Reisen

Reisetagebuch Japan (19): Montag ist Ruhetag!

Reise nach Japan. Heute mit einer Übernachtung in einem Kapselhotel und dem Ende einer Reise.

Montag, 18. November 2019, Osaka

Kurz nach halb fünf. Der Wecker klingelt praktisch mitten in der Nacht. Rasch und ohne viel Worte zu wechseln packen Modnerd und ich unsere letzten Dinge zusammen, dann verlassen wir das kleine Appartment in Süd-Osaka und fahren mit der U-Bahn bis zum Fernbahnhof Shin-Osaka.

Wir trinken schnell noch gemeinsam einen Kaffee…

…dann springe ich in einen Shinkansen-Schnellzug. Modnerd bleibt in Osaka – er will sich heute einen Spa-Tag in eine Badehaus mit mehreren Sentos gönnen, die alle unterschiedliche Themen haben. Die Website sieht schon echt verlockend aus…

…aber letztlich habe ich mich dagegen entschieden mit zu gehen. Die Zeit hier in Japan ist mir zu wertvoll, als das ich einen ganzen Tag in der Badewanne verbringen wollen würde. Der Zug schießt Richtung Nordosten aus der Stadt heraus, zischt an Kyoto vorbei und biegt dann nach Südosten ab und hält in Nagoya, einer weiteren Mega-Stadt an Japans Küsten.

Als ich den Zug verlasse, stehe ich gleich erstmal vor einem Problem. Ich möchte meinen Rucksack einschließen, aber es gibt kein einziges freies Schließfach im Schließfachraum. Ich schaue auf eine elektronische Karte des Bahnhofs. Dankenswerterweise gibt es mehrere Räume mit Gepäckaufbewahrung, und es wird sogar die Auslatung angezeigt. Hm. Seltsam. Die meisten Räume sind gesperrt, die wenigen offenen sind fast voll belegt. Nur in einem einzigen scheint es noch ein paar freie Fächer zu geben.

Ich stürme los und schaffe es mit meinem unnachahmlichen Orientierungsinn erst einmal in die verkehrte Richtung zu laufen. Ok, andersum. Und dann da und jetzt hier und unter dem Säulengang durch und – äh. Hier bin ich doch hergekommen? Tatsächlich, ich stehe wieder vor der elektronischen Karte. Ach, Mist. Ich nehme mit etwas mehr Zeit um mit den Weg einzuprägen, dann gehe ich überlegt los und finde am Ende tatsächlich den letzten Schließfachraum in einem etwas runtergekommenen Kellergeschoss, hinter einer Baustelle. Aber auch hier scheint alles belegt zu sein, an jedem Fach ist ein rotes „belegt“-Zeichen.

„Das ist so nervig“, sagt eine ältere Dame, die plötzlich neben mir steht. Sie hatte mit mir zusammen auf die elektronische Karte geguckt und sucht wohl auch ein Schließfach. „Alles nur wegen G20!“. Was? Ich brauche einen Moment, dann fällt der Groschen. Klar, das hatte ich doch gelesen – nächste Woche ist der G20-Gipfel in der Stadt. Und deswegen sperren die jetzt schon alle Schließfachräume?

Am Ende finde ich noch genau ein freies Schließfach.

Leider ist es eines von den winzigen, aber allzu viele große Fächer gibt es ohnehin nie. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich den im Frühjahr neu gekauften Rollkoffer nicht benutze: Es gibt einfach zu wenige Schließfächer, hatte ich bei der Vorrecherche herausgefunden, in die der reinpasst. Der Hauptgrund ist allerdings, dass ich Rollkoffer nicht ausstehen kann und Rucksäcke schon deshalb mag, weil sie leicht und leise sind und man die Hände frei hat. Hier, in dieser Situation, ist es nun ein weiterer Vorteil, das ich mit Minimalgepäck reise. Der Cabinmax passt tatsächlich locker in das kleine Schließfach.

So, das wäre erledigt. Ich trete vor den Bahnhof und bin gleich erstmal erschlagen. Hier gibt es viele futuristisch anmutende Neubauten. Eckige, runde, in sich verdrehte oder kühn geschwungene Gebäude aus Glas und Stahl erheben sich in den Himmel. Oder, wie Modnerd sagen würde: Hier hat´s krasse Architektur.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 10 Kommentare

Reisetagebuch Japan (18): Coney Island, bei Paris

Reise nach Japan. Heute mit den Hinterlassenschaften einer Weltausstellung.

Sonntag, 17. November 2019, Wohnung in Osaka

Den Luxus eines eigenen Appartements nutze ich, um zu Wäsche waschen. Nicht zum ersten Mal auf dieser Reise, immerhin ist mein Reisekonzept: Wenig Klamotten mitnehmen, dafür dann aber mal waschen. Modnerd reist anders, er nimmt immer Wäsche für die komplette Reise mit. Ich bin halt lieber leicht unterwegs und mache dafür ab und an mal Haushaltsarbeiten.

Ein guter Teil meiner Leibwäsche, also Unterhemden, -hosen und Socken, ist eh aus Merinowolle. Die müssen selten gewaschen werden, weil die Wolle selbst antibakteriell ist und deshalb nicht nach Schweiß riecht. Wäscht man sie doch mal, trocknet sie schnell. Außerdem trage ich gerne Hemden aus Baumwolle, die sind auch leicht und trocknen gut.

Normalerweise ziehe ich meine Wäsche ein Mal mit Rei-in-der-Tube durch das Waschbecken, aber das Appartement in Osaka verfügt sogar über eine Waschmaschine. Die ist, wie in Japan üblich, ein Toploader, wird also von oben befüllt.

Ebenfalls wie in Japan üblich wäscht sie nur ganz kurz und nur mit kaltem Wasser. Danach hänge ich die gewaschene Wäsche in das fensterlose Badezimmer und stelle dessen Lüftung auf „Trocknen“ ein. Ein heißer Luftstrom vom Typ Scirocco fegt nun wie ein Föhn durch die Naßzelle, die keine separate Dusche hat. Der ganze Raum IST die Dusche. Die heiße Trocknungsluft trocknet im Nu das Duschwasser weg und auch meine Hemden sind in null Komma nix trocken.

