RSS

Archiv der Kategorie: Ganz Kurz

Reserviert

Hannover. Bahnhof. Ich falle in einen Sitz im Großraumwagen des Intercitys. Hinter mir piepen die Türen und schließen sich, dann fährt der Zug an. Ich hole das Buch raus und stecke die Nase rein. Aus dem Ohrenwinkel höre ich, wie sich zwei junge Frauen nähern. „Guck mal da… Das passt doch, oder? Hannover Göttingen und ah, da ab Göttingen… der müsste doch“ „Komm, wir fragen mal“.

Die tuscheln über meinen Platz, fällt mir auf. Und tatsächlich spricht mich die mutigere der beiden an. „Entschuldigen Sie?“ Ich blicke auf. Junge Frau ist fast schon zu hoch gegriffen, sie ist eher noch ein Mädchen. Ein vielleicht 18jähriges Blondie mit einer dieser gigantischen Nerdbrillen, im Schlepptau einen Rollkoffer, der doppelt so groß ist wie sie.

„Ja?“, sage ich. „Die Plätze hier sind reserviert“, sagt Blondie. Ich sehe sie fragend an. Was will die von mir? Der Platz auf dem ich sitze ist erst ab dem nächsten Halt reserviert. Sie merkt meine Begriffsstutzigkeit und hilft mir auf die Sprünge „Also, der neben ihnen ist ja reserviert für Leute, die von Hannover nach Frankfurt fahren. Und ich fahre von Hannover nach Frankfurt, also darf ich mich da hinsetzen. Und ihr Platz, der ist ja für Leute, die von Göttingen nach Frankfurt fahren. Wir sind ja noch nicht in Göttingen, deshalb müsste der ja jetzt leer sein, und deshalb könnte da jetzt meine Freundin sitzen.“

Ich muss an mich halten, um nicht vor Lachen rauszuplatzen. Nie hätte ich gedacht, dass jemand das Reservierungssystem so krass missverstehen kann. Die Logik weltfremder Teenagerinnen. Zum Brüllen komisch.

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 24. September 2016 in Ganz Kurz

 

Brotkäfer

Es begann im vergangenen Oktober. Plötzlich war mein Arbeitszimmer voller kleiner, brauner Punkte, die sich bewegten. Winzigkleine Käfer, vielleicht ein bis zwei Millimeter groß und fast kugelrund.

IMG_6658

Sie krabbelten über die Wände, auf dem Fußboden, und im Schein der Schreibtischlampe rotteten sie sich zu Klumpen zusammen. Es war widerlich, überall bewegte sich was.

Eine kurze Internetsuche identifizierte die Invasoren als Brotkäfer. Sind mancherorts recht verbreitet und eigentlich gar nicht so ungewöhnlich. Was mich aber irritierte: Das sind Fressschädlinge, die normalerweise dort vorkommen, wo Lebensmittel gelagert werden. In meinem Arbeitszimmer gibt es aber keine Lebensmittel, da gibt es nur große Regale voller Bücher und Filme. Wovon ernährten sich die Brotkäfer also? Und woher kamen sie?

Zunächst kontrollierte ich alle alten Bücher, die in Leinen und Leder gebunden sind oder eine alte Leimung haben. Nichts. Dann untersuchte ich die Pflanzen im Raum und stellte die Theorie auf, dass die auf dem Balkon mit Käfern infiziert worden waren und beim Einwintern des Grünzeugs die Viecher mit ins Haus gezogen waren. Also entsorgte ich die Pflanzen. Die Brotkäfer blieben.

Als letztes hatte ich den Apfelbaum vor dem Haus im verdacht. Der hatte reichlich getragen, Fallobstreste gammelten noch auf der Wiese rum. Vielleicht ernährten sich die Brotkäfer dort und kamen dann durch Spalten im Fensterrahmen ins Haus.

Dann fuhr ich zwei Wochen weg, und als ich zurückkam, lagen tausende von Brotkäfern tot auf dem Boden. Das große Krabbeln hatte ein Ende gefunden. Dachte ich.

Im Mai, fast genau 200 Tage später, ging es wieder los, was dem Brutzyklus der Käfer entspricht. Die erneute Invasion war nicht so schlimm wie die erste, nur ein paar hundert Käfer wuselten über die Wände. Trotzdem Bäh, und ihre Herkunft und Nahrungsquelle blieben ein Rätsel. Bis gestern.

Gestern wühlte ich auf der Suche nach was ganz anderem eine Archivkiste mit Urlaubserinnerungen durch. Zwischen Stapeln von Fotos, alten Quittungen und Landkarten steckte ein kleines Lebkuchenherz, dass das Wiesel mal aus München mitgebracht hatte. Als ich das Herzchen sah, war mir klar: DAS musste Brotkäfer-City gewesen sein!

IMG_8985

IMG_8986

Der Lebkuchen war quasi von oben bis unten durchlöchert. Nach der Entsorgung juckten übrigens die Hände wie irre. Entweder die Freßüberreste oder der Kot der Käfer scheint sehr reizend zu sein.

Zusammen mit einigen anderen Infos ergibt das ganze nun einen Sinn: Die Käfer waren zu mir im Inneren eines Gast-Stofftieres gekommen. Das hatte eine Dinkelfüllung und verlor weißes Puder, was ich damals schon seltsam fand. Das muss Dinkelmehl gewesen sein, das die Brotkäfer im Inneren erzeugten. Das Gaststofftier lag kurz in der Archivbox, dort gründeten die Brotkäfer dann eine Kolonie im Lebkuchenherz und starteten ihre Invasionen.

Damit ist das Geheimnis der Brotkäfer gelöst, und ich hoffe sehr, dass ich von weiteren Attaken veschont bleibe. Faszinierend ist es aber schon, wie sich solche Viecher immer wieder neue Wege und Behausungen suchen.

 
9 Kommentare

Verfasst von - 30. August 2016 in Ganz Kurz

 

Kuhhof, Nachtrag

mukka8

Ein Nachtrag zum kleinen Kuhhof mit glücklicherweise guten Nachrichten. Gerade kam eine Mail aus Accumoli hier rein:

„Per fortuna stiamo tutti bene, spaventati e tristi ma vivi.
Anche le strutture hanno retto bene, qualche crepa ma sono agibili.“

„Wir stehen immer noch unter Schock und sind traurig, aber zum Glück sind wir am Leben und es geht uns gut. Unsere Gebäude haben etliche Risse, aber sie haben gehalten und wir können den Betrieb weiterführen.“

Ich mache mal ein ganz lautes PUH der Erleichterung. So eine Katastrophe wird doch ganz schlimm greifbar, wenn man die betroffenen Orte und vielleicht sogar Leute dort kennt.

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 27. August 2016 in Ganz Kurz

 

Girocard oder VPay oder Maestro?!?

Und dann stand ich da wie Max-inne-Möhren, glotzte auf das PIN-Pad an der Kasse und versuchte zu enträtseln, was es von mir wollte. Als ich es verstanden hatte, kam ich aus dem Fazialpalmation nicht mehr raus, denn ich hätte NIE gedacht, dass die EU diesen Quatsch durchsetzt.

Ich bin ja glühender Europafan, aber manchmal geht mir die EU auf den Saque. Nämlich immer dann, wenn die Kommission Dinge auf den Weg bringt, von denen von vornherein klar ist, dass sie nicht nur Rohrkrepierer sind, sondern ein fetter Blattschuss ins eigene Knie.

Die Cookieregelung auf Webseiten ist so ein Beispiel. Die nervigen „Wir verwenden Cookies“-Meldungen waren zum Schutz und der Sensibilisierung der Besucher gedacht, haben aber exakt das Gegenteil erreicht: Man hat sich einfach dran gewöhnt, beim erstbesten Popup auf einer Webseite stumpf „OK“ zu klicken ohne es zu lesen. Da könnte auch „wollen sie wirklich ihre Festplatte löschen“, ich würde es nicht sehen und gleich bestätigen.

Das gleiche Kaliber falsch verstandener Transparenz sorgt jetzt für maximale Verwirrung bei Kartenzahlungen. Moderne Karten tragen nämlich etliche Zahlungsmöglichkeiten mit sich rum. Welche an der Kasse verwendet wird, entschied bis vor Kurzem der Händler. Seit Juni gibt es eine Vorschrift, dass der Kunde die Zahlungsmethode auswählen soll, denn „Der Kunde soll Entscheidungsfreiheit haben“. Das ist einigermaßen sinnfrei, denn die meisten Kunden wissen nich mal, das ihre Karte mehr als ein Zahlungssystem hat, geschweige denn was die Unterschiede sind.

Für die meisten Deutschen ist ihre Zahlungskarte „Die Eurocheque-Karte“. Punkt.

Was grandioser Quatsch ist, denn die Eurocheque-Karte gibt es seit 2001 nicht mehr. Ab diesem Zeitpunkt stand EC für Electronic Cash, wobei das seit 2007 Girocard heißt*. Ausgegeben und betrieben wird das Girocard Netz von der Deutschen Kreditwirtschaft, es handelt sich also um eine nationale Debitkarte.

Die ist den international agierenden Finanzkonzernen ein Dorn im Auge, weshalb Mastercard und VISA eigene Debitsysteme geschaffen haben. Die heißen „Maestro“ (Mastercard) und „V Pay“ (VISA). Da diese beiden Konzerne die größten Ausgeber von Karten sind, ist ihre eigene Funktion meist zusätzlich zu Giropay enthalten.

Je nachdem mit welchem Unternehmen die eigene Bank kooperiert, hat die eigene Bankkarte also mindestens zwei Zahlungsfunktionen: Giropay oder Maestro/V Pay. Bei den Zahlungsarten Giropay/Maestro/V Pay entschied bis vor Kurzem der Händler was genutzt wurd. Nun soll man als Kunde selbst entscheiden, welches Zahlungsverfahren man verwenden möchte. Was einigermaßen sinnfrei ist, denn für den Kunden entstehen keine Zusatzkosten, egal für welches Verfahren er sich entscheidet.

Für die Händler gibt es aber sehr wohl einen Unterschied, denn je nach Verfahren sind die Gebühren für ihn bis zu doppelt so hoch. Bei Giropay bezahlt der Händler 0,2 Prozent des Umsatzes an die Bank, bei VPAY/Maestro sind es 0,3 bis 0,4 Prozent. Will man seinem Einzelhändler was Gutes tun, sollte man also die Giropay-Funktion verwenden. Will man ihn ärgern, V Pay/Maestro.

Bis sich rumgesprochen hat, dass dieser ganze Auwahlquatsch völlig Mumpe ist, dürfte das zu Verwirrung, Erkläraufwand und damit längeren Wartezeiten an den Kassen führen. Danke, EU! (Ich habe Dich aber trotzdem lieb)

In Teil II: Alle Verfahren, die eine Karte so können kann.

*(Die Deutsche Kreditwirtschaft hatte nämlich schlicht vergessen sich den Markenterm „EC“ zu sichern und musste die Karten deshalb umbenennen.)

 
6 Kommentare

Verfasst von - 25. August 2016 in Ganz Kurz, Service

 

„A Night to Remember“ und andere Witcher-Trailer

„The Witcher – Wild Hunt“ ist vermutlich das beste Fantasy-Spiel, das bislang gemacht wurde. Der Launch im Mai 2015 ging an mir vorbei, genau wie die vielen, unfassbar coolen Trailer. „A night to remember“ gehört dazu: In einem drei Minuten werden alle relevanten Spielmechaniken gezeigt, und dabei sieht das Ding aus wie ein spannender Kurzfilm. DAS, Freunde, ist Kunst.

Aber Witcher III kann noch mehr.

Read the rest of this entry »

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 23. August 2016 in Ganz Kurz

 

Wie Trailer Filme kaputtmachen

Trailer schneiden ist eine hohe Kunst, und wenn man es richtig machen will, extrem zeitaufwendig. Wenn man beim Trailer aber schludert, kann das Filme schwer beschädigen. Drei Fallbeispiele.

Beispiele für schlechte Trailer gibt es zuhauf. Gestern im Kino lief bspw. der Trailer „SMS für Dich“, dem neuen Karoline-Herfurth-und-Nora-Tschirner-Vehikel. Er begann recht verheissungsvoll, glitt dann aber ab in „Ich erzähle den kompletten Film in drei Minuten“, inklusive der Preisgabe storyentscheidender Wendungen. So einen Trailer guckt man und denkt am Ende „OK, danke, jetzt brauche ich den Film nicht mehr zu sehen“.

Ein besonders schlimmer Fall von „Ich erzähle den Film und anhschliessend guckt den keiner mehr“ war übrigens Terminator GeniSYS. Kein schlechter Streifen, aber der Plotpivot, das John Connor nun böse ist, der gehörte nicht vorab verraten.

In letzter Zeit trifft man vermehrt auf schlechte Trailer der Marke: Hat mit dem Film nichts zu tun. „Ghostbusters“ gilt mit fast einer Million Dislikes als grottigster Trailer, der je auf Youtube veröffenlicht wurde. Zu recht, denn er ist mies geschnitten, hat ein lausiges Pacing und der Einsatz der Musik ist unteirdisch. Vor allem stellt er aber die Charaktere falsch dar und behauptet, das Reboot sei eine Fortsetzung. In meinen Augen ist das Ding kein Trailer, das ist Sabotage.

Anderer Fall der jüngsten Vergangenheit: Der erste Trailer zu „Star Trek: Beyond“. Ebenfalls schlimm geschnitten, völlig vergurkte Musikauswahl und seltsamste Aneinanderreihung von Bildern, so dass das fast nach einem neuen „Fast & Furious“ als nach Star Trek aussah. Der Trailer war so schlimm, dass Drehbuchautor Simon Pegg sich dafür entschuldigte und Regisseur Justin Lin beteuerte eiligst, dass der Film ganz anders sei. Was stimmt.

Warum kommt ein Trailer ins Netz und in die Kinos, den nicht mal die Filmmacher gut finden? Ganz einfach: Weil Trailererstellung aufwendig ist, wird das immer öfter an Externe outgesourced und von Schlipsträgern vom Studio beaufsichtigt. Es gibt Firmen, die sind auf Trailer spezialisiert, und etliche sind auch extrem gut darin*. Ein Trailer sollte nach Möglichkeit die Tonalität und das Feeling des Werks einzufangen und wiedergeben. Manchmal gelingt das aber nicht, und dann kommt ein Trailer zu einem völlig anderen Werk dabei heraus.

Den krassesten Fall von so einem „Thema verfehlt“-Trailer dürfte der zu „Suicide Squad“ sein. Der Film fährt gerade vernichtende Kritiken ein. Unter anderem deshalb, weil er wirkt, als hätte man versucht zwei verschiedene Filme zusammen zu kleben. Der Witz dabei: Genau das ist der Fall.

Wenn stimmt, was man aktuell liest, ist Folgendes passiert: Der Film wurde gedreht mit dem Ziel einen düsteren und erwachsenen Streifen abzuliefern. Dann hat eine externe Firma aus dem Rohmaterial einen Trailer zusammengeschnitten, der massiv auf Musikuntermalung setzte und zudem einen recht locker-spaßigen Grundton vermittelte:

Der Trailer kam massivst gut an, jeder mochte ihn – und dem Regisseur und dem Studio war plötzlich klar, dass sie hier einen Film  anpriesen, den es so nicht gab. Hektisch wurden zwei Schnittfassungen des Films erstellt. Eine Fassung war so düster und ernst wie ursprünglich intendiert, die andere spaßiger und anders mit Musik unterlegt, so wie der Trailer. In Fokusgruppentests kam die lockere Fassung besser an, und so wurde die Trailerfirma beauftragt massive Nachdrehs zu leiten, um die andere Tonalität irgendwie umgesetzt zu bekommen. Die nachgedrehten Szenen wurden dann eiligst in das vorhandene Material eingepasst und plakative Popmusik über jede zweite Szene gelegt.

Das Resultat ist ein Film, der zwei Visionen folgt, und das immer abwechselnd. Ein Frankenstein-Film, der aus unterschiedlichsten Teilen zusammengepatcht wurde und nun vorne und hinten auseinanderfällt.

Trailer können also Filme auf mehrer Arten zerstören. Sie können dem Werk wirtschaftlich massiv schaden (Ghostbusters), vollkommen andere Erwartungen wecken (Star Trek) oder sogar den Aufbau und den Ton des Films komplett über den Haufen werfen, wenn die Schlipsträger des Studios kalte Füße bekommen (suicide Squad).
Schön ist das alles nicht.

————–
* Gehört hier nicht hin, aber die Rendertailer von Digicpictures sind Kunstwerke, die eine eigene Geschichte erzählen, dem Werk treu bleiben UND Informationen liefern.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 21. August 2016 in Ganz Kurz

 

August in Deutschland

Äh. Tiefste Temperatur heute Nacht: 4 Grad. Beim Aufstehen: 7 Grad.

160811

Ey, pass mal auf, Wetter: Wenn es jetzt sogar im Sommer hier so ist, dass ohne Fleecejacke, Wärmflasche und Handschuhe nix mehr geht, dann sind wir fertig miteinander. Dann wandere ich aus, in wärmere Gefilde.

 
8 Kommentare

Verfasst von - 11. August 2016 in Ganz Kurz

 

Mittelstandserlebnisse

Ich hatte mich ja neulich schon ein wenig über den metallverarbeitenden Mittelstand amüsiert, dem irgendwie schon klar ist, dass man irnzwat mit Internet machen muss, aber noch nicht richtig dort angekommen ist.

Durch die Reparaturmaßnahmen am Motorrad hatte ich es jetzt in rascher Folge mit drei solchen Betrieben zu tun, und irgendwie hat es jeder geschafft irgendwas zu versieben.

Betrieb Nummer 1 liefert zwei Ersatzteile, eines davon ist aber krumm und schief zusammengeschweißt.

Krumm und schief...

Krumm und schief…

Darauf angesprochen, dass das so unmöglich passen kann, kommt freundlich, aber lapidar die Kernaussage: Ist halt so, nehmen Sie es so oder lassen´ses. Ich wollte es dann lieber lassen únd eine Gutschrift für das eine Teil. Dann war erstmal zwei Wochen Funkstille, dann eine Meldung: Man hätte meine Bankdaten nicht mehr, die möge ich bitte mal einreichen. Gesagt, getan – und prompt mehr Geld gutgeschrieben bekommen als erwartet, nämlich nicht nur den Preis des schiefen Teils, sondern der kompletten Lieferung. Weil ich ehrlich bin, also wieder hinter denen hergelaufen und eine teilweise Rücküberweisung einer Gutschrift für eine Überweisung angestoßen.

Betrieb Nummer 2 hat Ersatzteile geliefert, die leider nicht gepasst haben. Das war meine Schuld, die Renaissance ist so oft modifiziert worden, da hätte mir klar sein müssen, dass das nicht passt. Aber gut, übers Netz bestellt, hat man halt Widerufsrecht. Um das auszuüben muss man nur das Widerrufsformluar aus der Bestellmail ausdrucken, ausfüllen und denen faxen. Zwar kann man auch über die Fancy Website mit den großen Fotos eine Rückgabe beantragen, was mit diesem Antrag aber passiert weiß niemand. Das verprochene Retourenetikett gibt es jedenfalls nicht, die Rücksendung zahlt der Kunde selber. Was vollkommen OK ist, aber dann sollte bitte drauf verzichtet werden kostenlose Retouren zu versprechen. Die Bestätigung einer Gutschrift kommt dann per Post, das Geld lässt sich aber wochenlang nicht wieder blicken. Weil per Paypal Geld erstatten, uh, unheimlich.

Betrieb Nummer 3 hat nette Mitarbeiter, die gerne Dinge reparieren. Die Mitarbeiter sind aber nicht per Mail erreichbar, die ganze Firma hat nur eine Mailadresse. Man erwischt die nur per Telefon, aber die Durchwahlen geben sie nicht raus. Dann soll man ihnen die zu reparierenden Dinge zuschicken. Aber bitte nicht im August, denn da mache man Inventur und nehme schon deswegen keine Pakete an, erst im September sei man wieder für die Kunden da.

Was ich geradezu bezaubernd fand: Alle drei Unternehmen bewegen sich auf dem ungewohnten Dienstleistungsparkett wie tapsige Bärenjungen auf Glatteis. Ihre Strukturen sind nicht auf Kundenkontakt ausgelegt, aber sie wagen es trotzdem. Dabei gehen Sachen schief, aber alle drei Betriebe haben es hinbekommen, durch schnelle Reaktionen und echte Freundlichkeit einen guten Eindruck zu hinterlassen. Man hat es halt bei denen mit Menschen zu tun, nicht mit Konzernen. Menschen machen nunmal Fehler, aber wenn sie sich dann nicht gebärden wie Arschlöcher, sieht man ihnen das doch gerne nach.

 
3 Kommentare

Verfasst von - 4. August 2016 in Ganz Kurz, Motorrad

 

Montagmorgen

Montagmorgen, auf dem Weg zur Arbeit. Direkt hinter der Kurve am Ende des Waldes steht jemand mitten auf der Gegenspur der Straße. „Depp“, denke ich, während ich um ihn rum kurve.

Dann sehe ich, dass der da nicht freiwillig rumsteht wie Max inne Möhren. Zu seinen Füßen liegt eine Frau auf dem Asphalt, neben ihr ein Fahrradhelm und ein Stück weiter das zugehörige Fahrrad. Offensichtlich ein Unfall. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein halbes Dutzende Personen. Es kümmert sich also schon jemand, ich werde da nicht gebraucht. Dann bremse ich doch, halte an und laufe zurück.

Eine junge Frau telefoniert aufgeregt mit dem Notruf. Sehr gut, das ist also erledigt. Drei Autos haben bereits gehalten, aber niemand hat die Unfallstelle gesichert. Ich will gerade etwas sagen, da kommt einer der Fahrer selbst auf die Idee, dass man an beiden Seiten der Kurve Warndreiecke aufstellen könnte. Bleibt die Frau auf dem Asphalt, neben der ein junger Mann kniet und nicht weiß, was er machen soll.

Sie ist ansprechbar, kann sich aber nicht bewegen. Ihre Schulter und Hüfte tut weh, was passiert ist, weiß sie nicht. Das klingt nach Hirnerschütterung. Sie bittet darum, dass ihr Mann und ihre Arbeit informiert werden. Eine junge Frau übernimmt das mit dem Handy der Verunfallten, der junge Mann lagert auf mein Geheiß ihre Füße hoch. Nicht zu früh, denn jetzt setzt der Schockzustand ein und die Hirnerschütterung haut richtig durch, die Frau vergisst Sachen, wiederholt sich und spricht immer undeutlicher. Ich kann nicht viel mehr machen als mich mit ihr ruhig zu unterhalten. Versichern, dass gleich Hilfe da ist. Darüber scherzen, dass sowas einem echt den Tag verderben kann. Ihr gut zureden. Dann hält bereits der Krankenwagen neben uns.

Manchmal ist das Timing der Welt seltsam. Am Samstag habe ich erst einen Auffrischungskurs in erster Hilfe besucht, und schon zwei Tage später komme ich wieder in eine Ersthelfersituation. Das ist wie damals, als ich einen Feuerlöscher kaufte und einen Tag später ein brennendes Auto löschen musste. Life is strange.

Und, was soll ich sagen? Allein das Bewusstsein, gerade erst den Kurs gemacht zu haben, hat mir heute mehr Sicherheit gegeben. Ich wäre auch so auf die Situation zugegangen, aber so konnte ich das mit noch mehr Selbstbewusstsein tun. Hat sich also schon gelohnt.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 1. August 2016 in Ganz Kurz

 

Reisetagebuch Shorties (1):Erste Hilfe

35 Prozent aller Unfälle passieren im Haushalt,
30 Prozent in der Freizeit,
25 Prozent bei der Arbeit und nur
10 Prozent im Straßenverkehr.

Das bedeutet: Wenn etwas passiert, dann trifft es mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit jemanden, den man kennt und der einem nahe steht. Weniger oft muss man unvermittelt jemandem helfen, den man gar nicht kennt.

P1050690

Neulich, in Venedig.
Es ist Juni und fast unerträglich heiß. Ich stehe auf einem Balkon in einem Bereich des Dogenpalastes, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Nur in Begleitung von Adriana darf man hier her.

P1020258

Außer Adriana und mir sind noch 5 weitere Personen dabei, ein ca. 50jähriger Franzose mit seinem Sohn und drei Amerikanerinnen, eine Oma samt Tochter und Enkeltochter. Letztere ist ca. 18, dünn und sehr blass um die Nase. Auf den ersten Blick dachte ich, sie täte nur demonstrativ zu Tode gelangweilt, aber nun sehe ich, dass sie mit den Augen rollt weil sie die nicht aufhalten kann.

Wir stehen in der prallen Sonne, es sind über dreißig Grad, und Adriana beeilt sich nicht gerade damit, die Geschichte der Dogen zu erzählen. Das blasse Mädchen schwankt, der Kopf ruckt zur Seite. Achje, warum das denn ausgerechnet jetzt? Ihre Mutter umfasst die schmalen Schultern und führt sie ein paar Schritte von der Gruppe weg, das knickt dem Mädchen schon ein Knie ein. Ich weiß, was als Nächstes passieren wird. Bevor es soweit ist, ziehe ich die schwere Motorradjacke aus und nehme noch einen Schluck aus der Wasserflasche. Wer weiß, wann ich das nächste Mal dazu komme. Ich blicke hinab auf den Markusplatz, wo Tausende von Menschen herumwuseln. Fremde Menschen. Schon erstaunlich, wie manchmal die Welt implodiert und sich Fremde plötzlich nahe sind. Genau das wird gleich passieren.

P1020260

Hinter mir höre ich einen lauten Hilferuf. Es ist soweit. Ich stecke die Wasserflasche weg, Adriana unterbricht ihre Erklärungen, alle Köpfe rucken herum. Das blonde Mädchen sackt in sich zusammen, ihre Mutter versucht sie aufrecht zu halten und sorgt damit zumindest für ein kontrolliertes Zusammenbrechen, bis die Tochter auf dem Boden sitzt. Der Kopf hängt auf der Brust, die Arme schlaff herunter. Außer unserer kleinen Gruppe ist niemand hier, der helfen könnte.

Die Franzosen und die Oma starren nur, tun aber nichts. Adriana eilt zu dem Mädchen und spricht sie direkt an. Keine Reaktion. Die Italienerin fasst das Mädchen an den Schultern und schüttelt sie und ruft dabei laut. Der Kopf der Blonden ruckt hoch, die Augenlider flattern. Sie stösst ein paar unverständliche Worte aus, dann kann ich sie verstehen. „Mir geht es nicht gut“, sagt sie auf englisch. Ja, DAS sieht man, Mädel. Aber wenigstens ist sie ansprechbar.

Ihre Mutter wird dagegen gerade hysterisch und brüllt „HILFE! HILFE! WARUM TUT DENN KEINER WAS?!“, nicht realisierend, das 1. außer uns niemand hier ist und 2. die erste Hilfe bereits läuft: Adriana hat sich wie im Lehrbuch verhalten und das Mädchen erst angesprochen, dann berührt und so geprüft, ob sie bei Bewusstsein ist.

„Holen sie Hilfe“, sage ich zu Adriana und wende mich an die Mutter. „Legen Sie sie auf den Rücken. Langsam Vorsichtig. Passen sie auf, dass sie sich den Kopf nicht stösst!“. Die Mutter tut wie ihr geheißen und hält den Kopf ihrer Tochter in den Händen. Ich umfasse die Beine der Blonden an den Fesseln und hebe sie hoch. Dabei stehe ich, etwas ungeschickt, direkt vor ihr. Nicht, dass das schlimm wäre – das Mädchen trägt eine Hose, hätte sie einen kurzen Rock an, wäre das jetzt – akward. Trotzdem denkt die Mutter in ihrer Panik, ich hätte schlechte Absichten. „Fassen Sie meine Tochter nicht an!“, giftet sie. Und nochmal lauter „DO NOT TOUCH MY DAUGHTER!!!“

Von dem Geschrei schlägt das Mädchen die Augen auf und blickt verwirrt zu mir hoch. Ich hocke mich hin und bette ihre Füße auf meine Knie. „Wie heisst Du?“, will ich wissen, das geifernde Muttertier ignorierend. „Josie“, sagt das Mädchen schwach. „Ok Josie, hör zu“, sage ich. „Dein Kreislauf hat schlapp gemacht. Das passiert. Das muss Dir nicht peinlich sein. In Vendig ist das vollkommen normal, ok? Auch wenn Du jetzt natürlich die ganze Aufmerksamkeit hast. Kreislauf ist nichts Schlimmes und passiert einfach mal. Vielleicht wegen der Hitze. Woher kommst Du?“ Herrje, ihre Lippen haben die gleich Farbe wie der Rest von ihr, kalkweiss. „California“, haucht Josi. Im Hintergrund spricht Adriana mit dem Besuchercenter. Aus dem Handfunkgerät krächzt auf italienisch die Bestätigung, dass ein Sanitäter unterwegs ist.

Ich verziehe das Gesicht. „Ein California Girl, das Hitze nicht abkann? Erzähl mir doch nix!“, sage ich. Josie lächelt matt. Ihre Mutter hat das Keifen eingestellt und guckt ein wenig fassungslos. Ich reiche ihr die Wasserflasche und nicke. Vorsichtig versucht sie Josie ein wenig Wasser zu geben, das Mädchen kann den Kopf anheben.

„Wann seid ihr in Venedig angekommen?“, will ich wissen. „Gestern“, sagt die Mutter. „Dann musst Du einen Höllenjetlag haben, richtig?“ Josie und Mutter nicken unisono. Das erklärt die Kreislaufprobleme.

Als drei Minuten später eine ältere Dame in der Uniform einer Museumsbediensteten mit einem Notfallrucksack auftaucht, ist Josie schon wieder in der Aufrechten. Die Schocklage hat es gebracht, das Mädchen macht sogar schon wieder Scherze. Ja, das war alles nicht besonders kritisch. Aber dennoch war es eine Situation, und es kam zu erster Hilfe. Und drei Minuten können bei ernsteren Sachen über Leben und Tod entscheiden.

Geht schon wieder: Als Hilfe eintrifft, geht es Josie schon wieder besser.

Geht schon wieder: Als Hilfe eintrifft, geht es Josie schon wieder besser.

Was ich an mir schätze: Ich bin jemand, der in Notsituationen einen klaren Kopf behält. Ich gerate nicht in Panik, kann Dinge klar artikulieren, scheue nicht davor zurück Anweisungen zu geben und ich weiß meistens relativ genau was als nächstes zu tun ist. Dieses „Tun“ muss aber geübt werden, denn zum einen vergisst man Handgriffe, zum anderen ändern sich auch Praktiken. Was man vor 10 oder 20 Jahren bei der Führerscheinprüfung gelernt hat, gilt heute eventuell gar nicht mehr.

Schon aus dem Grund mache ich gerne alle paar Jahre mal wieder einen Erste-Hilfe-Kurs. Handgriffe üben, altes Wissen auffrischen, neues Wissen erwerben. Mein letzter Kurs ist 8 Jahre her, auch schon wieder viel zu lang. Das war mir auch bewusst, und schon im vergangenen Jahr hatte ich das diffuse Bedürfnis, mal wieder einen Kurs zu machen. Die Begegnung mit Josie hat mir gezeigt, dass es höchste Zeit ist. Schocklage habe ich noch hinbekommen, aber wie war das nochmal mit der stabilen Seitenlage? Und weiß ich wirklich noch genau, wo die Herzmassage platziert werden muss? Oder wie lange man zwischen zwei Atemspenden pumpen muss?

IMG_8812

Ein Erste-Hilfe-Kurs dauert 8 x 45 Minuten und ist nicht teuer. Ca. 40 Euro kostet es, wenn man keinen kostenlosen ergattern kann. Es besteht aber auch die Möglichkeit den Arbeitgeber zu fragen, ob man den Kurs als betrieblicher Ersthelfer machen kann. Gibt der Chef sein OK, kostet ihn das keinen Pfennig – die Lehrgangskosten übernimmt die Berufsgenossenschaft. Dafür kann der Betrieb sich mit einem zertifiziertem Ersthelfer schmücken.

Der heutige Kurs hat mich wirklich überrascht. 12 Personen haben den Samstag mit Übungen verbracht, davon 9 Führerscheinanfänger, 1 Führerscheinverlängerer und inkl. mir 2 Personen die freiwillig Wissen auffrischen wollten. Und es hat sich gelohnt. Nicht nur, dass Handgriffe heute anders gemacht werden als noch vor ein paar Jahren, auch die Inhalte haben sich deutlich von früheren Kursen unterschieden. Was bei Sonnenstich zu tun ist, wie das Heimlich-Manöver funktioniert oder wie man bei Asthma helfen kann, das hatte ich so noch nie gelernt. Highlight des Tages war das Üben mit einem dieser modernen Defibrillatoren. Die Dinger hängen ja immer öfter an öffentlichen Plätzen rum, und ich weiß jetzt, wie ich die benutze.

Denn die Frage ist ja nicht, OB man mal helfen muss, sondern nur WANN. Und wenn die Hilfe benötigt wird, dann, siehe oben, mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit von Personen, die einem nahestehen.

In diesem Sinne: Wie lange ist euer letzter Kurs her?

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 30. Juli 2016 in Ganz Kurz, Motorrad, Reisen

 

Gutes auf Youtube

Youtube besteht nur aus Hauptschul-Abbrechern, die Schminktips in die Kamera plappern oder unter Titeln wie „10 Dinge, die Du noch nicht über XY wusstest“ Wikipediaartikel vorlesen.

Könnte man meinen. Stimmt natürlich nicht. Es gibt auch gnadenlos originelle und unterhaltsame Sachen, die wirklich einfach mal anders sind und das eigene Leben bereichern.

Zum Beispiel Flynn Kliemann. Der ist definitiv anders. Dem Webdesigner quellen kreative Ideen aus jeder Körperritze. Als Ausgleich zu seinem Netzjob bastelt er. „Heimerkerking Flynn Kliemann. Hier bastelt Kliemann … oder so“ heisst der Kanal, in dem Kliemann jeden zweiten Samstag im Monat ein Video seiner neuesten Basteleien hochlädt. Dabei bastelt er alles Mögliche, vom Pick-Up über Mauern bis hin zu einem Aerotrim – und zwar ohne wirklich Ahnung von dem zu haben, was er da tut! Fehlendes Wissen macht Kliemann mit Enthusiasmus wett, was zu ausführlicher Flucherei und Verletzungen bis hin zum Krankenhausbesuch führt. Hört sich schlimm an, ist aber das verdammt Lustigste, was es im deutschen Youtube aktuell gibt. Allein für Titel wie „Rübendingsbums pimpen“ muss man den Kanal lieben.

Ernster ist da der Kollege von Nerdwriter. Der hat das Format des Videoessays für sich endeckt. Ruhig und sachlich werden in 6 bis 8 Minuten unterschiedlichste Themen erörtert, von der Geschichte des Brexit über die Frage wie das Internet die Kunst verändert bis hin zu den Arbeitsmitteln von Regisseuren wie Lynch, Nolan und Hitchcock. Definitiv sehr schauenswert, die aufwendigen Videos sind gut recherchiert, interessant und das Vermittelte definitiv wissenswert.

Besonders spannend: Ein Essay über Donald Trumps Verwendung von Sprache.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 29. Juli 2016 in Ganz Kurz, Webvideo

 

Goodbye

Für eine Leistung, die ich nicht in Anspruch nehme, sind auch 8,99 Euro im Monat zu viel. Ich komme einfach nicht mehr dazu, lang und breit Filme und Serien zu schauen. Folgerichtig habe ich vergangenen Freitag mein Watchever-Abo gekündigt. Und heute steht das hier in der Zeitung:

2016-07-22 11_36_17-Vivendi schließt deutschen Videodienst Watchever _ heise online

Eine Woche hat es nur gedauert zwischen meiner Kündigung und der Ankündigung der Schließung. Verdammt. Die armen Mitarbeiter. Ich versprechem, mit Kündigungen von anderen Mitgliedschaften zukünftig sehr vorsichtig zu sein. Nicht, dass nachher noch der ADAC dichtmachen muss, nur weil ich austrete.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 22. Juli 2016 in Ganz Kurz

 

Unwohl

Es gibt so Orte, an denen fühle ich mich sofort unwohl. Die jagen mir einen Schauer über den Rücken. Ich rede nicht von Burgen in den Karpaten, Friedhöfen oder Höhlen. Ich meine Orte, bei denen ich sofort weiß, dass es da Menschen gibt mit denen ich nichts gemein habe und nichts zu tun haben will.

