Reisen

Reisetagebuch Japan (9): Das Überflutungseichhörnchen

Reise durch Japan. Heute wird Auto an einem ungewöhnlichen Ort gefahren und Modernd flutet eine Toilette.

Samstag, 09. November 2019
Pension Yasuda, Takayama
irgendwo in den japanischen Alpen

Ich wache auf, weil ich so sehr friere. Das liegt am Wetter, stelle ich beim Blick aus dem Fenster fest. Die Pension Yasuda liegt am Waldrand, und aus dem Zimmerfenster ist nur das dichte Laub von bunten Bäumen zu sehen. Aber aus einem Fenster neben dem Waschbecken im Flur kann ich auf eine Wiese und ein paar Autos blicken, und die sind übergefroren und dick mit Raureif bedeckt. Die Nacht hat es also gefroren, und die Temperaturen liegen immer noch unter Null.

Als Modnerd und ich den Gästeraum im Erdgeschoss betreten befürchte ich ein Frühstück aus Fisch und Tee, aber zum Glück bedient der Gastwirt auch jetzt den den europäischen Geschmack, den seine Eltern aus Spanien mitgebracht haben. Er bringt uns in der Pfanne angebratenen Toast, den er mit Gemüse belegt und mit Käse überbacken hat. Nach der Fischvermutung eine echte Erleichterung! Nur mit dem Wasserkocher in einer Ecke des Raumes können wir nichts anfangen. Zu zweit stehen wir vor dem quaderförmigen Gerät mit dem halben Dutzend bunter Knöpfe und rätseln, welche der japanisch beschrifteten Tasten jetzt wohl was auslöst.

Zum Glück bemerkt einer der beiden anderen Gäste im Raum unsere Hilflosigkeit, kommt herübergeschlendert und erklärt uns, wie man das Ding bedient. Mit seiner Hilfe bekommen wir es hin zwei Tassen heißes Wasser zu zapfen. Ok, dann gibt es Toast mit Tee, damit kann ich leben. Alles, nur keinen Fisch zum Frühstück.

Als wir abreisen wollen ist unser Mietwagen noch dick übergefroren. Einen Eiskratzer hat der Prius natürlich nicht an Bord. Unentschlossen wische ich mit meinen Lederhandschuhen auf der Scheibe herum, was aber nichts bringt. Früher hätten wir jetzt einfach unter das Radio gegriffen und eine Kassettenhülle als Eiskratzer genommen. Aber was nimmt man heute?

Modnerd kommt auf die Idee den Motor zu starten und die Scheibe mit der Lüftung abzutauen. Geht das mit einem Elektroauto überhaupt, wo doch die Abwärme vom Verbrennungsmotor fehlt?, frage ich mich und stelle fest, dass ich mich mit Elektro- oder Hybridautos echt gar nicht auskenne.

Der Prius summt kurz, als seine Systeme starten. Es ist, als ob der Wagen aufwacht und erstmal guckt, wo er ist. Anscheinend merkt das Auto, dass es kalt ist, und startet nach einer kurzen Denkpause seinen Verbrennungsmotor. Cleveres Kerlchen!

Ich krame ich meine kleine Missionsmappe raus, in der unsere Pläne, Buchungen und Routen für die einzelnen Tage sind. Die besteht außen aus einem halben Plastikschnellhefter, und mit dem hobele ich nun Stück für Stück die Eisschicht weg.

Als die Sicht akzeptabel ist, fahren wir los. Es geht durch herbstlich goldene Wälder, die die Berghänge bedecken, und dann an einem See entlang.


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Reisetagebuch Japan (8): Handgemachte Klingeltöne

Reise durch Japan. Heute Überland, mit Informationen über Land und Hausschuhe sowie ein ironisches Bauwerk, das es nicht geben dürfte.

Freitag, 08. November 2019
Ryokan Miyataya, Sawatari
irgendwo in den japanischen Alpen

Beine aus dem Bett schwingen, Füße in die Haus-Hausschuhe. Zum Klo, Toilettentür auf, Haus-Hausschuhe aus, rein in die Toiletten-Hausschuhe, die man nur im Klo trägt. Uh, Fertig. Raus aus den Toiletten-Hausschuhen, rein in die Haus-Hausschuhe, ab zum Onsen, raus aus den Haus-Hausschuhen, rein in die Badevorzimmer-Hausschuhe.

Ich bin schon früh auf den Beinen und nehme noch ein Bad im heißen Vulkanwasser des Onsen. Es ist noch ruhig in dem Ryokan, dem klassischen japanischen Gasthaus, in dem wir die Nacht verbracht haben. Auf klassisch japanisches Frühstück verzichten Modnerd und ich aber, uns steht nicht der Sinn nach Reis mit Fisch und Grünem Tee.

Also in die Haus-Hausschuhe, zum Empfangsbereich, dort in unsere Straßenschuhe. Nach 8 Tagen in Japan haben Modnerd und ich das ständige Schuhewechseln mittlerweile drauf, auch wenn es noch nicht zur zweiten Natur geworden ist. Aber immerhin ist uns noch nicht das passiert, was angeblich jeder Ausländer irgendwann mal hinbekommt: In den Toiletten-Hausschuhen im Wohnbereich stehen und sich wundern, warum einen alle in Horror anstarren. Den Umstehenden schmilzt in solchen Fällen das Hirn. IN TOILETTENSCHUHEN! IM WOHNBEREICH! Vermutlich wird dann gleich das Haus angezündet und neu gebaut.

Keine Ahnung woher der Schuhwechselfetisch in Japan kommt. Vermutlich, weil früher einfach viel auf dem Boden gesessen und geschlafen wurde. Das ist heute nur noch zum Teil der Fall, aber Traditionen behält man halt bei, weil man das schon immer so gemacht hat. Das ist wirklich etwas fremdartig, während ansonsten alles erstaunlich vertraut wirkt. Kein Wunder, Japan ist Deutschland ähnlich by Design.

Geschichtlich gesehen war das japanische Kaiserreich lange isoliert, mehrere Hundert Jahre lang, einfach weil man sich für was Besseres hielt und mit der schmutzigen Welt nichts zu tun haben wollte.

Als sich Japan dann im 19. Jahrhundert auf „Wunsch“ insb. der Briten öffnete („Schönes Kaiserreich haben sie da. Wäre schön, wenn sie es für Handel und Kultur öffnen, sonst müssen wir das leider tun“), war es hoffnungslos hinten dran. Statt sich weiter zu entwickeln hatte man nämlich nur vierhundert Jahre lang Traditionen gepflegt. Darum hatte Japan nun viel aufzuholen.

