6.431
Güdn Tach, ich wäre dann auch wieder da.
Drei Wochen war ich mit der Suzuki V-Strom 800, der Morrigan, unterwegs.
Nicht jeden Tag woanders, aber auch nicht gänzlich unambitioniert:
6.431,5 Kilometer im Sattel sind dabei am Ende zusammengekommen.
Die Krökeligkeit dieser Tour erklärt sich aus der Entstehungsgeschichte. Irgendwann im vergangenen Winter guckte ich auf ein Bild eines der fantastischsten Gebäude, die es auf diesem Planeten gibt: Das Guggenheim Museum in Bilbao.
Immer wenn ich das Ding angucke, gibt es ein komisches Geräusch, und dann sehe ich mich irritiert um und merke: Ach, das Geräusch habe ich ja gemacht! Ein tiefes Seufzen, die Verkörperung von “Das würde ich ja mal gerne in Echt sehen”.
Tja, und dann platzte der trotzige Gedanke rein: Wenn Du das so gut findest, warum fährst Du da da nicht einfach mal hin?
Nun, weil es gute Gründe dagegen gibt.
Spanien ist einfach forking weit weg, man braucht mit dem Mopped allein drei Tage, um dort hinzukommen. Schlimmer aber: Zwischen Deutschland und Spanien liegt -ausgerechnet!- Frankreich.
FRÜHER fuhr der Autozug von Hildesheim, was bei mir um die Ecke liegt, nach Narbonne an der spanischen Grenze. DAS war super – es hat Reifen und Motor geschont, man war in 13 Stunden im Süden und man musste sich nicht mehr mit Frankreich abgeben als unbedingt nötig.
Dementsprechend beliebt war der Autoreisezug: Ausgebucht mindestens 12 Monate im voraus, obwohl die Tickets arschteuer (bis zu vierstellig) waren. Ist klar, was passiert ist, oder? Richtig: Die Bahn hat das Angebot eingestellt. Offizielle Begründung “mangelnde Rentabilität”, ich denke: Alexander Dobrindt. Der war zu dem Zeitpunkt Verkehrsminister und hat neben der episch verkackten Autobahnmaut auch die Bahn so unattraktiv wie möglich gemacht.
Anyhow, ich bin also auf die altmodische Art nach Spanien gefahren, und das war kein Spaß: Los ging es bei Temperaturen von drei Grad und im strömenden Regen, der dann auch bis Spanien nicht mehr aufhören wollte. Im Gegenteil, auf meiner Strecke war sogar Schnee angesagt. Mitte Mai! Wenn man im Helm die eigenen Zähne laut klappern hört, ist das Spaßpotential beschränkt.
Vor lauter Erleichterung, es trotzdem bis nach Spanien geschafft zu haben, ließ ich die Suzuki dann erstmal stehen und fuhr Zug…
…und schaffte es zum Objekt der Begierde:
Und ich ging zu Fuß. An sehr coole (6 Grad) Orte, an denen es (manchmal) auch nicht geregnet hat.
Ein als mondän angepriesener Badeort entpuppte sich dann als 360 Grad-Familienabzockparadies inkl. knallbunter Eisbuden wo “Gelatti” (SIC!) verkauft wurde, mit angeschlossenem Dauerrummelplatz und Touristenfressmeile.
Schauderhaft.
War natürlich in Frankreich.
Die nächste Idee war dann: Wenn schon Frankreich, warum dann nicht die Route de grandes Alpes mit dem höchsten Straßenpass Europas fahren?
Die Idee an sich war super, scheiterte aber an den Franzosen. “Nononon, Monsieur, wir ma´hen den Colle d´Isserain noch nöcht auf, es ist noch nicht der zweite Samstag im Juni um 10:00 ´Ühr”.
Na, dann halt nicht.
Überhaupt, die Franzosen: Beziehen viel Öl aus dem nahen Osten, deckeln aber die Benzinpreise der staatlichen Tankstellen auf 1,99 Euro pro Liter für alles außer Tiernahrung. Die Folge: Niemand spart Sprit, alle fahren weiter als wäre nichts. In manchen Regionen gab es an bis zu einem Viertel der Tankstellen Engpässe. Meist war Diesel ausverkauft, manchmal gab´s aber auch kein Benzin. Und manchmal gab´s einfach keine Tankstelle, auch das passiert in diesem bemerkenswert schlecht organisierten Land.
Immerhin bin ich auf den Mont Ventoux gekommen. Der hat auch ne hybsche Aussicht.

Immer nice ist auch die Gorge du Verdon.

Auch Clèmentines “Große Scheune” steht noch, ein gigantisches Bauwerk, in das im Inneren Plattformen und kleine Zimmer, wie Kästen, hineingebaut sind.
Weil ich dann gerade ohnehin in der Nähe war, habe ich noch auf einer anderen Farm vorbeigeschaut. In Italien.
Was man im Mai eigentlich nicht tun sollte, denn in der Region Emilia-Romagna gab es in den vergangenen Jahren immer wieder heftige Fälle von Grandine.
Das ist Hagel, aber auf Steroiden. Auf Grund des wärmeren Meereswasser fallen im Mai gerne von Rimini bis in die Berge südlich von Mailand tennisballgroße Eisklumpen aus dem Himmel.
DAS ist mein Superalbtraum – mit dem Mopped unterwegs sein, und plötzlich passiert sowas. Regen? Kann ich. Aber Meteore aus Eis?
Nun, ich WAR mit dem Mopped unterwegs, als es mich nun tatsächlich erwischt hat.