Nach diesen morgendlichen Hausarbeiten wandern Modnerd und ich noch einmal durch Osaka. Zuerst durch die runtergekommene Einkaufspassage von gestern Abend. Die wirkt bei Tageslicht nicht mehr ganz so gruselig, an der Runtergekommenheit ändert aber auch der sonnige Sonntag Morgen nichts.

Hinter dem Einkaufszentrum liegt das Viertel Abenobashi, ein Geschäftsviertel mit, äh, krasser Architektur.

Mittendrin steht der Abeno Harukas, ein Wolkenkratzer.

Mit exakt 300 Metern Höhe ist er das höchste Bürohaus Japans. In dem wird auch am Sonntag gearbeitet, und Modnerd und ich fahren hoch in den 95. Stock und schauen von einer Aussichtsplattform auf Osaka hinab.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 7 Kommentare

Reisetagebuch Japan (17): Das Erklär-Schnabeltier*, das Kontaktlinsenküken* und Crêpes mit Durchfall

Reise nach Japan. Heute mit Erklärschnabeltier, Kontaktlinsenküken und Schulmädchenunterwäsche aus Automaten.

Samstag, 16. November 2019, Osaka
Das Appartement, in dem Modnerd und ich wohnen, liegt in einem modernen, zehnstöckigen Wohnhaus, das umgeben ist von kleinen, zweigeschossigen Häuschen.

Das weiße Haus in der Mitte.

Die Etage, auf der wir uns befinden, wirkt vom Flur her eher wie ein Gefängnis: Schwere Türen, unverputzter Beton.

Aber die Béton-Brut-Anmutung ist Show. Das ist kein echter Beton, sondern Kunststoffverkleidungen, die auf die Wand aufgeklebt sind. Selbst einige der Bohrlöcher sind nur Aufkleber. In Japan werden Dinge bis zur Perfektion gestaltet, und echter Sichtbeton wirkt wohl nicht echt genug.

Was lustig ist, ist das seltsame Erklärschnabeltier*. Das Haus ist auf Vermietung an Touristen eingestellt, und deshalb gibt es überall Erklärungstexte, die von einem unterwürfigen Comic-Platypus präsentiert werden.

* Anm.: Leser oder Leserin Snoeksen weißt darauf hin, dass es sich hier nicht um ein Schnabeltier handelt, sondern um die Comicversion eines Kappa, eines Wassergeistes. Der ist in Japan voll bekannt und in den letzten Jahren so zum Kult geworden, dass er jetzt sowas wie ein Maskottchen des Landes geworden ist. Tatsächlich ergibt ein Comic-Kappa viel mehr Sinn als ein Schnabeltier. Danke, Snoeksen! Das finde ich am Reisetagebuch so toll: Im Nachgang einer Reise lerne ich immer noch dazu.

Ja, die allgegenwärtigen Feuermelder sollte man nicht einfach so angrabbeln.

Der morgendliche Blick über die Dächer der kleinen Häuschen. Die sehen echt schäbig aus, sind aber eigentlich gut gepflegt. Das slummige Aussehen kommt daher, dass jedes Häuschen anders gebaut ist und weil sie so eng zusammenstehen und weil in Japan halt nicht für die Ewigkeit gebaut wird. Wohnhäuser bestehen aus leichten Materialien und werden alle paar Jahrzehnte abgerissen und neu gebaut.

Nach einem Instant-Kaffee laufen Modnerd und ich los, zunächst durch die Wohnviertel in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Es ist faszinierend einfach die schmalen Straßen entlang zu schlendern und dabei alltägliche Dinge an zu schauen. Wie dieser alte Herr hier in seiner winzigen Werkstatt, ein Bild wie ein Gemälde oder zumindest aus einer anderen Zeit.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 5 Kommentare

Reisetagebuch Japan (16): Willkommen zum Weihnachtsmarkt

Reise nach Japan. Heute mit einer Kirche in luftiger Höhe und überraschenden Erkenntnissen.

15. November 2019, Iya Valley, Guesthouse Yoki

Sehr früh klingelt der Wecker. Es ist erst kurz vor 6:00 Uhr, aber heute haben Modnerd und ich einen weiten Weg vor uns. Ich halte die Nase aus dem Federbett. Uh, kalt. Wo ist meine Brille? Ich schaue aus dem Fenster. Die Welt außerhalb des kleinen Zimmers ist noch dunkel und wirkt ein wenig eingefroren, so kalt ist es. Oder scheint es zumindest, denn es sind noch 3 Grad – aber die Luft hier oben, im Iya Valleys, ist sehr feucht und fühlt sich dadurch noch kälter an.

Es ist früh, kalt und dunkel, aber Gott, hilft ja nichts. Wir werden abreisen, noch bevor unsere Gastgeberin aufsteht. Als Usin gestern erfahren hat, wann wir los müssen, hat sie ein empörtes Gesicht aufgesetzt und sowas gesagt wie „Na, wenn ihr meint so früh los zu müssen, macht das, aber ohne mich“. Verständlich, Frühstück gibt´s normalerweise nicht vor 08:00 Uhr. Rasch packen Modnerd und ich unser Kram zusammen.

Wieder einmal fühlt sich alles so seltsam normal an, und da trifft mich unvermittelt eine Erkenntnis, die aus unsortierten und noch wirr von Träumen der Nacht durcheinandergewürfelten Träumen entspringt: Die meisten Vorurteile der Europäer gegenüber Japan stammen aus den den 80ern, als die japanische Wirtschaft durch die Decke ging und boomte wie irre.

Damals wurde alles auf einen Schlag modernisiert, denn das Land hatte viel aufzuholen. Daher stammen auch viele der Bilder über Japan, mit denen ich aufgewachsen bin und die mein Bild über Japan geprägt haben: Das es ein überdrehtes, technikbesessenes Land sei, voller immer lächelnder, aber leider verrückter Menschen, die europäische Produkte kopieren, aber das ganz kompetent hinbekommen.

Diese Bilder haben natürlich auch die Journalisten aus meiner Generation geprägt, die heute über Japan berichten – und für ihre Berichte genau wegen dieser Vorprägung oft überdrehte Einzelfälle suchen und die verallgemeinert darstellen, um zu zeigen, wie crazy Japan doch ist. Damit bestätigen sie wiederum genau meine Vorurteile.

