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Motorradreise 2014 (11): Die Unterwelt von Adriano dem Bäcker

31 Jan

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Im Juni 2014 war Silencer auf Motorradtour durch Europa. 24 Tage, 7.187 Kilometer, durch sechs ein Viertel Länder. Am 13. Tag geht es gleich zwei mal in die Unterwelt und einmal durch die Hölle.

Mittwoch, 18. Juni 2014, nahe Amelia, Umbrien, Italien

Ich hänge schief im Sattel des Motorrads und stöhne hin und wieder. Unter dem Helm und hier, auf der leeren Bergstraße, hört mich niemand, und laut stöhnen hilft bei Bauchschmerzen. Die habe ich nämlich, und dazu die Mutter allen Durchfalls. So lecker es auch ist, so fettig ist das Essen auf Piana delle Selve auch, und das kann mein ohnehin angeschlagener Magen nicht gut ab.

In der Bordapotheke des Motorrads finden sich auch Mittel gegen Durchfall und Übelkeit, und ich war kurz davor die zu nehmen – bis ich im Beipackzettel lesen musste, dass die Dinger Gleichgewichtsstörungen hervorrufen und man nach Einnahme nicht mehr fahren sollte. DAS sagen einem die glücklichen Immodium-Akut-Menschen in der Werbung nie, aber die fahren ja auch nur Heißluftballon. Vermutlich genau deswegen.
Hm. Wenn ich so genau drüber nachdenke: Die jammern über Durchfall rum und dann lassen sie einen fahren. Machen sie nicht selbst. Muss man mal drauf achten. Gnihihi. Örg. So schlecht kann´s mir gar nicht gehen, wenn ich so alberne Gedanken habe.

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Egal, mein Bauchaua und ich fahren über die schlechten Bergstraßen hinter Amelia und genießen dabei tolle Aussichten über Umbrien. Das Wetter ist sonnig, allerdings ist die Temperatur über Nacht um 10 Grad auf nun morgendlich-kühle 16 Grad gefallen.

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Über die zerfrettelten Berg- und später Landstraßen geht es nach Orvieto, der Stadt auf dem Tuffsteinplateau. Im vergangenen Jahr habe ich mir dort den sonderbaren St. Patricksbrunnen angesehen und dabei mitbekommen, dass es eine zweite Stadt unter Orvieto gibt, Orvieto Sotteranea, das unterirdische Orvieto.

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Der ganze Tuffstein unter Orvieto ist durchzogen von Höhlen, die lange vergessen waren und erst spät wiederentdeckt wurden. Ein paar davon will ich mir heute ansehen. Die Tourist-Information bewirbt die Führung im Untergrund ganz groß, und daher mache ich die als erstes mit.

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Ich lasse die Renaissance auf einem Parkplatz an der Via di Roma zurück. Die beste Parkmöglichkeit findet sich eigentlich am Fuß des Berges, wo es ein großes Parkhaus für Touristen gibt. Dort kann man sein Fahrzeug zurücklassen und dann mit der Rolltreppe in die Stadt hinauffahren. Leider macht es das Parkhaus in Orvieto Motorradfahrern unnötig schwer: Der Boden vor der Schranke ist abschüssig, und die Induktionsschleife erkennt alles was kleiner als ein Kleinbus ist nur bei wirklich gutem Wetter. Außerhalb der kostenpflichtigen Parkplätze und -häuser braucht man es übrigens in Orvieto gar nicht zu versuchen; der Platz auf dem Tuffsteinplateau ist knapp, wild parken unmöglich. Nichtmal wild abgestellte Roller sehe ich, als ich in die Stadt hineingehe. Meine Knie sind ein wenig wackelig, die unruhige Nacht und der heftige Durchfall haben mir doch ganz schön zugesetzt.

Die Führerin durch die Unterwelt heißt Sofia, und sie sieht genauso aus, wie ich mir Frau Kuchen aus den Scheibenwelt-Büchern vorstelle. Herzlich und absolut nett, von kleiner Statur, ein wenig pummelig und mit einer riesigen Frisur, die an einen Heißluftballon erinnert.

