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Motorradreise 2013 (8): Monster und Fussel

01 Feb

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Im Juni 2013 waren Silencer und das Wiesel mit dem Motorrad unterwegs. 6.853 Kilometer, 22 Tage, mehr als 40 Orte. Dies ist das Tagebuch der LANGEN Reise. Am achten Tag gibt es… MONSTER!

Sonntag, 09. Juni 2013, Agriturismo Piana delle Selve nahe Amelia, Region Umbrien, Italien

Schon kurz nach dem Aufstehen fällt mir auf, dass der ursprüngliche Plan für heute ziemlicher Quatsch ist. Noch während des kleinen Frühstücks in der Osteria von Piana delle Selve stelle ich das Tagesprogramm um. Um 11 Uhr kommen die Touristen heraus wie Untote aus ihren Gräbern, also werde ich vor Ihnen auf der Strasse sein.

Frühstück!

Frühstück!

Gegen 09.00 Uhr zischt die Renaissance bereits über die Landstraßen von Umbrien. Das ist großer Spass, weil sich kurvige Berstrecken mit weiten Ebenen in blühender, grüner Landschaft abwechseln. Es ist sehr entspannend durch dieses wunderbare, alte Land zu streifen. Hier die Fahrt von Piana delle Selve nach Bomarzo an diesem Sonntag Morgen, sowie eine kleine Vorschau auf Dinge, die heute noch kommen werden:

In Bomarzo gibt es einen Park, und den zu besuchen ist meine Überraschung für das Wiesel.
Das wird vor bereits leicht unruhig, als wir über die gepflegten Grünflächen und Alleen des „Sacro Bosco“, des heiligen Walds, laufen. Das Wiesel fürchtet nichts mehr als Langeweile, und durch einen Park laufen, wie spannend kann das sein? Das ändert sich, als wir das Tor zum Parl durchschreiten, denn ab jetzt beginnt eine Reise durch die menschliche Existenz, Leben und lieben, Geburt und Tod. Dabei gibt es Monster, denn der Sacro Bosco ist auch der Parco dei Mostri, der Park der Monster. DAS gefällt dem Wiesel, denn Monster mag es, und es versucht immer Freundschaft mit ihnen zu schließen.

Tor zum Park.

Tor zum Park.

Die ersten Figuren sind noch harmlos.

Die ersten Figuren sind noch harmlos.

Plötzlich: Monster!

Plötzlich: Monster!

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Die Geschichte des Parco dei Mostri
Wenn man nur genug Geld hat kann man tun und lassen was man will. Wenn man verrückte Dinge macht, veredelt einen der Reichtum zum Status „exzentrisch“. Besonders viele Vertreter der Exzentrik sind in Adelsfamilien zu finden, die neben Zeit und Geld oft auch schon aufgrund des Paarungsverhaltens der Familie quasi eine genetische Disposition für Merkwürdiges haben. Über Generationen die eigenen Verwandten zu ehelichen hinterlässt halt Spuren. Nicht, dass das bei Vicino Orsini der Fall gewesen wäre, und das seine Frau und seine Großmutter den gleichen Namen trugen war bestimmt auch nur Zufall.

Vicino Orsini setzte sich im Jahr 1555 in den Kopf, einen ganz besonderen Skulpturengarten zu schaffen, und mehr als 30 Jahre seines Lebens widmete er nur dem Bau dieser Anlage. Entstanden ist dabei ein… Ding, wie es kein zweites auf der Welt gibt. Es sollte ein Park sein, der Reisende anzieht und sie Staunen lässt, wie auf einer Parkbank einmeisselt ist: „Voi che pel mondo gite errando vaghi di veder meraviglie alte et stupende“ („Ihr, die ihr durch die Welt wandert um zu Sehen, kommt um Wunder zu sehen“). Staunen kann man tatsächlich, denn der Park ist vollgestopft mit grotesken Statuen und einer Symbolik, die auf den ersten Blick erstaunlich, auf den zweiten aber verwirrend wirkt. Ein übergreifendes Konzept oder eine zentrale Aussage lässt sich jedenfalls nicht finden. Der Park bildet viele Fragmente der menschlichen Existenz ab, ohne das alles zusammenhängt. Wie im echten Leben.