Das tat es auch, und sogar im Eiltempo. Der Tenno schickte Emissäre in die ganze Welt, zum Studium von westlicher Kultur und Gesellschaft. Die Abgesandten prüften, wo was am Besten funktionierte und das wurde dann übernommen, indem man sich westliche Berater ins Land holte. Deshalb wirkt Japan an manchen Stellen auch wie ein Best-of der westlichen Welt: Weil es genau das ist.

Verkehrszeichen? Amerikanisch. Schulsystem? Britisch. Militärischer Aufbau, Armeeausbildung, medizinische Ausbildung und Versorgung, Gesundheits- und Verwaltungssystem: DEUTSCH. Sogar in der japanischen Verfassung findet man Ideen und teils sogar ganze Passagen aus der preußischen Verfassung. Die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Japan kühlten erst ab, als Kaiser Wilhelm II. was von der „gelben Gefahr“ schwadronierte und die Japaner aufforderte, gefälligst auf ihrer Insel zu bleiben und nicht Immobilien auf dem Festland zu erwerben.

Bis dahin hat Japan viel von Deutschland und dem Rest der Welt gelernt und jeweils das Beste übernommen. Gut, es gibt Ausreißer. Keine Ahnung, was den Kaiser bewogen hat, ausgerechnet von den Briten die Verkehrsführung und von den Amerikanern das lausige Stromsystem zu übernehmen.

Ich meine, die Stecker sind ja schon doof, weil sie dauernd aus der Wand fallen…

…aber 110 Volt? Ernsthaft?

Zum Glück können meine mitgeführten Geräte darauf umschalten, und das Netbook und Telefon länger zum Laden brauchen ist zum Glück recht egal, aber bei unsmarten Geräten sieht das anders aus. Ein durchschnittlicher, europäischer Föhn zieht so viel Energie, dass in alten Häusern in Japan die Leitungen so heiß werden können, dass sie in den Wänden anfangen zu brennen. Deshalb bitten Hotels auch INSTÄNDIG darum, dass man sich als Europäer an der Rezeption einen Föhn leiht.

Beim Checkout werde ich daran erinnert, das Japan nicht nur in Sachen Verwaltung Deutschland sehr ähnlich ist. Modnerds Kreditkarte wird freundlich, aber bestimmt abgelehnt und auf Barzahlung bestanden. Ein Problem ist das freilich nicht, ich sehe immer zu, dass ich genug Bares für mindestens die nächste Übernachtung und eine Tankfüllung dabei habe. Plastikgeld ist schön, hilft aber in der Wallachei manchmal einfach nicht.

Nachdem der Check-Out friedlich gelöst ist, möchte Modnerd ein wenig durch Sawatari laufen, den Ort, an dem wir übernachtet haben. Ich habe da keine Lust drauf. Die Morgenluft ist kalt, und ich fühle mich krank. Mein Hals kratzt, und ich habe das Gefühl, ich muss mit meiner Energie haushalten. Die will ich nicht verbraten in dem ich doof Straßen den Berg hochlaufe in einem Ort, in dem es garantiert nichts zu sehen gibt. Aber Modnerd besteht darauf. Maulend folge ich ihm.

Es sieht so aus, als würde das Dorf aus wenig mehr als einer Straße bestehen, die einmal den Berg hoch und wieder runter führt. Die Häuser an dieser Straße sind alle über heißen Quellen gebaut, jedes hat einen Onsen im Angebot.

Die Häuser, die hier gebaut sind, wirken massiver als anderswo. Wir sind schon durch Orte gekommen mit Holzhäuschen, die wirken, als wäre sie nur temporär gebaut: Dünne Wände aus Brettern, billige Einfachfenster. Einweghäuser, sozusagen.

Das stimmt sogar. In Japan wird nicht für die Ewigkeit gebaut. Es kommt wohl sehr häufig vor und ist fast üblich, das Kinder das Haus ihrer Eltern, wenn sie es erben, abreißen und neu bauen. Ich habe schon gelesen das sei, damit sich keine bösen Geister in den Häusern ansammeln. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube eher, dass der Grund für die Abrisse ist, das viele der Häuschen in so einer leicht- und Billigbauweise errichtet wurden, dass die nach 30 Jahren einfach hinüber sind und der Neubau günstiger ist als die Sanierung.

Die Dorfstraße ist unspektakulär. Es gibt einen hübschen Laden, ansonsten ist ein abgebranntes Holzhaus noch das aufregendste, was zu sehen ist.

Einmal durch den Ort zu wandern dauert keine zehn Minuten, dann stehen wir auf einer Brücke, die aus dem Dorf heraus und über eine breite Schlucht führt. Die Wälder leuchten herbstlich in der Morgensonne, und unter der Brücke fließt ein Fluss dahin. Das ist schön, und jetzt bin ich doch froh, dass Modnerd mich hier rausgeschleift hat.


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Reisetagebuch Japan (7): Breakfast for Champions

Reise durch Japan. Heute wird erklärt, was Modnerd nicht kann, wie er meine schlimmen Fehler beim Autofahren verhindert und warum ich nackt in den Bergen rumstehe.

Donnerstag, 07. November 2019
Pension Sora, Tateshina
irgendwo in den japanischen Alpen

Um kurz vor halb acht geht Modnerd ins Badezimmer. Gut, dass ich schon vorher dort war und alles erledigt habe. Das mache ich mit Absicht.

Ich dusche immer am Abend zuvor und morgens sehe ich zu, dass ich mir die Zähne putze und meine Sachen aus dem Bad evakuiere, bevor Modnerd es betritt. Denn mein alter Reisegefährte hat ein ganz besonderes Talent: Er kann in ein sauberes, aufgeräumtes Badezimmer gehen und es zwei Sekunden später wieder verlassen, und der Raum dahinter sieht aus, als hätte eine Gruppe Teenager darin eine mehrstündige Wasserschlacht gefeiert. Wirklich: Er geht durch eine Tür und kommt sofort wieder raus und dahinter sieht es von jetzt auf gleich aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

So ist es auch heute morgen. Als Modnerd nach einer kurzen Dusche die Nasszelle verlässt, ist sie WIRKLICH nass: Wasser steht auf dem Boden, das WC und die gegenüberliegende Wand sind mit mitgeduscht, Handtücher hängen auf halb acht an den Halterungen und der Spiegel ist voller Zahnpasta. Wie macht er das nur immer? Um es klar zu sagen: Er macht das nicht mit Absicht. Das passiert einfach. Aber wie kriegt er das hin?

