Reisen

Reisetagebuch Japan (14): Kriminelle Rehe und das frustrierendste Getränk der Welt

Reise nach Japan. Nach der schweren Kost in der letzten Folge geht es heute um Vereinigungen verbrecherischerer Rehe, eine gepflegten Torkelei über eine Insel mit tödlicher Fauna und eine der dümmsten Produktverpackungen der Welt.

Mittwoch, 13. November 2019, Hiroshima

Modnerd hat schlechte Laune. „Das war nur eine 6 von 10 Nacht“, klagt er beim Aufstehen und hebt zu einem großen Lamento an: Durch das Fenster zog es kalt rein, das (Doppel)bett war zu kurz und zu eng und das Schlimmste: Seine SIM ist gedrosselt, nachdem er in Kyoto darüber Netflix für 20 GB geguckt hat, weil das Hotel-WLAN nur SD-Qualität geliefert hat. Anscheinend heißt bei dem Provider, von dem wir unsere Travelsims haben, „unbegrenztes Datenvolumen“, dass man nach 20 GB auf eine nicht mehr sinnvoll nutzbare Geschwindigkeit gedrosselt wird. Japan und Deutschland haben eben viele Gemeinsamkeiten.

Ich habe auch unruhig geschlafen, aber nicht wegen gedrosseltem Datenvolumen, sondern weil ich tierische Halsschmerzen habe und dauernd Husten muss. Vermutlich hat das maßgeblich zu Modnerds schlechter Nacht beigetragen. Sorry, Kumpel. Ich habe mir das auch nicht aussuchen können, ausgerechnet während einer Reise krank zu werden.

Nach einem Instantkaffee und seltsamen Kuchenzeug aus dem Conbini gurgele ich nochmal mit desinfizierender Salzlösung, dann geht es los. Wir laufen durch das morgendliche Hiroshima und bewundern, wieder einmal, die Detailverliebtheit der japanischen Kultur. Zum Beispiel deren Kanaldeckel.

Natürlich begegnen uns auch heute Morgen wieder deutsche Wörter, die die Japaner einfach nutzen, weil sie sie schön und cool finden:

Hiroshima selbst liegt am Nordende eines Küsteneinschnitts und wird von Flüssen durchzogen. In der Bucht vor der Stadt liegen mehrere Inseln. Die bekannteste davon ist die heilige Insel Miyajima, und die wollen wir uns heute ansehen.


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Reisetagebuch Japan (13): Hiroshima



Reise durch Japan. Heute geht es einen Nachmittag lang durch Hiroshima, und dann gibt es Omnomnommiyaki. Oder so.


Immer noch Dienstag, der 12. November 2019, 16:00 Uhr
Hiroshima

Es ist Nachmittag. Nachdem ich heute morgen, nach der Wanderung über den heiligen Berg in Kyoto, völlig fix und fertig war, bin ich jetzt wieder flotteren Schrittes unterwegs. Aber alles ist noch nicht gut, die Halsentzündung oder vielleicht auch ein grippaler Infekt steckt mir noch in den Knochen. Ich habe Halsschmerzen, muss dauernd Husten und irgendwo in meinem Schädel pochen dumpfe Kopfschmerzen.

Trotzdem beginnen Modnerd und ich sofort, nachdem die Sache mit dem Sekont Brrranckett geklärt ist, mit der Erkundung von Hiroshima.
Was für ein geschichtsträchtiger Name! Hiroshima, klar, kennt man, Atombombe und so. Aber was heißt das eigentlich wirklich?

Das begreife ich, als ich vor dem A-Dome stehe. Das war früher der Sitz der ausländischen Handelskammer und ist so ziemlich das einzige Gebäude, von dem nach Abwurf der Bombe überhaupt noch etwas stand hat. Es wurde in seinem damaligen Zustand konserviert und ist jetzt eine mahnende Ruine am Ufer des Flusses Motoyasu.

Ein Bild vor dem Friedensdenkmal zeigt, wie es unmittelbar nach der Explosion aussah:

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Reisetagebuch Japan (12): Torii in Kyōto

Reise durch Japan. Heute mit Füchsen, Wiesel und Pinguinen.

12. November 2019
Kyoto, The B Hotel

Als ich am Morgen aufwache, fühle ich mich etwas kraftlos, aber zumindest nicht mehr fiebrig. Das Fieberthermometer bestätigt das: 37,3 Grad, fast normale Temperatur. Durchgeschwitzt bin ich trotzdem, erholsam war die Nacht nicht. Es ist erst 6:30 Uhr, aber Modnerd ist bereits wach. Also stehe ich auch auf.

Nachdem wir unsere sieben Sachen gepackt haben, geht es zum Bahnhof. Hier schließen wir Modnerds Rollkoffer und meinen Rucksack ein, dann setzten wir uns in eine Bahn, die erst Richtung Osten und dann nach Süden fährt. Die Fahrt dauert nur fünf Minuten und ist für uns, als Besitzer des Japan Railpass, kostenlos.

Bild: Google Earth 2020.

Am Fuß des Berg Inari steigen wir aus und sehen sofort, was diesen Ort hier so bekannt gemacht hat: Die Torii, große, orange lackierte Tore.

Die Torii gehören fest zur Grundausstattung von Shinto-Tempeln und markieren den Übergang von der weltlichen in die geistliche Welt. Nicht alle Shinto-Schreine sind gleich. Es gibt verschiedene Arten, und die sind quasi als Netzwerke über Japan verteilt. Das hier ist ein Inari-Schrein, von denen es 32.000 in Japan gibt. Die anderen Netzwerke sind bedeutet kleiner. Es gibt auch Naturschreine, wie Berge oder Wälder. Der Berg Fuji, zum Beispiel, ist auch ein Naturschrein.

Ein Schrein liegt direkt hinter dem Eingangstor.

Der Schrein wird von Füchsen bewacht. Im Shinto-Glauben sind das mystische Wächter und Botschafter, die Nachrichten aus der Geisterwelt überbringen.


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Reisetagebuch Japan (11): Fieberträume im Bambuswald

Reise durch Japan. Heute mit Kimonos und Hochqualitätsbambis.

11. November 2020
Kyoto, „The B Hotel“

Und dann ruft Anja Rützel an und will ein Taxi, aber weil ich in einer Telefonzelle wohne und die zu eng zum Schuhe anziehen ist, komme ich zu spät um sie abzuholen.

