Reisen

Reisetagebuch Motorradherbst (10): Delegierte Abenteuer

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nach zwei Tagen in den Marken geht es heute wieder auf Fahrt, und natürlich lässt es sich das Wetter nicht nehmen mich zu begleiten.

Freitag, 02. Oktober 2020, La Fenice, Mondaino, Marken

Noch einmal mit Marco über Motorradreisen quatschen, noch ein Mal Grazias fantastische Kuchen genießen, dann muss ich leider das Motorrad schon wieder abreisefertig machen.

Das ist sehr schade, hätte ich gewusst wie gastfreundlich die beiden sind und wie wohl ich mich auf La Fenice fühle, wäre ich länger geblieben.

Als die Koffer schon an der V-Strom hängen und ich den Helm mit Anna drin auf dem Kopf habe, kommt Marco noch einmal vor die Tür. Der große Mann hat die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Schultern hochgezogen. Er hat sich von der Frühstücksbuffettbedienerei davongestohlen. Das ist nicht schlimm und noch nicht aufgefallen, weil die anderen Gäste sind noch gar nicht aufgestanden sind.

„Und, wo geht´s jetzt hin?“, fragt er. „Toskana“, sage ich. „Ach ja, auch schön, Hmhm.“

Und ehe man es sich versieht, quatschen wir schon wieder über Motorradtouren, bis irgendwann Grazie energisch ans Küchenfenster klopft und Hilfe bei der Versorgung der mittlerweile eingetrudelten Gäste fordert. Marco huscht pflichtbewusst zurück ins Haus, und ich klettere grinsend auf die V-Strom und lasse den Motor an. Was für liebe Menschen, was für ein tolles Haus. Es war hoffentlich nicht das letzte Mal, dass ich hier zu Gast sein durfte.

Ich lenke die Barocca aus dem Feldweg, an dem La Fenice liegt, auf die Dorfstraße von Mondaino, dann geht es gen Südwesten. In weiten Kurven führt die Straße durch keine und kleinste Orte. Es gibt andere Wege um schneller voran zu kommen, aber schnell vorankommen ist nicht das Ziel. Langsam herumtrödeln und Landschaft angucken, DAS ist die Tagesaufgabe. Wenn ich wollte, könnte ich in drei Stunden am Ziel sein. Will ich aber nicht.

Unter einem bedeckten Himmel geht es wieder ins Landesinnere, auf den Apennin zu. Auf dem Weg dahin ist außer kleinen Örtchen nicht viel, aber die Landschaft hat es in sich. Guckt man sich diesen Teil Italiens mal auf einer topographischen Karte an, sieht man, dass das hier praktisch nur aus ausgeprägten Hügeln besteht – als hätte jemand eine Landkarte der Toskana genommen, zerknüllt und anschließen notdürftig wieder glattgestrichen, so zerknittert sieht die Landschaft hier aus.

Immer wieder sehe ich in den baumbewachsenen Berghängen Erdpyramiden und kahle Stellen, an denen der Boden einen so einen hohen Tonanteil hat, dass sich darauf keine Pflanzen halten können.

Irgendwann werden auch die Ortschaften spärlicher, und dann geht es dann so richtig in eine Bergstrecke hinein. Die Straße ist hier sehr kurvig, aber nicht schön zu fahren – der Belag ist völlig kaputt, und sie führt wirklich sehr steil aufwärts. Binnen fünf Kilometer klettert der Höhenanzeiger im Cockpit von 500 auf 1.000 Meter, dann geht es auf eine Passhöhe und wieder hinab in ein Tal.

Zwischen den Wäldern sehe ich vereinzelt Felder, aber selbst alleinstehende Gehöfte scheint es hier kaum zu geben. Andere Fahrzeuge sind auch nicht unterwegs. Keine Menschen, nirgends, nur das Motorrad und die Straße und ich und der Wind. Es stürmt nämlich mittlerweile ganz veritabel. Am Himmel, der ohnehin schon grau und bedeckt war, quirlen jetzt dunkle Regenwolken durcheinander, und ab und an fallen Tropfen.

Noch einmal geht es über einen Pass, dieses Mal den Pasa Viamaggio, und dann sehe ich unter mir schon die Toskana ausgebreitet. Direkt am Fuß der Berge lieg der Lago di Montedoglio, ein künstlicher See. Die Form mit seinen „Ärmchen“ ist so markant, dass ich den sogar schon einmal aus dem Flugzeug erkannt habe. Von oben sieht er aus wie ein Ampelmännchen aus der DDR.

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Wie ich Reisen plane (2): En Detail

Im ersten Teil habe ich beschrieben, woher die Idee zu einer Reise kommt und wie daraus im besten Fall von ganz allein eine (Motorrad-)Tour wird. Am Ende dieser ersten Phase steht dann die ungefähre Strecke und die Ziele, die ich besuchen möchte. Jetzt beginnt die eigentliche Planungsarbeit.

Eines vorab: Vermutlich wir es den einen oder die andere beim Lesen gleich gruseln. Ich lege meine Fahrten im Vorfeld nämlich sehr genau fest. Wenn das Motorrad aus der Garage rollt, die Bahn anfährt oder der Flieger abhebt, dann weiß ich schon ganz genau, wann ich wo an jedem Tag in den nächsten Wochen sein werde. Unterkünfte suche ich mir nicht unterwegs, die buche ich vorher, genauso wie Fahrkarten für Fähren oder Tickets für spezielle Orte.

Wer jetzt denkt „ABeR dAS geHT docH nIChT! WaS iSt mIt FREiheIT???„, dem sei gesagt: Die Vorplanung nimmt mir keine Freiheit. Ganz im Gegenteil, sie gibt mir Sicherheit und hilft mir dadurch erst so richtig, die Fahrt auch zu genießen. Ich habe immer ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann – auch wenn die Fahrt den ganzen Tag über vielleicht nicht so toll ist, sie ist leichter zu ertragen wenn ich weiß: Am Abend wartet ein schönes Zimmer, eine heiße Dusche und ein gutes Essen auf mich. Wenn ich nicht weiß wo ich am Abend übernachten kann, werde ich irgendwann nervös und DAS nimmt mir dann den Spaß.

Dazu kommt der Zeitfaktor. Ich habe Urlaub, da will ich nicht den halben Tag mit so etwas Unnötigem wie der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten oder Parkplätzen verbringen. Ich reise, um möglichst viel zu sehen und zu lernen. Darum laufe ich auch gerne in Museen oder klettere auf Dinge oder in Höhlen herum. Sowas buche ich auch gerne vorher. Ich habe schon halbe Tage in Warteschlangen gespart, weil ich Dank Vorbuchung und „Skip the Line“ einfach sofort Zugang bekommen habe, und manche Orte – wie die Totenstadt unter dem Vatikan – sind ohne Voranmeldung gar nicht zugänglich.

Wer jetzt denkt: „aBEr dIE gANze aRBeiT!!“, dem sei versichert: Reiseplanung ist für mich keine Arbeit. Ich kann so logistische und organisatorische Sachen praktisch aus dem Ärmel schütteln und habe sogar noch Spaß dabei. Die Planung einer Tour IST schon ein Teil des Urlaubs.

Ganz wichtig: Das Ganze funktioniert natürlich nur in organisierten Regionen der Welt. Würde ich mit dem Mopped durch Südostasien oder Afrika fahren, würde ich da GANZ anders rangehen. Was ich hier beschreibe ist mein typischer Jahresurlaub in Europa, und der ist halt sehr begrenzt und ich versuche das Maximum rauszuholen – durch gute Vorbereitung, und letztlich auch durch die Nachbereitung im Reisetagebuch. Ich mache eine Reise also drei mal, die Vorplanung ist das erste Mal.

Bei Dir ist das anders? Du willst Dich nicht festlegen? Dann ist das Okay! Wenn Du es magst, einfach los zu fahren, dich dorthin treiben zu lassen wohin die Straße oder das Wetter dich führen und Du spontan nach einer Unterkunft suchen möchtest, dann mach das so! Dann ist das genau Dein Ding und kein Stück schlechter oder besser als meine Art zu verreisen.

Was ich hier beschreibe ist ja lediglich das, womit ich mich wohl fühle. Die relativ feste Vorplanung nimmt mir weder Freiheit noch Flexibilität und schränkt mich auch nicht ein.

Etappenplanung

Nach der Zen-Phase steht die ungefähre Gesamtstrecke fest, und die muss nun in einzelnen Etappen aufgeteilt werden. Dazu sitze ich am Desktop-PC. Auf einem Bildschirm habe ich Google Maps offen, auf dem anderen eine Exceltabelle.

Was ich nun mache ist folgendes: Ich kenne meinen Startort und ich weiß, was für Ziele ich am Wegesrand sehen möchte. Ich überlege mir nun, wie lange ich an einer Sehenswürdigkeit verbringen möchte, rechne zusätzlich eine Stunde für Tank- und Fotostopps und gucke dann auf Google Maps, wie weit ich an dem Tag wohl auf der vorab grob ausgeguckten Route komme. Meist plane ich so, dass ich zwischen 16 und 18 Uhr aus dem Sattel steigen kann.

Also als Beispiel: Ich starte morgens um 08:00 Uhr in Sölden, plane 1 Stunde für den Besuch des Gipfelmuseums am Timmelsjoch, 1 Stunde für Tanken und Fotos, dann bleiben noch 6 bis 8 Stunden Fahrtzeit übrig. Damit komme ich bis in die apuanischen Alpen, wenn ich Mautstraßen vermeide, oder bis in die Toskana, wenn ich die mautpflichtige Autobahn nehme.

Dann gucke ich mir auf Google Maps eine möglichst schöne Strecke aus. Dafür lasse ich erstmal Google einen Vorschlag machen, dann gucke ich selbst, ob es parallel dazu eine interessantere Straße gibt. Das mache ich tatsächlich per Hand, diese optimierten Algorithmen a la Calimoto & Co sorgen doch nur dafür, dass alle immer auf den gleichen Routen rumeiern. Mit manuellen links und rechts Zerren der Route in Google Maps findet sich meist was kleineres, kurvigeres. Noch mal schnell mit Streetview nachgucken ob es kein Feldweg ist (was schon mal schief geht), dann trage ich die Werte in die Exceltabelle ein.

Die Tabelle ist ein zentrales Planungstool und enthält pro Reisetag eine Zeile, die aufgeteilt ist in die Spalten

  • Laufende Nummer (1 bis irgendwas)
  • Arbeitstag (1/0, Montag bis Freitag sind eine 1, Wochenende und Feiertage eine 0, daraus addiert sich wieviele Urlaubstage ich nehmen muss)
  • Wochentag (Montag bis Sonntag)
  • Datum
  • Startort (von wo starte ich morgens)
  • Zielort (Wo komme ich abends an)
  • Via (was will ich mir unterwegs ansehen? Sehenswürdigkeiten, etc)
  • Kilometer Ohne Maut (Schnellste Route ohne Mautstraßen, auch mal ohne Autobahnen)
  • Zeit ohne Maut
  • Kilometer mit Maut (Schnellste Route mit Mautstraßen)
  • Zeit mit Maut
  • Unterbringung (Name und Anschrift der Unterbringung)
  • Preis (Was kostet die Unterbringung)
  • bezahlt („Ja“ falls vorab bezahlt, „Karte“ wenn normale Bezahlung vor Ort, „Nur Bar“ wenn schon klar ist, dass das mit Karte nichts wird)
  • Storno (gibt es eine Stornofrist bei der Unterbringung und falls ja bis wann)
  • Frühstück (Im Preis enthalten oder nicht)
  • Anreise (bis wann muss ich an der Unterkunft sein)

Die Tabelle taugt auch für Bahnreisen, gemacht ist sie aber für Individualmobilität. Dafür macht so ein paar Sachen automatisch und rechnet in bunten Kästchen die Anzahl der Reisetage, der zu nehmenden Urlaubstage, die Gesamtzahl an Kilometern und vermutlichen Spritkosten sowie Gesamtkosten für Unterbringungen aus.

Da lässt sich dann schön sehen wie teuer Individualreisen als Single sind. Rechnet man zu den Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Benzin noch die Wartungskosten für das Motorrad hinzu, kostet so ein dreiwöchiger Moppedurlaub plötzlich dreitausend Euro. Aber das leiste ich mir halt, dafür gehe ich im normalen Leben selten Essen und fahre ein zwanzig Jahre altes Auto.