Oder doch nicht?
„Tu ch’entri qua con mente parte a parte et dimmi poi se tante meraviglie sien fatte per inganno o pur per arte“ – „Du, der Du Stück für Stück mit Verstand hier hereinkommst, sage mir hinterher, ob so viele Wunder aus Täuschungsabsicht oder um der Kunst willen gemacht worden sind“, fragt Orsini in einer Inschrift. Da das italienische Wort außer „Kunst“ aber auch „Zauber“ (im ästhetischen wie im magischen Sinne) bedeuten kann, ist diese Aufforderung spitzfindig und doppeldeutig.

Nach Orsinis Tod geriet die Anlage in Vergessenheit. Die Statuen und Wege überwucherten, und es vergingen erst Jahrzehnte, dann Jahrhunderte. Erst im 20. Jahrhundert wurde der fantastische Park wiederentdeckt. Zu den ersten Besuchern zählte Salvador Dalì, der einige der Motive des Parks in seiner „Versuchung des heiligen Antonius“ malte.
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Selbst im Bachbett: Monster!

Selbst im Bachbett: Monster!

Große Monster!

Große Monster!

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Um den Code des Parks entschlüsseln zu können, muss man mittelalterlich Ikonographie, griechische Mythologie sowie die Werke von Dante Alighieri kennen. Alle drei Faktoren treffen bei mir zumindest zum Teil zu, und so ist für mich der Streifzug durch den Park sehr spannend. Überall stehen und liegen Statuen herum, die absolut befremdliche und erstaunliche Szenen abbilden.

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David gegen Goliath mal anders: Hier gewinnt Goliath.

David gegen Goliath mal anders: Hier gewinnt Goliath.

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Manche Figuren sind riesig groß. Die, in die Erde eingesunkene, Statue einer Frau ist über 5 Meter lang und vier Meter hoch!

Riesenhaft: Fast fünf Meter ist diese Statue hoch.

Riesenhaft: Fast vier Meter ist diese Statue hoch.

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Aber auch das Wiesel hat seinen Spass, denn es versucht die steinernen Monster zum Spielen zu überreden. Ja, niemand hat behauptet, dass das Wiesel schlau ist. WENN Intelligenz in unserer kleinen Blogfamilie vorhanden ist, dann bei Huhu. Also, eventuell.

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Am Ende des Parks gibt es einen Tempel, in dem die „Wiederentdeckerin“ des Parks beigesetzt ist.

Schiefes Haus.

Schiefes Haus.

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Am Eingang des Parks gibt es ein Ausstellungshaus, in dem Bilder von den Grabungsarbeiten im letzten Jahrhundert ausgestellt sind.

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Nach dem Monsterpark geht es an den Lago Bolsena. Es wird merklich kühler, bis auf 18 Grad geht die Temperatur runter, und es hat zu regnen begonnen. Die Pause hier ist daher recht kurz. Allerdings lang genug um festzustellen, dass sich ein Fussel ins Innere der treuen Lumix verirrt hat.

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Damit dürfte die kleine Kompaktkamera hinüber sein, denn Zeiss-Objektiv hin oder her, reinigen kann man die meines Wissen nicht mehr.

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Weiter geht es nach Orvieto. Den Weißwein der Region kennt fast jeder, seit es ihn bei Aldi als weniger Katerverursachende Version des Soave gibt. Der Ort liegt auf einem Tuffsteinplateu und prangt schon von Weitem stolz in die Landschaft.

Orvieto by Hpschaefer. CC BY SA NC

Orvieto by Hpschaefer. CC BY SA NC

Man sagt, manchmal, wenn im Herbst früh am Morgen der Nebel die Täler füllt und Orvieto schon im ersten Sonnenlicht des Tages glänzt, sehe der Ort aus wie ein Schiff, das über ein Nebelmeer fährt. Leicht zu glauben, wenn man die Stadt sieht.