Zwölf Stunden habe ich geschlafen, mich herumgewälzt, irres Zeug geträumt. Nahe an der Grenze zu Fieberträumen, und tatsächlich: Das Thermometer zeigt 38,7 Grad, das ist satt erhöhte Temperatur an der Grenze zum Fieber. Ich schwanke ein wenig durchs Zimmer und unter die Dusche, dann steht der Entschluss fest: Ich will nicht weiter im Bett rumliegen und Kyoto verpassen. Ich will raus, und wenn ich merke ich kann nicht mehr, kann ich immer noch zurück ins Hotel. Also los.

Ich habe keinen Hunger, und Modnerd hält sich auch nicht lange mit Frühstück auf. Ein Instantkaffee, ein Teilchen aus dem Conbini-Markt, und schon sitzen wir in einer kleinen Bahn, die Kyoto Zentrum Richtung Westen verlässt.

Am Bahnhof Arashimaya im Westen der Stadt steigen wir aus. Anscheinend kostet die Nutzung des ÖPNV in Kyoto immer den gleichen Betrag, 230 Yen. Problem dabei: Unsere Suicas, die lustigen Pinguinkarten, die uns in Tokyo das Rumhantieren mit Kleingeld erspart haben, funktionieren an diesem Bahnhof nicht. OK, auch kein Problem, dann zahle ich halt in Bar.

Am Bahnhof stehen überall bunte Säulen herum. Die sind aus Plexiglas und im Inneren sind Kimono-Stoffe. Das nennen sie hier „Kimono-Wald“.


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Reisetagebuch Japan (10): Thunderbird!

Reise durch Japan. Heute gucken wir mal, was Kanazawa so kann und wie ein mechanisches Ballett in einem Schnellzug aussieht.

10. November 2019
Share House GAOoo, Kanazawa

Mit gemischten Gefühlen steige ich die steile Treppe zum Wohnbereich unsere Gastgeber hinab. Hat die kleine Überflutungsaktion von vergangener Nacht doch Spuren hinterlassen? Oder ist sie unbemerkt geblieben? Die Sorgen stellen sich als unnötig heraus, Herr Shuke begrüßt Modnerd und mich gut gelaunt und bittet uns in sein Wohnzimmer, in dessen Mitte ein Tisch steht, der nun zum Frühstücken dienen soll. Herrn Shukes Frau lächelt freundlich und sitzt wieder hinter ihrer Nähmaschine, der Chiba Mr. Gao liegt in seinem Käfig.

Am Frühstückstisch sitzt schon eine Frau und unterhält sich auf japanisch mit unseren Gastgebern, wechselt zu unserer Begrüßung aber ins Deutsche. Ach, das muss die Deutsche sein, die hier mehrere Wochen wohnt. Eine Studentin? „Was? Nein! Was denkst Du denn wie alt ich bin?“, fragt die Frau, sie sich als Claudia vorstellt. Ich blicke sie an, und meine Mustererkennung versagt völlig. „Öh, so Mitte zwanzig?“, sage ich und weiß es wirklich nicht. Claudia lacht. „Ich bin über Vierzig, aber danke. Mein Studium liegt schon lange zurück, ich habe aber nicht japanisch, sondern Filmwissenschaften studiert“. „Ah, eine Kollegin!“, sage ich und gestehe, dass Modnerd und ich ebenfalls zu einem Teil Medienwissenschaften studiert haben.

Während Herr Shuke auf einer kleinen Herdplatte Frühstückseier mit Schinken brutzelt, erzählt Claudia, das sie japanisch in ihrer Freizeit und aus Spaß gelernt hat. Was manche Leute so unter Spaß verstehen! Dieses Hobby wurde dann aber schnell wichtig, denn weil derArbeitsmarkt gerade keine Filmwissenschaftlerinnen braucht, arbeitet sie nun in Köln bei einem japanischen Konzern als Sekretärin.

„Die Hierarchien da machen mich wahnsinnig“, sagt sie. „Alles streng hierarchisch und patriarchial“. „Echt? Immer noch?“, sage ich und mustere die Schale mit Blattsalat und das Spiegelei, dass Herr Shuke gerade in einem Puddingförmchen serviert. Dazu legt er aufgebackene Brötchen und ein Stück Butter. Nicht schlecht.

„Ja, klar“, sagt Claudia. „Die Befehlsstruktur ist streng von oben nach unten durchorganisiert, das werden die Japaner einfach nicht los. Alles wird von oben nach unten entschieden, haben sie eine tolle Idee für das Unternehmen, sind aber an der verkehrten Stelle der Hierarchie oder eine Frau, finden sie kein Gehör. Außerdem gibt es überhaupt keine Fehlerkultur. Fehler dürfen einfach nicht passieren. Konzernstrukturen wie aus den Achtzigern. Nichts mit modernen Managementmethoden“. In dem Moment betritt ein Paar das Wohnzimmer. Es sind die beiden Deutschen, die letzte Nacht das Zimmer neben unserem hatten. Ein junges Paar, er Typ „Tumb aber herzlich“, sie eine ungesprächige Bratze. Die beiden hocken sich stumm an den Tisch, er glotzt in den Fernseher, der in einer Ecke läuft, sie zieht eine Fresse, verschränkt die Arme und guckt an die Decke. Herr Shuke steht daneben und lächelt und freut sich, dass sein Gasthaus heute ein deutsches Haus ist.

Modnerd und ich sind fertig mit dem Frühstück und verabschieden uns. Herr Shuke und seine Frau lassen es sich nicht nehmen, uns bis vor das Haus zu bringen. Auch Herr Gao, der Chiba, darf aus seinem kleinen Käfig und mit auf die Straße.

Frau Shuke schenkt jedem von uns eine kleine Tasche, die sie selbst genäht hat. Ich muss lachen, als ich darauf den Chiba und einen kleinen Annäher mit der Aufschrift „Gao“ sehe.

Wir laufen zuerst zum Bahnhof von Kanazawa. An der Straße steht eine digitale Wasseruhr, die mit kleinen Fontänen die Uhrzeit anzeigt. Das sieht in Bewegung total interessant aus, hier ist sie bei Sekunde 21 (plus noch weitere Impressionen des heutigen Tages):


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Reisetagebuch Japan (9): Das Überflutungseichhörnchen

Reise durch Japan. Heute wird Auto an einem ungewöhnlichen Ort gefahren und Modernd flutet eine Toilette.

