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Reisetagebuch Motorradtour (10): Ab nach Hause

06 Jan

Im September 2017 ging es auf Tour, erstmals mit der V-Strom 650. Dies ist das Tagebuch der Reise. Heute habe ich eine kleine Sinnkrise, kämpfe ich mit einem langen Ständer und werde erkannt.

Freitag, 29. September 2017, Hotel Elisabeth Due, Fano, Marken

Ich muss einen Workshop oder eine Unterrichtstunde moderieren. Nicht freiwillig, sondern weil der Kollege Didaktiker meint sich zurücklehnen zu müssen. Nichtstun und alle anderen machen lassen, das sei sein didaktisches Konzept. Weil ich das dumm finde, nehme ich die Sache in die Hand und komme so zu Ergebnissen.

Ich wache ich auf, weil sich jemand neben meinem Hotelbett übergibt. Obwohl, nee, zum Glück nicht: Der Nachbar im Nebenzimmer übergibt sich in sein eigenes Klo, aber er tut das sehr geräuschvoll. Es ist kurz nach sechs, und als sich meine Gedanken anfangen um Kette & Co. zu drehen, ist an nochmaliges Einschlafen nicht mehr zu denken.

Ich mache mich fertig, dann trage ich die ersten Koffer zum Motorrad. Das hat die Nacht vor dem Elisabeth Due verbracht und ist noch naß vom Morgentau. Bevor es heute losgeht, löse ich einmal mehr die Hinterachse und lockere die Kette wieder etwas. Denn wenn etwas passieren kann, habe ich gestern gelesen, dann nur, wenn man eine verschlissene Kette zu fest anspannt. Oh, und apropos Anspannung: Gestern hatte ich auch noch die Federung der V-Strom härter eingestellt. Ich drehe die wieder auf weich zurück. Der Maschine bringt das exakt gar nichts, aber ICH bekomme damit vielleicht weniger von der Ruckelei mit, die die ungleichmäßig gelängte Kette veranstaltet.

Ein schnelles Frühstück im rosa-weißen Speisesaal, dann geht es in den Berufsverkehr von Fano und auf die Autobahn. Es gibt zwei Wege jetzt nach Norden zu kommen: Entweder die mautpflichtige Autobahn oder wieder Stop-and-Go durch endlose Orte. Dann doch lieber freie Fahrt, zumal bei Geschwindigkeiten ab 110 die Ruckelei auch nicht so auffällt.

Die Autobahn führt vorbei an Rimini, dem einstigen Traumort der Deutschen. In der Ferne ragt der Monte Titano auf, der mit San Marino sein eigenes Land ist. Bei Forlì fahre ich ab. In einer Stunde habe ich rund hundert Kilometer zurückgelegt und dafür 6 Euro bezahlt. Ein fairer Preis für eineinhalb gesparte Stunden.

Ich kämpfe mich über die Umgehungsstraßen und steuere dann nach Westen. Auch wenn ich überhaupt keine Lust habe mehr habe. Im Gegenteil, ich muss gegen den starken Drang ankämpfen, jetzt die Fahrt abzubrechen und nach Hause zu fahren. Der Zustand meines Fahrzeugs schlägt sich auf meine Laune nieder. Die Kiste macht mir ständig Sorgen, und nun muss ich nach Siena. Und das auch noch vier Tage! So lange! Dabei kenne ich die Stadt doch schon! Was habe ich mir dabei nur gedacht!

Niedergeschlagen, grummelig und genervt überlege ich ernsthaft jetzt alles weitere abzusagen und sofort nach Norden zu steuern. Ab nach Hause, das wäre es jetzt. Das will ich. Das wäre aber unfair den Gastgebern der bereits gebuchten Unterkunft gegenüber, und das scheinen nette Leute zu sein. Also fahre ich weiter, aber im Hinterkopf rumort es weiter: Das hier ist Quälerei, das macht doch keinen Spaß, Du könntest jetzt sofort nach Hause und dann fällt all das hier von Dir ab. Schlag einfach drei mal die Hacken zusammen und mach Dich auf den Weg.

