Sommertour mit der Morrigan. Heute verschlägt es mich nach Piacenza, und ich werde quasi Ehrenbürger im Dorf.
Samstag, 14. Juni 2025
“Wow, che meraviglia!” entfährt es mir, als ich das gigantische Tortenbuffet sehe, das Giuliettas Mamma wieder zusammengebacken hat. Der kleine Frühstücktresen biegt sich unter den verschiedensten Kuchen und Keksen und Törtchen und Gebäckstücken, nebenan stehen weitere Gläser mit Keksen und gegenüber unter einer Glasglocke steht Pizza und… Börek? Annamaria ist wirklich ein Backwunder.
Rosanna, die das Frühstück betreut, schaufelt mir ein Stück Kuchen auf den Teller und sagt “Musst Du probieren! Orange-Marzipan, ganz neu!”
Ich nicke anerkennend und verziehe mich mit dem Teller und einem Caffé Doppio vor die Hütte. Der zentrale Raum mit der Küche hat große Glastüren, die nun ganz aufgeschoben sind.
Freiluft-Frühstückszimmer, sozusagen.
Mitten im Grünen. Wunderschön.
Zu hören ist nur das Plätschern der Fischzuchtbecken und Rosannas “gutschi-gutschi-guuuuuuh”, als sie drinnen das Kleinkind eines Gastes bespasst. Ach, wir sind ja in Italien. Es muss natürlich “Gucci-Gucci-Guu” heißen.


Nach dem Frühstück gehe ich zur Bar und zu Giulietta. Auf dem Weg fällt mir eine neue Voliere auf mit… Pfauen?!

Nun sind Pfauen nicht die ungewöhnlichsten Haustiere auf italienischen Höfen, aber warum so viele?
Giulietta zuckt mit den Schultern.
“Non lo so. Sind die von Giovanni”, sagt sie, stellt mir ungefragt einen Caffé Doppio auf den Tresen und macht sich selbst auch einen.
“L’ha comprata a palate, non so perché” – Gab´s vielleicht im Dutzend billiger, keine Ahnung.
Ah. Giovanni ist der manchmal etwas grummelige Vorarbeiter der Farm.
“Nuovo orologio?”, fragt Giulietta, greift meine Hand und dreht das Handgelenk zu sich, um sich die Apple Watch anzusehen.
Ich nicke. Sie findet Smartwatches super und trägt die schon ewig. Ich erst seit diesem Jahr, und ich finde die ganz schön unpraktisch, klobig und hässlich…
“È elegante. Mi piace il braccialetto”, sagt Giulietta und streicht über das Leder des Armbands.
…aber andererseits gewöhnt man sich dran und eigentlich sieht sie auch ganz gut aus, mit dem breiten Cuffband.
Annamaria kommt aus der Küche gewackelt, grinst gutgelaunt und fragt “Oggi cosa fai, caro?” – Was machst Du heute?
“Non lo so, vedró”, sage ich. Keine Ahnung, mal schauen.
Giulie kommt ganz nah an mich heran, schaut mir aus kurzer Distanz tief in die Augen und sagt dann leise “Se ti annoi…”, falls Du Langeweile hast…
“Jaaa?” sage ich.
“…FINDEN WIR BESTIMMT ARBEIT FÜR DICH!”, ruft sie laut und fängt an zu lachen, “Qui, c’è sempre qualcosa da fare!” – Hier gibt es immer etwas zu tun.
“Rrrgh”, mache ich. Ich bin eigentlich nicht hier, um Holz zu hacken oder Pfauenkäfige auszumisten oder – Gott bewahre! – irgendwas mit Fischen zu machen.
Annamaria grinst fast im Kreis. Ich kann ihr ansehen, dass sie irgendeine Frechheit ausheckt. Um ihren komischen Ideen direkt einen Riegel vorzuschieben sage ich streng “Non aiuto in cucina!” – ich werde nicht in der Küche helfen, “Ma… posso provare nuovi dolci! E gusti di gelato!” – aber ich stelle mich als Tester für neue Kuchen und Eissorten zur Verfügung.
Annamaria schaut empört und gibt schnaubend einen Vortrag zum Besten, den ich nicht ganz verstehe. An einzelnen Worten und der Art wie sie es sagt und gestikuliert vermute ich, dass sie feurig erklärt, das Männer ohnehin nichts in der Küche verloren haben und dort nur Unheil anrichten. Die Frauen an den Tischen ringsum, und es sind alles Frauen, nicken zustimmend und ergehen sich dann in, so vermute ich, anekdotischer Beweisführung.
Giulie hört dem Geschnatter zu und lächelt versonnen, bis sie plötzlich irritiert schaut und meine Hand loslässt. “Deine Uhr will etwas”, sagt sie.
Stimmt, die Apple Watch vibriert gerade wie blöd, jetzt fällt es mir auch auf.
Ich blicke auf´s Display.
“Tutto a posto?”, alles in Ordnung?, fragt Giulie.
“Si, certo”, Ja, alles okay, sage ich und verdecke das Display.

…
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