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Archiv der Kategorie: Reisen

Reisetagebuch Motorrad 2017 (3): Ölspurensucher für ein Motorradgespenst

Im September 2017 ging es mit der V-Strom 650 auf Tour. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Geister, funkensprühende Aufsetzer, generelle Unlust und die Taufe eines bis dato namenlosen Motorrads.

Die Konferenzgäste stehen in kleinen Grüppchen in einem Wald und unterhalten sich. Es ist Nacht und dunkel, aber die Gäste scheinen gar nicht zu merken wie absurd das ist – warum sind die nicht in am Konferenzort? Ich laufe auf eine Gruppe Gäste zu um sie zum richtigen Ort zu geleiten, als es hinter mir knackt. Ich drehe mich um und sehe, wie etwas auf mich zugerast kommt. Ich renne los, weiche Bäumen aus und stolpere über Büsche. Dann schrecke ich hoch.
Nur ein Traum. Es rauscht. vermutlich hat die Nachbarin von oben wieder ein nächtliches Bad genommen und lässt gerade das Wasser ab. Wie lange noch, bis ich aufstehen und zur Arbeit muss?

Montag, 18. September 2017, Collagna, Italien

Wieder sickert nur ganz langsam die Erkenntnis in mein Bewusstsein: Ich muss heute gar nicht zu Arbeit. Und das hier ist auch nicht meine Wohnung. Ich bin nicht zu Hause, sondern 1.200 Kilometer entfernt in einer Blockhütte auf einer Forellenfarm. Das Rauschen ist das vom Wind in den Bäumen, nicht das Badewasser der Nachbarin.

Ich rutsche halb und falle mehr aus dem Bett und tappe ins Bad. Es ist erst kurz nach sechs. Offensichtlich fällt mir die Entspannung sehr schwer, anders ist das dauernde Träumen von der Arbeit und die kurzen Schlafphasen nicht zu erklären. Nach einem Tag wie gestern, an dem ich es bei schlimmsten Wetter über die Alpen geschafft habe, hätte ich erwartet, dass das Hirn andere Dinge zu sortieren hat. Stattdessen spielt es mir im Traum Gespräche mit Arbeitskollegen vor, über Dinge, die lange erledigt sind.

Ich lüpfe den Vorhang an der Tür. Ja, die V-Strom steht immer noch draußen und mit der Nase fast im Zimmer.

„Guten Tag, ich würde mit Ihnen gerne über Motorräder sprechen.“

Es regnet nicht, es stürmt nur. Der Wind reißt wir irre an den Bäumen. Ich lege mich nochmal ins Bett und mache die Augen zu, da höre ich, wie neben mir ein Schlüssel im Schloss gedreht wird und sich jemand räuspert. Ich bleibe still liegen und lausche ins Dunkel.

Ich bin nicht erschreckt, ich weiß, was das ist. Als ich am Vorabend gefragt hatte wo das Frühstück serviert wird, hatte Nicoletta auf eine Tür am Ende des Zimmers gedeutet und gesagt „einfach da durch“. Mein Blockhüttenzimmer ist keine richtige, alleinstehende Hütte, sondern hat eine Verbindung zum Haupthaus.

Gestern Abend hat keiner der drei Schlüssel, die sie mir gegeben hat, diese Tür geöffnet. Ich wette, jetzt ist das anders.

Trotzdem bleibe ich noch ein wenig liegen und genieße die Bettwärme, die sich wie ein Kokon um mich legt und das Rauschen des Sturms noch gemütlicher macht. Um kurz vor acht packe ich dann meine Sachen, ziehe mich an und probiere die Schlüssel. Jetzt lässt sich einer im Schloss drehen, die Tür geht auf und ich stehe in einem fantastischen Frühstückszimmer.

Sechs Tische für je vier Personen stehen darin, eine Wand wird von einem großen Panoramafenster eingenommen, dass auf die Berge hinausblick. Daneben ist das zweitgrößte Süßes-Frühstück-Buffet aufgebaut, dass ich je gesehen habe. Harte Kuchen mit Konfitüre in 5 Ausführungen, 10 Variationen Kekse, süßer Zwieback, mit Nutella garnierte Törtchen… ein Diabetiker würde allein beim Anblick dieses Tresens einen Zuckerschock bekommen.

Hinter dem Tresen steht eine mollige Frau unbestimmbaren Alters und guckt mich an wie eine Eule. Italien produziert ja einen nie versiegenden Strom an Eulenfrauen, und die hier ist ein Prachtexemplar. „Moin“, sage ich auf italienisch, dann mache ich große Augen und lobe die Auswahl des Süßtresens als fantastisch und so noch nie dargewesen. Die Dame atmet hörbar auf. Sie hilft hier nur aus, weil Nicoletta die Kinder zur Schule bringt, erklärt sie, und hatte befürchtet, dass sie mit mir englisch reden müsste. Nee, muss sie nicht. Das bricht das Eis, sie lächelt und fragt, was ich trinken möchte. Espresso, natürlich. Ich muss heute noch weit fahren und habe keine Zeit und keine Lust auf Pinkelpausen.

Aus dem Kariessortiment suche ich mir was aus von dem ich hoffe, dass es mit Pudding gefüllt ist. Italiener haben es drauf Sachen fluffig und locker aussehen zu lassen, aber meistens sind die Kuchen oder das Brot dann hart wie Stein. So mögen sie das, ich nicht. Jetzt lande ich aber einen Volltreffer, das Ding, das ich zum Tisch getragen habe, ist voller Vanillepudding. Geil.

Die Frau guckt mich an und fragt „sind sie mit dem Motorrad unterwegs“? Ich nicke. „Dummes Wetter dafür“, sagt sie. Ich muss grinsen, denn sie vermeidet anscheinend echte Schimpfwörter. Ich finde das niedlich. Sie guckt aus dem Fenster, vor dem die Bäume vom Wind nach links und rechts gepeitscht werden. Sieht ein wenig aus als ob sie rumhampeln. Wie weiland der singende Busch in „Drei Amigos“: Beim Gedanken an die Szene muss ich grinsen. Vielleicht bringen die Bäume draußen ein Ständchen, und wir hören es nicht, weil das Fenster schalldicht ist?

„Der Sturm ist heftig“, sagt die Frau und wieder finde ich ihre Wortwahl niedlich, denn sie sagt wörtlich „Der Wind ist wütend“.
„Ja“, mümmele ich zwischen zwei Bissen, „Aber wenigstens regnet es nicht“.

