Reisetagebuch Motorradtour 2018 (1): Das Vitra, der Muger und die Gaby

Freitag, 15.06.2018, Klein-Kems bei Basel

Klein-Kembs? Kleinkems? Klein Chems? Lustig, allein an der Verwirrtheit des Ortes über seinen Namen lässt sich schon ablesen, wo ich hier bin: In der Nähe von Basel, genau im Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Hier ist nicht nur alles mehrfach benamst, es ist auch das Bermudadreieck der Telekommunikation, wahlweise weißer Fleck auf der Karte der Funkabdeckung oder schwarzes Loch, was Empfang angeht.

In der Gaststube des „Blume“, in der gestern Abend die Einheimischen noch launig die Bierhumpen weggezecht haben, gibt es ein bodenständiges Frühstück. Dazu bodenständiges WLAN, das heute sogar am Internet hängt. Ich halte mich nicht lange auf, schlinge ein Brötchen herunter, kippe einen Kaffee hinterher und schwinge mich dann sofort auf die V-Strom. Es ist nicht mal acht Uhr, als die Maschine aus Klein-Kembs(?) herausrollt.

Anna bootet sich in meinen Helm und meldet Einsatzbereitschaft. Anna ist die Stimme des Garmin-Navigationsgeräts, das vor mir an der Gabelbrücke befestigt ist. Es kann ein wenig mehr als normale Navis. Unter anderem ist es mit Sensoren an den Reifen vernetzt, es hat crowdgesourcte Datenbanken über Verkehrsüberwachungen eingepatcht, und es hängt am Internet, aus dem es Verkehrs- und Wettermeldungen entlang der Reiseroute fischt und diese bei Bedarf anpasst. Dieses Level an „Intelligenz“ und die Tatsache, dass die Stimme des Navis manchmal Tage- und wochenlang die einzige ist, die mit mir deutsch spricht, führt dazu, dass ich dazu neige, das ZUMO zu vermenschlichen und von der Stimme in meinem Helm als virtuelle Copilotin zu denken. Die nenne ich, nach der Bezeichnung der deutschen Stimmsynthese, eben Anna.

Ich lasse Anna nach einer Tankstelle suchen. Sie findet eine, die 2,5 km Luftlinie entfernt ist. In der Gegend wird aber sehr viel gebaut, weshalb ich gestern schon recht lange durch die Weinberge zirkuliert bin, bis ich endlich die einzige noch offene Straße nach Klein_Chems(?) gefunden hatte. Auch heute muss ich einen riesigen Umweg fahren, erst 16 Kilometer nach Norden, dann wieder 15 nach Süden – so werden aus 2,5 km Luftlinie schnell über 30 Kilometer Wegstrecke.

Wurscht, der kleine Umweg führt über die alte Weinstraße, und die verläuft, wie der Name schon andeutet, durch Weinberge am Rhein entlang. Ich muss ans Büro denken und bin froh, dass ich heute an einem sonnigen Morgen an grünen Berghängen entlangfahren kann und nicht am Schreibtisch sitzen muss.

Frisch aufgetankt stürze ich mich dann in den Baseler Stadtverkehr. Der ist eine ziemliche Katastrophe, denn auch in der Stadt sind viele Straßen gesperrt, auch hier wird überall gebaut. Zwar findet Anna souverän immer neue Wege, aber ich habe Mühe, den Vorgaben des Navis zu folgen – die Straßen in Basel sind durchzogen von Straßenbahnschienen, und ich muss immer wieder aufpassen, dass mir das schlanke Vorderrad der V-Strom nicht in eine Schiene oder Weiche hineingerät.

Am Rand von Basel, auf der anderen Seite der Stadt, liegt der Campus des Vitra-Designmuseums. Das ist ein großes Areal mitten im Grünen, auf dem skurril anmutende Gebäude herumstehen. Die hat die Firma Vitra, ein Möbelunternehmen, hier von einigen der bedeutendsten Designerinnen und Architektinnen der Welt hinbauen lassen, u.a. Frank Gehry und Zara Hadid.

Die Feuerwache von Zara Hadid:

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Teaser

Der Herbst geht, das Reisetagebuch kehrt zurück. Hier ein kleiner Ausblick auf die Orte, an die es das Motorrad und mich in den kommenden Wochen verschlägt.

Der Prolog ist schon online, richtig los geht´s am kommenden Samstag.

Verpassen Sie nicht spannende Folgen wie:
Teil 1: Das Vitra, der Muger und die Gaby
Teil 2: Die geheime Festung
Teil 3: Interludium
Teil 4: Im war im Himmel, dort ist es sehr kalt
Teil 5: Das flache Land
Teil 6: Mach Deine Hausaufgaben
Teil 7: Sturmjäger
Teil 8: Wenn der Regen Blasen wirft
Teil 9: Die Hölle vor Tor 3
Teil 10: Game of Schweiß
Teil 11: Küstenträume
Teil 12: Linker Schulter Fehler
Teil 13: Cabin in the Woods
Teil 14: Disneylands Unterwelt
Teil 15: In heiligen Hallen
Teil 16: Das Ende einer Reise

Mit besten Dank an ssuchi für die Drohnenaufnahmen!

Frühere Werke der Videokunst

Reisetagebuch (Prolog): Nur in meinem Kopf

Dienstag, 12.06.2018
Plötzlich beginnt meine Haut zu kribbeln. Wie eine kalte Welle breitet sich die Erkenntnis aus: „Der Kupplungszug ist fertig, der muss getauscht werden!“. Gleich darauf beginnt sich das Karussell in meinem Kopf zu drehen „….ich muss nochmal in die Werkstatt… wie bringe ich das jetzt noch unter, zwischen der Projektbesprechung und der Telefonkonferenz und…“.

Ich stehe in der Garage neben der V-Strom. Es Juni und hochsommerlich heiß, aber schlagartig ist mir kalt. Ich zittere und Gedankenfetzen zucken durch meinen Kopf. Wie mache ich das… wie kriege ich das unter… kann ich überhaupt wegfahren… Brauche ich noch ein Ersatzteil….

Ich springe zum Werkstattcomputer, rufe eine Ersatzteilseite von Suzuki auf und klicke mich hektisch durch die Baupläne der V-Strom bis zum Kupplungszug.

Als ich auf „bestellen“ klicke, weiß ich eigentlich schon, dass es zu spät ist. Der Kupplungszug wird nicht mehr rechtzeitig vor Reisebeginn ankommen. Was soll ich nur machen?

Wieder fühle ich kalte Schauer auf der Haut. Meine Knie werden weich. Es ist gerade zu viel. Alles.
Ich halte mich an der Werkbank fest und sinke langsam in die Hocke, bis ich schief an der Wand lehne. Mein Herz hämmert. Das Blut rauscht mir in den Ohren. Ich schließe die Augen.

Langsam sickert die Erkenntnis durch: Es reicht.
Jetzt. Reicht. Es.

Die letzten Wochen, ach was, das ganze erste Halbjahr dieses Jahres hatte ich viel zu tun. So viel, dass die Wochen und Monate einfach durchgerauscht sind. Plötzlich war es März, jetzt ist es Juni. Wo ist die Zeit bloß hin? Dabei kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Im projektgetriebenen Geschäft muss man nun mal mehr arbeiten, wenn Gelegenheiten vorbeikommen. Meine Mehrarbeit hielt sich dabei zeitlich sogar in Grenzen. Anders als manch andere Leute musste ich keine 70 oder 80 Stunden die Woche kloppen, aber es war halt immer viel zu tun, viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. In den letzten Wochen kamen dann zu meiner normalen Arbeit noch Urlaubsvertretungen und parallel Vorbereitungen für den Herbst hinzu.