Ich würde das nicht mal hinbekommen, wenn ich absichtlich versuchen würde ein Badezimmer möglichst eingesaut zu hinterlassen, und bei ihm passiert das einfach so, während der normalen Benutzung. Wie geht das? Stellt er sich in die offene Duschtür, hält die Brause in die Hand und dreht sich ein Mal um sich selbst? Bestimmt nicht. Das passiert vermutlich einfach nur, weil ihn Bäder schlicht nicht interessieren und er deshalb alles darin ignoriert. Bad-Ignoranz, sozusagen.

Seufzend beseitige ich die gröbsten Spuren und feudele mit den Handtüchern einmal über Wände und Spiegel und hänge sie dann ordentlich auf. Einfach, weil mir die Gastgeber sonst Leid tun würden. Wie man einen Raum hinterlässt, hat ja auch was mit Respekt den Gastgebern gegenüber zu tun, und die nette Herbergsfamilie hat Besseres verdient als das hier. Abgesehen vom Respekt weiß man ja auch nie, ob man nicht nochmal wiederkommen möchte.

Das Erdgeschoss des Hauses ist Bar und Restaurant in einem, aber weil gerade keine Saison ist, ist es auch das Spielzimmer und Wohnzimmer der Familie, die die „Pension Sora“ betreibt. Alles ist aus hellem Holz gebaut, und in der Mitte des Raumes bullert ein kleiner Benzinofen mit einem Teekessel darauf vor sich hin. Der ganze Raum atmet Wärme und Gemütlichkeit.

Der Herbergsvater, ein junger Man Anfang 30, sieht mit einem rotkariertem Flanellhemd und einem Vollbart aus wie eine Mischung aus IT-ler und Holzfäller. Er spricht leidlich englisch und lacht, als er Modnerd und mich die Treppen runterkommen und von den Wohnbereich-Schlappen in die Restaurant-Schlappen wechseln sieht.

Auf einem Tisch steht bereits unser Frühstück. Es gibt Reis in Algenpapier mit Fischfüllung, eine deftige Brühe und dazu Salat. Und – „Glückes Geschick! – Kaffee aus einer Filtermaschine.

Modnerd und ich sind morgens meist schweigsam, unser Gastgeber hat dagegen Quasselwasser getrunken. „Und am Samstag, da machen wir das alljährliche Run&Drink!“, macht er Werbung für sein Restaurant. „Am Anfang ein Bier trinken, dann eine Runde laufen, dann einen Sake, dann wieder laufen, dann noch einen Sake und so weiter. Laufdistanz ist einmal um den Lake Miyake, also 8,8 km. Die ersten sechs Sake sind in der Startgebühr enthalten. Kommt super an! Wäre das nicht was für Euch? Falls ihr dann noch hier seid?“

Ich rechne kurz nach. Man muss also mindestens 50 Kilometer laufen, bis der erste Sake bezahlt werden muss. Sportlich. „Samstag sind wir nicht mehr hier“, sage ich. „Leider“, füge ich schnell hinzu, weiß dabei aber ganz genau, dass ich nicht mal die Hälfte der ersten Runde überstehen würde. Laufen ist nicht meins.

„Macht nix, das Run&Drink findet jedes Jahr statt. Empfehlen sie uns weiter“, sagt der Gastwirt und lacht.

Mit gepackten Sachen treten wir kurze Zeit später vor die Tür des Holzhauses. Die Bergluft ist frisch, und es ist definitiv schon Herbst hier oben. Gegenüber des Hauses ist ein kleines Birkenwäldchen.

Kurze Zeit später brummt der Toyota Aqua, der eigentlich ein Prius ist, durch die Berge. Mit seinen schweren Batterien liegt der Wagen wie ein Brett auf der Straße, und ziehen tut er im Verbrennermodus auch nich. Drückt man auf´s Gaspedal, wird er nur moderat schneller. Aber mehr muss er auch nicht leisten, denn die Höchstgeschweindigkeit auf Japans Straßen ist stark reglementiert. Maximal 60 km/h darf man hier fahren. Modnerd steuert das Autochen, ich habe Zeit mir die Landschaft anzugucken.


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Reisetagebuch Japan (6): Der Tag, an dem wenig klappt

Reise durch Japan. Heute geht es raus auf´s Land. Dabei verzweifeln Modnerd und Silencer fast an japanischen Englischkenntnissen, faules Bluetooth ist faul und im Wald der verlorenen Seelen wartet ein schwarzer Drache. Auch ansonsten klappt nicht alles auf Anhieb.

Mittwoch, 06. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Um 5:30 Uhr klingelt der Wecker, aber zu dem Zeitpunkt bin ich schon wach. Mir geht´s nicht so toll. Die Riesenportion Ramennudeln mit dick Rindfleisch gestern Abend waren wohl ein wenig zu viel und zu fettig für meine Magen. Erst konnte ich vor Bauchschmerzen lange nicht einschlafen, dann habe ich wirres Zeug geträumt und bin immer wieder aufgewacht. Mein Bauch fühlte sich an wie aufgebläht und mit Ziegelsteinen gefüllt. So ähnlich müssen sich Schwangere fühlen.

Ich wälze meinen Kugelbauch aus dem Bett und schlurfe auf den Balkon. Ein letztes Mal gucke ich über das kleine, ruhige Viertel von Sumida.

Heute ist es an der Zeit Tokyo zu verlassen. Fünf Tage sind Modnerd und ich jetzt hier gewesen. Das war gut um sich ein wenig einzufinden und an das japanische Leben ranzutasten. Aber Japan ist nicht nur Tokyo, und nun ist es an der Zeit ein wenig mehr von dem Land zu sehen. Mach´s gut, Zimmer!


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Reisetagebuch Japan (5): Your Name in Kamurocho

Reise durch Japan. Heute begebe ich mich an reale Orte aus fiktiven Geschichten, sinniere über Tankstellen und treibe mich in alten Bordellvierteln herum.

Dienstag, 05. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

An diesem Morgen verlasse ich um kurz nach acht alleine das Hostel. Modnerd und ich gehen heute getrennte Wege. Zwar kommen wir uns nicht groß in die Quere, wenn wir zu Zweit unterwegs sind, aber wenn ich für mich bin, habe ich das Gefühl mehr zu sehen und mehr mit zu bekommen, und das will ich heute.