In diesem Moment fängt es an zu regnen.
Als hätte jemand vor dem Panoramafenster eine Dusche angestellt.
Ich schließe die Augen und bin leicht genervt.

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Verfasst von - 18. November 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour 2017 (2): Twin Peaks-Forellen

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute: Fahle Leichentücher, Fische an ungewöhnlichen Orten und Probleme mit… der Lichtmaschine?

Die Konferenz ist in vollem Gange. Gerade ist Kaffeepause. Ich sehe meine Kolleginnen und Kollegen unter den Gästen. Warum fällt niemandem auf, dass es keinen Kaffee gibt? Ich laufe durch die Lobby. Wo ist die Cateringcrew? Wo sind die Kellner? Ich sehe an mir herunter und erschrecke, als ich merke, dass ICH der Kellner bin. Stimmt ja! In meiner Hand ist plötzlich ein leeres Tablett. Es ist Kaffeepause, und ich habe vergessen Kaffee zu kochen. Zweihundert Leute werfen mir wütende Blicke zu an und schütteln tadelnd die Köpfe.

Ich wache mit klopfenden Herzen auf. Zum Glück nur ein Traum. Ich blicke auf die Armbanduhr. Kurz nach 6, viel zu früh. Bis ich zur Arbeit muss kann ich noch eine Stunde schlafen. Ich drehe mich um und lausche ins Dunkel.

Dann schrecke ich hoch. Was ist das für ein Geräusch? Das gehört hier nicht her, in meiner Wohnung gibt es nichts, was so ein Geräusch macht. Und dann fällt es mir wieder ein. Das hier ist nicht meine Wohnung. Ich bin unterwegs. Ich bin auf Motorradtour!

Sonntag, 17. September 2017, Sölden im Ötztal, Österreich

Ich schlafe tatsächlich nochmal ein, bis um 7:30 Uhr der Wecker quengelt. Im Bad glotzt mich wieder das müde Tränentier an. Man, muss ich fertig sein, wenn ich nach einem SO langen und aufregenden Reisetag wie gestern nicht davon, sondern von Konferenzen und Meetings und Arbeitssmalltalk träume. Irgendwie fehlte in diesem Jahr bislang die Zeit die natürliche Schutzschicht ums Hirn wieder zu erneuern. Wenn die Wände zu dünn werden, sickern Dinge in tiefe Regionen des eigenen Selbst, die da nicht hingehören.

Ich packe mein Kram zusammen und schmeiße mich schon in komplette Motorradmontur, dann trete ich auf den kleinen Balkon hinaus. Das Zimmer war gut beheizt, draußen ist es arschkalt, vielleicht drei Grad.

Ich gehe hinunter zum Frühstücksraum. Die Wirtin kommt herbeigewuselt, eine schlanke, sportliche Mittvierzigerin. „Ich hab ihnen da schon den Fernseher angestellt“, sagt sie. Tatsächlich, es läuft ein Lokalsender. Sölden-TV oder so, bringt nur Werbung lokaler Geschäfte und Infos über das Skigebiet. Oder, wie jetzt, das Timmelsjoch.

Gestern hatte Frau Wirtin noch gefragt wo ich hin wolle. Zum Brenner, hatte meine Antwort gelautet. „Sie wissen aber schon, dass hierherobn das Timmelsjoch ist, das sind´s viel schneller in Italien“. Klar weiß ich das. Deshalb hatte ich hier die Unterkunft gebucht. Morgens auf´s Motorrad und los geht´s, Berg hoch, übers Joch und schon in Meran. Wird nur nix draus, seit einer Woche steht das Wetter auf Schneefall, und heute Morgen schneit es wirklich. Sölden TV zeigt die Bilder der Webcams vor Ort und bestätigt, was die Wetter-App mir schon gesagt hat.

„Habens schon gesehen? Da herob´n geht heute nix, oder?“, sagt Frau Wirtin. „Nee, da geht nix“, sag ich und nehme noch einen Schluck Espresso. „Wollens´ nicht richtigen Kaffee?“, fragt sie. „Nein, danke, ich mag Espresso“, sag ich. Stimmt auch. Und der andere Vorteil von Espresso: Man muss danach nicht soviel auf´s Klo. Das ist wichtig heute.

Nach dem Frühstück bringe ich die Koffer zum Motorrad, dass die Nacht in der Garage neben dem Haus verbracht hat. Sicher steht die V-Strom da. Ich klippe die Koffer an, dann kehre ich zu meinem Zimmer zurück und lege sorgfältig mehrere Schichten Kleidung an. Die Merinounterwäsche und die Fahrerkombi trage ich ja schon, jetzt kommt darüber noch der Nierenprotektor und darüber die Regenkombi. Bis ich mich hineingewunden habe und alles sitzt bin ich schweißgebadet. Verschwitzt raus in die Kälte ist eigentlich nicht gut, aber ich mache mir keine Sorgen. Der Merinokram leitet Schweiß vom Körper weg, die restlichen Kleidungsschichten haben Membranen und sind atmungsaktiv. Die Gefahr sich zu verkühlen ist echt minimal.

Ich fahre die Suzuki rückwärts aus der Garage in den strömenden, kalten Regen und starte den Motor. Sofort röhrt der V-Twin auf, dann geht es hinaus auf die Straße.


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Verfasst von - 10. November 2017 in Motorrad, Reisen

 

Impressionen eines Wochenendes (17-2): Dudeltown City

Duderstadt ist Eichsfeld, eine radikal-katholische Enklave mitten im protestantischen Südniedersachsen. Dank des Otto-Bock-Konzerns geht es der Stadt gut, und das sieht man: Die Innenstadt ist hübsch und gepflegt, und neue, von Hans-Georh Näder gesponsorte, Museumsbauten verbinden Mittelalter und Moderne. Wie das Schützenmuseum, das von einem mittelalterlichen Fachwerkhaus in ein goldblitzendes Metallobjekt übergeht, in dem man eher ein Guggenheim erwarten würde.