Die Altstadt ist nicht dür Autos gesperrt, aber wer dorthin fährt, verliert sich schnell in einem Labyrinth aus Einwohner-, Einbahn- und Sondergenehmigungsstrassen. Ich steuere ein Parkhaus am Fuß des Berges an, halte vor der Schranke, drücke auf den Knopf der Ticketausgabe und bekomme… nichts. Das Display an der Schranke zeigt die Fehlermeldung „Kein Ticket ohne Fahrzeug“. WTF? Ah, eine schlecht verlegte Induktionsschleife lässt die Schranke denken, dass kein Fahrzeug da ist. Nun gut. Ich rolle rückwärts und fahre die Kawasaki direkt auf die Schleife, dann will ich absteigen – und falle beinahe um, denn der Seitenständer greift nicht. Das Parkhaus ist anscheinend an einer Stelle in den Berg gebaut, die noch heftig arbeitet. Alles ist schräg, und als ich endlich meinen Parkschein habe, bekomme ich das Motorrad fast nicht mehr in die Senkrechte gewuchtet, so schief ist der Boden hier.

Dabei hätte ich auch einfach an der Schranke vorbeifahren können, denn es gibt Motorradparkplätze in der Tiefgarage, und ich gehe jede Wette ein, dass die dort parkenden Maschinen nicht bezahlt haben. Egal, ich werde das Ganze by the book spielen, ich habe keine Lust auf Ärger.

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Um in die historische Altstadt zu gelangen geht es im Berg mit Fahrstuhl und Rolltreppen nach oben. Die letzte spuckt mich am Westende der Stadt an die Oberfläche, und ich beginne mit der Erkundung der Gassen und Straßen. Zuerst fällt mir diese schöne Kirche auf, die ich fälschlicherweise mit dem Dom verwechsele.

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Was für ein Faux-Pas, denn der Dom ist eine ganz andere Nummer – für den hat Orvieto die Stars der Renaissance verpflichtet, mit dem Hintergedanken, Siena mit seinem fantastischen Dom auszustechen. Von der Fassade her klappt das auch, aber das Innere… ist im Vergleich zu Siena bescheiden.

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Ich bin aber nicht wegen des Doms hier, um den sich Trauben von Touristen scharen, sondern wegen etwas anderem, viel spannenderem. Am Ostende der Stadt, direkt an den Mauern der Festung, steht ein kleines Gebäude. Es ist flach und kreisrund und trägt die Inschrift „Quod natura muninmento inviderat industria adiecit“ über dem Eingang. Es ist eines der größten Gebäude der Stadt. Allerdings befinden sich nur die letzten fünf Prozent über der Erde…

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Die Geschichte des Pozzo di San Patricio
Es begab sich vor 500 Jahren, dass es in Rom mal wieder Krawall gab und Papst Clemens der II. flüchten musste. Er versteckte sich in Orvieto. Die Stadt ist ideal für eine Verteidigung, dachte er sich, hoch oben auf einem Felsen gelegen, Rundumsicht, uneinnehmbar – einfach perfekt! Hier fühlte er sich sicher. Als die Tore der Stadt hinter ihm verriegelt wurden, sah er sich den Stadtoberen gegenüber, die betreten auf ihre Füße starrten und nervös die Finger einander verknoteten. Man müsse da über eine winzigkleine Kleinigkeit sprechen, Euer Heiligkeit…

Orvieto hatte aufgrund seiner Lage keinen Brunnen. Die erhabene Lage der Stadt war sowohl ihr größter strategischer Vorteil als auch ihre tödliche Schwäche. In der heißen Sommersonne würden die Bewohner innerhalb weniger Tage verdursten. Eine Situation, die dem Papst erstmal das Essen aus dem Gesicht fallen liess und ihn dann veranlasste, sofort den Bau eines Brunnen anzuordnen. Nahezu alle Arbeitskräfte der Stadt standen plötzlich in Lohn und Brot des Papstes, der überaus gut bezahlte. Wen wundert es da, dass es am Ende 10 Jahre dauerte, bis der Brunnen fertig war? Die Fertigstellung erlebte Clemens II. übrigens nicht mehr, und der Brunnen wurde auch nie als solcher benutzt, aber im Falle eines Zombieangriffs wäre Orvieto jetzt gut gerüstet.