In den 80ern war Japan das verrückte Zukunftsland, guckt man sich heute Dokus über Japan an, gewinnt man schnell den Eindruck, dass jeder zweite hier verkleidet als Animefigur durch die Gegend springt, Sex mit Robotern will oder gleich gar nicht mehr aus seiner Wohnung kommt. Dabei ist Japan, da bin ich mir nach mehr als zwei Wochen hier sehr sicher, nicht überdrehter als Deutschland. Im Gegenteil.

Als Modnerd und ich abreisebereit und mit dem Gepäck in den Händen die kleine Gaststube von „Yokis Guesthouse“ betreten, sehen wir Usin zusammengesunken auf einem Hocker an der Bar sitzen, den Kopf auf die Arme gebettet. Als sie uns hört, richtet sie sich auf. Sie ist offensichtlich kurz vorher aus dem Bett gefallen, die Haare sind noch ganz verstrubbelt und stehen nach allen Seiten ab. Schlaftrunken blickt sie Modnerd und mich an und nuschelt: „Ich habe Euch doch Kaffee gemacht, auch wenn ihr verrückt seid“. Ihre Stimme klingt noch rauchiger als gestern.

„Du bist ein Engel!“, sage ich und könnte sie jetzt umarmen. Sie lacht und meint „Das höre ich gerne. Los, mach mir mehr Komplimente“. Wir plaudern noch kurz über die anderen Gäste (Usin: „Chinesen! Habt ihr das gehört? Die haben eine Drohne in ihrem Zimmer fliegen lassen! EINE DROHNE!“), dann verabschieden wir uns. Usin geht nochmal schlafen, Modnerd und ich steigen in den Mietwagen.

Während Modnerd den Demio über die engen Straßen steuert, schiebt sich langsam die Sonne über den Rand der Berge. Bis das Licht im Tal ankommt, dauert es aber noch ein wenig. Die Lichtgeschwindigkeit ist hier geringer, das Licht schwappt über die Berge und füllt ganz langsam die Täler. Während oben am Berg schon die Sonne scheint, liegt der Fuß noch im Dunkel. Gerade beginnen die Berggipfel beginnen zu leuchten, während der Mond noch scheint.

Die Täler hängen voller Morgennebel.

Die Fahrt geht, wie gestern, über die größte Doppelstockbrücke der Welt, wieder kostet die Maut über 40 Euro. Bereuen tun diese Ausgabe weder Modnerd noch ich, wie wir uns gegenseitig versichern.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | Schlagwörter: | 3 Kommentare

Reisetagebuch Japan (15): Iya Valley

Reise durch Japan. Heute gehen Modnerd und Silencer sich gegenseitig auf die Nerven. Außerdem: Es gibt mehrere POMPPFs, aber kein KLONK, dafür eine Reise in ein Tal mit Geisterdörfern und ganz besonderen Brücken.

Donnerstag, 14. November 2019, Hiroshima, Hotel Vista

Es ist kaum kurz vor Acht, als Modnerd und ich das ungeliebte Hotel hinter uns lassen und die Straße zum Bahnhof von Hiroshima laufen. Modnerds Rollkoffer rumpelt durch die Straßen, ich huste bei jedem dritten Schritt. Immerhin fühlt sich mein Hals definitiv besser an, und die erhöhte Temperatur ist ganz weg. Nochmal Glück gehabt, es hat mich nicht richtig erwischt.

Auf die Minute pünktlich fahren die Züge hier, und sie fahren auf den Meter exakt von der richtigen Stelle am Bahnsteig ab und immer in der richtigen Wagenreihung. Und wenn das einen Deutschen noch nicht genug verwirrt, dann wird er bestimmt beim Anblick des rosafarbenen Hello Kitty-Shinkansen konfus.

Seltsame Kombination, ein High-Tech-Zug der aussieht wie ein Raumschiff, aber in rosa und mit einer Comickatze. Aber nun, Japan halt, hier gibt es ALLES mit Hello Kitty-Motiven.

Wir nehmen heute Morgen einen etwas älteren Shinkansen. Der sieht von außen aus wie eine Ente, im Inneren wie Wohnzimmer von Omma.

Wieder bewundere ich das japanische System, am Endbahnhof nicht den Zug, sondern die Sitze herumzudrehen – so schauen alle immer in Fahrtrichtung und die Beschriftung der Wagendiagramme stimmt auch immer.

Der Shinkansen bläst uns in 30 Minuten von Hiroshima nach Okayama. Das sind rund 150 Kilometer. Dieses Mal ist der Bullett Train wirklich rasend schnell unterwegs, auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke, die wie mit dem Lineal zwischen die beiden Orte gezogen ist.

Bild: Google Earth 2020.

In Okayama angekommen laufen wir mitsamt Gepäck eine Straße hinunter.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | Hinterlasse einen Kommentar

Reisetagebuch Japan (14): Kriminelle Rehe und das frustrierendste Getränk der Welt

Reise nach Japan. Nach der schweren Kost in der letzten Folge geht es heute um Vereinigungen verbrecherischerer Rehe, eine gepflegten Torkelei über eine Insel mit tödlicher Fauna und eine der dümmsten Produktverpackungen der Welt.

Mittwoch, 13. November 2019, Hiroshima

Modnerd hat schlechte Laune. „Das war nur eine 6 von 10 Nacht“, klagt er beim Aufstehen und hebt zu einem großen Lamento an: Durch das Fenster zog es kalt rein, das (Doppel)bett war zu kurz und zu eng und das Schlimmste: Seine SIM ist gedrosselt, nachdem er in Kyoto darüber Netflix für 20 GB geguckt hat, weil das Hotel-WLAN nur SD-Qualität geliefert hat. Anscheinend heißt bei dem Provider, von dem wir unsere Travelsims haben, „unbegrenztes Datenvolumen“, dass man nach 20 GB auf eine nicht mehr sinnvoll nutzbare Geschwindigkeit gedrosselt wird. Japan und Deutschland haben eben viele Gemeinsamkeiten.

Ich habe auch unruhig geschlafen, aber nicht wegen gedrosseltem Datenvolumen, sondern weil ich tierische Halsschmerzen habe und dauernd Husten muss. Vermutlich hat das maßgeblich zu Modnerds schlechter Nacht beigetragen. Sorry, Kumpel. Ich habe mir das auch nicht aussuchen können, ausgerechnet während einer Reise krank zu werden.