Das alles habe ich selbst nicht bewusst als Stress wahrgenommen. Aber jetzt gerade erlebe ich einen echten Kontrollverlust, mit dem mein Körper mir sagen will: Es reicht.

Ich habe meine innere Ruhe verloren. Irgendwie liege ich seelisch gerade so schief, dass ich bei einem so kleinen Anlass wie einem lökerigen Kupplungszug mit Panik reagiere. Dabei gibt es dazu objektiv gar keinen Grund. Ja, der Kupplungszug mag schon 50.000 km runter haben und jetzt etwas zu lang sein. Na und, so what?

Damit kann man problemlos fahren, sagt mein Verstand.
PANIK PANIK PANIK sagt der Körper.

Fast vier Wochen will ich in diesem Jahr unterwegs sein. 6.000 Kilometer soll die Tour mindestens lang werden, vermutlich werden es am Ende fast 9.000. Das wäre die bisher längste Motorradreise. Außerdem hat sie einige komplizierte Abschnitte drin. Das ist doch Irrsinn, was ich da vorhabe! Was da alles passieren kann, ruft eine Stimme in mir. Es passiert doch immer was! Unfälle, Umfälle, Defekte am Motorrad!

Ich kann nur noch daran denken, wie mir im vergangenen Jahr dieser Auffahrunfall passiert ist, oder wie mir das Motorrad vor einigen Jahen umfiel, oder die Kette ruckelte und Tacho und Lichtmaschine kaputt gingen. Sorgen, Nöte, Notfälle, Werkstätten. Jetzt habe ich Angst. Eigentlich möchte ich am liebsten sogar zu Hause bleiben.

Überhaupt war ich dieses Jahr gar nicht besonders motiviert eine Reise zu planen. Auch bedingt durch Arbeit war ich mit den Gedanken immer woanders, ich hatte kaum Lust und mir fast keine Zeit genommen, Reiseziele und -routen raus zu suchen. Keine Motivation im Vorfeld, und jetzt auch noch fertig mit den Nerven und voller Angst.
Das kann ja was werden.

Langsam klingt der Panikanfall, falls das einer war, ab. Ich ziehe mich auf die Füße und schließe das Garagentor, hinter dem die ZZR und die V-Strom im Dunkel zurückbleiben.
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Top 3 Roaming-Fallen in Europa

Wenn mal wieder jemand fragt, was die EU für uns getan hat, dann weise man diese Person bitte (als eines von VIELEN Beispielen) auf die Regelungen zum Roaming hin.

Bis vor wenigen Jahren konnte man sich in heftige Schulden katapultieren, wenn man sein Telefon zum Telefonieren oder für die Datennutzung im Ausland verwendete. War man damit zu sorglos, standen bei der Rückkehr schlimmstenfalls hunderte oder gar tausende Euro auf der Telefonrechnung. Die EU führte dann erst den „Kostenairbag“ ein, eine Obergrenze von ca. 60 Euro, bei deren Erreichen man deutlich informiert wurde. So wusste man wenigstens, dass man für das Abrufen von Mails und einmal Wetter-App öffnen gerade den Gegenwert eines luxuriösen Abendessens verbrannt hatte.

Seit Juni 2017 gibt es Obergrenzen für einzelne Leistungen und es gilt das RLAH-Prinzip, Roam-like-at-Home. Das besagt im Wesentlichen: Was man zu Hause an Vertragsleistungen inklusive hat, soll (mit wenigen Ausnahmen) auch im EU-Ausland gelten. Das heißt, man kann eigentlich in den Einstellungen von Smartphone und Tablet den „Roaming“-Knopf immer auf „an“ lassen, oder?

Leider nicht, denn es gibt immer noch Fallen. Bei einer Fahrt durch Europa kommt man durchaus in Ecken, die nicht Europa sind. Denkt man aber meist nicht dran, weil man sich ja so an eine Welt ohne Grenzen gewöhnt hatte. Ich persönlich kenne drei fiese Fallen, in die ich selbst, Freunde oder Bekannt getappt sind. Hier sind sie, geordnet nach Grad der Perfidität:

Platz 3: Die Schweiz
Die Schweiz ist nicht Europa. Ist eigentlich klar, denkt man vielleicht sogar noch dran. Aber: Schon im Dreiländereck bei Basel versagt die deutsche Telekom, und mein Telefon switchte auf Schweizer Mobilfunkbetreiber um. Vorher aber auf Französische. Mehrfach. Über jeden Switch gab es Info-SMS. Bei EU-Betreibern steht dann nur drin: Alles gut, kostet jetzt nicht so viel. Und zwischen all den „Alles gut“-SMS steckt dann eine von einem Schweizer Unternehmen. Übersieht man die, wird es Übel: 50 KB Daten kosten in der Schweiz 0,49 Euro. Das bedeutet: Ein Mal Spiegel Online aufrufen kostet 12 Euro. Halleluja! Hey Schweiz, die 90er haben angerufen, die wollen ihre Preise wiederhaben. Odr.

Platz 2: Fähren
Fährste auf ner Fähre von einem EU-Land ins andere, hast die ganze Zeit tollen Mobilfunkempfang eines Mobilfunkbetreibers aus der EU, kann gar nichts passieren, oder?
Denkste. Sobald sich das Schiff außerhalb der Sieben-Meilen-Zone bewegt, ist es in internationalen Gewässern und nicht mehr in der EU. Der gute Handyempfang kommt daher, dass das Schiff selbst einen GSM-/LTE-Mast mit sich rumfährt. Der hängt aber an einer Satellitenverbindung, und kann die Sache teuer machen. Ein Mal Wetterkarte geguckt, zack, 40 Euro weg. Man sieht das nicht mal, denn der Mobilfunkbetreiber des Mastens am Schiffs ist der gleiche wie auf dem Festland. Wer also auf einem Schiff ohne kostenloses WLAN auf dem Meer unterwegs ist, der sollte am Besten den Flugmodus von Telefon und Tablet nutzen.

Platz 1: Monaco
Ehrlich gesagt habe ich nie einen Gedanken daran verschwendet, dass die Stadtstaaten in Südeuropa eben nicht zu Europa gehören. Warum auch? San Marino, Seborga, der Vatikan und Monaco sind zu klein um relevant zu sein. Dementsprechend haben sie auch keine eigene Währung und keine eigene Infrastruktur. Sie nutzen die Infrastruktur der sie umgebenden Länder, dazu gehört auch der Mobilfunk. Im Fall von Monaco muss man allerdings die Vergangenheitsform verwenden, denn das pissige Mini-Herzogtum hat sein eigenes Mobilfunknetz hochgezogen. Schon 2016, was an mir völlig vorbeigegangen ist. Früher konnte man in dem zähflüssigen Verkehr aus Nobelkarossen, der den Felsen der Reichen und Adligen umschwappt wie Teer, einfach an Monaco vorbeieiern. Heute empfiehlt sich ein kurzer Stopp weit vor dem Felsen, um das Roaming abzuschalten. Ansonsten wird es schnell teuer: 1 MB GPRS-Verbindung kosten 10 Euro, und da jeder von uns in seinem Bekanntenkreis Spezialisten hat, die per Mail oder Whatsapp unkomprimierte, 5 Megabytegroße Bilder ihres Mittagessens oder HD-Videos ihrer brabbelnden Kinder versenden, wird eine Vorbeifahrt am Fürstentum recht schnell sehr teuer. Das Perfide: Man merkt den Landeswechsel ja nicht mal, denn Grenzen, die gibt es zumindest zu Monaco nicht mehr.