Die Inschrift „Quod natura muninmento inviderat industria adiecit“ bedeutet „Was die Natur diesem Ort vorenthielt, hat regsamer Fleiß ihm verliehen“. Der Brunnen wurde nach dem irischen St. Patrick benannt, der in einer tiefen Höhle gehaust haben soll. Das gefiel den Italienern irgendwie.
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Der Brunnen ist aber ein eine echte Sehenswürdigkeit, denn er ist zweispurig. In Form einer Doppelhelix führen Treppen hinunter und wieder hinauf ohne sich zu kreuzen. Die Treppen haben kleine und sehr lange Stufen, damit auch Maultiere sie laufen können. Die Idee war, dass eine quasi endlose Kette Maultiere hinabsteigen, mit Wasser beladen und wieder ans Tageslicht laufen können ohne auf Gegenverkehr zu treffen.

53,13 Meter tief, 13,40 Meter breit, 70 Fenster, 248 Stufen, gebaut zwischen 1527 und 1537 .

53,13 Meter tief, 13,40 Meter breit, 70 Fenster, 248 Stufen, gebaut zwischen 1527 und 1537 .

Steigt man die Treppen hinab, wird es schnell kühler, und das Gezwitscher der Vögel verklingt. Als ob man in eine Unterwelt hinabsteigen würde, so fühlt sich das an. Die Kühle ist mir willkommen, aber die Geräusche und das schwindende Licht sind schon merkwürdig.

Kuppel des Brunnens.

Kuppel des Brunnens.

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Am Grunde des Brunnens gibt es einen Holzsteg, der den Gang mit einem zweiten verbindet, der sich ebenso in Spiralen windet – aber aufwärts.

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Das Wiesel hat seinen Spass, aber ich bin durchaus froh wieder aus der kühlen, feuchte Röhre hinaus zu kommen.

Nach einem weiteren Bummel durch Orvieto, einem verdienten Gelato und einem Gruß („Hallo rechtes Knie, Dich gibt es also auch noch? Lange nicht gemeldet.“) treffe ich eien alten Bekannten: Luna Park, der nervige Rummel, der vor einem Jahr in Siena Station gemacht hat, gastiert heuer (wie wir Österreicher sagen) in Orvieto. Wie schön. Würg.

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Orvieto ist wirklich ein hübsches Städtchen.

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Dann geht es hinab in die Unterwelt des Parkhauses, und kurze Zeit später gleitet die ZZR 600 wieder durch die Serpentinen der umbrischen Berge. Dabei habe ich übrigens einen Heidenspaß – die neuen Reifen kleben auf der Strasse und erlauben mehr sicheres Gefühl in Schräglage, als ich mir zu Träumen gewagt hätte. Ehrlich mal, Das ICH mal Spass am Kurvenfahren hätte… das macht aber auch der Ort.

In Italien zu fahren ist ein ungleich größeres Vergnügen als in Deutschland. Italienische Fahrer fahren gerne schnell, aber sie halten permanent die Augen offen und nehmen -man glaubt es kaum- Rücksicht! Wenn man in Deutschland langsam unterwegs ist, kann man sicher sein, dass einem nach wenigen Minuten ein Drängler im Nacken hängt, der einen nötigt und versucht, eine Lektion in Verkehrserziehung zu erteilen – immerhin muss man immer so schnell fahren wie es gerade erlaubt ist, oder? In Italien lässt dich der Hintermann fahren wie Du willst und bedrängt dich nicht, aber er wird Dich bei erstbester Gelegenheit halsbrecherisch überholen. Dabei wird er aber darauf achten Dich nicht in Gefahr zu bringen, während die deutschen Verkehrserzieher im Zweifelsfall anscheinend lieber auf Versicherung plus Anzeige setzen. Wie oft habe ich in letzter Zeit in Deutschland erlebt, dass jemand die Spur wechseln wollte – und ihn einfach niemand reingelassen hat! Ganz nach dem Motto: Mach doch, wechsel die Spur, dann verursachst Du den Unfall und hast Schuld, ha! Sowas würde in Italien einfach nicht passieren. Wenn jemand blinkt, hupt und dann rüberzieht kann NIEMAND sagen er hätte von nichts gewusst. Oder, um es anders auszudrücken: In Italien kennen Verkehrsteilnehmer die Spielregeln und kennen DAS ZIEL DES SPIELS, anders als die deutschen, die immer im Regelbuch nachlesen und sich dann Oberlehrerhaft gegenseitig beweisen müssen, wer es besser verstanden hat. Gut, zugegeben, der umsichtigere Fahrstil der Italiener könnte auch damit zusammenhängen, dass rund 8 Prozent aller Autos in Italien nicht Haftpflichtversichert sind, und man Gefahr läuft, auf Schäden sitzen zu bleiben.