In dem Moment, in dem ich das denke, kann ich mich schon selbst nicht mehr leiden. Wehleidiges Rumjammern und vor Problemen verkriechen ist eigentlich nicht mein Ding. Ich gehe Sachen, die mich nerven, eigentlich immer direkt an, um sie schnell aus der Welt zu bekommen. Und trotzdem bleibt da diese Stimme, die flüstert: „Komm, ein Telefonanrug, eine Mail, und dann ab nach Hause. Du willst es doch auch.“ Plötzlich merke ich, wie ich unter dem Helm mit den Zähnen knirsche.

An der Küste war das Land platt, aber zum Landesinneren hin wird es schnell bergig, und schließlich sind die ersten Ausläufer des Apennin zu sehen. Die große Berge stehen so, dass es aussieht als wollten sie die Landschaft umarmen und in sich aufnehmen. Die Straße führt mitten hinein und wird schmaler und viel kurviger, und bald wedelt die V-Strom durch Kurven und Serpentinen.

Vor Jahren bin ich mal eine Parallelstraße zu dieser hier von Ost nach West gefahren und hatte auf der unheimlich viel Spaß. Die Straße hier hier ist weniger schön. Zwar ist der Asphalt besser, aber die Kurven sind unübersichtlicher und vor allem gibt es hier mehr Verkehr. Gerade werde von einem weißen Geländewagen gejagt, der es offensichtlich nicht verknusen kann, dass ich ihn überholt habe als der Fahrer am Handy rumspielte und er dabei über die Landstraße schlich. Aber mit voll Stoff durch die Kurven röhren und dem Spinner davonfahren will ich auch nicht, denn auf der Strecke sind Opas in Fiat Pandas und Wohnmobile unterwegs, und zwar SEHR langsam. Mit 70 Sachen um eine 100 Grad Kurve schießen, nur um festzustellen das zwei Meter dahinter ein Schleicher mit Schritttempo unterwegs ist? Nein danke, da fahre ich lieber auch vorsichtig!

Ein anderes Problem ist das Schieben des Antriebs. Die Einstellung vorhin hat nichts gebracht, es ruckelt immer noch wie irre. Dadurch lässt sich das Motorrad nicht wirklich elegant um die Kurven steuern, weil es sich kaum in einer ruhigen und stetigen Bahn bewegen lässt. Trotzdem versuche ich die Landschaft zu genießen. Die Berge haben hier die Höhe eines Mittelgebirges und sind dicht bewaldet, und immer wieder öffnen sich tolle Ausblicke in Schluchten und Täler.

Was mir nach einiger Zeit auffällt: Die Motorraddichte wird höher. Je weiter ich in die Berge komme, desto mehr Rennsemmeln überholen mich. Allesamt Heizer, alle aus der Region, und anscheinend kennen sich die meisten hier auch aus. Heute ist Freitag, und die spielen wohl schon alle „hoch die Hände, Wochenende“ und nutzen das schöne Wetter um mal eher den Hammer fallen zu lassen und einen Ausflug zu machen.

Kurz darauf weiß ich auch, was die hier wollen. Die Strecke führt auf einen Pass, und der wird wohl das Ziel sein. Vermutlich ist das dann wie in Deutschland: Die heizen da hoch wie die Bekloppten, sitzen dann dort eine Viertelstunde vor der Gaststätte rum und gucken, als hätten sie gerade wer-weiß-was für eine Heldentat erbracht, dann heizen sie wieder zurück.

Al ich den Pass erreiche bin erstaunt, dass ich so falsch gelegen habe. Es gibt hier keine Gaststätte. Also, keine aktive zumindest. Das Gebäude, dass hier steht, muss schon seit Jahren geschlossen sein und verfällt still vor sich hin.

Ein geschotterter Platz liegt still davor. Ich parke und nutze die Kombination aus Ruhe und gutem Parkplatz und nehme die Koffer vom Motorrad um dann die Kette nochmal komplett einzuschmieren.

