Gnadenloses Leben

Momentaufnahme: März 2020 (2)

Herr Silencer im März 2020

Krisenbedingt viel Medienkonsum, deshalb hier Teil 2 der monatlichen Rückschau.
Hier ist Teil 1.

Sehen:

Terminator: Dark Fate [Bluray]
30 Jahre Nach den Ereignissen von „Terminator 2“: Skynet wird es nie geben, aber dafür wird andere KI die Menschheit jagen. Nur: Dieses Mal haben die Menschen keinen John Connor als Erlöserfigur, denn der wurde tatsächlich noch in den 90ern von willkürlich im Zeitstrom abgesetzten Maschinenkillern terminiert. Diese versprengten Terminatoren jagt nun eine alte, verbitterte und vor Paranoia halb irre Sarah Connor, bis sie über ein ungleiches Gespann stolpert: Eine Mexikanerin, die von einer Soldatin aus der Zukunft begleitet wird, und die beide einen hartnäckigen Verfolger haben.

Noch so ein Terminator-Film, nach dem niemand gefragt hat. Die Grundprämisse von „Deadpool“-Regisseur Tim Miller klingt nicht uninteressant: Er ignoriert die letzten drei Filme („Rebellion der Maschinen“, „Salvation“ und den grottigen „GeniSys“) und setzt „T2“ von 1991 fort. Nur: Das passiert mit einer Ausnahme völlig mutlos.

Statt auf frische Ideen setzt Miller auf das „Force Awakens“ Prinzip und verfilmt hier praktisch Terminator 2 einfach noch einmal. Ein paar Figuren haben ein nun anderes Geschlecht oder eine andere Hautfarbe, aber die Storybeats sind die gleichen. Das ist OK umgesetzt und unterhält so mittel: Man kennt halt alles, das hat man alles schon gesehen. Ich würde mich ja mal über neue Geschichten im Franchise freuen. Sowas wie: Mensch aus der Gegenwart reist in die Zukunft um die Vergangenheit zu ändern, oder so. Aber nicht immer den gleichen Käse, auch wenn er kurzweilig und mit starken Frauen inszeniert ist.

On the Milky Road [2016, DVD]
Im jugoslawischen Bürgerkrieg bringt Milchmann Kosta jeden Tag Milch auf seinem Eselchen über die Frontlinie. Kosta ist ein Glückspilz: Nicht nur, das er nie von Kugeln getroffen wird, bald wird er auch die Dorfschönheit heiraten. Da tritt eine italienische Flüchtlingsfrau (Monica Bellucci) in sein Leben. Kosta verliebt sich in die geheimnisvolle Frau, aber die ist schon einem anderen versprochen und hat einen Ex-Mann, der Killerkommandos hinter ihr her hetzt.

Emil Kusturicas erster Film seit Ewigkeiten. Der Film ist dreigeteilt, aber kein klassischer Dreiakter. Teil 1 beginnt lustig und kauzig-skurril, wandelt sich aber im zweiten Teil zum surrealen Drama mit bizarr-grausamen Momenten. Spätestens wenn Schafe in einem Minenfeld im die Wette explodieren, weiß man nicht mehr, ob man darüber lachen kann. Teil drei ist dann die Rückschau eines alten Kosta, der zum Eremiten geworden ist.
Das ganze ist ein filmisches Erlebnis, Sinn ergibt es aber nicht unbedingt.

Wie sehr liebst Du mich? [2013, DVD]
Ein kleiner Büroangestellter hat 4 Millionen Euro in der Lotterie gewonnen. Damit geht er zu der schönen Prostituierten Daniela (Monica Bellucci) und bietet an, ihr jeden Monat 100.000 Euro zu zahlen, bis das Geld alle ist. Dafür soll sie so tun, als sei sie seine Frau. Der Deal steht, fällt aber nach kurzer Zeit schon wieder auseinander. Daniela fürchtet plötzlich, dass die Schatten ihrer Lebenswelt, in der sie sich wohl fühlt, den braven Typen in einen Abgrund ziehen. Dafür taucht plötzlich ihr Zuhälter und echter Ehemann (Gerard Depardieu) auf und will die 4 Millionen.

Fürchterlich verbimmelter Film, der zu keinem Zeitpunkt auf eine Erzählung fokussiert, sondern mal hierhin und mal dorthin kippt und ab der Hälfte einfach narrativ rückwärts auf den Boden fällt und den Rest der Laufzeit nur noch zuckt. Dramatische Probleme werden aufgemacht, um dann 5 Minuten später vergessen zu werden. Lediglich Monica Bellucci ist fantastisch, weil ihr Charakter im Film dem entspricht, was sie gut spielen kann: Eine Projektionsfläche für Begierden.

Don´t look back [BluRay]
Sophie Marceau lebt mit Mann und Kindern in Paris. In ihrem Alltag stellt sie merkwürdige Veränderungen fest. Erst sind es Kleinigkeiten: Ein Küchentisch, der nicht mehr an der richtigen Stelle steht, oder ein umgeräumter Kleiderschrank. Das steigert sich aber schnell. Plötzlich kommt nicht mehr ihr Ehemann nach Hause, sondern ein Fremder. Und auch die Kinder sind nicht mehr ihre eigen. Schließlich muss sie im Spiegel mit ansehen, wie sie selbst sich in eine andere Frau (Monica Bellucci) verwandelt. Verwirrt macht sie sich auf die Suche nach dem Grund dieser Geschehnisse und findet ihn in Süditalien.

Noch so ein verquaster Arthouse-Quatsch. Viel zu lang zieht sich die Geschichte im Mittelteil, um dann mit einer geradezu einfältigen Auflösung um die Ecke zu kommen, die zu dem Zeitpunkt aber schon niemanden mehr interessiert. Als Zuschauer hat man sich nach dem gemächlichen Einstieg schon das Bild gemacht, das die Protagonistin geistig Krank ist, da erwartet man dann auch keine Erklärung mehr für. Und die „Erklärung“, die dann kommt ist genauso hanebüchen wir naiv.

Meine Güte, Sophie Marceau UND Monica Bellucci, DIE europäischen Göttinnen, zusammen in einem Film, kann man das versauen? Man kann, „Don´t look back“ ist der Beweis. Hätte als Kurzfilm funktioniert, auf Spielfilmlänge ist es Folter.

Stan & Olli [Prime Video]
1937 lag die Welt dem Komikerduo Laurel und Hardy zu Füßen. Ein paar Jahre später tingeln sie auf einer Tour durch England und spielen in halbleeren Pubs. Während Laurel davon träumt, noch einen großen „Stan & Olli“-Film zu machen, hat Hardy Probleme mit Ehefrauen, Spielsucht und seiner Gesundheit.

Langsam und gemächlich trottet dieser Film daher. Beeindrucken tut weniger die kaum vorhandene Geschichte, als vielmehr die Maske und wie die beiden Hauptdarsteller Stan & Olli channeln. Die Charakterstudien sind interessant anzusehen und zeigen die Menschen hinter „Dick und Doof“, Spektakel oder Drama darf man aber nicht erwarten.

Bild: NDR

Tatort: Gewitter im Kopf (ARD)
Ein Typ dreht durch und nimmt Kommissarin Lindholm als Geisel. Nur das beherzte Eingreifen von Kollegin Schmitz rettet der Kommissarin das Leben. Aber warum ist der Ex-Soldat ausgerastet? Und ist es wirklich eine Folge der posttraumatischen Belastungsstörung, das Schmitz den von ihr Getöteten immer wieder vor sich sieht? Gemeinsam ermitteln die beiden Frauen. Die Spur führt an die Göttinger Uni.

Das ist der zweite Tatort, der in meinem Wohnort Göttingen spielt. Die Stadt kommt aber praktisch nicht vor, und das ist auch gut so. Denn mit diesem Schund möchte niemand assoziiert werden. Spätestens wenn ein UniProf eine querschnittsgelähmte Bundeswehrsoldatin im Rollstuhl in den Hörsaal rollt und ernst verkündet „ihr Hirnimplantat kommuniziert mit Sensoren unterhalb der Fraktur, mit Bluetooth UND Infrarot“ hegt man den Verdacht, dass das Drehbuch nicht zu den allerbesten gehört.

Diese Vermutung verfestigt sich dann schnell zu der Gewissheit: Dieser „Tatort“ möchte ein Tech-Thriller sein, aber das Drehbuch wurde von einem Autor verfasst, der bis an die Arbeitsverweigerung faul ist, der keinen Bock hatte sich mit der Materie zu beschäftigen, der auf dem technischen Wissensstand von ungefähr 1987 ist und Physik immer geschwänzt hat.

Ständig fallen Sätze wie „Das ist gerichteter Schall. Der ist quasi wie Licht“, es wird mit USB-Sticks und Disketten hantiert und die fiesen Bösewichte fummeln in dunklen Räumen im Licht von blauen Monitoren an Joysticks herum. Dieser Tatort will Cyberpunk sein, muffelt aber nach Faxgerät. Selbst die besten Schauspielerinnen können die Szenen nicht glaubhaft spielen, die so unwürdig albern sind wie die Dialoge zum Fremdschämen hanebüchen. Das auf jeder Drehbuchseite ganz unmotiviert mindestens ein englischer Satz fallen muss, vermutlich weil der Autor das für töfte, freche Sprache hält, hilft auch nicht wirklich. Ich habe keine Ahnung wie so ein Drehbuchautor mit dem Grimmepreis ausgezeichnet werden konnte.

Zum Fremdschämen schlecht geschrieben und hölzern umgesetzt – nein, mit diesem miesen Dreck will man als Stadt nicht in Verbindung gebracht werden. Immerhin: Göttingen hat die beiden tollsten Kommissarinnen im deutschen Fernsehen. Hoffentlich bekommen sie in ihrem, bereits abgedrehten, dritten Fall eine Chance auch zu zeigen, was sie können.


Spielen:

Judgment [PS4]
Immer noch „Judgment“ (s. vergangener Monat). Das Spiel verkackt leider sein Pacing nach hinten raus.

Ab Stunde 23 wird die Hauptstory öde, weil sie darauf besteht, satte VIER MAL alle Sachverhalte nochmal auszuwalzen, bis auch der Dümmste den Plot verstanden hat. Die Erklärbärnummer zieht das Spiel drei Stunden durch, bis es endlich in das zweistündige Finale startet – was auch kein Höhepunkt der Unterhaltung mehr ist, sondern unverhältnismäßig lang gestreckt wirkt und im Verhältnis zu allen sonstigen Abschnitten sehr schwer ist.

Dank des vergurkten letzten Viertels behält man das Spiel als schleppend und langweilig in Erinnerung. Das tut ihm als Gesamtkunstwerk ein wenig Unrecht, ist aber leider eine Tatsache.

Draugen [PS4]
Norwegen, 1923. Ein Ruderboot gleitet durch einen stillen Fjord. An Bord: Der Amerikaner Edward Harder und sein Mündel Alice. Die beiden sind auf der Suche nach Edwards Schwester, die zuletzt in den kleinen Ort Graavik wollte. Als Edward und Alice in dem winzigen Ort eintreffen, finden sie ihn verlassen vor. Was ist hier passiert? Gemeinsam sammeln sie Hinweise und puzzlen so Stück für Stück die Chronologie einer Tragödie und ihrer eigenen Geschichte zusammen.

Ich schätze den Autor Ragnar Thornquist sehr. Der Kopf hinter „The Longest Journey“ und „The Secret World“ hat tolle Ideen und schreibt wirklich gute Geschichten, die meist sehr behäbig und textlastig daherkommen. Eigentlich genau das richtige für das Genre der Walking-Simulatoren, wie Draugen einer ist. Es gibt kein echtes Gameplay oder Rätsel, man folgt einfach wie auf Schienen der Erzählung. Das Indie-Spiel verlässt sich dabei ganz auf die Dialoge zwischen den Hauptfiguren und die Geschichte.

Leider hat der narrative Aufbau schwere Fehler. Weder Edward, durch dessen Augen wir die Geschichte erleben, noch Alice lernen wir zu Beginn kennen. Das ist Teil des Konzepts von Draugen, führte aber dazu, dass mir der Charakter der Alice von Anfang an egal war und im Verlauf nur begann zu nerven. Wenn die wichtigste Figur der Erzählung zu einem nervigen Faktor wird, funktioniert sie schon nicht mehr. Das im Mittelteil das Pacing noch auseinanderfällt, hilft ebenfalls nicht. Nach einer behäbigen Einleitung werden hier absurde Dinge am Stück rausgehauen, in denen dann die eigentliche Geschichte des Geheimnis von Graavik untergeht. Das Ende des überraschend kurzen Spiels präsentiert sich dann auch noch äußerst schwach und bietet keine definitiven Antworten auf die Frage, was wirklich in Graavik passiert. Das darf man sich selbst zurechtlegen, aber darum geht es zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr.

Kein Meilenstein der Erzählkunst also, und wegen der überaus kurzen Spielzeit von 3 bis 4 Stunden die 20 Euro im Vollpreis nicht wert. Im Sale kann man aber einen Blick drauf werfen.