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Ich parke die Kawasaki im Ort Bagnoregio und gehe den Rest des Weges zu Fuß. Von hier aus will ich die Civita di Bagnoregio besuchen. Schon nach 500 Metern sehe ich Die tote Stadt.

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Die wird so genannt, weil sie verlassen ist. Natürlich nicht gänzlich, heute sind viele Touristen unterwegs und in der Stadt gibt es etliche Souvenirbuden und Restaurants, aber hier gibt es keine regulären Einwohner mehr. Zu abgelegen und unerreichbar liegt der Ort auf einem Felsplateau, als das man ihn mit Infrastruktur versorgen könnte. Lediglich eine schmale Fußgängerbrücke führt hinüber.

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In diesen Häusern lebt niemand mehr.

In diesen Häusern lebt niemand mehr.

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Traumhaft: Civita di Bagnoregno bei Sonnenaufgang über einem  mit Morgennebel gefüllten Tal.

Traumhaft: Civita di Bagnoregno bei Sonnenaufgang über einem mit Morgennebel gefüllten Tal.

Als ich durch die Gassen streife, fühle ich mich fast wie in einer größeren Ausgabe Monteriggionis – mit dem Unterschied, dass dort noch 64 Menschen leben und auch keine gruseligen japanischen Animegirls mit Monsterkontaktlinsen unterwegs sind.

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Von der Stadt aus hat man einen prächtigen Blick über die Gegend.

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Auf dem Rückweg treffe ich auf eine Gruppe italienischer Wochenendmotorradfahrer. Es sind die üblichen älteren Herren mit den künstlichen Hüften und den künstlichen Blondinen, die ihre nagelneuen BMWs, Ducatis und Harleys bei gutem Wetter bis zum nächsten Ausflugsziel bewegen, dort ins örtliche Café einfallen und sich dort benehmen, als hätten sie gerade einhändig einen Bären erlegt oder irgendeine andere Heldentat vollbracht. Als ich in so eine Gruppe hineinlaufe, werde ich gemustert – und mustere gnadenlos zurück. Die ganze Bande ist in dünne Funktionsanzüge gewandet, die aussehen wie frisch gebügelt und die bestimmt noch keinen Regenschauer mitgemacht haben. Die Schnitte sind modisch und passen zu den Frisuren der Hardrocker, die sie nach Fahrt sicher eine halbe Stunde mit ihren manikürten Fingern modellieren mussten.

In den Augen dieser Nobelbiker muss ich geradezu heruntergekommen wirken. Ich stehe der Gruppe in meinen Fahreranzug gegenüber, der mit fast einem Dutzend Protektoren und dem Lederbesatz doch etwas weniger nach Mode und mehr nach Schutz aussieht. Dazu kommt, dass die Fahrten durch Regen, Staub und Sonne im vergangenen Jahr Spuren hinterlassen haben. Die Lederteile sind ausgeblichen und hell, während der Rest der eigentlich schwarzen Kombi eher dreckig aussieht. Ich selbst mache vermutlich auch nicht den besten Eindruck, seit der Episode in den Bergen habe ich Druckstellen der Helmriemen an Kiefer und Hals. Aber das alles könnte mir scheißegaler nicht sein, ich muss über die Vorstadtcowboys grinsen und gehe weiter.