Dann hänge ich die Koffer wieder ein und fahre weiter. Um eine Kurve, um noch eine… und da sind sie: Dutzende Motorradfahrer, die sich vor der NEUEN Gaststätte in der Sonne pfläzen, gucken als hätten sie wer-weiß-was für eine Heldentat erbracht und jede neu ankommende Maschine abgeklärt abchecken. Ich ruckele vorbei ohne die Bande eines Blickes zu würdigen.

Dann bin ich aus den Bergen auch schon wieder raus, und es geht über eine langweilige Landstraße, auf der man fast nur 50 fahren darf. Hält sich natürlich keiner dran. Ist auch doof, denn die Straße ist sehr breit ausgebaut, geht fast nur geradeaus und ist übersichtlich. Allerdings wird alle paar Kilometer geblitzt. Zum Glück kennt Anna auf die meisten Blitzer. „Achtung, Gefahrenstelle“, wispert sie dann in meinem Helm, und ich bremse runter und ruckele an den Starenkästen im gefühlten Schneckentempo vorbei.

Beim Versuch die niedrige Geschwindigkeit konstant zu halten ist das Ruckeln und Schieben besonders schlimm zu spüren. So heftig wie das jetzt ist,ist die Kette mit Sicherheit total am Ende. Vermutlich kann ich froh sein, wenn sie nicht gleich reisst. Damit komme ich doch nie und nimmer wieder nach Hause! Ich könnte kotzen, meine Laune ist echt im Keller.

Die schlechte Laune wird auch durch den Stadtverkehr in Florenz nicht besser, ganz im Gegenteil. Zwar fährt man hier recht zivilisiert und umsichtig, zumindest im Vergleich zu Rom, aber die Verkehrsdichte ist halt enorm. Eigentlich schiebt man sich auf den Hauptverkehrsadern nur Stoßstange an Stoßstange im Stop-Stop-and-Go-Stop im Schritttempo durch die Gegend.

Schließlich schaffe ich es aber doch bis zum Torre Niccolò, einem alten Wehrturm am Südufer des Arno. Der liegt zwanzig Fußminuten vom Ponte Vecchio entfernt und damit knapp außerhalb des totalen Wahnsinns, der in der Innenstadt abgeht. Hier findet ein Motorrad eigentlich immer einen Parkplatz, und so ist es auch heute. Die V-Strom parke ich rückwärts ein, und mit ihrem breiten Heck nimmt sie gleich zwei der schmalen Vespa-Parkplätze ein. Auch jetzt muss ich mit dem zu langen Ständer kämpfen, aber irgendwann finde ich eine Position, in der die Suzuki nicht gleich wieder umfällt. Der Helm kommt ins Topcase, dann ziehe ich los in die Stadt.

Florenz hat IMMER Saison, und auch heute ist die Innenstadt überlaufen mit Tausenden von Touristen. Vor allem für Amerikaner und Asiaten ist Florenz, neben Venedig und Rom, absolutes Pflichtprogramm. Die Menge an Menschen hier ist der absolute Wahnsinn. Immer wieder schiebe ich Leute aus dem Weg, die einfach so im Weg rumstehen und auf ihre Smartphones glotzen. Eigentlich haben die Glück, dass ich sie nur aus dem Weg schiebe. Große Ansammlungen von Menschen machen mir schlechte Laune, und weil ich ohnehin schon mies drauf bin, hätte ich nicht übel Lust besonders doofe Leute aus dem Weg zu schubsen. Und um ehrlich zusein: Das tue ich auch einige Male.

Was soll das den sein? Ein gekautes Kaugummi?

15 Minuten später stehe ich im Laden der Familie Evangelisti. Die Tuchhändlerfamilie hat die schönsten und besten Krawatten von Florenz im Sortiment. Das Muster ist einfach nur die Florentiner Lilie, die sich von der gemeinen französischen Lilie durch die zusätzlichen Staubgefäße unterscheidet. Ich mag das Muster, und noch mehr mag ich die Farben und Stoffarten, mit denen Hersteller AteSeta immer wieder experimentiert. Die Farben leuchten, und der edle Stoff schimmert. Mehr als 3 Dutzend neue Kombinationen gibt es, und der Schnitt ist endlich zeitgemäß schmaler als in den Vorjahren.