Allein die Möglichkeit, jederzeit und in der eigenen Sprache mit jemandem reflektieren zu können was ich gerade sehe, lässt mich eine Reise weniger intensiv erleben. Vielleicht weil Gedanken, die mir beim Erkunden in den Sinn kommen, gleich durch den Mund wieder den Kopf verlassen. Wenn ich allein bin, bleiben die Gedanken im Kopf und kreisen darin, bis sie für mich kategorisiert und eingeordnet sind und dann irgendwann hier im Reisetagebuch stehen. Wenn ich allein bin, kommen Dinge näher an mich heran, ich tauche in die Welt ein. Bin ich mit anderen unterwegs, habe ich das Gefühl eine Blase um mich herum zu haben, durch die ich weniger mitbekomme. Wie auch immer: Ich mag Reisen mit Modnerd, aber heute freue ich mich darauf den Tag für mich zu haben.


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Reisetagebuch Japan (4): Teamlab Borderless & Skytree

Reise nach Japan. Heute mit einer Straßenbahn die übers Wasser fährt, einer digitalen Welt und Dunkelheit, die durch eine Stadt schwappt.

Montag, 04. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Nicht nur das Hostelzimmer müllt zu, auch meine Hosentaschen. Mit Kleingeld. Japan hat ein ähnliches Preisniveau wie die Schweiz, und alles unter 50 Yen (ca. 40 Cent) kann man eigentlich nicht wirklich nutzen. Warum es überhaupt noch 10, 5 und 1 Yen-Stücke (das sind 0,8 Eurocent!) gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. In Geschäften wird man den Kram nämlich nicht einfach so wieder los, und aufgrund der ganzen schiefen Preise sammeln sich die Minimünzen rasant an. Da ich die immer in den linken Hosentasche habe, gehe ich schon ganz schief – und lasse deshalb erstmal eine Handvoll davon zu Hause.

Überhaupt, Bezahlung! Japan, so dachte ich immer, ist ein supermodernes Land. Dem ist aber nicht so. Klar, Japaner sind technikbegeistert, und selbstverständlich gibt es überall Glasfaser und schnelles LTE, aber in Sachen Kartenzahlung ist man hier noch schlimmer als in Deutschland.

In der Großstadt Tokyo geht es noch halbwegs, hier kann man zumindest in Hotels, Restaurants und Conbinis mit Karte zahlen, nur an Automaten und in kleinen Geschäften wird die Zahlung per Kreditkarte abgelehnt. Auf dem Land ist das schlimmer, da heißt es in vielen Restaurants und Hotels: Nur Bares ist Wahres. Japan ist, genau wie Deutschland, eine Bargeldgesellschaft.

Um wenigstens ein wenig von den Münzen wegzukommen, gibt es lokale Debitkarten. Das sind Plastikkarten, auf die man per Kreditkarte oder Bargeld einen Betrag speichern kann. Die Debitkarten kann man dann zum Bezahlen in Verkehrsmitteln und an Automaten verwenden. Problem dabei: Es gibt haufenweise Kartensysteme, und die Karten werden meist nur jeweils in einer Regions anerkannt. In Tokyo sind die verbreitetsten Karten die von Suica oder Pasmo.

Zum Glück hat mir Huhu seine Suica-Karte geliehen.

Wer braucht schon eine Apple-Card, wenn er eine Pinguin-Karte haben kann?

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Reisetagebuch Japan (3): Baumkuchen, Brüste und Igel

Reise nach Japan. Heute probiere ich japanischen Baumkuchen, amüsiere mich über deutsche Worte und stolpere in Kunstinstallationen.

VORBEMERKUNG: Japans konservative Gesellschaft ist patriarchal geprägt und hat ein großes Problem mit Sexismus und ein riesiges Problem was Frauenrechte angeht. Beides halte ich für hoch problematisch.

Ich versuche mit meinen Reisen und diesem Tagebuch zu entdecken und zu verstehen, wie andere Gesellschaften ticken. Da sexualisierte Darstellungen im Jahr 2019 fester und allgegenwärtiger Bestandteil der japanischen Kultur sind, komme ich um deren Beobachtung nicht herum. Das soll kein Selbstzweck sein, sondern wird vom Versuch begleitet, durch Beobachtungen auf gesellschaftliche Phänomene zu schließen. Das nur als Grund, weshalb es im Folgenden durchaus (Comic-)Brüste geben wird.


Sonntag, 03. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Beim Frühstück muss ich kurz das Gesicht verziehen. Meine Zunge gibt sich empört, weil Sie vermutet, ich hätte sich in Waschmittel gesteckt.

Nein, Zunge, das ist kein Waschmittel. Hier schmeckt nur einiges etwas anders, als wir es gewohnt sind. Der Joghurt zum Beispiel hat eine etwas andere, geradezu wässrige Konsistenz und schmeckt nicht nach den Aromen, die wir so kennen. Er schmeckt künstlich und so, wie manche Waschmittel riechen, und das empört meine Zunge.

Ich probiere ja gerne neue Sachen, aber in Maßen. So lange es sich vermeiden lässt, trinke ich keinen Grünen Tee zum Frühstück und esse dazu Fisch. Deshalb gibt es auch heute morgen für mich Rosinenbrioche und Instantkaffee, während sich Modnerd an Reisbällchen mit Fisch in Kombination mit einem seltsam rosafarbenen Getränk versucht.

Der Wohnbereich unseres Zimmers hat mittlerweile, nach einem Abendessen und zwei Mal Frühstück, Gemütlichkeit absorbiert. Oder anders ausgedrückt: Es müllt langsam aber sicher voll.

Seit zwei Tagen versorgen wir uns aus „Conbinis“, den kleinen Convenience-Stores, in denen es Fertignahrung gibt. Das ist bequem und vergleichsweise billig, produziert aber leider unglaublich viel Müll. Zumal man es in Japan mit Plastikverpackungen eh hat. Es ist unglaublich, aber ALLES gibt es hier in Wegwerfvarianten und eingepackt in Unmengen an Kunststoff. Sogar hartgekochte Eier werden geschält und dann in Plastik verpackt zum Kauf angeboten:

Völlig ungläubig haben wir gestern Abend eine Packung Kekse angestarrt, die sich Modnerd aus einem Conbini mitgebracht hatte. Drum herum war eine große, feste Plastikverpackung, innen drin war eine Halterung aus Kunststoff für die Kekse und JEDER EINZELNE KEKS war auch nochmal in Plastik verpackt. Völliger Wahnsinn, der sich beim Einkauf auch fortsetzt.