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Sofia hat 20 Jahre in Deutschland gelebt und spricht akzentfreies Deutsch. Sie führt mich und eine Gruppe von 10 anderen, darunter das unvermeidliche deutsche Lehrerehepaar und das liberale Elternpaar mit den viel zu kleinen Kindern, in den Untergrund.

Jeder der schwarzen Punkte auf dieser Karte ist eine Höhle unter Orvieto:

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In zwei großen Höhlen lernen wir an Schautafeln, dass es 1.200 bekannte Höhlen unter Orvieto gibt. Es könnten aber doppelt so viele sein – so genau weiß das niemand. Die Höhlen sind künstlich und entstanden, weil die Menschen das Plateua aufbrachen, um aus den Steinen Häuser zu bauen. Die Löcher im Boden wurden dann zu Werkstätten oder Tempeln, oder man züchtete in ihnen Tiere oder nutzte sie als Kühlschränke. Gezüchtet wurden vor allem Tauben. Die hielt man in großen Räumen mit Löchern in den Wänden, in denen die Tauben brüteten. Durch große Fenster in den Seiten des Tuffsteinplateaus konnten die Viecher rein- und rausfliegen. Für die Bewohner des Plateaus warenTauben die idealen Tiere: Sie vermehren sich schneller als Karnickel, versorgen sich sich selbst und geben ein zartes Fleisch.

Ein unterirdischer Taubenschlag.

Ein unterirdischer Taubenschlag.

Später wurde in den unterirdischen Steinbrüchen Mörtel abgebaut, unter unmenschlichen Bedingungen.

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Belüftungsschacht. Geschlagen von einem Mann, der dafür sich Stück für Stück in den Boden gearbeitet hat. Klaustrophobisch eng und schlecht belüftet.

Belüftungsschacht. Geschlagen von einem Mann, der dafür sich Stück für Stück in den Boden gearbeitet hat. Klaustrophobisch eng und schlecht belüftet.

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In den Höhlen gab es auch Werkstätten. In denen wurde Olivenöl produziert, den dafür gibt es hier die perfekten Bedingungen: Dunkel und kühl, aber nicht zu kalt. Zum großen Erstaunen passen die Pressmatten von heute noch auf die Olivenpresse von vor 2.500 Jahren. Das zeigt, wie wenig sich verändert hat.

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Verändert hat sich aber das Tuffsteinplateau, und nachdem 1978 ein ziemlicher Teil weggebröselt und in den Abgrund gestürzt ist, bemüht man sich seitdem um seine Rettung. Heute halten Stahlstifte und Zuganker den porösen Stein zusammen. Wobei mir der „Stein“ gar nicht als ein Stein vorkommt, ich meine, als ich den gerade mal 30 Zentimeter breiten Aufgang zurück zur Oberfläche entlangrobbe, unterschiedliche Gesteinsschichten zu erkennen.

Über der Erde scheint die Sonne aus allen Knopflöchern.

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Natürlich gibt es die normalen Führungen der Tourist Information, aber bei denen sieht man nur zwei Höhlen. Neben der Touristenführung und dem St. Patricksbrunnen gibt es aber noch eine dritte Stelle, um in den Untergrund von Orvieto hinabzusteigen. Die ist aber nicht wirklich offiziell und auch nicht bekannt, und deshalb habe ich heute eine Verabredung mit Alessandra.

Was mich erwartet, als ich das Haus mit der Nummer 26 in der Via della Pace erreiche, damit hatte ich nicht gerechnet. Kennen sie den Film „Chocolat“? Nun, ich nicht, habe den nie gesehen, aber das Bild von Juliette Binoche in einem zauberhaft dekorierten Schokoladenladen ist ikonisch und sogar mir bekannt. Genau so ein Laden findet sich an der Stelle, an der ich mich mit Alessandra treffen soll. Die Wände der Pasticceria sind rechts sind mit rotem Samt verhangen, davor stehen Kaffeetische mit bunten Mineralglasplatten. Links ist eine große Glastheke, in der alle Leckereien liegen, die man sich in einer Confiserie nur erträumen kann: Süßes Gebäck, marmeladenbetupfte Kekse, lecker aussehender Kuchen, frische Croissants, Puddingteilchen und noch vieles andere mehr. Hinter der Theke sind Regale mit weiteren Spezialitäten, auch Wein wird hier verkauft.

