Reisen

8.124

So, ich wäre dann auch mal wieder da.

8.124 Kilometer habe ich den den letzten dreieinhalb Wochen mit dem Motorrad zurückgelegt. Das war vor allem eines: Absurd heiß. Auch Deutschland hat unter einer Hitzewelle gestöhnt, aber ich sage mal so: 1.800 Kilometer weiter südlich war es noch etwas wärmer als hier.

Zum Glück hat das Motorrad gut durchgehalten, und selbst die Airbagjacke hat dieses Mal die Hitze überstanden. Mit anderer Ausrüstung war ich nicht so glücklich. Daytonas in 41 sind zu klein, in 42 habe ich mir aber Blasen gelaufen bis auf´s rohe Fleisch. Aber nun, irgendwas ist ja immer, und besser ein paar Blasen als ein Unfall. Vor sowas blieb ich zum Glück verschont – trotz Neapel!

Bild: Google Earth 2019

Ja, es ging noch einmal nach Italien. Zum einen, weil ich die letzten Ecken erkunden wollte, in denen ich noch nicht jedes Dorf kenne, zum anderen, weil in diesem Jahr noch eine mächtig weite Reise ansteht, und ich deswegen im Sommer ein wenig in meiner Komfortzone bleiben und nicht das ganz große Abenteuer aufmachen wollte. Spannend und interessant war es aber trotzdem. Der Süden Italiens unterscheidet sich vom Norden so stark, dass er praktisch ein anderes Land ist.

Es ist ein raues Land, voller herzlicher Menschen und spannender Geschichten. Warum Roberta sich über Honig freut, wieso Maria der Meinung ist, das alle Maria heißen, wie Toni Feigenblätter am liebsten mag und was aus dem Dorf Riace geworden ist, nachdem Italiens Faschistenführer Salvini den Bürgermeister hat verhaften lassen, weil er Menschen geholfen hat, das gibt es dann ausführlich demnächst im Reisetagebuch.

Für mich war es auch ein wenig ein Abschluss mit Italien. 2012 habe ich mich das erste Mal mit dem Motorrad dahin aufgemacht, weil ich mehr über das Land und die Menschen lernen wollte. Mittlerweile weiß ich mehr über Italien als die meisten Italiener. Ich war in jeder Region, nahezu jeder Provinz, kenne fast alle Städte und die größeren Sehenswürdigkeiten.

Diese Reise hat die letzten, weißen Flecken beseitigt und das meiste an „unfinished business“ ist erledigt – sogar auf den Großklockner, bzw. die Hochalpenstraße dort, habe ich es im dritten Anlauf geschafft. Yay!

Dreieinhalb Wochen on the Road, bei sengender Hitze, das kann schon tough sein. Am Ende freute ich mich schon wieder auf zu Hause.
Jetzt muss ich erstmal auspacken und Wäsche waschen und sowas. Dabei genieße ich, wie kühl es hier im direkten Vergleich ist.

2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557

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Reisetagebuch 2019 (5): Harry Potter vs. The Avengers

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute gibt es den Rest von einer Woche London. Mit dabei: Harry Potter, Hamilton, die Avengers und Chris.

Mittwoch, 06. Februar 2019, London
Die Nächte sind gerade etwas kurz. Ich koste Londons Kultur- und Unterhaltungsangebot bis zur Neige aus und gebe mir die volle Dröhnung: Jeden Abend ein Theater- oder Musicalbesuch.

Wenn ich davon gegen 23:00 Uhr nach Hause komme, bin ich so aufgekratzt, dass ich noch bis fast halb zwei irgendwas machen muss um runterzukommen. Zum Beispiel Reisetaschenreviews zum Sojourn studieren oder die britische Version von Frauentausch gucken.

Heute Morgen schlafe ich etwas länger und stehe erst gegen 8:30 auf. Dann fahre ich in die Stadt, zum Picadilly Square. Etwas die Shaftesbury Avenue hoch steht ein riesige Backsteinbau, der fast ein wenig wie eine Burg wirkt. Der absolut passende Ort, um den achten Teil von Harry Potter aufzuführen!

Moment mal, den ACHTEN Teil? Es gibt doch nur sieben Bücher! Ja, das stimmt. Aber es gibt wirklich einen achten Teil, der 19 Jahre nach dem Ende des letzten Buchs spielt. Diesen achten Teil gibt es aber nur als Theaterstück, und das wird gerade nur hier, im Palace-Theatre, gespielt. Das ist so, als ob es einen neuen Star Wars-Film gäbe, der nur in einem Kino auf der ganzen Welt gezeigt wird. Dementsprechend schwer ist es, an die Karten zu kommen. Meine habe ich im April 2018 gebucht, was gar nicht so einfach war. Dass das Theaterstück so lang ist, dass man zwei Vorstellungen besuchen muss um alles zu sehen, macht die Sache weder einfacher noch billiger. Fast 400 Euro haben mich die Karten gekostet, und als mir der Portier die Eintrittskarten überreicht, nehme ich die mit einem Anflug von Ehrfurcht entgegen.

So, das Wichtigste ist erledigt, jetzt gibt es Frühstück. Ich fahre zur North Gowern Street und frühstücke bei Speedys. Das kleine Café ist gerammelt voll, aber routiniert und schnell arbeiten Besitzer Chris und seine Helferinnen die Bestellungen ab.


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Reisetagebuch 2019 (4): Outbound II

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es nach Ochsenfurt, ich mache wieder mal mit Duschköpfen rum und gucke Tina Turner unter den Rock.

Dienstag, 05. Februar 2019, Bahnhof Paddington, London
Um kurz vor neun fährt der Zug der GWR, der Great Western Railway. Wie der Name schon andeutet, verlässt der Zug London „Outbound“ in Richtung Westen. Eine Stunde später hält er in einem kleinen Ort, und ich falle aus dem Wagen und bin etwas erstaunt: Das ist ja winzig hier! Das soll das weltberühmte Oxford sein?

Bild: Google Earth 2019

Sieht mehr aus wie ein Dorf in der Provinz.

Am Bahnhof steht ein Bulle, dem eine besorgte Omi einen Schal gestrickt hat. Richtig so, es ist wieder schweinekalt. Neben dem Bullen hängt ein Stadtwappen. Es zeigt einen Ochsen, der einen Fluss quert. Ja, dann kommt der Name Oxford wohl von einer Ochsenfurt, die hier mal war.