Nach einem Instantkaffee und seltsamen Kuchenzeug aus dem Conbini gurgele ich nochmal mit desinfizierender Salzlösung, dann geht es los. Wir laufen durch das morgendliche Hiroshima und bewundern, wieder einmal, die Detailverliebtheit der japanischen Kultur. Zum Beispiel deren Kanaldeckel.

Natürlich begegnen uns auch heute Morgen wieder deutsche Wörter, die die Japaner einfach nutzen, weil sie sie schön und cool finden:

Hiroshima selbst liegt am Nordende eines Küsteneinschnitts und wird von Flüssen durchzogen. In der Bucht vor der Stadt liegen mehrere Inseln. Die bekannteste davon ist die heilige Insel Miyajima, und die wollen wir uns heute ansehen.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 6 Kommentare

Reisetagebuch Japan (13): Hiroshima



Reise durch Japan. Heute geht es einen Nachmittag lang durch Hiroshima, und dann gibt es Omnomnommiyaki. Oder so.


Immer noch Dienstag, der 12. November 2019, 16:00 Uhr
Hiroshima

Es ist Nachmittag. Nachdem ich heute morgen, nach der Wanderung über den heiligen Berg in Kyoto, völlig fix und fertig war, bin ich jetzt wieder flotteren Schrittes unterwegs. Aber alles ist noch nicht gut, die Halsentzündung oder vielleicht auch ein grippaler Infekt steckt mir noch in den Knochen. Ich habe Halsschmerzen, muss dauernd Husten und irgendwo in meinem Schädel pochen dumpfe Kopfschmerzen.

Trotzdem beginnen Modnerd und ich sofort, nachdem die Sache mit dem Sekont Brrranckett geklärt ist, mit der Erkundung von Hiroshima.
Was für ein geschichtsträchtiger Name! Hiroshima, klar, kennt man, Atombombe und so. Aber was heißt das eigentlich wirklich?

Das begreife ich, als ich vor dem A-Dome stehe. Das war früher der Sitz der ausländischen Handelskammer und ist so ziemlich das einzige Gebäude, von dem nach Abwurf der Bombe überhaupt noch etwas stand hat. Es wurde in seinem damaligen Zustand konserviert und ist jetzt eine mahnende Ruine am Ufer des Flusses Motoyasu.

Ein Bild vor dem Friedensdenkmal zeigt, wie es unmittelbar nach der Explosion aussah:

Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 3 Kommentare

Reisetagebuch Japan (12): Torii in Kyōto

Reise durch Japan. Heute mit Füchsen, Wiesel und Pinguinen.

12. November 2019
Kyoto, The B Hotel

Als ich am Morgen aufwache, fühle ich mich etwas kraftlos, aber zumindest nicht mehr fiebrig. Das Fieberthermometer bestätigt das: 37,3 Grad, fast normale Temperatur. Durchgeschwitzt bin ich trotzdem, erholsam war die Nacht nicht. Es ist erst 6:30 Uhr, aber Modnerd ist bereits wach. Also stehe ich auch auf.

Nachdem wir unsere sieben Sachen gepackt haben, geht es zum Bahnhof. Hier schließen wir Modnerds Rollkoffer und meinen Rucksack ein, dann setzten wir uns in eine Bahn, die erst Richtung Osten und dann nach Süden fährt. Die Fahrt dauert nur fünf Minuten und ist für uns, als Besitzer des Japan Railpass, kostenlos.

Bild: Google Earth 2020.

Am Fuß des Berg Inari steigen wir aus und sehen sofort, was diesen Ort hier so bekannt gemacht hat: Die Torii, große, orange lackierte Tore.

Die Torii gehören fest zur Grundausstattung von Shinto-Tempeln und markieren den Übergang von der weltlichen in die geistliche Welt. Nicht alle Shinto-Schreine sind gleich. Es gibt verschiedene Arten, und die sind quasi als Netzwerke über Japan verteilt. Das hier ist ein Inari-Schrein, von denen es 32.000 in Japan gibt. Die anderen Netzwerke sind bedeutet kleiner. Es gibt auch Naturschreine, wie Berge oder Wälder. Der Berg Fuji, zum Beispiel, ist auch ein Naturschrein.

Ein Schrein liegt direkt hinter dem Eingangstor.

Der Schrein wird von Füchsen bewacht. Im Shinto-Glauben sind das mystische Wächter und Botschafter, die Nachrichten aus der Geisterwelt überbringen.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | Ein Kommentar

Reisetagebuch Japan (11): Fieberträume im Bambuswald

Reise durch Japan. Heute mit Kimonos und Hochqualitätsbambis.

11. November 2020
Kyoto, „The B Hotel“

Und dann ruft Anja Rützel an und will ein Taxi, aber weil ich in einer Telefonzelle wohne und die zu eng zum Schuhe anziehen ist, komme ich zu spät um sie abzuholen.

Zwölf Stunden habe ich geschlafen, mich herumgewälzt, irres Zeug geträumt. Nahe an der Grenze zu Fieberträumen, und tatsächlich: Das Thermometer zeigt 38,7 Grad, das ist satt erhöhte Temperatur an der Grenze zum Fieber. Ich schwanke ein wenig durchs Zimmer und unter die Dusche, dann steht der Entschluss fest: Ich will nicht weiter im Bett rumliegen und Kyoto verpassen. Ich will raus, und wenn ich merke ich kann nicht mehr, kann ich immer noch zurück ins Hotel. Also los.

Ich habe keinen Hunger, und Modnerd hält sich auch nicht lange mit Frühstück auf. Ein Instantkaffee, ein Teilchen aus dem Conbini-Markt, und schon sitzen wir in einer kleinen Bahn, die Kyoto Zentrum Richtung Westen verlässt.

Am Bahnhof Arashimaya im Westen der Stadt steigen wir aus. Anscheinend kostet die Nutzung des ÖPNV in Kyoto immer den gleichen Betrag, 230 Yen. Problem dabei: Unsere Suicas, die lustigen Pinguinkarten, die uns in Tokyo das Rumhantieren mit Kleingeld erspart haben, funktionieren an diesem Bahnhof nicht. OK, auch kein Problem, dann zahle ich halt in Bar.

Am Bahnhof stehen überall bunte Säulen herum. Die sind aus Plexiglas und im Inneren sind Kimono-Stoffe. Das nennen sie hier „Kimono-Wald“.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 3 Kommentare

Reisetagebuch Japan (10): Thunderbird!