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Ich muss nochmal rausgehen und nach der Hausnummer sehen. 28, 26… Doch, 26, ist richtig.
Geradeaus ist eine Kaffeetheke mit einer großen Espressomaschine. Aus einem Hinterraum kommt gerade eine junge Frau in einem weißen Kleid und einer schwarzen Rüschenschürze, was auf altmodische Art elegant und gediegen ist und zum eleganten, gediegenen und liebevollen Ambiente des Geschäfts passt. Die Bedienung guckt mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Ihr ist mein merkwürdiges Verhalten mit dem leicht planlosen Reinkommen, Umsehen, wieder Rausgehen, wieder Reinkommen nicht entgangen.

Außer der Bedienung ist niemand hier, aber vielleicht kommt Alessandra ja noch. „Un Caffé, per favor“, sage ich und die Frau wendet sich mit einem brüsken „Certo“, sicher, ab um einen Espresso zuzubereiten. Als der vor mir steht und ich den Zucker hineinrühre sage ich beiläufig „Cerco per una Donna chiamata Alessandra“, Ich suche nach einer Frau namens Alessandra, und komme mir ein wenig wie ein Geheimagent vor. Die Bedienung starrt mich mit weit aufgerissen Augen an. „Ce tu! Tu hai scrivo la mail!“, DU bist das! Der geschrieben hat! bricht es aus hier hervor. „Alessandra?“, frage ich und bin mir sicher meinen Geheimkontakt gefunden zu haben. „Si, sie, Bien venuti! Di dove sei?“, fragt sie, Woher kommst Du?. „Sono Tedesco“, sage ich. „Aaaaaaaah, Deutschland!“, sagt Alessandra auf deutsch. „Können wir Du sagen?“ „Certo!“, entfährt es mir vor Überraschung noch auf italienisch. „Woher kommst du? Aus Heidelberg?“, fragt sie, was ich lachend verneinen muss. „Heidelberg ist sooooo eine wunderschöne Stadt, und so gut organisiert!“, sagt Alessandra und blickt mit verklärtem Blick zur Decke. Das sieht das ein wenig verliebt aus, und ich muss lachen.

Alessandra ist eine zierliche Frau, vielleicht Mitte 30. Sie trägt die schwarzen Locken in einer Kurzhaarfrisur. In ihrem schmalen Gesicht leuchten zwei große, tiefbraune Augen über einer fein geschwungenen Nase. Sie bewegt sich elegant, was gut zu ihrer grazilen Erscheinung passt. Auf den ersten Blick hätte ich sie für eine Griechin gehalten.

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„Hast Du in Heidelberg Deutsch gelernt?“, frage ich. „Ja! Erst in Mainz, dann Frankfurt, dann Heidelberg. Halbtags, Sprachschule, das war soooo schön. Aber am schönsten war Heidelberg selbst!“ Fast erwarte ich, dass Alessandra die Hände ineinanderlegt und vor Verzückung eine Pirouette tanzt.

Stattdessen legt sie die Schürze ab und geht zum Ende der Theke mit den 1.000 Köstlichkeiten. Ich folge ihr, und sie sagt, „und jetzt sehen wir uns das hier an!“ Sie knipst einen Schalter hinter der Theke, und ein Teil des Bodens wird durchsichtig. Zumindest wirkt es so, der Boden ist eine Glasplatte, unter der ein Schacht gähnt. Jetzt ist er von unten erleuchtet und das wirkt, als hätte sich gerade ein zwanzig Meter tiefes Loch im Boden aufgetan.

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„Geh mal aus der Pasticceria raus und dann rechts, ich komme da gleich hin“, sagt Alessandra. Ich tue wie mir geheißen, und warte vor einer Holztür. Die trägt eine Gravur mit einem verschlungenen Zeichen und der Aufschrift „Adrianos Untergrund“.