Ich suche eine Viertelstunde durch die Auslagen, dann entscheide ich mich für fünf neue Krawatten. In dem Moment komm Fau Evangelisti auf mich zu. „Ich kenne sie!“, sagt sie und lächelt schelmisch. „ich erinnere mich an sie, sie kaufen immer diese Sorte Krawatten! Als sie im Juni nicht da waren, dachte ich schon, sie kommen dieses Jahr gar nicht „. Jetzt bin ich gerührt und erfreut. Der Laden der Evangelisti liegt direkt hinter dem Rathaus an genau dem zentralen Platz, an dem auch der David rumsteht. Dementsprechend stark besucht ist der Laden, pro Jahr müssen hier zehntausende Leute reinkommen. Und sie erinnert sich an mich?

Wenig später bin ich mit einem kleinen Päckchen mit „Evangelisti“-Siegel wieder unterwegs in der Innenstadt. Ich muss noch auf den Ledermarkt, ich brauche einen neuen Gürtel. Oh, und wo ich schon mal hier bin, könnte ich mal nachgucken was aus meinem Lieblingshotel geworden ist. Ach, leider ist es geschlossen. Die Stadt hat eine Sanierung angeordnet, steht auf einem amtlichen Dokument, das in der Scheibe des früheren Eingangs hängt. Eine ordentliche sechsstellige Summe wird dafür veranschlagt. Tja, dann wird das Hotel wohl nie wieder aufmachen. Die persische Familie, die es betrieben hat, sah mir nicht so aus, als hätten sie so viel Geld irgendwo rumliegen.

Leider geschlossen: Das wirklich gute Hotel Arianna gibt es nicht mehr.

Als ich wieder beim Motorrad bin checke ich Mails. Keine der Werkstätten, die ich wegen einer neuen Kette angeschrieben habe, hat geantwortet. Wundern tut mich das nicht. Italiener telefoniern gerne und ständig, aber mit Mails haben es selbst die größeren Geschäfte nicht so. Zeit für einen Hausbesuch.

Kurze Pause an der Piazza Indepenza

Anna schlägt einen absurden Kurs durch die Stadt vor, aber hier kenne ich mich besser aus als sie und fahre direkt über die Piazza Michelangelo in Richtung Siena. Auf dem Weg gibt es nur ein schlimmes Hindernis, den Kreisel des Todes. Wirklich, das ist der dysfunktionalste und gefährlichste Kreisel den ich kenne.

Kreisel funktionieren immer dann super, wenn möglichst aus allen Richtungen die gleiche Menge an Verkehr kommt. Sie haben aber immer dann Probleme, wenn es eine dominierende Achse gibt, dann kreist der verkehr nämlich nicht mehr, und der Kreisel verstopft. Und genau das passiert beim Autobahnkreisel an der Via Cassia: Ein ständiger Strom Autos kommt von der Autobahn und fährt Richtung Siena. Unterbrechungen gibt es praktisch nicht, und daher stauen sich Fahrzeuge aus anderen Richtungen im Kreisel. Und das tun sie nicht geordnet, sondern kreuz und quer und auf vier Spuren. Das ist so übel, dass selbst die gelassenen Italiener hier vor Frustration anfangen zu hupen. Und bei so manchem gehen die Nerven nach Minuten des angespannten Wartens auf eine Lücke so durch, dass Fehler gemacht werden. Mit schlimmen Folgen – als ich das letzte Mal hier war, sicherte die Polizei gerade eine Stelle, an der eine Vespafahrerin von einem SUV umgenietet worden war. Schlimm.

Auf dem Satellitenbild ist er leer, aber meist ist dieser Kreisel vollgestellt mit Autos.