So bekommt man beim Einkauf in Conbinis zu allem Besteck dazu. Zu einem Fertigsalat eine Plastikgabel, verpackt in Plastik. Zu einem Joghurt gibt es einen Plastiklöffel, verpackt in Plastik. Dazu Servietten, natürlich verpackt in Plastik. Und man bekommt immer und überall Plastiktüten für seine Einkäufe.

Am Ausgang der Conbinis stehen sogar Mülleimer, in die man die frisch gekauften Plastiktüten gleich wieder entsorgen kann, wenn man sie nicht braucht. Aber mitnehmen muss man sie. Über diese Konvention setze ich mich jedes Mal hinweg. Ich habe meinen kleinen Tagesrucksack dabei und sogar eine Einkaufstasche aus Stoff und sehe es überhaupt nicht ein, die Plastebeutel mitzunehmen. Jedes mal wenn ich sage „Nonono“, wenn der Kassierer zum Plastikbeutel greift, werde ich erst ungläubig angesehen, dann folgt seltsames Gemurmel, und manchmal wird dann jeder einzelner Artikel mit farbigem Klebeband als „bezahlt“ markiert.

Die Ernährung auf Conbinis ist natürlich nicht gesund. Zwar gibt es auch fertig abgepackte Reisgerichte und Salate, aber die meisten Fertiggerichte sind zu süß und zu fettig. Interessant ist es natürlich schon mal zu probieren, wie japanischer Baumkuchen eigentlich schmeckt.

Auflösung: Nicht nach Baumkuchen. Das ist auch kein echter Baumkuchen, sondern lediglich ein profaner Rührkuchen, auf den mit Lebensmittelfarbe Ringe aufgemalt wurden.

Modnerd und ich fahren mit der Metro in den Stadtteil Akihabara.

Auf den Bahnsteigen ist auf dem Boden markiert, wie man in zwei Schlangen rechts und links vor einer dicken Markierung warten soll. An der dicken Markierung kommen exakt die Türen der Züge an. Manchmal sind die Markierungen gelb, manchmal grün. Keine Ahnung was das bedeutet. Was ich aber weiß: Wenn die Markierungen schreiend pink sind, dann darf ich dort nicht einsteigen.

Pink bedeutet, dass dort ein Wagen hält, in den nur Frauen einsteigen dürfen. Japan hat so gut wie keine Kriminalität, aber „Groping“, das Befummeln und Betatschen von Frauen in vollen Bussen und Bahnen, ist ein echtes und verbreitetes Problem. Die Wagen nur für Frauen gibt es auf den Hauptlinien der Tokioter Metro und sind ein etwas verzweifelt scheinender Versuch, Frauen zu schützen.

In Akihabara angekommen stellen wir fest, dass der Bahnhof zwitschert. Wirklich, wir hören Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern. Damit wird blinden Menschen der Weg zu den Ausgängen gewiesen, unmittelbar vor Treppen zwitschert es am Lautesten. Jeder Bahnhof hat einen anderen Vogelruf.

Außerdem hat jede Haltestelle der Metro in Tokyo eine eigene Melodie, die immer beim Einfahren eines Zuges erklingt. Modnerd, der sehr auf Akustik steht, zeichnet die Bahnhofsgeräusche mit einem kleinen Soundrecorder auf. Was er da so aufnimmt, kann man in seinem Podcast unter schoene-ecken.de nachhören, dort wird diese Reise in drei Folgen besprochen.

Beim Verlassen des Bahnhofs wird sofort klar, wo wir hier sind. Akihabara ist bekannt für zwei Dinge: Erstens für Comics und Comicfiguren und zweitens für Unterhaltungselektronik. Was es in diesen Bereichen gibt oder jemals gegeben, kann man hier kaufen, egal wie absurd es ist.


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Reisetagebuch Japan (2): Irgendwas mit Architektur

Reise nach Japan. Heute erprobe ich japanische Toiletten, nähere mich Tokyo und warte darauf, dass mein Reisegefährte Modnerd verhaftet wird.

Samstag, 02.11.2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Als ich die Augen aufschlage, sehe ich den Boden eines Etagenbetts über mir. Ich weiß sofort wo ich bin: In Japan! Die gestrige Reise ein Mal um die Welt war kein Traum!

Ich habe wie ein Stein geschlafen, stelle ich fest, und jetzt bin ich putzmunter. Es ist es kurz vor 08:00 Uhr, zuhause in Deutschland wäre jetzt erst Mitternacht. Cool, keinerlei Jetlag!

Kurz darauf und etwas später sitzen Modnerd und ich in der Wohnecke des 4-Bettzimmers, das wir für uns allein haben. Das ist purer Luxus, immerhin sind wir hier in einem Hostel. Nebenan schlafen acht Leute in einem Raum der nur halb so groß ist und in dem jeder hat nur eine Schlafkoje mit einem Vorhang hat. Und wir haben hier sogar eine Sitzecke und einen Balkon.

Was wir nicht haben: Eine normale Zimmerdecke. Aus irgendeinem Grund ist unser Zimmer nach oben offen. Man kann ins nächste Stockwerk durchgucken, das aus einem kleinen Raum besteht, der wie ein Turm oben aus dem Haus raussteht.

Im Supermarkt habe ich mir gestern Instant-Kaffee und einen Rosinenbrioche gekauft. Modnerd ist ein wenig exotischer drauf und hat zum Frühstück giftgünen Instant-Tee und ein Brötchen mit süßer Pasta. Er kauft perverseste Dinge, unter dem Vorwand sich an lokale Geschmäcker anzupassen. Ich beäuge seine Frühstücksauswahl betont mißtrauisch. „Schmeckt gut“, behauptet Modnerd demonstrativ.

Frühstück für Helden? Frühstück für Wikinger sieht in Japan verdächtig nach Karies aus:

Was unsere Luxussuite neben einer Zimmerdecke auch nicht hat: Ein Badezimmer. Im Erdgeschoss des Hostels, neben dem Gemeinschaftsraum, sind ein paar Duschen, und im Gang vor unserem Zimmer sind Waschbecken und Toiletten, die wir gemeinsam mit Backpackern aus aller Welt nutzen.