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Verfasst von - 7. November 2017 in Reisen

 

Impressionen eines Wochenendes (17): Kunsthalle HGN „Mit offenen Augen – Die Welt der 50er“

Duderstadt ist mitten im Eichsfeld, einer strukturschwachen, radikal-katholischen Enklave zwischen dem protestantischen Südniedersachsen und Thüringen. Duderstadt ist ein hübsches Städtchen mit einem mittelalterlichen Kern. Vor allem ist es eine Stadt mit einem Mäzen: Hans-Georg Näder ist Inhaber und Leiter des Otto-Bock-Konzerns, Milliardär und Kunstliebhaber. Ihm liegt Duderstadt am Herzen, weshalb er regelmäßig mit Bevölkerung und Politik Zukunftspläne erarbeitet und die – sofern sie tragfähig und nachhaltig sind – finanziert.

Näder lässt die Region gerne an dem teilhaben, was er besitzt. Er hat eine eigene Kunsthalle gebaut, die über Duderstadt blickt und in der regelmäßig Ausstellungen aus seinen Sammlungen gezeigt werden. Der Eintritt ist kostenlos. Im Vorgarten steht ein Chevrolet Bel Air, ein Traum in Mintgrün, und stimmt schon mal auf die USA in den 50er Jahren ein.


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Verfasst von - 6. November 2017 in Reisen

 

Reisetagebuch Motorradtour 2017 (1): Komm´, wir fahr´n ins Ötzi-Land!


Nachdem der Versuch einer Motorradreise im Juni spektakulär gescheitert ist, unternimmt Herr Silencer im September einen neuen Anlauf. Erstaunlicherweise fehlt die Lust auf Urlaub, und verreisen will er auch nicht. Das Schnee angesagt ist, ist nur einer der Gründe.

Samstag, 16. September 2017, Mumpfelhausen bei Göttingen.

Schon vor dem Weckerklingeln bin ich wach. Wieder schlecht geschlafen, wieder wirre Träume. So geht das schon seit Wochen. Kaum eine Nacht mehr als fünf, sechs Stunden Schlaf, dafür lange Arbeitstage und durchgearbeitete Wochenenden. Selbstausbeutung. Aber ich weiß wofür ich das tue und das es gut ist. Und ab heute ist Urlaub.

Ich tappe ins Bad und sehe mich im Spiegel an. Ein sehr weißes, verquollenes Etwas blickt zurück. Ich sehe müde aus. Die letzten Wochen haben ihren Tribut gezollt, und zu viele Essenstermine und wenig Zeit und Muße für Sport haben mehr als die normalen 5 Kilo zu viel auf den Rippen hinterlassen. Ich bin ziemlich am Ende mit der Bereifung, nervlich und körperlich. Ein Hustenanfall lässt die Wände wackeln. Werde ich jetzt auch noch krank? Die letzten Tage habe ich auf einer Konferenz mit Dutzenden von hustenden und schniefenden Leuten verbracht.

Ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht, dann eine halbe Tasse löslichen Kaffee und der Blick aufs Thermometer. Draußen sind gerade mal 5 Grad. Will ich wirklich daraus? Ich hab ein ganz ganz schlechtes Gefühl. Wann bin ich das letzte Mal gefahren, als es so kalt war? Früher, mit der Honda, da galt die Faustregel: Bis fünf Grad geht´s, alles darunter wird schmerzhaft. Nun, das ist 20 Jahre her. Seitdem ist die Schutzkleidung besser und wärmer geworden. Aber meine Knochen älter.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich gerade gar keine Lust weg zu fahren. Keine Lust auf Urlaub. Eine Motorradreise ist anstrengend und fordernd, und ich bin gerade einfach nur müde. Die Welt soll mich in Ruhe lassen, ich will mich einfach wieder in mein warmes Bett kuscheln. Der Gedanke ist verlockend: Einfach hier bleiben, drei Wochen lang die Raufasertapete angucken und bloß nicht aus dem Haus gehen. Wirklich verlockend.

Drei Wochen unter der Kuscheldecke, das wär´s jetzt.

Während ich diesen Gedanken nachhänge gucke ich aus dem Küchenfenster in den grau-kalten Morgen, der sich mehr nach November als nach September anfühlt.
Hier bleiben. Nichts tun.
Das sollte ich machen.

In genau diesem Moment kommt die Sonne raus. Gleich wirkt die Welt etwas energiereicher. Ich horche tief in mich hinein, aber da ist immer noch keine Urlaubslust. Kein Reisefieber. Keine Vorfreude auf neue Orte und Menschen. Da ist nichts, was mich antreiben würde. Ich spüre nur Leere.

Lediglich ein fernes Echo deutet eine Vermutung von Fernweh an. Ich konzentriere mich auf dieses Echo, aber es wird nicht stärker. Ich habe in den letzten Monaten alles gegeben, und jetzt ist nichts mehr in mir. Hier bleiben. Nichts machen.
Einfach ins Bett legen und drei Wochen pennen.

Dann bricht eine meiner weniger guten Charaktereigenschaften durch. Ich werde ungeduldig, mit mir selbst. Ich verliere die Geduld mit dieser waschlappigen Rumjammerei, die mich gerade befallen hat. Selbst wenn dieses ferne Echo nur eine Vermutung von Fernweh ist, warum gehst Du dem nicht nach? Und zwar JETZT. Was sollen diese Gedanken an ein Absagen der Reise? Du wirst ohnehin fahren, früher oder später, also krieg den Hintern hoch und mach Dich auf den Weg! Jetzt!

Ich ziehe langsam die Motorradklamotten an und mache die Wohnung abreisefertig.

In der Garage unter dem Haus steht die V-Strom, vollgetankt und mit gepackten Koffern. Seit Tagen schon.


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Verfasst von - 4. November 2017 in Motorrad, Reisen

 

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Frühere Teaser:

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Verfasst von - 1. November 2017 in Motorrad, Reisen, video

 

Moppedzubehör: Gold vs. Mist

Ich hatte an der V-Strom ja so einiges dran- und umgebastelt. Dinge, die ich für sinnig und angebracht hielt. Am Saisonende ist jetzt die Zeit mal zu evaluieren: Was hat gut funktioniert, was nicht? Was hat mich glücklich gemacht, was hat am Ende mehr genervt als genutzt?

Ich bin kein Freund von überflüssigem Nervkram. Was sich nicht bewährt, wird gnadenlos entsorgt oder radikal geändert, denn: „Ain´t nobody got time for that“. Die gute Nachricht: Der Großteil der Sachen tut einfach wie er soll und wie erwartet, aber es gab ein paar Dinge, die unerwartet viel besser oder schlechter sind als gedacht.