Ich mache drei Kreuze, als ich da durch bin, dann gebe ich der V-Strom die Sporen. In Siena gibt es eine Werkstatt, die sich einfach nur „Die Werkstatt“ nennt. Ich erwarte fast, dass es eine kleine Trödebude mit „Wir reparieren alles, irgendwie“-Miniwerkstatt und angeschlossenem Verkauf ist, aber weit gefehlt: Als ich dort ankomme, bin ich von der schieren Größe beeindruckt.

Die Werkstatt ist eine riesige Halle mit bestimmt einem Dutzend Arbeitsbühnen, und an allen wird emsig gearbeitet. Hier sind bestimmt 20 Mechaniker gleichzeitig am Wirbeln, und über allem hängt ein großes, leuchtendes Suzuki-„S“. Hier bin ich richtig!

Es dauert etwas, bis ich drankomme. In der Zwischenzeit rufe ich nochmal Mails ab und bin erstaunt: Diese Werkstatt hier hat in der Zwischenzeit geantwortet! „Wenn es Ihnen passt, können wir Ihnen Montag Nachmittag eine neue Kette montieren. Bitte bestätigen Sie kurz, wenn Sie den Termin wahrnehmen wollen.“ Wie cool ist das denn? Immerhin ist heute schon Freitag.

Ich will schon wieder gehen, da kommt endlich einer der Meister auf mich zu und fragt, was er für mich tun kann. Ich überlege nicht lange, sondern bitte ihn, sich die Kette anzusehen und mit zu sagen, ob die gefährlich kaputt ist oder ich damit noch weiterfahren kann. Der Mann pfeift einen Mechaniker ran, dann gucken sich beide die Kette der V-Strom an. Sie tuscheln miteinander, dann wendet sich der Mechaniker an mich und sagt etwas, das ich nicht verstehe. Also spitze ich meine Frage zu: Hält die noch? Und falls ja, wie weit? Zweitausend Kilometer? Komme ich damit nach Hause? Oder ist es besser sie jetzt zu tauschen?

Der Mechaniker guckt und fragt dann „Bist Du Heizer? Oder kannst Du auch fahren ohne wie irre am Hahn zu reißen?“ Nein, sage ich, „va piano“, ich gehöre nicht zu Fraktion der Verschleißfahrer. „und nur du allein, oder zwei Personen?“ nein, nur ich. „dann hält die. Wenn Du zu Hause bist, muss die gemacht werden, aber bis nach Deutschland kommst Du. Ci arrviai, du kommst an.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Dann ist das Geruckel unangenehm, aber nicht gefährlich. Das ist gut. Mit etwas besserer Laune verabschiede ich mich und mache noch einen Abstecher in die Stadt. Das „Il Casale“ ist ein kleines Haushaltswarengeschäft und ein echtes Juwel. Hier verkauft Besitzerin Christina feine Haushaltswaren, von Küchenutensilien aus Olivenholz bis hin zu edler Tischwäsche aus der Stamperia Bertozzi. Letztere hat es mir angetan, denn der Stoff ist schwer und robust, die Motive schön und die Herstellung ungewöhnlich: Die Muster werden von Hand auf den Stoff gestempelt, mit Farben auf Mehlbasis.

Christina blickt auf, als ich reinkomme. „Na“, sagt sie, „Auch mal wieder da?“. Mir steht der Mund offen. Das Geschäft liegt am Campo, auch hier walzen zehntausende Kunden pro Jahr durch. „Ja, klar, ich erinnere mich an Dich. Schön, dass das Paket letztes Jahr gut angekommen ist.“ Dann verfällt sie in einen leicht nörgelnden Tonfall und hält einen kleinen Monolog, von dem ich außer „Turisti“ exakt kein Wort verstehe. Ihr abfälliger Gesichtsausdruck lässt aber erahnen, dass sie sich gerade über sinkende Umsätze und doofe Besucher beklagt. Nun ja.

Gemeinsam gucken wir durch die Regale, und am Ende nehme ich einen Läufer und drei neue Handtücher mit. Bertozzi macht mittlerweile auch moderne Muster, wie Christina stolz präsentiert.