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Reisetagebuch 2019 (3): All about Eve

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour. Heute geht es unter die Royal Albert Hall und zu Gillian Anderson.

Montag, 04. Februar 2019, Norfolk Square, London
96 Stufen sind es vom Frühstücksraum im Keller des Belvedere bis zum meinem Zimmer im 4. Stock. Die Treppen werden nach oben werden immer enger, die Stufen immer höher und durch den Teppich immer runder. Das ist anstrengend, aber gutes Training – ich bin total außer Form, und die nächste Motorradreise kommt bestimmt!

Früh frühstücken ist Pflicht im Hotel Belvedere. Im Frühstücksraum im Keller gibt es nur zwischen 6:30 Uhr und 09:00 Uhr was zu essen.

Nachdem ich die Treppen des Todes wieder bis ganz unters Dach hochgestiefelt bin, stelle ich mich erstmal unter die Dusche. Das dauert etwas länger, denn die tröpfelt gerade nur noch. Das liegt am Duschkopf. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, einen Duschkopf mit weiten Kammern voller Tonkügelchen und Kohledingsbumms zu installieren, sollte geschlagen werden. Der ohnehin nicht dolle Wasserdruck schafft es nicht durch das esoterische Gedöns.

Ich lungere noch etwas im Zimmer rum. Draußen regnet es, und der Wind pfeift über die Dächer. Ungemütlich. Hier drinnen im Warmen ist es viel netter. Ich liege auf dem Bett und lese Twitte., Vor dem Haus hupen Autos, LKW fahren dröhnend vorbei und Müllwagen piepen sich durch eine Nebengasse. Ich habe Urlaub, warum soll ich mich freiwillig früher als nötig in das Mistwetter begeben.

Kurz nach halb 10 stehe ich wirklich auf, packe meine Sachen und trete hinaus in den Nieselregen. Bäh. das ist nicht mal richtiger Regen, das ist mehr so… hohe Luftfeuchtigkeit. Ganz fisseliger Nieselregen, der in der Luft rumschwebt. Igitt.

Ich laufe ein wenig durch den Hydepark, der sich gleich südlich von Paddington befindet. Der Nieselregen macht die blattlosen Bäume, die sich vor dem grauen Februarhimmel abheben, gleich noch ein Stück deprimierender.


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Reisetagebuch 2019 (2): Outbound

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Sonntag, 03. Februar 2019, London, Norfolk Square
Ich mag das Belvedere, dieses kleine, etwas schrullige Hotel im Norfolk Square am Bahnhof Paddington in London. Im Keller des Hauses ist der Frühstücksraum, in der zwei Polinnen und eine Koreanerin den Frühstücksservice schmeißen. Heute Morgen ist der eng bestuhlte Raum noch leer, aber das ist nicht oft so. Auch wenn es nur 16 Zimmer im Belvedere gibt, übernachten bis zu 50 Personen hier. Dementsprechend voll ist es hier an den meisten Morgenden.

„Do you like english breakfast?“ ist immer die erste Frage. Die richtige Antwort lautet „Ja“, ansonsten wird man freundlich auf eine leicht staubig wirkende Schachtel Frühstücksflocken auf einer kleinen Anrichte hingewiesen. Antwortet man richtig, rumort es kurz in der Küche, und wenig später steht ein Klacks Bohnen, zwei Eier, ein Stück Frühstücksschinken, ein Würstchen und ein Stück Toast vor einem.

Verhandlungen sind übrigens Zeitverschwendung. Ich muss immer schon grinsen, wenn jemand „Ich hätte gerne etwas mehr Bohnen und zwei Würstchen, dafür kein Ei“ oder sowas bestellt. Dann nickt die Koreanerin freundlich, und die Küche macht trotzdem exakt das Standardfrühstück.

Ich frühstücke zu Hause nie, aber im Urlaub passe ich mich an. So, wie ich in Italien morgens an einem Stück Zwieback rumknabbere und dazu Espresso trinke, schlinge ich hier mit Genuss das Warme Frühstück mit ordentlich HP-Sauce hinunter.

Kurz darauf sitze ich in der U-Bahn. An der Wand wirkt eine Bank mit dem Brexit. „An alle 7.643 Personen, die ein monatliches Essenbudget mit dem Titel „Brexit Überlebens Rücklage“ eingerichtet haben: Haltet durch!“ – Und sowas, liebe Kinder, passiert, wenn man bei einer dieser modernen Internetbanken ist. Die werten die privatesten Daten aus und machen Werbung damit.

Am Bahnhof Kings Cross steige ich auch und schlendere zu den hinteren Gleisen. Wieder mal fällt mir auf wie paranoid die Briten sind. Displays und Plakate fordern überall auf, alles und jeden sofort zu verpetzen. Orwells Albtraum, hier ist er Realität geworden.


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Reisetagebuch 2019 (1): Bahn Fuck-up

Im Februar 2019 steht der Brexit wieder mal ganz kurz bevor. Herr Silencer macht sich auf, das Unvereinigte Königreich ein letztes Mal zu besuchen, bevor sich da alles in rauchende Ruinen verwandelt. Dies ist das Tagebuch der „Last Chance to See“-Tour.

Samstag, 02. Februar 2019, Mumpfelhausen bei Götham
Der Wecker klingelt in genau dem Moment, als ich gerade wildestes Zeug träume. Noch matschig im Kopf blinzele mit einem Auge auf die Uhrzeit. 5:15 Uhr. Dreieinhalb Stunden Schlaf, mehr war nicht drin.

Ich quäle mich aus dem Bett, stecke mir die Zahnbürste ins Gesicht und mache mich fertig. Im Flur steht schon, fertig gepackt, der große Reiserucksack.

Noch schnell die Sicherungen rausgedreht, die Heizung runtergefahren, ein Blick zurück, dann wird das Gepäck geschultert und los geht´s.

Es ist der 02. Februar. Es sind knapp unter Null Grad, und als ich zur Bushaltestelle trabe nieselt kalter Regen herab.

Außer mir sind nur zwei Menschen am Bushalt. Minutenlang stehen wir im Nieselregen, versunken in unsere eigenen Welten. Ich gucke grimmig ins Dunkel, voller Sehnsucht nach meinem warmen Bett. Dann kommt der Bus in einem Gischtnebel die Hauptstraße entlanggepflügt.