Kennt ihr weitere Roamingfallen? Ich bin gespannt auf Kommentare!

6.737

So, ich wäre dann auch mal wieder da. 6.737 Kilometer habe ich in den letzten Wochen auf dem Motorrad. Ich hatte mit einem höheren Kilometerstand gerechnet, aber das hier war tatsächlich nur die drittlängste Reise, sagt das Blog. Egal, es war trotzdem toll, dreieinhalb Wochen in sieben Ländern unterwegs zu sein.

Dabei habe ich interessante Menschen getroffen und seltsame Dinge besucht, wobei die Adjektive tauschbar sind. Dabei ging es durch sengende Hitze genauso wie durch Wolken und die Mutter aller Starkregengebiete, das sogar meine garantiert wasserdichten Stiefel versenkt hat.

Unfälle oder Pannen hat es dieses Mal zum Glück nicht gegeben – das Motorrad ist wohlauf und hat nicht rumgezickt. Wunderbar zuverlässig, die V-Strom. Ist auch gut so, sonst wäre das jetzt das vierte Jahr in Folge mit Problemen gewesen, und dann hätte ich vermutlich die Lust an Motorradreisen verloren.

Auf der Strecke geblieben ist nur ein Ding: Ausgerechnet das Innenleben der Tech Air-Jacke hat es nicht zurück nach Hause geschafft. Warum und wieso, das erzähle ich demnächst hier im Blog. Genau wie alles andere auch. Jetzt muss ich erstmal auspacken und Wäsche waschen und sowas.

5.908
6.605
5.479
7.187
6.853
4.557

Reisetagebuch Shorties (6): Das schnutigste Kartoffelgesicht

  • Man sollte Sprachen lernen. Damit nimmt man Leuten im Ausland, die keine Ausländer mögen, schlagartig den Wind aus den Segeln.
  • Manchmal führt fremde Sprachen können auch zu netten Abenden mit sehr freundlichen Menschen, die einem Eis servieren. Amarenaeis.
  • Note to myself: Mehr als vier Stunden am Strand macht Sonnenbrand.
  • Die Lüftung im Bad an einen Bewegungsmelder zu koppeln ist eine interessante Idee, die leider gar nicht funktioniert. Man muss die ganze Zeit wie ein Derwisch durchs Bad hüpfen und dabei winken, damit der Ventilator läuft.
  • Protipp: Hotelzimmer mit Verbindungstür meiden. Das geht NIE gut. Im Nebenraum zieht immer ein Dauersabbelndes, laut scharchendes Pärchen ein, das gerne morgens um 6 anfängt zu Heimwerken. Zumindest hört es sich so an. Bekommt man so ein Zimmer zugewiesen, sofort versuchen gegen ein anderes zu tauschen.
  • Der schmierige Sender Mediaset hat sich zur WM ein Ivanka-Trump-Double als „Co-Moderatorin“ (= lebende Deko) ins Sportstudio gestellt. Mediaset gehört Berlusconi, der sich für sein geplantes Comeback in der Politik so schon mal an Trump ranwanzen will. Bunga-Bunga mit einem Double der eigenen Tochter, wissen schon.
  • Solche Strecken zu fahren ist harte Arbeit:

    Die potentiellen Belohnungen machen das aber mehr als wett.
  • Auf Schiffen übers Meer fahren ist toll. Wenn dabei das eigene Motorrad im Bauch der Bestie mitfährt, macht das ein komisches Gefühl im eigenen.
  • Selfies gehen mir auf die Nerven. Da fragt eine Touristin, ob man sie fotografieren würde. Aber nicht ein Foto. Dreizehn. In unterschiedlichen Statien des Kulleraugens aufreissens und Lippen spitzens. Und anschliessend soll man noch bei der Auswahl helfen, welches Duckface das schnutigste ist. Zum Glück war ich nicht „man“, ich hätte die Alte mit der Kim-Kardashian-Gedenkfresse sofort über die Brüstung geschubst. Früher fotografierte man ein Objekt, heute geht es darum, sich vor dem Objekt möglichst gut zu inszenieren. Die Ich-Gesellschaft. Mir geht das völlig ab.
  • Amerikaner nerven. Echt. Beim inszenieren von dem, was sie für authentisch Europäisch halten, sind sie genauso fake wie im Rest ihres Lebens auch. Beim Anblick solcher Leute beschleicht mich manchmal der Verdacht: Hat die US-Gesellschaft Trump vielleicht verdient? Oder sogar nötig? (Der Gedanke kommt nur ganz kurz, dann geht´s wieder
  • Amerikaner getroffen, die sich im Ausland als Kanadier ausgeben. So weit ist es schon.
  • Ich habe noch nie. Noch NIE. so geschwitzt wie dieser Tage. 32 Grad und 93% Luftfeuchtigkeit, in Klamotten, die die Atmungsaktivität einer Plastiktüte haben. My own personal Sauna.
  • Polen im Urlaub fahren wie die Kartoffeln mit ihren SUVs. Die einzigen die noch schlimmer sind: Deutsche Rentner mit Wohnanhängern mit Aufklebern „Oma und Opa auf Tour“. SO macht man sich beliebt!

Reisetagebuch Shorties (5): Toxische Hassbayern und Geisterglocken

Auf Fernreise mit der Barocca.

  • Plötzlich tauchte bei 5.000 Touren ein helles Klingeln auf, das mich fast wahnsinnig werden liess. Was ist das? Die Ventile? Irgendwas lose? Kurze Zeit später war dann Eigenfacepalmierung angesagt, hatte ich doch schlicht vergessen, dass seit Neuestem die Guardian Bell am Gepäckträger hängt.

    Die kleine Glocke sorgt dafür, das böse Geister, die sich am Motorrad festsaugen, durch das Gebimmel irre werden und abfallen. Immer wenn ein Moppedgeist auf den Asphalt aufschlägt, hinterlässt er ein Schlagloch. Es gibt viele Schlaglöcher hier. Guardian Bells soll man nicht kaufen, man muss sie geschenkt bekommen. Wie gut, dass mein Sternzeichen Wassermann ist. Wassermänner sind nicht abergläubisch 🙂 Danke für das Geschenk, Mobbedzwerch!

  • Am Strand. Nebenan hat eine Familie aus Bayern drei Generationen an stattlichen Wampen in Liegestühlen geparkt. Die Sonne scheint, ein mildes Lüftchen weht, das Meer lädt zum Baden ein. Ein Tag zum Entspannen und genießen. Was macht die Familie? Die sicher 80jährige Oma Wampe erklärt über Stunden und lang und breit, welchen Nachbarn sie wegen welcher Kleinigkeit angezeigt hat, mit welchem Anwalt, wie ihre Versicherung für alles zahlt, und wer im Dorf als nächster dran ist. Sohn Wampe, irgendwo in den 50ern, bekräftigt minütlich, dass das „Recht so“ sei. Und Enkel wampe, sicher auch schon in den 20ern, glotzt ungeniert und minutenlang Leute an. Weil eine Sonnenbrille ja unsichtbar macht. Wie kann man so leben? Wie halten die es mit sich selbst aus? Müssten die Leute nicht an dem Hass, den sie permanent versprühen, selbst ersticken?

