN?

Ich knipse das Licht an und begutachte den Boden. Vor dem Bett steht eine Pfütze, und in der stehe ich jetzt, mit klitschnassen Socken. Wo kommt denn das Wasser her?!

Dann sehe ich es. Der Bungalow hat einen Kühlschrank, der gestern laut gebrummt und geklappert hat. Sowas kann ich nicht in dem Raum haben in dem ich schlafe, genauso wenig wie tickende Uhren. Also habe ich dem Kühlschrank den Stecker gezogen.

Dooferweise, und das habe ich übersehen, hat der ein Tiefkühlfach. Das habe ich offensichtlich fachmännisch abgetaut, und das Wasser hat sich über die Fugen der Bodenfliesen im ganzen Bungalow verteilt. Suuuper. Fluchend hole ich einen Lappen und beginne aufzuwischen.

Aus dem Wasserhahn im Badezimmer kommt kochend heißes Wasser, damit mache ich mir einen Instantkaffee. Mit dem dampfenden Becher in der Hand stehe ich auf der Terrasse vor dem Bungalow und blicke über die Ebene vor dem Golf von Korinth.

Das Morgenlicht ist hier fast genauso magisch wie das Abendlicht. Das Sonnenlicht ergießt sich in großen, deutlich sichtbaren Strahlen in die dunklen Ebene, in der die Autos noch mit Licht fahren.

Es wirkt, als habe das Licht Substanz. „Volumetrisches Licht“ heißen solche Lichtbalken in Computerspielen. Vermutlich kommt dieses Phänomen, dass die Lichtstrahlen hier Masse zu haben scheinen, einfach von dem Dunst über dem nahegelegenen Meer.

Ich finde eine andere Erklärung aber schöner. Terry Pratchett hat mal geschrieben, das Licht stark abgebremst wird, wenn es auf ein thaumaturgisches Feld trifft. Da Energie nicht verloren gehen kann, wandelt sich die Geschwindigkeit in Masse um. Das finde ich die schönere Erklärung: Dieser Ort hier ist magisch, und dadurch gewinnt das Licht an Substanz.

Ich sattele die V-Strom und manövriere vom Gelände des Campingplatzes. Zu meinem großen Erstaunen sind die Terrassen in den Berghängen, die zum Abstellen von Wohnmobilen gedacht sind, leer.

Die deutschen Camper, die hier gestern Abend standen, sind verschwunden. Oberanführer Rolf und seine Gruppe müssen also schon lange vor dem Sonnenaufgang das Feld geräumt haben. Und zwar generalsstabmäßig und so leise, das ich nichts davon mitbekommen habe. Selbst Revoluzzer Wolfgang ist weg. Cool. Rücksichtnahme von Deutschen im Ausland, das ist unerwartet.

Ich fahre über die Olivenbaumebene in Richtung des Golfs von Korinth, biege kurz vor dem Küstenort Itea nach Osten ab und scheuche die V-Strom über die Küstenstraße, die dicht am Wasser entlangführt.

Die Sonne schiebt sich hier gerade über die Berge und wirft diese Lichtbalken in die Landschaft, die auch von Nahem so dreidimensional wirken, als könne man sie anfassen.


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Reisetagebuch Griechenland (12): Strauchwatte & Donnerfurz*

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mit einer Elster, Ziegenregen, bildungsfernen Amerikanern und den Verschwörungen deutscher Impfgegner im Ausland. Und es passiert Magie.

04. Oktober 2021, Volos
So doof der gestrige Tag mit dem Scheißberg auch war, der heutige schickt sich schon früh an für die Quälerei zu entschädigen. Gleich nach dem kleinen Frühstück geht es wieder in den Sattel des Motorrads und dann los, raus aus Volos, die Morgensonne im Rücken.

Sobald die Barocca den Speckgürtel der Hafenstadt hinter sich lässt, wird alles sehr ländlich. Felder, soweit das Auge reicht. Bereits umgepflügte Getreidefelder, aber auch immer wieder Baumwollfelder. Die finde ich ja völlig faszinierend und muss anhalten, um die angemessen zu bestaunen. Die V-Strom bleibt an der Straße stehen, während ich neben den Pflanzen knie, um sie zu betrachten.

Bike for Scale

Der Name „Baumwolle“ ist eigentlich gelogen. Baumwolle, zumindest in der Form in der sie hier wächst, ist gar kein Baum. Es ist nicht mal ein hüfthoher Busch, wie ich das aus Filmen in Erinnerung habe. Nein, das hier ist nur ein kniehoher Strauch. Die Wolle selbst fühlt sich an und sieht aus wie Watte. Aber der Name „Strauchwatte“ hat sich wohl nicht durchgesetzt.

Ich pflücke ein wenig Baumwolle. Fühlt sich echt exakt an wie die Watte, die man in der Drogerie kaufen kann. Ob die natürliche Baumwolle hier wohl schimmelt, wenn man sie nicht behandelt? Ich beschließe Wissenschaft zu machen und stecke aus Erkenntnisinteresse den Wattebausch in eine Tasche der Motorradkombi. Mal gucken, ob der in ein paar Tagen zu gammeligem Matsch wird.

Es geht nach Nordwesten, und dieses Mal versuche ich nicht clever zu sein und die Route auf kleinste Nebenstraßen zu zwingen. Ich folge Annas Berechnungen und genieße es, über die breiten und doch kurvigen Straßen zu cruisen. Hier ist superwenig los, man kann kilometerweit über die Felder schauen, und ich habe echt das Gefühl allein auf der Welt zu sein.

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Reisetagebuch Griechenland (11): Der Scheißberg

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 15 fängt entspannt an, aber das muss ja nicht so bleiben.

Sonntag, 03. Oktober 2021, Litochoro
Die Nacht war unruhig. Nachdem ich nach dem Abendessen wie ausgeschaltet eingeschlafen war, kamen kurz vor Mitternacht gut hörbar die Zimmernachbarn nach Hause, während auf dem nahegelegenen Parkplatz – wo die Barocca stand – eine lautstarke Auseinandersetzung unter Jugendlichen begann, begleitet von der ein oder anderen Rangelei. Als endlich alles still war, bin ich nochmal aus dem Zimmer und habe nach der Suzuki gesehen. Alles Ok. Aber man weiß ja nie. Wie auch immer, heute morgen bin ich noch ziemlich verpennt.

„Gut geschlafen?“, fragt die kleine Frau im Eingangsbereich des kleinen Familienhotels. Durch die FFP2-Maske, die sie trägt, halte ich sie im ersten Moment für Ioanna. In diesem Moment guckt Ioanna um die Ecke und winkt. Ich bin wohl sichtlich irritiert es mit zwei identischen, mittelgroßen, schlanken, schwarzhaarigen und sogar ähnlich gekleideten Frauen zu tun zu haben, weshalb die zweite Ioanna fröhlich sagt: „Darf ich vorstellen: Meine Mama!“.

Verblüffend. Die Mutter sieht exakt wie ein Duplikat von Ioanna aus, gleiche Größe, gleiche Figur, nur etwas älter. Aber das sieht man durch die Gesichtsmaske halt nicht.

Die Frau winkt kurz, dann kommt sie ohne Umschweife zur Sache. „Also, ich habe Apfelkuchen gebacken und das hier“, sie deutet auf ein kleines Buffet, „sind griechische Törtchen, Bätterteig mit feta drin, hier frisch gebackene Croissants und das da sind frisch belegte Sandwiches und außerdem haben wir jede Menge Obst und ich könnte noch Eier….“
„Nein, danke, reicht“, wehre ich lachend ab. „Den Apfelkuchen bitte“.

Der Frühstücksraum des Enipeas ist gleichzeitig auch der Eingang und Windfang zu dem kleinen Hotel. Seltsame Bauform, aber der Ausblick durch die rundum laufenden Fenster ist fantastisch. Die Sonne geht gerade auf und taucht die Berggipfel links und rechts der Enipeas-Schlucht in warmes Licht.

Ioannas Mutter setzt sich an einen Tisch mir gegenüber. „Ich bin Stavroula“, sagt sie auf englisch.
„Ich bin…“, setze ich an.
„Ich weiß“, sagt sie, „ich lese die Formulare von den Menschen, die bei mir übernachten. Gefällt dir das Haus?“ „Fantastisch“, sage ich. Naja, bis auf die Schalldämmung. Man hört ALLES von den Nachbarzimmern. Also, WIRKLICH alles.

