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Archiv der Kategorie: Reisen

Reistagebuch Shorties (4): Man isst deutsch

In italienischen Supermärkten gehen seltsame Veränderungen vor sich. Meine geliebten Reiskekse oder die guten Sternchenkeksriegel gibt es nicht mehr, dafür jede Menge Kram der zumindest deutsch klingt.

Der Morgen stirbt nie, er kriegt nur schnell Druckstellen.

Anscheinend hat man entweder die deutschen Touristen als Zielgruppe für Lebensmitteleinkäufe entdeckt, oder die Italiener finden gefallen an Essen, dass sich irgendwie deutsch anhört. Ich tippe auf letzteres, denn etliche der Waren sind im Eigenmarkensegment angesiedelt und auch dort erhältlich, wo es keinen Touristen hin verschlägt.

Ein Klassiker ist natürlich das unkaputtbare Würstel, das auch gerne mal Bestandteil der Pizza Wurstel wird. Ja, mit Umlauten ist es halt nicht so leicht.

Schwäbische Nudelen gibt es nun auch, liegen in trauter Einsamkeit neben den einheimischen Sorten. Bei der Benamsung hat man offensichtlich den Punkten auf dem „a“ nicht getraut und sie deshalb gleich mal weg gelassen. Nachher fallen die da noch runter und verletzen jemanden.

Gebäck ist einfacher, da kann man sich einen Namen ohne Umlaut aussuchen. Krapfen, zum Beispiel:

Und wenn man gar nicht um Umlaute rumkommt? Vielleicht macht man es sich dann einfach und macht statt der gefährlichen Punkte auf den Vokal einfach ein „e“ hinten dran? Ach scheiß drauf, wir machen BEIDES! Es lebe das MÜESli!

Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Besonders elegant ist neulich der LIDL bei mir um die Ecke an Weintrauben aus Italien gescheitert. „Herkunft: Ferrovia“ stand auf dem Schild darüber. So schön sich der Name auch anhört: Ferrovia ist kein Ort, den man auf irgendeiner Landkarte finden würde. Das Wort beschreibt, wie die Weintrauben nach Deutschland gekommen sind: Mit dem Zug. Ferrovia bedeutet einfach „Eisenbahn“ und stand groß auf der Verpackung der Trauben.

 
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Verfasst von - 21. September 2017 in Reisen

 

Hauptsache unterwegs

Ich bin unterwegs. Endlich wieder. Wie ich das vermisst habe, das Motorradfahren mit dem Blick am Himmel und der Straße unter den Reifen. Urlaubsreif war ich schon im Juni, und seitdem ist es nicht besser geworden. Jetzt also raus aus allem und rauf auf die Straße.

Die V-Strom und ich haben es dieses Mal schon weiter als nur bis zum ersten Tankstop geschafft. Sogar über die Alpen sind wir schon, trotz Schnee und Sturm. Leider ist Regen ein ständiger Begleiter. Wo auch immer ich bin fallen die Temperaturen und der Himmel öffnet seine Schleusen. Egal, Hauptsache unterwegs.

 
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Verfasst von - 18. September 2017 in Motorrad, Reisen

 

Thanatourismus: Ohlsdorf

Wo ist wohl der größte Parkfriedhof der Welt? Bestimmt irgendwo in den USA, oder? Immerhin, so habe ich das in „Agentin mit Herz“ gesehen,  fahren die doch mit dem Auto bis ans Grab. Also Amerika?

Weit gefehlt – der größte Parkfriedhof  ist mitten in Hamburg. Der 1877 eröffnete Friedhof Ohlsdorf ist wirklich riesig. Wie groß, sieht man nur auf dem Satellitenbild:

Der Friedhof wird von Straßen durchzogen, auf denen auch Busse fahren. Abseits davon wird es aber schnell friedlich, und nach zwei mal abbiegen ist man schon in wirklich verwunschenen und teilweise verwucherten Ecken. Als echter Thanatourist kenne ich schon viele prominente Friedhöfe, von Highgate in London über Père LaChaise in Paris bis zur Königin aller Friedhöfe, Staglieno in Genua. Ohlsdorf ist mit nichts zu vergleichen. Die schiere Größe und das Grün der Anlage sind eine Sache, warum es hier besonders ist. Die andere ist, dass hier alles so durcheinander ist. Schlichte Familiengräber stehen neben aufwendigen und fein gearbeiteten Grabskulpturen. Lichtungen öffnen sich und geben Gedenkstätten für Feuerwehreinsätze und Deichbrüche preis. Und anonyme Grabfelder werden von Löwen bewacht, die man eher vor dem Dom erwarten würde als versteckt hinter einer Hecke.

Bei meinem ersten Besuch bin ich ungefähr zwei Stunden dort rumgestrolcht, habe aber nur einen winzigen Teil gesehen.

Tja, muss ich da wohl nochmal hin 🙂


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Verfasst von - 26. August 2017 in Reisen

 

Reisetagebuch: Der Rücken der liègenden Frau

Die Sonne scheint auf Verdun herab und vertreibt den Morgennebel. Es ist kalt, wieder nur 9 Grad, aber durch die Dachluke meines Zimmers sehe ich den Himmel und weiß, dass es bald wärmer wird. Ich tappe über den Flur in das kleine Bad, dass zu meinem Zimmer gehört (und das zu gefühlt sieben Achteln mit einer gußeisernen Badewanne gefüllt ist) und tue, was man morgens halt so tut.