    Das sind toxische Menschen, von sowas muss man sich fernhalten, sonst wird allein vom Anhören dieses ganzen Hasses die eigene Seele schmutzig.

  • Auch in Italien gibt es OBI:

    Dort werden hemmungslos deutsche Waren mit deutschen Verpackungstexten und ohne Übersetzung verkauft. Ratlose Italiener stehen vor Regalen und befragen ihre Smartphones, was wohl ein „Filzzuschnitt selbstklebend“ ist.

  • Ich fand diesen Laden ja schon immer super gruselig:

    Vorne Süßwarenautomaten und Reittiere und Musik aus den 80ern, dahinter ein schummriger Laden, der sich irgendwo im Dunkel verliert. Sieht aus wie eine Fassade, um Kinder in die Untiefen des Hauses zu locken, auf das sie nie mehr gesehen werden.

    Nun ist wenige Meter entfernt ein zweiter Laden aufgepoppt.

    Was ist das? Eine Phänomen a la „Needful Things“? Oder eine Lebensform, die sich von Kindern ernährt und aussieht wie ein Laden? Stephen King, übernehmen Sie!

  • Die Vorliebe der Italiener für deutsche Worte kennt keine Grenzen. Neu: Das Modelabel „Doppelgänger“, das gerade rapide expandiert.

    Das Wort mögen die Amis auch, aber die nutzen das nicht für Mode, sondern für Stephen King Geschichten.

  • Apropos Amis: Die exportieren mittlerweile ihren Hass. So wie die Amerikanerin, die sich mitten in Florenz über eine Frau mit Kopftuch beklagte. Ob es denn hier keine Security gäbe, oder warum könnten Muslime sich hier, mitten in einer Touristenstadt, frei bewegen? Ich wollte gerade was sagen, dann holte ich innerlich das Popcorn raus und wartete, bis die vermeintliche Muslima sich umdrehte. Zum Glück hatte die ältere Nonne die Hassrede nicht gehört. Ich ergriff dann die Gelegenheit, die der Amerikanerin ohnehin gerade etwas peinlich war, um ihr zu erklären, dass sie hier nicht in Trumpland ist und SELBSTVERSTÄNDLICH auch Muslime sich frei bewegen dürfen, auch zwischen texanischen Wabbelärschen.
  • Nachdem meine Tankbuch-App nicht mehr supported wird, bin ich mit der ganzen Baggage zu Spritmonitor.de umgezogen. Das ist ein nettes Tankbuch, das on the fly brauchbare Statistiken rauswirft. Das Besondere: Die Plattform dazu vergleicht Modellübergreifend den Verbrauch und ordnet den ein. Die Barocca liegt da nur so mittel, aber die große Überraschung ist die Renaissance: Von allen registrierten ZZR600 (mindestens 60) ist meine Maschine mit 4,25 Litern auf 100 km die mit dem geringsten Verbrauch. Der größte Heizer im Vergleich braucht mit 9,86 Litern mehr als doppelt so viel.

    Kann man mal sehen, was vorausschauendes Fahren, viel Landstraße und ein gut gepflegter Motor so ausmachen.

Reisetagebuch (9): Countdown

Februar 2018: Tag acht Städtereise südlich der Alpen. Heute verbringe ich den Tag auf den Straßen Venedigs, gucke einem murmelnden Packzwerg zu und mache eine Reise mit dem Nachtzug.

Samstag, 17. Februar 2018

„Kann ich meinen Rucksack hierlassen?“, frage ich, „natürlich gegen Bezahlung!“
„Nein, nein, nein, keine Bezahlung, bitte!“, sagt der eine Hotelier, und sein Bruder fällt ihm ins Wort „Selbstverständlich können Sie Ihr Gepäck kostenlos hierlassen, wir passen bis heute Abend darauf auf“.

Dann streckt einer mir seine Bärenpranke entgegen und sagt „Verehrter Gast, seien Sie nicht traurig Venedig verlassen zu müssen. Sie können jederzeit wiederkommen, und wir werden dann hier sein und würden uns freuen, wenn Sie wieder zu uns kämen“. Er strahlt, als ich seine Hand schüttele. Das ist das erste Mal das ich ihn lächeln sehe seit ich hier bin, und ich habe ihn jeden Tag an der Rezeption gesehen. Tja, man kann eben in familiengeführten Hotels den Leuten eine Freude machen, wenn man ihre Arbeit und ihr Haus lobt. Das Caprera hat das Lob wirklich verdient: Alle geben sich richtig Mühe, die Zimmer sind schön, sehr sauber und ruhig – und damit das auch so bleibt, greifen die Gastwirte schon mal durch und machen chinesischen Brillenmädchen klar, dass dies ein Hotel ist und keine Disko, in der man nächtelang lautstark rumgröhlt. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt, und das habe ich den beiden gerade gesagt und mich für den angenehmen Aufenthalt bedankt. Jetzt strahlen sie um die Wette.

Ich stelle meinen Rucksack in einen Nebenraum und verlasse das Hotel. An der Rezeption tut gerade ein chinesischer Gast recht laut und auf schroffe Art kund, dass er gedenke sein Gepäck hier zu lassen. „Natürlich“, entgegnet der Mann an der Rezeption reserviert, „Macht 5 Euro“. Der Gast schnaubt und ruft „FÜNF EURO!??“
„Pro Stunde“, sagt der Hotelier. Ich kann ihn in dem Moment nicht sehen, aber ich vermute, dass er eine Augenbraue dabei hochzieht.

Ich mache mich auf den Weg ins Sestiere Dorsoduro. Heute geht es nach Hause, aber der Nachtzug fährt erst um 21:00 Uhr. Das sind noch 12 Stunden hin, aber die Zeit rum zu bekommen sollte nicht schwer sein. Fühlt sich komisch an, dass meine Zeit in der Stadt so sicht- und fühlbar wegtickert. Ab jetzt, nehme ich mir vor, mache ich jede Stunde ein Bild und twittere das. Venedig liegt noch ruhig in der Sonne. Der Lieferverkehr bringt Ware für die kleinen Geschäfte an den Kanälen. Ein Boot lädt Container mit sauberer Betwäsche und Handtüchern für ein nahegelegenes Hotel aus.

Städtische Arbeiter laden von einem Boot kleine Wägelchen aus, mit denen sie durch die Gassen ziehen und Müll einsammeln werden. Zu festgelegten Zeiten treffen sie sich wieder mit dem Boot an vorher ausgemachten Haltestellen, um die Wagen wieder zu leeren. Ein routiniertes und eingespieltes System, angepasst an die Besonderheiten von Venedig und ganz anders als auf dem Festland.

Eine Möwe schaut interessiert zu.

Ich laufe langsam, denn ich bin ohnehin zu früh dran, und schaue mir die Plätze und Gassen des Univiertels an, die noch leer sind.


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Reisetagebuch Städtetour (8): Supermond legt Venedig trocken!!1!


Februar 2018: Tag acht der Städtereise südlich der Alpen. Heute mit einem Phoenix, einer Kristallziege und Nereïden.