Die Toiletten sind natürlich das Besondere. Japanische Toiletten sind Hightech-Produkte, die äußerst sparsam mit Wasser umgehen, sich selbst desinfizieren und so beschichtet sind, dass nichts am Becken kleben bleiben kann – eine Klobürste ist unnötig.

In der Regel ist die Klobrille beheizt, und gespült wird über ein Kontrollfeld an der Wand oder direkt neben der Toilette. Allerdings sollte man sich vorher mit den Symbolen auf dem Tastenfeld vertraut machen, sonst kann man seltsame Überraschungen bis hin zum ungewollten Einlauf erleben.

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Reisetagebuch: Japan (1)

Im Herbst 2019 verschlägt es Herrn Silencer nach Japan. Die Reise findet ohne Motorrad statt, weswegen die nächsten Teile, die immer Samstag erscheinen, nicht im Motoblogger-Reddit auftauchen werden. Auch ohne zwei Räder: Abenteuerlich wird es trotzdem.

Donnerstag, 31. Oktober 2019, Götham

Man, bin ich müde.

Müde, weil ich wenig geschlafen habe und schon seit 6:30 wach bin.

Dabei ist heute Feiertag, Reformationstag, der 31. Oktober. Ich habe also frei und könnte ausschlafen. Aber das wäre erstens nicht gut und zweitens bin ich jetzt doch ein wenig aufgeregt.

Zum wiederholten Male checke ich Webseiten.
Bus? Fährt.
Bahn? Fährt, wenn auch verspätet, was für eine Überraschung.
Flieger? „Heute ist ein hohes Reiseaufkommen, planen Sie mehr Zeit für den Checkin ein“, meldet der Flughafen, sonst aber alles gut.

Ich mache den Rechner aus, stelle die Heizung ab und klicke dann die Sicherungen der Wohnung raus. Dann zippe ich den Rucksack zu. Alles, was ich für drei Wochen brauche, ist da drin.

Verreisen mit möglichst minimalistischem Handgepäck, das habe ich ursprünglich mal von Kalesco und Modnerd gelernt. Während Modnerds Gepäck dann im Laufe der Jahre immer voluminöser wurde, entlang den immer handgepäckfreundlicheren Regeln von Ryan Air, ist meines immer noch weiter geschrumpft.

Nach jeder Reise gucke ich genau, was ich nicht gebraucht habe und was beim nächsten Mal zu Hause bleiben kann. Hier was weglassen, da ein paar Gramm einsparen, dort ein Teil durch etwas leichteres ersetzen.

Zwei Erkenntnisse daraus:
1. Aus vielen, wenigen Gramm, die man hier und da einspart, wird irgendwann ein Kilo und das kann entscheidend sein.
2. Ich brauche unterwegs nicht viel.

Die Bonuserkenntnis: Ich bin kein Rollkoffertyp.

Ich habe es echt versucht, aber ich kann mich mit den Dingern nicht anfreunden. Griffmechanik und Rollen sind zusätzliches Gewicht und nehmen Platz weg, was mir schon in der Seele weh tut. Und man hat die Hände nicht frei, wenn man ein Köfferchen ziehen muss. Deshalb bin ich mit einem Gepäckstück unterwegs, das leicht ist, und mit dem ich – anders als bei Rollkoffern – die Hände frei habe.

Zum ersten Mal verwende ich Packing Cubes, ultraleichte Reißverschlusstaschen, um Klamotten im Rucksack nach Ober-/Unterbekleidung und Schmutzwäsche zu trennen. Sowas hatte ich bislang nicht, nach alter Moppedfahrermanier habe ich bislang meine Klamotten immer in Müllbeutel verpackt, weil die wasserdicht und superleicht sind. Aber gut, ich muss zugeben, mit den Cubes sieht es ordentlicher aus.

Ich bin auch deshalb müde, weil ich ein wenig kränkele. Ich werde ja nie krank, aber vorgestern Nacht bin ich stundenlang bei Temperaturen nahe Null und viel zu leichter Bekleidung durch die Gegend gerannt. Eine Hausmeisterin fand es wohl witzig, den Parkplatz der Volkshochschule abzuschließen, während die Schüler noch drauf standen, nur um dann Feierabend zu machen. Fast eineinhalb Stunden bin ich durch die Kälte gerannt bis ich endlich jemanden gefunden hatte, der mein Auto vom Parkplatz lassen konnte. Scheiß Aktion. Die Quittung dafür: Husten und verschnupfte Nase. Mist.

Ein letzter Blick zurück. Huhu, der Blogpinguin, wird in meiner Abwesenheit auf alles aufpassen. Jetzt hat er es sich auf der Couch bequem gemacht und winkt zum Abschied.

Ich schließe die Wohnung ab und mache mich auf den Weg zum Bus.
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Kategorien: Motorrad, Reisen, Wiesel | 14 Kommentare

Teaser

Kleiner Vorgeschmack auf die Orte, an die es das Reisetagebuch in den kommenden Wochen verschlägt. Die neuen Episoden erzählen das Abenteuer, wie der Dorfmensch Herr Silencer versucht sich in einer 38 Millionen-Metropole zurecht zu finden, dabei Dinge über Roboter und Idole lernt, Banden von kriminellen Hochqualitätsbambis begegnet und irgendwann völlig nackt und fiebrig auf einem herbstlichen Berg steht. Nun, vielleicht nicht beides gleichzeitig.

All das und mehr ab Samstag. Hier im Blog.


Frühere Meisterwerke der Videokunst:

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Kategorien: Motorrad, Reisen, Trailer, Upcoming, video | 7 Kommentare

Reisetagebuch Motorradtour 2019 (18): Ich bin ein menschlicher Tintenfisch

Sommerreise mit der V-Strom. Heute geht´s hoch hinaus, dann nach Hause.

Freitag, 28. Juni 2019, Großglockner Hochalpenstraße

Die Hochstraße ist jetzt nicht mehr ganz so voll, und die Motorräder fahren schön gereiht hintereinander her. Also, die meisten.

Die Parkverwaltung bittet darum langsam, vorsichtig und leise zu fahren. Das tun auch fast alle, aber selbstverständlich gibt es Ausnahmen. Einige Kradfahrer sehen in der Hochalpenstraße wohl sowas wie eine Rennstrecke, auf der sie eine neue persönliche Bestzeit aufstellen müssen. Ich hatte schon befürchtet, dass alle paar Meter so ein Held hinter mir hängt und drängelt, und obwohl ich zügig unterwegs bin, ist es natürlich genau so.