Reise durch Japan. Heute gucken wir mal, was Kanazawa so kann und wie ein mechanisches Ballett in einem Schnellzug aussieht.

10. November 2019
Share House GAOoo, Kanazawa

Mit gemischten Gefühlen steige ich die steile Treppe zum Wohnbereich unsere Gastgeber hinab. Hat die kleine Überflutungsaktion von vergangener Nacht doch Spuren hinterlassen? Oder ist sie unbemerkt geblieben? Die Sorgen stellen sich als unnötig heraus, Herr Shuke begrüßt Modnerd und mich gut gelaunt und bittet uns in sein Wohnzimmer, in dessen Mitte ein Tisch steht, der nun zum Frühstücken dienen soll. Herrn Shukes Frau lächelt freundlich und sitzt wieder hinter ihrer Nähmaschine, der Chiba Mr. Gao liegt in seinem Käfig.

Am Frühstückstisch sitzt schon eine Frau und unterhält sich auf japanisch mit unseren Gastgebern, wechselt zu unserer Begrüßung aber ins Deutsche. Ach, das muss die Deutsche sein, die hier mehrere Wochen wohnt. Eine Studentin? „Was? Nein! Was denkst Du denn wie alt ich bin?“, fragt die Frau, sie sich als Claudia vorstellt. Ich blicke sie an, und meine Mustererkennung versagt völlig. „Öh, so Mitte zwanzig?“, sage ich und weiß es wirklich nicht. Claudia lacht. „Ich bin über Vierzig, aber danke. Mein Studium liegt schon lange zurück, ich habe aber nicht japanisch, sondern Filmwissenschaften studiert“. „Ah, eine Kollegin!“, sage ich und gestehe, dass Modnerd und ich ebenfalls zu einem Teil Medienwissenschaften studiert haben.

Während Herr Shuke auf einer kleinen Herdplatte Frühstückseier mit Schinken brutzelt, erzählt Claudia, das sie japanisch in ihrer Freizeit und aus Spaß gelernt hat. Was manche Leute so unter Spaß verstehen! Dieses Hobby wurde dann aber schnell wichtig, denn weil derArbeitsmarkt gerade keine Filmwissenschaftlerinnen braucht, arbeitet sie nun in Köln bei einem japanischen Konzern als Sekretärin.

„Die Hierarchien da machen mich wahnsinnig“, sagt sie. „Alles streng hierarchisch und patriarchial“. „Echt? Immer noch?“, sage ich und mustere die Schale mit Blattsalat und das Spiegelei, dass Herr Shuke gerade in einem Puddingförmchen serviert. Dazu legt er aufgebackene Brötchen und ein Stück Butter. Nicht schlecht.

„Ja, klar“, sagt Claudia. „Die Befehlsstruktur ist streng von oben nach unten durchorganisiert, das werden die Japaner einfach nicht los. Alles wird von oben nach unten entschieden, haben sie eine tolle Idee für das Unternehmen, sind aber an der verkehrten Stelle der Hierarchie oder eine Frau, finden sie kein Gehör. Außerdem gibt es überhaupt keine Fehlerkultur. Fehler dürfen einfach nicht passieren. Konzernstrukturen wie aus den Achtzigern. Nichts mit modernen Managementmethoden“. In dem Moment betritt ein Paar das Wohnzimmer. Es sind die beiden Deutschen, die letzte Nacht das Zimmer neben unserem hatten. Ein junges Paar, er Typ „Tumb aber herzlich“, sie eine ungesprächige Bratze. Die beiden hocken sich stumm an den Tisch, er glotzt in den Fernseher, der in einer Ecke läuft, sie zieht eine Fresse, verschränkt die Arme und guckt an die Decke. Herr Shuke steht daneben und lächelt und freut sich, dass sein Gasthaus heute ein deutsches Haus ist.

Modnerd und ich sind fertig mit dem Frühstück und verabschieden uns. Herr Shuke und seine Frau lassen es sich nicht nehmen, uns bis vor das Haus zu bringen. Auch Herr Gao, der Chiba, darf aus seinem kleinen Käfig und mit auf die Straße.

Frau Shuke schenkt jedem von uns eine kleine Tasche, die sie selbst genäht hat. Ich muss lachen, als ich darauf den Chiba und einen kleinen Annäher mit der Aufschrift „Gao“ sehe.

Wir laufen zuerst zum Bahnhof von Kanazawa. An der Straße steht eine digitale Wasseruhr, die mit kleinen Fontänen die Uhrzeit anzeigt. Das sieht in Bewegung total interessant aus, hier ist sie bei Sekunde 21 (plus noch weitere Impressionen des heutigen Tages):


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 5 Kommentare

Reisetagebuch Japan (9): Das Überflutungseichhörnchen

Reise durch Japan. Heute wird Auto an einem ungewöhnlichen Ort gefahren und Modernd flutet eine Toilette.

Samstag, 09. November 2019
Pension Yasuda, Takayama
irgendwo in den japanischen Alpen

Ich wache auf, weil ich so sehr friere. Das liegt am Wetter, stelle ich beim Blick aus dem Fenster fest. Die Pension Yasuda liegt am Waldrand, und aus dem Zimmerfenster ist nur das dichte Laub von bunten Bäumen zu sehen. Aber aus einem Fenster neben dem Waschbecken im Flur kann ich auf eine Wiese und ein paar Autos blicken, und die sind übergefroren und dick mit Raureif bedeckt. Die Nacht hat es also gefroren, und die Temperaturen liegen immer noch unter Null.

Als Modnerd und ich den Gästeraum im Erdgeschoss betreten befürchte ich ein Frühstück aus Fisch und Tee, aber zum Glück bedient der Gastwirt auch jetzt den den europäischen Geschmack, den seine Eltern aus Spanien mitgebracht haben. Er bringt uns in der Pfanne angebratenen Toast, den er mit Gemüse belegt und mit Käse überbacken hat. Nach der Fischvermutung eine echte Erleichterung! Nur mit dem Wasserkocher in einer Ecke des Raumes können wir nichts anfangen. Zu zweit stehen wir vor dem quaderförmigen Gerät mit dem halben Dutzend bunter Knöpfe und rätseln, welche der japanisch beschrifteten Tasten jetzt wohl was auslöst.