16. Februar 2018
Trocknete ein Supermond Venedig vor einigen Wochen aus? Das behauptet zumindest dieser seltsame Artikel von strangeounds.org vom 02. Februar und illustriert das dann auch noch mit einem Bild:

Von einem „ungewöhnlich trockenen Jahr“ ist in dem Artikel die Rede, und von „Wasserständen auf rekordverdächtigem Niedrigstand“, die nun in Kombination mit einem Supermond dafür gesorgt hätten, dass die Gondeln traurig am Boden ausgetrockneter Kanäle lagen.

Ich bekomme über das Internet ums Verrecken nicht raus, ob die Geschichte stimmt. Was macht man da? Man fragt jemanden, die sich damit auskennt! In diesem Fall frage ich Frau Eckert, die in Venedig jede Ecke kennt und auch das tolle Blog „Unterwegs in Venedig“ betreibt.

Frau Eckert antwortet auf meine Frage nach dem Wahrheitsgehalt dieser Meldung postwendend und findet deutliche Worte. „Natürlich ist das grober Unfug und Socialmediamist sondergleichen“, schreibt sie, und dass es bei Ebbe, insb. bei Wintermonden, völlig normal sei, das die kleinsten Kanäle trocken liegen. Nur würden heute die Leute Bilder davon machen, die auf Facebook stellen, und irgendwelche anderen denken sich einen Text dazu aus.

Guck an, das wußte ich noch nicht! Also, das mit den trockenen Kanälen, das mit dem Mist auf Facebook schon. Außerdem weist Frau Eckert darauf hin, dass auch der ganze Rest des Artikels Unfug ist, angefangen von Verkehrten Einwohnerzahlen bis hin zu der krassen These, dass die Stadt Venedig die Abwanderung der Einwohner durch Tourismus kompensieren muss – dabei ist es umgekehrt, der Tourismus vertreibt die Einwohner, denn die Vermietung einer Wohnung als Air BnB bringt 3-10 mal so viel Geld wie ein fester Mietvertrag. Traurig, aber wenigstens weiß ich nun, dass kein Supermond die Stadt ausgetrocknet hat. Danke, Frau Eckert!

Nach einem kurzen Frühstück zwischen einer Gruppe kichernder Teenagerinnen mit Bierdeckelgroßen Brillengläsern verlasse ich das Caprera und wandere zum „Teatro la Fenice“, dem „Theater des Phönix“.

Das heißt so, weil es schon zwei Mal aus seiner eigenen Asche wieder auferstanden ist. Beim letzten Brand, 1996, wurde nahezu alles, bis auf die Außenmauern, zerstört. Sieben Jahre und 6 Millionen Arbeitsstunden mit 24/7-Arbeit später steht nun wieder was zum Angucken. Das Theater ist ganz im Stil des Rokoko gehalten. Die klaren Linien der Treppenhäuser sind elegant.

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Reisemotorrad, Version 2018

„This Girl is going Places“

Es ist wieder soweit. Bald geht es auf großte Tour, auch in diesem Jahr wieder mit der Suzuki V-Strom DL 650 „Barocca“. Nach dem Kettendesaster im vergangenen Herbst ist die Maschine voll durchgewartet, alle Verschleissteile wurden getauscht, von den Bremsen bis zur Kette. Auch nagelneue Reife sind drauf, wieder die guten Metzeler Tourance Next. Die 2010er V-Strom ist von Haus aus ein sehr gutes Reisemotorrad, und durch einige Umbauten wurde sie noch besser.

Schon im vergangenen Jahr bekam die Tourerin eine Tieferlegung von Alpha, einen breiteren Seitenständerfuß von SW Motech, ein elektronisches Kettenschmiersystem von CLS, ordentlich Sturzbügel von Givi, einen SW-Motech Kofferträger, eine Werkzeugrolle und Madstad-Scheibenhalter verpasst.

Die Pumpe, die Heiko Höbelt von CLS erfunden hat.

Martialisch: Struzbügel von Givi.
Rechts Auspuff, links Tooltube.
Aus den USA importiert: Scheibenhalterung.

Nachlesen kann man die Änderungen des vergangenen Jahres hier: Fernreisetauglich 2017

Auf Reisen würde ich nichts anderes mitnehmen als die superleichten und unkaputtbaren Givi E45-Koffer mit dem starken Reflexsystem und Topcase. Das hat eine Ausstattung mit Wasserflaschen und Ausrüstungstaschen sowie einem doppelten Boden, unter dem eine Warnweste liegt. In diesem Jahr eine echte Moppedweste von XL Moto (Danke für den Hinweis, 600ccm.info!)

Natürlich würde ich auch nicht ohne das Garmin ZUMO 590 fahren, das mit dem Helm, dem Smartphone und dem Reifendruckkontrollsystem gekoppelt ist.

Außerdem verfügt die V-Strom noch über die ein oder andere Spielerei in der Elektrik, wie einen WLAN-Accesspoint und einen Tracker.

Was im Verglich zum letzten Jahr anders geworden ist: Der Unterfahrschutz wurde wieder entfernt. Mit dem habe ich in Kurven aufgesetzt, vermutlich wegen der Tieferlegung. Außerdem röhrte die Strom damit wie irre. Bilder des zerschrappten Teils hier.

Außerdem wurde der Seitenständer nochmal um 2 Zentimeter gekürzt. Die Maschine stand vorher zu aufrecht. Nun hat sie 13 Grad Schlagseite. Das ist immer noch weniger als die meisten anderen Moppeds (die, so ergab eine Feldstudie, meist so um die 15 Grad Neigungswinkel haben), aber einigermaßen OK.

Neu ist eine kurze Scheibe, eine Adventure Sports von Powerbronze. Über die habe ich hier ausführlich geschrieben.

Ebenfalls neu ist dieser Gasgrifffeststeller, quasi ein Tempomat. Den lassen die Weltreisenden bei Time2Ride unter dem Namen „Cruisy Evo“ aus dem 3D-Drucker. Die Gashilfe (im Vordergrund) bei der man mit dem Handballen Gas geben kann, mag ich ja schon seit vielen Jahren nicht missen. Was der „Cruisy“ kann, wird sich noch zeigen. Der Feststeller ist vermutlich genau das richtige für endlose Highways, in Deutschland aber natürlich streng verboten.

Ansonsten wurde ein wenig aufgerüstet: Statt einer Kamera hat das Motorrad nun bis zu drei, an fünf unterschiedlichen Haltepunkten. Zwar hat Garmin mit dem letzten Softwareupdate die Fernsteuerung mehrer VIRBs kaputt bekommen, dennoch finde ich die VIRB XE nach wie vor super.

Die beste Modifikation ever ist nach wie vor die handgefertigte Sitzbank mit dem Gelkissen. Damit habe ich schon 1.100 Kilometer an einem Tag zurückgelegt.

So, und damit kann es dann in einer Woche losgehen. Die längste Reise steht kurz bevor. Wenn ich allein an die zu bewältigende Strecke denke, wird mir ein wenig anders. Aber ich sehe es mal so, wenn ich es dieses Jahr weiter als bis zum ersten Tankstopp komme, kann kaum noch was passieren. Dann geht es Stück für Stück vorwärts und wird schon. Ähem.

Reisetagebuch Städtetour (7): Peak Kunst in Disneyland

Februar 2018: Tag sieben Städtereise südlich der Alpen. Heute mit Glitzereinhörnern, Barockkatzen, Brillenmädchen und Peak-Kunst.

15. Februar 2018, Venedig
Es gibt immer wieder warnende Stimmen, die um die „Disneylandisierierung“ von Venedig fürchten. Sie warnen davor, dass die Stadt zu einer Kulisse für posierende Touristen verkommt. Eine Kulisse ohne echte Einwohner, weil die sich den Wohnraum nicht mehr leisten können. Diese Stimmen haben alles eines gemein: Sie sind zu spät.

Venedig ist schon lange das Äquivalent zu Disneyland in Europa, zumindest für Asiaten, und hier ganz besonders Chinesen. Tagestouristen fluten jeden Vormittag die Stadt, posieren, lassen sich in Gondeln durch die Stadt fahren, kaufen nachgemachten Glasschmuck aus China (mit Aufklebern „Made in Venice“) bei einem von hunderten Händlern und verschwinden wieder. Andere bleiben ein paar Tage länger, in der Innenstadt, in der die meisten Wohnungen nur noch für Vermietung über Air BNB angeboten werden. Menschen, die in der Stadt leben wollen, finden keinen Wohnraum mehr – kein Wunder, die Vermietung einer Wohnung an Touristen bringt 10 Mal so viel wie ein fester Mieter.

Im Sommer sieht man an jeder Ecke Brautpaare, die sich auf den Brücke und vor den Palazzi fotografieren lassen. Die Wasserstadt ist dabei nur exotische Kulisse für die Selbstinszenierung.

Und auch jetzt, im Winter, ist die Stadt voller chinesischer Besucher, die sich hier entweder lautstark für die Kamera inszenieren oder mit laufenden Videokameras durch die Museen rennen und alles im Schnelldurchlauf abfilmen, während sie nur auf ihre Handydisplays starren. Ob die sich diese verwackelten Videos wirklich zu Hause in Ruhe angucken? Ich bezweifle das.

Die Galleria dell´Accademia

Ich habe kaum die Galleria dell´Accademia betreten, als wieder ein Chinese an mir vorbeieilt, während er mit ausgestrecktem Arm ein Handy an einem Triptychon von Hieronymus Bosch vorbeiführt. Er filmt die gesamte Ausstellung ab, ohne sie sich anzusehen.

An einer anderen Ecke des Raumes macht es Lautstark Klickgeräusche. Eine chinesische Mutti fotografiert jedes Gemälde, ebenfalls ohne es sich anzusehen, hat dabei ihr XioMi aber auf volle Lautstärke gestellt und Tastentöne und Kamerageräusche aktiviert. Daher kann ich genau hören, wo genau in der Ausstellung in der Accademia dell´Arte Sie herumirrt. Das macht mich geringfügig wahnsinnig, denn die Galleria ist eigentlich ein Ort der Ruhe. Den Tastentonterror nehme ich als grobe Unizivilisiertheit wahr, die die Kontemplation der Ausstellung stört und mir den Blutdruck nach oben treibt.

Die Galerie hat viel zu bieten, fängt aber uninteressant an – Ikonenmalerei des 14. Jahrhunderts finde ich totlangweilig, auch wenn der Audioguide sich alle Mühe gibt, das ein oder andere kuriose Detail einzuflechten.


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New Gear: Ausrüstung 2018

So, der letzte Teil über Klamotten, dann haben wir´s hinter uns. Material altert und leidet, auch wenn man es ihm nicht ansieht. In diesem Jahr habe ich den Austausch aller wichtigen Klamotten beendet. Das war Pain in the Ass, aber vermutlich sinnvoll. Das hier ist, womit ich 2018 fahre.

Helm: Nolan N104 B5 NCOM mit ESS

Tourenhelm vom italienischen Hersteller Nolan. Ein Klapphelm, bei dem die ganze Frontpartie nach oben schwenkt. In der Liga gibt es sonst nur noch Schuberth, aber die passen mir nicht. Der 104 hat ein riesiges Gesichtsfeld, eine Sonnenblende, ein nie beschlagendes Pinlock-Visier, eine Multi-Bluetooth-Anbindung an Helm und Motorrad und eine Notbremsleuchte, die anspringt, wenn ich eine Vollbremsung mache. Ach ja, Radio hat er auch, aber wer will sowas. Mehr lesen…

Der Helm ist laut, besonders bei hohen Geschwindigkeiten. Ist mir aber egal, ich habe fast immer einen Alpine Moto Gehörschutz in den Ohren, und zwar die Race-Variante. Die Ohrstöpsel filtern die tiefen Frequenzen des Windrauschens weg, aber den Motor, Naviansagen und den ganzen Rest vom Straßenverkehr höre ich nahezu ungedämpft.

Jacke: Alpine Stars Valparaiso Tech Air

Bild: Louis.de

Tourenjacke mit Lederbesatz an den sturzgefährdeten Stellen und Level II-Protektoren. Membran- und Thermo-Innenjacke, enthält außerdem ein Airbagsystem. Super Verarbeitung, tolle Lüftung, durch die verbaute Technik aber auch schwer. Mehr lesen…

Hose: Held Matata II

Bild: Held

Leicht, viele Lüftungsöffnungen, Level II-Protektoren an Steißbein, Knien und Hüfte. Passform und Verarbeitung gehen so. Mehr lesen…

Stiefel: Alpine Stars Web Gore Tex

Die Füße stecken in Alpinestars Web-Stiefeln mit Goretex-Membran. Die sind absolut wasserdicht und so sicher, dass sie sogar als Schutzausrüstung für die Rennstrecke zugelassen, dabei aber nicht so klobig wie andere Stiefel. Die passen auch mal unter Jeans und gehen dann als gedeckte Schuhe durch. Außerdem sind sie so leicht, dass man auf Reisen damit auch mal durch Städte laufen oder wandern kann. Ist schon das zweite Paar, weil ich die Sohlen abgelaufen hatte. Mehr lesen…

Handschuhe: Vanucci VTEC und Reusch Summer
Der eine wasserdicht, warm, mit Keramikbesatz und gut gepolstert, der andere aus Leder und für den Sommer gemacht. Gibt es so nicht mehr zu kaufen, deshalb keine weitere Beschreibung. Aber zwei Paar Handschuhe müssen immer mit auf Tour, es gibt keinen Handschuh, der alles kann.

Regenklamotten: FLM Stromchaser

Bild: polo-motorrad.de

Es gibt m.W. keine besseren Regensachen am Markt als die Stormchaser von Polo. Das Zeug ist aus Membrankram, absolut wasserdicht, aber man schwitzt sich darin nicht tot. Gibt es auch als Einteiler, ich fahre aber mit separater Jacke und Hose. Weite Hosenbeine erleichtern den Einstieg, Feststeller sorgen dafür, das wenig flattert, Gummibesatz am Hosenboden für sicheren Sitz. Darin ist man absolut geschützt und super sichtbar, auch wenn ich mir wünschen würde, dass es die Kombi statt in elegantem Schwarz-Weiß auch mal in Neongelb gäbe. Aber nun. Ist schon meine zweite, die erste war nach sieben Jahren zwar noch dicht, aber leicht angegilbt.

Und, wie eingangs beschrieben: Material altert. Aktuell verkauft Polo die Kombi nicht unter dem griffigen Namen „Stormchaser“ sondern unter der sperrigen Bezeichnung „FLM Sports Membran Regenjacke 1.0 Weiss“. Aha.