Samstag, 09. November 2019
Pension Yasuda, Takayama
irgendwo in den japanischen Alpen

Ich wache auf, weil ich so sehr friere. Das liegt am Wetter, stelle ich beim Blick aus dem Fenster fest. Die Pension Yasuda liegt am Waldrand, und aus dem Zimmerfenster ist nur das dichte Laub von bunten Bäumen zu sehen. Aber aus einem Fenster neben dem Waschbecken im Flur kann ich auf eine Wiese und ein paar Autos blicken, und die sind übergefroren und dick mit Raureif bedeckt. Die Nacht hat es also gefroren, und die Temperaturen liegen immer noch unter Null.

Als Modnerd und ich den Gästeraum im Erdgeschoss betreten befürchte ich ein Frühstück aus Fisch und Tee, aber zum Glück bedient der Gastwirt auch jetzt den den europäischen Geschmack, den seine Eltern aus Spanien mitgebracht haben. Er bringt uns in der Pfanne angebratenen Toast, den er mit Gemüse belegt und mit Käse überbacken hat. Nach der Fischvermutung eine echte Erleichterung! Nur mit dem Wasserkocher in einer Ecke des Raumes können wir nichts anfangen. Zu zweit stehen wir vor dem quaderförmigen Gerät mit dem halben Dutzend bunter Knöpfe und rätseln, welche der japanisch beschrifteten Tasten jetzt wohl was auslöst.

Zum Glück bemerkt einer der beiden anderen Gäste im Raum unsere Hilflosigkeit, kommt herübergeschlendert und erklärt uns, wie man das Ding bedient. Mit seiner Hilfe bekommen wir es hin zwei Tassen heißes Wasser zu zapfen. Ok, dann gibt es Toast mit Tee, damit kann ich leben. Alles, nur keinen Fisch zum Frühstück.

Als wir abreisen wollen ist unser Mietwagen noch dick übergefroren. Einen Eiskratzer hat der Prius natürlich nicht an Bord. Unentschlossen wische ich mit meinen Lederhandschuhen auf der Scheibe herum, was aber nichts bringt. Früher hätten wir jetzt einfach unter das Radio gegriffen und eine Kassettenhülle als Eiskratzer genommen. Aber was nimmt man heute?

Modnerd kommt auf die Idee den Motor zu starten und die Scheibe mit der Lüftung abzutauen. Geht das mit einem Elektroauto überhaupt, wo doch die Abwärme vom Verbrennungsmotor fehlt?, frage ich mich und stelle fest, dass ich mich mit Elektro- oder Hybridautos echt gar nicht auskenne.

Der Prius summt kurz, als seine Systeme starten. Es ist, als ob der Wagen aufwacht und erstmal guckt, wo er ist. Anscheinend merkt das Auto, dass es kalt ist, und startet nach einer kurzen Denkpause seinen Verbrennungsmotor. Cleveres Kerlchen!

Ich krame ich meine kleine Missionsmappe raus, in der unsere Pläne, Buchungen und Routen für die einzelnen Tage sind. Die besteht außen aus einem halben Plastikschnellhefter, und mit dem hobele ich nun Stück für Stück die Eisschicht weg.

Als die Sicht akzeptabel ist, fahren wir los. Es geht durch herbstlich goldene Wälder, die die Berghänge bedecken, und dann an einem See entlang.


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Reisetagebuch Japan (8): Handgemachte Klingeltöne

Reise durch Japan. Heute Überland, mit Informationen über Land und Hausschuhe sowie ein ironisches Bauwerk, das es nicht geben dürfte.

Freitag, 08. November 2019
Ryokan Miyataya, Sawatari
irgendwo in den japanischen Alpen

Beine aus dem Bett schwingen, Füße in die Haus-Hausschuhe. Zum Klo, Toilettentür auf, Haus-Hausschuhe aus, rein in die Toiletten-Hausschuhe, die man nur im Klo trägt. Uh, Fertig. Raus aus den Toiletten-Hausschuhen, rein in die Haus-Hausschuhe, ab zum Onsen, raus aus den Haus-Hausschuhen, rein in die Badevorzimmer-Hausschuhe.

Ich bin schon früh auf den Beinen und nehme noch ein Bad im heißen Vulkanwasser des Onsen. Es ist noch ruhig in dem Ryokan, dem klassischen japanischen Gasthaus, in dem wir die Nacht verbracht haben. Auf klassisch japanisches Frühstück verzichten Modnerd und ich aber, uns steht nicht der Sinn nach Reis mit Fisch und Grünem Tee.

Also in die Haus-Hausschuhe, zum Empfangsbereich, dort in unsere Straßenschuhe. Nach 8 Tagen in Japan haben Modnerd und ich das ständige Schuhewechseln mittlerweile drauf, auch wenn es noch nicht zur zweiten Natur geworden ist. Aber immerhin ist uns noch nicht das passiert, was angeblich jeder Ausländer irgendwann mal hinbekommt: In den Toiletten-Hausschuhen im Wohnbereich stehen und sich wundern, warum einen alle in Horror anstarren. Den Umstehenden schmilzt in solchen Fällen das Hirn. IN TOILETTENSCHUHEN! IM WOHNBEREICH! Vermutlich wird dann gleich das Haus angezündet und neu gebaut.

Keine Ahnung woher der Schuhwechselfetisch in Japan kommt. Vermutlich, weil früher einfach viel auf dem Boden gesessen und geschlafen wurde. Das ist heute nur noch zum Teil der Fall, aber Traditionen behält man halt bei, weil man das schon immer so gemacht hat. Das ist wirklich etwas fremdartig, während ansonsten alles erstaunlich vertraut wirkt. Kein Wunder, Japan ist Deutschland ähnlich by Design.

Geschichtlich gesehen war das japanische Kaiserreich lange isoliert, mehrere Hundert Jahre lang, einfach weil man sich für was Besseres hielt und mit der schmutzigen Welt nichts zu tun haben wollte.