Sogar noch schlimmer, es gibt auch jede Menge unzivilisierte Gruppen, wo einer vorne weg rast (Held) und die dahinter krampfhaft versuchen Anschluss zu halten. Die letzten, das sind dann die schwächsten Fahrer, und die versuchen verzweifelt Anschluss zu halten und fahren sich haarsträubenden Scheiß zusammen, schneiden Kurven und gefährden dabei sich und andere. Das, meine Damen und Herren, ist nicht wie Gruppenfahrten funktionieren sollten.

Ohnehin sind viele richtig schlechte Motorradfahrer unterwegs. Insbesondere Niederländer fallen dadurch auf, dass sie ihre Maschinen um die Kurven tragen. Dieses Prachtexemplar hier eiert zum Beispiel völlig ohne jede Schräglage und in Schrittgeschwindigkeit um die Kurven.

Trotzdem ist die Fahrt durch diese großartige Landschaft fantastisch. Links und rechts tun sich immer wieder Ausblicke auf, die ich ganz tief in mir aufsaugen und nie vergessen möchte. Schneefelder bedecken sattgrüne Wiesen, Seen stehen in kleinen Tälern und Wasserfälle aus Schmelzwasser sprudeln über Felswände.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (17): Die große Poperze

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute geht es in die Alpen, ein lang gehegtes Vorhaben gelingt und endet in Wut.

Freitag, 28. Juni 2019, Villa Maria Luigia, Veneto

Ich sitze an meinem Tisch im Frühstücksraum der Villa Maria.

Vor drei Jahren habe ich exakt hier, an diesem Tisch, die Nachrichten aufgemacht und völlig geschockt lesen müssen, dass die Briten für einen Austritt aus der EU gestimmt haben. Was mich wohl heute morgen für Horrornachrichten erwarten?

Oh. Sowas. Naja, ist ja halb so schlimm. Ives Besessenheit hat in den letzten Jahren Apples Produkte eher schlechter als besser gemacht.

Sara steckt den Kopf durch die Tür. „Es tut mir leid, es gibt keinen Kaffee heute Morgen.“
Nnnnnnnooooooooiiiiiiiinnnnnn!!!!!!!!!

„Sorry, die Maschine ist kaputt“, sagt Francesco. Söhnchen Carlo sitzt auf dem Bartresen und sieht mit großen Augen zu, wie sein Vater an der schrankwandgroßen Espressomaschine herumschraubt, die aber keinen Mucks tut.

Na, dann keinen Kaffee, nur Abschied. „Bis zum nächsten Mal?“, fragt Sara. Ich ziehe die Schultern hoch. „Wir werden uns sicher wieder sehen. Aber ich weiß noch nicht wann“, sage ich.

Ich spüre das schon die ganze Fahrt über: Ich habe Italien durchgespielt. Auch wenn ich manche Menschen hier wirklich sehr in mein Herz geschlossen habe und sie am Liebsten ständig besuchen würde, ich brauche jetzt mal was anderes.

Das Motorrad ist bereits beladen und steht vor der Tür in der Morgensonne.
Sara, Francesco und Carlo stehen vor der Villa und winken mit nach, als das Motorrad startet und über den Gartenweg hinaus auf die Landstraße rollt.

Der Berufsverkehr im Veneto ist wie immer dicht und klebrig, aber Motorräder dürfen in Italien ja zum Glück fast alles. Mit dem üblichen und tolerierten an-roten-Ampeln-bis-ganz-nach-vorne-fahren, im-Überholverbot-überholen usw. komme ich leidlich schnell voran.

Anna hilft nach Kräften mit. Die MOtorrad-KI hat Baustellen und Unfallmeldungen aus dem Netz gefischt, die sie mir nun ins Ohr sagt. Wir einigen uns darauf, dass wir ein kurzes Stück Autobahn fahren, um nicht stundenlang auf irgendwelchen Dörfer an Ampeln zu warten. Die 3,60 Euro für die Maut kann ich mir gerade noch leisten.

Schnell geht es in die Berge. San Biagio di Callalta liegt nicht weit vom Alpenrand entfernt, und als ich von der Autobahn abfahre, bin ich schon mittendrin in den Bergen.

Bild: Google Earth 2020.


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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (16): L´Arsenale

Auf Sommertour mit dem Motorrad. Heute schmelze ich.

Donnerstag, 27. Juni 2019, San Biagio di Callalta
„Hast du wieder Unterricht genommen? Dein Italienisch ist besser geworden.“ Ich verschlucke mich vor Lachen fast am Kaffee, blicke Sara mit hochgezogenen Augenbrauen an und sage „Adulatrice“, Schmeichlerin. „Nee, für Volkshochschule habe ich keine Zeit gehabt. Aber ich hatte in den vergangen drei Wochen jeden Tag Gelegenheit zum Sprechen. Jetzt spreche ich zwar kein besseres Italienisch, aber mein schlechtes Italienisch spreche ich schneller und flüssiger“. Sara lächelt. „Und, wo geht es heute hin?“, fragt sie.

„Ich will mir mal das Arsenale ansehen“, sage ich. Sara verzieht das Gesicht. „Warst Du da noch nicht?“ Ich schüttele den Kopf. „Noch nie. War immer zu.“ „Dann lass es heute sein. Es ist einfach zu heiß. Bei dem Wetter stinkt Venedig. Das ist auch nicht gesund.“

Ich muss grinsen ob der Fürsorglichkeit. „Ich bleibe nur kurz in der stinkenden Stadt, und dann komme ich zurück und verbringe den Rest des Tages mit Schlafen.“ Sara lächelt und sagt „Klingt nach einer Soluzione ottima„.

Ich sattele die V-Strom und fahre kurz darauf über den breiten Gartenweg von Saras „Villa Maria Luigia“ hinaus auf die Landstraße.

Eine Stunde führt die Fahrt quer durchs Veneto. Statt der Schutzhose und Stiefeln trage ich heute morgen nur Jeans und Trekkingschuhe zur Motorradjacke, aber es ist schon so warm, das ich die Ärmel der Jacke bis zum Ellenbogen aufmache, um mehr Fahrtwind ab zu bekommen. Meine Güte, wenn das um kurz vor 8 schon so warm ist, was soll das im Laufe des Tages noch werden?

Sechzig Kilometer südlich San Biagio di Callalta und im Westen der Lagune von Venedig liegt Punta Sabbioni, Sandspitze. Hier gibt es schattenspendende Wellblechbauten, unter denen ich die Barocca parke. Gegen ein kleines Entgelt von fünf Euro passt eine Dame den ganzen Tag auf das Motorrad auf.