Auch hübsch, aber für diese Fahrt sind die Koffer voll. Vielleicht nächstes Jahr. Wer mal in Christinas Schaufenster gucken möchte: Sie ist sehr stolz auf ihre neue Website unter http://www.ilcasalesiena.com. Vermutlich ist auf der jedes Bit handgeklöppelt, das würde zumindest die unfassbar lahmen Ladezeiten erklären.

Auf dem Rückweg zum Motorrad mache ich noch einen Abstecher in die „Bar 9000“, ein kleines Nudelrestaurant, in dem man billig und nicht gut essen kann.

Wirt Bruno steht wie üblich hinter der Theke und guckt Gameshows im Nachmittagsprogramm. „Auch wieder da?“, brummt er und grinst. „Hab schon gedacht Du kommst nicht mehr. Juni ist Deine Zeit, oder?“ „Hatte auf dem Weg hierher einen Unfall“, sage ich, dann lege ich ihm einen Euro auf den Tisch. „Aber ich musst ja wiederkommen, ich habe ja noch Schulden bei Dir“. Bruno lacht und streicht den Euro ein „Das hatte ich schon vergessen“, meint er. „Ich nicht“, sage ich.

Die Küche bei Bruno ist nicht gut, aber sehr günstig. Außerdem git es keine Wartezeiten, weil nie was los ist.

Einen Caffé später fahre ich raus auf´s Land. Vor Siena beginnt sofort die Toskana, und zwar genau in der Form, wie man sie von kitschigen Postkarten kennt. Hügel, alte Steinhäuschen, Zypressen, der ganze Kram, wissen schon.

Normalerweise übernachte ich ja immer im Casa Brescia bei Stefano, aber zum einen hat seine Frau gerade ein Kind bekommen, zum anderen hat er sich mittlerweile auf junge, amerikanische Touris spezialisiert. Die machen gerne nächtliche Weinorgien, und das das Haus sehr offen ist, war es da schon in den vergangenen zwei Jahre nicht mehr wirklich gemütlich. Da passte es mir ganz gut, dass Stefano in diesem Jahr ausgerechnet jetzt am Wochenende mal für zwei Tage zu machte – so kann ich die Gelegenheit nutzen und mal eine andere Unterkunft nehmen, ohne das er beleidigt ist.

Und was für eine! 12 Kilometer vor Siena liegt Soliciville, und hier gibt es ein relativ neues Wohnviertel. In dem liegt das Haus von Cecilia und Francesco, dass sie „Villa Allegria“ genannt haben, Haus Freude.

Kaum, das ich am Tor geklingelt habe, kommt Cecilia schon um die Ecke gesprungen. Die Mittdreißigerin mit der braunen Kurzhaarfrisur lacht und ruft „Ahh, Du bist da, willkommen!! Und zum Glück ein Italiener!“ Da muss ich sie enttäuschen, aber sie freut sich, dass sie zumindest ein klein wenig italienisch sprechen kann.

Die untere Etage des Hauses, das Souterrain, ist ein Gästeappartement. Ein großer Raum ist gleichzeitig Wohn- und Esszimmer, das in eine Küche übergeht.

Von der Küche aus geht es in einen großen und hohen Raum, der von einem großen Kamin dominiert wird, um den eine zweite Sitzecke drapiert ist. Der Raum ist so hoch, dass er eine zweite Ebene hat. Die betritt man über eine kleine Metalltreppe, und darauf ist das Schlafzimmer untergebracht.

Das Bad ist genauso nagelneu wie der Rest des Hauses, riesengroß und mit einer Dusche mit Chromatherapie. „Franceso ist ein Spielkind, der baut gerne solche Sachen irgendwo ein. Und er meint, ich soll dir das UN-BE-Dingt zeigen“, sagt sie und hält mir die Fernbedienung hin, mit der man beim Duschen die Lichtstimmung anpassen kann. Ich muss laut lachen, und ich bin baff. Das Appartment ist eine Wucht! Cecilia guckt vorsichtig und meint dann: „Wir vermieten noch nicht lange, wenn Dir irgendwas fehlt… Sag´s und bitte, wir wollen gute Gastgeber sein.“