 

Unterkünfte buchen

Wenn grob feststeht in welcher Gegend ich am Ende des Tages rauskomme, schaue ich nach Unterkünften. Was ich dafür NIE nutze ist AirBNB. Das finde ich verachtenswert, weil es gerade an beliebten Reisezielen den Wohnungsmarkt zerstört. In Venedig, bspw. hat AirBNB dafür gesorgt, dass in der Altstadt kaum noch jemand fest wohnt. Sowas unterstütze ich nicht.

Was ich gerne verwende sind Spezialsuchmaschinen, die es in manchen Ländern gibt. In Frankreich  zum Beispiel Verzeichnisse von Bauernhöfen mit Übernachtungsmöglichkeiten, in Deutschland findet man günstige Unterkünfte über Suchmaschinen für Monteurszimmer und in Italien gibt es sowas wie BB30.it, wo Bed&Breakfasts z.B. auf Bauernhöfen für unter 30 Euro/Nacht angeboten werden.

Hauptsächlich benutze ich aber booking.com. Das ist auch ein fantastisches Tool, wenn man weiß, wie man es nutzen muss. Medienkompetenz ist hier ganz wichtig. Mann muss sich z.B. darüber im Klaren sein, dass die Bewertungsskala von Booking zwar offiziell von 1 bis 10 geht, in der Praxis aber nur von 6,7 bis 10, und alles unter 7,6 völlig inakzeptabel ist. Selbst abgeranzte Hütten in denen Kakerlaken an den Wänden krabbeln und der Regen durch das Dach auf schimmelige Bettwäsche tropft haben immer noch einen Score von sechskommairgendwas.

Außerdem muss man Rezensionen zu lesen wissen. Deutsche beschweren sich im Ausland IMMER über das Frühstück und die Sanitärinstallation und ziehen dafür mindestens zwei Punkte ab. Engländer schreiben stets vernichtende Kritiken wenn kein Wasserkocher im Zimmer ist. Chinesen sind nie mit irgendwas zufrieden und finden alles eine Unverschämtheit, für Amerikaner war immer alles „Amazing“. Solche Rezensionen kann man einfach ignorieren.

Wenn man sie zu nutzen weiß, sind die Filter bei Booking eine gute Hilfe. Jeder hat eine andere Art damit umzugehen. Modnerd z.B. mag gediegene und neue Hotels und filtert alles weg, was einen Score unter 9,5 hat.

Ich suche immer erst nach möglichst günstigem Preis und dann gezielt nach Rezensionen in der Landessprache. Wo Einheimische hinfahren und es gut finden, kann es nicht verkehrt sein. Auch Unterbringungen die viele Monteure beherbergen nehme ich gerne. Monteure fallen abends müde ins Bett und machen keine Party, also muss es still sein. Und damit Monteure es irgendwo gut finden, muss es entweder sehr günstig sein und/oder gut und reichlich zu essen geben.

So schaue ich nach einem günstigen Preis, einen Score nicht unter 8 und nach guten Rezensionen in Landessprache. Meist lande ich dann bei familiengeführten B&Bs, Pensionen, Gasthäusern oder sehr kleinen Hotels. Besonders liebe ich Gasthöfe, da gibt es immer ein gutes Essen und gute Betten für wenig Geld.

Wenn ich etwas gutes gefunden habe, gucke ich mir Lage und Gebäude auf Google Maps an, wo vorhanden auch mit Streetview. Gibt es einen ebenen Parkplatz für das Motorrad, möglichst am Gebäude? Liegt die Unterkunft ruhig? Hier fliegen etliche wieder raus, denn ich mag nicht an einer Bergstraße parken oder an einer Bahnlinie übernachten.

Außerdem gucke ich in diesem Arbeitsschritt auf Google Maps, wo GENAU eine Unterbringung liegt und kopiere ihre Koordinaten. Das ist wichtig, denn manchmal stimmen Koordinaten in Booking nicht, Adressen führen zu ganz anderen Orten usw. Bei besonders schweren Fällen gucke ich auf Streetview sogar nach Wegweisern und bei welchem Feldweg ich abbiegen muss um zum Haus zu kommen. Klingt doof, aber wer einmal in Italien in einer „Conrada“- oder „Frazione“ Adresse stand, weiß, was ich meine. Die Begriffe bezeichnen im schlimmsten Fall Quadratkilometer an Wiesen und Wäldern, und eine Adresse „Contrada 14“ bedeutet nur „irgendwo dahinten in diesem Tal“.

Wenn alles stimmt und wenn es sich um Hotels und nicht Pensionen oder sowas handelt, buche ich nun über Booking. Gerade kleine Hotels haben manchmal schon gar keinen Buchungsprozess mehr neben Booking und neigen dazu, Reservierungen über andere Medien zu verbaseln oder nicht ernst zu nehmen.

Handelt es sich aber um Gasthöfe oder B&Bs, schaue ich, ob die eine eigene Seite  zum Buchen haben – immerhin wollen die Buchungsportale ordentlich Provision haben, Booking.com dem Vernehmen nach zwischen 18 Prozent und 25 Prozent. Die gönne ich im Zweifel eher den Gastgebern, auch wenn ich das Zimmer dadurch nicht günstiger bekomme. Das spielt für mich nämlich keine Rolle, denn wie gesagt: Ich suche billige Unterkünfte, und bei einem Zimmerpreis von 25 bis 40 Euro/Nacht käme ich mir schäbig vor, da auch noch feilschen. Das kann dann nur nach hinten losgehen, schlimmstenfalls bekommt man zähneknirschend einen niedrigeren Preis, aber dafür das Zimmer, das neben der Abluftanlage der Fischküche liegt.

Bei Unterbringungen die ich schon kenne, maile ich einfach direkt.

Es gibt auch Regionen, in denen Booking kaum etwas hat, es aber dennoch viele Gastzimmer gibt. Hier hilft dann wieder das grandiose Google Maps. Oft sind darauf Gasthöfe verzeichnet, die Booking nicht kennt. Oder es gibt Streetview, und wenn das nicht all zu alt ist, dann kann man damit virtuell durch Orte fahren und aus der Egoperspektive schauen wo Unterbringungen sind.

Routen

Wenn die Tagesetappen und ihre Endziele stehen, geht es an die Einzelroutenplanung. Anna ist ja ein Garmin Zumo, aber die zugehörige Planungssoftware „Basecamp“ ist eine Unverschämtheit und kaum brauchbar.

Lange Jahre habe ich dann Tyre2Travel genutzt und hatte dafür sogar lebenslange Lizenzen, aber leider wurde Tyre eingestellt, weil ein Teil der Macher mit „MyRoute App“ die große Kohle machen wollten. MRA funktionierte auch so halbwegs. Besonders nett war, dass man sich die Unterschiede zwischen der Berechnung von TomTom, Garmin und Google anzeigen lassen konnte.

Aber mittlerweile ist die Unterstützung für Google Maps gestrichen, und damit ist das für mich witzlos. Der jetzt genutzte Open-Streetmaps-Datensatz hat leider wenig POI-Infos und eine erratische Routenberechnung, und der im Gold-Status enthaltene „HERE“-Kartensatz hat für manche Länder schlicht überhaupt keine Daten. Allen Ernstes: In Tokyo gibt es laut HERE nur drei Straßen:

Zum Glück hat der alte Entwickler von Tyre sich das MRA-Elend auch nicht mehr angucken können, trennte sich von seinem Partner und macht jetzt wieder ein neues Tyre, dieses Mal mit dem schönen Titel Tyre2Navigate.

Dort erstelle ich auf einer Google-Map meine Route, in dem ich den Startpunkt am Morgen und das Ziel am Abend fixiere und dazwischen die Points of Interest eintrage. Dann gucke ich manuell nach möglichst schönen Straßen. Was schön ist, hängt davon ab, worauf ich Lust habe. Kurvig ist natürlich gut, manchmal will ich aber auch Schotter fahren oder eine bestimmte Aussicht mitnehmen. Diese Strecken markiere ich mittels Navigationspunkten, damit Anna nicht zwischen zwei Zielen groben Unfug treibt, und speichere das als Tagesroute ab. Das ist nämlich das coole an Tyre: Es macht, dass Google Maps mit dem Navigationsgerät redet.

Wichtig: Ich speichere die Strecke nicht als Track, sondern wirklich die einzelnen Navigationspunkte. Zwischen denen kann Anna immer noch frei rechnen und so z.B. Verkehrsstörungen umfahren. Sollte ich mal spontan keine Lust auf ein Ziel haben, die Zeit knapp werden oder das Wetter nicht mitspielen, lassen sich auch einzelne Punkte überspringen.

Ich halte mich nämlich tatsächlich auch nicht sklavisch an meine Streckenplanung. Die ist ein Kann, kein Muss. Wenn ich auf etwas an einem Tag keine Lust habe, mache ich es nicht. Dann fahre ich direkt zum Tagesziel und lege mich da halt ins Bett, wenn mir danach ist.

Ebenfalls nicht ganz unwichtig: Wann immer es sich anbietet baue ich Schleifen ein, die ich im Notfall abkürzen kann. Das gilt auch für die Gesamtreise. Sollte ich wirklich mal zwei, drei Tage mit Magenverstimmung oder einer Panne irgendwo liegen bleiben, fällt im besten Fall nur eine Schleife weg, aber die verlorene Zeit lässt sich streckentechnisch aufholen und die Reise sich mit den danach geplanten Unterkünften und POIs fortsetzen.

Da ich Tyre auf dem Reise-Netbook habe und die Routen in meiner Cloud, kann das Navi sogar kaputt gehen, ich hätte ein Backup dabei.

Buchungen

Ich mag es interessante Museen, Aquarien, Orte zum Draufklettern, Dinge zum Reinklettern, Theater und Musikevents zu besuchen. Wann immer möglich buche ich die vorab, genau wie Tickets für Flugzeuge oder Fähren.

Bei besonders nachgefragten Sachen buche ich neun bis zwölf Monate im voraus. Ja, damit lege ich mich fest – aber das ist Okay, denn ich MÖCHTE ja unbedingt dieses eine Dinge besuchen oder dieses Reisegefährt nehmen. Dafür gibt es Frühbucherrabat, Skip The Line oder die besten Plätze im Haus.

Um die besten Plätze zu finden gibt es für manche Orten Spezialseiten. In London kann man z.B. über Seatplan.com jeden Sitzplan jedes Theaters aufrufen und sich anhand von Rezensionen oder Fotos, die exakt von diesem Platz aus aufgenommen wurden, ein Bild von der Sicht auf die Bühne machen.

Für Züge in Europa gibt es das auch. Unter seat61.com gibt es außerdem tonnenweise Infos zu Bahnhöfen und Bahnstrecken.

Ansonsten nutze ich grundsätzlich die eigenen Buchungsseiten der jeweiligen Reiseziele, keine Reseller oder Buchungsortale.

Eine Ausnahme war bislang die Mitwagenbuchung. Hier war „Cardelmar“ das Maß der Dinge. Die kleine, quietschbunte Seite kannte niemand, dabei war sie völlig großartig. Darüber konnte man weltweit Restkapazitäten von kleinen und großen Mietwagenanbietern zu Niedrigpreisen und inkl. Vollkasko OHNE SELBSTBETEILIGUNG für nen Appel und nen Ei anmieten. Leider hat CarDelMar im Februar 2021 dicht gemacht.

Was sich da als Nachfolger anbietet weiß ich noch nicht, aber das ist wirklich der einzige Punkt abseits von Unterbringungen, wo ich ein Portal hinzuziehe.

Tagesheft

Parallel zur Planungstabelle ist ein Textdokument entstanden. Das werde ich später ausgedruckt als DIN A5-Heftchen im Topcase oder im Rucksack haben. Da stehen für jeden Tag einzeln drauf wie lange ich insgesamt und zwischen Einzeletappen unterwegs sein werde, was ich mir ansehen will, ggf. Öffnungszeiten und wann ich am Abend wo sein muss. Damit kann ich jederzeit nachschlagen was als nächstes ansteht und habe die gerade benötigten Unterlagen griffbereit.

Außerdem klemmen in dem Heftchen alle Fahrkarten, Reservierungsbelege und Eintrittskarten, die ich vorher gebucht habe, in chronologischer Ordnung. Damit habe ich immer das zur Hand, was ich als nächstes brauche. Manchmal wird der Stapel recht dick:

Eine letzte Sache noch:

Sprache

Reservierungsbelege, auch die von Booking, habe ich immer ausgedruckt und in Landessprache dabei. Das hat schon viele Male Diskussionen abgekürzt und Unklarheiten vermieden.

Was außerdem immer einen guten Eindruck macht: Wenn man ein paar Worte in Landessprache spricht. Viel braucht man als Tourist meist gar nicht. Anrede, Begrüßung nach Tageszeit, „Ich habe eine Reservierung“, „Haben Sie WLAN“ und „Wann gibt es Frühstück“ reichen meist völlig. Natürlich sollte man die Antworten auch verstehen.

Wenn mich etwas wirklich interessiert, mache ich vorher an der Volkshochschule einen Sprachkurs mit. Bildung ist eine tolle Sache, und auch wenn man – wie ich – kein Talent für Sprachen hat, kann es sehr von Vorteil sein, neben Englisch und Französisch oder Spanisch auch ein ein paar Brocken Türkisch zu sprechen oder Griechisch lesen zu können.

Für den Fall das alle Stricke reißen, habe ich noch ein Wörterbuch ohne Worte dabei, aber das ist dann schon wieder das Kapitel „was ich auf Reisen dabei habe“. Das war es mit der Reisevorbereitung an dieser Stelle. Reicht ja auch.

Wie gesagt, dass ist nur meine Art mich vorzubereiten.

Wie macht ihr das? Ähnlich? Oder einfach losfahren und gucken was kommt?

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Reisetagebuch Motorradherbst (9): Markig

Kleine Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit unspektakulärem Rumgedödel durch die Marken, einem unbefriedigendem Besuch bei Ela und einem Hundertjährigen, der die Faust schüttelte und verschwand.

Donnerstag, 01. Oktober 2020, La Fenice, Marken

Das „La Fenice“, der Gasthof von Marco und Grazia, hat einen gemütlichen Frühstücksraum, in dessen einer Ecke ein kleines Buffett aufgebaut ist.

Marco Merli, der Besitzer von La Fenice, trägt bereits eine OP-Maske. „Ich muss Dich jetzt bedienen“, sagt er, und das macht er dann auch. Es ist sehr seltsam, Dinge zu sagen wie „Bring mir bitte noch ein einen Glas Wasser und ein Stück Apfelkuchen und ein Schälchen Obstsalat“ und der große, vierschrötige Mann in Jeans und Motorradjacke bringt mir dann ein Tellchern mit diesem und jenem wie ein Butler. Aber nun, Corona halt. Marco muss tatsächlich so einige Male laufen, denn die Kuchen, die Grazia gebacken hat, sind einfach irre gut, und ich muss von allen probieren.

Nach dem Frühstück steige ich auf´s Motorrad und steuere durch die Berge der Marken. Kürbisse liegen am Straßenrand aufgestapelt, und auch an den Bäumen ist zu sehen, dass es langsam Herbst wird.

Die Berge sind mit Wäldern bedeckt, das hügelige Vorland mit Feldern. Auf einer Wiese steht die Skulptur eines galoppierenden Pferds, das mit einem Kind auf dem Rücken über eine Weltkugel springt. Eine Tafel am Wegesrand gibt Auskunft darüber, dass die Skupltur den Namen „Der Gedanke ist schneller als das Handeln“ („Il pensiero è più veloce dell´azione“) trägt und von Gianni Calcagnini ist.

Langsam dödelt die Barocca durch die Marken und über schlechte Straßen bis nach Norden, bis in den Ort Gambettola.


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Wie ich Reisen plane (1): Touren-Zen

Nach dem Post zu „Wie ich auf reisen blogge“ kamen Nachfragen, wie ich denn eigentlich Touren zusammenstelle, Unterkünfte finde oder generell an die Planung ran gehe. Daher hier nun Teil 2 der „Wie ich…“-Reihe: Wie kommt es überhaupt zu einer Reise? Wie finde ich Ziele, wie entsteht eine Motorradtour? Die Kurzantwort: Gar nicht. Nicht ich finde eine Tour, die Tour findet mich.

Am Anfang: Eine plötzliche Idee

Eine Reise beginnt sehr häufig mit einem unvermittelten Gedanken oder einem Bild, das aus dem Nichts auftaucht.

Ich möchte an meinem 40. Geburtstag am Leuchtturm von Genua stehen und im Sonnenuntergang über das Meer schauen.

Eine Frau die auf den Stufen von St. Pauls Tauben füttert.

Regen auf dem Kopfsteinpflaster von Montmartre.

Ein Reisemotorrad brummt über die Tremola.

Eine andere Möglichkeit: Manchmal finde ich auf Google Maps einen Ort oder eine Straße oder einen Berg der mich interessiert. So habe ich die wie die Hochebene in den Abruzzen entdeckt und die Brücke von Millau.

Egal wo die Inspiration auch herkommt, sie findet mich und ist die Saat einer Reiseidee. Nennen wir die Idee der Einfachheit halber mal das „Kernziel“, weil es zum Kern oder zum Mittelpunkt einer Reise werden kann.

Nun fange ich an über dieses Kernziel im Netz zu lesen und es mir auf Google Maps und Streetview genauer anzusehen. Überhaupt: Google Maps. Das mächtigste Internettool, das jemals erfunden wurde. Nutze ich praktisch jeden Tag, und zur Reisevor- und Nachbereitung ist es das wichtigste Instrument. Ansonsten verwende ich in dieser Phase ganz simpel Youtube und Wikipedia und lese über den Leuchtturm in Genua oder gucke Videos über die Brücke in Frankreich.

Der Leuchtturm von Genua steht heute mitten in einem Containerterminal. Verrät einem auch niemand.

Wie und wann?

Habe ich einen Eindruck vom Kernziel bekommen, überlege ich, welche Kategorie von Reise wohl am ehesten in Frage kommt. Mit dem Motorrad hinfahren? Oder bietet sich die Bahn an, weil das Ziel in einer Stadt liegt und da das eigene Fahrzeug nur Stress bedeutet? Oder muss das Flugzeug genommen werden, weil das Ziel sonst zu weit weg oder gar nicht erreichbar ist?

Wann bietet sich ein Besuch an? Städtebesuche, gerade in touristisch überlaufenen Städten, lassen sich gut im Februar machen, weil dann wenig los ist. Touren mit dem Motorrad gerne im Sommer, aber nicht zur Hauptferienzeit im Juli und August. Und eine Herbsttour Mitte/Ende September oder Anfang Oktober ist auch was nettes, weil die Saison kurz vor dem Ende ist. Zumindest in der europäischen Region, auf der Südhalbkugel oder in Asien sieht das ggf. anders aus. Manchmal spielt auch das Klima vor Ort eine Rolle. Japan im Sommer ist unerträglich, aber im November perfekt. Norwegen im Sommer ist super, im Herbst friert man sich da schon wieder die Griffel ab.

Recherche von Region oder Land

Wenn klar ist, mit welchem Transportmittel ich zu, Kernziel kommen kann und welche Jahreszeit sich anbietet, fange ich an das Umfeld zu erkunden und zu überlegen, wie eine passende Reise aussehen kann. Ich will ja nicht direkt zum Ziel fahren, sondern unterwegs noch weitere interessante Dinge angucken. Leuchtturm in Genua ist toll, aber da will man nicht eine Woche rumhocken. Den Leuchtturmbesuch aber zum Höhepunkt einer Bahnreise durch vier italienische Städte zu machen, das ist genau mein Ding.

Das Kernziel ist also wirklich nur der Nukleus, um den herum nun eine Reise zu wachsen beginnt. Dazu begucke ich als erstes das Umfeld, also die Stadt oder die Region oder das Land oder, bei langen Touren, mehrere Länder an. Ich arbeite mich regelrecht ein, in verschiedenen Stufen und mit unterschiedlichen Quellen und Hilfsmitteln.

Erste Stufe ist, wie so oft, das Netz. Reiseblogs geben nach wie vor eine gute Übersicht, hier habe ich aber keine allgemeinen Empfehlungen. Es gibt aber für nahezu jedes Land ein Spezialblog, betrieben von Enthusiast:innen – als Beispiel sei hier Wanderweib Tessa mit ihrem fantastischen Japanblog genannt.

Diese Perlen sind nicht einfach zu finden, aber es gibt sie.

In der zweiten Stufe suche ich in analogen Medien nach Inspiration und Orten, die sich auf einer Tour besuchen lassen. Mittel der Wahl sind Reisezeitschriften und klassische Reiseführer. Merian- oder Dumont-Hefte oder Sonderausgaben von Geo bestelle ich mir gebraucht im Netz zusammen. Mit ihren großformatigen Bilderstrecken sind das gute Ideengeber für weitere Orte, die sich vielleicht besuchen lassen.

Gute Reiseführer sind teuer, aber das Schöne ist: Man muss die ja nicht neu kaufen. Die meisten Reiseführer bestehen zu einem großen Teil aus Empfehlungen für Essen und Übernachtungen und müssen deswegen alle paar Jahre in einer neuen Auflage erscheinen.

Da ich mich genau für diese beiden Dinge aber null interessiere, kaufe ich meist oder Rest- und Mängelexemplare der alten Auflagen für kleines Geld, oder greife gleich auf Gebrauchtes zurück. Die Infos zu Kunst und Kultur veralten nicht so schnell – was 2017 über eine 1.000 Jahre alte Kirche geschrieben wurde, stimmt 2021 sicher immer noch. Ausnahmen gibt es natürlich immer (ÄhemHagia SophiaÄhem).

Habe ich noch so gar keine Vorstellung von einem Land, nehme ich die „Vis-A-Vis“-Bücher aus dem Dorling-Kindersley-Verlag.

Die haben großformatige Fotos und Zeichnungen und sind perfekt zum Durchblättern, da bleibt dann das Auge an dem ein oder anderen hängen.

Die Vis-A-Vis sind die grobe Kelle der Reiseführer, genauso wie die kleinen Reiseführer von Marco Polo. Beide bedienen den Pauschaltouristengeschmack, bieten aber einen guten Einstieg.

Expertiger und damit auf Stufe drei sind dann die Reiseführer aus dem Michael-Müller-Verlag. Das sind wirklich sehr, sehr gute Bücher, zumindest so lange es um Ziele in Europa geht, und da liegt der Schwerpunkt des Verlags auf Südeuropa.

Ich habe mittlerweile einen veritablen Regalmeter von denen, so gut sind die. Es gibt große Landkarten zum Herausnehmen, für Städte findet man Straßenkarten im Inneren. In manchen Regionen gibt es für jeden kleinen Ort einen Eintrag, man kann die also mit auf Reisen nehmen und dort wo man gerade ist nachschlagen was man anschauen kann. Die Dinger sind allerdings schwer, bis zu 900 Gramm bringt ein dicker Müller auf die Waage. Immerhin, so langsam veröffentlicht der Verlag auch eReader-Ausgaben und bastelt an einer App.

Die Informationen darin sind dröge präsentiert, aber sehr exakt, detailreich, strukturiert aufgearbeitet und von Autor:innen vor Ort zusammengestellt.

Noch spezialisierter sind die „Blue Guide“-Bücher, die es nur auf Englisch gibt. Die listen alle Kulturstätten einer Region auf und haben zu jedem Wasndgemälde in einer Kirche und jedem Exponat in einem Museum etwas zu sagen, verfasst von Kunsthistorikern. Aber das ist selbst mir too much, damit beschäftige ich mich in der Rente.

Points of Interest

Anhand der Reiseführer bekomme ich eine Gefühl für ein Land und finde meist weitere Orte, die sich als Zwischenstationen für eine Fahrt eignen. Allerdings springen mir die Bücher meist nicht ausgerechnet mit genau den Sehenswürdigkeiten ins Gesicht, die mich speziell interessieren. Und manchmal verschweigen sie einem vor lauter Detailgehuddel auch DAS Must-See einer Region. Ich bin da mittlerweile gnadenlos. Wenn es irgendwo ein Ding gibt was sich ALLE angucken, mache ich das auch, wenn es nicht gänzlich uninteressant ist. Und sei es nur, dass ich bei, Schauen eines Bond-Films freudig denke „DA war ich auch schon!“

Früher habe ich es abgelehnt, mir beliebte Sehenswürdigkeiten anzusehen. Das war, mit Verlaub, ganz schön blöde von mir. Ich habe mir allen Ernstes die Weltausstellung in Hannover oder den Besuch des Eiffelturm vorenthalten, einfach weil die jeder besucht hat und ich ja nicht das machen wollte was alle tun. Boykott als Zeichen des Revoluzzertums ist aber letztlich Selbstbeschiss mit falscher Attitüde.