Als sich Japan dann im 19. Jahrhundert auf „Wunsch“ insb. der Briten öffnete („Schönes Kaiserreich haben sie da. Wäre schön, wenn sie es für Handel und Kultur öffnen, sonst müssen wir das leider tun“), war es hoffnungslos hinten dran. Statt sich weiter zu entwickeln hatte man nämlich nur vierhundert Jahre lang Traditionen gepflegt. Darum hatte Japan nun viel aufzuholen.

Das tat es auch, und sogar im Eiltempo. Der Tenno schickte Emissäre in die ganze Welt, zum Studium von westlicher Kultur und Gesellschaft. Die Abgesandten prüften, wo was am Besten funktionierte und das wurde dann übernommen, indem man sich westliche Berater ins Land holte. Deshalb wirkt Japan an manchen Stellen auch wie ein Best-of der westlichen Welt: Weil es genau das ist.

Verkehrszeichen? Amerikanisch. Schulsystem? Britisch. Militärischer Aufbau, Armeeausbildung, medizinische Ausbildung und Versorgung, Gesundheits- und Verwaltungssystem: DEUTSCH. Sogar in der japanischen Verfassung findet man Ideen und teils sogar ganze Passagen aus der preußischen Verfassung. Die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Japan kühlten erst ab, als Kaiser Wilhelm II. was von der „gelben Gefahr“ schwadronierte und die Japaner aufforderte, gefälligst auf ihrer Insel zu bleiben und nicht Immobilien auf dem Festland zu erwerben.

Bis dahin hat Japan viel von Deutschland und dem Rest der Welt gelernt und jeweils das Beste übernommen. Gut, es gibt Ausreißer. Keine Ahnung, was den Kaiser bewogen hat, ausgerechnet von den Briten die Verkehrsführung und von den Amerikanern das lausige Stromsystem zu übernehmen.

Ich meine, die Stecker sind ja schon doof, weil sie dauernd aus der Wand fallen…

…aber 110 Volt? Ernsthaft?

Zum Glück können meine mitgeführten Geräte darauf umschalten, und das Netbook und Telefon länger zum Laden brauchen ist zum Glück recht egal, aber bei unsmarten Geräten sieht das anders aus. Ein durchschnittlicher, europäischer Föhn zieht so viel Energie, dass in alten Häusern in Japan die Leitungen so heiß werden können, dass sie in den Wänden anfangen zu brennen. Deshalb bitten Hotels auch INSTÄNDIG darum, dass man sich als Europäer an der Rezeption einen Föhn leiht.

Beim Checkout werde ich daran erinnert, das Japan nicht nur in Sachen Verwaltung Deutschland sehr ähnlich ist. Modnerds Kreditkarte wird freundlich, aber bestimmt abgelehnt und auf Barzahlung bestanden. Ein Problem ist das freilich nicht, ich sehe immer zu, dass ich genug Bares für mindestens die nächste Übernachtung und eine Tankfüllung dabei habe. Plastikgeld ist schön, hilft aber in der Wallachei manchmal einfach nicht.

Nachdem der Check-Out friedlich gelöst ist, möchte Modnerd ein wenig durch Sawatari laufen, den Ort, an dem wir übernachtet haben. Ich habe da keine Lust drauf. Die Morgenluft ist kalt, und ich fühle mich krank. Mein Hals kratzt, und ich habe das Gefühl, ich muss mit meiner Energie haushalten. Die will ich nicht verbraten in dem ich doof Straßen den Berg hochlaufe in einem Ort, in dem es garantiert nichts zu sehen gibt. Aber Modnerd besteht darauf. Maulend folge ich ihm.

Es sieht so aus, als würde das Dorf aus wenig mehr als einer Straße bestehen, die einmal den Berg hoch und wieder runter führt. Die Häuser an dieser Straße sind alle über heißen Quellen gebaut, jedes hat einen Onsen im Angebot.

Die Häuser, die hier gebaut sind, wirken massiver als anderswo. Wir sind schon durch Orte gekommen mit Holzhäuschen, die wirken, als wäre sie nur temporär gebaut: Dünne Wände aus Brettern, billige Einfachfenster. Einweghäuser, sozusagen.

Das stimmt sogar. In Japan wird nicht für die Ewigkeit gebaut. Es kommt wohl sehr häufig vor und ist fast üblich, das Kinder das Haus ihrer Eltern, wenn sie es erben, abreißen und neu bauen. Ich habe schon gelesen das sei, damit sich keine bösen Geister in den Häusern ansammeln. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube eher, dass der Grund für die Abrisse ist, das viele der Häuschen in so einer leicht- und Billigbauweise errichtet wurden, dass die nach 30 Jahren einfach hinüber sind und der Neubau günstiger ist als die Sanierung.

Die Dorfstraße ist unspektakulär. Es gibt einen hübschen Laden, ansonsten ist ein abgebranntes Holzhaus noch das aufregendste, was zu sehen ist.

Einmal durch den Ort zu wandern dauert keine zehn Minuten, dann stehen wir auf einer Brücke, die aus dem Dorf heraus und über eine breite Schlucht führt. Die Wälder leuchten herbstlich in der Morgensonne, und unter der Brücke fließt ein Fluss dahin. Das ist schön, und jetzt bin ich doch froh, dass Modnerd mich hier rausgeschleift hat.


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Reisetagebuch Japan (7): Breakfast for Champions

Reise durch Japan. Heute wird erklärt, was Modnerd nicht kann, wie er meine schlimmen Fehler beim Autofahren verhindert und warum ich nackt in den Bergen rumstehe.

Donnerstag, 07. November 2019
Pension Sora, Tateshina
irgendwo in den japanischen Alpen

Um kurz vor halb acht geht Modnerd ins Badezimmer. Gut, dass ich schon vorher dort war und alles erledigt habe. Das mache ich mit Absicht.

Ich dusche immer am Abend zuvor und morgens sehe ich zu, dass ich mir die Zähne putze und meine Sachen aus dem Bad evakuiere, bevor Modnerd es betritt. Denn mein alter Reisegefährte hat ein ganz besonderes Talent: Er kann in ein sauberes, aufgeräumtes Badezimmer gehen und es zwei Sekunden später wieder verlassen, und der Raum dahinter sieht aus, als hätte eine Gruppe Teenager darin eine mehrstündige Wasserschlacht gefeiert. Wirklich: Er geht durch eine Tür und kommt sofort wieder raus und dahinter sieht es von jetzt auf gleich aus als hätte eine Bombe eingeschlagen.

So ist es auch heute morgen. Als Modnerd nach einer kurzen Dusche die Nasszelle verlässt, ist sie WIRKLICH nass: Wasser steht auf dem Boden, das WC und die gegenüberliegende Wand sind mit mitgeduscht, Handtücher hängen auf halb acht an den Halterungen und der Spiegel ist voller Zahnpasta. Wie macht er das nur immer? Um es klar zu sagen: Er macht das nicht mit Absicht. Das passiert einfach. Aber wie kriegt er das hin?

Ich würde das nicht mal hinbekommen, wenn ich absichtlich versuchen würde ein Badezimmer möglichst eingesaut zu hinterlassen, und bei ihm passiert das einfach so, während der normalen Benutzung. Wie geht das? Stellt er sich in die offene Duschtür, hält die Brause in die Hand und dreht sich ein Mal um sich selbst? Bestimmt nicht. Das passiert vermutlich einfach nur, weil ihn Bäder schlicht nicht interessieren und er deshalb alles darin ignoriert. Bad-Ignoranz, sozusagen.

Seufzend beseitige ich die gröbsten Spuren und feudele mit den Handtüchern einmal über Wände und Spiegel und hänge sie dann ordentlich auf. Einfach, weil mir die Gastgeber sonst Leid tun würden. Wie man einen Raum hinterlässt, hat ja auch was mit Respekt den Gastgebern gegenüber zu tun, und die nette Herbergsfamilie hat Besseres verdient als das hier. Abgesehen vom Respekt weiß man ja auch nie, ob man nicht nochmal wiederkommen möchte.

Das Erdgeschoss des Hauses ist Bar und Restaurant in einem, aber weil gerade keine Saison ist, ist es auch das Spielzimmer und Wohnzimmer der Familie, die die „Pension Sora“ betreibt. Alles ist aus hellem Holz gebaut, und in der Mitte des Raumes bullert ein kleiner Benzinofen mit einem Teekessel darauf vor sich hin. Der ganze Raum atmet Wärme und Gemütlichkeit.

Der Herbergsvater, ein junger Man Anfang 30, sieht mit einem rotkariertem Flanellhemd und einem Vollbart aus wie eine Mischung aus IT-ler und Holzfäller. Er spricht leidlich englisch und lacht, als er Modnerd und mich die Treppen runterkommen und von den Wohnbereich-Schlappen in die Restaurant-Schlappen wechseln sieht.

Auf einem Tisch steht bereits unser Frühstück. Es gibt Reis in Algenpapier mit Fischfüllung, eine deftige Brühe und dazu Salat. Und – „Glückes Geschick! – Kaffee aus einer Filtermaschine.

Modnerd und ich sind morgens meist schweigsam, unser Gastgeber hat dagegen Quasselwasser getrunken. „Und am Samstag, da machen wir das alljährliche Run&Drink!“, macht er Werbung für sein Restaurant. „Am Anfang ein Bier trinken, dann eine Runde laufen, dann einen Sake, dann wieder laufen, dann noch einen Sake und so weiter. Laufdistanz ist einmal um den Lake Miyake, also 8,8 km. Die ersten sechs Sake sind in der Startgebühr enthalten. Kommt super an! Wäre das nicht was für Euch? Falls ihr dann noch hier seid?“

Ich rechne kurz nach. Man muss also mindestens 50 Kilometer laufen, bis der erste Sake bezahlt werden muss. Sportlich. „Samstag sind wir nicht mehr hier“, sage ich. „Leider“, füge ich schnell hinzu, weiß dabei aber ganz genau, dass ich nicht mal die Hälfte der ersten Runde überstehen würde. Laufen ist nicht meins.

„Macht nix, das Run&Drink findet jedes Jahr statt. Empfehlen sie uns weiter“, sagt der Gastwirt und lacht.

Mit gepackten Sachen treten wir kurze Zeit später vor die Tür des Holzhauses. Die Bergluft ist frisch, und es ist definitiv schon Herbst hier oben. Gegenüber des Hauses ist ein kleines Birkenwäldchen.

Kurze Zeit später brummt der Toyota Aqua, der eigentlich ein Prius ist, durch die Berge. Mit seinen schweren Batterien liegt der Wagen wie ein Brett auf der Straße, und ziehen tut er im Verbrennermodus auch nich. Drückt man auf´s Gaspedal, wird er nur moderat schneller. Aber mehr muss er auch nicht leisten, denn die Höchstgeschweindigkeit auf Japans Straßen ist stark reglementiert. Maximal 60 km/h darf man hier fahren. Modnerd steuert das Autochen, ich habe Zeit mir die Landschaft anzugucken.


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Reisetagebuch Japan (6): Der Tag, an dem wenig klappt

Reise durch Japan. Heute geht es raus auf´s Land. Dabei verzweifeln Modnerd und Silencer fast an japanischen Englischkenntnissen, faules Bluetooth ist faul und im Wald der verlorenen Seelen wartet ein schwarzer Drache. Auch ansonsten klappt nicht alles auf Anhieb.

Mittwoch, 06. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Um 5:30 Uhr klingelt der Wecker, aber zu dem Zeitpunkt bin ich schon wach. Mir geht´s nicht so toll. Die Riesenportion Ramennudeln mit dick Rindfleisch gestern Abend waren wohl ein wenig zu viel und zu fettig für meine Magen. Erst konnte ich vor Bauchschmerzen lange nicht einschlafen, dann habe ich wirres Zeug geträumt und bin immer wieder aufgewacht. Mein Bauch fühlte sich an wie aufgebläht und mit Ziegelsteinen gefüllt. So ähnlich müssen sich Schwangere fühlen.

Ich wälze meinen Kugelbauch aus dem Bett und schlurfe auf den Balkon. Ein letztes Mal gucke ich über das kleine, ruhige Viertel von Sumida.

Heute ist es an der Zeit Tokyo zu verlassen. Fünf Tage sind Modnerd und ich jetzt hier gewesen. Das war gut um sich ein wenig einzufinden und an das japanische Leben ranzutasten. Aber Japan ist nicht nur Tokyo, und nun ist es an der Zeit ein wenig mehr von dem Land zu sehen. Mach´s gut, Zimmer!