Zum Glück bemerkt einer der beiden anderen Gäste im Raum unsere Hilflosigkeit, kommt herübergeschlendert und erklärt uns, wie man das Ding bedient. Mit seiner Hilfe bekommen wir es hin zwei Tassen heißes Wasser zu zapfen. Ok, dann gibt es Toast mit Tee, damit kann ich leben. Alles, nur keinen Fisch zum Frühstück.

Als wir abreisen wollen ist unser Mietwagen noch dick übergefroren. Einen Eiskratzer hat der Prius natürlich nicht an Bord. Unentschlossen wische ich mit meinen Lederhandschuhen auf der Scheibe herum, was aber nichts bringt. Früher hätten wir jetzt einfach unter das Radio gegriffen und eine Kassettenhülle als Eiskratzer genommen. Aber was nimmt man heute?

Modnerd kommt auf die Idee den Motor zu starten und die Scheibe mit der Lüftung abzutauen. Geht das mit einem Elektroauto überhaupt, wo doch die Abwärme vom Verbrennungsmotor fehlt?, frage ich mich und stelle fest, dass ich mich mit Elektro- oder Hybridautos echt gar nicht auskenne.

Der Prius summt kurz, als seine Systeme starten. Es ist, als ob der Wagen aufwacht und erstmal guckt, wo er ist. Anscheinend merkt das Auto, dass es kalt ist, und startet nach einer kurzen Denkpause seinen Verbrennungsmotor. Cleveres Kerlchen!

Ich krame ich meine kleine Missionsmappe raus, in der unsere Pläne, Buchungen und Routen für die einzelnen Tage sind. Die besteht außen aus einem halben Plastikschnellhefter, und mit dem hobele ich nun Stück für Stück die Eisschicht weg.

Als die Sicht akzeptabel ist, fahren wir los. Es geht durch herbstlich goldene Wälder, die die Berghänge bedecken, und dann an einem See entlang.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 8 Kommentare

Reisetagebuch Japan (8): Handgemachte Klingeltöne

Reise durch Japan. Heute Überland, mit Informationen über Land und Hausschuhe sowie ein ironisches Bauwerk, das es nicht geben dürfte.

Freitag, 08. November 2019
Ryokan Miyataya, Sawatari
irgendwo in den japanischen Alpen

Beine aus dem Bett schwingen, Füße in die Haus-Hausschuhe. Zum Klo, Toilettentür auf, Haus-Hausschuhe aus, rein in die Toiletten-Hausschuhe, die man nur im Klo trägt. Uh, Fertig. Raus aus den Toiletten-Hausschuhen, rein in die Haus-Hausschuhe, ab zum Onsen, raus aus den Haus-Hausschuhen, rein in die Badevorzimmer-Hausschuhe.

Ich bin schon früh auf den Beinen und nehme noch ein Bad im heißen Vulkanwasser des Onsen. Es ist noch ruhig in dem Ryokan, dem klassischen japanischen Gasthaus, in dem wir die Nacht verbracht haben. Auf klassisch japanisches Frühstück verzichten Modnerd und ich aber, uns steht nicht der Sinn nach Reis mit Fisch und Grünem Tee.

Also in die Haus-Hausschuhe, zum Empfangsbereich, dort in unsere Straßenschuhe. Nach 8 Tagen in Japan haben Modnerd und ich das ständige Schuhewechseln mittlerweile drauf, auch wenn es noch nicht zur zweiten Natur geworden ist. Aber immerhin ist uns noch nicht das passiert, was angeblich jeder Ausländer irgendwann mal hinbekommt: In den Toiletten-Hausschuhen im Wohnbereich stehen und sich wundern, warum einen alle in Horror anstarren. Den Umstehenden schmilzt in solchen Fällen das Hirn. IN TOILETTENSCHUHEN! IM WOHNBEREICH! Vermutlich wird dann gleich das Haus angezündet und neu gebaut.

Keine Ahnung woher der Schuhwechselfetisch in Japan kommt. Vermutlich, weil früher einfach viel auf dem Boden gesessen und geschlafen wurde. Das ist heute nur noch zum Teil der Fall, aber Traditionen behält man halt bei, weil man das schon immer so gemacht hat. Das ist wirklich etwas fremdartig, während ansonsten alles erstaunlich vertraut wirkt. Kein Wunder, Japan ist Deutschland ähnlich by Design.

Geschichtlich gesehen war das japanische Kaiserreich lange isoliert, mehrere Hundert Jahre lang, einfach weil man sich für was Besseres hielt und mit der schmutzigen Welt nichts zu tun haben wollte.

Als sich Japan dann im 19. Jahrhundert auf „Wunsch“ insb. der Briten öffnete („Schönes Kaiserreich haben sie da. Wäre schön, wenn sie es für Handel und Kultur öffnen, sonst müssen wir das leider tun“), war es hoffnungslos hinten dran. Statt sich weiter zu entwickeln hatte man nämlich nur vierhundert Jahre lang Traditionen gepflegt. Darum hatte Japan nun viel aufzuholen.

Das tat es auch, und sogar im Eiltempo. Der Tenno schickte Emissäre in die ganze Welt, zum Studium von westlicher Kultur und Gesellschaft. Die Abgesandten prüften, wo was am Besten funktionierte und das wurde dann übernommen, indem man sich westliche Berater ins Land holte. Deshalb wirkt Japan an manchen Stellen auch wie ein Best-of der westlichen Welt: Weil es genau das ist.

Verkehrszeichen? Amerikanisch. Schulsystem? Britisch. Militärischer Aufbau, Armeeausbildung, medizinische Ausbildung und Versorgung, Gesundheits- und Verwaltungssystem: DEUTSCH. Sogar in der japanischen Verfassung findet man Ideen und teils sogar ganze Passagen aus der preußischen Verfassung. Die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Japan kühlten erst ab, als Kaiser Wilhelm II. was von der „gelben Gefahr“ schwadronierte und die Japaner aufforderte, gefälligst auf ihrer Insel zu bleiben und nicht Immobilien auf dem Festland zu erwerben.

Bis dahin hat Japan viel von Deutschland und dem Rest der Welt gelernt und jeweils das Beste übernommen. Gut, es gibt Ausreißer. Keine Ahnung, was den Kaiser bewogen hat, ausgerechnet von den Briten die Verkehrsführung und von den Amerikanern das lausige Stromsystem zu übernehmen.