Machen:
Motorrad wieder einwintern. Ansonsten: Isolation dank Corona.


Neues Spielzeug:

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Momentaufnahme: März 2020 (1)

Herr Silencer im März 2020

Die Welt fährt runter.

Coronabedingt sehr viel Medienkonsum diesen Monat, deshalb erstmalig die „Momentaufnahme“ in zwei Teilen.

Wetter: Bis Mitte des Monats mild und recht viel Regen, dann kein Niederschlag mehr und sehr sonnig, dafür abwechselnd brüllend warm (tagsüber 18 Grad) und sehr kalt (Monatsende nachts -7).


Lesen:

Frank Panthöfer: Winterflucht – Eine Motorradreise durch Spanien, Portugal und Marokko. [Kindle]
Die Kradvagebunden sind wieder unterwegs. Nach Ende ihrer Weltreise, die sie in zwei Büchern aufgearbeitet haben, versuchen Frank „Panny“ Panthöfer und Simone „Simon“ Dörner für sechs Monate dem Deutschen Winter zu entkommen. Im November geht´s los, bis ins Atlasgebirge von Marokko.

Nach den beiden Vorgängerbüchern „Licht- und Schattenseiten einer Weltreise“ wollte ich nie wieder was von den Kradvagabunden lesen. Jetzt bin ich doch schwach geworden und wurde schnell daran erinnert, warum ich mich verweigern wollte.

Frank Panthöfer, der sich zwischenzeitlich vorgenommen hat seinen Lebensunterhalt als Reisejournalist verdienen zu wollen, schreibt ernsthaft seine Reiseberichte so, dass ich davon schlechte Laune bekomme – das muss man auch erstmal hinkriegen.

Sowohl sein Schreibstil als auch über was er schreibt gefällt mir überhaupt nicht. Als Leser sieht man die Welt immer durch das Hirn des Autors, und das macht den Charme von Reiseberichten aus – wie erlebt der Autor Situationen? Wie reagiert er auf das Fremde, wie wirkt das auf ihn?

Leider steht in Panthöfers Welt ausschließlich Panthöfer im Mittelpunkt, und zwar primär seine körperlichen Bedürfnisse. Häufig geht es um wenig mehr als „Wo gibt´s Alkohol?“, „Wie war das Scheißhaus?“ und „Wie schlimm sind mir andere Menschen aus den Sack gegangen“. Für die eigentliche Reisebeschreibung bleibt oft nur ein Hinweis auf´s Wetter und ein „Ist schön hier“ – was genau daran jetzt aber toll ist, das wird nicht beschrieben. Die eigentlichen Fahrten werden häufig zusammengefasst mit „wir fressen Kilometer“, um dann am Ziel festzustellen „Ist vom Feinsten hier“. Aha. Reiseorga, Landschaften, Kultur oder Begegnungen mit anderen Menschen kommen bei Panthöfer nur am Rande oder gar nicht vor.

Klar, kann man machen, liest sich dann raubatzig. Das mag eingangs erfrischend sein, ist schnell aber nur ermüdend. Richtig ärgerlich ist dann aber die engstirnige Haltung, die durch die Texte immer wieder auf das Unangenehmste durchschimmert. Der Autor kann im richtigen Leben so eigentlich nicht sein, aber seine Texte lassen ihn an vielen Stellen als verbitterten Blockwart scheinen, dem andere Menschen in der Hauptsache auf die Nerven gehen – ganz egal ob europäische Wohnmobilbesitzer, einheimische Händler oder ausländische Autofahrer, alle sind unfähig und nerven. Die Wohnmobilfahrer stehen auch alle viel zu spät auf, und das, wo man von ihnen doch heißes Wasser für den Kaffee schnorren will. Ja, um sowas drehen sich die Texte ernsthaft. Da auch jeglicher Humor völlig abwesend ist, wirkt das unangenehm verbittert.

Die letzten 10 Prozent des Buchs drehen sich nur noch darum, das Panthöfer ja von überall arbeiten kann, weil er ja Reisejournalist ist und für Motorradzeitschriften schreibt und Vorträge hält. Und das man sein Buch doch bitte bei ihm kaufen soll, und nicht bei Amazon. Weil er ja Reisejournalist ist, und Geld brauchen kann, weil er ja alles selber machen muss. Das erklärt vielleicht auch die schlechte Formatierung des eBooks, dessen Fotos nicht skalieren und die Überschriften mit merkwürdigem Kontrast hinterlegt sind.

Die Kradvagabunden werden allerorten für ihre Werke bejubelt und hoch gelobt, ich bin von Panthöfer angenervt. Schreibstil, Themenauswahl, die völlig Abwesenheit von Humor und Emotionen (mit Ausnahme von Verbitterung und Ärger über andere), wenig relevante Informationen für eigene Reisen außer bereits veralteten Preisangaben – nein, ich wüsste nicht, warum jemand dieses Buch lesen sollte.

Wer gute Texte sucht, die einen auf Reisen mitnehmen, bei denen man vielleicht noch was lernt, aus denen man etwas über Menschen und Länder erfährt und bei dem der Autor sich auch mal doof anstellt oder Hindernisse überwinden muss, der liest sowas wie Lea Riecks „Sag dem Abenteuer, ich komme“. Oder verfolgt Nicki und Moe auf Moppedhiker. Oder dieses Blog hier. Immerhin schreibe ich genau so, wie ich mir Texte vorstelle, die ich gerne lesen würde. Klingt überheblich, ist aber so.


Hören:


Sehen:

Die Känguru Chroniken [Kino]
Marc-Uwe lebt mit einem Känguru zusammen. Das behauptet Kommunist zu sein, verhaut gerne Nazis und tritt nervige Hunde durch den Park. Gemeinsam verteidigen sie ihren Berliner Kietz gegen die Pläne eines Baumoguls, der nebenbei der Führer der rechtsextremen AZD ist.

Ich kann sagen: Ich habe den Film im Kino gesehen! Das haben nicht viele geschafft, oder, wie Autor Marc-UweKling es ausdrückt: „Das war der schlechteste Zeitpunkt für einen Filmstart seit dem zweiten Weltkrieg“. Auf Youtube spielt er deshalb den Film in einer angepassten „Coronoa-Version“ nach:

Ich liebe die mittlerweile vier Bücher um das Känguru, insbesondere die von Marc-Uwe Kling selbst gesprochenen Hörbücher. Die beinhalten Kurzgeschichten, die oft auf eine sehr clevere und sozialkritische Pointe hinauslaufen. Die Kunstform des Kängurus ist das Episodische. Kann das nun in einen Film übertragen werden?

In Erwartung von cringiger Fremdscham ging ich ins Kino, und wurde halb-positiv überrascht. Positiv, weil Kling und Regisseur Levi es geschafft haben, Elemente aus den Büchern in eine halbwegs kohärente Story zu packen, das computergenerierte Känguru OK umgesetzt ist und eine Metaebene eingezogen wurde, die, ähnlich den Fußnoten in den Büchern, öfter mal die vierte Wand durchlässig macht und stellenweise sehr spassig ist – etwa, wenn Känguru und Marc-Uwe sich im Off streiten und der Hauptdarsteller einfach mal den Audiokommentar abstellt. Oder wenn zur Vermeidung von Markenproblemen auf Gegenständen wie einer Milchtüte einfach „Filmmilch“ steht.

Nur so halb positiv war das Erleben, weil das Ganze dann doch extrem holpert und der Film sich auf zwei Elemente stützt, die im Buch kurz vorkommen, hier aber zum tragenden und durchgehenden Storybogen ausgebaut werden. Das funktioniert nur so mittel, zu überdreht und albern gibt Henry Hübchen dafür den rechtspopulistischen Baumogul Jörg Dwix und zu harmlos kommt das Ganze daher. Das Känguru in dieser Fassung ist genau das, was es in den Büchern immer befürchtet hat: Kein kommunistisches Känguru, sondern eher ein gemäßigt sozialdemokratisches Beuteltier. Immerhin schön: die vielen FCK A*D-Aufkleber im Film. Die werden unsere Faschos im Lande ärgern. Aber die sind eh nicht die Zielgruppe.

Parasite [Prime Video]
Südkorea. Ein junger Mann lebt mit Freundin und Familie in einem schäbigen Kellerloch. Die Sippe hängt vor ihren Handys, gammelt durch den Tag und hält sich durch das Falten von Pizzakartons über Wasser. Durch Zufall gelangt der junge Mann an eine Stelle als Englischlehrer im Haus eines reichen Geschäftsmannes. Die Chance nutzt er, um Stück für Stück seine Flodder-Familie in Positionen im Haushalt der Reichen unterzubringen.

Der Film kokettiert mit überraschenden Wendungen, die tonale Schwankungen mit sich bringen. Eben ist der Film noch Sozialdrama am Rand der Komödie, zwei Szenen weiter kommen Horrorelemente. Richtig sympathisch ist keine der Figuren, weder die satten Reichen noch die erfinderischen Habenichtse. Die dadurch entstehende, emotionale Distanz zum Zuschauer ist etwas Gutes – nur so kann der Film seine Wirkung entfalten, die als soziales Experiment zu beginnen scheint, ab der Mitte des Filmes aber in ungeahnte Richtungen abbiegt. Das Fehlen jeglichen moralischen Überbaus oder Zeigefingers macht den Film mindestens so erfrischend wie der Genremix. In meinen Augen keine vier Oscars wert, unterhaltsam aber alle mal.

Die Fahrt von London nach Peking [Prime Video]
Eine Gruppe Motorradfahrer bucht eine geführte Tour und fährt von London nach Peking. In 5 Episoden wird ihre Geschichte im Stil von „A long Way Round“ erzählt, nur scheißiger.

Ich finde diese Miniserie tief verstörend. Normalerweise finde ich es toll, Motorradreisenden auf Weltreise zuzusehen, aber dieses Ding hier verursacht körperliche Schmerzen. Das beginnt schon bei der Idee hinter der Reise: Da buchen Typen aus der ganzen Welt bei einem britischen Unternehmer eine geführte Fahrt und gehen dann tatsächlich mit der Grundhaltung „Ich habe hier bezahlt, ich will unterhalten werden“ da ran.

Die Teilnehmenden sind entweder wirklich alte Männer in ihren Sechzigern oder junge Arschgeigen, die sich benehmen wie die Axt im Walde. Die permanente „Paaart-teeeey!!!!“-Attitüde der Twentysomethings und des Organisators nervt ab Minute 1 und wächst sich schnell zu Fremdscham aus.

Klar zeigt ein Reisefilm immer nur Momentaufnahmen und arbeitet mit Vereinfachungen, aber die hier als unausstehliche Flötenköppe gezeigten Personen sind tatsächlich widerliche Flitzpiepen. Respektlos gegenüber anderen Menschen und Kulturen verarschen die Hohlbirnen Einheimische in der Mongolei, bringen Menschen in Usbekistan in Gefahr und belästigen Frauen in Tibet.

Dazu kommt: Bis auf den Fahrer des Versorgungsfahrzeugs und den Organisator selbst scheint keiner der Teilnehmenden auf die Herausforderungen vorbereitet zu sein, länger als 5 Minuten im Voraus zu planen oder auch nur Grundzüge von Kompetenz zu besitzen. Da wird absichtlich durch schlimmste Stromschnellen oder als unpassierbar gemeldete Pässe gefahren, versucht Bargeld zu schmuggeln oder Medikamente gegen Höhenkrankheit werden nicht genommen, um sich dann über Ausfälle an Maschinen und Menschen zu beklagen. Permanent bringen die inkompetenten Kretins sich und andere in Gefahr. Das ist so verantwortungslos und dumm, das es ganz, ganz schlimm ist. So sollte eine Weltreise nicht aussehen.

Archiv Momentaufnahmen ab 2008

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Corona (3): Die Stunde der Prepper

Weltweit: 254.996 Infektionen, 10.444 Todesfälle
Deutschland: 18.361 Infektionen (+5.258), 52 (+10) Todesfälle

Schon am vergangenen Wochenende kamen mir gleich mehre große Geländewagen auf der Bundesstraße entgegen. Also, keine SUVs von der Marke „Stadtpanzer“, die nicht mal über einen Bordstein fahren können, sondern ECHTE Geländewagen.

Jeeps, ein alter Bundeswehr „Wolf“ und einen Unimog in Tarnfarben habe ich bei einem kurzen Ausflug gesehen. Sind das Fahrzeuge von „Preppern“, also von Leuten, die sich schon zu normalen Zeiten auf die Zombieapokalypse vorbereitet haben? Die Bunker bauen, Lebensmittel horten, Überlebenstechniken üben und eben auch Geländefahrzeuge vorhalten? Leute, die so veranlagt sind, müssen sich doch jetzt echt bestätigt und ihre große Stunde kommen sehen.

Andere werden jetzt noch schnell zu Preppern. Wie der Nachbar, bei dem gestern mehrere große Erdtanks für Wasser geliefert wurden. Der legt sich jetzt im Garten eine Zisterne an. Sicherlich generell keine schlechte Idee, Wasser zu sparen und Regenwasser zu sammeln. Zum Blumen gießen kann man das immer brauchen.

Bayern hat jetzt als erstes Land Ausgangsperren verhängt.
Geht nicht anders. Freiwillige Selbstbeschränkung passt wohl nicht zu der hedonistischen Lebenskultur in München und Umgebung.

Auch die Arbeitskultur ist da stellenweise hinterher. Während in unserem kleinen Betrieb immer schon darauf geachtet wurde, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter die Arbeitsmittel bekommt, die sie oder er möchte und die den eigenen Vorlieben entsprechen und alle mobil arbeiten können, ist das in den Konzernen um München noch nicht angekommen. Das erzählte mir gestern eine Münchnerin, die bei einem großen Unternehmen arbeitet. Das verkauft es seinen Mitarbeitenden immer noch als Incentive und große Ehre, wenn sie ein Firmenhandy bekommen, oder ein Notebook, oder mal Homeoffice machen durften. Eine Ehre, stets erreichbar zu sein? Homeoffice als Belohnung?
Das ist die Old Economy. Die lernt gerade mit Gewalt um.

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Corona: Die Welt fährt runter


„Irgendwie ist die Welt kaputt.“
„Hört sich nach einem Virus an. Haben sie schon versucht sie runter- und wieder hoch zu fahren?“

Einfach nur aus Chronistenpflicht erfolgt dieser Tagebucheintrag.

Mitte Januar kamen die ersten Meldungen, dass sich ein neuer Virus in China verbreite. Aber ach, das war weit weg und die letzten Vorfälle in der Art, wie SARS (2003) oder H1N1 (2011) hatten auch keine gravierenden Auswirkungen.

Auch Anfang März, als China bereits zu martialisch anmutenden Maßnahmen gegriffen und ganze Städte abgeriegelt hatte und auch in Italien die Fallzahlen stiegen, machte ich mir noch keine großen Sorgen. Alle anderen auch nicht. „Ist wie eine Grippe, was soll daran schlimm sein?“, hörte ich allerorten.

Das änderte sich erst vor genau einer Woche, am 09. März. Da wurden schlagartig alle Konferenzen, auf die ich eigentlich hätte reisen wollen, abgesagt. Nach kurzem überlegen sagte ich dann auch eine Tagung ab, die ich selbst organisiert hatte und die eigentlich in dieser Woche stattfinden sollte.

War die richtige Entscheidung, denn nun überschlugen sich innerhalb weniger Tage die Ereignisse in die Deutschland. Von einem „Veranstaltung mit über 1.000 Teilnehmern sollten besser mal nicht stattfinden“ ging es über „Versuchen sie Reisen einzuschränken“ hin zu geschlossenen Schulen und Hochschulen für mindestens 5 Wochen, geschlossenen Grenzen sowie Empfehlungen, am Besten ganz zu Hause zu bleiben.

Corona und die durch den Virus ausgelöste Lungenkrankheit COVID19 sind nun eine weltweite Pandemie. Der Ausbruch ist nicht mehr zu stoppen, er ist bereits erfolgt. Am Ende werden geschätzt 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung daran erkranken, das ist nicht mehr zu ändern. Die allermeisten werden die Krankheit gut überstehen, aber besonders ältere Menschen laufen Gefahr ernsthaft krank zu werden und auf die Intensivstation zu müssen.

Das Corona-Info-Dashboard des John Hopkins Hospital, Stand 16.03.: In Deutschland 7.200 registrierte Infektionen, 14 Tote. In Italien 28.000 Infizierte, 2.200 Tote.

Flatten the Curve

Was man nun versucht: Die Zahl der Neuinfektionen über einen möglichst langen Zeitraum zu strecken, in dem das öffentliche Leben so weit wie möglich runtergefahren wird. Schulen, Kitas, Restaurants und Geschäfte schließen. Die Leute sollen, falls möglich, keine persönlichen, sozialen Kontakte pflegen und zu Hause bleiben. „Social Distancing“ heißt das auf Englisch. Die Fallzahlen werden dann am Ende die gleichen sein, aber eben nicht alle auf einmal.

Damit, so die Hoffnung, wird das Gesundheitssystem nicht schlagartig überlastet. Genau das ist in Italien passiert. Ca. 5 Prozent der COVID-Kranken brauchen künstliche Beatmung, und es gibt nicht genug Betten auf den Intensivstationen. Die Ärzte in Norditalien müssen nun selektieren, wem Geholfen wird und wem nicht. Aktuell (16.03.20) liegt dort Mortalitätsrate bei unglaublichen 8 Prozent der registrierten Fälle.

„Flatten the Curve“, heißt der Hashtag auf Twitter, unter dem dazu aufgerufen wird zu Hause zu bleiben. Er gilt weltweit, nur in Großbritannien nicht. Boris Johnson und seine konservativ-liberale Elitenregierung haben verkündet, Social Distancing sei Quatsch, und man „setze auf Herdenimmunität“. Was er nicht sagt: Für eine Herdenimmunität muss sich erst einmal die Herde zur Gänze infiziert haben. Zusammen mit dem Abbau des Gesundheitssystems, den seine Partei seit Jahren vorantreibt, nimmt Johnson damit eine hohe Todesrate in Kauf. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Bevölkerung von UK damit die Kontrollgruppe. „Wie tödlich ist der Virus, wenn man gar keine Maßnahmen ergreift“?

Beobachtungen

Ich hatte nicht für möglich gehalten, was ich hier jetzt gerade erlebe. Die Wirtschaft kommt zu einem abrupten Halt. Straßen sind nicht leer, aber es ist signifikant weniger los als sonst. Am Wochenende waren tatsächlich nur noch Boomer in Gruppen unterwegs. Die Generation der satten SUV-Hedonisten wollte sich den Spaß wohl nicht verderben lassen, bei der Fahrt über die Dörfer sah ich grauhhaarige Fahrrad- und Wandergruppen, und vor einem geschlossenen Ausflugslokal standen die Damen und Herren und schüttelten die Fäuste. Mein eigener Vater, fast 80 und mit jeder Menge Vorerkrankungen belastet, lachte mich aus, als ich den Vorschlag machte, dass er im Haus bleibt und ich für ihn Besorgungen erledige. Stattdessen wollte er auf eine Geburtstagsparty mit anderen Oktogenarians. Nunja.

Noch gibt es keine Ausgangsperre und die Versorgung sei gesichert, wird allorten kommuniziert. Trotzdem sind manche Regale in Supermärkten leergekauft, weil die Leute Milch, Mehl, Obst, Gemüse, Nudeln und Toilettenpapier hamstern. Warum Toilettenpapier? Ich versteh´s nicht.

Ich Ich Ich

Mir geht es gut. Ich huste zwar, aber das sind die Nachwirkungen eines grippalen Infekts. Die Isolation macht mir überhaupt nichts aus. Ich bin gerne allein, wenn es sein muss auch über Wochen.

Aussichten

Man weiß nicht, wie es weitergehen wird. Diese Pandemie und die Maßnahmen werden uns noch Wochen, vielleicht Monate, vielleicht das ganze Jahr begleiten. Es wird nicht schön werden, darum ist es um so wichtiger, dass sich alle anständig verhalten. Keine Panik, sondern Disziplin. Kein „ICH ZUERST“, sondern Rücksicht nehmen. Man bleibt nicht wegen sich selbst zu Hause, sondern auch für andere.

Ich hoffe natürlich, dass dieser Zustand nicht lange anhält. Denn die Schicht der Zivilisation ist dünn, und wer weiß, wann die ersten einen Lagerkoller kriegen.

Kategorien: Corona-Tagebuch, Gnadenloses Leben | 12 Kommentare

Momentaufnahme: Februar 2020

Herr Silencer im Februar 2020

Schnief Röchel Krank

Wetter: Bedeckt, grau, Regen, aber auch durchgehend sehr warm bei 6 bis 18 Grad. Ein Winter ohne Schnee, sieht man mal von drei Flöckchen ab.


Lesen:

Shaun Tan: The Arrival
Auf die Häuser der Stadt fallen die Schatten von Monstern. Der Mann nimmt schweren Herzens Abschied von der Frau und dem Kind und reist auf einem Migrantenschiff in ein neues Land. Hier ist nichts so, wie er es kennt – statt Brot essen die Leute seltsam geformtes Gemüse, vierbeinige Maushunde werden in Blumentöpfen gehalten, und in Fabriken werden Seile um Katzenstatuen geknotet. Alles ist seltsam und beängstigend, und da der Mann die Sprache nicht beherrscht, kann er nur raten, was das alles bedeutet und imitieren, was er sieht. Im Laufe der Zeit findet er andere Ausgewanderte, die ihm ihre Geschichten von Krieg und Leid berichten.

Wenn man die Kurzzusammenfassung so liest, scheint die Geschichte sehr klar zu sein. Nur: Beim Lesen des Buches ist sie das nicht, denn die Geschichte wird ohne einen Buchstaben Text erzählt. Nur mit Bildern begleitet man den Mann auf seiner Reise in eine seltsame Bizarrowelt, die einem selbst genauso fremd ist wie dem Mann und die erst einmal überhaupt keinen Sinn ergibt.

Wenn man ohne Vorwissen an das Buch geht, begreift man erst im Laufe der Zeit: Was hier erzählt wird und was man gemeinsam mit dem Mann durchlebt, ist die universelle Geschichte aller Migrantinnen und Migranten. Die Heimat, die nicht mehr sicher ist. Das Zurücklassen geliebter Menschen. Der Versuch der Orientierung in einer Welt, in der alles fremd ist. Diese Geschichte erzählt „The Arrival“ in bizarr-abstrakten und trotzdem einfühlsamen Bildern, bei denen man manchmal schon zweimal überlegen muss, was einem der Autor jetzt wohl sagen wollte.

Wichtig an der Geschichte ist gar nicht das Happy End, sondern die Reise, die man als Leser mitmacht. Die führt einem im wahrsten Wortsinne vor Augen, wie es ist in eine Welt geworfen zu werden, die man mit seinem erlernten Wissen nicht dekodieren kann. Das ist oft frustrierend, manchmal lustig, vor allem aber nie langweilig. Ein lehrreiches und kluges Buch.


Hören:


Sehen:

Bin krank gewesen, deshalb Zeit gehabt viel zu gucken – u.a. 150 Folgen einer alten Serie:

Malcolm mittendrin [Amazon Prime]
Malcolm ist hochbegabt, was ihn in seiner Familie zum Außenseiter macht. Seine drei Brüder sind entweder Faulpelze, Schläger oder schräg drauf, Mama Louis ist eine dauerwütende Furie, die irgendwie versucht die Familie über Wasser zu halten und Vater Hal ist ein Tagträumer. Malcolm ist ein Teil dieser Familie, sehnt sicher aber nach was besserem. Als ihm das in Form einer Begabtenförderung ermöglicht wird, fühlt er sich dort aber auch fehl am Platz. Malcolm herausstechendster Charakterzug: Er kann mit allem und immer unzufrieden sein.

Als ich im Jahr 2000 das erste Mal eine Episode von „Malcolm“ sah, war ich sofort fasziniert. Die Serie ist schnell geschnitten, wie ein Spielfilm gefilmt und überaus clever geschrieben. Das besondere: Sie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Geht es in der ersten Staffel hauptsächlich um Malcolm, rückt der Fokus schnell von ihm. Im Laufe von 7 Staffeln und 151 Episoden geht es immer wieder um den Freundeskreis, Nachbarn, die Großeltern oder die Kollegen von Mutter Louis. Im Mittelpunkt steht immer Malcolms Nachnamenlose Familie, und von der lebt die Serie. Obwohl überzogen, sind die Figuren echte Charaktere mit tiefen Überzeugungen, für die der Zusammenhalt nie in Frage gestellt wird. Die Art und Weise der Umsetzung sucht man bei TV-Serien sonst vergeblich, und zudem gehen die Drehbücher geradezu liebevoll mit ihren Figuren um. So wird im Verlauf der Serie auch klar, dass Malcolm eben nicht das einzige Genie der Familie ist, oder das Hal seiner Louis bedingungslos verfallen ist, was sich in tapsiger Hilflosigkeit manifestiert.

Dazu kommen exzellente Schauspieler. Gerade Bryan Cranston fällt hier auf, und wenn man weiß, dass er einige Zeit später den vielschichtigen und skrupelosen „Heisenberg“ in Breaking Bad spielen wird, kann man seinen trotteligen Familienvater noch mehr genießen.

Tolle Serie, die wirklich permanent und bis zum Ende interessant und lustig ist.

Solino (2002) [DVD]
1964: Die junge Familie Amato zieht vom bitterarmen Apulien ins Ruhrgebiet und versucht sich dort eine Existenz aufzubauen. Für den Vater ist bald klar: Unter Tage im Dreck schuften, das ist nichts für ihn. Aber seine Ehefrau ist eine gute Köchin und das Ruhrgebiet ist voller italienischer Gastarbeiter, die keine Frauen haben, die sie „richtig“ bekochen. So eröffnet die Familie ein Restaurant, das sie nach ihrem Heimatort „Solino“ benennen. Die Jahre vergehen, die beiden Söhne der Familie werden erwachsen. Während der eine nur Knepe im Kopf hat, will der andere Filmemacher werden. Aber es kommt andersrum.

Er sehe seine Filme und sich selbst „zwischen Arthaus und Mainstream“, sagte Fatih Akin einmal in einem Interview. Das klingt sehr nett, bedeutet aber im Kern „Kann nichts richtig und gibt sich dabei auch noch nicht mal Mühe“.

Im Fall von „Solino“ weiß ich gar nicht, wo ich mit der Kritik anfangen soll. Die Prämisse des Films ist hochinteressant – italienische Gastarbeiter in Deutschland. Was hätte man daraus machen können! Man hätte die Integrationsprobleme beleuchten können! Oder ergründen, was es mit Leuten macht, die aus ihrer Heimat weg müssen. Oder sich ansehen wie die Kinder damit umgehen, das sie besser integriert sind als die Eltern.

All das macht „Solino“ nicht, und ich habe keine Ahnung, was der Film eigentlich stattdessen will. Er interessiert sich nicht ernsthaft für die Migrationsgeschichte der Familie. Er legt aber auch keinen Wert auf seine Charaktere, von denen zumindest die Söhne fehlbesetzt sind – Moritz Bleibtreu spielt hier allen Ernstes mit 31 einen Anfang Zwanzigjährigen, und Barnaby Metschurat guckt die ganze Zeit über, als ob er selbst nicht weiß, was er in dem Film eigentlich soll. Dabei haben die Figuren keinerlei Tiefe, sondern behaupten stets nur Dinge oder handeln so stereotyp, das sie zum Klischee verkommen.

Die Geschichte ist nicht besser. Episodenhafte Szenen mäandern irgendwie hintereinander her, ohne Bezug, ohne erkennbare Entwicklung, ohne erzählerisches Gehalt. Eine Handlung gibt es kaum, der lose rote Faden kann einzelne Szenen selten zu etwas Sinnvollem verbinden. Gut sind einzig Ausstattung und Sets, die Zeitperioden 1964-1974-1984 sind gut dargestellt.

Ich glaube, das hier mal wieder eine gute Idee Filmförderung abgegriffen hat. Dann hat der Regisseur seine Lieblingsbuddies zusammengeholt, coole Sets bauen lassen und dann wurde mehr oder weniger irgendwas hinimprovisiert. Mit einem ausgefeilten und fokussierten Drehbuch hätte „Solino“ ein sehr cooler Film werden können. So ist er irgendwas zwischen den Stühlen – zu banal für Arthouse, zu langweilig für Mainstream.

Mr. & Mrs. Smith (2005) [Bluray]
Angelina Jolie und Brad Pitt leben den amerikanischen Vorort-Traum. Er ist Architekt, sie Rechtsanwältin, zusammen lebt das junge Paar in einem Haus, das direkt aus einem Werbekatalog gefallen sein könnte. Das perfekte Leben langweilt die beiden in die Paartherapie hinein. Bis sie herausfinden, dass der jeweils andere für einen Geheimdienst arbeitet. Jetzt versuchen die beiden sich umzubringen.

Dieser Film ist dumm. Kann man nicht anders sagen. Drehbuch: Dumm. Kamera: Dumm. Musik: Dumm. Aber Dumm knallt gut, und davon lebt „Mr & Mrs Smith“: Er vereint mit den beiden Hauptdarstellern die schönsten Menschen ihrer Zeit auf dem Zenit ihrer Laufbahnen und setzt sie wunderschön in Szene – um dann mit Genuß alles zu zerlegen. Einfamilienhäuser werden hier genauso in die Luft gejagt wie Shoppingmalls oder Geländewagen. Der Film lebt von einem „Brangelina“-Fetisch und der puren Lust an der Destruktion uramerikanicher Geborgenheitssymbole.

Knight & Day (2010) [Bluray]
Cameron Diaz besteigt ein Flugzeug. Sie geht kurz auf´s Klo, und als sie zurückkommt, sind alle an Bord bis auf Tom Cruise tot und das Flugzeug stürzt ab. Diaz überlebt, wird aber daraufhin von Tom Cruise gestalkt und Geheimdiensten verfolgt.

Seltsamer, kleiner Sommerblockbuster, der schon dadurch nervt, das Tom Cruise hier spielt, als hätte er wieder seine Glücklichpillen eingeworfen und wäre gerade fünf Minuten auf der Couch herumgehopst. So grimassiert er sich durch unglaubwürdige Actionszenen, während Cameron Diaz meist nur entgeistert guckt.
Interessant: Ich habe den Film jetzt schon zum dritten Mal gesehen und kann mir immer nicht behalten, um was es eigentlich geht. Spricht nicht für die Story.


Spielen:

Judgment [PS4]
Vor drei Jahren war Takayuki „Tak“ Yagami der gefeierte Shootingstar unter den Rechtsanwälten von Tokyo. Dann erwirkte er einen Freispruch für einen Mann, der unmittelbar nach seiner Entlassung seine Freundin ermordetet. Yagami gab sich daran die Schuld und legte seine Rechtsanwaltslizenz nieder.

Jetzt ist er ein Privatermittler, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Bei einem davon bewahrt er einen Yakuza-Captain vor einer Mordanklage, doch der eröffnet zum Dank die Jagd auf Yagami. Der Detektiv ermittelt auf eigene Faust weiter, aber noch bevor er einer riesigen Verschwörung rund um Alzheimermedikamente, Korruption und Bauspekulation auf die Spur kommen kann, gerät er selbst unter Mordverdacht. Nun sind sowohl Yakuza als auch Staatsanwaltschaft hinter ihm her.

Wieder in den Straßen von Tokios Rotlichtviertel Kamurocho, aber dieses Mal nicht als Ex-Yakuza Kiryu Kazuma. „Judgment“ ist ein Spin-Off der mittlerweile acht Spiele umfassenden „Yakuza“-Serie und teilt sich nur grundlegende Mechaniken und den Schauplatz mit der Hauptreihe. Der junge und agile Takayuki Yagami ist wirklich ein ganz anderer Charakter als der stoische Ex-Yakuza, der sich bewegt und verhält wie ein Panzer.

Zwar ist Yagamis Vorgschichte der von Billy Bob Thorntons Rechtsanwalt in der Serie „Goliath“ verdächtig ähnlich, aber es macht Spaß, den energiegeladenen, beinharten und überaus cleveren Jungspund zu spielen.

Das Stadtviertel ist natürlich wieder komplett Assetrecycling aus den neueren Yakuza-Teilen, aber das ist nicht schlimm. Ich mag die kleine Open-World von Kamurocho, das nur aus wenigen, aber lebendigen und detaillierten Straßenzügen besteht, lieber als die gigantischen Welten eines „Odyssey“, in denen nichts passiert. Schön auch, das neue Gameplayelemente eingeführt werden, die bei „Yakuza“ fehl am Platze wären, wie ein spielinternes Twitter, eine Überwachungsdrohne oder spannende Schleich- und Renneinlagen. Die Geschichte selbst ist interessant und voller Wendungen, wie ein guter, 25 Stunden langer Krimi. Sie zieht sich aber im Mittelteil teils sehr in die Länge. Hier fällt einfach zu viel „Legwork“ an, ständig rennt man von A nach B. Trotzdem lege ich mich mal fest: „Judgment“ ist atmosphärisch einer der dichtesten Teile des Yakuza-Universums, und das hängt maßgeblich an der ernsten Story und den gut ausgearbeiteten Charakteren.


Machen:
Die Sommerreise mit dem Motorrad planen.


Neues Spielzeug:

Eine Tasche für die Rückbank der V-Strom, ein Basepack XS der Schweizer Firma Enduristan. Nachdem ich im vergangenen Monat schon dachte, ich hätte genau die perfekte Tasche für meine Regenkombi gefunden, da machte mich Olpo mich hierauf aufmerksam.

Das Basepack ist mit 6,5 Litern Volumen sehr handlich. Es ist zwar nicht so flexibel wie die Ortlieb-Rolle, schließt auch nicht luftdicht und lässt sich nicht vakuumieren, hat dafür hat es eine bessere Befestigung und ist um Welten wertiger gearbeitet. Das rechtfertigt auch den ordentlichen Preis von fast 50 Euro. Zukünftig werden Pac-Netz, Luftpumpe und Regenkombi also darin auf dem Soziasitz mitreisen.

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Einen Monat ohne (13): Wieder da

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit gehabt, das auszuprobieren.

Bis Sonntag lief mein Fahrverbot, am vergangenen Freitag kam schon ein Einschreiben aus Gütersloh mit meinem Führerschein drin sowie den mahnenden Worten, ich solle mir bewusst sein, dass ich erst nach Sonntag, 24:00 Uhr wieder fahren dürfe, weil sonst: Straftat.

Seit Montag bin ich also wieder motorisiert. Und, wie war der autofreie Monat nun?
Interessant war er, und erstaunlich unkompliziert.
Am Herausforderndsten war noch der erste Tag, weil ich quer durch die Stadt zu einem Ladengeschäft und dann rechtzeitig morgens bei der Arbeit sein musste. War machbar, aber stressig. Zum Glück ging es so nicht weiter.

Der Rest des Monats war nahezu völlig unkompliziert und die Gewöhnung recht schnell, nachdem ich erstmal meinen ganzen Tagesablauf umgestellt hatte.

Das alles recht unkompliziert war lag zum einen daran, dass der ÖPNV zwischen Stadt und Dorf im Falle von Mumpfelhausen doch besser ist als ursprünglich befürchtet, zum anderen natürlich an der Vorbereitung. Ich hatte für den Monat keine Dienstreisen angenommen, und auch schwere oder große Dinge wollten nicht eingekauft oder von A nach B bewegt werden. Einzig die Geburtstagsbesuche bei der Familie waren nicht drin, die wohnen auch auf Dörfern, und das wären Tagesreisen gewesen.

Ansonsten hat mir der Monat sogar gut getan. Ich hatte mehr Bewegung, bin früher ins Bett gegangen, habe mehr geschlafen, hatte interessante Erlebnisse und habe tatsächlich so gut wie immer pünktlich nach acht Stunden Feierabend gemacht.

Mein Leben hat sich entschleunigt, und das war gut. Ohne die Möglichkeit ständig überall hin zu können und vielleicht auch zu müssen, habe ich mir mehr Zeit genommen. Für mich selbst, aber auch um einfach mal lange liegen gebliebene Dinge zu tun. Und günstig war der Monat auch noch – 53 Euro für die Busfahrtkarte ist nur die Hälfte von dem, was ich normalerweise allein an Benzin ausgebe.

Was bleibt? Das Wissen, dass es auch ohne Auto geht. Ideal wäre es, gäbe es jetzt im Dorf noch eine Car Sharing-Station. Für den Alltag der Bus, zum Einkaufen und bei Bedarf ein günstiges Leihauto. Das wäre perfekt, dann würde ich tatsächlich auf ein eigenes Auto verzichten wollen.

Außerdem habe ich ernsthaft überlegt, in Zukunft öfter mal den Bus zu nehmen. Das wird vermutlich aber letztlich doch wieder an Bequemlichkeit und Kosten scheitern. Denn wo die Monatskarte mit umgerechnet rund 1,20 Euro pro Fahrt sehr günstig war, kostet das normale Fahrticket dann doch gleich mal 2,20 Euro, und da überlege ich dann doch zweimal ob ich das wirklich will. Milchmädchenrechnung, ich weiß, das Auto ist da nicht günstiger. Es fühlt sich nur anders an.

In der Summe: Die autofreie Zeit hat viel mehr verändert als ich dachte, und sie war gut für mich. Erstaunlich, was aus so einem Geschwindigkeitsverstoß für Erkentnnisse erwachsen können, oder?

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Momentaufnahme: Januar 2020

Herr Silencer im Januar 2020

Wetter: Viel zu warm (wärmster Januar seit Beginn der Aufzeichnungen). Anfang des Monats 4 bis 10 Grad und regnerisch, in der zweiten Monatshälfte einige Tage mit bei -3 bis -5 Grad nachts moderat kalt, den Rest des Monats mit 6 bis 10 Grad wieder fast frühlingshaft. Kein Schnee.


Lesen:

Battle Angel Alita, Vol. 3, 4 & 5
Während Alitas Rollerball-Abenteuer ist ihr Berserker-Körper abhanden gekommen. Die mächtige Waffe gelangt dank Dr. Nova ausgerechnet in die Finger von Zapan, der mittlerweile vor Racheglüsten verrückt geworden ist. Beim Kampf gegen ihn wird Ziehvater Ido getötet und Alita zerstört. Kurz vor dem Hirntod wird sie von Zalem gerettet, muss zukünftig aber für die fliegende Stadt arbeiten. Das genießt sie sogar, als hochgerüstete Killermaschine gibt sie gerne ihren Kampfinstinkten nach und zerlegt mittels „Panzerkunst“ alle, die sich ihr auf der Jagd nach Dr. Nova in den Weg stellen. Bis sie in der Wüste jenseits des Schrottplatzes Rebellen findet, die einen Angriff auf Salem planen. Der geht schief. Kurze Zeit später explodiert Alita unvermittelt und ohne jegliche Motivation, und damit endet die Geschichte.

Ach je, was war DAS denn? Ab Band 3 verlässt man als Leser endgültig das Terrain, an dem sich der Film abgearbeitet hat. Nach dem mauen Beginn und dem langweiligen Ausflug in die Welt des Rollerball-Sports in den ersten beiden Büchern betritt nun eine neue Handlung unbekannte Gefilde und klappert der Reihe nach verschiedene Genres ab, wobei Einflüsse der Zeit stets zu spüren sind. Band 3 bspw. ist eine Körper-Horror-Story und bedient sich stark bei der Ästhetik von H.R. Giger und Aliens, Band 4 ist ein Roadtrip in der Wüste und kupfert bei bei Mad Max ab, Band 5 enthält eine Geschichte im genau kopierten Stil von Frank Millers „Sin City“. Grundlegende Probleme bleiben dabei – nach wie vor sind die Ideen, nicht aber deren Umsetzung gut. Und manches ist halt nur da, weil es cool ist, nicht, weil es Sinn ergibt – wie die Tatsache, dass Alita zu Beginn einer Story plötzlich Musikerin ist.

Ab Band Vier wird zumindest die ganz krude Stückelung etwas besser: Statt von Storybeats wird die Erzählung um die Rebellen und Alitas Jagd nach Idos Mörder charaktergetrieben erzählt. Ausrutscher gibt es dabei zwar immer noch („Alita in einem Hochzeitskleid, das wäre doch cool, wie verbiegen wir die Story so, dass wir dieses Bild hinbekommen?“), aber zumindest sind die in eine kontinuierliche Erzählung eingewoben und stehen als Selbstzweck nicht mehr völlig allein. Da jetzt auch die Zeichnungen auf einem vernünftigen Niveau angekommen sind, begann ich langsam zu begreifen, was die Fans in „Alita“ sehen – und dann war die Serie plötzlich und unvermittelt vorbei. Alita wird einfach gesprengt, aus die Maus.

Seinerzeit hatten sich wohl Verlag und Autor überworfen, der Zeichner bekam Burnout und alles musste schnell enden. In Band 5 wird die Story dann zwar noch kurz fortgesetzt, aber das recht seltsam und wohl auch nicht im Kanon, denn Jahre später kam mit „Last Order“ ein Sequel, das keinen Bezug mehr auf das Ende hier nimmt. Den Rest des Bandes 5 und den 6. Band füllen Anthologiestories, die aber allesamt doof oder langweilig sind oder die es nur gibt, weil der Zeichner mal Frank Miller nachmachen wollte.

In der Summe muss ich sagen: Das hat sich nicht gelohnt. Seit einem Monat lese ich an dem Kram rum, und weder die investierte Zeit noch der finanzielle Aufwand waren es wert. Obwohl „Alita“ seinerzeit als Zielgruppe japanische Büroangestellte Mitte 30 anvisierte, sind die Geschichten nicht erwachsen. Das ging auch damals schon anders, wie Neil Gaimans „Sandman“ zeigt. Die originale „Alita“ ist dagegen narrativ ein plan- und mutloses Durcheinander, das in seiner Naivität geradezu ärgerlich dumm daherkommt und handwerklich auf sehr bescheidenem Niveau umgesetzt wurde.


Hören:


Sehen:

Bild: RTL

Ich bin ein Star – holt mich hier raus! [TV]
Ein Mal im Jahr mache ich dann doch noch den Fernseher an! Allerdings war diese 14. Staffel des Dschungelcamps es kaum wert, den alten Röhrenfernseher anzuheizen.

Zu fixiert war die Regie von Anfang an auf Danni Büchner, eine unerträgliche Person, die sich nur über ihre Rollen als Mutter und Witwe definierte und als personifizierte Unfähigkeit und Wehleidigkeit daherkam. Permanent beteuerte sie „nur im Dschungel zu sein, weil sie ihrem verstorbenen Mann das auf dem Totenbett versprochen“ habe und „eine gute Mutter sein und Geld für ihre Kinder verdienen“ wolle. Gut, da fallen einem auf Anhieb 3.000 andere Möglichkeiten ein, aber nun.

Danni Büchner verkörpert alles, was ich an Charakterzügen in anderen Personen hasse: Ständiges sich-selbst-Bemitleiden in Kombination mit permanenter Jammerei, dass nur sie es so schwer habe und an ihrem Unglück stets jemand anders, aber nie sie selbst schuld hat. Quasi ein personifizierter Jammerlappen. Sowas kann ich ähnlich gut ertragen wie das Geräusch eines Bohrers beim Zahnarzt.

Blitzartig raus war Ex-Verkehrsminister Günther Krause. Bei dem verurteilten Betrüger und Steuerhinterzieher, der mittlerweile verrückt geworden ist und sich gerne mit „Herr Professor“ anreden lässt, fragte man sich ohnehin von Anfang an, was der da wollte. Allerdings nicht lange, denn aus gesundheitlichen Problemen war der 66jährige Insolvenzverschlepper schon vor der ersten regulären Folge wieder weg.

Sonja Kirchberger war vermutlich noch die bekannteste Person im Camp und sorgte für leidliches Amüsement, weil sich die mittlerweile 55jährige „Venusfalle“ als völlig verpeilte Esoterikerin rausstellte, die so weltfremd ist, dass sie nicht mal eine Schraubendreher als solchen erkennt.

Angenehmer Kontrapunkt in einem Camp, das sich in erster Linie um tränenreiche und jammerlappige Reflektion der eigenen Lebensumstände kümmerte (und schon deshalb wenig Unterhaltungswert bot) war Elena Miras, die sich über ein tiefes Dekolléte zwischen gut gemachten Brüsten und gelegentliche Wutausbrüche definierte, wegen fortgesetzten Kackgebratzes aber schon zur Mitte hin rausgewählt wurde. Schade.

Ansonsten gab es egale Charaktere, Irgendein Marco und diverse Raouls, Trödel-Ottos und Hab-ich-vergessen, eine farblose und radebrechende Instagrämerin, die Ex vom Wendler und Ex-Boxer Sven Ottke. Mit Toni Trips und „Prince Damien“ waren zudem zwei Personen dabei, die so schlichte und dabei gleichzeitig überdrehte Gemüter aufwiesen, dass man RTL darin erinnern möchte, dass es nicht statthaft ist, geistig Zurückgebliebene oder Kinder für Unterhaltungszwecke zu benutzen. Der Logik vergangener Staffeln folgend wurde am Ende der Mensch mit dem schlichtesten Wesen und dem niedigsten IQ, der stets gut gelaunte „Dämien“, Dschungelkönig.

Bild: Nicola Wefers / Theater im OP

Traumnovelle [Theater im OP]
Fridolin ist ein angesehener Arzt mit liebender Familie. Eines Nachts wird er zu einem Notfall gerufen, auf dem Nachhauseweg hat er eine Reihe seltsamer Begegnungen. Nachdem er Schlägern und Prostituierten über den Weg gelaufen ist, trifft er in einem Club einen alten Bekannten wieder. Der erzählt ihm von geheimnisvollen Maskenparties. Fridolin schleicht sich auf eine dieser Partya und wird Zeuge eines Sexkults, bei dem BDSM-Orgien sogar zu Toten führen. Fridolin entkommt und flieht zu seiner Frau, die ihm deutlich macht, dass seine Fürsorge sie entmündigt und sie ihn dafür verachtet.

Seltsames Ding, diese „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler. „Eyes Wide Shut“, die Verfilmung von Kubrik, habe ich nicht verstanden. Das ThOP-Stück ist da besser verständlich und schön inszeniert. Allein der Einsatz von Musik und Soundkulissen ist ungewöhnlich und erzeugt genau die intentierten Gefühle bei den Zuschauern. Das Stück wirkt beklemmend und düster in den Szenen, wo es das auch sein muss. Eine interpretatorische Deutung ist trotzdem nicht leicht, weil die Rahmenhandlung (die Ehe) nicht viel mit den Ereignissen der Nacht zu tun hat – und die Bezüge zueinander eher Twin-Peaksesk verwirrend sind.


Spielen:

Yakuza 3 [PS4]
Ein Jahr nach den Ereignissen von Yakuza 2: Kiryu Kazuma, der Yakuza-Aussteiger mit dem martialischen Beinamen „Drache von Dojima“, hat Tokyo den Rücken gekehrt und leitet nun ein kleines Waisenhaus auf der Insel Okinawa. Unversehens kommt er aber doch wieder in Kontakt mit der Unterwelt. Das Grundstück, auf dem Kiryus Waisenhaus steht, soll einer Militärbasis weichen. Da die Politiker der Insel gemeinsame Sache mit den Yakuza machen, muss Kiryu zurück nach Tokyo und mal klären, was da eigentlich Phase ist.

Yakuza 3 für die Playstation 4 ist leider kein Remake, wie die beiden direkten Vorgänger, sondern lediglich ein Remaster der 2009er Fassung für die PS3, und die galt bei Erscheinen schon als pottenhässlich und antiquiert.

Die 2019er-PS4 Version nutzt exakt die Engine und Assets der PS3, läuft aber nun auf 1080p bei 60 FPS. Das ändert aber nichts daran, dass die Texturen verwaschen und niedrig aufgelöst sind und alles comichaft und plasticky aussieht. In den 90ern wäre sowas toll gewesen, im neuen Jahrtausend nicht. Dazu nervt das Gameplay mit ungelenkem und trägem Kampfsystem.

Die Story ist normalerweise bei Yakuza-Spielen immer das Highlight, aber auch die ist bei „Yakuza 3“ nicht die dollste. Sie braucht Ewigkeiten um in Fahrt zu kommen, und bis endlich was passiert, muss sich der Hauptcharakter um die Belange und die Erziehung der Waisenkinder kümmern. Kochen, Hausaufgaben, erster Liebeskummer, Geldnöte, Baseballspielen, einen Hund dressieren… Das klingt nett, dauert aber viel zu lange.

Mehr als acht Spielstunden verbringt man mit Babysitten und Nebengeschichten, bis Kiryu endlich in das Rotlichtviertel von Tokyo zurückkehrt und die Story langsam losgeht. Die Intention ist klar: Die Ziehkinder sollen einem ans Herz wachsen und Kiryus fürsorgliche Seite charakterisiert werden. Nach 8 Stunden waren mir aber die nervigen Blagen nicht nur nicht ans Herz gewachsen, sondern ich habe sie inbrünstig gehasst und wollte nur noch, dass sie meine Spielfigur in Ruhe lassen. Aber anstatt das sich Kiryu einfach in den Flieger setzt und endlich abhaut, kommt jedes der doofen Arschlochkinder kurz vor dem Abflug nochmal mit einer zum erbrechen langen Questkette angeschissen, bis man die nur noch aus den Sandalen treten und „Lasst mich endlich in Ruhe!!!“ schreien möchte.

In der Summe ist „Yakuza 3“ anders als seine Vorgänger, aber anders heißt hier nicht besser, sondern ätzend nervig und langweilig.


Machen:
Die Sommerreise mit dem Motorrad planen, Bus fahren.


Neues Spielzeug:

Mich hat das Fernweh gepackt, das merkt man an den Anschaffungen.

PacSafe Netz
Von Pacsafe kannte ich bislang nur die drahtverstärkten und messerfesten Rucksäcke. Dass es von denen auch Netze aus Stahldraht gibt, die man über Gepäck legen kann, war mir neu, bis Olpo darauf hinwies. Nach einigen Fehlversuchen habe ich nun die richtige Größe gefunden. Damit kann die Airbagjacke in Zukunft gesichert am Motorrad zurückbleiben. Sehr schön!

Bild: Touratech

Touratech PS17 Gepäckrolle
Im vergangenen Jahr fand ich es schon ziemlich super, die Regenkombi zusammengerollt auf der Rückbank spazieren zu fahren. Eingepackt hatte ich die in einen transparenten Vakuumbeutel, der aber nicht für den Außeneinsatz gemacht war und die Sonne nicht abkonnte. Der kleine PS17-Beutel von Ortlieb fasst 13 Liter, hat einen Rollverschluss und ist wasser- und staubdicht. Da hinein kann die Regenkombi und das Pacsafe-Netz. Das Ganze wird dann von einem neuen Paar Rokstraps gesichert.

Bild: Heroclip

Heroclip
Ein Heroclip ist ein Karabinerhaken, der sich auseinander falten lässt. An den dadurch entstehenden, um 360 Grad drehbaren, S-Haken kann man allen möglichen Kram dranhängen. Sowas suche ich schon seit Ewigkeiten für meinen Kulturbeutel. Gibt es in drei Größen, von S für den Kulturbeutel über M zum Aufhängen ganzer Rucksäcke bis L, der so groß ist, dass man damit Fahräder an Mauern hängen könnte, wenn man das wollte.

Bild: Teufel.ch

Teufel Decoderstation 7
Seit 1997 schleppe ich ein 5.1 System aus einem Teufel Concept E und einer Decoderstation 3 mit mir rum. Und plötzlich, am vergangenen Freitag, sagt das Ding keinen Mucks mehr. Decoderstation ist tot. Die sorgte leider für alle Anschlüsse. Das hieß: Kein TV, keine PS4, kein Filmegucken. So ein Teil gibt es leider auch nicht mehr zu kaufen. Und nun? Ein moderner AV-Receiver kann zwar alles, was die Decoderstation konnte, aber dafür hätte ich mein ganzes Wohnzimmer neu verkabeln müssen. Also auf Ebay geguckt und den Ur-Ur-Urenkel, eine Decoderstation 7 von 2018, erstanden. Zwar ohne Antennen und Fernbedienung, aber funktionabel. Denn Film wird durch Ton erst richtig schön.

Bild: Nuud

Nuud
Seit Ende Dezember habe ich Nuud im Test, ein nicht riechendes Deo, aber kein Antitranspirant. Hat mich der Max drauf gebracht. Wer sich schon immer mal gefragt hat, was moderne Motorradfahrer so im Winter treiben: Sie tauschen sich über Deo aus. Demnächst mehr.

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Kategorien: Momentaufnahme | 8 Kommentare

Einen Monat ohne (11): Und dann war da noch…

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Und dann war da noch…

… die Feststellung, dass ich bis zu 480 Tweets auf dem Weg zur Arbeit lesen kann.

… die Frau, die beim Einsteigen in den Bus ihre Wochenkarte hochhielt. Normalerweise gucken die Fahrer da nicht hin und wir Fahrgäste gehen einfach durch. Aber diese Frau war der Typ „pensionierte Lehrerin“ und wollte sich damit nicht zufriedengeben. „JUNGER MANN!“, sagte sie in diesem typischen Lehrerinnentonfall, der selbst in erwachsenen Männern noch sofort das Schulkind strammstehen lässt. „Sie müssen schon hingucken, wenn ich ihnen meine Karte zeige! Und auf diese Entfernung können sie doch gar nichts erkennen!“ Damit hielt sie ihm das Ding direkt vor die Nase. Der 50jährige Fahrer kriegte rote Ohren und guckte angemessen schuldbewusst.

… die Tatsache, dass alle Pendler gerne in ihre Smartphones gucken. Manche lesen darin Bücher, manche spielen ein Spiel, andere lesen Zeitung, gucken Nachrichten oder chatten. Wenn diese morgendliche Routine der inneren Einkehr gestört wird von, sagen wir mal, einer älteren Dame Typ „pensionierte Lehrerin“, die der Meinung ist, das sei soziale Vereinsamung und man müsse sich doch jetzt mal unterhalten und dann damit beginnt über ihre nicht vorhandenen Gewichtsprobleme und das therapeutische Trommeln ihres Mannes zu berichten, dann reizt das die Nerven aller Menschen in Hörweite nicht unerheblich.

… die alte Dame, die dem gerade eingeschulten Tobi mit großem Ernst erzählte, wie sie nach Mumpfelhausen gezogen ist und er ihr im Gegenzug berichtete, welche Umstellungen das Konzept „Schule“ für ihn bedeutet. Die Geschichten spielen keine Rolle, bemerkenswert war, wie konzentriert und ernsthaft die beiden ins Gespräch vertieft waren und das die Dame im Omaalter den Tobi nicht wie ein Kind behandelte, sondern ganze und komplizierte Sätze sprach und er interessiert zuhörte, und umgekehrt.

… der Busfahrer, der 100 Meter vor der Endhaltestelle stoppte, die Türen des Busses öffnete, rausprang… und verschwand. Die Fahrgäste waren erst irritiert, begannen sich dann aber zu berappeln und zögerlich auszusteigen und nach Hause zu gehen. Vom Fahrer keine Spur mehr, der Bus blieb auf der Dorfstraße stehen, zumindest so lang wie er in meiner Sicht war.

… der Typ, der sich breitbeinig auf den einen und seinen Rucksack auf den anderen Sitz wuchtete und sofort auf einem Handy mit aktivierten Tastentönen rumtippte. Aus den Augenwinkeln sah ich nagelneue Jeans, geölten Hipsterbart und Seidenschal und dachte „Ah, Jurastudent. Arschloch.“ Dann nahm ich den Manbun und die Nickelbrille wahr und dachte „Ah, BWL-Student. Arschloch.“ Aber dann stieg der gar nicht an der Uni aus. Ich muss zugeben, meine Schubladeneinordnung ist an dem Typen zerschellt. Ein Arschloch ist er trotzdem.

… die Überraschung, das die Fußgängerzone morgens keine Fußgängerzone ist, sondern eine große Parkfläche für hausgroße SUV und alten Männern in riesigen Mercedessen. Manche haben sich verfahren, andere sind Ladenbesitzer, wieder andere haben so viel Kohle, dass es ihnen schlicht egal ist, wenn das Ordnungsamt sie erwischt, weil ein Strafzettel sie quasi nichts kostet. Hauptsache, sie können direkt vor dem Geschäft parken. Boomer, halt.

… das Mädchen, das plötzlich anfing sich auszuziehen. Mitten im Bus und bei Außentemperaturen von 3 Grad minus. Sie wollte wohl an der nächsten Haltestelle Laufen gehen und trug unter den langen Hosen Shorts, trotzdem erntete sie irritierte Blicke.

… der Typ, der am Telefon sein Gehalt und seine Joblage herumtrötete. Der ganze Bus weiß jetzt, was er brutto verdient, was er netto verdient, was er von seinen neuen Kollegen hält und in welcher Abteilung er im Klinikum arbeitet. Und noch etwas weiß der Bus nun: Das der Typ zwar einen Doktortitel hat, aber nicht besonders helle ist.

… die Erkenntnis, dass es auf dem Markt immer noch einen Scherenschleifer gibt! Und das es noch einen Markt gibt!

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Einen Monat ohne (10): Begegnungszentrum

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Am Wochenende das erst mal laut geflucht. Mein Begehr: Samstag Abend in der Stadt ins Theater gehen. Hinkommen: Kein Problem. Zurück auf´s Dorf: Mit ÖPNV kaum möglich.

Zwar fährt noch ein (!) Bus nach 22:30 Uhr, aber das ist ein Überlandbus durch´s angrenzende Eichsfeld. Bis zu seiner Haltestelle hätte ich vom Theater aus 2 Kilometer laufen, dann 45 warten, 15 Minuten Bus fahren und anschließend nochmal 2,5 Kilometer laufen müssen. Da bin ich doch tatsächlich lieber mit dem Fahrrad gefahren.

Bei drei Grad Minus und durch den wirklich stockdunklen Wald zwar auch kein Vergnügen, aber wenigstens hat mich niemand umgefahren. Ist ja auch was wert, denn auf den Straßen durch den Wald heizen die Leute gerne, Wildwechsel hin oder her, und so wie gerade Abends so mancher durch die Gegend eiert, würde ich vermuten, 10 Prozent aller Fahrer guckt eher auf´s Smartphone als auf die Straße.

Genau deswegen war das auch erste Mal, dass ich mich auf dem Fahrrad in die quietschgelbe Reflektorenweste eingewickelt habe, ich ich sonst für Notfälle im Motorrad spazieren fahren. Wieder zu Hause war ich zwar durchgefroren, aber: Auch das war gut machbar. Hätte es natürlich geschneit, hätte ich mir was anderes ausdenken müssen.

Ansonsten mutiert der Bus zum Begegnungszentrum. Nicht nur, dass ich mittlerweile alle regelmäßig um meine Uhrzeit Fahrenden vom Sehen kenne und mit denen mal ein paar Worte wechsele, nein, ich treffe im Bus auch ehemalige und aktuelle Nachbarinnen wieder und sogar regelmäßig den jungen Mann, der in meinem Haus ganz oben unterm Dach wohnt und den ich sonst manchmal monatelang nicht sehe oder was von ihm höre.

Jetzt weiß ich, was die Nachbarin aktuell macht, wie es der Ex-Nachbarin in der Zwischenzeit ergangen ist, Welche Noten die Kinder in der Schule haben, wo der nächste Urlaub hingeht und das der junge Mann vom Dachboden vor Kurzem fast das Haus abgefackelt hätte, weil er LED-Leuchtmittel in eine Dimmerfassung geschraubt hat. Na dann.

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Einen Monat ohne (9): Neue Normalität

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Tag 22 des Fahrverbots und der 24. ohne Auto. Mittlerweile hat sich eine neue Normalität eingestellt. Ich habe mich daran gewöhnt früher aufzustehen, im Dunkeln und frierend an Bushaltestellen herumzustehen und statt 16 Minuten jetzt eineinhalb Stunden pro Tag unterwegs zu sein. Genauso normal ist es mittlerweile, dass ich Abends so früh müde bin, dass ich manchmal schon um 22:00 Uhr ins Bett gehe, Dschungelcamp hin oder her.

Ich blogge ja über meinen autofreien Monat, weil ich neugierig war, was sich noch so verändert. Tatsächlich hat es noch andere Auswirkungen, dass ich nicht mehr ungehemmt mobil bin. Zum einen habe ich mehr Bewegung. Sind zwar jeden Tag nur 4 Kilometer, aber ich merke, wie gut mir das tut. Zum anderen zwingen mich feste Busfahrzeiten wirklich auch zur Selbstdisziplin, was die Arbeitszeiten angeht. Statt „noch mal schnell dies zu machen“ oder „jenes noch anzufangen“ nehme ich mir vor, einen bestimmten Bus zu nehmen und mache dann auch wirklich rechtzeitig Feierabend. Im Januar geht das ohnehin ganz gut und läuft jetzt darauf hinaus, dass ich jeden Tag genau 8 Stunden statt 9,5 bis 10 arbeite, und so doof es klingt: Ich habe das Gefühl, nur in Teilzeit zu arbeiten.

In der Summe ist es aber ganz erstaunlich, was der Monat ohne Auto macht. Mehr Bewegung, vernünftige Arbeitszeiten, sinnvollere Schlafenszeiten. In der Summe also mehr Lebensqualität durch weniger Auto?

Naja. Nicht ganz. Die eineinhalb Stunden pro Tag fehlen halt doch (nicht nur bei der Arbeit), und ÖPNV funktioniert hier so lange super wie Arbeitsalltag ist. Am Wochenende oder Abends sieht das ganz anders aus, und ein Baumarktbesuch artet auch in logistische Verrenkungen aus. Trotzdem: Das mir der Verzicht auf Auto auch gut tun würde, das hätte ich nicht gedacht.

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Einen Monat ohne (7): Momente

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Und dann dieser Schockmoment, als ich feststelle, dass ich heute die GUTE Jacke anhabe, aber vergessen habe die Monatskarte umzupacken. Den Autoschlüssel habe ich natürlich eingesteckt. Klar, darauf bin ich über Jahrzehnte konditioniert.

Ich mache einen inneren Facepalm und ziehe mir ein elektronisches Ticket aus der App. Das geht neuerdings ganz gut: Einmal Wischen beim Einsteigen in den Bus, ein Mal Wischen beim aussteigen, Ticketpreis wird über Paypal abgebucht. Einfacher gehts kaum.

Nett am Fahren im Bus sind ja auch die vielen Miniaturen, die man so mitbekommt. Kleine Momente, die im nächsten Augenblick schon wieder vorbei sind.

Au-Shit-Moment: Als der Busfahrer eigentlich schon an der Haltestelle vorbeigdonnert war und DANN erst sah, dass da eine Frau im schwarzen Mantel stand, „Au SHIIIIIT!“ rief und eine Vollbremsung hinlegte.

Stinkender-alter-Ron-Moment: In Pratchetts Scheibenweltbüchern gibt es die Figur des Foul ol´Ron, dessen Körpergeruch ein Eigenleben entwickelt hat. Sowas hatte ich hier neulich auch. Während der zerzauste Mann mit dem Zottelbart auf der Rückbank Platz nahm und lautstark mit seinem Spiegelbild in der Scheibe lamentierte, ging sein Körpergeruch auf Entdeckungsreise und schwebte mal hierhin, mal dorthin, über die ganze Länge des Busses und wieder zurück.

Pizza-Moment: Ich mochte den Typ, der im Bus eine Pizza aus dem Karton fraß, vom ersten Augenblick an nicht. Mit beiden Händen schaufelte er sich die rein, als ob er beim Wettessen wäre. Abgesehen davon roch das Ding fürchterlich. Grinsen musst ich dann trotzdem, als der Typ sich an seinen Nebenmann wandte und es mit vollem Mund aus ihm herausbrach: „Weißte was geil wäre? Wenn jetzt hier noch Zwiebeln und Knoblauch drauf wären!“ – Guter Gott, nein.

Telegramm Moment: Die Tussi in der Lederleggings, die bei aktivierten Tastentönen auf ihr Whatsapp einhämmerte und es genauso klang als ob sie ein Telegramm versendet „düd-düd-düüd-düd-düd-düüd“.

Womanspreading Moment: Manspreading, das Dasitzen mit breiten Beinen als seien die Eier große wie Basketbälle, hatte ich noch nicht. Aber Womanspreading: Die Frau, die unbedingt ihre Beine die Bus Wand hoch und breit auseinanderfalten musste. Bizarr, sah aus wie Yoga im Bus.

Gänselieselmoment: Die Rumfahrerei vor Sonnenaufgang hat nette Momente. Ich habe z.B. mal wieder das Gänseliesel mit Beleuchtung gesehen, siehe oben.

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Einen Monat ohne (5): Geburtstagsblues

Ich kann mich eigentlich überhaupt nicht beklagen, stelle ich fest. Der ÖPNV per Bus ist in Götham noch besser ausgebaut als ich dachte.

In der Stadt kommt man selbst in entlegene Winkel meist mit zwei Mal umsteigen. Es dauert nur ein wenig. Die umliegenden Dörfer sind mit einem Halbstundentakt an die Stadt angebunden, für Orte weiter weg gibt es stündliche Überlandbusse oder Regionalbahnen.

Ziemlich gut, also, und trotzdem bin ich gerade ein wenig geknickt. Der Grund: Meine ganze Familie hat im Januar Geburtstag, und da gestalten sich Besuche nun doch schwierig.

Schwester wohnt in Bayern, ein gut nehmbarer ICE zum Supersparpreis führe um 05:40 Uhr – aber um die Zeit fährt kein Bus zum Bahnhof.

Nicht viel besser ist es für Besuche bei den Eltern, die weiter nördlich auf Dörfern wohnen. Statt ins Auto zu steigen und in 30 Minuten da zu sein, müsste ich allein für den Besuch bei meinem Vater fünf Minuten zum Bus laufen, 20 Minuten Bus fahren, 5 Minuten warten, einen anderen Bus nehmen, 20 Minuten warten, für 20 Minuten den Regionalzug nehmen, 10 Minuten warten und dann nochmal 20 Minuten Bus fahren. Eineinhalb Stunden hin, eineinhalb Stunden zurück. Ist immer noch alles machbar, keine Frage, aber da es die Verbindung Samstags nur vier Mal gibt und Sonntags gar nicht, wird aus einem kurzen Kaffeetrinken eine praktisch tagesfüllende Samstagsbeschäftigung.

Tut mir leid, liebe Familie. Das holen wir wann anders nach.
Vorzugsweise bei besserem Wetter.

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Einen Monat ohne (2): Day Zero

Dezember 2019
Vorbereitung kann manches einfacher machen. Vor meiner lappenlosen Zeit habe ich schwere Dinge, wie Gurkengläser, eingekauft und gebunkert. Discounter und große Supermärkte werden nämlich nur schwer erreichbar sein, und ich muss ja alle Einkäufe quasi auf dem Rücken nach Hause tragen. Jetzt sind die Vorräte gut aufgefüllt. Ich glaube ich hatte noch nie so viel zu essen im Haus.

Kurz vor Weihnachten habe ich mir überlegt, dass ich eine Monatskarte für den Bus kaufen könnte. Aber was kostet sowas und wo bekommt man das her? Für Einzelkarten hat Götham eine App, die ich auch gelegentlich nutze*. Aber Monatskarten?

Ah, hier. Die Website des Verkehrsverbundes sagt, dass es ein gutes Dutzend „Vorverkaufsstellen“ gibt, meist in Tabakläden. Da ist die zwei Euro Karte billiger, als wenn man sie im Bus kauft. Aha, wieder was gelernt.

Ich lasse 53 Euro in einem Tabakladen und bin fortan stolzer Besitzer einer Monatskarte, gültig ab dem 02. Januar 2020.

02. Januar 20
Tag 0 ist gleich eine kleine logistische Herausforderung. Das steht an:

  1. Der Führerschein muss zur Post gebracht und per Einschreiben zu Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh geschickt werden, auf das sie ihn einen Monat verwahrt.**
  2. Bei Aldi gibt es ab heute Bodenmatten, da hätte ich gerne welche von.
  3. Ich darf auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen, Handwerker werden erwartet.

Ich brauche also eine Post, einen Aldi und das bitte so, dass ich rechtzeitig bei der Arbeit bin.

Gar nicht so einfach, die meisten Aldis liegen außerhalb in Gewerbegebieten. Ach ne, hier, der da – der liegt bei einem Rewe, und darin ist eine Postfiliale. Aber wie komme ich da hin?

Die Website des Verkehrsverbundes ist sperrig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Zwar spuckt sie mir eine Busverbindung aus, bei der ich nur drei Mal umsteigen und vorher durch alle Stadtteile fahren muss, aber sie zeigt mir z.B. nicht auf einer Karte, wo die Bushaltestellen sind, an denen ich umsteigen muss. Und die meisten tragen Namen, die ich noch nie gehört oder auf dem Stadtplan gelesen habe.

Nach einigem Rumklicken finde ich dann raus, dass bei jeder Buslinie eine Open Street Map mit der Route hinterlegt ist. Nach dem Studium dreier Busrouten und der Lage von verschiedenen Haltstellen finde ich sogar noch eine Direktverbindung zu Post/Aldi und eine zeitnahe Rückfahrt zur Arbeit. Na dann, los geht´s!

In der Einfahrt steht das Kleine Gelbe AutoTM, eingepackt in eine Halbgarage, die extra für diesen Monat gekauft wurde. Die Fenster bei der Kiste sind ja undicht, und nach einem Monat Regen und Schnee und ohne Heizung zwischendurch könnte ich darin im Februar wohl Schimmelpilze ernten. Reicht schon, dass in vier Wochen die Batterie leer sein wird.

Die Nacht über ist es kalt geworden. Minus 6 Grad zeigt das Thermometer. Das Geräusch von Eiskratzern auf Windschutzscheiben in allen Straßen hören. An der Bushaltestelle vor mich hinfrierend sehe ich, wie ein Mann Anfang 70 einen alten Mazda freikratzt, ihn kurz anlässt, dann wieder ausmacht und im warmen Haus verschwindet. In Mumpfelhausen gibt es sie noch, die Gentlemen, die früh aufstehen, rausgehen und das Auto freikratzen, damit die Frau sofort zur Arbeit fahren kann.

Der Bus kommt mit fünf Minuten Verspätung, aber immerhin ist der ÖPNV angenehm leer. Meine Timeline auf Twitter weiß auch, warum.

Eine halbe Stunde gurkt der Bus kreuz und quer durch die Stadt, vom Klinikviertel zur Uni, von da in die Südstadt, dann nach Osten und einen Berg hoch. Den letzten Kilometer muss ich den Berg hoch laufen.

Vor dem Rewe-Markt läuft ein Mann mit einem Laubbläser herum und macht damit einen Heidenlärm. Alles für drei Blätter, zumindest sieht es im ersten Moment so aus. Dann sehe ich den Berg an abgebrannten Silvesterfeuerwerk, dass der Mann schon zusammengeblasen hat.

Als ich der Postfrau den Umschlag mit meinem Führerschein überreiche, der jetzt als Einschreiben nach Gütersloh geht, fühlt sich das seltsam unprätentiös an. Ich hatte gedacht das würde jetzt ein andächtiger Moment werden, so rein gefühlsmäßig, aber stattdessen eile ich weiter. Tagesaufgabe 1 erledigt. Morgen wird der Führerschein in Gütersloh sein, dann beginnt das Fahrverbot zu laufen. Zwar darf ich auch heute schon nicht mehr fahren, aber das zählt nicht. Heute ist Tag Null.

Tagesaufgabe 2: Bodenmatten kaufen. Wenn ich mich beeile schaffe ich den Bus noch, der in sieben Minuten von hier zur Arbeit fährt. Fall das nicht klappt, muss ich eine halbe Stunde in der Kälte stehe.

Im Eingang des Aldi-Markts steht ein Mercedes mit laufendem Motor. Darin lehnt ein weißhaariger Mann Mitte 60 mit dem Kopf an der Scheibe. Es gibt sie noch, die Gentlemen, die dafür sorgen, dass die Frau nicht weit laufen muss und ein warmes Auto vorfindet, wenn sie den Einkauf erledigt hat. Boomer, ey.

So, Bodenmatten gefunden, jetzt bezahlen und weg hier. Fünf Minuten noch. Der Mann vor mir hat einen beachtlichen Einkauf in mehre Abrechnungen gesplittet, aber die Kassiererin ist schnell.

Noch vier Minuten. Der Typ ist abkassiert und dreht sich gerade um zum Gehen, als ihm noch was einfällt. „Wo ist der Bon?“, fragt er. „Habe ich ihnen gegeben“, sagt die Kassiererin. „Ich habe den aber nicht“, sagt der Mann.

„Ich habe ihnen den aber gegeben“, sagt die Kassiererin. „Da ist er doch.“ -„Nein, das ist nur der dritte, wo ist der zweite?“ „Den habe ich ihnen auch gegeben“ Der Mann beginnt in seinem Portemonnaie zu wühlen, die Kassiererin in ihrem Mülleimer.

Eine Kundin mischt sich ein. „Hier liegt auch Geld auf dem Boden!“, sagt sie und klaubt 11 Cent auf. „Es geht nicht um Geld“, sagt die Kassiererin. „Es geht darum, dass sie mir meinen Bon nicht gibt“, braust der Mann. „Ich HABE ihnen den gegeben“, sagt die Kassiererin. „HABEN SIE NICHT!“, wird der Mann laut.

„Hat sie, ich habe es gesehen“, sage ich. „Sehen sie! Er hat’s gesehen!“, ruft die Kassiererin und der Mann guckt verwirrt. Ich habe nichts gesehen, ich habe geträumt, aber mich nervt, wie der Mann die Kassiererin angeht. „Was mache ich nun mit dem Geld??“, sagt die andere Kundin und hält die 11 Cent hoch.

Noch zwei Minuten. „Entschuldigen sie, ich muss zum Bus“, sage ich. Die Kassiererin guckt mich genervt an, und ich schiebe ein „Sorry“ hinterher.

Zwei Minuten und einen kurzen Sprint später sitze ich in Linie 73. Wer hätte gedacht, das Busfahren so spannend ist – und man erlebt definitiv mehr als mit dem Auto.


*) um ehrlich zu sein: Nur, wenn ich ein Motorrad aus der Werkstatt holen muss.
**) Theoretisch geht auch die Abgabe an einer Polizeidienststelle, die den Führerschein dann versendet. Aber die Dienststelle in der Göthamer Innenstadt macht das nicht.

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Einen Monat ohne (1): Lappenlos

Das neue Jahr ist da, und ich mache jetzt mal ernst mit einem Monat Enthaltsamkeit. Ich werde einen Monat lang statt des Autos oder eines Motorrads nur Füße, Fahrrad, Busse und Bahn nutzen.

Kann man ja mal machen. Für den Klimaschutz?

Äh, ja…. ganz genau. Ich möchte mehr für den, äh, Klimaschutz machen. Sicher. Diese Erkenntnis kam quasi blitzartig über mich.
Blitzartig, kurz vor Halle in Westfalen.

Ich war auf der Landstraße unterwegs und gerade aus einem Ort rausgefahren. Etwas in Gedanken hatte ich nicht darauf geachtet, wie schnell man da eigentlich fahren durfte, und über einen längeren Abschnitt kam dann auch kein Geschwindigkeitsschild mehr. „100“, zeigte das Navi des Mietwagens an. Na dann.

Aber irgendwas fühlte sich komisch an, und deshalb fuhr ich langsamer. Deutlich langsamer zuerst. Ich hatte ja Zeit, Arbeitstag war vorbei. Im Laufe der Strecke – breit, gut ausgebaut, übersichtlich – ließ ich den Audi wieder schneller rollen.

BLITZ.

Ok, das war jetzt doof. Da war ein Blitzanhänger hinter einem Baum auf der linken Fahrbahnseite. Aber wie schnell durfte man denn jetzt hier eigentlich fahren?

Das erfuhr ich zwei Wochen später, als ich ein Schreiben vom Landkreis Gütersloh im Briefkasten hatte. Weil weiter vorne eine Baustelle war, hatte man offensichtlich auf der Strecke temporär ein Limit von 50 km/h eingerichtet. Ich lag exakt 41 km/h drüber. Das ist ziemlich unglücklich, denn bis 40 Stundenkilometern drüber gibt es nur eine Geldstrafe, ab dem 41. Kilometer ist aber der Lappen einen Monat weg.

Ob ich zum Sachverhalt eine Aussage machen wollte, fragte Frau Webermann vom Landkreis Gütersloh. Ich schrieb ihr einen netten Brief, in dem ich ihr darlegte, dass ich das wohl war, aber nur unglücklich vor mich hin geträumt hatte. Hätte ich rasen wollen, wäre ich schneller gewesen. Ob wohl dieser nicht vorhandene Vorsatz ein Grund wäre, vielleicht noch mal einen Stundenkilometer abzuziehen und auf 40 km/h drüber zu kommen?

Der Brief sorgte offensichtlich für Erheiterung bei Frau Webermann. Sie bedankte sich für die „längliche Darstellung des Sachverhalts“ und wies darauf hin, das, sollte ich ein Härtefall sein und den Führerschein un-un-unbedingt brauchen, das ja darlegen könne. Dann könnte sie vielleicht das Fahrverbot in eine höhere Geldstrafe umwandeln. Ich bräuchte dafür aber ein Schreiben meines Arbeitgebers, dass ich ohne Lappen quasi meinen Job los wäre.

Ansonsten könnte ich mir aber in einem Viermonatsfenster aussuchen, wann ich zu Fuß gehen wollte, und ich sollte ich doch zusehen, dass ich die führerscheinlose Zeit doch vielleicht in den Urlaub legen sollte. Haha. Ausgerechnet. Wo mein Urlaubskonzept doch gerade von Individualbmobilität geprägt ist. Klar, 3 Wochen Japan, das hätte schon gepasst. Leider wollte ich da auch gerne Auto fahren, wenn auch nur zwei, drei Mal, aber genau für den Zweck hatte ich schon eine Übersetzung meines Führerscheins ins Japanische anfertigen lassen, und war nicht bereit die einfach so abzuschreiben.

Bin ich ein Härtefall, der den Führerschein unbedingt braucht? Ich bin recht häufig auf Dienstreisen, aber meist mit der Bahn. Mietwagen sind da die Ausnahme. Also eher nicht.

Ich hätte natürlich so tun können und dann vor Frau Webermann rumflennen, dass ich armer Mensch ohne Führerschein praktisch nicht mehr lebensfähig bin, aber wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich die Einstellung vertrete, dass man nicht lang jammern soll, wenn man Mist gebaut hat, sondern die Strafe gefälligst ertragen soll. Aus einem Vergehen rauswieseln, das ist nicht mein Ding.

So kommt es, dass ich jetzt zum ersten Mal seit meinem 16. Lebensjahr einen Monat ohne motorisiertes Fahrzeug unterwegs sein werde und hier begleitend aufschreibe, wie das so ist.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich schreibe das hier nicht um rumzujammern, sondern weil ich selbst gespannt bin, wie das wird. Vermutlich unspektakulär, aber man weiß ja nie – ich wohne auf dem Dorf. Nicht weit auf dem Land, aber immerhin. Mobilität war als Ressource für mich die letzten 28 Jahre, mit einer kurzen Ausnahme, praktisch rund um die Uhr verfügbar und selbstverständlich, da wird es vielleicht schon spannend mal zu gucken, wie das ist, wenn etwas selbstverständliches einfach weg ist.

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Das war das Jahr, das war (2019)

Am Jahresende traditionell die Rückschau.

2019 war zermürbend.
Ich habe viel gearbeitet und hatte zu wenig Bewegung. Eine Zahl von 390 auf dem Überstundenkonto allein für dieses Jahr spricht da eine deutlich Sprache. Wenn ich nicht am Schreibtisch saß, war ich unterwegs. Für bloggen oder was anderes blieb meist keine Zeit. Immerhin konnte ich mich politisch ein wenig engagieren: Gegen Uploadfilter, für Klimaschutz. Das war gut.

Lage der Nation: Politisch same Procedure as every year seit 2014, nur schlimmer: Die ehemaligen Volksparteien reiben sich weiterhin in der Groko auf und beten die schwarze Null an – mehr Demokratiefeindlichkeit war selten. Die AFD schneidet auf Länderebene, insb. bei Landtagswahlen im Osten, stark ab, und die Erkenntnis wächst: Die wird nicht trotz, sondern wegen ihrer Rechtsradikalität gewählt.

Überall im Land wittern Rechtsextreme und Neo-Nazis nun Morgenluft und werden immer dreister. So müssen sich Fernsehsender gleich mehrfach entschuldigen, weil in Serien und Nachrichten Aufkleber mit Slogans wie „Gegen Rassismus“ und „FCK AFD“ zu sehen sind, und die AFD klagt sogar gegen eine Plakette mit der Aufschrift „gegen Rassismus“ am Frankfurter Rathaus. Das sind die Auswüchse der kontinuierlichen Verschiebung der Grenzen des sag- und machbaren nach Rechts.

Weiterhin versucht der Vermögensverwalter Black Rock ihren Friedrich Merz als Kanzlerkandidat der CDU zu installieren, während die Kandidatin von Merkels Gnaden, Annegret Kramp-Karrenbauer, auf ungeschickteste Art durch die Gegend eiert und nur dadurch auffällt, dass sie groben Unfug von sich gibt und sogar im Affekt Zensur fordert. Schlimm, diese Unfähigkeit und Instinktlosigkeit.

Merkel selbst ist das egal, sie sitzt stoisch ihre Restzeit ab und macht nix mehr, weder Innenpolitisch noch für Europa oder gar die Welt. Das ärgert die Jugend, die in Millionenzahl für Klimaschutz auf die Straße geht – und weitgehend ignoriert und verhöhnt wird. Darauf macht ein junger Mann ein Video mit dem schönen Titel „Die Zerstörung der CDU“, in dem er schlicht Fakten über die Partei und ihr Verhalten in Klimafragen zusammenträgt. Das Video wird Millionenfach geklickt und hat Einfluss auf Wahlen, bei denen die CDU in der Gruppe der jungen Wähler von 27 auf 12 Prozent fällt die Grünen erstaunlich stark abschneiden. Bei den Unionsparteien ist die einzige Konsequenz, dass sie jetzt Youtube-Kanäle hat. Seufz.

Das Thema Klimakatastrophe bewegt – Jugend und vernünftige Menschen fordern die Politik auf zu handeln, und deutlicher als zuvor wird klar, dass es Gesamtgesellschaftlich nicht so weiter gehen kann mit endlosem Verkehrswachstum und Verheizen von fossilen Brennstoffen. Das weiß man eigentlich seit den 80ern, aber jetzt rückt es wieder ins Bewusstsein. Erstaunlicherweise provoziert das eine erstaunlich große Bevölkerungsgruppe, die denkt man wolle ihr was wegnehmen, und darauf mit unfassbarem Hass reagiert, klimaschützenden Kindern übelste Morddrohungen entgegenschleudert und sich dazu bekennt „stolze CO2-Produzenten zu sein“. In Sachsen kann man sogar Silvesterböller mit der Aufschrift „FUCK YOU, GRETA!“ kaufen.

Das hat aber Methode. Gerade Umweltthemen werden von rechten Gruppen genutzt, um sich daran ab zu arbeiten und Empörung zu produzieren. Einen traurigen Höhepunkt erleben wir kurz nach Weihnachten, als ein nicht mal lustiges Satirelied aus dem WDR-Progamm, das auf Klimaschutz anspielt, von rechten Personen und Gruppen genutzt wird, um einen Shitstorm hochzuziehen.

Die klassischen Medien sind damit überfordert und halten das rechte Trolling für echte Meinungen. In der Folge knickt der WDR-Intendant ein, was wiederum Nazis ermuntert, vor das Funkhaus des WDRs zu ziehen und dort die Nationalhymne zu gröhlen, das Privathaus des verantwortlichen WDR-Mitarbeiters zu belagern und Listen über WDR-Personal zu erstellen. Deutschland hat ein massives Problem mit Rechtradikalität. Die hat sich jahrelang auf Fecebook und Twitter und in Talkshows ausgebreitet, jetzt sehen die Rechten das Feld bereitet um ihren Hass auf die Straße zu tragen.

Lage der Welt: Die Demokratien sterben.
Nicht durch Kriege, sondern durch demokratisch gewählte, rechte Parteien, die die demokratischen Systeme rasant und von innen heraus demontieren.

In Polen wird die Justiz per Gesetz der Politik unterstellt. In Ungarn kaufen Kumpels von Orban alle Medienhäuser auf, die fortan nur noch Propaganda senden. Die Türkei überfällt Nachbarländer. Brasilien lockert Waffengesetze und brennt den Regenwald ab, um Soja an China zu liefern, das Dank Trumps Strafzöllen kein Soja mehr aus den USA bekommt.

Legt man Umberto Ecos 14-Punkte-Checkliste an, kommt man schnell darauf, dass wir es in all diesen Ländern inkl. der USA mit erstarkendem Faschismus zu tun haben. Fußnote: Deutschland liefert an all diese Länder Waffen.

Trump nimmt die USA weiterhin aus wie eine Weihnachtsgans und macht sich und seinen reichen Freunden die Taschen voll. Umwelt- und Arbeitsschutzauflagen, Verbraucherschutz, sogar Energiesparlampen, alles wird zurückgerollt. Gleichzeitig erpresst er andere Länder: Die Ukraine, um politische Gegner zu diskreditieren, Deutschland, um Amerikas Frackinggas zu kaufen. Die USA, ein Schurkenstaat aus der dritten Welt.

Ein Impeachment läuft, aber irgendwie hat der Geisteskranke es geschafft, die Republikaner geschlossen hinter sich zu versammeln. Die verkünden dann auch im Vorfeld des Verfahrens einen Freispruch. In 5 Jahren, wenn Trump abtritt, wird diese Partei mit ihm untergehen. Generell stellt sich aber die Frage, wie mit dem politischen System der USA umzugehen ist, wenn das Zweiparteienprinzip aufgrund von Tribalism offensichtlich nicht mehr funktioniert und die Legislative sich weigert, die Exekutive zu kontrollieren.

England verschiebt mehrfach den Brexit, dann wählt es Boris Johnson. Der verkündet darauf, den Brexit jetzt aber wirklich machen zu wollen, und außerdem Gesetze einzubringen um die Rechte des Parlaments zu beschneiden und es jederzeit auflösen zu können. Ein Faschist, schlimmer als Trump.

Zumindest in Italien formt sich Protest gegen den Faschisten Salvini, der früher im Jahr aus der Regierung geflogen ist und nun im Hintergrund Strippen zieht, um möglichst bald wiedergewählt zu werden.

Und sonst noch? Hier die immer weiter mutierende Form des Bloggerdorf-Fragebogens.

Wort des Jahres: Motorradtourette

Zugenommen oder abgenommen? Achgottjazugenommen.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gleich.

Am meisten ausgegeben für… die Wartung und Anpassung der Fahrzeuge.

Die teuerste Anschaffung? Eine Mavic Air.

Mehr bewegt oder weniger? Weniger. Seufz. Zu viel Arbeit um noch Lust an Sport zu haben. Ich weiß, verkehrte Einstellung.

Die hirnrissigste Unternehmung? Einen Tag nach Fieber kilometerweit auf einen heiligen Berg stiefeln.

Ort des Jahres? Tokyo.

Das leckerste Essen? Frühstück im Il Pino Marittimo.

2019 zum ersten Mal getan? Einen Langstreckenflug.

2019 endlich getan? Eine 3D-Brille getragen und eine Drohne geflogen.

Gesundheit? Zystendings am Auge entfernt, Blutdruck noch leicht zu hoch, sonst gut.

Ein Ding, auf das ich gut hätte verzichten mögen? Hemden eine Größe größer kaufen zu müssen

Gereist? Oh ja. Im Februar nach London, im Sommer mit dem Motorrad durch Südeuropa und im Herbst nach Japan.

Film des Jahres: I am Mother, The Happytime Murders

Theaterstück des Jahres: Harry Potter and the cursed Child

Musical des Jahres: Tina

Spiel des Jahres: Der aktuelle Konsolenzyklus ist am Ausklingen, was sich bemerkbar macht. Es wird noch eine handvoll Triple-A-Games geben, aber die haben sich alle verschoben. Das wichtigste Release des Jahres war „Red Dead Redemption 2“. Das war toll, Spiel des Jahres ist für mich aber ein anderes: „Yakuza Kiwami 2“ hat eine tolle, lineare Geschichte und ist launig. Ebenfalls nicht schlecht ist „Innocence: A Plague Tale“, eine Double-A-Produktion aus Frankreich.

Serie des Jahres: Chernobyl.

Buch des Jahres: Edward Snowden: Permanent Record.

Ding des Jahres: Eine Tischdecke und Bettzeug, nach meinen Vorstellungen angefertigt.

Spielzeug des Jahres: Die Prism-Tube Wifi Kamera.

Enttäuschungen des Jahres: „Assassins Creed III Remastered“. Immer noch kein gutes Spiel. „X-Men: Dark Phoenix“ ist purer Müll. Und „Wolfenstein: Youngblood“ ist so schlecht und unfair, dass es verdient getankt ist.

Die schönste Zeit verbracht damit…? Mit dem Reisemotorrad eine Motorradreise zu machen.

Vorherrschendes Gefühl 2019? Anspannung und Stress.

Erkenntnis(se) des Jahres: Die AFD wird nicht gewählt obwohl, sondern weil sie rechtsradikal ist.

In diesem Sinne: Ich wünschen einen guten Start in ein tolles 2020! Ihr seid eine tolle Leserschaft und ich bin immer wieder sehr froh und stolz darauf, wer sich hier so tummelt. Ich lerne viel von Euch, und das ist super.

Nekrolog:

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Kategorien: Momentaufnahme | 4 Kommentare

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