Sie nickt. „Haben wir alles neu renoviert. Familiengeführtes Haus.“
„Sowas liebe ich“, sage ich und meine es auch so. „Familienhäuser sind meist viel besser als andere Hotels, weil den Betreibern etwas an dem liegt, was sie tun. Und es gibt Leuten wie mir, die allein unterwegs sind, die Gelegenheit sich zu unterhalten und etwas zu lernen.“

Stavroula zieht die Augenbrauen hoch und sagt „Ist das nicht fein, wir ergänzen uns. Ich begreife unsere Aufgabe nämlich so, dass wir unseren Gästen immer auch etwas über unsere Kultur beibringen. Der Apfelkuchen, den Du gerade isst… der ist mit Nüssen und nach einem ganz traditionellen Rezept. Ich bin um 5 Uhr aufgestanden um den zu backen.“

„Großartig“ nuschele ich mit vollem Mund.
„Ich kann Dir sagen, so ein Hotel ist viel Arbeit. Viele Gäste sind seltsam, aber man kann denen ja nicht in den Kopf gucken. Aber ich habe Hilfe. Vier Kinder, alle helfen. Ioanna hier hat Erziehungswissenschaften studiert. Nur ihr englisch… Du hast sie gestern verkehrt verstanden, du hättest Dein Motorrad genau vor dem Zimmer parken können.“
Ach. Das hätte einiges an Aufregung vermieden.

Nach der Verabschiedung belade ich das Motorrad und lasse es rückwärts aus dem Parkplatz rollen, wende und starte dann den Motor.

Die sechs Grad Außentemperatur, die Anna vermeldet, sind recht kühl, aber die Sonne scheint und ich atme die Morgenluft tief ein und genieße sie. Den Rest des Jahres habe ich in staubigen Büros verbracht, da ist so frische, klare Luft etwas, was ich bewusst wahrnehme und schätze.

Vom Bergmassiv geht es hinab zum Meer, bis mir im Rückspiegel auffällt, dass heute keine Wolken da sind. Ich wende und fahre den Berg wieder hinauf und mache ein Foto vom unverschleierten Olymp in der Morgensonne.


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Reisetagebuch Griechenland (10): Enipeas

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Tag 14 mit einem schlafenden Fluss, einer magnetischen Straße und zwei Schwestern in Bayern.

Samstag, 02. Oktober 2021, Vourvourou
Etwas missmutig packe ich meine Sachen zusammen. Heute heißt es Abschied nehmen von dem kleinen, etwas verranzten Häuschen am Strand. Nicht, dass ich von dem viel gehabt hätte.

Die letzten fünf Tage hat es ständig gestürmt oder geregnet, und die Luft war richtig kühl. Die Einheimischen feiern das, denn in den Wochen und Monaten zuvor hat es in Griechenland kaum geregnet, eine Hitzeglocke lag über dem Land und überall tobten Waldbrände.

Von der Hitze hätte ich mir nur ein kleines Bisschen gewünscht und vielleicht ein, zwei richtig sonnige Tage, um mal am hauseigenen Strand zu baden. Allein, es hat nicht sollen sein. Nunja. Auf dieser Reise habe ich noch zwei Mal die Chance auf ein Bad im Meer. Das klappt schon noch. Genauso wie Gyros essen. Das hat bislang nämlich auch nicht sollen sein.

Immerhin bin ich durch das erzwungene Nichtstun ausgeruht und entspannt. Das waren die ersten richtig ruhigen Tage seit Herbst letzten Jahres. Mir geht´s körperlich besser, ich träume nicht mehr von der Arbeit, und mein Magen hat sich auch eingekriegt – das allerdings schon kurz nach der Abfahrt von zu Hause, der monatelange Dünnpfiff war von jetzt auf gleich verschwunden.
Ja, mal rauszukommen ist gesund.

Ich trage die Koffer zur V-Strom. Die Maschine ist mit einem Salzschleier überzogen. Kein Wunder, das Motorrad stand auf der Sandwiese vor dem Haus, die ist nur rund 100 Meter vom Meer entfernt.

Mehrfach checke ich die Räume des Appartements und gucke überall nach, ob ich auch ja nichts vergessen habe. Dabei finde ich in der Ritze zwischen Sofa und Wand den Riegel der Moskitotür wieder, der bei der doofen Aktion am ersten Tag abgerissen und in hohem Bogen weggeflogen ist. Hatte mich schon gefragt wo der hin ist.