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Reisetagebuch Japan (5): Your Name in Kamurocho

Reise durch Japan. Heute begebe ich mich an reale Orte aus fiktiven Geschichten, sinniere über Tankstellen und treibe mich in alten Bordellvierteln herum.

Dienstag, 05. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

An diesem Morgen verlasse ich um kurz nach acht alleine das Hostel. Modnerd und ich gehen heute getrennte Wege. Zwar kommen wir uns nicht groß in die Quere, wenn wir zu Zweit unterwegs sind, aber wenn ich für mich bin, habe ich das Gefühl mehr zu sehen und mehr mit zu bekommen, und das will ich heute.

Allein die Möglichkeit, jederzeit und in der eigenen Sprache mit jemandem reflektieren zu können was ich gerade sehe, lässt mich eine Reise weniger intensiv erleben. Vielleicht weil Gedanken, die mir beim Erkunden in den Sinn kommen, gleich durch den Mund wieder den Kopf verlassen. Wenn ich allein bin, bleiben die Gedanken im Kopf und kreisen darin, bis sie für mich kategorisiert und eingeordnet sind und dann irgendwann hier im Reisetagebuch stehen. Wenn ich allein bin, kommen Dinge näher an mich heran, ich tauche in die Welt ein. Bin ich mit anderen unterwegs, habe ich das Gefühl eine Blase um mich herum zu haben, durch die ich weniger mitbekomme. Wie auch immer: Ich mag Reisen mit Modnerd, aber heute freue ich mich darauf den Tag für mich zu haben.


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Reisetagebuch Japan (4): Teamlab Borderless & Skytree

Reise nach Japan. Heute mit einer Straßenbahn die übers Wasser fährt, einer digitalen Welt und Dunkelheit, die durch eine Stadt schwappt.

Montag, 04. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Nicht nur das Hostelzimmer müllt zu, auch meine Hosentaschen. Mit Kleingeld. Japan hat ein ähnliches Preisniveau wie die Schweiz, und alles unter 50 Yen (ca. 40 Cent) kann man eigentlich nicht wirklich nutzen. Warum es überhaupt noch 10, 5 und 1 Yen-Stücke (das sind 0,8 Eurocent!) gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. In Geschäften wird man den Kram nämlich nicht einfach so wieder los, und aufgrund der ganzen schiefen Preise sammeln sich die Minimünzen rasant an. Da ich die immer in den linken Hosentasche habe, gehe ich schon ganz schief – und lasse deshalb erstmal eine Handvoll davon zu Hause.

Überhaupt, Bezahlung! Japan, so dachte ich immer, ist ein supermodernes Land. Dem ist aber nicht so. Klar, Japaner sind technikbegeistert, und selbstverständlich gibt es überall Glasfaser und schnelles LTE, aber in Sachen Kartenzahlung ist man hier noch schlimmer als in Deutschland.

In der Großstadt Tokyo geht es noch halbwegs, hier kann man zumindest in Hotels, Restaurants und Conbinis mit Karte zahlen, nur an Automaten und in kleinen Geschäften wird die Zahlung per Kreditkarte abgelehnt. Auf dem Land ist das schlimmer, da heißt es in vielen Restaurants und Hotels: Nur Bares ist Wahres. Japan ist, genau wie Deutschland, eine Bargeldgesellschaft.

Um wenigstens ein wenig von den Münzen wegzukommen, gibt es lokale Debitkarten. Das sind Plastikkarten, auf die man per Kreditkarte oder Bargeld einen Betrag speichern kann. Die Debitkarten kann man dann zum Bezahlen in Verkehrsmitteln und an Automaten verwenden. Problem dabei: Es gibt haufenweise Kartensysteme, und die Karten werden meist nur jeweils in einer Regions anerkannt. In Tokyo sind die verbreitetsten Karten die von Suica oder Pasmo.

Zum Glück hat mir Huhu seine Suica-Karte geliehen.

Wer braucht schon eine Apple-Card, wenn er eine Pinguin-Karte haben kann?

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Reisetagebuch Japan (3): Baumkuchen, Brüste und Igel

Reise nach Japan. Heute probiere ich japanischen Baumkuchen, amüsiere mich über deutsche Worte und stolpere in Kunstinstallationen.

VORBEMERKUNG: Japans konservative Gesellschaft ist patriarchal geprägt und hat ein großes Problem mit Sexismus und ein riesiges Problem was Frauenrechte angeht. Beides halte ich für hoch problematisch.

Ich versuche mit meinen Reisen und diesem Tagebuch zu entdecken und zu verstehen, wie andere Gesellschaften ticken. Da sexualisierte Darstellungen im Jahr 2019 fester und allgegenwärtiger Bestandteil der japanischen Kultur sind, komme ich um deren Beobachtung nicht herum. Das soll kein Selbstzweck sein, sondern wird vom Versuch begleitet, durch Beobachtungen auf gesellschaftliche Phänomene zu schließen. Das nur als Grund, weshalb es im Folgenden durchaus (Comic-)Brüste geben wird.


Sonntag, 03. November 2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Beim Frühstück muss ich kurz das Gesicht verziehen. Meine Zunge gibt sich empört, weil Sie vermutet, ich hätte sich in Waschmittel gesteckt.

Nein, Zunge, das ist kein Waschmittel. Hier schmeckt nur einiges etwas anders, als wir es gewohnt sind. Der Joghurt zum Beispiel hat eine etwas andere, geradezu wässrige Konsistenz und schmeckt nicht nach den Aromen, die wir so kennen. Er schmeckt künstlich und so, wie manche Waschmittel riechen, und das empört meine Zunge.

Ich probiere ja gerne neue Sachen, aber in Maßen. So lange es sich vermeiden lässt, trinke ich keinen Grünen Tee zum Frühstück und esse dazu Fisch. Deshalb gibt es auch heute morgen für mich Rosinenbrioche und Instantkaffee, während sich Modnerd an Reisbällchen mit Fisch in Kombination mit einem seltsam rosafarbenen Getränk versucht.

Der Wohnbereich unseres Zimmers hat mittlerweile, nach einem Abendessen und zwei Mal Frühstück, Gemütlichkeit absorbiert. Oder anders ausgedrückt: Es müllt langsam aber sicher voll.