Flops

Flop-Platz 3: Givi Trekker Koffer
Lange hatte ich mit den „Trekker“-Koffern von Givi schon geliebäugelt, und nach dem Unfall stellte mir die Versicherung so welche vor die Tür. Freude! Aber nicht lange.

Stellt sich nämlich raus, dass die Dinger irre breit sind – und noch schlimmer: Irre schwer. Der kleine Koffer wiegt leer 5 Kilo, der große 6 Kg. Klar, die sind robust gebaut und haben doppelte Scharniere im Deckel, das kostet Gewicht. Leider geht das auf Kosten der Zuladung. Der Träger am Motorrad möchte maximal mit 12,5 Kilo pro Seite behängt werden. Links ist schon die Tooltube mit 1,5 Kilo, dann der Koffer mit 6 Kg, bleiben also gerade mal 5 Kg Zuladung. Bisschen wenig, ich bräuchte 8kg. Außerdem muss ich das zusätzliche Gewicht ja auch schleppen, abends zur Unterkunft und wieder zurück.

Nee, da habe ich mir lieber alte, gebrauchte E45 gekauft. Die wiegen nur 3 Kg und halten es auch aus, wenn ein ganzes Mopped auf sie drauf fällt (für sie getestet). Was ich nun mit dem 33 und dem 46 Trekker mache? Weiß ich noch nicht. Zum Verkaufen finde ich sie zu cool, aber ich sehe bislang nicht wann und wie ich sie nutzen sollte.

Flop-Platz 2: Seitenständer
Durch die Tieferlegung der Maschine um 3 cm musste der Seitenständer um 2 cm gekürzt werden, außerdem wollte ich gerne eine Standfußverbreiterung von SW-Motech nutzen. Hat beides nicht funktioniert: Die Kürzung war zu zaghaft, dadurch stand die Maschine zu aufrecht und drohte bei leichtester Abschüssigkeit des Untergrunds nach rechts, insb. mit Gepäck, umzufallen. Ich musste dauernd nach links abschüssige Halteplätze suchen oder eine Kuhle in den Boden scharren, damit die Kiste sicher stand. Und auf der Rückfahrt, als ich in diesen Orkan geriet, drohte der Wind die Maschine bei Pausen umzupusten. Eine Katastrophe, sowas.

Die Standfußverbreiterung hat es geschafft Riefen in den Boden zu kratzen – auch in Stein und Beton. Keine Ahnung wie das geht, das Teil ist nämlich nur aus Alu, da hätte ich gedacht, dass das weicher ist als Stein. Vermutlich hat der falsche Winkel das ausgelöst. Einige Gastgeber waren mit Sicherheit nicht amused darüber, dass ich auf ihren Parkplätzen Kratzer hinterlassen habe.

Ist schon geändert. In der Werkstatt wurden nochmal 1,5 Zentimeter vom Seitenständer entfernt (was m.E. nicht den nötigen Effekt gebracht hat, aber wir werden sehen). Und die Verbreiterung wurde abgeschliffen und im Winkel angepasst. Damit sollte sich das erledigt haben.

Flop-Platz 1: Unterfahrschutz
Der handgeschweißte, tschechische Unterfahrschutz war so ein Ding, von dem ich dachte: OK, kann cool sein, kann auch Mist sein.
Ist Mist, zumindest an meiner V-Strom. Das liegt an zwei Dingen.

Grund 1: Vibrationen. Ab 5.000 Touren war das Ding am Dröhnen wie sonstwas. Bei der Drehzahl erreicht der Auspuff seine Resonanzfrequenz und schlägt gegen den Motorschutz. Ich hatte schon Unterlegscheiben drunter gepackt um den Abstand zu erhöhen. Hat aber nichts gebracht, der Auspuff hat eine regelrechte Delle ins Alu vibriert:

Grund 2: Aufsetzen. In engen, abschüssigen Kehren setzen allen Ernstes die hinteren Ecken des Unterfahrschutzes auf der Fahrbahn auf. Das ist doof und gefährlich. Deshalb trenne ich mich jetzt von dem Teil, auch, wenn es tatsächlich zwei Mal auf der letzten Fahrt den Motor vor Treffern durch herumfliegende Metallteile/Steine geschützt hat. Das ist aber nicht den Preis geringerer Bodenfreiheit wert. Vermutlich ist das übrigens nur ein Problem MEINER V-Strom, wegen der Tieferlegung, wissen schon. Schade. Ist die größte Enttäuschung. Ich fand das Teil cool, aber wenn es keinen Nutzen hat, weg damit. Mein Mopped soll nicht cool aussehen, es soll funktionieren.

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Top3:
Es gab aber auch Dinge, die mich sehr glücklich gemacht haben.

Platz 3: Givi-Sturzbügel
Was soll ich sagen? Er funktioniert. Beim Unfall ist das komplette Mopped darauf gelandet und über den Asphalt gerutscht, und das Ding hat nur einen Kratzer abbekommen. Ich hätte erwartet, dass er sich bei der Belastung auch verbiegt, aber: Nada, dass Ding ist keinen Zentimeter verformt. Sowohl die Verkleidung als auch der Tank – und vor allem mein Bein! – wurden perfekt geschützt.

Patz 2: Bikers Dream Luftpumpe
Dieses kleine Ding macht mich echt glücklich: Eine Luftpumpe! Und eine winzig kleine noch dazu! Luft ist nämlich, anders als man immer denkt, nicht immer und überall an jeder Tankstelle vorhanden. Zumindest nicht im Ausland. An vielen Tankstellen jenseits der deutschen Grenze gibt es gar keine Luft, und wenn es doch Luftstationen gibt, kostet das Geld oder die Luftautomaten sind kaputt. Meistens ist beides der Fall. Oder die Ventilenden passen nicht. Oder man kommt mit dem Stab oder Rüssel nicht ans Ventil am Reifen. Oder irgendein anderer Kram nervt. Generell ist nie Luft vorhanden wenn man gerade welche braucht.

Die Luftpumpe von Bikers Dream ist aus Alu und sehr leicht, total klein und das Meßgerät daran ist recht genau. Auf den ersten Blick wirkt sie wie ein Spielzeug, aber das täuscht: Der Hub ist sehr ordentlich, das Ding schafft was weg. Fünf Mal Treten entspricht ca. 0,1 Bar, damit ist selbst die Befüllung eines ganzen Reifens kein Ding der Unmöglichkeit.