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Alessandra öffnet von Innen die Tür, hinter der sich ein kleines Ristorante befindet. Hier darf man nur nach vorheriger Anmeldung essen, und man muss eine Gruppe sei. Wenn man hier isst, ist die Führung durch den Untergrund gratis. Neben den Tischen führt eine Treppe hinab. Alesandra knipst weitere Schalter, und ein Leuchten kommt von unten herauf.

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Vor 40 Jahren hat Alessandras Schwiegervater, Adriano, den Fußboden der Bäckerei erneuern wollen. Bei den Arbeiten krachte es plötzlich, und ein großen Stück Fußboden verschwand. Es brach einfach weg und hinterließ nur ein dunkles Loch. Adriano war neugierig, sah sich das genauer an und entdeckte eine alte Zisterne unter seinem Haus. Der Bauweise nach war sie etruskisch, dass heißt über 2.500 Jahre alt. Adriano fing an zu graben, legte einen Gang frei, dann noch einen. Immer weiter grub er, stieß auf Aborte aus dem Mittelalter, weitere Zisternen und unterirdische Tempel der Etrusker. Er hob seine ganz eigene Unterwelt aus, und 20 Jahre später hatte „Adrianos Sotteranea“ eine beachtliche Ausdehnung erreicht. Da es SEINE Unterwelt war, dekorierte Adriano sie so wie ER wollte. Das Resultat sind Höhlen mit wilden Verzierungen und merkwürdigen Objekten, von Amphoren bis hin zu Gartenzwergen, aber auch mit gemütlichen Sitzecken und Kavernen, die als Lager dienen. Jeder Archäologe würde über die angewendeten Grabmethoden, die Nutzung der Höhlen und die unzusammenhängende Deko die Hände über dem Kopf zusammmenschlagen, aber genau das macht den Reiz von Adrianos Unterwelt aus.

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Ausserdem richtete sich Adrian seine eigene Weinkelterei und ein Weinlager hier unten ein. In den Neunzigern fingen die Nachbarn an sich zu sorgen, weil er unter ihren Häusern herumgrub und dort mittlerweile auch Touristen herumführte. Adriano verlangsamte die Expansion und verlegte sich auf´s dekorieren. Und so ist ein fantastisches, unterirdisches System aus etrukischen Gängen, mittelalterlichen Klos und Adrianos Inneneinrichtung entstanden. Groß beworben wird diese Unterwelt nicht. Wer sie besuchen möchte, muss eine Mail an info@dolceorvieto.com schreiben und sich verabreden. Am besten kommt man in einer Gruppe, dann macht Adriano einen kleinen Speisesaal neben der Pasticceria auf und serviert Mittagessen. Wenn man dort isst, ist die Höhlenführung kostenlos, wer nur die Führung will zahlt 3 Euro.

Alessandra kann spannend erzählen, unterbricht sich aber mittendrin immer wieder. „Und Berlin!“, sagt sie verzückt, „Ich möchte so gerne nach Berlin und das meinem Mann und meinen Kindern zeigen.“ „Hm.“, mache ich. „In Berlin ist alles so gut organisiert und man hat öffentlichen Verkehr und das Arbeiten ist besser als in Italien.“ „Hm.“, mache ich und frage, wie tief wir unter der Erde sind. In meiner dicken Motorradjacke friere ich hier unten natürlich nicht, aber ich sehe meinen Atem kondensieren. „22 Meter“, unterbricht Alessandra ihre Berlinschwärmerei, „Wir haben hier konstant 12 Grad.

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Die Etrusker legten das hier auch als Kühlkammer an, aber auch um der Steuer zu entgehen. Unter dem Boden durften keine Steuern erhoben werden. Der Boden ist übrigens nicht DER EINE BODEN, es gibt verschiedene Schichten: Das hier ist Tuffstein und das hier“, sie zeigt auf eine poröse Stelle, „Das ist Vulkangestein. Rübergeschleudert vom Vulkan unter dem Bolsena See“. Aha, das erklärt den uneinheitlichen Eindruck, den ich schon in der offiziellen Höhle hatte. Der Bolsena See ist stattliche 25 Kilometer weg.

Nach 30 Minuten stehe ich wieder in der Sonne und an der Oberfläche und bedanke mich bei Alessandra für die gelungene Führung. Wenn ich ich wieder hier bin, komme ich auch zum Essen vorbei, das verspreche ich. Ich verlasse Orvieto in der Gewissheit, dass ich wieder einen Ort zum Zurückkehren gefunden habe.

Der Rest des Tages ist gezeichnet von profunder Unkenntnis der hiesigen Geografie und der zeitlichen Gegebenheiten. Ich fahre gen Montevibio, um das Kleinste Theater der Welt zu besuchen, zu dessen Förderern ich zähle. Dann fällt mir ein, dass das erst um 16 Uhr aufmacht, und wähle stattdessen Spoleto als Ziel. Als ich noch 40 km davon entfernt bin, zwingt mich eine Straßensperre zurück auf die Autobahn. Dann überlegt es sich das Navi anders, wodurch ich das gleiche, 10 Kilometer lange Stück Autobahn zum zweiten Mal fahre. Dann überlege ICH es mir anders, weil sich im Westen dunkle Wolken aufbauen und ich Blitze sehen kann. Ich will lieber wieder zurück nach Montevibio, in dessen Nähe ich auch Piana delle Selve verorte. Also fahre ich ab, drehe um und fahre die Autobahn zurück. Damit liege ich leider ebenso daneben wie mit den Öffnungszeiten des Theaters, ich fahre nämlich in die verkehrte Richtung. Als ich schließlich zum VIERTEN MAL an diesem Tag das gleiche Stück Autobahn passiere, wird mir klar WIE falsch ich lag: Amelie und Piana delle Selve liegen exakt UNTER den schwarzen Wolkenungetümen, und nicht in der entgegengesetzten Richtung.

Eigentlich wollte ich um 17.00 wieder auf Piana delle Selve sein. Hätte ich mich an den Plan gehalten, wäre nichts passiert, aber durch das Hin- und Hergehampele die Autobahn hoch und runter bin ich eine Stunde später dran als geplant, und dadurch erwischt er mich: Der Pate aller Regenstürme!

Er beginnt 25 Kilometer vor Piana delle Selve mit ein paar leichten Regentropfen, die sich schnell zu einem ordentlichen Regenguß auswachsen. Ich bin schon gut naß, aber noch hält der Fahreranzug dicht. Ich halte an einer Tankstelle und tausche die leichten Sommer- gegen die wasserdichten Winterhandschuhe, schließe alle Ventilationsöffnungen der Kombi und packe Handy, Kamera und alle Geräte, die ich dabei habe, in wasserdichte Ziplockbeutel ein und lege sie in das Topcase.

Kleine Ziploc-Beutel schützen die wichtigen Dinge vor Wasser.

Kleine Ziploc-Beutel schützen die wichtigen Dinge vor Wasser.

Damit sind die wichtigen Dinge geschützt, was jetzt noch kommt ist nur unangenehm und gefährlich. Unangenehm, weil 15 Km vor dem Ziel der Platzregen so richtig loslegt. Es dauert keine Minute, und der Fahreranzug aus Leder und Goretex ist vollgezogen mit Wasser. Durch die Membran werde ich zwar nicht naß, spüre aber das Wasser kalt im Anzug entlanglaufen. Durch die Lüftungskanäle des Helms schlägt der Regen und rinnt mir den Kopf entlang.

Dann dreht das Wetter richtig auf: Es fällt so viel Wasser vom Himmel, dass man das nur schwerlich als Regen bezeichnen kann. Regen besteht aus Regentropfen. Was hier runterfällt sind Regenklumpen, so groß und mit solcher Wucht fallend, dass ich das durch den Anzug aus Leder und Cordura als schmerzhaft empfinde. Die Klumpen schaffen auch etwas, was ich noch nie erlebt habe: Sie schlagen DURCH DIE DICHTUNG des Helmvisiers und explodieren IM INNEREN des Helms wie kleine Wasserbomben. Wasser aussen auf dem Visier ist normal, aber Wasser auf der Innenseite und auf der Brille… Ich gucke damit durch vier Schichten Tropfen und fliege jetzt nahezu blind. Wobei fliegen zu viel gesagt ist, ich bin maximal im zweiten Gang unterwegs. Es ist so dunkel geworden, dass der Scheinwerfer der Kawasaki deutlich sichtbar ist. Die Reichweite ist aber gering, denn er scheint gegen eine Säule Wasser.

Das Wasser ergiesst sich in Sturzbächen über die Bergstrasse. Anhalten geht hier nicht, es wäre viel zu gefährlich im Dunkeln auf der engen und kurvigen Straße herumzustehen. Schutz vor Regen gibt es sowieso nicht, also taste ich mich langsam weiter. Das Navi zählt die Kilometer bis zum Ziel runter. Was mich erwartet wenn ich es erreiche, das macht mir fast mehr Sorgen als der Weg dahin.

Es sind noch drei Kilometer bis Piana delle Selve als ich noch langsamer fahre. Mittlerweile ist stockdunkel, obwohl es noch mitten am Tag ist. Ich bin im Zentrum des Unwetters, auf jeden Blitz folgt ohne Verzögerung ein Donner, und es blitzt und donnert ohne Pause. Im Blitzlicht des Gewitters meine ich zu sehen, dass weiter vorne irgendwas mit der Straße nicht stimmt. Was genau kann ich nicht sagen, es ist mehr so eine Augenwinkelwahrnehmung gemischt mit Intuition. Irgend etwas stimmt hier nicht.

Ich blinzele und versuche durch das Wasserchaos und die Tropfen auf Helm und Brille etwas zu erkennen. Und tatsächlich: Wenige Meter vor mir geht Seltsames vor sich. Ich stoppe und und halte die Hände über den Helm um mehr zu sehen. Der Anblick ist alles andere als erfreulich: Die Straße ist gerade dabei sich zu verabschieden. Die Wassermengen haben sie unterspült, und die Teerdecke ist quer zur Fahrbahn gerissen und sinkt in Zeitlupe den Berghang hinab, wie eine Eisscholle, die langsam einen Fluß entlangtreibt. Dort, wo sie früher mal war, steht nur noch eine schmale Abbruchkante von Teer, und zwischen der und der weggleitenden Scholle steht das Wasser. Ich überlege nicht lange. Die Kuhle mit dem Wasser ist nur zwei Meter breit und sieht nicht tief aus, aber wenn ich noch länger warte, dann bricht hier vielleicht alles weg. Ich gebe Gas und heize in die Wasserkuhle hinein. Es gibt einen ordentlichen Schlag, als das Motorrad hineinplatscht – die vermeintliche Pfütze ist doch tiefer als erwartet – aber der Schwung reicht aus und trägt die Maschine gleich auf der anderen Seite wieder hinaus. Mit klopfendem Herzen fahre ich weiter. Das bei der Nummer eventuell das Gewicht des Motorrads der auschlaggebende Faktor zum Abrutschen des ganzen Hangs hätte sein können, kommt mir jetzt erst in den Sinn.

Kurze Zeit darauf sagt die Stimme des Motorrads in meinem Helm, dass ich jetzt abbiegen soll. Ich muss das mal glauben, denn der Bildschirm des Navis glüht zwar in der Dunkelheit vor mir wie der Stern von Bethlehem, Details kann ich darauf aber nicht erkennen. Die Abzweigung von der Landstraße zu Piana delle Selve sollte hier sein… Ach doch, da… da ist etwas etwas heller als der Rest der Umgebung. Ein reißender Strom braunen Wassers sprudelt den Berg hinab. Die versteckte Einfahrt nach Piana delle Selve ist steil und ungeteert, sie besteht nur aus Sand und Schotter. Ich hatte im vergangenen Jahr schon gedacht: Gut, dass ich DAS DING nie fahren muss, wenn es vom Regen durchweicht ist. Pure Ironie, dass ich nun während des stärksten Unwetters, dass ich je erlebt habe, da hoch muss. Regen prasselt in betäubender Lautstärke auf meinen Helm, als ich das Motorrad quer zur Landstraße anhalte und die Maschine durch vor- und zurückschieben genau auf den braunen Wasserfall ausrichte, der jetzt der Weg ist.

„Wir sind bekannt, dafür, dass wir solche Scheiße überstehen“, raune ich dem Motorrad zu, dann gebe ich Gas. Die Maschine klettert die Steigung hinauf, und mit konstantem Gas bricht sie zwar ein ums andere Mal weg, fängt sich aber jedesmal wieder und marschiert weiter durch den Wasserfall, der so tief ist, dass ich in an den Stiefeln spüre.
Den Weg den Berg hinauf folgt der Weg den Weinberg hinab zum Agriturismo, und als ich die Renaissance unter dem großen Dach der Terrasse von Piana delle Selve parke, denke ich: Das ist nicht das erste Mal, dass dieses Haus der sichere Hafen nach einem üblem Abenteuer ist.

Ich hinterlasse eine nasse Spur im Haus. Der Anzug ist vollgesogen mit mehren Litern Wasser, die Stiefel sind voller Wasser, alles ist nass. Ich bekomme die Klamotten kaum vom Körper, und als die Kombi endlich in der Dusche hängt, kann ich dabei zugucken, wie ein konstanter Strom Wasser daraus herausläuft. Ich werfe mich in Jeans und Pulli und trockne mit einem der Mikrofaserhandtücher so gut es geht erst den Helm, dann gehe ich noch einmal hinunter zur Terasse, unter deren Dach die Renaissance in einer großen Pfütze steht. Ich trockne die Armaturen und die Navihalterung und alle anderen Stellen mit Elektronik . Eher ein symbolischer Akt, dalls tatsächlich irgendwo Wasser in die Systeme des Motorrads eingedrungen und etwas beschädigt haben, dann wird das durch mein Rumgefeudel auch nicht besser. Ich klopfe auf die Flanke der Maschine und bedanke mich bei ihr, dass sie mich nicht im Stich gelassen hat. Ich bin froh, diesen Mist überstanden zu haben. Der Sturm tobt ungebrochen weiter, es schüttet und blitzt und donnert und die Lampen des Agriturismo flackern.

Später am Abend sitze ich erschöpft in der Osteria. Joanna, das ebenso quirlige wie unverständliche Mädchen vom Vortag, fährt allerhand Leckereien auf. Es gibt Fettuccine mit Bolognesesauce, knusprige Hühnerhaut gefüllt mit Hühnerfrikassee und zum Nachtisch warmen Kuchen. Am Nebentisch spielen und zappeln mindesten drei Generationen Piana delle Selve. Zwischendruch schaut Claudio rein und verkündet stolz, dass er das gerade verzehrte Huhn nur für mich erlegt hat. Ja, klar.
Die Gemeinschaft von Piana delle Selve ist Familie. Sie wirkt nach außen manchmal unheimlich, weil jeder von ihnen ein knorriges Original ist und sich alle so abschotten. Ich fühle mich hier nicht immer wohl, aber es sind freundliche Menschen, und ihre Gastfreundschaft kennt keine Grenzen.

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Die ganze Reise:

 
6 Kommentare

Verfasst von - 31. Januar 2015 in Motorrad, Reisen, Wiesel

 

6 Antworten zu “Motorradreise 2014 (11): Die Unterwelt von Adriano dem Bäcker

  1. ckater

    31. Januar 2015 at 14:10

    Wow. Abrutschende Straßen? Das klingt einfach nur grässlich. Wie krass, dass es wieder in derselben Gegend ist, wie die letzte Geschichte dieser Art, die mich sprachlos zurück gelassen hat.

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  2. Silencer

    31. Januar 2015 at 14:31

    Ja, das war wieder „Das Beste und das Schlimmste“-Tag 🙂

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  3. Leandrah

    1. Februar 2015 at 15:27

    dieser Adriano hat aber nur ausgebuddelt und freigelegt, wenn ich das richtig verstanden habe. Er nutzt also die freigelegten Ablagen und Weinständer für seine Weinlagerungen?

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  4. Silencer

    1. Februar 2015 at 16:51

    Nein, nicht nur. Er hat auch mal hier was drangemauert und da was dranmodelliert, ganz so wie es ihm gefiel.

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  5. Leandrah

    2. Februar 2015 at 22:31

    also das Geschichtliche verfälscht?

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  6. Silencer

    2. Februar 2015 at 23:17

    Aber sowas von! 🙂

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