Ganz Kurz

Die heilige Corona

Funfact am Rande: Heute ist Tag der heiligen Corona, der Schutzpatronin der Fleischer, des Geldes, der Schatzgräber und Beschützerin… vor Seuchen!

Corona und Viktor. Paris, 1840.

Zur Zeit der Christenverfolgung zog sie sich die Ungnade eines römischen Statthalters zu, der sie zwischen zwei gespannten Palmen anbinden ließ. Als die Bäume auseinanderschnellten, wurde sie in Stücke gerissen.

Zuvor durchlebte sie ein Martyrium mit dem Soldaten Victor von Siena, den sie tröstete, als er gefoltert wurde. Was für eine nette Doppeldeutigkeit das doch für die heutige Benennung einer Hügelkette rund um die Stadt Siena bedeutet, die Einheimischen auch als die „Corona di Siena“, die Krone von Siena, bekannt ist.

In Niederösterreich gibt es sogar den Ort St. Corona, von dort stammt das Lied „Corona hoch erhoben aus diesem Erdental“. Bezüglich der Verehrung in Deutschland waren Bayern und Bremen sozusagen Corona-Hotspots. Knochen der St. Corona liegen im Aachener Münster.

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„Männer an Maschinen verdienen mehr als Frauen an Menschen“

Starke Worte heute im ZEIT-Podcast „Was jetzt“: „Männer an Maschinen verdienen mehr als Frauen an Menschen“.

Hintergrund: Im medizinischen Bereich und im Pflegesegment steigen weder die Löhne des Personals noch wird der Personalstand aufgestockt, und das, obwohl die Nachfrage seit Jahren hoch ist und immer weiter steigt.

Stattdessen beobachtet man das Gegenteil, auch der Arztberuf wird im Vergleich schlechter entlohnt als früher. Der Autor der ZEIT macht das auch daran fest, dass mehr Frauen den Beruf ergriffen haben, und kommt zu dem Schluss, dass das das Ergebnis patriarchaler Kultur in Tateinheit mit Kapitalismus ist.

Oder anders ausgedrückt: Wo Alte-Männer-Strukturen Hand in Hand mit gewinnfixierten Wirtschaft laufen, kommt nichts Gutes bei raus. Stattdessen werden Marktmechanismen durch Machtmechanismen ersetzt, es steigen die Profite, aber nicht die Löhne.

Die Theorie das „Die unsichtbare Hand des Marktes“, Preise und Löhne durch Angebot und Nachfrage regelt, kann so langsam als falsifiziert gelten. Also, sie KÖNNTE falsifiziert werden, wenn es sowas wie eine WirtschaftsWISSENSCHAFT wirklich gäbe. Aber BWL und VWL ist nunmal keine Wissenschaft, sondern eher Religion.

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Corona (7): Gabenzäune


Weltweit: 495.086 Infektionen (+98.837), 22.295 (+5.043) Todesfälle
Deutschland: 41.519 Infektionen (+10.149), 239 (+106) Todesfälle

Die Lage der Welt

Die USA sind absehbar das neue Epizentrum der Pandemie, mit aktuell schon 70.000 Fällen. Dabei gibt es bei denen praktisch keine Tests, weil der faschistische Trickbetrüger im Präsidentenamt die Tests der WHO abgelehnt hatte und eigene, „Made in America“ wollte. Die gibt es aber nicht. Genauso wenig wie das Heilmittel, das er vor wenigen Tagen verkündete. Doof nur das, während er sein Schlangenöl anpries, der Leiter der Gesundheitsbehörde stand und im nächsten Moment sagte „Nein, das funktioniert nicht“. Das die USA jetzt dabei sind den Spitzenplatz einzunehmen, liegt schlicht daran, dass es ein Land der dritten Welt ist, was die medizinische Versorgung angeht, und das die Führung das Problem zwei Monate ignoriert hat.

Und nicht nur das, es geht weiter: Mittlerweile verkünden altgediente Republikaner, sie würden gerne sterben, um ihren Enkeln eine funktionierende Marktwirtschaft zu hinterlassen. Prompt kündigte Trump an, nach Ostern alle Einschränkungen aufheben zu wollen, weil „Da muss es ja dann auch mal gut sein“. Während Newy York leergefegt ist und der dortige Gouverneur sagt „Das Leben wie wir es kenne ist vorbei“, rufen liberale Colleges rufen jetzt schon ihr Lehrpersonal und die Studierenden zurück. Gut, um BWLer ist es nicht schade, aber das ist doch wirklich Kapitalismus im Endstadium.

Oder, wie es jemand auf Twitter im Rollenspieljargon ausdrückte: „Die USA sind jetzt chaotic evil. Kann sein, dass sich nun die Länder an einer Führungsmacht orientieren, die zumindest Lawful Evil ist: China“.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir später einmal auf diesen Punkt der Geschichte zurückblicken und zu dem Schluss kommen, dass die Aushöhlung der Demokratien durch Rechtspopulisten und die Pandemie für einen Zusammenbruch westlicher Staatsysteme und Wirtschaftsordnungen gesorgt haben.

In Ungarn wird der Umbau zur Diktatur vorangetrieben, der Faschist Orban will per Notstandsverordnungen und mindestens für ein Jahr Parlament und Grundrechte aushebeln

In Brasilien stellt sich der Faschist Bolsonaro hin, tut Corona als Erfindung der Medien ab und lässt sich von seinen Anhänger dafür feiern, keine Maßnahmen zu verhängen. Faschistische Politik ist eben immer menschenverachtend und kostet am Ende Leben. Und nein, ich verwende den Begriff „Faschist“ nicht pauschal und inflationär, sondern kann das immer begründen. Faschismus hat viele Gesichter, aber er erfüllt immer Grundmerkmale, und die sind aktuell in den USA genauso vorhanden wie in Brasilien, Ungarn oder der Türkei.

In Italien geht mancherorts das Benzin aus. Warum? Weil viele Tankstellen von Selbstständigen betrieben werden, und deren Umsätze sind so eingebrochen, dass sie es sich nicht leisten können, neue „Ware“ zu bestellen – denn das Benzin müssen die Pächter im Voraus bezahlen.

In Deutschland gibt es auch viel Angst, aber auch viel Solidarität. In Kiel und anderen Städten gibt es „Versorgungszäune“ oder „Gabenzäune“, an die Menschen Nahrung, Kleidung, usw. hängen, und Wohnungslose können sich bedienen. Das ist wichtig, weil nach der Schließung der Tafeln und der Sozialstationen die Obdachlosen wirklich Hunger leiden.

Bild: SHZ.de

Bild: SHZ.de

In der Schweiz muss man übrigens zwei Meter Abstand voneinander halten, in Deutschland nur 1,50 Meter. Warum ist das so? Wegen der Kehllaute. Das Grunzen und Gurgeln der Eidgenossen verschleudert die Viren weiter als menschliche Laute. Odr.

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Corona (3): Die Stunde der Prepper

Weltweit: 254.996 Infektionen, 10.444 Todesfälle
Deutschland: 18.361 Infektionen (+5.258), 52 (+10) Todesfälle

Schon am vergangenen Wochenende kamen mir gleich mehre große Geländewagen auf der Bundesstraße entgegen. Also, keine SUVs von der Marke „Stadtpanzer“, die nicht mal über einen Bordstein fahren können, sondern ECHTE Geländewagen.

Jeeps, ein alter Bundeswehr „Wolf“ und einen Unimog in Tarnfarben habe ich bei einem kurzen Ausflug gesehen. Sind das Fahrzeuge von „Preppern“, also von Leuten, die sich schon zu normalen Zeiten auf die Zombieapokalypse vorbereitet haben? Die Bunker bauen, Lebensmittel horten, Überlebenstechniken üben und eben auch Geländefahrzeuge vorhalten? Leute, die so veranlagt sind, müssen sich doch jetzt echt bestätigt und ihre große Stunde kommen sehen.

Andere werden jetzt noch schnell zu Preppern. Wie der Nachbar, bei dem gestern mehrere große Erdtanks für Wasser geliefert wurden. Der legt sich jetzt im Garten eine Zisterne an. Sicherlich generell keine schlechte Idee, Wasser zu sparen und Regenwasser zu sammeln. Zum Blumen gießen kann man das immer brauchen.

Bayern hat jetzt als erstes Land Ausgangsperren verhängt.
Geht nicht anders. Freiwillige Selbstbeschränkung passt wohl nicht zu der hedonistischen Lebenskultur in München und Umgebung.

Auch die Arbeitskultur ist da stellenweise hinterher. Während in unserem kleinen Betrieb immer schon darauf geachtet wurde, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter die Arbeitsmittel bekommt, die sie oder er möchte und die den eigenen Vorlieben entsprechen und alle mobil arbeiten können, ist das in den Konzernen um München noch nicht angekommen. Das erzählte mir gestern eine Münchnerin, die bei einem großen Unternehmen arbeitet. Das verkauft es seinen Mitarbeitenden immer noch als Incentive und große Ehre, wenn sie ein Firmenhandy bekommen, oder ein Notebook, oder mal Homeoffice machen durften. Eine Ehre, stets erreichbar zu sein? Homeoffice als Belohnung?
Das ist die Old Economy. Die lernt gerade mit Gewalt um.

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Corona (2): Part-eeey!

Weltweit: 227,743 Infektionen, 9.218 Todesfälle
Deutschland: 13.093 Infektionen, 42 Todesfälle

Es gibt sie wirklich, die Flitzpiepen, die sich am schönen Wetter freuen und in Gruppen am Fluss liegen oder im Park grillen oder in Eiscafés sitzen. „Part-eeey! Wir lassen uns den Spaß nicht vermiesen!“ An diese Arschgeigen richtete sich auch die Ansprache des Bundeskanzlers Frau Merkel, als sie gestern Abend im Fernsehen verkündete, dass das hier die ernsteste Krise seit dem zweiten Weltkrieg ist, und man das bitte gefälligst auch ernst nehmen soll.

Die unausgesprochene Drohnung: Wenn ihr das nicht selbst ernst nehmt, gibt es Ausgangsperre.

Ausgangssperren gibt es schon in anderen Ländern. Seit gestern ist die Außengrenze der EU dicht. Praktisch kein Flugverkehr mehr. So ernst ist es.

Geilster Spruch auf Twitter: „Okay, wir können aufhören auf Twitter zu sagen, dass man zu Hause bleiben soll. Es ist Facebook was draußen rumläuft.“. von @miguelrausa

Wohl war. Bleibt nur noch Galgenhumor.

Zum Glück sind die meisten vernünftig und bleiben zu Hause oder wagen sich nur noch zum Kauf von Klopapier, Seife oder Nudeln raus. Manche Märkte haben versucht zu rationieren.

Ich bin noch im Büro, aber ich bin hier auch praktisch allein. Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind im Homeoffice. Unsere Firma kann das. Meine Horrorvorstellung war immer, das uns das Firmengebäude mal abbrennt. Unter anderem deshalb haben alle ein Notebook ihrer Wahl, um dezentral arbeiten zu können.

Kontakt mit anderen Menschen hatte ich heute das erste Mal wieder. Mit einem älteren Herr hier im Bürohaus, ein typischer „auf die Pelle Rücker“, der im Gespräch immer näher und bis auf 10 Zentimeter an einen ranrückt und versucht, einem die Schulter zu tätscheln. Davon lässt er auch jetzt nicht ab und reagierte pikiert, als ich vor ihm zurückwich. Ansonsten: Nicht mal mehr auf dem Gerät von DHL-Man muss man unterschreiben, der notiert nur noch das Geburtsdatum.

Mittlerweile ist klar, dass uns diese Situation noch Wochen, vielleicht Monate begleiten wird. Allein die Aussicht ist stimmungsdämpfend.

Nette Nachrichten gibt es aber auch, die Umweltverschmutzung geht zurück, die Luft wird sauberer, und in Venedig ist in den Kanälen das Wasser klar. Yay.

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Warum der Corona-Virus besonders in Italien wütet

Hinweis: Der folgende Text wurde zu Beginn der Corona-Pandemie verfasst und soll einen Sachverhalt darstellen, den viele nicht kennen: Dass es mitten in Europa eine große Anzahl chinesischer Unternehmen gibt, die einen regen Austausch mit dem Heimatland pflegen. Das ist eine Tatsache und kann ein Faktor sein, der die Ausbreitung des Virus massiv begünstigt hat. Die Verbreitung aber ganz allein Chinesinnen und Chinesen anzulasten oder sie sogar anzufeinden oder auszugrenzen ist falsch und rassistisch. Rassismus ist dumm und scheiße. Immer.


Hat sich eigentlich mal jemand gefragt, warum ausgerechnet Italien das Land in Europa ist, das am Schlimmsten von Corona-Infektionen betroffen ist? Und dann ausgerechnet im Norden, dem Wirtschaftsmotor des Landes? Eine mögliche Antwort ist sehr naheliegend: Die Zahl der Infektionen könnte deshalb in Norditalien so hoch sein, weil es dort die meisten Chinesen in Europa gibt. Und warum sind die da? Weil dort tausende von chinesischen Fabriken stehen.

Nehmen wir Prato, die zweitgrößte Stadt der Toskana, weil die ein leicht zu recherchierendes Beispiel ist. Prato liegt 20 Kilometer vor den Toren von Florenz, lebt von der Textilindustrie und hat 195.000 Einwohner, davon sind 50.000 aus China.

Wie kommt das? Nun, vor ein Paar Jahren rollten Firmen wie Primark und Co den Bekleidungsmarkt mit einem neuen Konzept auf: Superbillige Klamotten, zu Hungerlöhnen genäht in Schwellenländern wie Bangladesch, verhökert in schnell drehende Kollektionen, die teils schon nach wenigen Wochen wechseln.

Mit diesem Konzept konnten die klassischen Bekleidungsproduzenten, von denen es in Norditalien viele gab, nicht mithalten. Manche versuchten sich mit illegalen Mitteln über Wasser zu halten. Sie holten chinesische Schwarzarbeiter ins Land, die zu sehr geringen Löhnen in den Fabriken schufteten.

Nutzte nicht viel, die italienischen Unternehmen gingen trotzdem reihenweise pleite. Das sprach sich in China herum, besonders in der Turbokapitalistenprovinz Wenzhou, südlich von Shanghai. Textilunternehmer von dort nutzten nun die Gunst der Stunde und übernahmen die italienischen Firmen. Dort machten sie das Primark-Konzept nach, in dem sie „Pronto Moda“ etablierten, schnelle Mode, billig produziert und schnell in den Markt gedrückt. Um das hin zu bekommen, flogen sie Männer und Frauen aus China ein, um in den Fabriken in Italien arbeiten. Teilweise zu Hungerlöhnen und unter schlimmen Bedingungen wie 18-Stunden-Tagen. Akkordarbeit gehört dazu, und in manchen Fabriken schlafen die Arbeiter in Zwischendecken, die in die Werkshallen eingezogen sind. Bekannt wurde das erst, als Ende 2013 eine Fabrik abbrannte, dabei sieben Arbeiter verbrannten und endlich die Nachrichten über diese Zustände berichteten.

Die Verhältnisse haben sich mittlerweile gebessert, zumindest in einem Teil der chinesischen Betriebe. Dort gibt es bessere Arbeitsbedingungen und eine ordentlichere Bezahlung, in denen Arbeiter mit Akkordarbeit pro Monat bis zu 4.000 Euro verdienen. Einige Arbeiter reisen nur kurz ein, arbeiten einige Wochen und kehren dann nach China zurück. Andere versuchen sesshaft zu werden, holen ihre Familien nach, mieten Wohnungen, zahlen Steuern und schicken ihre Kinder in italienische Schulen.

Sesshaft zu werden ist aber nicht einfach. Italien ist ein klassisches Auswanderungsland, auf Einwanderung ist man dagegen nicht eingestellt. Entsprechend gibt es auch keine Einwanderungsgesetze, und von der Zuzugswelle der Chinesen wurde man kalt überrascht. Das zwingt die chinesischen Gastarbeiter praktisch in die Illegalität, wenn sie beschließen zu bleiben. Läuft ihr Touristenvisum ab, tauchen sie einfach unter, leben bei Verwandten oder halt in den Fabriken. Es wird geschätzt, dass von den 50.000 Chinesen in Prato ungefähr 20.000 Schwarzarbeiter sind.

Die Gefahr erwischt zu werden ist gering, und Italien hat eine Besonderheit: Wenn irgend etwas lange genug illegal ist, wird es irgendwann legal. Das gilt für Hausbau in Naturschutzgebieten genauso wie für illegale Migranten. Alle paar Jahre gibt es eine „Sanatoria“, eine Legalisierung, und mit etwas Glück bekommen die Schwarzarbeiter dann Papiere und dürfen bleiben. Das ist natürlich Wasser auf den Mühlen der rechten Faschisten um Salvini.

Im Januar 2020 gibt es 5.000 chinesische Betriebe in und um Prato, das sich dadurch verändert hat. Heute hat Prato die zweitgrößte „Chinatown“ Europas. Italienische Bäckereien bieten Neujahrsfestkuchen an, und Plakate für Veranstaltungen werden auf italienisch und chinesisch gedruckt. Das größte chinesische Viertel Europas ist übrigens nur 300 Kilometer entfernt, in Mailand.

Wirtschaftlich brummt die Region Prato durch den Zuzug, die Arbeitslosigkeit ist niedriger und die Wirtschaftsleistung höher als in anderen Regionen. Die Chinesen haben Italienern keine Arbeitsplätze weggenommen, sie haben neue geschaffen.

Viele Italiener sind trotzdem angepisst, aus unterschiedlichen Gründen. Die Rechten beklagen sich über den Zuzug von Ausländern, klar. Was aber fast noch schlimmer ist: Die Pronto Moda ist eigentlich chinesische Arbeit, darf aber trotzdem das Label „Made in Italy“ tragen. DAS geht gegen die italienische Ehre! Zumal sie in der Vergangenheit oft qualitativ minderwertig war, aber das hat sich geändert. Die Qualität ist deutlich gestiegen, und die ersten chinesischen Unternehmer bereiten den Sprung ins Luxussegment vor, den letzten Teil der Textilindustrie, in dem die Italiener noch die Nase vorn haben. Mal gucken, wie lange noch.

So wie in Prato läuft es noch an anderen Orten in Italien. Im ganzen Land leben und arbeiten heute legal 300.000 Chinesen. Sie liegen dem Staat nicht auf der Tasche, sondern sind findige Unternehmer in verschiedensten Handels- und Dienstleistungsbereichen unterwegs. Sie übernehmen alte Betriebe und möbeln sie auf oder eröffnen neue Geschäfte und schaffen so Jobs. Italien, mit seiner überalterten Gesellschaft, profitiert davon.

So wie auf dem Stiefel geht es auch in anderen Ländern zu. Im Iran haben chinesische Investoren ebenfalls reihenweise Fabriken übernommen oder gebaut und lassen dort Landsleute arbeiten.

Was lehrt uns das nun? Mehrere Dinge. Zum einen, und das war mir überhaupt nicht klar: Globaler Kapitalismus sorgt nicht nur dafür, dass das Geld dorthin geht, wo sich billig produzieren lässt. Er sorgt auch dafür, das Menschen für Arbeit um den Globus ziehen.
Und zum zweiten, bezogen auf Corona: Die Spielform des Turbokapitalismus, wie er in der Bekleidungsindustrie zu finden ist, führt zu ungesunden Clusterbildungen und begünstigt Pandemien. Letztlich, und das ist die dritte Erkenntnis, die man schon vor Corona gehabt haben sollte: Wenn ein Land nicht vernünftig mit Einwanderung umgeht indem es legale Wege der Migration schafft und Integrationsangebote bereitstellt, kann es zu illegaler Einwanderung und Parallelgesellschaften kommen. Dagegen hilft kein nationalistisches „Grenzen zu!“ Gedröhne, die Lösungen sind vielschichtiger und komplexer und – richtig umgesetzt – eine Bereicherung für die Gesellschaft, und zwar ohne Ausbeutung und Rassismus.

Material zum Thema:
– „Made in Italy aus China“ auf meinitalien.info
– „Klein-China in Italien“ auf Deutsche Welle.com
– „Made in Italy – der Etikettenschwindel“ auf Der Tagesspiegel
– „Wohnen in der Fabrik“ auf ZEITonline
– „Chinesische Sklavenarbeit in der Toskana“ auf diepresse.com

Anm.: Das auf dem Bild ist übrigens nicht Prato. Das ist Florenz.

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Einen Monat ohne (13): Wieder da

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit gehabt, das auszuprobieren.

Bis Sonntag lief mein Fahrverbot, am vergangenen Freitag kam schon ein Einschreiben aus Gütersloh mit meinem Führerschein drin sowie den mahnenden Worten, ich solle mir bewusst sein, dass ich erst nach Sonntag, 24:00 Uhr wieder fahren dürfe, weil sonst: Straftat.

Seit Montag bin ich also wieder motorisiert. Und, wie war der autofreie Monat nun?
Interessant war er, und erstaunlich unkompliziert.
Am Herausforderndsten war noch der erste Tag, weil ich quer durch die Stadt zu einem Ladengeschäft und dann rechtzeitig morgens bei der Arbeit sein musste. War machbar, aber stressig. Zum Glück ging es so nicht weiter.

Der Rest des Monats war nahezu völlig unkompliziert und die Gewöhnung recht schnell, nachdem ich erstmal meinen ganzen Tagesablauf umgestellt hatte.

Das alles recht unkompliziert war lag zum einen daran, dass der ÖPNV zwischen Stadt und Dorf im Falle von Mumpfelhausen doch besser ist als ursprünglich befürchtet, zum anderen natürlich an der Vorbereitung. Ich hatte für den Monat keine Dienstreisen angenommen, und auch schwere oder große Dinge wollten nicht eingekauft oder von A nach B bewegt werden. Einzig die Geburtstagsbesuche bei der Familie waren nicht drin, die wohnen auch auf Dörfern, und das wären Tagesreisen gewesen.

Ansonsten hat mir der Monat sogar gut getan. Ich hatte mehr Bewegung, bin früher ins Bett gegangen, habe mehr geschlafen, hatte interessante Erlebnisse und habe tatsächlich so gut wie immer pünktlich nach acht Stunden Feierabend gemacht.

Mein Leben hat sich entschleunigt, und das war gut. Ohne die Möglichkeit ständig überall hin zu können und vielleicht auch zu müssen, habe ich mir mehr Zeit genommen. Für mich selbst, aber auch um einfach mal lange liegen gebliebene Dinge zu tun. Und günstig war der Monat auch noch – 53 Euro für die Busfahrtkarte ist nur die Hälfte von dem, was ich normalerweise allein an Benzin ausgebe.

Was bleibt? Das Wissen, dass es auch ohne Auto geht. Ideal wäre es, gäbe es jetzt im Dorf noch eine Car Sharing-Station. Für den Alltag der Bus, zum Einkaufen und bei Bedarf ein günstiges Leihauto. Das wäre perfekt, dann würde ich tatsächlich auf ein eigenes Auto verzichten wollen.

Außerdem habe ich ernsthaft überlegt, in Zukunft öfter mal den Bus zu nehmen. Das wird vermutlich aber letztlich doch wieder an Bequemlichkeit und Kosten scheitern. Denn wo die Monatskarte mit umgerechnet rund 1,20 Euro pro Fahrt sehr günstig war, kostet das normale Fahrticket dann doch gleich mal 2,20 Euro, und da überlege ich dann doch zweimal ob ich das wirklich will. Milchmädchenrechnung, ich weiß, das Auto ist da nicht günstiger. Es fühlt sich nur anders an.

In der Summe: Die autofreie Zeit hat viel mehr verändert als ich dachte, und sie war gut für mich. Erstaunlich, was aus so einem Geschwindigkeitsverstoß für Erkentnnisse erwachsen können, oder?

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Einen Monat ohne (12): Mach-Deine-Scheiße-Tag-2020

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit, das auszuprobieren.

Der erste Sonntag im Februar ist der MDST, der „Mach Deine Scheiße Tag„. Also der Tag, an dem man endlich den Hintern hoch kriegt und Dinge macht, die schon ewig getan werden müssten und die man schon lange vor sich her schiebt.

Bei mir waren das jetzt eher „Mach Deine Scheiße Wochen“. Klar, konnte ja Abends oder am Wochenende nirgends spontan hin. Wetter war auch meist nicht so dolle, also konnte ich auch mal Dinge tun, für die mir sonst nie die Zeit genommen habe.

Jetzt ist also…

  • …das NAS einem Tip von 1ninesixthree folgend endlich mit Fliegengitter vor Staub geschützt (s.o.)
  • …die Steuererklärung fertig und verelstert
  • …der Keller entrümpelt und aufgeräumt (dabei wurden zwei Kisten alte Kabel entsorgt. War klar, das unmittelbar darauf was kaputt ging und ich von exakt diesen Kabeln was gebraucht hätte)
  • …die Regale im Wohn- und Arbeitszimmer um insgesamt sechs Böden erweitert (Was komplizierter war als es sich anhört, weil dafür alles möglich um- und ausgeräumt werden musste)
  • …die Bibliothek aufgeräumt (wobei sich erstaunlich viele Bücher entdeckt habe, die ich noch gar nicht kannte. Ich glaube, die vermehren sich, wenn keiner hinguckt)
  • …die Filmsammlung aufgeräumt, was ein wenig wie Memory war (weil ich tatsächlich mehrere Filme schlicht doppelt besitze, wie ich erstaunt feststellte.)
  • …die Filmsammlung inventarisiert (720)
  • …im Bad eine neue Lampe angebracht.
  • …das Arbeitszimmer entrümpelt (3 Müllsäcke voller Zeugs, was noch nie Joy sparkte)
  • …die Sommertour recht weit geplant.
  • …und sogar Großvaters Kabeltrommel hat einen neuen Stecker bekommen. Das wollte ich schon seit 11 Jahren machen.

War also erstaunlich produktiv, der autofreie Monat.

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Einen Monat ohne (11): Und dann war da noch…

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Und dann war da noch…

… die Feststellung, dass ich bis zu 480 Tweets auf dem Weg zur Arbeit lesen kann.

… die Frau, die beim Einsteigen in den Bus ihre Wochenkarte hochhielt. Normalerweise gucken die Fahrer da nicht hin und wir Fahrgäste gehen einfach durch. Aber diese Frau war der Typ „pensionierte Lehrerin“ und wollte sich damit nicht zufriedengeben. „JUNGER MANN!“, sagte sie in diesem typischen Lehrerinnentonfall, der selbst in erwachsenen Männern noch sofort das Schulkind strammstehen lässt. „Sie müssen schon hingucken, wenn ich ihnen meine Karte zeige! Und auf diese Entfernung können sie doch gar nichts erkennen!“ Damit hielt sie ihm das Ding direkt vor die Nase. Der 50jährige Fahrer kriegte rote Ohren und guckte angemessen schuldbewusst.

… die Tatsache, dass alle Pendler gerne in ihre Smartphones gucken. Manche lesen darin Bücher, manche spielen ein Spiel, andere lesen Zeitung, gucken Nachrichten oder chatten. Wenn diese morgendliche Routine der inneren Einkehr gestört wird von, sagen wir mal, einer älteren Dame Typ „pensionierte Lehrerin“, die der Meinung ist, das sei soziale Vereinsamung und man müsse sich doch jetzt mal unterhalten und dann damit beginnt über ihre nicht vorhandenen Gewichtsprobleme und das therapeutische Trommeln ihres Mannes zu berichten, dann reizt das die Nerven aller Menschen in Hörweite nicht unerheblich.

… die alte Dame, die dem gerade eingeschulten Tobi mit großem Ernst erzählte, wie sie nach Mumpfelhausen gezogen ist und er ihr im Gegenzug berichtete, welche Umstellungen das Konzept „Schule“ für ihn bedeutet. Die Geschichten spielen keine Rolle, bemerkenswert war, wie konzentriert und ernsthaft die beiden ins Gespräch vertieft waren und das die Dame im Omaalter den Tobi nicht wie ein Kind behandelte, sondern ganze und komplizierte Sätze sprach und er interessiert zuhörte, und umgekehrt.

… der Busfahrer, der 100 Meter vor der Endhaltestelle stoppte, die Türen des Busses öffnete, rausprang… und verschwand. Die Fahrgäste waren erst irritiert, begannen sich dann aber zu berappeln und zögerlich auszusteigen und nach Hause zu gehen. Vom Fahrer keine Spur mehr, der Bus blieb auf der Dorfstraße stehen, zumindest so lang wie er in meiner Sicht war.

… der Typ, der sich breitbeinig auf den einen und seinen Rucksack auf den anderen Sitz wuchtete und sofort auf einem Handy mit aktivierten Tastentönen rumtippte. Aus den Augenwinkeln sah ich nagelneue Jeans, geölten Hipsterbart und Seidenschal und dachte „Ah, Jurastudent. Arschloch.“ Dann nahm ich den Manbun und die Nickelbrille wahr und dachte „Ah, BWL-Student. Arschloch.“ Aber dann stieg der gar nicht an der Uni aus. Ich muss zugeben, meine Schubladeneinordnung ist an dem Typen zerschellt. Ein Arschloch ist er trotzdem.

… die Überraschung, das die Fußgängerzone morgens keine Fußgängerzone ist, sondern eine große Parkfläche für hausgroße SUV und alten Männern in riesigen Mercedessen. Manche haben sich verfahren, andere sind Ladenbesitzer, wieder andere haben so viel Kohle, dass es ihnen schlicht egal ist, wenn das Ordnungsamt sie erwischt, weil ein Strafzettel sie quasi nichts kostet. Hauptsache, sie können direkt vor dem Geschäft parken. Boomer, halt.

… das Mädchen, das plötzlich anfing sich auszuziehen. Mitten im Bus und bei Außentemperaturen von 3 Grad minus. Sie wollte wohl an der nächsten Haltestelle Laufen gehen und trug unter den langen Hosen Shorts, trotzdem erntete sie irritierte Blicke.

… der Typ, der am Telefon sein Gehalt und seine Joblage herumtrötete. Der ganze Bus weiß jetzt, was er brutto verdient, was er netto verdient, was er von seinen neuen Kollegen hält und in welcher Abteilung er im Klinikum arbeitet. Und noch etwas weiß der Bus nun: Das der Typ zwar einen Doktortitel hat, aber nicht besonders helle ist.

… die Erkenntnis, dass es auf dem Markt immer noch einen Scherenschleifer gibt! Und das es noch einen Markt gibt!

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Tip-Top Genius that invented inventions

Sowas kommt dabei raus, wenn der Texter einer Ausstellung zu viele Trump-Reden geguckt hat:

„Archimedes was a unique and tiptop genius in the spiritual world of all times. He passed on to the global culture great theses in the fields of all the ancient sciences and most of all, he became the springboard for the development of the modern science, while at the same time he invented a lot of inventions.“

(„Archimedes war ein einzigartiges tippi-toppi-Genie in der spirituellen Welt aller Zeiten. Er gab große Thesen an die weltweite Kultur auf allen Gebieten der antiken Wissenschaft weiter und wurde zum Sprungbrett für die Entwicklung der modernen Wissenschaft während er gleichzeitig Erfindungen erfand“)

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Einen Monat ohne (8): Müde

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit, das auszuprobieren.

Woche zwei und Tag 15 des Fahrverbots.
Mein Gott bin ich müüüüüüüde. Ist halt doch ein Unterschied, ob ich morgens aus dem Bett direkt unter die Dusche rolle, ins Auto falle und acht Minuten später am Schreibtisch sitze oder, wie jetzt, nach dem Aufstehen zum Bus laufen muss, dort 5-10 Minuten warten darf (der Stadtbus kommt nie pünktlich), dann 30 Minuten fahre (geplante Fahrzeit ist 20 Minuten, aber das schafft der Bus nie) und dann nochmal 15 Minuten laufen muss.

Der längere Weg bedingt ein früheres Aufstehen, eine ganze Stunde eher, und DAS bedeutet, dass ich Abends eigentlich wesentlich eher ins Bett muss und DAS kriege ich gerade nicht hin. Deshalb: Müüüüüde. Gähn.

Ist echt erstaunlich, aber ich muss trotz des recht guten ÖPNV tatsächlich meinen ganzen Tagesablauf umstellen.

Lacher am Rande: Heute war Post vom Landkreis Pyrmont im Briefkasten. Ich habe meinen Lappen ja im Kreis Gütersloh verloren, als ich auf der Rückfahrt von einem Kunden war. Nun hat es einen Kollegen von erwischt. Gleicher Kunde, gleicher Mietwagen, zum Glück unterhalb der Schwelle wo es richtig weh tut. Trotzdem: Diesen speziellen Kunden zu besuchen ist offensichtlich ebenso teuer wie gefährlich.

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Einen Monat ohne (6): Post aus Gütersloh

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Post aus Gütersloh? Heute? Was wollen die denn jetzt noch?

Ah, Frau Webermann schreibt, dass mein Führerschein eingetroffen ist und jetzt bei ihr in der Schreibtischschublade liegt. Bis zum 02. Februar. „Er wird Ihnen rechtzeitig übersandt“, schreibt sie und gibt mir mit auf den Weg: „Vor Ablauf dieser Frist dürfen Sie kein Kraftfahrzeug führen, folglich auch kein Mofa.“ Aha. Auf diese seltsame Idee, die hier auch schon mehrfach in den Kommentaren genannt wurde, kommen wohl viele. Ein Verstoß gegen diese Anordnung sei eine Straftat, nicht nur eine Ordnungswidrigkeit, werde ich noch belehrt. Na dann.

Der Brief ist hoffentlich der vorletzte, den Frau Webermann in der Sache versenden muss. Sie hat nämlich schon ganz viele geschrieben. Als es mich erwischt hat, war ich ja in einem Mietwagen auf Dienstreise.

Der Ablauf war dann, nun, etwas komplexer:

  1. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an den Halter des Fahrzeugs, in dem Fall das Mietwagenunternehmen. Das erklärt, das eine Firma den Wagen gemietet hatte, weiß aber nicht, wer gefahren ist.

  2. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an meine Firma. Die erklärt, dass sie wohl den Wagen gemietet habe, aber wer da gefahren sei… da müsse man erstmal in den Akten nachgucken. Zeit vergeht. Dann stellt sich raus, dass tatsächlich ein Mitarbeiter gefahren ist, ein gewisser Herr Silencer.

  3. Frau Webermann schickt einen Anhörungsbogen an mich. Ich erkläre, das ich gefahren bin und nur zu schnell war, weil ich geträumt habe, und ob das nicht reiche um 1 km/h weniger und damit vielleicht kein Fahrverbot…?

  4. Frau Webermann amüsiert sich, bedankt sich für die „ausführlichen Angaben zur Sache“ und fragt, ob ich ein Härtefall sei. Ich verneine.

  5. Frau Webermann verhängt ein Bußgeld und ein Fahrverbot und schickt mir das per Brief. Ich schicke ihr Geld und meinen Führerschein. Sie gibt mir zwei Punkte in Flensburg. Geben und Nehmen.

  6. Frau Webermann bescheinigt mir den Eingang des Führerscheins und sagt ich darf kein Moffa fahren. Dabei würde ich selbst mit Führerschein kein Moffa fahren wollen.

Ach ja, und zwischendurch habe ich noch zwei Mal mit ihr telefoniert. Frau Webermann ist wirklich nett. Und fleißig muss sie sein. Wenn jeder rasende Trottel im Westfalenland nur halb so viel Aufwand verursacht wie ich, hat sie gut zu tun.

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Einen Monat ohne (4): Verlängert

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Gestern noch gefreut: Der erste Tag nach der Weihnachtspause, und trotzdem war der morgendliche Bus leer.

Tja.
Stellt sich raus, dass erst heute wieder Schule ist. Warum auch immer, Allerheiligen oder Dreikönige oder Maria Hilf oder wie auch immer das hieß, was die südlichen Länder gestern als seltsamen Feiertag hatten, kennen wir ja in Niedersachsen nicht.

Unschön: Deshalb heute morgen erstmals Menschenmassen an der Bushaltestelle im Dorf. Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur zweiten Stunde, Studentinnen und Studenten auf dem Weg zur Bibliothek* und jede Menge Erwachsene, die meisten davon im Omi- und Opi-Alter.

Schön: Die Stadtwerke skalieren mit und haben ihren Bus verlängert, eingesetzt wird jetzt einen Langbus mit Gelenk. Deshalb fanden alle einen Sitzplatz.

Unschön: Ich fand Platz neben einem Opa, der sich alle zwei Sekunden feucht räusperte und mir dabei auf Hand und Ärmel speichelte. ÖPNV ist halt auch unhygienisch.

Unschön: Es ist nass und kalt. Bewegung am Morgen ist ja nett, aber nicht bei 2 Grad durch Nieselregen, das ist bäh. Notiz an mich selbst: Ab jetzt immer Schirm mitnehmen.

Schön: DHL lässt ausrichten, dass mein Führerschein tatsächlich vergangenen Freitag in Gütersloh eingegangen ist. Immerhin. Das Tracking war sich da lange uneins, und ich hatte schon befürchtet der dreht eine Feiertagsrunde oder sowas und wird Montag erst zugestellt. Damit hat das Fahrverbot aber tatsächlich am Freitag begonnen, und das heute ist Tag 5.


  • Streber. Zu meiner Studentenzeit bin ich nur so früh aufgestanden wenn ich wirklich musste, und nicht, weil „um vor 8 die Bib so schön leer ist, da kann man so gut lernen“. Bah.
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Einen Monat ohne (3): Transportprobleme

Wie ist das eigentlich, wenn die individuelle Mobilität zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dann aber plötzlich wegfällt? Dank eines Fahrverbots habe ich einen Monat lang die Gelegenheit das auszuprobieren.

Der Bus um 07:13 Uhr ist noch angenehm leer, die Straßen auch. Gefühlt 90 Prozent aller Menschen sind noch im Winterurlaub.

Heute ist der erste Tag des Fahrverbots, falls alles geklappt hat und mein Führerschein in Gütersloh angekommen ist. Passend dazu: Heute die erste reguläre Fahrt mit dem Bus.

Vom Dorf bis mitten in die Innenstadt, von da sind es dann noch einmal 15 Minuten zu Fuß bis zur Arbeit. Kleiner Unterschied zum normalen „Ich rolle aus dem Bett, falle an der Dusche vorbei und bin 8 Minuten später am Schreibtisch.“ Aber gut, habe ich morgens gleich mal Bewegung.

Fahrradfahren ist übrigens gerade nicht meine bevorzugte Option, Elektrodienstrad hin oder her. Es regnet, und zwischen Dorf und Stadt liegt ein Bergrücken mit steilen Flanken und unbefestigten Waldwegen, die bei dem Wetter zu Schlammpisten werden.

Unvermittelt tut sich ein neues Problem auf. Ein Baumarkt hat sich dazu herabgelassen, endlich die Magnettafel zu liefern, die ich Anfang Dezember bestellt habe. Die ist nicht schwer, aber sperrig. Dazu kommen noch die Bodenmatten, die ich gestern gekauft habe.

Sonst denke ich nie darüber nach, wie ich solchen Kram transportieren kann – einfach in den Kofferraum schmeißen und gut is. Jetzt muss ich mir tatsächlich Gedanken machen, wie ich das transportiert bekomme. Kriege ich die Teile im Bus mitgenommen? Auf ein Mal ganz bestimmt nicht.

Unvermittelt tut sich auch dafür eine Lösung auf, ein Arbeitskollege wird mir die Sachen am Wochenende vorbeibringen. Sehr schön.

Unschön: Zukünftig muss ich darauf achten, keine sperrigen Gegenstände mehr zur Arbeit zu bestellen. Obwohl… Nach Hause geht ja auch nicht. Da ist ja nie jemand, und wenn eine Zustellung auf dem Dorf nicht möglich ist, werden die Pakete zur Zentralpost am Hauptbahnhof gebracht und müssen dort abgeholt werden. Eine Packstation gibt es auf dem Dorf auch nicht. Die einzige Lösung wäre: Sperrige Sachen so bestellen, dass sie Samstags ankommen.

Das ist eine interessante Erkenntnis: Ich dachte immer, Onlinebestellungen seien super für Leute ohne Auto. Wenn man aber berufstätig ist, sieht das schon ganz anders aus. Hatte ich mir nie Gedanken drum gemacht, aber tatsächlich hat Mobilität auch Auswirkungen darauf, was und wie man online bestellen kann.

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Unweihnachtlich

Seltsam unweihnachtlich ist es in diesem Jahr im Hause Silencer.

Ich kam Ende November von einer Reise zurück und trage seither das Gefühl mit mir herum, dass jetzt eigentlich Januar sein und dieses ganze Weihnachtskram doch lange vorbei sein müsste. Das ist vermutlich das größte Jetlag, was jemals jemand hatte: Das Gefühl, dass hier nicht um ein paar Stunden was nicht stimmt, sondern um zwei Monate.

Wie dem auch sei, ich fühle mich dieses Jahr unweihnachtlich und zelebriere das auch. Kein Weihnachtsbaum, dafür eine blühende Agathe. Keine ausufernden Weihnachtsbesuche, sondern nur den wichtigsten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich nicht darüber freue, dass so viele von Euch an mich gedacht haben – die Anzahl an Karten, Mails und was hier sonst noch so in den vergangenen Tagen eintrudelte ist erstaunlich. Ihr seid die Besten!

Und auch wenn eigentlich Januar ist: Euch allen ruhige Festtage!

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