Zusammengelegt:

Anders als ein kleiner Kompressor, wie ihn manche Tourenfahrer mit sich führen, braucht die Pumpe keinen Strom und ist – auch nicht ganz unwichtig – quasi lautlos. Sehr geiles Ding und vom Volumen her mit 17x8x8 cm kaum größer als die Sammlung Pressluftpatronen aus dem Reifenset, die es nun ersetzt. Das Gewicht von 600 Gramm (inkl. Adapter) ist im Reisegepäck auch verkraftbar.

Wertig und praktisch ist auch der CNC-gefräste Adapter. Mit dem großen goldenen Rändelrad schraubt man ihn auf das Reifenventil, mit dem kleinen roten öffnet man es. Das heißt: Kein Luftverlust beim An- und abdocken, es macht nicht Zisch.

Den Adapter habe ich jetzt immer unter der Sitzbank, der leistet in Deutschland nämlich auch an Tankstellen gute Dienste: Draufschrauben, schon hat man keine Probleme mehr mit der Zugänglichkeit des Rüsselteils oder Stabs der Luftstation.
Pumpe und Adapter sind deutsche Liebhaberqualität, käuflich zu erwerben auf http://www.bikersdream.de oder bei Louis oder Polo.

Platz 1: Sitzbank von Designwerkstatt Schmidt
Mir war vollkommen klar, dass eine Sitzbank mit Geleinlagen gut für Hintern und Rücken sein würde. Das die in Kombination mit der aufrechten Sitzhaltung aber SO toll werden würde, hatte ich nicht geahnt. 700 Kilometer am Stück lässt sich damit fahren ohne auch nur die leichteste Verspannung. Meine extremste Etappe waren 1.065 Kilometer am Stück – und am nächsten Tag hatte ich keinen Muskelkater. Meister Bernhard hat genau den Sweetspot getroffen, sowohl was die Härte der Polsterung als auch die Position des Übergangs, die Höhe und die Breite angeht. Rutschfest, haltbar, ergonomisch – beste Investition bislang!

 
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Verfasst von - 24. Oktober 2017 in Motorrad, Reisen

 

5.908

So, ich wäre dann auch wieder da. Drei Wochen und 5.908 Kilometer war ich mit der V-Strom unterwegs, in Österreich und Italien. Es war die unentspannteste Reise, die ich bislang mit einem Motorrad gemacht habe. Bis zum Ende war nicht klar, ob ich die Kiste wieder heil nach Hause bekomme – oder es schlimmstenfalls zum Totalschaden kommen wird.

Grund dafür war die Antriebskette, die nach der Fahrt über die Alpen einfach komplett hin war – und das, obwohl sie vorher von gleich zwei Werkstätten geprüft worden war.

Das Fahren war damit komplett unspaßig. Das Motorrad ruckelte als hätte es Kängurubenzin getankt. Als die Kette dann noch anfing zu knacken und zu schlagen, war es mit dem Spaß ganz vorbei. Eine so fertige Kette kann im Extremfall reißen und dann Löcher in den Motorblock schlagen oder das Hinterrad zerlegen. Damit fuhr ständig die Angst mit: Tagesausflüge wurden gestrichen, Touren auf das Nötigste beschränkt, was auch die niedrige Gesamtkilometerzahl erklärt. Am Ende war ich deswegen so unentspannt, dass ich die Tour abkürzte und an einem Stück die 1.065 Kilometer von Venedig bis nach Göttingen gefahren bin, ganz piano, nur mit maximal Tempo 110.

Über tausend Kilometer und 13 Stunden Non-Stop, damit dürfte ich mir das „Iron Butt“ „Eisen Arsch“*-Abzeichen redlich verdient haben.

Zuhause angekommen!

Ich bin froh es überstanden zu haben, und die V-Strom ist bereits für eine Beauty- und Wellnesskur in der Werkstatt, wo sie ganz viel Liebe erfahren wird. Abseits von dem FuckUp mit der Kette hat sich die V-Strom glänzend geschlagen.

Ich habe mich in die Maschine in dem Moment verliebt, als ich im Verkaufsraum das erste mal darauf saß. Damals hatte ich gehofft, dass sie die Reisemaschine ist, die ich mittlerweile brauche. Die Suzuki hat mich nicht enttäuscht, im Gegenteil. Sie hat nicht nur alle Erwartungen in Punkto Komfort, Belastbarkeit und Geländegängigkeit erfüllt, sie hat sie in Sachen Handling und Sparsamkeit sogar weit übertroffen. Von daher bin ich mit ihr sehr, sehr glücklich – und die jetzige Tour nehmen wir einfach mal als erweiterte Probefahrt, als Test Drive vor dem richtigen Reiseabenteuer, das im kommenden Jahr startet.

Es war aber nicht alles schlecht. Ich habe tolle Orte besucht und interessante Leute kennengelernt. Wieso ich auf einer Forellenfarm im Gebirge übernachtet habe, wie tödlich Rom sein kann, wie man mitten im Land des guten Essens hungern kann, warum Bären den Verkehr gefährden, wer Nicoletta, Franca, Cecillia und Claudia sind, warum mich ein Irrer in seinem Anwesen eingesperrt hat, das alles und noch vieles mehr wird dann demnächst hier erzählt, im ausführlichen Reisetagebuch. Es gibt sogar ein Wiedersehen mit Fabio, dem Wundermechaniker.

Ach ja, und der Sturm, gestern? Ich steckte da mitten drin, 6 Stunden lang. Erst kurz hinter Würzburg hörte das auf:

6.605
5.479
7.187
6.853
4.557


* Nicht zu verwechseln mit dem echten Iron Butt-Abzeichen der Iron Butt Association mit ihrem absurden Regelwerk

 
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Verfasst von - 6. Oktober 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reistagebuch Shorties (4): Man isst deutsch

In italienischen Supermärkten gehen seltsame Veränderungen vor sich. Meine geliebten Reiskekse oder die guten Sternchenkeksriegel gibt es nicht mehr, dafür jede Menge Kram der zumindest deutsch klingt.

Der Morgen stirbt nie, er kriegt nur schnell Druckstellen.

Anscheinend hat man entweder die deutschen Touristen als Zielgruppe für Lebensmitteleinkäufe entdeckt, oder die Italiener finden gefallen an Essen, dass sich irgendwie deutsch anhört. Ich tippe auf letzteres, denn etliche der Waren sind im Eigenmarkensegment angesiedelt und auch dort erhältlich, wo es keinen Touristen hin verschlägt.