Unterwäsche: Rukka Moody

Bild: Louis.de

Lange Unterwäsche unter einem Fahreranzug ist Pflicht. Das Merinokram scheint zwar arg teuer, ABER: Es wärmt bei Kälte, es kühlt im Sommer und dank der bakterientötenden Eigenschaften der Merinowolle fängt das Zeug nicht an zu riechen! In Funktionswäsche aus Polyester müffelt man nach einem Tag wie das Wiesel, aber Merinozeug lüftet man kurz aus, und es riecht nach nichts. Einmal Merinozeugs gekauft spart 5 Sätze Funktionsklamotten aus Erdöl. Das Rukka Moody.Kram ist zudem noch günstiger als ähnliches aus dem Outdoor-Segment.

Socken: Pharaoh & Coolmax

Bild: Polo-Motorrad.de

Kniestrümpfe, bedecken den ganzen Unterschenkel, ideal zum Fahren. Die Trekkingsocken haben Silberfäden eingearbeitet, die kann man auch etliche Male tragen, bevor die anfangen zu müffeln. Gibt es schon ewig bei Polo, sehr gutes Material.

So, damit wäre die Ausrüstung einmal durchgetauscht. Vor zwei Jahren neue Stiefel und neuer Helm, dieses Jahr neue Jacke, neue Hose und neue Regenkombi. Damit sollte jetzt erstmal Ruhe sein, und ich hoffe, dass die neuen Klamotten lange halten – und ich ihre aktiven und passiven Sicherheitssysteme nie auf die Probe stellen muss.

KlopfaufHolz

Reisetagebuch Städtetour (6): Unfinished Business mit Jessica Rabbit

Februar 2018: Tag sechs einer Städtereise südlich der Alpen. Heute geht es nach Turin, wo ich meinen Onkel aufgeben möchte und Jessica Rabbit aus dem Jahr 200 v.C. begegne.

Mittwoch, 14. Februar 2018, Genua
Als ich um kurz nach Acht die Tür von Lo Zenzero hinter mir zuziehe, fühlt sich das seltsam an – als würde ich zu früh von hier weggehen.

Leicht melancholisch, aber gespannt auf den Tag trabe ich die hundert Meter die Straße runter, an deren Ende sich der Bahnhof Brignole befindet.

Als sich die Türen des Regionale Veloce, der mich aus der Stadt bringen wird, schließen, fühlt sich das auch nicht wie ein Abschied an – ich werde bestimmt mal wieder nach Genua kommen, das weiß ich jetzt schon.

Der Zug rumpelt unter Genua hindurch, sieht am Bahnhof Principe nochmal kurz Tageslicht, dann macht er sich auf seinen langen Weg durch die Tunnel der umliegenden Berge.

Bei Roncio kommt er dauerhaft wieder an die Oberfläche. Hier sind die Berge schneebeckt, und alles ist übergefroren.


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Reisetagebuch Städtetour (5): Wolfsoniana und der ängstliche Löwe

Februar 2018: Tag fünf einer Städtereise südlich der Alpen. Heute mit aufdringlichen Wächtern, einer schönen Frau, die unbedingt in mein Bett will, und dem einen oder anderen Mißverständnis. Außerdem: Warum alles nach Gorgonzola riecht.

13. Februar 2018, Genua
Heute schlafe ich aus.
Völlig ohne schlechtes Gewissen.
Wofür habe ich ein eigenes Appartement, wenn ich darin nicht mal faul rumliegen kann? Feste Termine stehen nicht auf dem Programm, Tickets mit vorher gebuchten Eintrittszeiten habe ich auch nicht in der Tasche. Heute möchte ich nur ein paar Museen besuchen. Aus irgendeinem Grund sind die vor die Stadt verbannt worden. Nach Nervi, einen Vorort von Genua. Oder ist das einfach ein weit entferntes Stadtviertel? Schwer zu sagen bei einer Stadt, deren Ausdehnung 35 Kilometer umfasst. Wie auch immer, abgelegene Museen in Februar, da wird sich der Andrang in Grenzen halten. Ich drehe mich nochmal rum und schlafe eine halbe Stunde weiter.

Vom Bahnhof Brignole aus kommt man in weniger als 20 Minuten nach Nervi, die 100-Minuten-U-Bahn/Bus/Fahrstuhltickets sind auch dafür gültig. Auch hier gilt wieder: Entwerten vor Besteigen des Zugs, mit einem der Trenitalia-Stempler, Ticket ganz links einführen.

Das Wetter ist grandios, Sonnenschein und 10 Grad, und als ich gegen 10:00 Uhr in Nervi aus dem Zug falle, habe ich spontan gute Laune. Der blaue Himmel und das glitzernde Meer sind nur ein Vorgeschmack auf einen schönen Tag.

Hinter dem Bahnhof beginnen große Parkanlagen. Palmen wiegen sich im leichten Wind, ein paar Rentner sitzen auf Bänken, eine Mutter spielt auf den Wiesen mit ihren Kindern. Idyllisch. Zumal, was man nicht vergessen darf, es gerade Mitte Februar ist. Zuhause haben wir Minusgrade, und tagsüber wird es kaum richtig hell.

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Reisetagebuch Städtetour (4): Goethe vs. Altered Carbon oder „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

Februar 2018: Tag vier einer Städtereise südlich der Alpen. Heute besuche ich alte Freunde, entdecke Orte, von denen sich M.C. Escher inspirieren ließ und habe überraschende Erkenntnisse.

Montag, 12. Februar 2018, Genua

Das Elternhaus der Jugend.
Die erste eigene Wohnung.
Der Ort, an dem man seine erste Liebe geküsst hat.

Von wie vielen Orten kann man sagen, dass sie einen nie wieder los lassen und für den Rest des Lebens begleiten werden? Einer der Orte, die sich in mein Herz gebrannt haben, ist unzweifelhaft Staglieno. Oder genauer: Der Cimitero Monumentale di Staglieno.

Gelegen etwas oberhalb im östlichen Tal von Genua, links und rechts des Sturzbachbetts des Bisangno, ist die Ortschaft Staglieno eine der ältesten Siedlungen Italiens. Aus ihr entwickelte sich Genua, von dem Staglieno heute ein Stadtteil ist. Hier liegt auch der Cimitero Monumentale, der Monumentalfriedhof.

Das erste Mal war ich 2012 hier, und damals bin weggefahren mit dem Gefühl zu wenig gesehen zu haben. Deshalb habe ich mir drei Jahre später ein Hotel in Genua genommen und bin einen halben Tag auf Staglieno rumgelaufen. Und jetzt, wieder drei Jahre später, zieht es mich wieder hier hin.

Als ich aus dem Bus der Linie 13 nach Prato steige, schiebt sich die Morgensonne gerade erst über den Bergkamm.

Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, als ich mich dem Eingang nähere. Endlich wieder hier… es ist, als ob ich alte Bekannte besuchen würde.

Am Eingang des Geländes spreche ich einen der Pförtner an. Ein alter Brummbär mit Bart und Brille, der aussieht wie ein ergrauter Bud Spencer. Er sieht mich sofort missmutig an, aber davon lasse ich mich nicht abschrecken. „Hätten Sie vielleicht eine Karte für mich?“, frage ich, und der Brummbär guckt mich an, dann lächelt er. „Natürlich, natürlich“, sagt er und bittet mich in das kleine Pförtnerbüro, dass ich schon kenne.

Er kramt hinter dem Tresen herum und holt eine Karte heraus. Offensichtlich muss selbst die Genueser Verwaltung sparen. Die Karte ist aus billigem Papier, viel weniger wertig als die lackierte Karte, die ich von meinem letzten Besuch noch im Rucksack habe.