Am Hauptbahnhof steige ich aus und gehe die letzten Meter zu Fuß. Woah, der Gehweg ist leicht glatt.

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Reisetagebuch Sardinien (10): Au Vaia

Herbstreise nach Sardinien. Heute ist das Land gesperrt, die Stadt auch, und ich mache Bekanntschaft mit Vaia, die mich fast nicht mehr weg lässt.

Sonntag, 28. Oktober 2018, Portoscusa
Das Wohnzimmer meiner Unterkunft ist ein ehemaliges Restaurant. Der Raum ist bestimmt 30 Meter lang und 10 Meter tief. Zu drei Seiten ist er verglast, rundrum ist das Meer zu sehen. Der Himmel ist grau. Es ist windig, und hohen Wellen schlagen an die Felsen der Küste.

Den großen Raum ganz für mich allein zu haben ist fast etwas unheimlich. Wie kommt es, das aus einem Restaurant ein Wohnzimmer wurde?, frage ich die Gastwirtin. „Ach, lange Geschichte“, sagt sie. „Meine Familie hat das Gebäude hier gebaut, genauer gesagt: Mein Bruder. Das Restaurant wurde dann verpachtet, aber das lief nicht gut. Im Sommer, Juli bis August, ja, da gibt es hier viel zu tun! Aber den Rest des Jahres nicht, und irgendwann konnten wir das Restaurant nicht mehr verpachten. Also dachten wir, ok, man kann ja hier auch wohnen. Aber es sollte in der Familie bleiben, und deshalb wohne ich jetzt hier, mit meinem Mann und meinen Kindern.“ Ich nicke.

Wenig später summt der Fiat 500 durch die rostenden Industrieanlagen der Peripherie, dann über eine Straße, die sich immer weiter dem Meer annähert und in Kürze zu einer tollen Küstenstraße wird. Aber denkste, irgendwann stehe ich vor einer Polizeisperre. Was soll das denn? Irgendein Event, oder eine Treibjagd? Unwahrscheinlich wäre das nicht, es ist Sonntag und überall ziehen Männer in Tarnfleckklamotten und mit Schrotflinten durch die Felder.

Meh. Aber gut, muss ich halt außen rum. Eine Stunde kostet der Umweg, aber nun. Bald bin ich an der Küste, denke ich, als ich unvermittelt WIEDER vor einer Straßensperre stehe. Hier stehen Leute in Orangefarbenen Westen herum und passen auf, dass sich niemand um die Absperrung herummogelt. „Was issen hier los?“, frage ich eine der Westenfrauen. „Giro“, bekomme ich zur Antwort.
Eine Radsportveranstaltung!

Ich hasse Radfahrer. Ich darf nicht mal umdrehen, weil ich dann ja einen Radfahrer gefährden könnte, sagt eine Frau, die den Streckenposten macht. Wir diskutieren das aus, lautstark und mit viel dramatischem Armgefuchtel. Schließlich gibt sie auf, ich darf wenden und komme zumindest aus dem Stau raus. Aber was nun? Anscheinend haben die die ganze verdammte Küstenstraße gesperrt. Leider ist das die einzige Straße hier um nach Westen zu kommen. Im Hinterland erhebt sich ein mächtiges Gebirge.

Genervt: Ich will an die Küste, muss aber erst bei Sant´Anna (1) umdrehen, dann bei Teulada (2), dann hinter Teulada (3) und am Ende muss ich ganz in den Norden und um die Berge herumfahren (4).
Bild: Google Earth 2019

Ach, so ein Mist. Jetzt muss ich einen WIRKLICH langen Umweg fahren, einmal um die Berge herum. Das dauert mehrere Stunden.

Bild: Google Earth 2019

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Reisetagebuch Sardinien (9): Lustlos

Herbstreise nach Sardinien. Heute gibt es einen goldenen Morgen, goldene Dünen, eine Höhle durch die eine Landstraße führt und ich übernachte in der Küche eines Restaurants.

Freitag, 26. Oktober 2018. Agriturismo Cuaddus e Tellas
Eine Minute vor dem Weckerklingeln wache ich auf. Es ist still und ruhig. Nicht mal Grillen zirpen. Auch die Pferde auf der Weide sind nicht zu hören. Was ist denn da los? Ich werfe mir die Jacke über und trete vor die Tür meines Zimmers auf dem Bauernhof Cuaddus e Tellas.

Es ist kühl, und es ist früh. Der Morgen ist spektakulär. Die Sonne filtert durch die Wolken über dem Tafelgebirge wie in einem billigen Bibelfilm. In den Tälern steht Nebel. Sowas kenne ich nur von Kitschpostkarten aus der Toskana.

Der Zauber hält nur wenige Minuten, dann ist das Licht anders, der Moment vorbei.

Pietro kommt von einer der oberen Weiden, wo heute Morgen die Pferde grasen. „Möchtest Du einen Spaziergang machen?“ fragt er. „Nein, ich möchte frühstücken“, sage ich. Einen Caffé Doppio und einen Keks später sitze ich am Steuer des Fiats und schaukele ihn aus dem Tor des Agriturismo hinaus und auf die Straße.


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Reisetagebuch Sardinien (8): Nuraghenland

Herbstreise nach Sardinien. Heute fahre ich einfach nur sehr lange durch die Gegend – durch das Dorf der Messermacher, über Berge und unter Wolken.

Donnerstag, 25. Oktober 2018, Agriturismo Scalzi bei Macomer
Anscheinend habe ich gestern Nacht nicht alle ausgeschlossen, als ich den draußen versteckten Schlüssel mit ins Haus genommen habe. Zumindest rumort es heute Morgen im Untergeschoß. Georgia, eine junge Frau in Leggings und Fleecejacke, hat Frühstück für mich angerichtet. Überhaupt ist der Hof auf der Hochebene bei Macomer heute morgen deutlich belebter, und als ich abreisen will, strecken gleich drei Frauen die Köpfe zur Tür raus.

Die älteste von ihnen ist wohl die Chefin. Sie scheitert grandios an der Bezahlung per Karte. Leicht hilflos und mit wachsender Verzweifelung drückt sie auf dem Zahlenpad herum, bekommt es aber nicht hin, den richtigen Preis einzugeben. Immer wieder scheitert sie daran, dass sie die Taste „5“ nicht fest genug drückt, und ich wahlweise 3,60 oder 3600 Euro für die Nacht bezahlen soll. Auf die korrekten 36,50 Kommt sie nie. Irgendwann gibt sie auf und murmelt „Vielleicht hat Booking.com die 0,50 Euro-Preise verboten?“ Ich muss lachen und zahle bar.

Der Himmel ist noch grau und bedeckt, als ich vor das Haus trete. In der Ferne thront der Ort Sindia auf einer Bergkuppe.

Es ist richtig kalt heute Morgen, der Fiat ist mit Kondenswasser bedeckt. Ein Wunder ist das nicht, wir befinden uns hier auf einer Hochebene. Keine Ahnung wie hoch, aber lauschiges Küstenklima ist anders.

Heute ist langer Fahr-Tag. Ich steuere den Fiat von der Wiese, auf der er die Nacht verbracht hat, und fahre auf eine gute ausgebaute Staatsstraße, die nach Norden führt. Hier treffe ich nach einer dreiviertel Stunde fahrt auf das „Tal der Nuraghen“.

Der Name ist eine Marketingerfindung des hiesigen Touristikverbandes und soll wohl an das Tal der Könige oder so erinnern. Ein Tal ist das hier nämlich nicht so richtig. Ich habe die Landschaft her aus der Luft gesehen: Eine wildgrüne Ebene, die seltsam terassenförmig aussieht. Darin stehen hier und da Nuraghen rum.

Bis ich anfing über Sardinien zu lesen, wusste ich nicht, was das ist. Es sind alte Steinbauten, gebaut vor rund 4.000 Jahren und ganz unterschiedlich in Form und Funktion. Wozu sie im Einzelnen dienten, weiß heute niemand mehr. Manche Nuraghen sind einfache Türme aus Findlingen, andere sehen aus wie Minifestungen, mit Befestigungsmauern und Innenhöfen. Im Prinzip ist jede größere, menschengemachte Ansammlung von Steinen auf Sardinien eine Nuraghe.

An der Straße ist meilenweit nichts außer einem Flachbau mit einem Schnellrestaurant und einem Souvenirshop. Hier muss man eine Eintrittskarte für eine Nuraghe kaufen, die neben der Straße und mitten auf einem Feld steht. Wirkt ein wenig wie eine Road Attraktion in den USA.

Diese Nuraghe heißt Santu Antine.


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Reisetagebuch Sardinen (7): Möpperkopp

Herbstreise nach Sardinien. Heute stürme ich das Kap der Jagd, wundere mich über Korallen und sitze unter Olivenbäumen.

Mittwoch, 24. Oktober 2018, B&B Sul Porto, Stintino
Aufstehen, Morgenroutine, Sachen packen. Dann betrete Ich den Frühstücksraum des „Sul Porto“, der wortwörtlich über den Hafen von Stintino blickt. Sehr hübsch. Ich bin nicht alleine, außer Besitzer Giorgio ist noch ist noch ein junges Paar Mitte 20 im Frühstücksraum.

Die beiden kommen aus Deutschland, sitzen am Nebentisch und muffeln vor sich hin. Also, eigentlich muffelt nur er. Entweder stimmt der Kaffeepegel noch nicht, oder er ist schlecht drauf, weil sich seine Freundin mit dem überfreundlichen und fröhlichen Georigio zumindest rudimentär auf Englisch unterhalten kann, für den Möpperkopp aber alles übersetzen muss. Mit Georgio habe ich nur italienisch gesprochen, das Mufflon hat also nicht mitbekommen, dass ich ihn verstehen kann.

Umso ungehemmter möppert er herum, beklagt sich über die Konsistenz der Brötchen, findet den Kaffee zu bitter, die Konfitüre zu süß und den Kuchen zu hart. Seine Freundin versucht die Stimmung zu heben, in dem sie ihm Reiseziele für den heutigen Tag vorschlägt. „Guck mal, Hase, hier könnten wir hin fahren!“, flötet sie und hält ihm einen Reiseführer hin. Der Miesepeter schaut kaum hin „Bäh. Ne Höhle? Wer willen sowas?“ „Oder hier, guck, Strand!“ „Geh weg, da hamwa wieder Sand in jeder Ritze“. „Oder hier, ein Wanderweg zu einem Turm?“ „Bei der Hitze durch die Gegend latschen um ein paar kaputte Steine anzugucken? Hast Du sie noch alle?!“ – Manche Menschen sind auch in jungen Jahren schon Nörgelrentner.

So geht das weiter. Das Wetter ist ihm nicht recht, die Unterkunft auch nicht, und überhaupt war das alles hier ja IHRE Idee und deshalb muss ER jetzt so leiden. Sie sieht irgendwann nur noch betreten zu Boden. Giorgio versteht nicht, was gesprochen wurde, merkt aber, das etwas nicht stimmt. Also erkundigt er sich auf englisch, ob alles in Ordnung sei. Die Blonde antwortet in Dreiwortsätzen, das es kein Problem gäbe. Das versteht wiederum ihr Freund nicht, der denkt, dass sie mit Giorgio flirtet und noch schlechtere Laune bekommt.

Alter, denke ich. So eine Beziehung ist doch toxisch. Manche Leute sind auch echt nur zusammen, weil sie Angst vor dem Alleinsein haben. Oder ist der Möpperkopp nur hier so schlecht drauf, weil er im Ausland ist und sich hilflos fühlt, weil der die Sprache nicht versteht? Tja. Bildung ist so wichtig für Integration und bessere Laune. Mit mehr Bildung würden Menschen wie der Typ da ihre Umwelt und sich selbst nicht so vergiften, und die Welt wäre besser. Hm. Interessante Theorie. Da werde ich nochmal ein paar Stunden drüber nachdenken. Zeit genug dafür werde ich in den kommenden Tagen haben, viel Programm steht nicht mehr auf dem Zettel.

Der Morgen ist kühl und sonnig. Ich werfe den Rucksack in den Floh, den Fiat 500, der am Hafen parkt, dann spaziere ich noch ein wenig an der Promenade entlang und genieße das Sonnenlicht. Herrlich. In Deutschland hat gerade das Schmuddelwetter eingesetzt. Hier ist noch Sommer.

Vierzig Minuten von Stintino entfernt ragt ein gigantischer Felsen ins Meer, das Capo Caccia, das Kap der Jagd.

Bild: Google Earth 2019

Ich steuere den Fiat dort hinauf, schmiere mich mit Sonnenschutz ein und schlendere dann zu einer jungen Angestellten des Nationalparks. Sie lehnt in einiger Entfernung von einem Tickethäuschen an der Brüstung des Parkplatzes, raucht und blickt auf´s Meer hinaus. Die junge Frau und das Meer. Hemingway in zeitgemäß.

„Ich hätte gerne eine Eintrittskarte“, sage ich. Sie wendet den Blick von der See ab und fragt „Cash oder Kreditkarte?“ „Egal“, sage ich. „Dann Cash, unten zahlen. Beeil Dich“, sagt sie und deutet auf ein Schild. „Führung um 10:00 Uhr“ steht da. Ich blicke auf die Uhr. Es ist 09:59. „Du brauchst 10 Minuten“, sagt die Frau und lacht. „Na los, das schaffst Du noch“.

Ich kneife die Augen zusammen, dann ziehe ich den Gurt des Daypacks fester und renne los. Ich sprinte durch ein Tor, hinter dem direkt eine fast senkrechte Steintreppe beginnt.

Am Ende der Treppe sind weitere Treppenstufen in den Fels gehauen. SIEBENHUNDERT, steht auf einem Schild, das Herzkranken und Menschen mit Gehbehinderungen rät, sich besser eine andere Beschäftigung zu suchen.

700 Stufen! 200 Mehr als im Vatikan, denke ich und lasse meine Füße die Führung übernehmen. Die Treppe ist steil und manchmal krumm und schief. Wenn ich auf die Stufen blicke, stolpere ich bestimmt. Aber die Füße wissen, was sie tun. In rasender Geschwindigkeit flitze ich die Treppe hinab, die einfach kein Ende nehmen will. Immer zwei Stufen auf einmal, hoppel-hoppel-hoppel. Die Treppe macht eine Biegung, hinter der ich fast mit zwei Deutschen kollidiere, Mutter und Tochter, die hier gemütlich entlanglangschlurfen. Ich stolpere kurz, fange mich, springe an ihnen vorbei und bin weg.

Der Steinweg und die Treppe sind in die Felswände der Steilküste gebaut und führen einmal um die Klippen herum und immer tiefer und tiefer bis zum Meer hinab. Eine lange Passage ist fast waagerecht. Meine ungeübten Beinmuskeln zwicken und die Lunge brennt, aber ich renne weiter. Bei sowas packt mich ja der Ehrgeiz. Ich will auch immer den Zug noch kriegen, wenn es eigentlich heißt, dass der nicht mehr zu kriegen sei. Meine Füße fühlen sich bleischwer an. Soll das so? Keine Ahnung, ich jogge nie. Der Reiz des Laufens hat sich mir nie erschlossen.

Ich versuche an was Schönes zu denken, aber alles was mir einfällt ist „Verdammt, ich habe die Kamera im Auto vergessen“. Egal, weiter.

Warum muss das bei mir eigentlich immer in so knappen Sachen enden? Noch um eine weitere Kurve und da! Ist endlich ein Spalt im Gestein.

Keuchend komme ich in einer großen Höhle zum stehen. Die Uhr zeigt 10:05. Die Meeresbrandung schlägt an den Eingang der Höhle. Etwas abseits, geschützt vor der Gischt, steht ein kleiner Tresen, dahinter ist der ausufernde Lockenkopf einer weiteren Angestellten zu sehen. „Kann ich noch…?“, frage ich außer Atem. „Ja, musst Dich aber beeilen“, sagt La Scapigliata, die Wuschelköpfige, und drückt mir ein Ticket in die Hand.

Ich laufe weiter, eine Treppe hoch und dann kann ich nicht mehr laufen. Zum einen, weil das der Weg nicht mehr hergibt, der nun ganz schmal wird. Zum anderen, weil ich erstmal staunen muss.

Ich stehe in der Grotta del Nettuno, der Neptunhöhle. Gigantische Stalagtiten aus Kalkstein hängen von der Decke. (Merksatz: „Die Titen hängen, die Miten Steigen“. Haha.). In der Mitte der Höhle sind Stalagtiten und Stalagmiten zu Stalagnaten zusammengewachsen. Diese Säulen sind hier so riesig, das an ihnen selbst weitere Tropfsteine hängen. Irre. Völlig irre. Auf dem Boden schwappt Salzwasser in einem See umher. Sagenhaft. Wie im Märchen.


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Reisetagebuch Sardinien (6): Supermond

Herbstreise nach Sardinien. Heute langweile ich mich in Sassari, treibe wehmütig im Wasser und bestaune einen Supermond.

Dienstag, 23. Oktober 2018, Habitat, Tempio Pausania
Eine Minute vor dem Weckerklingeln aufgewacht. Ha, ich hab´s noch drauf. Keine Geräusche aus dem Nebenzimmer, die beiden Deutschen schlafen wohl noch.

Sachen zusammenklatern. Morgenroutine abspulen. Mittlerweile hat auf dieser Reise alles seine Routine und jedes Ding seinen Platz. Diese Selbstorganisation ist wichtig für mich. Ich habe es gern, wenn jedes Ding an seinem Ort ist. Nicht, weil ich ein Pedant bin, sondern weil ich sonst unvermittelt Dinge denke wie Wo ist der Schlüssel? Wo habe ich mein Portemonnaie?

Solche Fragen stelle ich mir nicht. Nie. Ich habe noch nie einen Schlüssel (dauerhaft) verloren oder ein Portemonnaie irgendwo liegen lassen oder sowas. Manchmal ist es gut, immer die Ausnahme zu sein. Mir passiert NIE das, was allen anderen passiert. Das ist meistens doof, aber manchmal auch gut. Eine Chance von 1:1.200.000 für eine Hautveränderung oder eine seltene Erkrankung? Sensationell schlechte Augen? Dumme Ereignisse, die nur einer Person unter 1.000.000 passieren? Nehme ich alles mit. Mir passiert immer das, was anderen nicht passiert. Dafür ist mir noch nie ein Mobiltelefon runtergefallen und gesplittert.

Wobei die Selbstorganisation gelernt ist. Ich habe mal beinahe einen Schlüssel verloren und fast was vergessen. Das passiert mir jetzt nicht mehr. Weil: Routine. Ich gucke am Ende sogar in die Dusche, ob ich mein Duschgel wieder eingesteckt habe.

So, das kommt hierhin und das dahin und fertig. Ich trete vor die Tür meines Zimmers, die in den Frühstücksraum mündet. Giovanella hat hier Erstaunliches angerichtet, neben allen möglichen Frühstückszutaten gibt es schön angerichtetes Obst.

Sie begrüßt mich strahlend. „Caffé Americano, oder? Und möchtest Du ein Ei? Deutsche wollen immer Ei, ja?“ Ich muss lachen.

Tatsächlich ist das seltsame Frühstücksverhalten der Deutschen für Gastgeber immer ein Riesenproblem auf Bewertungsportalen. Man kann deutschen Gästen besten Service bieten und ihnen ein blitzblankes fünf-Sterne Zimmer mit Riesenbad und allem Schisselaweng hinstellen, wenn das Frühstück nicht so ist wie zu Hause, hagelt es negative Bewertungen.

Ich wehre ab, „Nein, danke, bitte nur ein Caffé Doppio“. Giovanella lächelt und dreht sich um. Als sie in der Küche verschwindet, murmelt sie „Heilige Mutter Gottes, ein Vernünftiger“.

Ich sitze am Frühstückstisch und zerpflücke dabei frischen Brioche mit den Fingern, um mir dann die einzelnen Brocken in den Mund zu stecken. So frühstückt man in Italien. Süß, zerpflückt und dazu Caffé. Vor der bodentiefen Fensterfront zieht Nebel durch den Korkeichenhain.

Kurze Zeit später schultere ich den Rucksack und trete hinaus in die kühle Morgenluft.

Als ich in den Cinquecento steige, fällt mir was ein. Ich bin schon den fünften Tag mit der Kiste unterwegs, zusammen haben wir jetzt schon über 1.000 Kilometer abgespult. Eigentlich bräuchte der mal einen Spitznamen. Zum Glück benamsen sich italienische Autos von selbst. Der erste Mietwagen von Modnernd und mir hatte das Kennzeichen Ed-I. Eddi! Und der hier:

FL-O. Floh! Das passt sogar zu seiner Größe!

Der Floh kurvt um die Giulietta der anderen Gäste behände herum, dann steuere ich ihn durch den Korkeichenwald und hinaus auf die Landstraße.

Der Morgenverkehr in Tempio Pausiana ist dicht und schnell, aber alle fahren routiniert. Berufsverkehr, die Leute machen das jeden Tag. Ich muss nur so tun, als sei ich ein Pendler auf dem Weg zur Arbeit, also schlecht gelaunt gucken und einfach Gas geben, und komme gut durch.

Wenige Kilometer vor dem Ortsschild scheint die Morgensonne durch das Tal des Mondes, das Valle della Luna. Die bizarren Gebirgszüge geben einen deutlichen Hinweis, woher der Name komme.

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Reisetagebuch Sardinien (5): Lost Places: Troposcatter

Herbstreise nach Sardinien. Heute ist Montag, der 22. Oktober 2018. Das hier ist Teil zwei eines langen Tages. Zurück zum ersten Teil.

Nach einer halben Stunde Mittagsdöserei am Straßenrand bin ich wieder etwas fitter. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und fahre weiter.

Hier im Norden ist Sardinien grüner, die Hänge sind mit Bäumen bewachsen. Das gibt eine Ahnung davon, wie die Insel früher mal aussah, bevor Römer und andere das Holz hier weggeplündert haben.

Eroberer kamen im Laufe der Jahrhunderte immer nach Sardinien, und jedes Mal nahmen sie der Insel etwas. Das Holz. Die Bodenschätze. Dabei hatten die Einheimischen hier schon gelernt, mit der Natur in Einklang zu leben. Das beweist die Korkeichenproduktion, was man sich am Besten im Bergort in Calangianus ansehen kann. Hier steht das Korkmuseum.

Ich bin der einzige Gast, und eine freundliche Dame namens Antonella führt mich durch die Ausstellungsräume und zeigt mir, wir Korken geschnitzt werden.

Moment, was? Ich habe immer gedacht, das Kork ein besonders leichtes Holz ist, das geschreddert und dann zu Flaschenkorken gepresst wird. Nein, lacht Antonella und klärt mich auf.

Kork ist die Rinde von besonderen Eichen, den Korkeichen. Die wachsen hier überall im Nordwesten von Sardinien. Es dauert 25-30 Jahre, bis eine Korkeiche ausreichend groß und die Rinde dick genug ist, bis sie zum ersten Mal geerntet werden kann. Dabei wird die Rinde vom Baum geschält und verarbeitet.


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Reisetagebuch Sardinien (4): Lost Places found

Korsika!

Herbstreise nach Sardinien. Heute finde ich einen Toilettenbaum und gerate an Orte, die in der Zeit verloren gegangen sind.

Montag, 22. Oktober 2018, Agriturismo Salmarina
Ich werde früh wach, weil mir der unangenehme Geruch von Mörtel in die Nase steigt. Das Zimmer auf dem Agriturismo Salmaria ist groß und der Bau neu, aber irgendwas riecht hier ganz eklig nach nassem Mauerwerk. Ich schlafe wieder ein, nur um kurz darauf von einem lauten Geräusch geweckt zu werden. Ich muss im Schlaf gepupst haben, und das hat in dem großen, leeren Raum wie ein Donnerschlag wiedergehallt und mich geweckt. Die Vorstellung ist so absurd, dass ich lachen muss. Von dem Lachflash werde ich endgültig wach. Na, dann kann ich auch aufstehen.

Ich schwinge mich aus dem Bett und versuche die wirren Träume abzuschütteln. Zum Glück habe ich nicht von der Arbeit geträumt, nur von einer Ex-Freundin. Aber warum? Was wollte mir das Hirn damit sagen? Egal. Die Traumfetzen wehen davon, und schon im Bad weiß ich nicht mehr, worum es eigentlich ging.

Ich gehe zum Haupthaus hinüber. Nemo, ein großer, alter Schäferhund, guckt mir träge nach. Kein Schweinshund, wie Zeus gestern.

Im Erdgeschoss des Haupthauses befindet sich der Frühstücksraum. Wieder fallen mir die Augen raus ob dieser Pracht. Sardisches Frühstück unterscheidet sich definitiv von Kontinentalitalienischem.

Zwei große Tische biegen sich unter der Last von fünfzehn(!) verschiedenen Kuchen und Torten, Tellern mit gekochten und gebratenen Eiern, Schüsseln mit Schinken und Speck und Salami und und Filata-Käse (Cargocult: Kein Brot oder Brötchen zum Darauflegen in Sicht) und aufgeschnittenen Melonen und Ananas. Dazu gibt es eine Auswahl von sieben verschiedenen Säften und natürlich alle Kaffeespezialitäten, die Italien zu bieten hat. Wahnsinn. Vor allem, weil das hier kein Luxushotel ist, sondern eigentlich „nur“ ein Bauern- und Ferienhof.

„Silencer, che cosa da bere, Silencer?“, fragt Aneta auf ihre merkwürdige Art, während ich immer noch mit hängendem Unterkiefer vor den überladenen Tischen stehe. „Prendo un Doppio, per favore“, antwortet mein interner Anrufbeantworter. „Silencer, Café Lungho, Silencer?“ Nun wecken die Ohren den Rest des Hirns aus der Paralyse. Ich drehe mich um, blicke ihr direkt in die Augen und sage „Aneta, no, Aneta“. Sie lacht und verschwindet hinter einer monströsen Kaffeemaschine.

Die 15 Kuchen sind nicht ganz alleine nur für mich. Gestern Nacht sind noch ein halbes Dutzend Autos gekommen, eine Hochzeitsgesellschaft und zwei niederländische Studentinnen.

Nach dem Frühstück mache ich den Fiat startbereit, dann geht es los. Nicht lange und nicht weit, schon nach einer halben Stunde bin ich am Capo d´Orso, dem Cap des Bären.

Bild: Google Earth 2019

Den Namen trägt es seit Urzeiten wegen des riesigen Felsens auf dem Cap, dem Roccia dell´Orso, der tatsächlich wie ein Bär geformt ist. Auf diesem Bild sieht man ihn, oben links auf dem Felsen:

Den Bären kenen die Menschen hier seit ewigen Zeiten. Ganz früher verehrten sie ihn als Gott, dann nutzen sie ihn als Navigationspunkt, und heute ist er eine Touristenattraktion.

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Reisetagebuch Sardinien (3): Nackt

Herbstreise nach Sardinien. Heute mit Schildkröten, Luxusorten, James Bond und blanker Haut.

Sonntag, 21. Oktober 2018, Agriturismo Jannis, in der Nähe von Orgosolo
Kuchen. Noch ein Kuchen. Joghurt. Brötchenimitat. Käse. Gekühlte Bananen. Äpfel. Weintrauben. Eine geschälte Honigmelone. Völliger Irrsinn, was Rita hier an Frühstücksbuffet aufgefahren hat.

„Capuccino?“, fragt sie, als ich vor dem riesigen Tresen stehe und mich nicht entscheiden kann. „Caffé Doppio, bitte“, sage ich geistesabwesend. „Meinst Du…“, fragt sie und guckt mich zweifelnd an. Ich muss lachen. „Nein, nicht „Americano“ oder „Lungho“, wirklich Doppio!“, sage ich, und Rita freut sich und haut mir auf die Schulter.

Kaffeebestellen in Italien sollte man drauf haben, und die Leute freuen sich, wenn man zumindest das kleine Kaffee Ein mal Eins beherrscht. Capuccino nur zum Frühstück, ansonsten immer Espresso. Will man die volle Dröhnung, dann einen doppelten Espresso, eben einen Doppio. Touristenkaffee ist der „Americano“ oder „lungho“, das ist dann Espresso mit viel Wasser. Für Italiener ein völlig unverständlicher Frevel, aber es kommt dem Filterkaffe, den insbesondere die Deutschen immer noch toll finden, am nächsten. Latte Macchiato trinkt niemand, der kein verweichlichter Großstädter ist. Caffe Macchiato trinken alte Leute mit Magenproblemen, das ist Espresso mit mehr Milch drin.
Ich trinke überall nur Doppio. Der dröhnt, und man muss davon nicht so schnell auf´s Klo.

Am Buffett ignoriere ich Brötchen und Käse. Das würde ich in Deutschland frühstücken, aber hier ist herzhaftes Frühstück nur eine Art Cargo-Kult. Die Italiener wissen, das es sowas wie herzhaftes Frühstück gibt, aber sie verstehen es nicht. Käse und Wurst, das packt man in Italien nicht auf ein Brot oder ein Brötchen. Warum sollte man? Diese Dinge haben für Italiener überhaupt keinen Bezug zueinander. Käse und Wurst isst man zu Wein oder als Vorspeise und am Abend, Brötchen und Brot tut man am Besten in Suppe.

Aber die Gäste vom Kontinent stehen nunmal darauf, und deshalb stellen die Gastgeber ihnen Dinge hin, die wie ein herzhaftes Frühstück aussehen, aber einfach nicht funktionieren. Brötchen werden sich in aller Regel als zuckersüß entpuppen, der Käse als zu kräftig oder Bröckelhart, und oft stimmt die Form einfach nicht. Mein persönliches Highlight war, als ein Herbergsvater malfreudestrahlend eine Schale gestiftelten Pizzakäse und ein Rosinenbrötchen hinstellte. „Brötchen mit Käse, genau wie ihr Deutschen das mögt“. Ja, nee, lass mal.

Nein, ich gehe heute morgen an die Croissants, das passt gut zu einem Espresso. Es sind Schokocroissants, frisch selbst gemacht, noch warm, mit Nutella gefüllt und mit Puderzucker bestreut. Das wird wieder Sodbrennen geben. Egal. Lecker ist es trotzdem.

Direkt nach dem Frühstück verabschiede ich mich. „Immer diese Geschwindigkeit“, stöhnt Rita hinter ihrer Bar. „Du hast Dich doch nicht mal an die Landschaft gewöhnt!“ „Ja, aber jetzt weiß ich ja, wo ich Dich finde! Und wenn ich wiederkomme, dann für länger und mit dem Motorrad!“ sage ich und lächele. In dem Moment ertönt direkt vor mir, auf dem Empfangstresen, ein schnarrendes Geräusch, und mit einem leisen „Pffft“ jaucht mir einer der Luftbedufter eine Ladung Raumparfum in die Fresse. „Oh“, sagt Rita.

Wenig später kurvt der kleine Fiat 500 durch die Bergwelt. Es ist kühl, gerade mal 14 Grad, und ich habe die Fenster oben und die Heizung an.

Ich muss ja sagen: So sehr ich es vermisse, nicht mit einem Motorrad auf diesen perfekten Kurvenstraßen unterwegs zu sein: So ein Autochen hat auch seine Vorteile. Das Gepäck muss nicht militärisch genau gepackt sein, ich kann meinen ganzen Krempel einfach in den Kofferraum werfen. Auch einfach mal viel einkaufen ist möglich, 10 Liter Wasser und dazu Proviant für 3 Tage habe ich aktuell an Bord. Und: ich kann unterwegs Hörbücher und Podcasts hören. Oder schnell mal anhalten, ein Foto machen und weiterfahren, und dabei muss ich nicht mit Handschuhen oder sonstwas rumhantieren.

Die Temperatur steigt schlagartig, als ich durch einen Tunnel fahre und auf der anderen Seite einer Bergkette herauskomme, einige Hundert Meter über dem Meer. Hier strahlt die Morgensonne, und plötzlich sind es fast 30 Grad. Ich lasse die Fenster runter und konzentriere mich auf die Serpentinen, die zur Küste hinunterführen.

Bild: Google Earth 2019

Am Fuß der Berge, im Golf von Orosei, liegt Cala Gonone. Der Ort ist bekannt für seine Höhle, die Grotta del Bue Marino, die Höhle der Meerochsen. Das ist eine Mönchsrobbenart, die hier früher mal lebte, aber seit den 80ern ausgestorben ist.

Heute kann man ihre Höhlen besuchen, was tatsächlich die allermeisten Sardinienbesucher tun. Allerdings geht das nur per Boot, und ich habe keine Lust, den halben Tag mit jeder Menge Leute auf einem Schiffchen zu verbringen. Nein, ich bin hier, um das Aquarium anzugucken.


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Reisetagebuch Sardinien (2): Das Dorf der Bilder

Herbstreise nach Sardinien. Heute geht es an das Eisencap, die roten Klippen und in ein Dorf, das einem Erinnerungen entgegenschreit.

Sonntag, 20. Oktober 2018, Hotel Maggio di Fiore, Villasimius
Lange vor dem Weckerklingeln bin ich wach, aufgeschreckt aus einem Traum, der irgendwie mit der Arbeit zu tun hatte. Die ist noch tief in meinem Kopf. Kein Wunder, gestern Mittag saß ich in irgendwelchen Meetings.

Ich liege noch ein wenig im Bett rum und mache mir bewusst, dass ich Urlaub habe und heute echt nichts machen muss. Keine Deadlines, keine Termine, keine Papers.

Ich bin auf Sardinien, ich bin frei zu machen was ich will. Sardinien, was ist das eigentlich für ein seltsamer Name? Klingt unappetitlich, so wie Sardine. Wer ist bloß auf die Idee gekommen, die Insel nach Dosenfisch zu benennen? Ich gleite wieder ab in einen Halbschlaf, in dem Traumfetzen auftauchen und durch den Dosenfisch schwimmt.

Erst um kurz vor Acht stehe ich langsam auf. Im Untergeschoss der Hotelanlage rumort es schon. Hier haben sich in einer Art riesiger Laube schon ein Dutzend französischer Renter um einen Tisch drapiert und schnattern. Ich gucke die missmutig an, diese geballte gute Laune geht mir jetzt schon auf den Sacque.

Neben dem Tisch der Spaßgranaten ist ein, für italienische Verhältnisse, gigantisches Frühstückbuffet aufgebaut. Statt dem üblichen Stück Trockenkuchen und Bröckelzwieback gibt es hier Brötchen, Wurst und Käse sowie Rührei und Schinken und frischen, saftigen Topfkuchen. Wahnsinn! Ich schnappe mit ein frisch gebackenes Croissant und verziehe mich in eine Ecke der Frühstücksveranda, möglichst weit weg von Leuten.

Kurz darauf sitze ich schon wieder im Fiat 500 und rufe die Route auf, die ich mir für heute grob zurechtgelegt habe, und die im Handy gespeichert ist.

Das mit der Routenplanung war gar nicht so einfach. Ich habe unter iOS keine Software mehr gefunden, in der man noch bequem Routen mit mehreren Punkten planen und speichern kann. Meine alte Navigonsoftware läuft zwar noch, aber um da präzise Punkte eingeben zu können, muss man 16stellige Koordinaten eingeben, in einem Untermenü, für das man fünf mal klicken muss, um es zu erreichen. Das ist echt in Arbeit ausgeartet, alle Punkte dieser Reise zu erfassen hat einen ganzen Sonntagnachmittag gebraucht. Das Backup der Dinge, die ich gerne sehen würde, sieht daher etwas merkwürdig aus:

Liste mit Wegpunkten für heute.

Egal. Rein ins Auto, raus auf die Straße und ab durch die Mitte, erst durch Villasimius und dann an die Küste.

Ich bin im äußersten Südosten der Insel gewesen, jetzt geht es nach Norden. Die Straße windet sich direkt an der Küste entlang. Ich muss leider ständig anhalten – um die Landschaft zu bestaunen.

Die Küste ist felsig und fällt steil ins Meer ab. Der Bewuchs besteht aus knotigem, harten Buschwerk, das aus dem rötlichem Sandboden wächst. Am Fuß der Klippen sind oft kleine Buchten, manchmal mit weißem Sand direkt an der Wasserlinie. Ich bin total fasziniert davon, wie das Meer über die kleinen Strände und gegen die Felsen schwappt. Ich mag Berge, ich mag Meer, und hier stehen Berge quasi direkt IM Meer. Für mich ist das sowas wie das Beste aus allen Welten. Für andere ist das halt Steilküste mit Meer, aber mein Hirn steht leicht fassungslos davor und jubelt dauernd „Woah! Guck die das an! Unfassbar!!!“

Eine halbe Stunde die Küste hoch ragt eine besonders große Landzunge mit einem Berg drauf ins Meer. Das ist das „Capo Ferrato“, das Eisen-Cap. Ich versuche darum herumzufahren
scheitere aber, weil mir unterwegs die Straße ausgeht.

Bild: Google Earth 2018

„Fine Asfalto“, soso. Na, dann nicht.
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