Seit zwei Tagen versorgen wir uns aus „Conbinis“, den kleinen Convenience-Stores, in denen es Fertignahrung gibt. Das ist bequem und vergleichsweise billig, produziert aber leider unglaublich viel Müll. Zumal man es in Japan mit Plastikverpackungen eh hat. Es ist unglaublich, aber ALLES gibt es hier in Wegwerfvarianten und eingepackt in Unmengen an Kunststoff. Sogar hartgekochte Eier werden geschält und dann in Plastik verpackt zum Kauf angeboten:

Völlig ungläubig haben wir gestern Abend eine Packung Kekse angestarrt, die sich Modnerd aus einem Conbini mitgebracht hatte. Drum herum war eine große, feste Plastikverpackung, innen drin war eine Halterung aus Kunststoff für die Kekse und JEDER EINZELNE KEKS war auch nochmal in Plastik verpackt. Völliger Wahnsinn, der sich beim Einkauf auch fortsetzt.

So bekommt man beim Einkauf in Conbinis zu allem Besteck dazu. Zu einem Fertigsalat eine Plastikgabel, verpackt in Plastik. Zu einem Joghurt gibt es einen Plastiklöffel, verpackt in Plastik. Dazu Servietten, natürlich verpackt in Plastik. Und man bekommt immer und überall Plastiktüten für seine Einkäufe.

Am Ausgang der Conbinis stehen sogar Mülleimer, in die man die frisch gekauften Plastiktüten gleich wieder entsorgen kann, wenn man sie nicht braucht. Aber mitnehmen muss man sie. Über diese Konvention setze ich mich jedes Mal hinweg. Ich habe meinen kleinen Tagesrucksack dabei und sogar eine Einkaufstasche aus Stoff und sehe es überhaupt nicht ein, die Plastebeutel mitzunehmen. Jedes mal wenn ich sage „Nonono“, wenn der Kassierer zum Plastikbeutel greift, werde ich erst ungläubig angesehen, dann folgt seltsames Gemurmel, und manchmal wird dann jeder einzelner Artikel mit farbigem Klebeband als „bezahlt“ markiert.

Die Ernährung auf Conbinis ist natürlich nicht gesund. Zwar gibt es auch fertig abgepackte Reisgerichte und Salate, aber die meisten Fertiggerichte sind zu süß und zu fettig. Interessant ist es natürlich schon mal zu probieren, wie japanischer Baumkuchen eigentlich schmeckt.

Auflösung: Nicht nach Baumkuchen. Das ist auch kein echter Baumkuchen, sondern lediglich ein profaner Rührkuchen, auf den mit Lebensmittelfarbe Ringe aufgemalt wurden.

Modnerd und ich fahren mit der Metro in den Stadtteil Akihabara.

Auf den Bahnsteigen ist auf dem Boden markiert, wie man in zwei Schlangen rechts und links vor einer dicken Markierung warten soll. An der dicken Markierung kommen exakt die Türen der Züge an. Manchmal sind die Markierungen gelb, manchmal grün. Keine Ahnung was das bedeutet. Was ich aber weiß: Wenn die Markierungen schreiend pink sind, dann darf ich dort nicht einsteigen.

Pink bedeutet, dass dort ein Wagen hält, in den nur Frauen einsteigen dürfen. Japan hat so gut wie keine Kriminalität, aber „Groping“, das Befummeln und Betatschen von Frauen in vollen Bussen und Bahnen, ist ein echtes und verbreitetes Problem. Die Wagen nur für Frauen gibt es auf den Hauptlinien der Tokioter Metro und sind ein etwas verzweifelt scheinender Versuch, Frauen zu schützen.

In Akihabara angekommen stellen wir fest, dass der Bahnhof zwitschert. Wirklich, wir hören Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern. Damit wird blinden Menschen der Weg zu den Ausgängen gewiesen, unmittelbar vor Treppen zwitschert es am Lautesten. Jeder Bahnhof hat einen anderen Vogelruf.

Außerdem hat jede Haltestelle der Metro in Tokyo eine eigene Melodie, die immer beim Einfahren eines Zuges erklingt. Modnerd, der sehr auf Akustik steht, zeichnet die Bahnhofsgeräusche mit einem kleinen Soundrecorder auf. Was er da so aufnimmt, kann man in seinem Podcast unter schoene-ecken.de nachhören, dort wird diese Reise in drei Folgen besprochen.

Beim Verlassen des Bahnhofs wird sofort klar, wo wir hier sind. Akihabara ist bekannt für zwei Dinge: Erstens für Comics und Comicfiguren und zweitens für Unterhaltungselektronik. Was es in diesen Bereichen gibt oder jemals gegeben, kann man hier kaufen, egal wie absurd es ist.


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Reisetagebuch Japan (2): Irgendwas mit Architektur

Reise nach Japan. Heute erprobe ich japanische Toiletten, nähere mich Tokyo und warte darauf, dass mein Reisegefährte Modnerd verhaftet wird.

Samstag, 02.11.2019
Oak Hostel Fuji
Sumida, Tokyo

Als ich die Augen aufschlage, sehe ich den Boden eines Etagenbetts über mir. Ich weiß sofort wo ich bin: In Japan! Die gestrige Reise ein Mal um die Welt war kein Traum!

Ich habe wie ein Stein geschlafen, stelle ich fest, und jetzt bin ich putzmunter. Es ist es kurz vor 08:00 Uhr, zuhause in Deutschland wäre jetzt erst Mitternacht. Cool, keinerlei Jetlag!

Kurz darauf und etwas später sitzen Modnerd und ich in der Wohnecke des 4-Bettzimmers, das wir für uns allein haben. Das ist purer Luxus, immerhin sind wir hier in einem Hostel. Nebenan schlafen acht Leute in einem Raum der nur halb so groß ist und in dem jeder hat nur eine Schlafkoje mit einem Vorhang hat. Und wir haben hier sogar eine Sitzecke und einen Balkon.

Was wir nicht haben: Eine normale Zimmerdecke. Aus irgendeinem Grund ist unser Zimmer nach oben offen. Man kann ins nächste Stockwerk durchgucken, das aus einem kleinen Raum besteht, der wie ein Turm oben aus dem Haus raussteht.

Im Supermarkt habe ich mir gestern Instant-Kaffee und einen Rosinenbrioche gekauft. Modnerd ist ein wenig exotischer drauf und hat zum Frühstück giftgünen Instant-Tee und ein Brötchen mit süßer Pasta. Er kauft perverseste Dinge, unter dem Vorwand sich an lokale Geschmäcker anzupassen. Ich beäuge seine Frühstücksauswahl betont mißtrauisch. „Schmeckt gut“, behauptet Modnerd demonstrativ.

Frühstück für Helden? Frühstück für Wikinger sieht in Japan verdächtig nach Karies aus:

Was unsere Luxussuite neben einer Zimmerdecke auch nicht hat: Ein Badezimmer. Im Erdgeschoss des Hostels, neben dem Gemeinschaftsraum, sind ein paar Duschen, und im Gang vor unserem Zimmer sind Waschbecken und Toiletten, die wir gemeinsam mit Backpackern aus aller Welt nutzen.

Die Toiletten sind natürlich das Besondere. Japanische Toiletten sind Hightech-Produkte, die äußerst sparsam mit Wasser umgehen, sich selbst desinfizieren und so beschichtet sind, dass nichts am Becken kleben bleiben kann – eine Klobürste ist unnötig.

In der Regel ist die Klobrille beheizt, und gespült wird über ein Kontrollfeld an der Wand oder direkt neben der Toilette. Allerdings sollte man sich vorher mit den Symbolen auf dem Tastenfeld vertraut machen, sonst kann man seltsame Überraschungen bis hin zum ungewollten Einlauf erleben.

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Kategorien: Reisen | 7 Kommentare

Reisetagebuch: Japan (1)

Im Herbst 2019 verschlägt es Herrn Silencer nach Japan. Die Reise findet ohne Motorrad statt, weswegen die nächsten Teile, die immer Samstag erscheinen, nicht im Motoblogger-Reddit auftauchen werden. Auch ohne zwei Räder: Abenteuerlich wird es trotzdem.

Donnerstag, 31. Oktober 2019, Götham

Man, bin ich müde.

Müde, weil ich wenig geschlafen habe und schon seit 6:30 wach bin.

Dabei ist heute Feiertag, Reformationstag, der 31. Oktober. Ich habe also frei und könnte ausschlafen. Aber das wäre erstens nicht gut und zweitens bin ich jetzt doch ein wenig aufgeregt.

Zum wiederholten Male checke ich Webseiten.
Bus? Fährt.
Bahn? Fährt, wenn auch verspätet, was für eine Überraschung.
Flieger? „Heute ist ein hohes Reiseaufkommen, planen Sie mehr Zeit für den Checkin ein“, meldet der Flughafen, sonst aber alles gut.

Ich mache den Rechner aus, stelle die Heizung ab und klicke dann die Sicherungen der Wohnung raus. Dann zippe ich den Rucksack zu. Alles, was ich für drei Wochen brauche, ist da drin.

Verreisen mit möglichst minimalistischem Handgepäck, das habe ich ursprünglich mal von Kalesco und Modnerd gelernt. Während Modnerds Gepäck dann im Laufe der Jahre immer voluminöser wurde, entlang den immer handgepäckfreundlicheren Regeln von Ryan Air, ist meines immer noch weiter geschrumpft.

Nach jeder Reise gucke ich genau, was ich nicht gebraucht habe und was beim nächsten Mal zu Hause bleiben kann. Hier was weglassen, da ein paar Gramm einsparen, dort ein Teil durch etwas leichteres ersetzen.

Zwei Erkenntnisse daraus:
1. Aus vielen, wenigen Gramm, die man hier und da einspart, wird irgendwann ein Kilo und das kann entscheidend sein.
2. Ich brauche unterwegs nicht viel.

Die Bonuserkenntnis: Ich bin kein Rollkoffertyp.

Ich habe es echt versucht, aber ich kann mich mit den Dingern nicht anfreunden. Griffmechanik und Rollen sind zusätzliches Gewicht und nehmen Platz weg, was mir schon in der Seele weh tut. Und man hat die Hände nicht frei, wenn man ein Köfferchen ziehen muss. Deshalb bin ich mit einem Gepäckstück unterwegs, das leicht ist, und mit dem ich – anders als bei Rollkoffern – die Hände frei habe.

Zum ersten Mal verwende ich Packing Cubes, ultraleichte Reißverschlusstaschen, um Klamotten im Rucksack nach Ober-/Unterbekleidung und Schmutzwäsche zu trennen. Sowas hatte ich bislang nicht, nach alter Moppedfahrermanier habe ich bislang meine Klamotten immer in Müllbeutel verpackt, weil die wasserdicht und superleicht sind. Aber gut, ich muss zugeben, mit den Cubes sieht es ordentlicher aus.

Ich bin auch deshalb müde, weil ich ein wenig kränkele. Ich werde ja nie krank, aber vorgestern Nacht bin ich stundenlang bei Temperaturen nahe Null und viel zu leichter Bekleidung durch die Gegend gerannt. Eine Hausmeisterin fand es wohl witzig, den Parkplatz der Volkshochschule abzuschließen, während die Schüler noch drauf standen, nur um dann Feierabend zu machen. Fast eineinhalb Stunden bin ich durch die Kälte gerannt bis ich endlich jemanden gefunden hatte, der mein Auto vom Parkplatz lassen konnte. Scheiß Aktion. Die Quittung dafür: Husten und verschnupfte Nase. Mist.

Ein letzter Blick zurück. Huhu, der Blogpinguin, wird in meiner Abwesenheit auf alles aufpassen. Jetzt hat er es sich auf der Couch bequem gemacht und winkt zum Abschied.

Ich schließe die Wohnung ab und mache mich auf den Weg zum Bus.
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Kategorien: Motorrad, Reisen, Wiesel | 14 Kommentare

Teaser

Kleiner Vorgeschmack auf die Orte, an die es das Reisetagebuch in den kommenden Wochen verschlägt. Die neuen Episoden erzählen das Abenteuer, wie der Dorfmensch Herr Silencer versucht sich in einer 38 Millionen-Metropole zurecht zu finden, dabei Dinge über Roboter und Idole lernt, Banden von kriminellen Hochqualitätsbambis begegnet und irgendwann völlig nackt und fiebrig auf einem herbstlichen Berg steht. Nun, vielleicht nicht beides gleichzeitig.

All das und mehr ab Samstag. Hier im Blog.


Frühere Meisterwerke der Videokunst:

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Kategorien: Motorrad, Reisen, Trailer, Upcoming, video | 7 Kommentare

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