Ein anderer Friedhofswächter kommt vorbei, stoppt kurz, sieht mich direkt an, kneift die Augen zusammen, dann verschwindet er wieder. Ich muss ein Grinsen unterdrücken. Ich hatte gehofft den hier zu treffen!

„Interessiert Sie etwas besonders?“, fragt der Brummbär hinter dem Tresen. „Ähm, ja, das Grab der Familie Riba-Udo“, sage ich. Der Brummbär guckt einem Moment verwirrt, dann sagt er, „Ach, Riba_udo“.

Mist, leicht verkehrt ausgesprochen und schon versteht es keiner mehr. „Joy Division!“, sagt der Brummbär, und jetzt leuchten seinen Augen richtig. Offensichtlich freut er sich, dass ich Interesse an seinem Arbeitsort zeige.

Er holt einen Ordner unter dem Tresen hervor und schlägt ihn auf. Er ist voller alter Fotos von Grabstätten, sorgfältig per Hand beschriftet und in Klarsichthüllen untergebracht. „Hier, das hier war das zweite Albumcover von Joy Division“, sagt er und erklärt mir dann ganz genau den Weg dahin. Einen Weg, den ich schon im Schlaf finden würde. Wieder kommt der andere Pförtner vorbei, guckt mich einen Moment an, kneift die Augen zusammen, als ob er sich an etwas zu erinnern versucht und haut wieder ab. Ein kleiner, drahtiger Mann Anfang 50, mit grauen Haaren. Er wirkt etwas schmutzig, aber das sind Pigmentstörungen.

„Wie sind sie auf Staglieno gekommen? Über das Internet, was?“, fragt der Brummbär. „Jaja“, sage ich. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein, immerhin bin ich es , der das Internet mit Sachen über Staglieno vollschreibt und durchaus schon andere zum Besuch motiviert hat.

Ich bedanke mich bei dem Brummbären, der nun fast im Kreis grinst, weil er mir so toll helfen konnte, dann trete ich ins Sonnenlicht vor dem Büro. Der andere Pförtner wartet draußen und fängt mich ab. „Sind sie Engländer?“, fragt er und schiebt seine Brille auf die Stirn. „Nein… Moment… Sie sind Deutscher!“, sagt er und zuckt kurz mit dem Gesicht, wodurch seine Brille wieder auf der Nase landet. Er macht das dauernd.

Ich nicke und sage dann auf Deutsch: „Wer fremde Sprachen nicht kennt…“

„…der weiß nichts über seine eigene“ vollendet der Pförtner das Zitat von Goethe und guckt leicht verblüfft, dann müssen wir beide lachen. „Wir sind uns schon begegnet“, sage ich. Vor drei Jahren hat der Mann mich mit seinen Sprachkenntnissen beeindruckt, und mit eben diesem Zitat, das mich seitdem begleitet.

„Kennen sie auch die italienische Übersetzung? Chi non conosce le lingue straniere non sa nulla del proprio! Man muss seine Sprache propria beherrschen!“ ich grinse. Jetzt habe ich die Gelegenheit die Fragen beantwortet zu bekommen, die ich vor drei Jahren nicht stellen konnte. „Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?“, frage ich. „Ich spreche nicht nur deutsch. Auch englisch, französisch und spanisch spreche ich auf diesem Niveau“, sagt er und beantwortet die Frage damit genau: Gar nicht. „Weil es so ein Vergnügen ist, Sprachen zu erlernen“ Er ergreift meine Hand. „Ich bin Giovanni. Oder Hans, auf Deutsch. Oder Jean, auf französisch!“ „Angenehm“, lache ich und erkläre, woher mein Name kommt, und das es für mich eine Qual ist Sprachen zu lernen und ich überhaupt kein Talent dafür habe. Aber Italienisch fasziniert mich, weil die Sprachmelodie einfach schön ist. Wir sprechen über dies und das, aber wie und wo Giovanni-Jean-Hans nun Deutsch gelernt hat, bekomme ich nicht aus ihm heraus.

„Haben sie schon unseren illegalen Führer getroffen?“, fragt Giovanni. „Ein Rentner, schon seit 25 Jahren. Er bittet um ein paar Euro für eine Führung. Ist natürlich illegal.“ „Klar“, sage ich und weiß nicht, ob Giovanni mich vor einem Nervfaktor warnen oder Werbung machen will.

„Ich habe noch ein Geschenk für Sie“, sagt Giovanni dann. „Und noch eines“. Er verschwindet kurz im Friedhofsbüro, dann kommt er mit zwei kleinen Büchern wieder. „Berühmte Persönlichkeiten im Pantheon“ und „Tourenempfehlungen für Staglieno“. Das ist toll, diese Bücher hat nicht jeder. Zusammen mit dem „Kunstführungen auf Staglieno“, das ich vom letzten Mal noch habe, besitze ich jetzt Werke, die nicht jeder hat.

Eines der Werke ist auf italienisch. „Super, dann kann ich üben“, sage ich und schüttele zum Abschied die Hand dieses ungewöhnlichen Mannes.

Dann trete ich durch den unscheinbaren Torbogen. Wie überall blättert auch hier die Farbe von den Wänden. Das gehört zu Staglieno, das gehört zu Genua. Beautiful Decay.

Ich betrete den ersten von mehreren Gängen. Grabnischen ziehen sich den den Gängen entlang, jede mit einer Marmorplatte davor. Der Gang ist dunkel und wirkt unheimlich, aber das sind nur die ersten Meter.

Als ich den Gang gequert habe, öffnet sich das Bauwerk zu einem Säulengang, einer Arkade, die an einer Seite offen ist und von Sonnenlicht geflutet wird. Zu beiden Seiten stehen, sitzen, liegen und schweben menschengroße Figuren.

“Città delle ombre”, Stadt der Schatten, oder “Città senza tempo”, Stadt ohne Zeit, so nennen die Italiener Staglieno.

Mark Twain schrieb über den Monumentalfriedhof: „An diesen Ort werde ich mich erinnern, selbst wenn ich die Paläste vergessen habe. Ein breiter Säulengang aus Marmor umgibt eine große leere rechteckige Fläche; auch der Boden ist aus Marmor, und auf jeder einzelnen Platte ist eine Inschrift. Auf beiden Seiten entlang des Ganges kann man Denkmäler, Grabmäler und Skulpturen bewundern, die bis ins kleinste Detail ausgearbeitet sind und Harmonie und Schönheit ausstrahlen.“

Herr Twain hat recht.
Auch für mich ist dieser Ort einer der besondersten auf der Welt. Dieser Ort ist ein Teil von mir geworden, in genau dem Moment, als ich ihn das erste mal betrat. Vielleicht, weil er das schon immer war. Es hört sich dumm an, aber schon die erste Begegnung fühlte sich an wie nach Hause kommen. Staglieno ist ein ruhiger, stiller, in sich gekehrter Ort voller Reflexion. Ganz allein durch schier endlosen die Säulengänge zu laufen und Szenen aus dem Leben zu sehen, fühlt sich ein wenig an, als ob ich durch einen Teil meines Geistes laufe. Eben auch den stillen, reflektierten Teil, der den Kern meiner Persönlichkeit ausmacht.

Das hier ist Staglieno für mich:

und hier noch ein längeres Video von 2015:

Weiterlesen „Reisetagebuch Städtetour (4): Goethe vs. Altered Carbon oder „Wer fremde Sprachen nicht kennt…““