Das sind sie bestimmt jetzt schon, denke ich und freue mich, diese Perle hier gefunden zu haben. Alles ist voll ausgestattet, es gibt sogar eine Waschmaschine! Cecilia ist auch sichtlich stolz. Jahrelang, so erzählt sie, haben sie und ihre Familie in Siena, in der Innenstadt, gewohnt. Das Leben dort war ihnen aber irgendwann zu beengt, und zudem habe es dort immer mehr Einbrüche gegeben. „Flüchtlinge, hat man gesagt. Das seien Flüchtlinge gewesen. Stimmte aber gar nicht, es waren osteuropäische Banden, gut organisiert“. Aha, augenscheinlich sind diese Banden selbst hier, in Südeuropa, ein echtes Problem. Die steigende Kriminalität, erzählt Cecilia weiter, war dann der letzte Anstoß, damit die Familie auf´s Land zieht. Und sie haben es nicht bereut, das große Haus, der grüne Garten drumrum, die Frische Luft… „Ein Traum“, sage ich. „Ein Traum“, nickt Cecilia. Ich fühle mich hier sofort wohl, und ihre gute Laune wirkt ansteckend.

Ich fahre noch einkaufen, und als ich den kleinen COOP-Markt im Nachbardorf verlasse, tauchen die letzten Sonnenstrahlen die Berge der Toskana in rotes Feuer, und aus dem Restaurant nebenan dringt Gitarrenmusik. Plötzlich ist die Welt gar nicht mehr so schlimm, und es geht mir gut. So mies ich vorhin auch drauf war, unerwartet hat mich heute die Freundlichkeit der Leute erwischt. Genauso unerwartet kommt die Erkenntnis: Alles hier, Landschaft, Stimmung, ist gerade tief befriedigend. Siena im Herbst. Verdammt, warum bin ich nur 4 Tage hier?

Später am Abend sitze ich in der Küche über einen Teller Pici, den dicken Sieneser Nudeln, mit Wildschweinsugo, und lasse den Tag Revue passieren. Das mich Leute hier kennen und sich an mich erinnern erstaunt und rührt mich immer noch.

Aber was mache ich mit der Kette? Wenn man die Leidensgeschichte bis hier her verfolgt hat, könnte man denken: Was gibt es da zu überlegen? Soll er doch froh sein, wenn er am Montag in der Werkstatt eine neue Kette aufziehen lassen kann.
Sicher.

Aber: Ich müsste dann halt als Kette nehmen was die gerade da haben. Ich hätte aber gerne eine spezielle Kette von DID, die die bestimmt nicht auf Lager haben. Außerdem ist am kommenden Freitag der Urlaub eh vorbei. Wenn Montag Abend die neue Kette drauf kommt, dann habe ich eigentlich nur noch drei Tage vor mir. An einem davon will ich gar nicht Motorrad fahren, an den beiden anderen Stehen nur recht kurze Fahrten an. Und die Rückfahrt, halt.

Wenn ich jetzt also irgendeine Billigkette draufmachen lasse, habe ich nicht viel davon – und muss sie evtl. in Deutschland gleich in der nächsten Woche wieder gegen meine Wunschkette tauschen lassen. Oder ich beiße die Zähne zusammen und halte die Ruckelei durch. Laut Aussage des Mechanikers hält die Kette ja bis nach Hause, das Ruckeln ist also nur unbequem. Sollte die gelängte Kette auch andere Teile in Mitleidenschaft ziehen können, dann hat sie das ohnehin schon getan.
Tja. Wechseln oder Durchhalten? Ach, ich weiß es noch nicht. Muss ich aber auch nicht jetzt entscheiden, heute ist Freitag, bis Montag Morgen kann es es mir noch überlegen.

Tour des Tages: Von Fanó durch den Apennin über Florenz nach Siena. Rund 290 Kilometer, rund 6,5 Stunden Fahrtzeit.

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Verfasst von - 6. Januar 2018 in Motorrad, Reisen

 

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