Dann packe ich meine Sachen und verwandle das knuffige Zimmerchen von einem Schlachtfeld wieder in den gemütlichen Raum, den es vor meiner Ankunft war. Es sieht aus wie das Zimmer eines 18jährigen „Dungeons & Dragons“-Spielers, mit einer Landkarte des Fantasyreichs Brittannia an der Wand, einem Stoffhund auf einer Bank und einem Regal voller Geschichtsbücher in der Ecke. Deren Schwerpunkt, wen wundert´s, ist der erste Weltkrieg.

Wenig später bin ich schon komplett in Motorradkluft. Ich habe heute noch viel vor, da muss ich bald los. Im Erdgeschoss werkelt Madame Régine schon in der Küche im Erdgeschoss herum, aus der sie mich gleich wieder hinauswirft, als ich den Kopf durch die Tür stecke. „Nein Nein Nein, Du isst doch nicht hier! Im Speiseraum“. Der entpuppt sich, wie der Rest des Hauses, als wildes Sammelsurium von alten Möbeln, Dekozeugs aller Art und alten Gebrauchsgegenständen. An den Wänden sind Regale mit selbstgemachten Brotaufstrichen.

Der Tisch, oder besser die Tafel, ist bereits gedeckt. Altes Geschirr und silbernes Besteck, frische Blätter als Deko, in Öl getränkter und leicht angebratener(?) Kuchen, frischer Kaffee.

Alles, was Regine macht, tut sie mit Stil. Damit erinnert sie mich ein wenig an Sara, die Betreiberin der „Villa Maria Luigia“ in der Nähe von Venedig. Aber wo Sara die Meisterin des Minimalismus ist, ist bei Règine alles überbordend und over-the-top dekoriert. Sie serviert z.B. nicht einfach nur Joghurt – nein, IHR Joghurt ist überhäuft mit Rosinen, Mandeln und drei Sorten Zucker.

Schmeckt aber hervorragend, genau wie ihre hausgemachte Noisette avec Noix. Nusscreme mit Nüssen? denke ich irritiert. Und tatsächlich, genau das ist es. Schmeckt nicht wie Nutella, sondern wie Schokoladen-Marzipan zum auf´s Brot streichen. Und dann gibt es allen ernstes noch flüssiges Karamel. Ich kann hier leider nie wieder weg.

Nach dem Frühstück klippe ich die Koffer an die Renaissance, die im Vorgarten in der Sonne steht. Hund Falco schwänzelt dabei um mich rum und beobachtet alles ganz genau.


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Verfasst von - 19. August 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch: Wispern, Wellen, Wale

Nachts und am Wochenende sind Hochschulen seltsame und friedliche Orte. Geisterhafte Korridore, alte Wachmänner, lange Stunden. 

Das Arbeitswochenende war nett, aber nun ist es vorbei. Es ist Sonntag Morgen, und  die übernächtigten Teilnehmer sitzen noch kurz beim Frühstück zusammen, dann brechen sie zum nahegelegenen Bahnhof auf oder beladen Autos für die Fahrt nach Hause.
Ich nicht.

Nach Hause will ich nicht, und statt eines Dienstwagens steht die Renaissance vor der Tür, noch nass vom Tau der Nacht.

Ich klippe die kleinen Koffer an, in denen die Arbeitssachen für die letzten Tage waren, und starte den Motor. Dann geht es im morgendlichen Sonnenschein hinaus auf die Landstraße.

Kurz hinter der Hochschule liegt, auf einer Fläche so groß wie das Saarland, das Saarland.
Die ZZR summt über die noch leeren Landstraßen. Es ist Sonntags, kurz nach 8 Uhr, da ist noch nicht viel los. Ich sauge die kalte Morgenluft tief in die Lungen. Es ist Juli, aber während Südeuropa unter Dauertemperaturen über 40 Grad ächzt, sind sie hier mit 9 Grad einstellig.
Egal.

Frische Luft, leere Straßen, das Motorrad. Mein Gott, wie habe ich das vermisst. War mir gar nicht so klar, wie sehr die Sommerreise mit dem Mopped schon zum festen Bestandteil meines Lebens geworden sind. Dieses Jahr ist sie ausgefallen, und jetzt wird mir klar, wie sehr mir das fehlt.

Die ZZR schnurrt dahin und läuft absolut makelos. Keine Unwucht, nirgends. Keine merkwürdigen Geräusche. Einfach nur perfekt, elegant, kraftvoll.
Wie ich diese Kiste liebe!

Nach einer Stunde komme ich in einem kleinen Ort an. Die Straßen sind hier jetzt nicht mehr leer, sondern voller Motorradfahrer und SUVs. Auf den Motorrädern hocken dicke alte Männer, in den SUVs Großeltern mit den Enkeln.

Allen gemein ist, dass sie zur Saarschleife wollen. Und so stehen wir alle kurz darauf auf einer Plattform aus Natursteinen und gucken von oben auf das Tal der Saar.

Auch ein Arboretum gibt es hier, eine riesige Holzkonstruktion, in der man zwischen den Baumwipfeln rumlaufen kann. Aber so hoch will ich heute nicht hinaus.


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Verfasst von - 12. August 2017 in Motorrad, Reisen

 

Wollt´s frech werden oder was?

Ich kämpfe ich immer noch mit den Kollateralschäden der ausgefallenen Urlaubsreise.

Heuer, wwÖs*, mit einem Hotel in Berwang, nahe der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Dort wollte ich auf der Rückfahrt der Dreieinhalbwochenreise übernachten. Als klar war, dass die Reise nichts wird, habe ich die Buchung storniert – und das Hotel gebeten, auf vereinbarte Stornierungsgebühren zu verzichten.

Nicht mißverstehen, bei kurzfristigen Absagen gönne ich Beherbergungsstätten die Stornogebühren. Aber meine war keine kurzfristige Absage, sondern mit drei Wochen Vorlauf, da standen die Zeichen mehr als gut, dass eine Neuvermietung gelingen würde. Obendrein, so versicherte ich, würde ich dann im Herbst oder im kommenden Jahr die Übernachtung nachholen, immerhin hatte ich echt Lust auf das Haus.

Hat die nicht interessiert, Mitte Juni haben sie Stornogebühren von meiner Kreditkarte abgebucht. Das ihr gutes Recht, leicht doof fand ich das trotzdem. Statt mir einen Gefallen zu tun und mich dafür als glücklichen Gast in der Zukunft begrüßen zu können, wollten die lieber das schnelle Geld mitnehmen. Übrigens als einzige von 11(!) gebuchten Herbergen. Etliche der anderen hätten Stornogebühren erheben können oder müssen, stattdessen schickten die liebe Grüße und überwiesen sogar Anzahlungen zurück. So geht es also auch.

Egal.

Die Stornokosten übernimmt die Versicherung meines Unfallgegners, aber dafür brauche ich eine Rechnung. Als zwei Wochen nach der Abbuchung noch keine Rechnung da war, mailte ich das Hotel „Bergluft“ mal an, und damit nahm das Drama seinen Lauf.

Ich:
„Liebes Team vom Bergluft,
wie am 03.06. mitgeteilt kann ich kann leider meine Übernachtung vom 24. auf den 25. nicht antreten, da ich auf dem Weg zu Ihnen einen Unfall hatte und deshalb stornieren musste. Gerne wäre ich später bei gleich zwei Gelegenheiten Ihr Gast gewesen, aber leider war wohl die Erhebung von Stornogebühren unumgänglich – und selbstverständlich auch Ihr gutes Recht.

Damit ich von der gegnerischen Versicherung die Gebühren ersetzt bekomme, benötige ich bitte eine Rechnung über die am 12.06. von meinem Kreditkartenkonto 4998********1234 abgebuchten Stornogebühren. Bitte lassen Sie mir die Rechnung als PDF per Mail an die Adresse silencer137@me.com zukommen. Vielen Dank.

Viele Grüße
Herr Silencer“

Die Antwort kam praktisch sofort:

„Sehr geehrter Herr Silencer,
das Zimmer hat man von einem Dreibettzimmer zum Doppelzimmer geändert.

Schöne Grüße aus Berwang
Horst Holzbaur“

Das stürzte mich erstmal in tiefe Verwirrung, weil ich kein Dreibettzimmer bestellt hatte. Ich versuchte es nochmal:


„Sehr geehrter Herr Holzbaur,

mit dieser Information kann ich nichts anfangen, weil ich nicht weiß was Sie meinen.
Nochmal mein Anliegen: Ich hatte für den 24. auf den 25.06. ein Einzelzimmer gebucht (über Booking.com, Buchungsnummer 20466012345)

Am 03.06. habe ich die Übernachtung storniert. Sie haben meiner Bitte nach Erlass der Stornogebühren nicht entsprochen (was, wie gesagt, ihr gutes Recht ist) und 38,00 Euro Stornierungsgebühr über meine Kreditkarte gebucht. Ich benötige über diese 38 Euro eine Rechnung.

Viele Grüße
Herr Silencer“

Die Antwort ließ eine Woche auf sich warten, dann kam ein Einzeiler, grußlos:

„Weil man Ihnen eine Person kostenfrei storniert hat, möchten Sie trotzdem eine Rechnung?“

Äh. Wassen das? Der Typ verwechselt mich offenbar, liest meine Mails nur zur Hälfte und schickt dann noch das Äquivalent zu „wollt´s frech werden oder was?“??

Ich versuchte es nochmal:

„Sehr geehrter Herr Holzbaur,

die Stornierung war leider nicht kostenfrei. Am 12.06. wurden von meiner Kreditkarte 38 Euro abgebucht. Hier ein Auszug der Kreditkartenrechnung:
Über diese 38 Euro brauche ich die Rechnung.


Viele Grüße
Herr Silencer“

Funkstille. Keine Antwort.
Seltsam. Das Hotel hat Spitzenbewertungen, insbesondere was die Freundlichkeit der Hoteliersfamilie angeht. Was ist denn da bloß los?

Da das Mail-Fu von Herrn Holzbaur so schwach war, beschloss ich anzurufen.

Freitag war von morgens bis Abends besetzt.
Sonntags war nur der Anrufbeantworter dran.
Montag klingelte es endlos, ohne das einer ranging.
Jeden Tag probierte ich es ca. ein Dutzend mal.
Dienstag knackte es in der Leitung, dann klingelte es. Und plötzlich ging jemand ran!

„Joa?“
Ich: „Herr Holzbaur?“
„Joa.“
Ich (mit meiner freundlichsten und harmlosesten Stimme: „Herr Silencer hier. Wir hatten schon Mailkontakt.“
„Joa!“
„Herr Holzbaur, ich brauche eine Rechnung über die Stornierungssgebühren von Ihnen. Ich mache das nicht um Sie zu ärgern, ich brauche das für einen Versicherungsfall“.
„Joa mei, mir ham do´das Dreibettzimma kostenfrei umgebucht in ein Zweibettzimma un´der Rest steht do auf der Rechnung pfürdi anneren Übernachtungen die wo wir ihnen mitgemma hab!“
„Herr Holzbaur, Sie verwechseln da was. Ich hatte nie ein Dreibettzimmer, die Buchung war ein Einzelzimmer. Und es waren auch keine anderen Leute da. Und die Stornierung war eben NICHT kostenfrei. Können Sie das bitte prüfen?“
„Joa.“

Stille.

„Können Sie das JETZT prüfen?“
„Na! Wie stellen´s sich das denn vor? I bin über hundert Kilometer vom Computer weg!“
„Können Sie das prüfen wenn Sie wieder zu Hause sind?“
„Grmbl.“
„Schreiben Sie mir dann eine Mail?“
„Passt scho.“
„Ok, dann freue ich mich auf ihre Mail.“

Dann passierte drei Tage… nichts.

Heute morgen nun kam eine Mail.
Daran ein Foto.
Ein auf dem Kopf stehendes Foto.

Darauf zu sehen: Ein Rechnungsausdruck. Ausgestellt auf „Familie Encer Sil“ und ein Dreibettzimmer für eine Übernachtung an einem ganz anderen Datum. Berechnet wurden 38 Euro für eine Übernachtung und „1 leckeres Frühstück mit Ei“. In der letzten Zeile erfolgt dann eine Gutschrift über den gleichen Betrag und der Vermerk „Rechnungsumme (SIC!) Null“.

Vollkommen unnütz, aber immerhin: Er hat sich bemüht.

Übernachten werde ich im „Hotel Bergbluft“ nun natürlich niemals, nach den Erlebnissen. Aber wenn ich mal in der Gegend bin, fahre ich da vorbei und gucke ich mir den Herrn Holzbaur mal an. Vielleicht verstehe ich ja dann, was genau da schief läuft.

————————
* wie wir Österreicher sagen

 
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Verfasst von - 5. Juli 2017 in Reisen

 

Urlaub im Alltag

Ich wurde gerade von einem Gast drauf angesprochen, dass bei mir recht viele ausländische Produkte zu finden sind. War mir gar nicht mehr so bewusst, aber ich neige dazu, Alltagsdinge und Verbrauchsmaterialien aus dem Ausland mitzubringen. Zum Beispiel Zahnpasta oder Zahnseide.

Der Grund ist ganz einfach. Schon bei so simplen Dingen wie Zähneputzen versetzen mich diese Dinge für einen kurzen Moment an den Ort, an dem ich sie gekauft habe. Ich nehme die Zahnpastatube in die Hand und bin für einen kurzen Erinnerungsblitz in Venturina. Ich fasse die Zahnseide an und bin in Rom. Ich greife zum Gewürz und rieche die Provence. Ich nehme den Teebecher in die Hand und spüre London. Diese Mitbringsel aus dem Supermarkt sind für mich wertvollere Erinnerungsträger als das Plastikmodell des Eiffelturms. Diese Erinnerungsblitze sind natürlich irgendwo auch Eskapismus. Da der m.E. aber ohnehin der geistigen Gesundheit dient, ist das voll OK.

Albern? Vielleicht.
Aber meine Art über kleine Dinge und Handlungen ein wenig Reisefreude in den Alltag zu retten.

Salz aus der Carmargue, Salz aus Valencia, Pfeffer aus San Vincenzo, Pepperoncino aus Florenz.

Pfannendinger aus Palermo.

Gewürzmühle mit Gewürzen der Provence aus der, äh, Provence.

Geschirrtuch aus Siena.

 
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Verfasst von - 25. April 2017 in Reisen

 

Reisetagebuch Sizilien (10): Vie dei Tesori

Sonntag, 16. Oktober 2016, Palermo

Federica und Marco, die jungen Akademiker denen der B&B-Palazzo gehört, haben Frühstück hingestellt und sich dann nochmal ins Bett verzogen. Richtig so, immerhin ist Sonntag.

Und was mache ich heute mal so? Ins Bett legen und den Tag verpennen ist keine Option. Allerdings habe ich auch keinen festen Plan und laufe darum einfach mal los, die lange Prachtstraße Via Roma entlang und Richtung Bahnhof. Heute ist die Straße für Autos gesperrt und eine einzige, große Fußgängerzone. Ich bin nicht allein, gefühlt ist bereits halb Palermo auf den Füßen.

Vielleicht liegt das am Sonntag und dem schönen Wetter, vielleicht aber auch den den Vie dei Tesori – den Straßen voller Schätze oder anders übersetzt, den Schätzen am Wegesrand. Passen würde beides. Palermo hat viele Schätze, die meisten existieren im Verborgenen. Das Vie dei Tesori ist ein Festivalprogramm, dass die verborgenen und weniger verborgenen Attraktionen ins Licht rückt. Überall sehe ich Aufsteller, die auf Sehenswürdigkeiten hinweisen, und ein Heer Ehrenamtlicher Helfer organisiert und lenkt die Besucher.

Gedacht ist das Programm vor allem für die Einwohner von Palermo, damit die ihre Stadt besser kennen- und schätzen lernen. Dem kommen die auch gerne nach. Besonders die bekannteren, aber sonst nicht zugänglichen Orte sind bereits überlaufen. Vor dem Luftschutzbunker unter dem Rathaus haben sich schon lange Schlangen gebildet.
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Verfasst von - 8. April 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (9): Rosalia

Samstag, 15. Oktober 2016, Palermo

Für Thanatouristen gibt es eine Art „Bucket List“. Pflichtorte, die man unbedingt gesehen haben sollte. Jeder, der wie ich von besonderen Sepukralbauten fasziniert ist, hat auf den vorderen Stellen dieser Liste die Kirche von Horta Kudna bei Prag, die Katakomben von Paris, die Kapuzinergrüfte von Rom und die Kapuzinergruft von Palermo. Genau dahin bin ich heute Morgen auf dem Weg.

Ich wandere durch die staubigen Straßen. Fußwege gibt es nicht, die alten Häuser stehen direkt an der Straße. Farbe haben die Hauswände das letzte Mal vor 30 oder mehr Jahren gesehen. An vielen Stellen ist der Putz so weiträumig abgebröckelt, dass man auch das Mauerwerk durchsehen kann, was in manchen Häusern selbst auch Löcher hat.

Die Straßen sind von Müll übersät, vielleicht Überbleibsel des Sturms von letzter Nacht. Die Hauseingänge dagegen sind blitzsauber. Es ist Samstag Morgen, und ich sehe etliche Leute, die voller Hingabe die Stufen zu ihren Haustüren scheuern. Menschen sind seltsam. Alles hier verfällt, für die Straßen ist niemand zuständig, aber was sollen die Nachbarn sagen, wenn die Hausschwelle schmutzig ist?

Irgendwann heute Nacht hat es wohl ein paar Tropfen geregnet, und diese Tropfen haben aus dem heißen Wind des Scirocco den Wüstensand gewaschen, den er als Gastgeschenk aus Afrika mitgebracht hat. Ausnahmslos alles ist verdreckt. Auch die beiden frisch gewaschenen Hemden, die ich zum Trocknen auf den Balkon gehängt hatte, sind mit einer ockerfarbenen Sandschicht überzogen. Die kann ich gleich nochmal waschen.

Der Scirocco hat sich beim Besuch aus Afrika nicht die Füße abgetreten.

Nach einer halben Stunde Fußweg erreiche ich den Eingang zum Kapuzinerkloster der Stadt, und dort den Eingang zur Gruft des Ordens.

Hinweis: Bilder von Skeletten und einem toten Kind nach dem Klick.

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Verfasst von - 1. April 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (8): Palermo!

Freitag, 14. Oktober 2017, Cefalù

Das B&B „Villa Rosa“ in Cefalù liegt auf einem Felsen, an dessem Fuß eine stark frequentierte Bahnstrecke und eine vielbefahrenen Straße vorbeiführen. Davon bekomme ich in der Nacht aber nichts mit und wache erst auf, als Dario seinen altersschwachen Citroen anlässt um zum Bäcker zu fahren.

Wenig später hustet sich der Citroen zurück den Berg hinauf, und als ich gerade aus der Dusche komme klappert Dario auf der Terrasse vor meinem Zimmer mit Tellern. Der Ausblick vom Frühstückstisch auf der Veranda ist fantastisch: Über eine Jasminhecke (und eine Fernsehantenne) blicke ich auf´s offene Meer hinaus, während eine frische, aber warme Brise weht.

Ein kleines Buffet bietet nicht nur Käse, Wurst und Konfitüre, sondern auch Feigen, Tomaten und Kaktusfrüchte aus dem eigenen Garten. Während ich Kaktus kaue, bringt Dario eine Macchina, einen Espressozubereiter, an den Tisch. Ein ganzes Kännchen Espresso, nur für mich! Fantastisch!

Das Wiesel verpennt das Frühstück.


Erst als ich schon die Sachen gepackt habe, blickt es träge um die Ecke.

Ich werfe den Rucksack ins Auto und verabschiede mich von Dario und von Cefalù. Heute geht es zurück auf Start, zurück zu dem Punkt, von dem aus ich meine Sizilienerkundung begonnen habe: Nach Palermo. Aber nicht auf direktem Weg. Weit in der Peripherie der größten Stadt auf der Insel beginnt eine Ringstraße, die ich nutze um zu einem Viertel um die Stadt herum zu fahren.
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Verfasst von - 25. März 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (7): FahrenFahrenFahren

13. Oktober 2016, Taormina

„Darf ich jetzt bezahlen?“, frage ich. Prompt kommt von hinter dem Tresen der Rezeption ein „No.“ Valentina guckt mit demonstrativ gespitzen Lippen in ihren Computer und muss dann schließlich selbst lachen.

Es ist ein grauer und bedeckter Morgen in der Bucht von Taormina, und es fallen sogar einige Tropfen. Das ist aber vollkommen OK. Bisher habe ich mit dem Wetter ein Riesenglück gehabt. So trocken und wüstengleich heiß die Sommer aus Sizilien auch sind, im Oktober fällt normalerweise sehr viel Regen und gibt dem ausgedörrten Land das Leben wieder. Meist ist die Regenzeit Mitte bis Ende Oktober, also ziemlich genau jetzt. Aber in diesem Jahr hat es schon im September monsunartig geregnet, was die ganzen gesperrten Straßen und Erdrutsche erklärt. Das ich bislang jeden Tag strahlenden Sonnenschein hatte ist wirklich pures Glück.

Bedecktes Wetter, aber als Aussicht beim Frühstück immer noch zu gebrauchen.

Noch mehr Glück habe ich, dass das Tetrisspiel des Einparkmeisters meinen Twingo ganz nach vorn ans Tor befördert hat. Er steht sogar mit der Schnauze zur Ausfahrt, so dass ich gar nicht lange rangieren muss, sondern einfach einsteigen und vorsichtig aus der winzigen Auafahrt rollen kann. Es ist nicht zu glauben, aber auf der Fläche von vielleicht vier Behindertenparkplätzen sind gerade neun Autos und ein Motorrad untergebracht!

Durch den morgendlichen Rushhourverkehr geht es ein wenig an der Küste lang, dann ins Inland. Nach knapp 40 Minuten erreiche ich die Alcantara-Schlucht. Die ist bekannt für ihre seltsamen Gesteinsformationen und den Fluss, der durch sie durchrauscht. Früher was das Ganze ein Geheimtipp, jetzt steht hier ein riesiges Touristenzentrum, in dem man jede Art von Vergnügung buchen kann. Von Nordic Walking über Steilwandklettern bis hin zum Bodyrafting mit GoPro auf dem Kopf ist hier alles möglich. Sogar ein Maskottchen gibt es: ZazzaMike, ein Lurch-Ding, dass aussieht als stünde es unter Drogen.

Die Alcantara-Schlucht.

Es nieselt, und ich habe keine Lust darauf durch die Schlucht zu klettern oder sonstigen, von ZazzaMike empfohlenen, Aktivitäten nachzugehen. Also setze ich mich wieder in den Twingo und fahre weiter. Fahren, dass ist es, was ich heute will. Nur fahren, ein Mal quer durchs Land, ohne Route, und dabei die Insel auf mich wirken lassen. Und genau das mache ich dann auch.

Meist nicht schneller als 50, 60 km/h tuckert der Twingo über die SS120, die der Reiseführer als eine der schönsten Straßen Siziliens beschreibt. Recht hat er, die Straße schlängelt sich durch die Berge und an ihnen entlang, und dabei eröffnen sich immer wieder großartige Ausblicke.

Das Land ist zunächst Grün und hügelig und voller Wälder. Als ich die Region des Ätna hinter mir lasse, bleiben auch die Wälder zurück. Die Hügel sind jetzt grasbewachsen, und Schafe weiden darauf herum.


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Verfasst von - 18. März 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (6): Des Atems beraubt

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Mittwoch, 12. Oktober 2016, auf dem Ätna

Um das Refugio Sapienza tobt der Sturm. Nicht einfach nur ein starker Wind, sondern die Art von Sturm, wie man ihn nur hoch oben in den Bergen findet. Die Art von Sturm, der in mehreren Kilometern Höhe entstanden ist und dort als Luftströmung mit Turbo dahinsauste. Und nun steht ihm ein Berg im Weg. Das ist erste Mal in seinem Leben, das er mit einem Hindernis konfrontiert ist. Kannte er vorher gar nicht. Plötzlich steht da was im Weg, und das macht den Sturm wütend. Deshalb tobt er nun um den Berg, heult um das massive Hotel und rüttelt an allem was nicht niet- und nagelfest ist.

In meinem Inneren tobt es auch, aber ganz anders. Irgendwas an der Pizza Pistacchio gestern Abend habe ich nicht vertragen. Die ganze Nacht bin ich vom Bauchgrummeln immer wieder aufgewacht, und jetzt komme ich vor lauter Durchfall von der Schüssel gar nicht mehr runter. Es sind nicht mal Bauchschmerzen, es rumort einfach in meinen Eingeweiden, und weiter als ein paar Meter sollte ich mich nicht von einer Toilette entfernen.

Ich überlege kurz und wäge sehr sorgfältig ab, dann wühle ich aus dem Rucksack die Reiseapotheke hervor. Die ist in den letzten Jahren ganz ordentlich gewachsen und enthält nur sehr wirksames Zeug. Wirksam heißt leider auch meistens: Es gibt Nebenwirkungen. Bevor ich die Kapseln mit dem Loperamid schlucke, halte ich nochmal kurz inne. Das Zeug wirkt sofort, aber der Preis dafür ist nicht ohne. Eine Alternative sehe ich aber gerade nicht, also runter damit!

Blick aus meinem Zimmerfenster. Ich schaue direkt auf die Flanke des Vulkanbergs!

Blick aus meinem Zimmerfenster. Ich schaue direkt auf die Flanke des Vulkanbergs!

Die Seilbahn und Schneeschiebezubehör.

Die Seilbahn und Schneeschiebezubehör.

Zehn Minuten später ist das Rumoren in meinem Inneren weg, und Flüssigkeit läuft nicht mehr schneller aus mir raus als ich trinken kann. Dafür habe ich das Gefühl leicht neben mir zu stehen. Als ich die Rechnung an der Rezeption begleiche und den Rucksack in den Twingo bringen will, verfehle ich den Treppenabsatz und stolpere gegen einen Pfosten. Gut, dass ich jetzt nicht Auto fahren muss, sondern erstmal was anderes vorhabe!

Das Refugio Sapienzo.

Das Refugio Sapienzo.


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Verfasst von - 11. März 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (5): Der Einschlag

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Dienstag, 11. Oktober 2016, Avola

Als ich um kurz nach Sieben wach werde ist es ganz still in der Villa Maris. Gastgeberin Cinzia ist schon aus dem Haus und geht ihrer echten Arbeit nach. Der Gasthausbetrieb ist, bei aller Professionalität, nur ein Nebenjob von ihr und ihrem Mann.

Ich packe meine Sachen und werfe sie in den Twingo, dann fahre ich ein Mal um die Ecke. Dort liegt das Meer, und, eingekeilt zwischen mehreren Betrieben zur Fischverarbeitung, eine Strandbar.

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„Moin. Ich komme von der Villa Maris“, sage ich und lege dem Mann hinter der Theke einen Zettel mit Cinzias Unterschrift hin. „Ah, klar, such Dir was aus!“, sagt er.

Ich habe noch nie gesehen das jemand so eine "eins" schreibt.

Ich habe noch nie gesehen das jemand so eine „eins“ schreibt.

Wenig später steht ein doppelter Espresso vor mir, und während ich den Ausblick auf das Meer in der Morgensonne genieße, mümmele ich ein Cornetto, das mit dickem, sämigen Vanillepudding gefüllt ist. Auf Sizilien versteht man zu Essen, und gerade Süßspeisen können die wirklich.

Frühstück mit Aussicht.

Frühstück mit Aussicht.


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Verfasst von - 4. März 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (4): Barock

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Montag, 10. Oktober 2016, Casale San Basilio, 10 km südlich von Caltagirone

Die ehemaligen Keltereihalle des Weinguts ist riesig. Sie ist bestimmt 10 Meter hoch, die mächtigen Wände mit den kleinen Fenstern sind aus grauem Naturstein gebaut und bestimmt ein paar hundert Jahre alt. Banner hängen von der Decke, was den Eindruck noch mehr verstärkt, dass das hier eigentlich eine alte Burg ist. Früher sind hier die Leute in Bottichen rumgesprungen um die Trauben zu zerstampfen. Heute dient die Keltereihalle als Frühstückssaal. Ich sitze mit einem Frühstückscaffé auf einer Holzgalerie, die sich gut 5 Meter über dem Boden an der Außenwand der Halle langzieht. Von hier oben kann ich die ganze Halle überblicken. Ich bin alleine hier. Irgendwo eine Etage tiefer murkelt Salvo an einer Espressomaschine herum und pfeift ein Lied. Ein seltsamer und ruhiger Moment der Ruhe.

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Wenig später brummt der kleine Twingo übers Land, weiter nach Osten. Wieder fällt mir auf, wie anders das Reisen mit dem Auto im Gegensatz zum Motorrad doch ist. Im Auto kann ich schnell mal nach der Wasserflasche greifen und was trinken, die Temperatur so einstellen wie ich mag, ich kann nebenbei Podcasts hören und die Landschaft angucken. All das geht auf dem Motorrad nicht oder nur umständlich. Damit hört sich Autofahren zwar besser an, aber der Preis für die Bequemlichkeit ist die Entkoppelung von der Straße und den Elementen. Ein Beispiel: Das Auto hat eine Klimanlage – damit wird meinem Erleben die Erfahrung der Gluthitze genommen, die außerhalb des Wagens herrscht. Das Reisen per Auto reduziert die sinnliche Er-fahrung des Landes. Autofahren ist vielleicht komfortabler – aber was man dadurch an Eindrücken mitnimmt ist gedämpfter, nicht so stark und eindeutig.

Die Fahrt dauert heute Morgen auch nicht lang, nur knapp eine Stunde. Dann umrunde ich auf einer Straße, die sich am Rande einer Schlucht entlangzieht, einen großen Felsen in der Talmitte, auf dem eine Stadt thront: Ragusa, bzw. die Altstadt von Ragusa, die passenderweise „Ibla“, Insel, heisst. Und tatsächlich thront die Ibla wie eine Insel über dem Grün des Tals.

Man sollte nicht am Fuß der Ibla parken und und dann hinauf laufen, obwohl das sicher auch ginge. Der Aufstieg ist lang und beschwerlich, und ich bin froh, dass ich das nicht machen muss. Google Streetview ist mir bei der Vorbereitung auf solche Orte ein unverzichtbares Werkzeug. Damit gucke ich vorher nach Parkplätzen, denn der Urlaub ist zu kurz um ihn mit nerviger Sucherei zu verbringen.

Ich fahre ein Mal um die Stadt rum und kurve auf der Rückseite eine kleine, supersteile Bergstraße hinauf, und da ist auch schon der perfekte, gebührenfreie Parkplatz unter schattenspendenden Bäumen. Genau dort, wo ich ihn bei Streetview gefunden hatte.

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Hinter dem Parkplatz wird wild gezeltet.

Hinter dem Parkplatz wird wild gezeltet.

Ragusa ist eine beschauliche, kleine Barockstadt. Genau wie einige andere Städte hier im Umkreis wurde sie beim großen Erbdbeben im Jahr 1693 komplett zerstört und danach im Barockstil wieder aufgebaut. Ragusa ist nicht die einzige Stadt, mit der das passiert ist. Es gibt noch weitere Orte im Val di Noto, die um 1700 rum vernichtet und als barocke Idealstädte neu gebaut wurden. Sie stehen bis heute und sind ziemlich einzigartige Zeugnisse einer Epoche, wie sie sich auf dem eruopäischen Festland nicht mehr finden lassen.

Der Marktplatz ist heute morgen noch leer, es ist auch gerade erst halb zehn.

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Verfasst von - 25. Februar 2017 in Reisen, Wiesel

 

Reisetagebuch Sizilien (3): Stock & Stein

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Sonntag, 09. Oktober 2016

Ich gähne mein Spiegelbild an, das aus dem Badezimmerspiegel zurückgähnt und dann übernächtigt glotzt. Die Nacht war unruhig, die Feier im Gastraum unter dem Gästezimmer war so laut, dass es mir vorkam als ob die Liveband direkt und in voller Lautstärke vor meinem Bett spielte. Stundenlang ging das so, bis um Schlag 00.45 plötzlich die Musik aus war.
Und das Licht auch.
Ein Stromausfall.

Der währte nicht lange, aber danach fing die Band gnädigerweise nicht wieder an zu spielen. Dennoch war an Schlaf nicht mehr wirklich zu denken, zu aufgeputscht und wütend war ich.

Wütend auf die Gastwirte, die bei eine „Eventi“ im Haus nicht nur Zimmer an die Gäste der Feier vermieten, sondern auch an solche, die damit nichts zu tun haben und vielleicht schlafen wollen. Wenn die Feiern im Haus haben, dann sollten sie keine Zimmer an Fremde vermieten. Beschweren werde ich mich aber trotzdem nicht, denn um ehrlich zu sein: Ich habe vor so langer Zeit dieses Zimmer gebucht, da stand die Feier vermutlich noch gar nicht auf dem Programm. Dennoch ist die Kiste hier sowieso hellhörig wie sonstwas. Das Haus ist superschön, aber im Nebenzimmer höre ich jetzt schon eine Frau rumstöckeln, und im Erdgeschoss toben schon um kurz nach sieben Uhr Kinder herum.

Ausblick von meinem Zimmer. Der Twingo hat die Nacht in einem Unterstand verbracht.

Ausblick von meinem Zimmer. Der Twingo hat die Nacht in einem Unterstand verbracht.

Als ich ins Restaurant im Erdgeschoss komme ist niemand zu sehen außer einem älteren Ehepaar, die anscheinend zur feierenden Familie gehören, aber gleichzeitig auch Gäste sind. Dann taucht unvermittelt jemand auf, der ohne einen Anflug von Freundlichkeit einen Kuchenteller vor mir abstellt. „Pflaume mit Mandeln“, sagt er.

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Ich bestelle einen Caffé Doppio, der dann fast 10 Minuten auf sich warten lässt. Das es dazu keinen Zucker gibt, ignoriere ich, sondern haue das Ding vor den Augen des Gastwirts in einem Zug weg und sage schroff „Zahlen. Jetzt.“

Danach schultere ich den Rucksack und marschiere ohne ein Wort des Abschieds und ohne einen Blick zurück zur Vordertür raus. Die Gastgeber machen auch keine Anstalten was zu sagen. Die Gastwirtin guckt zwar lieb, zu einem Wort der Verabschiedung kann aber auch sie sich nicht durchringen. Komisches Volk hier. Das Haus und die Ausstattung ist zwar toll, die Preise niedrig, aber wenn jemand sich so gar nicht wie ein Gastgeber verhält und sich um seine Gäste praktisch nicht schert, wenn sie nicht zu Familie gehören, dann komme ich nicht wieder. Und auf die Karte der „Empfehlungen für wohlfeiles Nächtigen“ schaffen die es mal gleich gar nicht.

Kurze Zeit später brummt der Twingo über Bergstraßen nach Westen. Da es Sonntag und früh am Morgen ist, sind außer mir sind nur ein paar Radrennfahrer und einige Bauern unterwegs. Letztere tuckern entweder auf Treckern durch die Gegend oder stehen am Straßenrand und checken an den geöffneten Kofferräumen ihre Autos Langwaffen, legen Tarnkleidung an und hängen sich Patronengurte um. Sonntags wird im sizilianischen Hinterland auf die Jagd gegangen.

Der Miettwingo ist hoffnungslos untermotorisiert und liegt viel zu hoch, was Kurvenfahren… nun, interessant macht. Ich bin ja meistens mit dem Kleine Gelben AutoTM unterwegs, dass mit Turbomotor und Sportfahrwerk verwöhnt. Im Gegensatz dazu ist der feuerrote Twingo eine Kasperkiste. Auch das klavierlackbezogene Cockpit ist eine Spielerei. Aber immerhin ist er handlich und klein und hat einen superkleinen Wendekreis, und DAS zählt in Italien. Ist kein Zufall, dass die meisten Italiener auf dem Land kleine Fiats fahren. Damit kommt man überall durch, denn auch wenn die Kisten ansonsten unverschämte Fehlkonstruktionen sind: Das Fahrwerk hält einiges aus. Muss es auch, gerade hier auf Sizilien.

Die Straße, die ich gerade fahre, ist auch nicht die beste. Immer wieder ist sie regelrecht zerbrochen, hat riesige Absätze mitten in der Fahrbahn oder wird von Erdrutschen blockiert. Dann hört sie plötzlich einfach auf. Eben war da noch eine gut asphaltierte Strada Statale, plötzlich ist da nur noch ein unbefestigster Weg aus faustgroßen Steinen. Wasser hat in diesem Feldweg tiefe Gräben hinterlassen, und links und rechts des knapp des zwei Meter breiten Weges drohen wahlweise spitze Dornengewächse oder ein Abhang.

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Ich fluche lauthals – das erinnert mich alles an die schlimmste Fahrt, die ich bislang hatte – damals musste ich so einen Weg mit ordentlich Steigung dazu mit dem Sportmotorrad hoch, bis es nicht mehr weiterging. Damals war ich an einem Punkt, dass ich ich wirklich versucht hatte die Bergrettung zu kontaktieren, weil es einfach zu gefährlich war weiterzufahren. Wäre ich mit dem Motorrad hier, ich würde jetzt sofort umdrehen. Aber mit dem Auto… hinter der nächsten Kurve wird es bestimmt besser, rede ich mir ein. Wird es aber nicht. Im Gegenteil. Aber zurück kann ich nun nicht mehr, mehre hundert Meter über Stock und Stein rückwärts fahren, nee, das will ich nicht. Also weiter. Für den Twingo, der ein Stadtauto ist, ist das hier nichts. Für einen Geländewagen wäre das was. Oder eine Enduro. Aber nicht für einen Twingo.

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Verfasst von - 18. Februar 2017 in Reisen, Wiesel

 
 
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