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Wieder auf Piana delle Selve angekommen schalte ich zunächst die Lumix ein, fahren den Zoom ganz aus, entnehme dann Akku und Speicherkarte und puste beherzt ins Gehäuse. Ein Blick durch die Optik zeigt, dass nun alles beschlagen ist. WENN es eine Möglichkeit gibt den Fussel in der Optik zu entfernen, dann so. Andererseits: Wenn es eine Möglichkeit gibt die Kamera unbrauchbar zu machen, dann ebenfalls auf diese Weise. 50:50-Sachen sind nicht mein Ding, aber gucken wir mal. Den Rest der Reise fusselige Fotos machen geht mal GAR NICHT.

Ich will gerade duschen, als es an der Tür klopft und eine wunderhübsche Frau davorsteht. Es ist Rosanna. Sie hat mich an den vergangenen Abenden unten in der Osteria bedient, allerdings trug sie dort eine sackförmige Kittelschürze und eine Plastikhaube. Nun steht Sie in bauchfreiem T-Shirt, Jeans und offenen Haaren im Türrahmen und sieht dadurch aus wie ein anderer Mensch. Die Osteria habe heute für Auswärtige geschlossen, sagt sie. Aber da ich Gast auf Piana delle Selve bin, macht sie mir gerne was zum Abendessen. Sie fährt mit der Hand den Türrahmen hinab. Ob ich wohl mit Wildschweinlasagne einverstanden wäre? Natürlich bin ich das!

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Eine Stunde später tischt Rosanna mir Lasagne, Maiala mista und verschiedene Kuchen auf, und zu jedem Gericht erklärt sie mir woraus und wie es gemacht ist, damit mein Italienisch besser wird. Noch eine Lehrerin, bene!

Osteria auf Piana delle Selve

Osteria auf Piana delle Selve

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Nach den Dolci hole ich das kleine Netbook aus seiner Ledertasche und beginne Tagebuch zu schreiben, als plötzlich Gastgeber Claudio neben meinem Tisch steht. Er hat Zeit zum Plaudern und setzt sich zu mir.

Piana delle Selve, so erzählt er, ist ein echter Familienbetrieb. Claudio, sein Bruder und eine stattliche Anzahl an Schwestern, Schwägerinnen, Tanten und Nichten bestellen Weinberge, ein Feld mit Olivenbäumen, ein Kornfeld, kümmern sich um eine kleine Geflügelzucht und jagen in den Wäldern des Anwesens. Das Land versorgt die Bewohner mit mehr als sie brauchen, deshalb gibt es auch die Osteria. Ab Nachmittags stehen die Frauen am Herd, und fahren jeden Abend für Gäste tolle Gerichte auf.

Claudio ist weit herumgekommen. Er sieht ein wenig gefährlich aus, mit seinem Leibesumfang, den Tätowierungen, der Rastamähne und dem wilden Bart. Früher war er, als Kind von Aussteiger-Akademikern, Bühnenbauer, der Theaterbühnen gestaltet hat. Und das rund um die Welt, er wurde sogar von Produktionen in Japan gebucht. Dann brauchte die Familie ein Oberhaupt, und er kam zurück nach Amelia, kaufte das Land hier und baute Piana delle Selve. Das der Hof sich selbst versorgt gefällt ihm sehr – seine Philosophie ist das Teilen. „Die Weltökonomie geht den Bach runter“, sagt er. „Wenn alles zusammenbricht, Geldmarkt und so, werden die Leute wieder tauschen und teilen. Und wenn es nicht zusammenbricht, ist das Tauschen ein Mittel gegen die Verarmung der kleinen Leute!“
Geben und nehmen. Wenn er zu viel Fleisch auf Piana delle Selve hat, tauscht er es ein – zum Beispiel gegen Arbeitszeit eines Mechanikers im nächsten Ort, der ihm den Traktor dann repariert wenn es nötig ist. Claudio hat eine Vision: Lokale Tauschnetze, über die sich die Menschen mit dem nötigen versorgen und nicht ins Unheil gerissen werden, wenn Banker im fernen New York mal wieder den Finanzmarkt manipulieren.
Um seine Vision zu verwirklichen, plant er eine Aktion. Eine Karawane von Handwerker und Künstlerfamilien soll 2014 durch Umbrien bis nach Norcia ziehen und in den Orten und Dörfern unterwegs ihre Kunst und ihr Können gegen Dinge des Lebens eintauschen, um zu zeigen, dass es so funktioniert.

Dann erzählt Claudio eine Geschichte, die er gerade erst erlebt hat. Er hat vor Kurzem einen alten Freund wieder getroffen, der unverhofft reich geworden ist. Er hatte vor Jahrzehnten einem Künstler, im Tausch gegen einige Bilder Essen und eine Wohnung gegeben. Der Künstler, Ele d´Artagnan, musste nach dem Krieg ein Fellinieskes Leben als Dandyhafter Künstler geführt haben muss. Am Ende starb er verarmt unter einer Brücke in Rom, aber in letzter Zeit hat man seine Bilder wiederentdeckt und gefeiert – und Claudios Freund hatte plötzlich Schätze an der Wand hängen.

Mit dieser Geschichte verabschieden wir uns, und ich sitze noch ein wenig allein, schreibe Tagebuch und bin ein wenig traurig, dass es morgen schon weitergeht zu einem neuen Ort. Als ich gerade zusammenpacke und auf mein Zimmer gehen will taucht plötzlich aus dem Dunkel der Küche Rosanna auf.

Tagestour: Von Piana delle Selve nach Bomarzo, an den Lago Bolsena, nach Orvieto, Civita di Bagnoregno und wieder zurück.

Tagestour: Von Piana delle Selve nach Bomarzo, an den Lago Bolsena, nach Orvieto, Civita di Bagnoregno und wieder zurück.

Im nächsten Teil: Das mit dem Schlüssel.

Zurück zu Teil 7: Das kleinste Theater der Welt
Weiter zu Teil 9: Mit Schlüssel und kurvig weichgespült

 
4 Kommentare

Verfasst von - 1. Februar 2014 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

4 Antworten zu “Motorradreise 2013 (8): Monster und Fussel

  1. Rufus

    1. Februar 2014 at 09:44

    Och, ein Luna-Park…sowas ist mir schon Jahrzehnte abgegangen…

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  2. Leandrah

    1. Februar 2014 at 13:03

    Rummel mag ich gar nicht egal wie sie heißen. Der Monsterpark hat etwas …ich kann mir vorstellen wenn ich da im grünen Gras liege nachdem ich alles gesehen habe und die Augen schließe das dann neue Geschichten vor meinen Augen erscheinen. Dein rechtes Knie… ist schon verflixt auch mein rechtes Knie macht Kummer und musste vor 4 Jahren gegen ein künstliches ausgetauscht werden. Etwas was mir ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Und ich mich auch nach wie vor nicht arrangiert habe. Die tote Stadt im Morgennebel ein zauberhafter Anblick wie so eine Vorstellung sie taucht alle 100 Jahre wieder auf, und wer das richtige Wort spricht, der hat sie erlöst. Soso Rosanna tauchte im Dunkeln auf und dann?

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  3. Silencer

    1. Februar 2014 at 21:48

    Rufus: Gibt´s Luna Park bei Euch auch? Oder meinst Du Rummel im allgemeinen?

    Leandrah: Auch Backe, künstliches Knie ist bestimmt kein Spaß. Ich hoffe, sowas bleibt mir noch ein wenig erspart… Ja, die Tote Stadt hat was von diesem Märchen, nicht war?

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  4. Katja

    8. Oktober 2014 at 13:06

    Das ist ja wieder klar, dass die coolen Turmtreppen ohne Gegenverkehr nach unten in den Fels statt nach oben zur Aussicht führen. 😀

    Wir haben mit dem Auto in Italien übrigens ganz andere Erfahrungen gemacht. Abseits der großen Straßen hing uns hing ständig irgendein italienischer Kleinwagen auf wenige Zentimeter Entfernung im Kofferraum. Das war so penetrant und fortwährend, dass wir seitdem immer sagen „der Hintermann fährt aber sehr italienisch“, wenn jemand so sehr dicht auffährt.

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