Glücklicherweise aber auf einer gewissen Farm, und ich konnte die Morrigan schnell unter eine Tetta, ein Vordach, schieben, so dass sie keinen Schaden nahm.
Das erzählte ich wenig später stolz einer gewissen Farmerin, die mich dann lachend darüber aufklärte, dass ich die Suzuki wohl hoffentlich unter ein “Tetto” verbracht hätte. Eine “Tetta” ist nämlich ein weibliches sekundäres Geschlechtsmerkmal, und eine Tetta von der Größe, dass ein ganzes Motorrad darunter passt, das wäre, nun, beeindruckend.
Ach, ich und Sprachen.
Wie auch immer, der Regen kam und ging erstmal nicht wieder weg. Giulie erklärte daraufhin spontan Regen-Watching und Schneckchen sammeln (und in Sicherheit tragen) zu offiziellen Sportarten, und die Leutchen im Ort freuten sich darüber, dass ihr Dorf nun auch am Meer lag. Nebenbei wurde ich häufig gefragt, wann ich wohl wieder abreisen würde.
Der Rückweg nach Deutschland war dann durchaus interessant, denn ausgerechnet an dem Tag, an dem ich ENDLICH Varatweety von maedchenmotorrad.de hätte treffen wollen, wurde der Brenner gesperrt.
Tiefes Verständnis für die Anwohnenden des Wipptals, die unter Lärm und Feinstaub leiden und dagegen demonstrierten. Ihr Protest ist mehr als berechtigt, führt aber dazu, dass das Treffen mit Varatweety wieder nicht klappte, denn sie lebt hinter dem Reschenpass, der als Ausweichroute zum Brenner völlig überrannt wurde. Ganz Tirol erwog Einreiseverbote, und selbst die Tauernautobahn warnte vor Stau durch Überlastung.
Ich schlich mich dann tatsächlich über eine Kopfsteinstraße über die Alpen: Die Tremola, die alte Gotthard-Passtraße. Dort war ich quasi alleine.
Es gab nur ein weiteres Problem: Rund um den Gotthard herum ist die Schweiz. Wirft man der nicht sein Betriebsvermögen oder Spendernieren in den Rachen, darf man weder Autobahnen fahren noch menschenwürdig übernachten.
Mit den superstrengen Tempolimits von meist 80 km/h habe ich keine Schmerzen, aber das tatsächliche Durchschnittstempo von 25 km/h ist unerträglich und sorgt vermutlich im Nachgang für einen oder mehrere Strafzettel.
Das ist aber nichts gegen die unfassbare Wurstigkeit schweizer Hoteliers! Für eine ordentliche dreistellige Eurosumme gibt´s halt nur das unisolierte Dachzimmer mit besenschrankgroßem Gemeinschaftsklo. Während in der Etage drunter selbst die Flure klimatisiert waren, bin ich vor Hitze in dieser Sauna fast gestorben. Schlafen war da nicht drin, zumal die Leuchtreklame vom Dach taghell durchs Fenster strahlte.
Dagegen ist Deutscheautobahn fast entspannend gewesen, auch wenn – natürlich! Zehn Kilometer vor zu Hause das hier passierte:
Und ja, ich bin da mitten reingeraten, in Starkregen und Sturm. Aber die Morrigan segelt durch so ein Wetter einfach elegant hindurch und ist auf ihren zwei Rädern viel souveräner und sicherer unterwegs als die meisten Autofahrer.
Die V-Strom und ich, wir haben halt mehr Übung mit Regenfahrten.
Apropos: Die Reifen. Die haben jetzt rund 14.000 Kilometer runter, bestimmt die Hälfte davon Autobahn und ansonsten Pyrenäen- und Alpenasphalt. Trotzdem haben sie noch Klebekraft bei Regen und das Profil ist mit 4mm hinten und 3,5 vorne (Neu: Hinten 8,5mm, vorn 5mm) noch bemerkenswert gut. Kann ich nur empfehlen, die Metzler Tourance Next 2.
Jetzt muss ich erstmal eine neue Suzuki-Werkstatt finden, denn die Morrigan hat sich neue Reifen und eine Durchsicht redlich verdient. In den vergangenen 26 Monaten haben wir 30.000 Kilometer abgerissen – und das ohne Panne, ohne Unfall. (Über die Sache mit dem Bremsscheibenschloss sprechen wir nicht).
Das ist auch schonmal was.
Ausführlich gibt es diese Stories dann natürlich im Reisetagebuch, aber das dauert noch bis zum Spätherbst – jetzt hat mich erstmal der Alltag wieder mit seinen großen Sorgen und den vielen Dingen, die Aufmerksamkeit erfordern.
2025: 5.420
2025: 7.851
2023: 6.142
2023: 5.853
2022: 5.679
2022: 6.338
2021: 7.306
2020: 5.575
2019: 8.124
2018: 6.737
2017: 5.908
2016: 6.605
2015: 5.479
2014: 7.187
2013: 6.853
2012: 4.557



















































