Um mir einen ersten Überblick über die Sehenswürdigkeiten zu verschaffen, gucke ich meist ein Mal in das wirklich schön gemachte Buch „1000 Things to see before you die“, befinde dann, dass das alles Unsinn ist und gehe auf Tripadvisor – allerdings nur mit der nötigen Distanz, der Großteil der Empfehlungen und Reviews dort bewegen sich auf dem Niveau von Amazon-Rezensionen. Aber die Medienkompetenz, die unsinnigen oder für einen selbst unwichtigen Rezensionen aus solchen Plattformen rauszufiltern, die muss man schon mitbringen.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich skurrile Reiseziele mag. Auch dafür gibt es eine Empfehlungsseite, und die ist mir sogar die wichtigste: Der Atlas Obscura listet ungewöhnliche, abseitige und manchmal sogar etwas gruselige Ziele auf. Von besonderen Höhlen über Kultstätten und Nekropolen bis hin zu Lost Places findet sich hier alles mögliche. Besonders hilfreich ist die, leider umständlich zu bedienende, Weltkarte.

Mittlerweile enthält der Atlas Obscura nicht mehr nur Lost Places und Dinge mit Knochen drin, sondern auch Perlen wie versteckte Universitätssammlungen, Ausstellungen und Streetart. Sogar für Göttingen gibt es Einträge!

Viel von dem Kram, was mir in dieser Phase beim Stöbern im Atlas Obscura auffällt, findet sich später auch hier im Reisetagebuch wieder.

Was ich übrigens nie nutze sind Sammlungen wie Wikitravel oder Portale wie Expedia, da schreiben nur Nörgelrentner und besorgte Väter, deren Auffassungen von guten oder interessanten Reisezielen und Unterbringungen nicht zu meinen passen.

Tourenplanungs-Zen

Alles was ich auf TripAdvisor, auf Google Maps, im Atlas Obscura und in den Reisebüchern entdecke, trage ich in Landkarten ein. Zum einen in eine Google Map, wo wirklich erst einmal alles reinfliegt was auch nur entfernt interessant sein kann. Das sieht dann schon mal so aus:

Oder, bei Städtetouren, so:

Bei Städtereisen ist dann die Hauptarbeit schon erledigt, meist lassen sich die Point-of-Interests in Cluster zusammenfassen und jeder Cluster wird ein Reisetag und fertig.

Bei anderen Reisen ist das schwieriger, gerade wenn die potentiellen Ziele über ein ganzes Land verteilt sind. Da muss dann eine clevere Streckenplanung her, und die Google Map enthält dann so viele Punkte, das ich gar nicht weiß, wie ich die verbinden kann. Darüber mache ich mir auch bewusst keine Gedanken, daran lasse ich mein Unterbewusstsein arbeiten, über Wochen, und das geht so:

Meine Wohnung ist ziemlich seltsam geschnitten und hat mehrere, lange Gänge. Also, nicht nur so unspektakuläre Flure, sondern wirklich lange Gänge, und die sind vollgehängt mir Landkarten. An die Stelle, wo ich am Häufigsten vorbeilaufe, hänge ich mir eine klassische Landkarte des Reiselands, der Region oder der Stadt auf, wo ich hin will. Am Besten eine physikalische Karte, auf der man auch die Berge sieht, bevorzugt in A1 und laminiert.

An den Karten laufe ich dann jeden Tag vorbei und stehe immer wieder davor, oft mit der Zahnbürste im Mund, und gucke mir an was wo liegt. Mein Geografieunterricht in der Schule beschränkte sich auf die Höhenstufen des Kilimandscharo, was mich ohne Kenntnis und Orientierung in Bezug auf die Welt im allgemeinen und die Länder Europas im Speziellen zurückgelassen hat.

Durch das dauernde Glotzen auf Landkarten bekomme ich zumindest einen groben Sinn dafür, was wo liegt. Woah, Birmingham ist aber groß! Ach gucke an, DA liegt Manchester! Ach, wer hätte gedacht, dass es in Wales Berge gibt? oder auch „SO GROß ist Kasachstan?“, „Ach DA ist das Kattegatt“ oder „Öh, Syrien ist ja gar nicht SO weit weg“.

Außerdem mag ich Landkarten und Stadtpläne. Von Reisen bringe ich oft Nachdrucke von historischen Stadtplänen oder Spezialkarten mit, die dann als Schmuck in den Kartengängen oder sonst wo in meiner Wohnung hängen, und auch die prägen sich irgendwann ein.

Wenn man mich mitten in der Nacht aufweckt und fragt wo das Bethnal Green in London oder das 7. Arondissement in Paris oder die Piazza di Popolo in Rom ist, dann kann ich das ohne nachzudenken auf dem Stadtplan zeigen. Ich kenne diese Städte auswendig, einfach weil ich da seit Jahren im Vorbeigehen draufgucke.

Selbst in der Motorradgarage hängt ein laminierter A0-Nachdruck einer Vintage-Weltkarte. Mittlerweile habe ich ein ordentliches Archiv von Karten, die man nicht einfach im Internet bestellen kann, sondern die vor Ort gekauft werden müssen Das Blogwiesel und seine Kumpelinen passen darauf auf.

Zurück zu den Karten im Kartenflur: Darauf markiere ich dann mit Klebezetteln oder non-permanent-Marker alles, von dem ich den Eindruck habe „Das MUSS Ich sehen“. Dann laufe ich noch ein paar Dutzend Mal dran vorbei, stehe noch etwas länger mit der Zahnbürste davor und habe keinen blassen Schimmer wie ich all diese Punkte unter einen Hut bekommen kann.

Bis ich dann, irgendwann, aus heiterem Himmel und meist mitten in der Nacht, plötzlich genau weiß wie die Tour verlaufen muss. Dann werde ich ganz aufgeregt, greife mir den Filzstift und male die Tour direkt in die Karte und VOILÁ, da ist die Fahrstrecke. So und nicht anders muss die aussehen.

Meistens sind nicht wirklich alle potenziellen Ziele abgedeckt, die ich im Vorfeld gefunden habe. Aber mein Unterbewusstsein hatte lange genug Zeit um sich damit zu beschäftigen und zu sortieren, was mir wichtig ist und was nicht. Das klappt hervorragend. Bewusst kann ich manchmal gar keine Präferenz treffen, aber wenn dann Ziele aus der Reiseplanung rausfliegen denke ich mir meist „meh, wollte ich sowieso nicht so gerne hin“.

Mit dieser Zen-Methode kommt also die ungefähre Reisestrecke zusammen. Bislang war alles emotionsgetriebenes Rumgewurschtel, jetzt kommt die Arbeit, jetzt geht es zurück an den Computer.

Was genau, das beschreibe ich in Teil 3 von „Wie ich…“

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Reisetagebuch Motorradherbst (8): Asche und Phönix

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit einem kauzigen Gast, unangenehmen Entdeckungen und deutlich überschrittender Geschwindigkeit.

Mittwoch, 30. September 2020, La vecchia Fontana, Roccafinadamo
Zwei kleine Hunde liegen in der Morgensonne vor der Vecchia Fontana, als ich die Koffer zum Motorrad trage. „Wo habt ihr denn Jack gelassen?“, frage ich, bekomme aber keine sinnvolle Antwort. Die beiden tanzen mir um die Beine und freuen sich so ausgelassen, wie das nur Hunde tun, die ein gutes Leben haben.

Neugierig schnüffeln sie an der Motorradkombi herum, die ich bereits trage. Das war die letzte Nacht auf „La Vecchia Fontana“, heute geht es weiter. Schade, an die Einsamkeit des Bergbauernhofs und Signora Annas Kochkünste könnte ich mich gewöhnen.

Die Koffer sind schon am Motorrad befestigt. Als ich die Gaststube betrete, sitzt an einem der Tische ein hagerer Mann und mustert mich mit großen Augen.

Mauro hatte gestern Abend erwähnt, dass sich noch spontan über Booking.com ein Gast angekündigt hat. Der muss dann aber erst sehr spät angekommen sein. Kein Wunder, der Hof hier ist schwer zu finden, erst recht im Dunkeln.

Der Mann ist vielleicht Mitte 60 und so dürr, dass sein Kopf zu groß für den Körper wirkt. Das graue Haar ist von den Seiten quer über kahlen Kopf gekämmt, wogegen es sich heftig wehrt und zerzauselt in alle Richtungen absteht. Der Mann trägt einen roten Pullunder, der seltsamerweise farblich gut zu seinem Gesicht passt und eine Nickelbrille, durch die er auf eine Art schaut, die ihn gleichzeitig erschrocken und zum Einschlafen gelangweilt wirken lassen.

„Giorno!“, ruft Signora Anna, als sie durch die Schwingtür zur Küche kracht, in einer Hand ein abgedecktes Körbchen, in der anderen eine Kaffeekanne. Sie stellt beides auf einen Tisch und verschwindet wieder.

Ich nehme Platz und untersuche den Inhalt des Körbchens. Die Inspektion fördert ein warmes Croissant zu Tage. Ich nehme meine FFP2-Maske ab und konzentriere mich darauf, einen Löffel von dem guten Honig-Apfelgelee aus dem Glas zu dem zerteilten Cornetto zu balancieren.

Das dürre Männlein starrt mich an uns sagt: „Jaa, Maske bringt nichts, muss man eh absetzen, sonst kann man nicht essen“. Meine Laune fällt schlagartig unter den Gefrierpunkt. Von fremden Leuten vor dem ersten Caffé angelabert werden ist schon schlimm genug, aber von einem Maskenverweigerer? Womit habe ich denn das verdient? Und was ist denn das überhaupt die Argumentation? „Jaja, Maske bringt nichts, weil sie den Weg zur Futterluke versperrt“, und das ist seine Entschuldigung warum er gleich überhaupt keine dabei hat, oder was?

Ich habe sowas von keinen Bock auf ein Gespräch. „Hm.“, mache ich und versuche dabei FrauZimt zu imitieren, die die Kunst beherrscht, ein simples „Hm“ in einem so herablassenden Tonfall von sich zu geben, dass es beim Gegenüber ankommt als „Alles was Du sagst ist uninteressant und irrelevant und Du hast Glück, wenn ich Dir für die Unverschämtheit mich angesprochen zu haben nicht den Kopf abreiße.“ .

„Aaah“, sagt das Männlein und glotzt mich unverfroren weiter an. „Sie verstehen mich. Mir wurde schon gesagt, dass ich heute Morgen Deutsch sprechen könnte“, sagt er so langsam, als ob er beim Sprechen gleich einschläft.

„HM.“, versuche ich es noch einmal. Aber meine Zimtpower ist nicht stark genug oder der Typ ist merkbefreit oder beides.

„Ich…“, sagt das Männlein langsam und beginnt in seiner Jackentasche zu wühlen. Als er gefunden hat was er sucht, hält er mir einen Reisepass hin. Sollen das jetzt? „…habe zu Hause ja nur Deutsch gesprochen. Aber im Kindergarten musste ich dann italienisch lernen.“ Ach Gotte, auf dem Reisepass ist ein Österreichischer Bundesadler. Aber italienisch im Kindergarten? Er kommt also gebürtig aus Südtirol.

„Zu Hause immer Deutsch, aber dann im Kindergarten…“, hebt das Männlein wieder an. „Sie kommen aus Südtirol“, kürze ich ab. „Ja genau… darauf wollte ich hinaus…“, sagt das Männlein und wirkt leicht beleidigt, als hätte ich ihm die Pointe zu einem spitzenmäßigen Witz geklaut. Ich habe heute Morgen aber echt keine Geduld für jemanden der meint, mir seine Lebensgeschichte erzählen zu müssen, nur um auszudrücken, dass er Deutsch und Italienisch beherrscht.

Ich esse schweigend weiter. Anna werkelt in der Küche, im Gastraum hängt eine aggressive Stille.

Der Mann glotzt eine zeitlang Löcher in die Luft, dann legt er sich die Fingerspitzen beider Hände auf´s Gesicht und tastet darin herum. Dann schaut er herüber, um zu sehen ob ich das bemerkt habe und mich jetzt wundere, was er da macht. Ich tue ihm aber nicht den Gefallen zu fragen, also kommt er von sich aus damit raus.

„Ich war auf dem Monte Vettorio“, sagt er und macht eine Pause, als ob er jetzt Applaus erwartet oder eine Nachfrage, was das wohl ist. Oder wo der ist. Der Monte Vettorio nämlich nicht hier in der Nähe. Aber auch diesen Gefallen tue ich ihm nicht. Ich WEISS wo dieser Berg ist, und wer da hochmarschiert ist selbst schuld.

„Da lag schon Schnee. Ich bin das gar nicht gewohnt. Nie habe ich in der Höhe Probleme, aber die Sonne hat geschienen und dann der Schnee und dann hat es länger gedauert als gedacht. Der Weg ist ja ganz schön…“

„Sie sind auf einen schneebedeckten Zweieinhalbtausender gewandert und haben die Sonnencreme vergessen?“, kürze ich das Ganze ab. „Die brauche ich sonst nie“, verteidigt sich das Männlein schwach, seufzt resigniert und befühlt weiter sein sonnenverbranntes Gesicht.

„Aber das ist eh nicht mein Jahr. Ich bin ja mit dem Auto da draußen gekommen“, sagt er und deutet durchs Fenster. Draußen steht ein Fiat Doblo Maxi, ein kleiner Transporter, ähnlich einem VW Caddy.

„Da habe ich mir eine Matratze reingelegt und jetzt kann ich da auch drin schlafen wenn ich mag!“, sagt der Mann stolz. „Und ich hatte Photovoltaik auf´s Dach gemacht.“ Ich gucke nochmal raus, aber der Doblo hat keine Solarzellen auf dem Dach, nur seltsam verbogen aussehende Halterungen über der A-Säule. „Naja, jedenfalls, jetzt kann ich nicht mehr darin schlafen, weil hinten drin die ganze Photovoltaik liegt.“

Das Männlein erzählt seine Geschichten wirklich so unfassbar langsam, dass für mich ein Ratespiel daraus wird… was ist wohl passiert? Schaffe ich es zu erraten worauf er hinauswill, bevor er mit seiner Geschichte am Ende ist?

„Ist abgefallen?“, rate ich etwas vorschnell.
„Als ich auf die Autobahn gefahren bin“, sagt das Männlein fröhlich, „Da hat sich alles hochgewölbt und dann ist es weggeflogen“.
„Argh, watten schiet“, sage ich und lege die Serviette weg, „OK, muss los“.
„Wo geht´s hin?“, fragt das Männlein.
„Marken“, sage ich, „über Castelluccio“.

„Aber da komme ich ja…“, hebt der Mann an.
„…gerade her, ich weiß“, sage ich.

Der Monte Vettorio ist nämlich der Hausberg von Castelluccio, einem winzigen Bergdorf in den sibellinischen Bergen. Auf dem Weg zum Monte Vettorio liegt der „Pilatus-See“, an dem angeblich Pontius Pilatus nach seiner Flucht gestorben sein soll.

Ach, Castelluccio. Habe ich schöne Erinnerungen dran. Ich habe da oben in einem kleinen Gasthof mal drei Tage lang ein episches Wetter ausgesessen. Das war gemütlich, trotz Magenverstimmung.

Ich lege meine FFP-Maske wieder an, stehe auf und gehe Richtung Küche. Das hagere Männlein guckt mir verwundert durch seine Nickelbrille nach und sagt dann: „Aber da steht doch nun wirklich gar nichts mehr!“

Ich erstarre in der Bewegung und drehe mich wieder zu ihm um. „Was?!“

„Ja, da steht nichts mehr. Ein Haus am anderen, alles kaputt. Kannst durch die Mauern bis ins Kaschtel gucken (gemeint ist ein Schrank, Anm. S.), da ist Geschirr und alles noch drin, aber darf halt keiner mehr rein in das Haus und es rausholen, weil alles jederzeit einstürzen kann. Beim Erdbeben vernichtet, das auch L´Aquila zerstört hat“.

Ok, jetzt weiß ich, dass er Unfug erzählt. „Bei allem Respekt, aber L´Aquila war 2009, und ich war zuletzt 2016 in Casteluccio, da stand noch alles“, herrsche ich ihn an. Aber irgendwo in meinem Hinterkopf springt eine kleine Erinnerung auf und ab und will Aufmerksamkeit, weil sie meint, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu der Story des Österreichers zu passen.

Sie hat sogar recht, sofort nachdem ich ihr Beachtung geschenkt habe, dämmert es mir – der Österreicher hat L´Aquila mit Amatrice verwechselt, und DAS Erdbeben war im Januar 2017 und hat in der Region gigantische Schäden angerichtet. Aber Castelluccio? Das liegt doch so weit oben und außerdem hätte ich das doch bestimmt mitbekommen!

„Ich muss weg“, sage ich. Der Mann tippt gerade quälend langsam „E-R-D-B-E-B-E-N L-A-Q-U-I-L-A“ in sein Smartphone ein.

Ich stecke den Kopf durch die Schwingtür zur Küche. „Signora Anna?“

Anna legt einen Lappen zur Seite und fragt „Willst Du schon los?“
„Ich muss. Ich hoffe, dass ich nicht wieder sieben Jahre brauche, um das nächste Mal hier her zu kommen. Für eine Rückkehr gibt es so viele Gründe, das Haus, das tolle Essen…“
„Und die Freunde!“, sagt Anna und strahlt, „Du hast jetzt hier Freunde! Vergiss das nicht! Das ist der beste Grund um wieder zu kommen!“
Umarmung muss ausfallen wegen Corona, also nicke ich einfach und gehe.

Im Rausgehen höre ich das Männlein rufen „Ich habe es gefunden! Es war 2017!“ Ich beschleunige meine Schritte. Jetzt habe ich es eilig. Castelluccio zerstört? Das KANN doch nicht sein.

Ich springe in den Sattel und steuere die V-Strom über den Sandweg und die kaputte Bröckelstecke den Berg hinauf. Auf der Straße gebe ihr die Sporen und heize durch die Berge Richtung Teramo. Es ist ein schöner Morgen, aber ich nehme mir nicht viel Zeit um die Schönheit der Abruzzen zu bewundern.


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Reisetagebuch Motorradherbst (7): Echos der Vergangenheit

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Nur an ablegene Orte, am Besten ohne Menschen. Heute mit einer Spurensuche in der Vergangenheit und mit Kühen. VIELEN Kühen.

Dienstag, 29. September 2020, Bauernhof La Vecchia Fontana, Roccafinadamo

Signora Anna, die Besitzerin von La Vecchia Fontana, werkelt an den Tischen im Gastraum und erzählt dabei vor sich hin. Ich höre nur mit halbem Ohr zu. Zum einen, weil ich ihren abruzzesischen Dialekt nicht gut verstehe, zum anderen, weil ich gerade versuche einen Löffel Apfelgelee vom Glas zu einem recht mürben Keks zu balancieren ohne dabei Schweinerei anzurichten. Das ist viel schwieriger als es sich anhört. Vor Konzentration klemmt mir die Zungenspitze im Mundwinkel.

„Hm?, mache ich, ohne die Augen von der Wabbelmasse zu lassen, als ich meinen Namen höre. Die Signora spricht mich direkt und deutlich an und deutet dabei auf ein Bild an der Wand. „Ob Du was von der Tragödie mitbekommen hast, will ich wissen“, sagt sie.

Ich werfe einen flüchtigen Blick in die angezeigte Richtung. Das Bild ist eine Collage und zeigt ein großes Gebäude. Mit Weichzeichner ist das Portrait eines Mannes in seinen 50ern darübergelegt. Er lächelt mild in die Kamera. Daneben ist ein Hund eingefügt und in einem dieser typischen 3D-Fonts aus der Word-Billigkiste steht „Robertos Traum“ darunter.

„War dass das mit dem Hotel? 2017?“, frage ich. Großartig, jetzt habe ich es geschafft mir den Apfelgelee gleichzeitig an die Finger und in den Bart zu schmieren. Muss man auch erstmal hinkriegen.

Anna nickt. „Roberto del Rosso war der Besitzer. Wir kannten ihn gut, meine Nichte hat am Empfang gearbeitet. Sie hat überlebt, aber Roberto hatte nicht so viel Glück“. Anscheinend hat sich das Unglück wie ein kollektives Trauma bei den Leuten hier eingegraben, Mauro hat es gestern auch schon erwähnt.

Draußen scheint die Sonne, und der Berghang wirkt wieder so perfekt und grün, dass ich ganz genau hinhöre, ob nicht doch irgendwo die Startmelodie von Windows XP ertönt.

Anna, die Motorrad-KI, hat ebenfalls gute Laune. „Keine Verzögerungen auf Ihrer Route“, sagt sie. „Na, das is´ ja toll“, sage ich, während ich die V-Strom für einen Tagesauflug bepacke. Die Route, das ist heute nur ein kleiner Ausflug durch die Berge, würde mich wundern wenn Anna überhaupt Infos über diese Region hat. Aber vielleicht ist ihr einfach nach reden.

„Hit the Road, Jack“, rufe ich, aber Jack interessiert das nicht wirklich.

Die Barocca pflügt durch die schlammigen Passagen des kaputten Wegs, klettert dann das steile letzte Stück bis zur Straße hinauf und steuert dann Richtung Süden.

Über die kleinen Bergstraßen zu kurven macht einen diebischen Spaß, auch wenn die hier unheimlich schlecht sind. Egal. Der Ausblick entschädigt ohnehin für alles. Meist ist der Ausblick weit, über Felder und Berge. Und da wo er nicht weit ist, blickt man auf das Massiv des Gran Sasso, das schon mit Schnee bedeckt ist.

„Warnung“, sagt Anna und schreckt mich auf. Schnell checke ich die Reifendruckanzeige. Auf dem Display leuchtet das Hinterrad der V-Strom rot. Aber nicht weil der Luftdruck nicht stimmt, sondern weil die Verbindung zum Reifendrucksensor schon wieder weg ist. Ach je, wenn es weiter nichts ist. Ich habe sogar Ersatz für den dabei, aber ob ich Lust habe den zu montieren und dann den ganzen Firlefanz mit der Kalibration zu machen, das muss ich mir noch überlegen. Derweil genieße ich weiter den Ausblick und die Straße.

Eine halbe Stunde später signalisiert Anna, dass wir an einem besonderen Ort angekommen sind. Ich halte an und bugsiere die V-Strom an der Zufahrt zu einer Weide hinter die Leitplanke, dann hänge ich den Helm an den Lenker und inspiziere eine Einfahrt, die auf der anderen Straßenseite in den Wald hinab führt.


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Reisetagebuch Motorradherbst (6): Ascolana Tenera

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute mit dicken Dingern und einem Leck in der V-Strom.

Montag, 28. September 2020, „La Vecchia Fontana“, Roccafinadamo

Die Abruzzen sind von den 20 Regionen, aus denen Italien besteht, mit Sicherheit eine der interessantesten. Sie liegt mitten in Italien, aber die Italiener:innen denken von ihr als dem Norden – dem Norden von Süditalien. Die Region erstreckt sich vom Latium, kurz hinter Rom, bis zur Adria im Osten und von den Marken im Norden bis zum Molise, was quasi niemand kennt, im Süden.

Karte: Wikimedia, CC BY SA NorNordWest

So richtig besiedelt sind die Abruzzen nur an der Küste, wo auch die Großstadt Pescara liegt. In der Mitte liegen die Berge des Apennin und der Grand Sasso, ein großes Bergmassiv. In diesen Gebirgsregionen gibt es große Gebiete, die als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind, u.a. der Grand-Sasso Nationalpark, der Abruzzesische Nationalpark, der Nationalpark Majella und noch weitere Regional- und Nationnalparks. Allein die drei größten haben zusammen eine Fläche von 280.000 Hektar, was rund 400.000 Fußballfeldern entspricht, oder 1,08 Saarland (Saarländern?).

Weil es so viele Naturschutzgebiete gibt und die Gegend rau ist, ist das Innere der Abruzzen die am wenigsten besiedelte Region Europas. Nur wegen der weitgehenden Abwesenheit von Menschen gibt es hier noch rund 100 europäische Braunbären, mehre Rudel aus rund 40 Apennin-Wölfen, dazu europäische Wildkatzen, Stachelschweine, Dachse, Luchse oder Rothirsche. Wegen der Abwesenheit von Menschen bin auch ich hier, und wegen der Landschaft.

Schon kurz nach dem Aufstehen packt mich die Begeisterung, als ich auf der Terrasse des kleinen Gasthauses „La Vecchia Fontana“ stehe. Obwohl Oktober ist, ist die Landschaft hier noch satt grün, und als die Morgensonne auf die Berge fällt erwarte ich unwillkürlich den Startsound von Windows XP zu hören.

Es ist kühl, aber die Sonne scheint, und das ist viel besser als der Eisregen und das Unwetter gestern. Nach einem kleinen Frühstück sattele ich die V-Strom und lasse den Motor an. Die Maschine ist sofort da, anscheinend hat sie die Sintflut von gestern gut überstanden. Haushund Jack guckt mir gelassen bei den Startvorbereitungen zu.

Zur Hauptstraße führt ein Feldweg, der abwechselnd aus zerbröckeltem Asphalt und festgestampfter Erde besteht und der heute morgen zwar schon wieder weitgehend trocken ist, aber durch das Wetter gestern teilweise von Sand und Erde überspült ist. Ein wettergegerbter Bauer kommt mir entgegen und grüßt freundlich. Die letzten Meter des Wegs sind recht steil, aber weder der Schlamm noch die Steigung stellen für die Suzuki ein Problem dar. Das Motorrad wühlt sich den Berg hoch und biegt oben auf eine geteerte Straße ab.

Die Straßen in den Abruzzen sind scheiße, muss man einfach so sagen.

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Reisetagebuch Motorradherbst (5): Hände wie Mülltüten

Reisetegabuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute leidet die Barocca, ich habe Hände wie Mülltüten und der Helm stirbt.

Sonntag, 27. September 2020, San Vincenzo

Über der Bergkette vor San Vincenzo geht eine violette Sonne inmitten von Wolkentürmen auf. Das Unwetter hat die ganze Nacht hindurch gewütet. Das Regengebiet, das vom Meer über San Vincenzo hinweggezogen ist, hat den Sturm mit vorher nicht dagewesener Intensität wiederbelebt und Unmengen an Regen mitgebracht. Fast die ganze Nacht klapperten die Fensterländen von I Papaveri, Wasser rauschte durch die Dachrinnen und Regen klatschte draußen auf´s Pflaster. Im Wohnzimmer ist wieder Wasser durch die geschlossenen Türen gedrückt worden. Erst vor einer Stunde hat es aufgehört zu regnen. Jetzt stürmt es nur noch, und über dem Meer ballt sich schon die nächste Regenfront zusammen.

Die Temperatur ist über Nacht um fast 15 Grad gefallen und hängt nun bei einstelligen 8 Grad. Brrr. Und nicht nur das: Über ganz Mittelitalien zeigt die Wettervorhersage eine dicke Wolkendecke und Regen. Nunja, das werden wir sehen. Ich fahre heute einmal quer über den Stiefel und durch Bergregionen, da kann es ja nicht die ganze Zeit regnen, oder? Oder??

Ich mache mich fertig, schiebe das Motorrad vor das Tor und hänge das Gepäck ein, dann folgt ein letzter Rundgang durch La Conchiglia und ein Blick vom vorderen Balkon auf die startbereite V-Strom.

Schließlich lege ich die Schlüssel zum Appartement sorgfältig auf den Küchentisch und ziehe die Tür zu.

Vor dem Tor klettere ich in den Sattel. Ich entscheide mich dagegen die Regenkombi anzuziehen. Irgendwann heute werde ich nicht drum rumkommen, aber mal schauen, wie lange ich es rauszögern kann.


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Reisetagebuch Motorradherbst (4): Philipp Lahm aus dem Senegal

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im Pandemieherbst 2020. Heute ohne Motorrad und ohne Abenteuer, dafür gibt es Sturm, Lasagne und Philipp Lahm.

Mittwoch, 23.09.2020
Ah, diese Ruhe auf I Papaveri.

Ich verschlafe den halben Vormittag und bin dann mild überrascht: Das Wetter ist ja doch ganz okay! Das ist nett, denn eigentlich sollte EXAKT an dem Zeitpunkt, als ich hier ankam der Weltuntergang beginnen. Dauerregen und Sturm, sagt die Wetterapp, und zwar genau so lange bis ich wieder abreise! Unfair!

Normalerweise ist der September in San Vincenzo noch ein Spätsommer (außer 2017, als ich hier war und das der kälteste September seit 40 Jahren war). Tatsächlich war die vergangenen Wochen hier jeden Tag Sonnenschein und Temperaturen um die 25 Grad, aber jetzt, wo ich hier bin, sieht es so aus: Jeden. Tag. Regen.

Heute habe ich aber Glück, der Regen zieht gerade im Norden und Süden an San Vincenzo vorbei. Ich packe ein Handtuch ein, kaufe im Chinaladen einen billigen Sonnenschirm und Badelatschen und fahre an den Strand.

Zwei Mal schaffe ich es ins Wasser zu springen, aber nach einer Stunde fallen dann doch die ersten Tropfen. Ich fahre zurück, lungere etwas im Appartment herum und hole Tagebuchschreiben von gestern nach. Was schön ist: Franca hat mir einen Schreibtisch in die Wohnung gestellt. „Du schreibst doch immer so viel“, hat sie per Whatsapp getextet, als ich mich dafür bedankt habe. „Aber nicht über uns schreiben!“ kam noch eine Nachricht hinterher. Nein, natürlich nicht.

Vor dem Fenster kann man Elba erkennen.


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Reisetagebuch Motorradherbst (3): Unter dem Marmorberg

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im September des ersten Pandemiejahres. Nur an Orte, deren Risiko einschätzbar ist. Heute warte ich den ganzen Tag auf schlechtes Wetter und verfahre mich unter einen Berg.

Dienstag, 22. September 2020
Trout Lodge, Collagna

Gestern Abend bin ich so schnell eingeschlafen als hätte mich jemand ausgeknockt, dafür bin ich nun um kurz nach 5 Uhr schon wieder wach. Ich gucke auf die Uhr, dann drehe ich mich nochmal um und genieße bettwarmen Halbschlaf. Habe ich echt schon wieder von der Arbeit geträumt? Man. Offensichtlich fällt es mir schwer die aus dem Kopf zu bekommen. Ein sicheres Zeichen dafür, wie tief die gerade noch in meinem Kopf steckt.

Ich dämmere noch einmal weg. Erst zwei Stunden später schwinge ich die Beine aus dem Bett und öffne die Tür der Hütte. Die Sonne schiebt sich gerade über Berge von Collagna, und die Barocca wird von den ersten Sonnenstrahlen umschmeichelt.

Tief atme ich die kühle Waldluft ein. Es hat heute Nacht geregnet, die Luft ist feucht und frisch.

Ich schiebe das Motorrad rückwärts unter dem Vordach der Hütte hervor, hänge die Koffer ein und bin damit schon abreisefertig.

Das Twin Peaks Zimmer hat in einer Ecke einen kleinen Anbau. Das ist ein Durchgang, dessen Tür aber abgeschlossen ist.

Einer der Schlüssel am Bund mit der Holzforelle passt zwar, lässt sich aber nicht drehen. Als ich jetzt versuche ihn ins Schloss zu stecken, höre ich eine weibliche Stimme hinter der Tür. „Nein, lass, das geht nur von dieser Seite!“, tönt es auf italienisch. Okay.

Ich warte, dann höre ich einen Schlüssel im Schloss und die Tür springt auf. Direkt dahinter steht eine blonde Frau mit Mundschutz und sagt „Nicoletta hatte gestern fest abgeschlossen, weil sie noch Freunde da hatte. Ich bin Roberta. Komm rein! Verstehst Du meine Sprache?“ Ich nicke. „Gott sei´s gedankt! Englisch ist doch, naja, beh.“

Ich folge Roberta und stehe im Aufenthalts- und Frühstücksraum der Lodge. An einer Wand ist eine kleine Einbauküche eingelassen, davor ein Tresen, der in diesem Jahr wegen Corona von einer Plexiglasscheibe geschützt wird.

Er biegt sich förmlich unter all den leckeren Sachen, die darauf stehen:

  • Ein Teller mit Pizzastücken.
  • Eine Schale mit Croissants.
  • Apfelkuchen.
  • Pfirsichkuchen.
  • Kirschkuchen.
  • Eine undefinierbare, aber sehr bunte und hohe Torte mit Tonnen von Zuckerguss.
  • Mehrere Schalen mit verschiedenen Sorten Keksen.
  • Ein ganzes Blech mit unterschiedlichen Teilchen, Berlinern, Apfeltaschen und noch vielem mehr.

Ich kann mich daran erinnern, dass bei meinem ersten Besuch auch so krass viel aufgefahren war. Roberta bemerkt mein Gesicht angesichts dieser Auswahl und lacht „Hat alles Nicos Mama gebacken. Die steht den ganzen Tag in der Küche.“ „Äh, ok“, sag ich und nehme ein Teilchen, das mit Fiore di Latte, einer sämigen Milchcreme, gefüllt ist.

„Was trinkst Du?“, fragt Roberta, die viel redefreudiger ist als es irgendjemandem um diese Zeit gut tut. „Hättest Du einen…“, setze ich an. „Cappuccino! Klar, kommt sofort“, ruft Roberta. Man muss Roberta wohl schnell antworten, sonst übernimmt sie das Reden für einen gleich mit. „Nein!“, rufe ich „Caffé! Kein Cappuccino! Nur Caffé. Und Doppio, bitte“. Cappuccino, brr. „Junge, Kaffee ist kein Mixgetränk“, wie unser alter Hausmeister immer zu sagen pflegte.

Ich nehme an einem Tisch Platz und meine Maske ab. Roberta lehnt sich an den Türrahmen und sagt „Wir haben noch einen deutschen Gast“. Ah, stimmt. Ich habe gestern Abend jemanden auf deutsch telefonieren hören. „Ist der noch da?“, frage ich. „Ja, der schläft länger. Und er will draußen essen“, sagt Roberta, greift sich eine Tischdecke und Besteck, geht damit auf die kleine Terrasse vor die Lodge und deckt einen Tisch ein.

Als sie wieder reinkommt, fährt sie fort: „Ist schon auffällig: Gerade kommen nur Männer hier her, und alle reisen allein.“ Kann ich verstehen, gehöre ich auch zu. Das ist Roberta nicht entgangen. „Warum bist Du allein hier?“, fragt sie.

Tja. Gute Frage. Weil ich ohnehin am liebsten allein reise? Aber das ist nicht der alleinige Grund, der mich hierhin, an den Arsch der Welt, verschlagen hat.

Da ist noch etwas anderes. Einen guten Teil dieses Jahres fühlte ich mich, als würde ich die Last der Welt auf meinen Schultern tragen. Wenn ich ernsthaft im Stress stecke, merke ich das selbst meist sehr spät, wenn der Körper Beschwerden meldet oder andere sagen „Mensch, Du siehst aber nicht gut aus“. In diesem, sehr speziellen Jahr war selbst mir bewusst, dass alles ein Bisschen zu viel auf einmal war. Aber weniger tun ging nicht, ich trage Verantwortung, und die vernachlässigen kann ich nicht. Vieles kannst Du, will´s die Pflicht, wie der alte Poesiealbumspruch weiß.

Aber manchmal ist es so viel auf einmal, dass ich mich sehr einsam fühle. Eine Einsamkeit, die sich dumpf und hohl anfühlt und alle Energie verschlingt. Einsamkeit, die aber bitte nicht mit „allein sein“ verwechselt werden darf. Allein zu sein macht mir nichts, das kommt meiner Einzelgängernatur entgegen. Einsamkeit dagegen ist „allein sein“ plus Verzweiflung.

Unter starkem und langem Stress werde ich manchmal, ganz plötzlich und nur für einen kurzen Moment, von einer alles umfassenden Verzweiflung überrollt, die aus dem Nichts wie eine Welle über mir zusammenschlägt. In solchen Momenten fühlt sich einfach alles nach „zu viel“ an und ich mich ganz klein und einsam. Das sind Momente, in denen mir vor Verzweiflung die Tränen in die Augen steigen, weil ich nicht weiß, wie ich alles schaffen soll.

Diese Welle der Verzweiflung schlägt immer in ruhigen Momenten zu, etwa wenn ich nach einem langen Tag allein im Auto auf dem Weg nach Hause bin. Urplötzlich fühle ich mich dann leer, mut- und kraftlos, und ich muss mit den Tränen kämpfen. Das dauert nur einen kurzen Augenblick, und objektiv gibt es dafür keinen Grund, weil ich eben doch fast immer doch alles im Griff habe. Aber solche Momente gab es in den vergangenen Wochen sehr häufig, ein deutlich Zeichen, dass ich in sehr ungesundem Maß und über einen langen Zeitraum Stress hatte. Die natürliche Reaktion darauf ist ein Fluchtreflex: Ich wollte eigentlich nur noch, dass das alles aufhört, das die Welt mich in Ruhe lässt, und wenn das nicht geht, wollte ich wenigstens einfach weg und von niemandem gefunden werden.

Ja, das ist es: Ich bin hier, auf dieser Forellenfarm mitten im Nirgendwo, in Bergen, von denen noch nie jemand was gehört hat, weil ich mich vor der Welt verstecken will.

„Hey?! Warum bist Du hier, so alleine?“, fragt Roberta noch einmal und reißt mich aus meinen Gedanken. „Naja, weil das hier ein schöner Ort ist, mit netten Leuten“, sage ich, „Perfekt zum Entspannen. Und weil man wird hier…“ ich mache eine Armbewegung in Richtung des durchgebogenen Tresens „…so lecker umsorgt wird“.

Roberta grient unter ihrer Maske, das sieht man an ihren Augen. Was ich natürlich auch nicht sage: Das erste Mal war ich 2017 vor allem deswegen hier, weil hier eine Übernachtung inklusive dieses opulenten Frühstücks gerade mal 25 Euro kostet. Dieses Mal hätte ich mit Vergnügen auch deutlich mehr gezahlt, nur um noch einmal hier sein zu dürfen, aber die Preise sind nach wie vor so super fair.

„Habt ihr sonst eher Familien hier?“, frage ich. „Oh ja, dieses Jahr im Sommer ging es hier richtig ab“, sagt Roberta. „Juli und August, da waren hier so viele Gäste wie noch nie, vor allem Familien mit Kindern. Auch wegen COVID. An den Stränden liegt man ja eng gepackt, also sind jetzt viele in die Berge gefahren. Puh, wir hatten wirklich VIEL Arbeit.“

„Gut so“, sage ich. „Ihr macht hier einen tollen Job, ich wünsche Euch den Erfolg!“ „Nicht reden! Gute Bewertung bei Booking.com schreiben!“, sagt Roberta und lacht. „Mache ich“, sage ich im Aufstehen, dann sage ich noch schnell Nicoletta ´Tschüss und kurz darauf steuert die Barocca durch den kleinen Nadelwald zur Ausfahrt der Trout Lodge.


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Reisetagebuch Motorradherbst (2): Von den Wolken zu den Fischen

Tagebuch einer kleinen Motorradtour im September des Pandemiejahres. Nur an Orte, deren Risiko einschätzbar ist. Heute geht es gleich zwei Mal in die Berge, Dick & Doof nerven, ich bekomme einen Wutanfall und brülle jemanden aus vollem Hals an, und am Ende wird´s fischig.

Montag, 21. September 2020, Pension Jaqueline, Sölden, Tirol, Österreich

Der Frühstücksraum ist perfekt, wie alles in der Pension Jaqueline. Frau Wilhelm, die Gastwirtin, werkelt mit einem Gesichtsschild am Buffet. Sie bemerkt trotz der FFP3-Maske, die ich trage, dass ich breit grinse. „Alles gut?“, fragt sie. „Ach, ich freu mich“, sage. „Seitdem ich das erste Mal hier war, wollte ich gerne wiederkommen, in dieses Haus, und es ist schön, dass das dieses Jahr noch geklappt hat. Tatsächlich mache ich nur Station in Sölden, um noch ein mal hier sein zu können“ Sie schaut ein wenig verwundert und fragt „Wieso?“.

„Naja, das mag sich jetzt doof anhören, aber: Zum einen, weil hier einfach alles so perfekt ist. Die Zimmer sind groß. Alles ist Motorradfahrerfreundlich. Aber der wahre Grund sind sie.“ „Ich?!“, fragt sie erstaunt. „Ja“, sage ich, „Man merkt ihnen an, dass sie entweder schon das halbe Leben in der Hotellerie sind oder es einfach im Blut haben. Wie auch immer, sie managen das hier so mühelos, da ist es eine Freude, Gast sein zu dürfen.“ Und das ist die Wahrheit. Bei meiner ersten Übernachtung hier, vor drei Jahren, hat mich die Professionalität dieser Frau einfach umgehauen. Das musste ich ihr einfach mal sagen. Ich war selbst Jahrelang in einem Gewerbe mit Gästen unterwegs und weiß, wie echtes Profitum aussieht, und diese Frau ist Profi durch und durch.

Sie freut sich sichtlich. Wir plaudern noch ein wenig, dann lässt sie mich in Ruhe Frühstücken.

Zahlen, Gepäck an´s Motorrad hängen, dann geht es raus in die kühle Bergluft. Sechs Grad, mehr sind es heute morgen nicht. Aber wenigstens regnet es nicht. Als ich 2017 im September hier war, war es bedeutend nasser. Und kälter. So kalt, dass nur ein wenig höher in den Bergen schon Schnee fiel. Die geplante Fahrt über das Timmelsjoch musste damals ausfallen, stattdessen bin ich zurück nach Innsbruck und dann über den Brenner gekurvt. Aber nicht heute, heute geht es in die Berge!

Es geht hinaus aus Sölden, vorbei an Bettenburgen und Skipalästen. Es ist sehr deutlich zu sehen, dass Sölden ein Wintersportmekka und ein Partyort ist, ein Ballermann der Alpen. Bereits nächste Woche, hat Frau Wilhelm gesagt, geht die Saison los und die ersten Übungs-Skigruppen und Partytouristen kommen in den Bergort. Ob das wirklich so eine gute Idee ist, so mitten in der Pandemie? Ich wage das zu bezweifeln.

Tatsächlich wird drei Tage nach meiner Abreise ganz Tirol zum Risikogebiet erklärt werden, und Mitte November hat Österreich dann praktisch die Kontrolle über die Pandemie verloren. Aber das weiß ich noch nicht, als ich jetzt, im September, die Straßen in die Alpen hinein schieße.

Der Himmel ist bedeckt und in den Tälern stehen noch die Schatten, Überbleibsel der Nacht. Die Sonne schiebt sich gerade erst über die Berggipfel des engen Tals.

Es ist schon gut was los an diesem Morgen, vor allem langsame SUVs und LKW mit Baumaterial sind auf der Straße und verhindern zügiges Fahren. Es macht einfach keinen Spaß, hinter einem mit Stahlteilen beladenen Lastwagen mit Tempo 20 her zu zockeln.

An einer Baustellenampel mogele ich mich nach vorne, vor alle PKW und LKW, und stehe hinter zwei Moppedfahrern. Beide hocken auf kleinen Sportmaschinen, eine mit einem Insbrucker Kennzeichen, eine aus Aalen.

Der Einheimische ist dünn, von Kopf bis Fuß in knallbunter und unbenutzt aussehende Rennkombi gekleidet und hampelt an der Ampel so auf seiner Karre rum, dass er fast umfällt. Der Deutsche trägt anscheinend einen Hoodie und… Jogginghose? Sieht zumindest so aus, und außerdem hängt links und rechts von der kleinen Rennmaschine eine fette Arschbacke herunter. Fast wirkt es, als hätte sich ein Zirkusmensch ein Minimotorrad in die Poritze geklemmt.


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Reisetagebuch Motorradherbst (1): Südwärts

Samstag, 19.09.2020
Gerade nochmal ein wenig Hand an die Motorräder gelegt. Die ZZR ist jetzt abgedeckt und die Vergaser abgelassen, die macht schon Winterschlaf. Die V-Strom dagegen hat noch was vor sich, sie steht mit gepackten Koffern und startbereit da.

Ich wische mit einem Lappen an meinen Händen rum, verteile damit das Öl aber nur noch sorgfältiger. Gott, was freue ich mich, endlich rauszukommen. Die kleine Rundfahrt durch den Osten ist schon wieder drei Monate her, und auch wenn 2020 insgesamt kein Spaziergang ist, waren die letzten Wochen ganz besonders fordernd. Zehn bis zwölf-Stunden Tage, sieben Tage die Woche, keine Verschnaufpause, keine Ruhe.

Es war alles ein Bißchen viel auf einmal: Ein Trauerfall, Beerdigung, Vorstellungsgespräche, Jahresabschluss im Unternehmen, Neuerfinden einer Tagung, das alles neben der normalen Arbeit, und dann natürlich noch die Pandemie – wie hält man einen Laden zusammen, wenn die Mitarbeiter:innen sich alle nicht sehen dürfen und Homeoffice angesagt ist?

Besonders die letzte Woche habe ich viel zu wenig geschlafen, was in ziemlicher Dünnhäutigkeit resultierte. Immerhin, 5 Kilo weniger auf den Rippen, auch gut. Ich habe schlicht an manchen Tagen vergessen was zu essen, an anderen hatte ich einfach keinen Appetit. Ja, es war viel auf einmal.

Die Reise steht unter keinem guten Stern. Seit gestern ist der Stress eigentlich vorbei, und natürlich habe ich seit gestern eine zuhe Nase und huste dauernd. Die oberen Atemwege kribbeln, sicheres Zeichen für eine Infektion. Covid-19? Hoffentlich nicht. Die Fallzahlen gehen gerade wieder überall durch die Decke. Wo vor vier Wochen zwei- bis dreihundert Neuinfektionen pro Tag normal waren, sind es gerade zehn mal so viele, schon über 2.200*. 

Gestern Abend hat sich eine Herberge aus Österreich gemeldet, in die ich will. „Wir werden mit Sicherheit Sonntag oder Montag zum Risikogebiet. Wenn sie dann herkommen, werden die bei der Rückfahrt in Quarantäne müssen“, schrieb die Gastwirtin.

Ich will nicht darüber Nachdenken, ob ich den Coronavirus habe. Vielleicht kommt das Kribbeln in den Bronchien ja einfach davon, dass ich die letzten Tage viel geredet habe, und das in sehr trockenen Räumen. Ja genau, das muss es sein. Und es spielt keine Rolle, ob Tirol Risikogebiet wird. Ich will da ja nicht Ski fahren. Dann  gehe ich halt einfach nicht unter Menschen. So einfach ist das. Positiv denken, und nicht zu weit nach vorne. Ich mache das jetzt einfach, ich muss nämlich hier raus. Dringend. 

Sonntag, 20.09.2020
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker viel zu früh. „Oi Siri, Außentemperatur“, nuschele ich unter der Decke hervor. „Es sind 5 Grad“, entgegnet das iphone. Ich stöhne gequält auf. wo sind die 17 Grad hin, die wir gestern morgen hatten?

Immerhin scheint die Sonne, stelle ich fest, als ich fröstelnd mit einem Becher Kaffee in der Hand auf dem Balkon stehe. Es wird langsam Herbst. Der Apfelbaum hängt schon voller Früchte, aber noch hat er grüne Blätter.

Ich mache mich abreisebereit und brauche dafür genau eine Stunde, dann knipse ich die Sicherungen der Wohnung raus und ziehe die Tür zu. Weg hier!

Trotz 5 Kilo weniger auf den Hüften habe ich Mühe, die ohnehin körperbetont geschnittene Motorradjacke über die Fleecejacke zu bekommen, aber irgendwann habe ich mich hineingewunden und alle Reißverschlüsse zugezogen.

„Wo geht´s hin, Anna?“, frage ich, als ich das Geräusch im Helm vernehme, das bestätigt, dass das Garmin Zumo 590 jetzt mit Motorrad und mir verbunden ist. „Biegen Sie links ab und folgen sie de Straßenverlauf für 660 Kilometer“, sagt meine virtuelle Copilotin. „Das bekomme ich hin“, sage ich, lasse den Motor an und die V-Strom aus der Garage rollen. Karten lesen und dieses Abbiegen nach links oder rechts überfordern mich manchmal, aber einfach nur dem Straßenverlauf folgen, das kriege ich hin. 

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (7): Das Plastinarium

Freitag, 03. Juli 2020, „Fuchsbergklause“ Dresden

Früh und schnell frühstücke ich in der Fuchsbergklause in Klotzsche, dem unappetitlich klingenden Vorort von Dresden, dann bringe ich die V-Strom auf die Straße.

Es geht nach Norden, weg von Dresden und auf Bundes- und Landstraßen durch Waldgebiete. Das hier ist die Lausitz. Schilder weisen den Weg zu Orten wie Bautzen, Bischofswerda, Hoyerswerda oder Cottbus. Wenn diese Namen in den Nachrichten auftauchen, stehen die meist im  direkten Zusammenhang mit Rechtsradikalen, Ausländerfeindlichkeit und Rassismus.

Eine tiefe Verbitterung und Abneigung gegen alles Fremde (und, wenn gerade nichts Fremdes da ist, dann gegeneinander), das scheint in den Menschen hier ganz tief verwurzelt zu sein.

 

Ich erinnere mich daran, dass ich 1987 einen Schüleraustausch mitgemacht habe, zwischen meinem Gymnasium in Bad Gandersheim und dem in Pirna, was direkt vor Dresden liegt. Ich weiß davon nicht mehr viel, die prägendsten Erinnerungen sind aber:

  1. Wie der Lehrer der Austauschklasse sich bei einer Wanderung in die Sächsische Schweiz auf einen riesigen Findling stellte, der bestimmt drei Meter hoch und fünf Meter breit war, und den durch bloße Gewichtsverlagerung ein wenig von der einen auf die andere Seite kippen lassen konnte. „Das ist der legendäre Wackelstein“, proklamierte der Lehrer, „Der ist überall bekannt, der liegt hier seit Tausenden von Jahren und  ist ein Spaß für jung und alt! Von weit kommen die Leute hier her um den  Stein zu wackeln“. Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da gab es ein lautes Knirschen und der riesige Felds brach in der Mitte durch. Der Lehrer guckte fassungslos und trieb uns schnell weiter. Das war das Ende des berühmten Wackelsteins.

     

  2. Wie toxisch sich die Menschen in Pirna verhielten. Ich kannte das Wort natürlich noch nicht, aber die vergiftete Atmosphäre in meiner Gastfamilie, im Ort Pirna und der Schule nahm ich durchaus wahr. Die Toxizität galt nicht mir, der Hass richtete sich an unmittelbare Nachbarn („faules Lumpenpack“), Mitarbeiter und Kollegen („verdammte Fidschis“) und gegen die Nachbarn hinter der Landesgrenze („dumme Polen und klauende Tschechen“). Pirna liegt dicht an der tschechischen und polnischen Grenze, und ich weiß noch, dass ich es völlig seltsam fand, dass der Gastvater erst die Märkte dort lobte, weil er – ganz der clevere Sachse – dort billige Zigaretten und illegales Feuerwerk kaufen konnte, und im nächsten Moment abgrundtiefe Verachtung für die Menschen dort rausrotzte.

Verachtung und vergiftetes Denken, das ist mir noch von Pirna im Jahr 1987 im Gedächtnis. Und es war verbreitet, kein Einzelfall. Als würden die Menschen hier vom Hass angetrieben, so wirkte das auf mich damals. 

Zur sächsischen Gemütshaltung gehört die permanente Vermutung, dass alle anderen einen nur belügen und betrügen, und um den zuvorzukommen, hält man alle anderen von sich weg. Natürlich fühlen sich Teile von Sachsen auch heute, 30 Jahre nach der Wende, benachteiligt. Vertreter der der Lausitz, bspw., gebärden sich gerade so, als würde der Energiewandel nur gemacht, um ihnen persönlich eines auszuwischen, weil Braunkohle hier eine große Rolle spielte. Reste des Tagebaus sind noch überall zu sehen. Aber anstatt sich über die zerstörte Landschaft zu ärgern, sind die Leute hier auch noch stolz darauf.

Wohlgemerkt, der Tagebau SPIELTE eine Rolle, Vergangenheitsform. Schon heute arbeiten nur noch knapp 8.000 Personen in der Branche. Das ist nicht nichts, aber auch nicht so viel, dass es ein ganzes Bundesland in die Politikverdrossenheit führen sollte. Und doch passiert gerade genau das. Die AFD fuhr 2019 mit ihrem Gesellschaftszersetzenden Programm in Sachsen satte 28,4 Prozent ein, und an den Wochenende stehen hier an den Bundesstraßen Reichsbürger, schwenken Reichsflaggen und fordern das Ende der „Diktatur Merkel“. Wenn Deutschland einen „Rust Belt“ hat, dann ist das hier.

Möglicherweise haben die Leute hier alle tief sitzende und kollektive Neurosen. Auf solch einem Grund gedeiht Ausländerhass besonders gut, und das PeGiDA in Dresden seinen Ursprung hatte, wundert mich überhaupt nicht. Vielleicht entspringt dieses Verhalten einer tiefen Unsicherheit, denn diese Region wurden immer mal wieder von dem einen oder anderen Reich erobert. Erst „August der Starke“ gab den Sachsen hier ein wenig Selbstbewusstsein zurück, weshalb er bis heute auf eine fast kindliche Weise angehimmelt und verehrt wird.

In starkem Kontrast zu der Behauptung, von allen vergessen und immer benachteiligt zu sein steht der Zustand der nagelneu wirkenden Straßen und der schnieke herausgeputzten Dörfchen, durch die die v-Strom brummt. Nach gut einer Stunde komme ich in einer Stadt mit zwei Namen an. Mitten hindurch fliesst die Neiße und teilt den Ort in die polnische Hälfte Gubin und deutschen Ortsteil Guben.

Ich halte vor einem großen Fabrikgebäude aus Backstein und stelle die Barocca ab.

Guben war ab der Zeit der Industrialisierung bekannt für seine Tuchfabriken, und das hier ist eine davon. Genauer gesagt: Hier wurden Gubener Hüte produziert, garantiert wasserdichte Wollfilzhüte. „Gubener Hüte – weltbekannt durch ihre Güte“ war vor dem zweiten Weltkrieg ein bekannter Slogan. Im Krieg wurde die Stadt zu 90 Prozent zerstört, nach der Wende ging es wirtschaftlich bergab. Erst 2006 geriet Guben wieder in den Fokus, als ein Unternehmer hier einen Betrieb eröffnen wollte, den er zuvor in China aufgebaut hatte und dessen Ansiedlung ihm in Polen untersagt wurde – wegen Störung der Totenruhe und Leichenschändung.

 

(Achtung, nach dem Klick gibt es Bilder von Störung der Totenruhe, Leichenschändung und Käsekuchen.)

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Reisetagebuch Motorradtour Ost (6): „Ich habe ein Attest!“

Donnerstag, 02. Juli 2020, Jablonec

Untergeschoß der Pension, Eier, Petr.

„Weißt du, früher haben die Kommunisten die Leute verhaftet und in die Fabrik gebracht um arbeiten zu gehen“, sagt Petr und stochert in seinem Ei.

„Was für Fabriken denn?“, frage ich, „was haben die produziert?“ Ich will das ernsthaft wissen. Auf meinen Touren durch Riesengebirge habe ich viele kleine und mittelständische Unternehmen gesehen, große Fabrikanagen aber standen verfallen am Wegesrand.

Petr zuckt mit den Achseln. „Na, so Fabriken halt.“
Aha. Na dann.

Alle Wege führen nach Liberec, der größte Stadt der Region, aber aus Jablonec oder Liberec wegzukommen, das ist gar nicht so einfach. Überall gibt es Straßensperrungen und Bauarbeiten, und eine geschlagene Stunde dreht die Barocca Schleifen über die Dörfer. Immer wieder tauchen Wegweiser auf, die signalisieren, dass wir in Richtung Jablonec fahren statt davon weg, wie in einer billigen Twilight-Folge. Am Ende dauert es über eine Stunde, bis wir den Großraum der Stadt endlich hinter uns haben.

Bild: Google Earth

Der Weg führt nach  nach Westen, Richtung Dresden. Eigentlich ein Katzensprung, aber Anna hat auf meinen Wunsch hin die romantische Route gerechnet. Statt über die gut ausgebauten Schnellstraßen geht es über kleine Landstraßen, durch grüne Alleen und Wälder und immer wieder kleine und allerkleinste Dörfer, die manchmal nur aus zwei Häusern und einem Schuppen bestehen. Für die 180 Kilometer bis nach Dresden brauchen wir so geschlagene vier Stunden, aber: Landschaft!.

Gegen Mittag rollt die Barocca über die Brücken von Dresden in Richtung Innenstadt.


Der Stadtverkehr ist dicht, und die Stadt ist ein krasser Gegensatz zu der entschleunigten Leere des dörflichen Tschechiens in den vergangenen Tagen. Immerhin, auf Anhieb findet sich der zuvor ausgeguckte Parkplatz. Diese Motorradparkplätze direkt am Zentrum von Dresden sind nirgends ausgeschildert, und man muss über einen kostenpflichtigen Autoparkplatz, dann von dem runter und quer über einen Fußweg um sie zu erreichen, aber sie sind praktisch direkt an der Innenstadt und null frequentiert.

Versteckter Motorradparkplatz am Rathausplatz. Bild: Google Earth.


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Reisetagebuch Motorradtour Ost (5): Bond-Bösewicht in Rübezahls Reich

Mittwoch, 01. Juli 2020, Jablonec nad Nisou

Im Erdgschoss der Pension im tschechischen Jablonec im Riesengebirge. Auch heute bin ich in dem großen Gästeraum der einzige Gast. Alle Tische sind leer, die Buffettwagen mit Stofftüchern abgedeckt. Wieder ist die Situation leicht surreal.

Ich setze mich an den Tisch am Fenster, auf dem heute schon ein Krug mit heißem Wasser und einem Strunk Minze drin steht. Kurz darauf kommt Gastwirt Petr mit zwei dampfenden Tellern aus der Küche, stellt einen davon vor mich hin und nimmt dann mir gegenüber Platz. Ich beäuge das Ding auf dem Teller. So ein Ei habe ich noch nie gesehen.

„Heißt „Gelegtes Ei*“, glaube ich, auf Deutsch“, sagt er. Habe ich noch nie gehört. „Wird so mit Essigwasser gemacht und gewirbelt“, sagt Petr. Aha. Sieht interessant aus.

„Weißt Du“, sagt Petr, „das es hier riesige, russische Militärflughäfen gibt? Die nicht mehr benutzt werden und langsam verfallen?“ Ich horche auf. Lost Places! Das ist spannend! „Werden nicht mehr für Flugverkehr benutzt“, fährt Petr fort, „aber sie sind noch da.“ Wo? Wo? Wo? ruft meine Innere Stimme. „Manchmal machen die Russen da komische Sachen“, sagt Petr. „Was denn so?“, frage ich. Petr zuckt mit den Achseln. „Wer weiß? Kommt man ja nicht hin! Ist aber alles abgesperrt und gesichert, also muss es geheim sein.“ Ich bin mild enttäuscht.

Kurze Zeit später brummt die V-Strom über Land- und Dorfstraßen und dann SCHON WIEDER nach Liberec und die Kurvenstrecke hoch. Das ist jetzt das dritte mal in drei Tagen das ich hier lang fahre, aber mein Gott, gibt Schlimmeres als eine tolle Kurvenstrecke mit dem Motorrad zu fahren.

Kurz bevor die Straße auf der anderen Bergseite wieder ins Tal führt biege ich nach links auf eine kleine, aber gute geteerte Straße ab, die in den Wald und den Berg Ještěd hinauf führt. Unterwegs überhole ich Wanderer und Radfahrer, die ebenfalls auf dem Weg nach oben, aber mehr dafür zu leisten bereit sind.

Nach einigen Kilometern erreiche ich einen großen Parkplatz, auf den ich gegen zwei Euro die Barocca zurücklassen kann. Aus den Seitentaschen es Topcase fuddele ich ein winziges Knäuel, das sich zu einem ganzen Rucksack aus Ripstop-Supersil auseinanderfalten lässt. In den Rucksack werfe ich eine Wasserflasche und die Kamera hinein und töffele los, weiter den Berg hoch.

Mein Ziel liegt auf dem Berggipfel, der nur einen Kilometer entfernt ist,  aber 100 Meter höher liegt. Die Steigung ist ganz ordentlich, und mit den dicken Stiefeln, der Lederhose und der schweren Jacke bin ich bald ordentlich am Schnaufen. Aber ich habe das Ziel schon vor Augen, und das sieht aus wie das Hauptquartier eines James-Bond-Bösewichts: Der Fernsehturm Ještěd, der genauso heißt wie der Berg auf dem er steht.

Der Turm stammt aus den 60ern und frühen 70ern, zufällig genau den goldenen Zeiten für absurdes Setdesign in Bondfilmen (vgl. „man lebt nur zweimal“ oder „Feuerball“), und weist eine ungewöhnliche Form auf, die eines Rotationshyperboloiden (ja, das heißt wirklich so!). Der Turm steht auf ca. 1.000 Metern, ist selbst rund 100 Meter hoch und in seinen unteren Stockwerken sind ein Restaurant mit 300 Plätzen und ein Hotel mit 14 Zimmern untergebracht.


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