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Reisetagebuch 2019 (15): La Stamperia

Auf Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einem Besuch beim zweitältesten Gewerbe der Welt.

Mittwoch, 26. Juni 2019, Agriturismo Cupello, Cagnano AmiternoA
Tag zwei der Transitreise gen Norden. Schon um kurz nach 8:00 Uhr ist die Barocca, die die Nacht neben dem schicken Tiger verbracht hat, wieder beladen und wenig später auch auf der Straße.

Weiter geht es nach Norden, aber weiterhin ausschließlich auf Landstraßen und durch die Berge. Viele Straßen gibt es hier nicht, weshalb ich wieder durch Rieti und Terni komme, wie schon auf der Fahrt in Richtung Süden. Ist das wirklich erst neun Tage her? Kommt mir viel vor, als wäre ich Wochen in Süditalien unterwegs gewesen. So fühlt sich das an, wenn es so viel zu sehen gibt und man jeden Tag woanders ist.

Bild: Google Earth 2020.

Über die gewundenen Straßen geht es nur langsam voran, besonders in Umbrien. Hier sind die Straßen kaputt und haben teils riesige Schlaglöcher. Es ist ratsam, hier vorsichtig und mit bedacht zu fahren. Zum einen wegen der Schlaglöcher selbst, in denen man sich leicht die Ränder ruinieren kann, zum anderen, weil die Straße stellenweise voller Metallteile liegt, die Autos beim Durchfahren der Löcher verloren haben. Überall liegen Schrauben, Bolzen, abgerostete Auspuffteile und an einer Stelle sogar ein Scheinwerfer eines Fiat Panda.

Erst gegen Mittag erreiche ich die Marken. Die Landschaft besteht hier aus grünen Hügeln, die aber steiler sind als in den Regionen weiter westlich, wie Umbrien oder der Toskana. Von oben sieht die Landschaft aus, als hätte jemand ein Blatt Papier genommen, zusammengeknüllt und dann wieder glattgestrichen.

Wenn man mitten drin ist, wirkt sie wie eine Toskana auf Steroiden, alles etwas übertriebener und stellenweise mit schroffen Felskämmen durchzogen.

Der Nordteil der Marken.
Bild: Google Maps 2020.

Auf einem dieser Felskämme, dem Monte Titano, liegt San Marino, das aus der Ferne grüßt.

Jetzt bin ich in der Emilia Romagna, der motorradtechnisch zweitlangweiligsten Region Italiens, gleich nach Apulien. Normalerweise bin ich froh hier durch zu sein, denn die Region ist nicht nur langweilig zu fahren, sie ist auch eines der Wirtschaftszentren des Landes, mit entsprechend dichtem und schlimmen Verkehr. Heute freue ich mich auf den Besuch, denn in Gambettola werde ich schon erwartet. Der kleine Ort liegt nur 10 Kilometer von der Stadt Cesena entfernt und ist einfach ein schmuckes Örtchen. „Schmuckes Örtchen“ ist hier synonym für: Modern, sauber, ein netter Platz zum Leben – und sterbenslangweilig.

Ich stelle das Motorrad auf dem Platz vor dem Rathaus ab. Es ist 14:00 Uhr, die Sonne brät vom wolkenlosen Himmel herab und es ist einfach pervers heiß.


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Reisetagebuch 2019 (14): Italian Highway

Sommertour mit dem Motorrad. Heute mit einer Wiederholung.

Dienstag, 25. Juni 2019, Pomarico

So.
Das war also Süditalien, denke ich, als ich in der Morgensonne auf der Dachterasse stehe und über die Weite der Basilicata schaue.

Den Norden Italiens kenne ich ja ohnehin quasi auswendig, und mit den Fahrten im vergangenen und diesem Jahr war ich nun auch in jeder Region im Süden. Nicht nur Kreuz und quer und mittenmank, sondern auch ein Mal ganz drum rum. ich bin jetzt zusammengenommen zwischen 2012 und 2019 auch einmal ganz um die gesamt Küstenlinie des Stiefels gefahren, von Ventimiglia im Nordwesten einmal ganz runter, um die Stiefelspitze herum, an der Schuhsohle entlang, um den Hacken und dann an der Ostküste wieder zurück. Diese Tour hat die letzte Lücke geschlossen, und nun war ich zumindest in jeder größeren Stadt in Kampanien, Kalabrien, Basilicata und Apulien. Gut, bis auf Potenza, aber da will auch niemand freiwillig hin.

Heute geht es wieder gen Heimat, und ehrlich gesagt bin ich darüber ein kleines Bisschen froh. Seit fast drei Wochen bin ich auf Tour, jeden Tag bei Temperaturen zwischen 32 und 40 Grad. Das laugt auf die Dauer ein wenig aus und dämpft die Lust am Entdecken von Neuem. Nein, heute ist ein guter Zeitpunkt, um nicht noch weiter weg zu fahren (was auch geografisch gar nicht ginge), sondern so ganz langsam den Heimweg anzutreten.

Wobei… „langsam“ gen Heimat ist gut. Ich habe mir vorgenommen, bis morgen Abend 1.000 Kilometer zurückzulegen. Heute bin ich ganz am Ende des italienischen Stiefels, morgen will ich in der Nähe von Venedig sein. Und das alles ohne Autobahnen zu benutzen, nur über Landstraßen. „16 Stunden und 43 Minuten“, rechnet Anna mir als Dauer der Fahrt vor. Na dann. Heutige Etappe fast 500 Kilometer, rund siebeneinhalb Stunden. Netto, ohne Pause.

Ich kicke den Seitenständer weg, starte den V-Twin und steuere die Barocca vom Hof des Colle di Siesto. Mach´s gut, Gasthof, ich komme bestimmt irgendwann mal wieder.

Vom Berg runter, auf dem Pomarico liegt, und drauf auf die Landstraße. Ich fahre ganz bewusst ziemlich genau in der Mitte des Stiefels nach oben, das kenne ich noch nicht.

Der erste Abschnitt führt durch Apulien. Die Region ist ja größtenteils flach wie ein Brett und damit eigentlich in Sachen Motorradfahren die langweiligste Region Italiens, aber ich muss sagen: Die goldenen Kornfelder, die Höfe und winzigen Orte auf ihren Hügelchen und diese Straße, die schnurgerade bis zum Horizont führt, das hat schon was.

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