Das hier ist so ein Ort:

IMG_8606

Vermutlich hat es viel Zeit Geld gekostet das zusätzliche „N“ für den Ortsnamen anzuschaffen. Der Grund des Unwohlseins ist aber weniger der Name als vielmehr die Erscheinung des Ortes.

Fährt man die Hauptstraße entlang, steht in nahezu jedem Vorgarten – vermutlich in 90 Prozent – ein Fahnenmast. Kein Miniding, sondern das ausgewachsene 4-Meter-Modell, mit dem sich eine amtliche Beflaggung realisieren lässt. Wie am vergangenen Wochenende. Der ganze Ort war voller schwarzrotgoldender Fahnen, die vor fast jedem Haus wehten.

IMG_8607

Gut, am Samstag war auch noch EM. Und sicher, das sagt letztlich nichts über die Bewohner aus. Dennoch vermittelt es einen Einblick in die Geisteshaltung, wenn sich jeder einen Monsterfahnemast in den Vorgarten stellt und die blitzblanke Hauptstraße so beflaggt wird, das man unweigerlich darauf wartet, dass jeden Augenblick eine Militärparade um die Ecke biegt.
Hier würde ich nicht wohnen wollen. Oder auch nur anhalten.

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 12. Juli 2016 in Ganz Kurz

 

Das Regieren der Kartoffel

Er wuchs in den 60ern in Polen auf, in armen Verhältnissen. Ein Bild von 1961 zeigt ihn und seinen Zwillingsbruder. Die Kinder sitzen  auf einem Feld. Die Kleidung der beiden scheint aus dem Mittelalter zu stammen: Grobgewebter Stoff, Sackhemd, ausgefranste Hosen.

Er hat nur einmal Urlaub außerhalb von Polen gemacht. Das war in den 60ern, als er mit seiner Mutter Verwandte in der Urkaine besucht hat. Außer polisch spricht er keine andere Sprache, kennt keine anderen Länder. Er besitzt bis heute keinen Computer. Das Internet nutzt er nicht. Sein erstes Bankkonto hat er 2009 eingerichtet. Bis dahin hat er das Geld in der Matratze versteckt. Für Geld interessiert er sich genauso wenig wie für Frauen. Er war sein Leben lang Jungeselle.

Wichtig waren ihm nur seine Mutter und sein Bruder. Seit beide tot sind, trägt er nur noch schwarz und redet kaum noch, selbst langjährige Weggefährten haben sich von ihm abgewandt.

Heute sitzt er in seinem Büro hinter einem großen Schreibtisch. Dort suchen ihn andere auf, Minister und Bittsteller und Lobbyisten. Er lässt sich ihnen berichten, über die Welt. Über das draußen. Über Polen. Polen ist das einzige, was ihn interessiert. Es ist sein Land, und seine Herrschaft über das Land ist absolut. Er hört den Ministern und Lobbyisten zu und fällt dann Entscheidungen. Diese Entscheidungen sind entgültig.
So regiert Jaroslaw Kaczyński Polen.

Diese Infos stammen aus „Politico EU„, dem seit 2015 erscheinende Politikmagazin. Das verblüfft mich immer wieder. Wie jetzt, denn allein durch das Zusammentragen von Fakten über Kaczyński wird absolut klar, warum Polen heute so erratisch wie aggresiv in der EU auftritt. Es erklärt auch, weshalb die Regierung, die er aus den Reihen seiner PIS-Partei handverlesen hat, das Land gerade wieder in eine Autokratie aus dem 19. Jahrhundert zurückbaut. Weil das genau die Regierungsform und das Zeitalter ist, die maßgeschneidert auf Kaczyński passen.

Polen wird von jemandem regiert der informationstechnisch so lebt wie vor 150 Jahren und der außer seinem Land nichts kennt. Eine traurige, graue, weltfremde Kartoffel. Das schlimmste: Der Mann ist nicht mal gewählt. Er steuert die Regierung aus einem Hinterzimmerbüro.

Zum Beitrag „Polands Powerholic“ auf politico.eu

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 9. Juli 2016 in Ganz Kurz

 

Istanbul Flowmotion

Einen zu Istanbul habe ich noch, dann ist aber auch gut. Hier ein Werbefilmchen. Beeindruckend ist es, weil es in einer Einstellung gedreht zu sein schein und damit hirnschmelzende Dinge macht. Die Technik dahinter heisst Flowmotion und ist irre aufwendig – aber das Resultat rechtfertigt alles.

 
Hinterlasse einen Kommentar

Verfasst von - 4. Juli 2016 in Ganz Kurz

 
 
%d Bloggern gefällt das: