Reisen

Reisetagebuch 2019 (8): Bloß weg hier

Mittwoch, 19.06.19, Agerola, Amalfiküste

Die Straße vom B&B zurück nach Agerola ist supersteil, eng und verdreht. Wer hier nicht Bergkurven fahren kann, und das superlangsam, fällt erst um und dann den Berg runter. Gut, dass ich das alles sicher beherrsche – ein lautes HA! ins Gesicht von allen, die meinen diese ADAC-Trainings, wo extremes Langsamfahren oder Anfahren mit Volleinschlag bis zum Erbrechen geübt werden, würden nichts bringen. Für hier und jetzt ist das sehr realitätsnah!

Sofort nach Agerola geht es wieder nur im Schrittempo voran. Den Weg von dem Bergort hinab nach Amalfi habe ich einen Oppa vor mir, der in Rechtskurven fast bis zum Stillstand abbremst, so dass ich einmal doch ins Kippeln komme – am Scheitelpunkt einer Kehre mit ordentlich Gefälle kann man nun mal nicht einfach so abrupt anhalten.

Von Maria B&B „Casanova“ zurück auf die Amalfitana. Dauert schon mal etwas länger.
Bild: Google Earth 2019

Wieder geht es auf die Amalfitana. 50 Kilometer lang ist die „Traumstraße“, ungefähr die Hälfte habe ich gestern zurückgelegt. Wieder ist der Verkehr dicht und das, obwohl es erst kurz nach 08:00 Uhr ist.

Die Straße ist so eng und so überlaufen, das kaum noch was geht. Wird nicht besser durch Spinner wie den Oppa, der nur in einer Unterhose bekleidet mitten auf der Straße joggt. Eine amerikanische Touristin tut es im gleich. Verrückte. Und wenn dann nichts mehr voran geht, stehen Fußgänger, Rollerfahrer, Radrennfahrer (ARSCHLOCH!), Autos, LKW, Busse und Esel doof auf der Straße rum. Und ich mitten drin.

Die Amalfitana, stelle ich wieder fest, ist keine Traumstraße. Vielleicht war sie es mal, früher, als hier nur ganz wenige Autos unterwegs waren. Vielleicht war sie es auch nie, und ein Journalist hat sich das in einer rotweinseeligen Nacht in einem Ristorante hier zusammenfantasiert, und alle anderen Reiseführer haben es dann abgeschrieben. Ja, die Konstruktion der Straße, so in den Felsen, ist beeindruckend. Und die Kurvenschwünge sind nett. Hat man aber nichts von, wenn man die nicht fahren kann, weil hier so viel los ist. Vielleicht war das früher anders.


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Reisetagebuch 2019 (7): Die Hölle der Amalfitana

Dienstag, 18.06.19, Faicchio, Kampanien

Die Amalfitana gilt als eine der schönsten Straßen der Welt. Warum eigentlich?
Das frage ich mich schon, seitdem ich das erste Mal da war. 2011 war das, mit Modnerd am Steuer eines Mietwagens, ich saß als Beifahrer daneben.

Amalfitana? Was ist das denn?

Südlich von Neapel liegt der Ort Amalfi direkt am Meer, weshalb die Gegend dort auch Amalfiküste heißt. Es ist eine Steilküste, deren grobe Felsen senkrecht ins Meer fallen. In diese Felsen sind auf Terrassen ganze Orte gebaut, mit klingenden Namen wie Positano, Ravello oder Maiori. Die Orte sind durch eine Straße verbunden, die kunstvoll und in mühsamer Arbeit aus dem Felsen gehauen und gesprengt wurde.

Diese Straße trägt die nüchterne Bezeichnung SS163, aber unter diesem Namen kennt sie niemand. Wenn aber ihr Spitzname fällt, dann seufzen die Menschen und gucken sehnsüchtig in die Ferne. „Amalfitana! Ahhh!“ Warum? Weil die Amalfitana eben einen Ruf als eine der schönsten Straßen der Welt hat. Aber als schöne Straße habe ich sie bislang nicht erlebt.

Die Lage der Amalfitana: Auf der Südseite einer Landzunge, auf der auch Sorrento und vor dessen Küste Capri liegt.
Bild: Google Maps 2020.

In meiner Erinnerung ist die Amalfitana über weite Strecken mehr Gasse als Straße. Eine enge Gasse, die sich Lastwagen, Busse, PKW, Motorradfahrer, Radfahrer, Esel (die werden als Transport zu den Häusern im Hang benutzt) und Fußgänger teilen.

Sie führt in absurden Kurven und Knicken um Felsen und Häuser herum – so absurd, dass ein Bus, der um eine enge Kurve fährt, auf die andere Fahrbahnseite schwenkt und dabei den Gegenverkehr blockiert – was andere aber nicht von dem Versuch abhält, sich doch noch irgendwie vorbei zu quetschen.

Das Resultat ist so, wie man es erwarten kann: Nichts geht mehr, die Fahrzeuge blockieren sich gegenseitig und müssen dann zentimeterweise vor- und zurückmanövrieren, um irgendwie aus diesem Deadlock wieder rauszukommen. Dieses Blockadespielchen schien bei meinem ersten Besuch eher Regel als Ausnahme zu sein. Gefühlt stand der Verkehr an jeder zweiten Kurve. Wenn er dann doch mal etwas schneller floss, wurde unser Mietwagen in halsbrecherischen Manövern auf nicht einsehbaren Abschnitten von Minibussen überholt, was für mehr als einen Schreckmoment sorgte.

Eng.
Laut.
Überfüllt.
Die aufgeheizte Luft voller Abgase.
An jeder Ecke klemmten Reisebusse oder LKW in Kurven fest.

Nein, die Amalfitana hat keinen guten ersten Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht mal die Aussicht war supertoll, was aber auch daran lag, dass ich wenig davon sah – wir fuhren die Straße nämlich in der verkehrten Richtung, von Süden nach Norden und von Osten nach Westen, also auf der Fahrspur, die an den Felsen entlangführt. Rechts Felsen, links eine endlose Schlange Fahrzeuge, von vorne und hinten Kamikazebusse. Nein, das machte damals alles keinen Spaß, nicht mal als Beifahrer.

Jetzt, mit mehr deutlich mehr Erfahrung und im Sattel des Motorrads, will ich nachsehen ob mein damaliger Eindruck vielleicht verkehrt war. Auf jeden Fall bereite ich mich mental für heute schon mal auf auf das Schlimmste vor, als ich am Morgen in Faicchio unter einem Kastanienbaum noch schnell einen Caffé trinke.

Als ich in den Sattel der Barocca klettere, steht Alberto schon mit Schubkarre und Strohhut wieder vor seinen Beeten und ruft „Buon viaggio!“, gute Fahrt.


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Reisetagebuch 2019 (6): Die schönste Straße Italiens

Montag, 17.06.2019, Siena

Die Morgensonne tastet sich in die verwilderte Senke hinter der Villa Allgeria vor. Es ist 05:30 Uhr

Ich springe aus dem Bett, putze mir schnell die Zähne, steige in die Motorradklamotten und trage die bereits fertig gepackten Koffer zum Motorrad, das an der Straße vor dem Haus steht.

Für Frühstück ist es zu früh, und von Cecilia und Francesco habe ich mich gestern Abend schon verabschiedet. Alles, um wirklich ganz früh los zu kommen. Der Grund: Heute habe ich einen wirklich weiten Weg vor mir. Über 500 Kilometer durch die Berge, das ist selbst für meine Verhältnisse viel. Anna prognostiziert eine Netto-Fahrzeit von 10 Stunden, da kann man dann locker nochmal zwei Stunden draufrechnen, für Verzögerungen im Betriebsablauf wie Staus oder kleine Pausen oder Fotostops.

Um 6:30 Uhr rollt die Barocca aus der Via Portogallo, fädelt auf die Landstraße Richtung Siena und biegt dann nach Osten ab.

Die Straße liegt im Morgenlicht und ist noch angenehm wenig befahren. Es ist kühl, nur um die 12 Grad, aber das wird nicht lange so bleiben.

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Reisetagebuch 2019 (5): Abschiedstour durch die Toskana

Auf Sommerreise mit der V-Strom. Heute mit einer Pause in der Toskana.

Pfingstmontag, 10. bis Montag, 18. Juni 2019

Ich schlafe bis Mittags, tappe ein wenig in der Wohnung auf „I Papaveri“ herum, falle wieder um und schlafe weiter. Die letzten Tage, ach was, die letzten Wochen und Monate waren anstrengend, das signalisiert mir mein Körper jetzt sehr deutlich. Wenn er Gelegenheit zum Abschalten hat, macht er das auch, und bei mir bricht die angeborene Faulheit durch.

Erst am späten Nachmittag schaffe ich es mich aufzuraffen und in den Sattel der Barocca zu klettern. Ich fahre die Küste runter bis nach Venturina. In dem acht Kilometer entfernten Ort ist ein Geschäft der Telekom Italia Mobile, der TIM. Es ist Pfingstmontag, aber in Italien ist das kein Feiertag.

Zur Telekom muss ich, weil ich eine neue SIM brauche. Die Datenkarte, die ich seit drei Jahren nutze, wurde immer von einem Serviceunternehmen in Meran betreut. Denen konnte ich sagen was ich möchte, dann habe ich denen Geld per Paypal überwiesen und die haben dann für mich mein TIM-Kundenkonto benutzt und das richtige gebucht. Das machen die aber jetzt nicht mehr, wegen „EU“ und „Datenschutz“. Das ist eine dumme Ausrede und sehr schade – ich fand es immer toll, gegen 99 Euro für das ganze Jahr 50 GB Daten zur Hand zu haben, zumal das 4G Netz in Italien irrsinnig gut ausgebaut und schnell ist.

Das TIM-Kundenkonto selbst zu nutzen ist keine Option. Das fängt schon damit an, dass man aus dem Ausland kein Geld einzahlen kann. Offiziell geht das, aber sowohl Kreditkarten- als auch Paypalbezahlung mit ausländischen Konten werfen Fehlermeldungen, seit Jahren schon.

Mit dem Webservice „Xoom“ hätte ich es schaffen können die Blockade der TIM gegen Ausländer zu umgehen, aber ganz ehrlich: Ein Blick in das Backend meines TIM-Kundenkontos hat mich verzweifeln lassen. Es gibt keinen einfachen Knopf um die SIM-Karte für ein Jahr mit dem vorhergehenden Tarif zu verlängern. Stattdessen gibt es dutzende von Checkboxen und Schaltflächen, die versuchen einem tausend Optionen aufzuquatschen, alles auf Behördenitalienisch.

Dazu kommt, dass die Hälfte der Schaltflächen kaputt ist oder was ganz anderes tun als sie sollen. Die Gefahr ist hoch, mit einem unvorsichtigen Klick versehentlich einen Festnetzanschluss oder ein Faxgerät zu bestellen.

Immerhin gibt es seit diesem Jahr gibt es nun das Angebot „TIM Tourist“. Als Besucher erhält man darüber 15 GB, für 30 Euro. Das ist nicht schlecht, aber auch nur ein Mal buchbar und nur 30 Tage gültig. Egal, dieses Jahr bin ich nur ein Mal in Italien.

Die TIM-Niederlassung in Venturina ist modern eingerichtet. Zwischen Designermöbeln und Ausstellungsflächen mit den neuesten Smartphones stehen Monitore, auf denen lachende Menschen über den Bildschirm tanzen. Vor den Monitoren stehen wütende und aufgebrachte Menschen. Das überrascht mich nicht, sondern entspricht dem, was ich bislang über die Telekom gelesen habe. Deren Service ist unterirdisch, Unfähigkeit an der Tagesordnung, und zuständig ist sowieso niemand. Das ist sytembedingt. Die Angestellten hier im Laden tun nichts weiter, als mit toten Augen und traurigen Mienen zuzuhören und ab und an bedauernd den Kopf zu schütteln. Sie sind Notfallseelsorger für den Unfall namens TIM, wirklich machen können sie auch nichts. Einem besonders aufgebrachten Kunden wird sogar ein Telefon gereicht, damit er seinen Kampf mit der Telekom-Hotline persönlich ausfechten kann.

Als ich dran bin, lege ich einen Zettel auf den Tresen und ernte von der Angestellten einen irritierten Blick. Das Blatt Papier ist ein Ausdruck eines Gutscheins für die Touristenkarte. Habe ich schon zuhause gebucht und bezahlt.

Sie kennt das offensichtlich nicht, macht sich gleich aber erstmal im Backoffice schlau. Dort thront anscheinend eine Art graue Eminenz, die alles weiß und schon allein deshalb keinen Kontakt zu Kunden nötig hat. Ich höre schnelle Gespräche, dann kommt die Angestellte wieder, verlangt meinen Ausweis, kopiert ihn un und tippt dann in ihrem Computer rum. Dann tippt sie noch etwas länger im Computer rum.

Ein Kollege in TIM-Polohemd kommt mit besonders trauriger Miene vorbei und guckt, was sie da macht. Er besieht sich meinen Voucher, fährt die Logos darauf mit dem Finger ab und sagt. „Ach, guck. Ist ja toll, was wir alles so haben. 15 Gigabyte. 4G. Mit Whatsapp. Sogar mit SIM inklusive“.

Ja, das steht da. So hatte ich das im Internet auch verstanden: Alles inklusive, keine Extrakosten. Ich hatte allerdings in Foren auch gelesen, das insbesondere die TIM-Partneragenturen die SIM nicht ohne Extragebühr rausrücken, weil sie sonst nichts verdienen. Aber das hier ist ein Original TIM-Geschäft, die werden vom Staat bezahlt. Der traurige Typ geht wieder, die Frau tippt weiter im Computer rum. Dann noch länger. Dann sagt sie: „das macht 10 Euro für die SIM“.

„Ach“, sage ich. Ich drehe den Voucher zu mir und lese vor „Inclusiva data, whatsapp and SIM“. „Ach, sie haben da schon was für bezahlt?“, sagt die Frau. „Ja“, sage ich. „SIM kostet trotzdem extra“, sagt die Frau. „Nein, ist inklusive“, sage ich. „OK“, sagt die Frau und reicht mir eine SIM, die ich sofort untersuche.

Größe stimmt, 4G stimmt auch, PIN und PUK sind auch drauf. Sehr gut. „A posto“, sagt die Frau wieder, und „OK“. „Ok“ sage ich und will gehen. „Das macht 10 Euro“, sagt die Frau. Was soll denn das jetzt? Will die unbedingt Ärger oder was? „Aber im Internet stand, SIM Inclusive“, sage ich. Dann deute ich auf den Voucher, wo auch TIM SIM steht. Sie zuckt die Schultern und sagt „A Posto“. Das heißt so viel wie „in Ordnung“.

„A…. Posto…“, sage ich und drehe mich langsam Richtung Ausgang, wobei ich die Frau aus den Augenwinkeln im Blick behalte. „10 Euro“, sagt sie. Man, das GIBT ES doch nicht! Was denn nun? „In Ordnung“ oder 10 Euro? „Tutto insieme!“, sage ich. „A posto“, sagt die Frau. Ich wende mich zum Gehen. „10 Euro!“ ARGH!

In dem Moment dröhnt die graue Eminenz aus dem Back Office „ist inklusive!“ Die Angestellte zuckt mit den Schultern und geht weg. Ich rufe ihr und der grauen Eminenz im Back Office ein danke zu, dann stecke ich die SIM ein und flüchte. Meine Güte, bin ich froh italienisch zu sprechen, englisch kann hier nämlich vermutlich niemand und ich mag mir gar nicht ausmalen was für ein Drama dann diese seltsamen Verhandlungen gewesen wären.

Immerhin funktioniert die Karte auf Anhieb. Ich fummele die SIM in das kleine Gerät im Topcase, das Display leuchtet auf und „Connected“ erscheint. Internet! Yay! Ab jetzt ist die Barocca ein fahrender Accesspoint. Wir machen unser eigenes WLAN.

In den folgenden Tage dödele ich in der Toskana herum. Die Sonne scheint und es ist warm, meist um die 25 Grad, aber auch sehr windig. Am Strand von San Vincenzo zu liegen macht bei dem Wetter keinen Spaß, da wird man gesandstrahlt und der Sonnenschirm fliegt weg. Aber Nichtstun und Motorradfahren, das macht Spaß, und deshalb tue ich das sehr ausgiebig.


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Reisetagebuch 2019 (4): Motorrad-Tourette

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute mit einer Traumfrau, einem räuberischem Fürstentum und vielen Kraftausdrücken.

Sonntag, 09. Juni 2019, Asprémont, Frankreich

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch. Ein gewaltiger Donner rollt durch die Täler hinter Nizza. Das Gewitter muss direkt über Asprémont sein, Regen trommelt auf das Dach des Hotels.

Ich blicke auf die Uhr. Kurz nach 4. Ich versuche noch einmal einzuschlafen, aber so ganz will mir das nicht gelingen, draußen kracht und rumpelt es im Sekundentakt. Wieso gibt es überhaupt Gewitter, also, jetzt? Gestern Abend war davon nicht zu sehen.

Nach zwei schlaflosen Stunden werfe ich um kurz vor sechs einen Blick auf die Wetterkarte. Darauf ist zu sehen, wie sich gegen zwei Uhr nachts praktisch spontan und aus dem Nichts ein Tiefdruckgebiet gebildet hat, direkt über Asprémont. Und nicht nur das: Ab sieben Uhr wird es weiterziehen, und zwar exakt auf meiner Reiseroute und auch nur da. Ich bin wohl doch ein Wettergott.

Ächzend quäle ich mich aus dem Bett. Meine Füße tun immer noch weh. Die Blasenpflaster werfen jetzt selbst monströse Blasen, während sie versuchen die nässenden Löcher in meinen Fersen abzudecken.

Es ist Pfingstsonntag, aber selbst heute und um kurz vor sieben Uhr ist Sabine schon wach und unterwegs. Während ich die Koffer zum Motorrad trage, höre ich die Sächsin in der Küche werkeln.

Die Barocca durfte die Nacht über auf der Terrasse stehen und ist noch nass vom Wolkenbruch. Nass und… dreckig? Tatsächlich. Der Regen war voller Sand. Wüstenstaub, wahrscheinlich. Den hat wohl der Mistral Scirocco, wie man in Frankreich den starken Wind aus Süden nennt, aus Afrika rübergeweht. Das schwarze Motorrad hat nun ein sandfarbenes Tupfenmuster und sieht aus, als wäre es gerade eine Wüstenrallye gefahren.

Ich hänge die Koffer an das Motorrad und schiebe es vor das Tor, dann leiste ich Sabine an der Kaffeebar im Erdgeschoss ihres Hotels Gesellschaft. Die Leipzigerin trägt heute Morgen das platinblonde Haar zu einem Pferdeschanz gebunden. Zusammen mit einer ärmellosen, weißen und tief dekolletierten Bluse sieht sie ein wenig aus wie ein Filmstar aus den Fünfzigern.

Gerade schraubt und schaltet sie an einer schrankwandgroßen Espressomaschine herum. „Die braucht noch einen Moment zum Aufwärmen, aber ich habe uns schon mal deutschen Kaffee gemacht“, sagt sie und gießt mir einen Filterkaffee ein. Ich habe kein Frühstück gebucht, aber ohne einen Kaffee auf den Weg lässt sie mich nicht weg. Der Preis dafür ist eine kleine Plauderei, und Sabine kann ohne Punkt und Komma reden.

Da habe ich aber überhaupt nichts gegen, denn sie ist eine sehr angenehme Gesellschaft und eine kluge und erfahrene Frau, von der man selbst in kurzen Gesprächen viel lernen. Die Hotelierin war nach der Wende als Reiseleiterin mit „Studiosus“ in ganz Europa unterwegs, spricht mehrere Sprachen fließend und hat letztlich der Liebe wegen in Asprémont Wurzeln geschlagen.

Sie hat mir vor drei Jahren bei einem kurzen Frühstückskaffee mehr über Frankreich beigebracht als Ulrich Wickert in drei Büchern. Die er übrigens, zumindest zum Teil, genau hier verfasst hat: An dem Fenstertisch da hinten rechts, im Restaurant in diesem Hotel.

„Wissen sie“, sagt Sabine, „ich komme mir hier gerade vor wie in einer Diktatur. Ich bin in eine Diktatur hineingeboren worden und manchmal fühlt es sich so an, als sei ich nie aus der DDR rausgekommen.“

Jetzt sind sie aber ein wenig hart“, sage ich und nippe am Kaffee. „Nein, gar nicht“, sagt sie. „Ich meine das ernst. Ein Beispiel: Die Gelbwestenproteste, davon hat man doch plötzlich nichts mehr in den Medien gehört, oder? Die waren von jetzt auf gleich kein Thema mehr in den Nachrichten.“ Da hat sie recht. „Wissen sie, warum?“, fragt sie.
Ich schüttele den Kopf.

„Weil die französische Regierung das Militär gegen die Demonstranten eingesetzt hat! Hier in Nizza hatte die Bewegung ja ihren Ausgangspunkt, und hier ist allen Ernstes das Militär aufmarschiert, im Verhältnis fünf zu eins. Die Soldaten haben dann nichts gemacht, die standen nur zu Hunderten am Rande der Kundgebungen mit umgehängten Waffen, aber alleine ihre Präsenz war so einschüchternd, dass die Gelbwesten weggeblieben sind.“

Sabine gießt sich selbst einen Kaffee ein und reicht mir ein Körbchen über den Tresen „Hier, nehmen Sie ein Schokocroissant. Ach, es ist gerade kompliziert. Überall. Ich habe ja gute Freunde in Russland und mache da regelmäßig Urlaub, auch im Winter. Gerne auch mal weiter im Osten, am Baikalsee und so. Wussten sie, das Russland das christliche Land mit den meisten Muslimen ist?“
Ich mümmele am Schokocroissant herum und mache „ne“.

„Aber die machen das anders, statt Integration setzt Russland auf Enklaven. Jeder für sich. Es gibt prachtvolle muslimische Städte in Russland, bewohnt nur von Muslimen. Die werden dort auch völlig in Ruhe gelassen. Aber wenn von dort jemand nach Moskau will, dann wird er sehr genau kontrolliert. Und das funktioniert, es ist alles friedlich.“

Na, ich weiß ja nicht. Egal ob man es Enklave nennt oder die kleinere Version davon Ghetto: Die Isolation von Bevölkerungsgruppen war noch nie eine gute Idee. Mir ist eine integrierte Gesellschaft lieber, und das sage ich ihr auch.

Sabine guckt kurz in die Ferne, dann sagt sie „Naja, jedenfalls: Ich bin der Meinung, dass einer der Hauptfehler der EU die überhastete Osterweiterung war.“

Ich nicke. Das denke ich auch. Sie fährt fort: „Man hätte erstmal eine Nord- und eine Süd-EU machen sollen, und erst dann vielleicht eine separate Ost-EU, und dann alles langsam annähern. Der zweite Fehler der EU ist dieses bedingungslose Festhalten an den USA und das Verteufeln von Putin. Man mag denken was man will, aber durch die Abschottung des Westens steuert Putin jetzt Russland in Richtung China. Auch die Mongolei orientiert sich an China. Das sind starke Partner, da kann Europa nicht gegen an, dafür ist es einfach zu klein. Europa wird zerrieben, und in Italien nimmt es gerade seinen Anfang.“ „Die neue Seidenstraße?“, frage ich und nehme noch einen Schluck Kaffee.

Sabine nickt. „Genau, die neue Seidenstraße. Der Hafen von Triest ist schon komplett an die Chinesen verkauft, und aktuell diskutiert man, ob auch Genua und einige andere Häfen und Infrastrukturprojekte wie Brücken oder Straßen von den Chinesen übernommen werden sollen. Der Faschist Salvini, der tut ja immer so als wäre er Patriot, aber er betreibt gerade einen Ausverkauf seines Landes. 340 Milliarden pro Jahr, so munkelt man, soll China nach Italien bringen. Verstehen sie, was das heißt?“, fragt Sabine mit finsterer Miene.

Ich überlege. Dann geht mir ein Licht auf. „Bei der Menge an Geld… braucht Salvini die EU nicht mehr.“ Sabine lächelt grimmig. „Ganz genau. Salvini macht seinen rechtspopulistischen Schwachsinn wahr und zeigt der EU den Finger, und das kann er, weil er sich an die Chinesen prostituiert.“

Alter Falter. Das war mir gar nicht bewusst. Reisen bildet, auch politisch. Und meine Güte, wie toll ist diese Frau eigentlich, dass die mir quasi so nebenbei in 10 Minuten die Weltpolitik erklären kann? Ich glaube, ich bin verliebt.

In dem Moment rollt wieder ein Donnergrollen durch das Tal. Wolken ziehen rasant schnell an der Fensterfront des Frühstücksraums vorbei.

„Verdammt, das ist die Nachhut des Gewitters“, sage ich und trinke den Rest Kaffee in einem Schluck aus. „Ich muss los, so Leid mir das auch tut“.
Sabine begleitet mich zum Motorrad. Erste Regentropfen beginnen zu fallen. „Sie kommen aber wieder, oder?“, fragt sie.
„Aber sicher“, sage ich, „aber nur wenn Sie dann noch hier sind, Sabine“.- Sie lächelt und eilt zurück ins Hotel, wo die ersten Gäste schlaftrunken in die Lobby wanken.

Ich hoffe sehr, dass ich diese außergewöhnliche Frau tatsächlich noch einmal wieder sehen werde.

Der Regen legt jetzt so richtig los. Ich ziehe Regenhose und -Jacke aus dem Seitenkoffer und versuche mich da hineinzwinden. Gar nicht so einfach, in voller Schutzkleidung den Einstieg in die Regenklamotten hin zu bekommen. Ich verhake mich erst beim Anziehen im Innenfutter der Hose und hüpfe fluchend auf einem Bein im Kreis bis ich fast umfalle, dann vernüddelt sich der Ärmel der Jacke irgendwo hinter meinem Rücken. Würde man diese Nummer aufzeichnen und das Video rückwärts ablaufen lassen, sehe ich vermutlich aus wie Houdini, der sich aus einer Zwangsjacke befreit. So sehe ich nur aus wie ein Depp.

Zu den Regenklamotten, die mich gerade ärgern, kommt die Luft: Es sind 24 Grad, sagt das Thermometer, und die Luftfeuchtigkeit ist tropisch. In solcher Luft fällt das Atmen schwer, und ich schwitze schon wieder wie ein Üchel.

Als endlich alles sitzt, hört der Regen so abrupt auf wie er begonnen hat. Leicht fassungslos gucke ich zum Himmel und denke laut „Arschloch“. Halb aus Trotz und halb aus der Befürchtung, das ich den Regen gleich wieder einhole, behalte ich die Regenklamotten an.

Ich steuere das Motorrad über die nassen Straßen und aus den Bergen hinab in die Großstadt. Eigentlich möchte ich da nicht hin, aber um aus Asprémont weg zu kommen muss ich hinab ins Tal, durch die Stadt und dann über eine weitere Bergkette wieder raus.

Wer sich heute morgen selbst übertrifft, ist meine virtuelle Copilotin. Motorrad-KI Anna hat Sprachalgorithmen, die auf lokalen Informationen rumrechnen, um möglichst natürliche Anweisungen geben zu können. Für Nizza gibt es davon offensichtlich sehr viele, und die nutzt sie reichlich. Ich bin erstaunt als ich ein ums andere Mal Sätze höre wie „Biegen sie am verspiegelten Gebäude links ab“ oder „An der Ampel vor dem würfelförmigem Gebäude rechts“ oder „Neben dem Kiosk rechts rein“ höre. Es ist wirklich so als hätte ich eine echte Beifahrerin in meinem Helm, die mir unerschütterlich ruhig ins Ohr wispert wo ich hin muss.

Die Barocca rollt durch die Straßen von Nizza. Es ist ja erst halb acht am Sonntag, deshalb gibt es noch keinen Stau, aber es ist doch schon mehr los als ich gedacht hätte. Autos und Motorroller flitzen durch die Straßen, und auch Fußgänger sind schon unterwegs.

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Reisetagebuch 2019 (3): Bis auf´s Fleisch

Samstag, 08. Juni 2019, in der Nähe von Embrun, Frankreich

Ein Dachfenster über´m Bett, das hört sich ja total romantisch an. Beim Einschlafen in die Sterne gucken und so. Die Realität sieht aber anders aus, besonders wenn man schlechte Augen hat und sich das Dachfenster nicht verdunkeln lässt.

Mit meinen schlechten Augen sehe ich beim Einschlafen nämlich nur einen grauen Fleck, und ab vier Uhr wird aus dem grauen Fleck ein strahlend heller, blauer Fleck. Die Sonne scheint zum Fenster rein wie der Laser des Todesterns und hobelt mir durch die geschlossenen Augenlider die Netzhaut weg. Ich kann nicht schlafen wenn es hell ist. Seufzend schwinge ich mich aus dem Bett und tappe in das kleine Badezimmer, wo ich eine winzige, zusammenrollbare Schlafmaske aus dem Allzweckbeutel fummele. Mit der auf den Augen drehe mich noch einmal um und ich schwebe in einen ganz wohlig warmen Halbschlaf davon.

Das Bett in meinem Zimmer im Inneren der Riesenscheune „La Grande Ferme“ ist warm und weich, es fällt mir nicht leicht mich von ihm zu trennen, als um kurz nach sieben der Wecker summt. Trotzdem schaffe ich es, um kurz nach 8 die Koffer zum Motorrad zu tragen und mich dann ins Restaurant im Keller zu begeben, wo Nicolette schon arbeitet.

„Bin ich der einzige Gast heute morgen?“, frage ich auf deutsch. „Derr einzige, der SO frü´ essen möschte“, sagt sie gespielt tadelnd und mit runtergezogenen Mundwinkeln. Ich muss grinsen. Es gibt getoastetes Graubrot und selbstgemachte Konfiture. Dann packe ich meine Sachen und staune noch einmal, wie groß diese Scheune ist. Es gibt auf den einzelnen Wohnungen, die wie Starenkästen an der Innenwand hängen, sogar sowas wie kleine Veranden.

Eine Viertelstunde später stehe ich in der Morgenluft vor La Grande Ferme. Es ist noch ein wenig frisch, aber nicht kalt. Die Sonne strahlt durch die Bäume und der Kies knirscht unter meinen Stiefeln, als ich die Koffer zum Motorrad trage.

Chaia, der Hofhund, läuft die Straße vor der Scheune herunter und niest mehrfach herzhaft. „A votre Santé“ rufe ich ihr hinterher, während ich die Rokk Straps um das Topcase festziehe. Eine neue Vorsichtsmaßnahme, ich vermute auf dieser Fahrt extrem schlechte Straßen und fahre einfach beruhigter, wenn ich weiß, dass die Kiste am Heck mit Spanngurten gesichert ist und keinen Abgang machen kann.

Dann rollt die Barocca den Berg hinab. Ich checke im Cockpit schnell Reifendruck….

… dann konzentriere ich mich ganz auf die Straße. Das tut auch Not, denn vor mir eiert ein Radrennfahrer herum. Zu schnell, als das ich ihn bequem überholen könnte, aber zu langsam, als das ich ihn aus den Augen lassen wollte. Als ich ihn endlich gefahrlos überholen kann, bin ich entspannter und kann die Aussicht genießen. Zarte Morgenwölkchen hängen an den Spitzen der Berge, die die weiten Täler säumen.

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Reisetagebuch Motorradtour 2019 (2): Scheunenspuk

Sommerreise mit dem Motorrad. Heute geht es weiter nach Süden, in eine interessante Scheune.

07. Juni 2019, Domaine de Fontenelay, Gezier-et-Fontenelay, Frankreich

Kein Klopapier.
Na super.

Gestern kein Wasser in der Dusche und ein zugemülltes Bad, heute kein Klopapier. Gut, dass mir das noch auffällt bevor ich es brauche. Es ist seltsam: Augenscheinlich hat sich jemand sehr viel Mühe gegeben, um das alte Bauernhaus an der Domaine de Fonteneley zu einem Ort zu machen, an dem sich Gäste wohlfühlen können – es gibt liebevoll gearbeitete Holzschilder mit Hinweisen, Schiefertafeln mit Willlkommensgrüßen, in den Gästezimmern stehen neue Möbel und anscheinend gibt es sogar irgendwo einen Pool für Gäste. Aber dieser gastfreundliche jemand, so macht es den Eindruck, ist gerade nicht da, und die Vertretung hat erkennbar keinen Bock.

Im Untergeschoss des alten Bauernhauses fällt Sonnenschein durch die hohen Fenster. Staub tanzt durch die Luft, und noch jemand macht bei dem Tanz mit.

Eine junge Frau in einem geblümten Sommerkleid tanzt zwischen Tischen mit Bügelwäsche herum und summt dabei ein Lied mit, das aus einem alten Radio scheppert. Sie ist schlank, trägt das blonde Haar in kleinen Locken und strahlt förmlich vor guter Laune. Anmutig wie eine Ballerina dreht sie mit ausgebreiteten Arme im Morgenlicht, während sie Wäsche sortiert. Ich räuspere mich und sage „Guten Morgen“. Sie blickt auf und antwortet „Guten Morgen“ auf französisch. „Ich bin Christelle. Möchtest Du frühstücken?“

Ich nicke. „Dann hier entlang, bitte“, sagt sie, macht eine kleine Ballerina-Verbeugung und deutet mit beiden Armen in Richtung eines Frühstücksraums.

Christelle macht mir einen frischen Kaffee. Der ist verdammt gut, daran kann nicht mal die Diddltasse was ändern, in dem er gereicht wird. Es gibt frisches Brot mit selbstgemachter Quittenkonfiture. Während ich esse, beobachtet mich Christelle. „Verreist Du?“, fragt sie. „Ja“, sage ich. „Und wohin willst Du?“, fragt sie. Für einen Moment muss ich überlegen und weiß selbst im ersten Moment nicht warum. „Nach Süden“, sage ich dann, ein wenig ausweichend.

Dann verstehe ich warum ich gezögert habe. Natürlich weiß ich, wie die Route der nächsten Wochen aussehen wird. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „Wissen, wo man auf einer Reise langfährt“ und „Wissen, wo man auf einer Reise hin will“. In den letzten Jahren hatte jede meiner langen Motorradtouren ein Ziel, auf das alles hinführte. Eine Idee oder ein Kern, um den dann alles andere entstand. Ein Ort oder eine Person, die ich besuchen wollte, und um die alles andere herumgebaut wurde. Das habe ich dieses Mal nicht. Zumindest nicht richtig.

Ich habe eine grobe Idee von Fleischbällchen in Tomatensauce im Hinterkopf, aber um ehrlich zu sein: Ich hatte einfach keine Zeit, um mir in diesem Jahr so eine richtig tolle oder komplizierte Motorradreise in Europa zurecht zu legen. Die große und richtig aufregende Reise steht im Herbst erst an, und die Motorradtour wird darum dieses Jahr günstiger und verlässt die Komfortzone nicht wirklich. Was den Nachteil hat, dass ich die schon so sehr gut kenn. Ich bin jetzt zwar unterwegs, aber ich habe kein Ziel, auf das alles hinausläuft. Stattdessen will ich einfach nur unterwegs sein. Einfach nur fahren. Weg von der Arbeit, weg von zuhause, und dann mal gucken was passiert.

Christelle ist offensichtlich die, die Bock auf Gäste hat. Sie hat wohl längere Zeit im Ausland, vor allem Australien, verbracht und möchte nun, dass Menschen aus aller Welt nach Geziers kommen und hier ihre Gäste sind. Ein schönes Anliegen, das aber wohl nur verfolgt wird, wenn sie selbst auch da ist – und die letzten Tage war sie unterwegs.

Nach dem Frühstück trage ich die Koffer zum Motorrad. Die Morgenluft ist kühl und frisch, und die V-Strom ist vom Morgentau bedeckt. Ein Haufen Hühner (Schwarm? Rudel? Wie nennt man die Zusammenklumpung von Hühnern?) hühnert zwischen Büschen herum.
Ein Pony steht neben einer Scheune und beäugt mich skeptisch. Die etwas korpulente Brünette, die mich gestern Abend mit Schnellfeuerfranzösisch verwirrt hat, stapft griesgrämig über den Hof und zieht ein weinendes und erstaunlich schmutziges Kind an der Hand hinter sich her. Typisches Landleben hier. Ich zucke mit den Schultern zurre das Gepäck auf der V-Strom fest.

Als ich startklar bin, blicke ich mich nochmal um. Die korpulente Frau schimpft gerade das Kind aus, während Christelle am Steinbogen zur Küche einen riesigen Hahn mit beiden Händen packt und zum Hof hinausträgt. Ich muss grinsen. Seltsames Bild, wie die fragil scheinende Frau, barfuß und im Sommerkleidchen, so hemdsärmelig mit dem riesigen Tier hantiert.

Ich starte den Motor, hebe den Seitenständer aus dem weichen Schotter und drehe dann zum Wenden eine Runde um die große Linde in der Mitte des Hofs. Die Barocca rollt an Christelle und der schimpfenden Mama vorbei zur Ausfahrt. Das schmutzige Kind vergisst beim Anblick des Motorrads zu weinen, guckt mit großen Augen und steckt sich vor lauter Faszination einen Finger in die Nase.

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Reisetagebuch Motorrad 2019 (1): Schmutziger Regen

Sommerreise mit dem Motorrad, einmal quer durch Europa. So zumindest der Plan. Heute soll es losgehen, aber ich stehe mir selbst im Weg. Mal wieder.

Donnerstag, 06. Juni 2019, Mumpfelhausen bei Götham

Ich sitze in langer Unterwäsche vor dem Rechner und mümmele Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Auf dem Bildschirm ist die aktuelle Stauprognose und das Reisewetter, denn heute soll es losgehen. Sommerreise 2019. Motorrad. Yay!

Deswegen trage ich auch schon den langen Merinozweiteiler. Ich bin kurz vor dem Abflug. Noch schnell die Kombi überwerfen, dann soll es losgehen.

Über dem Dorf stehen dunkle Wolken. Seltsam, gestern waren 32 Grad und Sonnenschein, und das war doch für heute auch angesagt? Egal, los jetzt.

Zwei Stimmen streiten, ach, in meinem Kopf, während der Rechner runterfährt und ich mich abreisefertig mache. Die eine Stimme will zum hundertsten Mal die Abreise verzögern, die andere will endlich los und Asphalt unter die Räder nehmen.

„Ist auch wirklich jedes Fenster zu?“

„Ja, hast Du doch schon kontrolliert.“

„Ich muss noch mal auf´s Klo!“

„Musst Du nicht, wir waren gerade. Da kommt kein Tropfen.“

„Sollen wir nicht nochmal nachgucken, ob der Herd auch aus ist?“

„Wie soll der denn an sein? Wir haben seit Wochen nichts gekocht, und außerdem sind die Sicherungen rausgedreht! Los, jetzt mach hin!“

Hilft ja alles nichts. Hose, Stiefel, Jacke, ein Blick zurück und…
Los geht´s.

In der Garage steht die Suzuki DL 650 V-Strom, Spitzname „Barocca“, schon fertig mit zwei Givi-Koffern und einem Topcase bepackt.

Ich kontrolliere nochmal die Halterungen der Koffer, dann lege ich ganz bewusst und Stück für Stück meine Schutzausrüstung an.

Eine leichte, aber etwas zu große Leder/Textilhose von Held trage ich bereits, darunter die lange Unterwäsche aus Merinowolle. An den Füßen sitzen schwere und brandneue Daytona-Stiefel, denen ich noch nicht ganz traue. Die sind ein wenig zu groß, zumindest im Moment. Aber die in einer Nummer kleiner haben mich neulich fast umgebracht, anscheinend schwellen meine Füße bei warmem Wetter mittlerweile heftig an. Seltsam, was der Körper sich so an Marotten ausdenkt, wenn er älter wird.

Sorgfältig klette ich die Jacke zu, deren Kalibrationslampen am Ärmel zu leuchten beginnen. Dann das Halstuch. Dann Gehörschutz. Dann der Helm. Er sitzt fester als sonst, hat letzten Winter ein neues Innenfutter bekommen. Fühlt sich seltsam an, als ich die Kinnlade herunterklappe. So, noch die Handschuhe, dann schiebe ich die V-Strom auf die Straße hinaus und schließe die Garage ab.

Ich schwinge mich in den Sattel und schalte die Elektrik ein. Sofort leuchtet das Display des Navigationsgeräts auf. Wie schön, das neue Relais für dessen Stromversorgung funktioniert. Ist gestern erst gekommen, war eine knappe Sache. Hätte das nicht geklappt, hätte ich das Garmin Zumo direkt an die Batterie anklemmen müssen.

Regentropfen fallen auf den Tank der V-Strom. Aber das wird sicher nur ein kurzes misseln sein, bestimmt gleich vorbei. Ich blicke auf den linken Unterarm, wo nun ein grünes Licht leuchtet. Das Airbagsystem meiner Jacke ist eingeschaltet und bereit.

Ich schalte den Helm ein. Die Notbremsleuchte am Hinterkopf blitzt kurz auf, dann sagt eine schleppende Stimme in meinem linken Ohr „Guten Morgen“. Mit ihrer Betonung klingt sie leicht doof, etwa so, wie man sich eine begriffsstutzige Sekretärin vorstellt. „Telefon verbunden“, sagt die Sekretärin und fügt nach kurzem Zögern hinzu „Anderes Gerät… verbunden“.

Dieses „andere Gerät“ ist das Garmin Zumo 590, das sich nun ebenfalls zu Wort meldet. Vom Tonfall her selbstbewusste Businesswoman. Mit einem „Guten Morgen“ oder ähnlichem Smalltalk hält sich das nicht auf. Ich höre mehrere Statustöne, als das Garmin beginnt sich mit dem Helm, den Sensoren am Motorrad und meinem Telefon zu vernetzen. Dann zieht es Informationen zu Wetter und Verkehrsmeldungen aus dem Netz und meldet schließlich Einsatzbereitschaft.

Wir Menschen neigen ohnehin dazu, Dinge oder Geräte mit antrophomorphen Charaktereigenschaften zu belegen. Die Bereitschaft zur Vermenschlichung steigt, je komplexer diese Geräte sind. Das Garmin ist sehr komplex, und durch seine Vernetzung mit Motorrad und Internet und seine begrenzte Fähigkeit, meine Vorlieben zu lernen, neige ich dazu es, es als rudenmentäre Künstliche Intelligenz zu betrachten. Deshalb nenne ich die Stimme in meinem Ohr Anna, nach dem Namen der Garmin-Sprachdatei. Anna ist meine virtuelle Copilotin und voraussichtlich die einzige deutsche Stimme, die ich in den kommenden Wochen hören werde.

„Guten Morgen, Anna. Wo fahren wir denn heute hin?“, frage ich in den Helm.

„Folgen sie der Straße bis zum Ende, dann biegen sie links ab“, höre ich im linken Ohr.

„Gut genug für mich“, sage ich und starte den Motor.

Ich gebe Gas, rolle die Dorfstraße herunter, biege links ab und bin weg.

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Tipps für Japan

Drei Wochen war ich in Japan unterwegs. Das war faszinierend und anders. Bevor ich es vergesse, hier die wichtigsten Erkenntnisse und Tipps:

Sprache
Japaner haben 5 Jahre englisch in der Schule, aber: Nur in Schriftform. Deshalb spricht es kaum jemand, und die wenigsten Japaner verstehen mehr als einzelne Worte oder Dreiwortsätze. Das gilt selbst für Angestellte in Hotels oder Mietwagenfirmen, von denen man eigentlich erwarten würde, dass sie englisch sprechen! Ein Fallback ist hier der Google-Translator, aber der neigt dazu gerade in kritischen Situationen nicht zu funktionieren. Deshalb: Einfache Worte und Sätze sprechen, und das deutlich. „Ticket! One!“ oder „This – Good?“ versteht jeder.

Höflichkeit
Japaner sind überaus höflich, und das zeigt sich darin, das sie selbst kleinste Handlungen mit voller Konzentration auf ihr Gegenüber vollziehen. Wenn also die Kreditkarte mal wieder nicht funktioniert, werden sie einem die mit beiden Händen zurückgeben. Oder wenn man etwas anderes überreicht bekommt, dann in der Regel auch mit beiden Händen. Die Höflichkeit gebietet es dann, das Dargebotene auch mit beiden Händen entgegenzunehmen und Dinge ebenfalls mit beiden Händen zu überreichen und sich auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Die Kreditkarte einfach auf den Tresen zu werfen während man sich gleichzeitig wegdreht oder mit jemandem dritten unterhält sorgt für Irritation.

Kleidung
Japanerinnen und Japaner kleiden sich 2019 extrem konservativ. Er trägt lange Hosen und Hemden, oft auch Anzug. Sie trägt hochgeschlossene Blusen der Strickjacken zu knöchellangen Röcken. Mode wie in den frühen 80ern. No craziness, nirgendwo. Möchte man gerne auffallen, trägt man als Mann kurze Hosen oder T-Shirts, als Frau ein Tanktop oder einen kurzen Rock – Boom, sofort als Touristen erkennbar!

Essen und Trinken
Japaner vermeiden alles, was andere Menschen nerven könnte. Dazu gehört lautes Sprechen oder Telefonieren in der Öffentlichkeit, aber auch Essen oder Trinken im Gehen oder in der Bahn. Das macht man nicht. Sollte man sich als Besucher merken.

Trinkgeld
Bitte kein Trinkgeld geben. Niemals. Das ist gilt als beleidigend.

Müll
Es gibt keine Mülleimer in den Straßen, nirgendwo. Oft nicht mal neben Imbissbuden. Darauf sollte man sich einstellen. Nur in Conbinis gibt es ganz sicher Mülleimer.

Conbinis
Die Rettung aller Touristen. An wörtlich jeder Ecke (auch auf dem Land) gibt es ein 7-Eleven, ein Family Mart oder ein Lawsons. In den kleinen Supermärkten gibt es Geldautomaten, Toiletten, Mülleimer und fertiges Essen.

Toiletten
Japanische Toiletten sind entweder uralte Hocktoiletten oder moderne High-Tech-Klosetts, die einen beheizten Sitzring haben und über ein Tastenfeld bedient werden, das aussieht, als sei es aus der Raumfahrt. Hier sollte man sich dringend merken, was wofür ist: 小 bedeutet Spülen nach einem kleinen Geschäft, das hier 大 für´s große Geschäft.
Die High-Tech-Toiletten sind nicht auf den Gebrauch von Klopapier ausgelegt. Das merkt man auch am seidendünnen Papier, das einfach nicht taugt zum Po abputzen. Stattdessen lässt man sich nach dem Geschäft von einem starken, warmen Wasserstrahl die Rosette reinigen und tupft diese dann mit dem Klopapier nur noch trocken. Das erfordert anfangs etwas Übung hinsichtlich Position und Schließmuskelbeherrschung, funktioniert aber völlig großartig, wenn man es kann. Echt. Japanische Toiletten sind die besten von der Welt.

Kriminalität
Gibt es in Japan praktisch nicht. Gerade Tokyo ist die sicherste Stadt der Welt.

Bargeld
Japan ist eine Bargeldgesellschaft, mit Kreditkarten scheitert man sehr schnell, auch in den Städten. Bargeld bekommt man problemlos aus Geldautomaten in jedem Conbini (s.o.). Nachteil: Schon nach kurzer Zeit trägt man Kiloweise Münzen mit sich rum, die vom Nennwert so klein sind, das man nicht mehr los wird. Tipp: Entweder an einem Automaten das Kleingeld auf eine IC-Karte (s.unten) einzahlen oder am Flughafen in einen Pocketchange-Automaten (steht in Narita hinter dem Gästeinformationscenter) werfen und dafür einen Zalando-Gutschein bekommen oder UNICEF spenden.

IC-Karten
In Japan mag man zwar keine Kreditkarten, steht aber auf sog. IC-Karten. Das sind anonyme Plastikkarten, auf die man an Automaten (mittels Bargeld oder Kreditkarte) Geld einzahlen kann. Mit IC-Karten kann man an Automaten bezahlen und vor allem: U-Bahn und Busse nutzen. Beliebt ist die Suica-Karte, mit der kann man in jeder größeren Stadt Bahn fahren, praktisch hat das bei mir nur in Tokyo und Osaka funktioniert. Neben der Suica gibt es auch andere Karten wie die Pasmo oder ICOCA, aber die Suica ist wohl am breitesten akzeptiert und nur auf ihr ist ein Pinguin(!) (Icoca: Schnabeltier, KITACA: Flughörnchen).

Die IC-Karten bekommt man aus Automaten, die an jedem Bahnhof stehen. Oder man kann sie HIER vor der Reise bestellen und bekommt sie voraufgeladen nach Hause.
Die Suica kann man, wenn man in Japan ist (woanders auf der Welt wird die Option nicht angeboten, erst auf japanischen Boden kommt das iPhone damit an), auch im Apple-Wallet anlegen und direkt von ApplePay darauf Geld überweisen. Die Suica steckt dann im iphone oder der Apple Watch, damit kann man dann auch überall mit Handy oder Uhr bezahlen.

U-Bahn, Straßenbahn, Bus
…sind allesamt mit Einzeltickets nur schwer zu nutzen. In manchen Städten (Kyoto, Osaka) kostet eine Fahrt immer einen pauschalen Betrag, was ok ist. In Tokyo z.B. muss man aber vorher den Abstand der Start- und Zielstation zählen, woraus sich ein Betrag ergibt, den man an einem Automaten zahlen muss. Problem: Der Stationsplan ist auf japanisch. Lösung: Einfach mit der Suica-Karte in die Bahn marschieren, am Zielbahnhof damit wieder auschecken, der richtige Betrag wird immer automatisch abgebucht.

Um überhaupt zu wissen wo man hin muss und welche Bahn es zu nehmen gilt, ist Google Maps das Mittel der Wahl. Das Ding sagt einem präzise wo man ein- und aussteigen muss, wieviele Stationen man fahren soll und welchen Wagen man nehmen kann um schnell aus der U-Bahn weg zu kommen.

Bahn
Zwischen großen Städten verkehren Shinkansen-Schnellzüge und Linien der Japan Railway und andere Bahngesellschaften. Die Züge sind alle pünktlich, sauber – und ARSCHTEUER. Leichte Linderung verschafft der Japan Rail Pass, den man vor seinem Urlaub buchen kann. Er umfasst 7, 14 oder 21 Tage freie Nutzung fast aller Shinkansen und JR-Züge. Leider ist er auch teuer: 14 Tage kosten rund 390 Euro, drei Wochen 500. Günstiger kommt man in Japan aber nicht von Ort zu Ort. Den JR-Pass kann man NUR vor Reisebeginn beantragen, am einfachsten bei der-japan-rail-pass.de Um schnelle Verbindungen zu ermitteln, die mit dem JR-Railpass nutzbar sind, hat sich die App Japan-Direct bewährt.

Autofahren
Auf der linken Straßenseite und NUR mit einer amtlichen Übersetzung des eigenen Führerscheins ins japanische. Japanische Polizisten können nämlich genauso gut Englisch wie japanische Angestellte in Mietwagenverleihen: Gar nicht. Die amtliche Übersetzung beantragt man mindestens 6 Wochen vorher bei Japan Experience. Das kostet 65 Euro und ist unkompliziert.

Ansonsten: Japaner fahren sehr langsam (innerorts 20-40, außerorts 60) und rücksichtsvoll. Auf der Hauptinsel Honshu stehen bei größeren Straßen auf jedem Schild die Orte auch auf englisch. Es gibt Zeichen, die es in Europa nicht gibt – das Stopschild bspw. ist ein auf dem Kopf stehendes Dreieck. Andere Zeichen wurden von Australiern oder den USA übernommen. Man sollte sich vorher mit einem Infoblatt der Japanischen Verkehrsbehörde vertraut machen, die findet sich unter https://english.jaf.or.jp/.

Es gibt nirgendwo Parkplätze (außer an Touristenattraktionen und auf dem Land), auch an Straßen darf man in der Regel nicht parken. An Tankstellen wird man von einem Tankwart bedient. Es gibt auch Automatentankstellen, die verweigern aber gerne mal die Bezahlung mit Kreditkarte.

SIM
Ohne Internet keine Orientierung und keine Übersetzung. Am Flughafen kann man SIMs aus Automaten ziehen, aber die sind stark limitiert (5 GB) und recht teuer. Am günstigsten ist es, vorher eine SIM bei Japanexperience zu kaufen. Für 40 Euro gibt es „unlimitiert“ viele Daten (und nur Daten!) für 8, 16 oder 31 Tage. „Unlimitiert“ heißt soviel wie: ab 20 Gigabyte Verbrauch wird man gedrosselt. Ich bin trotz intensiver Nutzung von Youtube, Google Maps und Twitter in drei Wochen nicht über 8 GB gekommen. Wer natürlich Fotos synct und Netflix in HD guckt, der erreicht die Grenze recht schnell. Die SIM kann man hier bestellen. Die Karte funktioniert angeblich nur in Telefon und iPads, nicht aber in Mifis. Ausprobiert habe ich das nicht. Alternativ kann man auf der Seite auch einen MiFi, einen tragbaren Router, buchen.

Strom
Bei Steckdosen hat Japan hat das amerikanische System mit zwei flachen Kontakten übernommen. Das hier ist der richtige Adapter:

Mancherorts liest man im Netz, das ein Stecker mit drei Kontakten der richtige sei. Das stimmt aber nicht.

Wichtig: In Japan kommen nur 100 Volt mit 50 Hz bis 60 HZ aus der Dose. Die meisten Ladegeräte und Notebooknetzteile funktionieren damit einfach so, allerdings laden sie ggf. langsamer als bei uns. Womit man aufpassen muss sind Geräte mit hoher Leistungsaufnahme wie Haartrockner oder Bügeleisen. Ein europäischer Föhn zieht so viel Strom, dass es passieren kann, dass eine japanische Stromleitung überhitzt und in der Wand anfängt zu brennen. Solche Geräte unbedingt zu Hause lassen, die kann man sich in jeder Unterbringung leihen.

Zeitverschiebung
Japan ist Deutschland zur Winterzeit acht Stunden voraus. Ist es hier 12:00 Uhr mittags, ist es dort bereits 20:00 Uhr.

Ausweis
Personalausweis reicht nicht, der Reisepass wird überall gebraucht. Für den besteht Mitführungspflicht, und tatsächlich wird er in Hotels und in der Bahn (im Zusammenspiel mit dem Railpass) ständig kontrolliert. Bei der Einreise nach Japan wird er ohnehin benötigt, dort werden auch biometrische Bilder von einem gemacht und die Fingerabdrücke genommen.

Flüge
Japan liegt am anderen Ende der Welt, rund 9.000 Km entfernt. Dementsprechend teuer sind die Flüge dorthin. Es ist von Vorteil, wenn man sich früh für einen Reisezeitraum entschieden hat, bei den konkreten Daten aber flexibel ist. Rund 10 Monate vorher waren in meinem Fall die Flüge nur halb so teuer wie normal. Gebucht wurde letztlich über FinnAir ein Flug der Japan Air Lines von Frankfurt nach Tokyo für rund 630 Euro Hin und Zurück. Das geht wohl noch etwas günstiger, wenn man zuerst nach Helsinki und von dort nach Tokyo fliegt.
Eine App wie „Hopper“ kann dabei helfen die Preisentwicklung im Auge zu behalten. Hopper versucht auch zu prognostizieren, wann Flüge am günstigsten sind, macht das aber nicht besonders gut.

Flughäfen
Tokyo hat derer zwei: Tokyo-Haneda wird allgemein sehr gelobt und liegt näher am Zentrum von Tokyo, von Tokyo-Narita wird oft abgeraten, weil es weiter draußen liegt. Ich habe für Ankunft und Abflug Narita benutzt und war begeistert: Groß, schnelle Abfertigung, und mit einem Expresszug ist man in 40 Minuten in Tokyo City. Kann man also gut machen.

Wohnen
AirBNB lehne ich aus moralischen Gründen ab. Hotels sind teuer, auf einem Preisniveau irgendwo zwischen Deutschland und den Niederlanden. Booking.com ist das Mittel der Wahl um gute und bezahlbare Unterkünfte zu finden. Japaner buchen in der Regel sehr früh (6 Monate im voraus), weshalb es von Vorteil ist, wenn man sich ebenfalls sehr früh um Unterkünfte kümmert. Besonders nett sind Ryokans, traditionelle japanische Gasthöfe mit Bädern, gespeist aus heißen Quellen.

Knowledge Base
Erstklassige Tipps und Anleitungen für fast jedes Ding und fast jede Situation gibt es im Blog „Wanderweib“ von Tessa: https://wanderweib.de/

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8.124

So, ich wäre dann auch mal wieder da.

8.124 Kilometer habe ich den den letzten dreieinhalb Wochen mit dem Motorrad zurückgelegt. Das war vor allem eines: Absurd heiß. Auch Deutschland hat unter einer Hitzewelle gestöhnt, aber ich sage mal so: 1.800 Kilometer weiter südlich war es noch etwas wärmer als hier.

Zum Glück hat das Motorrad gut durchgehalten, und selbst die Airbagjacke hat dieses Mal die Hitze überstanden. Mit anderer Ausrüstung war ich nicht so glücklich. Daytonas in 41 sind zu klein, in 42 habe ich mir aber Blasen gelaufen bis auf´s rohe Fleisch. Aber nun, irgendwas ist ja immer, und besser ein paar Blasen als ein Unfall. Vor sowas blieb ich zum Glück verschont – trotz Neapel!

Bild: Google Earth 2019

Ja, es ging noch einmal nach Italien. Zum einen, weil ich die letzten Ecken erkunden wollte, in denen ich noch nicht jedes Dorf kenne, zum anderen, weil in diesem Jahr noch eine mächtig weite Reise ansteht, und ich deswegen im Sommer ein wenig in meiner Komfortzone bleiben und nicht das ganz große Abenteuer aufmachen wollte. Spannend und interessant war es aber trotzdem. Der Süden Italiens unterscheidet sich vom Norden so stark, dass er praktisch ein anderes Land ist.

Es ist ein raues Land, voller herzlicher Menschen und spannender Geschichten. Warum Roberta sich über Honig freut, wieso Maria der Meinung ist, das alle Maria heißen, wie Toni Feigenblätter am liebsten mag und was aus dem Dorf Riace geworden ist, nachdem Italiens Faschistenführer Salvini den Bürgermeister hat verhaften lassen, weil er Menschen geholfen hat, das gibt es dann ausführlich demnächst im Reisetagebuch.

Für mich war es auch ein wenig ein Abschluss mit Italien. 2012 habe ich mich das erste Mal mit dem Motorrad dahin aufgemacht, weil ich mehr über das Land und die Menschen lernen wollte. Mittlerweile weiß ich mehr über Italien als die meisten Italiener. Ich war in jeder Region, nahezu jeder Provinz, kenne fast alle Städte und die größeren Sehenswürdigkeiten.

Diese Reise hat die letzten, weißen Flecken beseitigt und das meiste an „unfinished business“ ist erledigt – sogar auf den Großklockner, bzw. die Hochalpenstraße dort, habe ich es im dritten Anlauf geschafft. Yay!

Dreieinhalb Wochen on the Road, bei sengender Hitze, das kann schon tough sein. Am Ende freute ich mich schon wieder auf zu Hause.
Jetzt muss ich erstmal auspacken und Wäsche waschen und sowas. Dabei genieße ich, wie kühl es hier im direkten Vergleich ist.

2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

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Reisetagebuch 2019 (5): Harry Potter vs. The Avengers

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute gibt es den Rest von einer Woche London. Mit dabei: Harry Potter, Hamilton, die Avengers und Chris.

Mittwoch, 06. Februar 2019, London
Die Nächte sind gerade etwas kurz. Ich koste Londons Kultur- und Unterhaltungsangebot bis zur Neige aus und gebe mir die volle Dröhnung: Jeden Abend ein Theater- oder Musicalbesuch.

Wenn ich davon gegen 23:00 Uhr nach Hause komme, bin ich so aufgekratzt, dass ich noch bis fast halb zwei irgendwas machen muss um runterzukommen. Zum Beispiel Reisetaschenreviews zum Sojourn studieren oder die britische Version von Frauentausch gucken.

Heute Morgen schlafe ich etwas länger und stehe erst gegen 8:30 auf. Dann fahre ich in die Stadt, zum Picadilly Square. Etwas die Shaftesbury Avenue hoch steht ein riesige Backsteinbau, der fast ein wenig wie eine Burg wirkt. Der absolut passende Ort, um den achten Teil von Harry Potter aufzuführen!

Moment mal, den ACHTEN Teil? Es gibt doch nur sieben Bücher! Ja, das stimmt. Aber es gibt wirklich einen achten Teil, der 19 Jahre nach dem Ende des letzten Buchs spielt. Diesen achten Teil gibt es aber nur als Theaterstück, und das wird gerade nur hier, im Palace-Theatre, gespielt. Das ist so, als ob es einen neuen Star Wars-Film gäbe, der nur in einem Kino auf der ganzen Welt gezeigt wird. Dementsprechend schwer ist es, an die Karten zu kommen. Meine habe ich im April 2018 gebucht, was gar nicht so einfach war. Dass das Theaterstück so lang ist, dass man zwei Vorstellungen besuchen muss um alles zu sehen, macht die Sache weder einfacher noch billiger. Fast 400 Euro haben mich die Karten gekostet, und als mir der Portier die Eintrittskarten überreicht, nehme ich die mit einem Anflug von Ehrfurcht entgegen.

So, das Wichtigste ist erledigt, jetzt gibt es Frühstück. Ich fahre zur North Gowern Street und frühstücke bei Speedys. Das kleine Café ist gerammelt voll, aber routiniert und schnell arbeiten Besitzer Chris und seine Helferinnen die Bestellungen ab.


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Kategorien: Reisen | 3 Kommentare

Reisetagebuch 2019 (4): Outbound II

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es nach Ochsenfurt, ich mache wieder mal mit Duschköpfen rum und gucke Tina Turner unter den Rock.

Dienstag, 05. Februar 2019, Bahnhof Paddington, London
Um kurz vor neun fährt der Zug der GWR, der Great Western Railway. Wie der Name schon andeutet, verlässt der Zug London „Outbound“ in Richtung Westen. Eine Stunde später hält er in einem kleinen Ort, und ich falle aus dem Wagen und bin etwas erstaunt: Das ist ja winzig hier! Das soll das weltberühmte Oxford sein?

Bild: Google Earth 2019

Sieht mehr aus wie ein Dorf in der Provinz.

Am Bahnhof steht ein Bulle, dem eine besorgte Omi einen Schal gestrickt hat. Richtig so, es ist wieder schweinekalt. Neben dem Bullen hängt ein Stadtwappen. Es zeigt einen Ochsen, der einen Fluss quert. Ja, dann kommt der Name Oxford wohl von einer Ochsenfurt, die hier mal war.

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Kategorien: Reisen, Wiesel | 5 Kommentare

Reisetagebuch 2019 (3): All about Eve

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es unter die Royal Albert Hall und zu Gillian Anderson.

Montag, 04. Februar 2019, Norfolk Square, London
96 Stufen sind es vom Frühstücksraum im Keller des Belvedere bis zum meinem Zimmer im 4. Stock. Die Treppen werden nach oben werden immer enger, die Stufen immer höher und durch den Teppich immer runder. Das ist anstrengend, aber gutes Training – ich bin total außer Form, und die nächste Motorradreise kommt bestimmt!

Früh frühstücken ist Pflicht im Hotel Belvedere. Im Frühstücksraum im Keller gibt es nur zwischen 6:30 Uhr und 09:00 Uhr was zu essen.

Nachdem ich die Treppen des Todes wieder bis ganz unters Dach hochgestiefelt bin, stelle ich mich erstmal unter die Dusche. Das dauert etwas länger, denn die tröpfelt gerade nur noch. Das liegt am Duschkopf. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, einen Duschkopf mit weiten Kammern voller Tonkügelchen und Kohledingsbumms zu installieren, sollte geschlagen werden. Der ohnehin nicht dolle Wasserdruck schafft es nicht durch das esoterische Gedöns.

Ich lungere noch etwas im Zimmer rum. Draußen regnet es, und der Wind pfeift über die Dächer. Ungemütlich. Hier drinnen im Warmen ist es viel netter. Ich liege auf dem Bett und lese Twitte., Vor dem Haus hupen Autos, LKW fahren dröhnend vorbei und Müllwagen piepen sich durch eine Nebengasse. Ich habe Urlaub, warum soll ich mich freiwillig früher als nötig in das Mistwetter begeben.

Kurz nach halb 10 stehe ich wirklich auf, packe meine Sachen und trete hinaus in den Nieselregen. Bäh. das ist nicht mal richtiger Regen, das ist mehr so… hohe Luftfeuchtigkeit. Ganz fisseliger Nieselregen, der in der Luft rumschwebt. Igitt.

Ich laufe ein wenig durch den Hydepark, der sich gleich südlich von Paddington befindet. Der Nieselregen macht die blattlosen Bäume, die sich vor dem grauen Februarhimmel abheben, gleich noch ein Stück deprimierender.


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Reisetagebuch 2019 (2): Outbound

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Sonntag, 03. Februar 2019, London, Norfolk Square
Ich mag das Belvedere, dieses kleine, etwas schrullige Hotel im Norfolk Square am Bahnhof Paddington in London. Im Keller des Hauses ist der Frühstücksraum, in der zwei Polinnen und eine Koreanerin den Frühstücksservice schmeißen. Heute Morgen ist der eng bestuhlte Raum noch leer, aber das ist nicht oft so. Auch wenn es nur 16 Zimmer im Belvedere gibt, übernachten bis zu 50 Personen hier. Dementsprechend voll ist es hier an den meisten Morgenden.

„Do you like english breakfast?“ ist immer die erste Frage. Die richtige Antwort lautet „Ja“, ansonsten wird man freundlich auf eine leicht staubig wirkende Schachtel Frühstücksflocken auf einer kleinen Anrichte hingewiesen. Antwortet man richtig, rumort es kurz in der Küche, und wenig später steht ein Klacks Bohnen, zwei Eier, ein Stück Frühstücksschinken, ein Würstchen und ein Stück Toast vor einem.

Verhandlungen sind übrigens Zeitverschwendung. Ich muss immer schon grinsen, wenn jemand „Ich hätte gerne etwas mehr Bohnen und zwei Würstchen, dafür kein Ei“ oder sowas bestellt. Dann nickt die Koreanerin freundlich, und die Küche macht trotzdem exakt das Standardfrühstück.

Ich frühstücke zu Hause nie, aber im Urlaub passe ich mich an. So, wie ich in Italien morgens an einem Stück Zwieback rumknabbere und dazu Espresso trinke, schlinge ich hier mit Genuss das Warme Frühstück mit ordentlich HP-Sauce hinunter.

Kurz darauf sitze ich in der U-Bahn. An der Wand wirkt eine Bank mit dem Brexit. „An alle 7.643 Personen, die ein monatliches Essenbudget mit dem Titel „Brexit Überlebens Rücklage“ eingerichtet haben: Haltet durch!“ – Und sowas, liebe Kinder, passiert, wenn man bei einer dieser modernen Internetbanken ist. Die werten die privatesten Daten aus und machen Werbung damit.

Am Bahnhof Kings Cross steige ich auch und schlendere zu den hinteren Gleisen. Wieder mal fällt mir auf wie paranoid die Briten sind. Displays und Plakate fordern überall auf, alles und jeden sofort zu verpetzen. Orwells Albtraum, hier ist er Realität geworden.


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Reisetagebuch 2019 (1): Bahn Fuck-up

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich da alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Samstag, 02. Februar 2019, Mumpfelhausen bei Götham
Der Wecker klingelt in genau dem Moment, als ich gerade wildestes Zeug träume. Noch matschig im Kopf blinzele mit einem Auge auf die Uhrzeit. 5:15 Uhr. Dreieinhalb Stunden Schlaf, mehr war nicht drin.

Ich quäle mich aus dem Bett, stecke mir die Zahnbürste ins Gesicht und mache mich fertig. Im Flur steht schon, fertig gepackt, der große Reiserucksack.

Noch schnell die Sicherungen rausgedreht, die Heizung runtergefahren, ein Blick zurück, dann wird das Gepäck geschultert und los geht´s.

Es ist der 02. Februar. Es sind knapp unter Null Grad, und als ich zur Bushaltestelle trabe nieselt kalter Regen herab.

Außer mir sind nur zwei Menschen am Bushalt. Minutenlang stehen wir im Nieselregen, versunken in unsere eigenen Welten. Ich gucke grimmig ins Dunkel, voller Sehnsucht nach meinem warmen Bett. Dann kommt der Bus in einem Gischtnebel die Hauptstraße entlanggepflügt.

Am Hauptbahnhof steige ich aus und gehe die letzten Meter zu Fuß. Woah, der Gehweg ist leicht glatt.

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Kategorien: Reisen | 12 Kommentare

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