Schließlich stecke ich den Schlüssel von Innen an die Tür und texte meinem unbekannten Gastwirt „Leaving. Everything ok, key is in door. Had a relaxed time here, thank you.“

Relaxed stimmt auch, aber anders als gedacht. Fünf Tage im Bett und auf der Couch rumliegen, dafür fährt man eigentlich nicht nach Griechenland. Ich hatte zwischendurch sogar überlegt zu arbeiten. Arbeiten am Netbook, im Strandhaus, mit Blick auf´s Meer! Ich konnte mich dann gerade noch beherrschen, aber die Idee mal als Digitalnomade von Sonstwo auf der Welt zu arbeiten, das ist schon verlockend. Gut, geht in meinem Job nicht wirklich gut, aber wenn es ginge, würde ich es probieren.

Die DL650 springt auch nach den fünf Tagen in Salz und Regen sofort an. Ich steuere sie auf die Straße hinaus und gen Norden, runter von der ChaldiKidi…. Chalkididi.. Chalkidiki-Halbinsel und Richtung Thessaloniki. Statt von vornherein die mehrspurige Schnellstraße zur Stadt zu nehmen, steuere ich die Barocca erst einmal in die Berge östlich und nördlich von Thessaloniki.

Hier geht es auf einer Landstraße durch Weinberge und kleine Orte, das ist viel schöner zu fahre, wenn auch nicht spektakulär. Was es aber ist: Kalt. 13 Grad an der Küste, sagt Anna, und die Berge gehen teils auf 600 Meter hoch – mehr als sieben oder acht Grad dürften das hier oben nicht sein. Mir wird kalt in den Sommerhandschuhen, und starker Wind reißt an der Maschine herum.

Schließlich trifft die Landstraße doch wieder auf die Schnellstraße. Dieses Mal begehe ich nicht den Fehler und versuche mich durch Thessaloniki zu kämpfen, sondern nehme gleich die „Ring Road“, die Schnellstraße um die Stadt herum und über sie hinweg. Allerdings ist heute selbst die Ring Road fürchterlich. Der Samstag wird anscheinend genutzt um Wartungsarbeiten und Reparaturen an der Asphaltdecke sowie Baumschnitt durchzuführen, und das alles gleichzeitig. Mehrfach stehe ich im Stau und freue mich, als ich endlich aus der Stadt raus bin und die Landstraße erreiche, die wieder rechts und links voller weißer Flocken liegt und über die Traktoren mit frisch geernteter Baumwolle zockeln.


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Reisetagebuch Griechenland 2021 (9): Ausgesperrt (Das Haus am Meer)

Tagebuch einer Motorradtour durch Griechenland. Heute mache ich dumme Dinge, und das gleich mehrfach.

27. September 2021, Meteora
Vor dem Gasthaus parkt mein Motorrad, gegenüber stehen zwei Wohnmobile. In der offenen Tür des einen steht der schwäbische Mathelehrer. Das dürre Männlein schüttelt aufgeregt die Fäustchen und trägt einer Frau, die im anderen Wohnmobil gerade Bettdecken ausklopft, lautstark seine Abenteuer vom gestrigen Abend vor.

„Un´ dann hat der uns von unsere Plätze vertriebe! Des müssen´se sich einmal vorstelle! Einfach umgesetzt, obwohl mir Spit-zen-plätze hadde!“, greint er.

Ich hänge die Koffer in die Maschine ein, ziehe die Sicherungsgurte fest und starte Anna. „Route steht“, meldet sich meine Copilotin im Helm und ich denke nur Bloß weg hier, damit ich dieses Elend nicht noch länger mit anhören muss.

Schnell ist die V-Strom auf der Straße, kurvt durch den noch verschlafenen Ort Kalambaka und am örtlichen LIDL vorbei auf die Landstraße. Wenig später verschwinden die Metéorafelsen im Rückspiegel.

Östlich von Kalambaka sieht die Landschaft so aus, wie ich mir manche Gegenden in den USA vorstelle. Dünn besiedelt, karges Land, endlose Straßen. Diese Gedanken drängen bei diesen Bildern geradezu auf:

Fehlen nur noch Kakteen am Straßenrand. Oh, wie ich das genieße.

Allein.
Keine anderen Menschen.
Keine Autos
.

Na gut, Viecher gibt es. Aber Viecher sind okay. Viecher nerven mich nicht, auch nicht, wenn sie sowas machen:


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