Ein Klassiker ist natürlich das unkaputtbare Würstel, das auch gerne mal Bestandteil der Pizza Wurstel wird. Ja, mit Umlauten ist es halt nicht so leicht.

Schwäbische Nudelen gibt es nun auch, liegen in trauter Einsamkeit neben den einheimischen Sorten. Bei der Benamsung hat man offensichtlich den Punkten auf dem „a“ nicht getraut und sie deshalb gleich mal weg gelassen. Nachher fallen die da noch runter und verletzen jemanden.

Gebäck ist einfacher, da kann man sich einen Namen ohne Umlaut aussuchen. Krapfen, zum Beispiel:

Und wenn man gar nicht um Umlaute rumkommt? Vielleicht macht man es sich dann einfach und macht statt der gefährlichen Punkte auf den Vokal einfach ein „e“ hinten dran? Ach scheiß drauf, wir machen BEIDES! Es lebe das MÜESli!

Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Besonders elegant ist neulich der LIDL bei mir um die Ecke an Weintrauben aus Italien gescheitert. „Herkunft: Ferrovia“ stand auf dem Schild darüber. So schön sich der Name auch anhört: Ferrovia ist kein Ort, den man auf irgendeiner Landkarte finden würde. Das Wort beschreibt, wie die Weintrauben nach Deutschland gekommen sind: Mit dem Zug. Ferrovia bedeutet einfach „Eisenbahn“ und stand groß auf der Verpackung der Trauben.

 
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Verfasst von - 21. September 2017 in Reisen

 

Hauptsache unterwegs

Ich bin unterwegs. Endlich wieder. Wie ich das vermisst habe, das Motorradfahren mit dem Blick am Himmel und der Straße unter den Reifen. Urlaubsreif war ich schon im Juni, und seitdem ist es nicht besser geworden. Jetzt also raus aus allem und rauf auf die Straße.

Die V-Strom und ich haben es dieses Mal schon weiter als nur bis zum ersten Tankstop geschafft. Sogar über die Alpen sind wir schon, trotz Schnee und Sturm. Leider ist Regen ein ständiger Begleiter. Wo auch immer ich bin fallen die Temperaturen und der Himmel öffnet seine Schleusen. Egal, Hauptsache unterwegs.

 
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Verfasst von - 18. September 2017 in Motorrad, Reisen

 

Thanatourismus: Ohlsdorf

Wo ist wohl der größte Parkfriedhof der Welt? Bestimmt irgendwo in den USA, oder? Immerhin, so habe ich das in „Agentin mit Herz“ gesehen,  fahren die doch mit dem Auto bis ans Grab. Also Amerika?

Weit gefehlt – der größte Parkfriedhof  ist mitten in Hamburg. Der 1877 eröffnete Friedhof Ohlsdorf ist wirklich riesig. Wie groß, sieht man nur auf dem Satellitenbild:

Der Friedhof wird von Straßen durchzogen, auf denen auch Busse fahren. Abseits davon wird es aber schnell friedlich, und nach zwei mal abbiegen ist man schon in wirklich verwunschenen und teilweise verwucherten Ecken. Als echter Thanatourist kenne ich schon viele prominente Friedhöfe, von Highgate in London über Père LaChaise in Paris bis zur Königin aller Friedhöfe, Staglieno in Genua. Ohlsdorf ist mit nichts zu vergleichen. Die schiere Größe und das Grün der Anlage sind eine Sache, warum es hier besonders ist. Die andere ist, dass hier alles so durcheinander ist. Schlichte Familiengräber stehen neben aufwendigen und fein gearbeiteten Grabskulpturen. Lichtungen öffnen sich und geben Gedenkstätten für Feuerwehreinsätze und Deichbrüche preis. Und anonyme Grabfelder werden von Löwen bewacht, die man eher vor dem Dom erwarten würde als versteckt hinter einer Hecke.

Bei meinem ersten Besuch bin ich ungefähr zwei Stunden dort rumgestrolcht, habe aber nur einen winzigen Teil gesehen.

Tja, muss ich da wohl nochmal hin 🙂


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Verfasst von - 26. August 2017 in Reisen

 

Reisetagebuch: Der Rücken der liègenden Frau

Die Sonne scheint auf Verdun herab und vertreibt den Morgennebel. Es ist kalt, wieder nur 9 Grad, aber durch die Dachluke meines Zimmers sehe ich den Himmel und weiß, dass es bald wärmer wird. Ich tappe über den Flur in das kleine Bad, dass zu meinem Zimmer gehört (und das zu gefühlt sieben Achteln mit einer gußeisernen Badewanne gefüllt ist) und tue, was man morgens halt so tut.

Dann packe ich meine Sachen und verwandle das knuffige Zimmerchen von einem Schlachtfeld wieder in den gemütlichen Raum, den es vor meiner Ankunft war. Es sieht aus wie das Zimmer eines 18jährigen „Dungeons & Dragons“-Spielers, mit einer Landkarte des Fantasyreichs Brittannia an der Wand, einem Stoffhund auf einer Bank und einem Regal voller Geschichtsbücher in der Ecke. Deren Schwerpunkt, wen wundert´s, ist der erste Weltkrieg.

Wenig später bin ich schon komplett in Motorradkluft. Ich habe heute noch viel vor, da muss ich bald los. Im Erdgeschoss werkelt Madame Régine schon in der Küche im Erdgeschoss herum, aus der sie mich gleich wieder hinauswirft, als ich den Kopf durch die Tür stecke. „Nein Nein Nein, Du isst doch nicht hier! Im Speiseraum“. Der entpuppt sich, wie der Rest des Hauses, als wildes Sammelsurium von alten Möbeln, Dekozeugs aller Art und alten Gebrauchsgegenständen. An den Wänden sind Regale mit selbstgemachten Brotaufstrichen.

Der Tisch, oder besser die Tafel, ist bereits gedeckt. Altes Geschirr und silbernes Besteck, frische Blätter als Deko, in Öl getränkter und leicht angebratener(?) Kuchen, frischer Kaffee.

Alles, was Regine macht, tut sie mit Stil. Damit erinnert sie mich ein wenig an Sara, die Betreiberin der „Villa Maria Luigia“ in der Nähe von Venedig. Aber wo Sara die Meisterin des Minimalismus ist, ist bei Règine alles überbordend und over-the-top dekoriert. Sie serviert z.B. nicht einfach nur Joghurt – nein, IHR Joghurt ist überhäuft mit Rosinen, Mandeln und drei Sorten Zucker.

Schmeckt aber hervorragend, genau wie ihre hausgemachte Noisette avec Noix. Nusscreme mit Nüssen? denke ich irritiert. Und tatsächlich, genau das ist es. Schmeckt nicht wie Nutella, sondern wie Schokoladen-Marzipan zum auf´s Brot streichen. Und dann gibt es allen ernstes noch flüssiges Karamel. Ich kann hier leider nie wieder weg.

Nach dem Frühstück klippe ich die Koffer an die Renaissance, die im Vorgarten in der Sonne steht. Hund Falco schwänzelt dabei um mich rum und beobachtet alles ganz genau.


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Verfasst von - 19. August 2017 in Motorrad, Reisen

 

Reisetagebuch: Wispern, Wellen, Wale

Nachts und am Wochenende sind Hochschulen seltsame und friedliche Orte. Geisterhafte Korridore, alte Wachmänner, lange Stunden. 

Das Arbeitswochenende war nett, aber nun ist es vorbei. Es ist Sonntag Morgen, und  die übernächtigten Teilnehmer sitzen noch kurz beim Frühstück zusammen, dann brechen sie zum nahegelegenen Bahnhof auf oder beladen Autos für die Fahrt nach Hause.
Ich nicht.

Nach Hause will ich nicht, und statt eines Dienstwagens steht die Renaissance vor der Tür, noch nass vom Tau der Nacht.

Ich klippe die kleinen Koffer an, in denen die Arbeitssachen für die letzten Tage waren, und starte den Motor. Dann geht es im morgendlichen Sonnenschein hinaus auf die Landstraße.

Kurz hinter der Hochschule liegt, auf einer Fläche so groß wie das Saarland, das Saarland.
Die ZZR summt über die noch leeren Landstraßen. Es ist Sonntags, kurz nach 8 Uhr, da ist noch nicht viel los. Ich sauge die kalte Morgenluft tief in die Lungen. Es ist Juli, aber während Südeuropa unter Dauertemperaturen über 40 Grad ächzt, sind sie hier mit 9 Grad einstellig.
Egal.

Frische Luft, leere Straßen, das Motorrad. Mein Gott, wie habe ich das vermisst. War mir gar nicht so klar, wie sehr die Sommerreise mit dem Mopped schon zum festen Bestandteil meines Lebens geworden sind. Dieses Jahr ist sie ausgefallen, und jetzt wird mir klar, wie sehr mir das fehlt.

Die ZZR schnurrt dahin und läuft absolut makelos. Keine Unwucht, nirgends. Keine merkwürdigen Geräusche. Einfach nur perfekt, elegant, kraftvoll.
Wie ich diese Kiste liebe!

Nach einer Stunde komme ich in einem kleinen Ort an. Die Straßen sind hier jetzt nicht mehr leer, sondern voller Motorradfahrer und SUVs. Auf den Motorrädern hocken dicke alte Männer, in den SUVs Großeltern mit den Enkeln.

Allen gemein ist, dass sie zur Saarschleife wollen. Und so stehen wir alle kurz darauf auf einer Plattform aus Natursteinen und gucken von oben auf das Tal der Saar.

Auch ein Arboretum gibt es hier, eine riesige Holzkonstruktion, in der man zwischen den Baumwipfeln rumlaufen kann. Aber so hoch will ich heute nicht hinaus.


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Verfasst von - 12. August 2017 in Motorrad, Reisen

 

Wollt´s frech werden oder was?

Ich kämpfe ich immer noch mit den Kollateralschäden der ausgefallenen Urlaubsreise.

Heuer, wwÖs*, mit einem Hotel in Berwang, nahe der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Dort wollte ich auf der Rückfahrt der Dreieinhalbwochenreise übernachten. Als klar war, dass die Reise nichts wird, habe ich die Buchung storniert – und das Hotel gebeten, auf vereinbarte Stornierungsgebühren zu verzichten.

Nicht mißverstehen, bei kurzfristigen Absagen gönne ich Beherbergungsstätten die Stornogebühren. Aber meine war keine kurzfristige Absage, sondern mit drei Wochen Vorlauf, da standen die Zeichen mehr als gut, dass eine Neuvermietung gelingen würde. Obendrein, so versicherte ich, würde ich dann im Herbst oder im kommenden Jahr die Übernachtung nachholen, immerhin hatte ich echt Lust auf das Haus.

Hat die nicht interessiert, Mitte Juni haben sie Stornogebühren von meiner Kreditkarte abgebucht. Das ihr gutes Recht, leicht doof fand ich das trotzdem. Statt mir einen Gefallen zu tun und mich dafür als glücklichen Gast in der Zukunft begrüßen zu können, wollten die lieber das schnelle Geld mitnehmen. Übrigens als einzige von 11(!) gebuchten Herbergen. Etliche der anderen hätten Stornogebühren erheben können oder müssen, stattdessen schickten die liebe Grüße und überwiesen sogar Anzahlungen zurück. So geht es also auch.

Egal.

Die Stornokosten übernimmt die Versicherung meines Unfallgegners, aber dafür brauche ich eine Rechnung. Als zwei Wochen nach der Abbuchung noch keine Rechnung da war, mailte ich das Hotel „Bergluft“ mal an, und damit nahm das Drama seinen Lauf.

Ich:
„Liebes Team vom Bergluft,
wie am 03.06. mitgeteilt kann ich kann leider meine Übernachtung vom 24. auf den 25. nicht antreten, da ich auf dem Weg zu Ihnen einen Unfall hatte und deshalb stornieren musste. Gerne wäre ich später bei gleich zwei Gelegenheiten Ihr Gast gewesen, aber leider war wohl die Erhebung von Stornogebühren unumgänglich – und selbstverständlich auch Ihr gutes Recht.

Damit ich von der gegnerischen Versicherung die Gebühren ersetzt bekomme, benötige ich bitte eine Rechnung über die am 12.06. von meinem Kreditkartenkonto 4998********1234 abgebuchten Stornogebühren. Bitte lassen Sie mir die Rechnung als PDF per Mail an die Adresse silencer137@me.com zukommen. Vielen Dank.

Viele Grüße
Herr Silencer“

Die Antwort kam praktisch sofort:

„Sehr geehrter Herr Silencer,
das Zimmer hat man von einem Dreibettzimmer zum Doppelzimmer geändert.

Schöne Grüße aus Berwang
Horst Holzbaur“

Das stürzte mich erstmal in tiefe Verwirrung, weil ich kein Dreibettzimmer bestellt hatte. Ich versuchte es nochmal:


„Sehr geehrter Herr Holzbaur,

mit dieser Information kann ich nichts anfangen, weil ich nicht weiß was Sie meinen.
Nochmal mein Anliegen: Ich hatte für den 24. auf den 25.06. ein Einzelzimmer gebucht (über Booking.com, Buchungsnummer 20466012345)

Am 03.06. habe ich die Übernachtung storniert. Sie haben meiner Bitte nach Erlass der Stornogebühren nicht entsprochen (was, wie gesagt, ihr gutes Recht ist) und 38,00 Euro Stornierungsgebühr über meine Kreditkarte gebucht. Ich benötige über diese 38 Euro eine Rechnung.

Viele Grüße
Herr Silencer“

Die Antwort ließ eine Woche auf sich warten, dann kam ein Einzeiler, grußlos:

„Weil man Ihnen eine Person kostenfrei storniert hat, möchten Sie trotzdem eine Rechnung?“

Äh. Wassen das? Der Typ verwechselt mich offenbar, liest meine Mails nur zur Hälfte und schickt dann noch das Äquivalent zu „wollt´s frech werden oder was?“??

Ich versuchte es nochmal:

„Sehr geehrter Herr Holzbaur,

die Stornierung war leider nicht kostenfrei. Am 12.06. wurden von meiner Kreditkarte 38 Euro abgebucht. Hier ein Auszug der Kreditkartenrechnung:
Über diese 38 Euro brauche ich die Rechnung.


Viele Grüße
Herr Silencer“

Funkstille. Keine Antwort.
Seltsam. Das Hotel hat Spitzenbewertungen, insbesondere was die Freundlichkeit der Hoteliersfamilie angeht. Was ist denn da bloß los?

Da das Mail-Fu von Herrn Holzbaur so schwach war, beschloss ich anzurufen.

Freitag war von morgens bis Abends besetzt.
Sonntags war nur der Anrufbeantworter dran.
Montag klingelte es endlos, ohne das einer ranging.
Jeden Tag probierte ich es ca. ein Dutzend mal.
Dienstag knackte es in der Leitung, dann klingelte es. Und plötzlich ging jemand ran!

„Joa?“
Ich: „Herr Holzbaur?“
„Joa.“
Ich (mit meiner freundlichsten und harmlosesten Stimme: „Herr Silencer hier. Wir hatten schon Mailkontakt.“
„Joa!“
„Herr Holzbaur, ich brauche eine Rechnung über die Stornierungssgebühren von Ihnen. Ich mache das nicht um Sie zu ärgern, ich brauche das für einen Versicherungsfall“.
„Joa mei, mir ham do´das Dreibettzimma kostenfrei umgebucht in ein Zweibettzimma un´der Rest steht do auf der Rechnung pfürdi anneren Übernachtungen die wo wir ihnen mitgemma hab!“
„Herr Holzbaur, Sie verwechseln da was. Ich hatte nie ein Dreibettzimmer, die Buchung war ein Einzelzimmer. Und es waren auch keine anderen Leute da. Und die Stornierung war eben NICHT kostenfrei. Können Sie das bitte prüfen?“
„Joa.“

Stille.

„Können Sie das JETZT prüfen?“
„Na! Wie stellen´s sich das denn vor? I bin über hundert Kilometer vom Computer weg!“
„Können Sie das prüfen wenn Sie wieder zu Hause sind?“
„Grmbl.“
„Schreiben Sie mir dann eine Mail?“
„Passt scho.“
„Ok, dann freue ich mich auf ihre Mail.“

Dann passierte drei Tage… nichts.

Heute morgen nun kam eine Mail.
Daran ein Foto.
Ein auf dem Kopf stehendes Foto.

Darauf zu sehen: Ein Rechnungsausdruck. Ausgestellt auf „Familie Encer Sil“ und ein Dreibettzimmer für eine Übernachtung an einem ganz anderen Datum. Berechnet wurden 38 Euro für eine Übernachtung und „1 leckeres Frühstück mit Ei“. In der letzten Zeile erfolgt dann eine Gutschrift über den gleichen Betrag und der Vermerk „Rechnungsumme (SIC!) Null“.

Vollkommen unnütz, aber immerhin: Er hat sich bemüht.

Übernachten werde ich im „Hotel Bergbluft“ nun natürlich niemals, nach den Erlebnissen. Aber wenn ich mal in der Gegend bin, fahre ich da vorbei und gucke ich mir den Herrn Holzbaur mal an. Vielleicht verstehe ich ja dann, was genau da schief läuft.

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* wie wir Österreicher sagen

 
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Verfasst von - 5. Juli 2017 in Reisen

 

Urlaub im Alltag

Ich wurde gerade von einem Gast drauf angesprochen, dass bei mir recht viele ausländische Produkte zu finden sind. War mir gar nicht mehr so bewusst, aber ich neige dazu, Alltagsdinge und Verbrauchsmaterialien aus dem Ausland mitzubringen. Zum Beispiel Zahnpasta oder Zahnseide.

Der Grund ist ganz einfach. Schon bei so simplen Dingen wie Zähneputzen versetzen mich diese Dinge für einen kurzen Moment an den Ort, an dem ich sie gekauft habe. Ich nehme die Zahnpastatube in die Hand und bin für einen kurzen Erinnerungsblitz in Venturina. Ich fasse die Zahnseide an und bin in Rom. Ich greife zum Gewürz und rieche die Provence. Ich nehme den Teebecher in die Hand und spüre London. Diese Mitbringsel aus dem Supermarkt sind für mich wertvollere Erinnerungsträger als das Plastikmodell des Eiffelturms. Diese Erinnerungsblitze sind natürlich irgendwo auch Eskapismus. Da der m.E. aber ohnehin der geistigen Gesundheit dient, ist das voll OK.

Albern? Vielleicht.
Aber meine Art über kleine Dinge und Handlungen ein wenig Reisefreude in den Alltag zu retten.

Salz aus der Carmargue, Salz aus Valencia, Pfeffer aus San Vincenzo, Pepperoncino aus Florenz.

Pfannendinger aus Palermo.

Gewürzmühle mit Gewürzen der Provence aus der, äh, Provence.

Geschirrtuch aus Siena.

 
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Verfasst von - 25. April 2017 in Reisen

 
 
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