Ich meine, die Stecker sind ja schon doof, weil sie dauernd aus der Wand fallen…

…aber 110 Volt? Ernsthaft?

Zum Glück können meine mitgeführten Geräte darauf umschalten, und das Netbook und Telefon länger zum Laden brauchen ist zum Glück recht egal, aber bei unsmarten Geräten sieht das anders aus. Ein durchschnittlicher, europäischer Föhn zieht so viel Energie, dass in alten Häusern in Japan die Leitungen so heiß werden können, dass sie in den Wänden anfangen zu brennen. Deshalb bitten Hotels auch INSTÄNDIG darum, dass man sich als Europäer an der Rezeption einen Föhn leiht.

Beim Checkout werde ich daran erinnert, das Japan nicht nur in Sachen Verwaltung Deutschland sehr ähnlich ist. Modnerds Kreditkarte wird freundlich, aber bestimmt abgelehnt und auf Barzahlung bestanden. Ein Problem ist das freilich nicht, ich sehe immer zu, dass ich genug Bares für mindestens die nächste Übernachtung und eine Tankfüllung dabei habe. Plastikgeld ist schön, hilft aber in der Wallachei manchmal einfach nicht.

Nachdem der Check-Out friedlich gelöst ist, möchte Modnerd ein wenig durch Sawatari laufen, den Ort, an dem wir übernachtet haben. Ich habe da keine Lust drauf. Die Morgenluft ist kalt, und ich fühle mich krank. Mein Hals kratzt, und ich habe das Gefühl, ich muss mit meiner Energie haushalten. Die will ich nicht verbraten in dem ich doof Straßen den Berg hochlaufe in einem Ort, in dem es garantiert nichts zu sehen gibt. Aber Modnerd besteht darauf. Maulend folge ich ihm.

Es sieht so aus, als würde das Dorf aus wenig mehr als einer Straße bestehen, die einmal den Berg hoch und wieder runter führt. Die Häuser an dieser Straße sind alle über heißen Quellen gebaut, jedes hat einen Onsen im Angebot.

Die Häuser, die hier gebaut sind, wirken massiver als anderswo. Wir sind schon durch Orte gekommen mit Holzhäuschen, die wirken, als wäre sie nur temporär gebaut: Dünne Wände aus Brettern, billige Einfachfenster. Einweghäuser, sozusagen.

Das stimmt sogar. In Japan wird nicht für die Ewigkeit gebaut. Es kommt wohl sehr häufig vor und ist fast üblich, das Kinder das Haus ihrer Eltern, wenn sie es erben, abreißen und neu bauen. Ich habe schon gelesen das sei, damit sich keine bösen Geister in den Häusern ansammeln. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube eher, dass der Grund für die Abrisse ist, das viele der Häuschen in so einer leicht- und Billigbauweise errichtet wurden, dass die nach 30 Jahren einfach hinüber sind und der Neubau günstiger ist als die Sanierung.

Die Dorfstraße ist unspektakulär. Es gibt einen hübschen Laden, ansonsten ist ein abgebranntes Holzhaus noch das aufregendste, was zu sehen ist.

Einmal durch den Ort zu wandern dauert keine zehn Minuten, dann stehen wir auf einer Brücke, die aus dem Dorf heraus und über eine breite Schlucht führt. Die Wälder leuchten herbstlich in der Morgensonne, und unter der Brücke fließt ein Fluss dahin. Das ist schön, und jetzt bin ich doch froh, dass Modnerd mich hier rausgeschleift hat.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 2 Kommentare

Reisetagebuch Japan (7): Breakfast for Champions

Reise durch Japan. Heute wird erklärt, was Modnerd nicht kann, wie er meine schlimmen Fehler beim Autofahren verhindert und warum ich nackt in den Bergen rumstehe.

Donnerstag, 07. November 2019
Pension Sora, Tateshina
irgendwo in den japanischen Alpen

Um kurz vor halb acht geht Modnerd ins Badezimmer. Gut, dass ich schon vorher dort war und alles erledigt habe. Das mache ich mit Absicht.

Ich dusche immer am Abend zuvor und morgens sehe ich zu, dass ich mir die Zähne putze und meine Sachen aus dem Bad evakuiere, bevor Modnerd es betritt. Denn mein alter Reisegefährte hat ein ganz besonderes Talent: Er kann in ein sauberes, aufgeräumtes Badezimmer gehen und es zwei Sekunden später wieder verlassen, und der Raum dahinter sieht aus, als hätte eine Gruppe Teenager darin eine mehrstündige Wasserschlacht gefeiert. Wirklich: Er geht durch eine Tür und kommt sofort wieder raus und dahinter sieht es von jetzt auf gleich aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

So ist es auch heute morgen. Als Modnerd nach einer kurzen Dusche die Nasszelle verlässt, ist sie WIRKLICH nass: Wasser steht auf dem Boden, das WC und die gegenüberliegende Wand sind mit mitgeduscht, Handtücher hängen auf halb acht an den Halterungen und der Spiegel ist voller Zahnpasta. Wie macht er das nur immer? Um es klar zu sagen: Er macht das nicht mit Absicht. Das passiert einfach. Aber wie kriegt er das hin?

Ich würde das nicht mal hinbekommen, wenn ich absichtlich versuchen würde ein Badezimmer möglichst eingesaut zu hinterlassen, und bei ihm passiert das einfach so, während der normalen Benutzung. Wie geht das? Stellt er sich in die offene Duschtür, hält die Brause in die Hand und dreht sich ein Mal um sich selbst? Bestimmt nicht. Das passiert vermutlich einfach nur, weil ihn Bäder schlicht nicht interessieren und er deshalb alles darin ignoriert. Bad-Ignoranz, sozusagen.

Seufzend beseitige ich die gröbsten Spuren und feudele mit den Handtüchern einmal über Wände und Spiegel und hänge sie dann ordentlich auf. Einfach, weil mir die Gastgeber sonst Leid tun würden. Wie man einen Raum hinterlässt, hat ja auch was mit Respekt den Gastgebern gegenüber zu tun, und die nette Herbergsfamilie hat Besseres verdient als das hier. Abgesehen vom Respekt weiß man ja auch nie, ob man nicht nochmal wiederkommen möchte.

Das Erdgeschoss des Hauses ist Bar und Restaurant in einem, aber weil gerade keine Saison ist, ist es auch das Spielzimmer und Wohnzimmer der Familie, die die „Pension Sora“ betreibt. Alles ist aus hellem Holz gebaut, und in der Mitte des Raumes bullert ein kleiner Benzinofen mit einem Teekessel darauf vor sich hin. Der ganze Raum atmet Wärme und Gemütlichkeit.

Der Herbergsvater, ein junger Man Anfang 30, sieht mit einem rotkariertem Flanellhemd und einem Vollbart aus wie eine Mischung aus IT-ler und Holzfäller. Er spricht leidlich englisch und lacht, als er Modnerd und mich die Treppen runterkommen und von den Wohnbereich-Schlappen in die Restaurant-Schlappen wechseln sieht.

Auf einem Tisch steht bereits unser Frühstück. Es gibt Reis in Algenpapier mit Fischfüllung, eine deftige Brühe und dazu Salat. Und – „Glückes Geschick! – Kaffee aus einer Filtermaschine.

Modnerd und ich sind morgens meist schweigsam, unser Gastgeber hat dagegen Quasselwasser getrunken. „Und am Samstag, da machen wir das alljährliche Run&Drink!“, macht er Werbung für sein Restaurant. „Am Anfang ein Bier trinken, dann eine Runde laufen, dann einen Sake, dann wieder laufen, dann noch einen Sake und so weiter. Laufdistanz ist einmal um den Lake Miyake, also 8,8 km. Die ersten sechs Sake sind in der Startgebühr enthalten. Kommt super an! Wäre das nicht was für Euch? Falls ihr dann noch hier seid?“

Ich rechne kurz nach. Man muss also mindestens 50 Kilometer laufen, bis der erste Sake bezahlt werden muss. Sportlich. „Samstag sind wir nicht mehr hier“, sage ich. „Leider“, füge ich schnell hinzu, weiß dabei aber ganz genau, dass ich nicht mal die Hälfte der ersten Runde überstehen würde. Laufen ist nicht meins.

„Macht nix, das Run&Drink findet jedes Jahr statt. Empfehlen sie uns weiter“, sagt der Gastwirt und lacht.

Mit gepackten Sachen treten wir kurze Zeit später vor die Tür des Holzhauses. Die Bergluft ist frisch, und es ist definitiv schon Herbst hier oben. Gegenüber des Hauses ist ein kleines Birkenwäldchen.

Kurze Zeit später brummt der Toyota Aqua, der eigentlich ein Prius ist, durch die Berge. Mit seinen schweren Batterien liegt der Wagen wie ein Brett auf der Straße, und ziehen tut er im Verbrennermodus auch nich. Drückt man auf´s Gaspedal, wird er nur moderat schneller. Aber mehr muss er auch nicht leisten, denn die Höchstgeschweindigkeit auf Japans Straßen ist stark reglementiert. Maximal 60 km/h darf man hier fahren. Modnerd steuert das Autochen, ich habe Zeit mir die Landschaft anzugucken.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 6 Kommentare

Reisetagebuch Japan (6): Der Tag, an dem wenig klappt

Reise durch Japan. Heute geht es raus auf´s Land. Dabei verzweifeln Modnerd und Silencer fast an japanischen Englischkenntnissen, faules Bluetooth ist faul und im Wald der verlorenen Seelen wartet ein schwarzer Drache. Auch ansonsten klappt nicht alles auf Anhieb.

Mittwoch, 06. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Um 5:30 Uhr klingelt der Wecker, aber zu dem Zeitpunkt bin ich schon wach. Mir geht´s nicht so toll. Die Riesenportion Ramennudeln mit dick Rindfleisch gestern Abend waren wohl ein wenig zu viel und zu fettig für meine Magen. Erst konnte ich vor Bauchschmerzen lange nicht einschlafen, dann habe ich wirres Zeug geträumt und bin immer wieder aufgewacht. Mein Bauch fühlte sich an wie aufgebläht und mit Ziegelsteinen gefüllt. So ähnlich müssen sich Schwangere fühlen.

Ich wälze meinen Kugelbauch aus dem Bett und schlurfe auf den Balkon. Ein letztes Mal gucke ich über das kleine, ruhige Viertel von Sumida.

Heute ist es an der Zeit Tokyo zu verlassen. Fünf Tage sind Modnerd und ich jetzt hier gewesen. Das war gut um sich ein wenig einzufinden und an das japanische Leben ranzutasten. Aber Japan ist nicht nur Tokyo, und nun ist es an der Zeit ein wenig mehr von dem Land zu sehen. Mach´s gut, Zimmer!


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 10 Kommentare

Reisetagebuch Japan (5): Your Name in Kamurocho

Reise durch Japan. Heute begebe ich mich an reale Orte aus fiktiven Geschichten, sinniere über Tankstellen und treibe mich in alten Bordellvierteln herum.

Dienstag, 05. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

An diesem Morgen verlasse ich um kurz nach acht alleine das Hostel. Modnerd und ich gehen heute getrennte Wege. Zwar kommen wir uns nicht groß in die Quere, wenn wir zu Zweit unterwegs sind, aber wenn ich für mich bin, habe ich das Gefühl mehr zu sehen und mehr mit zu bekommen, und das will ich heute.

Allein die Möglichkeit, jederzeit und in der eigenen Sprache mit jemandem reflektieren zu können was ich gerade sehe, lässt mich eine Reise weniger intensiv erleben. Vielleicht weil Gedanken, die mir beim Erkunden in den Sinn kommen, gleich durch den Mund wieder den Kopf verlassen. Wenn ich allein bin, bleiben die Gedanken im Kopf und kreisen darin, bis sie für mich kategorisiert und eingeordnet sind und dann irgendwann hier im Reisetagebuch stehen. Wenn ich allein bin, kommen Dinge näher an mich heran, ich tauche in die Welt ein. Bin ich mit anderen unterwegs, habe ich das Gefühl eine Blase um mich herum zu haben, durch die ich weniger mitbekomme. Wie auch immer: Ich mag Reisen mit Modnerd, aber heute freue ich mich darauf den Tag für mich zu haben.


Weiterlesen

Kategorien: Reisen | 10 Kommentare

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: